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Feueratem

Eine Novelle

2016 57 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

»Du weißt nicht, was Hass bedeutet, und du hast keine Ahnung von Liebe. Aber klettere auf meinen Rücken und fliege mit mir. Ich werde dir zeigen, was es mit beidem auf sich hat.« Die Zukunft des Mädchen Teres scheint vorbestimmt zu sein: Sie wird den Berg, auf dem ihr Clan seit langer Zeit lebt, niemals verlassen. Sie wird einen ihrer Cousins heiraten, um der Familie Kinder zu schenken. Und sie wird dem Drachen dienen – denn nur der Drache sorgt dafür, dass niemand es wagt, den Clan anzugreifen. So will es die Tradition, so verlangen es die Gesetze ihrer Ahnen. Doch als Teres sich in einen Jungen aus dem Flachland verliebt, erwacht der Widerstand in ihr …

Schicksal, Mut, Erwachsenwerden: Die erste Fantasy-Novelle von Tanja Kinkel, einer der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart.

Über die Autorin:

Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, studierte in München Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und promovierte über Aspekte von Feuchtwangers Auseinandersetzung mit dem Thema Macht. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation Brot und Bücher e.V, um sich so aktiv für eine humanere Welt einzusetzen (mehr Informationen finden Sie auf der Website: www.brotundbuecher.de). Tanja Kinkels Romane wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und spannen den Bogen von der Gründung Roms bis zum Amerika des 21. Jahrhunderts.

Bei jumpbooks veröffentlichte Tanja Kinkel bereits ihren Roman »Der Prinz und der Drache«.

Die Autorin im Internet: www.tanja-kinkel.de

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Neuausgabe September 2020

Ein eBook des jumpbooks-Verlags. jumpbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, München.

Eine ältere und kürzere Fassung dieser Geschichte erschien 2002 in der Anthologie »Feueratem«, herausgegeben von Michael Nagula, erschienen im Knaur Taschenbuch Verlag.

Copyright © der Originalausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Copyright © der vorliegenden Neuausgabe 2020 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: dotbooks GmbH, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von Fotolia.de/dvarg

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96053-161-6

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Tanja Kinkel

Feueratem

Novelle

jumpbooks

Kapitel 1

Frühmorgens, ehe die letzten Nebelschwaden sich von den Bergen hoben, war die beste Zeit, um wilde Drachen zu beobachten. Die blasse Morgensonne genügte, um ihre Schuppen zum Strahlen zu bringen, so dass sie sich gegen die Dämmerung wie ein Feuerwerk aus Blau, Rot oder, sehr selten, Gold abzeichneten. Doch selbst am Morgen war es ein Glücksfall, mehr als einen fremden Drachen zu sehen. Es gab nur einen, auf dessen stete Anwesenheit man sich im Land Erised verlassen konnte. Womit er seine Tage und Nächte verbrachte, wussten die wenigsten, aber jeden Morgen, ohne Ausnahme, legte sich sein Schatten über den Berg des Clans Dekapa.

Teres hatte Drachen schon immer gehasst. Zumindest konnte sie sich nicht an eine Zeit erinnern, in der sie anders fühlte. Drachen waren für ihre Eltern und den gesamten Clan immer wichtiger gewesen als Teres oder eins ihrer beiden jüngeren Geschwister. Was die beiden älteren Brüder und ihre Schwester Anis anging, so gaben sie dem Drachen ebenfalls den Vorzug. Als Teres mit vier Jahren stürzte, sich einen Zahn ausschlug und mit aller kindlichen Gewissheit glaubte, verbluten zu müssen, drückte ihr Anis, die als Älteste auf die Geschwister achtete, nur hastig etwas Bittermoos in die Hand: »Kau das, dann wird es schon aufhören.« Teres schrie empört auf und spie Blut, bis ihr Anis das übel schmeckende Knäuel kurzerhand in den Mund stopfte.

