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Das helle Kind - Band 3: Königreich Gramarye

Roman

2016 194 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Gewappnet mit den Gaben der alten Völker und begleitet vom schönen Prinz Emrys bricht Niam auf, die Prophezeiung zu erfüllen. Sie wird den grausamen Lord Balzôrc stellen und zum letzten Kampf fordern. Doch sie ahnt nicht, dass sie dem dunklen Herrn damit in die Hände spielt …

Das grandiose Fantasy-Epos, das die sagenhafte Welt der keltischen Mythologie lebendig werden lässt!

„Dieser Roman wird jeden Freund der klassischen Fantasy begeistern.“ www.bibliotheka-fantastika.de

Über die Autorin:

Katharina v. Pannwitz wurde 1964 geboren. Nach einer Ausbildung zur Industrie- und Verlagskauffrau studierte sie Kommunikations- und Theaterwissenschaften. Später entschied sie sich, in der Filmindustrie zu arbeiten. Heute lebt Katharina von Pannwitz gemeinsam mit ihrem Mann in München und ist dort als Autorin tätig. »Das helle Kind« ist ihre erste Fantasy-Trilogie.

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eBook-Neuausgabe April 2016

Dieses Buch erschien bereits 2004 als Teil eines Romans unter dem Titel Die Macht der magischen Steine bei Beltz & Gelberg

Copyright © der Originalausgabe 2004 Beltz & Gelberg

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München

ISBN 978-3-96053-160-9

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Katharina von Pannwitz

Das helle Kind III

Königreich Gramarye

jumpbooks

Aus der Prophezeiung vom Hellen Kind

Ring

Der Weg beginnt zur rechten Zeit,
die Richtigen sind nun bereit.
Das Dreigestirn mit vereintem Sinn:
Samildánach, König, Königin.

Der Samildánach ward wiedergeboren,
der Prinz zum König auserkoren.
Gemeinsam mit dem hellen Kind
sind sie zum siegen vorbestimmt.

Der Elemente Macht und Magie
werden von nun ab schützen sie,
Samildánach, König und Oberhoheit
durch welche dereinst die Welt wird befreit.

Das Lied der Element-Magie,
die Macht erweckt alleine sie.
Damit das Gute dann gewinne
singt ›Gutuamer‹, die Herrin der Stimme.

Mitte

Das Herrscherpaar der ganzen Welt
alleinig vor die Wahl gestellt.
Aus Tod kommt Leben, dem Chaos folgt Glück,
entscheidend für das Weltengeschick.

Es donnern vereint der Steine vier
zu finden den Allerhöchsten hier.
Das Zentrum alter, heiliger Macht
wird durch diesen letzten wiedergebracht.

Der rechte König nur allein
kann Träger der Hoffnungskrone sein.
Und dann bricht an für lange Zeit
Gramaryens Zukunft in Herrlichkeit.

1. Kapitel: Das Dreigestirn

Über allem lag die Stimme der Herrin Aífe:

»Dies ist das Dreigestirn der Prophezeiung. Zuerst Gwydón, der Samildánach der Welt. Ihm stehen die guten, weißen Mächte zur Seite, und er wird über die schwarze Magie siegen. Er ist der göttliche Beistand, den das Dreigestirn braucht, um zu bestehen. Gwydón, du bist der geistige Kopf, der die Reisegefährten durch seine Weisheit führt und leitet. Deine spirituelle Ebene ist höher als die jedes anderen Menschen. Du bist der Mittler zwischen den Göttern und den Menschen, dir offenbart sich der göttliche Plan.«

Als nächstes wandte sich die Herrin Aífe an Emrys: »Neben dem Samildánach steht Prinz Emrys, der einstige und zukünftige König. Er ist es, dessen Ankunft in der alten Überlieferung prophezeit wird. Auch er verbindet alt und neu: geboren in der Welt der Menschen, doch aufgewachsen im Lande des Lichts. Er ist der Krieger, das Schwert der Zukunft. Er ist der König, der ein neues Königreich gründen wird und die Menschen in eine goldene Zukunft führt.« Sie lächelte Emrys zu. »Emrys, nun erhebst du dich, strahlend und mächtig. Zum Zeitpunkt der höchsten Not kehrst du zu den Menschen zurück, um dein Volk zu befreien. Du bist der Krieger, der die Welt verändern wird. Mit Caliburn, dem mächtigen Schwert deiner Vorfahren, bist du stark und unbesiegbar. Du wirst deine Reisegefährten beschützen und verteidigen.«

Zuletzt wandte sich die Herrin Aífe an Niam: »Und dort ist Niam, das helle Kind der Götter und die Abgesandte des alten Volkes. Sie stellt die höchste Vereinigung von alt und neu dar. Ihr Blut ist das edelste von altem Wasser und jungem Licht, ihr Gesang ist der Wind der Ewigkeit. Sie ist die irdene Oberhoheit und besitzt flaith, das Recht zu herrschen. Als Königin repräsentiert sie die ganze Welt.« Warm sah die große Mutter Niam an: »Niam, du bist der zentrale Mittelpunkt. Du bist nicht nur die Oberhoheit, sondern auch Gutuamer, die Herrin der Stimme. Dadurch bist du Trägerin der Elementemacht. Deine Macht wird letztlich über die Zukunft entscheiden.«

Dann trat die große Mutter zurück und maß Gwydón, Emrys und Niam mit einem Blick: »Ihr seid das Dreigestirn der Prophezeiung vom hellen Kind. Gemeinsam werdet ihr euch auf den Weg nach Rath Dubh machen. Im Schloß des Fürsten der Finsternis wird die große, alles entscheidende Schlacht stattfinden. Dort müsst ihr euch Lord Balzôrc zum letzten Kampf entgegenstellen.«

Einem plötzlichen Impuls folgend trat Loégian vor und sank vor Emrys in die Knie. Inständig bat er darum, seinen König begleiten zu dürfen. Die übrigen Krieger taten es ihm gleich. Alle waren bereit, ihr eigenes Leben für diese drei Menschen zu lassen.

Doch die Herrin Aífe schüttelte den Kopf: »Keinem Menschen ist es gestattet, diese drei zu begleiten. Diesen letzten Weg müssen Gwydón, Emrys und Niam alleine gehen. So ist es überliefert.«

Wie die Herrin Aífe es festgesetzt hatte, traf sich die Versammlung vor Sonnenaufgang erneut. Der Mond war bereits untergegangen. Bald würde die Sonne aufgehen. Emrys war in eine goldene Rüstung gekleidet. Sein Wappen war der Anker, seit jeher Zeichen des Heimatvertriebenen. An seiner Seite hing Caliburn, das mächtige Schwert der Herren von Brigant. Stark sah Emrys aus, mächtig und königlich. Im Vergleich dazu war Gwydón schlicht gekleidet, doch er trug die Zeichen des Samildánach. Sein weißes Gewand war aus edlem Leinen, geschmückt mit den heiligen Symbolen der Macht. Ein prächtiger Gürtel hielt das fließende Tuch. Um seinen Hals hing das alte Pentagramm, das königliche Zeichen der Bendriden.

Niam kam als Letzte. Im Thronsaal wurde sie stürmisch von Shidrén, Brânwi und Cu begrüßt. Voller Freude kraulte Niam Cus weiches Fell und streichelte Brânwis schwarze Federn und nahm Shidrén auf den Arm. Dennoch verbot Niam ihnen strikt, sie zu begleiten. So sehr Shidrén auch bettelte, Niam ließ sich nicht erweichen. Unerbittlich beharrte sie auf ihrem Wunsch, ihre Freunde mögen im Schutz von Inis Wytrin zurückbleiben. Nur ungern versprachen sie es. Beim Abschied versank Niam in Cus nassen Küssen, Brânwis weichen Flügeln und Shidréns hellem Licht.

Dann eröffnete die Herrin Aífe die Sitzung. »Dieses Treffen ist unsere letzte Zusammenkunft vor der Reise von Niam, Emrys und Gwydón nach Ynis Mâcha.« Die Herrin breitete eine große Landkarte aus und winkte die drei zu sich. »Dies ist die neue Welt, so wie wir sie kannten. Ihr seht hier die vier Königreiche der Menschen sowie die Wohnstätte des alten Volkes. Allerdings wissen wir nicht, was aus der Welt geworden ist, seit Balzôrc sie besetzt hält. Obwohl diese Karte vielleicht schon überholt ist, zeigt sie doch Ynis Mâcha, die schwarze Insel.« Damit deutete sie auf einen dunklen Fleck auf der Landkarte. Er war hoch oben im Norden, tief in den Weiten des schwarzen Meeres gelegen. »Das ist Ynis Mâcha, die Heimat des Bösen. In ihrer Mitte, tief in den Bergen, liegt Rath Dubh, das Zentrum von Lord Balzôrcs Macht. Dort müsst ihr den Fürsten der Finsternis bekämpfen und die geraubten Krönungssteine zurückholen.«

Gwydón, Emrys und Niam beugten ihre Köpfe über die Karte und prägten sich die Landmarken und Hindernisse ein.

Darüber lag die Stimme der großen Mutter: »Für eure Reise stehen euch Hilfsmittel zur Verfügung. Zum einen sind dies eure persönlichen Fähigkeiten: Emrys‘ Schwert, Gwydóns Geist und Niams Stimme. Daneben gibt es die Gaben des alten Volkes.« Damit deutete die Herrin auf die Geschenke der Anderswelt.

Auf dem großen Tisch lagen sie nebeneinander: der Cauldron von Morgâ, der Mantel von Mananan, das Medaillon mit den Beeren des Trefuilngid sowie der Gae Bolg.

Niam ließ ihre Augen über den Tisch gleiten, dann wandte sie sich an die Herrin Aífe und äußerte eine Bitte: »Ich finde es ungerecht, all diese mächtigen Gaben für mich alleine zu behalten. Gestattet die große Mutter, daß ich die Gaben des alten Volkes teile?«

Die Herrin nickte zufrieden. Es sprach für Niams guten Charakter, daß sie den ihr gewährten Schutz nicht für sich alleine beanspruchte. Insgeheim dankte die Herrin der Vorsehung, daß sie gerade Niam zur Gutuamer ausersehen hatte. Dieses Menschenkind hatte wirklich eine edle Gesinnung und ein gutes Herz. Nur zu gerne gewährte sie Niam ihre Bitte.

»Danke. Dann teile ich zuerst die Beeren des Trefuilngid zwischen uns. Da es drei Samen sind, kann jeder von uns einen bekommen.« Damit übergab sie je ein Korn an Emrys und Gwydón.

Diese nahmen sie sorgsam und verwahrten sie sicher unter ihrem Gewand.

Als nächstes wandte sich Niam an Gwydón: »Außerdem möchte ich, daß du dieses hier bekommst.« Damit reichte sie ihm den Mantel von Mananan, den Tarnmantel der Erde. »Dieser Umhang ist schon immer für dich bestimmt, denn er soll den Naddred schützen. Deshalb solltest du diesen Mantel auch tragen, Gwydón.«

Gwydón nickte stumm und nahm den Umhang voller Ehrfurcht.

