Lade Inhalt...

Magie der Schatten

Roman

2016 424 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Auf den ersten Blick haben sie nichts miteinander gemein – doch die Männer sind beide nicht bereit, sich ihrem Schicksal zu ergeben: Nairod, der junge Magier, akzeptiert nicht, dass keine mächtigen Zauberkräfte in ihm schlummern, und macht sich auf die gefahrvolle Suche nach dem Geheimnis der Unsterblichkeit. Raigar, ein alter Söldner, hat sein Leben lang in der Armee des Kaisers gedient – und wird von diesem nun, da Frieden herrscht, für vogelfrei erklärt. Seine Flucht führt ihn und eine wilde Horde anderer Verfolgter in das Land der sterbenden Wolken. Doch dort sind die Schrecken ohne Namen und ohne Zahl …

»Thomas Lisowsky hat eine starke Stimme, die schon bald nicht mehr aus der Phantastik wegzudenken sein wird.« Christoph Hardebusch

Über den Autor:

Thomas Lisowsky, geboren 1987 in Berlin, ist »Junggeselle der Künste«, wenn man seinen akademischen Grad korrekt übersetzt. Eigentlich aber ist er leidenschaftlicher Jogger und arbeitet für eine Fantasy-Computerspiel-Entwicklungsfirma. Seine schriftstellerische Karriere begann, als er mit acht Jahren die letzten fünfzig Seiten aus Michael Crichtons Jurassic Park riss und ein eigenes Ende schrieb, in dem sich Dinosaurier und Menschen bei Pommes frites und Softeis versöhnten. 2009 gewann er – inzwischen den Dinos entwachsen – den ZEIT-Campus-Literaturpreis.

***

eBook-Neuausgabe April 2016

Dieses eBook erschien bereits 2012 unter dem Titel Das Land der sterbenden Wolken bei dotbooks.

Copyright © der Originalausgabe 2012 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Ralf Reiter

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Motivs von shutterstock/Dmitrijs Bindemanis

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-164-7

***

Damit der Lesespaß sofort weitergeht, empfehlen wir dir gern weitere Bücher aus unserem Programm. Schick einfach eine eMail mit dem Stichwort Magie der Schatten an: lesetipp@jumpbooks.de

Gerne informieren wir dich über unsere aktuellen Neuerscheinungen – melde dich einfach für unseren Newsletter an: http://www.jumpbooks.de/newsletter.html

Besuch uns im Internet:

www.jumpbooks.de

www.facebook.com/jumpbooks

https://twitter.com/jumpbooksverlag

www.youtube.com/jumpbooks

Thomas Lisowsky

Magie der Schatten

Roman

jumpbooks

Kapitel 1:
FEUER, BLITZ UND DUNKELHEIT

Feuer erhellte den Nachthimmel.

Hunderte Menschen umstanden den weiten Veranstaltungsplatz, der von Laternen in allen Farben eingefasst wurde. Von Meerblau und Seidensilber über Smaragdgrün und Sonnengelb bis hin zu Glutrot und schwerem Gold. Es war, als habe jemand das sonst so trübe, schmutzige Licht auf den Straßen ausgetauscht gegen Stücke des Regenbogens.

Kinder saßen auf Schultern von Erwachsenen, rissen die Hände in die Höhe und begleiteten jeden Teil der Darbietungen mit Freudenschreien. Die hinteren Reihen drängten nach, während die vorderen einen respektvollen Abstand zur Darbietung hielten.

Auf der hölzernen Bühne tanzten junge Männer und Frauen zu einer unhörbaren Melodie. Sie warfen die Arme herum, öffneten die Hände, und aus ihren Handflächen traten Flammen. Wie Schlangen wanden sich die Feuer um ihre Körper und fegten in wilden und immer weiteren Kreisen um die Tänzer und die Bühne herum. Aus ihren Bewegungen knüpften sie ein glühendes Netz, das bis dicht ans Publikum heranreichte. Die Menschen jubelten, und in der ersten Reihe bedeckten einige zum Schutz vor der Hitze die Augen.

Nairod saß auf der Treppe eines Hauseingangs und beobachtete das Spektakel aus der Ferne. Neben ihm saßen und standen Kinder, die keinen Platz mehr im Publikum gefunden hatten. Ihre Münder öffneten sich jedes Mal weit, wenn die Magier ihre Feuer herumsausen ließen.

Ein Mädchen mit braunen Locken, das an einem Bonbon lutschte, zog Nairod am Ärmel. »Duuu?«

»Ich will die Zauberer sehen«, sagte er und entzog ihr seinen Ärmel.

Neuerlicher Beifall hallte durch die Nacht. Die Flammenzauberer hielten inne und legten die Hände zusammen. Das Feuer aus ihren Fingern vereinigte sich jetzt zu einer einzigen Form. Ein glühender, pulsierender Ball entstand. Die Zauberer rissen gleichzeitig die Hände hoch, und der Feuerball raste fauchend in die Luft. Alle Blicke folgten ihm. Weit über der Stadt explodierte die Kugel mit einem Donnern, feurige Strahlen schossen in alle Richtungen davon und erhellten die Hausdächer mit ihrem Schein. Ihre Formen waren die von Tieren: Ein Feuervogel zog Kreise um einen Schornstein, eine flammende Fledermaus verschwand im Sturzflug in einer Gasse, und ein winziger Drache hielt sich in der Luft über den Magiern. Die Menge brach in tosenden Applaus aus.

Nur das Mädchen schwieg und stupste ihn wieder an. »Duuu? Du hast die gleiche Jacke an wie die auf der Bühne.«

Nairod lächelte bitter und zog sich die dunkle Uniformjacke zurecht. »Du hast gute Augen.«

»Ja!« Das Mädchen strahlte.

Er wandte sich wieder der Vorstellung zu. Die Flammenmagier verließen unter Begeisterungsstürmen die Bühne, und eine andere Gruppe nahm ihren Platz ein.

Das Mädchen schmatzte an seinem Bonbon. »Bist du auch ein Zauberer?«

Er spürte, wie sich seine Miene verhärtete. »Pass auf. Wenn ich dir meine Jacke gebe, bist du dann eine Zauberin?«

Das Mädchen schob das Bonbon im Mund hin und her. Es schien zu überlegen. »Ich glaube nicht.«

»Aha. Na also.«

Er schaute wieder zur Bühne. Die nächsten Magier trugen Wassereimer auf das Podest und vollführten wilde Gesten über den Behältern. Schließlich rissen sie die Eimer in die Höhe, und das Wasser spritzte in hohem Bogen heraus. In der Bewegung erstarrte es zu einer eisigen Skulptur, die bei jedem Magier anders aussah. Eine gefrorene Flutwelle. Eine Sonne aus Eis. Ein durchscheinender Turm. Die Zuschauer klatschten und pfiffen.

Nairod klatschte nicht. Die Kinder um ihn herum taten es, nur das gelockte Mädchen nicht. Es hatte ihn die ganze Zeit angesehen. »Duuu? Gibst du mir deine Jacke? Bist du ein Zauberer?«

»Nein, ich gebe dir meine Jacke nicht.« Nairod schloss die Messingknöpfe, obwohl es ein erstaunlich warmer Herbstabend war. »Aber wenn du mich jetzt in Ruhe lässt, dann, gut, bin ich eben ein Zauberer.«

Das Mädchen sah ihn mit einem Blick an, den es sich von einer strengen Mutter abgeschaut haben musste, und drehte sich dann weg.

Nairod widmete sich wieder dem Fest der Magie. Die Frostmagier ließen ihr Wasser abwechselnd auftauen und wieder gefrieren und schufen immer neue, waghalsigere Skulpturen aus Eis. Sie wurden schließlich abgelöst von einem Telekinetiker, der einen vollen Schreibtisch mit auf das Podest brachte. Seine Magie ließ die Schreibfeder durch die Luft segeln, sie mit dem Kiel ins Tintenfass eintauchen und schwebende Dokumente signieren.

»Gehst du auch noch nach vorn?«, fragte das Bonbonmädchen.

Er seufzte. »Ganz bestimmt nicht.«

»Papa hat gesagt, beim Fest der Magie zeigen alle Zauberschüler von Wolkenfels, was sie gelernt haben.«

»Ich habe nichts zu zeigen.« Er bot dem Mädchen seine leeren Handflächen dar.

»Aber du bist ein Zauberer. Warst du nicht fleißig genug und kannst noch nichts?«

 In seiner Jackentasche ballte sich eine Hand zur Faust. Er sah hinüber zu den nächsten Darbietungen auf der Bühne. Aus den Fingerspitzen dieser Zauberer zuckten Blitze, und ein leises Knistern erfüllte die Luft.

»Das ist schade, dass du niemandem zeigen willst, was du kannst.« Das Mädchen hatte aufgehört, an seinem Bonbon zu lutschen. »Zeig es mir! Ich bin aus Zweibrück mit meinem Papa hier nach Felsmund gekommen, nur um mir die Zauberer ansehen zu können.«

Nairod schüttelte den Kopf. »Was ich dir zeigen kann, ist nichts Besonderes. Ich meine, eigentlich ist es nichts, überhaupt nichts.«

»Ich habe noch nie nichts gesehen.«

Auch die anderen Kinder horchten auf. Mit großen Augen schauten sie ihn an.

Nairod blickte in die kleinen Gesichter. »Es hat einen Grund, wieso ich nicht auf der Bühne … Ach, beim Ewigen.« Er stand auf und klopfte sich die Hose ab. Langsam stieg er die Treppe hinab, und die Kinder taten es ihm gleich. Das Bonbonmädchen stolperte fast über den Saum seines Kleides, während es die Stufen hinuntersprang und neben Nairod herlief.

Er warf noch einen letzten Blick auf den Festplatz, aber ohne die erhöhte Position der Treppe sah er nur die Rücken der Zuschauer. Die Kinder folgten ihm weg vom Platz, eine Gruppe aus strubbeligen Haaren und flatternden Mäntelchen.

Die hellen Festlaternen leuchteten selbst die engsten Gassen mit ihren bunten Farben aus und färbten das dunkle Wasser der Kanäle. Die Stimmen vom Festplatz verhallten langsam.

»Wieso gehen wir so weit weg?«, fragte das Bonbonmädchen.

Nairod beobachtete den Himmel, über den noch immer die Feuertiere zogen. »Weil nicht jeder meine Magie sehen will, deswegen. Aber ihr wollt es ja unbedingt.«

»Ja!«

Nairod führte den Zug aus Kindern weiter. In der Nähe der Feierlichkeit hatten viele Fensterläden offen gestanden, aus denen sich die Zuschauer hinauslehnten, aber hier brannten nicht einmal mehr Lichter in den Fenstern. Sie gelangten an eine Brücke, auf der eines der kleinen Feuertiere gelandet war. Eine armdicke Schlange wand sich um das Geländer und strahlte Hitze ab. Vier Laternen markierten die Brückenenden mit einem hellen, türkisfarbenen Licht.

Nairod blieb stehen und zog die zitternden Hände aus seinen Jackentaschen. »Wer es nicht sehen will, der kann noch weggehen.« Die Kinder sahen ihn mit unverändert neugierigen Mienen an. »Dachte ich mir«, sagte er.

Er spreizte die Finger seiner Hand – nur eine Hand, eine Hand musste genügen – und richtete sie auf die Schlange. Noch immer schlängelte sie sich am Geländer der Brücke entlang, und die Flammen zischten. Die Magie zitterte durch Nairods Arm, kitzelte und kribbelte. Es war eine kleine Entladung, die in etwa die gleiche Kraft beanspruchte wie das Anheben eines Ziegelsteins. Er entließ sie durch die Fingerspitzen.

Die Schlange erstarrte in der Bewegung. Es schien, als würde sie ihm den Kopf zuwenden. Die Flammen ihres Körpers flackerten, liefen ineinander, schmolzen zusammen. Die Gestalt verschob sich und zerlief, bis nur noch eine einzige Flamme übrig blieb, die an der Brücke keinen Halt mehr fand. Sie fiel hinab und verglomm langsam auf dem Weg zum Kanal. Gleichzeitig flackerten die Lichter der Brückenlaternen. Seine Hand zitterte. Der Schein der ersten Laterne wurde immer matter, bis er schließlich ganz erlosch. Die zweite und dritte Laterne verloren ihr Licht kurz nacheinander. Die eine Seite der Brücke war jetzt beinahe völlig in Dunkelheit gehüllt, und die Kinder standen im türkisfarbenen Schimmer der letzten Laterne. Die ersten drehten sich um und rannten davon. Die nächsten folgten schnell. Schließlich blieben nur noch das Bonbonmädchen und ein Junge übrig, der es eifrig an seinem Kleid zog. Als es nicht reagierte, lief er allein davon.

Nairod atmete schwer. Das war mehr Energie gewesen, als er gedacht hatte. In der Luft hing ein Nachhall der Magie. Er senkte den Kopf, in ihm war eine Leere. »War es das, was du sehen wolltest?«

Das türkise Licht flimmerte auf dem Gesicht des Mädchens. »Das ist also nichts?« Auch die letzte Laterne erlosch, und die Finsternis der Nacht machte aus dem Mädchen eine vage Silhouette, einen kleinen Schatten, der enttäuscht zu Boden blickte.

»Es tut mir leid.« Nairod stützte sich auf das Brückengeländer und streckte wie zur Entschuldigung eine Hand aus. »Ich wollte dich nicht erschrecken. «

Das Mädchen verschmolz mit den Schatten der Straßen und ging davon.

Nairod blieb zurück. Am Firmament erstrahlte das nächste Feuerwerk, ratternd und knatternd. Feuer und Blitze verdeckten die Sterne in einem hitzigen Reigen. Es war die Magie der anderen.

Kapitel 2:
WIE EIN TIER

Der Bäcker stieß Raigar hart vor die Brust. Mehlstaub stob von den Händen des Mannes auf und ließ Raigar husten. Eine Faust ballte sich vor seinem Gesicht. »Kannst dich auf der Straße einquartieren. Hunde sollen in den Gassen wohnen und auf Hinterhöfen, aber bestimmt nicht in meinem Laden.« Wieder stießen ihn die Ärmchen des Bäckers zurück.

Raigar trat freiwillig den Rückzug an und ging die Stufen hinunter. »In Ordnung. In Ordnung. « Jetzt, da er unten stand und der Bäcker oben, waren sie annähernd auf Augenhöhe.

»Was willst du noch, Riese? Troll dich!«, rief der Mann. In einer zweiten Wolke aus Mehlstaub schlug er die Tür der Bäckerstube so fest zu, dass das Aushängeschild mit der Brezel darauf gefährlich schwankte.

Von den unzähligen Menschen auf den Straßen der Kaiserstadt blickte nicht einer zu ihm herüber. Raigar seufzte. Er reihte sich in den Strom ein, der stadteinwärts führte.

Pferde- und Ochsenkarren rumpelten über das Pflaster, auf einer eigens für sie angelegten Spur. Als er das letzte Mal hier gewesen war, hatte es das noch nicht gegeben. Die Karren verströmten die verschiedensten Gerüche: manche den scharfen von Alkohol, andere die aromatischen Düfte der Körperwässerchen, die man sich unter die Achseln schmieren konnte, andere Ladungen wurden von Planen verdeckt, aber der Gewürzduft stach in der Nase, und dann gab es auch schlicht solche, die Mist transportierten. Viele Damen beugten sich zur Seite, wenn diese Karren vorbeifuhren, und bedeckten ihre Nasen mit den Händen oder feinen Tüchern. Für Raigar hingegen war das der vertrauteste unter all den Gerüchen.

Aber es gab ja alles in der Kaiserstadt. Kleider aus Drachenschuppen, Früchte, die aussahen wie zusammengerollte Igel, Teesorten, die die widersprüchlichsten Geschmäcker zusammenführten … Das war schon immer so gewesen. Nur eines gab es offenbar nicht, aber genau das war es, was er brauchte.

Am Ende der Straße wies ein Schild mit zwei gekreuzten Würsten einen Laden als Metzgerei aus. Raigar steuerte darauf zu. Schon vor dem Eingang roch er das gewürzte Fleisch.

Als er eintrat, bimmelte eine winzige Glocke über seinem Kopf. Ein Junge mit einem roten Gesicht, auf dem das Fett glänzte, stand hinter der Theke. In der Auslage türmten sich Fleischstücke, gewürfelt, geschnitten, eingelegt, geräuchert, getrocknet …

»Ich suche Arbeit«, sagte Raigar und betrachtete die Wurstwaren.

Der Junge verwies ihn mit einer Handbewegung an den Meister im Hinterzimmer. Raigar schulterte den Sack mit seinem Gepäck und ging durch die offen stehende Tür.

»Hab schon gehört.« Ein Mann in dunklem Kittel arbeitete an einem Tisch, der zahllose Kerben und dunkle Verfärbungen aufwies. Er ließ ein Beil auf einen Fleischbrocken von der Größe eines Kissens niedergehen. Rote Spritzer sprenkelten seinen Kittel. Er warf Raigar einen Seitenblick zu. »Und ich kann dir sagen: Ich hab nichts. Für dich ganz bestimmt nicht.«

»Das habe ich hier schon zu oft gehört. Habe ich irgendwas im Gesicht?«

»Na, um ehrlich zu sein, ja.« Der Metzgermeister deutete mit seinem Beil auf Raigars Ohr.

Raigar fasste sich über den Schädel. Seine Finger glitten über Narbengewebe und durch das lang gewachsene, schon grau gewordene Haar. Nur um die Stelle, wo einmal sein Ohr gewesen war und wo jetzt wie bei einer Eidechse nur noch ein kleines Loch klaffte, wuchs kein Haar mehr. »Ich kann noch hören wie jeder andere, wenn das das Problem sein sollte.«

Der Metzger hackte weiter. Zwei dicke Fliegen umkreisten ihn, ihr Surren erfüllte das kleine Zimmer. Das Beil senkte sich wieder auf die Holzplatte. Als sich eine der Fliegen auf die breite Nase des Metzgers setzte, scheuchte er sie fort. »Das Hören ist aber nicht das Problem. Das wissen wir beide ziemlich genau.«

»Ich nicht«, sagte Raigar und stellte seinen Gepäcksack ab. »Ich weiß nicht, was das Problem ist. Mein Name ist Raigar. Ich bin nicht leer im Schädel, und ich kann ganz gut zupacken.«

Der Metzger verzog den Mund, hob das Beil noch einmal und schlug zu. Diesmal traf er nicht das Fleisch, sondern das Holz. Das Beil blieb stecken. »Ich sehe deine Arme, und ich glaube dir, dass du damit zupacken kannst. Und du könntest mir damit auf der Stelle den Hals umdrehen, wette ich.« Er wischte sich die Hände an einem feuchten Tuch ab und warf es in einen Wassereimer. »Wie viele hast du damit schon umgebracht?«

»Ich bin kein Mörder«, sagte Raigar etwas lauter als geplant. Aus dem Augenwinkel sah er, wie der Thekenjunge fortging.

»Oh, komm mir nicht damit.« Der Metzgermeister baute sich vor ihm auf. Obwohl er groß war, reichte er Raigar nur bis zur Nasenspitze. Er griff hinter ihn und zog sein Schwert aus der Rückenscheide. Auf dem breiten Heft prangte das Siegel des Kaisers, ein Löwenkopf. Der Metzger wog die Waffe in der Hand. »Ziemlich billig. Ohne Kunst geschmiedet, Massenware. Wir wissen beide, woher das ist. Der Feldzug in den östlichen Wüsten. Du bist ein Krieger, und du tötest.«

Raigar entriss dem Mann das Schwert mühelos und nahm es wieder an sich. »Diese Klinge hat kein Blut gesehen. Und in den Wüsten habe ich nur dem Kaiser gedient. So, wie Ihr es hier auf Eure Art tut.«

»Komm nicht auf die Idee, dich mit mir zu vergleichen, mein Freund, bloß weil wir beide Metall in Fleisch hacken.« Der Metzger starrte ihn an. Einen Moment lang sah er so aus, als wollte er etwas versuchen. Dann drehte er sich um und ging an seinen Arbeitstisch zurück. »Der Kaiser will solche wie dich hier nicht mehr haben. Er will ein Friedensreich. Hier ist kein Platz mehr für Blut und Mord.«

»Ich …« Raigar schob das Schwert zurück in die Scheide und hielt sich am Arbeitstisch fest. »Hört zu, ich will nur Arbeit. Ehrliche Arbeit, damit ich Geld für eine Wohnung oder ein Zimmer zusammenbekomme. Wenn wir uns irgendwie missverstanden haben sollten …«

»Haben wir nicht.« Der Metzger nahm wieder das Beil zur Hand. »Scher dich hier weg. Die Stadttore stehen dir offen. Solange du nur raus willst und nicht wieder rein.«

»Na gut. Dann danke.« Raigar hatte einen sauren Geschmack im Mund. Er wuchtete seinen Sack wieder auf den Rücken und wandte sich zur Tür. »Danke für Eure Zeit.« Neben ihm baumelte von einem Haken an der Decke ein Fleischstück, das einmal zu einem Kalb gehört haben mochte. Er boxte so hart dagegen, dass es gegen die Wand klatschte.

Der Metzger rief ihm einen Fluch hinterher. Der Thekenjunge draußen war verschwunden.

Eine halbe Stunde später saß Raigar auf dem Rand eines Brunnens, einen Fleischspieß in der Hand, den er sich vom Rest seines Vermögens geleistet hatte: einigen wenigen Kupferstücken und Eisenmünzen, von denen die Hälfte schon Rost angesetzt hatte.

Er wog seine Möglichkeiten ab, während er das Fleisch aß. Gab es überhaupt Möglichkeiten? Abgesehen von der, dass er sich weiter durchs Handwerkerviertel fragen und Beleidigungen sammeln konnte?

Neben ihm tollten Kinder am Brunnen herum und schippten sich gegenseitig mit den Händen Wasser ins Gesicht, das aus den Mündern von steinernen Fischgestalten plätscherte. Raigar sah den Kleinen lächelnd zu, während er langsam seinen Fleischspieß abnagte. Die Jungen jagten sich gegenseitig mit nassen Händen um das runde Becken, und zwei Mädchen balancierten auf dem Brunnenrand. Als eines strauchelte, schob Raigar rasch seine Hand hin, um ihm Halt zu geben. Die kleine Artistin hielt sich an seiner Hand fest, und Raigar setzte sie vorsichtig zurück auf den Boden. Er verfolgte das Spiel weiter und aß. Am Ende hielt er nur noch den Metallspieß in der Hand, und in seinem Rachen brannten die scharfen Gewürze. Er beugte sich über das Brunnenbecken und schöpfte mit der Hand Wasser. Es löschte den Brand nur mäßig, also nahm er mehrere Schlucke. Schließlich wischte er sich den Mund ab und erhob sich wieder. Die Kinder waren verschwunden.

Auch die Erwachsenen, die den Brunnen passierten, machten einen großen Bogen. Ein Dutzend gerüsteter Männer näherte sich ihm. Ihre weiten Wappenröcke mit dem Löwen darauf ließen sie wie Priester erscheinen, aber an ihren Seiten baumelten Schwerter.

