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Internat Sternenfels - Band 1: Wilde Hummeln

2016 150 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Die elfjährige Nina weiß noch nicht, was sie auf ihrer neuen Schule, dem Internat Sternenfels, alles erwarten wird – aber dann gefällt es ihr auf Anhieb richtig gut! In ihrer Wohngemeinschaft, der „Wunderbar“, findet sie gleich tolle Freunde, und auch der Lehrer Andreas ist richtig nett! Außerdem gibt es da noch Cheerio, der ebenfalls neu ist im Internat Sternenfels. Als die Wunderbar-Clique herausfindet, dass er ein Geheimnis hat, das ihm ganz schön zu schaffen macht, setzen Nina und ihre Freunde alles daran, Cheerio zu helfen!

Über die Autorin:

Sissi Flegel, Jahrgang 1944, hat neben ihren Romanen für erwachsene Leser sehr erfolgreich zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, die in 14 Sprachen erschienen sind und mehrfach preisgekrönt wurden. Die Autorin ist verheiratet und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Bei jumpbooks erschienen Sissi Flegels Jugendbuch-Trilogie Internat Sternenfels mit den Einzelbänden Wilde Hummeln, Die Superhexen und Die Vollmondparty sowie folgende Kinderbücher:

Gruselnacht im Klassenzimmer

Bühne frei für Klasse Drei

Wir sind die Klasse Vier

Klassensprecher der Spitzenklasse

Klassensprecher auf heißer Spur

Klassensprecher für alle Fälle

Wir sind die Klasse Fünf

Klasse Fünf und die Liebe

Mutprobe zum Morgengrauen

Die Autorin im Internet: www.sissi-flegel.de

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 1999 Thienemann Verlag, Stuttgart/Wien

Copyright © der Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-039-8

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Sissi Flegel

Internat Sternenfels

Band 1: Wilde Hummeln

jumpbooks

1

»Die Ferien waren grässlich!«, rief Naomi und fiel Aldo um den Hals. »Wir haben tausend Verwandte, die kamen alle zu Besuch. Und wenn die nicht zu uns kamen, mussten wir sie besuchen! Bin ich froh, dass ich wieder hier bin!«

»Lieber tausend Verwandte als tausend Kirchen.« Aldo verzog das Gesicht. »Unsere Eltern haben das ganze Bildungsprogramm mit uns abgespult. Wir machten eine Fahrt durch Frankreich, was ja nicht schlecht gewesen wäre, aber du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie viele Kirchen und Schlösser und Burgen und Museen es in diesem schrecklichen Land gibt. Und alle mussten wir uns ansehen!«

Naomi lachte. »Wer ist denn das hier?«, fragte sie und deutete auf das Mädchen, das ein wenig verloren neben Aldo stand.

»Das ...«, begann Aldo.

»Ich bin Nina«, unterbrach ihn diese. »Aldos Schwester. Und wer bist du?«

»Das ist Naomi«, erklärte Aldo. »Du wirst sie kennen lernen, wir sind in derselben Wohngemeinschaft.«

»Freut mich!«, sagte Nina und streckte Naomi die Hand hin.

Naomi grinste und begutachtete die Neue. Sie war wohl so alt wie sie selbst, nämlich elf, aber sie war ziemlich klein, dünn, fast dürr, hatte helle krause Haare, die sie in zwei mageren Zöpfen mühsam bändigte. Aber das Auffälligste war ihr Gesicht: Das war lebendig, die Augen strahlten. »Wisst ihr, ob ich zu euch ziehen darf?«, fragte die Neue.

»Augenblick mal«, sagte Aldo und verschwand.

Nina schaute sich neugierig um.

Es war der Tag der großen Anreise.

Noch immer rollten Wagen in den riesigen Innenhof von Burg Sternenfels, inzwischen wurde der Parkplatz so knapp, dass Herzogs, das Gärtnerehepaar, um die Blumenrabatten fürchten mussten. Autotüren gingen auf, Kinder stiegen aus und nahmen von diesem Augenblick an von den Menschen, die auch noch aus den Autos kamen, keine Notiz mehr.

Sie rannten um Kofferberge, stolperten über Taschen und Tennisschläger, fielen anderen Kindern hemmungslos um den Hals und schrien sich ihre Begrüßungsfreude ins Gesicht.

Die älteren Schüler, die Elfer, Zwölfer und Dreizehner, allerdings jubelten dezenter; die begrüßten sich mit »Hi!«, Handschlag und gebremstem Grinsen. Dass sie sich freuten, sah man aber trotzdem.

Eine Mutter jammerte: »Ich will mich doch noch von dir verabschieden, Liebes. Aber hier gibt's ja kein ruhiges Plätzchen für uns!«

Das hatten Nina und Naomi gehört. Sie sahen sich an und lachten.

»Eltern ...!«, sagte Nina, und Naomi grinste zustimmend. »Mütter vor allem!«

»Nina kommt zu uns«, rief ihnen Aldo von weitem zu. »Ich habe Andreas endlich gefunden. Wir treffen uns in der ›Wunderbar‹.«

»Wo?«, fragte Nina.

»Die Wunderbar ist keine Bar, sondern unser gemeinsames Wohnzimmer samt Kochnische«, erklärte Naomi. »Komm mit.«

Nina nickte. Sie schaute noch einmal auf die Autos, die Leute und das Gepäck und stellte fest, dass das Durcheinander bereits abnahm.

Nina blickte sich in der Wunderbar um. An einer Seite standen ein blaues, ziemlich durchgesessenes Sofa und ein niedriges Regal mit ein paar zerfledderten Comics und einer vertrockneten Topfpflanze. Zu dieser Sitzgruppe gehörte ein Sessel mit abgewetztem Blumenmusterbezug und ein ovales Tischchen, das schief stand, weil ein Bein eingeknickt war.

Nina rümpfte die Nase. Sehr gemütlich fand sie das nun wirklich nicht. Der große runde Tisch mit der robusten Holzplatte und den sechs, sieben Stühlen mit ihren knallroten Kissen sah viel einladender aus.

»Wir sitzen immer hier am Tisch«, erklärte Naomi. »Für alle ist das Sofa sowieso zu klein. Dann gibt es keinen Streit, wer sonst auf dem Sessel oder auf dem Fußboden Platz nehmen muss.«

»Aldo hat gesagt, du hättest den Namen ›Wunderbar‹ erfunden«, meinte Nina und zog einen Stuhl heran.

Naomi grinste. »Ich bin Irin, das heißt, ich bin in Dublin geboren. Aber seit zehn Jahren wohnen wir in Deutschland. Mein Vater ist nämlich Journalist. Wir verbringen alle unsere Ferien auf der Insel. Als ich vor einem Jahr hierher kam, fiel mir als Nichtdeutsche auf, dass Andreas, unser Lehrer, immer ›wunderbar‹ sagt, wenn er etwas super oder gut oder in Ordnung findet. Da machte ich ihm nach, sagte auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit ›wunderbar‹. Bis wir feststellten, dass ›Wunderbar‹ zu uns und unserem Gemeinschaftsraum passte. Ständig sitzen auch irgendwelche anderen Leute bei uns in der Küche herum. Ich möchte nur wissen, wo Andreas ist. Er müsste längst da sein, er soll sich doch um uns kümmern!«

»Hallo, ihr Lieben! Alles klar so weit?«

»Wo warst du denn?«, fragte Naomi vorwurfsvoll. »Du bist unsere Mutter und unser Vater und unser Lehrer und überhaupt unser Ein und Alles, und du musst da sein, wenn wir kommen. Vor allem nach den Ferien, und besonders, wenn eine Neue zu uns zieht. Wir fühlen uns vernachlässigt!«

»Ihr armen Nestflüchter«, spottete Andreas. Er zog Nina zu sich. »Du bist also Aldos kleine Schwester. Herzlich willkommen. Ich habe gehört, du bist ein besonders munterer Sonnenschein.«

Nina lachte. »Na klar.«

»Ich habe auch gehört, dass deine alte Schule ...« Er zögerte.

