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Der böseste Junge der Schule

Roman

2016 110 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

O nein, wie schrecklich – Marie muss neben dem gemeinsten Jungen der ganzen Schule sitzen: Ben isst seine Popel, macht fiese Furzgeräusche und spielt Marie einen Streich nach dem anderen. Warum kann er sich nicht benehmen wie die anderen Kinder? Mit so einem Chaoten will sie nicht befreundet sein, da ist Marie sich sicher. Doch es kommt anders – und damit beginnt für die beiden ein ganz besonderes Abenteuer …

Für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren: Ein verrückter und liebenswerter Roman über die Macht der Worte, große Überraschungen und das Wichtigste, was es im Leben gibt – Freundschaft!

Über die Autorin:

Kirsten C. Bergh ist das Pseudonym einer bekannten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorin, unter dem sie Geschichten erzählt, die etwas frecher und ungewöhnlicher sind, als es mancher Leser erwarten würde – und gerade deswegen so wunderbar.

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Originalausgabe April 2016

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Ralf Reiter

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von shutterszock/Ivan Nikulin.

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-107-4

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Kirsten C. Bergh

Der böseste Junge der Schule

Roman

jumpbooks

Kapitel 1

Marie baut sich eine Mauer aus Büchern. Ist nicht ganz leicht, weil das Deutschbuch sehr schmal ist und immer wieder umfällt, aber schließlich gelingt es ihr.

Frau Zöllner guckt böse, aber das ist Marie egal. Sie ist ja schließlich schuld an der ganzen Misere. Misere, denkt Marie, ist ein tolles Wort, klingt irgendwie nach ›mies‹. Sie sammelt Wörter.

»Marie«, sagt Frau Zöllner, ihre neue Lehrerin. Sie ist sehr dünn, sieht aber nett aus. Außer wenn sie böse guckt, so wie jetzt, dann bekommt sie so eine steile Falte auf der Stirn. »Was soll denn das? Hast du Angst, dass Ben von dir abschreiben könnte?«

Marie schüttelt den Kopf.

Die Falte wird steiler. »Könntest du dann bitte die Bücher wegpacken?«

Marie schüttelt noch einmal den Kopf.

Die Falte wird steiler als steil. »Warum kannst du das nicht?«

Man kann über Marie einiges sagen. Dass sie eine Streberin ist, vielleicht, weil sie gute Noten hat und ungewöhnliche Wörter mag. Man kann auch sagen, dass sie ein bisschen vorlaut ist, vor allem, wenn sie die richtige Antwort weiß und die dann einfach aus ihr herausplatzt und sie gar nichts dagegen tun kann. Aber eine Petze ist sie nicht. Schon gar nicht an ihrem allerersten Tag an der neuen Schule.

Frau Zöllner seufzt. »Pack sie bitte weg«, sagt sie noch einmal.

Marie packt die Bücher zurück in den Ranzen. Jetzt muss sie wieder dabei zusehen, wie Ben, der Junge neben ihr, seine Popel isst. Oder sie auf der Heizung trocknet, um sie danach durch den Klassenraum zu schnippen. Oder seine Fingernagelsammlung sortiert …

Dieser Ben ist wirklich der ekligste Junge der Schule. Muss er einfach, noch ekeliger geht nämlich nicht. Der Platz neben ihm war der allerletzte Platz, der frei war, und Marie musste sich dorthin setzen. Ein wirklich toller Schulanfang!

Sie schließt den Ranzen und beugt sich über ihre Matheaufgaben. Es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren, vor allem, weil Ben mit seinem Bleistift gerade eine schwarze Linie auf den Tisch malt. Genau dort, wo vorher ihre Bücher gestanden haben. Marie blinzelt irritiert.

Ben malt noch eine Linie neben die Linie. Dann schraffiert er den Zwischenraum.

Schraffieren ist auch so ein schönes Wort, nur wirkt es nicht mehr so toll, wenn Ben es tut. »Warum machst du das?«, flüstert Marie, als sie es nicht mehr aushält.

»Das ist die Grenze«, erwidert Ben. »Die darfst du nicht überschreiten.«

»Sonst?«

»Wirst du schon sehen.« Ben malt den Raum zwischen den Linien weiter aus.

Marie sitzt wie auf heißen Kohlen. Sie ist von Natur aus neugierig, und natürlich kann sie sich nicht beherrschen. Langsam bewegt sie ihre Hand in Richtung Grenze. Noch ein Stückchen weiter. Noch ein bisschen. Ihr kleiner Finger berührt die erste Linie, rutscht über den ausgemalten Bereich, schiebt sich über die zweite Linie … Klatsch.

Ben hat sie auf die Hand geschlagen, und zwar so schnell, dass Marie sie nicht rechtzeitig wegziehen konnte. Es tut nicht weh, trotzdem hat sie sich erschreckt. Mit rotem Gesicht blickt sie zu Frau Zöllner. Das Geräusch des Schlags hängt noch in der Luft, aber die Lehrerin hat nichts mitbekommen und schreibt mit dem Rücken zur Klasse weiter Aufgaben an die Tafel.

Marie schiebt ihre Hand noch einmal über die Grenze. Dieses Mal ist sie vorbereitet. Als Ben sie schlagen will, zieht sie die Hand weg.

Das Geräusch, als Ben auf den Tisch haut, ist wesentlich lauter als das vom Schlag auf ihre Hand. Frau Zöllner dreht sich um und runzelt die Stirn. Ihr Blick fällt wie stets zuerst auf Ben.

»Eine Fliege«, erklärt er. »Wenn sie sich noch mal hertraut, spieße ich sie mit meinem Bleistift auf.«

»Das tust du nicht«, erwidert Frau Zöllner, doch Marie hat die Warnung schon verstanden.

Sie beugt sich wieder über die Rechenaufgaben. Ben ist anscheinend nicht nur der ekligste Junge der Schule, er ist wohl auch der böseste.

***

Marie mag die meisten Wörter. Einige von ihnen sammelt sie sogar. »Saumselig« ist so ein Wort, das sie gesammelt hat, und es bedeutet so etwas wie langsam, bummelig. Bummelig ist übrigens auch ein tolles Wort. An »saumselig« und »bummelig« mag Marie, dass sie wie Insekten klingen. Es macht Spaß, sie über die Zunge krabbeln zu lassen.

