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Das helle Kind - Band 2: Anderswelt

Roman

2016 230 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Niam begibt sich auf eine gefährliche Reise, die sie in die Anderswelt führt. Sie muss die Königreiche der Alben, Elfen, Zwerge und Nixen finden und von ihnen heilige Artefakte erhalten. Während sie abseits der Welt zur Frau reift und ihre Stimme magische Kräfte entfaltet, stürzt Lord Balzôrc das gesamte Reich in einen verheerenden Krieg …

Das grandiose Fantasy-Epos, das die sagenhafte Welt der keltischen Mythologie lebendig werden lässt!

„Dieser Roman wird jeden Freund der klassischen Fantasy begeistern.“ www.bibliotheka-fantastika.de

Über die Autorin:

Katharina v. Pannwitz wurde 1964 geboren. Nach einer Ausbildung zur Industrie- und Verlagskauffrau studierte sie Kommunikations- und Theaterwissenschaften. Später entschied sie sich, in der Filmindustrie zu arbeiten. Heute lebt Katharina von Pannwitz gemeinsam mit ihrem Mann in München und ist dort als Autorin tätig. »Das helle Kind« ist ihre erste Fantasy-Trilogie.

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eBook-Neuausgabe April 2016

Dieses Buch erschien bereits 2004 als Teil eines Romans unter dem Titel Die Macht der magischen Steine bei Beltz & Gelberg

Copyright © der Originalausgabe 2004 Beltz & Gelberg

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-159-3

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Katharina von Pannwitz

Das helle Kind II

Anderswelt

jumpbooks

Aus der Prophezeiung vom
Hellen Kind

Süden:

An Alban Elfed zuerst nach West,
nach Thierna Og im Meer.
Den Stellvertreter der Menschheit Rest
erwarten die Nixen sehr.
Aus Morgâs Schoß, Nihussâs Kind,
den Cauldron in der Hand,
mit dem die Mächte verbunden sind,
auf immer Morgâs Pfand.

An Oiche na Spiánna nach Nord,
zum tiefen Reich der Zwerge,
nach Brug-Na-Boinne, dem geheimen Hort,
geschützt durch hohe Berge.
Verbunden mit dem Blut der Nacht,
den Mantel von Mananan,
zum Schutz von Naddreds Glut gemacht,
Antarrs Macht gibt Prèachán.

An Óimelc nach Ost, die dritte Station,
nach Némes, versteckt und alt.
Doane Shís grüner Reigen der Lohn,
der Tanz durch den Zauberwald.
Mit den heiligen Beeren des Trefuilngid,
oh Menschenhinder, hört her:
Nach 72 Jahren das letzte Glied,
des Königs Wiederkehr.

Zuletzt nach Süd an Cetshamain,
dem Sonnenlichte gleich.
Das Ziel soll Inis Wytrin sein,
das helle Albenreich.
Die Einigkeit von neu und alt
und Aés Sids Gae Bolg,
bewacht die Oberhoheitengewalt
aus Grianainechs Volk.

1. Kapitel: Die Überfahrt

Das kleine Boot war schnell. Schon bald hatte es das seichte Uferwasser von Emain Ablach hinter sich gelassen und fuhr hinaus auf das große Meer. So weit das Auge reichte, war nur die unermessliche Weite des Ozeans. Die Wellen veränderten nun ihre Form. Majestätisch rollten sie gegen das Segelschiff und ließen es auf und ab tanzen. Zu Beginn war dieses Schwanken ungewohnt für Niam. Sie machte sich so klein wie möglich und rührte sich nicht. Zusammengekauert saß im hinteren Teil des Bootes und klammerte sich an die Reling.

So gewaltig hatte sie sich das Meer nicht vorgestellt. Nun erst verstand sie Gwydóns Worte über die Meerenge von Méneái. Die Grenzenlosigkeit der offenen See war wirklich etwas ganz anderes. Das Boot wirkte wie eine hilflose Nussschale im der Gewalt der Elemente, und Niam war es ziemlich unbehaglich. Insbesondere, als sich eine heftige Windböe in den Segeln fing und das Schiff in eine steile Schieflage legte. Erschreckt hielt Niam den Atem an und zog den Kopf ein in Erwartung ihres baldigen Todes. Doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, als Niam nach einer Weile vorsichtig die Augen wieder öffnete, sah sie Gwydón, der entspannt am Ruder saß und leise ein Lied pfiff. Ihm schien das Schaukeln nichts auszumachen. Auch Brânwi saß ruhig auf der Reling und genoss den Fahrtwind. Niam stöhnte hörbar auf.

Gwydón lächelte sie an: »Na, Niam, wie gefällt dir das Meer?«

»Ich weiß nicht so recht.« Niam zuckte mit den Schultern. »Es ist so gewaltig!«

»Ja, das ist es. Das Meer ist die Verkörperung der Urkraft des Wassers, mächtig, grenzenlos und unwiderstehlich.«

»Ich hätte nie gedacht, daß es so viel Wasser auf einem Fleck gibt.«

»Dabei ist das noch lange nicht alles. Dies hier ist das Westmeer, eines der drei großen Weltenmeere. Daneben gibt es das Südmeer an der südlichen Küste von Dumnón, die See von Lýmnía. Und zuletzt das schwarze Meer im Norden. Es ist ein dunkler Ort – man sollte ihn meiden. Aber dieser Ozean ist friedlich. Das Meer ist unser Freund. Sieh, wie sicher uns die Wellen auf ihren Rücken tragen.«

Langsam kamen Niams Gedanken zur Ruhe. Viel war passiert seit gestern. Zuerst diese sonderbare Konferenz in Môn und dann die Offenbarung ihres Schicksals. Es war schon sonderbar. Ausgerechnet sie, die nie gerne unter Menschen gewesen war und die Traumwelt bevorzugte, sollte nun das Geschick der Menschen entscheiden. Niam Schloß die Augen. Ja, ihr altes Leben war unwiderruflich vorbei. Diese schaukelnde Fahrt über das Wasser eröffnete das erste Kapitel ihres neuen Lebens, das des hellen Kindes. Diesem Schicksal musste Niam folgen, ob sie nun wollte oder nicht.

Sie sah Gwydón nachdenklich an. »Gwydón, hast du es gewußt? Kanntest du das Schicksal, das mich erwartet?«

»Gewußt habe ich es nicht, wohl aber vermutet. Schon immer war etwas Besonderes um dich.« Er sah Niam tief in die Augen und erkannte, daß sich ihre Farbe verändert hatte. Das sonst so strahlend helle Blau hatte sich der Umgebung angepaßt und leuchtete nun im mysteriösen Schimmer des weiten Ozeans.

Das Boot fuhr stetig nach Süden, der Sonne entgegen. Niam hatte sich inzwischen vollständig an das Schaukeln der Wellen gewöhnt und genoss die schnelle Fahrt. Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, passierten die Reisenden die Klippen von Aberón, den westlichsten Punkt des Königreiches Brigant. Wie ein Hauch der Erinnerung und ein letzter Abschiedsgruß erschienen die fernen Uferlinien am Horizont.

Nachdem sie die Klippe umfahrfen hatten, die wegen ihrer speziellen Strömungen und den wechselnden Winden immer gefährlich waren, stellte Gwydón das Ruder auf den Südkurs zur Mündung des Teíti im Königreich Sîl ein. Dann setzte er sich neben Niam und streckte die Beine aus.

Niam sah ihn nachdenklich an. »Gwydón, erzähle mir noch etwas über die Überlieferung. Was genau ist diese ‘Prophezeiung vom hellen Kind‹? Seit wann kennt ihr sie? Hat sich das Leben nach ihrer Entdeckung verändert?«

»Ja, das hat es. Die Vorfahren wussten nichts von der Bedrohung, die das Schicksal ausersehen hatte. Doch kurz nach der Landung in der neuen Welt hatte Talrún, der damalige Oberdruide von Brigant, eine Vision. Während einer Geistesreise weihten ihn die Götter ein und kündeten von drohendem Unheil. Kurz darauf wurde in den Bergen von Aldérion im Norden von Brigant das erste Teilstück der Überlieferung gefunden. Ein Hirte, der seine Schafe und Ziegen in die hohen Berge führte, entdeckte zufällig eine Höhle. Dort kamen sie zum Vorschein, die alten Steintafeln. Doch ihr Zustand war bedenklich. Sie waren beschädigt, einige bröckelten schon. Es hat viel Arbeit, Mühe und Geduld gebraucht, sie zu rekonstruieren. Und noch immer befinden sich viele von uns auf der Suche nach den übrigen Teilen. Denn wir merkten schnell, daß die Tafeln in der Höhle nicht vollständig waren. Es war uns bewusst, daß es noch mehr Teile geben musste. Die Zeichen ergaben keinen Sinn. Oft erhellte erst ein neu gefundenes Anschlussteil den Inhalt der vorherigen Platten. Trotz vieler Rückschläge haben wir bis heute zumindest eine Art Grundgerüst der alten Prophezeiung entschlüsselt. Diesen Teil hast du gehört.«

»Und der Rest?«

»Der Rest ist erst in groben Zügen bekannt, denn hier fehlen noch die meisten Steintafeln.«

»Betrifft dieser Teil meine Reise?«

Gwydón nickte. »Das vermuten wir. Deine Reise ist bis jetzt nur in den Stationen und dem Zeitplan, wann du die vier verschiedenen Geisterwelten betreten musst, bekannt.«

»Was genau sagt die Prophezeiung über meinen Weg?«

»Es beginnt folgendermaßen:

An Alban Elfed zuerst nach West,
nach Thierna Og im Meer.
Den Stellvertreter der Menschheit Rest
erwarten die Nixen sehr.

Der Rest fehlt. Wir nehmen an, daß hier dein Aufenthalt in Thierna Og geschildert wird und die Hilfe, die du dort erhalten wirst.«

»Was ist Alban Elfed?«

»Das ist der rituelle Name für Lughnasa, der ›Jahres-Abend‹, den Herbstanfang. Früher war das die gebräuchliche Bezeichnung, doch heute kennt fast niemand mehr diesen alten Namen.«

»Und wie geht es weiter?«

»An Oiche na Spiánna nach Nord,
zum tiefen Reich der Zwerge,
nach Brug-na-Boinne, dem geheimen Hort,
geschützt durch hohe Berge.

Auch hier ist der Rest noch nicht gefunden. Oiche da Spiánna ist der alte Name von Samhain, der ›Jahres-Nacht‹, dem Beginn des Winters.«

Niam nickte und schaute Gwydón weiter aufmerksam am.

Gwydón fuhr fort: »Über deinen nächsten Aufenthalt wissen wir sogar noch weniger, nur das Folgende:

An Óimelc nach Ost, die dritte Station,
nach Némes, versteckt und alt.

Óimelc heißt heute Imbolc, ›Mitt-Winter‹ oder auch der ›Jahres-Morgen‹. Und an Beltaine, in der alten Sprache Cetshamain, dem ›Jahres-Mittag‹ und Beginn des Sommers, musst du nach Inis Wytrin. Über den Schluss deiner Reise heißt es:

Zuletzt nach Süd an Cetshamain,
dem Sonnenlichte gleich.
Das Ziel soll Inis Wytrin sein,
das helle Albenreich.«

»Wie lange wird meine Reise dauern?«

»In der Welt der Menschen wirst du deine Reise in Jahresfrist beenden. Zwischen den Etappen hast du jeweils drei Monate Zeit, genug für die zu überwindende Entfernung.«

»Und wie lange soll ich das alte Volk jeweils besuchen?«

»Das müsstest du nach deiner Ausbildung eigentlich wissen.«

Niam nickte. Ja, in Môn hatte sie gelernt, daß ein Aufenthalt in der Anderswelt immer eine Nacht und einem Tag dauerte. Dieser magische Zeitraum umfasste die Ewigkeit und war festes Gesetz im Umgang mit den Überirdischen. Still rechnete sie: Wenn sie jeweils nur ein Tag und eine Nacht die Anderswelt betreten würde und die Etappen durch die neue Welt wirklich jeweils nur drei Monate dauerten, dann könnte sie ihre Reise schon nach einem Jahr beenden. Das würde bedeuten, daß sie bereits im kommenden Jahr nach Emain Ablach und Môn zurückkehren könne, um ihre Ausbildung als Meistersängerin zu beenden. Denn das war immer noch ihr Ziel. Erfreut teilte sie Gwydón ihre Überlegungen mit.

Dieser aber zuckte nur mit den Schultern und murmelte »Wir werden sehen …« in seinen Umhang.

Unterdessen war es Abend geworden. Leuchtend versank der himmlische Feuerball im Meer. Seine letzten Strahlen erröteten den westlichen Himmel und spiegelte sich feurig im bewegten Wasser. Dann verschwand das Tageslicht endgültig und tausend Sterne zeigten sich am Firmament. Der Wind ließ nach und das Meer beruhigte sich. Gwydón überprüfte noch einmal das Ruder, dann legte er sich neben Niam. Sicher fand das Boot seinen Weg durch die Dunkelheit. Die frische Seeluft forderte schnell ihren Tribut und bald fiel Niam in einen tiefen Schlaf, begleitet von dem gleichmäßigen Schaukeln der Wellen.

Kurz vor Sonnenaufgang des nächsten Tages erwachte Niam. Sie schlug die Augen auf und blickte in Gwydóns lachendes Gesicht. Während der Nacht hatte das Boot die Reise weiter fortgesetzt. Nun sah Niam bereits die Küste von Sîl am Horizont. Am späten Vormittag erreichte das Boot die Mündung des Flusses Teíti. Das Ende der Seereise war gekommen. Noch leicht schwankend betraten Gwydón und Niam wieder festen Boden. Schnell entluden sie das Boot. Als das letzte Gepäckstück sicher an Land war, verließ das Boot wie von Geisterhand gezogen das Ufer und steuerte nach Norden über das offene Meer zurück nach Emain Ablach. Niam und Gwydón blickten ihm nach und sandten einen Gruß an die Herrin Aífe und die ferne Heimat.

