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DIE SCHWERTER - Band 2: Drachenblut

2016 67 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Dreißig Goldstücke, um einen Händler sicher durch das Sumpfland zu begleiten? Zunächst hört sich dies nach einem regelrechten Geschenk für die Söldner Dante, Mel und Bross an. Doch schnell stellt sich heraus, dass ihr Auftraggeber ein paar entscheidende Details verschwiegen hat – und sie in größte Gefahr geraten …

Abenteuer, Gefahren, coole Sprüche und jede Menge Action: ein rasantes High-Fantasy-Lesevergnügen!

Über den Autor:

Thomas Lisowsky wurde 1987 in Berlin geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, bevor er als Autor bei einer Berliner Entwicklerfirma für Computerspiele arbeitete. 2009 wurde er mit dem ZEIT-Campus-Literaturpreis ausgezeichnet.

Lerne Thomas Lisowsky im Internet kennen – auf seiner Homepage (http://thomaslisowsky.wordpress.com/), bei Facebook (https://www.facebook.com/thomas.lisowsky.8) und in seinem Youtube-Kanal (http://www.youtube.com/channel/UCtFYbg-GZJS16lxK2oOqfJg).

Bei jumpbooks veröffentlichte Thomas Lisowsky bereits den Roman Magie der Schatten. Seine Serie DIE SCHWERTER umfasst die folgenden Einzelbände:

DIE SCHWERTER – Erster Roman: Höllengold

DIE SCHWERTER – Zweiter Roman: Drachenblut

DIE SCHWERTER – Dritter Roman: Duell der Klingen

DIE SCHWERTER – Vierter Roman: Hexenjagd

DIE SCHWERTER – Fünfter Roman: Schwarzer Turm

DIE SCHWERTER – Sechster Roman: Verbotenes Wissen

DIE SCHWERTER – Siebter Roman: Feuerteufel

DIE SCHWERTER – Achter Roman: Blutiger Sand

DIE SCHWERTER – Neunter Roman: Dämonenzorn

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com (greglith, Unholy Vault Designs, Atelier Sommerland, Algol)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-150-0

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Thomas Lisowsky

DIE SCHWERTER

Drachenblut

Zweiter Roman

jumpbooks

1. Kapitel

Tristan drückte die große Flügeltür aus schwarzem Obsidianstein auf. Die Schädelfresken glitten zur Seite, und vor ihm lag das Heiligtum des Tempels.

Der süße Geruch von Rauschkräutern strömte ihm entgegen. Am fernen Ende des Raums erhob sich der Thron mit den drei Sitzen, und drei Männer saßen im Zentrum auf blutroten Kissen um einen Tisch aus Ebenholz. Das Alter hatte Spuren in ihre Gesichter gegraben, aber er erkannte sie wieder. Tristan schloss die Tür hinter sich.

»Wer dringt da in die Kammer des Triumvirats?«, fragte eine Stimme, noch immer befehlsgewohnt, noch immer mächtig.

Der Mann am Kopf des Tischs sah ihn an, das Gesicht umrahmt von weißem Haar und Bart. Er hatte etwas von einem Löwen. Alvus. Ja, an ihn konnte er sich am besten erinnern.

»Ihr kennt mich«, sagte Tristan.

Jetzt schauten auch die beiden anderen alten Männer am Tisch auf. Einer war lang und dürr, der andere besaß den Körper eines Eichenfasses.

»Bist du einer der Hohepriester?« Der Dürre legte seinen Löffel aus der Hand. Loios. Seine Macht war gering. Alvus duldete ihn, weil er ihm nach dem Mund redete. Seine Fistelstimme hatte einen schrecklichen Missklang. »Du hast hier keinen Zutritt. Wer hat dich eingelassen?«

»So viele Fragen auf einmal.« Tristan näherte sich dem Tisch. Unter den Geruch der Rauschkräuter mischte sich der scharf-würzige der Suppe, die sie gerade verspeisten. »Wie schmeckt es? Sind das Varis-Kräuter?«

