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Spring, kleine Lulu!

Die schönsten Pferdegeschichten

2016 126 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

In fünfzehn einfühlsamen, spannenden und lustigen Geschichten erzählt Natascha Becker aus der Sicht von Ponys, Pferden und ihren kleinen Reiterinnen. Es geht um Freundschaft, Mut, spannende Erlebnisse und kleine Helden, um große Träume, erste Reitstunden und freche Ausreißer.

Das perfekte (Vor-)Lesebuch für kleine und große Pferdefreunde!

Über die Autorin:

Natascha Becker, Jahrgang 1971, war langjährige Chefredakteurin eines Gesundheitsmagazins. Sie arbeitet heute als Redakteurin, Buchautorin und Verlegerin in Hanau und ist Mutter einer erwachsenen Tochter.

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016  jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Philipp Bobrowski

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: Anke Reimann

ISBN 978-3-96053-007-7

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Natascha Becker

Spring, kleine Lulu

Die schönsten Pferdegeschichten

jumpbooks

Vom kleinen Ausreißer

Flöckchen stand auf der Weide, und die Strahlen der Mittagssonne wärmten ihm das helle Fell. Seine Mutter, eine wunderschöne weiße Stute, döste neben ihm. Flöckchen langweilte sich. Er war das einzige Fohlen der Herde, und niemand wollte heute mit ihm spielen. Die großen Pferde hatten keine Lust, sich von ihm fangen zu lassen. Und die übermütigen Junghengste blieben lieber unter sich.

Wenn ich doch jemanden zum Spielen hätte, dachte Flöckchen und sah sich um. Mit den anderen Pferden teilte er sich eine schöne, große Weide, auf der viele alte Apfelbäume standen. Hinter den Büschen hoppelten morgens und abends Häschen herum, und dann und wann schlichen die beiden Katzen Moritz und Mona über die Wiese. Ganz nah bei dem größten Baum der Koppel schlängelte sich ein kleiner Bach durch das saftige Gras. Dort stand Flöckchen manchmal und betrachtete sein Spiegelbild.

Langsam schlenderte er über die Weide. Alles war ruhig. Nicht einmal die Katzen ließen sich blicken. Flöckchen ging zum Zaun, der die Koppel von der angrenzenden Wiese trennte. Er schob seinen Kopf unter einer Holzlatte hindurch, denn auf der anderen Seite wuchs der leckere Löwenzahn. Das meiste hatten die Pferde schon weggefressen, deshalb machte Flöckchen seinen Hals ganz lang. Plötzlich erschrak er. Mit einem lauten Poltern landete die Holzlatte im Gras. Im unteren Teil des Zaunes klaffte nun ein Loch. Schuldbewusst sah sich Flöckchen um: Die anderen würden bestimmt mit ihm schimpfen, wenn sie sahen, dass er den Zaun kaputt gemacht hatte. Doch er hatte offenbar Glück gehabt. Alle dösten weiter vor sich hin.

Vorsichtig sah sich Flöckchen den Zaun genauer an.

»Vielleicht kann ich da ja durchkriechen. Dann könnte ich einen Spaziergang machen. Das wäre bestimmt aufregend!« Vorsichtig knickte Flöckchen die Vorderbeine ein und versuchte, sich unter der oberen Latte hindurchzuzwängen. Aber dafür war er leider zu groß. Er passte nicht durch die Öffnung. Flöckchen ging einen Schritt rückwärts, um seinen Kopf wieder zu befreien, da stieß er mit dem Hinterbein an etwas Weiches.

»Was hast du denn nun schon wieder angestellt? Kann man dich denn keine fünf Minuten aus den Augen lassen?«

Oje! Seine Mutter war also doch aufgewacht. Nun hatte sie ihn erwischt!

»Du machst noch den ganzen Zaun kaputt!«, schimpfte sie und stupste ihn sanft, aber bestimmt wieder zu den anderen. Flöckchen gehorchte kleinlaut.

Doch kaum war seine Mutter wieder eingedöst, drehte Flöckchen sich um und betrachtete das beschädigte Zaunstück. Die obere Latte hatte ziemlich gewackelt, als er seinen Kopf herausgezogen hatte. Vielleicht würde sie ja nachgeben, wenn man ihr einen kräftigen Tritt verpasste. Dann wäre der Weg frei und er könnte die Welt erkunden! Flöckchen beschloss, es in der Nacht einmal zu versuchen. Ich warte, bis alle im Unterstand schlafen. Der ist weit genug weg. Bestimmt hört mich keiner. Bis Mama morgen früh aufwacht, bin ich längst wieder da.

Den ganzen Nachmittag malte er sich aus, was er dort draußen Aufregendes erleben würde. Als es Abend wurde, kam der Bauer – gefolgt von den beiden Katzen – und fütterte die Pferde. Es gab leckeres, duftendes Heu, knackige Möhren und sogar etwas Hafer. Flöckchen trank wie jeden Abend vor dem Schlafen noch etwas Milch bei seiner Mutter und schmiegte sich dann an sie.

Schließlich spürte er, wie der Atem seiner Mutter im Schlaf langsam und gleichmäßig wurde, und auch die anderen Pferde waren bald im Land der Träume. Flöckchen wartete noch eine Weile, dann schlich er sich langsam und leise aus dem Unterstand. Er musste vorsichtig sein, denn die Pferde standen sehr dicht beieinander, um sich in der Nacht gegenseitig zu wärmen. Endlich draußen trabte Flöckchen zu der Stelle des Zaunes mit dem Loch. Er drehte sich um und versetzte der oberen Latte einen kräftigen Tritt mit den Hinterhufen. Das Holz krachte. Erschrocken lauschte Flöckchen in die Nacht. Hatte er jemanden mit seinem Lärm geweckt? Nein, alles blieb still. Er betrachtete sein Werk: Die Holzlatte war gesplittert und zwei Bretter hingen lose in den Seitenpfeilern. Geschafft – der Weg war frei!

Vorsichtig und mit klopfendem Herzen zwängte sich Flöckchen durch die Öffnung, sah sich noch einmal um und rannte los. Mit wilden Bocksprüngen galoppierte er über die Wiese in die Nacht hinein. Der Mond und unzählige Sterne erhellten die Landschaft, so dass Flöckchen genug sah, um kleinen Büschen ausweichen und flink über einen Bach springen zu können. Dann blieb er stehen und sah sich um. Stille lag über den Feldern und Weiden. Doch als er genauer hinsah und -hörte, bemerkte er, dass er nicht als Einziger um diese Zeit unterwegs war. Überall raschelte es in den Büschen und im Gras, aus dem Wald kamen unbekannte Geräusche.