»Willkommen im Königreich Sîl.« sagte Gwydón. »Das ist die Myriddische Hügelkette. Dorthin müssen wir.« Er deutete auf die Erhebungen im Südwesten. »Diese Hügel markieren die Hälfte unseres Weges nach Thierna Og.«

Im hellen Sonnenlicht flog Brânwi vor ihnen her. Sie zeigte den Reisenden den Weg.

Währenddessen erzählte Gwydón: »Sîl, das westliche Reich der neuen Welt, wird von den Silurern bewohnt. Sie kamen zusammen mit den Briganten hierher. Deine Vorfahren zogen weiter nach Norden, während die Silurer hier blieben und dieses fruchtbare Land besiedelten. Sie sind ein stolzes und mutiges Volk. Ihre starke Königslinie garantiert ihnen bis heute ein friedliches Leben. Der jetzige König von Sîl, König Líath, hat kräftige Söhne und Prinz Brégon, der Thronfolger, sichert die Nachfolge der nächsten Generation. Obwohl auch der Krönungsstein von Sîl geraubt wurde, trifft Sîl dieser Verlust noch nicht so stark, denn Prinz Brégon ist der anerkannte Nachfolger seines Vaters. Viele Silurer leben von der reichen Salzmine in der Hügelkette von Faór unweit des KönigsSchloßes Camallate. Ihr Salz verkaufen sie in die ganze Welt. Die Silurer gelten als hervorragende Schiffer. Niemand versteht es besser, die Fluten zu reiten.«

Gegen Abend erreichten sie endlich die Hügelkette. Im Dämmerlicht waren ihre Konturen nur verschwommen zu erkennen. Gwydón schlug ein Lager auf und entzündete ein kleines Feuer. Hell flackerten die Flammen auf, während die Grillen mit ihrem Gesang die laue Sommernacht feierten. Gedankenverloren schaute Niam in den sternklaren Himmel. Dort lachten ihr tausende Himmelskörper entgegen. Niam erkannte die meisten Sternenbilder, wenngleich sie auch ein wenig anders und etwas versetzt waren. Darüber fiel sie in einen traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen wurde Niam von Gwydón kurz nach Sonnenaufgang geweckt. Im frühen Morgenlicht sah sie den vor ihr liegenden Bergrücken deutlich. Es waren keine richtigen Berge, eher ein gewaltiges Massiv hügeliger Wellen. Die runden Wipfel wölbten sich mächtig in die Höhe, bewachsen von den Bäumen der Gegend. Neugierig beäugte Niam die Anhöhe.

Gwydón bemerkte es und erklärte: »Der Hügel dort hinten ist der Myrrid, der dieser Hügelkette seinen Namen gab. Er ist ihr höchster Punkt und misst etwa tausend Ellen. Aber diese Hügel sind nur schwer zu besteigen. Sie liegen an keiner der bekannten Handelsrouten und haben also keine befestigten Straßen. Doch Brânwi und ich kennen den Weg.«

Zur Bestätigung flog der schwarze Vogel auf Niams Schulter.

Es war bereits Nachmittag, als sie die Anhöhe endlich erklommen hatten. Vor ihnen breitete sich weites grünes Land aus. Dichter Wald besiedelte die Ebene bis zum fernen Horizont.

Auf dieser Seite waren die Myriddischen Hügel sanft. Hier kamen Gwydón und Niam schneller voran. Während des Weges erzählte Gwydón Niam weitere Geschichten. Niam erfuhr viel über die restlichen Völker der neuen Welt. Jeder der vier Stämme hatte im Laufe der Jahre eine Spezialität entwickelt, nach dem sich seine Lebensart richtete. Jeder konnte etwas, das die anderen nicht konnten. Zum allseitigen Wohl tauschten sich die Völker der neuen Welt aus. Neben den Silurern im Westen waren da die Briganten im Norden, Niams Stamm. Sie widmeten sich dem Ackerbau und vor allem dem Bergbau. Auf diesem Gebiet hatten sie im Laufe der Zeit eine hohe Perfektion entwickelt. Der Ômes war von vielen Minerallinien durchzogen. Die vereinzelten Goldfunde, aber vor allem zahlreichen Zinn-, und Kupferminen versprachen lohnende Erträge. Die Dumnónii im Süden lebten hauptsächlich vom Moor und dem fruchtbaren Torf. Die Âtrebiten siedelten im Osten. Von diesem Volk hatte Niam schon gehört. Schließlich kam ihre Schulfreundin Déira aus Âtron. Die dortigen Wälder waren tief und ertragreich. Der mächtige Wald von Lyneí im Süden von Âtron gehörte zu den ältesten Wäldern der neuen Welt. Neben der Waldwirtschaft lebten die Âtrebiten vom Ackerbau und der fruchtbaren Erde, die sie ernährte.

Wie vorhergesagt bewältigten Gwydón und Niam den Abstieg bis zum Abend und übernachteten in der lauen Sommernacht am Fuß der Myriddischen Hügel.

Die frühe Morgensonne wärmte und weckte sie. Der Sommer erreichte nun seinen Höhepunkt. Bald war Lughnasa, die Krönung des Sommers 236 und außerdem Niams fünfzehnter Geburtstag.

Gwydón riss sie aus ihren Gedanken: »Jetzt haben wir es bald geschafft. Heute Nachmittag erreichen wir die Klippen von Thierna Og. Und wir sind pünktlich. Nächste Nacht zieht Lughnasa über das Land und öffnet dir die Tür in die Anderswelt.«

Niam schluckte. Der Kloß im Hals wurde dicker und das mulmige Gefühl in der Magengegend nahm zu.

Zaghaft sah sie Gwydón an: »Wie sind die, die ich sehen werde?«

»Wer? Die Nixen?«

»Die und die anderen. Ich meine das alte Volk generell. Kennst du sie?«

»Teilweise« antwortete Gwydón.

»Und wie sind sie?«

»Ganz unterschiedlich. Als sich die Stämme des alten Volkes zurückzogen, nahmen sie das Wesen ihres Elementes an. Entsprechend unterscheiden sie sich, sowohl im Aussehen als auch im Temperament. König Attalanius, den du morgen besuchen wirst, ist wie das Meer, weit und weich, aber auch mächtig und grausam. Doch du musst keine Angst haben. Als Herrscher ist er gütig. Und er ist weise, denn er ist so alt wie das Meer. Thierna Og im Westen von Sîl heißt das Reich, wo er und sein Volk seit dem Auszug leben. Thierna Og ist ein herrliches Land. Es liegt im Westmeer am tiefsten Punkt des Meeresgrundes. Tí Sorcha, das Schloß von König Attalanius, ist ein wahres Wunder. Du wirst es ja bald selber sehen.«

»Aber wie soll das gehen? Wenn Thierna Og unter dem Meer liegt, dann ertrinke ich doch!«

»Niam, hast du wirklich so wenig Vertrauen in dich und dein Schicksal? Hast du denn noch nicht begriffen, daß du kein normaler Mensch bist? Du hast nichts zu befürchten. Wenn Attalanius dir Zugang in sein Reich gewährt, dann stehst du unter seinem Schutz. Und vergiss nicht, der Segen der großen Mutter begleitet deine Reise. Niemand wird dir etwas zuleide tun. Auf deinen Schultern liegen die Hoffnungen der guten Seelen, du bist die Auserwählte. Daran solltest du dich langsam gewöhnen.«

Niam nickte beklommen. Um sie abzulenken, erzählte Gwydón weiter von Thierna Og und seinen fabelhaften Bewohnern. Er berichtete von Attalanius und ganz besonders von dessen Frau, der Dame vom See.

»Die Dame vom See ist eine wundervolle Frau, gütig und voller Liebe. Während ihr Mann die Macht des Ozeans und des fließenden Gewässers verkörpert, steht sie für die stillen und tiefen Wasser in Teichen, Seen und Tümpeln. Du wirst sie mögen.«

»Und die anderen Fürsten des alten Volkes? Kannst du mir auch etwas über sie erzählen?«

»Nicht von allen. Ich kenne nicht alle Stämme des alten Volkes persönlich. Da sind zunächst die Zwerge. Sie werden von König Elfric regiert. Sein Reich ist Brug-Na-Boinne in der Bergkette von Aldérion im Norden von Brigant. Brug-Na-Boinne muss gewaltig sein, denn das Volk der Zwerge ist zahlreich. Auch Tâin Beo, die Burg des Erdkönigs, soll beeindruckend sein. Ich selber war allerdings noch nie da. Von den Elfen weiß ich nur, daß sie in ihrem Zauberwald Némes tief im Osten von Âtron hinter den Hardénischen Wäldern leben. Dort herrscht Königin Flûr. Ihr ElfenSchloß heißt Tomhân. Mehr kann ich dir über die Elfen leider nicht erzählen.«

»Und die im Süden? Kennst du die auch nicht?«

»Doch. Vor einigen Jahren hatte ich das Privileg, Königin Belisama und ihre Lichtalben in Inis Wytrin besuchen zu dürfen.«

»Wie ist es da?«

»Herrlich. Dort im Süden ist das Licht zu Hause. Inis Wytrin ist ein wundersamer Ort, wie eine Insel aus Glas. Überall funkelt und leuchtet es. Es ist atemberaubend schön.«

»Und die Königin?«

»Belisama? Sie ist eine ausgesprochen imponierende Frau, sehr weise und gerecht, aber auch unnahbar. Manchmal wirkt sie nach menschlichem Verständnis fremd und grausam. Die Lichtalben haben sich am meisten vom irdischen Leben entfernt. Von allen Stämmen des alten Volkes leben sie am längsten in der Anderswelt. Ihr Auszug eröffnete den Abschied des alten Volkes. Sie waren die Ersten, die verschwanden. Doch eines musst du immer bedenken beim Umgang mit dem Übernatürlichen: Das Wesen des alten Volkes ist geheim und darf von uns Sterblichen weder geschaut noch gefragt werden. Jeder gewalttätige Zugriff zerstört das Wunderbare, so wie der Schmelz des Schmetterlingsflügels durch die menschliche Berührung zerstört wird. Deshalb ist ihr Wissen geheim. Also darfst du auf deiner Reise Folgendes nie vergessen: Alles, was du erfahren wirst, ist nur für dich bestimmt. Denn das, was du sehen wirst, wird die menschlichen Grenzen übersteigen.«

Nach insgesamt drei Tagen Wanderung hatten Niam und Gwydón die Ebene mit ihren Hügeln, Wäldern und Wiesen durchquert. Die Bäume zogen sich zurück und gaben den Blick frei auf das offene Meer. Jäh fielen steile Klippen in die Tiefe. Weit unten brodelte die Brandung. Gefährlich sahen die Felsenklippen aus, schroff und halsbrecherisch.

Niam sah Gwydón fragend an. »Und wo ist Thierna Og?«

»Direkt vor deinen Füßen. Dort hinunter mußt du, denn da unten liegt Thierna Og..«

Erneut betrachtete Niam den Abgrund zweifelnd. »Und wie? Ich kann hier doch nicht einfach springen.«

»Diese Antwort kennst nur du allein. Die Wege in die Anderswelt sind unergründlich und für jeden anders. Horche tief in dich hinein. Dort wirst du die Lösung finden. Es ist wichtig, daß du vertraust, Niam. Nur wenn du wirklich an dich glaubst, kann sich das Wunder entfalten.« Dann verabschiedete sich Gwydón. »Den Besuch bei den Nixen musst du alleine machen. Das ist dein Schicksal und dein Lebensweg.«

»Aber die Herrin Aífe hat doch gesagt, daß du mich auf meiner Reise begleiten wirst. Was ist dann mit meiner nächsten Station? Ich finde den Weg zu den Zwergen doch nie alleine.«

»Natürlich bringe ich dich nach Brug-Na-Boinne. Nach deinem Aufenthalt in Thierna Og werden wir uns unter diesem alten Baum wiedertreffen. Dann gehen wir gemeinsam nach Brug-Na-Boinne.«

»Und Brânwi? Darf sie wenigstens mitkommen?« Verzweifelt klammerte Niam sich an diesen letzten Strohhalm.

»Nein, auch Brânwi darf dich nicht begleiten. Versteh doch endlich, Niam: Niemand kann das. Du bist das helle Kind, die Auserwählte, die Hoffnung der Menschen und der guten Geister.«

Wie ein letzter Abschiedsgruß flog Brânwi dreimal um Niams Kopf, dann ließ sie sich auf Gwydóns Schulter nieder, der mit dem Vogel in der Dunkelheit des Waldes verschwand.

Niam blieb allein zurück. Noch lange blickte sie in Gwydóns Richtung. Dann drehte sie sich um. Vor ihr lag nur das offene, schäumende Meer. Zögernd näherte sie sich den Klippen und schaute vorsichtig hinunter.

Dann sank sie auf die Knie und begann zu beten. Die Worte fanden wie von selbst ihren Weg. Sie sprach zu den Göttern ihrer Vorfahren, den Geistern der Welt und der großen, alten Muttergöttin und bat um Beistand und Ratschlag. Inzwischen kündete ein leuchtender Sonnenuntergang vom Tagesende und dem baldigen Anbrechen der heiligen Nacht. Niam drehte sich um und betrachtete ihre Umgebung. Während ihr Blick über das Tal, die Klippen und das weite Meer glitt, begann sich die innere Stimme zu regen. Gwydóns Forderung nach Mut und Urvertrauen ging ihr nicht aus dem Sinn. Plötzlich verstand sie, was er gemeint hatte. Es ging darum, den Glauben zu zeigen. Eine Mutprobe musste sie bestehen, durch die sie ihr Vertrauen in sich und ihr Schicksal beweisen konnte. In diesem Moment spürte sie eine ungewohnte Regung in ihrem Inneren. Es war eine neue Art Selbstvertrauen, die sie zwang, aktiv zu werden.