Der Erste, ein Kerl mit einem hellen Bart, der wie schmutzige Sonnenstrahlen um sein Kinn herum strahlte, kam auf ihn zu. »Ist es nicht gefährlich, dir so etwas Spitzes in die Hand zu geben?« Er zeigte auf den Bratenspieß in Raigars Hand.

»Ich habe nur gegessen.« Raigar legte den Spieß auf dem Brunnenrand ab.

»Hm, gegessen.« Die Truppe hinter dem Anführer war zum Stehen gekommen. Der Mann ging vor ihnen auf und ab und rieb sich über den Kinnbart. »Gegessen. Wahrscheinlich dem Kaiser die Haare vom Kopf?«

Gelächter von den jungen Männern. Einige hielten sich die Bäuche. Raigar versuchte sich an einem Lächeln. »Es war nur ein Bratenspieß, Hauptmann. Ich habe dafür gezahlt, mit meinem letzten Geld.«

»Oh, wie tragisch.« Der Bärtige schob die Unterlippe vor. »Mit seinem letzten Geld. Na, dann trifft es sich gut, dass du da, wo du hingehst, kein Geld mehr brauchen wirst. Wir haben nämlich eine Meldung bekommen, von einer Fleischerei, dass ein Hüne mit grauen Haaren Ärger macht …«

Raigar stand auf und zog sein Gepäck zu sich. »Ich habe nach Arbeit gesucht. Aber bisher habe ich nur Beschimpfungen gehört und Prügel angedroht bekommen.«

»Dann sei froh, dass es dir nicht schlimmer ergangen ist. Der Kaiser duldet euch Söldner hier nicht mehr.«

Raigar sah die jungen Männer an, die im Rücken des Anführers standen. »Der Metzger hat etwas von … einem Friedensreich erzählt, das der Kaiser errichten will.«

»Ganz recht«, sagte der Hauptmann und hakte die Daumen hinter seinen Gürtel. »Ein Reich, in dem für euch Hunde kein Platz mehr ist. Der Krieg ist vorbei.«

Hunde. Hunde des Krieges.

Raigar richtete sich hoch auf. »Ich bin nicht als Krieger hier, sondern um für euch zu arbeiten. Ihr tragt selbst Schwerter …«

»Gewiss. Weil wir das gemeine Volk vor Übergriffen schützen müssen. Übergriffe von dir zum Beispiel, großer Mann.« Der Gardehauptmann trug die Worte mit eiskalter Ruhe vor. »Wir müssen auch gar nicht mehr lange reden, weißt du, damit verschwenden wir nur unsere Zeit. Lass dir brav die Ketten anlegen.«

»Ich habe nichts getan.« Raigars Griff um den Gepäcksack wurde fester. »Ich schwöre es vor eurem Gott.«

»Unser Gott ist tot. Lange tot.« Der Anführer der Wachmannschaft schaute ungeduldig nach hinten. »Meine Männer legen dir jetzt die Ketten an. Wenn du Widerstand leistest, nun, wir haben auch einen Hund bei uns.«

Vier der Jüngeren näherten sich, eiserne Ketten und Schellen für Füße und Hände im Schlepptau. Das Eisen schleifte über das Pflaster. Dort, wo die Soldaten gestanden hatten, wurde der Blick auf den Hund frei, ein Ungetüm mit schwarzem Fell, dessen Schultern den Gardisten bis zum Bauchnabel reichten. Drei Männer hielten das Biest an Lederleinen. In seinen Augen tanzten Flammen umeinander, und wenn es den Mund öffnete, stieß es Rauch aus. In seinem Rachen leuchtete Feuer.

Flammenbeller. Das Ergebnis von Tierversuchen der Magier und gefürchtete Waffen im Krieg.

Raigar breitete die Arme aus. Die Jungen schnallten ihm das Schwert vom Rücken und durchwühlten seinen Gepäcksack.

»Es ist ungerecht«, sagte er nur.

Die Jungen widersprachen nicht, und als er sie ansah, senkten sie die Blicke. Einer presste die Lippen zusammen und ließ die Eisenschellen um Raigars Handgelenke zuschnappen. Auch um seine Fußgelenke schloss sich das Metall. Wenn er die Arme anspannte, knirschten die Fesseln nahe am Zerbersten. Aber da waren die Männer, und da war der Flammenbeller, der aus unergründlichen Augen das Geschehen verfolgte. Raigar ließ die Arme wieder locker.

»Nein«, sagte der Bärtige. »Von Gerechtigkeit sollte niemand sprechen, an dessen Händen Blut klebt. Wir kennen dich und deine Kumpane, du bist nicht der Erste von euch, den wir erwischen. Nicht der Erste, der Ärger macht. Ihr habt das Blut nicht nur auf euren Schlachtfeldern vergossen, sondern auch hier. Und wenn es da nicht rechtens ist, dass wir euer Blut nehmen, dann wird mir der Herr Schulmeister das mit der Gerechtigkeit noch einmal erklären müssen.«

Die Kette zwischen Raigars Handschellen straffte sich. Er wollte stehen bleiben, aber einer der Jüngeren stieß ihn vorwärts. »Ich verstehe nichts. Überhaupt nichts. Warum wollt ihr mein Blut?«

Der Bärtige ging neben ihm, und zusammen bildeten sie die Spitze eines Pflugs, der die Menschenmenge auf der Straße zerteilte. Sogar Eselstreiber zogen ihre Tiere beiseite.

»Nimm das mit dem Blut nicht so wörtlich.« Der Hauptmann sah ihn schon nicht mehr an. »Vielleicht knüpfen wir dich auch einfach nur auf, dann gibt es gar kein Blut. Ja, eigentlich wäre das die einfachste und sauberste Methode. Ich werde mit dem Scharfrichter reden.«

»Bei den Himmeln und den Gestirnen, ich habe nichts getan!« Er schrie fast, und die Frauen am Wegesrand vergrößerten ihren Abstand zu ihm.

»Noch nicht«, sagte der Bärtige mit eisiger Ruhe. »Aber wie würdest du es mit einem Fuchs halten, der um deinen Hühnerstall herumschleicht? Wenn du warten würdest, bis er etwas getan hat, na, dann könntest du es auch ganz sein lassen.«

Raigar sah ihn verständnislos an. »Falls Ihr mir jetzt noch sagt, dass Ihr an das glaubt, was Ihr da redet, dann ist Wahnsinn in dieser Stadt wohl wirklich ansteckend.«

»Ah! Beleidigung eines kaiserlichen Bediensteten. Das setzt womöglich dein Strafmaß herauf, und damit die Zeitspanne, bis wir dir auf dem Richtplatz den Gnadenstoß gewähren.«

»Was für ein blutiges Märchen ist das hier?«

Aber er erhielt keine Antwort mehr. Wie ein Tier wurde er abgeführt. Aber wenn sie sein Leben wollten, dann würde er auch wie ein Tier darum kämpfen.

Er sah nach hinten zu dem Flammenbeller, der ihm dichtauf folgte, und konzentrierte sich dann wieder auf den Weg.

Kapitel 3:
DER GLASKNOCHENMANN

Eine mit Bandagen umwickelte Faust fuhr Nairod ins Gesicht, drosch ihm Lippen und Wange gegen die Zähne und peitschte seinen Kopf herum. Er taumelte zurück, suchte mit seinen Füßen auf dem Stein des Hinterhofs nach Halt, aber er glitt aus und prallte mit dem Rücken heftig auf den Boden. Er biss die Zähne zusammen. Sein Gegner stand dicht über ihm, ein blonder Junge im Unterhemd, mit harten Muskeln. Er hatte die Fäuste noch immer oben.

Der Lehrer, kahlrasiert und mit Bauchansatz, klatschte in die Hände. »Das war’s für heute, Jungs.«

Die Jungen, die zwischen dicht behängten Wäscheleinen an den Häuserwänden saßen, erhoben sich, wickelten sich die Stofflagen von den Fäusten und strömten vom Hof. Der Lehrer klopfte Nairods Gegner auf die Schulter, und gemeinsam machten die beiden sich ebenfalls auf den Weg.

In Nairods Schädel dröhnte der letzte Schlag noch nach, und er blieb ausgestreckt auf dem Rücken liegen. Die Wäsche spannte sich auf zu einem weißen Firmament und sperrte den echten Himmel aus.

Schritte näherten sich. Eine Frauenstimme erklang.

»Ach, Nairod. Ich habe es gewusst.«

Dort, wo die letzten Teilnehmer eben verschwunden waren, stand eine junge Frau an der verwitterten Hauswand. Glattes, braunes Haar floss ihr über die Schultern bis auf die Brust der Uniformjacke. Auf ihrem Rücken trug sie einen Rucksack, dessen Gewicht sie nach hinten zog. Sie setzte eine tadelnde Miene auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Lenia.

Nairod setzte sich auf. »Was willst du gewusst haben? Dass ich wieder beim Üben bin?«

»Prügeln«, sagte Lenia. »Ich nenne das Prügeln. Ihr Jungs müsst euch immer schlagen.« Ihre Stimme war so fein wie Seide. Sie tauchte unter zwei steifen Laken hindurch und half ihm auf.

»Und ihr Mädchen müsst immer …« Nairod musterte sie, auf der Suche nach einer schlagfertigen Antwort. Der Rucksack, dessen Nähte ächzten, war vermutlich voll mit Büchern. Wie immer. Sie trug ihr Amulett um den Hals, einen silbernen, durchscheinenden Ritterschild – das Symbol ihrer magischen Befähigung. Sie trug es tagaus, tagein und nicht nur in den Akademiestunden. Er hatte noch immer keine passende Antwort parat.

»Ich helfe dir aus.« Sie seufzte. »Ihr Mädchen müsst immer … zum Unterricht gehen, während wir uns in Hinterhöfen prügeln. Und ihr müsst immer lernen, während wir Feste feiern.«

Er machte sich von ihr los und ging seinen eigenen Rucksack holen, der noch an einer Häuserecke lehnte. »Ja, das Fest der Magie. Schade, dass du nicht da warst. Es war …«, er dachte kurz nach, dachte an die Flammenmagier. »... anfangs ganz vernünftig. .«

Ehe er es sich versah, stand sie wieder vor ihm. »Ich bin mir sicher, dass es gut war. Jetzt lass dich verarzten.«

»Nicht nötig.«

»Doch.«

Sie saßen sie auf einer Bank an der Handelsstraße. Die Straße begann am talwärtigen Eingang des Städtchens, lief schnurgerade hindurch und führte an den nördlichen Toren hinaus in die graue Felsöde der Berge.

»Hierher gucken.« Lenia hielt ein Taschentuch und tupfte ihm damit auf Wange und Lippen herum.

»Du gehst mir auf die Nerven«, brummte er, obwohl Lenias Stimme einen beruhigenden Klang hatte.

»Hättest du dich nicht geprügelt, müsste ich dir jetzt nicht das Blut aus dem Gesicht wischen. So. Schau mal, alles rot.« Sie hielt ihm das Taschentuch mit den roten Flecken hin. Sie meinte es nur gut, aber genau das war ja das Schlimme.

»Das bisschen Blut bringt mich wohl kaum um.« Er begann, die Bandagen von seinen Händen zu wickeln. »Kann schon mal passieren bei den Übungsstunden. Und ich muss lernen, mich zu verteidigen. Wir leben in unsicheren Zeiten.« Er betastete seine rot angelaufenen Knöchel. »Ich kann das nicht so machen wie die feinen Feuermagier. Mit den Fingern schnippen, einen Flammenball herbeirufen, und schon rennt davon, was rennen kann.«

Der Festplatz lag jetzt leer da, ohne Feuermagier und ohne jegliche Spuren von der Magie des gestrigen Abends. Die Straßenlaternen mit ihrem Licht in der Farbe hellen Schmutzes brannten noch nicht.

Lenia strich weiter mit dem Taschentuch behutsam über sein Gesicht. »Aber du kannst dafür andere Dinge. Du bist ein Bannwirker.«

»Ach, Bannwirker.« Er sah sie an. Mit eherner Ruhe säuberte sie ihm weiter das Gesicht. Er nahm ihr das Taschentuch aus der Hand und warf es weg. »Ein Bannwirker kann gar nichts. Sie bannen und zerstören Magie, die andere geschaffen haben.«

Einige Meilen weiter und einige hundert Meter höher erhob sich aus dem Grau des Gebirges die Akademie Wolkenfels. Ein Gebäude aus dunklem Stein, dessen Grundkörper an eine trutzige Burg erinnerte. Aber nach außen hin entfaltete es sich wie eine Blüte, Türme reihten sich an Türme, die wiederum in weitere Türme ausliefen. Endlos und immer höher klammerten sie sich aneinander, als habe jede Generation von Magiern die Akademie um einen weiteren Kranz aus Türmen erweitert. Die Bannwirker waren es sicher nicht gewesen.

Lenia lehnte sich ruhig auf der Bank zurück. »Jeder hat seine Fähigkeiten. Du kannst sie natürlich hassen, doch du wirst sie nicht los. Du machst es dir auf die Art nur schwer auf der Akademie, und dann machst du es dir wieder leicht – indem du einfach nicht hingehst.«

Lenia hatte diese Art, Sachen zu sagen. Nairod trat das Taschentuch beiseite und verschränkte die Arme, die Hände fest um die Bandagen geschlossen. »Ja. Das hättest du gern, dass ich dort wäre. Ich weiß. Aber keiner hat dir befohlen, dich um mich zu kümmern.«

Sie hielt seinem Blick stand, aber eine Antwort gab sie nicht.

Nairod wickelte die Bandagen zusammen und steckte sie in seinen Rucksack. Gleichzeitig zog er drei in Leder gebundene Wälzer heraus. »Deine Bücher kannst du auch zurückhaben. Ich weiß nicht, was ich damit soll und was du denkst, was ich damit soll. Sollen sie mir – hex, hex – ein plötzliches Interesse an magischen Studien einpflanzen?«

Als sie wieder nicht antwortete, blätterte er demonstrativ unbeeindruckt durch das erste der Bücher. Skizzenzeichnungen von Menschen, vom Himmel und vom Kontinent huschten vor seinen Augen vorbei. Außerdem eine viel zu kleine Schrift, die man nur mit Hilfe einer Brille bequem lesen konnte. Er schlug das Buch zu. »Grundlagen zur Anwendung von …«, er fächerte den Bücherstapel auf, so dass die Titel der anderen beiden Bücher sichtbar wurden, »...vom Wesen der … Einführung in die …« Er schob die Bücher wieder zu einem Stapel zusammen und wuchtete sie Lenia auf den Schoß. »... Magie«, sagte er. »Das sind eigentlich nur die Bücher, die ich auch im Unterricht empfohlen bekommen habe.«

Lenia nickte einfach. Sie öffnete ihren Rucksack, aus dem mehr Buchrücken herausschauten, als auf Nairods Bücherregal daheim standen. »Na gut. Du findest sie langweilig, das kann ich verstehen. Sie sind ja auch verfasst von Leuten, die nicht selbst gezaubert, sondern nur endlos Buchseiten vollgeschrieben haben.« Sie stopfte die drei Wälzer in den Rucksack zu den anderen und wühlte darin herum.

Nairod lehnte sich zurück und rieb sich mit den Händen über das Gesicht. »Es tut mir leid.«

Ein Buch plumpste ihm auf den Schoß. Es hatte einen verfärbten Hülleneinband, ein ans Umschlagleder genähtes Stofftuch, mit dem sich das Werk einwickeln ließ. Die Bindung löste sich bereits, die Seiten wellten sich. Eine eiserne Spange diente als Verschluss des Buchs. Nairod strich über die Oberfläche. Auf dem brüchigen Einband schien ein Muster aufgemalt zu sein. Feine, kaum noch erkennbare Formen zogen sich darüber, aber durch das abgewetzte Leder war die Zeichnung längst eingeebnet und unkenntlich. Er drehte das Buch herum. Eine Rückseite gab es nicht – es hörte einfach mittendrin auf. Er hielt dort, wo die Rückseite hätte sein müssen, nur eine zerknitterte Seite in der Hand. Das Leder des Rückens war gebrochen und zerrissen.

»Das Buch ist ja nicht einmal ganz«, sagte er leise, die Augen noch immer auf den Einband gerichtet.

»Du hast vergessen, dich darüber zu beschweren, dass ich es dir überhaupt gebe.«

Er schaute überrascht auf.

»Na?«, fragte sie.

»Ich werde es mir einmal ansehen«, sagte er schnell. Er bemerkte, dass seine Finger weiter über den Einband strichen. Rasch legte er das Buch beiseite. »Was soll das eigentlich sein? Ich meine, es hat gar keinen Titel.«

»Er steht nur nicht drauf. Ich habe es von einer fahrenden Händlerin, und sie sagte mir, es heiße Eikyuuno. Ein Wort aus einer Sprache, von der ich noch nie gehört habe. Es soll jedenfalls in unserer Sprache Ewig bedeuten.«

»Ewig.« Nairod betrachtete den brüchigen Einband. »Das ist doch kein Name für ein Buch. Und die Hälfte der Seiten fehlt auch.«

»Siehst du, du interessierst dich ja schon dafür, und dabei hast du noch nicht einmal angefangen zu lesen.«

Nairod steckte eilig die Hände in die Taschen und ließ sich betont langsam ein Stück die Bank herunterrutschen, in eine fast liegende Position. »Das werde ich vielleicht auch gar nicht. Worum geht es denn auf diesen vielen zerknitterten Seiten?«

»Das musst du selbst herausfinden. Ich weiß es auch nicht, ich habe es noch nicht gelesen.« Lenia wippte mit den Beinen und lächelte. »Na ja, ein wenig. Es ist gut, und auch wenn es nicht komplett ist … Ich glaube, es ist genau das Richtige für dich. Keine trockene Abhandlung.«

»Das heißt wohl, genau das Richtige, um mich nach der Lektüre auf die Schulbank zurückzubringen. Das kannst du aber vergessen. Dahin bekommt mich kein Buch, und du auch nicht. Sowieso nicht. Vielleicht lese ich es mir mal durch, irgendwann.« Er winkte ab.

Lenia setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf. »Sicher.« Sie schlüpfte in die Trageriemen ihres Rucksacks und wuchtete sich das Gewicht auf den Rücken. »Ich muss jetzt wieder zurück, wir haben Abendstunden.«

Nairod zuckte mit den Schultern. »Ich geh jetzt nach Hause. Bis bald.«

»Bis bald, Nairod.«

Lenia nahm die Handelsstraße bergwärts. In ihrer dunklen Jacke blieb sie auf dem hellgrauen Stein der Wege Hunderte von Metern gut sichtbar. Erst als Lenia hinter den Toren von Wolkenfels verschwunden war, stand er auf.

Zu Hause öffnete und schloss er die Tür so leise, wie er konnte. Er schlich sich an dem Geräusch des Spinnrads seiner Mutter vorbei und ging die Treppe nach oben in sein Zimmer. Das Buch nahm er sofort aus dem Rucksack und steckte es in eine Schublade, wo er es nicht mehr sehen konnte.

So leicht würde Lenia nicht gewinnen.

Er verbrachte den Nachmittag am Fenster und schaute dem Rauch zu, wie er sich aus den Schornsteinen der Häuser kräuselte, sah, wie die Menschen auf den Straßen des kleinen Gebirgsstädtchens vorbeigingen. Aber wenn er zu lange hinsah, dann formten die aufsteigenden Rauchschwaden vage die Gestalt der unkenntlichen Muster auf dem Buchdeckel. Und aus den Gesprächen der Menschen auf den Straßen hörte er nur immer die gleichen Wortfetzen heraus. Ei kyuu no. Eik yuun o. Eikyuuno. Ein Wort, das nach Geheimnis klang. Er ertappte sich dabei, wie er es selbst vor sich hin murmelte, als könnte er die Silben zwischen seinen Zähnen zermahlen und so auf die Essenz des Wortes stoßen. Sein Blick wanderte immer wieder zu der Schrankschublade, und er klammerte sich an der Fensterbank fest.

Als es dunkelte, entzündete er eine Kerze und zog die Schublade so fest auf, dass sie ihm vor die Füße polterte. Das Buch lag noch immer darin, eingewickelt in die schützende Stoffschicht. Er hob es vorsichtig hoch. Vielleicht könnte es bei einer unvorsichtigen Bewegung zu Staub zerfallen. Die Kerze stellte er auf den Nachttisch, dann setzte er sich aufs Bett, in die Decke gehüllt, und wickelte das Buch aus. Durch das offene Fenster zog Bratenduft herein. Er hatte seit Stunden nichts gegessen. Egal.

Er öffnete das Buch. Und das Buch nahm ihn in sich auf.

Als er die letzte Seite umblätterte und nur auf Leere stieß, erwachte er. Seine Lungen sogen tief die Luft ein. Als hätte er Stunden nicht geatmet. Und tatsächlich waren Stunden vergangen, denn draußen stand ein bleicher Mond hoch am Himmel. Die kühle Nachtluft strich über seine schweißbedeckte Stirn. Auch auf den Armen glitzerte Schweiß. Seine Finger zitterten auf dem Papier, und in ihm pochte ein unruhiges Herz. Bei jeder Bewegung spürte er ein Ziehen in seinen Muskeln, aber für Muskelkater von der Übungsstunde war es noch zu früh. Seine Augen brannten, aber sie wollten sich nicht von der rissigen Oberfläche der Buchseite lösen, obwohl dort keine Buchstaben mehr waren.

Er schob das Buch zur Seite, sein Körper fiel wie von selbst aufs Bett, und er starrte durch das Fenster in die Nacht hinaus.

Wie hatte die Schrift überhaupt ausgesehen? Altertümlich, in geschwungenen, schweren Lettern? Oder doch neumodisch und in Blockbuchstaben? Hatte es Zeichnungen gegeben? Skizzen wie in den Lehrbüchern oder gar schmückende Malereien? Wie viele Seiten hatte er überhaupt gelesen? Hatte er eine Ewigkeit auf fünf Buchseiten gestarrt, oder war er wie irr durch fünfhundert gerast?

Er konnte sich nicht mehr erinnern. Aber die Geschichte aus dem Buch … sie war noch da, in seinem Kopf. Und darin formte sich immer nur ein Wort: Eikyuuno.