»Die ist froh, dass ich weg bin«, erklärte Nina stolz. »Mal sehen, ob wir froh sind dich hier zu haben«, sagte Andreas.

Nina legte den Kopf schief. »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Kommt ganz drauf an.«

»Worauf?«

»Na, ob's mir hier gefällt oder nicht.«

»Benimm dich bloß«, fuhr Aldo sie an. »Hier ist's besser als zu Hause. Außerdem wolltest du ja unbedingt kommen, vergiss das nicht.«

Nina hob die Schultern.

Andreas beobachtete sie aufmerksam, dann meinte er: »Nach dem Abendessen macht ihr Ordnung in euren Zimmern. Wenn ich mit allem zufrieden bin, treffen wir uns in unserer Küche. Sagen wir – so gegen neun Uhr?«

Die drei nickten.

»Wo ist Sakiko?«, fragte Andreas.

»Hier bin ich! Meine Mutter kann einfach nie pünktlich sein! Entschuldige, Andreas, ich bin nicht schuld, dass ich zu spät komme.« Außer Atem ließ sich das Mädchen auf einen Stuhl fallen.

»Schon gut«, sagte Andreas. »Beruhige dich erst mal. Schau, das ist Aldos kleine Schwester Nina. Sie ist so alt wie Naomi und wird bei ihr im Zimmer wohnen.«

Sakiko nickte. »Herzlich willkommen«, sagte sie. »Es gefällt dir bestimmt bei uns.«

Nina lachte. »Na, hoffentlich! Du schaust anders aus. Kommst du aus Japan?«

Sakiko stutzte. »Bist du immer so direkt?«

»Ja«, antwortete Nina. »Bist du nun aus Japan oder nicht?«

»Meine Mutter ist Japanerin, mein Vater Deutscher«, antwortete Sakiko und schloss so entschieden den Mund, dass Nina nicht mehr weiterfragte.

»Wann kommt unser fünfter Mann?«, wollte Naomi wissen.

Andreas hob die Schultern. »Später. Die Einzelheiten erfahrt ihr heute Abend. Aber nun kommt, es gibt Essen.«

Sie polterten die Treppe hinunter, liefen über den Hof und fünf Stufen hinauf und hatten den Pavillon erreicht, in dem sich die Küche und die beiden Speiseräume befanden.

Leise ging es da nie zu.

Aber heute, am Abend der großen Anreise, herrschte Chaos. Die Neuen wussten nicht, wohin sie sich setzen konnten. Sie schauten sehnsüchtig auf die Körbe mit dicken Brotscheiben, die Teller mit sahnig weißer Butter, die Platten mit appetitlich ausgelegten Wurst- und Käsescheiben. Sie standen rum, ließen die Arme hängen und die Augen wandern und schluckten verzweifelt.

Die Großen aber ließen sich an den Tischen nieder, schoben sich Körbe, Schalen und Platten zu, luden ihre Teller bis zum Rand voll, drehten sich dann um und fragten höflich: »Sagt mal, habt ihr keinen Hunger?«

Nina schaute verständnislos auf ihren Bruder. »Sind die immer so fies?«

Aldo fasste sie am Arm und zog sie neben sich auf einen freien Stuhl.

»Nur am ersten Abend ist das so. Das gehört zur Tradition, mach dir nichts draus.«

»Warum? Das versteh ich nicht.«

»Kein Mensch versteht das, aber es gehört eben schon immer dazu. Man will den Neuen zeigen, dass sie sich einfügen müssen und sich nicht allzu wichtig nehmen dürfen. Die Großen sagen damit nur, wo's langgeht.«

Er schob ihr Brot und Butter hin.

»Hier, halt dich ran, du stehst sonst wirklich hungrig vom Tisch auf. Möchtest du Apfelsaft? Moment mal, der Krug ist leer, ich fülle ihn in der Küche auf.«

Einen Augenblick lang sah Nina ihrem großen Bruder nach, dann befolgte sie seinen Rat: Sie hielt sich ran.

Sie stopfte sich die Wurst ohne Brot in den Mund, kaute, schob ein Stück Käse nach, eine weitere Wurstscheibe und verschluckte sich heftig, als sie unsanft hochgezogen wurde.

»Hast wohl die Manieren zu Hause gelassen?«, fragte ein Großer und starrte sie grimmig an.

Eine Hand packte sie am Kinn und drehte ihren Kopf langsam nach rechts und links.

»Was siehst du da?«, fragte ein zweiter Großer.

Hilflos hob Nina die Schultern. Sie konnte ja nichts sagen, die Hand, die ihr Kinn umklammert hielt, hinderte sie am Sprechen.

»Du siehst also nichts. Dann sag ich dir, was du sehen solltest: Da sitzen jede Menge Leute, klar?«

Nina nickte.

»Du siehst die Leute«, fuhr der Große fort. »Das ist schon mal gut. O.k., du siehst auch, dass alle diese Leute Hunger haben, klar?«

Wieder nickte Nina.

Inzwischen war da so was Feuchtes, Wässriges in ihren Augen, Tränen mussten das sein. Mist noch mal! Sie blinkerte und trat nach dem Schienbein des Jungen, der sie so in der Zange hatte.

»Kick nicht«, sagte der. »Die Tricks kennen wir, klar? Jedenfalls – alle Leute wollen satt werden. Aber niemand möchte nur leeres Brot essen, jeder will Wurst und Käse, kapierst du das?«

Nina nickte.

»Warum packst du dir dann den Belag ohne Brot in den Mund, he? Wir sind eine Gemeinschaft. Niemand denkt nur an sich. Jeder denkt auch an die anderen.«

Der Junge ließ Nina los und sagte zu Aldo, der den Krug auf den Tisch stellte: »Ich musste deiner kleinen Schwester mal kurz das zwölfte Gebot beibringen.«

»Willi! Hoffentlich hast du sie nicht zu grob angefasst!« Aldo legte Nina den Arm um die Schultern.

»Keine Sorge«, antwortete der Große. »Ich bin ganz zart mit ihr umgegangen.«

Zart!, dachte Nina wütend. Wenn das zart war – was ist dann grob? Sie schluckte den Rest der Wurst hinunter und schielte nach dem Brot.

Willi hielt ihr den Korb unter die Nase. »Greif nur zu«, forderte er sie väterlich auf.

Nina nahm eine Scheibe heraus. Es war die letzte. Junge, da hab ich noch mal Glück gehabt!, dachte sie und legte die Scheibe auf ihren Teller. Dann klatschte sie ein Stückchen Butter darauf.

Noch immer hielt ihr Willi den Brotkorb unter die Nase.

Fragend schaute Nina hoch.

»Dreizehntes Gebot«, sagte Willi fröhlich. »Wer das letzte Stück oder die letzte Portion nimmt, holt Nachschub.«

»Komm, wir gehen gemeinsam«, schlug Aldo vor und griff nach dem Brotkorb.

»Sag mal«, meinte Nina. »Wenn man da alleine herkommt, so wie du vor ein paar Jahren, dann ist das ja verdammt schwer, oder?«

Aldo nickte. »Anfangs machst du alles falsch.«

»Mann, du tust mir jetzt noch Leid«, sagte Nina und fügte nach kurzem Nachdenken hinzu: »Ich mir aber auch ...«

Als der Korb randvoll gefüllt war und sie schon wieder auf dem Weg zum Tisch waren, blieb Nina plötzlich stehen.

