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Die Tochter des Henkers

2016 279 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

1675: Als Tochter des Henkers führt Franziska ein hartes Leben: ausgestoßen und geächtet kann sie ihre Einsamkeit nur ertragen, wenn sie singt. Niemand hört ihre Lieder ... bis sie eines Tages beim Singen von einem geheimnisvollen Fremden überrascht wird. Er prophezeit ihr eine Zukunft, in der sie mehr als nur eine Henkerstochter sein wird. Franziska hält den jungen Astrologen für verrückt und doch kann sie seine Worte einfach nicht mehr vergessen. Als er kurz darauf unschuldig im Kerker ihres Vaters landet, fasst sie einen folgenschweren Entschluss …

Über die Autorin:

Beatrix Mannel studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Erlangen, Perugia und München und arbeitete dann zehn Jahre als Redakteurin beim Fernsehen. Danach begann sie – auch unter ihrem Pseudonym Beatrix Gurian – Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schreiben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Für ihre aufwändigen Recherchen reist sie um die ganze Welt. Außerdem gründete sie gemeinsam mit einer Kollegin 2015 die Münchner Schreibakademie.

Beatrix Mannel veröffentlich bei jumpbooks auch die Jugendbuchserie S.O.S – Schwestern für alle Fälle mit den Einzelbänden:

Willkommen in der Chaos-Klinik
Ein Oberarzt macht Zicken
Flunkern, Flirts und Liebesfieber
Rettender Engel hilflos verliebt
Prinzen, Popstars, Wohnheimpartys

Mehr Informationen auch auf der Website der Autorin: www.beatrix-mannel.de

www.münchner-schreibakademie.de/

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2007 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

Titelbildabbildung: © aleshin - fotolia.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-112-8

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Beatrix Mannel

Die Tochter des Henkers

Roman

jumpbooks

1. Wasserspiele

Solange von Kiefersheim noch etwas zu sehen war, summte Franziska leise vor sich hin. Dann, als der Weg zum Roten Haus hinauf steiler und einsamer wurde, begann sie zuerst zaghaft, dann immer klarer und jubelnder zu singen, obwohl der halbe Scheffel Gerste in der hölzernen Kiepe auf ihrem Rücken von Schritt zu Schritt schwerer wurde.

Ihr Weg führte von Kiefersheim die Maisch entlang und schraubte sich mit jeder Biegung des Flüsschens höher und höher, bis hinauf zum Galgenberg.

Die Melodien kamen ganz von allein aus ihrer Kehle, denn trotz der Hitze war es heute ein Vergnügen, diesen Pfad entlangzugehen.

Ihre Füße wirbelten – anders als im Winter, wenn ihre Holzschuhe ständig im zähen Morast stecken blieben – den feinen Staub auf, der wie Funken in der Sonne vor ihr hertanzte und flirrte.

Der Himmel erschien ihr blau wie die Glockenblumen, die am Rand der Maisch zwischen den Kieseln wuchsen und deren Glöckchen im Rhythmus des Plätscherns und Glucksens sanft hin und her schaukelten.

Nur wenn ich singe, dachte sie, bin ich glücklich, bin wirklich die Franziska Burkhardt und nicht bloß die Tochter des Henkers von Kiefersheim.

Sie seufzte, ohne aufzuhören zu singen, was einen dumpfen Laut hervorbrachte, der Franzi verstummen ließ. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was es hieß, die Tochter des Henkers zu sein. Schließlich hatte sie es viel besser getroffen als ihre Kusinen Barbara und Verena, die auch Henkerstöchter waren. Denn im südhessischen Kiefersheim musste man wenigstens keine gelben Kappen tragen so wie in Trier und Braunschweig, wo ihre Kusinen lebten. Trotzdem gehörte sie zu den Ausgestoßenen, als würde sie, genauso wie die Jüdinnen und Prostituierten, die gelbe Kappe tragen.

In ihrem Dorf sprach niemand mit ihr. Und berühren würde sie auch keiner. Dabei wünschte Franzi sich nichts mehr als eine Freundin. Wenn sie doch wenigstens eine Schwester hätte!

Oder ihre Mutter noch leben würde!

Sie blieb einen Augenblick stehen und wischte sich mit dem Zipfel ihres Brusttuches den Schweiß von der Stirn. Dann drehte sie sich um und betrachtete aus der Höhe das nun im Tal liegende Kiefersheim. Rund um das Dorf wuchs ein dichter Wald aus Kiefern und Buchen. Mittendrin waren die Fachwerkhäuschen im Kreis angeordnet, beinahe wie die Perlen einer Halskette, fand Franzi.

Dabei hatte Franzi erst ein Mal eine Perlenkette gesehen. Damals, als die Baronin Trebeljahr heimlich zu ihrem Vater, dem Scharfrichter von Kiefersheim, gekommen war, um sich die Zutaten zu einer »Medizin« zu holen. Franzi lächelte, denn diese Medizin war, so viel wusste sie noch von ihrer Mutter, ganz bestimmt eher ein magischer Zaubertrank.

Und die nötigen Ingredienzien kaufte man nicht am helllichten Tag, das taten sie alle nur heimlich.

Franzis Mutter hatte das nicht gestört, aber Franzi fand es ungerecht, dass sie im Dorf von allen ehrlichen Handwerkern geschnitten wurde, als hätte sie die Pest, und sich die Dorfbewohner andererseits bei ihrem Vater die nötigen Zutaten für ihre Heiltränke holten.

Wie immer, wenn Franzi an ihre Mutter dachte, berührte sie unwillkürlich Mutters Amulett. Ein Wildschweinzahn, den ihr eine Edelfrau zum Dank für ihre Hilfe im Kindbett geschenkt hatte und den Franzi an einer dünnen Silberkette um den Hals trug. In ihrer Erinnerung war ihre Mutter immer gleichmütig und sanft gewesen und hatte nur sehr selten mit Franzi geschimpft. Ihre Mutter hatte fest daran geglaubt, dass alles, so wie es kam, auch gut sein musste, einfach deshalb, weil es von Gott kam. Franzi hatte das auch lange geglaubt, doch seit dem Tod ihrer Mutter nagten immer öfter Zweifel an Franzis Herz. Wie hatte Gott das zulassen können?

Pfarrer Zinke hatte ihr versichert, dass Gott nur die Edlen und Guten früh zu sich ins Jenseits ruft. So hatte er aber auch schon die sechs totgeborenen Geschwister von Franzi erklärt. Und, hatte er hinzugefügt, natürlich sei ihre Mutter im Himmel, im ewigen Paradies, und es sei höchst unrecht von Franzi, ihrer Mutter das zu missgönnen.

Franzi tröstete dieser Gedanke gar nicht, denn der Himmel war doch so unendlich weit weg. In der Hoffnung, dass sie schnell zu ihrer Mutter ins Paradies käme, wenn sie nur ordentlich und brav wäre, hatte sie eine Zeit lang versucht, sich tadellos zu benehmen, aber das war unmöglich!

Denn im Roten Haus führte jetzt Tante Genofeva, Mutters jüngere Schwester, das Regiment.

Und Tante Feva sah aus wie eine misslungene Kopie ihrer Mutter, ganz in magerem Dunkelgrau. Der schmale Strich ihrer Lippen öffnete sich nur zum Seufzen. Lachen fand Tante Feva angesichts all der Übel auf der Welt, als da wären Gotteslästerer, Schamlose, Pestilenz und Krieg, geradezu gottlos! Ihre nagelgrauen Augen begannen allerhöchstens dann etwas zu glänzen, wenn jemand unerwartet starb oder in großes Unglück geriet.

Sosehr sich Franzi auch bemühte, sie konnte es ihrer Tante einfach nicht recht machen, und reden konnte man mit ihr schon gar nicht.

Wie gern hätte Franzi ihrer Mutter von den merkwürdigen Gefühlen erzählt, die sie beim Singen spürte. Franzi kam es dann so vor, als würde sie schweben. Der Himmel rückte näher, und manchmal hatte sie sogar den Eindruck, ihre Mutter würde ihr zuhören ...

Wenn Tante Feva von diesen Gefühlen wüsste, dann würde sie den Kopf schütteln, das für nichtsnutzigen Müßiggang halten und noch strenger mit Franzi sein, um ihr die Flausen auszutreiben.

Franzi warf einen letzten Blick auf Kiefersheim und überlegte, was die Baronin Trebeljahr wohl bei ihrem Vater gekauft hatte. Vielleicht einen Liebeszaubertrank? Man munkelte, dass es nicht gut um ihre Ehe stand. Oder vielleicht eine Salbe zur Steigerung ihrer Fruchtbarkeit? Schließlich war sie mit dem Baron schon seit zehn Jahren verheiratet und hatte ihm noch immer kein einziges Kind geboren.

Das war einer dieser Umstände, dachte Franzi, die Tante Feva glücklich machten. »So viel Geld und Schönheit, und doch nicht von Gott gesegnet! Das kommt eben davon, wenn man als Lutheraner eine Katholische zur Frau nimmt«, pflegte Sie zu sagen und dabei seltsam zufrieden auszusehen.

Leider bewahrte Franzis Vater Stillschweigen über seine nächtlichen Geschäfte. Und gerade das weckte Franzis Neugier.

An jenem Abend, als die Baronin gekommen war, hätte Franzi längst schlafend in ihrer Kammer liegen sollen, aber sie hatte sich mit ihrem jüngeren Bruder Karl auf der Stiege versteckt, um die Edelfrau heimlich aus der Nähe beobachten zu können.

Wie fein ihre Kleider geraschelt hatten! Gerade so, als würde ein lichter Frühlingswind durch die maigrünen Buchenblätter am Galgenberg tanzen. Und geduftet hatte die Baronin, ganz eigenartig nach süßer Milch und Minze und Maiglöckchen.

Karl war davon übel geworden, aber Franzi hatte beim Einatmen das Gefühl gehabt, dass dieser Duft genau das war, was in ihrem Leben fehlte.

Im Roten Haus roch es sonst immer nur nach Fett und Ruß und nach den getrockneten Tierhäuten, die der Vater als Bezahlung für seine Arbeit als Abdecker behalten durfte.

Franzi lief jetzt ein wenig schneller, um ihre kleine Pause wieder wettzumachen.

Zuhause wartete nämlich schon die große Wäsche auf sie. Aber auch das änderte nichts an ihrer fröhlichen Stimmung, denn bei diesem Wetter würde das geradezu ein Vergnügen werden, und noch dazu würde die Hitze dafür sorgen, dass schon am Abend alles wieder trocken war.

Sie fing erneut an zu singen, allerdings fiel es ihr etwas schwerer als vorhin, denn die Gerste in der Kiepe schien sich in der Hitze verdoppelt zu haben. Mit jedem Schritt schwitzte sie mehr.

Franzi ging näher zur Maisch, um rasch eine Handvoll zu trinken. Sie hockte sich hin und versuchte etwas von dem vorbeiplätschernden Wasser aufzufangen, ohne das Gleichgewicht oder gar ein Gerstenkorn zu verlieren.

Während sie das klare Wasser aus ihrer Hand schlürfte, spürte sie eine unbändige Lust, ihre Füße ins kühle Wasser zu halten. Ja!

Es war ihr gleichgültig, ob es schicklich war, mit nackten Füßen in der Maisch herumzuwaten. Es schien ihr das einzig Richtige! Sie sah sich um, weit und breit war niemand zu sehen. Tante Feva würde also nie davon erfahren.

Und das war auch gut so, denn Füße baden war für Tante Feva beinah genauso eine frevelhafte Sünde wie Selbstmord. Denn wenn man Wasser an seinen Körper ließ, dann forderte man sein Schicksal geradezu heraus und bekam sofort die Schwindsucht oder mindestens das Leibreißen.

Dass der elfjährige Karl so oft Krämpfe hatte, dann ohnmächtig wurde und schließlich still dalag, führte Tante Feva auf die verwerfliche Angewohnheit von Franzis Mutter zurück, ihre kleinen Kinder zu waschen. Am ganzen Körper!

Pah, Franzi hatte hinter Fevas Rücken schon oft ihre Füße ins Wasser gehalten, und noch nie war sie krank geworden.

Sie kletterte über einige der glatt gespülten Felsen, fand einen Baumstamm, auf den sie sich setzen konnte, und schleuderte übermütig die klobigen Holzschuhe von sich, dachte dabei kurz an die gelbseidenen Schuhspitzen, die unter den Kleidern der Baronin hervorgelugt hatten und ... Oh, nein! Franzi schrie auf. Einer der Schuhe war nicht auf den Boden, sondern in die Maisch gefallen und trieb, hin und her schaukelnd wie ein kleines Boot, schnell davon.

Sie raffte ihre leinenen Röcke und watete über den steinigen Flussgrund hinter ihrem Schuh her. Doch die Strömung war stark, und ihr Schuh war immer ein bisschen schneller als sie.

Unmöglich, ohne Schuh nach Hause zu kommen! Unvorstellbar, welche Strafe sich Tante Feva ausdenken würde!