»Den Zahn hättest du später ohnehin verloren«, erklärte sie unwirsch, als Teres’ Gejammer immer noch nicht verklingen wollte. »Und jetzt sei still. Du weißt doch, dass ich heute mit Guso an der Reihe bin, den Drachen zu pflegen.«

Jeden Morgen war es die Pflicht zweier Clanmitglieder, den Drachen von Dreck, Zweigen, Laub und allem, was sich sonst zwischen seinen Schuppen angesammelt haben mochte, zu befreien. Für Teres, die sich wie die meisten kleinen Kinder nicht gerne wusch, aber wusste, dass es Klapse auf die Hände gab, wenn sie es nicht tat, war dies eine weitere Ungerechtigkeit: Wieso erwartete niemand von dem gewaltigen Drachen, sich selbst in einem Fluss oder Wasserfall zu reinigen? Nein, stattdessen wurde er bedient, von ihren Geschwistern, ihren Eltern, ihren zahllosen Vettern, Onkeln, Tanten, Basen; zum Clan Dekapa gehörten fünf Familien, die alle in der alten, mächtigen Steinburg auf dem Berg siedelten, und jedes ihrer Mitglieder schien sich zu überschlagen, um den Drachen zu umsorgen. Gewiss wäre es für Anis ein Leichtes gewesen, Adeli zu bitten, für sie einzuspringen, dachte Teres bitter, und sich stattdessen um mich zu kümmern. Aber das tat sie nicht. Dabei war ihre Base Adeli ganz verrückt nach dem Drachen; immerzu schwärmte sie von seiner Stärke, Anmut und Schönheit, die Teres beim besten Willen nicht entdecken konnte.

Ihr liefen die Tränen über die Wangen, während das Bittermoos seine Wirkung tat und ihre Blutung stillte. Später mahnte Vetter Guso sie, sich das Gesicht zu waschen, weil es völlig verschmiert sei, und ihre kleine Schwester, die gerade erst das Sprechen gelernt hatte, gluckste und kicherte bei Teres’ Anblick, als wäre sie eine der buntbemalten Rumpfpuppen von den Familienfesten. Das Leben war wirklich ungerecht!

Mit dem Beginn ihres siebten Lebensjahres wurde es schlimmer für Teres, denn nun erwartete der Clan von ihr, dass sie sich selbst an der Pflege des Drachen beteiligte.

»Was kann ich denn schon für ihn tun?« Natürlich wusste sie, dass es sinnlos war, sich zu wehren. Trotzdem wollte die Stimme in ihr, die sich über die Ungerechtigkeit beklagte, nicht verstummen. »Er ist doch so riesig!«, beschwerte sie sich und wurde belehrt, gerade der Umstand, dass sie klein genug sei, um sich noch zwischen zwei Klauen des Drachen klemmen zu können, sei ein Vorzug.

»Aber …«

»Es gibt kein Aber, Teres. Du bist eine Dekapa, und je früher sich der Drache an dich gewöhnt, desto besser«, schloss ihr Vater und schickte sie an jenem kalten Wintermorgen mit ihren älteren Geschwistern in die Höhle des Drachen unter der Burg.

Anis hielt Teres’ Hand, als sie die Worte des Rituals sprachen, dem sich alle Clanmitglieder unterzogen, wenn sie die Höhle des Drachen betraten.

»Wir sind Dekapa«, intonierte Anis, und obwohl ein Teil von Teres rebellisch genug war, um schweigen zu wollen, konnte sie nicht leugnen, dass ein anderer Teil das Ganze auch aufregend fand, wie alles, was die älteren Clanmitglieder taten und bei dem sie früher nicht hatte dabei sein dürfen.

»Wir sind Dekapa«, murmelte sie also mit.