»Welches Gebot haben die mir beigebracht? Das dreizehnte? Das ist das Nachschubgebot. Dann gab's noch das zwölfte. Das versteh ich alles nicht. Warum fangen die bei zwölf an?«

»Die ersten zehn kennst du doch«, sagte Aldo. »Nun komm schon, die anderen warten.«

»Moment mal!« Nina blieb stehen. »Klar kenne ich die Zehn Gebote, ich musste die sogar auswendig lernen. Aber das elfte fehlt. Wie heißt denn das?«

Aldo zerrte sie mit. »Das lernst du noch kennen, das ist das Wichtigste von allen, das kann ich dir sagen!«

2

Am Ende der Mahlzeit wirbelten in Ninas Kopf die vielen Eindrücke durcheinander: die Entschiedenheit, mit der man um seinen Teil des Essens kämpfen musste ... Die unnachahmlich selbstbewusste Art, mit der die Großen die Kleineren behandelten ... Die vergnügte Wendigkeit, mit der sich die Jüngeren den Älteren entzogen ... Die abenteuerlichen Haarschnitte und die Strähnchen in allen nur denkbaren Papageienfarben ...

Doch zwischen diesen bunten Vögeln hatte sie ein Mädchen bemerkt, das selbst hier völlig aus dem Rahmen fiel.

»Sag mal ...« Sie drehte sich um, doch Aldo war verschwunden. Also wieselte sie zwischen den anderen hindurch, bis sie neben dem auffällig gekleideten Mädchen stand und es genau betrachten konnte.

Der Gesamteindruck war Schwarz.

Schwarz die Haare, die wie Spikes vom Kopf abstanden; schwarz umrandet die Augen; schwarz das sackähnliche Gewand, das auf dem Boden schleifte; und schwarz die komischen Handschuhe, die zwar die Finger mit den rabenschwarz lackierten Nägeln ausließen, dafür aber bis zum Ellbogen hinaufreichten.

Im Kontrast dazu schien das Gesicht weiß, die Lippen jedoch waren blutrot geschminkt.

Nina schüttelte den Kopf. Die war cool!

»Wahnsinn«, sagte jemand neben ihr. »Total abgehoben!« Zwei Mädchen drängelten sich an ihr vorbei.

Plötzlich fühlte sich Nina einsam. Sie hätte gerne jemandem ihre Eindrücke mitgeteilt. Aber da war niemand, der auf sie wartete, niemand, der mit ihr redete, niemand, der ihr sagte, was sie jetzt zu tun hatte.

Was tat man nach dem Abendessen? Unschlüssig blieb sie stehen. Einer trat ihr ans Schienbein, ein anderer rempelte sie an, ein Dritter sagte: »Du stehst im Weg, Kleine.«

Dabei müsste doch ihr Bruder sich um sie kümmern. Oder die anderen Leute aus ihrer Wohn- und Schlafgemeinschaft. Oder Andreas!

Nina schluckte schwer.

Sie wünschte sich, zu Hause vor dem Fernseher auf dem Boden zu liegen und zu hören, wie ihre Mutter in der Küche herumhantierte. Dabei hatte es sie immer furchtbar gestört, wenn ihre Mutter mit dem Geschirr klapperte und sie deshalb den Ton ganz laut stellen musste, bis ihre Mutter jedes Mal protestierte ...

Nina lächelte. jetzt musste ihre Mutter nicht mehr über den Lärm aus dem Fernseher schimpfen ... Ob sie ihre Tochter vielleicht auch ein wenig vermisste?

Sie lief in Gedanken versunken aus dem Speisesaal, die kleine Treppe hinunter, den Weg entlang, zum Hoftor hinaus und in den Wald.

Auf einmal hörte sie leise Stimmen und Gekicher, Zweige knackten, Blätter raschelten.

Sie verbarg sich hinter einem Busch, drückte behutsam das Geäst auseinander und lugte hindurch.

Zwei Jungen, beide etwas älter als sie, zerrten an einem Strick, der von einem Baum hing. Eine Tasche schwebte nach unten. Die beiden öffneten diese, holten eine Flasche heraus, schraubten den Verschluss ab, setzten sich ins Gras und nahmen nacheinander einen großen Schluck. Dann zündeten sie eine Zigarette an und ließen die hin und her gehen.

In dem Moment trat Nina auf einen Zweig.

Einer der beiden sprang auf. Noch bevor sie sich in Sicherheit bringen konnte, hatte der Junge sie gepackt. Er schüttelte sie grob.

»Was machst du denn hier? Bist wohl ein kleiner fieser Spion?«, fragte der eine.

»Die kenne ich nicht. Das ist eine Neue auf der Pirsch«, stellte der andere angewidert fest. »Die schnüffelt uns nach und will uns verpetzen. Nee, Kleine, so geht das nicht.«

Der andere drehte ihr den Arm auf den Rücken.

»Au!«, schrie Nina. »Ich hab euch nicht nachspioniert, ich bin ganz zufällig vorbeigekommen, ehrlich!«

Die beiden lachten nur.

Nina duckte sich und versuchte sich loszureißen.

»Nichts da«, sagte der eine und drehte ihren Arm noch ein wenig nach oben. »Versprich, dass du uns nicht verrätst.«

Nina nickte und biss die Zähne zusammen.

»Wenn du uns verpfeifst, geht's dir mächtig schlecht«, sagte der andere. »Kapiert?« Er schubste sie von sich.

Nina rannte, so schnell sie konnte. Sie erreichte das Haus, stolperte die Treppe hinauf, wollte sich nur noch aufs Bett werfen.

Aber sie lief Aldo und Andreas direkt in die Arme. Die beiden zogen sie zu den anderen in die Wunderbar, drückten sie auf einen Stuhl und lächelten mitleidig.

»Ich sehe, jemand hat dir bereits das elfte Gebot beigebracht«, stellte Andreas fest. »Man darf sich nie erwischen lassen, weder von Lehrern noch von Mitschülern!«

Naomi reichte ihr ein Papiertaschentuch. »Hast du nicht gesagt, du bist in deiner alten Schule so ein richtig fieser Störfaktor gewesen? Bist du in den Ferien etwa brav geworden?«

Nina schüttelte den Kopf. »Aber die waren so gemein«, stieß sie hervor. »Ich hatte überhaupt keine Chance ...«

»Jetzt tut sie sich auch noch Leid«, stellte Naomi verächtlich fest.

»Nee, so geht das nicht. Ein Kämpfer musst du sein, nicht ein Opfer. Aber ich denke, du lernst das noch.«

Andreas lachte. »Ich erinnere mich daran, wie oft du in der ersten Woche hier gesessen hast, Naomi, und Rotz und Wasser geheult hast. Ich muss sagen, du hast eine Menge gelernt!«

Naomi nickte. »Lass dich nicht unterkriegen. Wenn du das elfte Gebot beachtest und dich nie erwischen lässt, überlebst du hier. Wenn nicht, geh lieber heute als morgen.«

»Davon hast du mir nichts gesagt«, meinte Nina und sah ihren großen Bruder kummervoll an. »Warum hast du mich nicht gewarnt?«

»Das hätte doch nichts genützt«, antwortete Aldo. »Aus der Ferne versteht man das nicht.«

Andreas sprang auf.

»Ihr Lieben, morgen beginnt wieder der Ernst des Lebens. Beseitigt also heute noch das Chaos in euren Zimmern. In einer Stunde will ich die perfekte Ordnung vorfinden.«

Naomi verzog das Gesicht und sagte zu Nina: »Ich hab schon Platz gemacht im Zimmer, der linke Schrank, die rote Kommode und das Regal daneben gehören dir.« Sie wandte sich an Andreas. »Wo ist eigentlich Sakiko?«

Er ging über den Flur, riss eine Tür auf. Der Raum war in tadelloser Ordnung. Das Bett gemacht, kein einziges Kleidungsstück lag herum, die Schuhe standen ordentlich aufgereiht an einer Wand, die Bücher im Regal.

