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Das Haus Anubis - Band 2: Das Geheimnis des Grabmals

Der Roman zur TV-Serie

2016 298 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Nina und der Geheime Club sind weiterhin auf der Suche nach dem mysteriösen Schatz im Haus Anubis, ständig auf der Hut vor dem unheimlichen Hausverwalter Victor. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, als Linn wieder auftaucht, Luzy verschwindet und Daniel kurz davor steht, die mysteriösen Wachsrollen vom Speicher des Hauses zu entschlüsseln.

Die Buchreihe zur Nickelodeon-Erfolgsserie – jetzt als eBook!

In der Serie Das Haus Anubis erscheinen bei jumpbooks auch die folgenden eBooks:

Das Haus Anubis: Der geheime Club der Alten Weide
Das Haus Anubis: Der geheimnisvolle Fluch
Das Haus Anubis: Die Auserwählte
Das Haus Anubis: Das Geheimnis der Winnsbrügge-Westerlings
Das Haus Anubis: Die Träne der Isis
Das Haus Anubis: Pfad der 7 Sünden

Das Haus Anubis im Internet:

www.DasHausAnubis.de

www.DasHausAnubis-DerFilm.de

www.studio100.de

***

eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2010 Studio 100 Media GmbH

Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer und Andrea Kluitmann

Text von Alexandra Penrhyn Lowe basierend auf den Drehbüchern zur TV-Serie Het Huis Anubis von Hans Bourlon, Gert Verhulst und Anjali Taneja

Copyright © der eBook-Ausgabe 2012 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: © 2012 Studio 100 Media GmbH

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-000-8

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Das Haus Anubis

Das Geheimnis des Grabmals

Das Buch zur TV-Serie

jumpbooks

1
Das Musical

»Victor wird heute Abend jemanden umbringen!« Nina schaute völlig verängstigt.

»Umbringen? Wen denn?«, stieß Daniel hervor.

Delia wedelte wild mit den Händen, brachte aber keinen Ton heraus.

»Ich weiß nicht, ich bin nicht sicher, ob ich es richtig gehört habe«, murmelte Nina. Sie starrte auf ihre Hände. Die Tropfen aus ihren feuchten Haaren bildeten kleine Pfützen auf dem Dielenboden.

Nina presste die Hände so fest zusammen, dass ihre Knöchel ganz weiß wurden. Plötzlich sah sie auf. Tränen brannten in ihren Augen. »Was sollen wir tun? Wir können ihn jetzt im Musical nicht mehr mit Sarahs Geschichte konfrontieren! Wer weiß, was er uns dann antut!«, rief sie verzweifelt.

»Wir müssen sofort zur Polizei«, rief Delia ängstlich und wollte aus der Garderobe laufen, aber Daniel hielt sie fest.

»Und was wollen wir da?« Er sagte es so ruhig wie möglich. »Wir haben keine Beweise. Wir haben nur eine achtzig Jahre alte Aufnahme von einem kleinen Mädchen.«

Nina nickte langsam. Sie wusste, dass Daniel recht hatte. So war es doch die ganze Zeit gewesen. Sie konnten nicht zur Polizei. Man würde den Erwachsenen glauben und nicht ihnen, und man würde ihre Geschichte lächerlich finden: Als ich ins Haus Anubis kam, schenkte mir eine verwirrte alte Dame ein Medaillon. Sie erzählte, dass es im Haus einen Schatz gab, und meinte, ich solle vorsichtig sein, weil überall Gefahr lauere. Dann fanden wir heraus, dass es sich bei der alten Frau um Sarah Winnsbrügge-Westerling handelte, die Tochter des berühmten Archäologen-Ehepaars, das in dem Haus lebte und vor achtzig Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Ich glaube, dass unser Hausmeister Victor Rodemer sie getötet hat. Er hat nämlich ein Lebenselixier und wird dadurch nicht älter. Und nun habe ich gehört, dass er noch jemanden ermorden wird.

Nein, die Polizei würde ihnen das niemals glauben.

»Nina!«

Nina schrak auf.

Vor ihr stand Luzy. Daniel erklärte ihr, was los war. Als er sagte, dass Victor an diesem Abend vielleicht jemanden umbringen würde, drehte Luzy völlig durch.

»Das ist Linn!«, schrie sie. »Er will Linn umbringen!«

»Linn?« Jetzt verstand Nina gar nichts mehr.

»Linn ist im Saal! Weißt du noch den Zettel, den ich bekam? Da stand eine Reihe drauf – und eine Stuhlnummer ...«

In diesem Moment stand plötzlich ihr Lehrer Luka Petkovic vor ihnen. In den Händen hielt er ein zerknittertes Drehbuch des Musicals. »Nina! Wo warst du? Du hast eine ganze Szene verpasst!«

»Äh ... tut mir leid, ich habe mich nicht wohlgefühlt«, sagte Nina schnell.

Herr Petkovic hob die Augenbrauen und sah sie ungläubig an. »Warum hast du nicht Bescheid gesagt? Du hattest Glück, dass Delia für dich einspringen konnte! Komm, los, du musst jetzt auf die Bühne!«

Nina schlüpfte in Sarahs Kleid und tauschte einen besorgten Blick mit Delia und Luzy. Daniel zupfte nervös an seinem Kittel.

»Daniel und Luzy, ihr seid jetzt dran«, sagte Herr Petkovic ungeduldig und schob sie Richtung Bühne, wo ein Mädchen mit einem Funksprechgerät wild gestikulierte.

Noch bevor Nina etwas sagen konnte, zog Daniel sein Kostüm gerade und betrat hinter dem Vorhang die Bühne. Dort lagen Kaya und Mara als Sarahs Eltern todkrank im Bett. Nina hörte die Stimme der kleinen Sarah wieder in ihrem Kopf: Ich weiß es jetzt ganz sicher … Herr Rodemer hat meine Eltern ermordet.

Nina stand mit geschlossenen Augen in den Kulissen. Sie wollte jetzt nicht daran denken, dass Victor Sarahs Eltern umgebracht hatte und nun auch noch vorhatte, an diesem Abend jemanden zu töten. Und sie wollte nicht daran denken, dass er wahrscheinlich aufgezeichnet hatte, wie sie versuchte, den Tresor in seinem Büro zu knacken, um sich die letzte Wachsrolle anzuhören.

»Nina, du musst nun wirklich ...« Herr Petkovic stand hinter ihr.

Nina nickte und drehte sich zur Bühne. Sie spürte die Hitze der Scheinwerfer.

»Geht es denn?«, fragte Herr Petkovic leise.

Nina nickte wieder. Sie konnte ihm nicht erzählen, wie groß ihre Angst war. Was würde Victor tun, wenn er wüsste, dass sie seinen Plan kannten?

Nina betrat die Bühne. Sie schluckte, um das trockene Gefühl aus ihrem Mund zu vertreiben, aber es half nicht. Vorsichtig spähte sie in den Saal, um festzustellen, ob Victor dort saß, doch wegen der grellen Scheinwerfer sah sie nur ein paar dunkle Silhouetten in der ersten Reihe.

»Das Horusauge hat Schlimmes vorhergesehen, der Fluch von Anubis hat sich erfüllt. Dies schenke ich dir als Belohnung für deine Dienste«, hörte Nina Luzys Stimme.

Sie schaute auf und sah, dass Luzy in ihrer Rolle als Gott Anubis Daniel ein Fläschchen und eine Papierrolle überreichte. Mit der großen Kojotenmaske über dem Kopf sah Luzy furchterregend aus, aber Daniel in seinem Kittel und der großen Rabenmaske war noch gruseliger. Kaya und Mara lagen Hand in Hand im Bett mitten auf der Bühne. Sie hielten die Augen geschlossen. Nina sah, wie sich Kayas Brust langsam hob und senkte.

Sonst sehen sie aber wirklich ziemlich tot aus, dachte Nina flüchtig. Mühsam versuchte sie, sich zu konzentrieren, und schaute wieder zu Daniel, der sich die Maske vom Kopf zog.

»Was ist das?« Daniel hielt das Fläschchen gegen das Licht.

»Wer die Anweisungen genau befolgt, erhält das ewige Leben«, sagte Luzy unheilvoll.

»Das ewige Leben … das Lebenselixier … ist mein!« Daniel zog den Deckel vom Fläschchen und leerte es in einem Zug. Gleich danach fasste er sich an die Kehle.

»Friedrich ... Mörder!«, zischte Nina fast unwillkürlich. Sie spürte, wie die Tränen in ihren Augen brannten.

»Keine Luft mehr ... ich sterbe ...« Daniel ließ sich auf die Knie fallen, während Luzy hochmütig auf ihn herabschaute.

»Doch deine Seele gehört jetzt mir!«, sagte sie mit triumphierendem Blick.

Sie stieß ihren Stab fest auf den Boden und verschwand mit einem Donnerschlag von der Bühne.

Nina rannte zu dem großen Bett. »Papa! Mama!«, rief sie verzweifelt, während ihr die Tränen über die Wangen strömten. Sie brauchte nicht einmal zu spielen: Ihre Tränen galten Sarahs Eltern und Sarah, die so traurig, verängstigt und einsam im Haus Anubis aufgewachsen war, ohne jemals den Schatz zu finden.

»Sarah?«

Nina schrak auf. Kaya hatte ihre Hand ergriffen und richtete sich mühsam auf.

»Papa! Du lebst noch!’« Nina kniff so fest in Kayas Hand, dass er das Gesicht vor Schmerz verzog.

»Sarah? Liebe Sarah. Such das Geheimnis ... Finde den Schatz, der verborgen liegt«, flüsterte er leise.

»Welches Geheimnis? Was ist dort verborgen?« Die Tränen strömten immer noch über Ninas Wangen.

Kaya schaute beunruhigt, fiel aber zum Glück nicht aus seiner Rolle.

»Das Haus ... Such in dem Haus ... Doch nimm dich in Acht vor Friedrich ...« Mit letzter Kraft streichelte er Nina über die Wange. Dann ließ er sich zurück ins Bett fallen und richtete die Augen starr zur Decke.

Sarahs Vater war tot.

»Wo soll ich suchen, Papa? … Papa?« Nina ließ den Kopf auf Kayas Brust sinken und weinte herzzerreißend.

Dann hörte sie Musik. Sie musste das Schlusslied singen! Nina atmete tief ein und aus, wischte sich die Tränen von den Wangen und stellte sich an den Rand der Bühne.

Während sie den ersten Satz sang, sah sie Victor. Er saß neben Rosie in der ersten Reihe, in einem altmodischen Anzug. Sein kahler Schädel glänzte. Nina schüttelte sich kurz. Er schaute ihr direkt ins Gesicht, aber in seinen Augen konnte sie nichts lesen. Nichts.

Als die letzten Töne verklungen waren, herrschte Totenstille im Saal. Nina schaute verlegen auf ihre Füße. Tosender Applaus ertönte. Verwirrt hob sie den Kopf und sah ihre Oma, die begeistert in die Hände klatschte und sich spontan von ihrem Stuhl erhoben hatte. Einige Leute folgten ihrem Beispiel, und schließlich applaudierte der ganze Saal im Stehen.

Trotz der Anspannung und der Angst des gesamten Abends begann Nina zu lachen und konnte sich gerade noch verbeugen, bevor sich der rote Vorhang vor ihrer Nase schloss. Der Jubel aus dem Saal klang gedämpft durch den Stoff. Daniel griff nach ihrer Hand, die er sanft drückte. Neben Nina standen Kaya und Mara, die quicklebendig aus dem Bett gesprungen waren. Kaya hatte den Arm um Maras Taille gelegt, und Mara schaute strahlend zu ihm auf.

Die sind verliebt, dachte Nina und schaute wieder zu Daniel. Ihr Herz machte einen seltsamen Sprung.

»Die sind verliebt«, sagte Daniel leise und drückte wieder ihre Hand.

Nina spürte, wie sie rot wurde. Zum Glück öffnete sich in diesem Moment der Vorhang wieder und sie wurden auf die Bühne gezogen, wo sie sich vor dem Publikum verbeugten. Einige Schüler hinten im Saal pfiffen ohrenbetäubend laut auf den Fingern. Direktor Altrichter, der versuchte, sie mit ausholenden Bewegungen seiner Arme zu beschwichtigen, wirkte wie ein Dirigent.

Offensichtlich kam das bei den Schülern auch so an, denn das Pfeifen wurde lauter und lauter, und sie stampften jetzt auch mit den Füßen.

Während sie sich verbeugte, sah Nina, dass Luzy versuchte, über die Kulissen von der Bühne zu gelangen, aber Herr Petkovic hinderte sie daran.

»Du kannst jetzt nicht gehen«, sagte er und schob sie wieder zurück zu den anderen.

Luzy schaute um sich und schnappte sich dann ein Mikrofon. »Linn!! Abhauen! Schnell!«, schrie sie panisch in den Saal.

Nina verstand gar nichts. Linn war doch gar nicht im Saal.

Zu ihrem Schrecken sah sie, dass Victor aufstand und nach hinten ging. Was hatte er vor? Sie reckte den Hals, konnte aber nicht genug sehen, weil es zu dunkel war. Inzwischen war Herr Altrichter zur Bühne gekommen.

»Aber Luzy! Abhauen? So schlimm war das Musical doch gar nicht«, witzelte er. Eine Frau mit strengem Gesicht und einem grauen Kostüm folgte ihm. Als er über die Seitentreppe die Bühne betreten wollte, schob ihn die Frau beiseite.

»Sie gestatten?«, sagte sie spitz. Auf ihren hohen Absätzen bestieg sie die Bühne und ging zu Luzy. Sie streckte ihre Hand aus, und Luzy übergab ihr verwirrt das Mikrofon. Die Frau klopfte ein paar Mal darauf und wandte sich dann dem Publikum zu.

»Meine Damen und Herren, sehr verehrtes Publikum, lassen Sie mich als Schulrätin dieses Bezirks ein paar Worte an Sie richten.«

Hinten im Saal erklangen Buhrufe. In diesem Moment versuchte Luzy wieder, die Bühne zu verlassen, aber Herr Petkovic hinderte sie daran.

»Du kannst jetzt wirklich nicht weg. Die Schulrätin spricht«, flüsterte er.

Während der zehnminütigen langweiligen Rede, in der sich die Schulrätin bei allerlei Leuten bedankte, spähte Luzy ständig beunruhigt in den Saal. Als die Schulrätin endlich fertig war, sprang sie sofort von der Bühne und verließ den Saal mit dem Publikum.