Trotz ihrer Angst um den Schuh genoss Franzi die kalten Wasserperlen, die sie schaumig bis hoch zur Kniekehle umspülten. Ihre Haut begann zu prickeln, oh, das war ja fast so schön wie singen. Am liebsten hätte sie sich ganz in das Wasser sinken lassen, aber das war natürlich undenkbar. Wenn sie sich vorbeugte, konnte sie ihr rundes, blasses Gesicht, mit dem, wie Feva fand, ungehörig vollen roten Mund erkennen. Außer der großen Narbe über ihrer linken Augenbraue gab es nichts Besonderes in ihrem ebenmäßigen Gesicht. Die Narbe war immer noch deutlich sichtbar, obwohl es schon fünf Jahre her war, als ein Pferd ausgeschlagen und sie so unglücklich getroffen hatte, dass sie drei Tage ohnmächtig gelegen hatte und man schon mit dem Schlimmsten rechnete. Nur die Salben und Kräuter ihres Vaters und die liebevolle Pflege ihrer Mutter hatten sie gerettet. Doch vor Pferden hatte Franzi seither große Angst und hielt immer mindestens zehn Ellen Abstand.

Das Klappern von Hufen brachte sie zur Besinnung.

Sie patschte mit der Hand auf das Wasser, sofort erzitterte ihr Gesicht und löste sich in silberne Tropfen auf, dann drehte sie sich um und sah eine Staubwolke, die einen Reiter vom Dorf ankündigte.

Sie überlegte neugierig, wer der Reiter sei und wo er wohl hinwollte, denn der schmale Weg über den Galgenberg führte nur noch zum Anwesen von Baron Trebeljahr und dann weiter in den Odenwald hinein. Er wurde selten von einsamen Reitern genutzt, denn der Pfad war unübersichtlich, und überall lauerten Räuberbanden und Wegelagerer. Obgleich ihr Vater erst im letzten Jänner eine ganze Räuberbande auf dem Galgenberg hingerichtet hatte, schien das niemanden davon abzuhalten, einsame Reisende auszuplündern.

Doch dieser Mann ritt so schnell, dachte Franzi, dass Räuber wohl kaum eine Chance hätten, ihn zu fangen.

Plötzlich wurde ihr bewusst, was für ein Bild sie abgeben musste: die Röcke hochgerafft bis zu den Knien, überall auf dem Gewand Wasserspritzer, die Kiepe schief auf dem Rücken.

Was, wenn Gerste herausgefallen oder nass geworden war?

Sie beeilte sich, ihren Schuh endlich wiederzubekommen, stolperte deshalb über eine Baumwurzel und verlor das Gleichgewicht. Instinktiv ließ sie ihren Rock los, konnte sich so gerade noch an einem Felsen abstützen und verhindern, dass sie der Länge nach ins Wasser fiel. Die Gerste! Sie tastete hastig über den Flussgrund zum Ufer, nahm ihre Kiepe ab und sah nach dem Getreide. Zum Glück hatte es nur ein paar Spritzer abbekommen. Doch ihre Röcke klebten pitschnass an ihren kräftigen Waden.

Und wo war jetzt ihr Schuh? Sie konnte ihn nirgends mehr entdecken. Er wird doch nicht vollends untergegangen sein, überlegte Franzi, während der Mann auf dem Pferd rasch näher kam.

Hastig wrang sie den Saum ihres Kleides und den der langen Überschürze aus und hoffte, der Reiter wäre so in Eile, dass er sie gar nicht bemerken würde.

Hoffentlich war es niemand, den sie kannte.

Der Reiter hatte sein Tempo jetzt verlangsamt, sprang von seinem prächtigen schwarzen Pferd und kam eilig näher.

Franzi hatte den jungen Mann noch nie gesehen, aber sie erkannte das Wappen der Trebeljahrs auf seiner Satteltasche. Ein gelbrotes Schwert und ein Löwe auf einem Grund voller Lilien. Doch das hier war nicht Baron Trebeljahr, denn der war kahlköpfig und hatte einen dicken Bauch, während dieser junge Mann leichtfüßig in seinen braunen Stulpenstiefeln herankam. Die glänzenden Bänder, die seine roten Kniehosen hielten, wehten hinter ihm her wie der Schweif eines Kometen.

»Grüß Euch Gott«, sagte er. Franzi war jetzt sicher, dass er sie nicht kannte. Niemand redete mit der Tochter des Henkers.

»Grüß Euch Gott«, antwortete sie und starrte auf ihre feuchten Säume.

»Warum seid Ihr so nass?«, fragte der Mann, und Franzi, die ihm, so wie es sich für sie gehörte, nicht ins Gesicht sah, hatte das Gefühl, er würde sie auslachen.

Deshalb hob sie ihren Kopf und blickte ihn direkt an. Ja, der Fremde grinste spöttisch, sah überhaupt reichlich eingebildet aus, fand Franzi. Er hatte schulterlanges schwarzes Haar, das üppig unter seinem breiten, mit Federn geschmückten Filzhut hervorquoll. Die langen, in der Sonne schillernden Fasanenfedern wippten hin und her wie Grashalme im Wind. Obwohl es so aussah, als würde er sich auf die Lippen beißen, um nicht laut zu lachen, lag um seine ernsten Augen ein leichter Schatten.

Sie wäre am liebsten weggelaufen, aber wohin hätte sie schon laufen können? Bis zum Waldrand waren es noch viele hundert Schritte.

»Könnte es sein, dass Ihr etwas verloren habt?«, fragte er.

»Ich wüsste nicht, was Euch das angeht!« Franzi setzte die Kiepe wieder auf und machte sich daran, weiterzugehen. Doch schon beim ersten Schritt gab sie es auf. Dieses Humpeln mit nur einem Schuh sah einfach zu lächerlich aus.

Der junge Mann war ihr gefolgt, stellte sich nun vor sie und zauberte den vermissten Schuh hinter seinem Rücken hervor. »Hier!«, sagte er, drehte den Schuh um und lachte, als Wasser herausplatschte. »Nur um sicherzugehen, dass kein Krebs sich hineinverkrochen hat.« Dann reichte er ihr endlich den Schuh.

Röte stieg Franzi ins Gesicht. In was für eine Lage hatte sie sich nur gebracht!

Sie griff nach der Holzpantine. »Dank Euch!«, quetschte sie hervor, stellte den Schuh auf den Boden und schlüpfte eilends hinein.

»Und was ist mit meiner Bezahlung?« Der Reiter grinste sie jetzt offen an.

»Gott vergelt's!«, meinte Franzi. »Das muss Euch reichen!« Sie drehte sich um und ging weiter. Doch sie kam nicht schnell genug vorwärts, denn ihr Gewand, nass und schwer wie es war, zog sie zu Boden, und der feuchte Schuh scheuerte an ihrer Ferse.

»So kommt Ihr mir nicht davon!« Der Mann war ihr nachgegangen und hatte sich wieder vor ihr aufgebaut.

Franzis Herz schlug schneller. Was konnte dieser Fremde schon von ihr wollen? War er vielleicht ein Räuber, der die Satteltasche vom Fürsten nur gestohlen hatte?

Hastig überschlug sie ihre Besitztümer. Mit den dreieinhalb Kreuzern, die sie auf dem Hinweg dabeigehabt hatte, hatte sie die Gerste bezahlt.

Sonst besaß sie nur die dünne Silberkette mit dem Amulett, das ihrer Mutter gehört hatte. Nein, eher würde sie sterben, als sich davon zu trennen!

Der junge Mann nahm seinen Federhut ab, schwenkte damit einen galanten Halbkreis und deutete eine Verbeugung an.

Was wollte er nur? Dann dämmerte es ihr. Doch wohl keinen Kuss oder gar Schlimmeres?

»Also?« Dabei lächelte der junge Mann immer noch so aufreizend, dass Franzi ihm am liebsten etwas ganz und gar Ungehöriges ins Gesicht gesagt hätte.

Doch es sollte nachher im Dorf nicht heißen, die Franziska Burkhardt vom Roten Haus sei nicht nur eine Verrückte, die ohne Not ins Wasser springt, sondern auch noch eine Jungfer, die keine Ahnung von anständigem Betragen hat.

»Lasst mich in Ruhe!«, sagte sie und verwünschte sich selbst für ihren Übermut. Warum nur war sie durch den Fluss gewatet, statt brav nach Hause zu gehen?

Längst könnte sie beim Wäschewaschen sein, stattdessen stand sie hier, erhitzt, mit nassen Kleidern, und sprach mit einem Fremden, der sich ganz offensichtlich lustig über sie machte.

»Nein, gerade mit Ruhe habe ich nichts im Sinn«, sagte er. »Ich bitte Euch, singt mir ein Lied! Das wart doch Ihr, die da vorhin so überirdisch schön gesungen hat, oder nicht?«

Franzi schüttelte den Kopf, sie sang nur, wenn sie alleine war. Für jemand anderen zu singen erschien ihr unanständig.

Sie musste nach Hause. Tante Feva war sicher schon sehr wütend auf sie. Und da fiel ihr endlich ein, wie sie den Reiter bestimmt loswerden könnte.

»Da müsst Ihr Euch getäuscht haben! Ich singe nie, schließlich bin ich die Tochter des Henkers. Ihr solltet mich lieber in Ruhe lassen, nicht dass ein Unglück über Euch kommt!« Das musste ihn doch ein für alle Mal zum Schweigen bringen!

Der Fremde setzte den Hut mit Schwung wieder auf, sodass die prächtigen Federn raschelten, als würden sie über Franzis Benehmen tuscheln.

Dann schwang er sich auf seinen Rappen. »Es mag ja sein, dass Ihr die Tochter des Henkers seid, aber glaubt mir, das werdet Ihr nicht Euer ganzes Leben lang bleiben!« Mit diesen Worten galoppierte er davon.

Franzi atmete auf. Der Fremde musste verrückt sein. Niemals würde sich daran etwas ändern.

Oder doch? Manchmal wünschte sie sich das von ganzem Herzen. Frei sein von Tod und Strafe, einfach nur ... aber nein, das war ganz und gar unmöglich.

Natürlich würde sich etwas ändern: Sie würde irgendwann nicht mehr die Tochter, sondern vielmehr die Frau eines Henkers sein.

Denn ihr Vater hatte vor, sie noch dieses Jahr, an ihrem 14. Geburtstag im August, mit dem Scharfrichter Johannes Vollmar zu verloben. In zwei Jahren, gleich nach ihrem 16. Geburtstag, sollte dann die Hochzeit gefeiert werden.

Und dafür, wie Tante Feva nicht müde wurde Franzi zu erklären, hatte Franzi allen Grund, ihrem Vater dankbar zu sein. Denn sonst blieb ihr nur der Weg ins Kloster oder die Möglichkeit, als Abdeckermagd ein hartes Leben zu fristen.

Nein, dieser Fremde war entweder von einem anderen Stern, dass er sich mit den Sitten im Südhessischen nicht auskannte, oder aber er war ein Narr.

Allerdings wie ein Narr war er ihr nicht vorgekommen ... Franzi schüttelte den Kopf über sich selbst und ermahnte sich. Flausen, Flausen, nichts als Flausen, Tante Feva hatte manchmal wirklich recht.

2. Neuigkeiten

Franzis Nase wusste schon lange, bevor ihre Augen es sehen konnten, dass das Rote Haus nicht mehr weit entfernt war. Der würzige Geruch der Kiefern wurde allmählich vorn beißenden Gestank trocknender Tierhäute überlagert, mischte sich beim Näherkommen noch mit den Exkrementen der Hühner, Enten und Schweine und denen der Jagdhunde, die der Vater für Baron Trebeljahr züchten musste. Das alles wurde schließlich noch von den merkwürdigen Ausdünstungen von Fisch und Blut, die beim Auskochen von Knochen entstehen, überdeckt.

Sie war zu Hause.

Das Rote Haus war aus rotem Sandstein und Holz erbaut und hatte immerhin einen ersten Stock und eine Mansarde. Rechts, etwas entfernt vom Wohnhaus, befand sich der steinerne Schandturm, und links waren die Scheunen und Hundezwinger.

Seinen Namen hatte das Rote Haus von den Leuten im Dorf, aber nicht wegen der roten Steine, sondern weil sie alle Angst hatten, das Wort »Henker« oder »Henkerhaus« in den Mund zu nehmen, nur deshalb nannte man es lieber das Rote Haus. Auch ihr Vater, der Scharfrichter von Kiefersheim, hieß überall nur »Meister Hans«.

Franzi ging durch die Holztür über den gestampften Lehmboden in die Küche, die den größten Teil des unteren Stockwerks einnahm. Hier gab es sogar einen eisernen Herd mit einem Kamin, worauf Tante Feva sehr stolz war. Im Dorf hatte nur der Schmied eine ähnliche Küche. Auf dem Herd brodelten mehrere Töpfe.

Franzi hatte sofort am Dunst erkannt, dass es nicht die Mittagssuppe sein konnte, sondern Knochen, die ausgekocht wurden und ihrem Vater zur Salbenherstellung dienten.

Trotz des Gestanks grummelte es in ihrem leeren Bauch. Seit der süßen Gerstensuppe bei Sonnenaufgang hatte sie nichts mehr gegessen. Und Durst hatte sie auch.

Bevor sie noch eine Kelle Wasser trinken konnte, tauchte plötzlich Tante Feva auf. Sie wischte ihre Hände an der Schürze ab, richtete ihre Haube gerade und schlug Franzi dann zweimal so heftig ins Gesicht, dass der dicke, rund um Franzis Kopf geflochtene Zopf in Unordnung geriet. »Das wird dich lehren, so zu trödeln! Jeder, der Sünde tut, ist der Sünde Knecht!« Tante Feva war zwar kleiner als Franzi, aber wenn Fevas graue Augen derart wütend glühten, dann wuchs sie zu einem dämonischen Riesen.