»Die muss es mir doch sagen, wenn sie weggeht«, knurrte Andreas. »Eine Stunde geb ich ihr. Aber dann! Jedenfalls mache ich jetzt Ordnung bei mir.«

»Der und Ordnung machen«, spottete Aldo. »Von uns allen ist Andreas der größte Chaot. Aber wenn er mal den Anfall bekommt und überall Sauberkeit sehen will, kannst du dich nur noch in Sicherheit bringen. Soll ich dir helfen, Nina? Du kannst schon mal das Bett beziehen.«

»Himmel! Wie macht man denn das?«

»Hallo!« Sakiko stand mit einem Mal in der Tür.

»Wo warst du?«, fragte Aldo. »Andreas hat dich vermisst.«

Sakiko lächelte. »Tatsächlich?«

Sie nickte Nina zu und verschwand.

»Seid ihr fertig?«, rief Andreas etwa eine Stunde später. »Kommt in die Küche!«

Sie zogen die Stühle an den Tisch und machten es sich bequem.

Andreas schenkte dampfenden Tee aus einer großen blau gepunkteten Kanne ein, reichte Kekse in die Runde und besah sich seine Mannschaft.

Jeder Lehrer – Lehrerinnen gab es nur sehr wenige – lebte mit fünf bis acht Schülerinnen und Schülern zusammen. Sie wohnten auf einem Stock und hatten gemeinsam eine kleine Kochnische und einen Aufenthaltsraum.

Gleich nebenan lag die Wohnung von Andreas, die aus einem Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer, einem Bad und einer eigenen Küche bestand. Die benutzte er aber nur zum Tee- oder Kaffeekochen.

Andreas gab nicht nur Unterricht, er war auch zuständig für alle Arten von Schulproblemen, er tröstete bei Heimwehanfällen und Liebeskummer, er hatte dafür zu sorgen, dass das Zusammenleben in seiner Gruppe reibungslos funktionierte.

Aldo war der Älteste und ging in die zehnte Klasse. Nun war seine Schwester Nina neu hinzugekommen und bewohnte mit Naomi, der Irin, ein Zimmer. Das war vernünftig, da sie in dieselbe Klasse gehen würden. Sakiko war dreizehn und besuchte die siebte Klasse.

In wenigen Wochen würde Curt als Fünfter die Wohngemeinschaft komplett machen. Warum er es zu Schuljahresbeginn nicht schaffte, wusste der Himmel, es war jedenfalls mehr als ungewöhnlich.

3

Andreas hieß Nina nun erst richtig in der Wunderbar-Gemeinschaft willkommen. »Ich denke, dein großer Bruder wird dir das meiste zeigen.«

»Was ist, wenn er nicht da ist? Oder wenn ich mit ihm streite?«

»Dann kommst du zu mir.«

»Auch nachts?«

»Auch nachts. Aber lieber ist mir natürlich, wenn du tagsüber kommst.«

Nina nickte.

»Am besten lässt du dir von Naomi sagen, was hier im Internat erlaubt ist und was nicht. Zum Beispiel werden hier überhaupt keine Haustiere geduldet.« Andreas überlegte. »Ach ja, Naomi: Du hast doch hoffentlich kein Tier mitgebracht, so wie letztes Mal. Oder hast du ein Pfötchen gebendes, garantiert nicht spuckendes fünfhöckriges Kamel dabei? Ein ringelgeschwänztes lila Löwenkrokodil? Ich bin auf alles gefasst.«

»Das ist gut.« Naomi grinste. »Es ist nur eine süße, winzig kleine, ganz normale Schildkröte. Sie heißt Piccolo.«

»Was?«

»Picco schläft in einem Stiefelkarton und ernährt sich in der Hauptsache von Salatblättern. Oder Bananen. Oder Apfelstückchen. Alles kein Problem.«

Andreas war entsetzt. »Wo ist sie, wenn sie nicht schläft?«

»In meinem Zimmer. Wo sonst?«

»Warum hast du sie mitgebracht, obwohl du von dem ausdrücklichen Verbot wusstest?«

»Was hätte ich tun sollen? Sie hat unseren Nachbarn gehört, die sind aber in die Stadt gezogen. Und meine Mutter mag nur Tiere, mit denen sie sprechen kann. Sie hat gemeint, wenn die Schildkröte ›Guten Morgen, wie geht's, wie steht's?‹ sagen kann, nimmt sie Picco.«

Andreas raufte sich die Haare. »Eine Schildkröte wird nie stubenrein.«

»Na und? Wenigstens bellt sie dich nicht aus dem Schlaf. Niemand wird etwas von dem Tier erfahren, nur wir fünf wissen was davon.«

»Und die Putzfrauen?«

»Die Schildkröte kommt im Karton auf den Schrank. Da findet sie niemand.«

»Darüber müssen wir noch reden«, meinte Andreas. »Auf Dauer geht das nicht gut.«

»Zeigst du sie uns?«, bat Nina.

Naomi nickte und stand auf. »Sie ist so süß, ihr werdet sie sehen und lieben.«

Während sie in ihrem Zimmer verschwand, fragte Andreas: »Wo warst du nach dem Abendessen, Sakiko?«

»Ich war bei Laura und habe das Mädchen mit dem einen Bein gesehen.«

»Warum hat sie nur ein Bein?«, wollte Nina wissen.

»Das fragt man nicht«, antwortete Sakiko vorwurfsvoll.

»Warum nicht? Wenn jemand nur ein Bein hat, ist das unnormal. Also fragt man«, sagte Nina. »Denkst du so, weil du Japanerin bist?«

»Nina!«, rief Aldo.

»Wo bist du, Naomi? Kannst du das süße Tierchen nicht finden?«, rief Andreas. »Wir warten auf euch!«

»Ich komm ja gleich! Weiß der Himmel, wo ...« Sie hörten nur noch Rumoren, Möbelrücken, Ächzen und Stöhnen. Dann einen Schrei.

»Brauchst du Hilfe?«, rief Andreas.

»Nein ... ja, nein, bleib wo du bist, ich komme!«

Mit verrutschtem Pulli, völlig zerzaust, aber strahlend stellte Naomi das Tier auf den Boden.

Nina fand als Erste die Sprache wieder. »Findest du die klein? Sie ist groß, ehrlich.«

»Das ist ein Riesentier!«, brüllte Andreas. »Wie hast du die nur durch die Kontrollen gebracht?«

»Och, das war kein Problem. Ich hab sie mit den Schlaftropfen meiner Mutter betäubt und in meinen Schulrucksack gesteckt. Auf dem Flughafen hat mich einer gefragt, was da drin ist, und ich hab gesagt, mein Kuscheltier. Das stimmt ja auch, oder?«

»Kuscheltier«, wiederholte Andreas erschüttert. Er schaute auf die Uhr. »Oh Gott. Ihr müsst in die Federn. Heute können wir das nicht mehr regeln. Aber morgen reden wir noch einmal darüber. Los, ab mit euch!«

In der Nacht schlief Nina sehr schlecht, immer wieder schreckte sie hoch. Und dann, als sie gegen fünf überhaupt nicht mehr schlafen konnte, kroch sie leise aus den Federn, tappte ins Zimmer ihres großen Bruders und schlüpfte zu ihm unter die Decke. Der wachte nicht einmal auf.

Erst als sein Wecker klingelte und er noch im Neunzehntelschlaf das schrille Scheppern abstellen wollte, sah er ein Stückchen orangegelben Schlafanzug. Auf dem Stoff hüpften lila Kängurus über rote und blaue Grasbüschel. Ihm war sofort klar, dass nur seine kleine Schwester so einen blödsinnigen Schlafanzug tragen konnte.

