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Neles Welt - Band 1: Das Papa-Projekt

2016 219 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Die elfjährige Nele lebt allein mit ihrer Mama. Eines Tages fasst sie einen Entschluss: Es muss ein Mann ins Haus! Ihr neuer Freund Timmi hat einen wunderbaren Papa, aber keine Mama. Also beginnt Nele zusammen mit ihrer besten Freundin Sara eifrig Pläne zu schmieden. Doch es ist gar nicht so einfach, zwei Erwachsene zusammenzubringen ...

Erfrischend frech und herrlich komisch: Die pfiffige Nele schmiedet Liebespläne!

Über die Autorin:

Sabine Neuffer wurde 1953 in Hannover geboren. Nach dem Studium arbeitete sie unter anderem für eine PR-Agentur, bevor sie ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte. Heute lebt sie in Wolfenbüttel und arbeitet an einer Realschule in Braunschweig.

Sabine Neuffer veröffentlichte bei jumpbooks bereits die Kinderbücher Das Oma-Projekt und Das Geschwister-Projekt.

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2006 Cecilie Dressler Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Copyright © der Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-074-9

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Sabine Neuffer

Das Papa-Projekt

jumpbooks

1. Kapitel

Nele hüpfte auf einem Bein. Das tat sie immer auf dem Nachhauseweg – gutes Training für eine Fußballspielerin. Vom Bäcker bis zum Blumenladen auf dem rechten, vom Fleischer bis zum Zeitungsfuzzi auf dem linken Bein.

Normalerweise achtete sie peinlich darauf, mit dem Fuß genau auf einem der kleinen roten Pflastersteine zu landen. Heute nicht. Sie war viel zu wütend. So eine beknackte Hausaufgabe! –»Wie teilen wir die Familienarbeit?« Vier Spalten: Vater, Mutter, Sohn, Tochter. Nele war nicht ganz klar, was ihre Lehrerin hören wollte, aber eins war klar: So wie Mama und sie das machten, fand es die Schmalbach bestimmt blöd. Die lebte nämlich auf dem Mond, vor hundert Jahren!

Und überhaupt – Vater, Mutter, Sohn und Tochter, wo gab es denn so was? Sohn und Tochter, das kam ja schon mal vor, aber Vater und Mutter? Mensch, Schmalbach, du fette Schnecke, träum weiter!

Nele kickte wütend eine leere Getränkedose vom Gehweg. Sie kollerte scheppernd auf die Straße, genau vor die breiten Reifen eines herannahenden Lieferwagens, wurde platt gewalzt. Wie eine Flunder. Nele grinste. Volltreffer! Wenn das die Schmalbach gewesen wäre. Mann, das hätte gespritzt!

Nele hüpfte weiter, bis zur Gemüsefrau. Mama hatte gesagt, sie solle Kartoffeln mitbringen, drei Pfund, von den ganz jungen, die man mit der Pelle essen konnte – lecker!

»Hier, ich gebe dir noch ein Bund Schnittlauch dazu.« Frau Meyerlink reichte ihr die Tüte. Sie strahlte über das ganze breite, rote Gesicht. Sie war noch dicker als die olle Schmalbach, aber viel netter. »Junge Kartoffeln mit Salz und Schnittlauch ...«, sie rundete die rosigen Finger und warf ein Küsschen in die Luft, »etwas Besseres gibt es nicht. Und viel Butter!«

»Und Ihr Cholesterinspiegel?«, erkundigte sich Nele besorgt. Sie persönlich hatte nicht das Geringste gegen viel Butter, doch Mama machte sich ständig Sorgen um ihren Cholesterinspiegel. Frau Meyerlink aber lachte nur. »Alles eine Erfindung der Amerikaner. Genau wie die Raumfahrt. So was braucht kein Mensch!«

Da hatte sie mal Recht. Nele verstand auch nicht, warum es so wichtig war, in den Weltraum zu fliegen, solange hier unten auf der Erde noch so vieles nicht in Ordnung war. Man musste nur an die hungernden Kinder in Afrika denken. Oder an bescheuerte Hausaufgaben! Oder an die Sache mit Jessicas Vater ...

Gerade als sie in ihre Straße einbog, hörte sie es hinter sich krachen. Erschrocken drehte sie sich um, ließ Rucksack und Einkaufstüte fallen, rannte.

»Hast du dir wehgetan?« Blöde Frage! Natürlich hatte der Kleine sich wehgetan. Er war mit Karacho gegen die Bordsteinkante gefahren und unsanft auf dem Pflaster gelandet. Das blaue Fahrrad hatte eine Doppelacht und dem kleinen Jungen lief das Blut von beiden Knien.

Nele hob ihn auf, drückte ihn an sich. »Komm, komm, ich bin ja da«, sagte sie in diesem Singsang, den Mama immer anschlug, wenn die Welt aus den Angeln hing. »Es wird alles wieder gut.«

Der Kleine schniefte, legte den Kopf schwer an Neles Schulter und kuschelte sich in ihren Arm. Mann, war der süß! Sie streichelte seine kleinen, feisten Ärmchen. »Wo wohnst du denn? Ich bringe dich zu deiner Mami.«

Der Kleine schluchzte weiter. Wie alt mochte er sein? Fünf? Sechs? Erst vier? Nele hatte keine Ahnung, mit kleinen Jungs kannte sie sich nun wirklich nicht aus.

»Ich hab keine Mami!« Der Kleine drängte sich enger an sie. »Nur Frau Werner. Und die schimpft!« Er zog den Rotz hoch und umklammerte Neles Hals wie einen Rettungsring.

Sie löste sich behutsam aus dem Würgegriff. »Weißt du was? Du kommst erst mal mit zu mir. Ich habe ganz tolle Pflaster, mit Donald Duck drauf. – Kannst du laufen?«

Der Kleine schniefte ein letztes Mal und schaute Nele aus tränennassen Augen von unten an. »Du bist kein böser Mann, nicht?« Nele lachte. Aber sie verstand. »Nein. Ich bin Nele. Ich bin auch noch ein Kind, erst elf. Ich tu dir nichts, ganz bestimmt. Diese Frau Werner hat dir verboten, mit fremden Leuten mitzugehen, stimmt's?«

Der Kleine nickte. »Ganz doll verboten.«

»Da hat sie auch Recht«, sagte Nele. Sie betrachtete nachdenklich die verletzten Knie des Kleinen. Rechts sickerte das Blut schon auf das Ringelsöckchen. »Trotzdem, du brauchst Pflaster, und zwar schnell. Wo wohnst du denn? Und wie heißt du überhaupt?«

»Timmi.«

»Aha. Timmi ... und wie weiter?«

»Ich heiße Timmi Weferling und wohne im Ginsterweg drei«, leierte er herunter. Es klang wie auswendig gelernt, bestimmt hatte da jemand kräftig mit ihm geübt.

Nele überlegte. Der Ginsterweg war zwar nicht allzu weit entfernt, doch durfte sie Timmi mit seinen blutenden Beinchen überhaupt lange herumlaufen lassen? »Pass auf«, sagte sie entschlossen. »Ich wohne gleich da drüben. Wir gehen jetzt zu mir, du bekommst deine Pflaster und dann bringe ich dich nach Hause. Damit wird deine Frau Werner schon einverstanden sein.«

Timmi nickte wieder und griff vertrauensvoll nach Neles Hand. »Und mein Fahrrad?«

»Das nehme ich.« Nele warf sich ihren Rucksack über die Schulter und ergriff mit der freien Hand die Kartoffeltüte und das Kinderrad. Zum Glück waren es nur wenige Schritte bis zu ihrem kleinen Reihenhaus.

»Magst du Kakao?«, fragte sie, nachdem sie Timmi verarztet hatte. Seine Wunden hatten schlimmer ausgesehen, als sie waren, Timmi sah wieder ziemlich zivil aus.

»Fertigkakao oder welchen mit Haut?«, erkundigte er sich misstrauisch.

Nele lachte. »Keine Sorge! Kakao mit Haut ist das Ekligste, was es gibt. Den mag ich auch nicht.« Sie holte die Milch aus dem Kühlschrank. »Warm oder kalt?«

»Warm.« Timmi ruckelte sich zufrieden auf dem Küchenstuhl zurecht und betrachtete beeindruckt seine beiden Pflaster. »Ich hab 'nen ganz schönen Satz gebaut, was? Nur wegen der blöden Kante.«

Nele goss Milch in den Topf. »Wohin wolltest du eigentlich?«

Timmi schaute sie ratlos an. »Weiß nicht. Ich bin nur so rumgefahren.«

»Wie alt bist du denn?«, forschte Nele weiter, rührte das Kakaopulver in die warme Milch und stellte Timmi den Becher hin.

Er trank gierig. »Vier«, sagte er dann stolz. »Schon ganz lange. Bald werde ich fünf.«

Na, da hatte sie ja gar nicht so schief gelegen mit ihrer Schätzung. Aber dass ein Vierjähriger ganz allein mit seinem Rad durch die Gegend fahren durfte, fand sie ziemlich merkwürdig. Ihre Mama hatte ihr das erst erlaubt, als sie sechs geworden war.

»Und du hast keine Mami?«, fragte Nele.

Timmi schüttelte den Kopf. »Nee. Die is' im Himmel. Aber sie beschützt mich immer.« Er sah auf seine verpflasterten Knie. »Na ja, meistens. Vielleicht hat sie gerade Mittagsschlaf gemacht.«

»Und wer ist Frau Werner?«, fragte Nele. »Deine Kinderfrau?«

Timmi nickte. »Aber die is' doof.«

Nele setzte sich an den Tisch und sah dem Kleinen zu, wie er seinen Kakao trank. Er war wirklich niedlich. Ein pausbackiges Gesicht, kullerrunde Augen, Kakaobart. Blonde Locken, viel zu lang, fast wie bei einem Mädchen. Vielleicht hätte Lars so ähnlich ausgesehen? Aber der wäre ja – Mann, ja! – schon sechs. Doch an Lars wollte Nele nicht denken. Dann kriegte sie immer dieses enge Gefühl in der Brust und wurde den ganzen Tag nicht mehr froh.

»Gehst du schon in den Kindergarten?«, fragte sie schnell.

Timmi hob die Nase aus dem Becher und sah Nele verdutzt an. »Na klar. Ich bin in der Marienkäfergruppe«, erklärte er und senkte sein Näschen wieder in den Kakaobecher.

Als er ihn schließlich abstellte, wischte Nele ihm den Kakaobart ab. Wie eine kleine Mami kam sie sich dabei vor. Oder nein, eher wie eine große Schwester. Ein schönes Gefühl, fand sie. Sie hätte so gern ein Brüderchen gehabt. »Komm«, sagte sie, »ich bringe dich jetzt nach Hause.«

Timmi sah sich um. »Kann ich nicht hier bleiben?«

»Nein, Timmi, das geht nicht. Frau Werner macht sich bestimmt Sorgen um dich.«

Er nickte bedrückt. »Ja. Und sie schimpft.«

»Das glaube ich nicht. Du kannst doch nichts dafür, dass du hingefallen bist. Ich erkläre ihr das schon.«

»Aber ... aber«, Timmi schniefelte wieder, »ich bin ausgebüxt. Sie hat gesagt, wenn ich das noch einmal mache, wird sie ganz doll böse.«

Nele verkniff sich ein Grinsen. »Du bist ausgebüxt? Warum das denn?«

»Weil ... weil«, das Schniefeln wurde heftiger, »weil Radfahren im Garten langweilig ist. Immer nur den Weg rauf und runter, rauf und runter ... Straße ist viel besser.«

»Weißt du was?«, sagte Nele und stand auf. »Wenn dein Rad wieder heile ist, fahren wir zwei mal zusammen los. Im Park, da ist es auch nicht so gefährlich. Das erlaubt Frau Werner bestimmt.«

Timmi rutschte vom Stuhl und sah zu Nele auf. Seine kullerrunden Augen leuchteten. »Echt?«

»Echt! – Und nun komm!« Nele reichte ihm die Hand. Er ergriff sie und marschierte brav mit Nele in den Ginsterweg. Das kleine Fahrrad zog sie auf dem Hinterrad hinter sich her.