Der Mann, der das Buch geschrieben hatte, hatte erklärt, was es bedeutete, für ihn bedeutete. Denn es war nur der Name, den er einer Formel gegeben hatte, an der er arbeitete. Er, ein Mann, der immer zu klein gewesen war, arbeitete an dieser Formel, und er führte das Buch wie ein Tagebuch. Zugleich war es geschrieben wie einer der Ritterromane, die für teures Geld an die Adligen gingen. Zu Beginn wandte der Mann sich an einen Leser und stellte sich vor, ohne dabei allerdings seinen Namen zu nennen, und dann begann der Teil, der seine täglichen Fortschritte und Rückschritte beschrieb. Er reiste nach Norden und Süden, besuchte Freunde und Fremde und kehrte stets in sein winziges Arbeitskämmerlein zurück, das an irgendeinem Ort sein konnte. Am Ende der Welt oder nur um die Ecke und zwei Häuser weiter. Er hielt seine Forschungen fest, damit ein anderer sie fortführen konnte, falls er vor der Fertigstellung dahinscheiden würde. Eine seltene Krankheit machte seine Knochen brüchig wie Glas, und egal, wie viel er aß, er verlor unaufhaltsam an Gewicht. Vor Nairods Augen war das Bild eines kleinen, unendlich hageren Mannes erschienen, der bei windigem Wetter nicht aus dem Haus ging, aus Angst, fortgeweht zu werden. Dieser Mann suchte nach einer Zauberformel, die ihn retten konnte. Eikyuuno. Eine Formel, von der er selbst noch nicht wusste, ob sie einen Trank ergeben würde, gesprochen werden musste oder nur in Gedanken existierte und vom Bewusstsein aufgenommen werden würde. Ewiges Leben und Jugend, Unsterblichkeit, das war es, was das Ergebnis der Formel sein würde. Eine Magie, die die Grenzen angeborener Befähigungen sprengen würde.

Nairod setzte sich auf und steckte den Kopf aus dem Fenster. Die kühle Nachtluft klärte seine Gedanken. Eikyuuno. Das Buch hatte ihn gepackt, an sich gerissen, und als es ihn wieder freigegeben hatte, war das Wort in seinem Geist eingebrannt gewesen.

Mit der letzten Seite hatte nur ein Kapitel geendet, nicht das Buch. Wie viele Kapitel noch kamen, stand in den Sternen. Aber er musste sie haben, alle. Er musste lernen, zusammen mit dem Glasknochenmann. Wenn der es nicht geschafft hatte, die Formel zu vollenden, dann musste er, Nairod, es eben tun.

Er legte sich wieder hin, ohne dass seine Gedanken jedoch Ruhe fanden.

Eine Magie, die nicht durch Geburt vorbestimmt war. Eine Magie, die allen zeigen würde, was er war und was er konnte.

Es würde seine Magie werden.

Kapitel 4:
DIE STIMME MIT DEM MESSER

Da waren nur noch Dunkelheit und der Gestank von ranzigem Urin. Und kaltes Eisen um seine Hand- und Fußgelenke. Geräusche sperrte das Kerkergewölbe so erfolgreich aus, wie es die Häftlinge in seinem Innern festhielt.

Vor Stunden hatten die Gardisten ihn in das Gefängnisgebäude geführt, das von außen und bei Licht besehen nur wie ein kleines Lagerhaus wirkte, um das sich ein Graben zog. Aber im Innern führten Treppen in weitläufige Katakomben hinab, die Platz genug für die Gefangenen der Kaiserstadt boten.

Er hatte Glück gehabt und war ins erste Stockwerk gekommen. Hier gab es zumindest noch winzige, vergitterte Fensterschlitze, durch die Helligkeit hereinkam. Die Lichtstreifen auf dem Boden waren allerdings kaum dicker als die dünn geschnittenen Schinkenscheiben in der Metzgerei. Nun hatte seine Zelle aber gar kein Licht mehr. Nicht, seit die Nacht gekommen war.

Auf den Gängen patrouillierten keine Wachen mehr. Sie waren gegangen, nachdem sie ihn mit der Drohung, den Flammenbeller von der Leine zu lassen, in die Zelle getrieben hatten. Die schweren Ketten, die ihm Arme und Beine banden, waren ergänzt worden um Glieder, die zu Verankerungen in der Wand führten. Diese Ketten waren so kurz, dass er sich nicht setzen konnte, ohne sich die Arme abzureißen. Also stand er. Vorhin hatte er sogar im Stehen geschlafen. Die Augen zugemacht und kurz alles vergessen. Aufgewacht war er erst, als die Wachen noch einmal wiedergekommen waren, um einen – oder vielleicht mehrere – Gefangene in den ansonsten leeren Zellentrakt zu schaffen. Gemurmel, Türenknallen, Schlüssel in Schlössern. Jetzt hielten die Wächter sich vielleicht nur noch oben auf, oder sie waren überhaupt nicht mehr da. Mit Essen oder Wasser rechnete er ohnehin nicht mehr.

»He!«, rief er. Der Laut kratzte in seiner trockenen Kehle. Er wartete, bis das Echo verhallte. Keine Antwort.

»Bin ich hier allein?«, fragte er mit einer rauhen Stimme, die sich kaum nach seiner eigenen anhörte. Wieder keine Antwort.

»Irgendwer muss hier sein«, sagte er etwas lauter. »Irgendwer ist vorhin hier runtergeführt worden, das habe ich gehört.«

Rascheln und Klirren aus der Zelle nebenan. Vorhin, als es heller gewesen war, hatte er dort in der Ecke und auf Bodenhöhe einen vergitterten Schlitz gesehen, der die Zellen miteinander verband. »Vielleicht ist wirklich jemand hier«, sagte eine Stimme. »Das kommt ganz darauf an.«

»Worauf soll es ankommen? Offenbar sitzen wir beide hinter Gittern, in der Finsternis. Das reicht doch wohl.«

Etwas schabte über den Boden und bewegte sich in seine Richtung. Diesmal klang die Stimme näher. »Aber zu allem gibt es eine Geschichte. Wieso bist du hier? Wieso bin ich hier?«

»Das würde ich auch gerne wissen.«

Ein Lachen. »Ich habe zuerst gefragt. Du erzählst mir von dir, dann erzähle ich dir vielleicht, wieso ich hier bin.«

Raigar ging so weit auf die Stimme zu, wie er konnte. Bald spannten sich die Ketten, und er musste anhalten. »Mir ist egal, wieso du hier bist. Ich würde gerne wissen, wieso ich hier in einem unterirdischen Verlies sitzen muss.« Er schüttelte den Kopf. Nein, eigentlich war ihm auch das im Moment egal. »Ich will hier raus, weil irgendein Wahnsinniger meine Hinrichtung beschlossen hat.«

»Ah«, sagte die Stimme. »Man hat dich hierhergebracht, obwohl du nichts getan hast. Du sollst hingerichtet werden. Dann bist du aus den Ostwüsten. Das heißt, du bist dort vor einiger Zeit gewesen, aber du stammst nicht von dort. Komm etwas näher.«

»Geht nicht. Ketten an Armen und Beinen.« Raigar schüttelte seinen Arm, dass die Ketten rasselten. »Du hast recht, ich habe in den Ostwüsten gekämpft. Aber das geht dich eigentlich nichts an. Ich will jemanden, der mich hier rausbringt. Unterhalten kann ich mich auch mit den Ratten.«

»Nicht so eilig«, flüsterte die Stimme, leiser, als eigentlich nötig. »Ich habe auch dort gedient, und ich habe jetzt das gleiche Problem wie du: ein Hauptmann, der es gar nicht erwarten kann, mich morgen früh am Galgen zu sehen.«

Raigar fuhr hoch, dass die Ketten gegen die Wand klirrten. »Morgen früh?«

»Ja, es kann ihnen nicht schnell genug gehen. Und einen Grund brauchen sie auch nicht. Ich weiß das von drüben, aus dem anderen Trakt. Dort sind noch mehr von uns. Mich haben sie hier rübergebracht, weil ich zu viel geredet habe.«

Raigar stemmte sich gegen die Ketten. Das Wandgestein knirschte. »Morgen früh, das ist zu kurz für irgendeinen Plan, um hier rauszukommen. Oder hast du einen?«

»Wir brauchen gar keinen Plan, um rauszukommen. Die Wachen bringen uns morgen doch ohnehin ans Tageslicht, auf den Richtplatz.«

Raigar stöhnte. Hilfreich war dieser Mann nicht.

»Wir können es aus der Stadt schaffen. Schieb deinen Fuß etwas näher zu mir.«

»Geht nicht, der ist …« Raigar rückte herum, bis sich die Kette an einem Bein spannte. Mit dem anderen mühte er sich näher in Richtung der Stimme, näher an den Schlitz in der Wand.

»Du hast einen Eisenbeschlag um deinen Fuß, der die Kette zum anderen spannt. Damit lässt sich schwerlich laufen. Vor allem, wenn du morgen vor der ganzen Stadt davonrennen musst und vielleicht auch noch ein paar Kämpfe vor dir hast. Ich habe hier ein Messer.« Metall traf mit einem Ping auf Metall. »Man kann nie genug Messer haben. Diese Dummköpfe haben mir nicht alle abgenommen.«

Raigar schob seinen Fuß so weit in Richtung der Stimme, wie die Ketten es gestatteten. Er ließ zu, dass sich Metall an seinen Beinfesseln entlangtastete. »Für die Arme wird es nicht reichen, da sind die Ketten kürzer«, sagte er. Krampfhaft versuchte er, etwas in der Dunkelheit zu erkennen. »Jedenfalls … Danke, dass du mir hilfst.«

»Du hilfst uns allen. Ich habe dich gesehen, als ich hereingeführt wurde, im Hellen. Als du geschlafen hast. Du bist groß wie ein Bär, und wenn wir morgen auf dem Richtplatz jemanden wie dich an unserer Seite haben, dann gibt es eine Chance.« An Raigars Bein klickte es.

»Auf dem Richtplatz, wenn eine Menschenmenge uns umgibt? Wieso nicht schon vorher?«, fragte er.

»Weil wir erst auf dem Richtplatz alle beisammen sein werden. Die anderen Söldner. Jeder soll die Möglichkeit haben, sich zu retten. Das ist doch gerecht, oder?«

Gerecht... Ja, das war es.

»Ja, das ist gut. Wenn sie alle unschuldig hier einsitzen …«

Der andere antwortete, indem er die Fußfessel ein weiteres Mal klicken ließ. Irgendetwas schnappte auf, das Eisen um seinen Knöchel lockerte sich ein wenig. »So.« Die Stimme klang zufrieden.

»Sogar im Dunkeln … Du bist gut.«

»Pass auf, dass du die Beine nicht zu weit auseinanderstreckst. Sonst öffnet sich die Fessel noch vor morgen früh. Und das soll sie nicht.«

Raigar atmete auf. Er zog das Bein wieder zu sich und stand so bequem, wie es in den Ketten eben ging. »Ich bin übrigens Raigar.«

»Und ich Vicold. Freut mich, dich in diesen Zeiten kennenzulernen, Raigar.«

Raigar nickte aus Gewohnheit, obwohl es in der Finsternis niemand sehen konnte. Und obwohl ihn am Klang der Stimme etwas störte. »Ja. Erklärst du mir, wie wir morgen mit dem Leben davonkommen sollen?«

»Sicher. Nur Geduld«, sagte die Stimme kalt.

Auf dem Blutgerüst stand Raigar auf einer Höhe mit den Dächern der Stadt. Die Konstruktion aus Brettern und Balken besaß mehrere Ebenen und einen Treppenaufgang, den die nächsten Häftlinge in diesem Moment hinaufgeprügelt wurden. Ein Mann warf sich schreiend zu Boden und rollte die Stufen herunter, aber zwei Soldaten packten ihn an den Schultern und schleiften ihn dort hinauf, wo Raigar stand, zusammen mit einigen gebeugten Gestalten und auch Vicold. Der hatte einen dünnen, muskulösen Körper, der sich unter schmutzstarrendem Leder verbarg. Sein Gesicht verriet, dass er einige Jahre jünger als Raigar sein musste, und über das Kinn zog sich eine sichelförmige Narbe. Derber Schweißdunst hüllte sie alle ein. Vor ihnen befand sich der Richtblock, ein breites, verwittertes und von schwarzen Flecken und Linien durchzogenes Holzstück. Daneben standen mit Tüchern ausgelegte Körbe.

Und unter ihnen, im ersten Licht einer roten Sonne, drängten sich die Massen auf den Straßen. Braunfaulige Äpfel und Tomaten flogen zum Blutgerüst hoch und zerplatzten an den hölzernen Verstrebungen. Die geschrienen Beleidigungen gingen ineinander über. Die Stadtgarde markierte mit ihren rot beschienenen Rüstungen eine Grenzlinie für die Zuschauer vor dem Gerüst. Der Platz war komplett gefüllt mit Menschenleibern, abgesehen von vier Spalieren, die den Himmelsrichtungen entsprachen und durch die die anderen Todgeweihten herangeführt wurden. Direkt hinter ihnen schlossen sich die Gassen wieder.

Zwei Ebenen unter Raigar stand ein in Mantel und Weste gehüllter Advokat, der von einem Pergament die Anklage und das Urteil verlas. Vielleicht verlas er auch nur die Neuigkeiten des Tages. Seine Worte gingen im Trubel der Menge unter.

Aus der Schlange, die sich auf der Richtplattform gebildet hatte, trat ein dunkler Riese heraus. Er überragte selbst Raigar um einige Fingerbreit. Eine schwarze Henkerskapuze bedeckte sein Gesicht, und die Augen hinter den Sehschlitzen lagen im Schatten. Der Saum der dunklen Robe schleifte dem Mann hinterher, als sei er ein schwarzes Gespenst. Seine Hände hielten eine abgegriffene Axt, deren Schneide die Länge eines Unterarms hatte. »Wer ist der Erste?«, fragte er über das Gebrüll der Menge hinweg und stützte sich auf den Griff seiner Axt.

Vicold trat vor. »Ich.« Er musste den Kopf in den Nacken legen, um dem Henker in die schattigen Augen zu blicken.

»So, so. Er will zuerst.« Das war eine bekannte Stimme. Der bärtige Hauptmann der Stadtgarde trat auf die Hinrichtungsplattform. »Leider werden hier keine letzten Wünsche erfüllt. Wir nehmen den da als Ersten.« Er klopfte Raigar auf die Schulter, und wortlos trat dieser vor. Im Vorbeigehen wechselte er ein kaum merkliches Nicken mit Vicold. Alle Männer außer ihm selbst trugen nur Strickfesseln. Und wenn man genau hinsah, war bei den meisten Stricken bereits eine Kerbe sichtbar, hineingesägt mit einem Messer. Hoffentlich sahen die Wachen nicht zu genau hin.

Vier von ihnen traten an Raigar heran und packten ihn. Sie drückten ihn nach vorn, mit dem Kopf auf den Richtblock. Unaussprechlicher Gestank stieg ihm von dem besudelten Holz in die Nase.

Das vermummte Gesicht des Henkers beugte sich zu ihm herab. »Letzte Worte?«

Raigar schwieg, während er sein Bein zur Seite zog, bis die Ketten sich spannten. Die Fessel öffnete sich klickend. Er fegte dem nächststehenden Soldaten mit einem Tritt die Beine weg, und die Hände an seinen Schultern lösten sich. Der stürzende Soldat riss den Kameraden neben sich mit. Der taumelte gefährlich nahe am Rand der Plattform und kippte nach hinten weg. Raigar verschränkte die Hände ineinander und schmetterte sie dem nächsten seiner Schinder in den Magen. Erbrochenes spritzte über ihn hinweg, und der Mann ging in die Knie. Der letzte Soldat hielt ihn nur noch mit einer Hand und griff nach seinem Schwert. Raigar packte ihn am Arm und riss ihn zu sich, so dass der Wächter mit der Schläfe auf den Richtblock prallte. Er rutschte bewusstlos daran herab. Raigar richtete sich auf.

Hinter ihm zerrissen die ersten Männer ihre Fesseln. Irgendwo unter den noch Gefesselten wanderte Vicolds Messer weiter. Der Hauptmann reagierte sofort. Sein Schwert fuhr einem Mann, der bereits triumphierend die befreiten Arme hochreckte, durch die Körpermitte. »Männer! Zu mir!«, rief er, noch während der Tote vor ihm niederstürzte.

Von der Seite fuhr die Henkersaxt auf Raigar nieder. Im letzten Moment hob er die Arme und spannte die Muskeln an. Die Axtschneide prallte auf die Kette zwischen seinen Handgelenken und blieb in der Luft hängen. Raigar stand jetzt dem Dunkelgewandeten gegenüber. Brüllend vor Anstrengung drückte er die Axt mit der Kette zurück, hinter den Kopf des Henkers. Ihre Gesichter waren nur noch eine Handbreit voneinander entfernt. Kurz bevor dem Henker die Arme aus den Schultergelenken brechen mussten, rammte er Raigar die Stirn auf die Nase. Der Stoff der Henkerskapuze fing die Wucht ab, doch der Schock ließ Raigar einen Schritt rückwärts machen und sich schütteln. Die Axt kam jetzt von der Seite, um ihn in zwei Hälften zu hauen. Er fing den Griff mit der Kette ab und tauchte unter der Schneide weg. Die Hände verschränkte er, so dass die Waffe sich wiederum in den Kettengliedern verfing, und noch im Schwung lenkte er sie mit einem Ruck um, so dass sich das Axtblatt in den Richtblock fraß. Der Henker erstarrte für einen Moment. Lange genug. Raigar schlug ihm mit einem Ellenbogenstoß den Kopf herum und setzte mit einem Rückhandhieb nach. Der Körper seines Gegners wirbelte herum, und das schwarze Gespenst fiel.

Mit einem großen Sprung hechtete Raigar über den gefallenen Gegner hinweg und über die Kante der Plattform auf die nächste darunter. Er rollte sich ab und sprang noch eine Ebene tiefer. Er kam neben dem Advokaten auf, der wie unter einem Blitzschlag erzitterte. Die Papiere fielen ihm aus den Händen, und er schrie auf wie ein Weib. »Alles gut, Alter«, sagte Raigar und warf einen Blick zu den Männern, die sich auf der Rückseite ihren Weg vom Blutgerüst erkämpften. Ab jetzt war jeder auf sich gestellt.

Er sprang auch die letzte Ebene hinab und kam auf dem Steinpflaster des Platzes auf. Die Wachleute waren geschlossen hinter das Gerüst gerannt, wo die meisten Gefangenen flohen. Raigars letztes Hindernis war die Menschenmenge.

Nach einer Ewigkeit tauchte er aus der Masse schwitzender Leiber wieder auf. Leute aus der ersten Reihe hatten sich vor ihm zur Seite geworfen, aber die dahinter hatten sich nicht vom Fleck gerührt. Entweder weil sie ihm den Weg versperren wollten oder weil ihnen selbst der Fluchtweg verstellt war. Er hatte aus der Masse heraus Hiebe in die Rippen bekommen, und faules Obst war ihm gegen den Kopf geklatscht, aber er hatte die überraschten und ängstlichen Menschen überwunden.

Er ließ das Geschrei hinter sich und wischte sich stinkende Brühe aus den Haaren, während er sich umsah. Die aufgehende Sonne stand in seinem Rücken und leuchtete die Straßen für ihn mit ihrem roten Licht aus. In den Seitenstraßen standen Säcke, aus denen es modrig roch. Daher stammten die verfaulten Wurfgeschosse der Menge. Weiter weg, Richtung Westtor, stand ein Wagen, abgedeckt mit einer giftgrünen Plane. Die geheime Markierung, die ihm Vicold gestern genannt hatte.

Er setzte sich in Bewegung.

Als er die zweite Seitenstraße passiert hatte, klapperte hinter ihm etwas auf dem Asphalt. Pferdehufe. Er drehte sich um. Ein Reiter trieb sein Pferd schon die Straße entlang, die anderen zwei drängten sich noch durch die Zuschauer. Schon auf hundert Meter Entfernung erkannte Raigar den Hauptmann. Bärtig, mit verbissenem Gesichtsausdruck. Der Mann hielt sein Tier an und schien auf die anderen zwei zu warten.

In den Momenten, die sie ihm gaben, verschwand Raigar in einer Nebengasse. Zwei Säcke verströmten dort ihren Verfallsgeruch. Er wuchtete einen der stinkenden Säcke hoch und trat wieder hinaus auf die Straße. Dunkle Flüssigkeit sickerte durch die Maschen und tropfte auf das Pflaster. Die Reiter kamen in Formation auf ihn zu. Er drehte sich um die eigene Achse, den Sack im Arm, und schleuderte ihn. Der Sack trudelte durch die Luft, zog eine Spur aus Gemüse hinter sich her und prallte ungezielt gegen die Flanke eines Pferds. Es stolperte über seine eigenen Hufe und kämpfte um das Gleichgewicht. Abrupt stoppte es, und den sattellosen Reiter riss es über die Mähne hinweg auf die Straße.

Sofort packte Raigar den zweiten Sack. Die beiden übrigen Reiter waren bis auf wenige Meter heran. Er hatte noch Zeit für eine Drehung, und als der erste Berittene ihn erreichte, schwang er den Sack über den Kopf. Die improvisierte Waffe traf den Gardisten mit voller Wucht, und der Stoff platzte auf. Eine schwarze, matschige Brühe ergoss sich über den Mann, während er von seinem Pferd stürzte.

Übrig blieb der mit dem Bart wie schmutzige Sonnenstrahlen. Er sprang noch im Trab von seinem Pferd und kam Raigar mit blankgezogener Klinge entgegen. »Ich kann dich nicht am Leben lassen, Mann. Du musst sterben, oder ich.« In seinem Gesicht war ein Hauch von etwas zu erkennen, das Raigar für Furcht hielt. Er sprang über den Körper seines gestürzten Kameraden und schlug zu.

Raigar fing den Hieb mit der Eisenfessel an seiner Hand ab. Funken flogen, und er balancierte die Klinge zur Seite weg. »Keiner muss sterben. Das hier ist nicht der Krieg. Und ich bin nicht der Mörder, für den du mich hältst.«

Der Hauptmann zog das Schwert zurück und fletschte die Zähne. »Es ist egal, für was ich dich halte. Ich habe hier nicht die Macht. Spar dir deine Worte.« Er trat gegen einen der über den Boden verteilten Äpfel, und die Frucht flog auf Raigar zu. Er duckte sich instinktiv – direkt in einen Schwerthieb hinein, der ihm das graue Sträflingshemd und auch noch die Haut darunter aufriss.

Raigar presste eine Hand auf die Wunde. »Ja, ich kann mir die Worte wohl wirklich sparen. «

Sein Gegner zog die Brauen zusammen, Verzweiflung stand in seinen Augen.

Er führte einen Stich gegen Raigars Kehle.

Raigar hatte den Angriff erwartet und ließ die Schwertklinge mit einer kurzen, heftigen Bewegung seines Unterarms von der Metallschelle abprallen. Die Wucht war so groß, dass der Arm des Gegners nach hinten gerissen wurde. Raigar ballte die Fäuste und griff an. Zwei Haken prallten gegen den Schädel des Gardehauptmanns, drei schwere Hiebe trafen den Magen. Der Mann krümmte sich zusammen und taumelte. Raigar donnerte ihm einen Aufwärtshaken unters Kinn und schlug ihn mit einer Geraden nach hinten. Stöhnend fiel der Kämpfer auf den Rücken. Seine Pupillen rollten nach hinten weg. Er lag im dunklen Matsch, bei seinen Gefährten.