»Komm mit«, zischte Daniel und zog Nina in die Kulissen. Delia folgte ihnen.

»Das Weinen war nicht gespielt, stimmt’s?«, fragte Daniel. Er legte den Arm um Nina. »Alles wird gut«, sagte er beruhigend. »Saß Victor nun im Saal oder nicht?«

»Er saß da ... Ich habe ihn ganz deutlich gesehen.«

»Ich auch, ich auch!«, rief Delia, die fast von einer Papppalme mit einem kleinen Mädchen dahinter umgerannt wurde.

»Meinst du, er hat begriffen, dass es um ihn ging?«, fragte Nina. Sie zupfte an ihrem weißen Kleid.

»Hm, ja, ich glaube schon.«

»Dann kann ich gleich meine Koffer packen!«, sagte Nina. »Victor hat aufgenommen, wie ich seinen Tresor öffne und mir die Wachsrolle anhöre!«

»Aber Victor nimmt doch nichts auf, wenn keiner da ist«, sagte Daniel.

»Ich sah ganz deutlich Rec auf dem Bildschirm. Das bedeutet doch Aufnahme, oder?«, entgegnete Nina betrübt.

Unbemerkt hatte sich Felix zu den dreien gesellt. »Victor nimmt alles im Haus auf«, sagte er locker.

»Alles? Immer?«, fragte Nina, aber sie kannte die Antwort schon.

»Alles ... Du weißt doch, wie er ist«, sagte Felix und zuckte mit den Schultern. »Aber was ist denn eigentlich los?« Neugierig schaute er von einem zum anderen.

»Nichts«, sagte Daniel sofort.

»Los, raus mit der Sprache ... Ich bin doch nicht doof. Was darf er nicht sehen?«

»Nichts, war das nicht deutlich genug?«, sagte Delia aufgebracht und fasste Daniel und Nina an den Händen, um sie mit in die Garderoben zu ziehen.

Felix’ Blick glitt hinab und blieb an den Händen der drei hängen. Plötzlich fing er an zu lachen.

»Oh, das ist es natürlich!«, sagte er triumphierend. »Ihr habt euch geküsst!« Er sprang auf und ab, was ziemlich lächerlich aussah, weil er eine Art schwarzen Ballettanzug mit einer schwarzen Strumpfhose trug.

»Wer mit wem? Oder ihr alle drei zusammen? Oh, là, là!« Felix warf einer imaginären Kamera Handküsse zu.

Daniel zog Nina und Delia leise mit zu den Garderoben. Felix ging so in seiner Rolle auf, dass er ihr Verschwinden gar nicht bemerkte.

In der Mädchengarderobe ließ sich Nina auf einen Stuhl sinken und verbarg den Kopf in ihren Händen. »Was machen wir jetzt?«, fragte sie beunruhigt.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Delia.

»Aber wir müssen doch etwas unternehmen«, sagte Nina frustriert. Sie zog die Haargummis aus ihren Zöpfen und warf sie auf den Tisch. Es klopfte leise.

»Herein!«

Daniel trat ein. Er hatte sein Kostüm ausgezogen und trug seine normalen Sachen. »Seid ihr fertig?« Er sah Ninas bekümmertes Gesicht. »Geht es einigermaßen?«, meinte er besorgt.

»Doch, schon ... Nein ... Ich weiß einfach nicht, was wir machen sollen ... Wenn Victor nun wirklich jemanden ermordet!«, stieß sie panisch hervor.

Daniel setzte sich neben sie. »Und du bist sicher, dass du das gehört hast?«, fragte er vorsichtig.

»Victor sagte, er müsse etwas eliminieren.«

»Etwas oder jemanden?«

Nina zweifelte. Was hatte Victor genau gesagt?

»Er sagte: Ich werde dieses Problem ein für alle Mal eliminieren.«

»Was bedeutet eliminieren?«, fragte Delia.

»Aus dem Weg räumen«, sagte Daniel.

»Wirklich?« Delia machte große Augen.

»Wenn er dieses Problem sagte, dann braucht das doch keine Person zu sein, oder?«

Nina spürte, wie sie vor Scham rot wurde. Hatte sie sich getäuscht? »Aber wenn es um Linn ging? Das sagte Luzy doch, oder?«, warf sie ein. Sie war noch nicht ganz beruhigt.

»Luzy wollte einfach gern, dass Linn da sein würde, aber Linn saß wirklich nicht im Saal«, sagte Daniel ruhig.

Die Tür der Garderobe öffnete sich.

»Nina, du warst großartig!« Ninas Oma stand mit einem Riesenstrauß Rosen im Türrahmen. »Warte ...« Sie drückte Daniel die Rosen in den Arm, der sie verdutzt annahm.

»Ich möchte dich schon anständig umarmen können.« Sie nahm Nina in den Arm und drückte sie an sich. Nina roch den vertrauten Parfümduft ihrer Oma und vergrub die Nase in der weichen Wolle ihrer Jacke.

»Ninchen, du kannst wunderbar singen.« Ihre Oma löste die Umarmung und fasste Nina an den Schultern. »Das hast du von deiner Mutter. Die konnte das auch ...«

Nina sah, wie ihre Oma über ihre Schulter in die Ferne starrte, als könne sie in die Vergangenheit schauen.

»Oma?«, sagte Nina und griff nach ihrer Hand.

»Du wirst deiner Mutter jeden Tag ähnlicher«, sagte ihre Oma mit Tränen in den Augen.

Nina spürte einen Kloß im Hals.

»Komm, wir gehen was trinken, das habt ihr euch wahrlich verdient.« Ninas Oma zog sie mit.

Nina ging ein wenig nervös durch die Gänge. Was würde geschehen, wenn sie plötzlich Victor begegneten? Hatte er sie schon auf seinen Aufzeichnungen gesehen?

Nina seufzte. Sie war davon überzeugt, dass es so war. Bestimmt wusste er, dass jemand im Haus gewesen war. Wenn er sich das Video ansah …

Sie betraten den Theaterraum, in dem Mara mit breitem Lächeln hinter der Bar stand. Während ihre Oma Getränke bestellte, schaute sich Nina in dem geschmückten Raum um. Etwa vierzig Menschen waren da. Die Discokugel an der Decke drehte sich und warf silberne Flecke an die Wände. Nina erkannte die Schulrätin in der Menge. Sie redete eifrig auf Magnus ein, der sich große Mühe gab, höflich zu nicken.

Kaya kam herein und ging zur Bar.

»Kaya!«, rief Delia, aber Kaya reagierte nicht. Er ging geradewegs auf Mara zu, umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf den Mund.

»Hierauf habe ich nicht die geringste Lust!«, zischte Delia. Sie griff nach Ninas Hand und zog sie in die hintere Ecke des Raums.

»Bist du eifersüchtig?«, fragte Nina. Sie dachte, ihre Freundin fände es nicht mehr schlimm, von Kaya getrennt zu sein.

»Ich? Wie kommst du denn darauf!«, sagte Delia schnell und studierte höchst interessiert ihre rosa Fingernägel.

Nina schaute zur Bar und sah, dass Luzy zu Mara ging. Mara umarmte sie und redete aufgeregt los. Nina schnappte Wortfetzen auf, sie hörte die Begriffe Kaya und geküsst, aber Luzy schien Mara kaum zu hören. Ihr Blick glitt nervös über die Leute im Raum, als würde sie jemanden suchen.

Wahrscheinlich Linn, dachte Nina. Sie wollte zu Luzy gehen und sie fragen, weshalb sie nur dachte, dass Linn in der Schule war. Auf halber Strecke stieß sie allerdings auf Rosie, die sie begeistert umarmte und gar nicht mehr loslassen wollte. Erst als Nina sagte, sie müsse zur Toilette – was übrigens nicht einmal gelogen war –, lockerte Rosie ihre Umarmung und Nina konnte wieder atmen. Sie sah sich im Raum um, doch Luzy war nirgends mehr zu entdecken. Schnell lief sie in den Gang, aber auch dort war keine Spur von ihr zu finden. Wohin war sie gegangen?

Nina ging um die Ecke Richtung Toiletten und stieß fast mit einem Mädchen mit kurzen schwarzen Haaren und einer großen Brille zusammen.

»Oh, Entschuldigung«, sagte Nina. Sie bekam Gänsehaut, als sie Victor hinter dem Mädchen stehen sah. Rasch trat sie einen Schritt zurück und sah dann auch Frau Engel und Herrn Altrichter.

»Ah, Nina«, sagte Herr Altrichter, während er sich mit einer Hand übers Gesicht rieb. Seine andere Hand lag auf der Schulter des Mädchens, das ein wenig mürrisch vor sich hin starrte.

»Sie fand, dass Sie die beste Schauspielerin in dem ganzen Stück waren«, sagte Altrichter.

Nina verstand nicht, was er meinte. »Wer?«

»Meine Nichte.« Er schob das schwarzhaarige Mädchen ein wenig vor. Nina nickte ihm kurz zu, aber das Mädchen starrte nur stur vor sich hin.

Viel Spaß hat die auch nicht, dachte Nina und schaute in das bleiche Gesicht. Es kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht, wo sie es schon einmal gesehen hatte.

Nina sah von dem Mädchen zu Victor, und ein Schauder lief ihr über den Rücken. In ihrem Kopf hörte sie Victors Stimme: Ich werde dieses Problem ein für alle Mal eliminieren ...

Sie richtete ihren Blick wieder auf Herrn Altrichters Nichte. War sie es? Aber warum sollte Victor das Mädchen ermorden? Das ergab überhaupt keinen Sinn. Ihre Phantasie ging mit ihr durch. Daniel hatte recht: Victor hatte doch dieses Problem gesagt. Das war keine Person.

»Wenn Sie uns bitte entschuldigen würden? Sie muss den Zug bekommen.« Herr Altrichter nickte Nina kurz zu und ging zusammen mit dem Mädchen durch die Flügeltüren. Seine Hand lag immer noch auf ihrer Schulter. Victor und Frau Engel gingen schnell hinter den beiden her.

Nina starrte ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Offensichtlich hatte sich Victor das Video noch nicht angeschaut, sonst hätte er bestimmt etwas gesagt. Oder eben nicht. Vielleicht hob er es sich für später auf, wenn keine anderen Erwachsenen in der Nähe waren. Dann schloss er sie vielleicht zur Strafe im Keller ein, ehe er sie rauswarf.

Nina schüttelte sich wieder. Victor war zu so etwas imstande, das wusste sie. Er hatte schon früher bewiesen, wozu er in der Lage war, um seine Autorität zu wahren.

Mit einem seltsamen Knoten im Magen ging sie in den Theaterraum zurück. Vor lauter Sorgen hatte sie ganz vergessen, dass sie Luzy suchte und zur Toilette musste.

2
Luzy verschwindet

Während des Abendessens wurde Nina immer nervöser. Sie brachte keinen Bissen hinunter und stocherte lustlos in einer der ägyptischen Lammfrikadellen, die so hart waren, dass man damit eine Fensterscheibe hätte einwerfen können. Obwohl Rosie sich enorm viel Mühe gegeben hatte, extra für diese Gelegenheit eine ägyptische Mahlzeit zuzubereiten, schmeckte es nicht wirklich. Felix und Magnus lachten sich halb tot und nannten Rosies Gericht gedämpfte Schlange mit marinierten Fledermausflügeln und einer Prise Mumie.

»Wo ist Delia?«, fragte Daniel.

Nina schaute auf den leeren Stuhl am Tisch. Sie hatte noch nicht einmal bemerkt, dass Delia fehlte.

»Hallo, zusammen!« Schwungvoll wie immer brauste ihre Sportlehrerin ins Zimmer. »Guten Appetit!«

»Es schmeckt vorzüglich, möchten Sie mal kosten?«, fragte Felix, der Frau Lehmann einen Teller mit einem grauen Brei anbot.

»Nein, nein, danke, ich habe gerade gegessen«, sagte sie schnell. »Ich bin eigentlich wegen Kaya hier.«

Sie erzählte Kaya, dass der ehemalige Olympiasieger Saltos Flikflakis ihn, Kaya, ausgewählt habe, an einem Trainingslager in England teilzunehmen. Kaya war außer sich vor Freude: Vor kaum zwei Wochen hatte er seine Prüfung für das Sportstipendium bestanden, und jetzt durfte er vierzehn Tage in ein Trainingslager!

»Du musst dich allerdings schnell entscheiden«, sagte Frau Lehmann. »Dein Flieger geht schon morgen.«

»Kein Problem«, sagte Kaya sofort.

»Kaya goes to England!«, rief Felix begeistert.

»Heimat von Fußball, Bier und schönen Frauen!«, sagte Magnus.

Diese Bemerkung bekam Mara in den falschen Hals. Sie stand auf und verließ wortlos das Zimmer.

Dabei stieß sie beinahe mit Delia zusammen, die gerade mit einem Tablett hereinkam, auf dem sich eine Tasse Tee und Zwieback befanden.

»Hat jemand Luzy gesehen?«, fragte Delia, während sie das Tablett abstellte und sich neben Nina und Daniel setzte. »Ich verstehe nicht, was mit ihr los ist ... In der Schule sagte sie, sie fühle sich nicht wohl, also wollte ich ihr eine Tasse Tee bringen. Aber sie ist gar nicht in ihrem Zimmer.« Delia schaute auf den Tisch mit den unappetitlichen Häppchen, nahm den Teller vom Tablett und biss in einen Zwieback.

Nina seufzte tief. Sie konnte sich im Augenblick nicht auch noch Gedanken um Luzy machen, sie hatte schon Bauchschmerzen bei dem Gedanken an Victor, der ein Video besaß, auf dem zu sehen war, wie sie den Tresor öffnete.

»Du hast nicht besonders viel Hunger, was?«, sagte Daniel.

Nina schüttelte lustlos den Kopf.

»Kommst du mit?«, fragte Daniel und zeigte zur Tür.

Nina nickte und stand auf. Sie wollte nichts essen. Sie wollte nur im Bett liegen und nicht mehr nachdenken.

»Ich komm gleich nach, ich rufe erst Luzy an«, sagte Delia.

Nina nickte wieder und schlurfte hinter Daniel die Treppe hinauf. In ihrem Zimmer ließ sie sich aufs Bett fallen, zog sich die Decke über den Kopf und begrub die Nase in ihrem Plüschgarfield. Am liebsten hätte sie geweint.

Daniel zog ihr sanft die Decke vom Kopf und setzte sich aufs Bett.