Hier ist ganz schön was los, dachte Flöckchen verwundert. Bisher hatte er geglaubt, dass nachts alle Tiere schliefen. Und manche sogar tagsüber, denn die beiden Katzen lagen mittags oft stundenlang eingerollt auf den Strohballen. Flöckchen ging langsam ein paar Schritte weiter und lauschte. Plötzlich erschrak er fürchterlich: Ein lautes Fiepsen kam unter seinem Huf hervor! Ängstlich stieg er auf die Hinterbeine und wieherte.

»Jetzt beruhige dich mal«, hörte Flöckchen eine helle Stimme. Er schaute hinunter. Da saß eine kleine, graue Feldmaus und sah ihn zornig an. »Du bist schließlich mir auf den Schwanz getreten, du Trampel. Wenn hier jemand schreien darf, dann ja wohl ich!«

»Entschuldige«, sagte Flöckchen verwirrt. »Ich habe dich nicht gesehen.«

»Kein Wunder. Du hast ja auch nicht so tolle Augen wie ich. Warum treibst du dich eigentlich hier herum. Und auch noch in der Nacht?«

»Tja, weißt du …«, begann Flöckchen. Er fühlte sich jetzt wieder sicher und hob prahlerisch den Kopf. »Ich bin auf der Suche nach Abenteuern …«

»Tschüss, ich muss los!« Bevor Flöckchen antworten konnte, war die Maus wie ein Blitz auf und davon und in einem kleinen Loch im Boden verschwunden. Im selben Moment sah Flöckchen einen Schatten, der mit einem lautlosen Satz auf das Loch sprang, eine Weile verharrte und rief: »Das nächste Mal krieg ich dich. Verlass dich drauf!«

Helles Lachen aus den Tiefen des Bodens war die Antwort. Mit einem Fauchen löste sich der Schatten von dem Mauseloch und kam auf Flöckchen zu. Da erkannte Flöckchen Mona, die Katze. Bei Tageslicht leuchtete ihr Fell weiß, rot und dunkelgrau – deshalb wurde sie von den Menschen auch Glückskatze genannt. Jetzt aber konnte Flöckchen die Farbe ihres Fells kaum erkennen, dafür leuchteten ihre Augen wie kleine grüne Lämpchen in der Dunkelheit.

»Was machst du denn hier?«, fragte die Katze. »Weiß deine Mutter, dass du hier draußen bist?«

»Sie muss ja nicht alles wissen«, gab Flöckchen großspurig zur Antwort. »Ich kann schon ganz prima auf mich selbst aufpassen!«

Mona sah ihn zweifelnd an. »Na, ich weiß nicht. Du warst ja noch nicht einmal tagsüber hier draußen. Pass auf, dass du dich nicht verläufst.«

»Keine Sorge. Ich weiß schon, was ich tue«, sagte Flöckchen, machte einen kleinen Bocksprung und galoppierte übermütig davon.

Da hörte er über seinem Kopf ein flatterndes Geräusch. Er sah hoch und blickte in zwei große, freundliche Augen.

 »Wer bist denn du?«, rief er nach oben.

»Ich bin Selma, die schönste Fledermaus der Welt. Und du?«

»Ich heiße Flöckchen. Eigentlich Flocke. Aber alle nennen mich nur Flöckchen. Dabei bin ich doch schon fast erwachsen«, antwortete er und folgte der kleinen Fledermaus. Die flatterte munter weiter und schien sich über ihre neue Bekanntschaft zu freuen. Fröhlich plaudernd, jagten die beiden durch die Nacht. Ab und zu musste Flöckchen sich auf den Weg konzentrieren, denn sie waren inzwischen am Rand der Wiese angekommen. Gras und Büsche gingen allmählich in einen großen Wald über.

»Wie schaffst du es, den Bäumen so geschickt auszuweichen, ohne dass du überhaupt richtig hinsiehst?«, fragte Flöckchen seine neue Freundin bewundernd.

»Das ist ein Spezialtrick von uns Fledermäusen! Ich höre, wenn ein Hindernis im Weg ist, und fliege dann blitzschnell drumherum. Ich sende einfach ganz hohe Töne aus, und die kommen dann wie ein Echo wieder zurück und warnen mich. Die Menschen nennen das Ultraschall.«

»Aha«. Flöckchen war so beeindruckt, dass er für einen Moment nicht auf den Weg achtete und über eine Wurzel stolperte. Erschöpft blieb er stehen und sah sich um. Ringsherum war es nun stockfinster, denn das Laub der Bäume spannte sich wie ein Dach über ihnen und schirmte das Licht von Mond und Sternen ab. Leises Knacken, Zirpen und Fiepsen zeigte Flöckchen, dass auch im Wald nachts allerhand los war.

„Du, ich muss weiter. War schön, dich kennengelernt zu haben! Meine Familie wartet sicher schon auf mich. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder!“, sagte die Fledermaus und huschte zum Abschied noch eine Runde um Flöckchens Kopf.

„Ach schade! Bleib doch noch ein bisschen bei mir!“, rief Flöckchen, doch Selma war schon verschwunden. Er sah sich um. Wie lange war er schon unterwegs? Er wusste es nicht, so sehr hatte er sich in die Plauderei mit seiner neuen Freundin vertieft. Außerdem machte ihm jetzt, da er ganz allein war, der dunkle Wald Angst.

Besser, ich kehre um und gehe nach Hause, dachte Flöckchen. Ich gehe einfach den gleichen Weg zurück, den ich gekommen bin.

Doch das war leichter gesagt als getan. Vor Aufregung hatte er nicht auf den Weg geachtet. Und nun war er sich nicht sicher, in welche Richtung er gehen musste. Flöckchen überlegte eine Weile und ging schließlich einfach drauflos. So groß kann der Wald ja nicht sein, dachte er. Neben ihm knackten Äste in einem Gebüsch.

„Na, wen haben wir denn da?“ Vier grüne Augen funkelten ihn aus dem Gestrüpp an. Jetzt bekam es Flöckchen wirklich mit der Angst zu tun und galoppierte los.

„He, bleib doch stehen! Wir wollten dich nicht erschrecken!“, rief eine andere Stimme. Doch Flöckchen hörte sie schon gar nicht mehr. Er rannte wie wild davon und war kurz darauf im Dunkeln verschwunden.