»Du bist Dekapa.«

»Du bist Dekapa … Anis, warum muss eigentlich der Drache das nicht selbst sagen?«

»Weil es sich so gehört«, sagte Anis streng. Als Teres den Mund öffnete, um eine weitere Frage zu stellen, kniff ihre ältere Schwester sie schmerzhaft in die Wange; eine Geste, die Teres von niemandem mochte, und Anis wusste das genau. »Und nun sprich mir nach: Wir sind Dekapa. Du bist Dekapa. Du dienst. Wir kommen, um zu dienen.«

Mit einer anmutigen Bewegung ließ sie sich auf die Knie sinken – und zog Teres mit einem Ruck ebenfalls auf den Boden. Das Mädchen sah, dass seine große Schwester die Augen geschlossen hatte und stumm die Lippen bewegte; vermutlich wiederholte sie die rituelle Formel noch einmal, was Teres denkbar unlogisch erschien, denn welchen Sinn machte es, wenn niemand – nicht einmal der verdammte Drache – es hören konnte?

Anis erhob sich wieder. Teres war froh, dem Beispiel folgen zu dürfen, denn der harte Stein hatte unter ihren Knien geschmerzt. Und während sie noch darüber nachdachte, warum man keine Kissen vor die Höhle legte, um das unsinnige Spruch-Aufsagen wenigstens ein bisschen angenehmer zu gestalten, betrat sie an der Hand ihrer Schwester zum ersten Mal die Drachenhöhle.

Das Erste, was ihr auffiel, war, dass es hier selbst im Winter angenehm warm war, weil der Drache große Hitze zu verströmen schien. Immerhin, dachte Teres bockig und schnüffelte argwöhnisch. Der Drache stank nicht, obwohl sie das befürchtet hatte; er roch ein wenig wie die Asche der Kaminfeuer, die ihre Zimmer auf der Burg wärmten. Aber verglichen mit den anderen Tieren, die sie kannte und deren Pelz nach dem Regen stets einen so scharfen Geruch ausströmte, dass man die Luft anhalten musste, nahm man ihn kaum wahr. »Das liegt daran, dass er kein Fell hat, kleiner Dummkopf«, sagte Anis später. Als ob Teres das nicht schmerzlich wüsste! An jenem Morgen berührte sie zum ersten Mal eine der Schuppen, die sogar ein wenig größer als ihre Handfläche waren. Die spitz zulaufenden Enden waren so scharf, dass sie sich prompt in die Hand schnitt, nicht tief, aber genug, um ihre Finger hastig zurückzuziehen. Ein paar ihrer Blutstropfen perlten über die verdammte Schuppe, aber man erkannte sie kaum, denn die war rostbraun. Im Vergleich zu einigen der silbrigen, blauen oder goldenen Drachen, die schon über den Berg hinweggeflogen waren, wirkte die Farbe des Drachen auf Teres alltäglich. Wie altes Laub, dachte sie verächtlich.

Der Drache atmete kaum. Anfangs dachte Teres, er müsse nie Luft holen, aber mit der Zeit fiel ihr auf, dass sich der Staub um seine Nüstern während der Zeit, in der sie und die anderen mit seiner Pflege beschäftigt waren, schwarz färbte. »Er ist sehr vorsichtig, wenn Menschen um ihn sind«, erklärte ihre Mutter. »Richtig ein- und ausatmen kann er nur während des Fliegens, weil die oberen Lüfte so kalt sind, dass sein Atem dort nicht gleich zu Feuer wird.«

»Du meinst … er könnte uns alle verbrennen?«, fragte Teres schaudernd. »Einfach so?«

»Er könnte. Aber er will es nicht. Der Drache weiß, wie gefährlich der Feueratem ist – und welche Macht er ihm verleiht.«

Ihre Mutter hatte jetzt, wo Teres alt genug war, um bei der Pflege des Drachen mitzuhelfen, mehr Zeit für sie. So kam es dem Mädchen jedenfalls vor. Teres wurde nicht länger mit den jüngeren Geschwistern in den Turm geschickt, wo die Kinder des Clans Dekapa untergebracht waren, sobald die Sonne unterging. Nein, sie durfte noch eine Weile länger in dem großen ovalen Raum bleiben, wo die Erwachsenen und die älteren Sprösslinge des Clans sich zu den Mahlzeiten versammelten, wo die alten Lieder gesungen wurden und manchmal auch Tänze stattfanden.