Dann wandte sich Niam an Emrys: »Und diesen hier solltest du bekommen.« Mit diesen Worten übergab sie ihm den Gae Bolg, den Lichtstrahl des Feuers.

Doch Emrys schüttelte den Kopf: »Nein, behalte ihn. Ich danke dir für das Angebot, aber ich brauche den Gae Bolg nicht. Denn ich habe Caliburn. Das ist alles, was ich benötige.« Damit zog er stolz sein Schwert und zeigte es Niam und der Versammlung.

Unwiderruflich nahte die Zeit des Abschieds. Für die Menschen trat Caldur vor. »Die Gebete der Menschen und ihre Segenswünsche begleiten euch. Mögen die Götter euch Erfolg bescheren.«

Nun trat die große Mutter in die Mitte der großen Thronhalle von Caer Wydr. In diesem Augenblick ging die Sonne auf. Funkelnd begrüßte Caer Wydr, das gläserne Schloß, den neuen Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen trafen die Kuppel und erhellten das Kristallschloß und mit ihm das gesamte Land. Da hob die Herrin die Arme in den Himmel. Ihre mächtige Stimme hallte über das lichte Reich Inis Wytrin:

»Das Dreigestirn muß also gehen,
muß viele schwere Gefahren bestehen.

Der Menschen.Glück in ihren Händen,
sie werden das Schicksal zum Guten wenden.

Die magische Reise bringt manch Geschenke,
vereinigt die heiligen vier Elemente.
Die Urkraft wird die Basis sein,
doch siegen müssen sie allein.

Das Ziel soll Ynis Mâcha sein,
der schwarze Tempel, des Bösen Schrein.
Den dunklen Feind müsst ihr dort stellen,
und damit der Welten Schicksal fällen.

Die Reise begleitet der Mutter Segen,
soll leiten euch auf all euren Wegen.
Der Menschen Hoffnung mit euch gehen,
bis wir uns dereinst wiedersehen.«

Aífes Gebet eröffnete die angekündigte Abreise des Dreigestirns. Gwydón, Emrys und Niam sahen sich kurz an und nickten still. Dann drehten sie sich um und gingen, ohne sich noch einmal umzuschauen. Im Jahr 242 verließ das Dreigestirn das helle Reich Inis Wytrin und trat die letzte Reise an. Das Ziel war Ynis Mâcha, die schwarze Insel im schwarzen Meer des Nordens.

2. Kapitel: Die dunkle Welt - Wüste und Sumpf

Voller Tatendrang betraten Niam, Gwydón und Emrys die Erde. Was sie dort sahen, schockierte sie zutiefst. Die Landschaft hatte sich vollkommen verändert. Bis zum Horizont gab es nichts als Wüste. Das Steppengras, die vereinzelten Baumgruppen, die grünen Hügel und die Flüsse - alles war dem ewigen Sand gewichen.

Gwydón fasste sich als Erster. »Das hat die Herrin Aífe gemeint, als sie von Veränderungen sprach.« Damit deutete er auf die wüste Umgebung. »Was wir hier sehen, ist Lord Balzôrcs Einfluss. Nach dem Scheitern der Menschen hat er das Land in Besitz genommen. Seine schwarze Magie hat alles erstickt. Seht, was er aus dem blühenden Land Dumnón gemacht hat. Ich wage nicht daran zu denken, was uns noch bevorsteht. Sicher wird es noch schlimmer werden. Balzôrcs Macht ist stärker als erwartet. Uns werden noch viele unheimliche Dinge passieren auf der Reise nach Norden.«

»Egal!« Emrys sah seine Begleiter ernst an und sprach mit fester Stimme: »Wir alle wussten, daß es gefährlich werden kann. Diese Wüste verstärkt nur meinen Wunsch, es Balzôrc heimzuzahlen. Lasst uns aufbrechen.«

»Aber wir müssen vorsichtig sein«, bremste Gwydón den Tatendrang des Freundes. »Die Wüste ist gefährlich. Achtet auf eure Schritte. Niam, kommst du? Niam!«

Niam schrak hoch. Sie hatte nicht zugehört. Die Trockenheit überrollte sie schmerzhaft. Benommen sank sie auf die Knie und Schloß die Augen. Ihre Hände berührten den heißen Sandboden und gruben sich tief hinein. Da hörte Niam eine beruhigende Stimme. Es war das Wasser in ihrem Inneren, welches zu ihr sprach. Deutlich spürte Niam das Grundwasser, das tief unter dem Sand immer noch floss. Der ewige Fluss machte ihr Mut. Erneut erkannte sie die Verbindung, die zwischen ihr und dem nassen Element herrschte. Unwillkürlich fand Niam den Cauldron von Morgâ, den Kelch der Meere. Warm lag er in ihrer Hand. Da beruhigte sie sich. Denn sie wusste, daß Morgâ sie begleitete. Mit dem Cauldron würde Niam überall das lebensspendende Nass finden.

In diesem Moment trat Gwydón mit besorgter Miene zu ihr: »Niam, bist du in Ordnung?«

Niam öffnete die Augen und nickte: »Ja. Ich musste mich nur kurz setzen.« Sie ergriff seine dargebotene Hand und ließ sich auf die Beine ziehen. Noch etwas abwesend klopfte sie sich den Wüstenstaub von der Kleidung

Gwydón lächelte. »Das war die andere Seite. Die Kehrseite der Verbindung.«

Niam sah ihn ernst an und nickte.

»Das war zu erwarten.« fuhr Gwydón leise fort. »Auch das bedeutet es, Gutuamer zu sein. Du bist Trägerin der Elementmagie. Durch deine Verbindung mit den Urmächten hast du die Kraft der Elemente erlangt, aber auch deren Sensibilität. Du leidest ebenso wie dein Element.«

»Ja. Doch bei all dem Schmerz war da auch Zuversicht. Die Elemente sind meine Verbündeten. Ich spüre den alten Fluss, der tief unter uns fließt. Der Cauldron der Meere und ich werden seine Wasserstellen finden.«

Je höher die Sonne stieg, desto heißer wurde es. Bald war die Hitze unerträglich. Die Wanderer kamen nur mühsam voran. Erschöpft schleppten sie sich über den glühenden Boden. Sie bedeckten Nase und Mund gegen den Sand und hüteten das Wasser, welches sie aus Inis Wytrin mitgenommen hatten. Schnell verstummte jegliches Gespräch. Kein Baum oder Strauch bot ihnen Schutz vor der gnadenlosen Sonne. Gegen Mittag suchten sie eine hohe Düne. An ihrer Flanke rammte Niam den Gae Bolg tief in den lockeren Boden. Darüber hängte Gwydón seinen Umhang. Darunter fanden die Freunde zumindest ein wenig Schatten. Ein jeder gönnte sich einen Schluck Wasser. Dann legten sie sich hin. Sie waren müde, doch keiner fand Ruhe. Jeden beschäftigte, was er gesehen hatte.

Besonders Emrys war deprimiert: »Wo sind all die blühenden Wiesen, die Wälder, Äcker und Felder? Nichts ist mehr da. Ich kannte Dumnón sehr gut. Seit meiner Kindheit in Caer Wydr bin ich oft hier gewesen, viele glückliche Momente habe ich hier verbracht. Dieses Vernichtungswerk Balzôrcs zu sehen, stimmt mich sehr traurig.« Er wandte sich ab, um seinen aufkommenden Schmerz zu verbergen, doch für einen kurzen Augenblick traf ihn Niams Blick.

Das war das erste Mal, daß Emrys in Niams Gegenwart etwas Persönliches von sich erzählt hatte. Sie sah ihn an und spürte einen Anflug von Mitleid und sogar ein wenig Zuneigung für ihn. Sie wollte ihm zeigen, daß sie seine Trauer verstand und schenkte ihm ein leichtes Lächeln. Doch Emrys erwiderte es mit einem Stirnrunzeln. Er wollte nicht, daß jemand seine Schwäche erkannte und schon gar nicht Niam.

Als die erbarmungslose Mittagssonne den Zenit überschritten hatte, machten sie sich wieder auf den Weg. Stetig gingen sie nach Norden. Der feine Sand setzte sich in jede Pore und brannte in Augen und Nasen. Als die Sonne unterzugehen begann, suchten sie einen geeigneten Platz für die Nacht. Mit Hilfe des Cauldron führte Niam ihre Reisebegleiter zu einer kleinen Oase. Im Schutz zweier hoher Sanddünen hatte das Grundwasser einen Weg an die Oberfläche gefunden und eine kleine Quelle sprudelte frisch und klar. Wie eine grüne Insel wuchsen hier Dattelpalmen und köstliche Früchte. Die Oase lag so versteckt, daß Niam, Emrys und Gwydón vermutlich die ersten Menschen waren, die sie fanden. Voller Dankbarkeit betraten sie den unberührten Platz und ließen sich erschöpft im Schutz der grünen Blätter nieder. Das frische Quellwasser war kühl und schmeckte wunderbar. Genüsslich wuschen sie sich den Staub aus Kehle und Gesicht.

Bald brach die schwarze Nacht über sie herein. Sie war bitterkalt. Nach dem Sonnenuntergang fielen die Temperaturen rapide. Schnell entzündete Niam mit dem Gae Bolg ein kleines Feuer. Es wärmte nur notdürftig. Eng betteten sich die drei Freunde um die Flammen.

Am nächsten Morgen brachen Gwydón, Emrys und Niam schon früh auf. Sie wollten die Kühle des Morgens nutzen. Die Wasserbeutel waren prall gefüllt und die zahlreichen Datteln würden sie eine Weile ernähren. Fünf Tage durchwanderten sie die unwegsame Gegend ohne Baum und Strauch. Der Cauldron führte sie zu den geheimen Wasserstellen, oft nicht größer als eine Pfütze und unter einer dicken Sandkruste verborgen. Gegen den Wind, der ihnen beständig ins Gesicht wehte, benutzten sie feuchte Tücher gegen den feinen Sand. Während der Wanderschaft versank Niam wieder in ihren Gedanken.

Es waren Stimmen, die zu ihrem Inneren sprachen. Sie wiesen Niam auf die Besonderheit ihrer Umgebung hin und allmählich lernte sie die Eigenheiten der Wüste kennen. Langsam verinnerlichte Niam das Wesen der Wüste, verstand sie das Wesen dieser sandigen Landschaft. Zum ersten Mal spürte sie, was es hieß, die Verbündete der Elemente zu sein.

Am Abend des sechsten Tages sahen die drei dunkle Ruinen am fernen Horizont in den Himmel ragen. Dies war die einst mächtige Stadt Brádon oder besser das, was nach dem Krieg von ihr übriggeblieben war. Zerstörte Mauern und abgebrannte Häuser zeugten von den furchtbaren Schlachten, die hier stattgefunden hatten. Nun aber deckte feiner Sand, vom Wind beständig in die Ruine geweht, die alten Steine und Wege wie ein helles Tuch ab. Bald würde Brádon von hohen Dünen vollends verschluckt sein. Es war ein trauriger Anblick, den die zerstörte Stadt bot.