Raigar schüttelte sich die Hände aus. Nach einem letzten Blick zurück – niemand folgte ihm – verschwand er in der Gasse und begab sich zu dem kleinen Lagerhaus, vor dem der Planwagen stand. Er drang durch die Hintertür ein, und im staubigen Innern stieß er sofort auf den rotgemusterten Teppich, von dem Vicold gesprochen hatte. Er zog ihn zurück, darunter lag die Luke zur Vorratskammer. Er öffnete sie und stieg über eine Treppe in die Dunkelheit. Erdiger Geruch umgab ihn. Ein Licht schimmerte fern in der Finsternis. Der Tunnel, der in die Freiheit führte. Raigar bückte sich und lief los. Es dauerte nicht lange, dann ertönten hinter ihm Schritte. Es waren die Hunde. Hunde des Krieges wie er, die vor dem Richtblock flohen und wahrscheinlich genauso wenig wussten wohin wie er.

Kapitel 5:
DIE VERBORGENE BIBLIOTHEK

In dem weiträumigen Akademiezimmer war nur die Hälfte der Bänke besetzt. Die wenigen Fleißigen, die den Blick stets oben hielten, saßen in der ersten Reihe. Dann kam die zweite mit denen, die nichts sagten, aber dem Lehrer zumindest durch ihre Nähe in Erinnerung bleiben wollten. In der dritten und vierten saßen die meisten Schüler, und dort entstand auch das meiste Gemurmel.

Nairod saß allein in der siebten und letzten Reihe. Hier gab es den besten Blick. Auf das Wappensymbol der Schildmagier, das als martialischer, übergroßer Schild die Wand zierte. Auf die an der Wand befestigten Skizzen und Notizen, die sich alle in ihrer Sinnlosigkeit ähnelten. Auf den Lehrer, der sich in das gleiche metallene Grau hüllte wie das Schildsymbol. Er hatte eine Glatze, bis auf kleine, krause Haarballen an seinen Ohren, so dass es aussah, als würden sich Wolken um seinen Kopf stauen.

Schon die ganze Stunde über wurden Schüler zur Überprüfung nach vorn zum Lehrertisch gerufen. Jetzt war es Lenia, die sich hinter das Pult stellte. Sie strich sich ihr Kleid glatt, legte die Hände vor sich wie an eine unsichtbare Wand und spreizte die Finger. Sie nickte erwartungsvoll. Die sitzenden Schüler hielten braune Stoffbälle in den Händen. Wer noch keinen hatte, an dessen Tisch ging der Lehrer mit einem Körbchen mit weiteren Bällen vorbei. Auch Nairod durfte hineingreifen.

Lenia nickte ein zweites Mal, in ihrer Geste verharrend. Jetzt flogen aus allen Reihen Bälle auf sie zu. Aber kurz bevor sie sie trafen, prallten sie an der unsichtbaren Wand ab, an die Lenia ihre Finger gelegt hatte, und fielen zu Boden. Auch die Geschosse einiger Nachzügler prallten ab. Lenia lächelte. Nairod spürte ihren Blick, etwas in ihrer Miene veränderte sich, und auch die Geste, mit der sie die Wand zu stützen schien. Jetzt warf ein schwarzhaariger Junge aus der dritten Reihe seinen Ball. Er flog über das Pult und traf Lenia gegen die Brust. Die ganze vierte Reihe brach in Gelächter aus. Nairod drückte unter dem Tisch die Finger in seinen Ball.

Der Lehrer strafte den Jungen, der geworfen hatte, mit einem tadelnden Blick, dann schickte er Lenia zurück auf ihren Platz. Aber sie ging daran vorbei, bis in die siebte Reihe, und setzte sich neben Nairod. Auf ihrer Stirn stand Schweiß. »Was machst du hier?«

»Hm.« Er lehnte sich in dem unbequemen Holzstuhl zurück. »Was machst du hier?«

»Meine Halbjahresprüfung in der Praxis«, sagte sie. Sie klang außer Atem.

»Na gut.« Nairod wechselte den Ball zwischen den Händen hin und her. »Ich habe dein Buch gelesen.«

»Wirklich?« Sie strahlte. »Wie war es?«

Er musste sich bemühen, seine Stimme ruhig zu halten. Aber er konzentrierte sich und klang gelassen. »Na ja, kaputt. Die zweite Hälfte fehlt.«

»Ich weiß, leider. Aber hat es dir denn gefallen?« Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.

Er wich ihrem Blick aus. »Ja, ja, hat es. Ich will die andere Hälfte lesen.« Der Satz kam heftiger aus ihm heraus, als er beabsichtigt hatte. Er schaute nach vorn, um sich abzulenken. Dort versuchte ein dicker Junge, es Lenia gleichzutun. Seine Barriere hielt die ersten fünf Bälle ab, der Rest der Geschosse regnete auf ihn nieder.

»Aber die habe ich nicht …«, sagte Lenia. »Lass uns nachher reden, in Ordnung?«

Nein, jetzt, sagte eine Stimme in ihm.

Er nickte. »Gut.«

Lenia ging wieder an ihren Platz, und er musste sich einige weitere Vorstellungen ansehen, bei denen Schüler mit Bällen beworfen wurden. Niemand kam an Lenia heran, bis zum Ende der Stunde nicht. Als der Lehrer die Schüler entließ, wartete er, bis der schwarzhaarige Junge in einer guten Position an der Tür war, dann schleuderte er ihm seinen Ball gegen den Hinterkopf. Der Junge zuckte herum und sah sich nach dem Übeltäter um. Nairod schaute nicht zurück und machte sich auf den Weg zu Lenias Tisch. Er nahm eine Reihe vor ihr Platz und drehte sich auf dem Stuhl herum.

»Das Buch«, sagte er. Und zugleich sagte es die Stimme in seinem Innern.

Lenia steckte den Bücherstapel, der die ganze Stunde lang auf ihrem Tisch gelegen hatte, in ihren Ranzen. »Ich weiß schon. Da habe ich ja was angerichtet, du willst freiwillig lesen.« Sie lächelte und zurrte ihren Rucksack zu. »Das Buch muss dich beeindruckt haben.«

Er atmete ein und aus. »Es ist wirklich etwas anderes als die Lehrbücher. Es ist von einem Mann, der für die Magie lebt … und vielleicht für sie gestorben ist.«

»Ich habe es ja nicht ganz gelesen.« Lenia drehte sich kurz um, um ihrem Lehrer nachzuwinken, der aus der Tür verschwand. »Es … freut mich wirklich sehr, dass es dir gefallen hat.«

Er nickte. »Eikyuuno. Es bedeutet tatsächlich Ewig. Aber … hör mir zu. Ich brauche die zweite Hälfte des Buchs unbedingt. Wo könnte sie sein?« Er bemerkte, dass er ihre Hände ergriffen hatte. Sofort ließ er sie los.

Lenia sah ihn erstaunt an. »O-oh. Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal, woher genau die erste Hälfte stammt. Ich sagte schon, ich bekam sie von einer fahrenden Händlerin. Meine Bücher habe ich normalerweise aus unserer Bibliothek.«

»Die Akademiebibliothek«, sagte Nairod.

»Genau.«

»Dann gehen wir nachsehen. Es gibt dort sicher ein zweites, komplettes Exemplar des Buchs.«

Lenia schüttelte den Kopf. Sie stand auf, um einige verstreute Bälle aufzusammeln und auf das Lehrerpult zu legen. »Hast du dir das Buch einmal angeschaut?«, fragte sie.

Ja, das hatte er, sehr gründlich.

»Es ist so alt«, sagte Lenia, »dass es keinen Platz in der Bibliothek haben wird. Hier gibt es nur die neuesten Ausgaben. Unsere Zeit ist schnelllebig, und alle wichtigen Werke werden immer wieder überarbeitet. Die, die nicht überarbeitet werden, sind nicht wichtig genug und schaffen es auch nicht in die Regale der Bibliothek von Wolkenfels.«

»Dann müssen wir also in eine andere Bibliothek. Wo gibt es hier eine in der Nähe? Du weißt das doch sicher.«

Lenia setzte sich wieder an ihren Platz. »Die Magier haben ihre Akademie absichtlich so abgelegen in den Bergen errichtet. Es gibt kaum Städte in der Nähe, geschweige denn solche mit einer Bibliothek. Felsmund hat jedenfalls keine.«

»Hm. Mir fällt auch höchstens die Hauptstadt ein, aber die ist meilenweit entfernt.«

Lenia stützte den Kopf in die Hände. »Tja, vielleicht haben sie es hier in der Unteren Bibliothek, das könnte sein. Aber das hilft uns nichts.«

»Wieso nicht?« Nairod setzte sich auf. »Wenn wir hingehen und es uns besorgen, dann hilft uns das sehr wohl.«

»Das können wir aber nicht. Die Untere Bibliothek ist Schülern verschlossen. Das wüsstest du auch, wenn du jemals den Fuß in die Bibliothek gesetzt hättest, weil es nämlich das Erste ist, was dir eingebläut wird.«

»Verschlossen … Was heißt das genau?«

»Das heißt, dass wir nicht hineinkönnen, Nairod.«

»Nein, das heißt es nicht.« Er stand auf und ging ans Fenster. Draußen senkte sich die frühe Dunkelheit des Oktobers über das Gelände. Regentropfen prasselten gegen die Scheiben. Im Bibliotheksturm auf der jenseitigen Seite des Hofs brannte Licht in vielen Fenstern. »Auf welche Art ist die Untere Bibliothek den Schülern verschlossen? Mit einer Tür? Durch einen verborgenen Eingang, den keiner kennt?«

»Nein, es ist ein Schutzkreis, der Alarm gibt, wenn jemand die Treppe nach unten betreten will.« Lenia stellte sich neben ihn an die Fensterscheibe und malte mit den Fingern einen kleinen Kreis auf das leicht beschlagene Glas.

»Den kann ich bannen.« Nairod wischte den Kreis fort.

»Vielleicht, wenn du deine Unterrichtsstunden besucht hättest. Vielleicht.« Sie sah ihn streng an. »Außerdem wissen wir überhaupt nicht, ob das Buch dort ist. Möglich, dass es nur eine einzige Ausgabe gibt, und dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass die fehlende Hälfte ausgerechnet hier in Wolkenfels ist, na ja, zu gering. Die Mönche schreiben nicht jedes beliebige Buch hundertfach ab. Und außerdem …«, sie verstärkte ihren strengen Blick, »... brichst du nicht in die Bibliothek ein.«

»Einbrechen ist aber ein schlimmes Wort. Ich will nur nachsehen, ob sie ein Buch haben. Himmel, ich könnte es sogar dort lesen, ich müsste es nicht einmal mitnehmen.«

»Schön, dass du so noble Absichten hast. Aber wenn sie dich erwischen, dann werden sie davon nichts hören wollen und dich einfach von der Schule werfen.«

Nairod schlenderte zurück in die siebte Reihe, zu seinem Rucksack. »Das wäre zumindest ein Abgang mit einem Knall.« Er stellte den Ranzen auf den Tisch, um ihn sich aufzusetzen.

Plötzlich stand Lenia neben ihm. »Du gehst nicht allein.« Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt.

Er hielt in der Bewegung inne und brauchte eine Weile, bis er begriff. »O nein. Du kommst nicht mit. Du hast eben selbst gesagt, dass sie mich von der Schule werfen werden. Bitte sehr. Aber dich nicht auch noch. Nein, du kommst nicht mit.«

»Wenn du gehst, dann schon.« Sie kniff die Lippen zusammen.

Er schüttelte den Kopf. »Das ist Unsinn. Du bist die beste Schülerin, hier im Kurs und sowieso. Ich meine, den Ball von diesem Idioten hast du nur abbekommen, weil ich dich abgelenkt habe. Alle anderen hast du abgewehrt. Und schau dir die anderen an, den Dicken, der in den Bällen praktisch ein Bad nehmen musste, und dann war da am Anfang diese Bohnenstange, die nur keinen Ball abbekommen hat, weil sie so dürr ist. Nein, die Akademie braucht solche wie dich.«

»Du brauchst mich vielleicht auch. Du weißt nicht, was dort unten auf dich wartet. Wenn sie Wächtertiere haben – einen Flammenbeller, eine Felsenkatze, Geisterfische –, dann kann ich dich schützen.«

»Schütz dich selbst«, brummte Nairod, »und geh nach Hause.«

»Nein. Wenn du wirklich nicht von deinem Plan ablässt, dann komme ich mit.«

»Du bist ganz schön hartnäckig.«

»So wie du.«

»Schön«, sagte Nairod. »Du willst also unbedingt Ärger haben. Dann komm mit.«

»Hast du denn einen Plan?«

Nairod ging wieder ans Fenster. Vor dem schwarzen Nachthimmel verschmolz die Spitze des Bibliotheksturms mit der Dunkelheit, bis seine Konturen verschwanden. Es sah aus, als würde der Turm in den Himmel hineinführen und sich über das gesamte Firmament ausdehnen, bedrohlich und unendlich.

»Wir können auf jeden Fall hierbleiben, bis die Bibliothek schließt.«

»Dann ist sie aber … geschlossen, und wir kommen nicht mehr hinein«, sagte Lenia.

»Tja«, meinte Nairod und legte eine Hand auf die Scheibe. »Das ist ein Problem, um das wir uns kümmern müssen.«

Nairod beobachtete den dunklen Turm. Den Feind, der niedergebracht werden musste. Lenia ging in die Bibliothek, um in einer schwer einsehbaren Ecke im Erdgeschoss »aus Versehen« ein Fenster offen stehen zu lassen. Die letzten Schüler strömten nach den Abendstunden über das Gelände, und ein stärker werdender Sturm peitschte den Regen gegen die Scheiben vor Nairods Gesicht. Er verharrte in seiner Position, während Lenia einige Bücher auf- und irgendwann wieder zuschlug. Schließlich erloschen die Lichter des Bibliotheksturms erst in den oberen Stockwerken, dann auch in den unteren, bis hin zum Erdgeschoss. Zurück blieb nur der vage graue Schimmer von magischem Licht, der die Räume immer erfüllte, genau wie die Flure der Akademie. »Hoffen wir, dass sie der Sturm nicht auf die Idee bringt, die Fenster doppelt und dreifach zu kontrollieren.«

Sie traten nach draußen in den Sturm und die Nässe und blieben im Schatten von Säulen und Balkonen. Keine Menschenseele begegnete ihnen. Das Hoffenster der Bibliothek stand noch offen und klappte im Wind auf und zu. Lenia half ihm mit einer Räuberleiter hoch, und er zog sie hinterher. Dumpf landeten sie auf den Dielen der Bibliothek.

Lenia schloss das Fenster und sperrte das Fauchen des Sturms aus. Mit einem Mal wurde es still um sie. Nur das Ächzen des Holzes unter ihren Schuhen blieb. Die Bücherregale, die sie einschlossen, türmten sich meterhoch. Nairod tastete sich an überfüllten Regalfächern entlang, aus denen allerorts Buchrücken herausragten. Der Geruch von Pergament und Staub hüllte ihn ein, und im fahlen Licht wurden die schwebenden Staubteilchen sogar sichtbar. Nairod schlich sich vor bis zu einem Schreibtisch mit einer heruntergebrannten Kerze. Er blickte auf dem Gang nach links und rechts. Nur noch mehr Regale. »Scheint keiner hier zu sein.«

Lenia erschien an seiner Seite. »Wir sollten trotzdem leise sein.«

»Weißt du, wohin wir müssen?«

»Zur Treppe.« Sie sah ihn an und lächelte. »Ich vergaß, du bist ja zum ersten Mal hier. Ich führe dich.«

Die Treppe befand sich am Ende einer Schlucht aus Regalen, im Schatten, aber völlig unauffällig und wie selbstverständlich neben einem Schreibtisch, einigen Schemeln und einer Leiter.

»Das soll sie sein?«, fragte Nairod. »Sieht mir eher aus wie der Weg zu einer Abstellkammer.«

»Unterschätze die Sicherheitsmaßnahmen nicht. Der Schutzkreis ist sehr stark, habe ich gehört.«

Nairod knackte mit den Knöcheln. »Dann wollen wir mal sehen, ob das auch stimmt.«

Er bewegte eine Hand langsam in Richtung des Treppendurchgangs. In der Luft hing Widerstand: die Kraft, welche die Magie an ihrem Platz hielt. Mit einem Mal flammte ein rotes Licht auf, und an den Eckpunkten der Wand wurden vier faustgroße Energieknoten sichtbar. Von ihnen zogen sich feine Energiestränge lautlos Richtung Mitte. Sie verwoben sich ineinander und spannten ein gewaltiges Spinnennetz auf. Der Tanz der roten Farbe spiegelte sich auf der Regalfront und auf Lenias Gesicht. Zur Mitte hin woben sich die Stränge immer enger, bis sie schließlich zu einer Sternform als Mittelpunkt verschmolzen. Das Gebilde hing vor ihnen in der Luft.

»Nicht schlecht.« Nairod steckte eine Hand in die Tasche, die andere richtete er auf einen der Knoten. »Aber nichts, das mich aufhalten könnte.«

Lenia warf einen Blick in den Gang. »Sei bloß vorsichtig.«

»Ich habe alles im Griff.« Er führte die Fingerspitzen der Hand zusammen, als wolle er eine Fliege zerquetschen, dann riss er die Finger ruckartig wieder auseinander. Der rote Energieknoten platzte auf. Alle Fäden, die von ihm aus in die Mitte geflossen waren, verloren die Spannung und hingen nur noch schlaff im Geflecht. »Siehst du, ziemlich leicht. Und ich musste kein einziges Buch dafür lesen.«

»Ach, du.«

Nairod sprengte den zweiten und den dritten Knoten. Das Netz zerfiel mehr und mehr. Mit dem letzten Knoten verloren auch alle übrigen losen Stränge ihren Halt und lösten sich in leere Luft auf. Nur noch der Stern in der Mitte blieb. Nairod legte einen Finger darauf, und auch der Stern zerriss. Ein Anflug von Schwäche ließ ihn taumeln, und er stützte sich gegen die Wand, als habe er nur kurz das Gleichgewicht verloren.

»Ganz schön einfach. Und schon können wir in die verbotene Bibliothek.«

»Du bist arrogant«, sagte Lenia leise.

Er zwinkerte ihr zu und trat in den Durchgang. »Lass mich doch, jetzt gerade kann ich es mir leist–«

Etwas Rotes flammte auf. Er reagierte zu spät. Ein zweiter Schutzkreis. Seine Hand war schon hindurch, und blitzschnell griffen die roten Fäden mit einer kalten, geisterhaften Berührung nach seinem Handgelenk. Er riss sich los.

»Nairod!« Lenia sah ihn besorgt an.

»Nichts passiert.« Er rieb sich über das Handgelenk.

»Mit dir nicht. Aber …«

Er ging zurück in den Bibliotheksraum. Ein schwaches Beben lief durch den Boden. »Mist.«

»Elfenwächter.« Lenia zeigte in die Ecke neben sich. »Sie sind hier.«

Ein kleines Wesen, kaum größer als ein Neugeborenes, schlüpfte durch eine Ritze zwischen den Dielen. Sein Körper war silbern und durchscheinend und endete unterhalb der Taille in einem Schweif. Es schwebte eine Handbreit über dem Boden und schlängelte sich zwischen den Beinen eines Schemels hindurch. Gesicht und Körper ähnelten einer aus Stein gehauenen menschlichen Statue.

»Verdammt.« Nairod packte Lenia am Arm und rannte in Richtung des Hauptgangs.

»Du weißt, was geschieht, wenn sie uns berühren? Sie nehmen unsere Aura auf, und jeder wird wissen, dass wir hier waren.«

»Schon klar«, zischte Nairod.

Vor ihnen purzelten Bücher aus einem Regal, und aus der Lücke schob sich ein weiterer durchscheinender Körper. Er segelte neben ihnen zu Boden – ohne ihn zu berühren. Magie hielt ihn knapp darüber. Gerade noch rechtzeitig zogen sie an ihm vorbei. Weiter entfernt vor ihnen krochen die nächsten zwei über ein Regal und kletterten mit kindlichen Ärmchen Ebene um Ebene herunter. Nairod bog in den Hauptgang ein. Keinen Meter vor ihm am Boden wartete einer der Wächter und hielt ihm die Arme entgegengestreckt. Instinktiv riss Nairod die Hand nach vorn. Während er mitten in den kleinen Körper hineinstolperte, wurde der plötzlich weggewischt wie ein Nebelschweif und verschwand. Erstaunt sah er Lenia an.

»Es sind nur Zauber, die ein Beschwörer herbeigerufen hat«, sagte sie. »Du kannst sie bannen.«

»Gut.« Er ballte eine Faust. »Ich hätte auch nicht zugelassen, dass die Kleinen uns unseren Plan vermasseln. Ich werde den Raum säubern, und dann können wir nach unten.«

Im Schritttempo ging er weiter. Die Wächterzauber bewegten sich mit der gleichen Geschwindigkeit. Immer wieder drehte er sich, um sich nach allen Seiten umzusehen. Ein Elf lauerte an der Oberkante eines Regals und ließ sich auf sie fallen. Nairod fing ihn mit einem Stoß Bannmagie auf, und nur noch der langsam verwehende Nebel des gebannten Zaubers ging auf sie nieder. Im nächsten Gang hüpfte ein Elf die Stufen einer Leiter hinunter, und Nairod löste ihn im Vorbeigehen in einen silbernen Regen auf. Sein Herz begann, schneller zu schlagen, und auf seiner Stirn stand Schweiß. Ein weiterer Elf schlich sich unter einem Tisch an. Im letzten Moment richtete Nairod seine Hand auf das silbrige Glänzen und blies es fort. Seine Finger verkrampften sich, und er hielt an.

»Alles in Ordnung?«, fragte Lenia und sah sich besorgt um.

Er schnaubte. »Ich mache schlapp. Das kann nicht sein. Es waren nur ein paar Zauber …«

Lenia nahm ihn am Arm. Diesmal war er es, der gezogen wurde. »Komm weg, sie kriegen dich.«

Er stolperte einige Schritte ungelenk hinter ihr her, dann schloss er die Augen und konzentrierte sich. »Besser, sie kriegen mich, als dass sie dich kriegen.« Er überholte Lenia. »Ich gehe vor, für den Fall, dass sie uns noch einmal von der Seite überraschen wollen.«

Lenia entgegnete nichts.

Sie hatten den Eingangsbereich passiert und schon mehr als die halbe Bibliothek durchquert. Vor ihnen tauchten keine Elfenwächter mehr auf, aber all die, denen sie ausgewichen waren, schlossen sich der Masse an, die wie die Gischt einer gewaltigen Welle hinter ihnen herfegte. Der Gang mit dem geöffneten Fenster wurde von einer breiten Elfenfront verstellt, als würden die kleinen Wesen die Bedeutsamkeit dieses Weges kennen. Alle anderen Fenster lagen zu hoch oder waren zu klein, als dass selbst Lenia sich hätte hindurchzwängen können.

Nairod nahm einen Zickzackpfad um die Regale. Die Elfengruppe zersplitterte. Er lauerte ihnen auf, und dreien der Wichte kippte er einen Tisch auf den Kopf. Flatternde Papiere, ein zersplittertes Tintenfässchen und nicht zuletzt die Tischplatte begruben die Kleinen unter sich. Einen Einzelgänger klemmte er unter einem Schemel ein. Die Holzfüße hielten seinen durchscheinenden Schweif fest wie einen Mantelsaum, und der Elf kam nicht mehr voran. Als ein weiterer ihn aus einem Regal heraus ansprang, nahm Nairod seine Kräfte für einen letzten Bann zusammen und fegte den Wächter aus der Wirklichkeit. Seine Glieder stöhnten vor Müdigkeit, als er Lenia auf dem Hauptgang wiedertraf. Die Verfolger rollten noch immer auf breiter Front hinter ihnen her. Vor ihnen ragte bereits die Rückwand der Bibliothek auf.