»Hätten wir uns nicht einen anderen Drachen aussuchen können?«, platzte Teres heraus, als ihre Mutter ihr einschärfte, dem Drachen nach der morgendlichen Reinigung zu danken, ehe sie ging. »Einen schöneren?« Sie dachte an die bunten Blitze, die sie manchmal über das Gebirge hinwegziehen sah; nicht sehr oft, und keinen im letzten Jahr, aber genügend, um zu wissen, dass es viel schönere Drachen gab als den rostbraunen Koloss, der in der Höhle lag.

»Unser Drache ist ein Wunder«, entgegnete ihre Mutter tadelnd. »Und so müssen wir ihn behandeln. Du darfst nie anders als mit Achtung und Respekt zu ihm sprechen, Teres, und ich will nicht hoffen, dass du dergleichen Gedanken äußerst, wenn du bei ihm bist.«

»Ich glaube nicht, dass er mich überhaupt hört«, gab Teres zurück. »Er sagt nie etwas.«

Dass der Drache sprechen konnte, wusste sie, weil es die Mitglieder des Clans gelegentlich erwähnten; sie selbst hatte seine Stimme noch kein einziges Mal gehört. Wahrscheinlich ist er selbst dafür zu faul, dachte sie.

»Er spricht zu denen, die er für würdig befindet«, sagte ihre Mutter.

»Und wie viele Male muss man Vogeldreck von ihm abkratzen, bevor man würdig wird?«, fragte Teres laut, was Vetter Guso zum Lachen brachte. Teres’ Vater gab ihm einen sanften Klaps auf den Kopf.

»Anis hat ihn auch noch nie gehört!«, setzte Teres schnell hinterher und warf ihrer Schwester einen herausfordernden Blick zu. Diese senkte beschämt den Kopf.

»Es liegt in seinem Ermessen«, sagte ihre Mutter ruhig. »Und Anis wird bald heiraten.«

Teres fragte sich, ob dies ein Trost für ihre Schwester sein sollte; der Vetter, der vor einigen Wochen mit Anis verlobt worden war, schien ihr kein rechter Grund zu sein, sich auf das Gelöbnis zu freuen. Doch nun gab es wichtigere Fragen, auf die sie eine Antwort verlangen wollte. »Wenn er nicht mit uns spricht, warum müssen wir dann mit ihm sprechen?«

»Weil es sich so gehört«, sagte ihre Mutter bestimmt und brachte ihr dann bei, sich das Haar mit Bändern zu flechten.

»Das ist hübsch«, freute das Mädchen sich, als es sich im Spiegel betrachtete. Und dabei wusste sie doch, dass es vor allem dazu dienen sollte, dass ihr die Haare nicht ins Gesicht fielen, wenn sie auf dem Drachen herumkletterte.

Kapitel 2

Teres stand kurz vor ihrem 15. Geburtstag, als sie sich nicht mehr mit den ebenso beschwichtigenden wie keine Widerrede zulassenden Antworten ihrer Eltern und anderen Clan-Angehörigen abspeisen ließ. Dabei war zuerst gar nicht vom Drachen die Rede gewesen.