Unermüdlich strebten die Gefährten weiter. Während sie durch die eintönige Landschaft gingen, entdeckte Emrys ein merkwürdiges Gebilde im Sand. Es hatte eine feste, blättrig-rosettenartige Form, gebildet aus Millionen von feinen Sandkristallen. Dies war eine Sandrose, selten, edel und kostbar wie seine makellose Form. Neugierig streckte Emrys die Hand aus und hob das zarte Gebilde auf. Es war hart wie Stein. Ohne zu wissen warum, steckte Emrys die Wüstenrose ein und nahm sie mit.

Nach Tagen der Einsamkeit entdeckte Emrys Spuren im Sand. Tiefe Kuhlen lagen im weichen Untergrund vor ihm. Nur ein riesenhaftes Wesen konnte solche Abdrücke hinterlassen. Nun waren die Gefährten gewarnt und bewegten sich noch vorsichtiger. Dennoch liefen sie dem Feind hinter einer hohen Düne direkt in die Arme. Es waren tatsächlich Pilosi, die sie am lichten Tag mitten in der Wüste angriffen. Anders als ihre Artgenossen störten sich diese nicht am hellen Glanz der Sonne. Im Gegenteil, sie waren der trockenen Umgebung perfekt angepasst. Balzôrc hatte seine Diener entsprechend verändert. Nun kämpften sie bevorzugt in der Sonne und mieden die Nacht. Angeführt wurden sie von gewaltigen Wesen aus Sand, Sandriesen, grauenvoll anzusehen und übermenschlich stark. Unbarmherzig zogen sie einen Ring um die Gefährten und verstärkten den Angriff der Pilosi. In dieser Situation waren Gwydón, Emrys und Niam aufeinander angewiesen. Instinktiv vertrauten sie den Fähigkeiten der anderen. Sie ergänzten sich perfekt. Emrys kämpfte heldenhaft. Sein Schwert Caliburn wütete unbarmherzig in den Reihen der Pilosi. Währenddessen sandte Gwydón mächtige Zaubersprüche gegen den Feind. Über dem Kampfgetümmel hallte Niams Stimme. Inzwischen handhabte sie die entscheidenden Töne perfekt. Ihr magischer Gesang raubte den Feinden die Beweglichkeit. Es war ein ungleicher Kampf. Einzig die Sandriesen konnten länger widerstehen. Gegen sie war Emrys‘ Schwert machtlos. Wann immer das scharfe Eisen den Sand berührte, rieselte dieser nur auseinander und fand sich augenblicklich wieder zusammen. Da besann sich Niam ihrer Rolle als Verbündete der Elemente und rief einen großen Sturm, stark genug, die Sandriesen zu besiegen. Schließlich waren sie aus nichts als Sand. Und was hielt den Sand ständig in Bewegung? Der Wind! Also vertiefte sich Niam in das luftige Element und berief einen mächtigen Wind. Sie sang sein heiliges Lied und beschwor den gefürchteten Sandsturm.

Sofort geriet die Luft in Bewegung und erhob sich zirkulierend. Der Wind bildete Wirbel, Staub-, und Windhosen über dem trockenen Boden. Berghoch türmte sich der feine Sand und durchschnitt die Wüste wie eine undurchdringliche Wand. In rasender Geschwindigkeit kam er auf die Riesen zu. Niam, Emrys und Gwydón blieben verschont, doch die Feinde spürten seine ganze Wucht. Durch die Bewegung rieben sich die Sandkörner heftig aneinander. In zahlreichen Explosionen entluden sie ihre elektrische Spannung. Diese erschütterten die Sandriesen in ihrer Struktur. Der Kampf war bitter, aber kurz. Dann siegte der Wind über die Kraft des Bösen, und die Sandriesen lösten sich auf. Der Wüstensturm wehte sie davon, aufgelöst in Milliarden kleine Quarzkörner. Mit den Riesen verschwanden auch die Pilosi. Die Wüste verschluckte sie, und sie waren nie mehr gesehen.

Als der Wind sich legte, hinterließ er die Landschaft glattgewaschen von jeglichem Sand. Der Sturm hatte ihn davongetragen. Zurück blieben große Becken, zwischen denen Rippen aus härterem Gestein standen. Der Boden war blank poliert und glänzte in der Sonne. Emrys, Gwydón und Niam sahen sich erleichtert an.

Emrys betrachtete Niam. Er sah ihre blonden Locken, ihre vollen Lippen, ihren langen Hals und ihr schönes Gesicht. An ihren Augen blieb er hängen und verlor sich in dem grenzenlosen Blau. Niam erwiderte seinen Blick. Ihr Lächeln traf ihn bis ins Mark. Sein Herz schlug plötzlich bis zum Hals, und er musste heftig schlucken.

Impulsiv griff er unter sein Gewand und holte die Wüstenrose hervor: »Das ist für dich.«

»Wie herrlich.« Niam streckte die Hand nach der steinernen Blume aus. Staunend betrachtete sie die feinen Formen und festen Strukturen. Doch dann stockte sie. Warum schenkte ihr Emrys etwas? Niams Herz klopfte. Schmerzlich spürte sie ihre Unerfahrenheit im Umgang mit Männern. Sicher bedeutete es etwas Bestimmtes, wenn ein Mann einer Frau eine Rose schenkte, sei sie auch aus Sand. Niam schluckte und sah Emrys unsicher an. »Aber warum schenkst du sie mir?«

»Mir war einfach danach. Damit zeige ich dir meine Achtung. Aber wenn du nicht willst …«

»Bitte verstehe mich nicht falsch. Ich freue mich sehr über dein Geschenk. Vielen Dank.« Damit lächelte sie Emrys entwaffnend an.

Niam verstaute das rosenartige Gebilde aus Sand sorgsam unter ihrem Gewand und nahm es mit auf den langen Weg nach Norden.

Unermüdlich strebten die Weggefährten weiter. Die Begegnung mit den Sandriesen hatte sie vorsichtiger werden lassen.

Plötzlich sagte Gwydón leise: »Freunde, ich habe so ein merkwürdiges Gefühl. Irgendetwas ist da…«

In diesem Moment brach der Boden unter Niam, Emrys und Gwydón ihnen zusammen. Über ihren Köpfen schloß sich der Felsen. Der Stein, auf dem sie gestanden hatten, entpuppte sich als riesenhafte Hand aus Geröll und Staub, vermischt mit Stein und Erde. Während die Steinklaue sich unerbittlich schloß, erfüllte ein schauriges Lachen die Luft.

»Endlich habe ich euch!« Damit erhob sich ein gigantischer Steinriese, hühnenhaft und mächtig. Alles an ihm war hart wie fester Stein. Wie Spielzeug wirkten die drei Freunde in seiner Hand. Der Riese wirbelte sie durch die Luft, während er brüllte: »Ich bin Ysbadadden, der oberste der Hrungnir. Und ihr seid meine Gefangenen.«

»Ysbadadden?« Mit letzter Anstrengung sammelte Gwydón seine Kräfte und sagte mit lauter Stimme: »Seid wann bist denn zurück auf dieser Welt? Hat der Rat der Thuata de Dannan dich nicht auf ewig verbannt?«

»Pah, die Thuata de Dannan!« Der Riese lachte laut auf. »Deine Götter sind besiegt und haben keine Macht mehr über die Welt. Mein Herr hat gesiegt. Balzôrcs Herrschaft ist ewig. Er war es, der mich aus meiner Verbannung zurückholte. Nun kann ich mich endlich an den Menschen rächen.« Damit schloß er seine Steinfinger nur noch fester um die Gefangenen.

Mühsam rangen Gwydón, Niam und Emrys nach Luft. Ysbadadden hob sie hoch und trug sie fort in seine Höhle. Dort kettete er sie an die steinernen Mauern, festgebunden für seine spätere Rache. Dann verließ er polternd seinen Unterschlupf. Niam, Emrys und Gwydón blieben allein im Dunkel zurück.

»Gwydón, wer ist das?«, fragte Niam leise.

»Ysbadadden ist der stärkste und gefährlichste der Steinriesen Hrungnir. Seit Ewigzeiten sind diese Riesen dem Bösen verbunden. Früher brachten sie viel Leid über die Welt. Nachdem die Thuata de Dannan in den Götterkriegen den dunklen Dämon Crom Dubh besiegt hatten, wurden die Hrungnir und mit ihnen all die bösen Gesellen vom hohen Götterrat verbannt. Die Tatsache, daß Ysbadadden hier ist, läßt Schlimmes befürchten. Vermutlich hat Balzôrc viele der einst verbannten Unholde befreit. Das wird unsere Weiterreise erschweren.«

»Falls wir überhaupt weiterreisen werden.« Emrys sprach mit dem klaren Sinn des Kriegers. »Wenn wir uns nur befreien könnten.« Doch so sehr er sich auch bemühte, gegen die starken Ketten konnte die menschliche Kraft nichts ausrichten.

Auch Gwydóns Zauberkraft scheiterte. Ysbadadden war ein starker Gegner und sein Zauber nur schwer zu brechen. Es bedurfte der ganzen Kraft des Samildánach, um einen Schutzzauber über sich und seine Freunde zu legen. So konnte er ihnen zumindest ein wenig Sicherheit verschaffen. Doch gegen die verzauberten Ketten war auch Gwydón machtlos.

Da hatte Niam eine Idee: »Gwydón«, fragte sie leise, »aus was bestehen Steinriesen?«

»In erster Linie aus Steinen, Schutt und Geröll.«

»Und eben diese Konstellation aus Erde und Stein wird sie vernichten. Die menschliche Kraft mag gegen Ysbadadden nichts ausrichten, wohl aber die Macht der Elemente.« Damit versenkte sich Niam tief in ihr Inneres und beschwor die in ihr ruhenden Kräfte.

Zuerst gebot Niam dem Eisen und Stahl der Ketten, sich in ihre Bestandteile aufzulösen und befreite die Freunde. Dann berief sie Antarr und mobilisierte die Kraft der Erde. Als Ysbadadden in die Höhle zurückkehrte, erwartete ihn ein nicht zu besiegender Gegner. Niam schleuderte ihm ihre ganze Macht entgegen. Auf ihr Gebot lockerte sich das Geröll und floh Ysbadaddens massigen Körper. Anfangs wußte der Steinriese nicht, wie ihm geschah. Als er es endlich begriff, war es zu spät. Immer wackeliger stand er auf seinen steinernen Beinen, bis er schließlich mit einem letzten Aufschrei zusammenbrach. Nichts blieb von Ysbadadden zurück als ein staubiger Haufen aus Stein.

So schnell sie konnten, verließen die drei Freunde diese unwirtliche Gegend. Unermüdlich strebten sie weiter nach Süden. Um der glühenden Sonne zu entgehen, liefen sie weiterhin nur vormittags und abends. Den Rest der Wüste durchquerten sie ohne weitere Zwischenfälle. Der Cauldron der Meere führte sie weiter von Wasserstelle zu Wasserstelle.