Franzi zuckte zurück, überlegte, ob es Tante Fevas Zorn mildern würde, wenn sie einen guten Grund nennen könnte, verzichtete aber darauf. Das Einzige, was Tante Feva besänftigen konnte, war Demut.

»Es tut mir leid«, stammelte Franzi. »Wirklich sehr leid.«

»Dein Bruder Karl hat schon die Hunde und Enten für dich gefüttert, aber du wirst wohl nicht erwarten, dass er auch noch die Wäsche für dich übernimmt, oder?«

»Natürlich nicht. Verzeiht mir, Tante.«

»Genug geredet, nimm den Korb und mach dich auf zum Fluss. Und komm erst zurück, wenn du wirklich fertig bist, hast du verstanden?« Sie sah aus, als wolle sie Franzi zur Bekräftigung gleich noch zwei Backpfeifen geben, weshalb Franzi sich beeilte, die Seife zu holen.

Sie fragte lieber nicht nach etwas Essbarem, weil sie sich die Antwort ihrer Tante schon sehr gut vorstellen konnte. »Wer nicht kommt zur rechten Zeit ...«

Der Korb mit der Wäsche war so schwer, dass sie ihn kaum tragen konnte. Sie biss die Zähne zusammen und machte sich auf zum Waschplatz an der Maisch.

Der war zum Glück nicht sehr weit entfernt. Mittwoch war der Tag, an dem nur Unehrliche wie sie waschen durften. Denn wie jeder wusste, war Mittwoch der Tag, an dem man eigentlich nichts Neues beginnen sollte, weil alles nur halb fertig werden wird. Mittwochs würde keiner aus dem Dorf heiraten, Nägel schneiden, fegen, umziehen oder waschen. Deshalb hatte Franzi den Waschplatz wie immer ganz für sich allein.

Manchmal schlich sie sich heimlich an Montagen dorthin, wenn die Bäcker- und Schmiedefrauen ihre Wäsche wuschen, nur um dem fröhlichen Geschnatter der Frauen zuzuhören.

Puh, sie konnte nicht mehr! Franzi setzte den Korb ab und schüttelte ihre Arme aus. Wieder kamen ihr die Worte des Fremden in den Sinn – »Tochter des Henkers, das werdet Ihr nicht Euer ganzes Leben lang bleiben« – wenn das doch wahr sein könnte ...

»Fränzchen!«

Sie fuhr zusammen, erwischt beim sinnlosen Träumen. Dann wurde ihr sofort klar, dass es ja nur ihr Bruder Karl sein konnte, denn keiner sonst nannte sie so. Franzi drehte sich um, sah aber niemanden.

»Ich bin hier oben, im Baum! Hat sich der alte Drachen beruhigt?«

Franzi sah hoch, hatte Mühe, ihren Bruder zwischen dem dichten Buchenlaub zu entdecken, und grinste. Wenn Karl keine Lust mehr hatte, sich mit Feva zu streiten, kletterte er auf Bäume, weil er genau wusste, dort würde ihn Feva niemals finden.

Manchmal hatte Franzi Angst, dass ihr Bruder oben im Baum einen Krampf bekommen und herunterfallen könnte, aber Karl behauptete, er würde es bemerken und rechtzeitig vorher herunterspringen.

Ihr Bruder ließ sich gut gelaunt von der Buche fallen. Franzi zupfte ihm zwei Blätter aus dem blonden Haar, was Karl ungeduldig über sich ergehen ließ. »Du solltest lieber deinen Zopf richten, der ist ja völlig zersaust! Wenn du willst, dann helfe ich dir beim Tragen!«, sagte er.

Franzi wollte protestieren, schließlich war das keine Arbeit für einen Jungen, aber dann überließ sie ihm doch eine Seite des Korbes. Gemeinsam schwenkten sie den Korb hin und her wie eine Kinderwiege. Ihr Bruder summte vor sich hin, und statt zu gehen, hüpfte er übermütig mit bloßen Füßen über Baumwurzeln.

Wenn Franzi ihn ansah, dann erinnerte er sie immer an ihre Mutter. Er hatte wie sie grüne Augen, grün wie das Moos, das auf den Steinen wuchs, über die das Wasser der Maisch floss. Wie bei ihrer Mutter verliehen diese Augen seinem weichen Gesicht mit der dicken Nase drin etwas Rätselhaftes. Außerdem fand er wie ihre Mutter immer einen Grund zum Fröhlichsein, was Tante Feva besonders zu ärgern schien. Ganz egal, was für eine schreckliche Arbeit sie ihm zu tun gab, er pfiff dabei heiter vor sich hin.

»Du hast Geheimnisse vor mir!«, sagte Karl.

»Unsinn!«

»Doch, du hattest ein Stelldichein mit einem Fremden!«

»Woher weißt du denn das?«, rutschte es Franzi heraus, und sie verbesserte sich sofort. »Ich meine, das ist doch Unsinn!«

Karl grinste. »Ich habe fünf Elstern auf einer Birke gesehen, und das bedeutet, wie du weißt, lieben Besuch bei einem unschuldigen Mägdelein!«

Franzi wurde rot. Karl machte sich lustig über sie.

Schließlich war doch weit und breit niemand am Fluss gewesen! Andererseits hatte ihr Bruder die Gabe, manchmal ihre Gedanken zu erraten.

»Fränzchen, mein Fränzchen, du bist ja rot geworden, wenn das Tante Feva sehen könnte!«

»Du täuschst dich, das ist die Sonne«, sagte Franzi und versuchte ihren jüngeren Bruder würdevoll tadelnd anzuschauen.

Karl lachte aus vollem Hals. »Gib dir keine Mühe, Schwesterherz, ich verrate dir, woher ich von dem Fremden weiß, aber nur, wenn du mir dann haarklein erzählst, wo du ihn getroffen hast!«

Franzi nickte. Sie stellte den Korb auf die flachen Felsen am Waschplatz und suchte sich ein paar Steine, mit denen sie den Schmutz herausschlagen konnte. Danach kniete sie sich an das Ufer neben die Wäsche.

Karl warf kleine Steinchen über das Wasser und wartete geduldig, bis sie alle Vorbereitungen getroffen hatte, dann begann er zu erzählen.

»Also, stell dir vor, heute kam ein Reiter bei uns vorbei und bat um Wasser für sein Pferd. Und was für ein Pferd! So eins hätte ich auch gern! Mit so einem prächtigen Wappen drauf, und so einen Hut hat er gehabt ...«

»Karl!«

Karl lachte verschmitzt. Er wollte sie auf die Folter spannen, um seine Geschichte voll auszukosten.

Franzi warf ungeduldig ein nasses Hemd nach ihrem Bruder. Der fing es geschickt auf und schleuderte es zurück. Aber es verfehlte Franzi und verhedderte sich an einem tief über der Maisch hängenden Ast und wurde vom Wasser des Flusses so geisterhaft aufgebauscht, dass es aussah, als würde dort jemand im Nachthemd schwimmen.

Franzi und Karl sahen sich an und lachten schallend. Doch dann suchte Franzi schnell nach einem Stock, mit dem sie das Hemd aus dem Wasser ziehen konnte. Für heute hatte sie wirklich genug gebadet.

»Karl, jetzt erzähl schon!« Da, zum Glück hatte sie das Hemd gleich erwischt und gab es ihm zum Auswringen.

»Ich hab dem Fremden dann Wasser gebracht. Und danach, als Tante Feva weit weg war, hat er mich gefragt, ob meine Schwester im August geboren wäre.«

Franzi starrte Karl überrascht an. »Warum hat er das gefragt? Woher weiß er überhaupt, dass wir Geschwister sind?« Franzi fand, dass Karl und sie sehr verschieden aussahen.

»Das wollte ich auch wissen, aber zuerst verlangte er eine Antwort von mir.«

»Und?«

»Ich hab's ihm gesagt, Franziska Burckhardt ist am 7. August 1661 geboren.«

»Und dann?«

Franzi hätte ihren Bruder am liebsten geschüttelt, damit nicht alles so langsam aus ihm herauskam.

»Dann hat er mir auf den Kopf zugesagt, dass ich ein Fisch bin!«

»Nein! Aber das ist unmöglich!« Franzi schüttelte den Kopf und schlug dabei im Rhythmus ein Laken gegen die Steine. Un- – klatsch! mög- – klatsch! lich – klatsch!

»Ist es nicht, denn, und jetzt kommt das Beste ...«

Karl verstummte.

Franzi wollte dringend wissen, was Karl noch zu erzählen hatte, aber sie beschloss, so zu tun, als wäre ihr Interesse erloschen, damit Karl sie nicht immer mit seinem Schweigen piesacken konnte.

»Der Fremde ist nämlich kein anderer als Richard von Zinzendorf, der Sohn vom Gutsverwalter bei den Trebeljahrs!«

»Hmm«, sagte Franzi und gab sich Mühe, weiterhin unbeteiligt auszusehen. Dabei wollte sie nur eins, dass Karl weiterredete, redete, redete!

»Und stell dir vor, dieser Zinzendorf arbeitet in München und hat in Bologna studiert! Franzi, was ist studieren? Und wo ist Bologna?«

Franzi sah zu ihrem Bruder hinüber.

Sie hatte versucht, ihm das Lesen und Schreiben beizubringen, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte, aber Karl interessierte sich nicht für Buchstaben. Dazu war er viel zu zappelig. »Studieren«, sagte sie, »das ist so, als ob du den ganzen Tag lesen lernen müsstest!«

»Ach so!« Karl war enttäuscht. »Und ich hab gedacht, das wäre so etwas wie Fechten.« Er nahm den Stock, mit dem Franzi das Hemd aus dem Wasser gerettet hatte, und imitierte ein paar wacklige Ausfallschritte, die Franzi zum Lachen brachten.

»Und Bologna?«, fragte er.

»Das ist eine Stadt im Süden, vielleicht Frankreich oder Spanien, aber ich glaube, Bologna ist in Italien.«

»Wir könnten Vater fragen!«, schlug Karl vor.

Franzi schüttelte heftig den Kopf. »Auf keinen Fall, stell dir vor, Tante Feva hört das, dann wird sie uns Vorhaltungen machen! Du weißt doch, dass wir nicht mit Fremden reden sollen!«

»Du hast recht«, seufzte Karl, »und dann hat der Zinzendorf gesagt, er hätte nach deinem Geburtstag gefragt, weil er ein Medicus und Astrolog sei. Franzi, den Medicus kenne ich ja, aber was ist ein Astrolog?«

»So nennt man die Sternendeuter, die in den Sternen erkennen können, welches Schicksal dich erwartet.«

»So wie die Wahrsager und Gaukler, die immer zum Johannifest kommen?«

»Nein, nein, das ist eine richtige Wissenschaft.«

»Wie langweilig!« Karl setzte sich neben Franzi und half ihr, die eingeseifte Wäsche auszuspülen. »Aber jetzt musst du mir erzählen, was passiert ist, als du den Zinzendorf getroffen hast!«

Franzi nahm ein von Blut und Dreck starrendes Wams aus dem Wäschekorb und betrachtete es eingehend, um nicht antworten zu müssen. Dann kam sie zu dem Schluss, dass sie ihrem Bruder nicht alles auf die Nase binden würde. »Er ist an mir vorbeigeritten und hat mir zugewunken, das war's!«

Karl legte die Hand auf ihren Arm. »Ich weiß genau, dass du lügst. Und ich hab dir alles gesagt, was ich wusste! Du bist gemein!«

Franzi schüttelte unwirsch seine Hand ab, griff nach einem dicken Stein, um den Schmutz aus dem Wams zu schlagen, rutschte ab und schnitt sich mit der scharfen Kante des Steins tief in die Handwurzel. Augenblicklich rann Blut aus der Wunde.

»Ahh!«, schrie Franzi auf und dachte sofort voller Entsetzen an ihren Bruder.

Zu spät!

Wie versteinert starrte er auf das stetig heruntertropfende Blut, verdrehte seine Augen und fiel krampfend auf die harten Felsen, wo der Krampf noch ein paar Sekunden anhielt.

Franzi sprang auf, untersuchte den Grund, auf dem Karl lag, um sicherzugehen, dass er sich nicht verletzen konnte, zog ihr Brusttuch heraus und bettete seinen Kopf darauf. Dann wartete sie darauf, dass der Krampf aufhören und Karl in tiefen Schlaf fallen würde. Sie verwünschte sich, weil sie nicht besser aufgepasst hatte. Es lief zwar immer noch Blut aus der mittlerweile pochenden Wunde, aber viel schlimmer als ihre Schnittwunde waren Karls Anfälle. Er war danach lange wie benommen und zu nichts zu gebrauchen. Und Tante Feva hasste es, wenn Karl in diesen Zustand fiel.

Trotzdem musste sie zurück und jemanden finden, der ihr helfen würde, Karl nach Hause zu tragen.

Als Franzi sich sicher war, dass Karl eingeschlafen war, sprang sie auf und rannte zum Roten Haus, so schnell sie konnte.

Wie gut, dass es so warm war, dann würde er sich wenigstens nicht verkühlen, dachte sie und überlegte, ob es der Anblick ihres Blutes gewesen war, der seinen Anfall ausgelöst hatte, oder sein Ärger über ihre Lüge.

Nein, es war bestimmt nur das Blut gewesen. Das erste Mal war es passiert, als Karl drei Jahre alt war und ihrer Mutter beim Hühnerschlachten zugeschaut hatte.