Wie alle Kinder ihres Clans kannte Teres mittlerweile jeden Fußbreit des Berges Dekapa; die karge Gipfelregion, den breiten Streifen Wald, die im Sommer so schönen Lichtungen und im Winter gefährlichen Schluchten. Wenn es etwas gab, was Teres noch mehr zuwider war als ihre Pflichten dem Drachen gegenüber, dann war es zweifellos die Grenzlinie kurz vor dem Fuße des Berges, die sie nicht überschreiten durfte. Es war nur eine einfache Linie aus großen Steinen, nicht einmal eine Mauer, und doch so unüberwindbar, als hätten ihre Vorfahren hier einen echten Wall aufgeschüttet. Traditionellerweise war der Tag, an dem ein Clanmitglied zum ersten Mal hinabsteigen und die Flussmärkte im Tal besuchen durfte, der 15. Geburtstag. Doch Anis war hochschwanger, was für Teres bedeutete, dass sie zusätzlich zu ihren eigenen Pflichten auch die Tage ihrer Schwester in der Drachenhöhle übernehmen musste – und das schloss ihren Geburtstag mit ein.

»Du wirst eben später zu deinem ersten Flussmarkt gehen«, sagte ihre Mutter begütigend. Der Ort für den wöchentlichen Handel wechselte ständig nach einem komplizierten System; er fand immer an einer anderen Stelle des langgestreckten neutralen Tals statt, weil jeder Clan darauf erpicht war, ihn in seiner Nähe zu haben. Teres wusste, dass es bis zu sieben Wochen dauern würde, bis das bunte Treiben wieder an den Fuß des Berges zurückkehren würde. Selbst wenn es im günstigsten Fall nur einen Monat dauern würde: Teres hatte sich schon so lange auf den Flussmarkt gefreut, dass ihr jeder Aufschub unerträglich erschien. Ein Teil von ihr wusste, dass sie sich keinen Gefallen tat und es wahrscheinlich ohnehin nichts bringen würde, sich zu beschweren. Doch der größere Teil von ihr war mit einer Empörung angefüllt, die sich über Jahre hinweg aufgestaut hatte und endlich bersten wollte.

»Wenn der Drache einen Tag lang Laub und Dreck zwischen den Schuppen hat, dann fällt ihm das bestimmt überhaupt nicht auf«, rief sie wütend und war versucht, mit dem Fuß aufzustampfen; im letzten Moment erinnerte sie sich, dass sie dafür entschieden zu alt war. »Und überhaupt, was hat er je für mich getan, dass ich ihn sogar an meinem Geburtstag bedienen soll?«

Ihre Eltern warfen sich einen langen Blick zu. Teres erwartete, aus der Halle fortgeschickt zu werden. Wenn sie Pech hatte, dann war der Flussmarkt für sie soeben in weite Ferne gerückt. Aber sie entschuldigte sich nicht. Sie wollte endlich eine Antwort, einen Grund, den sie verstehen konnte.

»Ohne den Drachen wären wir alle wahrscheinlich tot«, sagte ihr Vater ernst.

Teres öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Es fiel ihr schwer, die Bemerkung hinunterzuschlucken, dass sie noch nie gesehen hatte, wie der Drache auch nur ein einziges Wild mit ihnen teilte, das er an den Hängen des Berges riss. Was der Clan aß, wurde entweder von ihnen selbst angebaut, erjagt oder kam an den Flussmarkttagen von außerhalb.

»Wären wir das?«, fragte sie mit gepresster Stimme, leise, um nicht der Versuchung nachzugeben, zu schreien. Wenn sie schrie, dann würde sie gewiss in den Turm geschickt, das wusste sie.

»Jeder einzelne der großen Clans von Erised«, sagte ihre Mutter, »verfügt über einen besonderen Zauber. Ein Zauber, der allen anderen Clans fehlt. Unser Zauber ist der mächtigste von allen – das Bündnis mit dem Drachen.«

»Jeder einzelne der großen Clans, die noch übrig sind«, fügte ihr Vater hinzu. »Vor dem großen Krieg hat es viele Familien gegeben, die keinen Zauber hatten. So heißt es jedenfalls. Die Ältesten schwören, dass es so war. Beweisen kann es keiner.«

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