Worte, die sie nicht mag, beginnen allesamt mit »neu–«, so wie Neuanfang zum Beispiel. Maries Mutter benutzt sie sehr oft in letzter Zeit, zu oft, und sie hängen Marie praktisch zu den Ohren heraus. Neubaugebiet, Neubauwohnung: Da leben Marie und ihre Mutter neuerdings – auch so ein blödes Wort. Ihre Mutter nennt sie manchmal neugierig. Am blödesten aber ist es, schlicht und ergreifend neu zu sein. So wie Marie jetzt, in der neuen Stadt an der neuen Schule. Mit diesem neuen Mitschüler, den sie aus tiefster Seele verabscheut.

»Aaaahhh.« Mit einem satten Furzgeräusch lässt Ben sich neben sie auf den Stuhl fallen und streckt die Beine von sich.

Marie kennt das inzwischen schon: Ben hat immer ein Furzkissen in seiner Hosentasche. Seit drei Wochen ist sie jetzt schon das bevorzugte Opfer seiner Späße, und sie setzt sich nur vorsichtig neben ihn und nicht ohne den Stuhl vorher genau untersucht zu haben – sie hat zweimal auf einem nassen Schwamm Platz genommen und einmal auf einer Art Scheuertuch. Natürlich isst sie nichts, was Ben ihr anbietet, obwohl sie nicht glaubt, dass das harte Stück in dem Bonbon wirklich Kakerlake war. Oder vielmehr hofft sie das. Und die vielen Furz-, Kotz- und Würggeräusche, die Ben so von sich gibt, versucht sie meist zu ignorieren. »Das ist ja nicht echt«, sagt sie. Sie rümpft trotzdem die Nase.

»Ich kann auch echt«, erwidert Ben und macht eine angespannte Miene.

»Wehe«, sagt Marie.

Ben drückt, bis er rot wird im Gesicht.

»Wehe«, wiederholt Marie alarmiert.

»Nein«, sagt Ben und entspannt sich wieder. Dann huscht ein diabolisches Grinsen über sein Gesicht. »Vielleicht, wenn ich heute Mittag eine Menge Bohnen esse.«

»Wehe«, sagt Marie nun schon zum dritten Mal und weiß selber, wie schwach das klingt. Überhaupt versteht sie nicht, wie jemand absichtlich so abstoßend sein will. Da wären schon einmal Bens Klamotten. In der Verkleidungskiste, die Marie besitzt, sind schönere Sachen. Ben sieht immer aus, als habe er sich eben ein gammeliges T-Shirt und seine schlechtsitzende Hose aus dem Kleidersack geangelt. Seine Turnschuhe fallen ihm fast von den Füßen, und anscheinend besitzt er nicht ein Paar farblich passende Socken. Seine dunklen Haare sind ungekämmt und sehen so aus, als hätte er sie sich selbst mit einer Gartenschere geschnitten. Zumindest hinten. Vorne fallen sie ihm lang ins Gesicht. Er riecht merkwürdig, aber das kann auch an den Klosteinen liegen, die er wie Edelsteine überall mitgehen lässt. Er hat ein Furzkissen in der Hose. Und er popelt. Stets und ständig hat er einen seiner Finger in der Nase.

»Ben, Hand runter«, sagt Frau Zöllner schon ganz automatisch, sobald sie die Klasse betreten und die Tür hinter sich zugemacht hat. Sie stellt die Tasche auf den Tisch und sieht sich erwartungsvoll im Klassenraum um. Erst als es ganz still ist, sagt sie: »Guten Morgen, Kinder.«

Marie und die anderen antworten laut und deutlich: »Guten Morgen, Frau Zöllner.«

Ben natürlich nicht. Der rülpst nur.

Frau Zöllner wirft ihm einen Blick zu. »Setz dich anständig hin, Ben.« Er muss jeden Morgen oft ermahnt werden, dies nicht zu tun oder jenes zu unterlassen oder sich gerade hinzusetzen, bevor der Unterricht beginnen kann. »Hände aus dem Gesicht.« Das war natürlich auch wieder an ihn gerichtet. Frau Zöllner wartet und beobachtet Ben, dann wendet sie sich an die Klasse und beginnt mit dem Unterricht.

Marie ist sich sicher, dass Frau Zöllner inzwischen genauso misstrauisch ist wie sie selbst. Ihre Lehrerin nimmt den Schwamm nur sehr vorsichtig und mit spitzen Fingern hoch, nachdem Ben erst gestern wieder alle Löcher mit Knallerbsen vollgestopft hat. Die Kreide ist ihre eigene, und sie holt sie vor jeder Stunde aus ihrer Tasche und packt sie wieder zurück: Wirklich erstaunlich, was man alles darin verstecken kann. Dann prüft Frau Zöllner, ob die Tafel nicht mit Haarspray eingesprüht wurde. Erst dann schreibt sie daran, aber nie zu lange. Es ist nie gut, Ben den Rücken zuzudrehen. Ihren Stuhl benutzt sie gar nicht mehr, weil sie nicht erst alle vier Stuhlbeine kontrollieren will, sondern setzt sich auf die Ecke des Schreibtischs. Und während der kleinen Pause muss Ben sich neben sie setzen und dort essen. Weil er meist nichts dabeihat, sitzt er nur so da. Es macht ihm nichts aus. Dieses Mal zieht er eine Brotdose aus seiner Tasche und zeigt sie Marie.

»Eine Brotdose«, sagt sie. »Na toll.« Sie wickelt ihr eigenes Frühstücksbrot aus.

»Wollen wir tauschen?«, fragt Ben. Sein eines Auge funkelt blau, das andere ist unter einer Haarsträhne verborgen.

Marie würdigt ihn keiner Antwort. Nur jemand, der nicht alle Tassen im Schrank hat, würde sich auf einen Tausch mit Ben einlassen.

»Mal im Ernst. Ich hab was ganz, ganz Besonderes.«

Maries Entschluss, ihn zu ignorieren, wankt. Sie ist nun einmal von Natur aus neugierig, kann gar nicht anders. »Was ist denn da drin?«

»Sag ich nicht. Du musst schon tauschen, um es zu sehen.«

»Nö«, sagt Marie.