Besonders freundlich sah Frau Werner wirklich nicht aus. Sie war groß und hager, und was Nele am meisten irritierte, war ein riesiger Leberfleck auf dem Kinn, aus dem borstige, schwarze Haare sprossen. Hexenhaare, ganz klar. Himmel, wer hatte diese Frau für den kleinen Timmi ausgesucht? Sein Vater etwa? Das musste ja ein Typ sein!

Nele stellte sich vor und berichtete kurz, was geschehen war. »Darf ich noch ein bisschen bleiben und mit Timmi im Garten spielen?«, fragte sie dann mutig. Vielleicht vergaß Frau Werner ja, mit ihm zu schimpfen, wenn sie noch ein Weilchen blieb.

»Meinetwegen. Aber kein Fußball, hört ihr? Timmi hat schon die Margeriten auf dem Gewissen, das reicht!«

Timmi zog den Kopf ein, als sie an Frau Werner vorbei in den Garten gingen.

»Spielst du gern Fußball?«, fragte Nele, als sie sich in den Sandkasten hockten.

»Hm.« Timmi malte mit einem Stöckchen im Sand. »Aber das darf ich meistens auch nicht.«

»Heute darfst du, pass auf!« Nele hatte einen Tischtennisball in einem der Sandeimer entdeckt. Sie nahm eine Schaufel, glättete eine rechteckige Fläche in dem feuchten Sand und zeichnete die Linien eines Fußballfeldes mit dem Finger. Dann legte sie zwei Eimerchen als Tore an die Enden, suchte sich auch ein Stöckchen und ließ es vor dem Tor auf ihrer Seite auf und ab hüpfen. »Ich bin Michael Ballack. Und du?«

Timmi betrachtete sein Stöckchen. Es war schwarz, kurz und dick. »Asamoah«, sagte er und stupste den Tischtennisball direkt in Neles Tor. Jauchzte.

Nach einer halben Stunde stand es fünfzehn zu zwölf. Für Timmi. »Na, ihr zwei scheint euch ja gut zu amüsieren!«

Nele fuhr erschrocken herum.

»Papi!« Timmi krabbelte aus dem Sand und flog seinem Vater in die Arme. Der stemmte ihn über seinen Kopf, drehte sich mit ihm, lachte, dass man seine blitzweißen Zähne sah. Dann setzte er Timmi ab und wandte sich Nele zu. »Du bist also Timmis Retterin! Wie lieb, dass du dich um ihn gekümmert hast, danke!«

Nele lächelte verlegen. »Nicht der Rede wert«, murmelte sie. Teufel auch, dieser Mann sah fast aus wie ein Filmstar, ziemlich gut. Nur seine Haare waren zu lang, wie die von Timmi. Ob sich die beiden keinen Friseur leisten konnten?

»Papi, spielst du mit?« Timmi fuchtelte schon wieder mit seinem Asamoah-Stöckchen.

»Nein, mein Schatz, wir gehen jetzt ein Eis essen! Schließlich müssen wir uns angemessen bei Nele bedanken, meinst du nicht?« Er pflückte seinen Sohn aus dem Sandkasten und klopfte ihm die Hose ab. »Du darfst mitkommen, obwohl du es nicht verdient hast. Über deine Ausbüxerei reden wir später!«

Nele zögerte. Sie durfte auch nicht mit Fremden mitgehen, genau wie Timmi. Und von ihnen etwas anzunehmen, und sei es nur ein klitzekleines Bonbon, hatte Mama ihr so streng verboten wie nichts anderes. Aber ... war Timmis Vater ein Fremder? Eigentlich nicht, oder? Sie kannte seinen Namen, wusste, wo er wohnte, und wenn Timmi, sein eigener Sohn, dabei war, dann führte er bestimmt nichts Schlimmes im Schilde. Und Eis essen konnte man nur bei Giulio. Da brauchte sie keine Angst zu haben. Dort kannten sie alle.

Es war ein komisches Gefühl, mit diesem fremden Mann und Timmi in der Eisdiele zu sitzen. Nele kam manchmal mit ihren Freundinnen hierher. Dann saßen sie immer ganz hinten in der Ecke neben dem Spielautomaten und quatschten und kicherten, was das Zeug hielt. Herr Weferling aber hatte einen Tisch vorn am Fenster ausgesucht, und Nele musste sich mit ihm unterhalten wie eine Erwachsene. Er fragte, wo sie wohnte und was ihre Eltern machten, und erzählte, dass er Computerfachmann sei und oft zu Hause arbeiten könne; sodass Timmi nicht so viel allein sei.

»Aber wenn Sie arbeiten, ist er doch auch allein!«, rutschte es Nele heraus. Wie peinlich! Das hatte ja richtig pampig geklungen.

Doch Herr Weferling schien das nicht zu bemerken. »Ja«, sagte er traurig, »ich wünschte, ich hätte mehr Zeit für Timmi. Frau Werner ist nicht gerade die Ideallösung.« Er zwinkerte Nele zu.

»Und warum haben Sie sie dann eingestellt?« Die Frage war ja wohl zulässig unter Erwachsenen. Jessicas Mutter unterhielt sich mit ihren Freundinnen auch immer über Putzfrauen und Gärtner, »das Personal«, wie sie es nannten. Klang ganz schön angeberisch. Na ja, aber wenn das stimmte, was man sich jetzt über Jessicas Vater erzählte, dann war Jessicas Mutter ihr Personal wohl bald los.

»Weißt du, wie schwer es ist, eine gute Haushälterin und Kinderfrau zu finden?«, fragte Herr Weferling. »Wenigstens ist Frau Werner zuverlässig; und sie kocht anständig.«

»Aber Timmi hat Angst vor ihr!«, sagte Nele.

Herr Weferling guckte erst sie, dann Timmi an. »Stimmt das?«

»Hmhm.« Timmi löffelte hingegeben sein Eis. Frau Werner schien ihn im Moment nicht im Geringsten zu interessieren.

»Wenn ich darf, würde ich Timmi gern manchmal nachmittags abholen und mit ihm in den Park gehen. Da können wir wenigstens richtig Fußball spielen. Oder Rad fahren.«

Herr Weferling sah sie überrascht an. »Das würdest du tun? Was nimmst du denn für die Stunde Babysitten?«

Nele richtete sich empört auf. »Ich will doch kein Geld!« Mann, der kapierte aber auch gar nichts! Sie würde eher ihm noch was bezahlen, wenn sie sich Timmi ausleihen und große Schwester spielen durfte. Das war doch wie ...

Und da kam plötzlich die Idee! – Mensch, wenn das klappte!

Nele betrachtete Herrn Weferling genauer. Er sah wirklich gut aus, und – noch wichtiger – er schien richtig nett zu sein. Ob er wohl eine Freundin hatte?

»Warum kümmert sich Ihre Freundin eigentlich nicht um Timmi?« Nele nahm ein winziges, sehr erwachsenes Häppchen von ihrem Eis. »Arbeitet sie auch?«

»Meine Freundin?« Herr Weferling sah verblüfft auf. »Wer soll das denn sein? Hat Timmi das erzählt?«

»Nein, nein, ich dachte nur ...«, stammelte Nele. Sie griff sich eine Serviette und wischte Timmi das Schokoeis vom Kinn. Herr Weferling lächelte belustigt. Nele wurde rot. Auch das noch! Also, langsam reichte es ihr mit diesem Erwachsenen-Eisessen. Mit Sara und Jessica war es viel gemütlicher. Was die wohl zu ihrer Idee sagen würden? Sara würde sie bestimmt auslachen und Jessica ... Die hatte im Moment wahrscheinlich andere Sorgen. Egal, die Idee war gut! Sie war sogar supergut! Herr Weferling und Timmi begleiteten sie nach Hause.

»Hier wohnst du also!« Herr Weferling betrachtete das kleine Haus, den winzigen Vorgarten, die Blumenkübel neben der Eingangstür. »Hübsch! Sieht man gleich, dass deine Mutter Gärtnerin ist.«

Nele nickte stolz. Sie fand auch immer, dass ihr Vorgarten schöner aussah als alle anderen in der Straße.

Timmi wollte ein Küsschen zum Abschied. Er war wirklich ein sehr liebebedürftiger kleiner Junge. Herr Weferling gab ihr die Hand. Na, so steif würde er sich nicht mehr von ihr verabschieden, wenn er erst ihr Vater war!

»Mama, du musst mir bei den Hausaufgaben helfen!«, sagte Nele, als sie den Küchentisch deckte. Bei ihnen gab es immer abends Mittagessen, denn mittags arbeitete Mama ja. Und eine anständige Mahlzeit am Tag musste sein, sagte sie immer, wegen der Vitamine und so.

»Wie bitte? Hast du sie noch nicht gemacht?« Neles Mutter setzte Kartoffelwasser auf und holte Quark aus dem Kühlschrank, Magerquark natürlich. »Warum denn nicht?«

»Weil sie bescheuert sind! Außerdem hatte ich heute Nachmittag etwas anderes zu tun.« Nele erzählte, wie sie Timmi aufgegabelt hatte. »Die wohnen in einem alten Haus am Ginsterweg. Mit einem riesigen Garten, aber der ist ziemlich langweilig. Das wäre was für dich! Da könntest du richtig was draus machen!«

Ihre Mutter lachte. »Na, vielen Dank, ich hab genug zu tun! Komm, die Waschmaschine ist fertig, du kannst mir eben helfen. Um deine Hausaufgaben kümmern wir uns nach dem Essen.« Nele folgte ihrer Mutter stöhnend in den Keller. Kalte, verknüllte Wäsche fand sie fast so widerlich wie Haut auf Kakao.

Nach dem Essen trödelte Nele so lange herum, bis ihre Mutter ungeduldig wurde. »Nun komm schon, Nele, um acht will ich die Nachrichten sehen und dann den Spielfilm. Außerdem weißt du, was ich davon halte, wenn du erst abends anfängst.«

»Ja, ja, ist ja schon gut«, maulte Nele. »Ich hätte es ja auch schon gemacht, wenn ich gekonnt hätte! Aber woher soll ich denn wissen, was so ein Vater im Haushalt tut?«

Neles Mutter wuchtete die Bügelwäsche auf den Tisch. »Meistens nicht viel«, sagte sie grimmig.

»Mama! Ich meine ja nicht meinen Vater, sondern einen normalen!« Neles Papa war, auch als ihre Eltern noch nicht geschieden waren, kaum zu Hause gewesen. Er war Journalist und meistens im Ausland unterwegs. Vor zwei Jahren hatte er eine Japanerin geheiratet, und jetzt lebte er in Tokio und schrieb Artikel für eine langweilige Finanzzeitung.

»Also gut, fangen wir an«, sagte Neles Mutter. »Was willst du –eine moderne Familie oder eine altmodische?«

»Eine altmodische«, sagte Nele überzeugt. »Ist doch für die Schmalbach.«

Ihre Mama seufzte. »Okay. Dann schreib alles, was mit Auto, Garten und Computer zu tun hat, zum Vater, der Sohn bringt den Müll raus, Mutter und Tochter machen den Rest.« Neles Mutter schüttelte wütend eine Bluse aus.

»Das ist doch Quatsch!«, sagte Nele. »Das mit dem Auto und dem Garten machst du doch alles. Und mit dem Computer kommst du auch klar. Sag mal«, sie spielte nachdenklich mit ihrem Füller, »machen Jungs echt so wenig?«

Na ja, wenn sie so klein waren wie Timmi, überlegte sie. Der stolperte bestimmt noch über die Mülltüte, wenn er sie rausbringen sollte. – Nee, sie würden das anders machen. Wenn Mami Herrn Weferling heiratete, sollte sie das mit dem Garten ruhig weitermachen, das konnte sie bestimmt besser als er. Um sein Auto würde sich jeder selbst kümmern. Vielleicht konnte Herr Weferling ja kochen. Mist, das hätte sie ihn fragen sollen! Mit Mamas Kochkünsten war es nämlich nicht weit her.