»Wer bist du?«

Tristan griff nach der Suppenkelle, schöpfte eine große Portion, führte sie zum Mund und hinterließ eine Spur auf dem Tisch, bevor er geräuschvoll schlürfte. Eine starke, salzige Brühe, die ihm heiß übers Kinn rann. Er wischte sich den Mund ab und legte die Kelle zurück in den Topf. »Ich habe früher, als ich hier angefangen habe, bessere Suppe gemacht.«

Die drei Greise betrachteten ihn wie ein fremdartiges Tier. »Bedaure«, sagte der Dicke in scharfem Tonfall. »Du bist mir nicht bekannt, Jünger.« Movo. Genauso hungrig nach Macht wie nach fettigem, gedünstetem Fleisch.

Der Dürre, Loios, griff nach der Knochenglocke auf dem Tisch und läutete. »Unser Mahl ist lange genug unterbrochen worden.«

Tristan schaute nach hinten, zum Eingang des Raums. Es gab nur diesen einen Weg hinein, durch die Flügeltür. Aber sie blieb verschlossen.

Er wandte sich wieder den sitzenden Männern zu. »Als ich noch hier war«, sagte er, »hatten die Wächter des Heiligtums nicht so taube Ohren.«

Alvus’ Augenbrauen zogen sich zusammen. »Du kommst in unser Heiligstes, beleidigst unseren Tempel, und du behandelst das Triumvirat wie Bauernpack. Welcher Wahnsinn hat von dir Besitz ergriffen?«

»Nur der Wahnsinn, den ihr mir beigebracht habt.«

Loios schüttelte die Glocke wie irre, und der helle Klang hallte durch den Raum.

Tristan öffnete eine Hand und formte die Finger zu einer Fläche. Er fixierte die Glocke und schnitt mit der Hand durch die Luft. Etwas riss dem Dürren die Glocke aus der Hand, und die Knochen zersplitterten noch in der Luft zu hundert Scherben, die in die Suppenschüssel fielen und auf den Tisch prasselten.

Movo beschirmte sein Gesicht mit den Armen. »Das sind Ashus unsichtbare Arme! Wer hat dich das gelehrt?«

Blut pulsierte in Tristans Schläfen. Was braucht ihr noch, um aufzuwachen? »Das wisst ihr nicht mehr? Seid ihr schon so alt, dass euch das Hirn weggefault ist?« Er stützte sich auf den Tisch. »Habt ihr vergessen, was ihr mich für einen Preis habt zahlen lassen, ohne dass ich es wusste oder wollte?«

Er dachte jede Nacht an sie, und manchmal auch tagsüber, wenn er allein war und in den Himmel blickte. Sie war bei ihm geblieben, selbst in der Düsternis des Tempels.

Ich weiß, dass es dir wichtig ist. Deshalb ist es gleichgültig, um was es geht.

»Jeder Novize zahlt einen Preis«, sagte Loios. »Für dich war das der Tag, an dem sich dein Leben verändert hat. Für uns war es nur ein gewöhnlicher Tag. Du bist nichts Besonderes – und doch kommst du großspurig daher.«

Alvus fixierte ihn vom anderen Tischende aus. In seinen Augen stand Erkennen, und mit dem Erkennen kam die Furcht.

»Wo sind die verfluchten Wächter?« Der dürre Loios hob genervt die Arme.

Tristan zuckte mit den Achseln. »Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, waren sie damit beschäftigt, in ihrem eigenen Blut zu ertrinken.«

Loios’ Mund stand offen.

Tristan machte eine peitschende Bewegung mit der Hand auf Augenhöhe des Dürren. Blut spritzte in einem roten Streifen aus seinem Gesicht, und er heulte auf, die Hände vor die Augen gepresst, vielmehr da, wo seine Augen gewesen waren. Blutstropfen rannen durch seine Finger.

»Blind warst du vorher schon«, sagte Tristan. »Und jetzt weinst du, wie ich geweint habe.«

Mit einer zweiten Geste schnitt er über die Kehle des Mannes. Sie klaffte auf, und Blut sprudelte heraus. Augenblicklich fiel Loios mit dem Gesicht auf die Suppenschüssel. Die Schüssel kippte um, und Suppe und Blut flossen über den Tisch. Sein greiser Leib zuckte noch.

