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DIE SCHWERTER - Band 3: Duell der Klingen

2016 68 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Eigentlich wollten die Söldner Dante, Mel und Bros nur eine kurze Pause einlegen, um sich von den Strapazen des letzten Abenteuers zu erholen – doch dann werden sie am Verlassen der Stadt gehindert. Angeblich gibt es Anzeichen für eine Seuche, die eingedämmt werden muss. Es bleibt den drei Freunden nichts anders übrig, als zu bleiben. Noch ahnen sie nicht, dass sie sich bald neue Feinde machen werden – und ein altbekannter seine Chance wittert, sie hier in die Enge zu treiben …

Abenteuer, Gefahren, coole Sprüche und jede Menge Action: ein rasantes High-Fantasy-Lesevergnügen!

Über den Autor:

Thomas Lisowsky wurde 1987 in Berlin geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, bevor er als Autor bei einer Berliner Entwicklerfirma für Computerspiele arbeitete. 2009 wurde er mit dem ZEIT-Campus-Literaturpreis ausgezeichnet.

Lerne Thomas Lisowsky im Internet kennen – auf seiner Homepage (http://thomaslisowsky.wordpress.com/), bei Facebook (https://www.facebook.com/thomas.lisowsky.8) und in seinem Youtube-Kanal (http://www.youtube.com/channel/UCtFYbg-GZJS16lxK2oOqfJg).

Bei jumpbooks veröffentlichte Thomas Lisowsky bereits den Roman Magie der Schatten. Seine Serie DIE SCHWERTER umfasst die folgenden Einzelbände:

DIE SCHWERTER – Erster Roman: Höllengold

DIE SCHWERTER – Zweiter Roman: Drachenblut

DIE SCHWERTER – Dritter Roman: Duell der Klingen

DIE SCHWERTER – Vierter Roman: Hexenjagd

DIE SCHWERTER – Fünfter Roman: Schwarzer Turm

DIE SCHWERTER – Sechster Roman: Verbotenes Wissen

DIE SCHWERTER – Siebter Roman: Feuerteufel

DIE SCHWERTER – Achter Roman: Blutiger Sand

DIE SCHWERTER – Neunter Roman: Dämonenzorn

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2014 dotbooks GmbH, München Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com (greglith, Unholy Vault Designs, Atelier Sommerland, Algol)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-148-7

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Thomas Lisowsky

DIE SCHWERTER

Duell der Klingen

Dritter Roman

jumpbooks

1. Kapitel

Der Thron war hart, wenn man zu lange darauf saß. Härter, als er erwartet hätte. Zwanzig Stufen trennten Tristan von der Versammlung um den Tisch unten im Saal, zwanzig Obsidianstufen, und auf jeder standen unzählige Kerzen und ließen nur einen Durchgang hinauf zum Thron frei. Die Kerzen flackerten und warfen ein unstetes Glühen auf den Boden. Während Tristan hineinstarrte, verstummte das Gemurmel am großen Tisch langsam.

Da saßen sie, die Hohepriester in ihren schwarzen Gewändern mit der aufgestickten grauen Mondsichel auf der Brust. Manche waren so alt wie das Triumvirat, manche jünger als er. Einer der Jüngeren betrachtete ihn mit stechendem Blick.

Erst als sie verstummt waren, hob er an zu sprechen. »Ihr fragt euch, warum ihr hier seid.« Er stützte den Ellbogen auf die Armlehne des Throns, legte das Kinn in die Hand und ließ die Worte durch den Raum hallen. Der junge Hohepriester starrte ihn noch immer an, nicht abwartend wie die anderen, sondern seltsam lauernd.

»Wie ihr seht, hat eine Umverteilung der Macht stattgefunden. Das alte Triumvirat wurde aufgelöst und ersetzt durch ein neues Machtgefüge.«

Die Priester tuschelten wieder untereinander, auch der junge.

Tristan erhob die Stimme. »Ich dulde keine Unterbrechungen.«

Das Gemurmel verstummte sofort.

»Dieses neue –«, setzte er an.

