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NORG - Erster Roman: Im verbotenen Land

2016 100 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Normalerweise lebt Norg ganz tief im Wald beim Kleinen Volk – bei den Elfen, Zwergen und Kobolden. Doch jetzt sitzt Norg in der Klemme. Er hat sich nämlich ins verbotene Land gewagt – zu den Stinkfüßen, wie das Kleine Volk die Menschen nennt. Und die haben in prompt eingefangen und in einen Käfig gesperrt. Jetzt bräuchte er dringend einen Freund, der ihm aus der Patsche hilft. Kann ihm der Menschenjunge Marvin helfen?

Über die Autoren:

Heike und Wolfgang Hohlbein sind eines der bekanntesten Autorenpaare Deutschlands – nicht nur im Fantasy-Genre. Gemeinsam schrieben sie 1982 das preisgekrönte Jugendbuch MÄRCHENMOND, mit dem sie schlagartig bekannt wurden. Wolfgang Hohlbein hat inzwischen 150 Bestseller mit einer Gesamtauflage von über 44 Millionen Büchern verfasst. Das Paar hat sechs Kinder und lebt heute in Neuss.

Bei jumpbooks erscheinen von den beiden die Bücher:

Norg. Im verbotenen Land
Norg. Im Tal des Ungeheuers
Teufelchen


Bei jumpbooks erscheint von Wolfgang Hohlbein: 

Der weiße Ritter - Erster Roman: Wolfsnebel

Der weiße Ritter - Zweiter Roman: Schattentanz

Nach dem großen Feuer

Ithaka

Drachentöter


Die Autoren im Internet: www.hohlbein.de

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright ©  2002 by Thienemann Verlag
(Thienemann Verlag GmbH), Stuttgart/Wien

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-108-1

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Heike und Wolfgang Hohlbein

Norg

Erster Roman: Im verbotenen Land

jumpbooks

Die Falle

Der Tag, an dem Norg das erste Mal einen Stinkfuß sah, hatte schon nicht gut angefangen. Er war erst lange nach Sonnenaufgang eingeschlafen, hatte sich immer wieder herumgewälzt und war ein paar Mal zwischendurch aufgewacht. Schließlich hatte ihn die Sonne, deren Strahlen sich durch jede noch so kleine Ritze seines Nestes gemogelt hatten, endgültig aufgeweckt.

Und um das Maß voll zu machen, hatte er sich auch noch verlaufen.

Das hieß, verlaufen stimmte nicht ganz. Norg – der eigentlich Pixatorakulus Pixamenius Pixaranis hieß, aber dieser Name war viel zu umständlich, als dass ihn sich irgendjemand außerhalb des Kleinen Volkes gemerkt hätte, und so nannte ihn jedermann einfach nur Norg –, Norg also wusste schon recht gut, wo er war. Das Problem war eher, dass er nicht dort sein sollte, wo er war.

Der kleine Weiher, an dessen Ufer er entlangmarschierte und ab und zu missmutig nach einem Stein trat, der dann davonflog und mit einem lauten Platscher im Wasser landete, lag tief im verbotenen Land, dicht am Waldrand. Es war natürlich nicht wirklich verboten – kein Mitglied des Kleinen Volkes hätte sich je irgendetwas verbieten lassen –, aber niemand kam freiwillig hierher. Es gab eine Menge gefährlicher Tiere: Wiesel, Eichhörnchen, Mäuse, selbst Ratten sollten hier schon gesehen worden sein. Und Yorla, das älteste der alten Trollweiber, wurde nicht müde die Geschichte von einem riesigen Ungeheuer zu erzählen, dem sie angeblich hier begegnet war: eine struppige Bestie mit langem Haar, spitzen Ohren und handlangen Reißzähnen, fünfmal so groß wie eine Ratte und mindestens doppelt so schnell. Ihre Augen sollen geglüht haben und trotz ihrer Größe war sie wohl in der Lage, so schnell und mühelos wie ein Eichhörnchen einen Baum hinaufzurennen.

Natürlich glaubte niemand diese Geschichte. Trollweiber waren dafür bekannt, dass sie hoffnungslos übertrieben und es mit der Wahrheit manchmal nicht so genau nahmen. Aber sie war schon dazu angetan, einem unausgeschlafenen und noch dazu ziemlich schlecht gelaunten Pixie einen kalten Schauer über den Rücken laufenzulassen.

Norg blieb stehen, stemmte die Fäuste in die Hüften und sah sich kampflustig um. Verbotenes Land oder nicht – es sah hier einfach nicht besonders gefährlich aus. Der Weiher war zwar ziemlich groß und wimmelte von Kaulquappen, Mückenlarven und anderem lästigem und zweifellos auch gefährlichem Getier, aber Norgs scharfe Augen zeigten ihm auch, dass ihm das schlammige Wasser allerhöchstem bis zum Kinn gehen würde. Es gab nur sehr wenig Unterholz und auch das Moos reichte ihm kaum bis zu den Knien. Nirgendwo konnte sich ein gefährliches Tier verstecken, und wäre ein Raubvogel im Anflug gewesen, so hätten ihn seine scharfen Ohren früh genug gewarnt.

Und trotzdem hatte er das unheimliche Gefühl, dass hier etwas war, das nicht hierhin gehörte.

Das einzige andere Lebewesen außer ihm war im Moment jedoch eine Mücke, die sich schon die ganze Zeit in der Nähe herumtrieb und jetzt in langsam kleiner werdenden Spiralen näher kam. Wahrscheinlich bildete sie sich ein, dass er es nicht merkte.