Als Flöckchen endlich stehen blieb, klopfte sein Herz so laut, dass er dachte, jeder im Wald könne es hören. Er sah sich um und musste sich eingestehen: Ich habe mich verlaufen! Flöckchen zitterte – vor Angst und vor Kälte. Zuhause standen alle Pferde dicht beieinander und wärmten sich – hier war er ganz allein. Und Hunger hatte er auch – wie gern hätte er jetzt ein wenig Milch bei seiner Mutter getrunken! Traurig stand Flöckchen unter den Bäumen und sehnte sich nach seiner Familie, seiner Weide und nach dem gemütlichen Unterstand.

„Warum rennst du denn vor uns weg?“, fragte plötzlich jemand hinter ihm. Flöckchen drehte sich um. Da standen Moritz und Mona, die beiden Katzen. Jetzt erkannte Flöckchen auch die Stimme wieder, die ihn eben noch so sehr erschreckt hatte.

»Wo kommt ihr denn her?«, fragte er verblüfft. Gleichzeitig war er unendlich erleichtert, jemanden zu sehen, den er kannte.

»Wir dachten uns schon, dass du bloß Unsinn anstellst, wenn du so allein hier herumrennst. Deshalb sind wir dir hinterhergelaufen. Und wie’s aussieht, könntest du jetzt Hilfe brauchen, oder?«, antwortete Mona und legte den Kopf schief. Machte sie sich etwa über Flöckchen lustig?

Er war viel zu froh, um darüber nachzudenken: »Ja, ich fürchte, ich habe Mist gebaut. Könnt ihr mir den Weg nach Hause zeigen? Ich werde auch nie wieder von der Weide abhauen!«

»Komm mit!« Mit diesen Worten drehte sich Moritz um und lief lautlos davon. Flöckchen und Mona folgten ihm. Tatsächlich! Es dauerte nicht lange, und die drei kamen an den Rand des Waldes. Vor ihnen lagen wieder die Wiesen, und dahinter konnte man in der Morgendämmerung den Zaun der Pferdekoppel erkennen.

»Den Rest schaffst du ja wohl allein. Wir müssen sehen, dass wir noch ein paar Mäuse fangen, bevor es hell wird. Machs gut!«, sagte Mona und strich Flöckchen um die Vorderbeine.

»Vielen, vielen Dank! Ohne euch hätte ich bestimmt nicht zurückgefunden!« Flöckchen wieherte erleichtert und stürmte davon. Leise schlüpfte er durch das Loch im Zaun, trabte zum Unterstand und schlich zu seiner Mutter. Die schnaubte leise im Schlaf, als sich Flöckchen glücklich an sie schmiegte.

Sophies erste Reitstunde

An diesem Morgen war Sophie schon wach, bevor ihre Mutter kam, um sie zu wecken. Gleich, nachdem sie die Augen aufgeschlagen hatte und die ersten Sonnenstrahlen durch die Vorhänge am Fenster blinzeln sah, machte ihr Herz vor Freude einen Sprung. Heute war er da, ihr großer Tag. Endlich! Seit Wochen schon fieberte sie ihm entgegen. Heute Nachmittag würde sie zu ihrer ersten Reitstunde gehen.

Sophie wusste auch schon, welches Pferd sie reiten durfte. Comet, den lieben Braun-weiß-Gescheckten mit den sanften dunklen Augen. Fast jeden Tag hatte sie ihn in den vergangenen Wochen besucht und ihm eine Möhre oder ein Leckerli zugesteckt. Sie lächelte, als sie an sein warmes, glänzendes Fell dachte.

»Guten Morgen, mein Schatz. Du bist ja schon wach.«

Sophie hatte gar nicht bemerkt, dass ihre Mutter ins Zimmer gekommen war, die jetzt die orangefarbenen Vorhänge aufzog.

»Guten Morgen, Mama. Ich freu mich schon so auf meine Reitstunde nachher!«

Mit einem Satz sprang Sophie aus dem Bett und gab ihrer Mutter einen Kuss. Dann rannte sie ins Badezimmer und wusch sich – heute natürlich besonders gründlich, denn sie wollte sich Comet von ihrer besten Seite zeigen.

In der Schule konnte sie sich kaum auf den Unterricht konzentrieren. Zum Glück musste sie heute keine Arbeit schreiben, denn immer wieder verfingen sich ihre Gedanken bei Comet. Sie sah sich bereits auf seinem Rücken dahinschweben, spürte seine braune Mähne in ihren Fingern.

»Sophie, könntest du bitte den nächsten Abschnitt vorlesen?«

Sophie erschrak. Sie hatte in den letzten Minuten überhaupt nicht zugehört. Was sollte sie vorlesen? Glücklicherweise kam ihr Moni, ihre beste Freundin, rasch zu Hilfe. Sie legte ihren Zeigefinger auf den richtigen Absatz, damit Sophie wusste, wo sie anfangen musste. Das entging der Lehrerin nicht – schließlich kannte sie die Tricks der Zweitklässler. Doch Sophie war eine gute Schülerin und normalerweise sehr aufmerksam, deshalb drückte Frau Kleinschmidt ein Auge zu und tat so, als hätte sie nichts gesehen. Nach der Stunde aber, als alle Schüler lautstark ihre Sachen zusammenpackten, hielt sie Sophie zurück. »Warte mal ganz kurz.«

Sophie drehte sich um. Sie wusste sehr wohl, dass sie sich heute so gut wie gar nicht am Unterricht beteiligt hatte. Dabei machte ihr die Schule sonst eigentlich sehr viel Spaß.

»Ja, Frau Kleinschmidt?«, fragte sie deshalb etwas kleinlaut.

»Was war denn heute los mit dir? Irgendwie hatte ich den Eindruck, du warst nicht ganz bei der Sache.«

»Tut mir leid. Wirklich. Aber ich musste die ganze Zeit an heute Nachmittag denken. Da habe ich nämlich meine erste Reitstunde«, erklärte Sophie.

»Aha. Dachte ich es mir doch, dass dich irgendetwas beschäftigt!« Frau Kleinschmidt lächelte. »Ich kann mich noch gut an meine erste Reitstunde erinnern. Damals war ich auch ganz schön aufgeregt.«

»Oh, Sie können reiten?«, fragte Sophie erstaunt.