»Hat keinen Sinn, oder?«, fragte er. »Es sind zu viele.«

Lenia reagierte nicht. Ihr Gesicht war ernst. »Komm hierher.« Sie bog ab in eine Gasse aus Regalen. Nairod folgte ihr – nur um erkennen zu müssen, dass die Passage an der Wand endete.

»Das ist eine verdammte Sackgasse«, sagte er. Er drehte sich um, aber die Elfenwächter fluteten schon um die Ecke in den Gang.

»Aber nicht nur für uns, sondern auch für sie.« Ihre Hände vollführten die gleiche Geste wie vorhin im Klassenraum. »Komm hierher.«

Er tat es. Die Elfenwächter beleuchteten die Gasse mit ihrem silbrigen Schein. »Was soll das? Das nützt nichts, damit blockierst du ihnen den Weg zu uns, aber uns auch den Weg hier heraus.«

Sie blickte konzentriert nach vorn. »Du kannst doch klettern, oder? Du kommst über das Regal neben uns weg. Die Elfen werden dir nicht folgen.«

»Ja, aber …« Die Elfen walzten sich auf sie zu. Knappe zwei Meter vor Lenia stießen sie auf ein unsichtbares Hindernis und drückten sich gedankenlos mit ihren starren Gesichtern dagegen. »Ich lasse dich nicht hier.«

»Genau.« Lenia sah auf die weißsilbrige Masse, die gegen ihren Zauber anstürmte. »Du beeilst dich, dein Buch zu holen, und dann kommst du zurück.«

Nairod knurrte. Er suchte nach den richtigen Worten. Als er sie nicht fand, griff er nach dem ersten Regalbrett und begann, sich hochzuziehen. Das Regal wackelte gefährlich, und auf beiden Seiten purzelten Bücher heraus. Als er knapp unter der Decke auf dem Regal kniete, blickte er noch einmal nach unten. Die Elfen drängten als Masse gegen Lenias Zauber an, keiner beachtete ihn. Er sprang auf der anderen Seite vom Regal und rannte.

Als er die Treppe erreichte, spannte sich der zweite Schutzkreis erneut vor ihm auf. Vier Gesten, und die Knoten brachen zusammen. Eine fünfte, kraftlose, und auch der Stern im Mittelpunkt verschwand.

Atemlos hetzte er die Treppe hinab.

Das Licht in der Unteren Bibliothek war so sparsam wie das der Laternen der Stadt. Die Schatten waren dunkel, und statt von wirklicher Helligkeit beleuchtet waren die Dinge von einem Grauschleier bedeckt. Nairod bewegte sich durch dicke Schwaden aus Staub, die im schwachen Lichtschein an Nebel erinnerten. Regale bildeten einen Gang um ihn, dessen Ende sich im Halbdunkel verlor. Aus den Regalen hingen die Fetzen von zerfledderten Einbänden herab. Ein metallenes A hing an einem unsichtbaren Faden in der Luft und markierte wahrscheinlich den Bereich für die Autoren, deren Namen mit selbigem Buchstaben begannen. Fast außer Sichtweite schwebte ein B.

Nairod rannte los. Irgendwo musste der Gang ja enden.

Bald hustete und keuchte er vor Anstrengung, und die aus Staubteilchen bestehende Luft ließ ihn niesen. Mit jedem weiteren Regal, das in Sicht kam, sank sein Herz. Immer wieder blickte er nach oben, als könnte er durch die Decke hindurch irgendwo Lenia ausmachen.

Schließlich blieb er stehen. Noch immer war das Ende des Gangs nicht in Sicht. Er war an so vielen Büchern vorbeigelaufen, wie es vielleicht oben in der halben Bibliothek gab. In dieser Menge konnte er unmöglich nach einem einzelnen Buch suchen, dessen Autor er nicht kannte. Es konnte überall stehen. Vielleicht nannte sich der Glasknochenmann Aarim, und das Buch stand direkt am Eingang, vielleicht hieß der Mann Zelos, und es stand am ungewissen Ende des dunklen Tunnels. Nairod sah wieder nach oben zu Lenia, obwohl er sicher längst weit von ihr entfernt war.

Er trat gegen den Fuß eines Regals. Staub stob auf, und ein Buch polterte ihm aus einem Fach entgegen. Er fing es gerade noch rechtzeitig auf. Der Wälzer lag in seinen Armen: Einführung in die Magie. Eine ältere Ausgabe des Buchs, das Lenia ihm geliehen hatte.

Es durchfuhr ihn wie ein Blitz.

Der Magier, der dieses Buch verfasst hatte, hieß Wallon. Sein Buch konnte unmöglich so weit vorn stehen. Das metallene E hing einige Meter weiter.

Nairod ließ das Buch fallen und griff in das Regal. Eidetische Sammlung. Das nächste Buch: Elegien – Macht der Lieder. Dann: Eis- und Feuermagie, eine vergleichende Betrachtung.

Er zog die Bücher der Reihe nach heraus. Aufgeschlagen stürzten sie auf den Boden. E. Sie begannen alle mit E. Die Titel, nicht die Autorennamen. Hier unten hatte jemand die Ordnung umgekehrt. Das hieß …

Eikyuuno. Es musste hier sein, ganz in der Nähe.

Nairods Blick raste die Regale auf und ab, auf der Suche nach seinem Buch. Er zog Bände heraus und hielt die freigewordene Lücke mit den Händen auf, um hineinblicken zu können. Aber dahinter war nichts. Keine zweite, versteckte Reihe. Er hatte schon das ganze Regal durch, das die Anfangsbuchstaben Eik beherbergte. Jemand konnte das Buch verstellt haben. Also weitete er seine Suche aus auf den ganzen E-Bereich. Er raste hindurch und betete dabei für Lenia, dass sie ihren Schild noch aufrechterhalten konnte.

Am Ende hatte er nichts und stand wieder vor dem Eik-Bereich. Es war ja ohnehin nur eine Ahnung gewesen. Vielleicht gab es das Buch hier überhaupt nicht. Ja, so war es wohl.

In einer letzten Anstrengung schob er die Bücher noch einmal auseinander.

Da segelte sie ihm entgegen. Eine Seite. Gelb verblichen, zerknickt und mit Eselsohren an allen Ecken. Nairod fing sie auf. Er erkannte sie sofort. Die Art, wie die Buchstaben geschwungen waren, wo und wie der Schreiber die Striche ansetzte. Er erkannte sie, obwohl sie doch aus seinem Bewusstsein fortgewischt worden war. Eikyuuno. Diese Buchstaben waren Teil des Mysteriums, Teil des Schlüssels.

Er drehte die Seite um. In großen, ungelenken Lettern hatte jemand eine Botschaft daraufgekritzelt. Nairod überflog sie. Und dann wusste er, wie er an Eikyuuno herankommen konnte.

Im Erdgeschoss verdeckte ihm eine Wand aus durchscheinenden Leibern den Blick auf Lenia. Die Elfen drängten noch immer blindlings gegen eine Barriere, die für das Auge unsichtbar blieb.

»Heh, ihr Hirnlosen!«, rief er. Er hatte einen Schemel gepackt und warf ihn zusammen mit seinem Ruf in die geisterhafte Menge. Die kleinen Wesen purzelten übereinander, und in plötzlichem Einverständnis lösten sie ihr Knäuel auf. Sie krochen zu ihm, die Blicke aus Statuengesichtern auf ihn gerichtet. Nairod bannte die ersten beiden und zerstieß sie zu nebligem Dunst. Jetzt, da sich der Turm aus Elfen aufgelöst hatte, kam hinter ihm eine zitternde Lenia in Sicht, die Hände noch immer in der magischen Geste vor sich verkrampft.

»Such das Fenster, wir treffen uns draußen«, rief Nairod ihr zu. Nur noch aus den Augenwinkeln konnte er die Ahnung eines Nickens ausmachen. Er zog die weiße Flut hinter sich her, bis er sicher sein konnte, dass Lenia entkommen war. Dann schlug er Haken und lenkte die Horde hinter sich in eine Sackgasse. Er kletterte über Regale und schließlich durch das Fenster nach draußen.

Lenia stand auf der Wiese des Akademiehofs. Regentropfen perlten über ihr Haar, sie stützte sich auf den Oberschenkeln ab und keuchte. »Hat es  … sich … zumindest gelohnt?«, fragte sie.

»Ja und nein.« Hinter ihnen flossen die Elfenwächter aus dem Innern der Bibliothek heraus wie ein Wasserfall. »Zeit, nach Hause zu gehen. Aber nicht für lange.«

Kapitel 6:
DIE STEINERNE CHIMÄRE

Einen ganzen Tag und eine halbe Nacht lang waren sie geflohen, gerannt und gestolpert durchs Unterholz, eine Bande aus huschenden Schatten. Auf der Straße, abseits der Straße, durch seichte Bäche und dann wieder steile Hügel hinauf. Sie waren nicht geflohen vor einem Laut, nicht vor Pferdehufen oder Jagdrufen, sondern vor der bloßen Gewissheit, dass die Kaiserstadt ihre Köpfe im Staub rollen sehen wollte oder auf einer Lanzenspitze. Erst jetzt, in tiefer Dunkelheit, rasteten sie, und die Männer, die während der wilden Hatz nur Körper gewesen waren, bekamen endlich Gesichter.

Ein mit feuchten Zweigen genährtes Lagerfeuer knisterte und spie Funken. Wärme schenkte es nur spärlich. Der felsige Überhang, unter dem sie rasteten, verteilte den Rauch, bevor er aus dem Unterstand hinaus und gen Himmel zog. Sie waren so lange in die Nacht hineingerannt, dass jetzt kein Soldat mehr auf den Beinen sein konnte, um den verräterischen Rauch zu sehen. Ein Junge, den alle wegen seiner langen, dürren Hände nur Rattenfinger riefen, warf neue Ästchen in die Flammen. »Brennt gut, ne?«, fragte er dauernd. Um ihn herum lagen und saßen die Flüchtlinge, die meisten schon mit geschlossenen Augen. Raigar schätzte sie auf knapp dreißig Mann.

Vicold erschien neben Raigar und warf ihm ein Bündel hin. »Ich hab schon rumgefragt, keinem will es gehören. Muss wohl deins sein.«

Raigar hob den Sack ins Licht. »Wo hast du das her?«

Der hagere Mann setzte sich neben ihn. Er hatte die Gefängnislumpen eingetauscht gegen pechschwarze Lederkleidung, die zugleich als Rüstung dienen konnte. Winzige Scheiden in der gleichen Farbe wie die Kleidung verbargen sich an den Waden, Oberschenkeln, am Gürtel ohnehin, unter den Achseln und auf dem Rücken. Messermann, sagten die anderen zu ihm. Als hätte Raigar es geahnt. »Ein paar von den anderen haben sich aus dem Gefängnis geschnappt, was sie konnten, bevor sie durch den Tunnel geflohen sind.«

»Das muss Leben gekostet haben«, sagte Raigar.

»Das alles hat Leben gekostet. Im Gefängnis habe ich noch über fünfzig Köpfe gezählt, und jetzt … Die Hälfte vielleicht.«

Raigar öffnete den Sack und wühlte in einigen Kleidern, die eher schmutzigen Lappen glichen. Es waren tatsächlich seine Sachen. »Haben die Männer zumindest gewusst, weswegen sie gestorben sind?«

»Unser Kaiser Weider weiß es«, brummte ein alter, verwitterter Mann. Steinchen war einer der Namen, die man ihm gegeben hatte. Er trug stets ein Säckchen voll winziger Kiesel bei sich, und schon heute am Abend hatte er sie mehrmals ausgekippt, um aus ihnen die Zukunft zu lesen. Jetzt hielt er ein Fleischstück am Knochen über das Feuer. »Der ist ein alter Hurenbock. Er hat seinen Hintern auf den Thron gepflanzt und der Kaiserstadt ihren Namen gegeben. Weigrund.«

»Halt den Mund«, sagte Vicold fast väterlich und wandte sich wieder Raigar zu. »Beim Krieg in der Wüste hat auch niemand nach dem Grund fürs Sterben gefragt.«

»Weil Kriege heute keinen Grund mehr brauchen. Aber das hier ist anders. Wir sind ein paar Leute ohne Arbeit, die plötzlich auf dem Blutgerüst gestanden haben.« Raigar beobachtete, wie der Alte das Fleisch über dem Feuer drehte.

»Der Kaiser hat uns benutzt. Wir haben ihm eine Zeitlang gedient, und jetzt wirft er uns weg. Was ihn dabei antreibt, das wirst du ihn selbst fragen müssen. Ich würde es selbst gerne tun. In die Stadt zurück, den Wachen die Hälse durchschneiden und dann Weider höchstpersönlich in seinem Schlafgemach besuchen.« Etwas Glänzendes wirbelte durch die Luft, und plötzlich hielt Vicold ein kleines Messer in der Hand. Gedankenverloren betrachtete er es.

»Das ist wahrscheinlich der kürzeste und sicherste Weg in den Tod.« Raigar warf einzelne Stöckchen von Rattenfingers Haufen in die Flammen.

Vicold steckte das Messer wieder in eine der vielen fast unsichtbaren Scheiden an seiner Lederrüstung. »So weiß ich zumindest, was ich bekomme.«

»Und wohin willst du wirklich gehen?«

Vicold zuckte mit den Schultern. »Wenn ich wüsste, wie weit sie gehen werden, um uns in die Finger zu bekommen, dann wäre es leichter, einen Plan zu schmieden.«

Raigar griff wieder nach seinem Beutel und leerte den Inhalt scheppernd auf den steinigen Boden aus. Auch sein Schwert fiel heraus. Er schob es unter die dreckigen Kleider, damit das Kaisersymbol aus seinem Blickfeld verschwand. »Damals in den Wüsten sind wir für Weider bis ans Ende der Welt gegangen, um einem Hirngespinst nachzujagen. Er hat einen Angriff der Nomadenvölker befürchtet, mit einer magischen Waffe, die sie vielleicht konstruiert haben könnten. Aber niemand hat eine solche Waffe gefunden, nicht im Wüstensand und nicht in den Kristallminen.«

»Also?«, fragte Vicold.

»Wie ich sagte: ans Ende der Welt für ein Hirngespinst. Wenn Weider uns tot sehen will, dann wird er nicht ruhen, bis er unsere Köpfe auf seinem Schoß liegen hat.«

»Wir werden lange rennen müssen.«

»Wir können nirgendwohin rennen«, sagte Raigar. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Nachricht über uns im Reich verbreitet hat und niemand uns mehr Obdach gewährt.«

Vicold nickte bedächtig in Richtung der schwarzen Stämme, die sich vor dem Nachthimmel abhoben. »Aber das Reich ist nicht unendlich. Es hat Grenzen.«

Raigar schüttelte den Kopf. »Nicht mehr, seit Weider es geeint hat. Es ist ein Reich.«

Steinchen, der Alte, knabberte an seinem Fleischstück, das weniger gebraten als einfach rußschwarz war. »Wir könnten nach Westen gehen. Weit nach Westen, meine ich.«

»Nach Zweibrück …«, murmelte Raigar. »Ja, die hängenden Brücken markieren das Ende des Reichs. Weider kann es sich nicht leisten, die Grenzen zu überschreiten. Nicht als erst kürzlich gekrönter Kaiser. Das kann er sich noch weniger leisten, als uns am Leben zu lassen. Und da gibt es noch den Herrscher jenseits der Brücken.«

»Du willst ins Schattenland?«, fragte Rattenfinger entsetzt. Die anderen Männer schauten alarmiert auf. »Zum Nigromanten?«

»Nein, nur bis kurz hinter die Grenze«, sagte Raigar. »Da können uns die Schatten noch nichts anhaben.«

Rattenfinger, Steinchen und die anderen schauten skeptisch drein, aber Vicold rief: »Und schon haben wir einen Plan.«

»Hm.« Raigar warf ihm einen Blick zu. »Es sind allerdings Wochen von hier aus bis zur Grenze.«

Vicold warf ein Messer hoch und fing die Klingenspitze zwischen zwei Fingern auf. »Die Bastarde werden uns jagen, und ich habe keine Ahnung, wie viele von uns sie noch unter die Erde bringen werden. Aber die Reise hat sich schon gelohnt, wenn es am Ende nur zwei oder drei von uns über die Grenzbrücken schaffen.«

Raigar wühlte in den ausgeschütteten Kleidern, bis er endlich auf Metall stieß. »Wir werden kämpfen müssen. Schon wieder.« Es waren zwei Panzerhandschuhe aus übereinandergeschichteten Eisenplatten, die seine Unterarme halb bedecken würden.

»Das macht mir nichts«, sagte Vicold. »Wenn ich ein paar Soldaten die Köpfe runterschneiden kann, dann gleiche ich nur aus, was sie mit unseren Brüdern gemacht haben.« Seine Stimme wurde kalt, so kalt wie im Gefängnis.

»Du kannst nichts ausgleichen.« Raigar zog einen der Handschuhe über und tastete sich durch das kalte Eisen, bis die Metallfaust perfekt saß. »Ein toter Mann ist ein toter Mann.«

»Oh, der Friedensbringer spricht«, sagte Vicold. »An seinen Händen klebt kein Blut – nur an den eisernen Ummantelungen, mit denen er seine Feinde ausquetscht wie reife Früchte.«

Raigar ballte eine Faust, bis die eisernen Finger gegeneinanderschepperten. »Ich töte nicht mehr. Und wenn du mein Schwert willst, nimm es.« Er warf die verzierte Klinge zu Vicold hinüber. Sie klirrte auf dem Boden und glänzte im Feuerschein.

»Danke, aber ich bevorzuge meine Messer. Sie richten nicht so eine Schweinerei an wie eine lange Klinge.«

Raigar forschte in den Gesichtern seiner Begleiter. War irgendwo eines, das ihm aus dem alten Kriegszug bekannt vorkam? Nein, es gab keins. Niemand, der ihm hätte zur Seite stehen können.

»Denk dran«, sagte er, »wir wollen dem Tod entkommen, nicht ihn heraufbeschwören.«

»Große Worte«, sagte Vicold. »Aber wenn der Tod mir zu nahe kommt auf diesem langen Weg, dann weise ich ihn ab.«

Raigar prüfte beiläufig die Beweglichkeit seiner Hände in den Handschuhen, spreizte und streckte die Finger. Dann zog er das Rüstteil wieder von seinem Arm herunter. »Wie wollen wir diesen langen Weg gehen? Wenn wir uns die ganze Zeit über im Dunkel der Wälder halten, so wie jetzt, dann werden aus vier Reisewochen leicht acht.«

Vicold schien sich zu entspannen. »Zumindest anfangs ist das sicherer. So muss der Feind rätseln, welche Richtung wir eingeschlagen haben. Später können wir dann auch die Straße benutzen. Meine größere Sorge ist, woher wir Vorräte bekommen. Aber ich habe schon eine Idee. Es gibt ein Gasthaus hier in der Nähe.«

Raigar faltete die Hände und lehnte sich an einen Felsen. Seine Lider wurden schwer. »Wir in einem Gasthaus? Ich würde das Wahnsinn nennen, aber dazu bin ich zu müde.«

Die Männer um ihn herum lagen auf Gepäcksäcken, manche auch auf dem nackten Stein. Raigar ballte sich aus seinen Hosen und Hemden ein Kopfkissen zusammen, und seinen Sack formte er zu einer leidlich weichen Matratze, auf der er sich niederließ. Das erste Mal an diesem Tag begannen seine Muskeln, sich zu lockern.

Nur noch Vicold saß aufrecht da, den Blick auf den nächtlichen Wald gerichtet. Zwischen seinen Händen sprang ein scharfes Glitzern hin und her. »Einer sollte die Nachtwache übernehmen«, sagte er, und das Licht des Feuers ließ unter seinen Augen dunkle Ringe sichtbar werden. »Für den Fall, dass Gäste bei uns einkehren wollen.«

Aber bis zum Morgen kehrten keine Gäste ein. Vicold saß mit denselben Augenringen wie gestern Abend da, hinter ihm die nebelverhangenen Wälder. Vielleicht hatte er sich mit jemandem bei der Wache abgewechselt, vielleicht auch nicht. Als er vom Plan, nach Westen zu marschieren, erzählte, murrten einige der Männer und flüsterten untereinander. Unter den Worten, die sie angstvoll sprachen, waren Nigromant und Schattenland, aber sie begriffen bald, dass sie überstimmt waren.

Nach einem Frühstück, das sie aus den letzten Vorräten zusammengestellt hatten, brachen sie auf. Raigar meldete sich freiwillig, zusammen mit einem Jungen namens Adler, der ein spitzes Raubvogelgesicht hatte, die Straße im Auge zu behalten. Tatsächlich kam ein Herold herangeritten, der das Kaiserbanner trug. Die Söldner hatten ihn schnell überwältigt und schickten ihn ohne Pferd und Kleider zurück nach Weigrund. Einige Stunden später, als die Sonne sich wieder senkte, kam an einer Wegkreuzung ein einsames Haus in Sicht. Von außen wirkte es klein und unbedeutend unter den dunklen Tannen. Vicold sagte: »Die Steinerne Chimäre

Raigar saß mit dem Rücken zur Wand, einen Bierhumpen in der Hand. Er trank bedächtig, und das Getränk gluckerte in seinem leeren Magen. Die meisten seiner Wegbegleiter schwenkten die Humpen wild herum und verteilten die Hälfte des Inhalts über den Tischen des Wirtshauses. Die andere Hälfte gossen sie daneben, wenn sie sich die Trinkgefäße an die Lippen setzten. Adler und Rattenfinger spielten Karten an einem Tisch, von dem sich Vicold eben erhob. Der Messermann setzte sich zu Raigar. »Alle sind versorgt.« Raigar sah hinüber zu den übrigen Gästen des Hauses, die sich schon beim Eintreffen der Söldnerbande in die am weitesten entfernten Ecken zurückgezogen hatten. Auch die Bedienungen, die gebratenen Hirsch und Brotkörbe brachten, näherten sich der großen Tafel nur zögerlich.

»Sie verdienen auch an uns.« Vicold nahm eine Kloßsuppe entgegen und stellte sie vor sich hin. »So viel Betrieb sind sie hier vielleicht nicht gewohnt, aber für einen Abend werden sie es aushalten.« Er schlürfte einen Löffel der dampfenden Brühe. »Ich kannte den Wirt schon, noch bevor er einen Namen für seine Schenke hatte. Noch bevor er sich das Tier ins Haus geholt hat.« Vicold meinte die Chimäre, eine pferdegroße, steinerne Statue, die in der Mitte der Schenke stand. Der Steinmetz hatte ein Wesen geschaffen, das den Körper eines Löwen, aber den Kopf eines Ziegenbocks hatte. Aus der Brust ragte der echsenhafte Kopf eines Drachen, und der Schwanz war nichts anderes als eine züngelnde Schlange. Das Wesen schien in der Bewegung erstarrt, als hätte ein böser Zauber es in diesen steinernen Zustand versetzt. »Er schwört, dass jemand einmal eine Nadel durch einen Riss im Stein geschoben hat und dass danach Blut an der Spitze war.«

»Mich interessieren eher andere Arten von Bestien. Die, die uns folgen.« Raigar schob seinen Humpen weg.

