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DIE SCHWERTER - Band 6: Verbotenes Wissen

2016 72 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Den drei Kämpfern Dante, Bross und Mel bleibt nicht mehr viel Zeit: Um einen skrupellosen Priester aufzuhalten, müssen sie so schnell wie möglich Antworten auf all jene Fragen finden, die sie zu einem alten Kult und dem lang vergessenen Gott Ashu haben. Gemeinsam suchen sie Hilfe in der größten Bibliothek des Landes. Doch dort wütet des Nachts eine Bestie, die verhindern will, dass die drei Freunde ihr Ziel erreichen. Und auf Bross wartet eine Erkenntnis, die ihn an allem zweifeln lässt, was er über sich zu wissen glaubte …

Abenteuer, Gefahren, coole Sprüche und jede Menge Action: ein rasantes High-Fantasy-Lesevergnügen!

Über den Autor:

Thomas Lisowsky wurde 1987 in Berlin geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, bevor er als Autor bei einer Berliner Entwicklerfirma für Computerspiele arbeitete. 2009 wurde er mit dem ZEIT-Campus-Literaturpreis ausgezeichnet.

Bei jumpbooks veröffentlichte Thomas Lisowsky bereits den Roman Magie der Schatten. Seine Serie DIE SCHWERTER umfasst die folgenden Einzelbände:

DIE SCHWERTER – Erster Roman: Höllengold

DIE SCHWERTER – Zweiter Roman: Drachenblut

DIE SCHWERTER – Dritter Roman: Duell der Klingen

DIE SCHWERTER – Vierter Roman: Hexenjagd

DIE SCHWERTER – Fünfter Roman: Schwarzer Turm

DIE SCHWERTER – Sechster Roman: Verbotenes Wissen

DIE SCHWERTER – Siebter Roman: Feuerteufel

DIE SCHWERTER – Achter Roman: Blutiger Sand

DIE SCHWERTER – Neunter Roman: Dämonenzorn

Lernen Sie Thomas Lisowsky im Internet kennen – auf seiner Homepage (www.thomaslisowsky.com) und bei Facebook (https://www.facebook.com/thomas.lisowsky.8).

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com (greglith, Unholy Vault Designs, Atelier Sommerland, Algol)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-153-1

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Thomas Lisowsky

DIE SCHWERTER
Verbotenes Wissen

Sechster Roman

jumpbooks

1. Kapitel

Mio saß auf dem Pferd hinter ihm, die Arme um seinen Körper geschlungen. Die Wärme des Jungen half gegen die Kälte des Winterwindes. Die Mauern der Hauptstadt schrumpften hinter ihnen immer weiter zusammen, bis sie nur noch ein gezackter dunkler Streifen am Horizont waren.

Hier draußen mochte es kalt sein, aber seinen Verstand und seinen Körper erfüllte fiebrige Hitze. Er hatte die Münze tief in seiner Tasche verborgen, den Schlüssel zu allem, was er begehrte. Und dann war da noch Mio. Alle hassten Tristan für das, was er war und was er getan hatte – außer dem Jungen.

»Du hast auf mich gewartet, bis ich aus dem Verlies kam«, sagte er und lenkte das Pferd an einer Weggabelung nach links auf einen schlammigen Pfad.

»Du hast gesagt, du würdest zurückkommen.« Der Wind trug die dünne Stimme des Jungen beinahe fort.

»Warum hast du mir geglaubt? Für alle anderen bin ich ein Mörder und ein Ketzer.«

Mio löste sich etwas von ihm und hielt jetzt nur noch einen Arm um seinen Bauch geschlungen. »Für mich nicht. Du hast den drei Großen gegeben, was sie verdient haben. Sie sind die Mörder, und niemand sollte um sie weinen.«

Ja, dachte Tristan, genauso ist es.

Sie ritten jetzt durch einen schmalen Bachlauf. Das Wasser war kaum knöcheltief und umspielte die flachen Steine.

»Ich will sehen, welche Pläne du mit dem Thron hast«, sagte Mio. »Ganz egal, was du tust.«

Tristan griff die Zügel fester. Deshalb hing er also an ihm, nur deshalb sah er zu ihm auf wie zu einem neugeborenen Gott, so wie die Menschen einst das Triumvirat verehrt hatten.

Welche Pläne er mit dem Thron hatte?