»Dann wirst du es nie erfahren«, sagt Ben.

Frau Zöllner hat ihr Frühstück neben sich auf den Lehrertisch gelegt. Sie schaut hoch. »Ben, kommst du nach vorne?«

»Sofort«, sagt Ben.

Frau Zöllner wirft ihm einen misstrauischen Blick zu, weil er geantwortet hat, und das auch noch nett.

Marie auch. »Ist mir egal, was du isst.«

»Ich esse es nicht, ich genieße es«, sagt Ben, während er aufsteht. Er packt seine Brotdose und schüttelt sie. Im Inneren gibt es ein leichtes, rollendes Geräusch. Auf jeden Fall ist etwas drin.

»Na gut«, ruft Marie und hasst ihre Neugier. Sie weiß es ja. Sie sollte es nicht tun, sollte sie nicht. Es ist falsch und blöd, aber sie will nun einmal wissen, was in der Dose ist. Sie muss es wissen. »Wir tauschen.«

Ben lächelt leicht und streckt seine Hand aus.

Marie legt ihr Schinkenbrot hinein, nimmt dafür die Dose.

Ben geht nach vorne zu Frau Zöllner und macht es sich auf dem Lehrerstuhl gemütlich. Von da aus hat er einen guten Blick.

Vorsichtig und ein wenig aufgeregt schüttelt Marie die Dose. Sie legt sie sich in den Schoß, öffnet sie langsam, ganz langsam, als könne sie jeden Augenblick explodieren, was bei Ben sehr gut möglich wäre. Sie sieht hinein und erstarrt.

In der Dose liegt ein abgeschnittener, blutiger Finger.

Maries Herz galoppiert, und sie kann nichts dagegen tun, dass sie rot wird. Sie versucht, sich mit logischen Argumenten zu beruhigen. Das ist sicher kein echter Finger, kann kein Finger von einem Menschen sein, oder? Obwohl er echt aussieht. Das tut er, zweifellos. Aber er riecht nicht eklig oder so, eher … bekannt. Marie beugt sich tiefer über die Brotdose. Nein, der Finger ist nicht echt, stellt sie erleichtert fest. Das ist ein Würstchen, wenn sie nicht alles täuscht. Schnitte täuschen die Gelenke vor, eine perfekt geformte Mandel steckt vorne als Fingernagel im Fleisch. Das Fingerwürstchen glänzt, das macht es so wirklichkeitsgetreu, aber das Blut unten am Gelenk ist nichts weiter als Ketchup.

Marie überlegt, während sie Bens Blicke vorne am Lehrerpult förmlich spüren kann. Ben, der gerade ihr leckeres Schinkenbrot isst. Nein, damit kommt er nicht durch. Er wird sich nicht schon wieder über sie lustig machen. Ohne ihn eines Blicks zu würdigen, nimmt sie den Finger und beißt hinein.

***

»Ben ist ja so ein Blödmann«, sagt Lena, als ihr Marie von der Sache mit dem Finger erzählt hat. Lenas Banknachbar ist krank, und so hat sich Marie im Kunstraum neben sie gesetzt. Sie weiß zwar nichts über Lena, aber vielleicht kann sie sich mit ihr anfreunden. Lena ist sehr beliebt.

Ben sitzt allein und hat mal wieder seinen Tuschkasten vergessen. Er langweilt sich, aber selbst schuld: Niemand will mit ihm seine Farben teilen.

»Mir hat er mal Regenwürmer in meine Brotdose geschmuggelt«, erzählt Lena. »Aber nicht nur einen oder zwei, sondern einen ganzen Haufen. Ich habe sie fallen gelassen und sie zertreten, aber da ist er total böse geworden. Er hat sie aufgesammelt und mich angeschrien, ich sei eine Tierquälerin. Ich! Eine Tierquälerin! Dabei war er es doch, der mir diese ekligen Dinger untergeschoben hat.« Sie schüttelt den Kopf so heftig, dass sie von ihrem blonden Pferdeschwanz gepeitscht wird.

Marie findet Regenwürmer eigentlich nicht so wirklich schlimm, also sagt sie nichts.

»Das war so eklig«, bekräftigt Lena noch einmal, der es anscheinend an Zustimmung fehlt.

Nun ja, vielleicht in einer Brotdose … Marie nickt nur.

»Du hättest auch geschrien.«

»Bestimmt«, sagt Marie. Aber ich hätte sie nicht zertreten, denkt sie. Warum auch? Regenwürmer sind harmlos. Die können sich nicht mal wehren.

»Meine Eltern haben schon hundertmal bei Frau Zöllner wegen Ben angerufen«, fährt Lena fort. Im Deckel ihres Tuschkastens mischt sie ein Rot, das Marie stark an Blut erinnert. Auf jeden Fall sieht es viel realistischer aus als das Ketchup-Blut am Finger. »Sie haben auch bei Bens Eltern angerufen, aber da nur eine Tür eingerannt oder so.«

»Sie haben eine Tür eingerannt?« Marie sieht zu, wie Lena das blutige Rot auf ihr Papier tropfen lässt.

»Weiß ich auch nicht, was das bedeuten soll. Vor allem, weil sie ja gar nicht da waren, sondern nur telefoniert haben. Aber das hat mein Vater gesagt: dass er eine offene Tür eingerannt hat.« Sie zermatscht die roten Tropfen auf dem Weiß des Papiers. »Er will, dass ich mich von Ben fernhalte. Der sei eben gestört.«

Marie wirft einen Blick zu Ben. Im Augenblick sieht es nicht so aus, als sei er von irgendetwas oder irgendwem zu stören. Er schläft wohl, zumindest liegt er quer auf seinem Pult und rührt sich nicht. Vielleicht ist er tot?

Lena malt den Würfel auf ihrem Bild blutig rot aus. »Auf jeden Fall kannst du dich ja nicht fernhalten. Du sitzt ja neben ihm.«

Nein, tot ist er nicht. Wenn man genau hinsieht, hebt und senkt sich sein Brustkorb. Er atmet also noch.

»Das muss furchtbar sein«, stöhnt Lena mitleidig.

»Was?« Marie blickt verwirrt auf den Pinsel in Lenas Hand, von dem rot und satt die Blutfarbe tropft.