Eifrig griff Nele nun zum Füller. Sie stellte sich das alles so schön vor, dass sie die Schmalbach ganz vergaß. Neles Zungenspitze wanderte mit, während sie schrieb. Alles, was Mama gut konnte, sortierte sie in deren Spalte: gärtnern, Blumensträuße stecken, das Haus schön machen, Möbel anmalen, nähen. Von den Sachen, die Mama nicht mochte, kriegte sie nur ganz wenig: bügeln und Fenster putzen. Den Rest konnte Herr Weferling machen: Garage fegen, kochen, Kuchen backen, das Bad putzen, die Küche wischen. Und sie selbst würde Staub wischen und saugen, ihr Zimmer aufräumen, die Spülmaschine ausräumen und Wäsche aufhängen. Man musste auch Opfer bringen. Für Timmi fiel ihr gar nichts ein. In seine Spalte schrieb sie: »Zu klein.«

»Na, fertig?« Neles Mutter legte das letzte T-Shirt zusammen. »Lies mal vor.«

Nele schraubte ihren Füller zu, lehnte sich zurück und las schön laut und deutlich, spaltenweise.

»Wär ja traumhaft!«, sagte ihre Mutter, nachdem sie geendet hatte. »Eine echte Bilderbuchfamilie.«

»Ja, nicht?« Nele lächelte sie an. Wenn die wüsste! Das konnte sie alles haben! Sie musste nur ihren albernen Männerhass überwinden.

2. Kapitel

Am nächsten Morgen konnte Nele die große Pause kaum erwarten. Sie musste Sara unbedingt von ihrer Idee erzählen. Aber nicht so zwischen Tür und Angel, wenn es jeden Moment wieder klingeln konnte. Jessica war nicht da, aber die hatte gestern schon rumgeschnupft. Bestimmt war sie krank.

Sara lachte tatsächlich. »Den Tag, an dem deine Mutter wieder heiratet, möchte ich erleben! Die sagt doch immer, dass Männer zu gar nichts taugen und dass sie ohne viel besser dran ist. Und das stimmt ja auch, sie kann doch alles. Wenn meine Mutter so fit wäre wie deine, bräuchten wir Carsten auch nicht.« Carsten war der Lebensgefährte von Saras Mutter. Er war ganz nett, aber Sara hätte lieber ihren richtigen Papa behalten. »Ich hänge ja doch an ihm«, sagte sie immer, »auch wenn er ein Muffkopp ist.«

»Du siehst das völlig falsch«, sagte Nele jetzt. »Es geht doch nicht darum, dass man wen zum Rasenmäher-Reparieren braucht oder so. Es geht um Liebe, verstehst du? Liebe, Geborgenheit, Kuscheln, so was alles! 'nen ollen Rasenmäher kannst du auch in die Werkstatt bringen!«

»Ja, aber wenn deine Mutter das alles nicht braucht?«, wandte Sara ein.

»Mann, das braucht jeder! Du doch auch! Oder warum bist du so in diesen blöden Sänger verknallt?«

Sara schwieg beleidigt. »Aber deine Mutter hat doch dich«, sagte sie schließlich.

Nele verdrehte die Augen. »Ja, toll! Ich bin ein Kind! Eine Frau braucht doch auch einen Mann. Also, ehrlich, manchmal bist du aber auch zu naiv!«

»Aber du kennst das Leben, was?«, giftete Sara. »Die erfahrene, reife Nele, ha, ha!«

»Ach, komm, lass uns nicht streiten«, sagte Nele. Sie hasste Streit, mit Sara besonders. »Willst du eine Waffel?«

Gemeinsam schlenderten sie zum Schulkiosk. »Na, wo ist denn eure Busenfreundin?«, rief Sven, der in der Nähe Fußball spielte. Er ging in ihre Klasse und glaubte fest daran, dass er demnächst für die Fußballnationalmannschaft entdeckt werden würde. »Hat sie sich schon ins Ausland abgesetzt, oder was?«

»Du spinnst ja!« Nele stürzte sich zwischen die Fußball spielenden Jungen und kickte Sven den Ball vor der Nase weg. Dann musterte sie ihn verächtlich. »Warst auch schon mal besser in Form!« Zufrieden kehrte sie zu Sara zurück, hakte sich unter und fragte: »Was meint der denn?«

Sara zuckte bedrückt mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Vielleicht ist ja wirklich was dran an dem, was alle sagen. Meine Mama und Carsten haben sich gestern Abend auch darüber unterhalten. Mann, wenn das alles stimmt, ich sage dir ...«

»Ja, was denn? Nun erzähl doch schon!« Nele stupste ihre Freundin ungeduldig an.

Die sah sich um und presste die Lippen zusammen. »Nicht hier«, zischelte sie. »Darüber reden wir unter vier Augen. Hast du Zeit heute Nachmittag?«

Nele dachte kurz nach. »Ich muss erst meine Hausaufgaben machen, sonst krieg ich Stress. Aber danach.« Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, heute Nachmittag Timmi abzuholen, aber zum Glück hatte sie ihm nichts versprochen. Bestimmt freute er sich auch noch, wenn sie morgen kam. Das hier war wichtiger. Sara jedenfalls sah so ernst aus, dass es Nele ganz unheimlich wurde.

Sie hatten Glück, die letzte Stunde fiel aus. Ausgerechnet Textilarbeit, das war echtes Schweineglück, fand Nele. Alles, was mit Nadeln und Fäden zu tun hatte, gehörte unbedingt in die Kakaohaut-nasse-Wäsche-Abteilung.

Heute verzichtete Nele sogar auf ihr Mittagsgehopse, sondern rannte so schnell sie konnte nach Haus. Sie aß die restlichen Kartoffeln von gestern mit Salz und Margarine gleich kalt aus dem Topf. Butter war nicht im Haus. Typisch!

Dann setzte sie sich an ihre Hausaufgaben. Ohne den Fernseher anzumachen! Ging schneller so. Als sie fertig war, sah sie auf die Uhr. Genau drei – perfekt! Vor drei durfte man nämlich sowieso nicht bei Sara auftauchen, da war Saras Mutter total eigen. »Keine Besuche während der Mittagszeit, das gehört sich nicht!«

Sara wartete schon vor der Garage. »Los, komm!« Sie kraxelte die Leiter hinauf, Nele hinterher. Sie hatten sich auf dem kleinen Dachboden über der Garage von Saras Mutter aus alten Matratzen und Decken ein erstklassiges Lager gebaut, richtig gemütlich. Im Winter fror man sich hier zwar den Hintern ab und im Hochsommer konnte man es manchmal vor Hitze kaum aushalten, doch heute war es perfekt. Vor allem, weil sie hier vor Saras Schwester sicher waren. Die war fünfzehn und total ätzend. Tat immer, als sei sie wer weiß wie erwachsen, hockte den halben Tag vorm Spiegel und den Rest der Zeit gab sie an wie ein Sack Mücken – wer alles in sie verliebt sei und wie viele SMS sie kriegte und so was. Als ob das irgendjemanden interessiert hätte! Und obwohl sie so wahnsinnig erwachsen war, wollte sie doch immer genau wissen, worüber Nele und Sara redeten. Aber hierher kam sie nicht, weil sie dachte, dass es hier Spinnen gäbe, die dumme Pute!

Sara und Nele ließen sich auf die Matratzen fallen. Schön schummrig war es hier oben. Nur ein paar dünne Sonnenstrahlen fielen durch das altersschwache Dach. Darin tanzten Staubkörnchen, wie Goldglimmer.

»Also los, jetzt erzähl endlich!« Nele hielt es kaum noch aus. Sie riss Sara ungeduldig die Kekspackung aus der Hand, an der sie herumpruckelte. »Die kannst du später essen.«

»Okay, okay.« Sara setzte sich in den Schneidersitz, rutschte dicht an Nele heran und fing mit leiser Verschwörerstimme an: »Ich weiß ja gar nicht, ob's wirklich stimmt. Aber Carsten hat gestern erzählt, dass Jessicas Vater richtig kriminelle Sachen gemacht hat. Ich hab nicht so richtig verstanden, was. Irgendwas mit Geld. Er hat es von alten Omas geklaut.«

»Quatsch! Jessicas Vater raubt doch keine Omas aus, dazu ist er viel zu vornehm!«

»Nicht so laut!«, zischte Sara. Dann fuhr sie leise fort: »Nee, so direkt ja auch nicht. Irgendwie hat er sie wohl mehr so überredet, ihm ihr Erspartes zu geben. Er hat ihnen versprochen, dass er es vermehrt. Aber das hat er nicht.«

»Wie kann man denn Geld vermehren? Das geht doch gar nicht. So was glaubt ja nicht mal die blödeste alte Oma.« Nele tippte sich an die Stirn. Sie hatte es geahnt, das waren alles bloß lächerliche Gerüchte. Dass sie allerdings so albern waren, hätte sie nun doch nicht für möglich gehalten.

»Natürlich kann man Geld vermehren«, flüsterte Sara. »Denk doch mal an dein Sparbuch. Da kommen doch jedes Jahr Zinsen dazu.«

»Na, die paar Euro!« Nele winkte ab. »Dafür würde ich doch nicht das ganze Sparbuch hergeben.«

Sara spielte geistesabwesend mit Neles Haaren und wickelte sich eine dicke braune Strähne um den Finger. »Ach, so genau versteh ich das ja auch alles nicht. Jedenfalls, Carsten hat gesagt, wenn das stimmt, dann sind die Bertrams mal reich gewesen. Und wenn's ganz dicke kommt, dann ... dann muss Jessicas Vater in den Knast«, hauchte sie.

Nele starrte ihre Freundin an. »Ins Gefängnis?«

Sara nickte. Ihre Augen waren so tellerrund wie die von dem kleinen Timmi.

Nele wurde der Mund ganz trocken vor Schreck. Ins Gefängnis, das gab's doch gar nicht. So was passierte im Film, aber doch nicht mit Jessicas Vater. Der war doch kein Verbrecher! Okay, sie mochte ihn nicht besonders, weil er so dick und bollerig war und immer so dröhnend lachte, aber deswegen war er doch noch lange kein Krimineller. Wenn man alle dicken, bollerigen Typen ins Gefängnis sperrte, wäre das ja längst wegen Überfüllung geschlossen.

»Glaubst du das?«, brachte Nele schließlich hervor. Ihre Stimme klang ganz krächzig.

Sara hob hilflos die Schultern. »Ich weiß nicht. – Aber ich mach mir Sorgen um Jessi. Vielleicht war sie ja deswegen heute nicht in der Schule.«

»O Gott!« Nele bekam plötzlich eine Gänsehaut, auf beiden Armen. Und an den Beinen.

»Sollen wir ... nicht mal hingehen?«, fragte Sara zaghaft.

»Zu den Bertrams? Ehrlich, meinst du?« Nele war sich nicht sicher, ob sie das wollte. Wenn Jessicas Vater nun wirklich ein Verbrecher war? Vielleicht schoss er dann aus dem kleinen Klofenster neben der Tür auf jeden, der sich dem Haus näherte? »Und wenn Jessica uns nun gar nicht sehen will?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Mensch, Nele, wir sind ihre besten Freundinnen. Wenn sie uns nicht sehen will, wen denn dann?«

Nele riss sich zusammen. Natürlich mussten sie ihrer Freundin beistehen in der Stunde der Not. Auch unter Gefahr für Leib und Leben, war doch klar! Außerdem – das war sowieso alles bloß dummes Geschwätz. Neun Zehntel von dem, was die Leute erzählten, durfte man sowieso nicht glauben, sagte Mama immer. Wahrscheinlich hatte Jessicas Vater irgendjemanden ein bisschen betuppt und deswegen Ärger. Aber Gefängnis? – So 'n Blödsinn!