»Die Lakaien des Kaisers. Vergiss sie zumindest heute Nacht. Wir bekommen hier gut zu essen und zu trinken, und morgen brechen wir gestärkt auf.«

»Ohne dass wir wissen, woher wir die nächste Mahlzeit bekommen. Mit leerem Magen lässt es sich nicht gut fliehen vor einem ganzen Reich.«

»Du denkst zu viel.« Vicold stocherte in den Klößen herum, die in der Suppe schwammen. »Wir nehmen uns etwas Wegzehrung mit. Der Rest …«, seine Augen funkelten, »... wird sich ergeben. Genauer gesagt, er wird uns gegeben. Oder wir nehmen ihn uns.«

Raigar zog Vicold am Kragen zu sich. Heiße Suppe tropfte ihm auf die Hand. »Ich habe davon genug gesehen in den vielen Jahren meines Lebens. Genug für all die Jahre, die noch kommen mögen. Söldner, die durch die Dörfer ziehen, Frauen schänden, Söhne und Väter erschlagen und sich all ihre Habe nehmen.«

Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, schon richteten sich die Blicke von dreißig Männern auf ihn. Sie hielten in ihrem Geschunkel und Gebrüll inne. Raigar ließ Vicold los.

Die Gesichter wandten sich ab, und langsam setzte das bunte Treiben wieder ein.

Vicold rückte sich den Kragen zurecht. »Wie viel wiegt für dich dein Leben, wenn du es auf eine Waagschale legen müsstest, und auf der anderen Seite befindet sich das Leben eines anderen, eines Fremden?« Seine Miene wurde unergründlich.

»Niemand muss sterben, damit ich leben kann. Das ist widersinnig.«

»Nicht einmal ich habe diese Söldnerbande im Griff. Wenn wir uns auf einem Hof neu ausstatten müssen, dann kann ich dir keine Garantie dafür geben, was geschieht. Du bist selbst Söldner. Du weißt, wie es ist.«

Eine Kellnerin stellte einen Teller mit gebratenem Hähnchen und Kartoffeln vor Raigar ab. Vicold sah ihn an, als erwarte er etwas.

Raigar leerte seinen Humpen und starrte dem Messermann in die Augen. »Schon klar. Du willst, dass ich mich bedanke für das Essen, das du hier ausgibst.« Er schob sich eine Kartoffelscheibe in den Mund und kaute. »Danke. Danke, dass du dich zumindest heute dagegen entschieden hast, ein Blutbad anzurichten, um an ein Abendessen zu kommen.«

Vicold verzog keine Miene.

Bevor er etwas entgegnen konnte, öffnete sich die Tür der Stube. Gestalten in grauen, durchnässten Regenmänteln betraten den Raum, sechs insgesamt. Ihre Gesichter blieben unter Kapuzen verborgen. Sie steuerten die Theke an und sprachen mit dem Wirt. Einige der Söldner drehten sich zu den neuen Gästen um, und das Lärmen verstummte erneut. Wer eine Waffe hatte, legte die Hand zumindest in die Nähe des Griffs.

Die Gäste mit den verhängten Gesichtern gingen direkt weiter über die Treppe in den ersten Stock, wo sich die Herbergszimmer befanden.

»Ziemlicher Betrieb heute«, sagte Raigar, während neben ihm das Lachen und Scherzen wieder aufbrandete.

Vicold entgegnete nichts. Schweigend beendeten sie ihre Mahlzeit.

Mit einem wohligen Gefühl der Fülle im Magen erhob sich Raigar schließlich und steuerte auf den Ausgang zu. Der junge Kerl, Adler, überholte ihn und hielt ihm die Tür auf. Draußen prasselte der Regen in Strömen auf die Waldstraße. »Gleiche Idee gehabt?«, fragte der Kleine.

Raigar hüllte sich in seinen Mantel. »Willst du dich auch draußen durchweichen lassen?«

Wenn er geahnt hätte, auf was er sich einließ mit Vicold, dem Messermann ...

Die Finsternis auf der Straße war undurchdringlich, aber einige wenige Laternen am Gasthaus, die vom Wind herumgeworfen wurden, beleuchteten den Weg zum Stall.

Der Wind fauchte, aber aus dem Innern des Verschlags war deutlich das Wiehern von Pferden zu hören. Bei ihrer Ankunft am Nachmittag war der Stall noch leer gewesen.

»Ganz arm können sie nicht sein«, meinte Adler.

Am Rand des Laternenscheins zogen sich zwei Furchen durch den feuchten Boden. Radspuren. Raigars Stiefel schmatzten bei jedem Schritt, mit dem er ihnen folgte. Sie führten in die Dunkelheit und um die Steinerne Chimäre herum. An der Rückseite stand eine Kutsche. Licht fiel aus dem Schankraum und beleuchtete den Kutschbock. Die Form der Reisekabine war unnötig geschwungen und verschnörkelt. Zierbeschläge aus glänzendem Metall, das weder Eisen noch Stahl sein konnte, zogen sich an den Außenkanten entlang. Auf dem Dach thronte eine weitere Verzierung. Vier Tiere balancierten eine Krone auf ihren Schnauzen. Auch die Kabinentür wurde von einer Krone verziert. Adlers Hände glitten über ein Wappen direkt daneben. »Das ist jedenfalls nicht der Kaiser.«

Raigar trat näher heran. Jetzt erkannte er die Tiere. Schafe. »Der Schafskönig, weit aus dem Süden.«

»Das ist Gold«, sagte der Junge, der über die Beschläge der Kutsche strich. »Mann, allein diese Verzierung hier … Wer damit wohl reist? Er muss stinkreich sein.«

»So reich, dass er uns die Vorräte verschaffen könnte, die wir brauchen.« Durch ein Fenster blickte Raigar in den Schankraum. Vicold saß wieder bei seinen Männern. Einer klopfte ihm gerade auf den Rücken, und Vicold hob einen Pokal, aus dem Wein schwappte.

Adler trat wieder aus dem Licht heraus, das die Kutsche aus der Finsternis hervorhob. »Der hat aber sicher Leibwächter dabei, und Vicold hat gesagt, wir finden schon Wege, um …«

Raigar machte eine scheuchende Bewegung mit der Hand. »Geh wieder rein, bevor du dir eine Erkältung holst. Du erzählst keinem, was du hier gesehen hast, bis ich wiederkomme.«

Adler blickte an Raigars Gestalt hinauf. »I-in Ordnung.« Er huschte davon.

Raigar lehnte sich an die Rückwand des Gebäudes. Das Regenwasser rann ihm von den Haaren in seinen Kragen und den Rücken hinab.

Entweder nahmen Vicolds Söldner sich später selbst, was sie wollten, wenn sie Hunger oder andere Gelüste verspürten. Oder Raigar gab es ihnen jetzt. Ein einziges Opfer, das ihnen für einen langen Zeitraum genügen würde. Es gab keine richtige Entscheidung.

Als er dennoch endlich eine getroffen hatte und die Schenke wieder betrat, war er durchnässt bis auf die Knochen, und die Menschen starrten ihn an wie einen finsteren Geist.

Kapitel 7:
DER FLAMMENHIRTE

Der Kopf des Gardehauptmanns rollte über den Boden des steinernen Thronsaals. Er kullerte über die ausgestreuten Rosenblütenblätter, die sich wie ein Teppich vom Eingang des Saals zum Thron hinzogen. Jungen mit feuchten Tüchern eilten herbei und wischten über die Stellen, an denen Blut den Boden beschmutzte. Auch zum Kaiser, der das Schwert noch in der Hand hielt, liefen die Jungen und wischten das Blut von der Klinge, bevor es herabtropfen konnte. Wachen hüllten den Leichnam in Tücher und trugen ihn davon.

»Hast du gut zugesehen?«, fragte Weider. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, durch den weißen Spitzbart wirkte sein Gesicht unnatürlich verlängert. Er streckte eine dürre Hand nach dem Jungen aus, der auf einer Miniaturversion des Kaiserthrons saß.

»Ich habe alles gesehen, Vater.« Der Junge, der fast ein Mann war, rührte sich nicht, als die Hand seines Vaters durch sein kurzes Blondhaar strich. Er saß aufrecht da wie eine Statue, voll von mühsam gezügelter Energie. »Jetzt kannst du mich gehen lassen.«

»Noch nicht.« Weider machte eine Handbewegung. Sofort öffnete sich knarrend das Portal des Thronsaals. Draußen war der Himmel bleiern, und ein leichter Wind wehte die Rosenblätter zur Seite. Wieder kamen die Jungen, und sie sammelten jedes einzelne der Rosenblätter auf, um sie wieder an ihren Platz zu legen.

Vier Gardesoldaten führten einen Mann in Sträflingskutte herein. Ketten waren an einem Metallring um seine Taille befestigt. Die Soldaten konnten so neben dem Blütenteppich laufen, während die gespannten Ketten den Gefangenen zwangen, auf die Rosenblätter zu treten. Vor dem Thron hielten sie an. Während die Gardisten sich auf ein Knie niederließen, blieb der Mann in der Kutte stehen.

Die Stimme des Kaisers brach das Schweigen. »Ja, du musst dich nicht beugen vor mir. Du bist auf dem Friedensteppich zu mir geführt worden, dir wird kein Leid geschehen.«

»Nicht einmal, wenn ich Euch töte?«, ertönte die Stimme des Gefangenen unter seinem rostroten, fettigen Haarschopf.

»Dann, mein Freund, bin ich nicht mehr der Herr dieser Hallen, und der Friedensteppich besitzt keine Gültigkeit mehr.«

Einer der Soldaten hob den Kopf. »Majestät. Er ist ein Zauberer.«

»Schweig. Mein Gast hängt an seinem Leben, sonst wäre er nicht hier.« Unbeirrt sah der Kaiser den Gefangenen an. »Dein Name ist Brakas, du kommst aus der Arena in Westbul, und dort nannten sie dich den Flammenhirten.«

»Und ich habe unter Eurem Banner in den Wüsten gekämpft.« Der Mann klang erschöpft.

Der Kaiser fuhr fort, als habe er nicht zugehört. »Ich wüsste gerne, ob dein Name mehr als nur Schmuck ist.«

»Ich habe damals nur für mein Brot gekämpft, so wie auch in der Arena.« Der Flammenhirte sah auf seine Hände herab, als seien sie fremde Geschöpfe, und drehte die Handflächen nach oben. Augenblicklich erhoben sich die Soldaten, aber der Kaiser ließ sie mit einer Geste in der Bewegung erstarren. Das Kerkergewand des Gefangenen rutschte an den Händen zurück, so dass die Unterarme frei wurden. Die Venen traten hervor und schimmerten, als habe jemand Gold hineingegossen. Die goldene Farbe floss zu den Händen und stob als Flammenstoß aus der Haut. Auf jeder Handfläche züngelte eine Flamme.

»Beeindruckend.« Weider erhob sich von seinem Thron. Seine dunkle Robe verbarg die Konturen seines Körpers. »Dass du die Arena und das Schlachtfeld überlebt hast, spricht für dich.«

»Dreiunddreißig Siege«, sagte einer der Soldaten. »Gegen Tiere, Menschen und magische Bestien.«

Weider nickte. »Du bist ein schlechter Mensch, Brakas. Du hast viele getötet, um leben zu können. Das hast du selbst gesagt.«

Ihn traf ein finsterer Blick aus dem alterslosen Gesicht. Der Magier schloss die Hände, und die Flammen wurden erstickt.

»Nein, keine Sorge.« Der Kaiser erhob sich von seinem Thron und stieg die Stufen hinunter. Als er noch zwei vor sich hatte, blieb er stehen. Er war jetzt auf Augenhöhe mit dem Magier: ein alter, dürrer und runzliger Mann vor einem jüngeren, unrasierten und schmutzstarrenden. »Es ist gut, dass du es gewohnt bist zu töten, um zu leben. Denn ich biete dir heute nochmals dein Leben an. Du wirst jagen, und wenn du deine Beute erlegst, schenke ich dir das Leben. Du darfst dann in meinem Reich wohnen, das weder Krieg noch Krieger kennt.«

»Ich soll jagen. Was wollt Ihr? Einen Hirsch, ein Wildschwein?«

»Menschen. Wie du es gewohnt bist. Es könnten sogar Menschen sein, die du kennst. Wirst du es trotzdem tun?«

In den Augen des Kampfmagiers starb etwas, das aber ohnehin kaum noch lebendig gewesen war. »Das werde ich.«

»Genau so hatte ich dich eingeschätzt.« Der Kaiser hob die Hände und klatschte zweimal kurz. Er setzte sich wieder auf seinen Thron und wechselte einen Blick mit seinem Sohn. »In der Arena haben sie dir den Namen Flammenhirte gegeben, aber sag mir, was ist ein Hirte ohne eine Herde?«

Der Mann schwieg kurz. »Der Name soll nur bedeuten, dass ich die Flammen hüte wie eine Herde, dass ich sie herbeirufen und fortschicken kann.«

»Dann lass uns diese Bedeutung erweitern. Ich gebe dir eine echte Herde mit auf deinen Weg.«

Aus den Türen und Fluren, die von den Seiten des steinernen Thronsaals abgingen, drang Knurren und Gebell heran. Flammenbeller, Hunde mit Feuer in Augen und Maul, wurden an Leinen hereingeführt. Fast ein Dutzend. Die Männer, die sie hielten, ließen die Leinen plötzlich los.

Kläffend stürmten die Tiere auf den Thron zu. Die Soldaten um den Gefangenen sahen sich ängstlich um, aber die Flammenbeller zogen an ihnen vorbei und bremsten ab, bis sie als ein Ring aus schwarzem Fell und feuerroten Augen um den Zauberer herumstanden. Einige setzten sich, andere starrten den Mann nur erwartungsvoll an oder leckten mit glühenden Zungen an seinen Fingern.

»Sie wurden durch Feuermagie, wie du sie beherrschst, erschaffen.« Der Kaiser musterte die Kreaturen. »Deshalb sind sie deine Knechte.«

»Ihr gebt mir viel Macht.«

»Du führst meinen Auftrag aus, also ist deine Macht letztlich nur meine Macht. Lass dich nach draußen führen. Du wirst Informationen über deinen Auftrag erhalten und Männer zugeteilt bekommen.«

Der Magier verneigte sich. »Ich sollte Euch danken, Kaiser.«

Die Soldaten führten den Zauberer auf dem gleichen Weg nach draußen, auf dem er gekommen war. Das Hunderudel schloss sie dabei ein, und die Tiere gaben keinen Laut mehr von sich.

Als sich das Eingangsportal schloss, wandte sich der Prinz zu seinem Vater um. »Auch er wird dich enttäuschen, und du wirst ihm den Kopf abschlagen.«

»Ja, das wird geschehen.« Ein Lächeln durchbrach den weißen Bart des alten Manns. »Aber wen sollte ich denn sonst schicken?«

Der Junge straffte seine Gestalt noch weiter.

Weider legte die Hand auf den Kopf seines Sohnes. »Bald dürfte der Prinz aus dem Süden eintreffen, Lavar. Wie war noch sein Name?«

Kapitel 8:
DIE SCHWARZEN MÄNNER

Die Kutsche rumpelte über den Waldweg. Immer wieder sprangen die Räder über kleinere und größere Steine, und die Kabine wurde durchgeschüttelt. Elarides musste sich immer wieder in die Polster oder in die schweren Stoffgardinen krallen, um nicht herumgeschleudert zu werden. In dem viel zu dünnen Würdengewand, das sein Vater ihm zu tragen vorgeschrieben hatte, fröstelte es ihn, aber zum Glück bestand die Leibgarde darauf, dass er die Zeichen seines Standes zur Tarnung mit einem Wollmantel verdeckte.

»Junger Herr.« Der Kaplan, der ihm gegenübersaß, musste die Kette um seinen Hals mit den Händen festhalten, damit sie nicht herumflog. Der Anhänger, eine kupferne Dublone mit fünf Sonnenstrahlen darauf, tanzte dennoch wild umher. »Habt Ihr Euch schon mit der Stadt Weigrund vertraut gemacht?«

»Wir kommen doch erst morgen an.«

Der alte Mann hob tadelnd einen Finger. »Wie gut, dass Euer Vater mich mit Euch sandte. Ihr könnt einfach noch nicht für Euch selbst sorgen. Dabei haben wir doch eigens landeskundliche Bücher mitgenommen.« Er zog unter den Sitzen eine Gepäcktruhe hervor und schloss sie auf. »Weigrund ist eine große Stadt. Viel größer als irgendeine im Südreich. Es ist wichtig zu wissen, wohin Ihr – « Als er den Deckel aufklappte, blieb ihm der Mund offen stehen. »Das habt Ihr mitgenommen?« Er vergaß, seine Kette festzuhalten, und der Anhänger prallte klirrend gegen den Truhendeckel.

Elarides schob die Gardinen zur Seite. Draußen ritten die Gardesoldaten, und das Scheppern ihrer leichten Rüstungen vermischte sich mit dem Klappern der Pferdehufe.

»Ich frage Euch noch einmal.« Der Kaplan saß wieder aufrecht und hielt in jeder Hand ein Buch. »Das habt Ihr mitgenommen, mein Prinz?« In die hölzernen Buchdeckel waren Figuren geschnitzt. Auf dem einen wand sich ein Lindwurm um einen brennenden Turm, und im Vordergrund stand auf einer Klippe ein Ritter mit erhobenem Schwert. Auf dem anderen Deckel stand derselbe Edelmann, umringt von Bäumen, aber auch von dunklen Gestalten, die ihm mit Keulen und Messern drohten. »Ritter Marduk gegen den Höllendrachen und Ritter Marduk gegen die schwarzen Männer? Ich muss sicher nur blind in die Kiste greifen und ziehe einen weiteren geistlosen Ritterroman heraus.«

Elarides pflückte dem Kaplan die Schwarzen Männer aus der Hand und schlug das Buch auf. »Ich muss mich doch vorbereiten. Jetzt, da ich ins Kaiserhaus von Arland geschickt werde, um zu lernen, muss ich mich allerhand Herausforderungen stellen.«

Seufzend legte der Kaplan den Drachen zurück in die Truhe und klappte sie zu. »Herausforderungen, ja. Aber ich bezweifle, dass Ihr gegen einen leibhaftigen Drachen antreten müsst. Der letzte ist gestorben, wisst Ihr, vor langer Zeit schon.«

»Ihr glaubt auch an Euren Gott.« Elarides deutete auf das heilige Symbol um den Hals des Kaplans. »Obwohl viele sagen, dass er zusammen mit dem letzten Drachen verschieden ist.« Nach einer kurzen Pause schloss Elarides das Buch wieder und legte es beiseite.

Der Geistliche legte ihm eine Hand aufs Knie. »Auch Ihr werdet noch begreifen, mein Prinz. Ich war einmal genauso jung wie Ihr und  …«

Das Gerede des Manns verwandelte sich in Elarides’ Verstand in einen gleichförmigen, monotonen Fluss aus Geräuschen. Er sah zu, wie draußen die Baumreihen vorbeizogen. Die Mittagssonne drang kaum durch die Tannen hindurch, zu dicht und zu hoch standen sie neben dem Weg. Er stellte sich vor, wie sich zwischen den Stämmen und im Unterholz der schlangenhafte Leib des Höllendrachen wand.

Draußen wieherten die Pferde, die die Kutsche zogen. Die Fahrt verlangsamte sich. Der Kaplan unterbrach seinen Wortschwall. »Oh? Wir können unmöglich schon angekommen sein.«

Die Kutsche hielt an, und Elarides spähte aus dem Fenster. Die Straße lag finster vor ihnen. Die berittenen Wächter sammelten sich vor der Kutsche, zwei stiegen ab.

Elarides öffnete die Tür und stieg aus. Der Kaplan sprang sofort auf. »Nicht, mein Prinz! Bleibt hier, dort draußen kann es gefährlich sein.«

Elarides zögerte einen Moment, dann ging er nach vorn. Die dunklen Wälder, die sich um sie schlossen, verschafften ihm eine Gänsehaut. So musste sich auch Ritter Marduk gefühlt haben, allein im Schwarzen Wald.

Der Kutscher beugte sich vom Kutschbock zu ihm herunter. »Baumstämme auf der Straße. Der Sturm gestern Nacht muss sie gefällt haben. Es wird einen Moment dauern, bis Eure Männer sich darum gekümmert haben.«

Drei Stämme lagen quer über der Straße. Äste und Zweige ragten noch nach oben und schufen die Illusion von dichtem Buschwerk, der Rest der Stämme war kahl. »Der Sturm?«, fragte Elarides.

»Es hat schon ziemlich durch die Dielen gepfiffen, als wir gestern in diesem Gasthaus übernachtet haben.«

»Schon, aber …« Elarides sah den Rittern zu.

Zwei packten das Ende eines Stamms und versuchten es hochzustemmen. Ein dritter kam hinzu und schüttelte den Kopf. Er zeigte auf die Bruchstelle des Stamms. »Der müsste entwurzelt sein, nicht glatt durchtrennt. Jemand hat ihn gefällt.«

Elarides drehte sich um, denn er spürte Blicke am Hinterkopf. Neben der Straße, zwischen den Bäumen. Da waren Augen. Sie blitzten in Flecken von mattem Sonnenlicht. Elarides machte einen Schritt zurück und stieß gegen ein Wagenrad. Die schwarzen Männer aus Ritter Marduks Abenteuern. Sie waren lebendig geworden.

Wie auf ein Zeichen rauschten die Büsche plötzlich vor Bewegung. Dunkle Körper kamen die Böschung zum Pfad hinauf. Zwei der Ritter sprangen wieder auf die Pferde, die anderen beiden zogen Waffen und eilten zur Kutsche zurück. Elarides tastete sich an der Kutsche entlang, ohne den Blick von den Männern nehmen zu können, die aus dem Wald stürmten. Sie kamen auf ihn zu, kamen, um ihn zu holen.

Plötzlich packte ihn eine Hand und zog ihn zur Seite. Die Stimme des Kaplans: »Hierher! Kommt!« Er wurde zurück in die Kutsche gezerrt. Der Geistliche schlug die Tür zu und legte den eisernen Riegel vor. Elarides sank zurück in die Sitzkissen. Irgendetwas hatte ihm jegliche Kraft aus den Gliedern gesaugt. Er musste sich an etwas festhalten, und das Einzige, das seine Hände fanden, war der hölzerne Umschlag des Buchs.

Draußen erreichten die dunklen Männer die Straße. Ein Ritter schoss an ihnen vorüber, sein Schwert schnitt zweien durch die Brust und riss Stofffetzen und rote Spritzer mit sich. Doch sofort griffen zahllose Hände nach ihm und zerrten ihn vom Pferd. Das Tier galoppierte weiter, am Fenster vorbei, während er auf die Straße stürzte.