Währenddessen hob Movo die Hand und formte sie langsam zur Klinge. Offenbar dachte er, das bliebe unbemerkt. Aber Tristan schlug zuerst zu. Ein Schnitt trennte die Hand ab, ein zweiter blendete ihn wie zuvor Loios – schneller, als das Blut aus dem Armstumpf floss.

Kreischend kippte der Getroffene nach hinten. Tristan überkreuzte die Hände und schlug noch einmal zu. Movos Kleidung und Brust rissen auf, und er wand sich röchelnd am Boden.

Jetzt kam Alvus’ Angriff. Tristan schlug ihn mit der Hand beiseite. Ein leiser Summton erklang, kaum hörbar für das Ohr eines Uneingeweihten, aber der Zauber hätte die Plattenrüstung eines Ritters zerreißen können wie Papier.

Tristan sah seinen ehemaligen Lehrmeister an. »Du erkennst mich.«

»Ich habe dich nicht vergessen, und deine Fähigkeiten.«

»Und das Opfer, das du mir aufgezwungen hast.«

Alvus schüttelte den Kopf. »Du hast zu sehr an ihr gehangen. Sie hat dich schwach gemacht.«

Etwas in ihm zog sich zusammen. »Hat dich je eine Frau geliebt, du alter Krüppel? Dann würdest du so nicht reden.«

»Du hättest dich in all der Zeit, die du an sie verschwendet hast, weiter vervollkommnen können.« Ein leises Lächeln trat auf seine Lippen. »So vervollkommnen, wie du es in der Zwischenzeit offenbar getan hast.«

»Jahre habe ich damit verbracht«, sagte Tristan. »Und das nur, um drei Männer zu töten, die mich schon vergessen hatten.« Er blickte zu Boden. Movo rührte sich noch immer, Blut blubberte aus seinem Mund, aber er war dem Tode geweiht.

»Dein Potential habe ich nicht vergessen«, sagte Alvus. »Wie könnte ich.« Er erhob sich. »Und jetzt wirst du es nutzen, um mich zu töten. Die Bestie, die ich herangezüchtet habe, wird mich fressen.«

Tristan ließ die Arme sinken. »Du bist so blind wie die anderen, Alvus. Eine Bestie kann nicht lieben.« Dann riss er einen Arm hoch und von einer Seite auf die andere. Ein dünner Blutfaden lief aus Alvus’ Hals.

Tristan ging um den Tisch herum, während der Körper nach vorn kippte. Bevor der Kopf herabfallen konnte, packte er ihn am Schopf und zog ihn herunter. Ohne zurückzuschauen, ging er weiter. Hinter ihm fiel der Körper dumpf zu Boden.

Der dreifache Thron erhob sich vor ihm, drei Sitze aus dunklem Holz und Obsidian nebeneinander, verziert mit schwarzgefärbten Schädelschnitzereien. Die vielen Gesichter des Todes, die Ashu, der Herr der sinkenden Sonne, kannte.

Tristan setzte sich auf den mittleren Thron. Das Holz war kalt, selbst durch die Kleidung hindurch. Er legte Alvus’ Kopf auf den Sitz neben sich. Sauber abgetrennt lag er da, die Züge in stiller Gleichgültigkeit erstarrt. Blut sickerte aus dem Hals und bildete einen kleinen See, dessen Ausläufer vom Rand des Sitzes tropften.

Etwas in seiner Brust zitterte. Er hatte getan, worauf er so lange gewartet hatte, aber die Befriedigung blieb aus. Jedoch war das hier nur der erste Schritt, dem noch viele weitere folgen müssten.

Das Eingangstor knarrte und öffnete sich einen Spalt. Jemand beugte sich herein und blickte zu ihm. »Gebieter, seid Ihr … im Namen des Herrn!« Der Besucher zuckte zurück.

Tristan lächelte und winkte ihm zu. »Komm nur herein. Das Triumvirat ist bereit, dich zu empfangen.«

»Aber …«

»Ich spreche jetzt für sie.«

2. Kapitel

Sie saßen sich auf den Gepäcktruhen gegenüber und starrten einander an wie zwei Duellanten.