Keuchend gelangte Franzi ans Rote Haus, nur begrüßt von den kläffenden Jagdhunden, die aufgeregt an die Zwingerwände sprangen. Wahrscheinlich spürten sie, dass etwas passiert war.

»Tante Feva!«, rief Franzi, sobald sie wieder genug Luft zum Sprechen hatte.

Wie aus dem Nichts stand Feva plötzlich vor ihr und schüttelte missbilligend den Kopf, ihre mageren Arme vor der Brust zu einer knöchernen Schranke verschränkt. »Wo ist die Wäsche? Wie siehst du überhaupt aus?«

Franzi blickte an sich herunter, Strähnen aus dem dicken rotblonden Zopf hatten sich mittlerweile gelöst und fielen über ihre Schulter. Überall auf ihrem Gewand waren Blutflecken.

Franzi erklärte Feva, was vorgefallen war, und bat sie inständig, mitzukommen und Karl zu holen.

Niemals, nicht einmal vor sich selbst, hätte sich Franzi eingestanden, dass ihr Karls Anfälle unheimlich waren. Als würden fremde Wesen von ihrem Bruder Besitz ergreifen.

Feva rückte energisch ihre Haube zurecht. »Du hast die Wäsche zu machen, lass deinen Bruder einfach schlafen, was soll schon passieren?«

Franzi wollte nicht alleine zurückgehen. Auf keinen Fall.

»Was ist denn hier los?« Eine dunkle Stimme unterbrach die beiden Frauen.

»Vater!« Franzi war so froh, dass sie ihm gerne um den Hals gefallen wäre, aber das liebte der Vater nicht. Außerdem war er schmutzig und trug eine Schaufel über der Schulter. Er blickte seine Tochter missbilligend an. »Seid ihr unter die Räuber geraten, oder was ist hier passiert?«

Franzi sah, dass Feva schon ihre salbungsvoll säuerliche Miene aufsetzte, mit der sie dem Vater die neuesten Verfehlungen seiner Kinder aufzuzählen pflegte. Deshalb ging sie einen Schritt auf ihren Vater zu und erzählte ihm, was geschehen war.

Der Scharfrichter von Kiefersheim übergab Feva die Schaufel, dann wandte er sich seiner Tochter zu. »Wir holen deinen Bruder. Aber zuerst kümmern wir uns um dich. Feva, bring einen sauberen Fetzen, damit ich Franzis Handgelenk versorgen kann. Ich hole die Salbe.«

Feva gehorchte und ging in die Küche, während der Vater in den Schandturm verschwand, der neben dem Roten Haus aufragte. Dort wurden Verbrecher bis zur Vollstreckung ihres Urteils untergebracht, und dort hatte ihr Vater auch seine Werkstatt.

Franzi setzte sich auf den großen Hackklotz, der im Hof neben der Scheune stand, und merkte erst jetzt, wie sehr sie zitterte. Sie betrachtete die Wunde an ihrem Handgelenk, die dunkelrot aufklaffte.

Ihr Vater war als Erster zurück und brachte einen Tiegel voll fahlgelber, aber angenehm riechender Salbe mit.

»Rinderfett, Salbei und Honig, das wird die Blutung stillen und die Wunde sauber halten! Schmerzt es sehr?«, fragte er, während er behutsam die Salbe aufbrachte.

Franzi schüttelte den Kopf, fühlte sich aber angenehm schwach, nachdem ihr Vater nun das Kommando übernommen hatte.

Tante Feva kam mit einem grauen Stück Tuch zurück, dass der Vater dann um Franzis Gelenk wickelte.

»Und was wird mit der Wäsche?«, fragte Feva, und es klang wie der Anfang einer biblischen Klageleier.

Ihr Vater nickte Feva zu. »Das wird schon gehen, Franzi, jetzt, wo der Schnitt versorgt ist, oder?«

Franzi nickte. Sie würde ihren Vater nicht enttäuschen, niemals! Das hatte sie ihrer Mutter versprochen. Sie atmete tief durch, in der Hoffnung sich dann stark genug für die Wäsche zu fühlen ... es nutzte nicht wirklich etwas.

Doch als sie einen aufmunternden Blick aus den braunen Augen ihres Vaters auffing und hörte, wie er »Tapferes Frauenzimmer!« sagte, da hatte sie den Eindruck, sie könnte es mit der Wäsche von ganz Kiefersheim aufnehmen.

Ihr Vater stürmte mit großen Schritten voran, und Franzi hatte Mühe mitzuhalten. Nach einer Weile blieb ihr Vater kurz stehen, musterte Franzi und schüttelte den Kopf. »Franziska Burckhardt, du hast eine Verantwortung!«

Franzi wusste nicht, worauf ihr Vater hinauswollte, und sah stumm zu ihm auf. Noch überragte er sie um zwei Ellen, aber wenn sie so weiter wachsen würde, wäre sie bald größer als der Henker von Kiefersheim.

Ihr Vater ging wieder weiter. »Franziska, auch wenn wir hier im Dorf nichts gelten mögen, so gibt es doch eine Standesehre unter uns Scharfrichtern, an die wir gebunden sind.«

Franzi wurde rot. Um Himmels willen, hatte sie doch jemand heute Morgen im Fluss herumplanschen sehen?

»Es bedeutet etwas, unserem wichtigen Gewerbe nachzugehen. Wir sind die Vollstrecker der irdischen Gerechtigkeit, und nach der kommt nur noch Gott. Und deshalb, Franziska, ist es mir wichtig, dass du nicht so herumläufst! Zerfleddert und beschmutzt, mit schlampigen Haaren, so als wärest du eine Musikantin vom fahrenden Gewerbe oder Schlimmeres! Zum nächsten Neumond wird der Johannes Vollmar aus Seelstadt bei uns Logis nehmen, um bei uns sein Meisterstück zu vollbringen ...«

Franzi kroch Gänsehaut über den Rücken. Ein Meisterstück, das bedeutete eine ordentliche Enthauptung mit dem Richtschwert. Beim ersten Hieb musste der Kopf sauber abgetrennt werden.

»... und dann, meine Tochter, möchte ich, dass du mir alle Ehre machst. Denn der Johannes wird einmal Scharfrichter werden, gerade so, wie ich es bin, und braucht eine brave Frau, die ihm zur Seite steht. Wirst du also dann Tante Feva mit dem nötigen Respekt begegnen? Auch wenn sie in der Tat eine ...«, ihr Vater lächelte jetzt unter seinem mächtigen Knebelbart, »nun, sagen wir mal: eigenwillige Person ist?«

Franzi spürte Tränen, die ihr in die Augen stiegen. Nein, nein! Sie wollte nicht die Frau eines Mannes werden, der andere tötete. Häute auskochen, Hunde züchten. Das Einzige, was sie wollte, war singen. Aber als Frau eines Henkers durfte sie ja nicht einmal in der Kirche mitsingen.

Die Worte des Fremden trieben wieder durch ihren Kopf, wie Blütenblätter auf der Maisch. Wenn es doch möglich wäre, seinem Schicksal zu entrinnen!

Ihr Vater sah die Tränen und zog seine Tochter unerwartet versöhnlich an sich. »Franziska, ich weiß, du gibst dir alle Mühe mit Tante Feva, und sie hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit deiner wunderbaren Mutter. Aber ich bin dein Vater und muss dich ermahnen, sonst wirst du noch eine respektlose Weibsperson, die niemand zur Frau nehmen will, verstehst du das?« Er ließ sie wieder los.

Franzi blinzelte das Wasser aus ihren Augen und schämte sich noch mehr. Wie sehr würde es ihren gütigen und liebevollen Vater verletzen, wenn er wüsste, welche Gedanken in ihrem Kopf herumspukten.

»Karl!«, sagte sie deshalb, »wir sollten uns um Karl kümmern!«

Ihr Vater nickte. »Du hast recht, wir sollten uns beeilen.«

Schweigend marschierten sie das letzte Stück zum Waschplatz, wo sie Karl, immer noch schlummernd, fanden.

Ihr Vater bückte sich, nahm ihren Bruder behutsam auf seine Arme, nickte Franzi zu und ließ sie allein mit der restlichen Schmutzwäsche.

Sie kniete sich an das Ufer, betrachtete die goldenen Reflexe, die in der Nachmittagsonne auf der Maisch glitzerten, griff nach dem schmutzigen Wams und begann zu singen.

Sie sang, weil ihr alles rundherum plötzlich so schön erschien, sie sang, obwohl ihre Zukunft so schwarz und schrecklich vor ihr lag, sie sang, weil sie einfach nicht anders konnte.

3. Der Besuch

Am nächsten Tag stand Franzi draußen vor der Wäscheleine, auf der die Laken fröhlich im Juniwind knatterten. Gestern war sie nach Karls Anfall mit der Wäsche dann doch nicht mehr fertig geworden.

Wegen des Gestanks war die Wäscheleine weit entfernt vom Roten Haus gespannt, fast schon am Waldrand, sodass ihre Arbeit von dem heiteren Gezwitscher der Amseln und Meisen und dem Rauschen der Buchenblätter begleitet wurde.

Sie faltete die Wäsche zusammen, die sie gestern gewaschen und aufgehängt hatte. Das war ihr die liebste Arbeit, denn jetzt roch alles Gewebe nach Sonne, nach draußen. Eigentlich, so fand Franzi, duftete die Wäsche nach Freiheit. Aber das hätte sie niemandem erzählt, nicht mal Karl, denn sie konnte sich seine hochgezogenen Augenbrauen deutlich vorstellen. Wieso sollte Wäsche frei riechen? Was sollte das überhaupt sein, Freiheit? Frei war man, wenn man nicht im Kerker saß. Und so gesehen roch Freiheit natürlich immer gut, denn im Kerker stank es nach fauligem Stroh und Rattenmist. Unwillkürlich schüttelte sich Franzi. Vor ein paar Wochen hatte sie dem Vater zum ersten Mal dabei helfen müssen, den Schandturm zu säubern, denn es war gerade mal keiner darin eingesperrt.

Tante Feva hatte dagegen lautstark protestiert, für sie konnte es im Schandturm nicht schrecklich genug sein. Sie fand, die bösen Sünder hätten eben früher über ihr Tun nachdenken sollen. Wer die Ordnung Gottes verletzte, der konnte nicht auf ihr Mitleid zählen.

Aber der Vater war hart geblieben, denn er wollte in jedem Fall die Rattennester aus dem Turm haben. Was, wenn die Ratten zu Tante Feva ins Bett kriechen würden? Tante Feva war rot geworden und hatte sich wortlos von ihm abgewandt. Dann hatte sie Franzi befohlen, ihrem Vater zu helfen. Und Franzi hatte sich gefreut, dass sie ihrem Vater zur Hand gehen sollte, aber diese Freude war von kurzer Dauer.

Das Licht drang nur durch winzige Mauerschlitze in den verliesartigen Turm, weshalb Franzi zunächst nicht einmal ihre Hand hatte sehen können. Erst nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, begriff sie, dass die dunklen Flecke an der Wand schwere Eisenringe waren. Bei dem Gedanken, angekettet an diese mächtigen Eisenringe in völliger Finsternis Tag um Tag ausharren zu müssen, kroch Gänsehaut über ihren Rücken und brachte sie zum Schaudern.

Während Franzi das feuchte, verdorben nach Schimmel riechende Stroh zusammengekehrt hatte, hatte sie sich gefragt, was wohl in den Gefangenen vorging, die hier auf die Vollstreckung ihrer Strafe warten mussten. Und sie war sich wie eine Ketzerin vorgekommen, weil sie darüber nachdachte, ob manchmal ein Unschuldiger auf seinen Tod gewartet hatte. Aber nein, hatte sie sich dann sofort zurechtgewiesen, Gott würde nicht zulassen, dass ein Mensch zu Unrecht verurteilt werden würde.

Sie verscheuchte ihre trüben Gedanken, widmete sich wieder der Wäsche und freute sich an ihrem frischen Geruch. Plötzlich wurde es dunkel um sie herum. Sie schrak zusammen. Jemand hielt ihr die Augen zu. Erschrocken ließ sie das gerade säuberlich gefaltete Laken fallen und stieß einen Schrei aus.

»Wer immer Ihr seid, warum tut Ihr das?«, rief sie empört.

Sie wusste, dass es nicht Karl sein konnte, denn der war kleiner als sie.

»Schwesterchen, sei doch nicht immer so spröde, man könnte ja gerade glauben, dass du grandig Bammel vor mir hättest.«

Diese Stimme gehörte ihrem Stiefbruder Heinrich, der schon siebzehn Lenze zählte.

Ihr Vater war vor seiner Hochzeit mit Franzis Mutter schon einmal verheiratet gewesen. Er hatte Irmintrude, die Witwe des Henkers von Kiefersheim, geheiratet und die Stelle ihres Mannes übernommen. Sie war viel älter gewesen als er und hatte Heinrich schon mit in die Ehe gebracht. Zwei Jahre nach ihrer Hochzeit mit ihrem Vater war sie dann bei der Geburt von Zwillingen gestorben. Man sah auf den ersten Blick, dass Heinrich nicht blutsverwandt mit ihnen war, weil sein Haar nicht rot war wie das ihres Vaters und das von Franzi, sondern blauschwarz wie Elsterfedern. Außerdem war Heinrichs Nase lang und spitz wie ein Pfeil, der auf den Mund zeigt.