»Also los, komm!« Nele stand auf. Sie kicherte. »Meine Füße sind eingeschlafen, alle beide!« Sie hielt sich an einem Dachbalken fest und machte ein komisches Gesicht. »Verdammt, das kribbelt! So komme ich nie die Leiter runter!«

»Oder schneller, als du denkst!«, gluckste Sara und erhob sich ebenfalls, fiel aber gleich wieder auf ihr Hinterteil. »Verdammt, meine auch!«, schrie sie. Sie ließ sich rücklings auf die Matratze fallen und wackelte mit den Füßen in der Luft.

Nele, die sich immer noch an den Dachbalken klammerte, prustete los. »Weißt du, wie du aussiehst? Wie ... wie ein besoffener Maikäfer!«

Sara richtete sich abrupt auf und starrte erschrocken an sich herab. »O Gott! Wachsen mir etwa schon Beine an den Seiten?« Sie warf sich zurück auf den Rücken, kreischte vor Lachen. Nele brauchte beide Arme, um sich den Bauch zu halten. Sie ließ den Dachbalken los, plumpste neben Sara auf die Matratze und strampelte in die Luft. Die Glimmerkörnchen tanzten wie verrückt.

Jedes Mal, wenn sie beide wieder etwas zu Atem gekommen waren, brauchten sie sich nur anzugucken, dann lachten sie von neuem los.

»Was ist denn so lustig da oben?«, rief Linda, Saras Schwester, von unten.

»Och, nichts weiter!« Sara zwinkerte Nele zu. »Hier sind nur ein paar junge Spinnen geschlüpft, die sind so putzig!«

»Iiiihhh!« Linda floh und Sara und Nele kugelten sich wieder.

»Mann, jetzt müssen wir aber los!«, japste Sara schließlich. »Um halb sechs muss ich zum Klavierüben antreten.«

Nele wischte sich die Lachtränen aus den Augen. »Okay, komm!« Sie schnappte sich die Kekspackung. »Die können wir bei Jessica essen, die schmecken auch mit Schnupfen.« Sie kletterte die Leiter hinab. Ihre Füße waren wieder vollkommen in Ordnung. Und ihr Kopf auch. Alle Angstgedanken weggelacht.

Als sie die Einfahrt zu Jessicas Haus hinaufgingen, wurde ihr allerdings doch wieder etwas schwummerig. Und Sara anscheinend auch. Sie drängte sich ganz dicht an Nele und tastete nach ihrer Hand.

»Das sieht aus wie 'ne Burg im Krieg«, raunte sie.

Nele nickte, mit Kloß im Hals. Sehr einladend sah das Haus der Bertrams nie aus mit seinen Gittern vor den unteren Fenstern und dem komischen Türmchen an der Ecke. Heute aber waren auch in den oberen Stockwerken die Rollläden herabgelassen. Was hatte Sven noch gefragt? Ob Jessica sich ins Ausland abgesetzt hatte. Au Mann!

Hand in Hand stiegen sie die Stufen zur Eingangstür hinauf. Neles Knie zitterten.

Sara drückte auf den Klingelknopf. Nichts. Sonst hörte man den Gong immer ganz deutlich. Sara versuchte es noch einmal. Aber die Klingel war tot. Und im Haus rührte sich nichts.

Die Mädchen sahen sich an. Nele machte eine winzige Kopfbewegung in Richtung Straße. Und schon stürzten sie los, rannten, als ginge es um ihr Leben.

Sie stoppten erst, als sie vor Frau Meyerlinks Laden angelangt waren, und brauchten eine ganze Weile, bevor sie wieder Luft bekamen.

»Eis?«, fragte Nele. »Ich hab noch ein bisschen Geld.«

Sara nickte.

Sie verkrochen sich in ihrer Ecke, neben dem Spielautomaten.

»Vielleicht ist Jessica ja richtig doll krank«, sagte Sara.

»Ich finde, wir sollten mal anrufen«, schlug Nele vor. Sie deutete mit dem Kopf zu dem Telefon, das hinter dem Tresen stand. »Meinst du, ich darf mal von hier aus?«

»Klar, frag doch einfach! Oder soll ich?«

»Nee, ich mach das schon.« In der vertrauten Umgebung fühlte Nele sich wieder viel sicherer. Und Giulio war nett. Den um etwas zu bitten war wirklich keine Mutprobe.

»Jessica krank? Ja klar, ruf sie an!« Er legte seine Eiszange aus der Hand und stellte das Telefon auf den Tresen. »Prego!«

»Grazie!« Nele lächelte ihr GiuliesLächeln. Extra für ihn.

Sie wählte und ließ es ewig klingeln. Niemand nahm ab.

»Kein Glück?«, fragte Giulio, als sie den Hörer wieder auflegte.

Nele schüttelte den Kopf. Diesmal fiel ihr Lächeln ziemlich kläglich aus.

»Na, war nichts, was?« Sara sah ihr enttäuscht entgegen.

»Nee«, sagte Nele und rutschte neben sie auf die Bank. »Ich hab's mindestens zwanzigmal klingeln lassen.«

»Mist.«

»Hm.«

»Prego, Signorine!« Giulio stellte zwei Eisbecher vor sie hin. Extragroß. Aber irgendwie schmeckte es heute fad. Sogar das Meloneneis, Neles Lieblingssorte.

»Mäuschen, was ist denn? Hast du keinen Hunger?«

Nele schob den Teller von sich. »Nee«, sagte sie. Spaghetti mit Tomatensauce, die konnte sie langsam nicht mehr sehen! Eigentlich liebte sie Nudeln, aber, Mann, da gab es doch Varianten! »Du solltest mal einen Kochkurs machen, Mama. Immer dieses Tütenzeug! Das schmeckt immer gleich.«

»Ich find's herrlich!« Neles Mutter schob sich eine Gabel in den Mund. »Das ist so zuverlässig! Wenn ich richtig koche, weiß man nie, was dabei herauskommt.«

»Hm. Stimmt auch wieder.« Nele zog den Teller wieder heran und wickelte lustlos ein paar Spaghetti auf.

»Weißt du was?« Ihre Mutter legte ihr die Hand auf den Arm. »Lern du doch kochen! Ich spendiere dir auch einen Kursus in der Volkshochschule!«

Nele starrte ihre Mutter so entgeistert an, als habe die ihr vorgeschlagen, sich einem Seniorensingkreis anzuschließen. »Da gehen nur alte Tucken hin!«

Ihre Mutter nickte vergnügt. »Genau! Und von denen kann man kochen lernen! Du wirst schon sehen!«

»Nee!« Nele stopfte nach. »Dann lieber Fertigfraß«, sagte sie mit vollem Mund.

Beim Nachtisch – Heidelbeerquark, das ging ja noch – fragte sie: »Sag mal, hast du gehört, was die Leute über Jessicas Vater sagen?«

Ihre Mama lachte. »Nele, vergiss es! Gestern war er noch ein kleiner Anlagebetrüger, heute erzählen sie schon, er habe Millionen Steuern hinterzogen. Wart's nur ab, morgen wissen die Ersten, dass er Atombomben nach Afrika verkauft hat!«

Nele sah ihre Mutter erschrocken an. »Hat er das?«

Ihre Mama verschluckte sich fast am Heidelbeerquark. »Natürlich nicht, du Dummerchen!« Dann sah sie ihre Tochter prüfend an. »Sag mal, du machst dir ja richtig Sorgen! Nele, da ist gar nichts weiter, jede Wette! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Herr Bertram kriminelle Geschäfte gemacht hat. Die Leute reden bloß, weil sie neidisch sind.«

»Aber sie sagen, dass er vielleicht ins Gefängnis muss. Jessicas Vater! Stell dir das mal vor!«

»Quatsch! Das glaube ich einfach nicht. So etwas Schlimmes, dass er gleich ins Gefängnis müsste, hat Jessicas Vater bestimmt nicht getan. Das ist alles bloß blödes Kleinstadtgetratsche! Erinnerst du dich, wie alle überzeugt waren, dass der alte Noske in seinem Schuppen Kinderpornos dreht? Und, was war? Seine Welpen hat er gefilmt, sonst gar nichts! Die Leute langweilen sich einfach, darum denken sie sich solche Räuberpistolen aus.« Neles Mutter stellte die leeren Schälchen ineinander. »Was ist? Hast du noch Lust auf eine Runde Tischtennis?«

»Und wie!« Nele fühlte sich plötzlich ganz leicht. Mama hatte bestimmt Recht, wie immer. – Wie meistens. Was Männer anging, hatte sie eine Vollmeise. Aber darum würde Nele sich morgen kümmern.

3. Kapitel

Als sie in der ersten Stunde die Mathe-Hausaufgaben verglichen, hatte Nele von zehn Aufgaben acht falsch. Mannomann, so grandios danebengelegen hatte sie lange nicht. Und das ohne Glotze nebenbei. Da konnte man mal sehen! Na ja, so richtig war sie gestern wohl trotzdem nicht bei der Sache gewesen, dachte sie und schielte zu Jessicas Platz hinüber. Er war immer noch leer.

In der nächsten Stunde hatten sie Sozialkunde. Die Schmalbach gab die Ätz-Hausaufgabe zurück. Unter Neles Sohn-Spalte hatte sie geschrieben: »Schade, hier hast du es dir sehr leicht gemacht.« Blöde Schnepfe. Bügelte ihr Sohn etwa die albernen Rüschenblusen, die sie immer trug? Wenn sie überhaupt einen Sohn hatte, was Nele sich nicht vorstellen konnte. Einen Mann hatte sie, das wusste Nele und konnte sich gar nicht genug darüber wundern.

»Hat sie an deiner Hausaufgabe auch rumgemeckert?«, fragte sie Sara.

»Nee, wieso?«

Nele schielte in Saras Heft. »Prima«, hatte die Schmalbach daruntergekritzelt. »Zeig mal!« Nele nahm Sara das Heft aus der Hand. Die hatte genau das aufgeschrieben, was Neles Mutter gesagt hatte, wie es in einer altmodischen Familie zuging. Klar, dass Sara ein »Prima« kassiert hatte. Nele hatte es ja immer gewusst, die Schmalbach war von vorvorgestern.

Nun räusperte die sich. Und alle saßen stramm. Bei der Schmalbach funktionierte das. »Bevor wir im Stoff weitergehen, möchte ich eines klarstellen«, sagte sie streng. »Hier wird in letzter Zeit viel geredet. Zu viel.« Sie blickte bedeutungsvoll in Svens Richtung. »Jessica Bertram fehlt, weil sie Windpocken hat, ich habe ein ärztliches Attest vorliegen. Es geht ihr gar nicht gut. Sie braucht absolute Ruhe, keine Besuche, keine Anrufe. Außerdem sind Windpocken ansteckend, wie ihr wisst. – So, und nun schlagt das Buch auf, Seite 77. Sven, du liest. Mit Betonung bitte!«

Nele hörte fast, wie Sara ein ebenso großer Stein vom Herzen fiel wie ihr selbst. Windpocken! Mann, ja, die konnten heftig sein, das wusste sie aus eigener Erfahrung. Echt gelitten hatte sie damals, und Mama hatte sogar in der Gärtnerei freinehmen müssen, weil es ihr so schlecht gegangen war. Kein Wunder, dass Jessicas Mutter nicht ans Telefon ging. Wahrscheinlich rannte sie Tag und Nacht mit kalten Umschlägen durchs Haus.

Sara und Nele standen in der ersten großen Pause in der Kiosk-Schlange, als Sven vorbeigedribbelt kam. Er ließ den Ball auf Fußspitzen und Knien hüpfen, der olle Angeber. »Na, Windpocken, was? Wer's glaubt, wird selig!« Er tänzelte davon, mit dem überheblichsten Grinsen, das Nele je gesehen hatte.

Sie rannte hinter ihm her, pflückte ihm den Ball mit dem Fuß vom Knie. Ließ ihn aufstippen, trat zu. Er landete mit Karacho auf Svens Nase und prallte einem anderen Jungen direkt in die Arme, der johlend damit davonlief.

»Du hast auch 'ne Pocke am Hals«, sagte Nele. »Ach nee, entschuldige, das ist ja dein Kopf! Ganz schön rot!« Damit ließ sie Sven stehen. Mit dem dämlichsten Grinsen, das sie je gesehen hatte.