Um sie herum waren in einem losen Halbkreis Kisten und Beutel gestapelt. In einem mannsgroßen Käfig meckerte eine Ziege. Ein kräftiger junger Mann lud sich den Käfig auf die Schultern und transportierte ihn zu einem der Wagen.

Dante trommelte mit den Händen auf seine Truhe und schaute den Händler herausfordernd an. »Lebendes Wild, das lockt Fleischfresser an.«

Der feiste Mann zupfte am Revers seines schweren Brokatmantels, und die silbernen Stickereien glitzerten wie Wasserwellen. »Wild nennst du das? Himmel, ist deine kleine Truppe schon einmal außerhalb des Sonntagsmarkts einem Tier begegnet?«

Dante lächelte breit. Das Verhandlungsgespräch mit Meratus, dem führenden Händler der Karawane, war sein größter Spaß seit langem. Jetzt spielte er den Erschrockenen »Was? Natürlich nicht! Ich dachte, wir bewerben uns als Verkäufer. Was denkst du, warum unser Halb-Oger kein Hemd trägt? Damit er mit seiner Statur alle einsamen Jungfrauen anlockt.«

Meratus nickte mit gespielt ernster Miene. »Ja, das klingt logisch. Natürlich kann er nicht kämpfen, und diese gewaltige Waffe führt er nur bei sich, um vor den Frauen zu posieren … Leider senkt das euren Wert beträchtlich.«

»Aber da wir doch nur als Verkäufer eingesetzt werden, sehe ich kein Problem.« Er nickte hinüber zu Mel, die einige Meter entfernt einer Wahrsagerin mit einer Zauberkugel gegenübersaß. »Wenn Malveyra ihr Oberteil noch etwas weiter öffnet, dann kommen auch die Männer.«

»Und du? Was ist deine Rolle?« Meratus verschränkte die Hände, und die vielfarbigen Ringe fügten sich zu einem Geflecht zusammen.

»Ich leiere möglichst viel Geld aus armen Einfaltspinseln heraus – das merkst du doch gerade.«

Meratus lachte, und sein Schmerbauch brachte das Gewand zum Beben. »Ich weiß nicht, ob ich euch für gute Gesellschaft bezahlen soll oder für eure Fähigkeiten. Für beides zusammen reicht mein Geld nicht.«

»Nur für ein mit Silber besticktes Gewand.« Dante tippte auf den glänzenden Stoff.

»Ja, hätte ich mir das nicht gekauft, könnte ich euch besser bezahlen.« Er hob hilflos die Arme.

»Spaß beiseite«, sagte Dante. »Wir ziehen durch die Schwarzmarschen, nicht über die Königsstraße. Sicher interessieren sich Banditen für eure seltenen Felle, die Gewürze und Hölzer. Und für die wilden Tiere hast du deine Lieblingsziege dabei.« Er zeigte auf das Tier, das mittlerweile auf einem der Wagen weitermeckerte. »Es würde mich sehr wundern, wenn wir den Weg unbehelligt überstehen.«

Meratus faltete die Hände. »Mich auch. Deshalb heuere ich euch an. Berta soll ja nichts passieren. Zehn Goldstücke für jeden, und das, weil ich dich gut leiden kann.«

»Berta heißt die Ziege?« Dante lächelte. Zugegeben, sie waren verwöhnt worden bei ihrem letzten Auftrag in Minlund, aber dafür ging es jetzt in die Richtung, in die sie wollten. Langsam streckte er dem Händler die Hand entgegen. »Schlag ein, bevor ich es mir anders überlege.«

Der Händler griff zu. Seine Ringe waren kalt an Dantes Fingern.

Er stand auf. »Sollen dich die Teufel holen, alter Geizhals.«

»Ich habe ein paar gute Leibwächter. Die werden den Teufeln schon zeigen, wo es zurück in die Hölle geht.«

»Nicht, dass ihnen die Arme lahm werden, weil sie sich statt ausbalancierten Schwertern nur Eisenprügel leisten können.«

Der Händler lachte und winkte ihm nach, als er ging.