Nach insgesamt zwanzig Tagen war es endlich so weit. Eine breite Dornensavanne kündete vom Ende des ewigen Sandes. Froh, endlich gebraucht zu werden, begann Emrys sofort, das undurchdringliche Dornengestrüpp mit seinem Schwert zu bearbeiten. Schnell zeigte der kleine Spalt im dichten Pflanzengewirr das Ergebnis seiner Bemühungen. Schweißgebadet, aber zufrieden präsentierte er den Ausweg aus der Wüste. Doch das Dornengestrüpp war tief. Bald ging die Sonne unter. In dem unwegsamen Gelände gab es keinen geeigneten Ort für die Nacht. Die einzige Lichtung, die sie fanden, machte keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Ein riesiger Holunder stand in ihrer Mitte, fest umklammert von zwei gewaltigen Dornenbüschen. Diese Kombination galt als unheilbringend. Doch dies war der einzige Platz, der für eine Übernachtung in Frage kam. Also begann Gwydón, die Lichtung zu sichern. Um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, wählte er einen einfachen, aber wirkungsvollen Zauber. Er band einen roten Faden um einen Eichenstab, zusammen mit je einem Ast der zwei Dornenbüsche. Mit diesem Gebinde zog er einen Kreis um das Holundergewächs als Abwehrmittel gegen den bösen Zauber. Zusätzlich platzierte er Jakobs- und Johanniskraut in je einer Himmelsrichtung, vermischt mit einigen Spänen Eisen, die er bei sich trug. Damit war der innere Kreis gesichert. In stockfinsterer Nacht legten sie sich unter den dornenumrankten Holunder und bemühten sich, zumindest ein wenig Ruhe zu finden.

Am nächsten Morgen verließen sie die Wüste endgültig. An ihrem Rande drehte sich Niam noch einmal um. Gedankenverloren betrachtete sie das trockene Land. Unwillkürlich nahm sie einen kleinen Stein und steckte ihn in ihren Beutel als letzte Erinnerung an das, was einst Dumnón war. Dann machte sie dem Land im Süden ein letztes Geschenk und berief das Wasser. Schon bald zogen Wolken auf, und dann kam ein großer Regen. Dicke Tropfen berührten den trockenen Boden. Wolkenbruchartig ergoss sich das kostbare Nass über das staubige Land. Da geschah ein kleines Wunder. Augenblicklich veränderte sich die Wüste. Wie von Zauberhand fanden unzählige kleine Blüten den Weg zur Oberfläche. Sie hatten im Erdinneren auf einen Wassertropfen gewartet, der sie zum Blühen bringen würde. Nun entfalteten sie ihre Schönheit tausendfach. Für diesen kurzen Moment verwandelte sich der Staub in ein grünes Meer, und die Wüste blühte. Der Sandboden war bedeckt mit einem dichten Teppich aus bunten, leuchtenden Pflanzen. Ein leichter Wind ging über das frische Grün. Die Blüten neigten sanft ihre Köpfe und zollten Niam ihren Dank.

Mit diesem Bild im Kopf verabschiedeten sich die drei Freunde von der Wüste. Unermüdlich schlug Emrys ihren Weg durch die dichten Dornen. Schließlich erreichten sie den Severíno, die Grenze nach Sîl. Er war kaum wiederzuerkennen. Einst war er reißend gewesen, doch nun floss er nur noch träge. Schwerfällig fand er seinen angestammten Weg. Ein modriger Geruch lag über ihm. Tote Fische schwammen bäuchlings an der Wasseroberfläche. Emrys, Gwydón und Niam sahen sich stumm an. Es ekelte sie vor diesem stinkenden Wasser. Doch sie mussten ihn überqueren. Mit angehaltenem Atem schritten sie durch den toten Fluss und betraten das benachbarte Königreich Sîl.

Was sie dort erwartete, war nicht besser als das Vergangene. Auch Sîl hatte sich verändert. Wo früher blühende Wiesen und Felder gestanden hatten, war nun nichts als träger, graugrüner Sumpf. Die zahlreichen Flüsse Sîls waren zum Stehen gekommen. Die eben noch so sehr vermisste Feuchtigkeit war hier im Übermaß vorhanden. Der Boden war wie ein mit Wasser durchtränkter, gigantischer Schwamm. Er war so weich, daß die drei Wanderer deutliche Fußabdrücke im trägen Untergrund hinterließen. Ein fauliger Geruch durchzog die Luft. Dichter Nebel lag über dem Moor. Kein Lüftchen bewegte sich, ihn zu vertreiben. Über allem war eine Atmosphäre des Bedrohlichen und Unheimlichen. Auch die Vegetation hatte sich verändert. Zahlreiche Sumpfpflanzen waren hier gewachsen und säumten die Moorwiesen. Unter ihnen waren Rohrkolbengewächse und vor allem die gelb leuchtende Sumpfdotterblume. Daneben gab es Torfmoose und das lila Moosheidekraut.

Nach der Eintönigkeit der Wüste war dieses vielfache Grün eine Wohltat für die Augen. Doch es war eine trügerische Schönheit. Die drei Freunde mussten jeden ihrer Schritte mit Bedacht wählen, um nicht in sumpfigen Boden zu versinken. So kamen sie auch hier nur langsam voran. Schon bald kündete das Zwielicht vom bevorstehenden Sonnenuntergang. Also suchten sie einen geeigneten Platz für die Nacht und fanden ihn in einem Wall aus Torf. Der Boden war fest und das Moos weich - ein idealer Schlafplatz.

Je tiefer die Gefährten in das Moor gingen, desto unheimlicher wurde es. Der Nebel machte eine exakte Orientierung schwierig. Emrys, sonst ein fähiger Führer, fand keine Landschaftsmarken, nach denen er sich hätte richten können. Auch Niams Augen waren unbrauchbar angesichts des dichten Nebels. Aber Gwydón konnte helfen. Als Samildánach verfügte er über Sinne, die empfindlicher waren als die anderer Menschen. Wie eine Fledermaus sandte er Schallsignale in die neblige Umgebung und analysierte die zurückgeworfenen Schwingungen. Er wusste, daß alles ein ganz spezielles Echo hatte. Auf diese Weise ortete er Richtung und Weg und führte seine Freunde sicher durch den undurchdringlichen Nebel. Unterwegs trafen sie auf zahlreiche Pilositruppen, die sie aber im Schutz des Nebels umgehen konnten. Sie hofften schon, sie könnten dem Bösen ewig entgehen, da schlug es unerwartet zu.

Im Zwielicht der Dämmerung sahen sie plötzlich kleine Lichter über dem dunklen Moor tanzen. Rhythmisch hüpften sie auf und ab und zeichneten helle Figuren in den nächtlichen Himmel. Mit heller Stimme riefen sie die Wanderer in den Sumpf. Niam hörte deutlich Aéds kleines Stimmchen. Wäre Gwydón nicht gewesen, Niam wäre sicher dem Licht gefolgt.

Doch er hielt sie zurück. »Niam, höre nicht auf die Stimmen. Das ist nur ein Irrlicht.«

»Ein was?«

»Ein Irrlicht. Das ist der Zauber des Sumpfes. Es sind die Geister des Moores. Einige sagen, es seien die Seelen verlorener Kinder. Denjenigen, der ihnen folgt, führen sie stets in die Irre. Sie dringen in dein Herz und suchen deine Schwachstelle. Sei also gewarnt. Denn dein Herz ist oft stärker als dein Verstand.«

Aufmerksam gingen sie weiter. Doch kurze Zeit später trafen sie auf einen Feind, dem sie nicht ausweichen konnten. Aus dem Hinterhalt griff er die Freunde an. Es war ein riesenhafter dunkler Mann von abstoßender Hässlichkeit inmitten tanzender Lichter. Ohne Vorwarnung warf er einen mächtigen Zauber gegen Niam. Sie wollte aufschreien, doch sie merkte die Lähmung, die sie überkam. Bewusstlos sank sie zu Boden. Gwydón wirbelte herum. Er erkannte sofort, wen er vor sich hatte: Afangdu! Auch er war eine der alten Plagen der Welt, ebenfalls nach den Götterkriegen von der Erde verbannt. Afangdu war ein Meister der schwarzen Magie. Kein Mensch war ihm gewachsen. Er schleuderte einen mächtigen Fluch in Emrys' Richtung. Doch er hatte nicht mit der Macht des Samildánach gerechnet.

Schnell schütze Gwydón Emrys mit einem Gegenzauber, dann wandte er sich an den Unhold: »Sieh an, Afangdu. Bist du also aus deinem Gefängnis geflohen? Nun, es wird dir nichts nützen!«

Doch Afangdu lachte nur auf: »Du kleiner Mensch. Was glaubst du? Nur, weil du ein Druide bist, ist deine Macht niemals stärker als meine. Kein Mensch kann mich besiegen.« Damit hob Afangdu seine Klaue. Da verwandelten sich die Irrlichter in kleine, dämonenhafte Wesen. »Erkenne, wie stark ich bin. Ich habe meine Sheevras, die Geister des Moores, mitgebracht. Es sind die verlorenen Seelen eurer unschuldigen Kinder, die hier im Moor leben. Ich habe ihnen die Freiheit geschenkt und zu Sheevras gemacht. Seitdem folgen sie mir bedingungslos. Denn ich bin der Herr über das Moor und werde dich vernichten.«

Auf sein Kommando griffen die kleinen Gestalten tausendfach an. Ihre Gesichter waren wutverzerrt, und ihre kleinen Arme schlugen hart zu. Sie waren hinterhältig und attackierten gnadenlos. Da zog Emrys sein Schwert. Gwydóns Zauber schütze ihn noch immer vor Afangdus Verfluchungen und so konnte Emrys die kleinen Dämonen ohne große Mühe in Schach halten.

Währenddessen stellte sich Gwydón Afangdu entgegen: »Ich bin der Samildánach und ich bin stärker als du.«

Afangdu war zwar ein mächtiger Zauberer, doch der Macht des Samildánach hatte er nichts entgegenzusetzen. Gwydón überbot jeden seiner Flüche und verzauberte seinerseits den schwarzen Dämonen. Schließlich war Afangdu besiegt. Gwydóns Bann traf ihn, und er erstarrte. Emrys' Schwert erledigte den Rest. Kopflos sank Afangdu zu Boden und löste sich auf. Mit ihm verschwanden die Sheevras und flohen als tanzende Irrlichter in die Tiefe des Moors.