Er wuschelte durch ihre Haare. »He! Aufwachen!«

Nina regte sich nicht. Aldo stieg aus dem Bett und warf die Decke über einen Stuhl.

Nina schlief.

Er schimpfte vor sich hin, hob seine Schwester hoch, warf sie sich über die Schulter und trug sie rüber in ihr Zimmer. Dort erst wachte sie auf.

Naomis Fußsohlen schauten unterm Bett vor.

»Was suchst du denn?«

»Picco!«, lockte Naomi. »Piccolo! Nun komm schon! Es gibt Frühstück! Hammhamm, Schappischappi, Guddiguddi, Schmatzschmatz. Lauter feine Sachen für mein Goldtierchen!«

»Mein Gott, das Schildkrötenvieh!«, stieß Aldo hervor und verließ fluchtartig das Zimmer.

»Autsch!«, brüllte Naomi unterm Bett. »Willst du das wohl bleiben lassen, Mistvieh, blödes?«

Sie robbte rückwärts, saß endlich mit der Schildkröte neben sich auf dem Fußboden und blies auf ihren Zeigefinger. »Mann, kann die zubeißen«, sagte sie empört. »Das Biest ist nicht mal dankbar, dass ich ihm das Frühstück serviere!«

Nina gähnte. »Warum ist sie nicht in ihrem Schlafkarton auf dem Schrank? Hast du sie rausgelassen?«

»Natürlich nicht, ich hab vergessen den Karton hochzustellen. Irgendwie hat sie sich in der Nacht rausgestrampelt und einen Spaziergang durchs Zimmer unternommen. Wir müssen ihr eine richtig feste Holzkiste beschaffen, aus der sie nicht ausbrechen kann.«

»Seid ihr fertig?« Sakiko streckte den Kopf ins Zimmer. »Mein Gott, ihr seid ja noch im Schlafanzug. Wollt ihr kein Frühstück?«

»Ich werd ohnmächtig, wenn ich morgens nichts esse«, stellte Naomi entschieden fest. »Wartest du auf uns? Wir sind gleich fertig.«

»Ausnahmsweise«, meinte Sakiko gnädig und setzte sich auf Ninas Bett.

Naomi schlüpfte in die Jeans. »Statt nur blöd rumzuwarten, könntest du Piccos Schachtel auf den Schrank stellen«, sagte sie. »Wenn die Putzfrauen das arme Tier finden, machen sie einen Aufstand. So, ich wasche mich nach dem Essen. Wie weit bist du, Nina?«

»Fertig.« Sie fuhr sich noch rasch mit dem Kamm durch die Haare.

»Wo ist Aldo?«

»Er ist immer der Erste, wenn es ums Essen geht.«

Sie polterten die Treppe hinunter.

Von allen Seiten schlurften verschlafene Gestalten in Richtung Speisesaal. Sie zeigten erst Leben, als sie vor den Müslis und Broten, vor Milch und Obst standen.

Sakiko stieß Naomi den Ellbogen in die Seite.

»Da ist sie«, flüsterte sie und deutete mit dem Kinn zum Eingang.

»Wer?«, fragte Naomi mit vollem Mund.

»Pst«, flüsterte Sakiko. »Siehst du das Mädchen mit dem einen Bein?«

»Da steht jemand mit einem langen Rock – meinst du etwa die?«

»Ja, die meine ich«, wisperte Sakiko.

»Weißt du, wie sie heißt? Wie alt sie ist? In welche Klasse sie geht?«, fragte Naomi interessiert und ließ das Mädchen nicht aus den Augen.

»Irene heißt sie und geht in die Neunte. Mehr weiß ich nicht«, sagte Sakiko und stand auf. »Ich muss rüber und meine Sachen richten. Tschüs bis zum Mittagessen.«

Naomi knurrte etwas, löffelte den Teller leer und wartete auf Nina, bis die ihren Kakao ausgetrunken hatte.

Aldo stand am Eingang und winkte ihnen heftig zu.

»Kommt schnell, in eurem Zimmer ist der Teufel los!«, rief er über die Köpfe weg.

»Was ist passiert?«

»Das süße kleine Kuscheltier ist wieder ausgerückt. Ihr habt die Zimmertür aufgelassen!«

»Zum Donnerwetter, die Schachtel stand auf dem Schrank!«, schrie Naomi. »Wie kommt das Biest runter?«

Sie rasten los.

Andreas stand fluchend in der Kochnische und sammelte mit spitzen Fingern den Abfall ein. »Haben wir nicht vereinbart, dass du dein Tier ausbruchsicher unterbringen musst?«, fuhr er Naomi an. »Ich komme nichts ahnend in die Wunderbar, stolpere über Piccolo, und was macht deine süße Kröte? Sie rumst gegen den Abfalleimer, stößt ihn um und bevor ich weiß, was sie vorhat, ist sie verschwunden. Weiß der Himmel, wo sie jetzt steckt.«

»Und bei uns stehen immer alle Türen offen«, sagte Naomi entsetzt. »Na ja, die Treppe wird sie nicht hinuntergesprungen sein.«

»Wer weiß? Die Schrankhöhe hat sie jedenfalls nicht geschreckt«, schimpfte Andreas.

»Jetzt müssen wir Picco suchen, wir sind noch nicht gewaschen und in wenigen Minuten beginnt der Unterricht«, stellte Naomi verzweifelt fest. »Wie sollen wir denn das alles schaffen?«

Andreas rieb sein Schienbein. »Ihr müsst hexen«, sagte er kalt und ließ sie stehen.

Nina und Naomi sahen sich schweigend an. Sie hörten Türenschlagen, Poltern und eilige Schritte – das Haus leerte sich.

Naomi seufzte.

»Los«, sagte Nina. »Es hilft alles nichts. Wir müssen sie suchen; ein Glück, dass sie nur auf dem Fußboden sein kann.«

Sakikos Zimmer war vorbildlich aufgeräumt. »Hier ist sie garantiert nicht, hier gefällt es ihr nicht, da ist es ja viel zu ordentlich«, meinte Nina und Naomi nickte.

»Direkt ungemütlich ist es«, bestätigte diese.

Da sah es in Aldos Zimmer ganz anders aus. Wäsche und Kleidungsstücke vom Tag zuvor waren rund ums Bett verstreut, die Bettdecke hing noch immer halb überm Stuhl und halb auf dem Boden. Hier wurden sie auch fündig: Picco hatte sich ein warmes Nest zwischen den Federn geschaffen.

Mit der Schildkröte im Arm rasten sie in ihr Zimmer und stellten fest, dass der Schlafkarton nicht mehr zu gebrauchen war.

»Wohin mit ihr?«, fragte Naomi verzweifelt.

Nina riss die Schranktür auf, zerrte ihre Sporttasche heraus, setzte Piccolo hinein, zog den Reißverschluss zu, stellte die Tasche wieder in den Schrank, warf die Tür zu, drehte den Schlüssel und sagte zufrieden: »So. Nun kann sie schlafen, bis wir aus der Schule kommen. Welche Bücher und Hefte soll ich mitnehmen?«

»Den Block und das Mäppchen«, antwortete Naomi rasch. »Komm, wir müssen schnell los.«

Zum Glück ging ihr verspätetes Kommen im allgemeinen Tohuwabohu unter. Sie suchten sich einen Tisch, an dem sie gemeinsam sitzen konnten.

Kurz vor der großen Pause wurden sie unruhig. »Rennen wir rüber?«, flüsterte Nina.

Naomi nickte. »Klar, wir müssen nachsehen, ob sie noch lebt. Meinst du, sie bekommt genug frische Luft in der Tasche?«

»Bestimmt«, meinte Nina zuversichtlich. »Viel braucht sie ja nicht.«

Sie sausten über den Hof, dann die Treppen hoch und in ihr Zimmer. Sie stellten fest, dass die Putzfrauen schon sauber gemacht hatten, rissen die Schranktür auf und holten die Tasche heraus: Da war sie, die Schildkröte, hatte den Kopf unterm Panzer verborgen und schlief friedlich.