Gar keine. Es war nur ein kalter, ungemütlicher Sitz, auf dem er Platz genommen hatte, damit die Diener von Ashus dunkler Kirche ihm gehorchten.

»Hat dir nicht gereicht zu sehen, was das Triumvirat mit dem Thron angestellt hat?«

»Ja«, sagte der Junge so leise, dass er beinahe flüsterte. »Sie haben den guten Menschen das Leben genommen und es den bösen gelassen.«

Tristan umklammerte die Zügel. »Sie haben keinen Unterschied gemacht.«

»Und sie haben meinen Vater in die Grube geschickt.«

Tristan stockte der Atem, und er schaute sich zu ihm um.

»Weil er wollte, dass es aufhört«, ergänzte Mio. »Dann sagten sie ihm, er müsste es nicht mehr mit ansehen, wenn er erst mal unten sei.«

Tristan schwieg. Plötzlich zog ein Gewicht schwer an seinem Herzen, als habe jemand einen Stein daran gebunden.

»Du bist etwas Besonderes«, sagte Mio. »Du warst stark genug, sie vom Thron zu stürzen. Und jetzt wirst du die Kirche führen.«

Tristan lachte freudlos. »Es gibt noch genug, die mir im Weg stehen und die sich nicht führen lassen wollen.«

»Hast du dir deswegen die Münze besorgt? Damit die Dämonen dir … gegen sie helfen?«

Er atmete tief ein. »Ich habe sie mir besorgt, damit sie mir das gibt, was ich begehre.« Seine Augen wurden feucht. Er hatte gedacht, Mio wäre auf seiner Seite, weil er einen Freund brauchte und ihn ausgewählt hatte.

Aber natürlich war der Gedanke lächerlich, und jetzt wollte er sich am liebsten dafür ohrfeigen.

In Tristan wuchs ein seltsamer Gedanke. Was wäre, wenn er Era nicht zurückholen würde? Wenn er tun würde, was Mio verlangte – den Tempel und die Lehren Ashus neu formen und ihr neuer Herr werden? Der Junge glaubte an ihn und unterstützte ihn, genau wie Era es damals getan hatte.

Aber nein, das waren sinnlose, lächerliche Gedanken.

Die Tage vergingen. Sie schliefen in Gasthäusern an der Straße, am Lagerfeuer, einmal auch in einer bitterkalten Höhle im Wald.

Er sandte seine Gedanken voraus und wärmte sich an der Vorstellung, wieder zurück zu sein im Tempel, daran, wieder im Dunkel zu sein.

Und viele Tage später war es schließlich so weit.

***

Er starrte auf den schwarzen Obsidianstein des Thronsaals. Das dunkle Gemurmel der Männer drang von fern zu ihm. Er war wach und saß aufrecht, aber sein Rücken schmerzte, als wäre er zwischen zwei Mühlsteine geraten, und seine Gedanken glitten immer wieder in dumpfes, graues Nichts ab. Wie viele Tage und Nächte er wach gewesen und geritten war, wusste er nicht. So viele, wie eben nötig gewesen waren.

Die Männer standen in ihren Roben in einer sternförmigen Formation und hoben und senkten abwechselnd die Arme. Ihre Stimmen schwollen an und dann wieder ab. Zu ihren Füßen befanden sich die Markierungen – vier Mondsicheln aus Silberstaub, die einander überkreuzten. Und dort im Kreuzungspunkt lag sie – ihr nackter Körper unter einem weißen Leinentuch.

Tristan verfolgte das Intonieren der Beschwörungsformel. Die Stimme des Erzpriesters, Jiwen, war die lauteste – als würde die Münze, die er bei sich trug, ihn stärken. Tristan zählte die Silben. Die Dämonen machten es niemandem leicht, mit ihnen in Kontakt zu treten. Noch weniger, wenn man etwas von ihnen wollte.

Aber die Formel war unfehlbar. Alle paar Verse erklang sein Name, um die Dämonen daran zu erinnern, dass er es war, der etwas von ihnen forderte. Er, der ihnen so viel gegeben hatte, der so viele von ihnen in die Menschenwelt entlassen hatte, auf dass sie von Lebewesen Besitz ergreifen konnten. Mensch, Tier, was auch immer.

Auch Mio verfolgte die Beschwörung gebannt. Er saß auf dem Thron neben ihm, die Beine baumelten herab, und er erreichte mit seinen Händen kaum die Armlehnen. »Wer ist sie?«, fragte er.