»Ja, ich habe sogar ein eigenes Pferd, eine weiße Stute. Sie heißt Sterntaler und steht auf dem Sonnenhof.«

Sophie riss die Augen weit auf. Natürlich kannte sie Sterntaler – ein wunderschönes Pferd mit seidig glänzendem Fell! »Wahnsinn!«, rief sie aus. »Auf dem Sonnenhof nehme ich auch meine Reitstunden. Ich reite auf Comet!«

»Das ist schön. Vielleicht sehen wir uns ja mal. Jetzt musst du aber los, deine Mutter wartet bestimmt schon mit dem Essen auf dich. Tschüss, Sophie!«

»Tschüss, Frau Kleinschmidt!« Strahlend schnappte sich Sophie ihren Ranzen und stürmte davon.

»Viel Spaß heute Nachmittag!«, rief ihr die Lehrerin noch nach, aber Sophie war schon auf den Gang geflitzt.

Selten hatte Sophie ihre Hausaufgaben so schnell erledigt wie an diesem Tag. Dabei sah sie immer wieder auf ihre rote Armbanduhr. Endlich war es Zeit zum Umziehen. Ihr Herz hüpfte vor Freude, als sie in die nagelneue, helle Reithose schlüpfte, die ihr Papa vor einer Woche gekauft hatte. Dann stieg sie in die schwarzen Reitstiefel, schnappte sich den Reithelm, der seit Weihnachten auf seinen ersten Einsatz wartete, und radelte den kurzen Weg zum Sonnenhof hinüber. Auf dem Hof und in den Ställen hörte sie schon von weitem fröhliche Stimmen und dazwischen aufgeregtes Wiehern und zufriedenes Schnauben der Pferde.

»Hallo, Herr Blum!«, begrüßte Sophie ihren Reitlehrer. Sie hatte ihn schon bei der Anmeldung vor zwei Wochen kennengelernt, und er hatte ihr und den Eltern den Hof gezeigt. Die Ställe mit den vielen Pferden und Ponys natürlich, die Sattelkammer, in der alle Sättel und Zaumzeuge ordentlich an der Wand hingen. Den Raum, in dem alles aufbewahrt wurde, was man benötigte, um die Pferde zu putzen und zu striegeln, die riesigen Ballen Heu und Stroh, die Futterkammer und natürlich die große Reithalle, an die ein gemütlicher Aufenthaltsraum grenzte. Durch ein großes Fenster konnte man von dort in die Halle sehen und dem Reitunterricht zuschauen. Auch Sophies Mutter wollte nachher vorbeikommen und die ersten Reitversuche ihrer Tochter sehen.

Doch bevor es so weit war, mussten die Pferde erst einmal gestriegelt und gesattelt werden.

»Ein guter Reiter kümmert sich um sein Pferd«, hatte Herr Blum bei der Anmeldung gesagt. »Deshalb lernst du bei uns nicht nur reiten, sondern auch, wie man ein Pferd richtig pflegt und sattelt.«

Jetzt ging Herr Blum mit Sophie zu Comets Box hinüber. Das Pferd streckte seinen braun-weiß-gescheckten Kopf über die Holztür und wieherte erwartungsvoll.

»Zuerst streifen wir ihm ein Halfter über«, erklärte Herr Blum. »Dann führen wir ihn in den Vorraum, binden ihn an und striegeln ihn. Zum Schluss schauen wir noch nach seinen Hufen. Wenn sie schmutzig sind, kratzen wir sie aus, sonst ist das Laufen für Comet keine Freude.«

Eifrig befolgte Sophie die ruhigen Anweisungen des Reitlehrers, auch wenn ihr im ersten Moment etwas mulmig zumute war. Schließlich war Comet wesentlich größer als sie! Doch das Pferd stupste sie nur freundlich an und blieb ansonsten still stehen.

Endlich war Comet frisch gestriegelt und gesattelt, und Sophie führte ihn in die Reithalle. Ihre Wangen glühten. Gleich würde sie zum ersten Mal im Sattel sitzen!

In der Mitte der Halle hielt sie Comet an, und Herr Blum zeigte ihr, wie man die richtige Länge der Steigbügel einstellte. Dann straffte er den Sattelgurt. »So, junge Dame. Dann sitz mal auf.«

Das war leichter gesagt als getan, denn Sophie hatte einige Mühe, den Fuß in den Steigbügel zu bekommen. Doch beim dritten Anlauf schaffte sie es. Sie zog sich am Sattel hoch und schwang das Bein über Comets Rücken. Dann nahm sie die Zügel so in die Hände, wie Herr Blum es ihr zeigte.

Der Reitlehrer band eine lange Leine, die Longe genannt wurde, an das Zaumzeug des Pferdes und ließ Comet langsam im Kreis gehen. Da es heute ihre erste Stunde war, ritt Sophie noch nicht in der Gruppe, sondern bekam Einzelunterricht.

Sophies Herz pochte, sie strahlte vor Glück.

»Schön gerade sitzen und die Fersen nach unten drücken«, sagte der Reitlehrer ruhig, und sie folgte gewissenhaft seinen Anweisungen. »Halte die Arme ganz locker angewinkelt und versuche nicht, dich am Zügel festzuhalten!«

Ganz allmählich fühlte Sophie sich sicherer. Die gleichmäßigen Bewegungen des Pferdes beruhigten sie, und sie atmete tief den Duft der Sägespäne ein, der sich mit dem Geruch des Pferdes vermischte.

»So, jetzt lass mal die Zügel los«, sagte Herr Blum. »So ist es prima. Und jetzt streck deine Arme ganz weit zur Seite aus.«

Sophie tat, wie ihr geheißen. Ihre Beine schlossen sich fast automatisch fester um Comet, damit sie das Gleichgewicht nicht verlor. Doch Angst hatte sie keine. Sie vertraute ihrem braven Pferd. Nach ein paar Runden durfte sie die Zügel wieder aufnehmen.

»Wollen wir mal einen kleinen Trab versuchen?«, fragte Herr Blum.

Sophie schluckte. Bisher war das Tempo sehr gemütlich gewesen. Doch die Verlockung war groß: »Ja, gern!«

Der Reitlehrer schnalzte mit seiner Peitsche leicht in die Luft. Comet kannte dieses Zeichen und begann zu traben. Obwohl sein Gang weich und fließend war, hatte Sophie das Gefühl, kräftig durchgeschüttelt zu werden. Mit jedem Schritt wurde sie in die Höhe katapultiert, und sie hielt sich ängstlich am Sattel fest.