»Es wird bestimmt wieder gut«, sagte er optimistisch, doch das konnte Nina sich beim besten Willen nicht vorstellen. Sie war auf dem Video zu sehen, das war einfach eine Tatsache. Und wenn Victor sie darauf entdeckte, würde er sie hinauswerfen.

Daniel zog Nina an den Schultern, aber sie schob ihn weg, nahm ihr Kissen und legte es sich über den Kopf. Sie versuchte, eine Lösung zu finden, ihr Kopf blieb allerdings leer.

Die Tür öffnete sich, und Delia stürmte ins Zimmer. »Das ist alles eine große Verschwörung«, rief sie wütend. Sie stampfte mit dem Absatz auf.

»Was ist passiert?«, wollte Daniel wissen.

»Was machst du denn da?«, fragte Delia erstaunt, als Nina mit rot angelaufenem Gesicht unter dem Kissen auftauchte.

Nina zuckte mit den Schultern. »Nichts ... Was für eine Verschwörung?«

»Luzy ... Victor sagt, sie sei zu ihrem Onkel und ihrer Tante nach Spanien geflogen.«

»Was? Zu dieser Schreckschraube auf Mallorca? Da würde sie es keinen einzigen Tag aushalten«, sagte Daniel erstaunt. Er erzählte, dass Luzys Tante und ihr Onkel einmal im Haus Anubis zu Besuch gewesen waren.

»Ihr Onkel sah aus wie ein mit Gold behangener Autoverkäufer, und ihre Tante hatte eine Haut wie eine braune Ledertasche, ihre Haare waren wasserstoffblond gefärbt, und sie zündete sich eine Zigarette nach der anderen an«, sagte Daniel. »Zu denen geht sie doch nicht freiwillig!«

»Victor lügt!« Delia stampfte wieder auf. »Als ich Luzy sprach, war ihr schlecht und sie wollte nach Hause. Und jetzt soll sie plötzlich in einem Flugzeug sitzen? Ich glaube kein Wort davon. Kaum hab ich sie auf ihrem Handy angerufen, wurde die Verbindung plötzlich unterbrochen, und danach erreichte ich nur noch ihre Mailbox.«

Delia setzte sich neben Daniel auf Ninas Bett, das unter dem Gewicht von drei Personen knarrte.

»Erst Linn, jetzt Luzy«, sagte Delia wütend.

Ninas Atem stockte. Wieder hörte sie Victors Stimme in ihrem Kopf: Ich werde dieses Problem ein für alle Mal eliminieren ...

Plötzlich war das Video nicht mehr wichtig. Ein furchtbarer Gedanke stieg in ihr auf. War Luzy Victors Opfer? Hatte er sie ...?

Nein, das war zu absurd. Warum? Aber weshalb log er dann und behauptete, Luzy sei in Spanien?

»Wir müssen heute besonders zeitig ins Bett, weil dieser Freak uns morgen früh irgendeinen Dokumentarfilm zeigen will«, hörte sie Delia in der Ferne sagen.

Verwirrt schreckte sie aus ihren verwirrten Gedanken auf. »Was will er uns zeigen?«

»Diesen Dokumentarfilm«, sagte Daniel beunruhigt. »Damit meint er dich.«

»Vielleicht sollte ich meine Sachen schon mal packen. Morgen wirft er mich ganz bestimmt hinaus«, sagte Nina. Sie nahm ihren Garfield und verschwand wieder unter ihrem Kissen.

Nachts träumte sie, dass sie in ihrem weißen Kleid auf der Bühne stand. Victor stieg auf die Bühne und zeigte mit dem Finger auf sie. »Du hast deine Nase in Dinge gesteckt, die dich überhaupt nichts angehen. Du wirst bestraft!«

Sie versuchte, zurückzuweichen, aber ihre Füße klebten an den Bühnenbrettern fest. Victor kam näher und näher ... Verzweifelt schaute Nina in den Saal. Das Publikum starrte sie wütend an und rief: »Weg mit ihr! Weg mit ihr!«

In Schweiß gebadet wachte Nina auf. Einen Moment lang wusste sie nicht mehr, wo sie war, aber in der nächsten Sekunde schoss ihr der Gedanke durch den Kopf: Heute war der Tag, an dem sie das Haus Anubis verlassen musste.

Sie schaute zu Delia, die mit ihrer rosa Maske auf dem Gesicht dalag und schlief. Sie wollte nicht weg! Ihre neue Freundin Delia, Daniel ... Und sie wollte das Geheimnis des Hauses lösen! Nun waren sie schon so weit gekommen: Sie hatten den Tresorcode geknackt, sie hatten die letzte Wachsrolle aufgenommen ... Sie durfte einfach nicht weg hier! Nicht jetzt, wo sie so nah dran war.

Sie drehte sich auf den Bauch und sah auf den Wecker: halb acht. Um acht mussten sie im Wohnzimmer sein. Nina war sicher: Ihre letzte Stunde im Haus Anubis hatte geschlagen.

Als die Standuhr in der Halle acht Uhr schlug, ging sie neben Delia die Treppe hinunter. Ihre Beine waren bleischwer. Die Wohnzimmertür stand auf, und Victor empfing sie breit grinsend im Türrahmen. Er winkte sie hinein. Er hatte die Sofas und Sessel in Reihen vor den Fernseher gestellt, als säßen sie in einem echten Kino. Die Samtvorhänge waren geschlossen, und das Zimmer lag in einem gespenstischen Dämmerlicht. Daniel stand dicht neben dem Fernseher und lächelte Nina und Delia an.

Nina versuchte, sein Lächeln zu erwidern, aber ihre Gesichtsmuskeln waren wie gelähmt. Willenlos ließ sie sich von Delia mit zum hinteren Sofa führen. Kaya saß schon in einem Sessel, und auch Magnus und Felix kamen gähnend ins Wohnzimmer.

Die letzte Stunde, die letzte Stunde, hämmerte es durch Ninas Kopf. Sie schaute sich im Raum um. Die alten Gemälde, der Kamin, der große Esstisch, Victors seltsame ausgestopfte Tiere. Das alles würde ihr weggenommen. Nina schluckte.

»Willkommen im Cinema Anubis! Nehmt Platz!«, sagte Victor munter zu Mara und Rosie, die als Letzte hereinkamen.

Rosie schaute neugierig auf die Sessel und Sofas vor dem Fernseher. »Victor! Was für eine großartige Idee! Können wir das nicht jeden Monat machen?«, fragte sie begeistert.

Victor bedeutete ihr knurrend, sie solle sich setzen, und stellte sich vor den Fernseher. Er rieb sich vergnügt die Hände. »Heute haben wir eine besondere Vorstellung. Nie zuvor gezeigte Bilder werden auf der Leinwand erstrahlen.«

»Er genießt das richtig«, flüsterte Delia Nina angeekelt zu und griff nach ihrer Hand.

»Manche von euch werden sich selbst wiedererkennen«, fügte Victor noch hinzu.

Nina konnte die Tränen kaum unterdrücken.

»Ich muss euch leider warnen, dass diese Vorstellung kein Happy End hat«, beendete Victor seine Einführung. Die Bewohner sahen einander erstaunt an.

Rosie setzte sich auf den Rand ihres Sessels. Sie brannte vor Neugier und streckte den Finger in die Luft. »Wie heißt der Film, Victor?«, fragte sie.

»Die Enthüllung des wahren Gesichts«, antwortete Victor genüsslich. Er drehte sich um, nahm das Videoband, das auf dem Rekorder lag, und schob es in den Apparat. Er drückte auf Play und rieb sich noch einmal die Hände. Anschließend warf er Nina einen bedeutungsvollen Blick zu und setzte sich. »Showtime!«

Der Fernseher sprang an.

Nina hielt den Atem an und zerquetschte Delias Hand fast zu Mus. Ein paar Sekunden blieb das Bild schwarz. Dann erschienen ein paar undeutliche Streifen. Rosie beugte sich noch weiter vor.

»Noch ein paar Sekunden«, murmelte Victor.

»Toller Film!«, spottete Felix, als sie sich eine Minute später immer noch die grauen winzigen Flecke auf dem Bildschirm ansahen.

Victor stand auf und schaltete den Videorekorder ein und aus, aber das Rauschen hörte nicht auf. »Unmöglich ... selbst angeschlossen ... das Kabel muss dort ... ja, das ist richtig«, murmelte er vor sich hin und kontrollierte noch einmal die Kabel.

Dann drehte er sich zum Publikum, das ein wenig verdattert auf den Fernseher starrte. »Welcher Vandale hat sich an meiner Apparatur zu schaffen gemacht?«, fragte er drohend.

Keiner antwortete.

»Verkauft mich nicht für dumm. Ich komme schon noch dahinter ... Ich sehe alles, was ihr macht«, sagte er, während er frustriert mit der flachen Hand auf den Fernseher schlug, der prompt ausging.

Jetzt fingen alle an zu lachen, was Victor noch wütender machte.

»Die Vorstellung ist vorbei!«, schrie er und verließ das Zimmer mit großen Schritten.

Nina war das alles ein Rätsel. Warum war das Videoband leer? Sie bekam erst eine Antwort, als sie gemeinsam mit Delia und Daniel in der Schule war. Alle stellten wilde Spekulationen an, als Daniel plötzlich anfing zu lachen.

»Was ist daran denn so witzig?«, fragte Delia erstaunt. »Ist dir klar, wie viel Glück wir hatten?«

Daniel lachte wieder und nickte. »Klar. Unglaublich viel«, sagte er geheimnisvoll.

Nina und Delia sahen sich an. Wovon redete er?

Daniel zog einen grauen Block aus seiner Tasche. »Wisst ihr, was das ist?«

Delia zuckte mit den Schultern. »Ein grauer Block?«

»Stimmt, aber es ist noch mehr.« Er hielt den Block neben Delias Ohrring, der daran haften blieb.

»Das ist kein echtes Silber«, schlussfolgerte Daniel.

»Okay, es ist also ein Magnet«, sagte Delia ein wenig pikiert und zog ihren Ohrring los. »Aber was hat das mit dem Video- band zu tun?«

Daniel erklärte Delia und Nina, dass Videobänder magnetisiert waren und hierdurch Bilder auf das Band gelangten.

»Wenn man einen Magneten gegen ein Videoband hält, entmagnetisiert man es und die Bilder verschwinden«, sagte Daniel abschließend und sah die beiden Mädchen bedeutungsvoll an.

»Du hast das Video gelöscht!« brüllte Delia in Daniels Ohr, während sie ihm einen Kuss auf die Wange gab.

»Du bist großartig!«, schrie Nina und küsste ihn auf die andere Wange. Daniel scharrte verlegen mit seinen Turnschuhen über den Fußboden und nickte. Eine Welle der Erleichterung durchflutete Nina. Sie war gerettet! Sie brauchte das Haus Anubis nicht zu verlassen! Sie umarmte Daniel und fiel auch Delia vor Freude um den Hals.

»Ich bin so froh! Jetzt können wir weitersuchen«, rief Nina.

Delia nickte. »Aber erst müssen wir herausfinden, wo Luzy ist. Ich finde es immer noch eine seltsame Geschichte, dass sie in Spanien sein soll.«

Es klingelte, und Herr Altrichter ließ seine Pfeife schrill über den Schulhof gellen.

»Acta est fabula!«, rief er gleich danach.

»Warum sagt er immer diesen Satz?«, fragte Delia, während sie zur Tür ging. »Ich kapiere das überhaupt nicht!«

»Das Spiel ist vorbei«, belehrte Daniel sie.

»Mensch, Daniel, wenn wir dich nicht hätten ...« Nina schob ihn in die Richtung von Frau Engels Klassenzimmer. In der ersten Stunde hatten sie Französisch.

»Dann hättest du heute Abend bei deiner Oma im Seniorenheim übernachtet und der Schatz von Anubis bliebe für immer verborgen«, sagte Delia leise. Sie betraten das Klassenzimmer, in dem Frau Engel schon an der Tafel stand.

Sie tadelte Felix, der tanzend ins Klassenzimmer kam. Er machte noch ein paar zackige Bewegungen, setzte sich aber still auf seinen Stuhl, als Frau Engel ihn über ihre Brille scharf ansah. Ihre Lehrerin für Französisch und Deutsch sah mit ihren blonden Haaren zwar sehr lieb aus, aber Streit mir ihr konnte sehr unangenehm werden.

»Bevor wir anfangen, habe ich zwei Mitteilungen. Zunächst einmal möchte ich euch ein Fax von Luzy Schoppa vorlesen«, sagte Frau Engel. Delia griff erschrocken nach Ninas Arm.

Ihre Lehrerin nahm ein Blatt Papier von ihrem Tisch und las vor, was Luzy geschrieben hatte:

Hallo allerseits,

es tut mir echt leid, dass ich so schnell wegmusste, aber mein Onkel und meine Tante hatten sich das als Überraschung für mich ausgedacht. Ich freue mich, dass ich hier sein kann und nicht in dieser öden Schule hocken muss.

Die Klasse fing an zu lachen.

Ich liege hier gemütlich am Strand. Mein Onkel und meine Tante sorgen gut für mich. Wir sehen uns ja bald wieder.

Dicken Kuss und Gruß von eurer Luzy

Frau Engel wollte das Blatt wieder hinlegen.

»Kann ich mal sehen?«, fragte Delia schnell.

Frau Engel schaute einen Moment verstört auf, gab Delia dann jedoch das Fax.

Auf dem Papier war ein breiter Strand vor einer Reihe weißer Apartmenthäuser abgebildet. Darüber standen der Text Playa de Palma, Mallorca und eine Faxnummer.

»Hm, es kommt wirklich aus Spanien«, sagte Delia leise zu Nina. »Sieh mal, es wurde von dieser Nummer versandt.« Delia zeigte auf die Faxnummer neben dem Namen Samira Schoppa.

»Das sieht echt aus ... Dann ist sie wohl wirklich bei ihrem Onkel und ihrer Tante, oder?« fragte Nina.

Delia nickte zögernd. »Trotzdem ist es merkwürdig«, flüsterte sie.

»Wenn ich euch auch um eure Aufmerksamkeit bitten dürfte«, sagte Frau Engel und zog Delia das Fax aus den Händen. »Ich habe noch eine zweite Mitteilung: Die Wahlen für den neuen Schülersprecher stehen wieder an.«

Magnus gähnte laut und streckte demonstrativ die Beine aus. Frau Engel tat, als würde sie es nicht sehen, und fuhr einfach fort. Sie erzählte, die Wahlen würden dieses Jahr groß in Angriff genommen werden, weil die Schulrätin beschlossen hatte, dass der Schülersprecher dieses Jahr auch Kulturbotschafter des Bezirks sein sollte und mit einem Stipendium die Partnerschule in England besuchen würde. Die Wahlen würden in zwei Wochen stattfinden und Kandidaten sollten sich bei Frau Engel anmelden.