Norg legte sein ohnehin faltiges Gesicht in noch mehr Falten, hob herausfordernd die Fäuste und drehte sich einmal im Kreis, um nach dem lästigen Störenfried Ausschau zu halten. Die Mücke war schon ganz nahe. Sie hatte wohl wirklich gedacht, dass sie sich an ihn anschleichen und ihm womöglich eine gehörige Portion Blut abzapfen konnte, ohne dass er es überhaupt merkte. Sie war entweder selbst für eine Mücke außergewöhnlich dumm oder sie hatte noch nie jemanden vom Kleinen Volk gesehen.

Wenigstens war sie keine Selbstmörderin. Als ihr klar wurde, dass Norgs Augen jeder ihrer Bewegungen aufmerksam folgten, machte sie auf der Stelle kehrt und summte davon, um sich ein neues Opfer zu suchen.

Norg atmete erleichtert auf. Mücken waren nicht wirklich gefährlich – wenigstens nicht, wenn sie einzeln kamen aber doch ziemlich lästig. Außerdem konnte er sich den Spott der anderen lebhaft vorstellen, wenn er mit verschwollenem Gesicht oder einem Buckel oder humpelnd zurückkam.

Es wurde Zeit, nach Hause zu gehen. Bis die Sonne versank, vergingen sicher noch zwei Stunden. Alle anderen würden noch schlafen, aber hier hatte er nichts verloren. Auch wenn er immer noch nichts wirklich Gefährliches sehen oder hören konnte, verstand er doch allmählich, warum man diese Gegend Verbotenes Land nannte. Es war einfach unheimlich hier.

Er machte einen Schritt, dann noch einen und der Boden unter seinen Füßen begann zu zittern. Ein sonderbares Geräusch erklang, ein Laut wie das Summen einer wütenden Biene, aber zugleich auch ganz anders. Obwohl Norg einen solchen Laut noch nie zuvor im Leben gehört hatte, begriff er doch sofort, dass er nur eines bedeuten konnte: Gefahr! Auf der Stelle fuhr er herum und raste davon.

Norg war schnell. Alle Angehörigen des Kleinen Volkes waren schnell und Norg war ganz besonders schnell. Aber in diesem Fall nutzte ihm seine Schnelligkeit nichts, sondern wurde ihm ganz im Gegenteil zum Verhängnis. Wäre er in die andere Richtung gerannt, dann wäre er wahrscheinlich mit dem Schrecken davongekommen. So aber wurde dieses sonderbare Summen plötzlich zu einem scharfen, peitschenden Laut und dann schien der ganze Boden unter ihm hochzufliegen. Trockenes Laub und kleine Erdkrümel wirbelten in alle Richtungen davon.

Im nächsten Augenblick fand sich Norg mit dem Kopf nach unten hängend in einem engmaschigen Netz gefangen, das bisher unter dem Laub verborgen gewesen war und nun hoch über dem Boden in der Luft baumelte.

Im ersten Moment war Norg so durcheinander, dass er nicht einmal Angst hatte. Das Netz hatte sich zu einem schmalen Schlauch zusammengezogen, während es in die Höhe geschnellt war, und pendelte immer noch so wild hin und her, dass ihm fast schwindelig wurde. Außerdem hing er mit dem Kopf nach unten und eng an den Körper gepressten Knien da, so dass es ihn etliche Mühe kostete, sich auch nur so weit herumzudrehen, dass ihm das Blut nicht mehr in den Kopf stieg und das grelle Sonnenlicht nicht direkt in seine Augen stach.

Als es ihm endlich gelungen war, sich herumzudrehen, wurde ihm wirklich schwindelig und im ersten Moment auch ein bisschen schlecht. Er befand sich nämlich gute anderthalb Meter über dem Waldboden und das Netz schaukelte noch immer hin und her. Das Kleine Volk hatte keine Schwierigkeiten damit, auf Asten herumzutollen oder auch in Baumwipfel zu klettern, aber etwas zu können bedeutete ja noch lange nicht, es auch zu mögen. Unten auf dem Boden gab es eine Menge Gras, Moos, Wurzelgeflecht und niedrige Büsche und damit ausreichend Verstecke, und wenn es etwas gab, was das Kleine Volk noch weniger mochte als helles Sonnenlicht, dann war es freier Himmel über den Zipfelmützen. Was nutzten einem die schärfsten Ohren, wenn ein Falke schnell wie der Blitz aus heiterem Himmel herabstieß oder eine Eule lautlos in den Baumwipfeln saß und auf Beute lauerte?

So warf Norg erst einmal einen nervösen Blick in den Himmel, ehe er sich endgültig seiner misslichen Lage zuwandte. Norg verstand noch nicht so ganz, was ihm eigentlich passiert war, aber es gehörte nicht besonders viel Grips dazu, zu verstehen, dass er in eine ziemlich heimtückische Falle getappt war. Jemand hatte dieses Netz sorgsam unter dem Laub versteckt und es mit einem gemeinen Federmechanismus versehen, so dass es zuschnappte und mitsamt seinem Opfer in die Baumwipfel hinaufschoss, sobald jemand auf eine bestimmte Stelle trat.

Allein die Vorstellung machte Norg richtig wütend. Schon eine so gemeine Falle zu ersinnen war heimtückisch, aber sie zu bauen …? Norg fehlten für eine solche Hinterlist einfach die Worte.

Aber wer immer sich diese Gemeinheit auch ausgedacht hatte, hatte seine Rechnung ohne Pixatorakulus Pixamenius Pixaranis gemacht. Er würde ihm die Suppe gründlich versalzen!

Unverzüglich machte er sich an die Arbeit.

Jedenfalls versuchte er es.