»Scheeeerittt«, bremste Herr Blum das Pferd, und Comet ging wieder gemächlich im Kreis. »Du musst ganz locker bleiben und mit den Bewegungen des Pferdes mitgehen«, erklärte der Lehrer. »Mach dich ganz schwer, dann bleibst du auch im Sattel sitzen.«

Sophie nickte, wild entschlossen, es diesmal besser zu machen.

»Und Trab«, rief Herr Blum und schnalzte wieder mit der Peitsche.

Diesmal ging es tatsächlich schon viel besser, und Sophie hüpfte kaum noch auf dem Sattel herum.

»Das machst du schon richtig gut«, lobte Herr Blum. »Das nächste Mal können wir bestimmt schon einen Gaaaaaa… hatschiiiiii!« Der Rest des Satzes ging in einem lauten Niesen unter. Comet spitzte die Ohren. Er glaubte, Herr Blum habe ihm das Zeichen zum Galopp gegeben! Munter griff er mit seinen langen Beinen weit aus und galoppierte los, bevor Herr Blum ihn daran hindern konnte.

Sophies Herz machte einen Sprung. Vor Schreck war sie ein bisschen zur Seite gerutscht, doch sie hielt sich tapfer am Sattel fest und zog sich wieder gerade. Die Wände der Reithalle schienen an ihr vorbeizufliegen. Sie fühlte sich wie in ihrem Traum und merkte zu ihrer Überraschung, dass sie gar keine Angst hatte.

Da rief Herr Blum auch schon: »Scheereittt!«, und Comet folgte der Anweisung sofort. »Alles in Ordnung?«, fragte der Reitlehrer besorgt, doch als er Sophies strahlend gerötetes Gesicht sah, musste er lachen. »Na, da haben wir ja eine kleine Reiterin!«, rief er und zeigte auf das Fenster zum Aufenthaltsraum. »Und die Zuschauer sind auch begeistert!«

Sophie schaute in die Richtung, in die Herr Blum deutete. Dort hinter der Scheibe stand ihre Mutter und winkte. Aber sie war nicht allein. Neben ihr erkannte Sophie Frau Kleinschmidt. Die sagte etwas zu Mama und dann klatschten beide der kleinen Reitschülerin lachend Beifall.

Sophie strahlte. Dankbar streichelte sie Comets Mähne und flüsterte ihm zu: »Ich freu mich schon auf nächste Woche. Da machen wir das wieder, ja?«

Der Igel im Schnee

Ein eisiger Wind wehte an diesem grauen Vormittag über die Wiesen, und die ersten Schneeflocken tänzelten sanft und lautlos durch die Luft. Pünni, das kleine weiße Pony mit den vielen schwarzen Punkten, drängte sich näher an seine Herde. Denn obwohl es ein dichtes, warmes Fell hatte, konnte es die Kälte, die dieser November mit sich brachte, gar nicht leiden.

»Es ist noch nicht mal Dezember, und trotzdem schneit es schon«, beschwerte sich Pünni bei den anderen. »Und schaut doch mal: Der Schnee bleibt sogar liegen!«

»Dann lasst uns doch zum Unterstand gehen, da ist es gemütlicher. Man wird ja noch eingeschneit hier«, schlug Pünnis Freundin Jenny vor. »Außerdem ist da noch leckeres Heu von heute Morgen, das könnte ich jetzt gut vertragen!«

»Du hast recht. Lass uns rübergehen«, willigte Pünni ein, und auch die anderen Ponys folgten ihrem Beispiel.

Der Unterstand war ein geräumiger Stall, in dem sich die Ponys bei kaltem Wetter trocken und windgeschützt aufhalten konnten. Jeden Morgen und jeden Abend kam Petra, die Besitzerin der Ponys, um ihre Tiere zu füttern und nachzusehen, ob es allen gut ging.

Das Heu schmeckte köstlich. Nachdem sich alle satt gegessen hatten, dauerte es nicht lange, und einem Pony nach dem anderen fielen die Augen zu. So dösten sie friedlich vor sich hin, während draußen der Schnee immer dichter fiel und eine weiße, glitzernde Decke über die Weide legte.

Als die Ponys wieder aufwachten, war es bereits Nachmittag. Das Schneetreiben hatte aufgehört, und am Himmel strahlte die Sonne. Kalt war es zwar immer noch, aber dafür glitzerte es überall – auf der Wiese, den Bäumen, dem Zaun rund um die Weide und auf dem Dach des Unterstandes.

Die beiden Fohlen der Herde, die noch nie Schnee gesehen hatten, machten große Augen. Nach den ersten vorsichtigen Schritten tollten die beiden Kleinsten bald mit ausgelassenen Bocksprüngen durch die weiße Pracht. Von Zeit zu Zeit ließen sie sich sogar auf den Boden fallen und wälzten sich wiehernd und schnaubend im Schnee. Die älteren Ponys kamen ebenfalls aus dem Stall und schauten den beiden lachend zu.

»Weißt du noch, das haben wir früher auch immer so gemacht!«, rief Pünni Jenny zu.

»Ja. Davon konnte ich gar nicht genug bekommen«, bestätigte das schwarze Pony. »Eigentlich finde ich Schneespielen immer noch lustig!«

Pünni sah ihre Freundin an. »Ach ja?«, schnaubte sie und ging ein paar Schritte vor. Plötzlich hob sie mit einem Ruck schwungvoll die Hinterhufe, so dass eine Ladung kalten Schnees genau auf Jennys Nüstern landete. Die war so überrascht, dass sie einen Augenblick nur dastand und durch die Schneeflocken auf ihrem Gesicht blinzelte. Dann aber schüttelte sie sich und rief: »Na warte! Wenn ich dich kriege, mache ich einen Schneemann aus dir!«

Pünni war natürlich längst davongaloppiert und wieherte aus sicherer Entfernung: »Versuchs doch! Du holst mich ja doch nicht ein!« Und schon flitzte sie weiter über die große, weiße Wiese. Immer, wenn ihre Freundin ein wenig aufgeholt hatte, schlug sie einen Haken und sauste in eine andere Richtung. Doch Jenny war ebenfalls schnell, und so galoppierten die beiden eine ganze Weile hin und her und neckten sich dabei lautstark.

Die anderen Ponys betrachteten das Schauspiel kopfschüttelnd.