Tristan sah ihn an, dann wieder weg. »Sei bitte ruhig. Jedes falsche Wort kann die Dämonen verwirren.« Er wollte nicht, dass sein junger Freund die Wahrheit erfuhr.

In Ashus Hallen gab es manche, die ihn duldeten, wie sie jeden Herrscher geduldet hatten. Dann gab es die, die ihn hassten, weil sie bisher jeden Herrscher gehasst hatten. Zuletzt gab es welche, die ihn dafür verachteten, dass er mit seinen beispiellosen Morden die von Ashu verfügte Ordnung zerstört hatte. Nur Mio stand ganz auf seiner Seite. Und der Junge war fasziniert von dem, was hier vorging.

Noch.

Mio gab nichts auf die Worte der anderen, und wenn Tristan ihm nicht selbst offenbarte, wer die Frau dort auf dem Boden war, dann würde er es auch nie erfahren. Und er durfte es niemals erfahren.

Tristan legte die schweißnassen Hände auf die Armlehnen des Throns. Nein, Mio durfte nicht wissen, weshalb er die Dämonen anrief. Der Junge glaubte, dass er sich die Mächte der Höllen zunutze machte, um seine Feinde niederzustrecken, seine Macht zu festigen und das Triumvirat vergessen zu machen. Um eine neue Regentschaft im Namen Ashus zu errichten. Dabei war Ashu für ihn nur ein weiteres leeres Wort.

Da zog die Runde der Beschwörer wieder seine Aufmerksamkeit auf sich. Jiwens Stand wurde unsicher. Er taumelte, krallte sich die Hände in die Brust, und seine laute Stimme fehlte plötzlich im Chor.

Tristan sprang auf. Das durfte nicht passieren, nein.

Wenn der Dämon erschien, und der Beschwörer starb, dann starb der Dämon mit ihm, durch das unlösbare Band, das sie verknüpfte.

Die anderen Priester fuhren mit der Beschwörung fort, nichts störte das Gleichmaß ihrer Bewegungen und ihrer Stimmen. Aber wenn Jiwen ausfiel ….

Tristan rannte die Stufen nach unten.

Der Priester taumelte durch den Silberstaub, durchbrach den Beschwörungskreis und fiel auf die Knie. Um ihn herum stob der Silberstaub auf.

»Was ist los?« Tristan ging neben ihm in die Hocke, packte ihn an den Schultern und blickte ihm ins Gesicht. Um sie herum verstummte der Chor. Selbst die Letzten hatten bemerkt, dass der Zauber gescheitert war.

»Was ist los?« Er packte Jiwen an den Schultern. »Hast du dir die Worte nicht einge –« Das Gesicht des Priesters war bleich wie Kreide, aus seinen Nasenlöchern rann Blut. Seine Lippen bebten, und er starrte Tristan aus weit aufgerissenen Augen an. »Dämo– wollen … nicht …«

Tristan verstärkte den Griff um Jiwens Schultern und hielt den erschlaffenden Körper fest. »Was wollten sie nicht? Was?« Er bemerkte, dass er brüllte und seine Stimme den ganzen Raum ausfüllte.

»… Münze.« Die Worte kamen wie eine Erlösung aus Jiwens Mund, dann verlor sein Körper jegliche Spannung, und die Augen blickten in leere Finsternis.

Für einen Moment sah Tristan in diese Augen und wollte erforschen, was vorgefallen war, aber er fand nichts.

Er ließ den Leichnam los und schrie. Wut, Zorn und Schmerz brannten in seinem Innern. Er peitschte einen tödlichen Zauber über den Boden. Die unsichtbare Klinge schlug eine feine Kerbe in den Obsidianstein, und der Silberstaub tanzte durch die Luft.

Dann sah er den fünf restlichen Priestern in die Augen. »Die Münze?«, fragte er. »Warum wollten sie die Münze nicht?«

»Herr … Sie haben nicht zu uns gesprochen«, stammelte einer. »Sie sprechen nur zum Hohepriester.«

»Das weiß ich selbst«, schrie er und schleuderte einen weiteren Zauber durch den Raum. Er traf die Kerzen auf der Treppe zum Thron. Die Flammen flackerten, und einige Kerzen erloschen.

Tristan beugte sich nieder und zerrte an Jiwens Gewand, bis es riss, packte die Kette um seinen Hals, an der die Münze hing, und zog, bis die Glieder zersprangen.