Seine Hände schlossen sich um die dünnen Stricke, mit denen das engmaschige Netz geflochten war, und zogen mit aller Kraft. Er war zuversichtlich die dünnen Fäden ohne große Mühe zerreißen zu können, denn Norg war nicht nur schnell, sondern für jemanden seiner Art auch ziemlich stark.

Er zerrte, riss und zog eine ganze Weile an den dünnen Fäden, bevor er enttäuscht, aber auch ziemlich verwirrt, aufgab. Seine Hände taten weh, aber das Netz war nicht einmal beschädigt.

Zum ersten Mal betrachtete Norg sein Gefängnis genauer. Es bestand aus dünnen, sehr glatten Fäden, die ein bisschen wie Spinnweben aussahen, aber viel fester waren. Er hatte so etwas noch nie zuvor gesehen.

Allmählich wurde es Norg doch ziemlich mulmig zu Mute. Zuerst diese gemeine Falle, dann diese seltsamen Fäden, deren Festigkeit an Zauberei grenzte …

Vielleicht gab es ja doch einen Grund, aus dem man die Gegend hier am Waldrand das Verbotene Land nannte, überlegte er unbehaglich. Er hatte niemals gehört, dass einer vom Kleinen Volk von einer so heimtückischen Falle erzählt hätte oder von Seilen, die so dünn wie Spinnweben waren, aber vollkommen unzerreißbar – aber das musste nicht unbedingt heißen, dass er der Erste war, dem so etwas passierte.

Vielleicht war ja bisher einfach nur niemand zurückgekommen, um davon zu erzählen …

So oder so: Er war gefangen und er konnte im Moment nichts anderes tun, als dazusitzen und zu warten, was weiter geschah.

Es wurde ein ziemlich langer Moment.

Der Stinkfuß

Mindestens eine Stunde verging, und schon lange ehe sie vorbei war, begann sich Norg elend zu fühlen. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel und es war nicht nur die ungewohnte Helligkeit, die seinen Augen wehtat. Pixies vertrugen keine Sonne – wie übrigens die meisten vom Kleinen Volk –, und wenn Norg dem grellen Licht zu lange ungeschützt ausgesetzt war, würde er einen gewaltigen Sonnenbrand bekommen; einen, der nicht nur unangenehm, sondern wirklich gefährlich werden konnte. Und es war noch mindestens eine Stunde bis Sonnenuntergang! Allmählich begann er sich wirklich Sorgen zu machen.

Plötzlich hörte er ein Geräusch, einen dumpfen Laut, fast wie Donner, aber zugleich auch ganz anders; ein Geräusch, das keinem ähnelte, das er kannte, und das ihm fast Angst machte. Er versuchte sich herumzudrehen, um nach der Ursache dieses unheimlichen Lautes Ausschau zu halten, aber das war in dem engen Netz kaum möglich. Und dann ging alles ganz schnell: Das Netz, in dem er eingesperrt war, sauste plötzlich fast genauso schnell zu Boden, wie es vorhin in die Höhe geschossen war, und der Himmel, der Wald und der Boden schlugen ein halbes Dutzend Purzelbäume rings um ihn herum.

Der weiche Waldboden und das Moos nahmen dem Aufprall die schlimmste Wucht, aber er war immer noch hart genug, um Norg kräftig durchzuschütteln und aus seinem Schreckensschrei ein keuchendes Piepsen werden zu lassen. Vielleicht fiel er sogar für einen Moment in Ohnmacht, denn das Nächste, woran er sich erinnerte, war, dass sich wieder alles um ihn drehte, sein Kopf dröhnte und ihm jeder Knochen im Leib wehtat. Außerdem war ihm die Mütze ins Gesicht gerutscht, so dass er im allerersten Moment nicht einmal etwas sehen konnte.

Mit einer ärgerlichen Bewegung schob er sie wieder an ihren Platz zurück – und hätte um ein Haarlaut aufgeschrien.

Unmittelbar vor ihm ragte ein Schuh in die Höhe, in dem der größte Fuß steckte, den Norg jemals gesehen hatte. Er reichte ihm fast bis zum Knie und er musste beinahe länger sein, als Norg groß war. Das dazugehörige Bein hatte den Umfang eines kleinen Baumes und verschwand in schwindelerregende Höhen, die Norg lieber gar nicht sehen wollte.

Und er stank erbärmlich.

Es war dieser Gedanke, der Norg klarmachte, womit er es zu tun hatte.

Es war ein Stinkfuß!

Bei dieser Erkenntnis machte Norgs Herz einen erschrockenen Sprung bis fast in seinen Hals hinauf, wo es wie ein außer Rand und Band geratenes Hammerwerk weiterpochte.

Ein Stinkfuß! Das schrecklichste aller Ungeheuer, von denen das Kleine Volk wusste! Niemand, den Norg kannte – nicht einmal die alte Yorla –, hatte jemals einen dieser riesigen Unholde gesehen. Und ehrlich gesagt hatte er auch nicht wirklich geglaubt, dass es sie gab. Aber nun stand eines dieser grässlichen Ungeheuer genau vor ihm, größer – und übrigens auch noch viel übelriechender als Norg es sich je vorgestellt hatte. Zweifellos würde es im nächsten Moment ausholen, um ihn in den Waldboden zu stampfen! Norg war plötzlich überzeugt davon, dass er sterben würde. Es gab eine ganz einfache Erklärung dafür, dass noch nie jemand von der Begegnung mit einem Stinkfuß erzählt hatte: Bisher hatte noch nie jemand eine solche überlebt!

Der riesige Fuß bewegte sich, aber nicht, um ihn tief genug in den Boden zu rammen, damit er den Radieschen beim Wachsen zusehen konnte. Stattdessen hörte er plötzlich eine Stimme.