»So ein Kotzbrocken!« Sie biss zufrieden in die Waffel, die Sara inzwischen für sie erstanden hatte.

»Ich weiß nicht. Manchmal bist du ganz schön brutal«, sagte Sara und wischte sich den Puderzucker aus dem Gesicht.

»Brutal? Ich?« Nele verstand die Welt nicht mehr.

Am Nachmittag ging sie in den Ginsterweg. Timmi begrüßte sie so begeistert, dass sie fast ein schlechtes Gewissen bekam, dass sie ihn gestern nicht besucht hatte.

»Echten Fußball?«, rief er aufgeregt. »Im Park?«

Sie spielten auf der großen Wiese. Die war zwar voller Hundekacke und Karnickellöcher, aber besser als Timmis Sandkasten allemal.

Nach einer Stunde war Nele k. o. »Halbzeit!«, rief sie und ließ sich atemlos auf eine Bank fallen. Timmi rannte mit dem Ball um die Büsche.

»Dein kleiner Bruder hält dich ja ganz schön auf Trab«, sagte eine alte Dame, die auf der Nachbarbank saß. Um sie herum wuselte ein kleines Hündchen, schnüffelte an jedem Grashalm.

»Ist der süß!« Nele ging auf die Knie, rutschte auf den Hund zu und streckte die Hand aus. Er kam neugierig näher und schnupperte. Und dann ließ er sich streicheln.

Mann, das wäre was! Ein Hund! Und eine Oma! Nele hatte zwar eine, aber die wohnte weit weg und hatte nie Zeit. »Sie ist eben eine von diesen jungen Alten«, hatte Neles Mutter einmal gesagt. »Ist doch toll, da erwartet sie wenigstens nicht, dass ich mich ständig um sie kümmere.«

Nele fand das nicht toll. Sie hätte lieber so eine richtig altmodische Oma gehabt wie Sara. Die kam regelmäßig zu Besuch, backte die besten Kuchen der Welt und war immerzu lieb. Sie half Sara bei der blöden Schürze, die sie in Textil nähen mussten, und gab Saras Mutter Contra, wenn die mal wieder Theater machte, weil Sara nicht genug Klavier übte. Und putzen tat sie auch. Wenn sie da war, dann brauchte Sara zu Hause gar nichts zu helfen.

Nele streichelte das Hündchen und betrachtete sich die alte Dame genauer. Sie sah Saras Oma ziemlich ähnlich. Weiße Haare, graues Kostüm, wie es sich für eine richtige Oma gehörte. Neles Oma lief immer in Jeans rum.

»Haben Sie Enkel?«, fragte Nele.

Die Oma nickte. »Fünf«, sagte sie stolz.

Mist. Das war ja reichlich. Da konnte sie bestimmt keine mehr gebrauchen.

»Komm, Nele, weiter!« Timmi stolperte mit dem Ball auf sie zu. Der kleine Hund verkroch sich erschrocken unter der Bank, hinter Omas Beinen.

Nele stand auf, rannte auf den Ball zu und schoss ihn in den Himmel. Immer auf dem Teppich bleiben, dachte sie. Erst einmal hatte sie genug zu tun. Eine Oma konnte sie später immer noch suchen.

Als sie Timmi nach Hause brachte, wartete sein Papa auf der Terrasse. Von Frau Werner war weit und breit nichts zu sehen und zu hören.

»Na, Spaß gehabt?« Herr Weferling schenkte eiskalten Apfelsaft ein.

»Und wie!« Timmi, verschwitzt und knallrot im Gesicht, kletterte auf Neles Schoß und trank gluckernd. »War ganz toll!«

Sein Papa lachte. Wie jung er aussah. »Und du, Nele? Bereust du es nicht, dass du dir diesen kleinen Teufelsbraten aufgeladen hast?«

Nele schüttelte heftig den Kopf. »Darf ich ihn morgen wieder abholen?«

»Morgen?« Herr Weferling wiegte den Kopf. »Da wollte ich eigentlich mit ihm rudern gehen. Aber weißt du was? Frag doch deine Mama, ob du mitkommen darfst.«

»Nein, danke«, sagte Nele verlegen, »da will ich nicht stören.«

»Doch, komm mit!« Timmi zupfte an ihren langen Haaren. »Rudern is' gut!«

»Nele, du störst nicht«, sagte Herr Weferling ganz ernst. »Ich freue mich, wenn du mitkommst, wirklich!«

Nele wurde rot. Schon wieder! Diesmal vor Freude, aber peinlich war's trotzdem. Doch bevor sie sich noch so richtig darüber ärgern konnte, hatte sie schon wieder eine wunderbare Idee. Sie würde ihre Mutter fragen. Und die würde es garantiert nicht erlauben, weil sie Herrn Weferling nicht kannte. Das mit dem Eisessen neulich, das hatte sie gerade noch okay gefunden, weil sie bei Giulio gewesen waren, aber aufs Wasser würde sie Nele auf keinen Fall mitgehen lassen, nicht mit einem Mann, den Mama noch nie im Leben gesehen hatte. »Dann musst du ihn eben kennen lernen«, würde Nele sagen. Vielleicht klappte das ja.

»Gut, ich frage meine Mama«, sagte Nele jetzt. »Haben Sie ein eigenes Boot?«

»Nein«, sagte Herr Weferling, »wir mieten eins. Das tun wir oft. Timmi liebt Bootfahren. In diesem Jahr haben wir es noch gar nicht gemacht, morgen ist daher feierliche Saisoneröffnung. Mit Picknick und allen Schikanen.«

Nele nickte mit gespielter Begeisterung. Schade, das hätte sie zu gern mitgemacht. Ein Papa, der ein Picknick machte, dass es so was gab! Wirklich, den hatte sie gut ausgesucht!

»Kannst du denn schwimmen?«, fragte sie Timmi.

Der nickte stolz. »Ganz prima! Ich hab das Seepferdchen!«

Sein Papa lächelte. »In diesem Sommer lernst du's noch besser. Dein Seepferdchen reicht mir nicht ganz, um dich auf hohe See mitzunehmen.«

»Auf hohe See?«, fragte Nele erschrocken. O Gott, wollten die auswandern?

Herr Weferling lachte und winkte ab. »Nur so ein Spruch. Für einen Vierjährigen, der sich nur mit einem Seepferdchen über Wasser hält, ist unser Flüsschen auch schon ganz schön hohe See.«

»Ach so.« Nele lehnte sich erleichtert zurück. Dann besann sie sich. »Ich muss jetzt los«, sagte sie und stand auf. Schließlich durfte sie Herrn Weferling nicht ewig aufhalten. Am Ende ging sie ihm schon auf die Nerven, noch bevor sie seine Tochter war.

Als sie nach Hause kam, fand sie ihre Mutter im Garten. Sie hatte Sommerblumen aus der Gärtnerei mitgebracht, die sie in den langen Steintrog neben der Terrasse pflanzte. Jedes Jahr kriegte er eine andere Farbe. Diesmal hatte sie sich für Blau entschieden, Glockenblumen, blaue Gänseblümchen, Lobelien. Dazwischen setzte sie ein paar hohe Gräser. Noch sah das alles ein wenig verloren aus, aber Nele wusste, in ein, zwei Monaten, wenn die Pflanzen erst über den Rand des Troges wucherten, würde es wunderschön sein.

Sie kniete sich auf den Rasen und reichte ihrer Mutter die winzigen Lobeliensetzlinge aus der schwarzen Plastikkiste. »Herr Weferling hat mich für morgen zu einem Bootsausflug eingeladen«, sagte sie wie nebenbei. »Darf ich?«

Ihre Mama stieß heftig die kleine Schaufel in die Erde. »Nele, nein! Ich kenne diesen Herrn Weferling doch überhaupt nicht.«

»Och, Mama ...!« Nele quengelte nur noch der Form halber. Ihre Mama ließ die Schaufel sinken und sah sie an. »Schätzchen, du weißt, dass ich das nicht diskutiere. Gib's auf, ja?«

»Aber, Mama, kannst du Herrn Weferling dann nicht mal kennen lernen? Sonst darf ich da ja nie mit. Das wär ja doof!«

Ihre Mutter nahm die Schaufel wieder auf. »Meinetwegen. Aber dann will ich ihn schon genauer unter die Lupe nehmen. Mit einem Anruf ist das nicht getan, klar?«

»Hm.« Nele pulte das nächste Pflänzchen aus der Kiste. Völlig klar! Mann, das lief ja wie geschmiert!

4. Kapitel

Am nächsten Mittag regnete es. Nur ein bisschen, doch Nele war sehr zufrieden. Bei dem Wetter ging garantiert niemand rudern. Bestimmt verschob Timmis Papa das Picknick, und vielleicht konnte sie dann doch noch mitgehen.

Wie verabredet klingelte sie aber um drei am Ginsterweg. Herr Weferling öffnete. Er begrüßte Nele und warf einen missmutigen Blick in den grauen Himmel. »Schade, Timmi hatte sich so auf unseren Ausflug gefreut.«

Nele nickte. »Ich habe Ihnen einen Brief von meiner Mama mitgebracht«, sagte sie und fummelte einen geknickten Briefumschlag aus ihrer Anoraktasche, überreichte ihn und beobachtete Herrn Weferling gespannt, während er las. Sie wusste genau, was in dem Brief stand.

Lieber Herr Weferling, hatte Mama geschrieben, da Nele und Ihr Sohn sich sehr angefreundet zu haben scheinen, halte ich es für an der Zeit, dass wir einander einmal kennen lernen. Wenn es Ihnen passt, kommen Sie doch heute Nachmittag gegen fünf auf einen Sprung bei uns vorbei. Ihre Ruderpartie ist ja wohl leider sowieso ins Wasser gefallen.

Falls Sie nichts dagegen haben, darf Nele Ihren Sohn gern vorher abholen und hier mit ihm spielen.

Mit freundlichen Grüßen

Katharina Bach

»Nele!« Timmi kam aus seinem Kinderzimmer gelaufen und warf sich in Neles Arme. Sie schwenkte ihn einmal im Kreis. »Kein Rudern«, sagte er traurig, als sie ihn wieder absetzte.

»Ich weiß«, entgegnete Nele fröhlich. »Bei dem Schietwetter!« Das hatte der liebe Gott heute Nachmittag persönlich für sie ausgesucht, da war sie ganz sicher. »Aber wenn dein Papa es erlaubt, kommst du mit zu mir und ich bringe dir Tischtennis bei. Wir haben nämlich eine Platte im Keller«, setzte sie, an Herrn Weferling gewandt, hinzu.

Der lächelte. »Na, dann zwitschert mal ab, ihr beiden! Ich komme um fünf und hole dich ab, Timmi. Das Rudern holen wir am Sonntag nach, versprochen. Vielleicht kann ich deine Mutter ja sogar überreden, dass ihr beide mitkommt, Nele.«

Nele strahlte ihn an. »Toll, danke!« Das hatte also schon mal funktioniert, prima!

Als Neles Mutter nach Hause kam, hatten Nele und Timmi es sich vor dem Fernseher bequem gemacht und sahen einen Zeichentrickfilm. Mit Kakao und Keksen.

»Ich geh erst mal unter die Dusche«, rief Neles Mutter durch die Wohnzimmertür.

Oje. Nele wusste, was das bedeutete. Wenn ihre Mama nach der Arbeit duschte, kam sie in ihrem alten Jogginganzug und einem Turban, den sie aus einem Handtuch gewickelt hatte, wieder herunter. Richtig blöd sah sie dann aus.