Endlich hatte sich Franzi von ihrem Schrecken erholt und gab keck zurück: »Grandig Bammel, da muss schon der schwarze Mann persönlich kommen ...« Insgeheim aber hoffte sie, dass ihr Stiefbruder nicht bemerken würde, wie schnell ihr Herz klopfte. »Bammel, pah, außerdem hat der Vater dir verboten, rotwelsche Ausdrücke zu benutzen!«

Heinrich sah sie an, als würde er ihr kein Wort glauben. »Moser nicht rum! Wer hängt immerzu an meinen Lippen und will, dass ich ihn in die Geheimnisse der Räuber- und Spießgesellen einweihe? Wer, wenn nicht du und dein nichtsnutziger Bruder Karl! Komm Schwester, ich muss einen alten Zosken abdecken, du sollst mir die Häute sauber kratzen.«

Franzi schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, Tante Feva braucht mich hier.« Alles war ihr lieber, als mit ihrem Stiefbruder in die stinkende Hölle des Abdeckerhauses zu marschieren. Fleischreste von den Häuten abkratzen war ihr die allerverhassteste Arbeit von allen.

Heinrich grinste spöttisch. »Na gut, Tante Feva wollen wir lieber nicht erzürnen, sonst wird der Mittagstopf wieder ungenießbar.«

Pfeifend schritt Heinrich zum Stall, sattelte sein Pferd, das er Attila genannt hatte. Angeblich sei das der Name vom König der Hunnen. Franzi hatte noch nie von den Hunnen gehört und deshalb mit Karl heimlich Attila, der Hennen-König, daraus gemacht. Seitdem musste sie sich immer ein Grinsen verkneifen, wenn Heinrich sich auf den braunen Gaul schwang. Er winkte ihr zu und preschte davon.

Erleichtert seufzte Franzi und hob das Laken von der Erde auf. Zum Glück war es nicht ernsthaft beschmutzt worden.

In Heinrichs Nähe fühlte sich Franzi seltsam beklommen, dabei behandelte er sie meistens gut. Er hatte sogar angeboten, ihr das Reiten auf seinem Pferd beizubringen.

Doch obwohl sie wusste, dass es nur "ihre eigene Unachtsamkeit gewesen war, die das Pferd damals dazu gebracht hatte auszuschlagen, hatte sie seitdem große Angst vor Pferden und kam ihnen niemals zu nahe. Schon allein wenn sie den Stall betreten musste und der dumpfe Geruch von Pferdeäpfeln, Leder und schwitzendem Fell in ihre Nase stieg, begann sie zu zittern. Deshalb hatte sie auch Karl, den alle Tiere zu lieben schienen, überredet, für sie die Pferde zu füttern.

Heinrich fand das reichlich feige von ihr und machte sich darüber lustig. Doch er schnitzte ihr auch, wann immer sie ihn darum bat, Pfeifchen aus Weidenholz, deren Flötentöne zart und silbrig wie Engelsstimmen klangen.

Seit sie allerdings Heinrich dabei beobachtet hatte, wie er einen Sack junger Katzen ersäuft hatte, wusste sie, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Ihr Vater ertränkte die kleinen Kätzchen so, dass sie sofort tot waren und nicht leiden mussten. Heinrich hingegen hatte Freude daran gehabt, sie zu quälen.

Als Franzi ihn zornbebend zur Rede stellte, hatte er nur gelacht und gemeint, das alles gehöre sich so für einen Mann, der einmal der Henker von Kiefersheim sein werde. Man müsse früh üben, sein Mitleid zu bezähmen.

Franzi hatte Karl davon erzählt, Karl war genauso empört wie sie, hatte sie aber gewarnt, den Vater danach zu fragen. Der Vater war stolz auf Heinrich und behandelte ihn besser als Franzi und Karl, das fand Franzi jedenfalls insgeheim. Trotzdem hatte sie nicht an sich halten können und ihren Vater darauf angesprochen, ob Heinrich recht daran getan hatte, die Katzen zu quälen.

Ihr Vater war, genau wie Karl vorausgesagt hatte, sehr zornig geworden. Es sei hier kein Platz für lächerliche Gefühligkeiten, und jegliche Kritik von Weibsbildern an den Herren des Hauses werde umgehend bestraft. Franzi musste drei Tage lang auf die Abendsuppe verzichten.

Natürlich hatte Franzi sich demütigst entschuldigt, obschon ihr der Vater merkwürdig halbherzig bei seiner Strafpredigt vorgekommen war. Auf der Suche nach etwas Essbarem war sie am Abend am Schandturm vorbeigeschlichen und hatte so unabsichtlich ein Gespräch zwischen ihrem Vater und Heinrich belauscht.

Ihr Gefühl hatte sie nicht getrogen. Heinrich wurde vom Vater scharf gerügt. »Gerade weil wir die Meister unseres Faches sind, müssen wir die Fähigkeit des Mitleids entwickeln«, hatte er gesagt. »Du wirst nicht dadurch zu einem guten Henker, weil du kein Mitgefühl mehr im Leibe hast. Im Gegenteil, wer so handelt, kann niemals Henker werden, er wäre eine entehrende Schande für unseren Stand!«

Heinrich hatte protestieren wollen, aber ihr Vater war ihm zuvorgekommen. »Nein, Heinrich, keine Widerworte. Gott der Herr sagt: Liebe deine Nächsten wie dich selbst, und das gilt auch für jegliches Getier, und sei es nur ein Wurm. Wenn meine Zeit gekommen ist, wirst du hier der Henker sein, umso mehr ermahne ich dich, an deiner Gnade und Liebe zu arbeiten. Ich möchte mein Amt in berufene Hände legen.«

Heinrich hatte türenknallend den Schandturm verlassen und war im Wald verschwunden.

Eine heiße Welle der Zuneigung zu ihrem Vater war durch Franzis Leib geströmt. Am liebsten wäre sie hineingestürzt und hätte ihn umarmt. Doch das wäre ihr schlecht bekommen, denn ihr Vater hatte noch nie etwas für weibische Gefühlsduseleien übrig gehabt.

Das war jetzt schon drei Vollmonde her, aber Franzi bekam immer noch eine Gänsehaut, wenn sie an das aufgeregte Miauen und schrille Fiepen der Kätzchen dachte.

Sie schüttelte sich, um auf andere Gedanken zu kommen, und faltete das letzte der Laken. Sie waren so glatt geworden, dass sie nicht gebügelt werden mussten.

Das würde sogar Tante Feva gnädig stimmen. Franzi musste lachen, denn Tante Fevas Gnade bedeutete für Franzi einfach nur eine weitere Aufgabe, die sie erledigen musste.

Auf dem Weg ins Haus bellten die Jagdhunde aufgeregt, als würden sie Franzi nicht schon seit ihrer Geburt kennen. »Ruhe!«, rief Franzi zu ihnen hinüber und fragte sich, wo Karl wohl wieder steckte. Nach so einem Anfall war er immer sehr schläfrig. Dieser Zustand war Tante Feva unheimlich, denn manchmal hatte Karl dann Ahnungen, die sich später als wahr erwiesen.

Einmal hatte er noch im Halbschlaf davon gesprochen, dass der Vater einen Auftrag aus Junckersheim erhalten werde, weil der dortige Henker Christoph Döring vom aufgebrachten Pöbel ermordet worden war. Und tatsächlich war zwei Tage später ein Büttel aus Junckersheim gekommen, der den Vater beauftragt hatte, die ausstehenden Hinrichtungen vorzunehmen. Franzi hatte große Angst um ihren Vater gehabt, als er mit dem Büttel davongeritten war. Wenn die Meute den anderen Henker getötet hatte, warum nicht auch ihren Vater?

Heinrich hatte ihr dann erklärt, dass ihr Vater ein hervorragender Henker sei, der mit dem ersten Hieb einen Kopf ordentlich abtrennen könne und niemals butzen würde. Nur wenn der Henker den Schlag verpfuschen, also butzen würde, könnte eine aufgebrachte Menge dazu gebracht werden, ihn zu töten.

Franzi wusste, dass Heinrich ihr damit helfen wollte, aber der Gedanke daran, wie ihr Vater mit dem gewaltigen Richtschwert einem Verbrecher den Kopf abschlug, erfüllte sie mit Grauen. Auch wenn sie wusste, dass ihr Vater damit für die Herstellung der irdischen Gerechtigkeit sorgte und außerdem dazu beitrug, andere vor schändlichen Taten abzuschrecken.

Sie hatte mehr als sonst gebetet und ihre Mutter im Himmel angefleht, besonders gut auf den Vater zu achten.

Erst nachdem er wieder gesund zu Hause angekommen war, hatte sich ihre Unruhe gelegt.

Als sie mit der Wäsche ins Haus trat, erschien Tante Feva wie ein grauer Schatten hinter der Tür und nahm ihr den Korb ab.

»Da du so früh mit der Wäsche fertig bist, kannst du dich jetzt an die Seife machen. Wir haben so viel Talg und Knochenasche, das soll verarbeitet werden. Und es ist nicht nötig, dass du Zitronenmelisse hineingibst wie beim letzten Mal. Das ist Verschwendung und Tand. Es reicht, wenn die Seife den Schmutz beseitigt. Sie muss nicht auch noch gut riechen, das überlassen wir den Blumen, dafür hat unser Herrgott sie gemacht.«

Franzi unterdrückte nur mit Mühe die kecke Frage, warum der Herr nicht auch gleich die Seife gemacht hatte. Eine solche Frage wäre für Feva schwere Gotteslästerung, trotzdem konnte Franzi sich nicht enthalten zu protestieren.

»Verzeiht, wenn ich das sage, aber die Mama hat das immer so gemacht.«

Feva schüttelte den Kopf. »Und wohin hat das meine Schwester, Gott hab sie selig, gebracht?« Sie bekreuzigte sich rasch, »geradewegs ins Grab. Denn wer verkehrte Wege geht, verachtet den Herrn. Sprüche 14, Psalm 2. Und sieh zu, dass dir dein unseliger Bruder dabei hilft. Ansonsten ist er heute sowieso zu nichts zu gebrauchen.«

Franzi frohlockte innerlich, denn Seife sieden war zwar keine angenehme Arbeit, aber immer noch besser, als Heinrich dabei zu helfen, das tote Fleisch vom Pferdefell abzuschaben. Sogar dann, wenn es wie in diesem Jahr für Juni ungewöhnlich heiß war und man schon schwitzte, ohne stundenlang am Herd zu stehen.

Sie suchte Karl hinter dem Haus, hinter den Scheunen, und fand ihn schließlich am Waldrand, nicht weit von den Wäscheleinen entfernt – wie kam es nur, dass sie ihn gar nicht bemerkt hatte? –, neben einem Ameisenhaufen. »Was machst du denn hier?«

Karl wandte den Blick nicht von dem Haufen, auf dem es dermaßen von den winzigen Tieren krabbelte und wimmelte, dass es Franzi überall zu jucken begann.

»Karl, du sollst hier nicht herumdösen, sondern arbeiten.«

Karl richtete sich müde auf und warf ihr einen überraschten Blick zu. »Aber Fränzchen, ich arbeite doch! Ich beobachte Ameisen. Erstaunlich, wie die sich gegenseitig helfen. Vielleicht könnten wir viel von ihnen lernen.«

Franzi lachte. »Aber Karl, das ist doch keine Arbeit!« Er stand auf. »Du hörst dich an wie Tante Feva, also sag schon, was ich tun soll.«

Franzi klopfte Karl den Rücken ab, der voll kleiner Ästchen und Sand war. »Du bist wirklich verrückt. Komm, hilf mir die Lauge für die Seife vorzubereiten, ja?«

Karl stöhnte. »Das werde ich nie verstehen, wie aus so etwas Widerlichem wie Talg und Aschenlauge Seife werden kann.«

»Muss man das denn verstehen?«, fragte Franzi und zerrte ihren Bruder zu der Scheune.

»Ich will immer alles verstehen. Warum sonst bin ich denn hier?«

»Dummkopf, du bist hier, um Gottes Willen zu erfüllen, und er sieht nicht vor, dass man den ganzen Tag faul herumlungert und den Ameisen beim Arbeiten zuschaut!«

»Du klingst wie Tante Feva«, maulte Karl, half aber Franzi dabei, das Fass mit dem Löcherboden bereitzustellen. Hier kam die Asche hinein, auf die dann Regenwasser gegossen wurde. Am Fassboden tropfte dann die Lauge heraus, die aufgefangen wurde und dann noch einmal über die Asche geschüttet wurde. Franzi stellte einen Kupferkessel unter das Fass und holte die Asche aus dem Aschenkasten.

Karl gähnte laut. »Glaubst du, alles wird immer so weitergehen?«

»Wie meinst du denn das?«

»So, wie ich's sage.« Karl schüttete Asche mit der Schaufel in das Fass. Er betrachtete die Ascheflocken, die er langsam herabrieseln ließ. Dann, als wäre ihm das gerade eben erst eingefallen, schnickte er mit der Schaufel einen Haufen Asche zu Franzi.

»Karl!«, schimpfte sie, »das ist nicht lustig. Du weißt doch, wer das wieder waschen muss! Ascheflecken sind ...«

Franzi, die gerade mit der Kelle Wasser in die Tonne goss, sah Karls belustigten Gesichtsausdruck und schleuderte, ohne zu überlegen, eine Kelle Wasser in sein Gesicht.

Verblüfft schnappte er nach Luft.

»Ein wirklich reizendes Spiel!«, bemerkte eine dunkle Männerstimme trocken.