»Ich hab dir gesagt, dass es funktioniert, oder? Aber du hast mir ja nicht geglaubt!«

Norg blinzelte. Das klang nicht wie die Stimme eines Ungeheuers. Schon eher wie die eines …

Aber das war unmöglich.

»Jetzt guck doch erst mal nach, was du gefangen hast«, sagte eine andere Stimme. »Wahrscheinlich ist es nur eine Feldmaus. Oder ein Frosch.«

»Du bist ja bloß neidisch«, antwortete die erste Stimme. »Wahrscheinlich ist es ein Eichhörnchen.

Vielleicht sogar ein Wiesel oder ein junger Fuchs. Dafür kriegen wir in der Stadt bestimmt einen hübschen Batzen Geld.«

Das klang nicht wie die Stimme eines Ungeheuers, dachte Norg verwirrt. Eigentlich eher wie die eines Kindes – wenn auch eines, das er lieber nicht kennenlernen wollte …

Unglücklicherweise ging es in diesem Moment nicht darum, was er wollte.

»Schauen wir doch einfach mal nach, was wir da erwischt –«, begann die erste Stimme – aber nur, um dann mitten im Satz und mit einem verblüfften Laut abzubrechen. Eine riesige Hand, deren Finger dicker waren als Norgs Arme, hatte sich vom Himmel gesenkt und das Netz ziemlich unsanft in die Höhe gelupft, so dass Norg schon wieder kräftig durchgeschüttelt wurde. Und in der nächsten Sekunde blickte er in ein wahrhaft riesiges Gesicht, aus dem ihn ein Paar ungläubig aufgerissene Augen anstarrte.

Jedes dieser Augen war beinahe so groß wie Norgs Gesicht, und wäre Norg in diesem Moment nicht vor Schrecken wie erstarrt gewesen, dann wäre ihm wahrscheinlich aufgefallen, dass es gar nicht das Gesicht eines Ungeheuers war, sondern das eines ganz normalen, vielleicht elf- oder zwölfjährigen Jungen; wenn auch keines besonders hübschen.

Fast eine halbe Minute verging, in der sich Norg und der Stinkfuß nur gegenseitig anstarrten, dann stammelte der sommersprossige Riese: »Wa-wa-was i-i-i-ist denn da-da-da-das?«

»Seit wann stotterst du denn?«, fragte die zweite Stimme, die Norg vorhin schon gehört hatte. Die Erde bebte unter den Schritten eines Riesen und ein zweites, womöglich noch hässlicheres Gesicht erschien neben dem ersten.

Norg war gewiss kein Feigling, aber nun begann er am ganzen Leib zu zittern. Er war sich jetzt sicher, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Bestimmt würden ihn die beiden Stinkfüße bei lebendigem Leib verschlingen, falls sie nicht auf die Idee kamen, ihn auf einen Stock zu spießen und über einem offenen Feuer zu braten oder etwas noch Schlimmeres mit ihm anzustellen. Warum hatte er auch nicht auf die Alten gehört und einen möglichst großen Bogen um die Gegend am Waldrand geschlagen?

»Das ist ja unglaublich!«, murmelte der neu aufgetauchte Riese. »Mensch, Sven, was… was ist denn das? Eine Puppe?«

»Hast du keine Augen im Kopf?«, fragte Sven. Während er sprach, schlug Norg sein Atem ins Gesicht, und er dachte flüchtig, dass man diese Riesen eigentlich besser Stinkmaul als Stinkfuß nennen sollte. Aber vielleicht rochen sie ja auch einfach nur nach halb verdauten Pixies.

»Der Knirps zittert am ganzen Leib! Und er schwitzt. Seit wann schwitzen Puppen?« Sven schüttelte so heftig den Kopf, dass Norg schon wieder erschrocken zusammenfuhr. »Was immer es ist, es lebt. Und weißt du was? Der Typ in der Zoohandlung wird uns ein Vermögen dafür zahlen!«

Norg hatte keine Ahnung, was ein Typ war oder eine Zoohandlung, aber beides hörte sich nicht gut an. Nun, wenigstens hatten die beiden Stinkfüße nicht vor, ihn auf der Stelle aufzufressen.

»Ich weiß nicht.« Der zweite Stinkfuß legte die Stirn in Falten. In jede einzelne davon hätte Norg bequem eine Hand legen können.

»Was weißt du nicht, Ulli?«, erkundigte sich Sven. Er klang ein bisschen genervt.

»Ich habe so ein Tier noch nie gesehen«, antwortete Ulli unschlüssig. »Ich weiß nicht, ob wir es mitnehmen sollen. Vielleicht steht es ja unter Naturschutz oder so was.«

»Umso mehr Geld kriegen wir dafür!«, behauptete Sven. »Außerdem ist das kein Tier.«

»Was denn sonst?«

»Keine Ahnung«, sagte Sven schulterzuckend. Er hob das Netz ein wenig höher und schüttelte es zugleich so heftig hin und her, dass Norgs Zähne klappernd aufeinanderschlugen. »Kannst du mich verstehen, Knirps? Kannst du sprechen?«

Norg konnte sowohl das eine als auch das andere, aber es erschien ihm im Moment einfach klüger, sein riesiges Gegenüber wortlos anzustarren und so zu tun, als stünde er kurz davor, vor Angst zu sterben. Um ehrlich zu sein, fiel ihm das im Moment auch nicht besonders schwer.