»Marduk würde sie alle besiegen«, sagte Elarides.

Der Kaplan schlug die Hände vors Gesicht, dann griff er nach dem Symbol um seinen Hals und murmelte vor sich hin. Die Dublone bebte zwischen seinen Fingern.

Elarides rückte zur anderen Tür, den Blick noch immer auf das Geschehen gerichtet. »Wir sitzen hier in der Falle«, sagte er und entriegelte die Tür, das Buch unter den Arm geklemmt.

Der Kaplan schrie auf. »Nein! Sie lauern draußen auf uns!«

Elarides drückte die Tür mit zitternden Fingern auf und sprang auf die Waldstraße. Ein Wall aus Geräuschen umgab ihn. Schmerzensschreie und kehliges Gebrüll, das Wiehern von Pferden und metallisches Klirren. Einer der Garderitter wurde von den kurzen Klingen eines dunklen Kriegers am Fuhrwerk vorbeigetrieben. Der Ritter verlor erst sein Schwert, dann das Gleichgewicht. Gierig wie ein Tier sprang ihn der Mann mit den kurzen Waffen an.

Elarides drehte sich weg und rannte den Abhang hinunter. Seine Stiefel rutschten durch Schlamm, und Laub stob um ihn herum auf. Er schlug es mit den Händen zur Seite und wich Wurzeln und unter den Blättern halb verborgenen Ästen aus. Im Laufen drehte er sich um.

Keuchend kam der Kaplan ihm hinterhergelaufen, aber er stolperte auf der Böschung und kugelte die Schräge hinab, gehüllt in Blätter und Schlamm. Noch eine Bewegung: Der Mann mit dem blitzenden Stahl in beiden Händen folgte ihnen.

Elarides schlug sich durch dorniges Gestrüpp. Fetzen rissen aus seinem Gewand, sein Reisemantel flatterte um ihn herum. Er stolperte über einen Strauch, die Welt drehte sich. Seine Schulter prallte auf den Boden, er spürte das Ächzen der Knochen, Schmerz blieb aber aus. Er rollte nach vorn und stand wieder auf. Schlamm klebte feucht auf seinen Wangen.

Der Kaplan lag als lebloser Haufen an einen Baumstumpf gelehnt. Neben ihm erhob sich der Mann mit den Klingen und kam Elarides nachgerannt.

Keuchend lief er noch schneller. Schweiß brannte auf seiner Haut, und er klammerte sich an das Buch unter seinem Arm. Er übersprang einen kleinen Bach, der unter ihm dahinplätscherte. Er lief, lief und lief. Die Bäume und ihre Schatten peitschten an ihm vorbei. Dunkel schlossen die Tannen ihn ein, und es gab nur noch ihn und seinen Körper, seinen röchelnden Atem und seine schmerzenden Beine.

Irgendwann blieb er stehen und schaute sich um.

Der Wind strich durch den düsteren Wald. Gelblich braune Tannennadeln bedeckten den Boden, aber nirgends war mehr ein schwarzer Mann mit blitzenden Händen. Auch keine Kutsche mehr, um die herum ein Kampf tobte, bei dem den Kriegern rotes Blut aus den Körpern schoss.

Elarides drehte sich in alle Himmelsrichtungen. Welche war die, aus der er gekommen war? Welche war die, in die er gehen musste?

»Hallo?«, fragte er.

Momente später raschelten die Blätter dicht vor ihm. Ein Mann stieg aus ihnen heraus, als wäre er ein Waldgeist. In seinen Händen funkelten Messer. »Du bist der Letzte.«

Kapitel 9:
ZWEI WELTEN

Der Klang von Stahl auf Stahl beherrschte den Kasernenhof. In zwei offenen Schmieden hämmerten Lehrlinge glühende Stahlstücke in Form, und im Freien, innerhalb von Kreidekreisen, schlugen Soldaten die fertigen Waffen in Übungskämpfen gegeneinander.

Lavar raffte seinen Mantel. Die Blicke der Aushilfsjungen an den Planwagen ließen ihn bereuen, dass er sich nicht in eine einfache Gewandung geworfen hatte. Aber was gingen sie ihn an.

Der Mann, den er suchte, saß in der Mitte des Platzes auf der Treppe vor dem Brunnen. Vier der Hunde mit dem brennenden Atem umstanden ihn wie Götzenbilder.

»Nachrichten vom Kaiser?« Der Flammenhirte, Brakas, strich einem der Hunde über die Schnauze, und zur Antwort stieg Rauch aus seinen Nüstern. »Wenn er schon seinen Sohn schickt.«

»Im Gegenteil.« Lavar blieb vor ihm stehen, einige Schritte von den Hunden entfernt. »Du wirst unser Gespräch ihm gegenüber niemals erwähnen. Ist das klar?«

Etwas an Brakas’ Haltung änderte sich. »Ich habe einen Handel mit ihm. Und es ist kein schlechter, denn für mich springt mein Leben dabei heraus.«

Lavar nickte. »An dem Handel wird sich nichts ändern. Es wird nur einen kleinen Zusatz geben.«

»Einen Zusatz.« Brakas betrachtete seine Hände und ließ eine winzige Flamme über die rechte Handfläche tanzen. »Wird der Zusatz meine Aufgabe erschweren oder erleichtern?«

»Siehst du mehr Männer und bessere Ausrüstung als Vor- oder Nachteil?«

Brakas fing die Flamme in seiner Faust und erstickte sie. »Wir gehen nicht auf einen Kriegszug, sondern auf eine gezielte Mission. Ja, mehr Männer könnten sie erschweren. Noch mehr, wenn bessere Ausrüstung schwere, klirrende Panzerhemden bedeutet.«

»Du kannst dir aussuchen, was du haben willst. Wovon und wie viel. Die Hauptsache ist nur die …«, er holte tief Luft, »… dass ich mitkomme.«

Brakas zeigte keine Reaktion. Einer der Hunde knurrte, aber Lavar blieb aufrecht stehen.

»Du?«, fragte Brakas. »Ich meine … Ihr, Prinz?«

»Ja.«

»Das halte ich für eine sehr, sehr schlechte Idee.«

»Meine Krieger werden um mich sein, und ich selbst kann auch ein Schwert am richtigen Ende anfassen.«

Brakas strich sich über den Bart. »Aber wenn Ihr sterbt, wird solcherlei Euren Vater nicht interessieren. Er wird einen Sklaven sehen, der seinen Sohn entführte und umbrachte, ob durch die eigene Klinge oder durch Leichtsinn. Mein Kopf wird rollen wie der des Gardehauptmanns, und tatsächlich habe ich noch einiges mit meinem Kopf vor.«

»Dann werde ich nicht sterben.«

Brakas lachte leise. »Was wollt Ihr ihm beweisen, Eurem teuren Herrn Vater?«

Lavar biss die Zähne zusammen. »Nichts. Ich tue das für mich selbst.«

»Ich habe schon Männer gesehen, die sich geschickter selbst belügen.« Brakas lächelte. »Das hier ist keine Mission für Euch. Wir gehen, um zu töten, damit wir selbst leben dürfen. Das hat nichts mit dem zu tun, was Ihr wollt.«

»Hast du auch in der Armee jeden Mann nach seinen Gründen befragt, wieso er deiner Truppe beigetreten ist?«

»Wenn es ein Kaisersohn gewesen wäre, hätte ich es getan.« Er wurde ernst. »Unsere Wege unterscheiden sich, Prinz.«

»Ich lasse dich …« Er griff an seine Schwertscheide.

»Töten?«, fragte Brakas. »Euer Vater sähe das ungern, glaube ich. Und Zeugen gäbe es ja genug.« Er strich einem der Flammenbeller über den Rücken. »Und die hier kann ich nicht länger zurückhalten, wenn ich tot bin.«

»Du weißt nicht, um was es für mich geht. Mein Vater lässt einen Jungen aus den südlichen Königreichen in den Palast kommen, weil er meiner überdrüssig ist.«

»Dieser Junge soll Euch ersetzen als seinen Sohn? Glaubt Ihr das wirklich?«

Lavar zog sein Schwert. Stille legte sich über den Platz. Die Kämpfenden ließen die Waffen ruhen, und die Schmiede hielten in ihrer Arbeit inne.

»Du bist ein Söldner. Es ist, wie Vater sagt. Von Blut und Tod verstehst du etwas.« Er richtete die Schwertspitze sehr langsam auf Brakas’ Hals. »Aber von nichts anderem.«

Brakas legte eine Hand um die Klinge. Ein einzelner Blutstropfen rann die Schneide herab. »Ja. Das ist meine Welt. Bleibt in Eurer, Prinz.«

Ein schwaches Glühen entstand, das Eisen zischte, und zwischen Brakas’ Fingern quoll geschmolzenes Metall hervor. Er ließ die Klinge langsam los.

Lavar starrte auf die Waffe. Die vordere Hälfte hatte sich in ein Stück Butter verwandelt, das in der Sonne schmolz.

Er ließ die Waffe fallen und musterte Brakas. »Das wirst du mir bezahlen. Glaub mir.«

Dann ging er davon und hielt die Tränen so lange zurück, bis er außer Sichtweite der Männer war.

Kapitel 10:
EIN SCHATTEN

»Was machst du da oben?«, fragte Lenia.

Nairod saß auf dem Stadttor, einem kaum mehr als drei Meter hohen Torbogen aus weißem Gestein. Die Beine ließ er herabbaumeln, und direkt unter seinen Füßen zogen die Schüler zur Akademie. Nur Lenia hielt inne und sah hoch zu ihm.

»Ich will dir eigentlich nur Lebewohl sagen.« Seine Worte gingen in dem allgemeinen Gemurmel der Schüler fast unter.

»Komm runter«, rief Lenia ihm zu. »Was hast du vor?«

»Komm du doch hoch.« Er zeigte auf eine Stelle im Mauerwerk mit Fugen und losen Steinen.

Lenia machte ein entrüstetes Gesicht und verließ den Strom der jungen Männer und Frauen in der Uniform der Akademie. Mit leidlichem Geschick erkletterte sie die Mauer. Nairod nahm ihre Hand und zog sie zu sich. Sie blieb neben dem Bogen auf dem flachen Mauerwerk sitzen. »Nun? Wir kommen beide zu spät … Gut, du vielleicht nicht, wenn du sowieso vorhattest, gar nicht zu kommen.« Unter ihnen ebbte die Menschenflut ab. Nur noch einige Nachzügler rannten mit halb zugeknöpften Jacken den anderen nach. »Was hast du vor? Was hast du gestern Abend überhaupt entdeckt? Du hattest es ziemlich eilig, von der Bibliothek wegzukommen.«

»Ich kann dir alles erzählen, aber dann kommst du zu spät.« Er hob einen Mundwinkel.

Sie sah den Schülern nach, die über den Gebirgspfad zum Akademiegebäude strömten. »Erzähl.«

Nairod zog die Seite aus der Tasche, die er in der verbotenen Bibliothek gefunden hatte. Als er sie auseinanderfaltete, bröckelte das Pergament wie Stein. Er zeigte zuerst die beschriebene Buchseite, dann die Rückseite mit der daraufgekritzelten Notiz. »Eine Botschaft, aber mit Sicherheit nicht vom Autor des Buchs. Sondern von einem gewissen Ariman, der die andere Hälfte meines Buchs besitzt.«

Lenia wollte ihm die Seite vorsichtig abnehmen, aber er hielt sie fest. Sie beugte sich zu ihm herüber und las. »Hm, er wohnt in Weißhügel. Und er bittet alle, die ihm Hinweise auf den Verbleib der ersten Hälfte geben können, sich bei ihm zu melden.«

»Du kennst nicht zufällig jemanden, der sich Ariman nennt?«, fragte er.

»Den Namen habe ich schon einmal gehört, irgendwo. Aber es sagt ja keiner, dass es nicht mehrere Arimans auf unserem Kontinent gibt und ich von irgendeinem anderen gehört habe. Weißhügel jedenfalls liegt östlich von hier, einige Tagesreisen entfernt. Eine Händlerstadt, ein Umschlagpunkt für Waren, sogar aus dem Osten.«

»Allzu viele Bewohner gibt es dort wahrscheinlich nicht.« Er blickte über die morgendliche Silhouette der Stadt. Rauch stieg aus nahezu allen Schornsteinen.

Lenia stupste ihn an. »Nairod? Du willst nach Weißhügel reisen? Sieht dein Rucksack deswegen heute ausnahmsweise so voll aus?«

Als er sich des Gewichts auf seinem Rücken wieder bewusst wurde, schwankte er gefährlich auf dem schmalen Torbogen. »Töpfe, Rationen, ein Schlafsack … Das, was man so braucht, wenn man günstig reisen und nicht alles unterwegs kaufen will.«

»Du weißt doch überhaupt nicht, wann diese Nachricht geschrieben und wann sie in die Bibliothek gelegt wurde. Dieser Ariman hat vielleicht vor drei Jahrhunderten gelebt.«

Er steckte die Notiz wieder ein. »Das Risiko nehme ich in Kauf.«

Lenia runzelte die Stirn. »Was hast du denn dort vor? Du willst das ganze Buch haben, und Ariman doch sicher ebenfalls.«

»Wahrscheinlich. Aber es ist seltsam. Wenn dieser Mann, der das Buch geschrieben hat, tatsächlich eine Formel für seine Unsterblichkeitsmagie entdeckt hat, dann müsste die doch im zweiten Buchteil niedergeschrieben sein. Ariman bräuchte meinen Teil des Buchs gar nicht.«

»Nairod.« Lenia sah ihn an. »Hast du schon einmal daran gedacht, dass es vielleicht gar keine Zauberformel gibt? Ariman ist womöglich nur ein Sammler alter Schriften, und er hätte das Buch einfach gerne vollständig.«

»Oder es gibt Hinweise im ersten Teil, die für die Formel wichtig sind. Es kann doch sein, dass er die Formel nicht niedergeschrieben, sondern wie ein Rätsel in dem Buch verborgen hat, so dass man jede einzelne Seite braucht, um sie zusammenzusetzen.«

»Schau mich an.«

»Hm?«

»Du hast Ringe unter den Augen. Sag mir nicht, dass du die ganze Nacht …«

Nairod rieb sich über das Gesicht. Eine schwache Erinnerung des Rauschs, der ihn beim Lesen erfasst hatte, hallte durch seinen Körper. Aber auch die Müdigkeit kehrte bleiern in seine Glieder zurück. Er spannte die Muskeln an und hielt sich aufrecht. »Ich werde weitersuchen, zwischen den Zeilen. Irgendwann finde ich etwas. Ich will vorbereitet sein, wenn ich Ariman begegne.«

Lenia seufzte. »Eigentlich wollte ich nur, dass du etwas öfter in die Akademie kommst. Ich habe gedacht, ein spannendes Buch über die Magie könnte dich dazu bewegen. Aber jetzt gehst du einfach weg.«

»Vielleicht komme ich ja wieder.«

»Was heißt denn vielleicht? Das ist sehr ermutigend.«

»Heh«, sagte er. »Ich danke dir, dass du mir geholfen hast. Das war ziemlich nett. Hätte sonst sicher keiner gemacht. Aber jetzt muss ich eben sehen, wie ich allein weiterkomme.« Er hob die Hand zu einer Abschiedsgeste.

Schließlich ließ er sich vom Torbogen hinuntergleiten und sprang auf die Straße hinab. In seinem Rucksack rasselte es. Er hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten.

»Warte.« Lenia rutschte von der Mauer und kletterte ebenfalls hinunter, bis sie ihm gegenüberstand. »Wissen deine Eltern davon?«

Er sah zur Seite. »Unsinn. Meine Mutter glaubt, ich würde ein großer Zauberer werden. Sie weiß nichts davon, dass ich nur eine Begabung habe. Ich gebe ihr einen Grund zur Freude, wenn ich mit der Formel zurückkehre.«

Lenia stellte ihren Ranzen ab. »Dann bin ich ja jetzt die Einzige, die Bescheid weiß. Und niemand hat dir etwas auf die Reise mitgegeben.«

»Wie gesagt, meinen Schlafsack habe ich und auch alles andere, was ich brauche.«

Lenia nahm etwas aus ihrer Tasche. Sie barg es in ihrer Faust und streckte Nairod die geschlossene Hand entgegen. Zwischen den Fingern leuchtete es blau. Zögerlich streckte er seine eigene Hand aus. Lenia öffnete ihre, und das blaue Leuchten fiel heraus. Auf Nairods Handteller lag ein kleines Gebilde. Winzige, sandkorngroße Kristalle bildeten ein Nest, aus dem eine größere, ineinander verästelte Kristallform wuchs.

»Ein Machtkristall?«, fragte er.

»Ein kleiner.« Lenia lächelte. »Er zerbricht natürlich, wenn du ihn benutzt. Aber er kann die Kraft deiner Magie verdoppeln. Trotzdem ist er natürlich nichts im Vergleich zu den teuren, die so groß sind wie deine Faust.«

»Der hier war sicher auch nicht gerade billig.« Nairod drehte den Kristall und besah ihn sich von allen Seiten. Das Leuchten in seinem Innern war kräftig und intensiv.

»Das weiß ich nicht. Er ist ein Geschenk gewesen. Jetzt schenke ich ihn dir. Aber …«, sie legte ihre Hand über den Stein, so dass sein Schein verdeckt wurde, »… du musst mir versprechen, dass du ihn nicht für Unfug benutzt. Dafür habe ich ihn dir nicht gegeben. Du benutzt ihn nur, wenn es nicht anders geht.«

»Klar.« Nairod schloss die Hand um den Kristall. »Ich wäre ziemlich dumm, so ein Geschenk zu verschwenden.«

»Gut.« Lenia setzte sich ihren Ranzen wieder auf. Ehe er es sich versah, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann eilte sie durch das Stadttor davon, Richtung Akademie.

Er streckte die Hand aus. Zu spät.

Hastig zog er sie zurück und strich sich über die Wange.

Nairod machte sich auf den Weg durch die Straßen der Stadt, den Kristall sicher gepolstert im Rucksack zwischen Socken und Decken. Erst jetzt wurde er sich des Gewichts auf seinen Schultern richtig bewusst. Mit jedem Schritt schien der Rucksack schwerer zu werden.

Außerhalb der talwärtigen Stadtmauern wartete bereits seine Reisegelegenheit, ein griesgrämiger Tonwarenverkäufer, dessen Name, Grim, zu seinem Äußeren passte. Sein Fuhrwerk stand abseits der Straße, und er selbst lehnte pfeiferauchend an einem Felsen. »Rein mit dir in den Wagen, Junge, meine Pferdchen warten schon«, meckerte er. »Gib mir den Rucksack.«

Nairod schnallte sich das Gewicht mühsam vom Rücken, und Grim griff zu. Der Rucksack zog ihn zu Boden. Klappernd landete das Gepäckstück auf dem felsigen Untergrund. Grim verrutschte die Pfeife im Mund. »Was ist da drin?«

»Ausrüstung. Proviant. Für eine lange Reise.«

»Schön.« Grim zog an seiner Pfeife. »Ich muss dir nur sagen, dass diese lange Reise nicht auf meinem Wagen stattfinden wird. Pack die Hälfte von deinem Zeug aus, dann sehen wir weiter.«

Nairod verkniff sich eine bissige Antwort. »Ist das dein letztes Wort?« Leider brauchte er den Mann und seinen Wagen.

»Du hast noch etwas Zeit zum Auspacken. Dann fahre ich los.«

Eine halbe Stunde später kletterte Nairod in den mit einer Plane überspannten Wagen. Die Ladung bestand aus irdenen Krügen, Töpfen und kleine Tierstatuetten. Die meisten wurden von Decken an ihrem Platz und voneinander ferngehalten. Einige größere Gefäße musste Nairod allerdings festhalten, als der Wagen anfuhr, damit sie nicht über die Ladefläche purzelten.

Sicher, Grim nahm mit, was er wollte. Für den Passagier galten andere Regeln. Er hatte Kochgeschirr und Werkzeuge opfern müssen, ein Opfer, das sich hoffentlich lohnte.

Das Fuhrwerk fädelte sich auf der Straße ein, und Nairod blieb ein letzter Blick auf die Stadt in den Bergen. Jetzt ging es talwärts. Nach Osten. Immer nach Osten.

Er hatte den Tag auf der Ladefläche für sich. Und damit für Eikyuuno. Das Buch reiste in der Mitte seines Rucksacks mit, auf allen Seiten umhüllt und geschützt. Schon, als er es herauskramte, begann das Ruckeln des Wagens auf dem steinigen Weg nachzulassen. Sein ganzer Körper und sein ganzer Geist wurden von Wärme erfasst. Mit dem Aufschlagen des Buchs verschwand die Welt um ihn herum. Er kehrte zurück zu dem Glasknochenmann, der in seinen Gedanken lebendig wurde und sich in einem finsteren Arbeitszimmer den alchemistischen Forschungen widmete.

Aber da war noch eine Person. Es war, als wäre sie beim ersten Mal, als er das Buch wie ein Bühnenstück vor sich hatte ablaufen sehen, noch hinter dem Vorhang gewesen. Aber jetzt trat sie hervor. Eine Frau, noch jung vom Gesicht her, aber wahrscheinlich dennoch doppelt so alt wie er. Sie half dem Glasknochenmann in seinem Labor, sortierte Schriften für ihn, schob die alchemistischen Apparaturen hin und her. Sie arbeitete im Schatten, im Hintergrund, immer halb unsichtbar. Vorne forschte der Glasknochenmann nach der Formel, erlebte Reisen und Abenteuer, aber sie …

Gegen Nachmittag rutschte ihm das Buch aus der Hand. Er tauchte wieder auf aus der Welt der Buchstaben. Seine Hände und Arme waren schwach. Eine unsagbare Anstrengung hallte in ihm nach, obwohl er nur dagesessen und gelesen hatte. Der Händler saß auf dem Kutschbock und schimpfte mit den Pferden oder mit sich selbst.

Mit seinen letzten Kräften brachte Nairod das Buch wieder an seinen Platz im Rucksack. Eine Decke herauszuholen überstieg seine Reserven. Er legte sich einfach auf das nackte Holz der Ladefläche, schloss die Augen und schlief ein. Seine Träume waren wüst und dunkel.

Jemand rüttelte ihn an der Schulter. Das bärtige Gesicht des Händlers war über ihm, sonst nur Finsternis. »Wir sind angekommen. Für heute.«

»Schön, dann kann ich ja weiterschlafen.« Nairod schob den Arm an seiner Schulter weg und drehte sich herum.

»Nein, Junge. Wer kostenlos mitfahren darf, der kann auch mal Wache stehen.«

Er stöhnte, setzte sich auf und rieb sich die verklebten Augen. »Wer will uns denn in den Bergen überfallen?«, fragte er.

»Sag du es mir, wenn du eine Runde gemacht hast. Ich hab da etwas gehört, ein bisschen talwärts von hier.«

Er gähnte und krabbelte schlaftrunken an dem Mann vorbei von der Ladefläche herunter.