Erschrocken fuhren Karl und Franzi herum.

Der Fremde von gestern stand da neben seinem Pferd und lachte. Lachte so heftig, dass er kaum noch Luft bekam. Beschämt sahen sich Franzi und Karl an. Nass und schwarz von Asche. Franzi ärgerte sich, dass der Fremde sie schon wieder so wenig präsentabel zu sehen bekam, und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wisst Ihr denn nicht, mit wem Ihr es zu tun habt? Wir sind die Kinder des Scharfrichters. Was wollt Ihr überhaupt hier?«

»Zunächst möchte ich mich dem gnädigen Fräulein einmal vorstellen.«

»Gnädiges Fräulein« hatte der Fremde gesagt! Franzi spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Er machte sich lustig über sie!

»Mein Name ist Richard von Zinzendorf, ich bin der Sohn des Gutsverwalters von Baron Trebeljahr und komme in dessen Auftrag, um ein paar Jagdhunde abzuholen. Der Baron hat Gäste, und man verlangt nach einem Jagdausflug.«

Karls Augen blitzten unternehmungslustig. Obwohl Karl kein Blut sehen konnte, war er ein ausgezeichneter Schütze. Mit Pfeil und Bogen traf er jedes Ziel im Umkreis von 50 Ellen.

»Der Vater ist nicht da«, sagte Franzi und wünschte, dass der von Zinzendorf endlich gehen möge.

»Dann komme ich eben wieder, oder kannst du mir helfen, ein Rudel Hunde nach Gut Trebeljahr zu treiben?« Er wandte sich an Karl, dem das sehr zupass kam. Hunde zu treiben war allemal besser, als Franzi zu helfen.

»Mit Verlaub, wer seid Ihr und was ist Euer Begehr?« Tante Feva war herangekommen. Sie baute sich vor dem Fremden auf, und obwohl sie viel kleiner und schmächtiger war als er, sprach sie hart und bestimmend. In diesem Augenblick bewunderte Franzi sie von ganzem Herzen. Ihre Tante würde niemals – nur weil der Fremde so reich gekleidet und offensichtlich von Stand war, in Ehrerbietung versinken.

Richard von Zinzendorf nahm seinen Hut ab, schwenkte ihn ergeben und erklärte, warum er gekommen war. Dann stellte er sich vor als der kurfürstliche Hofastrolog und Leibarzt der ehrwürdigen Henriette-Adelaide von Bayern, der nur beurlaubt sei, um die Leich seiner Mutter auszurichten, und sich dann unverzüglich zurück zu Ihrer Durchlaucht zu begeben habe.

Franzi war beeindruckt. Da hatte gestern ein Mann vom Hof ihren nassen Holzschuh aus der Maisch gerettet, und sie hatte sich, genauso wie es die Tante immer wieder an ihr bemängelte, geradezu schändlich keck benommen. Sie fühlte, dass ihr schon wieder die Röte ins Gesicht stieg.

Die Tante jedoch war nicht im Mindesten beeindruckt. »Die Hunde sind dort drüben, das müsst Ihr doch gehört haben!«, merkte Tante Feva kopfschüttelnd an. »Ihr könnt sie gern mitnehmen, Karl wird Euch helfen.«

Karl klatschte begeistert in die Hände und rannte zum Zwinger hinüber.

Richard von Zinzendorf setzte an, noch etwas zu sagen, als Tante Feva ihm zuvorkam und ihn fragte: »Sonst noch etwas? Wir haben zu tun.«

Er verneigte sich und warf Franzi einen merkwürdigen Blick zu, ja, es kam ihr nachgerade so vor, als hätte er ihr zugezwinkert, aber das würde er sich doch sicherlich in Anwesenheit der Tante niemals erlauben?

Dann folgte er Karl.

Kaum war er außer Sichtweite, kam Tante Feva auf Franzi zu und gab ihr zwei harte Backpfeifen. »Wie siehst du denn schon wieder aus? Wie kann es sein, dass die Asche auf deinen Haaren herumliegt und nicht im Fass?«

Franzi hätte niemals ihren Bruder angeschwärzt, unter gar keinen Umständen, aber sie wusste, es würde ihre Tante derart aufbringen, wenn sie stumm bliebe, dass sie verzweifelt auf eine Antwort sann.

»Ich ... ich ...«

»Der Ruchlose hasst die Zurechtweisung, aber der Gottesfürchtige nimmt sie zu Herzen. Jesus Sirach.«

»Es tut mir leid.«

Nur zu gern wäre Franzi hinüber zu den Hunden gerannt, um noch einen Blick auf Richard von Zinzendorf zu erhaschen, aber die Tante blieb steinern vor ihr stehen.

»Es ziemt sich nicht, dass du mit Fremden sprichst! In Armut und Schande fällt, wer Zucht in den Wind schlägt. Und jetzt mach dich an deine Arbeit. Sobald du die Seife in die Form gegossen hast, gehst du hinunter zum Abdeckerhaus und hilfst Heinrich. Hast du verstanden?«

Franzi nickte. Die Tante entfernte sich und ließ Franzi verwirrt und unglücklich zurück.

Sie goss Regenwasser auf die Asche und beobachtete, wie die schwarze Lauge aus dem Fass in den Kupferkessel tropfte. Trostlose Tropfen, dachte Franzi und lauschte dem »Pling« dieser Tropfen. Die größeren Tropfen platschten eher und machten »Blbb« und die ganz kleinen erzeugten nur ein winziges »Tck«. Sie trommelte mit ihren Fingerknöcheln auf das Fass und begleitete die Tropfen bei ihrem Weg in den Kupferkessel mit rhythmischem Pochen. Sie merkte gar nicht, dass sie dazu mit ihren Holzschuhen aufstampfte und anfing zu trällern, trällerte wie ein Vogel, ohne Text, nur Töne, und plötzlich fühlte sie sich inmitten der schwarzen Tropfen geborgen. Mein Trommeltropftrauerlied, dachte Franzi. Wenn sie nur genau hinhörte, konnte sie überall eine Musik, eine Melodie erkennen. Ob es das war, was ihre Mutter gemeint hatte, wenn sie davon gesprochen hatte, dass Gottes Gegenwart überall sei?

Doch dann müsste sie nachher im Abdeckerhaus auch fündig werden, und das erschien ihr geradezu unmöglich. Im Schaben der Messer über die Haut der toten Tiere konnte sie beim besten Willen keine Melodie entdecken.

Jemand räusperte sich hinter ihr. Schlagartig hörte sie auf zu singen und hoffte, dass niemand gesehen hatte, wie sich ihr Schuh unter dem Rock bewegt hatte.

Sie drehte sich um. Schon wieder dieser Zinzendorf.

»Fräulein Franziska, es tut mir leid, wenn ich Euch erschreckt habe. Aber ich musste Euch doch sagen, wie sehr mich Euer Gesang beeindruckt hat. Und ich bin sicher, dass Ihr eines Tages noch viel mehr Menschen damit erfreuen werdet.«

Franzi strich nervös über ihre Nase und hoffte, dass sie keine schwarzen Streifen im Gesicht hatte. »Nun, solange die Frauen der Scharfrichter bei den Hinrichtungen nicht singen müssen, wird es wohl dazu nicht kommen«, erwiderte sie und war froh, dass Tante Feva ihre respektlosen Worte nicht hören konnte.

»Das meinte ich auch nicht. Ihr werdet keinen Henker heiraten, Euch ist ein anderes Schicksal beschieden.« Er klopfte auf die Flanke seines Pferdes, als ob er damit seine Worte unterstreichen wollte.

»Woher wollt Ihr das so genau wissen?« Franzis Herz schlug bis zum Halse.

»Als Astrolog befasse ich mich mit den Sternen. Euer Bruder hat mir verraten, wann Ihr geboren seid.«

Zinzendorf lächelte. »Ich könnte Euch das ausführlich erläutern, wenn Ihr wollt.«

Franzi hätte nur zu gern mehr darüber erfahren, aber es schickte sich nicht, für keine Jungfer und auch nicht für die Tochter des Henkers, sich mit einem jungen Mann zu treffen. Das war auch für Unehrliche ehrlos.

»Aber das ist unmöglich!« Sie schüttelte den Kopf, der sich dabei so schwer anfühlte wie ein Klafter Holz.

Richard von Zinzendorf zuckte mit den Schultern und stieg auf sein Pferd. »Der Herr ist gütig und gerecht; darum weist er Irrenden den Weg. So steht es in den Psalmen. Ich bin ganz sicher, wir begegnen einander wieder.«

Er schnalzte mit der Zunge, versetzte dem Pferd mit seinen kräftigen Oberschenkeln einen aufmunternden Stoß und galoppierte zu Karl, der mit dem Rudel Vorstehhunde schon ein ganzes Stück Weg zum Schloss des Barons Trebeljahr zurückgelegt hatte.

Franzi war völlig durcheinander. Warum  erzählte er ihr solchen Unsinn, wo sie doch längst dem Johannes Vollmar versprochen war? Und dafür hatte sie ihrem Vater dankbar zu sein, denn wenn Heinrich erst das Amt des Nachrichters hier übernommen hatte und heiraten würde, wo wäre dann ihr Platz? Ihr bliebe nur das Los einer Abdeckermagd, da konnte sie singen, so viel sie wollte. Eine Unehrliche blieb eine Unehrliche ihr Leben lang.

Sie griff entschlossen nach dem Kupferkessel, der mittlerweile voll schwarzer Lauge gelaufen war, und trug ihn zum Herd, wo die Tante schon das Fett ausgelassen hatte. Franzi kochte die Lauge ein, bis sie so konzentriert war, dass ein frisches Ei darauf schwamm, erwärmte dann das Fett und gab es hinzu. Jetzt wurde das Ganze zum Kochen gebracht. Dabei musste Franzi gut aufpassen, dass es nicht überkochte, denn diese »Suppe« schäumte sehr hoch auf. Immer wieder musste sie das Gebräu umrühren, so lange, bis die Fettprobe gemacht werden konnte. Dazu gab sie einen Tropfen der Lösung in fettiges Abwaschwasser. Wenn die Fettaugen vertrieben wurden, war die Seifenlösung fertig. Danach musste sie weiter gekocht werden, bis sie eine cremige Masse war. Das dauerte lange, sehr lange, aber es machte Franzi nichts aus, denn sie liebte es, sogar bei der Hitze am Herd zu stehen und zu rühren, dabei konnte sie gut über die Worte des Astrologen nachdenken. Außerdem, je länger es dauerte, desto weniger wahrscheinlich war es, dass sie noch zu Heinrich musste.

»Während die Seife kocht, kannst du das Huhn für die Suppe morgen rupfen und das Brot fertig machen.« Tante Feva legte das frisch geschlachtete Huhn auf den Küchentisch und drückte Franzi die Schüssel mit dem Roggenschrot für den Brotfladen in die Hand. Es erfüllte Feva mit Stolz, dass sie es sich leisten konnten, einmal in der Woche ein Huhn zu schlachten. Manchmal kam es Franzi so vor, als wäre es allein dieser Gedanke, der Feva die Schmach aushalten ließ, in der Kirche hinter der allerletzten Bank zu stehen und das Abendmahl nur dann zu empfangen, wenn alle anderen bereits die Kirche verlassen hatten. Und sie mussten noch froh sein, dass Pfarrer Zinke ein so kulanter Mann war, sein Vorgänger hatte ihnen das Abendmahl stets verweigert.

Weil Franzi die Hühnersuppe der Tante liebte, unterdrückte sie ein Stöhnen, denn bei jeder Feder, die sie ausriss, hatte sie das Gefühl, das noch warme Huhn würde zusammenzucken. Wenn Karl da war, dann versuchte sie immer, heimlich mit ihm zu tauschen. Obwohl er kein Blut sehen konnte, fand er das Rupfen herrlich. Er nutzte jede Gelegenheit, sich Federn zu verschaffen, denn er liebte ihre Weichheit. Er hatte einen ganzen Vorrat an Federn unter seinem Bett versteckt, und manchmal holte er alle heraus, warf die Federn in die Luft und stellte sich unbekleidet darunter. Er forderte Franzi stets auf, dabei mitzumachen, aber Franzi kam das merkwürdig vor. Allerdings kicherte sie immer, bis sie Bauchschmerzen bekam, wenn sie ihm dabei zusah, wie er sich mit den Federn beschneien ließ.

Franzi lächelte, als sie daran dachte, legte das Huhn auf die Schürze in ihrem Schoß und beneidete ihren Bruder, der das Schloss der Trebeljahrs sehen konnte! Sie hoffte, dass er ihr dann ausführlich davon berichten würde.

Noch nie war sie dort gewesen. Der einzige Weg, den sie machen durfte, war der ins Dorf; und das war nur selten ein Vergnügen, weil die Kinder des Dorfes oft hinter ihr her rannten, hässliche Worte brüllten und mit den Fingern auf sie zeigten. Einmal jedoch hatten sie und Heinrich ihren Vater bei der Arbeit begleiten müssen und waren so bis nach Michelstadt gekommen. Aber daran erinnerte sich Franzi nicht gern, denn damals war eine Bande von Verrätern enthauptet und gevierteilt worden, und dafür hatte der Vater nicht nur seine Henkersknechte, sondern auch noch ihre Hilfe gebraucht.

Franzi versuchte, den Kupferkessel im Blick zu behalten, damit die Seife nicht überkochte, während sie die Federn rupfte.