»Blödes Ding«, knurrte Sven. »Aber egal. Wir nehmen es auf jeden Fall mit und verkaufen es. Hey-wir sind reich!«

»Oder auf dem besten Weg, uns Arger einzuhandeln«, sagte Ulli. »Ich meine: Wenn sie wirklich unter Naturschutz stehen…«

»Blödsinn!«, antwortete Sven. »Wie kann etwas unter Naturschutz stehen, das noch nie jemand gesehen hat? Vielleicht sollten wir es gar nicht verkaufen, sondern damit zur Zeitung gehen oder gleich zum Fernsehen.«

»Ich habe kein gutes Gefühl dabei«, beharrte Ulli.

»Du bist ein Feigling«, sagte Sven. »Aber vielleicht hast du Recht. Ist wahrscheinlich besser, wenn es niemand sieht. Gib mir mal die Plastiktüte. Wir stecken es hinein. Und danach stellen wir die Falle wieder auf. Könnte ja immerhin sein, dass sich noch mehr von diesen komischen Dingern hier herumtreiben.«

Etwas raschelte und dann wurde das Netz zusammen mit seinem lebenden Inhalt in einen riesigen weißen Sack gestopft und es wurde dunkel um Norg herum.

Die Höhle der Riesen

Wenigstens bestand jetzt nicht mehr die Gefahr, dass Norg von der Sonne gegrillt wurde. Aber das war nur ein schwacher Trost, denn zum Ausgleich dafür ging der Stinkfuß mit seiner Last alles andere als vorsichtig um, so dass Norg die ganze Zeit über wild hin und her geworfen wurde und auch ein paar Mal ziemlich unsanft irgendwo anstieß.

Endlich wurde er abgeladen (um genau zu sein: ziemlich grob irgendwohin geworfen) und zusammen mit dem Netz aus dem Sack gezogen.

Norg war entsetzlich übel. Alles drehte sich um ihn, und als er sich mit der Hand über das Gesicht fuhr, war sie nass. Natürlich hätte Norg niemals zu gegeben, dass er geweint hatte, aber es waren wohl Tränen.

»Pass an der Tür auf, dass niemand kommt«, hörte er Svens Stimme. »Irgendwo hier muss noch ein alter Hamsterkäfig sein. Darin können wir ihn gut einsperren, bis wir genau wissen, was wir mit ihm machen.«

Während es um ihn her zu poltern und rumoren begann, blinzelte Norg die Tränen weg, zog geräuschvoll die Nase hoch und setzte sich auf.

Er konnte die beiden Stinkfüße im Moment nicht sehen, aber was er sah, war erstaunlich genug – und auch ziemlich unheimlich. Er befand sich in der größten Höhle, die er jemals gesehen hatte. Die Decke schwebte so hoch über seinem Kopf wie die Krone eines kleinen Baumes und war sonderbarerweise nicht nur vollkommen glatt, sondern auch weiß (wenn auch ziemlich schmuddelig), und dasselbe galt für die Wände: Sie waren himmelhoch, glatt und schmutzig weiß. Der Raum, so groß er war, war mit jeder Menge (ausnahmslos riesigem) Gerümpel nur so voll gestopft und über den Geruch, der in der Luft hing, wollte Norg lieber gar nicht erst nachdenken. Unter der Höhlendecke

hing eine Lampe, die fast so hell brannte wie die Sonne.

»Da ist er ja!« Etwas rumpelte, dann erscholl ein Getöse, als stürze ein kleiner Berg zusammen, und Sven kam mit einem großen Käfig auf den Armen zurück.

Nun, da ihn das grelle Sonnenlicht nicht mehr so blendete und sich auch seine Angst wieder halbwegs gelegt hatte, besah er sich den riesigen Stinkfuß das erste Mal genauer. Das Ungetüm war nicht ganz so gigantisch, wie er in seinem ersten Schrecken angenommen hatte – nicht so groß wie ein Baum, aber immerhin bestimmt fünf- oder sechsmal so groß wie Norg und wahrscheinlich fünfzigmal so stark wie er. Während Norg ihn jetzt beobachtete, begann er sich ein bisschen über sich selbst zu ärgern, dass er einem so plumpen Geschöpf in die Falle gegangen war. Sven bewegte sich geradezu lächerlich langsam. Norg war eigentlich sicher, dass er ihm und dem zweiten Stinkfuß ohne Probleme entwischen konnte, wenn er die Gelegenheit dazu bekam. Vielleicht, dachte er, war es im Nachhinein sehr klug gewesen, kein Wort zu sagen und einfach wie erstarrt dazusitzen. Wahrscheinlich hielten die beiden Stinkfüße ihn für ein dummes Tier. Sollten sie ruhig. Norg würde sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eines Besseren belehren.

Sie kam schneller, als er zu hoffen gewagt hatte. Sven lud den rostigen Hamsterkäfig mit einem gewaltigen Scheppern vor ihm ab, ließ sich auf die Knie fallen und zerrte das Netz mit Norg darin grob in die Höhe.

»Hilf mir mal«, rief er, in Ullis Richtung gewandt. »Mach den Käfig auf!«

Während der zweite Riese unbeholfen heranstapfte, hob Sven das Netz mit der einen Hand in die Höhe, zog mit der anderen den Verschluss auf und griff hinein. Norg aber biss ihm kräftig in den Daumen, kletterte an seinem Handgelenk empor und rannte wieselflink bis zu seinem Ellbogen hoch, von wo aus er mit einem federnden Satz zu Boden sprang.

»Au!«, brüllte Sven in einer Lautstärke, dass Norg die Ohren klingelten. »Das kleine Miststück hat mich gebissen! Halt es fest

Der letzte Satz galt Ulli, der auch tatsächlich eine unbeholfene Bewegung in seine Richtung machte, der Norg aber mit einem flinken Haken auswich.