»Na, neben Ben zu sitzen. Davon reden wir doch die ganze Zeit.«

»Ja, furchtbar«, erwidert Marie mechanisch. Sie starrt auf das leere Blatt vor sich.

»Na los«, sagt Lena. »Willst du nicht anfangen?«

Marie taucht ihren Pinsel ins Wasser und nähert sich der blauen Farbe, als Lena weiterredet.

»Frau Kleinert hat gesagt, wir sollen ruhig unsere Lieblingsfarbe nehmen. Also, meine Lieblingsfarbe ist Rot. Rot ist gefährlich und richtig toll, findest du nicht? Rot ist die Liebe.« Sie kichert.

Maries Pinsel macht einen leichten, kaum merklichen Schlenker. Obwohl ihre Lieblingsfarbe Blau ist, fährt sie damit in dem roten Topf herum, bis er genug Farbe aufgenommen hat. Rot ist wie Blut, denkt sie. Rot ist auch die Farbe von zertretenen Regenwürmern.

Kapitel 2

»Ben, Hand runter«, sagt Frau Zöllner. Sie verteilt heute die Referate für die Projektwoche. Die Projektwoche heißt »Unser Haus«, und jeder konnte Vorschläge machen, über welchen Gegenstand oder welche Erfindung er etwas herausfinden und vortragen will.

Marie hat »Kühlschrank« auf ihren Vorschlagszettel geschrieben. Sie findet Kühlschränke nicht wirklich spannend, aber ihr fiel ehrlich gesagt nichts Besseres ein. Außerdem hatten sie sich die Themen in der letzten Stunde ausdenken müssen, und da hat sie immer einen Mordshunger.

»Ich verteile heute die Referate, die ihr eingereicht habt. Leider gab es viele doppelte Nennungen. Der Kühlschrank scheint euch ja alle brennend zu interessieren. Ich nehme an, ich hätte euch die Vorschläge nicht kurz vor dem Mittagessen schreiben lassen sollen.«

Ben schnaubt verächtlich, und Marie fühlt sich ertappt.

»Daher haben wir nicht genug Themen«, fährt Frau Zöllner fort. »Ihr werdet also zu zweit arbeiten und euch mit eurem Banknachbarn oder eurer Banknachbarin zusammentun.«

Welchem Banknachbarn? Marie schaut verzweifelt nach rechts, wo natürlich niemand sitzt, denn sie hat ja nur einen Banknachbarn, und das ist natürlich … Ben. O nein.

Ben sieht zu ihr herüber, öffnet den Mund und fügt der Ankündigung von Frau Zöllner ein sattes, lautes Rülpsen hinzu. Ein ekliger Geruch nach Gurken und Zwiebeln schlägt Marie entgegen.

Aber es kommt noch schlimmer. Denn als Frau Zöllner herumgeht und schließlich mit dem letzten Zettel zu ihnen an den Tisch kommt, sagt sie: »Ich kann mir zwar vorstellen, dass du zu dieser Erfindung eine besondere Affinität hast, Ben …« Sie sagt tatsächlich »Affinität«, und Marie versucht, sich das Wort zu merken, um es später nachzuschlagen. »In diesem Fall jedoch hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Das ist wirklich und wahrhaftig ein interessantes Thema, und ich möchte dich und Marie bitten, es auch mit dem gebührenden Ernst zu behandeln.« Obwohl wieder die Falte auf ihrer Stirn steht, kommt das einem Lob schon bedenklich nahe.

Marie hat nicht erlebt, dass Ben jemals gelobt wurde. Neugierig geworden, beugt sie sich über den Vorschlagszettel, den Frau Zöllner in die Mitte des Tisches, genau auf die gemalte Grenze, legt. Und auf dem in Bens krakeliger Handschrift nur ein Wort zu lesen ist: »Toilette«.

***

»Das ist nicht wahr«, sagt Lena und atmet hörbar aus. »Ihr sollt ein Referat über die Toilette schreiben?« Sie und ihre beste Freundin Bea und ihre zweitbeste Freundin Janina stehen um Marie herum und starren sie wohlig schaudernd an.

Marie hat noch immer keine beste Freundin. Noch überhaupt keine richtige Freundin an der Schule, wenn man es recht bedenkt. Sie nickt und wiederholt: »Toilette.«

Janina muss kichern.

Es ist nicht ganz einfach, sich mit Lena oder Bea oder Janina anzufreunden, weil sie sich gegenseitig mal am meisten mögen und mal nur am zweitmeisten und Marie noch nicht so recht durchgestiegen ist durch die ganze Mögerei. Lena unternimmt viel mit Bea, aber nicht so viel mit Janina, Janina will aber auch dick mit Lena befreundet sein und eifert ihr und Bea nach, was nervig ist. Vor allem, weil sie ständig alles wiederholt, was die beiden sagen und tun.

Marie weiß noch nicht so recht, ob sie die drei überhaupt mag, ist aber dankbar für jedes bisschen Anteilnahme. Sie will auf keinen Fall so enden wie Ben, der jede Pause für sich ist.

Auch jetzt sitzt er ganz allein hinten auf dem Fahrradständer und pult mit den Fingern etwas aus seinem Brot. Er betrachtet es, dreht es auf dem Finger hin und her und riecht daran. Dann wischt er es einfach an einen der Fahrradsättel neben sich.

Marie wendet sich schaudernd ab. »Toilette«, sagt sie ein weiteres Mal, als könne sie es selbst kaum glauben.

»Mit Ben.« Lena schüttelt noch einmal fassungslos den Kopf. »Ich würde mich beschweren.«

»Genau. Beschweren«, wiederholt Janina.

»Bei wem denn beschweren?«, fragt Marie.

»Na, bei deinen Eltern. Die sollen Frau Zöllner sofort anrufen. Meine machen das immer so.«

Bea und Janina nicken dazu, doch Marie ist sich keineswegs sicher, dass ihre Eltern so reagieren würden. Zum einen hat sie ja nur noch eine Mutter. Das heißt, natürlich hat sie auch einen Vater, aber der wohnt jetzt mit seiner neuen Frau in Maries ehemaligem Zuhause und würde sowieso einen Teufel tun und irgendwo für sie anrufen.