»Wie die kleinen Kinder! Hoffentlich fällt keine von ihnen hin und tut sich weh«, sagte Maja, Pünnis Mutter, besorgt. Paul, der älteste der Herde, schnaubte nur, und selbst die beiden Fohlen hatten ihr Spiel unterbrochen und beobachteten staunend die wilde Verfolgungsjagd der älteren Ponys. Nach einer Weile wurde ihnen das Zuschauen jedoch langweilig, und sie begannen wieder, sich im Schnee zu wälzen und gegenseitig zu necken. Auch die anderen hatten bald genug gesehen und zogen sich lieber wieder zurück in den warmen, kuscheligen Unterstand.

Pünni und Jenny aber konnten gar nicht genug bekommen. Kaum hatte das eine Pony das andere eingeholt, wurden die Rollen getauscht und alles begann von vorn. So ging es noch eine ganze Weile, bis die beiden ganz außer Puste waren und erschöpft unter einem großen, verschneiten Baum stehen blieben.

»Okay, unentschieden«, schnaufte Pünni.

Jenny nickte zufrieden. »Ja, das denke ich auch.«

Um sich ein wenig abzukühlen, buddelte sich Pünni mit den Nüstern durch den frischen, lockeren Schnee. »Hui, ist das kalt!«, rief sie. »Das musst du auch probieren, herrlich!«

Ihre Freundin tat es ihr nach, und sie schoben kichernd ihre Köpfe durch das pulverige Weiß.

»Autsch!« Pünni zog ihre Nase zurück und machte einen kleinen Satz. »Was war denn das?« Wie ein Stein hatte es sich nicht angefühlt, denn es hatte ganz leicht nachgegeben. Aber spitz war es trotzdem gewesen, was sie da eben in ihre empfindlichen Nüstern gepiekst hatte.

»Was ist denn los?«, fragte Jenny erschrocken.

»Da hat mich was gestochen! Irgendwas ist da im Schnee«, schnaubte Pünni und senkte vorsichtig den Kopf. »Hier muss es sein.« Sachte schob sie mit der Nase den Schnee zur Seite. Da, schon wieder spürte sie etwas Spitzes. Diesmal tat es aber nicht weh, denn diesmal war sie vorsichtig gewesen. Doch gleich darauf machte Pünni wieder einen Satz nach hinten. Das Etwas hatte sich bewegt!

Gebannt starrten Pünni und Jenny auf den Schnee vor ihnen. Tatsächlich, da bewegte sich etwas. Und Geräusche machte es auch: Es schnaufte ganz merkwürdig!

»Irgendwoher kenne ich dieses Schnaufen«, überlegte Jenny gerade, als sie ein schwaches »Hilfe!« vernahm. »Hast du das auch gehört?«

»Ja«, antwortete Pünni.

»Jetzt weiß ich, was das ist! Das ist ein Igel. Die hören sich doch immer so komisch an!«, rief Jenny aufgeregt.

»Stimmt, du hast recht! Aber er scheint in Not zu sein. Wir müssen ihm helfen!«

Pünni schob vorsichtig noch mehr Schnee zur Seite, wobei sie aufpasste, nicht zu tief zu graben. Schließlich wollte sie weder sich noch dem Igel wehtun. Es dauerte nicht lange, da lugte eine kleine, dunkle Stupsnase aus der weißen Pracht, gefolgt von zwei kleinen, runden Augen, die die beiden Ponys ängstlich betrachteten.

»Wer bist du denn, und was machst du um diese Zeit hier auf der Wiese?«, rief Pünni aus. »Du müsstest doch längst in deinem Nest liegen und Winterschlaf halten!«

Zitternd vor Kälte sagte der kleine Igel: »Vera. Ich bin Vera. Ich bin erst ein paar Monate alt und hab es nicht geschafft, mir rechtzeitig meinen Winterspeck anzufressen. Und jetzt hat mich die Kälte überrascht. Ich hab solche Angst!«

»Dann bist du bestimmt zu spät geboren worden«, erklärte Pünni. »Davon hat mir Mama mal erzählt. Igel, die erst im Herbst auf die Welt kommen, sind im Winter nicht dick genug, um die vielen kalten Monate zu überstehen«

»Dann schwebt Vera in großer Gefahr! Wenn sie hier draußen bleibt, wird sie verhungern und erfrieren!«, rief Jenny besorgt.

»Allerdings«, sagte Pünni und forderte den kleinen Igel auf: »Komm mit uns in den Unterstand. Dort ist es zumindest wärmer als hier.«

Doch Vera schüttelte traurig den Kopf. »Ich kann schon seit gestern nicht mehr laufen. Ich fühle mich einfach zu schwach.«

»Oje, was machen wir denn jetzt?« Jenny sah Pünni ratlos an.

Die schaute den Igel nachdenklich an. Dann hatte sie eine Idee: »Ich weiß, was wir machen! Vera, du kannst dich doch zu einer richtigen Kugel zusammenrollen.«

Der Igel nickte.

»Dann tust du das jetzt. Jenny und ich rollen dich einfach zum Stall. Dann musst du gar nicht selbst laufen. Der Schnee wäre sowieso zu tief für dich.«

»Aber ich piekse doch so«, wandte Vera ein. »Eben habe ich dir ja auch schon wehgetan – obwohl ich das gar nicht wollte.«

»Stimmt«, sagte Pünni. »Aber Jenny und ich müssen eben vorsichtig sein. Außerdem können wir uns abwechseln und die

Nüstern zwischendurch im Schnee abkühlen.«

Gesagt, getan. Und tatsächlich, Pünnis Plan funktionierte. Zwar dauerte es eine Weile, bis die beiden Ponys den zusammengerollten Igel in die richtige Richtung stupsen konnten. Doch nach und nach wurde es einfacher. Vera allerdings verwandelte sich immer mehr in einen Schneeball. Immer größer wurde sie, und bald waren ihre Stacheln kaum noch zu sehen. Als die drei endlich am Unterstand ankamen, lugten nur noch ihre Spitzen aus einer weißen Kugel.

»Was macht ihr denn da?«, fragte Paul, als Jenny Vera gerade zum warmen Heu rollte.

»Wir haben einen kleinen Igel gefunden. Vera. Sie wäre fast erfroren!«, berichtete Pünni und schubste den regungslosen Schneeball leicht an: »Vera, kannst du mich hören?«

»Brrrrr«, klang es nur aus dem weißen Klumpen heraus.

»Oje, wir müssen sie da rausholen. Aber wie?« Ratlos schaute Pünni die anderen an. Da hörte sie eine vertraute Stimme: »Na, meine Lieben, wie geht es euch?«

Petra kam, um den Ponys das Abendessen zu bringen. Sie nahm Heu aus der Schubkarre, die sie in den Stall geschoben hatte und warf es in das fast leere Futtergitter. Beinahe wäre sie dabei auf Vera getreten, die noch immer als Schneeball auf dem Boden lag.