Nun eilten Gwydón und Emrys zu Niam. Noch immer war sie ohne Bewusstsein, tief gefangen in Afangdus Verfluchung. Gwydón erkannte den starken Zauber, der auf ihr lag. Es bedurfte eines mächtigen Zaubertrankes, um Niam zu befreien. Die wichtigste Zutat war Selago, die wundersame Heilpflanze des Sumpfes. Das unscheinbare Farngewächs wuchs hier überall. Dennoch musste Gwydón beim Pflücken bestimmte Regeln einhalten, denn nur das richtige Ernten des Selago garantierte seine wundersamen Heilkräfte. Zuerst opferte Gwydón den Göttern, dann wusch er sich die Füße und trat in seinem schlichten, weißen Gewand von hinten an die heilige Pflanze. Nun griff er sich mit der rechten Hand links unter das Gewand und holte seine goldene Sichel hervor. Gold war ein neutrales Metall und hatte die magische Wirkung, Unheil abzuwenden. Mit der goldenen Sichel in der linken Hand erntete Gwydón soviel Selago, wie er konnte. Dann ging er, ohne sich noch einmal umzudrehen, das traditionelle Ende der Selagoernte.

In der Zwischenzeit hatte Emrys Niam Gwydóns Anweisungen entsprechend vorbereitet. Er hatte Gänseblümchen um Niams Hals gelegt und ein vierblättriges Kleeblatt auf ihre Stirn. Gwydón nickte zufrieden. Er holte Johanniskraut aus seinem Beutel und legte es neben Niams Kopf. Aus dem Selago bereitete er einen Umschlag, den er um Niams Brust wickelte. Eine einzelne Selagosprosse legte er direkt auf ihr Herz. Mit Wasser und der heilenden Sumpfpflanze, gemischt mit den Kräutern, die er stets bei sich trug, bereitete Gwydón einen Trank, stark genug, das böse Gift aus Niams Körper und Seele auszutreiben. Als die Sonne unterging, war der Fluch gebrochen.

Benommen öffnete Niam die Augen. Ihr Kopf schmerzte und die Augen brannten. »Was ist denn passiert?«

Gwydón lächelte: »Wir hatten unerwarteten Besuch. Aber dank Emrys ist alles vorbei.«

Niams Blick wanderte zu Emrys, der sich besorgt über sie beugte. Überrascht hatte er festgestellt, daß er sich ernsthafte Sorgen um Niam gemacht hatte. Er musste sich eingestehen, daß er tatsächlich Angst bei dem Gedanken verspürt hatte, sie zu verlieren. Schließlich war sie ein entscheidender Bestandteil des prophezeiten Dreigestirns. Und außerdem … ihr Lachen … und ihre Augen … Erleichtert sah er, daß sie wieder ganz gesund war und lächelte sie freundlich an.

Niam erwiderte seinen Blick und sagte: »Danke, Emrys.«

»Es war nicht mein Verdienst, sondern Gwydóns«, antwortete Emrys mit rauer Stimme »Sein Zauber hat dich befreit. Gwydón!«, wandte er sich an den Freund. »Was in aller Welt war das?«

»Das war Afangdu. Früher war er ein mächtiger Zauberer. Seine Mutter war eine alte Göttin. Wie jede Mutter liebte sie ihren Sohn, obwohl er seit dem Tage seiner Geburt von abgrundtiefer Hässlichkeit und Boshaftigkeit gezeichnet war. Sein Name heißt in der alten Sprache ‘Völlige Dunkelheit‹. Zum Ausgleich für seine Hässlichkeit braute ihm seine Mutter einen heiligen Trank. Dieser verlieh ihm Inspiration und großes Wissen. Doch das wendete er gegen die Menschen. Er wurde ein böser Dämon, verließ die Gemeinschaft und zog in die Sümpfe. Seitdem trachtete er dort den Menschen nach dem Leben. Schon damals verzauberte er am liebsten unschuldige Kinder. Unter seinem Einfloss verwandelten sie sich in Sheevras. Sie sind die Irrlichter, die das Moor bewohnen. Viel Böses taten sie, bis die Götter sie verbannten. Doch nun lasst uns gehen. Der Weg nach Ynis Mâcha ist noch weit.«

Gwydón führte sie weiter über das Moor. Als Herr der Tiere konnte er mit den Augen des Adlers sehen und erkannte auch den kleinsten Pfad. Niam war noch ziemlich schwach. Emrys stützte sie und gab ihr Halt. Sie spürte seinen starken Arm um ihre Hüften und bemerkte ein leichtes Kribbeln in der Magengegend. Doch sie war viel zu erschöpft, um diesem Gefühl weiter nachzuforschen. Gwydón trieb sie unermüdlich an. Unterwegs war er sonderbar still. Als es Abend wurde, ruhten die Freunde.

In die dunkle Nacht sagte Gwydón nachdenklich: »Freunde, wir müssen unsere Strategie ändern. Nach Ysbadadden bestätigt Afangdus Erscheinen, was ich bereits vermutete. Balzôrc hat die unterirdischen Verließe geöffnet. Das hat Konsequenzen für unsere Weiterreise, denn wir müssen davon ausgehen, daß alle Unholde der Welt aus ihrer Verbannung zurückgekehrt sind.«

»Welche Konsequenzen?«, fragte Emrys.

»Wir wissen nicht, wer uns noch alles verfolgt. Das bedeutet, daß wir möglichst wenig Gebrauch von der Magie machen dürfen. Magie erkennt Magie, egal ob weiß oder schwarz. Wir sollten so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Also müssen wir die Feinde, die uns noch begegnen, auf herkömmliche Weise bekämpfen. Emrys, nun kommt es besonders auf dich an.«

Emrys nickte. Er würde seine Freunde mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften beschützen, notfalls mit seinem Leben.

So zogen sie weiter über das Moor. Sie durchwanderten die Bruchwälder und grünen Wiesen des Niedermoores und die mit Heidekraut, Wollgräsern und rotbraunen Moosen bewachsenen Hügel der Hochmoore. Seit Tagen war ihnen kaum jemand begegnet. Die seltenen Male gingen die Wanderer den unheimlichen Gestalten aus dem Weg. Wo das nicht möglich war, machte Emrys Schwert kurzen Prozess. In dieser Zeit war er der siegreiche Held, froh, seine Kräfte in den Dienst der göttlichen Aufgabe zu stellen.

In dieser Zeit war Niam merklich still. In ihrem Kopf regte sich erneut das Lied der Elemente. Niam spürte, daß das, was sie bisher gelernt hatte, längst noch nicht alles war. Deutlich fühlte sie ihre wachsende Macht.

Allmählich wurden die Feindberührungen spärlicher. Die drei Freunde dachten schon, das Schlimmste sei vorüber. Doch urplötzlich gab der Untergrund nach. Ohne Vorwarnung sackte der Boden weg und zog die drei Freunde in die Tiefe. Im Bruchteil eines Moments waren sie im zähen Sumpf gefangen. Sie waren machtlos. Sogar Gwydóns Magie konnte hier nichts ausrichten. Kein Halt war zu finden. Je mehr sie sich bewegten, desto tiefer versanken sie. Gnadenlos verrichtete das Moor sein grausiges Werk. Schon bald waren Emrys und Gwydón bis zum Hals versunken. Wie Blei klebte der modrige Sumpf an ihnen und zog sie immer weiter in seine bodenlose Tiefe. Emrys und Gwydón konnten sich nicht mehr rühren und spürten, daß dies der Abschied war.

Im Gegensatz zu den beiden Männern aber war Niam noch nicht so weit eingesunken. Als der Boden nachgab, wusste sie instinktiv, wie sie sich zu verhalten hatte. Ihr leichtes Gewicht und die sparsamen Bewegungen verhinderten, daß sie tiefer als zur Hüfte gefangen war. Langsam führte Niam die Hände zum Medaillon der Elfen. Vorsichtig entnahm sie dem Schmuckstück ihren Samen aus Némes. Mit letzter Kraft pflanzte Niam das heilige Korn des Trefuilngid in den weichen Boden. Augenblicklich geschah das Wunder: Schneller, als ihre Augen sahen, gebar der Samen einen Sprössling. In atemberaubender Geschwindigkeit wuchs er zu einem mächtigen Baum. Schon bald schickte er seine starken Arme den Versinkenden entgegen und bot ihnen sicheren Halt. Emrys und Gwydón zogen sich an den kräftigen Ästen aus dem klebrigen Sumpf. Dabei waren die Baumarme nicht nur rettender Halt, sondern auch sicherer Weg. Auch Niam befreite sich und strebte ihren Freunden entgegen. Sie trafen sich auf einer breiten Astgabelung. Zuerst herrschte erschöpfte Stille, lediglich unterbrochen durch den stockenden Atem, der sich nur langsam beruhigte.

Wieder fand Gwydón als Erster seine Sprache wieder: »Das war knapp. Ich war sicher, daß das Ende gekommen sei. Danke, Niam. Die Beeren des Trefuilngid! Das war eine gute Idee. Nicht nur, weil du damit unser Leben gerettet hast, sondern auch, weil du uns den rechten Weg weist. Sieh, was für ein wunderbarer Baum deinem Samen entsprungen ist.« Damit deutete er auf das Astgewirr vor ihnen.

Da erkannte Niam, daß dieser Baum wirklich ungewöhnlich war. Im Gegensatz zu seinen Artgenossen war er nicht in die Höhe, sondern in die Breite gewachsen. Der mächtige Stamm sandte seine Zweige nach Norden. Weit reichten seine starken Äste und boten den Wanderern sicheres Geleit über den trügerischen Untergrund. Sie dankten Némes und den Göttern für dieses Wunder. Trockenen Fußes gelangten sie auf die andere Seite des Sumpfes.

Nach zwanzig Tagen Wanderschaft verließen Niam, Emrys und Gwydón endlich das tückische Moor. Bevor sie ihm jedoch endgültig den Rücken zukehrten, beugte sich Niam noch einmal zu Boden und hob einen unscheinbaren Stein auf. Eine innere Stimme befahl ihr, auch aus Sîl einen Stein als Erinnerung mitzunehmen. Also verstaute sie einen zweiten Stein in der Tiefe ihres Beutels.

3. Kapitel: Die dunkle Welt - Berge und Eis

Hoffnungsvoll betraten sie das Land, welches einst Âtron war. Doch auch hier hatte Balzôrcs Herrschaft die Umgebung verändert. Hohe Berge türmten sich dort auf, wo sich früher die weite Ebene von Ilan erstreckte. Drohend sah das Massiv aus, dunkel und unüberwindlich. Doch es half nichts. Sofort suchten Gwydón, Niam und Emrys einen geeigneten Aufstieg und fanden ihn in einem sanften Berghang. Der Bergrücken war flach. Die Gefährten erreichten den Gipfel beim letzten Tageslicht. Dort rasteten sie. Im Zwielicht der Dämmerung betrachteten sie die Landschaft unter sich. Dies war ihre erste Nacht in den Bergen.

Im hellen Licht der Morgensonne erkannten sie, daß der Gebirgszug, in dem sie sich befanden, nicht besonders hoch war. Am nördlichen Horizont warteten hohe Berge mit steilen Hängen und schroffen Gipfeln. Sie waren weiß und ragten weit über die Baumgrenze in die Region des ewigen Schnees. Dieses Hochgebirge mussten sie auf dem Weg nach Norden überqueren.