»Aufgelöst wurde das Triumvirat?« Der junge Priester erhob sich. »Dann gibt es jetzt keine Führer mehr. Die drei allein durften Entscheidungen und Urteile fällen.«

Tristan setzte sich aufrecht hin. »Du sprichst, als wären die drei nicht mehr unter uns – aber da irrst du dich.«

Er wies auf den Thron neben sich. In drei Glasbehältern schwammen die Köpfe des Triumvirats. Die Haare umgaben ihr Gesicht wie Algen, und die Mienen zeigten einen Ausdruck von Überraschung, Furcht, und – bei Alvus – Gleichgültigkeit. Die Mischung aus Essig, Ölen und Kräutern würde ihre Gesichter noch lange Jahre erhalten.

Der junge Priester schritt auf die Treppe zu. »Und sie sprechen zu Euch und verraten Euch die ewigen Wahrheiten, ja?«

Tristan lächelte ihn an. »Nein, dazu brauche ich ihre Stimmen nicht.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Das alles ist unmöglich. So eine Nachfolge hat es noch nie gegeben. Es ist barbarisch.«

»So barbarisch wie Menschenopfer?« Tristan richtete seinen Blick auf die Opfergrube am Rand des Saals, ein schwarzes Loch mit nach unten gerichteten Dornen in den Wänden.

Der junge Priester fasste sich an den Kragen, packte sein Gewand mit beiden Händen und zog. Das Kleidungsstück riss bis zum Bauchnabel auf, die Mondsichel darauf war jetzt gespalten. »Ihr habt nichts von Ashus Lehren verstanden.«

Die Versammlung murmelte wieder aufgeregt. Tristan hob eine Hand, und sofort schwiegen die Männer und Frauen.

»Wer wäre denn deiner Meinung nach ein besserer Nachfolger? Du?«

»Jeder dahergelaufene Bettler wäre ein besserer Nachfolger als Ihr.«

»Interessant, denn Alvus sah das anders. Er bildete mich ein Jahrzehnt lang in diesen Hallen aus, um mich ins Triumvirat aufnehmen zu können.«

»Oh, ich kenne Euch«, sagte der Priester. »Ja, er mag Euch dazu ausgebildet haben, doch Ihr habt Eure Berufung in den Wind geschrieben und den Orden verlassen.«

»Nennen wir es … eine Pilgerreise.«

Der Priester trat zurück bis auf die unterste Stufe. »Eine Pilgerreise, die Euch von Ashu so weit entfernt hat, wie ein Mann von ihm nur entfernt sein kann.«

Tristan lehnte sich zurück. »Sag mir, Priester, was willst du mit diesem Disput erreichen? Dass ich den dreifaltigen Thron freigebe?«

Da zuckte in seinem Augenwinkel ein Schemen, direkt neben dem Thron. Die einzige Möglichkeit auszuweichen bestand darin, sich in den Thron sacken zu lassen, bis sein Kopf beinahe den Sitz berührte. Ein Luftzug strich über ihn hinweg, fuhr durch seine Haarspitzen und trennte sie ab. Es klirrte, und Wasser spritzte.

Er sprang auf, wirbelte herum, rief mit einem einzigen Gedanken die Mächte der Winde und Schatten in seinen Körper und schleuderte mit beiden Händen ein Kreuz aus Luftklingen los, genau auf den Schemen neben dem Thron.

Der Maskierte fiel auf die Knie. Seine Gewandung riss auf, und Blut schoss heraus, ehe er zur Seite kippte.

Von vorn stürmte jetzt der Priester heran. »Ich will nur, dass du stirbst. Wie alle es hier wollen.« Er hielt ein langes Messer in den Händen, aber Tristan benötigte nur eine einzige Geste.

Das Messer zersprang, die Armbeuge des jungen Mannes riss auf, genau wie seine Brust. Einen Moment stand er ruhig da, torkelte dann hoch auf die nächste Stufe und fiel schließlich zur Seite, mitten in die Kerzen hinein. Es zischte, Qualm stieg unter dem Körper auf und mit ihm der Geruch nach verbranntem Stoff.

»Wache!«, rief Tristan.

Innerhalb weniger Sekunden erschienen die Wächter in den schwarzen Roben, mit den geschwärzten, gezackten Hellebarden und den schwarzen Tüchern vor Mund und Nase. Sie waren auch diejenigen, die hier die Menschenopfer darbrachten, und niemand sollte ihre Gesichter erkennen.