»Warum wollten sie sie nicht?«, fragte er. Sein Herz schlug heftig, aber der Zorn flaute langsam ab. Er kniete sich neben den gefallenen Priester. »Warum wollten sie die Münze nicht?«

Er schloss die Hand um das verfluchte Geldstück und legte die andere auf das Stofftuch, unter dem Era lag.

Da spürte er eine leichte Berührung auf der Schulter und drehte sich um.

»Das nächste Mal«, sagte Mio.

»Ja.« Tristan ergriff die Hand des Jungen, obwohl er wusste, dass sie nicht dasselbe meinten. »Du weißt gar nicht, um was es hier geht.«

»Ich weiß, dass es dir wichtig ist. Deshalb ist es egal, um was es geht.«

Seine Arme verloren jegliche Kraft. Er kannte diesen Satz, genau diesen Satz, von der Frau, die dort unter dem Tuch lag.

Und für einen kurzen Augenblick war es, als sei sie wieder da, jener Teil von ihr, den er so vermisste zwischen all dem Hass und dem Zorn, denen er begegnet war.

Er schaute zu Mio. »Danke.«

2. Kapitel

Die zahlreichen jungen Männer und Frauen zogen an ihnen vorbei, alle einheitlich mit schwarzen Uniformmänteln bekleidet. Viele hatten Bücher unter die Arme geklemmt, andere trugen Rucksäcke.

Um Bross machten sie einen großen Bogen, aber Mel und Dante mussten in dem Ansturm darum kämpfen, nicht mitgerissen zu werden.

»Sind sie immer so rücksichtslos, wenn es darum geht, den Rest des Tages auf Bänken zu hocken und den Monologen alter Knacker zu lauschen?«, fragte Dante.

Mel stellte sich zu Bross, der wie eine Insel aus dem Meer der dunklen Uniformen herausragte. »Wenn deine Eltern jedes Jahr einen Sack voll Gold bezahlen, damit du dich auf diese Bänke hocken kannst, dann treibt dich das Pflichtgefühl an. Und manche sind sogar hier, weil sie Magie lernen wollen.«

Der Strom ließ nach, und mit ihm ebbte auch der Lärm ab. Schließlich schlüpfte der letzte Nachzügler durch das schmiedeeiserne Tor der Akademie von Trifekta, wobei ihm einige Pergamentblätter aus seiner Umhängetasche segelten.

Dante lief einer der Seiten hinterher, die ein Stück den Weg entlangsegelte, als wollte sie den Schülern in die Akademie folgen. Von vorn ähnelte das Gebäude einem gewaltigen schwarzen Wehrturm, von dem in verschiedenen Höhen kleinere Türme abgingen. Ein Wappen oder ein Name war nirgendwo zu sehen. Schließlich verfing das Pergament sich zwischen hohem Gras, und Dante bekam es zu fassen.

Graues Pergament ohne Abnutzungsspuren. Ein Deckblatt mit großen Lettern: Magietheorie II – Weiterführende Instruktionen zur Vertiefung.

Er hielt Mel das Blatt hin. »Zur Vertiefung von was?«

»Zur Vertiefung deines Wissens, des Studiums oder Gott weiß was.«

»Kennst du den Inhalt etwa nicht auswendig?« Er hob tadelnd den Zeigefinger.

»Doch, natürlich. Ich kenne alle magietheoretischen Werke, die je geschrieben wurden. Ich sage sie mir vor dem Einschlafen immer auf. Oder einfach so, wenn es mir mit euch zu langweilig wird.«

Bross maß die Höhe des Turms mit seinem Blick. »War das mal eine Festung?«

»Ich wette dagegen, um ein Kupferstück.« Dante ging die Wiese ab und bückte sich nach weiteren verwehten Blättern.

Mel schlenderte neben ihm her. »Keiner von euch gewinnt. Während der Wüstenkriege war es ein Außenposten und wurde zur Ausbildung von Rekruten genutzt, aber jetzt …« Sie legte einen Finger an die Lippen, wie immer, wenn sie nachdachte. »Drinnen erzählt es sich besser.«

***

Die Halle wölbte sich über ihnen, die Decke bestand aus schwarzem Stein, die Wände ebenso, waren aber nahezu unsichtbar hinter den ganzen Büchern. Regale reichten hoch bis zur Decke; es mussten Zehntausende Bände sein. Alle paar Meter saßen Lichtpunkte in den Fugen der Regale und gaben eine angenehme Helligkeit ab, die an Tageslicht erinnerte.