»Seid auf der Hut!«, warnte Gwydón. »Dieser Teil des Gebirges ist tückisch, denn es ist jung. Früher floss hier der Fluss Weón. So sehr Balzôrcs Macht die Erde auch verändert haben mag, ihre Ursprünge kann er nicht vollständig zerstörten. Unter uns fließt der Weón immer noch. Deshalb ist es hier so gefährlich. Seine beständigen Wasser lockern die Erd- und Gesteinsmassen. Wenn die Erde genügend durchtränkt ist, gleiten die darüber liegenden Felsmassen ab. Außerdem haben die hiesigen Berge ihre endgültige Form noch lange nicht gefunden. Sie entwickeln und verändern sich stetig. Seid also besonders vorsichtig bei den Steilstufen und den Steilhängen der ausgefurchten Täler.«

Sorgsam achteten die Freunde auf jeden ihrer Schritte. Dennoch waren einige Felsschichten so unsicher, daß sie bei der leisesten Berührung mit großem Gepolter talwärts abrutschten. Also dauerte es fünf Tage, bis die Gefährten das Mittelgebirge mit seinen Nadelwäldern überquert hatten. Gwydón führte sie. Der Weg, den er wählte, war sicher, aber lang. Es dauerte noch weitere zwei Tage, bis sie das Hochgebirge am Horizont endlich erreichten. Groß und mächtig ragte es vor ihnen in den Himmel. Die höchsten Gipfel waren von ewigem Eis bedeckt. Früher waren hier die hohen Berge des Bêrwy gewesen. Durch Balzôrcs Zauberkraft war er zwar gewachsen, doch es war eine ausgereifte Erhebung. Hier waren die alten Bedrohungen keine Gefahr mehr, doch es würden sicherlich neue kommen. Nach einer ruhigen Nacht am Fuße des Gebirges machten sich die drei an den Aufstieg. Niam war aufgeregt. Noch nie hatte sie ein richtiges Hochgebirge betreten.

Der Aufstieg war bedeutend mühsamer als der vorherige. Steil ging es in die Höhe. Unermüdlich kletterten sie bergauf, überwanden Stein um Stein. Dieser Marsch verlangte all ihre Kräfte. Erschöpft suchten sie einen geeigneten Platz für ein Nachtlager, noch bevor die Sonne untergegangen war. Sie übernachteten in einer geschützten Talmulde zu Füßen einer alten Tanne. Noch befanden sie sich unterhalb der Baumgrenze. Gwydón, Emrys und Niam genossen ein letztes Mal den Schutz der grünen Äste und schlugen hier ihr Nachlager auf.

Hier im Gebirge begann erneut das, was Niam schon in der Wüste und im Sumpf erlebt hatte. Abermals sprachen die Elemente mächtig zu ihr und lehrten sie das Wesen der Berge. Mit aller Macht sprach das hohe Lied der Elemente zu ihr. Mit dieser Intensität hatte Niam nicht gerechnet. Sie hatte angenommen, das alte Mysterium sei bereits entschlüsselt. Doch seit ihrem Aufbruch erkannte Niam immer deutlicher, daß noch sehr viel mehr in dem hohen Lied der Elemente steckte. Es ließ sie nicht mehr los. Ihr Kopf dröhnte. Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie verstand nicht, was die Elemente ihr mitteilen wollten. Verzweifelt rieb sie ihren schmerzenden Kopf und vergrub ihr Gesicht in den Händen.

Plötzlich hörte sie eine sanfte Stimme: »Niam, bist du in Ordnung?« Erschreckt sah Niam hoch und erkannte Emrys, der vorsichtig neben sie getreten war. »Hast du Sorgen?«

Niam schüttelte den Kopf. »Nein. Es sind nur so viele Gedanken in meinem Kopf. So viele Stimmen.« Sie schloß die Augen und rieb sich die Schläfen.

Emrys sah, wie erschöpft sie war. »Stimmen?«

»Ja. Es sind die Elemente. Alle reden gleichzeitig zu mir. Manchmal glaube ich, den Verstand zu verlieren. Es ist einfach zu viel Macht und Wissen für mich.«

»Da bin ich ganz anderer Meinung. Niam, ich verstehe nicht viel von Magie. Ich bin ein Mann des Schwertes. Aber eines habe ich in meinem Leben gelernt: Ich erkenne Menschen mit einem großen Schicksal. Selten habe ich jemand getroffen, der dazu fähiger und würdiger wäre als du.«

Niam war erstaunt. So etwas Nettes hätte sie nie von ihm erwartet. Seine Worte taten ihr gut und sie lächelte ihn dankbar an. »Danke, Emrys. Das gleiche gilt für dich. Du wirst sicher ein guter und würdiger König.«

»Das bezweifle ich. Ich weiß nicht, ob sich die Prophezeiung in Bezug auf mich nicht geirrt hat. Nie wollte ich mein Schicksal. Ich soll der König der Menschen sein, dabei fühle ich mich noch nicht einmal als Mensch. Mein Herz ist albisch. Nicht die Menschen, sondern die Alben des Lichts sind meine Familie.«

»Aber du bist ein Mensch. Du mußt dein Menschsein nur finden. So weit bist du schon gekommen. Seit unserer Abreise sprichst du immer menschlicher. Auch dein Gang hat sich verändert. Du wirst immer menschlicher, ob du nun willst oder nicht.« Niam lächelte ihn an. »Du wirst den Menschen sicher ein guter König.«

Emrys erwiderte ihren Blick freundlich und nickte. »Genau wie du eine würdige Königin.«

Doch Niam schüttelte traurig den Kopf. »Da bin ich mir nicht so sicher. Sonst würde ich die Stimmen doch verstehen…« Sie griff sich stöhnend an die Stirn. »Sie quälen mich so…«

Unwillkürlich ergriff Emrys ihre Hand und drückte sie leicht. »Eines Tages …«

In diesem Augenblick zerriss ein heller Ton die Stille.

»Was war das?« flüsterte Niam.

»Pst!« Emrys legte warnend seinen Finger auf den Mund.

Dann machte er Niam stumm ein Zeichen, ihm leise zu folgen. Lautlos schlichen sie hinter einen Felsvorsprung. In der Abenddämmerung hockte ein kleines, altes Männchen im Schutz des Felsbrockens. Er war in altnordischer Tracht gekleidet. An seinem erbsengrünen Rock blitzten silberne Knöpfe und die Stiefelchen an seinen Füßen zierten große Metallschnallen. Auf seinem Kopf trug er einen alten, spitzen Hut. Der Gnom war überaus häßlich. Sein runzeliges Gesicht wirkte wie ein verschrumpelter Apfel mit einem schiefen Maul. Pfeifend hämmerte es mit seinem feinen Werkzeug auf die Erde und hüpfte dabei auf und ab. Beim näheren Hinsehen erkannten Niam und Emrys, daß der Zwerg kleine Schuhe fertigte.

»Der Cluricaum.« flüsterte Emrys leise.

»Wer?«

»Der Cluricaum, der›Schuhmacher des schwarzen Heeres‘. Er ist ein alter Verbündeter des dunklen Herrschers, ein mächtiger, böser Kobold. Er fertigt alle Schuhe für Balzôrcs Streitmacht, die es so schnell wie der Wind machen. Als Herr der Berge kennt der Cluricaum alle Schätze, die in ihren Tiefen verborgen sind. Damit bezahlt Balzôrc seine Söldnertruppen. Doch die Hauptaufgabe des Cluricaun ist, die Schuhe für das schwarze Heer zu machen. Und er fertigt immer noch welche. Das kann doch nur bedeuten, daß er noch weitere Feinde ausrüsten will. Das müssen wir verhindern. Aber wir müssen vorsichtig sein. Denn der Cluricaum ist listenreich. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn gefangen zu nehmen. Unter keinen Umständen dürfen ihn wir aus den Augen lassen. Womit er dich auch abzulenken sucht, wende den Blick nicht von ihm ab. Sonst verschwindet er sofort.«

Vorsichtig schlichen Niam und Emrys aus ihrem Versteck. Der Cluricaum war vollkommen in seine Arbeit vertieft und hörte sie nicht. Deshalb konnten sie den Zwerg überraschen und ihn mit ihren Blicken gefangennehmen. Er schrie auf und wehrte sich heftig. Doch er merkte schnell, daß hier mit Zorn nichts auszurichten war. Er wußte, er war gefangen. Listig verlegte er sich nun auf die Taktik, die er gegen die Menschen schon so oft erfolgreich angewandt hatte.

Er hörte auf zu toben und zog manierlich seinen Hut: »Ich grüße euch, ihr edlen Wanderer.«, sagte er schmeichelnd. »Verzeiht mein Aufbegehren. Ihr habt mich erschreckt, das ist alles.«

Doch weder Emrys noch Niam gingen auf seine Schmeicheleien ein und ließen den Zwerg nicht aus den Augen.

Der Cluricaum lachte schrill und verbeugte sich linkisch. »Nun, womit kann ich euch zu Diensten sein, ihr hohen Herrschaften? Ist es Gold?« Damit klatschte er in die Hände.

Wie von Zauberhand erhoben sich prächtige Goldtruhen aus der Erde, gefüllt mit dem kostbaren Edelmetall. Doch Emrys und Niam widerstanden der Versuchung und ließen den Zwerg immer noch nicht aus den Augen.

»Nein«, sagte der Cluricaum mit nervösem Unterton, »Gold ist wohl nichts für euch. Aber wie wäre es denn hier mit?« Damit griff er einen ledernen Beutel und warf ihn Niam zu.

Als sie den Beutel auffing, öffnete er sich und gab den Blick frei auf ein funkelndes Edelsteingeschmeide. Unwillkürlich ließ Niam den Zwerg aus den Augen und sah auf den Inhalt des Beutels. Darauf hatte der Cluricaum nur gewartet. Augenblicklich verschwand er vor Niams Augen.

Sie hörte nur noch sein gehässiges Lachen: »Ihr Menschen seid ja so einfältig. Jedes Mal fallt ihr auf diesen alten Trick herein. Zu spät, du aufgeblasener Mensch, nun bin ich für dich verloren.«

»Die Frau magst du überlistet haben, nicht aber den Krieger.« Emrys‘ feste Stimme war lauter als das Hohngelächter des Zwerges. »Meine Augen haben dich nicht losgelassen. Ich kann dich immer noch sehen. Also bist du noch immer mein Gefangener.«

Der Cluricaum wütete, doch er hatte verloren. Er ärgerte sich über seinen Leichtsinn. Normalerweise waren Männer leichter zu überlisten als Frauen. Deshalb hatte er sich nur auf Niam konzentriert. Er konnte nicht wissen, daß Emrys seit frühster Kindheit mit überirdischen Wesen vertraut war. Königin Belisama hatte ihm genug über den Cluricaum erzählt. Also verschloß er sein Inneres gegen jegliche Ablenkung. Sein fester Blick verharrte eisern auf dem Zwerg. Schließlich mußte sich der Cluricaum geschlagen geben. Zerknirscht beugte er das Knie vor seinem Bezwinger. Für seine Freilassung verlangte Emrys nichts Geringeres als den Spré na Skillenagh, den Glücksschilling des Cluricaum. Emrys wußte, wie mächtig der Spré na Skillenagh war. Er war ist ein Glücksschilling und hatte die Kraft, böses in gutes zu verwandeln. Jedes Metall der Erde konnte er vervielfältigen. Wenn ein Mensch ihn rechtmäßig in Händen hielt, brachte der Spré na Skillenagh Glück, wo immer er auch war.