Der Erste verneigte sich tief. »Verzeiht, Herr. Wir haben ihn nicht kommen sehen. Er muss einen Geheimgang benutzt haben.«

»Dann ist das euer erster Auftrag, nachdem ihr diesen Dreck beseitigt habt.« Er setzte sich langsam wieder auf den Thron. »Findet alle Geheimgänge, die in den Triumviratssaal führen, und zerstört sie.«

Die Schwarzwache zog die Leiche aus dem Kerzenmeer. Am großen Tisch schlugen Männer und Frauen die Hände vors Gesicht, andere wandten sich von den Toten ab, manche tuschelten wieder.

Neben Tristan auf dem Boden lag ein Scherbenmeer, und in einer Essiglache lag der zerschnittene Kopf von Movo, dem Mann mit dem breiten Gesicht. Der Attentäter hatte mächtige Magie besessen, aber er war zu langsam gewesen.

»Er soll am Eingang zu den Katakomben hängen, wo jeder, der den unterirdischen Bezirk betritt, ihn sehen kann.« Tristan deutete auf den Attentäter, und die Schwarzwachen nickten als Zeichen, dass sie den Befehl verstanden hatten.

Es war, wie er vermutet hatte. Dass er sich hier keine Freunde machen würde, hatte er gewusst, aber dass sie ihm auf diese Art ans Leben wollten … Es tat weh, dass sie ihn hassten, obwohl sie seine Gründe nicht kannten. Aber vielleicht hassten sie ihn genau deswegen. Weil es einfacher war.

Für einen Augenblick dachte er daran, es ihnen allen zu sagen. Ihr habt niemals geliebt, wenn ihr nicht versteht, was ich hier tue. Ihr seid die Ungeheuer, nicht ich.

Dann nahm er sich zusammen und räusperte sich. »Zurück zur Versammlung«, sagte er, und seine Stimme füllte den ganzen Saal aus. »Aus gegebenem Anlass werde ich mich etwas kürzer fassen.«

Die Schwarzwachen schleppten die Leichen fort, die Körper hinterließen rote Spuren auf dem Obsidianboden.

»Ich habe nur einen Wunsch, einen Auftrag für euch und für jeden Mann und jede Frau unter eurem Befehl, egal, was für Dienste sie verrichten. Sie sollen etwas für mich finden. Bibliothekare sollen in ihren endlosen Bücherhallen nach Informationen suchen, junge Priester sollen auf Pilgerfahrt gehen, Hohepriester ihre Vertrauten in den Städten des Reichs befragen.«

Einer am Tisch erhob sich. »Aber, Herr, was ist mit den täglichen Pflichten? Den Ritualen, der Lektüre der Schriften –«

»Lesen kann jeder für sich allein in seiner Kammer, wenn es ihm bei der Suche hilft. Und derjenige, der erfolgreich ist, soll meinen Platz auf diesem Thron erhalten.«

Ein Raunen erfüllte den Raum, und sogar die Schwarzwache wandte sich um.

»Aber es sind auch schon andere mit diesem Auftrag betraut. Also seid eifrig.« Er erhob sich vom Thron und schlenderte durch die Blutspuren die Treppe hinab. »Was ich suche, ist eine Münze …«

2. Kapitel

Stimmen grölten durch die überfüllte Schenke, Bier platschte aus Humpen auf den Dielenboden, und in einer Ecke kauerte jemand und spie sein Abendessen aus.

Dante saß seinem Gegner in der Mitte der Schenke gegenüber. Die schwarzen und die weißen Figuren auf dem Hikar-Brett waren einander zahlenmäßig ebenbürtig. Dicht an dicht standen sie, fast ineinander verkeilt: Speerträger, Bogenschützen, Ballisten, Kriegselefanten, und auf der schwarzen Seite noch der Drache, der vier Felder belegte. Sein Gegner hatte Dante gezwungen, seinen eigenen Drachen schon früh zu opfern, aber er hatte vier Speerträger mit sich vom Feld genommen.

»Es ist schwierig, beim Hikar einen guten Gegner zu finden«, sagte er, die Hände auf dem Tisch gefaltet. »Die meisten scheitern schon an der Regel, dass der Drache fliegen kann … und nicht der Elefant.«

»Ich habe viel Zeit zum Spielen«, sagte der Mann. Die Binde um den Kopf verdeckte Augen und Nasenpartie.