»Gott sei Dank!«, rief Naomi. »Ich wusste ja, dass sie brav ist wie ein Engel!«

Sie stellten behutsam die Tasche zurück, schlossen den Schrank und auch die Zimmertür und schlenderten Arm in Arm zurück in ihr Klassenzimmer.

4

Beim Mittagessen setzten sich alle von der Wunderbar-Gemeinschaft an einen Tisch: Andreas, Aldo, Sakiko, Nina und Naomi. Die belegte gleich noch einen weiteren Stuhl und sprang auf, als sie das Mädchen, das nur ein Bein hatte, kommen sah. Sie winkte und machte ihr Zeichen, sich neben sie zu setzen. Doch diese schüttelte den Kopf und setzte sich ganz allein an einen Tisch in der Ecke.

»Mann, ist die blöd«, sagte Naomi. »Die merkt nicht mal, wenn man's gut mit ihr meint.«

»Schüchternheit ist das nicht; die hat schon viele schlechte Erfahrungen gemacht, die Arme.«

»Du musst ihr Zeit geben«, rief Andreas.

»Wann hat sie denn das Bein verloren?«, fragte Naomi. »Weißt du etwas darüber? Und warum?«

»Ich hab keine Ahnung«, sagte Andreas. »Warum interessierst du dich so für sie?«

»Weil sie mir Leid tut«, sagte Naomi knapp. »Darum.«

Nach dem Mittagessen wurde die Post ausgeteilt.

An ihrem Tisch erhielt nur Andreas einen Brief.

Er drehte und wendete ihn, bemerkte, dass kein Absender draufstand und der Brief außerordentlich dünn war.

»Spannend«, sagte Nina. »Mach ihn bitte gleich auf, ja?«

Andreas lachte und öffnete das Kuvert.

Er griff hinein, runzelte die Stirn, schüttelte den Umschlag – und heraus fiel ein Stückchen Pappe.

»Seltsam«, sagte er, sah es an und reichte es Aldo. »Kannst du etwas damit anfangen?«

Aldo legte es auf seine Handfläche. »Das ist ein Puzzlestück. Es zeigt ein Auge.«

»Lass sehen!« Nina griff danach und schüttelte den Kopf. »Das ist wirklich komisch«, stellte sie fest.

Das Puzzleteil ging von Hand zu Hand, doch niemand fand dafür eine Erklärung.

»Ich wette, jemand erlaubt sich einen Scherz«, sagte Aldo. »Wirf's doch einfach in den Abfall.«

Andreas nickte, aber dann steckte er es doch in die Hosentasche.

Gemeinsam gingen sie in ihre Wohnung zurück. Naomi und Nina mussten Andreas versprechen sich um die Schildkröte zu kümmern.

»Und wo, bitte, bekommen wir eine hölzerne Kiste für sie?«, fragte Naomi.

»Fragt in der Küche, vielleicht gibt es eine leere Obstkiste. Oder erkundigt euch in der Schreinerei. Ich bin sicher, irgendwo könnt ihr etwas aus Holz für das Tier auftreiben. Auf jeden Fall möchte ich es heute Abend sehen. Da bin ich unerbittlich«, sagte Andreas. »Habt ihr schon Hausaufgaben zu machen?«

Die beiden schüttelten die Köpfe. »Am ersten Tag – das wäre ja noch mal schöner«, meinte Nina.

Sie machten die Zimmertür hinter sich zu. »Wahrscheinlich hat die Schildkröte meine schöne neue Sporttasche als Klo benutzt. Wir hätten sie mit Papier auslegen sollen«, klagte Nina.

»Mit Papier auslegen! Weißt du nicht mehr, in welcher Hektik wir waren?«

Plötzlich hörten sie ein merkwürdiges Geräusch. Die beiden zuckten zusammen. »Was war das?«

»Jemand klopft gegen die Wand ... oder ...« Sie lauschten. »Picco! Es ist Piccolo! Er will raus, der arme Kleine!«

Naomi stürzte zum Schrank, holte die Tasche heraus, öffnete den Reißverschluss und griff nach der Schildkröte.

»Autsch!«, brüllte sie. »Jetzt hat er mich schon wieder gebissen!« Sie hob ihn am Panzer hoch. »Du!«, sagte sie. »Ich bin total sauer auf dich! Ich meine es nämlich gut mit dir, weißt du das nicht? Schau mich an: Ich bin nicht dein Feind. Ich bin deine Freundin, klar?«

Ein kleines Würstchen fiel zu Boden.

Nina lachte. »Der sch... auf dich! Der will dich nicht zur Freundin!«

Naomi schüttelte ihre Schildkröte.

Dann streckte sie den Zeigefinger vor, um Piccolo unterm Kinn zu streicheln. Er öffnete das Maul und fauchte.

»Huch!«, schrie Naomi und setzte sie auf den Boden.

Piccolo reckte den Hals, schaute sich kurz um, raste los und verschwand unterm Schrank.

»Die Kröte leidet unter Verfolgungswahn«, sagte Nina. »Wir lassen sie am besten in ihrem Versteck und suchen erst mal eine Kiste. Kommst du mit?«

Nina nickte.

Die Köchin fragte nicht mal, wozu sie die Kiste wollten, sie winkte ihnen mitzukommen und deutete in einem Abstellraum auf einen wirren Haufen.

»Da, sucht euch eine aus«, sagte sie nur und verschwand wieder in ihrer Küche.

»Die nehmen wir«, entschied Naomi und zerrte ein besonders stabiles Exemplar heraus.

»Woher bekommen wir das Zeitungspapier zum Auslegen?«, fragte Nina.

»Von Andreas. Mal sehen, ob er da ist.«

Seine Wohnung war leer. Naomi fand mehrere Tageszeitungen auf seinem Schreibtisch, nahm den Anzeigenteil heraus und meinte: »Die Blätter braucht er nicht mehr.«

Sie schrieb auf einen kleinen gelben Zettel:

»Lieber Andreas, wir haben einen Teil deiner Zeitungen für Picco genommen. Vielleicht lernt er lesen, auf jeden Fall soll er aber darauf sch... – du weißt schon. Vielen Dank.«

Sie klebte den Zettel an den Kühlschrank.

In ihrem Zimmer legten sie mehrere Lagen Papier in die Kiste, dann krochen sie unter den Schrank und zerrten und schubsten Picco energisch ans Tageslicht.

Sie setzten die Schildkröte in die Kiste. Picco verharrte einen Augenblick, dann aber rannte er wieder und immer wieder gegen die Wände seines Gefängnisses. Er schien nicht zu begreifen, dass es keinen Ausweg gab.

»Nun sei doch vernünftig«, sagte Naomi. »Es ist nur zu deinem Besten!«

Nina lachte. »Das sagt meine Mutter auch immer, wenn ich etwas tun muss, was ich nicht will!«

Naomi schob die Kiste unter ihren Schreibtisch, zog den Pulli glatt und sagte: »So, Picco ist versorgt. Jetzt kümmere ich mich um das Mädchen mit dem einen Bein. Sie heißt Irene, das hab ich schon herausgefunden.« Und weg war sie.

Nina sah ihr verdutzt nach. Dann wollte sie zu ihrem Bruder, der war jedoch nicht in seinem Zimmer. Auch Sakiko war nicht da. Sie lief weiter und sah, dass nun die Tür zu Andreas' Wohnung offen stand. Sie klopfte, hörte das »Herein!« und rief: »Andreas, darf ich dich besuchen?«

»Komm nur!«, antwortete er. »Hast du Kummer?«

»Nö«, sagte Nina und schaute sich in seinem Arbeits- und Wohnzimmer um. »Mir ist nur langweilig ...«

Andreas lachte. Er saß an einem großen Tisch, auf dem unzählige Bücher, Hefte, Dias, Karten, Atlanten und alle Arten von Schreibzeug lagen.