»Aber das kannst du doch nicht…« Der Cluricaum schrie auf. »Nein, den Spré na Skillenagh kann ich dir nicht geben. Ohne ihn kann ich nicht mehr…« Schnell biß der Zwerg sich auf die Zunge.

Emrys vervollständigte seinen Satz: »Ohne ihn kannst du nicht mehr schustern. Ohne deinen Glücksschilling bist du ohne Macht. Ich weiß, daß all deine Kräfte an den Spré na Skillenagh gebunden sind. Und jetzt bringe ihn mir. Er ist der Preis für deine Freiheit. Du weißt, daß du mir gehorchen mußt.«

Die Art und Weise, wie Niam das sagte, ließ den Cluricaum zusammenzucken. Er warf sich auf den Boden und heulte jämmerlich. Doch alles Sträuben half nichts, er mußte sich Emrys' Willen beugen. Widerstrebend griff der Cluricaum unter seinen Rock und holte ihn hervor, seinen größten Schatz.

»Hier hast du ihn, du grausamer Mensch.« Damit reichte er Emrys einen unscheinbaren Beutel.

Was in das schlichte Tuch eingewickelt war, konnte Emrys nur fühlen. Insgeheim hoffte der Cluricaum, daß Emrys nun endlich seine Augen abwenden würde. Dann hätte er seinen Glücksschilling schnell entwenden und verschwinden können. Das zumindest war sein Plan. Doch Emrys fiel auch darauf nicht herein. Im Gegenteil, er verschärfte seine Konzentration und deutete Niam an, den Inhalt des Beutels zu untersuchen. Vorsichtig öffnete Niam ihn. Zum Vorschein kam eine alte, silberne Münze. Anhand ihrer Signaturen und Zeichen konnte sie schnell als der Spré na Skillenagh identifiziert werden. Niam gab Emrys den Glücksschilling zurück und bestätigte, daß er echt war.

Noch immer ließ Emrys den zitternden Zwerg nicht aus den Augen. Ein letztes Mal sprach er zu ihm: »Gut, du hast Wort gehalten. Also werde auch ich mein Wort halten und dich freilassen. Doch eines will ich dir mitgeben auf den Weg. Vergiß nicht: Nun bist du nur noch ein gewöhnlicher Zwerg. All deiner schwarzen Macht bist du ohne den Spré na Skillenagh beraubt. Jetzt bist du weder der Herr der Berge noch der magische Schuhmacher. Ich bezweifle, daß das deinem dunklen Herrn gefallen wird. Sollte er gnädig sein und dich nur verstoßen, ist es immer noch fraglich, ob König Elfric bereit ist, dich wieder in die Gemeinschaft der Zwerge aufzunehmen. Wenn ich du wäre, würde ich mich verstecken. In Zukunft wirst du keinen Schaden mehr anrichten können. Und jetzt verschwinde!« Damit schloß Emrys die Augen.

Augenblicklich verschwand der Cluricaum. Sein Wutgeheul lag noch eine Weile in der Luft, dann aber war auch dieser letzte Hinweis auf den einst so gefürchteten Herrn der Berge verschollen. Emrys aber steckte den Schilling unter sein Gewand. Dann bemerkten er und Niam, wie spät es bereits war und eilten zurück zu Gwydón.

Am nächsten Morgen ließen die Gefährten die Baumgrenze hinter sich und betraten die Regionen des Hochgebirges. Es war eine unheimliche und lebensfeindliche Gegend. Dichte Wolken umhüllten die hohen Gipfel aus Fels und Eis. Der Weg wurde immer beschwerlicher, vorbei an scharfen Abbrüchen und steilen Felswänden. Die dünne Luft machte das Atmen schwer. Nach acht Tagen überwanden die Gefährten endlich den letzten der hohen Berggipfel. Vor ihnen lag die Rückseite des Gebirges. Von nun ab ging es nur noch bergab. Die Freunde atmeten erleichtert auf. Nun schien das schwerste hinter ihnen zu liegen.

Doch in dieser Nacht schlug der Schatten der Berge zu. Es war die Phucca, der dunkle Alpgeist des Gebirges. Lautlos kam sie über die drei Freunde und zog sie in ihren Bann. Wie immer hatte die Phucca die Zeit der Träume abgewartet, um sich der Menschen zu bemächtigten. Groß und unheimlich saß sie auf einer gewaltigen Fledermaus. Nun kam sie pfeilschnell aus luftiger Höhe hinab und ergriff die Gefährten mit ihren mächtigen Klauen. In einem wilden Ritt jagte die Phucca Gwydón, Emrys und Niam über schwindelerregende Abgründe, atemberaubende Höhen und tiefe Täler. Immer höher schraubte sie sich in den Himmel, dann riß sie ihre Opfer grausam lachend mit sich in die Tiefe. Währenddessen versetzte sie den Gefangenen unsichtbare Schläge, die sie zusätzlich lähmten. Dieser Höllenfahrt konnte sich keiner entziehen. Die Freunde waren wie gelähmt und unfähig, sich zu wehren. Gegen die Phucca war Gwydóns Zauberkraft machtlos. Auch Niams Stimme zeigte keine Wirkung. Keine Magie half gegen dieses unheimliche Wesen. Die Phucca war ein alter Geist und hatte die Erde bereits mit ihrem Schrecken heimgesucht, als die alten Götter noch jung waren. Schon immer spukte sie in den höchsten Bergmassiven, sie war der dunkle Geist der Berge, der Alpdruck des Hochgebirges. Bald verlor Niam das Bewußtsein und auch Gwydón schwanden die Sinne. Lediglich Emrys konnte länger widerstehen.

Er wußte, daß er bei Verstand bleiben mußte, sonst wären er und seine Begleiter unwiderruflich verloren. Also kämpfte Emrys mit aller Macht gegen die Besinnungslosigkeit, bis der schaurige Flug endlich endete. Auf dem höchsten der Berggipfel öffnete die Phucca ihre Pranken und ließ ihre leblosen Opfer auf das oberste Plateau fallen. Emrys verhielt sich wie seine Freunde und knalle hart wie sie auf den steinernen Untergrund. Aus dem Verborgenen betrachtete er das unheimliche Wesen. Die Phucca war wirklich abstoßend. Sie war eine knochige, alte Frau mit einer scharfen Adlernase und stechenden Augen. Schüttere Haare hingen wie Stroh über ihre hageren Schultern und ihre Finger waren lange, spinnedürre Klauen. Wenn sie ritt, dann verband sich der untere Teil ihres Körpers vollkommen mit einer riesenhaften Fledermaus einer unheimlichen Kreatur. Emrys schloß erschauernd die Augen.

Doch dann sprang er entSchloßen auf und trat dem Ungetüm mit gezogenem Schwert entgegen. »Noch hast du nicht gewonnen. Ich werde gegen dich kämpfen und dich besiegen.«

Die Phucca fuhr fauchend herum. Feurig traf Emrys ein wütender Blick aus ihren rotglühenden Augen. »Wen haben wir denn da? Ein geradezu köstlicher Braten. Ich liebe junge Menschen, besonders wenn sie so stattlich sind wie du. Komm her zu mir, mein hübscher, leckerer Knabe, komm zur Phucca.« Ihre Stimme hatte einen zischenden, schneidenden Ton, begleitet von einem erschreckenden Schnarren.

Doch Emrys wich keinen Schritt zurück. Der Alpgeist streckte seine Krallen aus und versuchte, den jungen Mann erneut zu greifen. Aber Emrys verteidigte sich mit seinem Schwert und fügte den Klauen manche Wunde zu. Die Phucca wütete zornig. Noch nie in ihrem langen Leben hatte es ein Mensch gewagt, gegen sie zu kämpfen. Rasend vor Wut fuhr sie wie eine Furie auf Emrys zu. Doch Emrys war ein geübter Kämpfer. Stets kam er ihren Bewegungen zuvor und wehrte sie ab, nur um dann seinerseits der Phucca schmerzhafte Schläge zu versetzen. Sie brüllte und wurde immer wütender. Doch die Wut machte sie blind und verwundbar. Geduldig wartete Emrys auf den richtigen Moment, dann trennte er das schreckliche Haupt mit einem gewaltigen Hieb seine Schwertes von ihrem Körper. Ein letztes Röcheln war noch zu hören, dann brach die Phucca, der Schrecken der Berge, leblos in sich zusammen.

Als die Phucca fiel, erwachten Niam und Gwydón aus ihrer Ohnmacht. Während Niam noch etwa Zeit brauchte, erfaßte Gwydón augenblicklich die Situation. Er sah den blutüberströmten Emrys und den leblosen Leib der Phucca neben ihm.

»Emrys, hast du tatsächlich mit der Phucca gekämpft?«

Emrys nickte. Er war erschöpft, gezeichnet von dem heftigen Kampf. Doch er war auch stolz und glücklich. »Ich habe die Phucca mit meinem Schwert getötet.«

»Noch nie hat ein Mensch gegen die Phucca gekämpft, geschweige denn über sie gesiegt. Ich beglückwünsche dich und uns zu deinem Mut und deiner Stärke. Doch jetzt sollten wir gehen. Denn die Phucca ist ein göttliches Wesen und ihr Tod nur vorübergehend. Kein sterbliches Wesen kann sie dauerhaft vernichten. Bald schon wird sie ihre Kraft wiedererlangen. Schnell, tretet her zu mir.«

Damit winkte Gwydón Emrys und Niam zu sich und breitete den Mantel von Mananan, die Tarnkappe der Zwerge über sie aus. Augenblicklich lösten sich ihre Gestalten auf und verschwanden vor der grauen Felsumgebung. Es war höchste Zeit, denn in diesem Moment erwachte die Phucca. Mächtig erhob sich der dunkle Berggeist, bedrohlich glühend vor Wut. Sie brüllte in den schwarzen Himmel und sann auf blutige Rache. Doch Gwydón, Emrys und Niam waren wie vom Erdboden verschluckt. Es war ihr Glück, daß die Phucca nicht die beste Nase hatte. Regungslos verharrten die Freunde im Schutz des Tarnmantels. Wutschäumend durchsuchte die Phucca das gesamte Bergplateau. Doch ihre Suche blieb erfolglos, denn Gwydón, Emrys und Niam wichen jedem ihrer Schritte aus. Zornig öffnete die Phucca ihre großen Schwingen und stürzte sich in die Nacht, um die Flüchtlinge gnadenlos zu jagen. Darauf hatten die Gefährten nur gewartet. So schnell sie konnten, flohen sie in die dunkle Nacht.