Schritte von vielen Menschen hallten durch den Saal, aber manche befanden sich auch in der Luft, an Regalen in zwanzig Metern Höhe oder mehr, und standen auf kleinen schwebenden Plattformen.

Die Scheiben lagen als einfache, kupferfarbene Objekte am Boden. Wenn jemand darauf trat, fuhr vor ihm mit einem klackenden Geräusch eine Gitterbegrenzung hoch, dann hinter ihm, schließlich auch an den Seiten, bis fast auf Brusthöhe. Gerade landete eine junge Frau mit drei Büchern im Arm. Die Plattform sank in die dafür vorgesehene Vertiefung am Boden, und die Gittersicherungen glitten herab, um ihr den Weg freizugeben.

Dante zwang sich, nicht hinaufzusehen, denn ihn schwindelte. »Das ist … groß

»Damals war es eine Rekrutenschule«, sagte Mel, »jetzt ist es eine Akademie mit der größten Bibliothek des Kontinents.«

Dante schritt langsam weiter in die Halle. Ein hübsches Mädchen mit roten Haaren und einem Augenglas auf der Nase lächelte ihn vom Empfang aus an. Er lächelte zurück und ging weiter.

Bross schlurfte ihm hinterher. »Das Ding ist ’ne verdammte Arena.«

Dante wandte sich an Mel. »Wo sind die Unterrichtsräume? Oder muss hier jeder für sich allein lernen?«

»Siehst du hier irgendwo Fenster?«, fragte Mel.

Er schaute sich um. Nein, das stimmte. Es gab nur das magische Licht, das durch die ganze Halle gestreut wurde, aber es war Sonnenlicht so gut nachempfunden, dass es kaum auffiel. Er nickte. »Es gibt keine Fenster, weil sie ohnehin nicht nach außen führen würden. Denn um diese Halle herum existiert noch ein Ring aus Gebäuden.«

»Richtig«, sagte Mel. »Innenring und Außenring, wie in der Hauptstadt. Im Außenring gibt es mehrere Stockwerke mit Unterrichtsräumen.«

Bross trat zu ihnen, ein Buch in der Hand. Es war ein seltsames Bild: Der halbnackte Riese mit dem Echsenschädel auf der Schulter interessierte sich für ein Buch. Die Umstehenden warfen ihm verwirrte Blicke zu, er aber blätterte unbeeindruckt in dem Folianten. »Müssen wir jetzt alle diese Bücher lesen, oder was ist der Plan?«

Mel nahm ihm das Buch aus der Hand – ein Einband aus grobem Leder, die Seiten vergilbt und die Ränder geknickt. »Ja, unbedingt. Ich würde sagen, du liest sie alle, und Dante und ich legen uns währenddessen etwas hin.« Sie öffnete den Band, blätterte die Seiten um und nickte langsam. »Ja, vor allem solche Bücher helfen uns weiter.«

Dante betrachtete die aufgeschlagene Titelseite. Das Paarungsverhalten von magischen Bestien. Ein Bericht aus der Praxis.

»Hoffentlich ist es auch anschaulich illustriert«, sagte er und blickte zu den Regalen, die sich über die Wände erstreckten. »Wir werden uns ohne Anhaltspunkt zu Tode suchen.«

Mel hob eine Hand über den Kopf und schnippte zweimal mit den Fingern. »Dafür gibt es Hilfe.« Der Klang hallte erstaunlich laut durch den Saal.

Mehrere Sekunden lang geschah nichts. Sen kroch aus Mels Ärmel und spähte nach oben, wo sich etwas bewegte. Dann segelte ein kleines gelbes Etwas zu ihnen herab. Es sah aus wie ein Augapfel, an dem zwei goldene Flügel hingen. Einen Meter vor ihnen blieb es in der Luft stehen und schlug mit den winzigen Schwingen.

Sen knurrte und blies einen winzigen Feuerstoß in seine Richtung. Das fliegende Auge quietschte wie ein kleines Tier und zog sich einen halben Meter zurück.

Mel legte dem Drachen eine Hand auf den Rücken. »Das sind die Augen der Bibliothek. Sie kennen alle Bücher und wissen, wo sie stehen.«

»Aber wir wissen gar nicht, was wir suchen«, sagte Dante.