Und ihre Mutter sagt immer, sie müssten beide einen Neuanfang machen, jede für sich allein, und der sei nun einmal schwierig. Für Marie die Schule und für sie die Arbeit, obwohl Marie bezweifelt, dass sich ihre Mutter mit jemandem abgeben muss, der sein Frühstücksbrot an Fahrradsättel schmiert.

»Du kannst bei uns mitmachen«, schlägt Janina vor. Sie und Bea haben tatsächlich das Thema »Kühlschrank« bekommen.

»Oder bei mir und Sven«, sagt Lena. Sie sollen etwas über die Glühbirne herausfinden. »Wir treffen uns heute Nachmittag bei mir.«

Wenn Marie ehrlich ist, findet sie die Geschichte der Toilette dann doch spannender als die der Glühbirne. Wenn es nur nicht mit Ben wäre! Und apropos Treffen … Sie muss doch wohl nicht etwa zu Ben nach Hause? Wo wohnt der überhaupt?

»Bestimmt in einer Mülltonne«, lacht Bea, die das Ganze noch am witzigsten findet.

»In einer Mülltonne«, wiederholt Janina kichernd.

Doch Lena weiß es besser: Sie ist mit Ben in den Kindergarten gegangen. »Seine Eltern haben ein echt großes Haus im Philosophenviertel, gleich am Wald.«

Bea pfeift anerkennend, Janina macht es ihr nach.

Marie, die sich noch nicht auskennt, ist nicht sonderlich beeindruckt. Philosophenviertel sagt ihr nichts. Aber zu ihr nach Hause zu gehen, kommt auch nicht in Frage. Bei ihr ist noch nicht einmal das Kinderzimmer fertig gestrichen, und fast all ihre Sachen stehen noch in Kisten im Flur herum. »Hauptsache, keine Mülltonne«, murmelt sie.

»O nein.« Lena schüttelt den Kopf. »Das ist das Gegenteil davon, glaub mir.« Sie sagt es mit einem merkwürdigen Unterton. Als wäre das Gegenteil sogar schlimmer als das.

***

»Zu mir? Du spinnst wohl.« Ben scheint von dem Plan ebenso begeistert zu sein wie Marie. Er prokelt sich in den Zähnen herum und spuckt in Richtung der Tür, aus der sie gerade gekommen sind. Es ist Schulschluss, jede Menge Schüler strömen um sie herum nach draußen. Marie wird angerempelt.

»Bei uns geht es nicht«, wiederholt sie. »Wir haben die Handwerker.«

»Mir doch egal«, sagt Ben. Es scheint ihm nichts auszumachen, dass er mitten im Weg steht. Kunststück. Um ihn machen die anderen Schüler ja auch einen Bogen.

Ganz im Gegensatz zu Marie, die schon das dritte Mal einen Stoß abbekommt, so dass ihre Tasche ihr über die Schulter gerutscht ist. Sie schiebt sie wieder hoch. »Warum denn nicht? Ihr habt doch genug Platz«, ruft sie, um sich verständlich zu machen.

»Sagt wer?« Bens Augen funkeln. Sie sind blitzeblau mit langen, dichten Wimpern, sobald man sie unter seinen langen Haaren mal sieht. Allerdings ist dieses Blitzen kein gutes Zeichen, weil er dann wütend ist.

»Lena sagt, ihr habt ein Haus. Im Phi–, Pho–, in irgendeinem Viertel halt. Am Wald«, fällt Marie noch rechtzeitig ein. Der Stoß eines Ranzens nimmt ihr beinahe den Atem.

Ben spuckt noch einmal aus. Bei dem Gedränge ist es fast ein Wunder, dass er niemanden trifft, aber das ist ihm wohl egal. »Lena kann mich mal, die Tierquälerin«, sagt er.

So langsam wird Marie wütend. Sie braucht eine Entscheidung, und zwar schnell. Bevor sie niedergetrampelt wird wie ein Regenwurm. »Lena kann dich eben nicht«, sagt sie, und vielleicht funkeln ihre Augen jetzt auch, obwohl die braun sind. »Ich bin es, die dieses dämliche Referat mit dir machen muss. Also, was jetzt?« Wieder rempelt sie jemand an und beschimpft sie auch noch, weil sie im Weg steht. Und jetzt wird es Ben zu viel, und er langt an Marie vorbei und gibt dem Rempler einen festen Stoß.

»Lass sie in Ruhe, du Vollpfosten!«, motzt er.

Es könnte fast nett gemeint sein, trotz der Ausdrucksweise, aber Ben will sich wohl bloß Gehör verschaffen. Er stellt sich mit dem Rücken zu den herausströmenden Schülern und stemmt die Arme in die Hüften. Marie steht geschützt wie hinter einem Felsen. »Wir machen das Referat hier.«

Marie weiß ja nicht, ob diese Schule hier eine Ausnahme ist, aber eigentlich wird sie nach Schulschluss immer abgeschlossen, oder?

»Dann draußen. Bei den Tischtennisplatten.«

Aber es regnet. »Wie wäre es mit der Bibliothek?«, schlägt sie vor.

Ben sagt etwas von »Hausverbot«, was im Lärm der anderen Schüler untergeht. Er spuckt das dritte Mal kräftig aus.

Angeekelt schaut Marie auf den Spuckebatzen vor ihren Füßen. Er ist weiß und schaumig, und sie macht einen kleinen Schritt zurück.

»Na gut«, sagt Ben plötzlich, wie aus heiterem Himmel. Als wolle er damit ihren angeekelten Blick ablenken wie ein Blitzableiter.

Marie sieht wieder hoch.

»Morgen. Bei mir«, bestätigt er. Dann stapft er an ihr vorbei – wobei er sie jetzt selbst mit den Schultern aus dem Weg stößt – durch seine eigene Spucke nach draußen.

***

»Und er ist so eklig«, berichtet Marie später am Telefon und kann sich gar nicht genug ereifern. »So eklig. Habe ich dir schon das mit dem Finger erzählt?«

»Ja«, seufzt Lilli in den Hörer. Sie wohnt jetzt weit weg, viel weiter als nur einmal um die Ecke und dann 30 Schritte.