Doch sie beeilte sich nicht allzu sehr, denn der Gedanke an Heinrich lähmte sie.

Als das Huhn endlich nackt und glänzend vor ihr lag und sie den Brotteig für morgen vorbereitet und nach Tante Fevas Anweisung hundertmal durchgeknetet hatte, war auch die Seife fertig.

Franzi goss die nur noch mäßig feuchte Masse in die lange, rechteckige Holzschale, die der Vater extra hierfür geschnitzt hatte und die sie schon mit feuchten Leintüchern ausgelegt hatte.

Hier musste die Seife mindestens einen Tag lang stehen und fest werden.

Sie schnupperte kurz daran und zuckte zurück, weil es so unangenehm beißend roch, als ob Regen ein Feuer gelöscht hätte. Deshalb zog sie kurz in Erwägung, Fevas Anweisungen zuwiderzuhandeln und einen Teil der Seife doch mit Zitronenmelisse zu versetzen, wie ihre Mutter es immer getan hatte. Aber dann dachte sie daran, zu welchen Streitereien das führen würde, denn ihr Vater stellte sich stets auf Fevas Seite, und das würde er auch diesmal tun, da war sich Franzi sicher.

Obwohl sie beobachtet hatte, wie ihr Vater ein solches Seifenstück genommen und sehnsüchtig daran gerochen hatte. Seine Augen waren feucht geworden, und Franzi hatte sich geschämt, ihren Vater mit Tränen in den Augen zu sehen. Aber da hatte sie zum ersten Mal begriffen, dass ihr Vater ihre Mutter genauso sehr vermisste wie sie selbst. Auch wenn er Feva immer nachgab.

4. Spuk im Wald

Nach dem Abendgebet konnte Franzi gar nicht schnell genug mit Karl in ihrer Kammer verschwinden, so neugierig war sie auf das, was ihr Bruder zu erzählen hatte.

Kaum hatten sie die Überkleider abgestreift und lagen auf ihren Betttruhen, bettelte Franzi schon zum wiederholten Male.

»Jetzt erzähl schon, Karl, lass dich doch nicht immer so bitten!«

»Außer dass der gnädige Herr von Zinzendorf mir einen Kreuzer gegeben hat für meine kundige Begleitung, habe ich gar nichts Besonderes zu vermelden!«, antwortete Karl. Aber seine Augen blitzten grün in der dämmrigen Stube, und Franzi wusste genau, dass er log.

»Na dann«, gähnte sie und drehte sich unter ihrer gewebten Leinendecke zur Seite, als würde sie ihm glauben. »Gute Nacht!«

Sie hielt die Luft an und hoffte, dass ihre List funktionieren würde.

»Franzi, was willst du denn wissen?«, fragte er und klang endlich nicht mehr so schrecklich großspurig.

Franzi setzte sich in ihrem Bett auf und strampelte die Decke so entschieden weg, dass die mit Stroh gefüllte Matratze laut raschelte. Durch die Aufregung wurde ihr noch wärmer, als ihr sowieso schon war.

»Alles! Bitte sag mir, wie das Schloss aussieht, was die Baronin für Kleider getragen hat ...«

»Und über den Richard willst du gar nichts wissen?«

»Doch, wo wohnt er denn, hat er Geschwister, oder musste er ganz allein mit seinem Vater die Mutter beerdigen?«

Karl lachte. »Das sind aber viele Fragen auf einmal.«

»Wir haben doch die ganze Nacht Zeit!«, gab Franzi zurück und schlug eine Stechmücke tot, die schon eine Weile gierig um ihren Kopf herumgesurrt war.

»Also, das Schloss ist riesengroß. Es war ja früher einmal eine Burg, das hat mir der Vater erzählt. Man nannte sie die Tannenburg, und sie war völlig verfallen, bis die Trebeljahrs sie wieder aufgebaut haben. Es ist ein sehr lang gestrecktes Haus mit zwei Stockwerken, und es hat außerdem noch Mansarden unter dem Walmdach. In der Mitte von allem reckt sich ein prächtiger Turm aus rotem Sandstein, auf dem eine Fahne mit dem Wappen der Trebeljahrs im Wind weht. Von dort kann man bestimmt den ganzen Odenwald überschauen, vielleicht sogar bis nach Michelstadt. Am rechten Ende ist eine Kapelle mit einem spitzen, sechseckigen Dach und links ein mächtiger Block mit Fenstern und einer Stufenfassade, die von einem spitzen Turm gekrönt wird.« Franzi ärgerte sich, dass sie all diese Pracht nicht selbst gesehen hatte.

»Und bist du auch hineingekommen?«

Karl schüttelte den Kopf. »Das nicht, ich musste natürlich draußen warten.«

»Wie schade.«

»Aber ich habe durch eins der Fenster gesehen.«

»Und?« Franzi konnte sich kaum mehr beherrschen, dass ihr Bruder aber immer so langsam erzählen musste!

»Die Böden glänzen weiß, so wie die Maisch, wenn sie zugefroren ist und die Sonne sich auf dem Eis spiegelt.«

»Oh ...« Franzi fand, das klang schön und merkwürdig. War das nicht sehr kalt, wenn der Boden so eisig war? »Und hast du sie gesehen.?«

»Nein, leider hat mich der Baron dabei erwischt, wie ich durch die Fenster gespäht habe, und hätte mir auch gleich eine Tracht Prügel verabreicht, wenn nicht Richard von Zinzendorf dazwischengegangen wäre.

Der Baron war außer sich, dass der nichtsnutzige Sohn vom Meister Hans durch seine Fenster schaut. Gerade so, als wäre ich der Tod persönlich! Zinzendorf musste ihm versprechen, dass ich sofort den Besitz des Barons verlasse.«

»Wie großmütig von ihm«, sagte Franzi.

»Der Ton zwischen den beiden war seltsam.«

»Was meinst du mit ›seltsam‹?«

»Mir war komisch, als ich den Baron gehört habe. Die beiden haben gestritten, aber nicht so, als sei das wirklich wegen mir, sondern als wären sie Hunde, die nur darauf gewartet haben, sich um einen Knochen zu streiten.«

Franzis Haare stellten sich auf. Wenn ihr Bruder bemerkte, dass er bei etwas komische Gefühle hatte, dann bedeutete das nichts Gutes. Nur konnte man leider nicht sagen, was genau passieren würde.

»Und dann?«

Karl gähnte ausgiebig. »Dann bin ich nach Hause gegangen.«

Franzi war enttäuscht. Sie hatte erwartet, dass Zinzendorf Karl über sie ausfragen oder ihr eine Nachricht senden würde. Aber sie würde Karl nicht die Genugtuung geben, danach zu fragen. Sie ließ sich von seinem Gähnen anstecken und rutschte unter ihre Decke.

»Zurück bin ich die Abkürzung gegangen, am alten Eichenhain vorbei«, fing Karl an, doch Franzi unterbrach ihn sofort.

»Aber der Vater hat uns ausdrücklich verboten, dort entlangzugehen, er sagt, es spukt da.«

»Pah, ich war schon oft dort, und mir ist nie etwas aufgefallen, außer dass dort wunderschöne weiße Tauben brüten und die dicksten Walderdbeeren zu finden sind. Aber heute war da kein Taubengurren, sondern nur das herzzerreißende Weinen einer Frau.« Er legte eine dramatische Pause ein.

Schlagartig war Franzi hellwach. Sie rutschte zu Karls Truhe und schlüpfte unter seine Decke, wenn es gruselig wurde, dann wollte sie lieber nicht alleine sein. »Und war das ein Geist?«, fragte sie ehrfürchtig.

Karl schwieg.

»Karl!« Franzi stieß ihren Bruder in die Seite.

»Nein, nein, es war viel, viel schlimmer.« Er schwieg schon wieder.

Franzi knuffte ihn stärker.

»Nicht so fest! Also gut, es war die Baronin, die auf einem Baumstamm saß und geweint hat, ganz schrecklich geweint. Ich habe mich näher an sie herangeschlichen, weil ich dachte, ich könnte sie trösten.«

»Du?« Franzi verdrehte die Augen, ihr Bruder hatte wirklich verrückte Ideen, was hätte einer wie er der Baronin denn schon Tröstendes zu sagen?

»Ich bin also näher heran, zum Glück hat mich eine dicke Eiche vollständig verdeckt. Und da habe ich es gesehen.«

Er holte tief Luft und schwieg, als sei es ihm kaum möglich auszusprechen, was er beobachtet hatte.

Franzi kam ein fruchtbarer Verdacht. War da vielleicht der Teufel gewesen? Immer wieder wurde der Teufel im Wald gesehen, und hatte der Vater sie nicht ausdrücklich davor gewarnt, dorthin zu gehen? Sie konnte kaum atmen vor Aufregung. »Wer war bei ihr?«

»Sie war allein, aber jemand hat sie schrecklich verprügelt. Ihr Gesicht war ganz blau und verschwollen, ihre Haare durcheinander und ihre Röcke zerrissen. Ich wollte ihr gerade zurufen, dass sie keine Angst zu haben braucht und bestimmt alles wieder gut werden wird, als ich auf ein Ästchen getreten sein muss. Bei dem Knacken ist sie zusammengezuckt und auf der Stelle davongerannt, gerade so, als ob der Teufel hinter ihr her sei.«

Franzi ärgerte sich maßlos, dass sie das alles nicht selbst erlebt hatte. Was hatte sie während dieser Zeit getan? Ein Huhn gerupft. In ihrem Bauch war ein zorniges Durcheinander, als hätte sie grüne Pflaumen gegessen.

»Franzi, was glaubst du, was das wohl zu bedeuten hat?«

Franzi wollte am liebsten alles verharmlosen, sollte sich Karl nur nicht einbilden, er hätte da etwas Besonderes erlebt! »Bist du denn sicher, dass das die wunderbar schöne Dame war, die wir bei Papa gesehen haben? Baronin Trebeljahr?«

»Ja. Ich habe ihre Perlenkette erkannt.«

Karl kramte unter der Decke und suchte offensichtlich etwas.

Dann holte er eine goldene Kette hervor, in deren Mitte sich ein Kreuz aus Granaten befand, die blutrot schimmerten.

Franzi schnappte nach Luft.

»Schau mal, und diese hier hat sie verloren, als sie weggerannt ist, die Baronin.«

Spontan griff Franzi nach der Kette und starrte entgeistert auf die goldenen Glieder, die sogar im Halbdunkel immer noch kostbar funkelten. Aber Karl entzog sie ihr wieder. »Nur unter einer Bedingung ...«

Sie hasste Karl. So eine Gemeinheit.

»Welche?«, stieß sie hervor.

»Lass mich nicht mehr mit Heinrich allein.«

»Warum, quält er dich?« Franzi erinnerte sich trotz der Kette sofort daran, was Heinrich den Kätzchen angetan hatte.

»Nicht direkt«, Karl lächelte grimmig, »sobald ich auftauche, verdreht er die Augen und lässt sich zuckend hinfallen, dann sabbert er und stöhnt. Das soll wohl komisch sein, Vaters Knechte lachen jedenfalls immer.«

»Er meint das nicht so«, behauptete sie, wusste aber ganz genau, dass Heinrich es sehr wohl so meinte. Heinrich hasste die Krankheit ihres Bruders und hatte schon öfter mal angedeutet, dass es der Teufel sein müsste, der in Karls Geist fahre. Aber der Vater hatte ihm den Mund verboten. »Na gut, ich versuch's«, versprach sie.

Karl reichte ihr wortlos die Kette.

»Wir müssen sie zurückgeben, sonst wird man noch behaupten, die Kinder des Henkers stehlen«, sagte Franzi und hielt sich das kühle Gold an ihren warmen Hals. Es fühlte sich gut an, als ob die Kraft des Metalls durch ihre Haut strömen würde. »Aber wie können wir das machen, ohne dem Vater zu sagen, dass du ungehorsam warst? Er wird wissen wollen, wo du die Kette gefunden hast.«

»Ich weiß es nicht. Du bist doch immer so schlau, mach einen Plan, ja? Jetzt bin ich müde, wirklich müde.«

»Und die Kette?«

»Behalte sie doch die Nacht über an.« Karl drehte sich um und war sofort eingeschlafen. Er konnte immer und überall schlafen. Franzi beneidete ihn manchmal darum.

Sie war jetzt viel zu aufgeregt, um zu schlafen. Sie kroch wieder in ihre Bettstatt und betrachtete die Kette mit dem Granatkreuz. Es war ein dummer Einfall von Karl, die Kette über Nacht zu tragen. Was, wenn ihr Vater, Tante Feva oder, schlimmer noch, Heinrich hereinkam und sie entdecken würde?

Nein, sie mussten die Kette gut verstecken und sie dann zurückgeben – und zwar am besten dem Richard von Zinzendorf. Wenn ein Mann, dem sogar eine Fürstin vertraute, sagte, er hätte die Kette gefunden, würde bestimmt niemand Zweifel an seiner Ehre hegen.

Aber wie konnten sie mit ihm in Verbindung treten, ohne dass Tante Feva misstrauisch werden würde?

Franzi war viel zu unruhig, um im Bett liegen zu bleiben, sie stand auf und ging zu dem winzigen Fenster, von dem aus man zum Waldrand hinübersehen konnte, und starrte ins Dunkle. Nach einiger Zeit hatten sich ihre Augen an die Nacht gewöhnt, und als der Mond über dem Wald aufstieg, konnte sie sogar einzelne Bäume erkennen.