»Geht mal alle raus«, rief Pünni aufgeregt. »Wir müssen Petra auf den Igel aufmerksam machen!«

Die anderen folgten ausnahmsweise einmal, ohne zu murren, und verließen den Unterstand.

Petra wunderte sich sehr über das Verhalten ihrer Ponys. »Was ist denn mit euch los? Normalerweise könnt ihr doch gar nicht schnell genug an euer Abendessen kommen?«, rief sie ihnen hinterher.

Nur Pünni war im Stall geblieben und wieherte aus Leibeskräften.

Beunruhigt ging Petra zu ihr hin und streichelte sie. »Was hast du denn? Irgendetwas stimmt doch hier nicht.«

Pünni senkte den Kopf und schupste den Schneeball vor ihren Hufen an. Dann sah sie wieder zu Vera auf und wieherte. Irgendwann muss sie mich doch verstehen, dachte sie und sollte recht behalten.

Petra ging in die Hocke und betrachtete den weißen Klumpen, der die Ponys offensichtlich so sehr aufregte. »Was haben wir denn da? Autsch!« Petra hatte den Ball in die Hand nehmen wollen, und natürlich pieksten Veras Stacheln auch sie. Schnell holte sie ihre dicken Arbeitshandschuhe aus der Jackentasche, zog sie an und untersuchte das seltsame Ding noch einmal. »Meine Güte, das ist ja ein Igel!«, rief sie aus. »Wie kommt der denn hierher? Und warum ist er denn voller Schnee?« Leider konnten die Ponys Petras Fragen nicht beantworten, deshalb schauten sie sie erwartungsvoll an und schnaubten vor sich hin.

»Der Kleine muss sofort ins Warme. Und dann bekommt er erst einmal eine ordentliche Portion Futter. Zum Glück habe ich zu Hause alles, was ich brauche. Hab im letzten Winter ja schon mal einen Igel versorgt.« Sie betrachtete die kleine Vera, die allmählich unter dem Schnee zum Vorschein kam. »Ja, dich kriegen wir schon groß. « Sie streichelte das Igelmädchen, während sie die Weide verließ und zum Hof hinüberging.

Die Ponys schauten den beiden erleichtert und zufrieden nach. Sie freuten sich schon auf den Frühling. Denn dann würden sie die kleine, stachlige Vera wiedersehen.

Der Hühnerdieb

Huch! Was war das? Lena versuchte, sich im dunklen Stall zu orientieren. Eben hatte sie noch tief und fest geschlafen – so wie die anderen Pferde im Stall auch. Doch irgendein Geräusch hatte sie geweckt. Da, jetzt hörte sie es wieder. Die Hühner in ihrem Gehege nebenan gackerten aufgeregt. Sogar der Hahn gab sein heiseres Krähen von sich, obwohl es doch noch mitten in der Nacht sein musste. Was war da wohl los?

Lena ging zur Tür ihrer Box, deren obere Hälfte weit geöffnet war. Jetzt im August war sie dankbar für jeden kleinen Windhauch, der die Hitze des Tages ein wenig abkühlte. Schlaftrunken schaute das junge, schwarze Pferd hinaus auf den nächtlichen Hof. Irgendetwas musste die Hühner beunruhigt haben, denn auch sie schliefen nachts normalerweise ganz ruhig. Erst wenn die Dämmerung einsetzte und der Himmel sich allmählich heller färbte, krähte der alte Hahn in seiner unnachahmlich schrägen Art und weckte nicht nur die Hühner in seinem Gatter, sondern auch alle anderen Tiere auf dem Hof. Selbst die Menschen konnten bei diesem Radau selten weiterschlafen und setzten sich gähnend in ihren Betten auf.

Ein Blick in den nachtschwarzen Himmel sagte Lena jedoch, dass es noch viel zu früh für den morgendlichen Weckruf war.

»Was ist denn bei euch los?«, rief das Pferd zu den Hühnern hinüber. Doch die schnatterten alle so aufgeregt durcheinander, dass Lena kein Wort verstand. Da landete ein dunkler Schatten weich und beinahe lautlos auf dem Sims neben Lenas Boxentür. Das Pferd erschrak kurz, wusste aber schnell, wer sie da besuchte. »Hallo, Simba«, begrüßte Lena den grauen Kater mit den weißen Pfoten. »Weißt du, was da drüben los ist?«

»Der Fuchs schleicht um das Hühnergatter. Das macht die Hennen verrückt vor Angst«, antwortete Simba ruhig. »Noch besteht aber keine Gefahr, denn der Zaun ist ziemlich stabil. Aber der Fuchs ist nicht dumm. Er versucht, einen Tunnel in das Gehege zu graben.«

»Ach du liebe Zeit!«, rief Lena besorgt. »Was kann man denn da tun?« Sie wusste, dass viele der Hennen gerade Junge hatten – die Küken waren erst vor ein paar Tagen mit lautem, hellem Piepsen aus ihren Eiern geschlüpft. Gerade diese Kleinen waren für den Fuchs leichte Beute, sollte es ihm gelingen, seinen Tunnel fertig zu graben.

»Das weiß ich leider auch nicht«, sagte der Kater. »Ich selbst kann nichts ausrichten, ich bin allein nicht stark genug. Gegen einen Fuchs habe ich keine Chance. Und Asko schläft nachts in seinem Hundezwinger. Der kann ihn also auch nicht verscheuchen.«

»Was ist mit den Menschen?«, hakte Lena nach. Irgendjemand musste den Hühnern doch helfen können. Und sie wusste, dass die Menschen sehr an ihren Hühnern hingen – wie an allen Tieren auf dem Bauernhof.

»Die schlafen um diese Uhrzeit so tief, da hören sie selbst das Geschnatter und Gekrähe nicht«, antwortete Simba nachdenklich. »Nur wenn der Krach noch lauter wäre, würden sie vielleicht aufwachen. Aber wie sollen wir das anstellen?«

Die beiden blickten eine Weile hinaus in die dunkle Nacht und überlegten. Der Tumult im Hühnerstall hatte sich inzwischen etwas gelegt, denn der Fuchs war offensichtlich wieder in den Wald verschwunden. Er konnte ja nicht die ganze Nacht graben – schließlich musste er auch etwas zu Essen finden. Doch morgen würde er bestimmt wiederkommen, und das war das große Problem.