Da verschwanden die letzten Sonnenstrahlen am Horizont und die hohe Lughnasa-Nacht senkte sich über das Land. Niam trat ganz nah an den Abgrund und Schloß die Augen. Unter sich hörte sie das gewaltige, tosende Meer. Sie legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. Die frische Meeresbrise streichelte sanft ihr Gesicht und ihr Herz beruhigte sich. EntSchloßen öffnete Niam ihre Augen wieder und breitete die Arme aus. Der Wind erfasste ihren Umhang und spielte leise damit. Da eroberte ein Bild ihren Kopf. Aus dem Nebel des Unterbewusstseins trat ihre Mutter. Klar und deutlich stand Alania vor Niams innerem Auge und lächelte ihr aufmunternd zu. Beruhigend redete sie mit ihrer Tochter, und Niam spürte, wie ihr Mut wuchs und die Angst bändigte. Dann streckte Alania Niam die Hand entgegen und forderte sie auf, den nächsten Schritt zu tun.

»Mutter, steh mir bei. In deine Hände lege ich mein Schicksal.« Niam sprang und fiel in bodenlose Tiefe.

2. Kapitel: Thierna Og

Niam stürzte tief. In Todesangst erwartete sie den baldigen Aufprall. Doch ihr Sturz wurde weich aufgefangen. Verwundert öffnete Niam die Augen. Ihre Umgebung hatte sich blitzartig verändert. Die Brandung, die eben noch mit gewaltiger Wucht an die steilen Klippen rollte, war schlagartig ruhig geworden. Das Meer war überzogen mit einem seltsam anmutenden, weißen Teppich. Im Bruchteil eines Augenblicks hatten die Algen des Meeres zu blühen begonnen und bedeckten das Wasser der Bucht mit ihrem weichen Schaum. Niam fiel in eine flauschige Wolke. Wunderbare Seerosen hießen sie mit ihren leuchtenden Farben willkommen. Ein silbriges Licht kam vom Grund des Meeres und erhellte die ganze Bucht. Die Klippen warfen das Leuchten zurück und die Wellen der offenen See fingen es tausendfach auf. Es war ein wunderbarer Anblick.

Plötzlich teilte sich der Blütenteppich und öffnete den Blick nach Westen auf den weiten Ozean. Am Horizont sah Niam weiße Rösser, die den Schaumkronen der Wellen entstiegen. Herrlich waren sie, von edlem Wuchs und rassigem Temperament. In Windeseile jagten sie von den Tiefen des Meeres bis zur Küste. Vor Niam kamen sie zum Stehen und warfen feurig ihre Köpfe in die Höhe. Sie zogen eine prächtige Muschel mit genügend Platz für Niam. Weiche Kissen lagen auf glänzendem Perlmutt und das durchsichtige Dach schillerte wie eine Seifenblase. Mit klopfendem Herzen ließ sich Niam auf den samtenen Polstern nieder, dann machten sich die weißen Pferde pfeilschnell auf den Rückweg nach Westen, der Mitte des Ozeans entgegen. Delphine und Lachse begleiteten Niams Fahrt. An der tiefsten Stelle des Meeres schloß sich die große Muschel und der Zug tauchte ab. So durchbrach Niam das Tor zur Anderswelt, zum magischen Reich der Nixen.

Erschrocken hielt Niam die Luft an. Mit Erstaunen merkte sie aber schnell, das sie in der Kutsche ebenso leicht atmen konnte wie über dem Wasser. Vor ihrem Auge öffnete sich die unbekannte Welt des weiten Meeres, und sie sah sich fasziniert um. Alles um sie herum war fließend, in stetiger Bewegung. In kunstreichen Figuren durchschnitten die Meeresbewohner ihr nasses Element. Lachse in immer größeren Schwärmen schwammen neben dem Muschelgefährt. Ihre silbrigen Leiber blitzten im dunklen Meer auf. Sie hatten während des Tages die Sonnenstrahlen in ihrem perlmuttfarbenen Gewand gespeichert und warfen sie nun bei Nacht tausendfach zurück. Dieses Leuchten tauchte das Meer in ein wundersames Licht, und die Umgebung sah aus wie eine Zauberwelt. Durchscheinende Quallen zogen gemächlich vorbei, lautlos gefolgt von ihren feingliedrigen, langen Armen, kleine Fische in bunten Regenbogenfarben, aber auch Tintenfische und Wale. Sogar der seltene Riesenkrake der Tiefsee gab Niam sein Geleit. Dann waren sie endlich angekommen. Vor Niam auf dem Meeresgrund lag Thierna Og, das Zentrum des Wasserreiches. Durch das Licht seltsamer Leuchtfische hell erleuchtet sah Niam auf grüne Wiesen, die sich über weite Ebenen spannten. Blühende Gärten mit allerlei Früchten und Blumen umsäumten eine große Stadt mit breiten Straßen und prächtigen Palästen. Im Zentrum all dieser Herrlichkeit aber lag die größte Kostbarkeit: Tí Sorcha, das KönigsSchloß von Attalanius, dem Herren der Meere. Majestätisch erhob sich der gewaltige Korallenstock. Die vielen zackigen Wipfel waren mit den wertvollsten Kleinodien der Meere geschmückt, und den Eingang zierten zinnoberrote Korallenblüten.

Hier öffnete sich die Muschel lautlos und Niam verließ vorsichtig ihr Gefährt. Da kam ein großer Salm auf sie zugeschwommen. Seine langen, seidigen Barthaare verrieten sein hohes Alter.

Er verneigte sich vor Niam und sprach: »Folge mir, König Attalanius erwartet dich.«

Niam hatte auf der Reise hierher so viele wunderbare Dinge gesehen, daß sie sich nicht wirklich wunderte, daß sie die Sprache des Fisches verstand. Zu Beginn hatte sie allerdings Schwierigkeiten, denn der Fisch sprach sonderbar. Er blubberte bei jedem Wort und es klang, als redete er mit vollem Mund. Der alte Fisch führte Niam über korallene Stufen durch das große Eingangsportal. Ebenso wie bei Tír Taingire, dem Schloß der Herrin Aífe, war auch das Burgportal von Tí Sorcha mit der Doppelspirale verziert, der Signatur der großen Muttergöttin. Ehrfürchtig betrat Niam das Schloß des Meereskönigs.

Gwydón hatte nicht übertrieben: Tí Sorcha war wirklich wunderschön. Alle Sehenswürdigkeiten und Kostbarkeiten der Meere waren hier versammelt. Seltsame Fabelwesen und magische Erscheinungen schwammen durch die hohen Hallen des Schloßes, die in kunstfertiger Handarbeit in den harten Korallenstamm geschlagen waren. Durch Scheiben aus leise herabfallendem Wasser, die wie eine Wasserscheide wirkten, konnte man auf Thierna Og und das gesamte blühende Land sehen. Der alte Salm schwamm in hohem Tempo vor ihr her, und Niam musste sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten. Sie durcheilten weite Gänge, hohe Hallen und festliche Säle. Überall sah Niam prächtige Symbole des Schwans, die hier an nahezu jeder Ecke angebracht waren. Dann erreichten sie die große Kuppelhalle. Dies war das Herz von Tí Sorcha, das Zentrum der Macht von Thierna Og.

Dort war der gesamte Hofstaat versammelt. Es waren hauptsächlich Fische und Seehunde, aber auch vereinzelt menschliche Geschöpfe. Viele der Gestalten konnte Niam nur als Mischwesen bezeichnen, halb Mensch und halb Fisch. Es waren meist Frauen, die als Nixen mit ihren langen, perlmuttschimmernden Fischschwänzen durch den Saal tanzten. Die Luft war hier fließend wie Wasser, und so schwebten sie durch die Hallen, als schwämmen sie im Meer. Sie waren geschmückt mit den Blumen der Meere und ihr Lachen war perlend und bezaubernd. Wie ihr Element, das Wasser, waren sie glänzend und durchsichtig, azurblau und silberfarben. Ihre großen Augen schimmerten und ihr Haar war lang und glänzend. Bei Niams Eintritt verstummte die Menge. Alle drehten sich zu ihr und lächelten ihr aufmunternd zu. Dann gaben sie den Blick frei auf das Zentrum der Kuppelhalle, den Thron des Meereskönigs. Dort saß er, Attalanius, der Beherrscher der Meere, und neben ihm seine Gemahlin, die Dame vom See.

Als der Meereskönig Niam sah, erhob er sich. Er war groß, größer als Niam erwartet hatte. In seiner Hand ruhte Tethròn, der mächtige Dreizack. Sein Gewand hatte die undurchdringliche Farbe des tiefen Meeres und schimmerte in den tausend Farbtönen des Perlmutt. Über seinen Bauch floss ein mächtiger, weißer Bart, dessen Enden an die kleinen Wellen erinnerten, die in sanften Berührungen das Uferland küssten. Doch als Erstes fiel Niam die Farbe seiner Augen auf. Sie waren ebenso strahlend Blau wie Niams. Auch die Dame vom See hatte solche Augen. Langsam trat der König der Meere auf sie zu. Der Saum seines Gewandes war von Wasser umsäumt und wo seine Füße den Boden berührten, zeigte eine Wasserspur seinen Weg. Niam fühlte sich seltsam angezogen. Unwillkürlich ging auch sie dem Meereskönig entgegen. Auf der Hälfte des Weges zwischen dem Thron und dem Eingangsportal trafen sie aufeinander.

Attalanius lächelte sie an: »Niam, ich freue mich sehr, dich endlich zu sehen. Mit glücklichem Herzen begrüße ich dich und heiße dich in Thierna Og willkommen. Sei Gast in meinem Haus. Lange haben wir auf den Tag deiner Ankunft gewartet.« Auch er blubberte, aber bei ihm klang es anders als bei dem Fisch. Seine Stimme war wie das gewaltige Rauschen der Meeresbrandung, und Niam hatte nur geringe Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Er legte seine Hände auf Niams Schulter und drückte sie fest.

Niam war überrascht. Nie hätte sie eine so herzliche Begrüßung erwartet. Woher der König der Meere wohl ihren Namen kannte? Doch sie kam nicht zum weiteren Nachdenken, denn inzwischen hatte auch die Dame vom See ihren Platz verlassen.

Leise war sie hinzugetreten: »Niam, bist das wirklich du?«, blubberte sie. »Bei der Göttin, du siehst ja aus wie deine Mutter! Komm an mein Herz, geliebtes Kind.« Damit nahm sie die erstaunte Niam in die Arme und drückte sie an ihren weichen Busen.

Ein warmes Rauschen umfing Niam und sie versank in einem tief vertrauten Gefühl. Unwillkürlich musste sie an ihre Mutter denken.

Dann lockerte die alte Dame ihre Umarmung und betrachtete Niam aufmerksam. »Lass dich ansehen. Dreh dich und zeige deine Schönheit von allen Seiten. Du machst mich glücklich. All die Jahre seit dem Tag deiner Geburt habe ich auf diesen Tag gewartet. Endlich begegnen wir uns. Mein altes Herz ist sehr froh. Wie sehr du doch deiner Mutter ähnelst.«

Niam war nun noch erstaunter. »Ihr kanntet meine Mutter?«

»Natürlich. Weißt du das denn nicht …? Aber nein, woher solltest du …«

Niam sah die Dame vom See fragend an, doch diese schüttelte lächelnd den Kopf: »Gedulde dich noch ein wenig. Zuerst stärke dich nach deiner Reise. Wir haben dir zu Ehren ein Festmahl vorbereitet. Dabei musst du uns von dir und den Menschen erzählen.«

Attalanius und die Dame vom See begleiteten Niam den langen Weg zum Thron. Er war überaus prächtig. Sein Sockel war in feinster Handarbeit aus dem Herzen des Korallenstockes, der das Schloß bildete, gemeißelt. Kunstvolle Figuren und Symbole aus Edelstein schmückten seine Lehnen und zwei prachtvolle Karfunkel in Form eines Schwans zierten den Baldachin. Der alte König setzte sich auf die samtenen Kissen und bat Niam, neben ihm Platz zu nehmen. Auch die Dame vom See ließ sich auf ihrem Prunksessel nieder. Dann klatschte Attalanius in die Hände. Wie von Geisterhand zog sich die Wand zurück und gab den Blick frei auf eine reich beladene Tafel. Noch nie hatte Niam solche Köstlichkeiten der Meere gesehen. Doch sie zögerte. Zuerst wollte sie ihre Aufgabe erfüllen.

»Könnt Ihr mir helfen, das zu finden, was ich suche?«

»Das kommt darauf an, was du suchst.« Die warme Stimme der Dame vom See erklang, sanft wie das Plätschern eines Regentropfens, der die Seeoberfläche berührt. »Sage uns, liebe Niam, was suchst du?«

»Die Krönungssteine der Menschen.«

»Das meine ich nicht. Ich rede von dir, Niam, nicht dem helle Kind. Frage deine Seele und dann sage uns, was du suchst.«

Niams Herz schlug bis zum Hals. Ein Bild und ein einziger Gedanke bemächtigten sich ihres Geistes. Sie zögerte, doch dann gab sie sich einen Ruck: »Es gibt schon etwas … Meine Mutter.« Niam seufzte. »Hier in Eurem Reich denke ich so viel an sie wie schon lange nicht mehr.«

»Ja.« Die Dame vom See sah auf einmal betrübt aus. »Deine Mutter war mit dem Reich des Wassers sehr verbunden und das Reich des Wassers mit ihr. Auch wir haben ihren Tod sehr betrauert. Das Reich Thierna Og leidet seit damals unter dem großen Verlust. Schließe die Augen und lausche, dann wirst du verstehen.« Damit hob die Dame vom See die Hand.

Eine Nixe eilte herbei und setzte sich zu Füßen des Thrones. Mit ihrer klaren Stimme sang sie eine alte Weise:

»Im Westen regiert seit Beginn der Zeit
Attalanius über das Nass so weit.
der hohe Herrscher über das große Meer
die Wasserbewohner lieben ihn sehr.

Denn er vereinte königlich,
es herrschte Frieden ewiglich;
zwischen Menschen und den Wasserfeen
wuchs Freundschaft an den tiefen Seen.