Da Dante nicht wusste, auf welche Weise er das Augenlicht verloren hatte, war das Band vielleicht genau am richtigen Platz. Einmal hatte er einen Hauptmann gekannt, der seine von einer schartigen Klinge geschlagene, vernarbte Augenhöhle offen getragen hatte wie eine Trophäe. Er hatte nie wieder eine Frau gehabt, ohne sie bezahlen zu müssen.

»Mein letzter guter Gegner war ein Kleinwüchsiger, der unter falschem Namen reiste«, sagte der Blinde.

Dante legte die Hand auf einen Berittenen und setzte ihn bedächtig drei Felder nach vorn, an den Piken des Fußvolks vorbei.

»Aber der Zwerg hatte zu diesem Zeitpunkt noch seinen Drachen.« Er ließ seine Hand über den Figuren kreisen wie ein Magier.

Dante lehnte sich zurück. »Der Drache ist wichtig, aber er entscheidet das Spiel nicht allein.«

»Aber zum Schutz des Königs vor Meuchelmördern gibt es nichts Besseres als sein wachsames Auge.« Der Blinde setzte einen Assassinen in Stoßreichweite von Dantes König.

Und da traf es ihn wie ein Blitz: Die Partie war verloren, mit einem Schlag.

»Dein König könnte ausweichen, aber meine Bogenschützen stehen bereit, und wenn du meinen Elefanten nicht aufhältst, rennt er deine Verteidigung ein und stürzt auch deinen König.«

»Bei den Göttern«, sagte Dante.

Ja, es stimmte.

Er kippte seinen König und streckte dem Blinden die Hand entgegen. »Du spielst zu gut.«

Er hatte seine eigene Offensive aufgebaut und sich in eine Strategie verliebt, die ihm einst ein Gaukler unter der Bezeichnung Belagerung von Ryvass beigebracht hatte. Und während er zugesehen hatte, wie sich seine Schlinge um die schwarzen Figuren zusammenzog, hatte er dem gegnerischen Vorstoß nicht genügend Beachtung geschenkt.

Der Blinde schüttelte seine Hand, ohne zu lächeln. »Ich hatte erwartet, dass du so spielst.«

»Warum? Du kennst mich nicht.« Die Hand des anderen war weich und geschmeidig, und er bemerkte, dass er kaum älter sein konnte als er selbst. Das war eigenartig. Im Rauch und schummrigen Licht der Schenke hatte er ihn zuerst für einen Greis gehalten.

»Ich sehe die Spielsteine nicht, aber ich höre ihre Bewegungen. Und die verraten dich.«

Dante erhob sich und wich einem torkelnden Betrunkenen aus. »Erzähl mir mehr, wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin. Da drüben warten meine Freunde auf mich.«

»Sicher. Gehab dich wohl, Dante. Ich räume auf.«

Dante deutete einen Diener an und machte sich auf den Weg zur Theke.

Das Silberhorn trug einen klangvollen Namen, und tatsächlich hing an der Rückwand an einer Holztafel ein silbernes Horn. Es hieß, ein Sänger habe es einst hiergelassen, als Dank für ausgezeichnete Gastfreundschaft. Aber davon geblieben war nur ein Treffpunkt für Saufkumpane und Schläger.

Mel lehnte mit mürrischem Blick an der Theke und nippte an einem Weinkelch. »Hast du den Krüppel endlich geschlagen?«

»Unser Spiel ist beendet, ja. Warum bist du so ungeduldig?«

Sie legte einen Finger an die Lippen und sah an die Decke, als würde sie nachdenken. »Lass mich mal überlegen …« Sie schenkte ihm einen vernichtenden Blick. »Weil keine Minute vergeht, ohne dass ich einen neuen Verehrer kennenlerne?«

»Sind sie zumindest einfallsreich, die Verehrer?«, fragte er.

»Jeder zweite erwähnt meine Brüste im Zusammenhang mit den Worten ›prall‹ und ›wohlgeformt‹, oder er will statt Worten gleich die Hände benutzen.«

Bross verschränkte die Arme. »Denen muss ich dann immer ’nen anderen freien Platz an der Theke zeigen. Mit meiner Faust.« Er nahm einen Schluck aus seinem Humpen.