»Ich habe eine Idee!«, schnaubte Lena so plötzlich, dass Simba fast vom Sims gefallen wäre.

»Erschreck mich doch nicht so«, murrte der Kater, schüttelte sich und leckte seine rechte Pfote. Seine grünen Augen leuchteten, als er das Pferd vorwurfsvoll ansah. Dann aber schnurrte er: »Na sag schon, was für eine Idee hast du?«

»Wenn alle Tiere auf dem Hof mitmachen, können wir es schaffen. Wir müssen einen solchen Lärm veranstalten, dass die Menschen aufwachen und kommen, um nachzusehen, was los ist. Dann muss ihnen jemand das Loch zeigen, das der Fuchs gegraben hat, damit sie begreifen, in welcher Gefahr die Hühner schweben. Ich bin sicher, die Menschen wissen dann schon, was sie zu tun haben«, sprudelte es aus Lena heraus.

»Das ist eigentlich ein guter Plan. Doch wie schaffen wir es, dass auch wirklich alle wach werden und Krach machen? Sieh dich doch mal um: Außer dir schlafen alle tief und fest«, wandte der Kater ein.

»Stimmt. Dann müssen wir sie eben wecken. Und natürlich müssen wir mit allen reden, damit sie wissen, was sie zu tun haben.« Lena kaute auf ein paar Strohhalmen herum. Beim Kauen konnte sie am besten nachdenken.

Gemeinsam beratschlagten die beiden noch eine Weile, wie sie am besten vorgehen sollten. Dann verabschiedete sich der Kater von seiner großen Freundin: »Gute Nacht, Lena. Ich muss noch ein bisschen Futter für mich suchen und nach dem Rechten sehen. Du solltest jetzt ein wenig schlafen. Wir haben morgen sehr viel vor, da musst du ausgeruht sein!«

»Da hast du recht. Aber ich weiß gar nicht, ob ich vor Aufregung überhaupt einschlafen kann«, erwiderte die junge Stute. Doch kaum war Simba mit einem geschmeidigen Satz vom Sims gesprungen und in der Nacht verschwunden, musste sie herzhaft gähnen. Es dauerte gar nicht lange, und sie schlief tief und fest.

Kaum hatte der Hahn am nächsten Morgen Mensch und Tier aus den Träumen gekräht, machten sich Simba und Lena daran, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Als alle Pferde auf der Weide standen und grasten, ging Lena von einem zum anderen. Ausführlich erzählte sie immer wieder, was sie in der vergangenen Nacht erlebt hatte, und es fiel ihr nicht schwer, alle von ihrer Idee zu überzeugen.

Auch Simba war viel unterwegs an diesem Tag. Er sprach mit Asko, mit den Katzen aus der Nachbarschaft, mit den Kühen und Schweinen in den Ställen, mit den Ziegen und natürlich mit den Hühnern und ihrem Hahn.

Als es Abend wurde, wusste jedes Tier auf dem Bauernhof, was in der Nacht vorgefallen war. Alle hatten sich bereit erklärt, den Hühnern zu helfen, und wussten genau, was sie zu tun hatten. Als die Menschen abends in die Ställe gingen, wunderten sie sich über das aufgeregte Schnattern, Wiehern, Quieken, Muhen und Bellen. Denn natürlich gingen die Tiere noch einmal alles ganz genau durch – selbst die Kälber und Ferkel erklärten sich Lenas Plan immer und immer wieder gegenseitig. Und alle waren sich sicher, dass sie heute Nacht bestimmt kein Auge zutun würden.

Doch als es schließlich dunkel wurde, verstummten auch die Tiere allmählich. Dieser Tag war einfach zu aufregend gewesen! Im Haus der Menschen wurden die Lichter gelöscht, und die Nacht hüllte den Bauernhof in schläfrige Stille und süße Träume. Alle Tiere schliefen tief und fest.

Alle? Nein, nicht alle. Wenn man genau hinschaute, dann sah man aus dem Gebüsch neben dem Hühnerstall kleine grüne Lichter funkeln. Fünf Augenpaare beobachteten ruhig den Hof, die Wiesen und den Wald dahinter. Im Gegensatz zu vielen anderen Tieren waren die Katzen nachts hellwach und dösten lieber am Tag vor sich hin.

Alles schien friedlich und still. Bis plötzlich fünf kleine Ohrenpaare gespitzt wurden. In der Wiese vor dem Waldrand raschelte es. Immer näher kam dieses Geräusch, und kurz darauf war im Gras der buschige, rot-weiße Schwanz des Fuchses zu erkennen. Blitzartig schossen fünf lautlose Schatten aus dem Gebüsch und huschten jeder in eine andere Richtung davon.

»Aufwachen!«, miaute Simba in Lenas Ohr, die aus dem Schlaf hochschreckte. Es dauerte einen Moment, dann wusste sie wieder, was los war. Jetzt kam sie an die Reihe: Unter lautem Wiehern und Schnauben trat sie so fest sie konnte mit den Hinterhufen an die Holzwände und Gitterstäbe ihrer Box. Dieser Krach weckte das Pony neben ihr, das sich nun auch wie wild gebärdete. Kurze Zeit später war der Lärm im Pferdestall ohrenbetäubend. Deshalb konnten die Pferde kaum den Radau hören, der aus den anderen Ställen über den Hof schallte. Kühe, Schweine, Hühner, Ziegen – sie alle schrien so laut sie konnten, traten gegen die Stallwände oder flatterten aufgeregt umher. Asko bellte sich derweil die Seele aus dem Leib. Die Katzen hatten es also tatsächlich geschafft, alle Tiere auf dem Hof zu wecken!

Vom Lärm aufgeschreckt, kamen die Menschen aus dem Haus gerannt – in ihren Schlafanzügen sahen sie ganz anders aus als tagsüber bei der Stallarbeit.

»Was ist denn da los?«, fragte der jüngste Sohn ängstlich.

»Keine Ahnung. Aber irgendetwas hat die Tiere alarmiert. Ich lasse den Hund raus!«, rief sein Vater, der schon vor Askos Zwinger stand.

Details

Seiten
126
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960530077
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318469
Schlagworte
Reitstall Freundschaft Kinderbuch Kurzgeschichten Elena-Reihe von Nele Neuhaus Vorlesegeschichten Tiere Bibi & Tina für Mädchen Ostwind Gute-Nacht-Geschichten eBooks

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Titel: Spring, kleine Lulu!