Dante spielte mit der Münze in seiner Tasche und wurde ernst. Er dachte an den Traum von letzter Nacht. Jetzt, bei Tag, war alles gut, aber vor wenigen Stunden noch … Der seltsame Traum von abgeschlagenen Köpfen und einem Thron aus Gebeinen in einer Halle aus schwarzem Obsidian verfolgte ihn noch immer. Und er hatte nicht nur dagestanden und zugesehen wie in anderen Träumen, sondern hatte daran teilgenommen, als sei er selbst …

Egal.

Er überquerte den Lagerplatz des Händlertrecks. Zwei Männer, umringt von irdenen Krügen, feilschten angestrengt, direkt daneben umwickelte ein anderer feine, gläserne Vasen mit Fellstücken und legte sie danach so vorsichtig in eine Holztruhe, als ginge es um sein Leben. Viele hatten ihre Geschäfte in Morgard beendet und machten sich bereit für den baldigen Aufbruch. Um einen Greis mit grauem Rauschebart scharten sich ein paar Kinder, und er hob immer wieder neue Holzdöschen hoch und lüftete die Deckel, damit die Kinder ihre Nasen hineinstecken konnten.

Dante lächelte und beschleunigte seinen Schritt. Mel und Bross warteten auf ihn.

Der Halb-Oger saß an einem Baumstumpf dem bärtigen Schmied des Händlerzugs beim Armdrücken gegenüber. Bross’ Arme zitterten kaum, als er den Mann wieder und wieder niederdrückte. Dante verschaffte dem anderen den ersten Sieg des Tages, als er Bross auf die Schulter klopfte und »Lagebesprechung« sagte. Daraufhin drückte der Schmied den Arm seines übermächtigen Gegners prompt auf den Baumstumpf, und Bross grunzte.

Auch Mel erhob sich und kam ihm entgegen. Ihr Stab lag noch auf den Decken bei der Wahrsagerin. Sie so zu sehen, war seltsam, beinahe, als wäre sie auch Frau und nicht nur Zauberin.

»Wirkt dein Charme auch bei dicken alten Männern?«, fragte sie.

»Kommt darauf an, was du als Erfolg bezeichnest. Reichen dir zehn Goldmünzen, um dich bis zum Ende der Reise mit Schmuck und Kleidern zu versorgen?«

Sie legte eine Hand an die Stirn und seufzte. »Dann wird das wohl nichts mit den drei neuen Juwelenarmbändern.« Sie tippte auf ihre Manteltasche. »Aber ich habe mir einige billige Spruchrollen gekauft.«

Auf Spruchrollen waren Zauber niedergeschrieben wie in einem Zauberbuch, nur dass sich ein Zauberer die Magie einer Spruchrolle nicht einprägen musste, sondern spontan die Formel vortragen und den Spruch wirken konnte. Der Preis war allerdings, dass die Rolle nach einmaliger Benutzung zu Asche zerfiel.

»Bei den billigen Spruchrollen wird es wohl erst einmal bleiben«, sagte Dante. »In Minlund sind wir ziemlich verwöhnt worden.«

Bross stapfte heran und zog seinen Mantel ein Stück auf. »Verwöhnt?« Auf seiner Brust prangten drei breite Stränge rosa-weißlichen Narbengewebes. Es war gerade zwei Wochen her, dass die Wunden noch geblutet hatten. Aber Ingwen, der heilkundige Priester, hatte sich ihrer angenommen.

Der Lehrling des Schmieds, der Werkzeuge sortierte und in schmutzige Stofftücher hüllte, sah zu ihnen herüber und betrachtete Bross und die Spuren seiner Verwundung. Dante lächelte den jungen Mann an, und der blickte schnell zu Boden.

»Es wäre ja auch nicht angemessen gewesen, für ein Kinderspiel ein Vermögen zu bekommen«, sagte er.

»Ja, wir haben für unser Gold arbeiten müssen«, bemerkte Mel.