Nele wartete zehn Minuten, bis sie hörte, dass oben die Dusche abgestellt wurde. »Warte mal kurz«, sagte sie zu Timmi, »ich bin gleich wieder da.«

Sie flitzte nach oben. Das Badezimmer stand unter Dampf, der große Spiegel war beschlagen. Neles Mutter stand in der Wanne und trocknete sich ab. »Hey, mach die Tür zu, das wird kalt!« Nele schloss die Tür und setzte sich auf den Klodeckel. »Mama, Timmis Papa kommt doch gleich.«

»Ja, und? Wo ist das Problem?« Neles Mutter angelte das hässliche braune Handtuch von der Aufhängestange, ihr Lieblingsturbanhandtuch. Der babyrosa Jogginganzug lag auch schon bereit, wie Nele entmutigt registrierte. Das Ding sollte man wirklich mal entsorgen, am besten im Sondermüll. Lauter kleine Krisselchen hatte es schon und einen Grasfleck am Hintern. Herr Weferling, fiel Nele ein, war zwar auch nie sehr piekfein angezogen, eher so lässig. Aber irgendwie edel. In einem abgewrackten Jogginganzug konnte Nele ihn sich jedenfalls nicht vorstellen.

»Mama!« Nele wurde langsam ungeduldig. »Bitte zieh dich anständig an! In dem Teil da«, sie deutete auf das schweinchenrosa Frotteegeknüll auf der Kommode, »machst du dich voll peinlich!«

Neles Mutter sah irritiert auf. »Was ist denn das für ein Ausdruck? Man kann sich nicht peinlich machen.«

»Doch! Wenn man so rumläuft wie ... wie ... na, in dem Ding da eben.«

Ihre Mutter schüttelte belustigt den Kopf. »Nele, nun reg dich mal nicht auf. Ich bin alt genug, um zu wissen, was ich tue. Du wirst dich schon nicht für mich schämen müssen.«

Nele stand zufrieden auf. Sie hatte ja nur auf Nummer Sicher gehen wollen. »Ich geh dann mal wieder runter«, sagte sie. »Und vergiss den Turban nicht, damit machst du dich auch peinlich.«

»Nele!« Ihre Mutter warf das Handtuch, mit dem sie sich abgetrocknet hatte, hinter ihr her, aber Nele zog schnell die Tür zu.

»Hallo, Timmi!« Neles Mutter kam ins Wohnzimmer.

»Hi«, sagte Timmi und wandte keinen Blick vom Fernseher. Er hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt, seine Wangen glänzten wie reife Äpfelchen, und er verfolgte gespannt, wie eine kleine Katze einen riesigen räudigen Hund jagte.

Nele musterte ihre Mutter. Na, das ging ja. Frische Jeans, weißes T-Shirt. Sogar Wimperntusche, immerhin. Zum richtigen Föhnen hatte es natürlich nicht gereicht, ihre Locken kringelten sich in alle Richtungen.

Neles Mutter hob fragend die Brauen, schmunzelte. »Zufrieden?«

Nele hob den Daumen. »Für deine Verhältnisse ganz gut«, sagte sie. Was die Untertreibung des Jahres war. Dafür, dass ihre Mutter den ganzen Tag im Regen geschuftet hatte, sah sie super-supergut aus.

Die kleine Katze hatte den Hund erfolgreich vertrieben. Nun hockte sie, mit sich und der Welt zufrieden, in einem Baum, feixte sich eins und putzte sich zierlich.

Timmi seufzte glücklich. »Guuut!«, sagte er und löste sich aus seiner Flitzebogenspannung. »Kann ich noch 'n Kakao?«

Dann nahm er Neles Mutter wahr. Er guckte sie lange an, aus kullerrunden Augen. Offensichtlich gefiel ihm, was er sah. Er rutschte vom Sofa und machte ein paar Schritte auf sie zu, ohne den blauen, runden Blick von ihr abzuwenden. Dann hob er die Ärmchen und griente breit. »Du bist die Nele-Mama!«

Neles Mama ging in die Knie, hob ihn hoch. »Hallo, Timmi!« Ihre Augen glänzten, so warm, wie Nele es lange nicht gesehen hatte. Wenn Mama Timmi schon so umwerfend fand, was würde sie dann erst sagen, wenn sein Papa auftauchte, überlegte Nele.

Was er in diesem Moment tat. Nele stürzte zur Tür und öffnete, kaum dass er den Finger vom Klingelknopf genommen hatte. »Hallo, Herr Weferling«, sagte sie atemlos. »Kommen Sie rein!«

Ihre Mutter trat aus dem Wohnzimmer, mit Timmi auf dem Arm. Jetzt! Jetzt kam's! Der große Blitz! Nele machte sich fast in die Hosen vor Aufregung.

Neles Mutter ließ Timmi herab und schaute Herrn Weferling an. Überrascht. Das warme Lächeln blieb.

Nele hielt den Atem an.

»Hallo.« Neles Mutter streckte die Hand aus. »Kommen Sie herein. Mögen Sie einen Tee?«

Nele stürzte aufs Klo. Mama bot einem fremden Mann Tee an! Das war zu gut, um wahr zu sein! Wenn sie das Sara erzählte! Der würde ihr dummes Lachen aber vergehen!

»Setzt euch schon auf die Terrasse. Ich mache den Tee«, sagte Nele, als sie ihre Aufregung ausgepinkelt hatte. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne war hervorgekommen.

Nele holte das beste Geschirr aus dem Schrank, Geschenk von der jungen alten Oma. Handgemalte Rosen auf dünnem Porzellan, jede anders. Sehr vornehm. Für Timmi nahm sie lieber einen dicken Henkelbecher und rührte ihm neuen Kakao.

Mama und Herr Weferling spazierten durch den regennassen Garten, als Nele mit dem Tablett auf die Terrasse kam. Timmi stand mitten auf dem Rasen und ließ einen Tischtennisball auf dem Schläger hüpfen. »Bis fünf schaff ich's schon!«, rief er und verlor den Ball prompt.

»Klasse! Dann schaffst du's auch bis sieben, wetten?« Hauptsache, er war beschäftigt und störte Mama und Herrn Weferling jetzt nicht.

Die kamen zurück, als Nele den Tee einschenkte. »Ihr Garten ist wirklich phantastisch«, sagte Herr Weferling. »Meinen mag ich Ihnen nun gar nicht mehr zeigen. Gegen das hier ist er eine Wüste!«

Neles Mutter lachte, richtig fröhlich. »Das ist mein Job. Wahrscheinlich würden Sie in Ohnmacht fallen, wenn Sie in die Tiefen unseres Computers vorstießen.«

Nele rutschte fast die Teekanne aus der Hand. Ihre Mutter gab nie zu, dass es um ihren Computer nicht zum Besten stand. Dabei ärgerte sie sich immer tierisch, wenn das blöde Ding abstürzte. Was etwa alle halbe Stunde geschah.

»Vielleicht sollte ich das einmal tun«, bot Herr Weferling an. »Ich bringe ihn Ihnen gern auf Vordermann, wenn Sie möchten.«

Neles Mutter rührte Kandis in ihren Tee. Drei große Plocken. Auch das tat sie sonst nie, wegen der Kalorien.

Nele sprang auf. »Komm, Timmi, Wir spielen noch 'ne Runde Tischtennis!« Kinder, fand sie, waren hier oben im Moment so überflüssig wie Haut auf Kakao.

Mitten in der Nacht wachte Nele auf. Ihr Herz pochte wild und sie rang nach Luft. Sie stieß die Decke weg, stürzte zum Fenster, riss es weit auf, blieb einfach stehen und wartete. Das half immer.

Heute auch. Langsam, ganz langsam ließ der Druck nach, der sich wie Eisenringe um ihre Brust gelegt hatte, und Nele atmete tief durch, sog die dunkle Luft und die Gartendüfte ein und spürte erst jetzt, dass sie klatschnass geschwitzt war.

Au Mann! Sie hatte so gehofft, dass diese Alpträume aufgehört hätten. Sie waren so lange nicht mehr gekommen. – Nele konnte sich beim Aufwachen nie daran erinnern, was sie eigentlich geträumt hatte. Nur dass es irgendwas mit Lars und Papa zu tun hatte und mit ganz viel schlechtem Nele-Gewissen, das wusste sie noch.

Bedrückt ging sie zurück zum Bett und holte ihren Teddy. Alt war er und sein linkes Bein war ganz wabbelig, weil da immer dieses komische Zeug rausgerieselt war, bevor Mama das Loch entdeckt und zugenäht hatte. Aber egal. Der Teddy war Teddy und der Einzige, der von Neles Angstnächten wusste.

Nele kauerte sich auf die Fensterbank, Teddy im Arm. Sie starrte hinaus in den dunklen Garten. Die riesige Blautanne stand schwarz vor dem klaren Himmel, ein paar Sterne funkelten. Die Nachtluft war mild und es war ganz still.

So still, wie es damals in der kleinen Kapelle gewesen war, als sie Lars beerdigt hatten. Nur Papa, Mama und sie. Mama hatte Nele in ihren Arm gezogen, aber Papa hatte ein Stück von ihnen weg gesessen. Ganz starr. Böse hatte er ausgesehen, richtig böse. Obwohl Mama hinterher gesagt hatte, dass er einfach nur traurig war. Aber das hatte Nele ihr nicht geglaubt. Sie glaubte es auch heute noch nicht.

Sie wusste es besser. Sie wusste, dass Papa sofort begriffen hatte, dass sie, Nele, schuld war an Lars' Tod. Na ja, nicht so direkt, sie hatte ihn nicht ermordet oder so, aber sie hatte sich gewünscht, dass er verschwinden sollte. Verschwinden, wohlgemerkt, nicht tot sein. Das hatte sie so direkt nicht gewünscht.

Doch dass das dasselbe bedeutete, hatte sie erst verstanden, als er tot war. Wie anders, war ihr da aufgegangen, hätte er denn sonst verschwinden sollen?

Nele schnuckelte ihren Teddy, wischte sich mit seinen Ärmchen die Tränen aus dem Gesicht. Das war immer so in diesen Angstnächten – sie weinte, und der ganze Film lief noch einmal ab. Und sie musste ihn bis zum Ende angucken, bevor sie wieder einschlafen konnte.

Es hatte alles so schön angefangen. Ein Brüderchen! Nele hatte sich so darüber gefreut. Aber es war krank, ganz schlimm krank. Als Mama endlich aus dem Krankenhaus gekommen war, musste Lars noch dort bleiben. Und Nele hatte ihn nicht einmal besuchen dürfen. Wegen der Keime, hatten sie gesagt.

Nur Mama und Papa durften hin. Für Nele war die junge alte Oma gekommen, und die hatte nicht die geringste Lust gehabt, den ganzen Tag mit einer Fünfjährigen zu verbringen, das hatte Nele genau gespürt. Wenn Mama und Papa abends aus der Klinik nach Hause gekommen waren, hatte sie sich sofort in ihr Zimmer verpieselt oder war in die Stadt gefahren. Mama war verweint und müde gewesen, und Papa hatte kein Wort gesprochen. Er hatte nur dagesessen, starr und fremd.

So allein wie in diesen Wochen war Nele nie vorher gewesen und danach auch nie mehr. Einmal war sie nachts weinend aufgewacht und zu Mamas Bett getappt, Teddy im Arm. Aber das Bett war leer gewesen.

»Sie ist im Krankenhaus«, hatte Neles Papa schlaftrunken gemurmelt und sich einfach weggedreht.

Da hatte Nele sich gewünscht, dass das Brüderchen verschwinden sollte.

Und am nächsten Tag war es tot gewesen.

Neles Mama war sehr tapfer gewesen. Sie hatte zwar geweint, aber sie hatte auch gesagt: »Er sollte eben gleich ein kleiner Engel werden. Manchmal ist das so.«

Neles Papa hatte nur geschnaubt und die Tür geknallt. Und ein paar Monate später war er das erste Mal nach Tokio abgedüst. Mit Nele hatte er bis dahin kaum ein paar Worte gesprochen.

Nele fröstelte. Teddys Pfötchen waren inzwischen ganz nass. Aber die Eisenringe waren weg. Nele kletterte von der Fensterbank und kroch zurück ins Bett. Sie deckte Teddy und sich bis an die Nasenspitzen zu und seufzte erleichtert. Überstanden! Wieder einmal überstanden, so eine schwarze Angstnacht.

Und am nächsten Morgen war sie fast vergessen, wie immer.