»Aber nicht das mit den Tieren. Er sammelt alle toten Tiere auf und beerdigt sie. Auch die am Straßenrand und so. Auch die, die schon ganz lange tot sind. Also, wie gestört muss man denn sein …« Jahrelang brauchte Marie nur um die Ecke und 30 Schritte zu gehen, seit sie denken kann, um ihre beste Freundin zu sprechen. Jetzt kann sie mit Lilli nur noch am Telefon reden. »Und das mit der Stinkbombe? Habe ich dir erzählt, dass er eine Stinkbombe reingeschmuggelt hat? War ja allen klar, dass Ben das gewesen ist, und Frau Zöllner wollte ihn eigentlich allein im Klassenzimmer lassen, aber das ist wohl verboten. Außerdem konnte sie ihm ja nichts beweisen. Puh, war das widerlich. Wir mussten den Unterricht im Chemieraum der größeren Klassen beenden. Was dann auch wieder lustig war, weil wir ein großes Waschbecken vor uns hatten und ständig irgendwas untergehen lassen konnten.« Sie kichert bei der Erinnerung. »Das mit dem Referat habe ich dir erzählt?«

»Ja, gerade vorhin.«

»Toilette. Kannst du dir das vorstellen? Ein Referat über eine Toilette zu halten? Obwohl, spannend ist das schon. Wo haben denn die Menschen früher hingemacht?«

»Plumpsklo?« Lillis Stimme klingt nicht sonderlich interessiert.

»Ja, Plumpsklo, genau. Und Klopapier? Meinst du, die hatten schon Klopapier?«

»Keine Ahnung. Du, Marie …«

»Ben weiß das sicher. Der weiß so etwas immer. Und mit Klopapier kennt er sich ja auch aus. Ich habe diese Woche schon zweimal nasses Klopapier an mir kleben gehabt. Einmal am Rücken, und einmal habe ich mich draufgesetzt. Und dann hat Ben auf mich gezeigt und ganz laut behauptet, ich hätte mir in die Hose gemacht. Er ist aber auch so was von eklig.«

»Marie«, unterbricht sie Lilli. »Du redest jetzt schon eine geschlagene Stunde von diesem Ben. Ben dies, Ben das … Okay, ich hab’s kapiert. Der Junge ist ein Stinkstiefel. Und die anderen? Wie sind denn die anderen Leute aus deiner Klasse?«

Marie muss erst einmal nachdenken, denn neben Ben wirken ihre Mitschüler irgendwie so blass … »Nun, da sind ein paar Mädchen, da ist Lena «, beginnt sie.

»Und?«

»Die zertritt Regenwürmer.«

»Oh«, kommt es durch den Hörer.

»Nee, die ist bestimmt auch nett und so …« Marie seufzt. »Mama sagt, ich soll mich mit ihr anfreunden. Das macht man so bei einem Neuanfang. Man freundet sich mit neuen Leuten an.«

Am anderen Ende der Leitung wird es ruhig.

»Das heißt ja nicht, dass man seine anderen Freunde vergisst«, fügt Marie schnell hinzu. »Seine alten Freunde.«

»Natürlich nicht«, sagt Lilli, jetzt nicht mehr um die Ecke und 30 Schritte weit weg, sondern am anderen Ende der Leitung. Zwischen ihnen breitet sich eine Stille aus, die sich fremd anfühlt. Ganz kurz nur, dann fragt Lilli: »Und dein neues Zimmer? Wie sieht es aus? Du wolltest doch deine Mutter fragen, ob wir skypen können. Dann kannst du es mir zeigen.«

Marie sieht sich um. Ihr Zimmer ist lang und schmal, viel kleiner als ihr altes. Noch immer hat sie nicht alle Kisten ausgepackt, obwohl sie ihre Mutter jeden Abend darauf anspricht. »Ja, klar«, erwidert sie lustlos. »Ich frage sie heute Abend.« Wieder wird es eine kurze Weile lang ruhig. Früher konnten sie stundenlang still sein, sie und Lilli. Puppen kämmen, ihnen Zöpfe flechten. Nebeneinander auf der Hängematte liegen und Eis essen. Matschkuchen bauen, Blütenblätter abzählen. Kränze flechten, sie zerstören und die Blumen auf sich runterrieseln lassen. Den Matschkuchen zertreten. Durch Pfützen toben. Klingelstreiche spielen und um ihr Leben rennen … Das bringt sie wieder auf Ben.

»Aber eins muss ich dir noch erzählen, das war so komisch«, berichtet sie eifrig. »Also, nicht nur komisch, eklig war es schon auch. Also, Ben hatte diese Folie und einen wasserfesten Stift …«

***

Maries Mutter kann sie nicht hinfahren, weil sie arbeiten muss, sie muss also gleich nach der Schule mit Ben zu ihm nach Hause gehen. Aber es ist auch nicht weit ins »Philosophenviertel«, das so heißt, weil alle Straßen die Namen von Philosophen tragen. Die Häuser hier sind sehr groß, viel größer als in der Neubausiedlung.

»Was ist, kommst du?« Ben hat sich zu ihr umgedreht. Er sieht noch ungekämmter aus als sonst, falls das überhaupt möglich ist. Die Haare hängen ihm weit in die Stirn, und man kann seine Augen nicht sehen. Er sieht höchstwahrscheinlich auch nichts. Dazu sind noch beide Turnschuhe offen, und Marie findet es nicht unwahrscheinlich, dass er gleich stolpert und sich den Hals bricht. Was nicht das Schlechteste wäre. Allerdings müsste sie das Referat dann ganz allein schreiben …

»Jaja«, murmelt sie und schließt zu ihm auf. »Sind deine Eltern eigentlich auch da?«, fragt sie, sobald sie neben ihm ist. Er kann doch wohl nichts Widerliches anstellen, wenn seine Eltern in der Nähe sind, oder?

»Nein«, erwidert Ben. »Die sind auf einer Tagung.«

Was immer das auch sein mag. »Und wer passt dann auf dich auf?«

»Und wer passt dann auf dich auf?«, wiederholt Ben mit einer affigen Stimme, und Marie wird rot. »Niemand passt auf«, sagt er. Er kickt einen Stein beiseite und klingt schon wieder eklig. »Auf mich muss man nicht aufpassen. Ich bin groß genug.«

Marie hätte beinahe laut gelacht. Das ist es nämlich, was Frau Zöllner in jedem zweiten Satz zu ihm sagt: »Ich sehe dich, Ben. Ich passe auf. Ich behalte dich im Auge …« Mal ehrlich: Auf jemanden, der angeblich so groß ist, wird aber eine Menge aufgepasst.