»Ich mache immer noch Ordnung«, erklärte er gut gelaunt. »Schade, dass du mir nicht helfen kannst. Möchtest du eine Tasse Tee mit mir trinken?«

»Gerne«, sagte Nina. »Naomi will Irene suchen.«

Andreas nickte. »Naomi ist sehr hilfsbereit. Seitdem sie bei uns ist, sorgt sie entweder für ein Tier oder für eine Kameradin oder für beides. So, hier ist dein Tee. Möchtest du Zucker?«

»Hallo, dürfen wir auch kommen?«, rief Naomi. »Ich habe Irene mitgebracht.«

»Nur hereinspaziert!«, antwortete Andreas lachend. »Ob ich von einer oder von dreien gestört werde, macht keinen Unterschied. Wollt ihr auch etwas trinken?« Er schaute sich um. Alle Sitzmöglichkeiten waren zugepflastert.

»Mach dir keine Mühe«, sagte Naomi großzügig. »Wir setzen uns auf den Boden.

Für Irene war das gar nicht so einfach. Sie stützte sich mit beiden Händen ab, ließ das künstliche Bein langsam vorwärts gleiten und winkelte das andere Bein an.

»Hast du schon immer nur ein richtiges Bein?«, fragte Nina.

Irene zuckte zusammen.

»Ich meine«, setzte Nina erklärend hinzu, »ist doch klar, dass einen so was interessiert, oder?«

Irene sagte nichts.

Andreas öffnete einen Schrank und holte eine Tafel Schokolade heraus. »Hier«, sagte er munter. »Greift zu, solange etwas da ist.«

»Danke, ich esse keine Süßigkeiten«, sagte Irene.

»Magst du nur Essiggurken?«, wollte Nina wissen.

Irene war nahe daran aufzustehen. Sie blickte finster auf ihr Bein und antwortete: »Ich hasse Essiggurken!«

»Ich nicht«, antwortete Nina ungerührt. »Ich mag alles. Nun sag schon, was mit deinem Bein passiert ist.«

»Merkst du denn nicht, dass sie nichts sagen will?«, fuhr Naomi Nina an.

»Klar merke ich das«, sagte Nina. »Aber irgendwann muss sie es sagen. Dann ist es doch besser, sie tut es gleich, oder?«

Jetzt lächelte Irene. Gegen Ninas Direktheit war man machtlos. »Es war ein Unfall«, antwortete sie. »Vor einem Jahr. In den Sommerferien. Es ... ich ... ich mag nicht drüber sprechen.«

»Ein Autounfall?«, fragte Nina unbeirrt weiter.

Irene schüttelte den Kopf. »Nein. Mit dem Moped. Mein Cousin hatte sich eines gekauft. Er wollte es mir zeigen, ich hab mich hinten draufgesetzt ...«

»Dann hat er blödsinnig die Kurve gekratzt und einen Unfall gebaut«, ergänzte Nina.

»Nein.« Irene redete nur stockend weiter. »Jemand hat die Vorfahrt missachtet. Mein Cousin ist ... er ist ... er lebt nicht mehr.«

»Ach du große Sch...!«, rief Nina. »Das tut mir Leid! Aber da siehst du, wie man sich täuschen kann. Wir hätten wahrscheinlich alle etwas ganz Falsches von dir gedacht. Himmel, tut mir das Leid!«

»Kein Wunder, dass du darüber nicht sprechen willst«, meinte Andreas.

Sie schwiegen.

Schließlich sagte Naomi: »Möchtest du unsere Schildkröte sehen?«

»Eine Schildkröte«, wiederholte Irene leise. »Mein Cousin hatte auch eine Schildkröte.«

»Es ist eine andere«, erklärte Naomi freundlich. »Sie heißt Piccolo. Komm, schau sie dir an, wir müssen sie sowieso füttern, nicht wahr, Nina?«

»Klar.« Nina sprang auf, schaute kurz auf Irene, half ihr aber nicht.

Auch Naomi wartete, bis sich das Mädchen selbst hochgerappelt hatte.

Andreas beobachtete alle drei. »Kommt ihr wieder oder kann ich nun etwas arbeiten?«, fragte er nur.

»Du kannst gerne arbeiten«, meinte Nina gnädig. »Wir stören dich nicht mehr.«

Irene schaute sich im Zimmer von Nina und Naomi lange die Schildkröte an. Schließlich streckte sie einen Zeigefinger aus und strich behutsam über Piccos Panzer.

»Man hat mir gesagt, niemand darf ein Tier mitbringen.«

Naomi lachte. »Stimmt«, sagte sie. »Aber ohne mich wäre das arme Tier heimatlos gewesen. Also habe ich es mitgebracht. Was hätte ich sonst tun sollen?« Sie breitete dramatisch die Hände aus.

Irene lächelte. »Hoffentlich lebt sie sich hier ein.«

Naomi schaute sie mit schief gelegtem Kopf an. »Das fällt dir ziemlich schwer, nicht wahr?«

Irene nickte. »Nicht nur das Eingewöhnen«, sagte sie leise. »Tschüs dann, bis morgen.« Sie zog die Tür hinter sich zu.

Naomi sprang auf und rief ihr hinterher: »Zu uns kannst du immer kommen.«

5

Nina setzte Picco in die Kiste, legte ihm einen angebissenen Apfel vor die Nase und sagte zu Naomi: »Ich schau mir mal das Gelände an. Bis jetzt bin ich noch nicht dazu gekommen. Begleitest du mich?«

»Na klar!«

Naomi war in ihrem Element. Sie zeigte Nina das alte Gebäude, in dem das Rektorat, das Sekretariat, das Lehrer- und Elternsprechzimmer und die Wohnung des Rektors untergebracht waren.

Sie gingen durchs Schulgebäude. Sie setzten sich in der winzigen Kirche in eine Bank, sie zogen vorsichtig am Glockenseil. Sie schlüpften aus den Schuhen und badeten die Füße im Teich. Sie schauten in die Werkstätten und in die Scheune, in der Partys gefeiert wurden. Und auch das Hausmeisterhaus mit den Gästezimmern ließen sie nicht aus.

»Jetzt zeige ich dir auch etwas«, sagte Nina am Ende ihres Rundgangs geheimnisvoll. »Aber es kann gefährlich werden. Hast du Angst?«

Naomi schaute sie erstaunt an.

Nina führte sie in den Wald. Vor dem Baum, in dem sich das Versteck der beiden Jungen befand, blieb sie stehen, hob warnend die Hand und lauschte. Bis auf ein leichtes Rascheln der Blätter und ein paar Vogelstimmen war nichts zu hören.

»Pass auf«, sagte sie und schaute nach oben. Das Seil war gut getarnt, doch sie entdeckte es schnell.

Nina griff danach und zog.

»Was machst du da?«, wollte Naomi wissen.

Die Tasche schwebte herab.

»Wow! Gehört die dir?«

Nina kicherte. »Nein, natürlich nicht!«

»Was ist da drin?«

»Wirst du gleich sehen.« Sie griff nach der Tasche und öffnete den Reißverschluss. »Da schau«, sagte sie und holte zuerst die Flasche, dann ein Päckchen Zigaretten heraus. »Da ist noch was ...«, meinte sie verdutzt und hielt einen schmutzig braunen Umschlag in der Hand.