Magnus machte die Beine noch länger.

»Meint ihr, dass sich jemand für die Schülersprecherwahl aufstellen lässt?«, fragte Delia nach der Stunde, als sie wieder zu dritt auf dem Schulhof standen.

»Ich jedenfalls nicht«, sagte Nina entschieden. Sie mochte es gar nicht, im Mittelpunkt zu stehen, und bei dem Gedanken, einen Vortrag halten zu müssen, juckte es sie plötzlich überall.

»Ich auch nicht, auf gar keinen Fall. Meine Zeit kann ich besser gebrauchen«, brummte Daniel ein wenig mürrisch. Er versuchte, neue Batterien in den DAT-Rekorder einzulegen, aber die Klappe klemmte.

»Ja, ich stell’s mir auch nicht so toll vor«, sagte Delia. Sie blies in ihren Tee und stampfte mit den Füßen auf.

»Es ist ganz schön kalt geworden, was?«, sagte Nina. Sie schaute zum Himmel.

Vielleicht würde es sogar schneien. Sie mochte Schnee, er erinnerte sie an die gemütlichen Abende mit ihrer Oma. Erst den ganzen Tag draußen im Schnee herumlaufen und sich danach am Kamin schön aufwärmen.

Delia zog die Nase hoch und stampfte wieder. »Viel zu kalt. Ich würde lieber mit Luzy tauschen.«

»Nein, das willst du nicht«, sagte Daniel entschieden. »Nicht mit dieser Familie.«

»Ist die wirklich so schrecklich?«, erkundigte sich Nina, die außer ihrer Oma keine Familie hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es so schlimm war, seine Familie zu besuchen.

Daniel nickte. Endlich ließ sich die Klappe öffnen.

»Und trotzdem ist es blöd. Man haut doch nicht einfach so ab«, grübelte Delia. »Bist du endlich fertig?«

Daniel drückte auf Play. Gespannt starrten sie zu dritt auf den DAT-Rekorder, aber das Gerät brummte nur leise.

»Du hast es doch nicht etwa gelöscht, oder?«, fragte Delia beunruhigt. Dann erklang die Stimme der kleinen Sarah blechern aus dem Lautsprecher: Sucht denjenigen, ohne den ich nichts bin. Dank Ptah wacht er über mich und unser Geheimnis.

Sie schauten sich an. Ein neues Rätsel!

Nina stieß Daniel wild in die Seite. »Spulst du noch mal kurz zurück?«, fragte sie. »Ich habe es nicht verstanden.«

Daniel drückte auf Rewind. Wieder erklang Sarahs Stimme: Sucht denjenigen, ohne den ich nichts bin. Dank Ptah wacht er über mich und unser Geheimnis.

»Was sagt sie da? Dank Ptwa? Was?« Nina schaute fragend zu den anderen.

Delia zuckte mit den Schultern. »Klingt wie Pizza.«

»Ja, das wird es sein!«, sagte Daniel ironisch.

»Ja, und, kann doch sein, oder?«

»Das ist nicht sehr wahrscheinlich ... Aber was sagt sie genau?«

Die drei hörten sich Sarahs Kinderstimme noch zehn Mal an, konnten allerdings immer noch nicht verstehen, was sie sagte.

»So kommen wir nicht weiter«, meinte Daniel frustriert und schaltete den DAT-Rekorder aus. »Kommt, wir kucken mal, ob wir im Internet was finden.«

Delia sah auf die Uhr. »Ich kann nicht, ich habe Petkovic versprochen, die Kostüme vom Musical aufzuräumen.«

Daniel sah Nina an. »Kommst du denn mit?«

Nina nickte. Gemeinsam gingen sie in den Computerraum, und Daniel setzte sich vor einen der Computer. »Womit sollen wir anfangen?«, fragte er, während seine Finger über die Tastatur flogen.

»Tja, was hältst du von Pah?«, schlug Nina vor. Sie sah über Daniels Schulter, wie er hintereinander Paah, Pza, Faah, Pah, Pa, Tah, Baah und allerlei andere Kombinationen, die ihnen einfielen, als Suchwort eintippte. Nichts ergab ein logisches Resultat.

»So wird das nichts«, sagte Daniel mutlos, als sie auf einer chinesischen Website gelandet waren. Er starrte auf die unverständlichen Zeichen.

»Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht«, witzelte Nina. »Du kannst wirklich kein Chinesisch lesen?«

Nina legte den Finger auf ihre Lippen. Im Flur erklangen eilige Schritte. Frau Engel ging schnell vorbei. In der Hand hielt sie einen blauen Umschlag.

»Noch mehr Vorschläge?«, fragte Daniel, als Frau Engel weg war.

»Was hältst du von P-T-A-H?«, meinte Nina.

»Das ist doch kein Wort!«

Aber Daniel tippte es trotzdem ein. »Volltreffer!«

Auf einer Site Rubrik über das alte Ägypten stand: Schöpfer-gott aus Memphis, Herrscher über das Handwerk und die Kreativität.

»Aber was hat das mit dem Rätsel zu tun?«, fragte Nina, während Daniel ihren Fund notierte.

»Das finden wir später heraus, lass uns jetzt schnell hier verschwinden.« Daniel sprang auf und zog Nina aus dem Raum.

Sie wollten gerade um die Ecke biegen, als sie Stimmen hörten. Daniel hielt Nina zurück und machte ihr ein Zeichen, dass sie sich ruhig verhalten sollte. Sie hörten jemanden schluchzen. Eine Frau.

»Nun beruhigen Sie sich doch bitte ... Hier.« Das war Herrn Altrichters Stimme.

Nina und Daniel spähten vorsichtig um die Ecke: Altrichter reichte Frau Engel gerade ein riesiges weißes Taschentuch, aber sie schob seine Hand nervös weg.

»Wir können sie doch nicht einfach so opfern!«, sagte sie und fing wieder an zu schluchzen.

Nina sah Daniel an. Was ging hier vor sich?

»Zu diesem Zeitpunkt kann sie für uns nicht an erster Stelle stehen.« Herr Altrichter fasste Frau Engel an den zuckenden Schultern und versuchte, sie in sein Büro zu führen, aber sie blieb stocksteif stehen.

»Das ist kriminell!«, schrie sie völlig außer sich.

Herr Altrichter schaute um sich. Daniel und Nina zogen den Kopf schnell zurück.

»Beherrschen Sie sich! Hier sind Schüler ...«, hörten sie ihn zischen.

»Das ist mir egal! Wir müssen ... wir müssen ... wir ... wir ...«

Daniel und Nina spähten wieder um die Ecke: Frau Engel ließ sich nun lammfromm mit gesenktem Kopf in Altrichters Büro führen. Der Direktor schaute sich noch einmal um und schloss dann die Tür.

»Was sollte das denn?«, fragte Nina in Richtung Daniel.

»Keine Ahnung, aber sie sprach von opfern, oder?«

»Ja, das habe ich auch gehört«, sagte Nina beunruhigt. »Wen denn? Was meint sie?«

Ehe Daniel antworten konnte, stand Delia plötzlich vor ihnen. Sie war außer Atem und ganz blass.

»Ich muss euch was zeigen«, drängte sie und zog Daniel und Nina mit auf den Innenhof. »Seht mal, was ich in Luzys Kostüm gefunden habe«, sagte Delia, als sie sicher war, dass keiner sie hören konnte. Delia gab Nina einen Zettel.

Um halb fünf bei der Alten Weide. Sprich mit niemandem und komm allein. Kuss, L

Nina reichte Daniel den Zettel.

»Kuss, L? Wer ist L

»Ich dachte einen Moment, es sei vielleicht Luka«, sagte Delia. Ihre Wangen wurden rot.

Daniel lachte. »Petkovic?«

»Nun ja, er fängt doch mit einem L an? Aber das ergibt gar keinen Sinn.« Delia lief noch mehr an und schaute schnell auf ihre Schuhe.

Daniel starrte in die Ferne und fuhr sich durch seine strubbeligen Haare. Sein Blick sagte: Ich denke gerade ganz doll nach und habe fast die Lösung.

»Linn!«, rief er plötzlich.

Delia drehte sich schnell um. »Wo?«, fragte sie einfältig.

»Nicht hier ... Luzy hat gesagt, dass sie beim Musical da war, weißt du noch? Wir haben ihr nicht geglaubt«, sagte Daniel zu Delia.

Nina sah plötzlich das Mädchen vor sich, mit dem sie nach dem Musical zusammengestoßen war.

»Ich habe das Mädchen gesehen!«, rief Nina. »Nach dem Musical hatte Altrichter ein Mädchen bei sich. Er sagte, es sei seine Nichte, aber das Mädchen kam mir so bekannt vor!«

»Dann war es doch Linn«, sagte Daniel. »Sie hat sich mit Luzy in Verbindung gesetzt und wollte sie bei der Alten Weide treffen«, sagte Daniel ernst.

»Und dann ist Luzy verschwunden«, meinte Delia.

Einen Moment lang waren sie still.

»Das ist alles so seltsam«, sagte Nina. Die anderen beiden nickten.

Es klingelte zum Pausenende, aber niemand achtete darauf.

»Glaubt ihr immer noch, dass Luzy in Spanien ist?«, fragte Delia leise.

»Nein, irgendwas ist hier faul. Nina und ich sahen gerade Frau Engel völlig aufgelöst durch den Gang laufen. Sie weinte und schrie Altrichter an, es wäre kriminell.«

Delia bekam einen Riesenschrecken. »Ob das was mit Luzy zu tun hatte? Sie werden doch wohl nicht ...?« Sie traute sich nicht, ihren Satz zu beenden.

Plötzlich stand Herr Altrichter hinter ihnen. Er blies in seine Trillerpfeife, so fest er konnte. »Es hat längst geklingelt!« rief er laut und scheuchte sie ins Gebäude. Er folgte ihnen bis ins Klassenzimmer.

»Was macht er denn?«, zischte Delia. »Wir haben doch jetzt keinen Unterricht bei ihm?«

»Nein, wir haben Deutsch ... Frau Engel«, flüsterte Nina und schaute sich argwöhnisch um. Herr Altrichter folgte ihnen tatsächlich ins Klassenzimmer, in dem die anderen schon auf ihren Plätzen saßen. Das Lehrerpult war nicht besetzt.

Herr Altrichter stellte sich dahinter und räusperte sich. »Silentium! Silentium! Setzen Sie sich gerade hin, bitte!«

Alle Schüler richteten sich auf und schauten den Direktor verwundert an.

Er räusperte sich ein zweites Mal. »Ich möchte Ihnen etwas mitteilen. Leider ist Frau Engel verhindert. Frau Chandrani wird sie vorläufig vertreten.«

Nina sah Daniel und Delia erschreckt an.

»Aber warum kommt Frau Engel nicht?«, fragte Mara beunruhigt. Sie mochte die Lehrerin sehr gern.

»Unvorhergesehene Umstände«, entgegnete Altrichter kurz angebunden.

»Welche denn?«, fragte Daniel.

»Darüber kann ich aus Gründen der Privatsphäre nichts sagen«, antwortete Altrichter scharf.

Daniel gab nicht auf. »Wann kommt sie zurück?«

»Das kann ich im Augenblick noch nicht sagen.«

Mara schaute sehr unglücklich. »Aber bei wem können wir uns dann als Kandidat für die Schülersprecherwahl melden?«

»Meine Herrschaften, Sie scheinen ja viele Fragen zu haben. Darauf komme ich später noch zurück«, sagte Altrichter genervt.

»Aber ...« Mara wollte etwas sagen.

Doch der Direktor schnitt ihr das Wort ab. »Genug jetzt!«

Alle hielten murrend den Mund.

»Wie gesagt: Frau Engel wird vorläufig von Frau Chandrani vertreten ... Frau Chandrani?«

Die Tür wurde aufgestoßen. Die Schüler trauten ihren Augen kaum, als eine Frau in bunten Gewändern und Turban hereinkam. Ein süßer Weihrauchgeruch erfüllte das Klassenzimmer.

»Guten Tag, Herr Altrichter, guten Tag, guten Tag ... liebe, liebe Schüler!«, sagte sie mit leiser, salbungsvoller Stimme, während sie auf den Direktor zuging und ihn fest umarmte.

»Gut, ich denke, Sie werden die Klasse sicher ohne Probleme übernehmen können«, sagte er, während er sich aus ihrer Umarmung löste und unbehaglich an seinem Kragen zupfte.

»Probleme? Herr Altrichter, ich kenne keine Probleme. Im Leben gibt es nur Herausforderungen, wissen Sie ...?«, sagte Frau Chandrani im selben salbungsvollen Ton.

Felix verdrehte die Augen. »Ich würde mal sagen, die hat ein kleiner Blitzschlag erwischt, oder?«, flüsterte er Magnus zu, während er mit beiden Händen wedelte, um den Weihrauchduft zu vertreiben.

Magnus tippte sich an die Stirn. »Eher ein großer ...«

»Ich hoffe, Sie haben genug Anstand, sich gut zu benehmen«, sagte Altrichter. Er sah Felix und Magnus scharf an.

Frau Chandrani griff sofort ein: »Oh, was für eine negative Energie«, sagte sie. Anschießend faltete sie die Hände und verbeugte sich leicht in Richtung des Direktors. »Namaste, Herr Altrichter.«

»Ja, Ihnen auch einen guten Tag.« Herr Altrichter verließ eilig den Klassenraum.

Den Rest der Stunde erzählte Frau Chandrani über Chakras, dritte Augen und die vielen Geheimnisse des Universums. Sie begleitete ihren Vortrag mit wilden Armbewegungen, die den Weihrauchduft in dicken Wolken im Raum verteilten. Die drei Clubmitglieder hörten kaum zu. Wann war die Stunde endlich zu Ende? Dann konnten sie besprechen, was dort vor sich ging mit Altrichter, Engel, Luzy und Linn.

Beim ersten Klingelzeichen rannte die gesamte Klasse aus dem weihrauchgefüllten Raum. Der Club ging zu den Fahrradständern, wo Delia ihre Tasche mit Schwung auf den Boden warf.