Wäre die Lage nicht so schlimm gewesen, hätte Norg über die Unbeholfenheit dieser tollpatschigen Riesen gelacht. So aber sparte er sich seinen Atem lieber, um noch schneller zu laufen und Haken schlagend unter einer Bank zu verschwinden.

Ulli prallte in vollem Lauf dagegen, riss sie um, schlug der Länge nach hin und schlitterte mit weit ausgebreiteten Armen durch den Raum, wobei er alle Hindernisse, die ihm im Weg waren, mit dem Gesicht zur Seite pflügte.

Schließlich endete seine unfreiwillige Schlitterpartie mit einem Knall, der die ganze Höhle erzittern ließ, als er mit dem Kopf gegen die Wand prallte.

Der Anblick war so komisch, dass Norg laut auflachte und für einen Moment sogar die Gefahr vergaß, in der er immer noch schwebte. Erst als sich ein riesiger Schatten auf ihn herabsenkte, erinnerte er sich wieder daran, dass die Bank, unter die er geflohen war, nicht mehr da war. Im letzten Moment entwischte er zur Seite, sah aus den Augenwinkeln, wie Svens riesige Pranke hinter ihm ins Leere grabschte, und rannte im Zickzack durch die Höhle. Irgendwo musste es doch einen Ausgang geben!

Der Stinkfuß rannte brüllend vor Wut hinter ihm her. Er bewegte sich noch immer lächerlich langsam, aber seine gewaltige Größe ließ ihn trotzdem irgendwie auch wieder schnell werden – Norg musste acht oder zehn Schritte machen, während der Stinkfuß nur einen einzigen tat. Und nach einem kurzen Augenblick rappelte sich auch Ulli wieder hoch und schloss sich der wilden Jagd an. Die beiden riesigen Tollpatsche behinderten sich dabei mehr gegenseitig, als dass sie sich halfen, und sie zertrümmerten die ohnehin schäbige Einrichtung der Höhle binnen wenigen Augenblicken vollends, aber das schien ihre Wut nur noch zu schüren.

Norg entwischte ihren ungeschickten Händen zwar ohne Mühe, aber er kam der Tür auch nicht wirklich näher – ganz davon abgesehen, dass der Griff viel zu weit über ihm lag und seine Kraft niemals ausgereicht hätte, sie zu öffnen.

»Gleich hab ich das kleine Biest!«, brüllte Sven. »Pass auf!«

Er bückte sich und griff mit beiden Händen nach Norg und von der anderen Seite versuchte Ulli dasselbe zu tun – mit dem Ergebnis, dass Norg mit einem blitzschnellen Hüpfer zur Seite sprang und die beiden Trottel mit den Köpfen zusammenknallten. Ulli ächzte nur und landete schwer auf dem Hosenboden, aber Sven sprang heulend in die Höhe und stampfte mit einem gewaltigen Fuß in seine Richtung. Norg entging dem gemeinen Tritt ohne Mühe, aber er begriff auch, dass die Sache nun wirklich ernst wurde. Sven schien es mittlerweile egal zu sein, ob er ihn in einem Stück ablieferte oder in mehreren.

Er musste raus hier, und das schnell! Seine Kraft begann bereits nachzulassen, während der wutschnaubende Riese keine Erschöpfung zu kennen schien.

Dann geschah endlich das, worauf Norg die ganze Zeit über gewartet hatte: Die Tür ging auf! Norg stieß ein erleichtertes Pfeifen aus, schlug einen gewaltigen Haken zwischen Svens Füßen hindurch – und prallte mit einem entsetzten Keuchen zurück.

Unter der Tür erschien ein dritter Stinkfuß!

Er war nicht ganz so groß wie die beiden ersten, aber immer noch riesig, und als er sah, was hier drinnen los war, blieb er mitten in der Bewegung stehen und riss ungläubig die Augen auf. »Was –?«, begann er.

Weiter kam er nicht. Ulli hatte sich mittlerweile wieder hochgerappelt und stürmte heran, gerade rechtzeitig, um gegen die Tür zu laufen, die der Neuankömmling aufgestoßen hatte. Es gab einen gewaltigen Knall, Ulli landete zum dritten Mal reichlich unsanft auf dem Fußboden und die Tür flog wieder zu, wobei sie den dritten Stinkfuß gleich mit von den Füßen riss.

Norg konnte mit knapper Not noch zur Seite springen, um nicht von dem niederkrachenden Riesen erschlagen zu werden, und war für den Bruchteil eines Augenblicks abgelenkt.

Um ein Haar hätte ihn diese Unaufmerksamkeit das Leben gekostet.

Er bemerkte die Gefahr noch, aber es war zu spät, um ihr ganz auszuweichen. Svens Fuß senkte sich riesig und unglaublich schnell auf ihn herab. Er streifte ihn nur, aber schon diese flüchtige Berührung reichte, Norg zu Boden zu schleudern, und dann quetschte der riesige Schuh sein rechtes Bein mit solcher Kraft gegen den Boden, dass Norg ein qualvolles Wimmern ausstieß. Es tat furchtbar weh. Er sah nur noch bunte Farbflecke und für einen Moment wurde der Schmerz in seinem Bein so schlimm, dass ihm übel wurde.

Als er wieder einigermaßen klar sehen konnte, hatte Sven ihn schon gepackt und so fest mit seiner riesigen Hand umschlossen, dass ihm fast die Luft wegblieb. Sein riesiges Gesicht war vor Wut rot angelaufen. »Verdammtes kleines Biest!«, grollte er. »Ich sollte dir den Kopf abreißen!«

»Mach es nicht kaputt«, sagte Ulli, der sich belämmert aufgesetzt hatte und sich den Kopf hielt. Seine Nase blutete.