Doch mit der Zeit vergaß, oh Leid,
die Menschheit ihre Dankbarkeit.
Voll Übermut und ohne Verstand
brach sie das alte Friedenspfand.

Die Menschen jagten dann all die,
die einstmals waren Freunde für sie.
Die Wasserbewohner in hohen Zahlen
mussten dies mit dem Leben bezahlen.

Attalanius brannten die Augen vom Sehen,
er wusste, nun musste etwas geschehen!
Mit schwerem Herzen und Tränen im Blick
erfüllte er dann sein traurig' Geschick.

Und schickte die Beste aus seinem Geschlecht,
zu kämpfen für des Meeres Recht.
Der hellste Stern des Meeres war da,
die hohe Prinzessin Morygana.

Mit dieser Bestimmung war sie geboren,
schon immer vom Schicksal auserkoren,
zu schmieden erneut das heilige Band,
den hohen Weltenfriedenspfand.

Mit großer Macht war sie ab nun,
der Schwan, auf dem die Hoffnung ruhn.
Die Heldin, ersehnt seit Ewigkeit,
versöhnte das Meer und die Menschenheit.«

»Das ist ja das L’Tue Morygana, das Lied der Wasserfee Morygana!« Niam sah die Dame vom See aufgeregt an. »Das kenne ich. Ich habe diese Ballade in Môn studiert wie jeder angehende Barde. Aber wieso singt ihr mir jetzt diese Legende? Was hat das mit meiner Mutter zu tun?«

»Alles. Denn die, die ihr Alania nanntet, hieß hier im Reich des Meeres Morygana. Die Fee dieser Legende ist Alania, deine Mutter. Es war ihr Schicksal, als Mensch zu sterben. Und es war es ihr vorherbestimmt, in der Welt der Menschen eine Tochter zu gebären. Als Morygana - oder Alania - dir das Leben schenkte, da erfüllte sie ihr Schicksal, eng verknüpft mit der Zukunft der Menschen. Morygana erlebte ihre eigene Metamorphose: Sie, die Tochter des Meeres, musste Mensch werden und ihr Leben opfern, um dem Licht das Leben zu geben.« Mit diesen Worten legte die alte Dame Niam liebevoll die Hand auf den Kopf und strich ihr sanft über die blonden Locken. »Deine Mutter war eine Angehörige des alten Volkes. Sie war eine Wasserfee. Und sie war meine älteste Tochter.«

Niam war sprachlos. Es dauerte eine Weile, bis sie die Tragweite des Gehörten begriff.

»Ja, liebe Niam, du bist von meinem Blut. Attalanius und ich sind deine Großeltern. Wie sehr habe ich diesen Tag herbeigesehnt. Würdest du deine Mutter gerne einmal sehen? Sie ist zwar tot, aber die Erinnerungen an sie und ihr leider viel zu kurzes Leben sind immer noch hier. Folge mir, dann werde ich es dir zeigen.«

Die Dame vom See führte Niam in den hinteren Teil der großen Halle bis vor eine hohe Wand aus Wasser. Der feine Wasserfilm floss so gleichmäßig, das die Wand wie ein Spiegel wirkte. Als die Dame vom See ihn sanft berührte, veränderte sich die glatte Oberfläche und formte ein klares Bild. Niam erkannte Tí Sorcha, das Schloß, in dem sie sich gerade befand. Durch die lichten Hallen der Burg sah sie viele Wasserwesen eilen und eine kleine Nixe. Niam wusste augenblicklich, daß dies ihre Mutter als Kind war. Gebannt verfolgte sie die glücklichen Jahre der Kindheit und Jugend, die Morygana hier im Schloß verbracht hatte. Niam beobachtete die frühen Spiele ihrer Mutter und teilte ihren Spaß. Und sie wurde Zeuge, wie Morygana an ihrem dreizehnten Geburtstag von ihrer Mutter der prächtige goldenen Torques mit den leuchtend blauen Steinen als Zeichen ihrer königlichen Abstammung um den Hals gelegt wurde. Unwillkürlich fasste Niam an ihren kleinen Reisebeutel und ertastete das edle Geschmeide. Dann starrte sie wieder auf die Wasserleinwand. Sie erlebte den traurigen Augenblick des Abschieds, als Morygana ihre angestammte Heimat unter der Wasseroberfläche verließ, um als Alania in der Menschenwelt ihre Bestimmung zu erfüllen. Danach verblassten die Bilder und nichts blieb als das fließende Wasser der Wasserwand.

Niam löste ihren Blick und sah zu ihrer Großmutter. Ein warmes Gefühl überkam sie und sie lächelte die alte Dame voller Liebe an. Einem plötzlichen Impuls folgend holte sie den Torques aus ihrem Beutel und reichte ihn der alten Dame: »Hier ist der Torques meiner Mutter. Ich gebe ihn dir gerne als Erinnerung an sie.«

Doch die Dame vom See winkte ab. »Nein, denn er gehört dir. Er war dir schon immer vorbestimmt. Siehst du nicht, daß das Blau der Steine exakt dem Blau deiner Augen entspricht? Diese blaue Augenfarbe ist das Merkmal unserer Familie, der königlichen Linie der Meere.«

In diesem Augenblick wurde das Portal der großen Kuppelhalle schwungvoll geöffnet. Mit großem Gefolge trat ein junger Mann ein. Er war edel gekleidet und von stattlichem Wuchs. Geschmeidig und von großer Kraft war sein Schritt. Sein Gang erinnerte an die wilde Brandung der hohen See. Er schimmerte silbern wie das Meer, wenn es von der Sonne geküsst wurde. Eine auffallende Ähnlichkeit war zwischen ihm und Attalanius zu erkennen. An seiner Seite hing ein prächtiges Schwert.

Attalanius sah hoch und lächelte den jungen Mann gütig an. »Das, liebe Niam, ist Manâwýddan, Prinz und Thronerbe von Thierna Og und der kleine Bruder deiner Mutter. Und das, lieber Manâwýddan, ist Niam, die Tochter deiner Schwester Morygana.«

Manâwýddan nahm ihre Hände und drückte sie fest. »Du hast Glück, daß du gerade heute angekommen bist. Denn heute ist für uns Wasserwesen ein hoher Feiertag. Bald werden wir aufbrechen zur Wasseroberfläche.«

»Und in diesem Jahr ist Niam unser Ehrengast.« Mit diesen Worten erhob sich der König der Meere. Die Anwesenden verstummten und nur die kräftige Stimme Attalanius‘ erfüllte den Raum. »Hört, Nihhussâ, mein Sohn hat es gesagt. Bald geht die Sonne auf und dann werden wir die Reise ans Licht antreten.« Er hob den mächtigen Dreizack und sprach: »Sammelt euch auf dem Vorplatz der Burg.« Damit verließ er den Thronsaal, gefolgt von seinem gesamten Hofstaat.

Draußen warteten bereits viele Meeresbewohner. Aus allen Richtungen waren sie herbeigeströmt, um mit ihrem Herrscher dieses Fest zu feiern. Viele sonderliche und fabelhafte Wesen gesellten sich zu ihnen. Da war der riesige Krake, der aus den weiten Tiefen des Ozeans gekommen war, und tausende bunte Regenbogenfische aus den warmen Gewässern des Südens. Herden purpurner Quallen ließen sich im Aufwind treiben. Es herrschte eine pulsierende Aufregung. Attalanius bestieg seinen kostbar geschmückten Streitwagen. Die weißen Rösser, die vorher Niam abgeholt hatten, waren nun angeschirrt für die festliche Reise und funkelten im Feiertagsschmuck. Sie tänzelten aufgeregt. Für Niam wurde die große Muschelkutsche bereitgestellt. Erwartungsvoll ließ sie sich auf den weichen Kissen nieder und betrachtete neugierig das weitere Geschehen. Die Dame vom See setzte sich neben sie.

Unter allgemeinem Beifall bestieg der Prinz einen prächtigen Apfelschimmel und zog sein mächtiges Schwert aus der Scheide. Dann sprach er zu der Menge: »Das ist Fragarach, der Antwortende, das heilige Königsschwert der Meere. Fragarach ist ein Geschenk der großen Göttin an Nihussâ und beinahe so mächtig wie der Tethròn, der Dreizack des Königs. Einst gab die alte Mutter dieses Schwert dem ersten König der Meere als Zeichen der Verbundenheit. Seitdem wird es vom Herrscher an seinen Nachfolger weitergegeben, denn Fragarach ist einzig dem Erben der Meere vorbehalten. Nach Moryganas Tod kam es zu uns zurück. Nun trage ich dieses geweihte Zeichen, denn ich bin der Thronerbe von Thierna Og. Fragarach sei mein Zeuge.« Damit hob er das Schwert zur Wasseroberfläche.

Ein feiner Lichtstrahl traf seine Spitze und sie funkelte in tausend Strahlen. Dies war die Antwort, die den Thronerben bestätigte. Dann gab Attalanius das Zeichen zum Aufbruch. Mit lauten Gesängen und Tänzen setzte sich der lange Zug in Bewegung, dem Meeresspiegel entgegen.

Niam hatte schon viel vom Gesang der Nixen gehört. Bei den Menschen hieß es, er sei so wunderbar, daß man ihn fürchten müsse. Mit seiner Lieblichkeit zog der Nixengesang jeden auf den Grund des Wassers und mancher Seemann war ihm schon zum Opfer gefallen. Ein funkelndes Leuchten begleitete ihren hellen Gesang, während der Festzug in tanzenden Kreisbewegungen zur Wasseroberfläche schwebte,

Dabei sangen die Nixen ein einziges Lied:

»Oh Nihussâ, altes Geschlecht,
Weltengefühl, mächtig und echt.
Das tiefe Naß ist unser Heim,
hier unten sind nur wir allein.

Oh Morgâ, du flüssiges Urelement,
Nihussâ ist es, der deine Macht kennt.
Denn niemand ist wie du so alt,
dein Wesen hat gar manch‘ Gestalt.

Dein‘ Lebenskuß ist überall
auf dem gesamten Erdenball.
Nihussâ ist dein Sprachenrohr
bringt dein Gebot ans Weltenohr.«

»Großmutter, wen besingen sie? Wer sind diese Nihussâ?«

»Wir.« Die alte Nixe lächelte. »Das Wasservolk ist Nihussâ. Ihr Menschen nennt uns Nixen, aber der alte Name unseres Stammes ist Nihussâ. So hießen wir schon lange vor unserem Auszug in die Anderswelt. Für uns hat dieser geheime Name immer noch Bestand, doch die Menschen haben ihn schon lange vergessen.«

»Und wer ist alles Nihussâ?«

»Fast alle, die du hier siehst. Obwohl auch einige Tiere der Meere unter uns sind, so gehören die meisten der Anwesenden zu unserem Stamm«

»Auch die Fische und Seehunde?«

»Die ganz besonders. Egal ob Seehund oder Fisch, Nixe oder auch Mensch, wir sind alle Nihussâ. Die Gestalt ist ohne Bedeutung, wir können sie jederzeit wechseln.« Damit verwandelte sich die Dame vom See vor Niams erstaunten Augen zuerst in einen Seehund, dann in einen Fisch und zuletzt in eine Meerjungfrau, bevor sie ihre menschliche Gestalt wieder annahm. »Das ist für uns überhaupt keine Schwierigkeit.« fügte sie lächelnd hinzu, während sie eine silbrig schimmernde Schuppe von ihrem Gewand entfernte.

Je länger der Tanz dauerte, desto weniger konnte sich Niam dem Lied der Nixen entziehen. Schließlich konnte sie nicht mehr widerstehen und fiel unwillkürlich in das Lied der Nixen ein. Wie selbstverständlich kam es ihr über die Lippen. Da schwebte sie sanft aus der großen Muschel und gesellte sich zu den tanzenden Nihussâ. Sie nahmen das Menschenkind freudig in ihren Reihen auf. Gemeinsam tanzten sie und sangen das alte Lied des Wassers.

Dann erreichte der Zug die Wasseroberfläche. Dichter Nebel hatte sich über dem Meer zusammengezogen, doch er lichtete sich augenblicklich. In großer Pracht und allen Farben des Regenbogens schimmernd betraten die Nihussâ die Oberfläche des Wassers. Da ging die Sonne auf und schenkte dem festlichen Reigen ihr erstes Morgenlicht. Dies war der magische Moment, der Augenblick, an dem sich Licht und Wasser trafen und zu einem wunderbaren Farbenmeer verschmolzen.

Nach dem wilden Tanz über das Wasser zog sich das Volk der Wasserbewohner wieder in die Tiefe des Meeres zurück. Noch immer sangen sie ihr magisches Lied. Niam hatte sich die Tonfolge inzwischen eingeprägt. Den Text verstand sie zwar immer noch nicht ganz, trotzdem sang sie die Melodie aus vollem Herzen mit. Ihre Großeltern betrachteten dies mit sichtbarer Freude. Niams Stimme erklang hell und rein, und ganz tief in ihrem Innersten hoffte sie, dieser Augenblick möge nie vorbeigehen.

Nach ihrer Ankunft in Tí Sorcha zog sich das Herrscherpaar der Meere mit Niam und Manâwýddan in die Kuppelhalle des Schloßes zurück. Die Wände, die vorher noch licht und durchsichtig gewesen waren, waren nun undurchdringlich wie aus hartem Gestein. Das große Portal fiel hinter ihnen fest ins Schloß.

»Niam, jetzt hast du an einem wichtigen Teil des Lebens unter Wasser teilgenommen. Dieser Tanz der Nihussâ über dem Wasser ist der Höhepunkt unseres Jahreszyklusses.« Attalanius ließ sich auf seinem Thron nieder und sah Niam nachdenklich an. »Bald ist deine Zeit bei uns vorbei und du musst zurück in deine Welt. Dann geht deine Reise weiter. Dafür werden wir dir etwas mitgeben.«

Damit klatschte der Herr der Meere in die Hände. Zwei Nixen brachten ihm ein Tablett, das mit einem Tuch bedeckt war. Attalanius nahm das Tablett in die Hand und Schloß die Augen.