»Höllenviecher.« Bross schüttelte sich, und der Echsenschädel an seiner Schulter klapperte. »Wie lange, bis wir in der Hauptstadt sind?«

»Einen Monat mit diesem Treck«, sagte Dante gedankenverloren, während er mit der Münze in seiner Tasche spielte. »Abhängig davon, wie oft wir anhalten müssen, um Unholde zu erschlagen.«

Mel runzelte die Stirn. »Um diese Jahreszeit werden die meisten wilden Tiere schon langsam und müde, und Banditen wird es zu kalt, um sich tagelang in der Wildnis auf die Lauer zu legen.«

Dante zuckte mit den Schultern. »Meratus bezahlt uns. Und so, wie er verhandelt hat, wirft er seine Münzen nicht zum Fenster hinaus.«

Der Händler saß da wie auf einem behelfsmäßigen Thron und sprach mit einem der Männer aus dem Treck – einem Kürschner, den alle nur Hund riefen, weil seine linke Wange durch eine lange vernarbte Wunde wie eine Hundelefze herabhing.

»Ich kann ihn nicht leiden«, brummte Bross. »Der redet so viel wie du.«

»Er hat aber viel mehr Geld. Ungerecht, oder?« Dante zog sein Kartendeck aus der Tasche und begann zu mischen. »Zieh uns eine Karte, grimmiger Mann der wenigen Worte.« Er hob die obersten Karten ab und fächerte sie auf.

Bross tippte auf die in der Mitte.

Dante schob sie nach oben und fächerte den Rest wieder zu. »Und es ist …« Er drehte die Karte zu Mel und Bross. »Der emsige Bauer.«

Ein Mann in braunem Leinen, der seine Mistgabel in einen Heuhaufen stieß.

»Erinnert mich an dich«, sagte Bross.

»Wieso? Weil er keine Hauer hat?«, fragte Dante.

»Nein.« Bross rümpfte die Nase. »Weil er so gutgelaunt aussieht, obwohl er die Drecksarbeit macht.«

Am Abend war das Lager der Händler fast abgebrochen. Es waren nur noch ein paar einzelne Kisten und Zelte übrig. Die Wagen dagegen ächzten unter dem Gewicht der Waren.

Ihre Schlafsäcke lagen im Windschatten der restlichen Kisten, und Dante blickte auf die Lichter des einsamen Dorfs. »Wie der letzte Vorposten in der Wildnis.«

»Mh-hm.« Mel saß über ihr Zauberbuch gebeugt.

Er setzte sich auf. »Was steht eigentlich Interessantes darin, dass du jeden Abend darüber brüten kannst, ohne dass dir langweilig wird?«

»Ich muss das tun.« Sie blätterte um. Auf der nächsten Seite war die schematische Zeichnung eines menschlichen Körpers abgebildet. »Sonst kann ich morgen nicht auf Magie zurückgreifen.«

»Mh-hm«, ahmte er sie nach. »Aber immer so viel Konzentration …«

»Ich habe mich dazu entschieden.«

»Das klingt ja beinahe dramatisch.«

Sie schaute auf. »Es gab einmal einen Moment, da musste ich mich entscheiden, was ich will. Das hier …«, sie tippte auf die Seite des Buchs, »oder …«

»Oder was?«

Sie schaute ihn an und schien nach den richtigen Worten zu suchen, aber da zischte plötzlich ein silbernes Glitzern zwischen ihnen hindurch, und in der Kiste neben ihnen steckte zitternd ein Wurfdolch.

»Ups«, sagte jemand.

Das Mondlicht offenbarte eine junge Frau in der enganliegenden Kleidung einer Jägerin, mit vielen Taschen und Beuteln. Ihr rotes Haar war lang, fast noch länger als das von Mel, und fiel ihr über die Schultern.

Details

Seiten
67
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531500
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318534
Schlagworte
eBooks Jugendbuch ab 14 Jahre fuer Jungen fuer Maedchen Fantasy Rollenspiel Dungeons and Dragons Schwertkampf Magie Word of Warcraft Freundschaft Herr der Ringe High Fantasy

Autor

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Titel: DIE SCHWERTER - Band 2: Drachenblut