»Kaputt! Ha!«, grollte Sven. »Das Biest ist zäh, keine Angst.« Ohne viel Federlesens drehte er sich herum, trug Norg zu dem rostigen Käfig und warf ihn unsanft hinein. Dann stapfte er zur Tür zurück, bückte sich zu dem dritten Stinkfuß und zerrte ihn mit einer groben Bewegung auf die Füße.

»Wen haben wir denn da?«, fragte er böse. »Wenn das nicht unser kleiner neugieriger Marvin ist. Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht hier herumschnüffeln sollst, Blödmann?«

Bei diesen Worten schüttelte er Marvin wild hin und her, aber der Junge schien es gar nicht zu bemerken, denn er versuchte sich auf die Zehenspitzen zu stellen und einen Blick auf den Käfig zu erhaschen, in dem Norg lag. Sven ließ es jedoch nicht zu, sondern schubste ihn unsanft gegen die Wand.

»Was … was habt ihr denn da?«, fragte Marvin stockend.

»Nichts«, antwortete Sven. »Da ist gar nichts.«

»Aber ich habe doch genau gesehen –«

»Da ist nichts«, sagte Sven noch einmal. Er ballte die Hand zur Faust und schüttelte sie drohend vor Marvins Gesicht. »Und du hast auch nichts gesehen, ist das klar?«

»Aber –«

Sven versetzte ihm eine klatschende Ohrfeige. »Du hast nichts gesehen«, sagte er noch einmal. »Ist das klar?«

Marvin nickte wortlos. Er zitterte und seine Augen waren ganz dunkel vor Furcht. Wäre Norg im Moment nicht selbst zum Heulen zu Mute gewesen, dann hätte er vermutlich seine helle Freude daran gehabt, zu sehen, dass auch Stinkfüße Angst empfinden konnten.

Sven öffnete die Tür, packte den kleineren Jungen grob bei der Schulter und beförderte ihn mit einem Stoß hinaus. »Hau bloß ab!«, schrie er. »Wenn ich dich noch mal beim Rumschnüffeln erwische, geht’s dir schlecht!« Und damit knallte er die Tür hinter dem Jungen zu, dass der Staub aus den Ritzen quoll.

»Warum hast du ihn laufenlassen?«, beschwerte sich Ulli.

»Ach, und was hätte ich tun sollen?«, fragte Sven böse. »Ihn fesseln und knebeln?«

»Er wird bestimmt wiederkommen«, sagte Ulli. »Oder wenigstens überall rumerzählen, was er gesehen hat.«

Sven lachte. »Was? Dass wir einen Zwerg mit einer grünen Zipfelmütze in einem Hamsterkäfig gefangen halten? Wenn er das erzählt, stecken sie ihn höchstens in eine Zwangsjacke.«

Er kam zu Norg zurück, ließ sich ächzend in die Hocke sinken und sah einen Moment lang nachdenklich auf ihn hinab. »Ich frage mich, was das ist«, murmelte er. »Vielleicht so eine Art Zirkusaffe, der weggelaufen ist.«

»Könnte auch ein Alien sein«, meinte Ulli.

»Alien, Quatsch!«, fauchte Sven. »Wenn das ein Alien ist, wo, bitte schön, ist dann sein UFO und seine Laserpistole?« Er schüttelte überzeugt den Kopf. »Nein, das Ding ist garantiert aus dem Zirkus abgehauen. Wir hören uns erst einmal um, ehe wir es ins Tiergeschäft bringen. Vielleicht gibt es ja eine fette Belohnung.«

»Und Marvin?«, fragte Ulli.

»Der kleine Schnüffler hatte doch die Hosen voll«, antwortete Sven. Dann nickte er. »Aber du hast Recht: Man kann nicht vorsichtig genug sein. Wir lassen ihn für den Moment hier, aber wir suchen ein besseres Versteck und kommen später wieder, um ihn zu holen.«

Die Flucht

Nachdem die beiden Stinkfüße gegangen waren, wurde es dunkel; selbst für Norgs empfindliche Augen zu dunkel. Normalerweise konnte er sogar in tiefster Nacht noch gut sehen. Aber die Höhle hatte keine Fenster und das seltsame Licht unter der Decke musste wohl eine Art magisches Feuer sein, das nur für die Stinkfüße brannte.

Es hätte ihm auch nicht viel genutzt, etwas zu sehen. Kaum dass Ulli und Sven gegangen waren, hatte er angefangen sein neues Gefängnis zu untersuchen – mit einem niederschmetternden Ergebnis. Der Käfig war viel größer als das Netz, in dem er zuvor gefangen gewesen war, und bestand aus einem völlig anderen Material. Aber seine Maschenwaren genauso eng und noch fester als die seltsamen Fäden. Nachdem er eine Weile vergeblich daran herumgezerrt hatte, gab Norg enttäuscht auf. Das harte Material war ihm unheimlich. Nicht einmal die Nagezähne einer Ratte hätten ihm etwas anhaben können, da war er sicher.

Aber im Grunde galt das ja für diese ganze Umgebung, in der er plötzlich gelandet war: Alles hier war ihm unheimlich. Die Welt der Stinkfüße machte ihm Angst. Hätte er doch nur auf die Warnungen der Alten gehört!

Irgendwann, nach einer Zeit, die ihm nur lang vorkam, es aber nicht wirklich war, hörte er ein Geräusch. Schon im nächsten Moment wurde die Tür aufgestoßen und ein riesiger Schatten erschien in der Öffnung. Norg sah hoch und schloss gleich darauf geblendet wieder die Augen, als das magische Licht unter der Decke anging. Es war so grell, dass er erst einmal fast blind war.