Dann wandte er sich Niam erneut zu und sprach mit ernster Stimme: »Niam, bevor du unser Geschenk erhältst, musst du eines wissen. Bei mir und den anderen Fürsten der Anderswelt wirst du Gegenstände erhalten und Wissen erfahren, die deinen zukünftigen Weg erleichtern werden. Aber sie können deine Aufgabe nur erleichtern. Denn noch wichtiger ist etwas anderes. Das bist du, Niam! Die Dinge, die du erhalten wirst, sind zwar mächtig, aber sie sind nichts ohne deine Energie. Du bist diejenige, die sie einsetzen und steuern muss, du bist die wahrhafte Trägerin ihrer Magie. Wir vom alten Volk dürfen dich nur helfend unterstützen. Ohne deine eigene Entschlusskraft wirst du scheitern. Das darfst du nie vergessen!«

Mit eindringlichem Blick betrachtete der Meereskönig seine Enkelin. Niam nahm seinen Blick auf, sie sah in seine weisen Augen und nickte ernst.

Attalanius lächelte zufrieden: »Gut, dann wirst du jetzt von mir das erste Zeichen deiner heiligen Mission erhalten. Es ist das Pfand, das Attalanius, der Herrscher über die Meere und alle Gewässer, dem hellen Kind Niam als Beweis der Verbundenheit übergibt.«

Attalanius hob das Tuch. Ein silberner Pokal kam zum Vorschein. Er hatte die Größe eines einfachen Bechers und sah sehr alt aus. Sanft schimmerte er in der Hand des Meereskönigs.

»Dies ist der Cauldron von Morgâ, der heilige Kelch des Meeres. Er ist der, der aus dem Wasser kommt, und das ewige Symbol des nassen Elements. Wenn du auf der Welt dort oben Durst hast, wird er dich zur Quelle führen. Und wenn du zu ertrinken drohst, wird er dich retten. Er ist das Zeichen der Verbundenheit mit dem Wasser und er ist Nihussâs höchstes Gut.« Mit diesen Worten übergab der Herr der Meere Niam das kostbare Gefäß.

Ehrfurchtsvoll betrachtete Niam den Kelch. Eigentlich war er recht unscheinbar. Seine Oberfläche war glatt. In den Rand waren feine Schriftzeichen eingeritzt. Es waren fremdartige Symbole, Zeichen einer Sprache, die sie nicht kannte. Vorsichtig strich Niam über die feinen Linien. Da geschah etwas Wunderbares. Die seltsamen Symbole begannen hell zu leuchten. Feurig-rot zeigten sie sich deutlich auf dem silbrigen Untergrund. Die Luft war auf einmal erfüllt von zarten Tönen, die aus den Tiefen des Ozeans stammten. Niam erkannte die Melodie. Es war das Lied der Nixen. Aber jetzt war es ungleich gewaltiger und beeindruckender. Niam hatte das Gefühl, von einer großen Welle aus Tönen erfasst und weggeschwemmt zu werden.

Währenddessen hörte sie Attalanius' tiefe Stimme: »Das ist das heilige Lied Morgâ, das Lied des Wassers und die Hymne meines Volkes. Morgâ ist das Wasser in seiner magischen, mytischen Bedeutung. Nur wir, die Nihussâ, kennen diesen alten Namen: Morgâ, das heilige Fließen. Das Lied Morgâ ist so alt wie das Wasser selbst und ebenso mächtig. Seine hohe Magie ist heilig. Tauche ein in das Lied des Meeres und erkenne das Wesen des Wassers.«

Niam Schloß die Augen und lauschte erneut dem Lied des Wassers. Da eröffnete ihr der Pokal in ihren Händen das Geheimnis des Wassers. Niam sah das junge Wasser, welches die Quelle in die Welt hinausspie. Dort machte es sich auf seine lange Reise. Es verband sich mit anderen Wassern, um schließlich als mächtiger Strom im Meer, der Mutter allen Wassers, anzukommen. Niam begleitete den Wassertropfen, der durch die Wärme der Sonne das Meer verließ und als Wolke am Himmel das Land überzog, bis er schließlich in Form von Regen oder kristallinem Schnee wieder dem ewigen Kreislauf des Wassers zugefügt wurde. Sie erkannte, daß alles Leben aus dem Wasser kam. Nur aus der Verbindung der Erde mit dem nassen Element konnte der Pflanzenwuchs der Welt entstehen. Nun verstand Niam das Machtinstrument, das dieses Wissen beinhaltete.

Der alte König nickte zufrieden. »Jetzt bist eingeweiht in die Mysterien des Wassers. Dabei hast du Dinge gehört, die kein Mensch vor dir gehört hat. Dieses Wissen ist nur für deine Ohren bestimmt. Das Lied Morgâ ist sehr mächtig. In den falschen Händen kann es großen Schaden anrichten. Sei also behutsam im Umgang mit seiner Kraft. Das ist unser Geschenk an dich und gleichzeitig deine ewige Verbindung mit dem Element des Wassers. Du stehst unter meinem Schutz und Morgâ wird dir gnädig sein.«

Dann erhob sich der König der Meere von seinem Thron. Ehrerbietig sah er aus, aufrecht stehend mit dem mächtigen Dreizack Tethròn in der Hand.

Mit lauter Stimme sprach er: »Nun ist dir übergeben, was seit Urzeiten für dich bestimmt war. Damit ist deine Aufgabe unter dem Meer beendet. Mit unserer Gabe ausgestattet musst du dich nun auf den Weg zu deinem nächsten Reiseziel machen. Schon verabschiedet sich der Tag. Bei Sonnenuntergang bist du eine Nacht und einen Tag bei uns. Dann musst du zurück in deine Welt.«

Es war ein trauriger Abschied. Manâwýddan trat vor und nahm Niam fest in die Arme. Auch Attalanius verabschiedete seine Enkelin herzlich. Er strich Niam über das blonde Haar und sah sie lange an. Dann entließ er sie mit guten Segenswünschen aus seinem Königreich.

Am schwersten fiel Niam der Abschied von ihrer Großmutter, der Dame vom See. Diese sah auf einmal sehr alt und zerbrechlich aus.

Mit traurigen Augen sah sie Niam an. »Komm an mein Herz.«

Tief versank Niam in der Umarmung. Dann nahm die Dame vom See Niams Gesicht in ihre warmen, weichen Hände und sagte: »Ich habe da noch etwas für dich. Schließlich hast du heute doch Geburtstag.«

Ihren Geburtstag hatte Niam vollkommen vergessen. Die Dame vom See öffnete eine geheime Lade und nahm eine Schatulle heraus. Sie öffnete sie und eine kleine Handharfe kam zum Vorschein. Es war ein kostbares Instrument, kunstvoll gearbeitet mit schimmernden Intarsien und gestimmt mit vier Saiten. Niam nahm das Instrument. Die Harfe lag ihr leicht in der Hand. Sanft ließ Niam ihre Finger über die Saiten gleiten und entlockte dem edlen Instrument einen zarten, doch eindringlichen Ton. Niam konnte sich nur mit Mühe zurückhalten, gleich ein komplettes Stück zu spielen.

Begeistert sah sie ihre Großmutter an. »Das ist die schönste Harfe, die ich je gesehen habe!«

»Sie ist deine und mein persönliches Geschenk an dich, nicht von der Dame vom See an das helle Kind, sondern von der Großmutter an die geliebte Enkeltochter. Diese Harfe ist schon lange im Besitz unserer Familie. Sie ist etwas ganz besonderes. Alle Melodien sind an sie gebunden, insbesondere die Lieder des Lächelns, des Schlafes und der Klage, drei Lieder des Harfenspielers. Mit keinem Instrument werden diese magischen Lieder mehr Macht entfalten als mit dieser Harfe, denn ihr Klang ist unwiderstehlich. Ihre vier Saiten sind nach den vier Elementen Erde, Luft, Licht und Wasser gestimmt. Du wirst den Unterschied merken, wenn du sie spielst. Nur der rechtmäßige Besitzer kann sie spielen, also nur du. Nie kann diese Harfe dir entwendet werden, denn sie besitzt die Gabe, dir überall hin zu folgen. Sie ist deine. Solltest du sie einmal verlieren, dann wird sie dich wieder finden.«

»Werde ich euch jemals wiedersehen?«

»Spätestens am Ende deiner Reise. Sei unbesorgt, sondern vertraue. Immerhin bist du doch eine von uns. Wenn du mich vorher brauchst, dann findest du mich in allen Seen, Teichen und Moortümpeln. Trete zur Abenddämmerung von Westen an ein solches stilles Gewässer und du wirst mich sehen. Als Bote werde ich dir die drei magischen Wellen der Weisheit senden, durch sie werde ich zu dir sprechen. Ich beobachte deinen Weg und werde auf dein Wohl achten, Niam. Der Segen der Göttin begleite dich.«

Inzwischen war die Sonne fast untergegangen.

»Schließe die Augen, Kind des Wassers. Schließe die Augen und versinke in unserem ewigen Fluss.«

Unwillkürlich fielen Niam die Augen zu. Sanfte Töne führten sie in ein tiefes Traumland. Währenddessen hoben sie unsichtbare Hände vorsichtig auf und trugen sie fort. In Windeseile brachten die Geister des Wassers sie zur Oberfläche. Sie betteten Niam sanft unter einen großen Baum am Ufer und verschwanden. So verließ das helle Kind die Anderswelt und kehrte zurück in die Welt der Menschen.

3. Kapitel: Der große Sturm beginnt

Gwydón hatte Niams Abreise nach Thierna Og von ferne beobachtet. Nach ihrem geglückten Einlass entspannte er sich. Er entzündete ein kleines Feuer und segnete die heilige Nacht. Zufrieden betrachtete den sternenklaren Himmel. Er überlegte, was er in der Zeit bis zu Niams Rückkehr machen sollte.

Am nächsten Morgen brach Gwydón früh auf, um alte Freunde zu besuchen. Es war viele Jahre her, seit er zuletzt in Sîl gewesen war. Er entschied sich, König Líath auf seiner Burg Camallate einen Besuch abzustatten. Gwydón freute sich auf die Begegnung mit seinen alten Gefährten. Der Weg dorthin war lang, denn Camallate lag weit im Osten, tief im Landesinneren von Sîl. Doch als Ollam kannte Gwydón einige Möglichkeiten, schneller zu reisen. Er suchte seine Umgebung ab und fand kräftige Binsen. Die stärksten schnitt er mit seiner Sichel ab und band sie mit einem Büschel brauner Blüten auf jeder Seite fest zusammen. Dann stellte er sich darüber und sang dreimal das Zauberwort »Borramm« über das Gräsergebinde. Augenblicklich schwollen die Binsen zu einem prächtigen Pferd heran. Wie ein Sturmwind durchquerte es dichte Wälder, tiefe Flüsse und die gewaltige Ebene auf dem Weg nach Osten. Es kam an den Ufern des Uruku zum Stehen. Gwydón stieg vom Rücken des Pferdes und entließ es mit warmen Worten des Dankes. Es hob den Kopf, wieherte noch einmal und verschwand. Nun wollte Gwydón den Uruku hinunterfahren, denn an seinem südöstlichen Lauf lag Camallate. Er fand ein Boot am Ufer, kaufte es seinem Besitzer ab und fuhr den Fluss hinunter.

Zwei Tage später erreichte er Camallate. Im Schein der Sonne spiegelte sich die alte Königsburg von Sîl in den Fluten. Gwydón verließ das Boot und betrat wieder festen Boden. Majestätisch erhob sich Camallate über die fruchtbare Ebene von Ilan. Die Burg war aus festem Stein gebaut. Im ihrem Schutz hatten sich viele Menschen angesiedelt. An die starken Steinmauern drückten sich zahlreiche Holzbauten. Ihre strohbedeckten Dächer wirkten wie ein Meer aus Schilf. Hier lebten vornehmlich kleine Bauern und die Handwerker der Stadt. Innerhalb der Mauern wohnten die Kriegsherren, Hofbediensteten und die Sprecher der Handelszünfte, insbesondere die Salzhändler. Die Salzmine in den nahegelegenen Faórischen Hügeln sicherte ihren Wohlstand. Camallate war ein typischer Königssitz mit Türmen, Wällen und einem Wehrgang. Die Steine zum Bau dieser gewaltigen Festung stammten ebenfalls aus den Faórischen Hügeln. Stolz und mächtig stand sie da, die alte Königsburg von Sîl.

Die Wachen am Tor erkannten Gwydón und ließen ihn passieren. Er betrat das Schloß durch das große Eingangsportal. Dort wurde er sofort zu König Líath und seinem Druiden Déroil gebracht.

Gwydón betrachtete den König nachdenklich. Líath war ein Mann in der Blüte seines Lebens, stark und mächtig. Aber er hatte sich seit ihrem letzten Treffen verändert. Gwydón stellte erschreckt fest, wie schnell der König von Sîl gealtert war. Erste tiefe Falten hatten sich in die hohe Stirn geprägt. Trotz seiner unbestreitbaren Stärke sah der König sorgenvoll in die Zukunft seines Volkes.

Gwydón trat auf ihn zu und sagte mit beruhigender Stimme. »König Líath, eine Hoffnung bleibt immer. Das Schicksal geht oft erstaunliche Wege. Wenn die Zeit am schwärzesten erscheint, dann taucht manchmal von irgendwoher ein Licht am Horizont auf. So wie jetzt. Das helle Kind ist unser Glückspfand. Wenn jemand dieses schwierige Schicksal meistern kann, dann Niam. Hofft und vertraut auf die Kraft des hellen Kindes. Wir können nichts tun als warten. Bis zu ihrer Rückkehr würde ich gerne bei Euch in Camallate bleiben. Mein letzter Besuch in Eurem gastlichen Haus ist schon wieder viel zu lange her.«

»Eine gute Idee, mein Freund.« Der König nickte. »Dein Besuch erinnert an glücklichere Zeiten. Sei heute Abend mein Gast. Ich werde dir zu Ehren ein Festmahl geben. Nun aber entschuldige mich. Ich muss mich wieder den Staatsgeschäften widmen. Déroil wird sich um dein Wohlergehen kümmern.« Mit diesen Worten entließ Líath die beiden Druiden.