»Stimmt, aber der Kleine wird uns weiterhelfen.«

Dante steckte eine Hand in die Tasche, wie er es immer getan hatte, wenn er sich durch einen Griff nach der Münze beruhigen wollte. »Es gibt doch hier auch Lehrer oder Meister oder was auch immer.«

»Ja, sie haben ihre Stuben nahe den Unterrichtsräumen.«

»Gut«, sagte er. »Dann lasst ihr euch von unserem neuen fliegenden Freund beraten, und ich lerne derweil ein paar Leute kennen, die uns vielleicht weiterhelfen können.«

Mel lächelte. »Du hast nur Angst vor Büchern und dass du noch etwas lernen könntest auf deine alten Tage.«

»Ich frage Bross nachher ab – dann weiß ich, ob es gefährlich geworden wäre.«

Er lächelte ihr zu und ging. Als er am Empfang vorbeikam, fing er einen weiteren kecken Blick des rothaarigen Mädchens auf.

***

Allein hier im Treppenhaus fühlte er sich mit einem Mal wohler. Sicher, die beiden waren seine Freunde, aber nach beinahe einem Monat in einem kleinen Schaustellerwagen und in Begleitung von Senvalys’ Zigeunertruppe brauchte jeder irgendwann eine Pause und musste für sich sein.

Er erklomm eine enge, dunkle Wendeltreppe, die klamme Kälte erinnerte ihn beinahe an den Schwarzen Turm. Schließlich nahm er die letzten Stufen und wurde wieder vom warmen Licht der Bibliothek eingehüllt. Vor ihm erstreckte sich ein langer Gang, diesmal mit Fenstern, vor denen ein wolkenverhangener Himmel zu sehen war.

Er schaute beim Gehen hinaus, achtete nicht auf den Weg und stieß plötzlich mit jemandem zusammen. Er fiel hin und knallte mit dem Hintern auf den Stein. Der Schmerz zuckte durch sein Rückgrat, und er grunzte überrascht.

Der Mann vor ihm verlor die Kontrolle über den Bücherstapel in seinen Händen, und die Folianten polterten dumpf zu Boden.

»Man läuft hier nicht blind herum«, knurrte der Gelehrte.

»Und doch habt Ihr genau das getan«, entgegnete Dante. Der Schmerz ließ schon wieder nach. Er zog eines der Bücher zu sich heran. Ein Einband aus dunklem Leder, der Titel mit Brandeisen hineingebrannt: Einfluss von unsystematischen Artefakten auf die Beschwörungs-Schulen.

»Habt Ihr das etwa geschrieben?«

»Und wenn es so wäre?« Der Mann bückte sich, um zwei Bände aufzuheben, und nahm Dante das Buch aus der Hand. Ein gestutzter Bart umrahmte sein Gesicht, das Haar war kurz. Er erinnerte mehr an einen altgedienten Krieger als an einen Akademielehrer.

Dante reichte ihm die beiden letzten Bücher und stand auf. »Wenn Ihr Bücher schreibt, dann seid Ihr sicher einer der Meister der Akademie.«

»Nun, es ist auch anderen Menschen erlaubt, Bücher zu schreiben. Aber, ja.« Der Mann ordnete seine Last wieder zu einem Stapel und machte Anstalten weiterzugehen.

»Einen Moment«, sagte Dante und legte dem Lehrer die Hand auf den Arm. »Versteht Ihr etwas von alten Kulten?«

Der Meister blieb stehen. »Was wollt Ihr mit solch einem Wissen? Wer seid Ihr überhaupt?«

»Ich bin Dante. Und Ihr?«

»Ich … Der Zutritt hier ist verboten, wenn Ihr kein Schüler seid.«

»Was macht denn einen Schüler aus, Meister …?«

»Horan.«

»Schüler, Meister Horan, wollen von Euch Dinge wissen, richtig? Und genau das will ich auch.«

Details

Seiten
72
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531531
Dateigröße
1010 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318541
Schlagworte
eBooks Jugendbuch ab 14 Jahre fuer Jungen fuer Maedchen Fantasy Rollenspiel Dungeons and Dragons Schwertkampf Magie Word of Warcraft Freundschaft Herr der Ringe High Fantasy

Autor

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Titel: DIE SCHWERTER - Band 6: Verbotenes Wissen