»Was soll das alles?«, rief sie. »Erst Linn, dann Luzy, und jetzt kommt Frau Engel nicht mehr? Wenn Altrichter die Wahrheit sagt, dann bin ich Minni Maus!«

»Ich verstehe es nicht«, sagte Daniel frustriert und griff sich ins Haar. »Was ist bloß mit Luzy und Linn geschehen?«

»Wenn wir das wüssten! Vielleicht wurden sie entführt.«

»Und warum? Ich verstehe das alles nicht.« Daniel schaute zu Nina, die nervös an ihren Haaren zupfte.

»Okay, jetzt mal der Reihe nach, vielleicht kommen wir dann ja weiter: Luzy sieht Linn. Linn wird von Altrichter mitgenommen. Irgendwie schafft sie es, ein Treffen mit Luzy zu vereinbaren, doch als Luzy dort hingeht, verschwindet sie«, fasste Nina schnell zusammen. »Frau Engel muss etwas damit zu tun haben, sonst hätte sie das Fax nicht vorgelesen.«

»Und sie wäre nicht so durcheinander gewesen bei dem Gespräch mit Altrichter«, ergänzte Daniel. »Sie wusste etwas.«

»Aber sie war mit irgendetwas nicht einverstanden, und deshalb musste sie verschwinden«, sagte Nina.

Daniel nickte. »Nur, das beantwortet noch immer nicht die Frage nach der Entführung.«

»Und jetzt?« Delia kickte missmutig ein Steinchen weg. »Wir können zu niemandem. Auf der Schule können wir niemandem vertrauen, und die Polizei würde uns auch nicht glauben.«

Nina warf ihre Haare zurück. Sie schaute fest entschlossen.

Daniel erkannte diesen Blick sofort: So hatte sie auch ausgesehen, als sie sich nicht davon hatte abhalten lassen, den Tresor in der Musicalpause zu knacken.

»Dann müssen wir Linn und Luzy selbst finden«, sagte Nina entschlossen. Sie sah Daniel und Delia in die Augen.

»Aber wie denn? Wir wissen doch gar nichts!«, rief Delia ängstlich.

Nina schaute noch entschlossener. »Falsch! Wir haben einen Anhaltspunkt: die Alte Weide. Wir können heute Nacht hingehen.«

»Hast du die Kameras schon vergessen?«, fragte Daniel.

Aber Nina wollte keine Zweifel hören. »Wir müssen so schnell wie möglich etwas unternehmen. Je schneller wir sind, desto mehr Chancen haben wir.«

Die beiden anderen waren einen Moment still.

»Du hast recht. Ich bin dabei«, sagte Daniel. »Delia?«

Delia schaute kurz auf ihre Tasche und danach auf ihre rosa Fingernägel. Sie seufzte tief.

»Okay, ich bin auch dabei«, sagte sie dann fest. »Heute Abend gehen wir zur Alten Weide.«

3
Hausarrest

An diesem Abend schlichen Nina und Delia leise über den stockfinsteren Mädchengang. In ihren schwarzen Klamotten und mit Biwakmützen auf dem Kopf waren sie fast unsichtbar. Die Kameras suchten leise summend den Gang ab, und sie schlichen sich Schritt für Schritt zur Treppe, wo ein wenig Licht war. Victor saß im Büro, also mussten sie an seinem Fenster vorbeikriechen. Fetzen geisterhafter Musik trieben in ihre Richtung: Eine schwere Männerstimme sang in einer unverständlichen Sprache. Victor hörte sich mal wieder eine Oper an.

Nina war froh, dass nicht die Stimme der kleinen Sarah aus Victors Büro klang, denn das würde bedeuten, dass Victor die Antriebskurbel des Abspielgeräts gefunden hatte.

Nachdem Victor Daniel die letzte Wachsrolle abgenommen und in den Tresor gelegt hatte, waren Nina, Delia und Luzy so schnell wie möglich auf den Dachboden geschlichen, um das Abspielgerät vor Victor zu verstecken, damit er sich die Wachsrolle nicht anhören konnte. Das Gerät war jedoch viel zu schwer für sie gewesen, weswegen Nina einfach die Antriebskurbel abgeschraubt hatte. Victor hatte den demontierten Apparat in sein Büro gestellt, aber ohne Kurbel konnte er die Wachsrolle nicht abspielen. Es war wohl allerdings nur eine Frage der Zeit, bis er das fehlende Teil ersetzt hatte.

Sie waren jetzt an der kleinen Treppe zu Victors Büro angekommen. Das war der gefährlichste Punkt. Nina presste sich mit dem Rücken flach an die Wand und wollte gerade um die Ecke schauen, als Delia stolperte und fast gefallen wäre. Nina konnte sie gerade noch am linken Handgelenk fassen.

»Au!«, rief Delia. Ihre Stimme schallte durch den Gang. Sofort schlug sie die Hand vor den Mund und drückte sich neben Nina an die Wand. Das Weiß ihrer Augen glänzte im schwachen Licht. Sie lauschten angespannt, aber sie hörten nur den Gesang der unverständlichen Männerstimme.

»Alles in Ordnung?«, flüsterte Nina nach einer Weile.

»Ja, danke!«, flüsterte Delia zurück.

Nina zog Delia mit sich. Sie machten sich ganz klein und krochen so leise wie möglich die Treppe hinunter. Jetzt kam die gefährlichste Stelle. Von hier aus konnte Victor sie sehen, wenn er also aufsehen würde, waren sie entdeckt. Zum Glück tat er das nicht, sondern schaute mit gerunzelter Stirn auf einen blauen Umschlag in seinen Händen. Schritt für Schritt schlichen sie weiter, bis sie sich hinter der großen Ritterrüstung neben Victors Büro verstecken konnten.

Nina hörte Delias jagenden Atem neben sich. Jetzt folgte der zweite gefährliche Teil: Sie mussten unter Victors Fenster entlang an der offenen Tür vorbei.

»AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!«

Nina und Delia zuckten zusammen. Unten schrie jemand unglaublich laut. Sie hörten, wie Victor sofort aus seinem Stuhl aufstand, und Nina und Delia kauerten sich hinter der Rüstung zusammen.

»AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!«

Das Schreien hörte nicht auf. Victor stieß die Tür weiter auf und schaute verärgert ins Treppenhaus. Genau in dieser Sekunde musste Delia vor Nervosität niesen, und der ganze Ritter rasselte. Im selben Moment wurde Nina klar, wie wenig Schutz die Rüstung bot. Als Victor sich umdrehte, sah er sie sofort.

»Was soll das?«, fragte er wütend. »Steht auf und nehmt diese Dinger vom Kopf!«

Nina und Delia kamen hinter der Rüstung zum Vorschein und zogen ihre Biwakmützen ab.

Victor sah sie scharf an. »Nina und Delia«, sagte er langsam. »Ab ins Wohnzimmer. Und zwar sofort!«

Er drehte sich um und ging schnell die Treppe hinunter, in den Gang der Jungen, in dem noch immer jemand schrie. Nina sah Delia an. Jetzt waren sie dran.

Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Der Kamin prasselte, und auf dem Tisch brannten zwei einsame weiße Kerzen. Das flackernde Licht schickte große, unruhig zuckende Schatten über die Wand. Schweigend setzten Delia und Nina sich auf eines der Ledersofas. Nina zerknautschte missmutig die Mütze in den Händen, und ihr Herz zog sich zusammen.

Wie würde Victor sie bestrafen?

Im Gang erklangen Schritte, und schon bald kam Victor mit Magnus und Felix im Schlepptau herein. Danach folgten Mara und Daniel. Daniel warf Nina einen besorgten Blick zu, sagte aber nichts. Mara gähnte herzhaft und rieb sich die Augen.

»Aufstehen!«, schrie Victor, der neben dem Esstisch stand. Er bedeutete ihnen, sich an die andere Seite des Tisches zu stellen. Im Kerzenschein sah er aus wie ein gruseliger bleicher Geist.

Mara gähnte noch einmal. »Was soll das denn alles?«

»Ruhe! Mir reicht es«, sagte Victor laut. Er sah zu Nina und Delia, die die Augen niederschlugen. »Was wolltet ihr im Flur? Und erzählt mir jetzt nicht, dass ihr beide geschlafwandelt habt, mit einer Mütze auf dem Kopf!«

Felix fing an zu lachen, aber er hörte sofort auf, als Victor ihn wütend anschaute.

»Wenn ich gleich mit dir fertig bin, wird dir das Lachen vergehen. Das verspreche ich dir«, sagte Victor drohend. Dann richtete er sich wieder an Delia und Nina. »Und?«

»Wir hatten eine Wette abgeschlossen«, sagte Nina, ehe Delia womöglich mit der Wahrheit herausplatzen würde. »Ob wir an den Kameras vorbeikämen.« Sie sah Victor fest an.

»Eine Wette? Mit wem?« Victor glaubte ihr offensichtlich kein Wort, aber Nina hatte nicht vor, noch mehr zu sagen. »Delia?«

Nina schickte ein Stoßgebet zum Himmel und flehte, dass Delia ihren Mund halten würde. Es half. Als Nina einen heimlichen Blick auf Delia warf, sah sie, dass ihre Freundin die Kiefer so fest zusammengeklemmt hatte, dass ein kleiner Muskel unter ihrem Ohr zitterte. Nina schaute wieder zu Victor. Sein Gesicht wurde immer roter.

»Ihr geistert wegen einer Wette durchs Haus? Und dieser Herr dort«, Victor zeigte anklagend auf Felix, »hält es für nötig, so zu tun, als stünde er unter Strom? Mir reicht es! Ihr habt 24 Stunden Hausarrest!«, schrie Victor völlig außer sich. »Und ihr drei bleibt morgen zu Hause und macht das ganze Haus sauber. Und wenn ich sauber sage, dann meine ich auch sauber.«

Felix schrak auf. »Was?«

»Das ist gegen das Gesetz. Es gibt so etwas wie Schulpflicht!«, rief Daniel.

Victor verschränkte die Arme vor der Brust. »Noch ein einziges Wort, und du kannst auch zu Hause bleiben.«

»Aber ... wir müssen zur Schule!«, sagte Delia.

»Das ist mir völlig egal. Lasst es euch eine Lehre sein – hier läuft keiner ungestraft nachts herum ... Eine Wette!«, knurrte Victor. Er zeigte auf Felix. »Das ist deine letzte Verwarnung. Beim nächsten Mal kannst du die Koffer packen.«

Felix protestierte, aber Victor unterbrach ihn. »Und jetzt will ich nichts mehr hören, ins Bett mit euch, und zwar schnell!« Er zeigte auf die Tür.

Nina ging mit gesenktem Kopf in den Flur. Sie war frustriert. Nun war ihr Plan, an diesem Abend zur Alten Weide zu gehen, völlig misslungen, und bei 24 Stunden Hausarrest würde es auch am nächsten Tag nicht gehen.

Im Flur zog Daniel sie vorsichtig am Ärmel. »Ich gehe morgen allein zur Weide, okay? Gleich nach der Schule.«

»Wenn ich sage, dass ich nichts mehr hören will, meine ich das auch so!« Victor stand dicht hinter ihnen und zeigte drohend Richtung Treppe.

Nina konnte Daniel gerade noch dankbar zunicken und folgte Mara und Delia die Treppe hinauf zu den Mädchenzimmern.

Victor hielt Wort: Als die anderen zur Schule gegangen waren, nahm er Delia, Nina und Felix mit ins Badezimmer und drückte ihnen einen Schrubber und einen Eimer mit Putzmitteln in die Hand. »Alles muss spiegelblank sein«, sagte er. »Und danach kommt das Wohnzimmer an die Reihe. Alles abstauben. Und wenn ich alles sage, dann meine ich auch alles.«

Mit diesen Worten verließ er das Badezimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Delia griff angeekelt nach dem Schrubber. Wahrscheinlich hatte sie so ein Ding noch nie in der Hand, dachte Nina, während sie Wasser in den Eimer laufen ließ und einen kräftigen Schuss Putzmittel dazugab. Sie wollte so schnell wie möglich fertig sein, vielleicht hatten sie dann noch eine winzige Chance, nach dem Essen ungesehen aus dem Haus zu gelangen und Daniel an der Alten Weide zu treffen.

»Hier, kümmre du dich nur um die Spiegel«, sagte Nina zu Delia und tauschte den Schrubber in ihren Händen gegen ein weiches Tuch.

Erleichtert fing Delia an, die Spiegel zu polieren. Nina tauchte den Schrubber in das heiße Wasser und putzte den Fußboden mit Schwung.

»Tatü, tatü, komm zurück, du Schurke. Tatü, tatü, tatü«, rief Felix laut. Er hielt einen kleinen Polizeiwagen in der Hand, mit dem er durchs Badezimmer rannte.

»Felix, meinst du, du könntest vielleicht auch was tun?«, sagte Delia genervt.

»Was hast du da eigentlich?«, fragte Nina neugierig.

Felix drückte den Polizeiwagen an sich. »Habe ich von einem sehr netten Mädchen bekommen.«

»Oh, ja? Und wer ist dieses nette Mädchen?« Nina sah Delia fragend an, weil sie wusste, dass Felix eine Schwäche für ihre Freundin hatte, aber die schüttelte heftig den Kopf. »Kennen wir sie?«

»Bestimmt«, sagte Felix geheimnisvoll und schaute in die andere Richtung.

»Sieh nur, er ist ganz verlegen, wie süß«, sagte Delia gerührt. »Ist zwischen euch schon was, äh, passiert?«

»Nein ... Ich muss erst herausfinden, wie ich sie beeindrucken kann«, sagte er und wedelte mit den Armen. Er sah in keinster Weise beeindruckend aus.

»Was für ein Mädchen ist es?«, fragte Delia scheinbar interessiert. Hinter Felix’ Rücken formten ihre Lippen das Wort Mara.

»Na ja, sie ist eben nett. Spontan. Sportlich«, sagte Felix.

Er fummelte an dem Polizeiwagen herum, und die Räder fielen auf den Boden.

»Sportliche Mädchen stehen auf sportliche Jungen«, behauptete Delia.

»Ja, mit muskulösen Armen und einem breiten Brustkorb«, stimmte Nina zu.

Schlagartig vergaß Felix die abgefallenen Räder und musterte sich enttäuscht im Spiegel.

»Es besteht noch Hoffnung, weißt du«, kicherte Delia. »Du musst trainieren ... Bodybuilding machen.« Sie zwinkerte Nina zu.