Dante lachte. »Das klingt wahrlich wie die Hölle. Es wird ohnehin spät, und wir sollten schon fort sein.«

Über der gepflasterten Straße hing die Wärme der Schmiedefeuer. Eisenheim bezog das Material für seine Handwerkskunst direkt aus den Bergen ringsum. Wie ein Tor lag es im Pass zwischen den Gebirgszügen, die von links und rechts Schatten über die Straßen warfen. Und wer in den Norden des Reichs wollte, musste dieses Tor passieren.

Mel zurrte die Riemen ihres Rucksacks fest, als sie an einer Schmiede vorübergingen, in der fünf halbnackte Männer schwitzten. »Hast du deinen neuen Degen schon abgeholt?«

»Ja«, sagte Dante. Es war das Erste gewesen, was er am Morgen erledigt hatte, nachdem er aus den üblichen seltsamen Träumen von der Obsidianhalle erwacht war. »Von Stein und Feuer, der besten Schmiede im Nordviertel. Allerdings habe ich jetzt einen Säbel.« Er zog die Waffe ein Stück aus der Scheide. »Er ist besser gegen groteske Ungeheuer, die man nicht nach Lehrbuch parieren und ripostieren kann.«

Die Glocke am Griff schützte die Hand, und die Schneide war an beiden Seiten so scharf geschliffen, dass man keine Kante erkennen konnte.

»Vergiss nicht, wer dir das ermöglicht hat«, sagte Bross. »Ich traue ihm nicht mal so weit, wie ich spucken kann.«

Dante lächelte. »Seine Karawane hat inzwischen die Zelte hier aufgeschlagen. Bestimmt machen sie guten Umsatz mit so ziemlich allem, das nicht aus Eisen besteht.«

»Und die Kleine mit den roten Haaren?«, fragte Mel.

»Tivis.« Das Nordtor kam in Sicht. Zehn Meter hoch, warf es lange Schatten über die Gassen. Die Zinnen bissen große Zacken aus dem wolkenlosen Abendhimmel. Nur noch wenige Leute waren auf den Straßen unterwegs. »Sie bleibt mit Meratus’ Zug hier. Armes Ding, mit ihrem verlorenen Arm. Ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn ich meine Waffe nicht mehr vernünftig halten könnte.«

»Vielleicht zur Abwechslung etwas, bei dem keine Menschen sterben«, sagte Bross leise und wie in Gedanken, und Dante wusste nicht recht, was er meinte.

Sie näherten sich dem Tor, vor dem eine Wachtruppe aus sechs Mann stand. Zwei lehnten sich faul auf ihre Hellebarden, während der Rest an einem Tisch saß und Suppe löffelte.

»Eine Passage für den Kaiser und seine Getreuen!«, sagte Dante.

Einer der Hellebardenträger richtete aus Gewohnheit seine Waffe auf ihn. »Seit heute bekommt niemand mehr eine Passage, auch der Kaiser nicht.«

Dante stutzte. »Wir sind auf dem Weg nach Norden und führen keine Waren mit uns.«

»Wie gesagt, selbst der Kaiser erhält keinen Durchlass.«

»Mit welcher Begründung? Soll der Adel des Reichs in Eisenheim zusammengetrieben werden?«

Der zweite Hellebardenträger trat hinzu. Er war jung, und sein Helm ging ihm beinahe bis über die Augen.

»Seuchengefahr. Es gibt Nachricht von Menschen hier in der Stadt, die an der schwarzen Pest erkrankt sind.«

»Was?«, fragte Mel. »Die schwarze Pest ist ein halbes Jahrhundert her. Niemand hat seitdem auch nur ein Anzeichen dieser Krankheit gesehen.«

Der Soldat straffte sich. »Umso unheimlicher, dass sie in unserer Stadt wieder aufgetaucht ist.«

»Wir sind Reisende«, begann Dante. »Und wir haben niemandem die Hand geschüttelt, der auch nur gehustet hat.«

»Keiner kommt durch«, mischte sich einer vom Tisch ein. »Anordnung von Hauptmann Rodin.«

»Hauptmann Rodin«, brummte Bross. »Wer ist das? Der Vater von euch Bastarden?«

Langsam kam Bewegung in die Gardisten, zwei standen vom Tisch auf.