5. Kapitel

Und? Wie war der Bootsausflug?«, fragte Sara am Montagmorgen.

»Mega!« Neles Augen leuchteten. »Sie nennen sich schon beim Vornamen! Hat Timmi hingekriegt. Er hat zu meiner Mama immer Nele-Mama gesagt und das fand sie doof. Sie hat gesagt, er soll einfach Kathi sagen, und da hat sein Papa gefragt, ob er das auch darf. Ist das nicht romantisch?«

Sara nickte aufgeregt. »Und wie heißt er?«

Nele verzog das Gesicht. »Ronald. Blöd, nicht? Aber den Namen kann er selber nicht ausstehen. Wir sollen ihn Ron nennen.«

»Na ja, das geht ja noch«, meinte Sara. »Solange ihr nicht Ronnie sagt. Das klingt wie 'n Hundename. – Aber ›Carsten‹ ist auch nicht besser. Klingt wie Kasten. So eckig.«

»Hattet ihr Ärger?«, fragte Nele besorgt.

»Nö, Ärger gerade nicht. Aber er redet immer noch über Jessicas Vater, das geht mir langsam ganz schön auf den Geist.«

»Wieso, was sagt er denn?«

»Och, nichts Neues. Bloß dass Jessis Papa Dreck am Stecken hat und sich noch ganz schön umgucken wird. Scheint ihn richtig zu freuen.«

»Weißt du, was ich glaube?« Nele legte den Finger an die Nase, wie immer, wenn sie über komplizierte Dinge nachdachte. »Die freuen sich alle, weil Jessicas Vater so reich ist. Wenn so 'n Reicher auf die Fresse fällt, dann ... dann ist das irgendwie ein Trost für die Leute.«

»Hmhm.« Sara malte mit der Fußspitze Kreise in den Schulhofstaub. »Aber er fällt nicht auf die Fresse.« Sie sah unsicher auf. »Oder?«

»Nee. Nie im Leben«, sagte Nele.

Und dann klingelte es glücklicherweise zur Stunde.

An diesem Nachmittag hatte Sara keine Zeit. Sie musste mit ihrer Mutter zum Kieferorthopäden. »Wenn der mir 'ne Klammer verpasst, bring ich mich um!«, sagte sie düster.

Nele lachte bloß. »Glaub ich nicht! Du lebst viel zu gerne. Außerdem wärst du das erste Kind, das sich wegen einer Zahnklammer das Leben nimmt. Das überleben nämlich alle!«

»Hä, hä, mach du man deine Witze!« Sara hatte wirklich schlechte Laune. »Dich erwischt's auch noch!«

Ja, vielleicht, aber jetzt jedenfalls noch nicht! Und Sara hatte so schöne Zähne, die kriegte vielleicht nie eine Klammer. Sara machte sich immer viel zu viele Sorgen. Nele winkte ihr zum Abschied und begann zu hüpfen. Aber sie hatte den blöden dicken Atlas im Rucksack, der hüpfte mit und tat weh. Also ließ sie es lieber.

Bei Frau Meyerlink machte sie Halt. Da lagen dicke rote Tomaten in der Auslage vor der Tür, bei deren Anblick Nele das Wasser im Mund zusammenlief.

»Wie macht man eigentlich eine echte Tomatensauce?«, fragte sie. Sie meinte so welche mit richtigen Stücken darin, die hatte sie einmal im Restaurant gegessen. Die hatte viel besser geschmeckt als das Zeug, das Mama immer aus Tomatenmark anrührte.

Frau Meyerlink freute sich. Übers Essen redete sie für ihr Leben gern. »Du legst die Tomaten kurz in kochendes Wasser, dann platzt die Haut auf und du kannst sie ganz leicht abziehen. Guck, hier oben kannst du sie mit der Gabel aufspießen und dann ziehst du die Haut mit einem Messer ab. Nicht anfassen, das ist zu heiß! Und dann schneidest du die Tomaten in kleine Stücke, tust sie in einen Topf und lässt sie köcheln, auf kleiner Stufe. Ohne Deckel, damit die Flüssigkeit verdampft. Hier, ich gebe dir noch ein bisschen Oregano dazu, das zupfst du darein. Und ein bisschen salzen musst du, aber vorsichtig! Und dann gehört Butter dazu, richtig viel, damit die Sauce schön sämig wird!«

Nele nahm die Tüte mit den Tomaten entgegen. »Geht Margarine auch?«

Frau Meyerlink schüttelte energisch den Kopf. »Butter! Butter ist das einzig Wahre! – Soll ich's anschreiben?«

Nele nickte. »Bitte.« Das bisschen Geld, das sie noch hatte, brauchte sie für Butter. Im Supermarkt schrieben sie nicht an.

»Musst du heute kochen?«, fragte Frau Meyerlink neugierig.

»Nö, ich muss nicht. Aber ich will's lernen«, sagte Nele. Sie war immer noch nicht dazu gekommen, Ron zu fragen, ob er kochen konnte, und sie fand, einer von ihnen müsste es auf jeden Fall können, wenn sie eine Familie werden wollten. Oder hatte man jemals von einer richtigen Familie gehört, in der es immer nur Dosenfraß gab?

Zu Hause legte Nele ihre Einkäufe in der Küche ab, schmierte sich eine Scheibe Brot und machte sich an die Hausaufgaben. Diesmal mit Glotze, brachte ja doch nichts, sie ausgeschaltet zu lassen. Heute hatte sie zwölf Matheaufgaben. Und eine ganze Seite im Englisch-Workbook. Und zehn Dass-Sätze in Deutsch. Die einzig schöne Aufgabe hob sie sich bis zum Schluss auf: Sie musste eine Karte mit den Klimazonen beschriften und anmalen, blau für ganz kalt, rot für ganz heiß. So was machte Spaß und Nele malte superordentlich. Die Namen der Zonen schrieb sie in kleinen Druckbuchstaben dazu. Der Erdkunde-Müller würde bestimmt zufrieden sein. Nele jedenfalls war es.

Als sie fertig war, beschloss sie, noch ein Stündchen zu Timmi zu gehen, bevor sie anfing zu kochen. Schließlich konnte man nicht nur arbeiten.

Timmi hockte hinten im Garten auf der kleinen Terrasse und spielte mit seinen Autos. Nele sah ihm eine Weile zu. Er stellte alle Autos in eine Schlange, grapschte sich dann einen riesigen, gelben Plastikbagger und fuhr sie alle über den Haufen. So was fand er klasse.

Nele fand's langweilig. »Hast du Kreide?«, fragte sie nach dem dritten Mal. »Dann könnten wir richtige Straßen malen.«

Timmi hielt inne. »Au ja!« Er sprang auf und flitzte zum Haus. »Ich hab sogar bunte!«, rief er noch.

Nele sah sich um. In diesem Teil des Gartens war sie noch nie gewesen. Hinter ein paar dichten, hohen Büschen entdeckte sie ein kleines Holzhäuschen. Wie ein Minihexenhaus sah es aus, etwas verfallen und mit zwei kleinen Fenstern neben der schmalen Tür. Neugierig stand Nele auf, ging näher und drückte den Türgriff hinunter. Die Tür klemmte. Nele zog stärker. Fast wäre sie auf den Hintern gefallen, als die Tür plötzlich aufflog.

Es roch muffig hier und duster war es auch, die Fenster waren seit Ewigkeiten nicht geputzt worden. In dem Dämmerlicht konnte Nele eine alte Gartenliege erkennen. Sie stand schief, weil ihr ein Rad fehlte. Daneben, auf einem Tisch, standen jede Menge Blumentöpfe, zu schiefen Türmen aufgestapelt. In einer Ecke entdeckte Nele eine kleine Kommode, auch schon ziemlich altersschwach. Aber, Mann, hieraus konnte man doch was machen! Wenn man hier mal aufräumte und sauber machte, dann hätten Timmi und sie ein ganz tolles Plätzchen für sich allein, weit weg von Frau Werner! Die konnte sie vom Haus aus nicht mal sehen!

»Nele!«, brüllte Timmi.

Nele trat aus der Tür. »Hier bin ich!«

Timmi machte drei Schritte rückwärts und schaute sie erschrocken an. »Nicht! Komm her!«

Nele ging auf ihn zu. »Was ist denn?«, fragte sie verwundert.

»Da ... da wohnt der Geist! Mach die Tür zu!«

Nele kehrte um und schloss die Tür.

»Ganz fest!«, sagte Timmi. Es klang wirklich ängstlich. Und er umklammerte das Eimerchen mit der bunten Straßenkreide, als könne es ihn vor dem Geist beschützen.

»Aber, Timmi, was hast du denn?« Nele kam näher, hockte sich vor ihn hin, legte die Arme um ihn. »Das ist ein altes Gartenhaus, da wohnt doch kein Geist.«

»Doch!« Timmi nickte heftig. »Er heißt Spuki und schläft immer auf der alten Liege. Und wenn ich böse bin, kommt er raus. Er ist ganz gruselig.«

Nele gab sich Mühe, nicht zu lachen. Ein Geist, der Spuki hieß, konnte so gefährlich nicht sein, oder? »Wer hat dir denn das erzählt?«

»Frau Werner. Und die weiß das!«

Mann, die war wirklich eine Hexe! Timmi solche Angst einzujagen, das war ja gemein!

»Timmi, es gibt keine Geister, ehrlich nicht. Das hat sich Frau Werner nur ausgedacht, damit du ihr gehorchst. – Komm, wir gehen mal zusammen gucken, dann siehst du, dass da gar nichts ist, nur ein paar kaputte, alte Sachen.«

»Nein!« Timmi machte sich ganz steif. »Ich geh da nicht rein!«

Nele gab auf. »Na gut, dann lass uns mit deinen Autos spielen. Komm, wir malen uns eine richtige kleine Stadt, ja?«

Timmi entspannte sich langsam. Doch Nele bemerkte, dass er immer wieder zu dem Holzhaus hinübersah, als befürchtete er, Spuki könne hervorkommen und sie beide ganz fürchterlich dafür bestrafen, dass Nele seine Ruhe gestört hatte. Sie gab sich große Mühe, eine schöne Stadt zu malen, aber Timmi war nicht so recht bei der Sache. Erst als Nele vorschlug, noch ein bisschen Sandkastenfußball zu spielen, wurde er wieder fröhlicher. Und nachdem er Nele haushoch besiegt hatte, schien er Spuki endgültig vergessen zu haben.

Nele kam später nach Hause, als sie vorgehabt hatte. Ihre Mutter war schon da und pusselte im Garten. Komisch, davon konnte sie nie genug kriegen. Nele hätte ein Tag in der Gärtnerei völlig gereicht.

»Ich bin gleich fertig«, sagte ihre Mutter und richtete sich auf. Sie strich sich mit dem Handrücken die Locken aus dem Gesicht. Ein bisschen Erde blieb auf ihrer Stirn kleben. »Dann hau ich uns ein paar Eier in die Pfanne. Bist du sehr hungrig?«

»Mach mal ruhig weiter«, sagte Nele. »Ich koche heute. Nudeln mit echter Tomatensauce.« Damit machte sie kehrt und ging ins Haus. Mama hatte ganz schön verblüfft geguckt.

Nele machte alles genau so, wie Frau Meyerlink es ihr erklärt hatte. Das war wirklich ein guter Trick mit dem kochenden Wasser, die Tomaten ließen sich ganz leicht abziehen. Aber hinterher waren sie eklig flutschig, das Kleinschneiden ging gar nicht so einfach. Während die kleinen Stücke mit den Oreganoblättchen im Topf blubberten, kochte Nele die Nudeln. Das konnte sie, dabei hatte sie schon tausendmal zugeguckt. Prise Salz ins Kochwasser, schön umrühren, damit sie nicht pappten, abgießen, abspülen, noch mal warm machen, wieder umrühren.