»Fang einfach mit den Armmuskeln an«, sagte Nina und reichte Felix den Schrubber. Wenn das so weiterging, standen sie am nächsten Tag noch im Badezimmer.

Die Tür öffnete sich, und Rosie kam herein. »Juhu!«, rief sie, während sie auf Zehenspitzen über den nassen Fußboden ging. »Du lieber Himmel, seid ihr erst hier? Es ist aber auch eine Schnapsidee, das ganze Haus zu putzen!«

»Ja, das ist kein Kinderspiel«, sagte Felix, während er den Schrubber in die Ecke stellte und sich in Bodybuilder-Pose vor den Spiegel stellte.

»Wisst ihr, ich lege bei Victor einfach mal ein gutes Wort für euch ein.« Rosie ging zurück zur Tür.

»Als ob das helfen würde!«, rief Delia.

Rosie drehte sich um. »Ich habe mehr Macht, als ihr denkt«, sagte sie energisch. »Ich gehe jetzt sofort zu ihm!« Mit diesen Worten verließ sie das Badezimmer und schloss  hinter sich die Tür.

Delia schaute von ihren langen Fingernägeln zu Felix, der angestrengt unterschiedliche Muskelgruppen anspannte.

»Rosie hat so viel Macht wie eine Hausmaus«, murmelte Delia leise. »Tust du heute noch was oder nicht?«, sagte sie und warf Felix ein Tuch an den Kopf.

Nina seufzte. Mit den beiden zusammen dauerte es wirklich endlos. Delia wollte sich die Hände nicht schmutzig machen, und Felix hatte so viel Konzentration wie ein Goldfisch mit Gedächtnisschwund.

Zum Glück griff Delia wieder nach ihrem Tuch und fing an, das Waschbecken sauber zu machen.

Während sie den Schrubber über den Boden gleiten ließ, dachte Nina über das Gespräch von gerade eben nach. Sie fand es ein wenig seltsam, dass Felix Mara plötzlich so großartig fand.

Er hatte niemals ein Geheimnis daraus gemacht, dass er völlig weg war von Delia, und er hatte sogar einmal fast die Küche in Brand gesteckt, um sie retten zu können. Nun, da es zwischen Delia und Kaya aus war, sollte man doch meinen, dass Felix’ ganzes Interesse Delia galt? Vor allem, weil Kaya jetzt doch mit Mara ging. Nina sah zu ihrer Freundin, die mit rotem Kopf die Wasserhähne wienerte. Sie hatte sie nie mehr gefragt, wie sie die neue Beziehung zwischen Mara und Kaya eigentlich fand.

Gerade wollte sie es einfach fragen, als ihr einfiel, dass sie Delia bestimmt in Verlegenheit brachte, wenn Felix dabei war.

Darum wartete Nina, bis sie im Wohnzimmer waren. Nachdem das Badezimmer blitzsauber war, waren sie zu dritt nach unten gegangen, aber dann hatte sich Felix buchstäblich aus dem Staub gemacht.

»Muss mal kurz in mein Zimmer«, hatte er gemurmelt, aber er war immer noch nicht zurück.

Nina und Delia standen gemeinsam vor dem riesigen Eichenschrank, in dem sämtliche ausgestopften Tiere in Reih und Glied standen. Die Mädchen waren beide mit einem großen Staubtuch bewaffnet. Nina verzog das Gesicht, als sie das Tuch über einen ausgestopften Kaiman gleiten ließ.

»Schau dir das an«, sagte sie zu Delia und zeigte ihr das schmutzige Tuch. Delia stand vor einer ausgestopften Schlange und zögerte.

»Was ist, traust du dich nicht?«, fragte Nina, als Delia die Schlange geflissentlich übersah und anfing, ein winziges Reh abzustauben.

Delia schaute verlegen auf und nickte dann. »Ich weiß, dass es doof ist, aber ich hasse Schlangen. Mäuse übrigens auch.« Sie schüttelte sich. »Hab ich dir mal erzählt, dass Kaya und ich im Urlaub eine Schlange unter unserem Bett gefunden haben?«

Jetzt musste Nina sich schütteln.

»Wie ekelhaft!«, sagte sie. Ein solches Erlebnis hätte bestimmt auch bei ihr lange nachgewirkt.

Delia nickte heftig. »Das war in Tunesien. Ich habe das ganze Hotel zusammengeschrien. Seine Eltern sind fast gestorben, so peinlich war es ihnen.«

»War sie giftig?«

»Nein, überhaupt nicht. Sie hatte Todesangst und glitt zurück in den Garten. Aber ich fand es so schrecklich!« Delia verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln und staubte weiter ab.

»Ist es für dich nicht seltsam ... äh ...« Nina wusste nicht so genau, wie sie es ausdrücken konnte.

»Was?«

»Das zwischen Kaya und Mara?«, fragte Nina.

Delia lachte schrill. »Nö, warum sollte es?«

»Ihr wart doch sehr lange zusammen, oder?«

»Anderthalb Jahre«, sagte Delia und nickte.

Beide schwiegen. Nina wusste nicht, was sie sagen sollte.

Plötzlich fing Delia wieder an zu reden. »Na ja ... Manchmal finde ich es schon doof.«

»Das ist doch ganz verständlich«, sagte Nina.

»Nein, ich meine, ich finde es doof von mir, dass ich ihn ab und zu schon noch netter finde als nett ... na ja ... lass nur.«

Delia wandte kurz den Kopf ab und sah dann wieder zu der ausgestopften Schlange. »Könntest du dich um dieses Gruseltier kümmern?«, fragte sie Nina. »Ich hole derweil den Staubsauger aus der Waschküche.« Dann warf Delia ihr Staubtuch auf den Tisch und verließ das Wohnzimmer.

Nina staubte die Schlange ab, die sie mit aufgesperrtem Maul und kalten Augen ansah. Delia hatte recht: das Tier war gruselig. Sie warf ihr Staubtuch auch hin und sah sich um.

Was sollte sie jetzt machen? Ihr Blick blieb an einer Rolle mit Abfalltüten hängen. Sie riss eine Tüte ab, hielt sie auf und versuchte den Inhalt des Abfalleimers in die Tüte zu leeren, wobei jedoch die Hälfte daneben landete. Ein braunes Stück Obst fiel auf ihren Fuß, und Nina kehrte den Abfall mit angeekeltem Gesicht zusammen. Da entdeckte sie einen halb verbrannten blauen Umschlag.

Das war seltsam, wer verbrannte denn seine Post? Neugierig hob sie ihn auf. Auf dem Umschlag konnte sie gerade noch den Namen Victor Rodemer entziffern. Der Umschlag war für Victor!

Vorsichtig zog sie die verkohlten Reste auseinander. Ihr Herz stockte: Im Umschlag steckte ein halb verbranntes Foto von Luzy! Sie saß auf einem Stuhl, und ihre Handgelenke waren mit Klebeband an die Lehne gefesselt. Über ihrem Mund befand sich ebenfalls Klebeband. Unter ihrem roten Pony schaute sie ängstlich in die Kamera.

»Nina! Nina!« Delia stürmte ins Zimmer. »Mit Felix stimmt was nicht!« Delia zog sie aus dem Wohnzimmer.

»Was ist denn?« Nina stopfte den Rest des Fotos schnell in die Tasche.

Delia schob sie Richtung Jungengang. »Er ist bewusstlos! Ich hole Victor!«

Delia rannte die Treppe hinauf, und Nina lief zum Zimmer von Magnus und Felix. Ängstlich riss sie die Tür auf.

Felix lag mit entblößtem Oberkörper auf dem Rücken mitten im Zimmer. Seine Augen waren geschlossen und seine Arme weit vom Körper abgespreizt. Neben seinem Kopf lag eine Hantel mit einem Aufkleber, auf dem Kaya stand.

»Felix? Felix?«, rief Nina, aber er reagierte nicht. Dann kniete sie sich neben ihn und lauschte angespannt. Sie hörte ihn leise ein- und ausatmen, er lebte also noch.

»Felix?« Nina klopfte ihm vorsichtig auf die Wangen. Er stöhnte ein wenig und murmelte etwas. Sie konnte ihn nicht verstehen und beugte sich über ihn.

»Mawa. Mawa.«

Mawa? Was war Mawa? Verständnislos schaute Nina in Felix’ Gesicht.

In diesem Moment stürmte Rosie ins Zimmer und schob Nina zur Seite. Delia folgte dicht hinter ihr.

»Felix, kannst du mich hören? … Hörst du mich?«, rief Rosie laut.

Plötzlich ergriff Felix Rosie, zog sie zu sich heran und spitzte den Mund.

Nina und Delia warfen sich einen Blick zu und mussten trotz der ernsten Situation lachen.

»Felix, Felix, was machst du nur?« Rosie warf Felix einen besorgten Blick zu.

In diesem Moment schlug Felix die Augen auf. Er sah Rosie erstaunt an. Dann nahm er seine Arme weg und fasste an seinen Kopf.

»Was? Aua, oooh, mein Kopf«, stöhnte er.

Rosie entdeckte die Hantel auf dem Fußboden. »Hast du das Ding da auf den Kopf bekommen?«, fragte sie Felix, während sie ihm beim Aufstehen half und ihn zu seinem Bett führte. Felix schaute erstaunt.

»Äh, ja, ich glaube schon«, stotterte er und legte sich hin. »Mir ist ein wenig schwindelig.«

Rosie schaute besorgt. »So, ganz ruhig ... und nicht zu viel bewegen.«

»Mann, ich fühle mich, als ob ich den Weltrekord im Hantelköpfen gebrochen hätte!«, sagte Felix und lachte. Er hörte allerdings schnell damit auf, als er merkte, dass es wehtat.

»Dieses Ding ist doch viel zu schwer! Du hättest dir das Genick brechen können«, sagte Rosie streng.

Delia schaute Nina schuldbewusst an. Das ging natürlich auf ihr Konto, sie hatten von breiten Brustkörben und Muskeln geschwärmt, die Mädchen großartig finden.

»Hast du’s mal wieder geschafft, du Witzbold?« Victor kam herein und sah Felix genervt an.

Rosie brachte ihn gleich zum Schweigen. »Das ist kein Witz, Victor. Du musst sofort einen Arzt rufen. Felix hat vielleicht eine Gehirnerschütterung.«

Rosie war wirklich wütend. Victor hatte Felix auf dem Monitor schon auf dem Fußboden liegen sehen, aber er hatte nicht zu ihm gehen wollen, weil er dachte, es sei einer von Felix’ Scherzen.

»Er hätte tot sein können! Du hast doch gesehen, dass etwas nicht stimmte! Du hättest gleich eingreifen müssen!«, fuhr Rosie fort. Ihre sanften Augen blitzten Victor an, der reagierte, als wäre er von einer Wespe gestochen worden.

»Raus mit euch!«, rief er Delia und Nina zu. »Ihr steht hier doch nur im Weg. Euer Hausarrest ist zu Ende. Ab in die Schule!«

»Und Felix?«, fragte Nina erstaunt.

»Ich glaube nicht, dass es sehr schlimm ist ... Ich bleibe schon bei ihm, geht ihr ruhig«, sagte Rosie.

Nina und Delia zögerten noch kurz, beschlossen dann jedoch, sich besser schnell zu verziehen, bevor Victor es sich wieder anders überlegte. Sie verabschiedeten sich von Felix, der verwirrt ein Auge öffnete.

»Wie schön, dass ihr hier wart! Vielen Dank für die Blumen!«, sagte er verwirrt und winkte den Mädchen kraftlos nach.

»Bist du sicher, dass es nicht so schlimm ist?« Delia wusste nicht, ob sie lachen sollte oder sich Sorgen machen musste.

Rosie nickte. »Das wird schon wieder.« Sie scheuchte die Mädchen mit einer Handbewegung aus dem Zimmer.

Auf dem Gang fingen sie leise an zu lachen. Felix hatte wirklich versucht, Rosie zu küssen.

»Und er sagte immer Mawa«, kicherte Nina.

»Er dachte natürlich, sie wäre Mara!«, schrie Delia und lachte lauter.

Dann fiel Nina plötzlich wieder das Foto von Luzy ein, das sie im Abfall gefunden hatte. Sie griff nach Delias Hand. Delia war erst erstaunt, dass ihre Freundin plötzlich so ernst wirkte, während ihr die Lachtränen noch in den Augen standen. Aber als Nina ihr das halb verbrannte Foto zeigte, war auch bei Delia keine Spur eines Lachens mehr zu entdecken. Sie unterdrückte einen Schrei, und Nina hatte einen Moment Angst, Delia könnte in Ohnmacht fallen, so blass wurde sie.

»Das ... das ist Luzy«, stammelte Delia.

Nina nickte und drehte das Foto um. Der Text auf der Rückseite war ein wenig angekokelt, aber man konnte noch deutlich erkennen, was dort mit blauem Stift geschrieben stand: ...ne Geduld ist fast zu Ende.

»Oh nein ... Nina!« Delia kniff fest in Ninas Hand. »Sie ist also wirklich entführt worden. Wir hatten recht! Aber warum wurde dieses Foto verbrannt?«

»Ich weiß nicht ... Vielleicht wollte Victor Beweise vernichten.« Nina spürte, wie eine Welle der Erleichterung sie durchströmte. Wenn dieser Umschlag für Victor war, hatte eindeutig jemand anderes Luzy entführt. Das bedeutete, dass Luzy auf keinen Fall von Victor ermordet worden war!

Delia nahm Nina das Foto aus der Hand und streichelte vorsichtig darüber. »Arme Lu.«

»Komm! Wir müssen sofort zur Weide!« Nina zog Delia mit Richtung Tür.

Aber Delia hielt sie zurück. »Und Daniel?«

»Du siehst doch, was dort steht: Meine Geduld ist fast zu Ende. Wir haben keine Zeit zu verlieren! Wenn Victor nichts unternehmen will, müssen wir sie suchen.«

»Wir sollten besser Tarnkleidung anziehen«, sagte Delia. »Womöglich beobachten sie die Weide.«

Wer sie waren, wusste Delia eigentlich auch nicht, aber das fanden die beiden Mädchen heraus, als sie eine halbe Stunde später – in Tarnkleidung – zur Weide gingen.

Sie würden nach Spuren suchen, die zu Luzy führen könnten. Nina schaute zu dem mächtigen Baum, als Delia sie plötzlich grob in ein Gebüsch schubste und ihr den Mund zuhielt. Sie zeigte durch die dürren Zweige zur Weide.