»Und du? Wer passt auf dich auf?« Der Ton ist immer noch blöd, als würde es Ben nicht wirklich interessieren.

Marie antwortet trotzdem. »Ich habe einen Schlüssel«, sagt sie und zerrt an dem Band um ihren Hals. Sie hält ihn hoch.

»Du hast einen Schlüssel, der auf dich aufpasst?«, fragt Ben spöttisch.

Marie wird wieder einmal rot. Das passiert ihr ständig, wenn sie mit Ben zusammen ist. Manchmal aus Wut, mal aus Ekel, wie bei dem Würstchenfinger. Manchmal vor lauter Schreck. Dieses Mal ist es ihr peinlich, und sie stopft den Schlüssel schnell wieder zurück unter ihr T-Shirt. »Nein«, sagt sie, »meine Mutter passt auf. Aber die muss arbeiten. Ich habe einen Schlüssel.«

»Also niemand. Niemand ist da, wenn du aus der Schule kommst.«

Maries Wangen glühen. Selbst ihre Ohren werden heiß.

»Bei mir auch nicht«, sagt Ben, und es klingt erstaunlich versöhnlich. Zumindest ist der beißende Tonfall verschwunden.

Marie nickt. Für eine kurze Weile gehen sie schweigend, ganz so, als würden sie sich verstehen.

Aber nur kurz. Dann springt Ben in eine Pfütze, und zwar so, dass Marie nass gespritzt wird. Sie sagt nichts dazu, sondern weicht nur den nassen Zweigen aus, die Ben zurückschnellen lässt. Er schafft es nicht ein einziges Mal, sie zu treffen.

Kapitel 3

Bens Haus ist genauso groß, wie Marie erwartet hat, und als Zugabe ist es auch noch weiß. Alles an ihm ist weiß: der Zaun, die Gartenpforte, die Haustür.

Ben hat tatsächlich keinen Schlüssel dafür. Er klingelt einfach. Eine Frau macht auf, und Ben stapft wortlos an ihr vorbei. Ohne sich die Füße abzutreten, ohne hallo zu sagen. Seine Schuhsohlen quietschen auf dem Boden.

»Äh, hallo. Ich bin Marie«, sagt Marie. So viel also dazu, dass niemand da ist, wenn Ben aus der Schule kommt.

Die Frau, die auch weiß gekleidet ist – zumindest trägt sie eine weiße Schürze –, nickt nur und lässt sie in der offenen Tür stehen. Ebenso wortlos wie Ben gerade eben verschwindet sie hinter einer der Türen.

Marie fragt sich unwillkürlich, ob diese Begrüßung nicht genauso ist, als wenn niemand da wäre, und ob Ben nicht doch recht hat. Sie putzt sich die Schuhe ab und tritt ein.

Weiß. Das ist Bens Zuhause. Und Gold. Überall an den Wänden blitzen die goldenen Rahmen der Spiegel und Bilder. Die Marmortreppe, die in den oberen Stock führt, hat einen goldenen Handlauf. Von der Decke hängt ein goldener Lüster. Es riecht nach Putzmitteln mit einer Spur Zitrone.

»Kommst du jetzt?« Ben steht schon auf der Treppe. Er fällt mächtig auf in all der Helligkeit. So, wie er da steht, wirkt er wie ein schwarzes Loch.

Marie folgt ihm.

An der Wand links der Treppe hängen Fotos in goldenen Rahmen, und Marie ist viel zu neugierig, um sie sich nicht anzusehen. Auf allen sind Kinder abgebildet. Marie sieht sofort, dass Ben nicht darunter ist, dazu sind die Jungen auf den Fotos viel zu blond. Der eine Junge hat eine ganze Menge Sommersprossen auf der Nase. Der zweite sieht beinahe genauso aus, nur ohne Sommersprossen. Der dritte hat eine kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen. Sie werden immer älter und größer, je weiter man die Treppe hinaufsteigt. Es gibt Fotos, auf denen sie zu dritt zu sehen sind, und Einzelporträts. Marie weiß, was ein »Porträt« ist. Es bedeutet, dass man immer nur von der besten Seite gezeigt wird. Die drei Jungen von der Treppe sehen allesamt so aus, als hätten sie nur gute Seiten.

»Wer ist denn das?«, fragt sie Ben.

Er antwortet, ohne hinzusehen, aber das ist ja auch kein Wunder, schließlich geht er jeden Tag an den Fotos vorbei. »Meine Brüder«, antwortet er. »Sie sind älter als ich.«

Und ganz anders. Heller, schießt es Marie durch den Kopf, aber natürlich sagt sie das nicht. »Und wo bist du?«

Ben ist schon auf dem Treppenabsatz angekommen. Er zeigt auf die Wand.

Ganz oben, fast schon an der Ecke und so, als habe man erst nachträglich einen Platz dafür schaffen müssen, hängt das Foto eines dunklen Wesens. Zwischen den großen blonden Jungen und all ihren guten Seiten fällt es besonders auf: Es ist behaart, als würde es von einem Affen abstammen. Sein kleines, schrumpeliges Gesicht ist verkniffen, und die blauen Augen blitzen so zornig, als würde es schon jetzt hassen, fotografiert zu werden. Die Fäuste sind geballt, und es ist knallrot im Gesicht, als habe es kurz vor der Aufnahme lange und wütend geschrien. Der Rahmen um das Affenbaby herum wirkt so unpassend, als habe man etwas Wildes in einen goldenen Käfig gesperrt.

»Glücklich siehst du nicht aus«, rutscht es Marie heraus.

Ben zuckt mit den Schultern. »Ist doch nur ein Foto«, sagt er und geht voraus.

Marie wirft noch einen Blick auf das Bild. Nein, glücklich sah er nicht aus, nur wütend. Als habe ihm das Leben einen bösen Streich damit gespielt, geboren zu werden. Vielleicht, überlegt Marie, während sie Ben zu seinem Zimmer folgt, wurden ihm die Streiche schon in die Wiege gelegt?