Déroil führte Gwydón in seine Kammer im hinteren Teil des Schloßes. Wie schon Caldurs Kammer in Amarango war auch dieses Gemach mit einer festen Steintüre verSchloßen.

Hier begann der Ältere: »Gwydón, erzähle mir vom hellen Kind. Wie war ihre Einweihung in Emain Ablach? Wie hat sie ihr Schicksal aufgenommen?«

»Erstaunlich gut. Niam überrascht mich immer wieder. Sie muss nur noch lernen, sich selbst zu vertrauen. Als wir sie mit ihrer Bestimmung konfrontierten, war sie zuerst misstrauisch. Doch schon bald nahm sie ihr Schicksal an. Instinktiv begriff sie ihre Rolle in diesem Spiel.«

In diesem Augenblick wurden sie durch lautes Klopfen unterbrochen. Die Tür öffnete sich und der Kammerdiener des Königs trat aufgeregt ein. »Der König ruft Euch in den Thronsaal. Es ist dringend! Ein Eilboote aus Brigant ist angekommen. König Líath hat den Kronrat einberufen.«

Gwydón und Déroil eilten die langen Gänge hinunter. Aus dem Thronsaal drang bereits lautes Stimmengewirr. An der Kopfseite der großen Halle saß König Líath auf dem Thron und lauschte den aufgeregten Stimmen. Viele Menschen waren um ihn versammelt. Es herrschte große Aufregung. In der Menge sah Gwydón Krischa aus Brigant.

Er eilte ihm entgegen und rief: »Krischa, was tust du denn hier?«.

»Gwydón! Welch ein Glück, daß du hier bist. Caldur hat schon Boten nach dir ausgesandt. Du musst sofort nach Amarango zurückkehren. Lord Balzôrc hat Brigant angegriffen!«

»Wie bitte?«

»Der schwarze Fürst ist mit seinen Truppen in unsere Heimat eingefallen. Er hat sich mit den Caledonen und Votadinern, den wilden Barbaren aus dem Norden, verbündet und landete mit einer riesigen Streitmacht an unserer Küste. Seine Übermacht ist gewaltig. Ein Drittel unseres Landes hat er bereits besetzt. Amarango wird sich nicht mehr lange halten können. Spätestens wenn Balzôrc alle seine Truppen um die Burg zusammenzieht, wird sie fallen. Deshalb schickte mich Fürst Enatos nach Sîl. Er bittet König Líath um Hilfe und Unterstützung bei diesem Kampf.« Damit wandte sich der Bote von Brigant wieder an den König.

Dieser nickte und sprach: »Dies ist der Krieg, der über das endgültige Schicksal der neuen Welt entscheidet. Deshalb lautet meine Entscheidung folgendermaßen: Wir werden ein Heer zusammenstellen. Conall wird es nach Brigant führen. Die andere Hälfte unserer Streitkräfte wird hier bleiben und unsere Grenzen verstärken. Denn ich möchte nicht von einem Blitzangriff des schwarzen Fürsten überrascht werden.«

So schnell wie möglich verließ Gwydón die Ratsversammlung. Außerhalb der Schloßmauern suchte er sich ein starkes Bündel Binsen und beschwor erneut seinen schnellen Reisegefährten.

In Windeseile überbrückte das magische Ross die weite Strecke bis hin zur westlichen Küste von Sîl. Dort eilte Gwydón zu der alten Eiche, dem vereinbarten Treffpunkt mit Niam. Einsam und allein erhob sich der mächtige Baum über die steinerne Küstenlandschaft. Der Druide brach einen Zweig und ritzte eine Botschaft für Niam hinein. Sollte er nicht rechtzeitig zurückkehren können, müsste sie sich alleine auf den Weg nach Brug-Na-Boinne machen. Gwydón wusste nicht, wie intensiv Niam den Gebrauch der Geheimschriften studiert hatte, doch er hoffte, sie würde seine Nachricht verstehen. Den beschrifteten Zweig steckte Gwydón in einem Loch im Stamm des Baumes. Danach bestieg er das Zauberross erneut und eilte nach Norden.

Der Weg nach Brigant war weit. Es ging schon auf den Abend zu, als Gwydón Amarango erreichte. Ein riesiges Heer lagerte in der Ebene von Ystrâd vor den Toren der Stadt. Viele tausend Krieger waren hier versammelt. Ihre Waffen blitzten im Licht der Sonne. Die Ranghöheren trugen ein Schwert, doch die Mehrzahl benutzte den Wurfspieß, seit Urzeiten die Waffe des Kriegers. Edle Pferde und strahlende Streitwagen standen dort, gerüstet, in die Schlacht zu ziehen.

Da eilte auch schon Caldur auf ihn zu: »Gwydón, da bist du ja! Den Göttern sei Dank.«

»Ich komme direkt aus Camallate. Nach Niams sicherem Übergang nach Thierna Og habe ich König Líath besucht. Als ich von Krischa hörte, was passiert ist, bin ich sofort hergeeilt.«

»Balzôrcs Heer ist gewaltig. In den Votadinern und Caledonen aus dem Norden hat er mächtige Mitstreiter gefunden. Unsere Gegner sind stark und blutrünstig. Keiner unserer Versuche konnte bis jetzt ihren Vormarsch stoppen. Aber es sind nicht nur Balzôrcs Verbündete. Auch seine eigenen Krieger sind eine Gefahr. Du kennst die schwarzen Pilosi. Diese haarigen Erdgnome sind stärker als die Menschen und mit ihrer Kraft nahezu unbesiegbar. Auch ohne Waffen sind sie gefährlich. Es sind gerissene und grausame Gegner. Auf ihr Konto gehen schon jetzt viele kostbare Leben. Sie sind wie die Ameisen, ebenso schwarz und zahlreich. Tausendfach kommen sie hinter den Büschen und aus ihren Erdlöchern hervor. Über ihren Köpfen fliegen die kupferroten Vögel unter Führung des dreiköpfigen Geiers. Alles, was mit ihrem giftigen Atem in Berührung kommt, verdorrt auf der Stelle. Sie schlagen blutige Schneisen in das Land. Menschen, Tiere und Pflanzen fallen ihnen reihenweise zum Opfer. Gegen sie haben wir kein Mittel. Kein Zauber konnte sie bisher aufhalten. Ich habe schreckliche Bilder seit Kriegsbeginn gesehen. Lange werden sich unsere Truppen nicht halten können. Ich habe große Sorgen um Amarango und den Fürsten.«

»König Líath schickt ein Heer zur Unterstützung. Ich bin die Vorhut und soll Fürst Enatos die Nachricht von der bevorstehenden Hilfe überbringen.«

Noch vor Sonnenaufgang des nächsten Tages sammelte Thorolf die Krieger von Brigant. Im Schutz des dichten Morgennebels überquerten sie den Coinée und verteilten sich im Gebirge. Auch Caldur, Gwydón und die übrigen Druiden von Brigant waren dabei. Ihre magische Kraft war ein wichtiger Bestandteil der Kriegsführung. Die Druiden platzierten sich an strategisch wichtigen Punkten wie Talmulden und Bergpässen. Dann warteten sie. Schon bald sahen sie die erste Vorhut von Balzôrcs Heer. Die Ebene unterhalb des Ômes war schwarz vor Pilosi. Wie Wanderameisen strömten sie in langen Zügen auf das Gebirge zu, die letzte Hürde vor dem Herzen Brigants.

Aber die Briganten hatten vorgesorgt. In vielen kleinen Gefechten stellten sie sich ihren Feinden in den Weg. Sie lösten Steinschläge und Erdrutsche aus und verlangsamten so den Zug des schwarzen Heeres. Doch der Druck der feindlichen Streitmacht ließ nicht nach. Für jeden gefallenen Pilosi schienen zwei weitere nachzufolgen. Die Übermacht wurde immer deutlicher. Letztlich mussten sich die Briganten in den Schutz der hohen Berge zurückziehen. In einer offenen Schlacht konnten sie Balzôrc nicht besiegen. Also versuchten sie, ihm wenigstens so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Kleine Stoßtrupps wurden an den Gebirgsübergängen postiert. Es gelang ihnen tatsächlich, die Pilosi so zu verwirren, daß sie ihren Zug für eine kurze Zeit unterbrachen. Diese Zeit nutzten die Kriegsherren von Brigant, um einen neuen Schlachtplan zu entwerfen.

»Mein Fürst«, sagte Thorolf zu seinem obersten Souverän, »wir müssen uns zurückziehen. Der Ômes ist verloren. Es ist sinnlos, hier weiteres Blut zu vergießen. Das wird Lord Balzôrc nicht aufhalten. Wir müssen ihn in Amarango erwarten. Postiert das Heer auf der anderen Seite des Coinée und versteckt es in der Ebene von Ystrâd.«

Caldur erhob sich: »Das ist ein guter Plan. Gwydón und ich werden in der Zwischenzeit den schwarzen Truppen den Übergang über den Fluss so schwer wie möglich machen.«

Als sie alleine waren, drehten die zwei Druiden ihr Antlitz den Fluten entgegen. »Diesen Weg muss Balzôrc gehen, wenn er nach Amarango will.« sagte Caldur, »Wir sollten die Furt mit einem Bannfluch belegen. Du weißt, was ich meine?«

Gwydón nickte. Gemeinsam fanden die beiden Druiden einen gegabelten Ast mit vier Spitzen. Unter Beschwörung magischer Formel befestigte Gwydón ihn an der Furt. Währenddessen holte Caldur einen kleinen Stein unter seinem Gewand hervor. In diesen ritzte er die Rune Thurse, das magische Zeichen für aktive Verteidigung, Schutz und die Zerstörung des Feindes. Über diesen beschrifteten Stein beschwor Caldur einen hohen Schutzzauber. Dann legte er den verzauberten Stein neben den viergabeligen Ast. Während des gesamten Rituals sangen er und Gwydón magische Gesänge. Nun hoben sie die Arme zum Himmel, stellten sich auf ein Bein und Schloßen jeweils ein Auge. So beriefen sie einen hohen Zauber und schufen eine mächtige Druidenhecke. Danach konnte kein Feind die Furt mehr überqueren. Es bedurfte eines mächtigen Gegenzaubers, um diese Schranke außer Kraft zu setzen.

Dieses Hindernis stoppte den Zug des schwarzen Heeres für eine ganze Weile. Viele Pilosi versuchten vergeblich, den magischen Schutzwall zu überwinden, doch sie ertranken in den Fluten des Coinée. Aber dann kam Mac Dathó, der oberste Zauberer des dunklen Herrschers. Große, dunkle Kräfte standen ihm zur Seite. Dunkelheit umgab ihn, und alles Leben um ihn erstarrte. Sogar die Pilosi fürchteten ihn und flohen bei seinem Anblick. Mac Dathó hob die Arme und schickte einen mächtigen Gegenzauber. Mit gewaltiger Stimme sprach er einen Glom Dici, einen zwingenden Schrei. Diese Verfluchung stellte die schwerste Form der Verwünschung dar - der Schutzbann brach. Wie die Heuschrecken strömten die Feinde über den Fluss und umzingelten Amarango von allen Seiten.

Da kam das Heer von Sîl. Unbemerkt vom Feind hatte es die Ebene von Ystrâd betreten und griff die Pilosi von hinten an. Es nutzte die Verwirrung des feindlichen Heeres und durchbrach den Belagerungsring um Amarango. Ohne Verluste erreichten die Kämpfer aus Sîl die Sicherheit der hohen Stadtmauern. Mehr noch, Conall hatte sogar die Hälfte seines Heeres versteckt in den Wäldern um Amarango zurückgelassen, um den Feind von hinten angreifen zu können.

Dennoch dauerte es eine ganze Weile, bis sich die Krieger auf eine Verteidigungsstrategie einigten. Der Plan war gut und ausgereift. Schnell wollten sie zuschlagen, denn die Mittagssonne nahte. Als Geschöpfe der Nacht mieden die Pilosi das helle Licht der Sonne. Wenn sie am höchsten stand, zogen sie sich zumeist tief in ihre dunklen Höhlen zurück. Diese Schwäche nutzten die Kriegsherren von Brigant endlich als strategischen Vorteil. Zur hohen Mittagssonne begannen die Pilosi abermals, sich geblendet zurückzuziehen. Da gab Conall seinen lauernden Truppen das vereinbarte Zeichen. Mit lautem Gebrüll strömten sie im hellsten Licht der Sonne auf die Ebene und griffen die Feinde im Rücken an.

Der Anblick der heranbrausenden Streitmacht war ein Schrecken für die Feinde: eine gewaltige Armee hochgewachsener, hellhäutiger Krieger, an deren kräftigen Körpern goldene Halsspangen und Armreifen in der hellen Sonne funkelten. Gegen sie wirkten die gedrungenen Pilosi noch kleiner und dunkler. Der Angriff wurde vom ohrenbetäubenden Lärm vieler tausend Trompeten und Hörner begleitet. Laut schrien die Krieger aus Brigant dem Feind ihre Kampfeslust entgegen. Wie die Ratten strömten Balzôrcs Erdgnome erschreckt auseinander. In diesem Moment brachen die Truppen von Sîl aus der Stadt aus und bestürmten den Feind von der Flussseite. Balzôrcs Streitmacht wurde nun von zwei Seiten bedrängt. Sie war von dieser Strategie so überrascht, daß sie nicht rechtzeitig reagieren konnte. Die Truppen von Sîl schnitten dem Feind den Nachschub ab und drängten sie zurück. Allmählich lichteten sich die Reihen der Pilosi.

Als der Tag zu Ende ging, erkannten die Feinde die Hoffnungslosigkeit ihres Kampfes. Sie zogen sich zurück und überließen den Verteidigern von Brigant den Sieg des Tages. Doch der Sieg war teuer erkauft. Obwohl viele tausend Pilosi tot auf dem Schlachtfeld lagen, hatten auch viele Krieger der Briganten und Silurer ihr Leben verloren. Groß war die Trauer.