Ninas Atem stockte. Rufus Malpied ging um den Baum! Und was viel schlimmer war: Er schaute in ihre Richtung! Einen Moment sah es aus, als käme er auf sie zu, aber dann wanderte sein Blick auf den Boden und er begann, die Gegend um die Weide abzusuchen. Nach einer Weile spähte er um sich und ging zu einem Kleinbus, der schräg hinter der Weide stand. Er öffnete die Tür, klopfte sich den Sand an der Seitenwand des Wagens ab und startete den Motor.

Nina sah Delia an. Mussten sie jetzt nichts unternehmen? Sich Rufus in den Weg stellen oder ihm folgen?

Aber da fuhr der Wagen schon an und verschwand mit aufheulendem Motor im Wald. Nach ein paar Metern blieb er auf dem Waldpfad in einer tiefen Kuhle stecken. Das Fahrzeug geriet ins Schleudern, und einen Moment sah es aus, als hätte Rufus die Kontrolle über den Wagen verloren und würde gegen eine große Eiche knallen, doch nach ein paar Sekunden war er außer Sichtweite.

Nina stand auf und klopfte sich den Sand von ihrer Jacke. »Was wollte Rufus denn hier?«

»Meinst du ... er hat etwas mit Luzy zu tun?«

»Klar … Er hat ihr doch die ganze Zeit versprochen, dass er ihr etwas über Linn erzählen würde.« Nina dachte über Rufus nach, der sich vor einer Weile mit Luzy in Verbindung gesetzt hatte. Er hatte ihr versprochen, sie mit Linn in Kontakt zu bringen. Aber bevor es so weit war, hatten sie ihn bewusstlos im Gebüsch gefunden. Victor hatte ihn in seinen alten VW-Bus geladen und mitgenommen. Seitdem hatte Luzy ihn noch ein Mal gesehen: Er saß im Rollstuhl und wurde von einer Krankenschwester geschoben. Es war eine sehr seltsame Geschichte, aber Nina hatte dem seltsamen Mann mit seinem schwarzen Hut und dem schwarzen Mantel nie so recht vertraut.

»Aber ... Rufus war doch in Ordnung«, sagte Delia, die verstohlen um sich schaute.

Nina dachte nach und biss sich auf die Lippen. »Ich glaube nicht ... Ich hab das merkwürdige Gefühl, dass er Luzy reingelegt hat.«

»Und warum?«, fragte Delia verständnislos.

Nina schlug frustriert mit der flachen Hand auf die Weide. »Ich weiß es nicht! Um zu Linn zu gelangen? Keine Ahnung!«

Delias Augen wurden groß. »Vielleicht ist er ja ein Organhändler oder so was.«

Trotz allem musste Nina lachen. »Gut, wir konzentrieren uns wohl besser auf das Wie und nicht auf das Weshalb. Rufus sucht etwas.«

Delias Augen richteten sich nun auch auf den Boden. »Vielleicht hat Luzy eine Spur für uns hinterlassen.«

Zu Ninas Erstaunen zog Delia eine Lupe aus der Tasche ihrer Tarnjacke. »Ich wusste, dass ich die irgendwann brauchen würde«, sagte sie zu ihrer verdutzten Freundin und fing an, die Gegend um die Weide sorgfältig abzusuchen.

Nach zehn Minuten mussten die Mädchen zugeben, dass um den Baum herum nichts zu finden war – außer ein paar Käfern, einem Regenwurm und einer Kreuzspinne. Nina beschloss, das Gebiet ein wenig zu erweitern, und suchte nun auch den Pfad ab. Delia folgte ihrem Beispiel.

»Siehst du was?«, fragte Nina überflüssigerweise.

»Nein ... hast du hier schon geschaut?« Delia zeigte auf eine große Wurzel, die wie eine knöcherne braune Hand aus der Erde emporragte. Nina nickte.

»Blöder Baum! Sag doch was!«, rief Delia frustriert.

»Da kannst du lange warten«, meinte Nina, während sie weiter den Pfad entlangging. Plötzlich blieb sie stehen und beugte sich vor. »Delia!« Nina stand ein paar Meter von der Kuhle entfernt, in der der Kleinbus fast stecken geblieben wäre, und zeigte auf den Boden. Delia sah es auch: Im Sand zeichneten sich große Lachen ab.

Nina ging ein paar Schritte weiter. »Hier auch!« Sie bückte sich und rieb mit den Fingern über einen schwarzen Fleck. Auf ihrer Haut blieb eine schwarze fettige Substanz zurück.

»Frisches Öl«, sagte Nina triumphierend zu Delia, die angeekelt auf Ninas Finger schaute. »Rufus’ Bus leckt.«

Sie folgten der Ölspur, die immer tiefer in den Wald führte. Aber mit Einsetzen der Dämmerung, wurde es immer schwieriger, die Spur zu erkennen.

Bei einer Weggabelung blieben sie stehen. Weder rechts noch links gab es weitere Öltropfen.

»Du gehst in diese Richtung«, entschied Nina und zeigte auf den linken Pfad, »ich in die andere.«

Aber Delia folgte ihr. »Um nichts in der Welt gehe ich allein durch diesen finsteren Wald«, gruselte sie sich.

Sie hatten Glück. Schon nach zwanzig Metern fanden sie erneut einige Tropfen, Rufus hatte also diesen Weg genommen. Delia und Nina sprachen wenig miteinander, dachten aber dasselbe. Was würde sie am Ende dieser Spur erwarten? Hatte Rufus wirklich etwas mit Luzys Verschwinden zu tun?

Nach zehn Minuten tauchte im Halbdunkel ein verlassener Schuppen auf. Nina zuckte bei der Erinnerung zusammen: Sie war schon einmal hier gewesen, damals, als Daniel und sie sich gemeinsam im Wald verlaufen hatten. Das war, nachdem sie das Kästchen mit den Wachsrollen ausgegraben hatten. Jetzt, wo es fast dunkel war, sah der Schuppen noch bedrohlicher aus als beim letzten Mal. Das Gebäude war eine heruntergekommene Lagerhalle. An der Seite war ein hoher Stapel alter Paletten, und weiter hinten im Gebäude stand ein kaputter Gabelstapler, der irgendwann wohl einmal gelb gewesen war.

»Igitt, das ist der perfekte Ort, um eine Leiche zu verstecken«, flüsterte Delia.

»Oder um jemanden gefangen zu halten, der entführt wurde«, erwiderte Nina.

Ganz leise näherten sie sich dem Schuppen. Da das Gebäude keine Fenster hatte, konnten sie nicht sehen, ob jemand darin war.

Nina spitzte die Ohren. Der ganze Wald schien den Atem anzuhalten. Kein Ton war zu hören, sogar der Wind hatte sich gelegt. Nina schaute sich um, aber sie konnte Rufus’ Kleinbus nirgends entdecken.

»Ich sehe keinen Bus«, sagte sie leise.

»Aber der ist ganz bestimmt hier gewesen ... sieh nur!« Delia zeigte auf einen ziemlich großen Fleck rechts neben dem Schuppen.

»AAAAAAAH«, schrie sie plötzlich.

»Delia! Was ist?«, rief Nina erschreckt.

»Ich dachte ... ich dachte, ich hätte jemanden gesehen.«

Nina schaute um sich, konnte aber niemanden entdecken. »Du siehst Gespenster«, sagte sie tapfer. »Gehen wir hinein.«

»Aber was ist mit Rufus?« Delia fasste nach Ninas Arm.

»Der Bus ist doch nicht hier. Vielleicht ist Luzy dort drinnen ganz allein ...«

Schritt für Schritt näherten sie sich der Tür. Nina hörte Delias gehetzten Atem neben sich. Sie streckte die Hand nach der Klinke aus. Sollte sie es wagen? Sie lauschte noch einmal angestrengt, aber sie hörte nichts, weder Stimmen noch sonst etwas. Sie schaute zu Delia, die mit weit aufgerissenen Augen auf die Klinke starrte. Ninas Füße fühlten sich an, als klebten sie an der halb verfaulten schwarzen Plastikmatte, die vor der Tür lag.

Delia und Nina zuckten zusammen, als sie hinter sich ein Geräusch hörten. Ängstlich drehten sie sich um. Eine schwarze Krähe flog über sie hinweg und landete auf einem Baum. Nina schüttelte sich, sie hörte die Stimme der alten Sarah in ihrem Kopf: Nimm dich in Acht vor dem großen schwarzen Vogel ...

Nina wandte sich wieder der Tür zu. Wenn Luzy dort drinnen saß, mussten sie sie befreien. Sie war sicher, dass Luzy das auch für sie tun würde.

»Ich mache es«, flüsterte sie fest entschlossen und drückte die Klinke im selben Moment so vorsichtig wie möglich hinunter. Eigentlich hatte sie erwartet, dass die Tür abgeschlossen war, aber zu ihrem großen Erstaunen öffnete sie sich leise knarrend. Nina ging vorsichtig hinein. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, entdeckte sie ein paar Meter weiter einen umgefallenen Stuhl. Erschreckt schaute sie Delia an.

»Ist das ...?«, fragte Delia leise.

Auf Zehenspitzen gingen sie zu dem Stuhl. An der Lehne hingen Klebebandreste. Es war der Stuhl, auf dem Luzy festgehalten worden war!

Plötzlich bückte sich Delia und hob etwas Glänzendes vom Boden auf. »Sieh nur! Luzys Kette! Sie ist also ganz sicher hier gewesen.« Delias Stimme schallte laut und hohl durch den verlassenen Raum.

»Die Frage ist nur: Wo ist sie jetzt?« Nina erschrak vor ihrer eigenen Stimme, die von der Wand hallte. Sie schaute sich um, doch alles blieb ruhig.

Im selben Moment ertönte hinter ihnen ein Knarren. Die Tür schlug mit einem Knall zu, und sie hörten, wie jemand zwei Riegel zuschob. Nina rannte los und rüttelte an der Klinke, aber es war schon zu spät: Die Tür gab keinen Zentimeter nach. Sie waren gefangen.

4
Das Komplott mit Frau Engel

Nina rüttelte noch einmal an der Tür, vergeblich. Draußen hörte sie ein Auto mit quietschenden Reifen wegfahren.

»Jemand hat uns eingeschlossen!« Nina drehte sich um. Delia stand wie angewurzelt neben dem Stuhl. Nina ging zu ihrer Freundin und rüttelte sie am Arm. »Komm, es muss noch einen anderen Ausgang geben.«

Aber den gab es nicht. Der Schuppen hatte keine Fenster, und nirgendwo war eine andere Tür. Während Delia versuchte anzurufen, zog Nina ihre Haarnadel hervor, mit der sie die Tür zum Dachboden immer öffnete, und stocherte damit zwischen der Tür herum.

»Mein Akku ist alle«, sagte Delia mutlos und steckte ihr Handy zurück in ihre Tasche.

»Oh nein!« Nina hielt ein kleines Stück ihrer Haarnadel zwischen den Fingern, der Rest war abgebrochen. Seufzend fummelte sie das fehlende Stück aus dem Türrahmen.

»Versuch es mal hiermit«, sagte Delia und reichte Nina eine schwere Eisenstange. »Das machen Einbrecher doch immer so.«

Nina zwängte die Stange zwischen Tür und Rahmen und stemmte sich mit aller Kraft dagegen, aber die Tür gab nicht nach. »Hilf mir mal!«

Delia schaute seufzend auf ihre Fingernägel. Einer war schon beim Staubsaugen abgebrochen. Jetzt würden sie wahrscheinlich allesamt das Zeitliche segnen. Sie half Nina, bis sie beide vor Anstrengung einen roten Kopf hatten, aber nichts tat sich.

Delia trommelte mit den Händen gegen die Tür. »Hilfe! Hilfe!«, schrie sie zu dem ohrenbetäubenden Lärm, den sie verursachte.

»Delia! Hör auf! Hier ist keiner.«

Delia ließ sich auf den kalten Boden fallen. »Oh Nina, was sollen wir denn jetzt machen? Und was passiert mit Lu?«

Sie fing leise an zu weinen. Nina nahm sie in den Arm, aber Delia weinte immer heftiger. »Wir sind wenigstens zu zweit, aber sie ... Was macht dieser Mann mit ihr?«, schluchzte sie.

»Schscht, es wird schon gut«, sagte Nina, aber auch sie machte sich große Sorgen. Sie waren in einem verlassenen Schuppen eingesperrt, und niemand wusste, wo sie waren. Wenn keiner sie befreite, würden sie hier vor Hunger und Durst sterben.

Nina ging zu dem Stuhl und stellte ihn hin. »Komm, sonst erkältest du dich noch.« Sie half Delia auf.

Die ließ sich seufzend auf der hölzernen Sitzfläche nieder und schlug die Hände vors Gesicht. »Was machen wir bloß?«, erklang ihre Stimme erstickt.

Nina setzte sich auf einen Stapel Holzpaletten und zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es auch nicht.«

So blieben sie eine Weile schweigend sitzen. Nina dachte nach, aber ihr fiel nicht ein, wie sie aus dem Schuppen gelangen könnten. Suchend tastete sie ihre Jackentasche ab und fand eine halbe Rolle Pfefferminz. Sie gab Delia ein Bonbon und steckte sich selbst auch eins in den Mund. Irgendwann hatte sie mal gehört, man würde davon gute Ideen bekommen, doch in ihrem Kopf blieb es unangenehm leer. Wie lange saßen sie jetzt schon hier? Eine Stunde? Bestimmt war es schon Abend. Ohne Fenster hatten sie nicht das geringste Zeitgefühl. Für Luzy musste es schrecklich gewesen sein, hier so allein.

Nina erinnerte sich plötzlich an etwas und sprang auf.

»Was ist los?«, fragte Delia überrascht.

»Das Foto von Lu!« Nina tastete erst vergeblich in ihren Jackentaschen, aber da war das Foto nicht, ebenso wenig in ihren Hosentaschen. Das Foto war weg.

»Das ist vielleicht gut so«, tröstete Delia sie. »Wenn sie uns suchen, finden sie ja eventuell das Foto.«

»Das hoffe ich sehr.« Nina setzte sich wieder auf die Paletten.

»Ich habe Durst«, sagte Delia.

»Und ich muss pinkeln«, sagte Nina, während sie Delia noch ein Pfefferminzbonbon reichte.

»Ich habe da gerade einen Eimer gesehen.« Delia zeigte auf ein grünes Gefäß, das in einer Ecke stand.

Nina verzog das Gesicht, sprang aber plötzlich von den Paletten.