»Lass sehen«, sagte Naomi und griff danach. »Komisch sieht der aus, richtig geheimnisvoll.«

Vorsichtig machte sie ihn auf, schnupperte, überlegte, dann sah sie Nina an. »Weißt du, was das ist? Ich glaube, das ist Tabak oder so was Ähnliches.« Sie hob den Kopf. »Himmel, da kommt jemand!«

Sie warf das Päckchen in die Tasche, Nina zippte den Reißverschluss zu, ließ die Tasche baumeln und flüsterte: »Nichts wie weg!«

»Zu spät«, sagte der Junge, den Nina bereits vom Vortag kannte. »Du bist doch die Kleine, die uns gestern schon nachspionierte. Wen hast du denn heute mitgebracht?«

»Das ist die Naomi aus der Sechsten«, sagte ein zweiter Junge, und ein dritter meinte angewidert: »Hier gibt's ja wirklich kein Privatleben. Immer und überall latschen einem die Kinder vor die Füße.«

Der Erste griff wie beim letzten Mal nach Ninas Arm und drehte ihn ihr wieder auf den Rücken.

»Aua! Lass mich los! Sofort! Ich sag's meinem großen Bruder!«

Die Jungs lachten nur.

»Lass sie sofort los, Robert!«, schrie Naomi und warf sich auf ihn.

Die beiden anderen packten sie und hielten sie fest. »Was machen wir mit diesen Schnüfflern?«, fragte der Erste. »Die verpetzen uns garantiert.«

»Klar, ich sag überall, dass ihr Alkohol und Zigaretten und Tabak ...«

»Halt den Mund! Das wirst du nicht, ich warne dich!«

»Pah!«, rief Naomi wütend. »Glaubst du, du könntest mich einschüchtern? Ich lass mich von niemandem unterdrücken!«

»Ich auch nicht«, brüllte Nina dazwischen. »Mein Bruder ist viel älter als ihr, wenn der hört, dass ihr uns gequält habt, verprügelt er euch!«

»Wo wohnt denn dein großer Wunderbruder?«, fragte der Dritte. »Wohl in Amerika, was?«

»Quatsch! Das wär dir recht! Ha, der ist hier, hier im Internat!«

Die drei stutzten. »Hat der einen Namen? Der große Bruder?«, fragte der Zweite lauernd.

»Na klar!« Naomi riss sich los. »Schon mal was von Andreas gehört? Mathe und Physik? Bei dem wohnen wir alle. Ihr Bruder heißt Aldo. Er geht in die Zehnte.«

»Ach, der Aldo«, sagte der Dritte gedehnt. »Da schau her. Und warum passt der nicht besser auf euch auf?«

»Wir passen auf uns selbst auf!«

Der Junge schüttelte sie. »Das ist ein ziemlicher Misserfolg, würde ich sagen.«

Die drei schauten Nina und Naomi unschlüssig an.

Schließlich meinte einer: »Wenn wir euch gehen lassen, verpetzt ihr uns. Ihr hetzt uns die Lehrer auf den Hals und vielleicht auch noch Aldo. Das wollen wir nicht, klar? Wir müssen uns also was einfallen lassen.«

Nina hob lässig die Schultern. »Was können wir dafür, wenn ihr verbotene Dinge im Baum versteckt? Ihr – aua! Aua! Du tust mir verdammt weh!«

»Das will ich auch!«, zischte der Junge. »Warum steckt ihr eure Nasen in unsere Angelegenheiten? Die gehen euch nichts an!«

»Schrei nicht so rum«, meinte der Zweite. »Überlegt lieber, was wir mit den Blödlingen tun sollen. Einfach laufen lassen, geht nicht.«

»Nee«, bestätigte der Erste und drückte Ninas Arm noch ein wenig weiter nach oben.

»Verdammt!«, brüllte Nina. Mit einem Ruck riss sie sich los. Ihr Peiniger hatte nur einen winzigen Augenblick seinen Griff etwas gelockert. Sie wirbelte herum, hielt dem Jungen ihre Fäuste unter die Nase und funkelte ihn wütend an: »Wir sagen nichts. Aber wehe, wenn ihr uns noch einmal etwas tut.« Und schon sausten die Mädchen davon.

Erst am Teich hielten sie an. Dort zogen sie die Turnschuhe aus und kühlten die Füße im Wasser.

»Das waren Robert, Josef und Oliver«, erklärte Naomi. »Die drei wohnen in der Wohngemeinschaft hier im Internat, die ›Bruchbude‹ heißt. Das ist 'ne echte Bruchbude, kann ich dir sagen. Niemand passt auf die Sachen auf und die Leute dort verstehen sich überhaupt nicht. Wir können froh sein, dass wir in die Wunderbar gehören.«

Nina schwieg.

»Ich bin froh, dass du bei mir bist.« Naomi schaute verlegen ins Wasser. »Letztes Jahr wohnte Mimi mit mir zusammen im Zimmer. Die stand den ganzen Tag vor dem Spiegel. Und wenn sie nicht vor dem Spiegel stand, lackierte sie die Nägel oder föhnte ihre Haare. Wenn ich mal 'nen Frosch ins Zimmer brachte, nur so, zum Beobachten, weißt du, schließlich will ich mal Tierärztin werden, ist sie in Ohnmacht gefallen. Nee, wir beide haben nicht zusammengepasst.«

Nina zog ihren Fuß aus dem Wasser. »Warum bist du ins Internat gekommen, Naomi?«

»Ich hab dir doch schon gesagt, dass mein Vater als Journalist häufig unterwegs ist. Und er hat's gern, wenn ihn meine Mutter begleitet. Ich habe keine Geschwister, da dachten meine Eltern, es wäre gut, wenn ich nicht nur unter Erwachsenen leben würde. Sie sind beide in Internaten aufgewachsen und fanden die Zeit dort gut. Also meinten sie, das wäre auch was für mich. So kam ich her. Mir gefällt es hier, ich meine, der Anfang war fürchterlich, aber nach ein paar Wochen hab ich mich schon richtig zu Hause gefühlt. Und du, Nina, warum bist du hier?«

»Weil – ach, das erzähl ich dir später. Jetzt muss ich mir was überlegen. Warte mal ...«

Nina dachte nach, dabei tippte sie fortwährend mit den großen Zehen auf die Wasseroberfläche. Endlich nickte sie und meinte: »Ich hab's. Ich muss mit meinem Vater sprechen. Wo kann ich hier telefonieren?«

»Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Hast du eine Karte?«

»Ja. Sie ist oben in unserem Zimmer.«

»Was hast du vor?«, fragte Naomi neugierig.

»Wart's ab. Du kannst zuhören.«

Wenige Augenblicke später zwängten die beiden sich in die enge Telefonzelle.

»Hallo Papa«, sagte Nina. »Ich muss es kurz machen, aber es ist verdammt wichtig. Also: Es gibt hier ein paar Jungs, die tun mir weh. Also muss ich lernen mich zu wehren. Schau mal bitte, ob du mir ein Buch schicken kannst, in dem steht, wie ich das machen muss. Und Pa ... Nein, lass mich reden! Ich will nicht, dass Aldo mich beschützt, ich muss das selber machen. Nein, ich hör dir nicht zu, aber ich schick dir einen Kuss und der Mama auch. Tschüs dann!«

Nina knallte den Hörer auf die Gabel. »So«, sagte sie zufrieden, »mal sehen, ob das nicht funktioniert!«

»Bist du immer so energisch?«, fragte Naomi bewundernd.

»Nur, wenn's sein muss.«

Und wenn Nina und Naomi an die drei von eben dachten, sah es tatsächlich ganz danach aus, als müssten sie schnellstens lernen sich selbst energisch zu verteidigen.

6

Am Abend saßen sie alle wieder an ihrem großen Tisch beieinander. Es klopfte. »Herein!«, rief Andreas überrascht. »Ach du bist's, Irene. Du brauchst nicht zu klopfen, du bist immer willkommen.«

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Titel: Internat Sternenfels - Band 1: Wilde Hummeln