Bens Zimmer sieht so aus, als hätte das kleine, wütende Affenbaby darin gehaust: Klamotten und Spielzeug liegen in einem heillosen Durcheinander auf dem Boden und auf dem Schreibtisch. Die ehemals weißen Wände sind schmutzig und bekritzelt und mit Tierpostern übersät. Marie sieht einen Tiger, einen Eisbären, mehrere Löwen. Darunter, fast versteckt, hängen Zeichnungen einer Katze, die erstaunlich gut sind. Soweit man das in dem Dämmerlicht erkennen kann, denn die Rollos vor den Fenstern sind heruntergelassen, und es riecht wie in einer Höhle. Ben muss sogar das Licht einschalten.

Marie bleibt im Türrahmen stehen und wartet, bis Ben eine Schneise zum Schreibtisch freigeschaufelt und die Rollos hochgezogen hat. Zu ihrer Erleichterung öffnet er auch ein Fenster. »Beata darf nicht hier rein«, murmelt er. Und, als er Maries verständnislosen Blick bemerkt: »Unsere Haushälterin.« Er deutet grob in Richtung Erdgeschoss, und Marie nimmt an, dass das die Frau im weißen Kittel war, die sie hereingelassen hat.

»Gut«, sagt sie. »Wollen wir dann anfangen?« Sie will dieses Referat so schnell wie möglich hinter sich bringen.

»Hast du auch Hunger?«, fragt Ben stattdessen. Er sieht angriffslustig aus, als wolle er Marie bei einer falschen Antwort anfallen und fressen, so wie die wilden Tiere auf seinen Postern.

Marie ist sich nicht sicher, was sie sagen soll. Also bleibt sie bei der Wahrheit und nickt.

Ben nickt auch, kniet sich hin und zieht eine Kiste unter seinem Bett hervor.

Marie tritt einen Schritt näher, um ihm über die Schulter schauen zu können, während Ben sie öffnet.

Es sind allerhand Süßigkeiten wie Schokoriegel, Gummibärchen und ein großes Glas Nutella darin, aber auch Chips und Erdnüsse. »Willst du Erdnüsse? Nutella? Ich habe aber keinen Löffel.«

Marie nimmt zögernd einen Schokoriegel. Sie macht das Papier ab und isst ihn im Stehen, weil sie ehrlich gesagt nicht weiß, wohin sie sich setzen sollte.

Ben bleibt einfach auf dem Boden und seinen Klamotten hocken. Mit einem Cracker taucht er tief in das Nutellaglas und beschmiert sich dabei die Hand. Anschließend leckt er die Finger ab.

»Was machen denn deine Brüder?«, fragt Marie, die an die blonden Jungen von eben denken muss.

»Wieso?« Bens schokoladenverschmiertes Gesicht wendet sich ihr zu.

»Nur so. Ich habe keine Geschwister. Ich habe mir immer welche gewünscht, am besten eine Schwester. Aber einen Bruder hätte ich auch genommen.«

Ben verzieht den Mund, als habe er Zahnschmerzen. Er sieht so aus, als müsse er erst überlegen, ob er antworten soll, macht es schließlich aber doch. »Die Zwillinge studieren Medizin. Sie sind zu Hause, weil Semesterferien sind.« Er klingt mal wieder wütend. Anscheinend nimmt er seinen Brüdern persönlich übel, dass sie Ferien haben. »Bengt hat gerade Abitur gemacht. Er wird danach auch Medizin studieren.« Selbst das scheint ihn irgendwie zu ärgern. Es wird eine kurze Weile still, nur sein Kauen und Schmatzen ist zu hören. »Sie behaupten, ich sei ein Wechselbalg. Weil ich ganz anders aussehe als sie und meine Eltern«, sagt er plötzlich und völlig aus dem Nichts heraus. Er sieht nicht hoch. Mit dem Zeigefinger kratzt er unter dem Rand des Nutellaglases herum.

»Was ist … was ist ein Wechselbalg?«, will Marie wissen. Sie spricht mit vollem Mund, etwas, das ihre Mutter normalerweise nicht ausstehen kann.

»So heißen die Kinder von Zwergen, die ausgetauscht wurden. Die Zwerge stehlen die Menschenkinder und lassen ihre Kinder anstelle der richtigen da. Die Wechselbälger eben.«

Marie schluckt. »Warum tun sie das?«

»Warum?« Ben sieht erstaunt aus, als habe er sich diese Frage niemals gestellt.

»Warum wollen sie die Menschenkinder? Sind die besser?«

»Klar sind die besser«, entgegnet Ben in einem Tonfall, als wisse das nun wirklich jeder. Er macht eine rasche Kopfbewegung, um seine Haare aus den Augen zu schütteln und sie ansehen zu können.

»Warum?«, fragt Marie noch einmal.

»Sie sind … nun, gut eben. Sie sehen hübsch aus und sind klug, sie haben gute Noten …« Er bricht ab.

Marie kann sich natürlich irren, aber sie ist sich sicher, dass als Nächstes blonde Haare in der Aufzählung gekommen wären, wenn er weitergeredet hätte. »Und Zwergenkinder? Was können die?«

»Nichts«, sagt Ben düster. »Deswegen geben ihre Eltern sie ja weg.«

Merkwürdige Geschichte. Marie hat inzwischen ihren Schokoriegel aufgegessen und sieht sich unauffällig nach einem Papierkorb um. Als sie keinen entdecken kann, steckt sie sich das Papier in die Hosentasche.

Auch Ben stellt das Nutella zurück. Er angelt sich einen Bleistift von wer weiß woher und pult sich damit die Nutellareste unter den Fingernägeln hervor. »Aber ich räche mich«, sagt er ganz versunken in seine Arbeit.

»Rächst dich an wem?«, fragt Marie nach.

»An meinen Brüdern. Ich spiele ihnen Streiche.« Ben sieht hoch. »Nicht so harmlose und lustige wie in der Schule.«

Details

Seiten
110
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531074
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320333
Schlagworte
eBooks Jugendbuch ab 10 Jahre für Mädchen fuer Jungen Schule Freundschaft Humor fuereinander einstehen Probleme mit Geschwistern ADHS Erziehung

Autor

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Titel: Der böseste Junge der Schule