Das Kriegsglück verweilte nicht lange an ihrer Seite. Am nächsten Tag ging die Schlacht weiter. Und der Feind hatte sich vorbereitet. In der Nacht hatte er seine Verbündeten zur Hilfe gerufen. Zwei Tage später landeten die Votadiner und Caledonen an der nördlichen Küste von Brigant. Von dort stürmten sie im Eilmärschen über die Ebene nach Amarango. Zur Abenddämmerung erreichten sie ihr Ziel. Vor den Toren der Stadt griff ihr mächtiges Heer die Verteidiger von Brigant mit unvermittelter Härte an. Nun war des Feindes Übermacht wieder hergestellt. Nur der Listenreichtum der Kriegsherren von Brigant verhinderte eine schnelle Niederlage. Der Krieg um Amarango wurde einer der längsten und blutigsten in der Geschichte der neuen Welt.

In diesen Kriegstagen fiel Gwydón ein junger Mann besonders auf. Er schien nicht von hohem Stand, eher ein Bauer als ein Krieger, mit schlichter Kleidung und einfacher Waffe. Doch er stürzte sich mit großem Mut in den Kampf und rettete durch seine Taten mehreren Soldaten das Leben. Außerdem besaß er die Gabe, die Menschen zu begeistern. Viele seiner Kameraden folgten ihm ohne Zögern. Meist tauchte er in unmittelbarer Nähe des Fürsten auf und kämpfte Seite an Seite mit seinem obersten Souverän. Manchen für den Fürsten bestimmten Hieb hielt der junge Mann auf.

Nach einem harten Tag fand Gwydón ihn alleine an einem der zahlreichen Lagerfeuer der Truppen sitzen. Der Druide trat zu ihm und setzte sich neben den erschöpften jungen Mann. »Ich grüße dich, tapferer Krieger.«

Der junge Mann fuhr erschrocken hoch. Mit roten Wangen erhob er sich und neigte seinen Kopf. »Auch ich grüße Euch, Gwydón, Ollam von Brigant.«

»Sage mir deinen Namen, junger Ritter.«

»Ich heiße Loégian. Aber ich bin kein Ritter. Vor dem Krieg war ich Diener in Amarango.«

»Wo hast du gelernt, so zu kämpfen?«

»Ich weiß es nicht. Als die Schlacht um Amarango begann, hat mir ein Mann dieses Schwert gegeben. Da habe ich einfach angefangen zu kämpfen.«

Gwydón lächelte. »Sage mir, Loégian, hast du Krieger unter deinen Vorfahren?«

»Das glaube ich kaum.« Loégian zog sich unmerklich zurück und antwortete ausweichend. »Ich stamme aus einer Bauernfamilie. Meine Mutter war eine einfache Dienerin.«

»Und dein Vater?«

»Ich weiß nichts über meinen Vater« antwortete der junge Mann ein wenig zu schnell und zu laut.

Gwydón bemerkte es, ging aber nicht darauf ein. »Trotzdem, es ist etwas besonderes um dich, junger Loégian. Dein Kampfstiel ist gut und dein taktisches Gespür ausgeprägt. Das ist nicht nur mir, sondern auch den Kriegsherren von Brigant aufgefallen. Besonders Krischa ist auf dich aufmerksam geworden. Er will dich kennen lernen. Ich werde dich zu ihm bringen.«

Widerstrebend ließ sich Loégian von Gwydón zu den versammelten hohen Herren am großen Feuer führen. Zu seiner Verwunderung waren seine Taten den Kriegsherren tatsächlich aufgefallen. Von allen Seiten wurde Loégian freundlich willkommen geheißen. Krischa selbst machte Loégian zu einem seiner Truppenführer.

So versanken die Monate im blutigen Kriegsgewirr, ohne das einer der beiden Gegner einen entscheidenden Sieg erringen konnte. Doch langsam setzte sich ein Vorteil zugunsten Balzôrcs Truppen durch. Die Pilosi waren kräftiger als die Menschen. Sie waren zwar kleiner, aber zäh und stark. Ihre Reißzähne schlugen manche Wunde und ihr Prankenhieb war zumeist tödlich. Außerdem verfügten sie über unerschöpflichen Nachschub. Die feindlichen Kämpfer waren stets frisch und ausgeruht, während die Verteidiger von Amarango ihre Verluste immer deutlicher spürten. Sie wurden immer müder und verzweifelter. Die einzige Hoffnung war die Verstärkung, die sie von den anderen Königreichen der neuen Welt erwarteten. Aber von denen war bisher weder Nachricht noch Hilfe gekommen. Eines Tages wurden die schlimmsten Befürchtungen Gewissheit. Ein Junge fand ein herrenloses Pferd, das durch die heimatlichen Ställe strich. Er brachte es zu Gurien, dem Kammerherren von Fürst Enatos. Dieser erkannte das erschöpfte Tier sofort.

Schnell verständigte er seinen Herren: »Mein Fürst, wir haben Melrands Pferd gefunden. Es hat seinen Weg zurück gefunden, jedoch ohne Reiter.«

»Und Melrand? Ich hatte ihn als Bote nach Âtron gesandt. Habt ihr keine Nachricht von ihm?«

Gurien schüttelte betrübt den Kopf. »Es steht zu befürchten, daß Melrand sein Ziel nie erreicht hat.«

Und dann kam der schwarze Tag. Grau kroch er über die Ebene und brachte dem Reich Brigant den schlimmsten Verlust. Denn an diesem Tag fiel Fürst Enatos auf dem Schlachtfeld. Tödlich getroffen sank er in den Staub. Mit heißen Tränen bedeckte Loégian seinen sterbenden Leib.

Rau schluchzte er: »Mein Fürst, warum war ich nicht schnell genug? Warum konnte ich den Pfeil nicht ablenken und dein Leben retten? Vater, welch ein großes Unglück!«

Gwydón trat neben ihn und sank auf die Knie. Er sah den jungen Mann fragend an: »Du nennst den Fürsten Vater?«

»Ja! Nun, wo meine Existenz ihm keine Schande mehr machen kann, darf ich es zugeben. Der Fürst war mein Vater. Meine Mutter hat es mir kurz vor ihrem Tod gebeichtet.«

Gwydón sah Loégian still an. Er erkannte die starke Ähnlichkeit, die zwischen dem jungen Mann und dem Fürsten herrschte und nickte. »Ich glaube dir. Weiß es noch jemand außer uns?«

»Nein. Meine Mutter verließ Amarango, als sie mit mir schwanger war. Nach meiner Geburt ist sie Bäuerin geworden. Sie hat nie über meinen Vater gesprochen, bis zu ihrem Tod.«

Mit Entaos’ Tod war der Krieg um Brigant entschieden. Das Kriegsglück wendete sich nun endgültig Balzôrc zu. Seine Angriffe wurden immer heftiger und die Gegenwehr der Briganten schwächer. Die Schlacht um Amarango dauerte bereits fast ein Jahr. Im Herbst des Jahres 237 waren die Kräfte Brigants aufgebraucht - das Land fiel. Im Namen seines Herren besetzte Ingcél, der Kriegsfürst des schwarzen Lords, die Festung Amarango und stellte damit das gesamte Königreich unter seine dunkle Herrschaft. Die Überlebenden flohen in die Wälder. Dort planten sie, ihre letzten Reserven zu sammeln, um erneut anzugreifen. Sie alle wollten lieber sterben, als ihre Heimat ohne weiteren Kampf aufzugeben. Doch dann erreichte sie eine schreckliche Nachricht, die ihre letzten Hoffnungen zusammenbrechen ließ:

»Der Feind ist in Sîl gelandet!«

4. Kapitel: Die zweite Etappe

Niam erwachte aus einem tiefem Traum. Sie lag im Schatten eines großen Baumes. Verwundert rieb sie sich den Schlaf aus den Augen. Es dauerte eine Weile, bis sie erkannte, wo sie war.

Langsam setzte sie sich auf und rief: »Großmutter? Großvater? Onkel Manâwýddan? Hallo, ist irgendjemand hier?«

Aber niemand antwortete. Sie war alleine an der weiten Küste. Dann sah sie neben sich die kleine Handharfe und ihren Beutel. Zögernd untersuchten ihre Finger den Beutel und ertasteten darin den Cauldron von Morgâ. Da wusste sie, daß die Erlebnisse unter der Meeresoberfläche nicht bloß ein Traum gewesen waren.

Dann wandte sich Niam dem Land zu. Sie befand sich genau an der Stelle, an der Gwydón sich gestern von ihr verabschiedet hatte. Alles war noch an seinem Platz: Da war die Hecke und dort hinten der große Baum, an dem sie Gwydón treffen sollte. Niam betrachtete ihre Umgebung genauer. Alles wirkte ein wenig größer als gestern. Niam konnte kaum glauben, daß seit ihrem Abschied von hier wirklich nur eine Nacht und ein Tag vergangen war. So viel hatte sie erlebt in dieser kurzen Zeit. Aber die Landschaft zeigte daßelbe satte Gesicht des Spätsommers wie bei ihrer Abreise nach Thierna Og.

›Manchmal kann eben viel passieren in einer Nacht und einem Tag‹, dachte Niam.

Aber wo war Gwydón? Niam suchte ihn an dem gesamten Küstenabschnitt und rief laut seinen Namen. Doch es war keine Spur von ihm zu sehen. Sicher würde er noch kommen. Schließlich hatte er es versprochen. Also setzte sich Niam unter den großen Baum und wartete. Da entdeckte sie einen kleinen schwarzen Punkt, der vom Wald her auf sie zuflog. Es war ein Rabe, der sich auf ihrer Schulter niederließ.

»Hallo, Brânwi, meine Schöne. Wenigstens du bist pünktlich. Schön, dich wiederzusehen.«

Der Rabe schmiegte sich vertrauensvoll an Niams Wange. Dann flog Brânwi auf und brachte Niam ein paar Nüsse und Eicheln, die sie in einem Versteck im Wald gehortet hatte. Dankbar nahm Niam sie. Während sie aß, legte der kleine Vogel seinen Kopf zur Seite und sah Niam aus seinen klugen Augen an.

Einem plötzlichen Impuls folgend fragte Niam den Raben: »Brânwi, weißt du etwas von Gwydón? Er wollte mich hier erwarten.«

Da verließ Brânwi erneut Niams Schulter und flog den Baum hinauf. Sie setzte sich auf eine Astgabel und pickte voller Inbrunst gegen ein dreieckiges Loch im Stamm. Vor Jahren war dies ein Spechtbau gewesen, heute war er verlassen. Neugierig kam Niam näher. Vorsichtig griff sie in das Loch und holte einen Eichenstab hervor. Der Stab war beschriftet. Niam sah senkrechte und diagonale Striche, die an beiden Seiten einer horizontalen Trennungslinie angesetzt waren. Niam war wie elektrisiert. Das war eine Nachricht von Gwydón, geschrieben in Ogham, der Geheimschrift der Druiden. In diesem Moment wünschte Niam brennend, sie hätte in Môn besser aufgepasst. Sie konzentrierte sich auf die Schriftzeichen und mühte sich, sie zu entziffern. Den größten Teil der Nachricht konnte sie trotzdem nicht lesen. Soviel aber verstand sie: Gwydón konnte nicht kommen. Sie solle nicht auf ihn warten und alleine nach Brug-Na-Boinne gehen.

Niam seufzte tief und sah verzweifelt in den Himmel. Ein leichtes Picken am Knie riss sie aus ihren trüben Gedanken. Sie sah Brânwi neben sich auf dem Boden sitzen. Sanft schlug sie mit ihren schwarzen Flügeln und sah Niam herausfordernd an.

»Ach, Brânwi, was soll ich bloß machen? Alle hoffen auf mich und vertrauen auf meinen Erfolg. Und nun? Ich werde nie alleine nach Brug-Na-Boinne finden.«

Doch Brânwi hüpfte aufgeregt vor Niam her, dann flog sie auf und kehrte mit einem grünen Beerenzweig zurück. Diesen legte sie vor Niam hin. Erneut traf Niam der kluge Blick des Vogels. Vorsichtig nahm sie den Zweig auf und betrachtete die prallen Früchte. In diesem Augenblick ertönte der Gesang einer Amsel. Der unscheinbare Vogel hatte sich auf einem Ast über Niams Kopf niedergelassen und sang sein Lied nur für sie. Da spürte Niam einen kleinen Ruck in ihrem Herzen. Eine innere Kraft sprach ihr Mut zu, und langsam fasste Niam Vertrauen.

Sie atmete tief durch und sagte: »Aber ich darf jetzt nicht den Mut verlieren. Zu viel steht auf dem Spiel. Ich muss es eben alleine schaffen! Außerdem bin ich gar nicht allein, denn du, liebe Brânwi, bist ja bei mir.«

Damit öffnete sie ihre Hand und Brânwi hüpfte hinein. Niam nahm den Vogel hoch und streichelte ihn sanft. Sie packte ihre spärliche Habe und den Mantel aus Rabenfedern, das Geschenk der Herrin Aífe. Für einen kurzen Moment überkam sie die Erinnerung an ihre Lehrzeit. Lächelnd packte sie den dunklen Mantel in ihren Beutel. Als sie die Harfe aufhob, entdeckte sie darunter einen Sack mit Lebensmittel, den die fürsorglichen Wassergeister dort für sie zurückgelassen hatten. Dankbar verstaute Niam diese Gaben ebenfalls in ihrem Beutel. Dann brach sie auf.