Die ausgespannten Pferde steckten ihre Schnauzen in Futtereimer und mahlten mit ihren Kiefern. Dicht daneben brannte ein kleines Feuer und beleuchtete die karge Umgebung. Felsschollen überlappten einander, nur aus einzelnen Spalten wuchsen Büsche, die zu dieser Jahreszeit jedoch nur noch ein Geflecht blattloser Zweige waren.

Der Händler stieg vom Wagen und machte es sich auf einem Schlafsack neben dem Feuer bequem. »Könnte eine Felsenkatze gewesen sein.«

»Felsenkatzen haben ihren Namen nicht daher, dass sie in felsigen Gegenden hausen. Sie selbst bestehen aus Felsgestein, deshalb heißen sie so.«

Der Mann knabberte an einem Brotkanten. »Der Zauberer hat seine Hausaufgaben gemacht. Wenn du so gut Bescheid weißt, dann hol jetzt deinen Zauberstab raus und geh die Gegend ab.«

Nairod presste die Lippen aufeinander. »Kein Zauberer benutzt einen Zauberstab. Die sind für die Allerjüngsten und sollen sie nur in ihrem Glauben an die Magie bestärken. Nach dem ersten Jahr nimmt man sie ihnen ab, zeigt ihnen, dass sie auch ohne Stab zaubern können, und erklärt ihnen, dass der Zauberstab keinerlei praktischen Nutzen hatte.« Er schüttelte den Kopf und stieg zurück in den Wagen, um an seinen Rucksack zu kommen. Daraus zog er einen metallenen Knüppel. »Das hier ist mein Zauberstab«, sagte er und klopfte mit dem Kopf des Knüppels auf seine Handfläche. »Bis gleich.«

Er hatte bei einem der Schmiede Felsmunds nach einer günstigen Waffe gefragt, aber mit seiner geringen Barschaft waren selbst die simpelsten Gerätschaften unerschwinglich gewesen. Also hatte er den Schmied kostenlos um das Ergebnis einer missglückten Übung seiner Lehrlinge erleichtert. Wenn man es sich wohlwollend besah, hätte es einmal eine Axt werden können. Vielleicht auch ein Schwert. Aber eigentlich war es nur ein Stück Eisen, das in einem Kopf mit vielen Kanten endete. In jedem Fall hatte er für das Monstrum sein Kochgeschirr daheimgelassen.

Nairod schulterte die schwere Waffe und verließ den Schein des Lagerfeuers.

Er ging zuerst die obere Straße ab, wo die Büsche etwas dichter standen. In den kahlen Zweiggerippen stocherte er etwas herum, dann ging er in einem Bogen um das Lager. Er blieb immer so weit auf Distanz, dass der Händler glauben konnte, er mache wirklich eine weite Runde.

Unten gab es wiederum nackten Stein und nackte Büsche. Wo die Felsen aufragten, balancierte er von Spitze zu Spitze, um sich die Zeit zu vertreiben. Er kam an einem weiteren Busch vorbei. In den dornigen Zweigen hing etwas. Er hielt an und stolperte beinahe durch das Gewicht auf seinen Schultern. Der Fetzen einer Uniformjacke bewegte sich leicht im Wind.

Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Er wuchtete seine Keule von der Schulter, hielt sie beidhändig im Anschlag und drehte sich nach allen Seiten. »Komm raus, Kätzchen«, flüsterte er, und, etwas leiser: »Vielleicht aber auch besser nicht …«

Nichts geschah.

Er beugte sich zu dem Jackenfetzen herab. Der gleiche Stoff und die gleichen Knöpfe wie bei den Uniformjacken der Akademie. Aber wenn es hier wirklich eine Felsenkatze gab, die Beute riss, dann war es eigentlich egal, wen sie vor ihm erwischt hatte.

Er zog den Kleiderfetzen aus dem Gebüsch und sah nach oben, wo der Lagerfeuerschein schwach die Silhouette des Fuhrwerks nachzeichnete. Einige Meter über ihm am Hang bewegte sich etwas. Ein Wesen. Es näherte sich dem Wagen.

Nairod duckte sich und schlich ihm nach, einige Meter abseits. Er versuchte, es zu überholen, ohne dass es ihn bemerkte. Unter seinen Füßen knackte ein Zweig, und ein Stein knirschte. Das Wesen blieb stehen, drehte sich um und kam auf ihn zu. Nur noch wenige Meter.

Aus reinem Instinkt riss er die freie Hand hoch und leitete Magie hindurch. Nutzlos. Natürlich. Aber plötzlich wurden die Schatten der Nacht tiefer und dunkler. Bis auf wenige Meter Entfernung verschmolzen die Gesteinsschollen miteinander. Auch die Sterne am Himmel dämpften ihr Leuchten, und das Feuer am Fuhrwerk verschwand in völliger Finsternis. Eine dumpfe Schwäche wollte ihn zu Boden ziehen.

»Nairod!«, rief jemand durch die Schwärze, und sie wich so schnell, wie sie gekommen war. Die Sterne schienen hell auf eine Gestalt dicht vor ihm. Er hob den Knüppel – und ließ ihn wieder sinken.

»Wer bist du? Woher kennst du meinen Namen?«

»Ich kenne deinen Namen, weil du ihn mir genannt hast, als wir uns kennengelernt haben. Das ist schon ein paar Monate her.«

Im nächsten Moment schalt er sich selbst einen Narren.

Die vage Silhouette verwandelte sich in eine Mädchengestalt. Ein Rock, der bis zu den Knien reichte. Ein viel zu voll gestopfter Rucksack.

»Lenia?« Er schüttelte fassungslos den Kopf. »Fast hätte ich dir eins mit meinem Totschläger übergezogen.«

»Ich hätte mich schützen können, mit einem Schildzauber. Schon in Ordnung.«

»Schon in Ordnung? Nichts ist in Ordnung. Was machst du hier?« Er ließ seine Waffe sinken. Knirschend rieb sich der Kopf an den Felsen, als Nairod sich auf das Ende des Griffs stützte. »Ach, ich hätte es wissen müssen. Deswegen hast du mich einfach gewähren lassen.«

»Eigentlich dachte ich, ich hätte mich ziemlich angestrengt.« Sie hakte die Daumen hinter die Trageriemen ihres Rucksacks. »Aber jetzt bin ich jedenfalls hier.«

»Wie bist du dem Wagen hinterhergekommen?«

»Hinterher? Ich war schon nach einer halben Stunde vor euch. Die Straße macht umständliche Windungen, aber zu Fuß kann man geradeaus übers Land.« Sie lächelte. »Deswegen bin ich hier.«

Er schnaubte. »Das sehe ich. Du willst also mit zu dem Mann, den du für längst verstorben hältst und der uns wahrscheinlich sowieso nicht helfen kann? Na, komm. Ich kann dich sowieso nicht aufhalten.«

Er ging voran zum Lager.

Der Händler lag neben einer glimmenden Feuerstelle in seinem Schlafsack. Lenia errichtete sich daneben mit einem eigenen Schlafsack ein Lager.

»Dann werde ich ihm morgen erklären müssen, wieso wir nun eine Mitreisende haben«, sagte Nairod mit Blick auf den schnarchenden Alten.

Lenia hielt inne beim Ausrollen ihres Schlafsacks. »Willst du nicht vielleicht vorher selbst hören, wieso ihr nun eine Mitreisende habt?«

»Nein.« Nairod rieb sich die Augen. »Ich bin müde, und es ist mir sowieso egal.«

Kurz darauf lag er in seinem Schlafsack, und der dicke Stoff hüllte ihn mit seiner wohligen Wärme ein. Die letzten Stückchen glimmendes Holz warfen ein schwaches Glühen auf Lenias Gesicht. Nairod schloss die Augen, aber nach einer Weile öffnete er sie wieder. Lenia sah ihn an.

»Mach endlich die Augen zu«, sagte er.

»Selber«, entgegnete sie.

Er drehte sich zur Seite, so dass er nur noch die finsteren Berge im Blick hatte und das schwache Knistern des Feuers im Ohr.

»Nairod?«

»Hm?«

»Was war das für ein Schatten da vorhin?«

Er drehte sich halb zu ihr um. »Keine Ahnung. Wovon sprichst du?«

»Als wir uns begegnet sind. Da ist es für einen Moment dunkel geworden. Das ganze Land war voller Schatten.«

»Klar, es ist Nacht. Da ist die Welt eigentlich ein einziger Schatten. Denk mal drüber nach, das kannst du doch so gut.«

Ein Moment Schweigen.

»Das habe ich nicht gemeint, Nairod.«

Er schloss die Augen.

Ich weiß, dachte er.

Kapitel 11:
DER BRENNENDE TOD

Raigar schloss seine eiserne Faust um Vicolds Arm und riss ihn zurück. Der Messermann stürzte hintenüber in die feuchten Tannennadeln. Vor ihm stand der Adelsjunge, stocksteif und mit großen Augen. Die Hände krampfte er um etwas zusammen, das ein Buch sein konnte. Unter einem schmutzigen Reisemantel trug er einen zweiten, weißen Mantel, auf dessen Knöpfen im schwachen Licht Edelsteine funkelten. Auch an den Schnallen seiner Schuhe blitzte es.

Raigar stand ihm für lange Sekunden gegenüber.

Inzwischen rappelte Vicold sich auf, dass die Tannennadeln spritzten.

Von hinten brachen die Schatten der restlichen Männer durchs Dickicht.

»Du hast nicht wirklich versucht, diesen Jungen zu töten, oder?«, fragte Raigar. »Sag mir, dass es nicht so ist, wie es aussieht.«

Schnaubend und spuckend kam Vicold wieder auf die Beine, die Messer noch immer in den Händen. »Ich sag dir, wie es ist: Diese Leute sind unsere Feinde. Es sind genau die, die unseren Tod beschlossen haben. Und du verteidigst sie.«

Die ankommenden Männer blieben in einigen Schritten Entfernung stehen. Raigar drehte sich um und wechselte Blicke mit ihnen, bevor er sich wieder zu Vicold umdrehte. »Du hast einen der Soldaten und einen Priester getötet.«

»Den Priester eines Gottes, der ebenfalls lange tot ist.« Vicold ließ die Messer langsam in die Scheiden zurückgleiten.

»Niemand sollte sterben. Das war der Plan.« Raigar streifte seine Panzerhandschuhe ab. Sie klirrten auf dem Boden gegeneinander. »Die anderen haben sich daran gehalten, die Soldaten liegen nur ohnmächtig auf der Straße.«

»Und? Wollen die anderen etwas dagegen tun, dass ich mich nicht daran gehalten habe?« Der Messermann sah in die Runde.

Allerorts senkten Männer die Köpfe auf blickten zu Boden.

Vicold grinste. Es war das erste Mal, dass er das tat. Er kam so nah an Raigar heran, dass sich ihre Gesichter beinahe berührten. »Was sollen wir deiner Meinung nach mit dem Jungen machen?«

Der Kleine stand noch immer da, als hätte ihn ein Zauberspruch erstarren lassen. Raigar schob Vicold zur Seite. »Wir nehmen ihn als Geisel. Dank der Morde, die du begangen hast, wird der Kaiser sich nun noch mehr anstrengen, uns zu erwischen. Aber so haben wir etwas, das wir ihm im Notfall zum Tausch für unser Leben anbieten können.«

Einzelne Männer nickten. »Binden wir ihn«, sagte Steinchen und kam mit einem Seil heran.

Schon aus der Ferne sah Raigar den Rest der Gruppe. Sie turnten auf der Kutsche herum wie eine wilde Affenhorde. Einer schnitt pfeifend die Zügel der Pferde am Kutschbock durch, um sich dann auf eines der Tiere zu schwingen und wilde Runden zu drehen, bei denen der Schlamm nach allen Seiten spritzte. Adler und Rattenfinger standen auf dem Dach und sägten gemeinsam mit Messern an der goldenen Kronenverzierung herum. »Gleich haben wir’s, ne?«, sagte Rattenfinger.

Schweigend ging Raigar neben Vicold her. Sie erreichten das Heck der Kutsche, wo ein paar Männer um den Roten Ronald, einen Axtkämpfer mit rotem Haar und Bart, die Ladeluke geknackt hatten. Die Luke lag zertrümmert neben den Hinterrädern. Währenddessen zogen die Männer aus dem Laderaum, was sie konnten: Eine Gepäckkiste platschte auf die nasse Straße und bewarf die ohnehin schmutzstarrenden Hosenbeine mit noch mehr Schlamm. Ronald jonglierte unterdessen mit einigen Goldmünzen, die er sonst woher hatte.

»Lässt sich die Beute schon abschätzen?«, fragte Vicold ihn.

Roland entglitten zwei der Münzen und fielen in den Schlamm, wo sie sich im Matsch verloren und unsichtbar wurden. »Oh«, sagte er. »Das Gold reicht auf jeden Fall für ein kleines Stückchen Land.« Er zeigte auf eine der Gepäckkisten.

Vicold fasste Raigar ins Auge. »Dann lass uns mal sehen, ob dein Plan aufgegangen ist.«

Raigar spürte einen Blick auf sich ruhen.

Es war der Junge. Stumm stand er nur wenige Meter hinter ihm. Seine Kleidung umgab ihn wie ein Stoffknäuel unter der wirr geschlungenen Seilfessel. Die blauen Augen starrten Raigar an. Er musste sich zusammennehmen, um sich wieder umdrehen zu können.

Aus einer kleinen Truhe funkelte es golden und silbern. Vicold nickte anerkennend. »Das sieht vielversprechend aus.«

Raigar beugte ein Knie und ließ die Münzen durch die Finger rinnen. Mehr Silber als Gold. »Es reicht für einfache Kost. Wenn wir bald einkaufen, bevor alle Siedlungen über uns informiert sind, dann können wir Vorräte anlegen.«

»Und wie sollen wir die Vorräte transportieren?«, fragte Vicold. »Ich würde sie von dir schleppen lassen, aber bei Verpflegung für zwei Wochen würdest du ziemlich schnell tot zusammenbrechen, und niemand hätte mehr etwas davon.«

»Wir nehmen einfach die Kutsche, ne?«, rief Rattenfinger von oben herab.

»Zu auffällig. Und zu langsam«, befand Vicold.

»Aber wir haben die Pferde.« Raigar zeigte auf eines der Kutschentiere, das von seinem Reiter gerade in wildem Galopp über die Straße getrieben wurde.

Vicold verharrte einen Moment, dann nickte er. Neben ihm stieg Adler von der Kutsche und hielt triumphierend die Kronenverzierung in der Hand. Rattenfinger setzte sein Messer schon an den Goldbeschlägen des Wagens an und versuchte, Stückchen herauszuhebeln. »Gut, wir haben wirklich alles bekommen, was wir brauchen.« Der Messermann spazierte um den Wagen herum. Raigar blieb neben ihm.

»Sogar noch mehr. Pferde zum Transport und eine Geisel.«

»Ach ja, die Geisel.« Vicold blickte durch die herausgerissenen Türen der Kutsche hindurch. Innen saßen und standen Männer, zogen Vorhänge herunter und zerrten an den Polstern. Der Rote Ronald bekam eine kleinere Kiste zu packen, die unter die Sitze geschoben worden war. Er hob seine Axt, um das Schloss zu knacken.

»Liegenlassen«, befahl Vicold. »Du weißt nicht, in was du da reinhackst. Wenn sie verschlossen ist, dann befragen wir unser kleines Bürschchen danach, wie wir sie aufbekommen.« Er wandte sich wieder an Raigar. »Wegen dem Bürschchen wollte ich ja mit dir reden.«

»Aha?«

Im Vorbeigehen strich Vicold wie gedankenverloren an der Kutsche entlang. »Ich habe mich schon gefragt, weshalb du die Idee hattest, diese Reisegesellschaft zu überfallen, wo du doch sonst so friedlich sein willst wie ein Lamm.«

Raigar schlug die Faust in das Holz der Kutsche vor Vicolds Gesicht. Späne splitterten weg. Sein Arm blockierte Vicold den Weg. »Mit den zwei Toten heute habe ich nichts zu tun. So, wie wir es mit den drei Überlebenden jetzt machen, hätten wir es mit allen machen können: Sie fesseln und hier zurücklassen.« Direkt neben ihnen lag der Ritter im Schlamm, den Vicold mit schnellen Stichen niedergemacht hatte. Nur zwei dünne Löcher in der Rüstung kündeten von Waffengewalt. Die drei anderen Ritter rollten sich gefesselt und geknebelt am Straßenrand herum. »Sie können uns weder folgen noch in absehbarer Zeit Truppen informieren.«

Vicold lachte leise. »Ich wollte nur mein Erstaunen über deinen Sinneswandel zum Ausdruck bringen. Und nun nimmst du auch noch eine Geisel. Ich habe dich vielleicht falsch eingeschätzt.«

Raigar atmete so ruhig, wie er konnte. »Das wolltest du auch nur anmerken?«

»Genau. Und die Geisel, also, dieser Junge, er gehört dir. Du hast vorgeschlagen, ihn mitzunehmen, also bist du für ihn verantwortlich.«

»Damit kann ich leben.« Raigar ging davon, auf die andere Seite der Kutsche.

Steinchen bewachte noch immer das menschliche Paket, das er geschnürt hatte. »Ich kümmere mich jetzt um ihn«, sagte Raigar. Widerwillig räumte der alte Weissager das Feld.

»Hast du Vicold zugehört?«, fragte Raigar.

Der Junge stand da mit leerem Blick, als habe er sich in Gedanken an einen besseren Ort geflüchtet.

»Wenn das ein Nein ist, dann gut. Dieser Mann ist ein Mörder und ein Tor. Niemand sollte ihm zuhören.« Raigar steckte die Hände in die Taschen. »Kleiner Mann, ich bin jetzt für dich verantwortlich. Dafür, dass du nicht davonläufst.«

Der kleine Mann lief nicht davon.

Er sprach auch nicht. Nicht einmal, um nach Essen oder Wasser zu verlangen. Tagelang.

Raigar musste dem Jungen Schwarzbrot und Walnüsse erst unter die Nase halten, bevor er sie aß. Vorräte hatten sie sich in den Tagen nach dem Überfall auf Höfen zusammengekauft. Sie hatten sich als reisende Pilgergruppe ausgegeben – die meisten der Männer hatten ihr Äußeres nicht sonderlich verändern müssen, um als Büßer durchgehen zu können, die in abgerissener Kleidung und im Schweiße ihres Angesichts Abbitte leisteten.

Viele Bauern gaben gern von ihren Vorräten, und Raigar dankte es ihnen mit den Schätzen, die einmal dem jungen Adligen gehört haben mochten. Der aber starrte seit dem Tag des Überfalls nur stumm vor sich hin. Möglicherweise war er auch schon sein ganzes Leben lang stumm – und taub dazu, auch das war möglich.

Die Männer hatten mehr als nur einen Namen für ihn. Er hatte seine Kleider noch nicht wechseln dürfen und trug weiterhin den Mantel mit den Edelsteinknöpfen und die Schuhe, deren Schnallen ebenfalls mit Steinen besetzt waren. So war er der Funkelknabe, Sternenglanz und nicht zuletzt Prinzessin Zauberschuh.

Aber auch auf diese Spottnamen reagierte er nicht. Er blieb still und stumm. Nur manchmal, nachts, da sah Raigar eine Träne auf seiner Wange.

Die mysteriöse Kiste wurde von einem bemitleidenswerten Pferd getragen. Ein dicker Söldner, den sie wegen seines Wanstes, wie ihn sonst nur die Reichen hatten, den Junker nannten, hatte versucht, die Truhe mit einem Messer aufzuhebeln, aber Vicold hatte ihn zurückgehalten. Er rechnete mit ausgeklügelten Fallen, etwa giftigen, konzentrierten Pilzgasen oder einer detonierenden Substanz, die die Beute wertlos machen würde. Da sie es nicht eilig hatten, blieb die Kiste auf den Pferderücken geschnallt, und das Tier musste sich weiter damit abmühen.

Mit solchen Nebensächlichkeiten konnten sie sich nur beschäftigen, weil jeglicher Hinweis auf Verfolger ausblieb. Eine Woche verging ereignislos, dann noch eine. War der Tross die ersten Tage noch im Wald gereist und hatte die Straße durch Späher im Auge behalten, so reisten die Männer jetzt sämtlich auf der Straße. Lediglich zwei, drei blieben immer zurück und beobachteten, wer die Straße außer ihnen noch benutzte. Raigar meldete sich gerne für diesen Dienst – unter den Söldnern gab es niemanden, der mit ihm zusammen im Osten gedient hatte und mit dem er auf irgendeine Art verbunden gewesen wäre. Es wurden Witze gerissen, die er nicht verstand, und die Hälfte der Krieger scharte sich ohnehin um Vicold. Mehr von ihnen trugen jetzt Waffen hinter den Gürteln, die sie den Kutschenwächtern zu verdanken hatten. Scharfe Schwerter aus einer Adelsschmiede. Waffen, die, selbst ohne viel Geschick geschwungen, mit einem Streich den Tod bringen konnten. Raigar hielt sich von ihnen fern.

Nur an den Abenden saßen sie alle zusammen und hatten Hoffnung in den Augen.

Bis zu diesem einen Abend.

Die Ställe eines Bauern boten ihnen Unterschlupf, und Raigar hatte sich zusammen mit anderen den Kuhstall ausgesucht. Er saß abseits an einen Pferch gelehnt, zusammen mit der Geisel. Die restlichen Söldner hatten die Augen schon längst geschlossen, und ihr Schnarchen vermischte sich mit dem regelmäßigen Muhen der Kühe.

In seiner Hand hielt Raigar das Buch des Jungen. Es erzählte von den Abenteuern eines heldenhaften Recken. Marduk war ein Ritter, der seine viel zu schwere Eisenrüstung nie ablegte, keine Angst kannte und nie den Abort aufsuchen musste. Jedenfalls wurden diese Teile seines Lebens in der Erzählung ausgespart. Er lieferte sich atemberaubende Gefechte mit Raubrittern und bösartigen Zauberern, die keinen anderen Lebenszweck zu haben schienen, als einfach bösartig zu sein und gegen Ritter Marduk anzutreten.

Raigar legte das Buch nach der letzten Seite beiseite. Offenbar gab es noch mehr Geschichten über den strahlenden Helden.

Auf dem hölzernen Umschlag zeigte ein Schnitzwerk den Krieger umgeben von finsteren Gestalten, die zwischen den Baumstämmen eines Waldes lauerten. Raigar lächelte.

Der Junge saß neben ihm an der Wand, auf einem kleinen Strohhaufen.

Raigar hatte oft mit ihm gesprochen, so, wie ein einsamer Mann zu unsichtbaren Freunden oder zu Gott sprechen mochte. Gedanken, Eindrücke, Sinnloses.

Details

Seiten
424
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531647
Dateigröße
5.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318468
Schlagworte
eBooks Jugendbuch ab 14 Jahre fuer Jungen fuer Maedchen Fantasy Freundschaft Soeldner Game of Thrones Magie erste Liebe Helden Zauberei High Fantasy Sword and Sorcery Phantastik

Autor

Zurück

Titel: Magie der Schatten