Dante stellte sich dazwischen. »Halt. Wir sind nicht auf Ärger aus. Wir müssen nur auf die Reichsstraße, und zwar bald. Wann können wir wieder passieren?«

Der Gardist, der zuerst gesprochen hatte, schüttelte den Kopf. »Unklar. Darauf kann Euch nur Hauptmann Rodin Auskunft geben.«

»Gut. Dann will ich jetzt mit ihm sprechen.«

Ein anderer vom Tisch sah ihn an. »Er ist beschäftigt. Aber Ihr könnt gerne eine Audienz bei ihm beantragen.« Tatsächlich legte er ein Pergament auf den Tisch und strich es glatt.

»Eine Audienz? Und wie viele sind vor uns auf der Liste?« Dante trat näher heran. Endlose Zeilen rankten sich über das Pergament. Nur zwei, drei Namen waren bereits durchgestrichen. »Oh.«

Mel kam dazu. »Das kann unmöglich sein. Wir sind freie Bürger dieses Landes und können nicht einfach in der Stadt festgehalten werden.«

»Doch. Zum Wohle der anderen Bürger des Reichs.« Der Schreiber zuckte mit den Schultern.

Dante nahm Mel am Arm. »Rückzug.«

»Und jetzt?« Sie trat einen Stein beiseite und schaute ihn erwartungsvoll an. »Überwintern wir in diesem Dörfchen, oder wie sieht der Plan aus?«

Ein Wagen rollte an ihnen vorüber, gezogen von zwei Eselchen, auf das Tor zu. Auch der Fahrer des Wagens bekam eine Abfuhr und musste umkehren.

»Mit Bürokraten zu verhandeln, hat keinen Sinn. Wir brauchen einen Plan.«

»Teil eins des Plans ist, ein neues Gasthaus zu finden. Das Silberhorn ist voll bis unters Dach, und unsere Zimmer sind weg.«

»Ich hab schon oft auf der Straße geschlafen«, sagte Bross.

»Ist das jetzt gut oder schlecht?« Dante lächelte und schüttelte dann den Kopf.

Sein Blick blieb an einem kleinen Jungen in einer Seitengasse hängen. Er saß an einem winzigen Tischchen mit drei umgedrehten Holzbechern darauf. »Hütchenspiel, zwei Kreuzer«, rief er und sah Dante dabei direkt in die Augen.

Er ging vorüber, und der Junge rief noch einmal: »Hütchenspiel, zwei Kreuzer«, aber es klang fast wie eine Drohung.

Dante drehte sich um und ging zu ihm. Der Kleine konnte kaum zehn Jahre alt sein. Unter seinem Pagenschnitt prangte ein großes Muttermal auf der Stirn, und sein Blick hatte etwas Lauerndes.

»Was ist denn unter dem Hütchen?«, fragte Dante.

Der Junge hob den mittleren Becher an, so dass eine Walnuss zum Vorschein kam.

»Die kann ich gewinnen?«

»Nee. Aber das Doppelte von deinem Einsatz.« Der Junge zog die Nase hoch und spie einen Rotzballen auf die Straße.

»Ich will aber die Walnuss.«

»Zwei Kreuzer«, sagte der Knabe.

Dante griff in seine Jacke und holte eine Frucht heraus, die er von Meratus’ Händlerzug hatte. Unter der orangenen, lederartigen Haut verbarg sich ein süßsaures Inneres. »Ich setze meine Mandarine gegen deine Walnuss.«

»Was ist eine Mandarine?«

»Das hier.« Er drehte die Frucht in der Hand. »Sie kommt aus dem Osten.«

Der Junge nickte. »Na gut. Er hat schon gesagt, dass du ein Schelm bist.«

Details

Seiten
68
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531487
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318535
Schlagworte
eBooks Jugendbuch ab 14 Jahre fuer Jungen fuer Maedchen Fantasy Rollenspiel Dungeons and Dragons Schwertkampf Magie Word of Warcraft Freundschaft Herr der Ringe High Fantasy

Autor

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Titel: DIE SCHWERTER - Band 3: Duell der Klingen