So, und wie viel Butter an die Tomaten? Das ganze Paket? Nee, wohl nicht, oder? Nele probierte es mit kleinen Stücken, rührte, kostete. Salzte. Gab noch ein bisschen Butter dazu. Kostete wieder. Na, Mann, das war ja perfekt! Sie stellte die Platte auf ganz klein und legte den Deckel auf den Topf. Den Rest Butter wickelte sie wieder ein und verstaute ihn ganz hinten im Kühlschrank, hinter der Aufschnittdose. Mama musste sie ja nicht gleich entdecken. – Das war nämlich noch richtig viel, das konnte man bestimmt noch gebrauchen.

»Mama! Essen ist fertig!«, brüllte Nele in den Garten.

Dann deckte sie den Tisch, richtig schön, mit Sets und Weingläsern. Neben Mamas Glas stellte sie die angebrochene Rotweinflasche, sich selbst schenkte sie Apfelsaft ein.

»Ich wasch mir noch die Hände«, rief ihre Mutter vom Flur. Nele holte eine Kerze aus dem Wohnzimmer, stellte sie mitten auf den Esstisch und zündete sie an. Die Flamme sah man zwar kaum, weil die Abendsonne mitten auf den Tisch schien, aber schön war's trotzdem.

Neles Mutter strahlte, als sie den Tisch sah. »Hey, du wirst ja ein richtiges Hausmütterchen«, sagte sie und gab Nele einen Kuss.

»Probier erst mal«, sagte Nele vorsichtig. Ob sie das mit der Butter merken würde? »Ich tu in der Küche auf, okay? Setz dich schon mal.«

Sie füllte die Teller. Grüne Bandnudeln, darauf ein großer Klecks Tomatensauce. Schön sah das aus, wie im Bella Italia, wo sie an ganz besonderen Tagen essen gingen.

»Hm, wie das duftet!« Neles Mutter betrachtete ihre Portion beeindruckt.

»Na, los, probier schon!«, drängelte Nele.

Sie selbst wartete und beobachtete ihre Mutter.

Die vermanschte Sauce und Nudeln, wickelte ein paar auf, pustete, weil es so dampfte, und kostete schließlich, ganz bedächtig. Schloss die Augen. Lächelte. Öffnete die Augen, groß und dunkelblau. »Wo hast du diese Sauce her? Die ist himmlisch!« Sie haute die Gabel in die Nudeln und langte gierig zu. »Ist das was Neues? Wieso habe ich das nicht entdeckt?«

Nele ließ es sich jetzt auch schmecken. »Mama, die kann man nicht kaufen«, sagte sie zwischen zwei Happen. »Die ist echt, verstehst du?«

Neles Mutter schüttelte den Kopf. »Nö«, sagte sie mit vollem Mund.

»Na, echt eben! Aus richtigen Tomaten! Und mit frischem Oregano«, sagte Nele.

»Wie?« Ihrer Mutter kullerten fast die Augen aus dem Kopf. »Und woher hast du sie?«

»Mama! Ich habe sie gekocht! Das ist total einfach, das könntest du auch.«

Neles Mutter schüttelte wieder den Kopf. »Glaub ich nicht«, sagte sie kauend. »Woher kannst du das überhaupt?«

»Frau Meyerlink hat's mir erklärt«, sagte Nele.

»Frau Meyerlink?« Neles Mutter sah alarmiert auf. »Dann ist bestimmt Butter dran, was?«

»Mama! Jetzt bleib mal locker! Da ist ein ganz kleines winziges bisschen Butter dran. Davon wirst du schon nicht tot umfallen!«

»Nee, wahrscheinlich nicht«, sagte Neles Mutter, putzte sich den Mund mit der Serviette ab und schenkte sich Wein ein. Sie prostete Nele zu. »Auf die Köchin! Hast du prima gemacht, Süße!«

Nele wurde es ganz warm vor Stolz. »Demnächst probiere ich wieder was«, versprach sie.

Sie aßen alles auf und fielen später pappsatt und mit kugelrunden Bäuchen ins Sofa. »Die Küche mache ich nachher«, sagte Neles Mutter. Sie legte den Arm um Nele und zog sie an sich. »Und nun erzähl mal. Was hast du heute erlebt?«

Nele berichtete von ihrem Besuch bei Timmi. »Ist das nicht total mies von dieser Frau Werner, dass sie Timmi solche Angst macht? Du, der glaubt das wirklich, was die ihm da erzählt hat!«

»Ja, natürlich ist es mies«, sagte ihre Mutter. »Hast du es Ron erzählt?«

»Nee, den hab ich heute gar nicht gesehen.«

»Dann erzähl es ihm beim nächsten Mal. Ich denke schon, dass er das wissen sollte«, sagte Neles Mama. »Weißt du, natürlich ist es schwer, eine gute Tagesmutter zu finden, die auch noch den Haushalt macht, aber vielleicht kann er sie ja noch ein bisschen erziehen.«

Nele zog die Beine aufs Sofa und kuschelte sich enger an. »Glaub ich nicht. Die ist schwer erziehbar. Du müsstest sie mal sehen! Sie sieht aus wie des Teufels Großmutter!«

Neles Mutter lachte. »Der Teufel hat keine Großmutter, nur im Märchen.«

»Weiß ich«, sagte Nele beleidigt. Also, echt, für wie blöd hielt Mama sie eigentlich? Immer, wenn sie kuschelten, behandelte sie Nele wie ein Kleinkind!

Nele rappelte sich hoch. »Rede du doch mal mit Ron, das hilft bestimmt besser! – Ich meine, der hört doch nicht auf ein Kind, wenn's um Pida... Peda...«

»Pädagogik?«, half ihre Mutter.

»Genau! Wenn's um Pädo... um Kindererziehung geht. Überhaupt, wir müssen ihn bald einladen. So als Dankeschön für das Picknick und alles.«

»Warum nicht?« Neles Mutter schmunzelte. »Wenn du kochst?«

Oje! Da hatte sie sich ja was Schönes eingebrockt. Aber na ja, es ging schließlich um einen guten Zweck. Vielleicht konnte man die Sauce ja auch noch etwas aufpeppen, mehr so feinschmeckermäßig. Sie musste mal Frau Meyerlink fragen.

6. Kapitel

Am nächsten Tag kochte sie aber nicht. Bloß nicht übertreiben, dachte sie, am Ende erwartete Mama das dann immer! Außerdem, Rührei mit Salat war auch lecker.

Lieber machte sie mit Timmi eine Radtour. Sara kam auch mit.

»Der ist echt süß«, sagte sie, als sie an einer kleinen, flachen Bucht am Flussufer eine Pause einlegten. Timmi warf Steine ins Wasser und juchzte, wenn es platschte. Sara und Nele saßen etwas entfernt im Gras und guckten ihm zu. »Aber wie man sich freiwillig einen kleinen Bruder wünschen kann?« Sara rupfte einen Grashalm aus, spannte ihn zwischen beide Daumen und versuchte zu pfeifen. Der Grashalm flatterte, es klang wie ein Pup.

Nele kicherte.

»Den hast du dann doch ständig an der Hacke«, sagte Sara und versuchte es noch einmal.

»Na und?« Nele suchte sich auch einen Grashalm, probierte es ebenfalls. Bei ihr pupte es nicht mal, es klang einfach nur nach Pusten, ziemlich schlapp. »Dafür habe ich dann endlich eine richtige Familie«, sagte sie. »Und außerdem, danach suche ich uns eine Oma. Die passt dann auf Timmi auf.«

Sara blies auf ihren Grashalm und brachte diesmal einen echten Knatterfurz zustande. »Das bringst du fertig!«, sagte sie grinsend.

»Klar!« Nele stand auf, rannte zum Wasser, griff im Laufen einen großen Stein und ließ ihn fliegen. Mit einer riesigen Fontäne klatschte er ins Wasser.

»Geil!«, sagte Timmi andachtsvoll.

Als sie zurückradelten, stoppte Sara vor der Eisdiele. »Ich lade euch ein! Meine Oma hat mir Geld geschickt.«

Timmi schüttelte traurig den Kopf. »Darf nicht«, sagte er.

»Warum nicht?«, fragte Nele verblüfft.

»Weil ich dann Würmer im Bauch kriege«, erklärte Timmi. Seine Unterlippe zitterte. »Hat Frau Werner gesagt. Wenn man vorm Abendbrot Eis isst, kriegt man Würmer im Bauch.«

»Scheiße!«, rief Nele. »Frau Werner spinnt!«

»Scheiße sagt man nicht«, piepste Timmi. Er war nun wirklich den Tränen nahe. »Wenn man das sagt, kommt Spuki.«

Nele stieg vom Rad. »Halt mal!« Sie drückte Sara den Lenker in die Hand, hockte sich vor Timmi und streichelte sein verschwitztes Gesicht. »Timmi, Schätzchen, jetzt hör mir mal zu. Ich hab schon hundertmal vorm Abendessen Eis gegessen und ich habe keinen einzigen Wurm im Bauch. Und Scheiße hab ich schon ganz oft gesagt und Spuki ist nie gekommen. Frau Werner erzählt dir Mist, glaub es mir!«

Timmi sah sie unsicher an, schüttelte den Kopf. »Zu mir kommt er«, sagte er überzeugt.

»Okay.« Nele erhob sich. »Also kein Eis.« Sie warf Sara einen bedauernden Blick zu. »Verschieben wir's auf morgen, ja? Ich bringe Timmi jetzt nach Hause und rede mal ein Wörtchen mit seinem Papa.«

»Wie?« Sara sah sie erschrocken an. »Das kannst du doch nicht machen!«

»Doch«, sagte Nele grimmig, »das kann ich!« Sie war viel zu wütend, um zu warten, bis ihre Mutter endlich mit Ron sprach. Diese Werner-Hexe versaute Timmi ja das ganze Leben! Wahrscheinlich kriegte er davon irgendwann wirklich Würmer im Bauch! Angstwürmer.

»Ist Timmis Papa da? Ich muss mit ihm reden«, sagte Nele entschlossen, als Frau Werner ihnen die Tür öffnete.

»Den darfst du jetzt nicht stören, er arbeitet«, sagte Frau Werner.

Nele sah ihr fest in die kalten Augen. »Ich muss ihn sprechen. Es ist wichtig.«

Frau Werner schnaubte. »Was kannst du schon Wichtiges mit Herrn Weferling zu besprechen haben? Du hast gehört, was ich gesagt habe, es geht jetzt nicht!« Die kalten Augen glitzerten, die Hexenhaare zitterten.

»Doch!« Nele marschierte frech an Frau Werner vorbei. Sie wusste inzwischen, wo Rons Arbeitszimmer war, klopfte an und stieß die Tür auf.

Ron saß mit dem Rücken zur Tür am Computer. »Frau Werner, ich sagte doch ...«, grummelte er, ohne sich umzudrehen. Aber da stand Nele schon neben ihm. Ein bisschen mulmig war ihr nun doch. Aber die Wut war größer. »Ron, du musst mir jetzt mal zuhören!«, sagte sie energisch.

Er sah überrascht auf, nahm die Hand von der Maus und drehte sich mit seinem Stuhl um. »Nele, du? Was ist denn los?«

»Frau Werner ist eine Hexe, das ist los!«, rief Nele. Viel zu laut, aber sie war so empört! »Sie macht Timmi dauernd Angst! Vor allem! Bald traut er sich gar nicht mehr zu leben! Kennst du Spuki?«

Ron sah sie verständnislos an. »Spuki?« Er grinste. »Wer ist das denn?«

»Spuki wohnt in eurem Gartenhaus! Und wenn Timmi irgendwas Schlimmes macht oder bloß Scheiße sagt, kommt er. Und Timmi macht sich fast in die Hosen vor Angst! Und wenn er Eis vorm Abendbrot isst, kriegt er Würmer im Bauch!«

»Wer? Spuki?«

»Quatsch, Timmi! Das hat ihm auch die Werner erzählt!«

Details

Seiten
219
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960530749
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318526
Schlagworte
Humor Patchwork Geschwister neuer Vater Freundschaft Familie Kinderbuch ab 10 Jahre Scheidungskind für Mädchen eBooks

Autor

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Titel: Neles Welt - Band 1: Das Papa-Projekt