Im Geiste ging sie die Wegbeschreibung der Nihhussâ nochmals durch. Nach Osten solle sie gehen bis zum Fluss Týo. Der erste Teil des Weges war leicht. Durch die Ebene kam Niam gut voran. Die ersten Nächte alleine im Freien waren zwar ungewohnt und sogar ein wenig unheimlich, aber nach einer Weile gewöhnte sich Niam daran. Nach drei Tagen erreichte sie den Glin Cuch, den alten Wald im Westen von Sîl. Der Glin Cuch war uralt. Als die Welt noch jung war, da war dieser Wald schon da. Dicke Flechten hingen von den hohen Kronen. Das Moos am Boden zeugte von dem spärlichen Sonnenlicht, das durch die dichten Zweige fiel. Beschwingt wanderte Niam im Schatten der Bäume. Schon immer hatte sie den Wald gemocht. Die würzige Waldluft füllte Niams Lungen und spornte sie an. Der Glin Cuch schien ihr wohlgesonnen. Viele reife Beeren und Früchte säumten ihren Weg durch das Dickicht. Einen plötzlichen Impuls folgend drehte sich Niam in alle vier Himmelsrichtungen und grüßte die Geister des Waldes. Als Antwort vermeinte Niam ein leichtes Rascheln zu vernehmen, ein feines Raunen der Blätter im lauen Sommerwind

Brânwi führte sie über kleine Wege immer tiefer in den Wald. Niam sang vor sich hin. Schon lange hatte sie nicht mehr an ihre Melodie gedacht. Doch hier im Wald überkam sie urplötzlich die Lust und sie sang mit voller Hingabe. Lieblich klang ihre helle Stimme durch die Stille des Waldes. Alles lauschte. Sogar die Vögel unterbrachen ihren Gesang, um das Lied nicht zu stören. Niam merkte, daß sich etwas geändert hatte. Denn während sie ihre Melodie sang, eroberten die Worte des hohen Liedes Morgâ ihre Gedanken. Niam konnte nicht verhindern, daß die alten Verse alle anderen Sinne blockierten. Die Worte verbanden sich mit den Tönen ihrer Melodie, die in der Tonart G gehalten waren, und schufen ein neues, mächtiges Lied. Noch zögerte Niam, die heilige Hymne von seiner gewohnten Tonfolge zu trennen. Aber je öfter sie diese neue Variante überdachte, desto fester wurde die Verbindung. Es war, als hätten die alten Worte nur darauf gewartet, durch Niams Melodie zum Leben erweckt zu werden, und auch die Tonfolge hatte erst jetzt ihren gebührenden Text gefunden. Niams Gewissheit wuchs, das Richtige zu tun. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Sie spürte, daß sie den ersten Schritt zu einer großen Entdeckung gemacht hatte.

So verging der Tag. Nur eine kleine Pause gönnte Niam sich. Dann marschierte sie weiter nach Osten mit der Sonne im Rücken. Bald kündete das kräftige Rot des Abendhimmels vom baldigen Ende des Tages. Die erste Nacht im Wald verbrachte Niam unter einem großen Wacholderbusch. Er stand in voller Blüte. Alles hier strahlte eine große Ruhe aus. Niam bereitete ihr Nachtlager unter den blühenden Zweigen, während Brânwi ihren Schlafplatz inmitten der höheren Äste des Busches suchte. Mit einem Gebet an die Geister des Waldes auf den Lippen Schloß Niam die Augen. Der würzige Duft des Waldes umhüllte sie sanft. Einmal glaubte sie, ein leises Wispern und Knacken zu vernehmen. Doch sie war schon zu müde, um die Augen noch einmal zu öffnen, und versank in tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen erwachte Niam durch den Gesang der Vögel. Der Schlaf hatte sie erfrischt, und ausgeruht erhob sie sich. Sie dankte dem blühenden Busch für seine Gastfreundschaft. Mit Brânwi auf der Schulter ging sie weiter nach Osten. Am Ende des vierten Tages hatte sie den Glin Cuch durchquert. Niam trat aus dem Schutz seiner letzten Bäume. Vor ihr öffnete sich der Blick auf die Bucht des gewaltigen Flusses Týo mit der großen Stadt Carmár an seinen Ufern. Carmár war eine mächtige Stadt mit Steinhäusern, Bädern und gefüllten Lagerhäusern. Der in Stein gefasste Hafen wies die Stadt als einen der wichtigsten Handelsplätze des Königreiches Sîl aus. Befestigte Straßen führten aus den massiven Stadtmauern hinaus. Der rege Verkehr aus Menschen, Reitern und Fuhrwerken zeigte die Lebendigkeit der wehrhaften Hafenstadt.

Mit hoch erhobenem Haupt und festem Blick betrat Niam Carmár durch eines der mächtigen Stadttore. Die Sonne ging gerade unter, und das Handelsleben begab sich allmählich zur Ruhe. Die Bauern der Umgebung Schloßen den Markt und verließen die Stadt. Gegen diesen Strom von Menschen bahnte sich Niam ihren Weg. Aber niemand stieß sie an. Die Menschen wichen ihr aus. Niam bot wahrlich einen sonderbaren Anblick: eine zarte blonde Gestalt im Rabenfedergewand, an der linken Schulter eine Handharfe und auf der rechten ein schwarzer Rabe. Das war eine höchst ungewöhnliche Erscheinung, und die Menschen machten ihr wortlos Platz. Ohne Schwierigkeit fand sie die Herberge der Stadt, ein altes, hohes Haus mit einem großen hölzernen Eingangstor. Niam atmete noch einmal tief durch, machte sich Mut und trat entSchloßen ein.

Drinnen war es düster und stickig. Lautes Stimmengewirr erfüllte den Raum. Viele Männer und ein paar Frauen saßen an langen Holztischen und tranken reichlich süßen Met und gegorenen Gerstensaft. Es roch nach Schweiß. Niam fühlte sich sehr unwohl. So eine Umgebung hatte sie noch nie erlebt. Ein plötzlicher Würgereiz überkam sie. Am liebsten hätte sie diesen Ort sofort wieder verlassen. Aber sie nahm sich zusammen. Zielstrebig suchte sie den Wirt und fand ihn am Ausschank. Es war ein feister, untersetzter Mann mit fettigen Haaren und einem unangenehmen Zug um den Mund. Niam trat zu ihm. Anfangs war sie zu leise, um sich Gehör zu verschaffen. Erst als sie ihre Stimme hob, bemerkte er sie:

»Was willst du, Mädchen? Siehst du nicht, was hier los ist?« Damit brüllte er seiner Schankdienerin einen Befehl zu.

Die junge Frau lächelte gequält und eilte davon. Der Wirt schob Niam zur Seite und würdigte sie keines Blickes mehr.

»Herr Wirt!«, sagte sie mit lauter Stimme, »ich will für dich und deine Gäste singen!«

»Du willst was?« Der Wirt wirbelte herum und sah sie fassungslos an.

»Ich will singen. Ich bin ausgebildete Bardin und möchte mir ein Nachtmahl und ein Bett für die Nacht verdienen.«

»Was glaubst du, wo du hier bist? Sieht das hier aus wie ein Haus der Musik? Daß ich nicht lache!« Der Wirt drehte seinen Kopf kurz weg, doch dann sah er Niam erneut an. Mit lüsternem Blick musterte er sie. »Allerdings, für ein Essen und ein Bett könntest du auch etwas anderes tun.« Seine Augen glitten gierig über Niams Körper.

Doch sie lächelte nur: »Ich bin sicher, singen wird genügen.« Niam wusste später nicht, woher ihre Selbstsicherheit gekomen war, aber in diesem Moment wusste sie einfach, daß ihre Stimme die Macht hatte, die Menschen zu beruhigen. »Ich werde es dir zeigen, wenn du mich lässt. Lass mich ein Lied singen. Danach sollen deine Gäste entscheiden. Ein jeder soll das geben, was ihm mein Gesang wert war. Dieses Geld ist für dich. Wenn es mehr als ein Bett und ein Mahl ist, lässt du mich weitersingen. Falls nicht, kannst du das Geld trotzdem behalten und ich ziehe meiner Wege. Was sagst du? Glaube mir, es wird dein Schaden nicht sein.«

Der Wirt murrte. Aber das angebotene Geschäft reizte ihn doch. Schließlich hatte er nichts zu verlieren. Also gab er sein Einverständnis.

Niam stellte ihr Bündel ab und ließ den Rabenmantel über ihre Schultern sinken. Nun kamen ihre langen, blonden Locken zum Vorschein. Die Gäste wurden merklich ruhiger. Viele Augen verschlangen Niam, und sie spürte die begehrlichen Blicke über ihren Körper gleiten. Für den Bruchteil eines Augenblicks empfand sie Angst. Doch dann siegte ihr Geist und sie ignorierte die aufsteigende Unsicherheit. Ohne äußerliche Regung trat sie vor und hob ihr Instrument. Einige Männer waren nicht mehr Herr ihrer Sinne und wurden laut. Aber Niam war nun in ihrem Element. Sie sammelte sich, legte ihre Finger an die Saiten der Harfe und begann sie zu spielen.

Zuerst sang Niam das Lied der Zufriedenheit. Dieses Lied war eine Variation des Lieds des Schlafes. Es zielte auf das Herz der Zuhörer und verlieh ihnen Glückseligkeit. Niams reine Stimme erfüllte den Raum, und die Minen der Gäste begannen, sich merklich zu entspannen. Alle folgten verzaubert ihrem Gesang und forderten laut weitere Lieder. Während sie den sanften Melodien lauschten, glitt die Last des Tages von ihnen und sie fühlten sich leicht und erholt. Als Niam schließlich endete, waren die Menschen zufrieden. Viele waren milder gestimmt, und so manche alte Fehde fand an diesem Abend ihr Ende. Sie entlohnten Niam reichlich und entließen sie nur gegen das Versprechen, am nächsten Abend wieder zu singen. Auch der Wirt war zufrieden.

Eine dunkle Gestalt in der hinteren Ecke hatte Niams Gesang besonders aufmerksam gelauscht. Nach ihrem Spiel erhob er sich lautlos und eilte aus dem Schankraum. Draußen bestieg er einen Rappen und galoppierte in die Dunkelheit der Nacht.

Niam setzte sich an einen Tisch. Entspannt sorgte sie für Brânwis leibliches Wohl, dann stillte sie ihren eigenen Hunger. Danach wurde sie müde und bat den Wirt um ein Platz für die Nacht.

Vor ihrer Weiterreise hatte Niam noch etwas Zeit. Nachdem sie ihre Schiffspassage nach Norden gebucht hatte, strich sie durch viele kleine Gassen Carmárs und ließ sich faszinieren von der Vielseitigkeit der Stadt. Viele Handwerker lebten hier. In rußigen Werkstätten arbeiteten Schmiede und schufen Gebrauchsgegenstände und Kunstwerke aus Eisen. So wie jede Zunft hatten sie ihr eigenes Gebiet, in dem sie lebten und arbeiteten. In anderen Straßenzügen wohnten Gerber, Färber, Fleischer, Bäcker, Tischler und Zimmerleute. Staunend blieb Niam vor der Auslage eines Instrumentenbauers stehen. Liebevoll hatten seine Hände wahre Meisterstücke geschaffen und Niam bewunderte die Perfektion und Feinheit seiner Instrumente. Niam ließ sich durch die sehr belebten Straßen treiben und gelangte schließlich auf den Hauptmarkt der Stadt im Viertel der Kaufleute. Der große Platz war voller Menschen, die in kleineren Gruppen handelten und sich gegenseitig Preis und Gegenpreis entgegenschrien. Niam bewunderte die prächtigen Seidentücher, die in tausend leuchtenden Farben den Stand des Tuchhändlers schmückten. Köstliche Gerüche lagen in der Luft, und Niam entdeckte fremdartige Lebensmittel, die sie noch nie gesehen hatte. Mit offenen Sinnen sog sie die verschiedenen Farben und Gerüche auf und erfreute sich an den vielfältigen Angeboten.

Niam kaufte sich warme Kleidung für die Reise nach Norden und den bevorstehenden Winter. Außerdem musste sie sich ein neues Leibchen besorgen. Sie konnte es sich zwar nicht erklären, aber seit ihrer Abreise nach Thierna Og war sie gewachsen. Ihr Körper war weiblicher geworden, und die alte Bluse hielt der neuen Fülle ihres Busens kaum noch stand. Also erwarb sie ein weites Hemd aus festem Leinen. Danach besorgte sie ein starkes Seil und einige Fackeln als unentbehrliche Utensilien für ihre Reise ins Ungewisse. Darunter verging der Tag nach der ersten Nacht. Als die Sonne sich auf ihren Untergang vorbereitete, begab sich Niam langsam zurück zum Gasthof.

Der Saal war heute noch voller als am Vortag. Die Zuhörer von gestern hatten ihren Freunden von Niams Stimme erzählt. Nun waren auch diese gekommen, um ihr zu lauschen.

Der Wirt erwartet sie schon sehnsüchtig. »Sieh, was du vollbracht hast: Das Haus ist voll. Alle wollen dich singen hören. Sie sind schon richtig ungeduldig. Bitte, geh nach vorne und singe für meine Gäste.«

»Erst muss ich mich etwas frisch machen und eine Kleinigkeit essen. Ich war den ganzen Tag unterwegs. Bitte sage deinen Gästen, daß ich später gerne für sie singe.« Damit zog sich Niam in ihre Kammer zurück.

Als sie das kleine Zimmer betrat, bot sich ihr ein Bild der Verwüstung. Während ihrer Abwesenheit hatte jemand ihre Sachen durchwühlt. Alles lag auf dem Boden verstreut. Voller Angst begutachtete Niam den Schaden. Alles war noch da: der Rabenumhang ebenso wie ihr Beutel mit dem Cauldron der Meere. Aber dann entdeckte Niam etwas, das ihr Blut in den Adern gefrieren ließ: die Handharfe, das Geschenk ihrer Großmutter, war gestohlen worden. Niam suchte in allen Ecken, doch das Instrument blieb verschwunden.

Details

Seiten
230
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531609
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318484
Schlagworte
Kelten Irland Mythologie Jugendbuch ab 12 Jahre Zwerge für Jungen Fantasy Nebel von Avalon Elfen Nixen für Mädchen Abenteuer Prophezeiung eBooks

Autor

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Titel: Das helle Kind - Band 2: Anderswelt