Die Phucca verfolgte Gwydón, Emrys und Niam noch lange, doch mit Hilfe des Mantels von Mananan gelangten sie unentdeckt an den Rand des Gebirges. Nach drei Tagen gab der Alpgeist die Suche endlich auf und flog in ihr hohes Reich zurück. Danach wurde der Weg wieder etwas leichter. Aber Gwydón wollte nichts riskieren Also tarnten sie sich weiter, während sie hinabstiegen.

Nach zwei Tagen war es endlich soweit. Die letzte Nacht in den Bergen kündigte sich an. Bevor Niam einschlief, fanden ihre Finger einen kleinen Stein. Wie zuvor steckte sie auch dieses Abschiedsgeschenk aus Âtron zu den anderen steinernen Erinnerungen der alten Königreiche.

Der nächste Tag zeigte die gnadenlose Wahrheit. Was Gwydón, Niam und Emrys am Abend zuvor noch für eine optische Täuschung gehalten hatten, wurde grausam bestätigt: Im hellen Licht des Morgens sahen sie von der letzten Anhöhe hinab auf das Land, welches einst ihrer aller Heimat Brigant gewesen war. Dort war nichts als pures Eis. Riesige Eiszungen bedeckten das Land. Sie schimmerten in einem undefinierbaren Farbton zwischen Blau und Grün. Niam zog fröstelnd ihren Rabenmantel fester um die Schultern. Es war noch kälter als in der Höhe der Berge. Die Temperatur war so eisig, daß der Atem in der Luft gefror. Dort, wo er auf eine trockene Oberfläche fiel, bildeten sich kurzzeitig zarte Eisblumen, feine Eiskristalle, geschaffen für den flüchtigen Moment.

Die Freunde waren erschüttert. Natürlich hatten sie mit Veränderungen gerechnet. Aber nun erkannten sie mit Schrecken, daß in Brigant die wohl schwerwiegendste Veränderung stattgefunden hatte. Waren in den übrigen Königreichen zumindest noch Restspuren der einstigen Vegetation vorhanden, so war hier jegliches Leben zum Erliegen gekommen. Die schneidende Kälte und das ewige Eis machten ein Wachsen unmöglich. Keine Pflanze konnte hier gedeihen. Auch die Tiere starben in dieser lebensfeindlichen Umgebung. Niam war froh um den Gae Bolg und dankte den Lichtalben für ihre wunderbare Gabe. Ohne diesen Feuerstab hätten sie und ihre Begleiter sicher nicht überlebt. So aber konnten sich die Gefährten an seiner heißen Flamme erwärmen.

Unermüdlich bewegten sie sich nach Nordwesten. Die ersten fünf Tage liefen sie vorsichtig über die Gletscherspalten, die tief ins ewige Eis reichten. Sorgsam achteten sie auf ihre Schritte, wenn sie die Spalten überquerten, die ganze Gletscherbrüche mit bizarren Eistürmen und Firnzacken nach sich zogen.

Erneut war es eine Zeit der Stille. Die Gefährten wollten ihre Kräfte sparen, um gegen die harte Kälte zu bestehen. Niam war das recht. Sie war ohnehin mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Sie tauchte ein in ihre Umgebung und begann, ihre Eigenheiten aufzuspüren. Allmählich begriff sie die Region des ewigen Eises.

Daneben erkannte Niam, daß Gwydón ebenfalls eingeweiht war und vertraute sich bedenkenlos seiner Führung an. So konnte sie ungestört nachdenken. Erneut war es das Elementelied, welches ihr Denken eroberte. Scheinbar unwillkürlich verbanden sich die verschiedenen Elemente miteinander und schufen etwas Neues, nur um kurz darauf wieder eine andere Vereinigung einzugehen. Mit der Zeit bekam Niam ein Gespür für das sensible Gleichgewicht in diesem Wechselspiel. Deutlich spürte sie die verborgene Kraft, die alles zusammenhielt und lenkte. Und Niam begann, ihre eigene Rolle in diesem Spiel immer deutlicher zu begreifen. Sie war es, die mit den Elementen sprach, sie war die wahre Trägerin der Urkräfte.

Eines Abends saß sie wieder gedankenverloren am Feuer. Emrys und Gwydón hatten das Nachtlager auf einem breiten Eisfeld aufgeschlagen. Niam war still und starrte regungslos ins Feuer. So beobachtete Emrys sie. Gwydón ließ Niam in ihrer Tagträumerei gewähren, doch Emrys machte sich ernsthafte Sorgen. Es war erstaunlich, wie sich seine Gefühle ihr gegenüber verändert hatten. Seit ihrem Aufbruch hatte er eine ganz andere Seite an Niam kennen gelernt. Für eine Frau war sie ziemlich klug, dachte er. Außerdem verfügte sie über eine große innere Macht. Dabei war sie jedoch natürlich geblieben. Emrys erinnerte sich an die wenigen intensiven Gespräche, die sie miteinander geführt hatten. Er stellte fest, daß sie ihm gefallen hatten. Heimlich wanderte sein Blick wieder zu Niam. Er sah ihr blondes Haar, in dem der Lichtschein des Feuers golden spielte. Er sah ihre blauen Augen, die gedankenverloren in die Flammen starrten. Hier im Eis hatten ihre Pupillen die helle Farbe der bläulichen Umgebung angenommen und strahlten noch mehr als sonst. Emrys gestand sich ein, daß Niam wirklich eine schöne Frau war. Und er merkte, daß er sich in sie verlieben könnte. Doch diesen Gedanken wies er augenblicklich mit Herzklopfen von sich. Denn er merkte auch, daß Niam immer noch Sorgen hatte. Er fühlte das Verlangen, ihr zu helfen, nicht als Mann, sondern als Freund.

Leise trat er zu ihr ans Feuer und setzte sich neben sie. »Niam, hältst du wieder Zwiesprache mit den Stimmen?«

Niam fuhr erschreckt aus ihren Träumen und begegnete seinem klaren Blick. Er war so entwaffnend, daß sie lächeln musste. Erstaunt bemerkte sie, daß sie sich freute, Emrys zu sehen. »Ja. Aber langsam verstehe ich die Stimmen immer besser. Die Zeit ist mein Verbündeter. Längst sind die Stimmen nicht mehr so quälend. Obwohl ich sie immer noch nicht ganz verstehe.«

»Möchtest du mir davon erzählen?«

»Ich weiß nicht …« Niam schüttelte den Kopf »Die Elemente vereinen sich unwillkürlich in meinem Kopf. Je nach Mischung bilden sie die unterschiedlichsten Stoffe, neue Energien und Kräfte. Es ist wie ein großes, unendliches Spiel …«

»Ich bin sicher, daß du auf dem richtigen Weg bist. Zum notwendigen Zeitpunkt wirst du alles verstehen. Du solltest mehr Vertrauen in dich haben. Ich vertraue dir.«

»So wie ich dir.«

Ihre Blicke trafen sich. Für diesen kurzen Moment vergaßen sie die Welt um sich. Doch dann wurden sie sich ihrer Situation bewusst und wandten sich verlegen ab.

»Gut«, sagte Emrys mit belegter Stimme, »jetzt sollten wir schlafen. Morgen haben wir wieder einen anstrengenden Tag vor uns. Schlafe gut, Niam, die Götter mögen dir sanfte Träume schicken.«

Mit brennenden Wangen erwiderte Niam seinen Gruß und legte sich nieder. Aber es dauerte lange, bis sich ihr heftig schlagendes Herz beruhigte und sie Schlaf fand. Emrys erging es in dieser Nacht ähnlich.

Gwydón hatte es stillschweigend beobachtet. Insgeheim lächelte er. Er hatte die langsame Annäherung zwischen Niam und Emrys mit wachsender Freude beobachtet. Mit der Entwicklung war er mehr als zufrieden. Es schien, als hätten Niam und Emrys inzwischen einen Weg der Verständigung gefunden. Nun erlaubte sich Gwydón, ein wenig von dem zu träumen, was sein könnte. Niam und Emrys wären wahrlich ein schönes Paar. Wenn sie sich doch nur verlieben würden. Dann wäre alles leichter und so, wie es sein sollte … Doch an diesem Punkt rief Gwydón seine Gedanken zurück. Denn eines wusste er: Die menschliche Liebe war weder zu steuern noch zu erzwingen. Sie kam, wann und wohin sie wollte. Wenn sie da war, war sie die größte Gewalt auf Erden. Wenn Niam und Emrys sich tatsächlich verlieben sollten, dann geschähe dies aus eigenen Stücken. Mit diesem Gedanken schlief auch Gwydón endlich ein. Im Schein des wärmenden Feuers verbrachten die Gefährten eine ruhige Nacht inmitten von Schnee und Eis.

Am zwölften Tag durchwanderten sie ein gewaltiges Eisfeld. Dicke Eisblöcke lagen hier, bizarr ineinander verkeilt. Das Eis hatte sonderliche Formen. Hinter hohen Felsblöcken hatten sich riesige Gletschertische aus reinstem Eis gebildet. Es war eine fantastische Landschaft. Neugierig betrachtete Niam die kristallinen Formen. Eine erschien ihr besonders interessant. Niam trat ganz nah heran und sah, daß diese Struktur anders war als die anderen. Doch als sie dies bemerkte, da war es auch schon zu spät. Eine undefinierbare Masse löste sich aus dem Eis und nahm Niam gefangen. Laut schrie sie auf, als das Ungetüm sie mit sich riss.

Blitzschnell zog Emrys sein Schwert und erfasste instinktiv die Situation: Er sah den gewaltigen Riesen aus Eis, der Niam in seinen kalten Armen hielt. Spontan tat der Krieger das einzig Richtige. Mit aller Macht hob er sein Schwert und schlug auf den Arm, der Niam umSchloß. Als das Metall auf die kristalline Struktur prallte, zerplatzte das Eis in tausend Stücke - Niam war frei. Der Eisgigant brüllte auf. Sein Schrei wurde vielfach erwidert. Gwydón, Emrys und Niam entdeckten weitere Eisriesen, die bedrohlich auf sie zukamen. Schnell bereiteten sich die Gefährten auf die bevorstehende Attacke vor. Niam ergriff den Gae Bolg und richtete ihn auf die Eisriesen. Rücken an Rücken stand sie mit Emrys und erwartete den Angriff. Er kam zwar heftig, aber die Riesen hatten keine Chance. Caliburn und der Gae Bolg wehrten ihren Angriff ohne große Mühe ab. Der Gae Bolg sandte ihnen seine göttliche Flamme entgegen und ließ sie zu einem kläglichen Haufen zusammenschmelzen. Den Rest erledigte Emrys mit dem Schwert. Gwydón hatte dabei gar nichts zu tun. Schon bald waren die Eisriesen besiegt.

Details

Seiten
194
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531593
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318483
Schlagworte
Kelten Irland Mythologie Jugendbuch ab 12 Jahre Zwerge für Jungen Fantasy Nebel von Avalon Elfen Nixen für Mädchen Abenteuer Prophezeiung eBooks

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Titel: Das helle Kind - Band 3: Königreich Gramarye