»Was ist?«, fragte Delia.

Nina hielt sich den Finger vor den Mund. »Schscht ... ich höre etwas.«

Sie schwiegen beide.

Jetzt hörte Delia es auch: Schritte! Jemand ging um den Schuppen!

Delia trat ängstlich einen Schritt zurück, aber Nina nahm die Eisenstange und schlich leise zur Tür. Delia folgte ihr und stellte sich hinter Nina, die mit zitternden Händen bereitstand. Jemand fummelte an der Tür herum! Sie hörten, wie erst der obere Riegel losgeschoben wurde und dann der untere ... Nina hob die Stange noch höher. Die Klinke senkte sich ...

»WAAAAH!!!« Nina stieß einen Schrei aus, als sich die Tür öffnete, und wollte zuschlagen, doch die Person, die hereinkam, sprang schnell zur Seite.

»Warte! Halt! Ich bin’s!«

Nina öffnete vorsichtig die Augen. Eine Welle der Erleichterung durchströmte sie, als sie sah, wer es war.

Daniel!

Nina ließ die Eisenstange fallen und umarmte ihn. Sie war noch nie so froh gewesen, ihn zu sehen.

»Gott sei Dank«, flüsterte er in ihre braunen Haare.

»Wir dachten schon, wir müssten hier sterben!«, schrie Delia, während sie Daniel ebenfalls umarmte.

Nina konnte es noch immer nicht fassen. Da stand er in seinem Ringelpulli und seiner blauen Jacke, mit seinen strubbeligen Haaren!

»Wie hast du uns nur gefunden?«, stotterte sie.

»Rosie meinte, ihr beiden wärt in der Schule. Dort hab ich euch allerdings nicht gesehen. Dann bin ich auf euer Zimmer gegangen und hab in Delias Jackentasche den Zettel von Linn an Luzy gefunden. Ich wollte sofort zur Alten Weide gehen, aber als ich an Victors Büro vorbeilief, hörte ich ihn mit jemandem über euch reden. So hab ich herausgefunden, dass ihr irgendwo eingesperrt seid. Ich wusste nur nicht, wo. Zum Glück bin ich an der Alten Weide auf die Ölspur gestoßen, und der bin ich gefolgt. Es war ein echter Glückstreffer!«

»Unglaublich, dass du der Spur folgen konntest«, sagte Nina. »Manchmal konnte man sie kaum erkennen.«

»Kaum erkennen? Sie war gerade besonders deutlich! Manchmal war sie sogar doppelt.«

»Dann war es also Rufus, der uns eingesperrt hat«, schlussfolgerte Nina. »Danach ist er zurückgefahren, und sein Kleinbus hat wieder Öl verloren.«

Daniel fing an zu lachen. »Himmel, wie froh ich bin, euch zu sehen!« Er umarmte die beiden Mädchen noch einmal.

»Nicht halb so froh wie wir!« Nina schaute Daniel an, und er wurde rot wie eine Tomate.

Er sah sich verlegen im Schuppen um. »Nicht gerade Schöner Wohnen, was?«

Delia zog die Tür auf und ging nach draußen. »Komm, wir gehen, ich will hier weg!«

Die anderen stimmten ihr zu, und sie gingen so schnell wie möglich zurück nach Hause. Im Wald war es stockdunkel, aber Daniel hatte eine Taschenlampe dabei.

Während des Rückmarsches erzählten Delia und Nina von dem Foto, das sie gefunden hatten, und von Rufus, den sie hatten wegfahren sehen.

»Wie geht es übrigens Felix?«, fragte Delia.

»Felix?«, reagierte Daniel erstaunt. »Was fehlt ihm denn?«

Delia erzählte schnell die Geschichte von der Hantel, aber Daniel versicherte ihnen, er habe Felix am Nachmittag putzmunter in der Küche gesehen.

»Zum Glück«, seufzte Nina. »Dann hat es heute wenigstens nicht noch mehr Opfer gegeben.« Ihre Gedanken schweiften ab zu Luzy. Wo sie jetzt wohl war? Sie hatten das Glück gehabt, dass Daniel sie befreit hatte, aber Luzy befand sich noch immer in Rufus’ Händen.

»Geht’s?«, fragte Daniel. Er legte einen Arm um Nina.

»Ja ... Ich bin so froh, dass du uns gefunden hast.«

Während sie die Tür zum Haus Anubis öffneten, schlug die Standuhr im Flur elf Mal. Leise schlichen sie sich durch den dunklen Flur, als plötzlich jemand eine Taschenlampe einschaltete. Oben an der Treppe stand Victor.

»Woher kommt ihr so spät?«, fragte er verärgert und richtete den Lichtstrahl auf sie.

Nina schaute wütend und verschränkte die Arme vor der Brust. »Als ob Sie das nicht wüssten!«

»Ihr seid eine Stunde zu spät! Kinder müssen um diese Zeit im Haus sein.«

»Wir waren eingesperrt! Da kann uns ziemlich egal sein, wann Kinder im Haus sein müssen«, sagte Nina laut. Die anderen beiden sahen sie erstaunt an, so kannten sie Nina gar nicht.

»Nicht so frech, junge Dame!«

»Warum haben Sie nichts unternommen?« Nina sprach immer lauter.

»Ich verstehe nicht, was du meinst.«

Nina kochte vor Wut. »Sie bekommen ein Foto von Luzy, auf dem sie gefesselt ist, und Sie unternehmen nichts. Rufus hat sie jetzt irgendwohin verschleppt, und Sie tun nichts. Er sperrt uns in einem alten Schuppen ein, wir sterben fast vor Hunger, und Sie unternehmen nichts. Wegen Ihnen ist Luzy noch immer in der Hand dieses Verrückten, und noch immer tun Sie nichts! Warum schalten Sie nicht die Polizei ein?«, ratterte sie aufgebracht.

Daniel legte ihr einen Arm um die Schulter. »Nina, reg dich nicht so auf«, sagte er leise, aber Nina schob seinen Arm weg.

»Nein! Ich will wissen, was hier los ist!« Sie schaute Victor grimmig an. »Warum gehen Sie nicht zur Polizei? Was haben Sie zu verbergen?«

Natürlich half es nicht. Victor tat, als wüsste er von nichts und schickte sie ins Bett. Nina hätte sich vor den Kopf schlagen können, dass sie das Foto von Luzy verloren hatte. Das Foto wäre wenigstens ein Beweis gewesen, aber jetzt hatten sie überhaupt nichts. Sie war vollkommen sicher, dass Victor mehr wusste und mit jemand anderem zusammenarbeitete, denn gleich nachdem er sie in ihre Zimmer geschickt hatte, hörten sie die Haustür und das stotternde Motorengeräusch von Victors altem VW-Bus. Nina ging im Pyjama zur Zimmertür.

»Wo gehst du hin?« Delia rieb sich gerade die schwarzen Streifen vom Gesicht.

»Zu Daniel. Wir müssen uns unbedingt etwas einfallen lassen, um Luzy zu finden.«

Nina öffnete die Tür und ging über den dunklen Flur Richtung Treppe. Delia ließ den Wattebausch fallen und folgte Nina mit cremeglänzendem Gesicht. Sie wollten gerade anklopfen, als Daniels Zimmertür sich öffnete und er im Bademantel vor ihnen stand. Offensichtlich hatte er denselben Plan gehabt wie Nina.

»Kommt rein«, sagte er. »Hier drinnen ist es sicherer, wenn Victor plötzlich zurückkehrt.«

Delia ließ sich seufzend auf Kayas leeres Bett plumpsen. Jetzt war es praktisch, dass er nicht da war.

Nina schlug frustriert mit der Hand gegen den Holzschrank. Sie war noch immer wütend. »Dieser grässliche Victor! Warum leugnet er alles? Für wie dumm hält er uns?«

»Arme Luzy, womöglich finden wir nur noch ihre Knochen«, seufzte Delia.

»Und Linn, was ist mit Linn?« Daniel sah die beiden Mädchen besorgt an. »Wir wissen, dass Rufus Luzy entführt hat, über Linn wissen wir allerdings noch gar nichts.«

»Wir müssen herausfinden, wo Rufus ist und was er will.« Nina trat noch einmal gegen Daniels Bett und setzte sich dann neben ihn. »Die Frage ist, wie erreichen wir ihn?«

»Tja, wir werden ihn wohl kaum im Telefonbuch finden«, sagte Delia.

Daniel lachte spöttisch. »Unter E wie Entführer!«

Nina schubste ihn. »Jetzt ernsthaft! Gehen wir mal alles durch. Was haben wir?«

Sie waren einer Meinung, dass Victor und Herr Altrichter unter einer Decke steckten, denn warum sonst hatte Nina Linn mit ihm zusammen gesehen? Bestimmt war es ein Komplott, an dem auch Frau Engel und Herr Petkovic beteiligt waren. Sie wussten wahrscheinlich, wie man mit Rufus in Kontakt kam.

»Aber die können wir auch nicht um Rufus’ Telefonnummer bitten!« Nina schaute betrübt.

»Klar, vielleicht können wir Frau Engel fragen«, sagte Daniel.

Die beiden anderen schauten ihn ungläubig an.

»Wer sagt, dass du sie von ihr bekommst? Und sie ist doch auch krank und kommt nicht zur Schule. Ich habe keine Telefonnummer von ihr«, sagte Delia.

»Ich schon.« Daniel erzählte, dass er während der Stunde heimlich in Frau Engels Kalender geschaut und ihre Telefonnummer abgeschrieben hatte.

»Das ist fantastisch!«, schrie Nina.

Daniel nahm ihr augenblicklich den kleinen Hoffnungsschimmer. Er hatte Frau Engel an diesem Nachmittag angerufen, doch sie wollte nicht mit ihm sprechen und hatte aufgelegt.

»Können wir es nicht noch einmal versuchen?«, fragte Delia.

Daniel schüttelte den Kopf. Dann kam ihm eine Idee. »Mit mir wollte sie nicht sprechen, aber bestimmt mit Herrn Altrichter.« Er stand ruckartig auf, nahm seinen Kalender vom Schreibtisch und öffnete die Tür. »Los, kommt mit! Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Er führte die beiden überraschten Mädchen zu Victors Büro und griff dort nach dem Telefon. Er räusperte sich. »Wie klingt das? Frau Engel, hören Sie ...«

»Altrichter spricht etwas langsamer ... Hier, vielleicht hilft das.« Delia zog ein Tuch aus der Tasche ihres Bademantels und gab es Daniel.

»Perfekt. Okay ... es wird schon schiefgehen.« Daniel schlug den Kalender auf und tippte Frau Engels Nummer ein. Delia und Nina standen stocksteif und schauten in Daniels konzentriertes Gesicht. Nur eine kleine klopfende Ader an seiner Schläfe verriet seine Nervosität. Er hielt das Tuch vor den Hörer. Endlich ging jemand ran.

»Guten Abend, Frau Engel, äh ... meine Liebe. Altrichter hier ...« Daniel hüstelte.

Delia kniff in Ninas Arm.

»Verzeihung ... ja ... ein wenig erkältet ...« Daniel hüstelte wieder. »Es tut mir leid, Sie so spät noch zu stören, aber es ist etwas geschehen ... Nein, das kann ich Ihnen nicht am Telefon sagen ... Zu gefährlich ... Una missione impossibile ... Können wir uns morgen früh treffen? ... In der Schule, ja ...? Vor Schulanfang ...?«

Delia zerdrückte Ninas Arm fast zu Mus.

»Ja, ich danke Ihnen ... Gut, abgemacht. Sieben Uhr am Haupteingang ... Auf Wiedersehen! Ja, Ihnen auch ... Auf Wiedersehen.«

Daniel legte den Hörer hin. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen. »Morgen früh um sieben Uhr haben wir eine Verabredung mit Frau Engel.«

»Großartig!«, rief Delia begeistert. Dann jedoch wurde ihr Gesicht ernst, und sie legte eine Hand auf ihr Auge. »Sibuna«, sagte sie feierlich.

Die anderen erwiderten den Gruß, und dann rannten Nina und Delia blitzschnell zurück in ihr Zimmer. Victor konnte jeden Moment zurückkommen.

Als sie endlich im Bett lag, fühlte Nina sich ein wenig besser. Morgen würden Sie Frau Engel unter Druck setzen, damit sie mit Rufus Malpied Verbindung aufnahm. Vielleicht war es noch nicht zu spät ...

Nina drehte sich auf die Seite, suchte eine warme Stelle für ihre Füße und drückte ihren Plüschgarfield an sich. Sie dachte an Luzy. Wo sie jetzt wohl schlief? Sie mussten sie unbedingt finden!

Es dämmerte noch, und es war sehr kalt, als sie am nächsten Morgen vor der Schule auf Frau Engel warteten.

Delia stampfte mit ihren weißen Fellstiefeln auf den Boden. »Wie spät ist es?« Aus ihrem Mund kamen Wölkchen.

»Fünf nach sieben.« Daniel blies in seine Hände, um sie warm zu bekommen. Seine Nase war vor Kälte ganz rot, genau wie Ninas Wangen.

»Hoffentlich kommt sie überhaupt«, sagte Delia nervös.

Genau in diesem Moment kam Doris Engel auf sie zu. Sie trug einen langen braunen Mantel und hatte einen riesigen Strickschal um den Hals geschlungen. »Was macht ihr denn hier?«, fragte sie ein wenig verärgert.

Daniel sah ihr ins Gesicht. »Wir haben eine Verabredung.«

»Ihr mit mir?« Frau Engel drehte sich um. »Ich habe ... oh nein, das geht nicht!« Sie wollte weggehen, doch Nina, Delia und Daniel stellten sich schnell um sie. Frau Engel versuchte, sich einen Weg zu bahnen, aber sie ließen sie nicht gehen. »Lasst mich durch!«

»Nein. Wir brauchen Ihre Hilfe«, sagte Daniel. Er verschränkte die Arme vor der Brust.

»Wofür?« Frau Engel wedelte nervös mit den Händen.

»Um Luzy zu befreien«, sagte Nina.

Frau Engel erschrak, als der Name Luzy fiel, aber sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. »Wovon redet ihr? Luzy ist in Spanien bei ihrem Onkel und ihrer Tante.«

Wieder versuchte sie, sich an ihnen vorbeizuzwängen, aber Daniel fasste sie an der Schulter. »Sie wissen doch ganz genau, dass das nicht stimmt.«

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Titel: Das Haus Anubis - Band 2: Das Geheimnis des Grabmals