Als er wieder sehen konnte, war der Stinkfuß herangekommen und hatte sich vor dem Käfig auf die Knie fallen lassen. Er hatte sich so weit vorgebeugt, dass sein Gesicht fast die Gitterstäbe berührte.

Norg kroch hastig in den hintersten Winkel des Käfigs und presste sich so fest gegen die Gitterstäbe, wie er konnte. Sein Herz klopfte. Es war keiner der beiden Stinkfüße, die ihn eingefangen hatten, sondern Marvin, der Schnüffler, aber das beruhigte ihn nicht besonders. Stinkfuß blieb Stinkfuß. Diese Ungeheuer waren gemein, und vor allem gefährlich.

»Tatsächlich«, murmelte Marvin, nachdem er ihn eine Weile fassungslos angestarrt und dabei ununterbrochen den Kopf geschüttelt hatte. »Du … du bist wirklich echt. Großmutter hatte Recht.«

Großmutter?, dachte Norg. Wenn Stinkfüße Großmütter hatten, genau wie richtige Leute, dann konnten sie ja eigentlich nicht so fremdartig sein, oder?

»Wie ist dein Name, Kleiner?«, fragte Marvin. Er lächelte aufmunternd. »Nur keine Angst. Ich bin nicht wie die beiden Grobiane, die dich gefangen haben. Ich weiß, dass du sprechen kannst.«

Norg schwieg eisern weiter. Marvin kam ihm tatsächlich sympathischer vor als die beiden anderen, aber er traute ihm trotzdem nicht. Vielleicht log er ja.

»Du willst nicht mit mir reden«, sagte Marvin nickend. »Das verstehe ich. Ich an deiner Stelle wäre auch misstrauisch. Großmutter hat mir erzählt, dass das Kleine Volk sehr vorsichtig ist.«

»Wieso weißt du vom Kleinen Volk?«, entfuhr es Norg. Im nächsten Moment schlug er die Hand vor den Mund und hätte sich am liebsten auch noch auf die Zunge gebissen. Aber nun war es zu spät. Er hatte sein Geheimnis verraten.

Marvin wirkte jedoch kein bisschen überrascht. »Meine Großmutter hat mir davon erzählt«, sagte er. »Um ehrlich zu sein, habe ich ihr nicht geglaubt. Ich dachte, es wäre nur eines von ihren Märchen. Aber nun sehe ich es mit eigenen Augen.« Er legte den Kopf auf die Seite. »Bist du ein Elf

»Ein Elf?« Norg kreischte fast. »Willst du mich beleidigen? Elfen sind kleine lästige Biester, die den ganzen Tag nur Unsinn im Kopf haben. Ich bin viel größer.«

Marvin grinste. »Dann bist du also eher ein Zwölf.«

Norg hatte keine Ahnung, was dieses Wort bedeutete, aber es gefiel ihm auch nicht viel besser als Elf. Trotzdem knurrte er: »Meinetwegen. Was willst du?

Bist du nur gekommen, um dich über mich lustig zu machen, oder willst du mich auch in diese Zoohandlung bringen, um mich zu verkaufen?«

Marvin machte ein erschrockenes Gesicht. »Das haben die beiden vor?«

»Sie haben es gesagt«, bestätigte Norg. »Was ist eine Zoohandlung?«

»Das sieht den beiden ähnlich«, grollte Marvin, ohne seine Frage zu beantworten. »Da finden sie etwas wie dich und … und denken nur daran, es zu verkaufen! Ich wusste ja, dass sie nicht die Hellsten sind, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie so dumm sind!« Er seufzte. »Aber es ist gut, dass du mich daran erinnerst. Die beiden kommen bestimmt bald zurück. Wir müssen von hier verschwinden.«

»Ich fürchte, das kann ich nicht«, sagte Norg kleinlaut.

Marvin grinste. »Kein Problem«, sagte er. Er stand auf, hob den Käfig ohne sichtbare Mühe in die Höhe und trug ihn zur Tür, wobei er allerdings sehr viel vorsichtiger war als Sven zuvor, so dass Norg diesmal nicht durchgeschüttelt und unsanft hin und her geworfen wurde.

»Wo bringst du mich hin?«, fragte Norg. Er traute diesem großen Stinkfuß immer noch nicht. Nicht ganz, wenigstens.

»Erst mal weg hier«, antwortete Marvin. »Ich habe vorsorglich eine Zange eingesteckt, aber ich denke, ich werde sie gar nicht brauchen, um den Käfig aufzubekommen. Trotzdem erledigen wir das besser draußen. Sven und Ulli können jeden Moment zurückkommen und es wäre wahrscheinlich nicht sehr klug, dann noch hier zu sein.«

Der Meinung war Norg auch. Er sagte nichts mehr, während Marvin den Käfig aus dem Haus trug. Sorgfältig löschte dieser das Licht und schloss die Tür hinter sich, wahrscheinlich, damit Ulli und Sven nicht schon von weitem sahen, dass hier etwas nicht stimmte.

Dann drehte er sich einmal im Kreis und sah sich dabei unschlüssig um. »Und wohin jetzt?«, fragte er.

»Ich weiß nicht genau, wo wir sind«, gestand Norg. »Die beiden Stinkfüße haben mich am Waldrand gefangen.«

Marvin blinzelte. »Stinkfüße?«

»Sven und Ulli«, erklärte Norg. »Stinkfüße eben.«

Plötzlich grinste Marvin wieder. »So nennt ihr uns?«

»Wie denn sonst?«, wunderte sich Norg. »Heißt ihr denn nicht so?«

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Titel: NORG - Erster Roman: Im verbotenen Land