Eigentlich gab es nur eine Möglichkeit. Sie würde eine Nachricht schreiben, die Karl dem Zinzendorf übergeben musste. Sie sprach ein kurzes Dankgebet an ihre Mutter, die ihr das Schreiben beigebracht hatte, und hoffte, dass sie die rechten Worte finden würde. Aber wo könnte sie so lange die Kette verstecken?

Die Kammer, die sie mit Karl teilte, war winzig und bestand nur aus ihren Betten, die nichts anderes waren als zwei große Truhen, auf deren flachen Deckeln die mit Stroh gefüllten Jutesäcke als Matratze lagen. Tagsüber räumten sie alles in die Truhen hinein, in denen auch ihre Kleider verwahrt wurden. Karl hatte allerdings für seine Federvorräte ein geheimes Loch unten in die Truhe gebohrt, dort wäre die Kette in jedem Fall sicher. Sie bückte sich zu Karls Truhe und suchte nach dem Loch. Vorsichtig tastete sie über den splittrigen Holzboden, um sich keinen Spreißel einzuziehen. Da war die Klappe, mit der Karl das Loch verschlossen hatte. Sie schlug die Kette in ihr Sonntagsbrusttuch ein und schob sie zwischen die Federn.

Erleichtert, weil sie nun für alles eine Lösung gefunden hatte, stand sie auf und warf einen letzten zufriedenen Blick aus dem Fenster.

Der Wald lag still und friedlich im Mondlicht. Nicht einmal ein Käuzchen war zu hören.

Beruhigt drehte sich Franzi weg vom Fenster, doch da nahm sie aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung am Waldrand wahr.

Sie drehte sich wieder zurück und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.

Das war Heinrich, der da aus dem Wald geschlichen kam, und was hatte er in der Hand? Sie konnte es nicht erkennen, aber es ängstigte sie. Was hatte Heinrich überhaupt um diese Zeit im Wald zu suchen? Nachts war der Wald voller Geister und unheimlicher Hexen.

Ob der Vater das wusste?

Sie hoffte sehr, dass Heinrich nicht gewildert hatte, denn der Vater hatte schon einmal schrecklichen Ärger mit Baron Trebeljahr gehabt, weil jemand behauptet hatte, der Scharfrichter habe sich an seinem Wild vergriffen. Und daraufhin hatte er ihrem Vater jegliche Jagd verboten, nur Wölfe durfte er noch schießen – aber Wölfe konnte man nicht essen. Ihr Vater hatte diese Strafe demütig angenommen, obwohl Franzi ganz sicher war, dass ihr Vater niemals Rotwild vom Baron geschossen hatte. Aber vielleicht war es Heinrich gewesen, und ihr Vater hatte ihn schützen wollen?

Sie legte sich wieder auf ihr Bett, aber jetzt drehten sich in ihrem Kopf ihre Gedanken, vermischten sich mit dem, was Karl gesehen hatte, und es dauerte noch lange, bis sie endlich ruhiger wurde und einschlafen konnte.

5. Das Stelldichein

Franzi lauschte in die Stille der Dämmerung.

Noch zwitscherte kein Vogel, nur ab und

zu raschelte es im Gebüsch. Es war heute schon das vierte Mal, dass sie diese besondere Aufgabe erledigen, und das zweite Mal, dass sie es alleine tun durfte.

In der Nacht von Johanni, so hatte es ihre Mutter sie gelehrt, sammelte man die Heilkräuter, denn mit der ganzen Kraft des Lichtes versehen, konnten sie ihre Wirkung am besten entfalten. Dazu musste man vor Sonnenaufgang losgehen und schweigen. Die Kräuter durften nicht mit einem eisernen Gegenstand, etwa einem Messer, berührt oder mit der bloßen Hand gepflückt werden. Franziska benutzte deshalb ein besonders robustes Leintuch. Ihre Mutter hatte darauf »Alles hat seine Zeit« und ein Muster aus Blumen eingestickt. Daran hatte ihre Mutter geglaubt, dass alles seine Zeit im Leben hätte, auch als sie sterben sollte. Franzi streichelte über die roten Mohnblüten, an denen ihre Mutter so lange gestickt hatte.

Sie fühlte sich ihrer Mutter immer besonders nahe, wenn sie mit diesem Tuch an Johanni unterwegs war.

Sie kannte mittlerweile die besten Stellen für das unscheinbare blaue Allerweltsheil, das sich gern an lichten Waldrändern versteckte. Am allerliebsten wuchs es aber dort, wo es gebrannt hatte. Aus dem Allerweltsheil stellte der Vater Tinkturen und Salben für die Haut her.

Franzi wusste, wo es ganze Teppiche von dem zarten Perlkraut gab, auf dessen Blättern sich die Tautropfen sammelten, die Franzi immer versuchte in einem Becher, den sie bei sich trug, aufzufangen, weil sie gut bei verschiedenen Augenleiden waren. Aus den zartgelben doldigen Rispen des Perlkrauts stellte Tante Feva einen Tee her, der besonders viel von Wöchnerinnen gekauft wurde.

Daneben sammelte Franzi Beifuß, den sie beinahe überall an den Wegrändern fand, den Spitzwegerich und natürlich die Blüten vom Johanniskraut. Das leuchtend rote Öl, das der Vater aus den gelben Blüten herstellte, war das Mittel, das am allermeisten verlangt wurde. Es half bei Quetschungen und Geschwüren und die verdünnte Tinktur bei Blasenentzündungen und Durchfall. Wenn ihr Bruder täglich eine Tasse Tee aus den getrockneten Blüten trank, dann hatte er weniger Krampfanfälle.

Außerdem flocht Franzi einen Kranz aus Johanniskraut, der von Heinrich aufs Dach geworfen wurde, um den Blitz zu vertreiben. Und der Vater hängte es in Büscheln an die Tür des Schandturms, um den Teufel fernzuhalten.

Aber heute hatte Franzi nicht nur die Verantwortung für all diese Kräuter, nein, es war ihr auch gelungen, sich mit Richard von Zinzendorf zu verabreden. Endlich würde sie diese Kette wieder loswerden! Es war so schwierig gewesen, einen Fetzen Papier aufzutreiben, ohne dass Tante Feva Verdacht schöpfte, und als noch schwieriger hatte es sich herausgestellt, Karl dazu zu bewegen, den Zettel zum Schloss zu bringen. Er hatte keine Lust, noch einmal vom Baron erwischt und diesmal dann wirklich verprügelt zu werden. Franzi hatte gebettelt und schließlich gedroht, der Tante zu erzählen, wie und wo er die Kette gefunden hatte, sodass er schließlich nachgeben musste.

Heinrich hatte gespürt, dass etwas im Gange war, und sie beide nicht einen Moment aus den Augen gelassen. Erst als sich Franzi bereit erklärt hatte, ihm mit den Häuten zu helfen, war er mit ihr zur Abdeckerei gegangen und hatte so den Weg für Karl freigemacht.

Karl hatte sich zum Schloss geschlichen, in der Nähe der Ställe versteckt und dort abgewartet, bis Richard von Zinzendorf sein Pferd zum Ausreiten herausholte. Beinahe hätte Zinzendorf Karl einfach übersehen, aber Karl konnte so durchdringend pfeifen, dass sogar Pferde die Ohren spitzten und stehen blieben.

Jetzt konnte Franzi nur noch hoffen, dass Richard von Zinzendorf auch wirklich kommen würde.

Sie setzte sich auf einen gefällten Baumstamm, um sich auszuruhen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber einige Vögel zwitscherten schon leise. Um sie herum tschilpte fröhlich eine Familie von Grünmeisen, und sie hörte das leise »Tap-Tap-Tap« eines Buntspechtes, der mit seinem Schnabel weit oben an einem Kiefernstamm nach Käfern suchte.

Mit ihrem Arm wischte sie den Schweiß von der Stirn und betrachtete stolz das große Büschel von Kräutern, das schon in ihrem Korb lag. So schnell hatte sie diese Aufgabe noch nie erledigt.

Irgendwo ganz in der Nähe musste eine Heckenrose blühen, denn der süßte Duft kitzelte in ihrer Nase und vermischte sich mit dem würzigen Harz, das aus der Baumrinde getreten war. Die Sonne stieg jetzt schnell empor, und der Wald schien plötzlich voller Leben.

Mücken umschwirrten ihr Gesicht, sie erkannte das Singen der Rotkehlchen und das sanfte »Djüh-Djüh« eines Dompfaffs, überall raschelte und knackste es. Keine einzige Wolke verhüllte den Himmel. Gut, dachte Franzi, das ist gut, denn in der Bauernregel, die ihre Mutter ihr beigebracht hatte, hieß es: Regnet's am Johannitag, regnet's hernach 20 Tag.

Von weitem mischte sich das Klappern von Hufen unter die Geräusche des Waldes. Franzi stand auf und versteckte sich hinter der mächtigen Eberesche, die die Lichtung zum Weg hin verdeckte.

Der Reiter kam rasch näher, Franzi hielt vor lauter Spannung kurz die Luft an. Hoffentlich war es auch wirklich der Zinzendorf und nicht jemand, der Übles im Sinn hatte.

Doch als der Reiter aus dem Sattel gesprungen war, hörte Franzi, wie er beruhigend auf sein Pferd einsprach. »Braver Gaul!«, sagte er, und Franzi erkannte die Stimme von Richard von Zinzendorf.

Sie trat hinter der Eberesche hervor, aber erst, als er das Pferd an einen Baum gebunden hatte und sie so sicher vor ihm war.

»Gnädiger Herr, ich dank' Euch, dass Ihr gekommen seid.«

Zinzendorf drehte sich um, musterte Franzi von oben bis unten und lächelte. »Ich wäre sogar über sieben Berge gekommen, um Euch zu sehen.«

Das verwirrte Franzi, warum sagte er so etwas? Hatte er denn ihren Brief nicht gelesen? Es ging um etwas Wichtiges.

»Hört doch freundlicherweise auf mit Euren Scherzen. Hier ist die Kette. Bitte gebt sie der Baronin unverzüglich zurück.«

Franzi zog die Kette unter ihrem Brusttuch hervor. Die Granate glänzten unheilvoll wie Blut, fand Franzi, und sie war froh, dass sie sie endlich loswerden würde.

Richard von Zinzendorf griff nach der Kette und berührte dabei ihre Hand. Sie zuckte zurück, die Kette fiel auf den mit Nadeln und Blättern übersäten moosigen Waldboden.

Sie bückte sich danach, aber der von Zinzendorf bückte sich ebenfalls, sodass ihre Köpfe beinahe gegeneinanderstießen und Franzi zum ersten Mal seine dunkelbraunen Augen und das schwarz gelockte Haar unter dem großen Filzhut mit den Federn aus der Nähe sehen konnte. Überhaupt sah er prächtig aus: Er trug gefältelte, weite blaurote Beinkleider, die an den Knien zusammengehalten wurden, hohe weiße Kniestrümpfe mit Bändern, Laschenschuhe mit Schnallen und roten Absätzen. Sein langer Überrock war mit goldenen Tressen besetzt und hatte breite blaue Ärmelaufschläge. Sie kam sich wie eine Bettlerin neben ihm vor.

»Ihr dürft niemals irgendwem erzählen, dass Karl oder ich die Kette berührt haben, sonst bringt Ihr Schande über die Baronin, versprecht Ihr mir das?«

Er nickte. »Warum habt Ihr die Kette nicht gleich Eurem Bruder mitgegeben, als er mir Euren Brief überbracht hat?«

Franzi überlegte, ob sie Richard von Zinzendorf von Karls Anfällen erzählen sollte. Ihre Eltern hatten immer wieder betont, dass es besser sei, wenn niemand davon erführe. Doch genau diese Anfälle waren der Grund, warum Franzi Karl die Kette lieber nicht ausgehändigt hatte. Was, wenn jemand ihn leblos mit so einer prächtigen Kette in der Hand gefunden hätte?

Sie schwieg.

»Ihr wolltet mich sehen, gebt es ruhig zu. Ihr wolltet mehr über Euer Horoskop wissen«, folgerte er triumphierend und reichte ihr seine Hand, um ihr beim Aufrichten behilflich zu sein. Doch Franzi ignorierte sie und beschloss, ihn in seinem Glauben zu lassen.

Ihr fiel auf, wie sauber seine Hand, wie schlank und wie lang seine unberingten Finger waren. Am liebsten hätte sie ihre Hände, die rot und trotz des Tuches voller getrocknetem Pflanzensaft und Schmutz waren, unter ihrer Schürze versteckt, doch sie unterdrückte diesen Wunsch.

Richard von Zinzendorf wickelte die Kette in ein Taschentuch und schob es unter sein Wams.

»Da Ihr nun schon einmal hier seid, warum fragt Ihr dann nicht auch nach Eurem Horoskop?«

Franzi war hin und her gerissen. Einerseits natürlich wollte sie unbedingt wissen, was die Sterne ihrer Geburt zu bedeuten hatten. Andererseits war und blieb sie Franziska Burckhardt, alles andere waren doch nur dumme, eitle Träume. Doch das »Ja« huschte schon über ihre Lippen, gerade als sie den Kopf schütteln wollte.

»Dann sollten wir uns setzen, denn es wird eine Weile dauern.«

Sie hob abwehrend ihre Hände. »Nein, ich muss zurück. Tante Feva erwartet mich, sobald die Sonne halb am Himmel steht.«

»Dann werde ich Euch auf meinem Pferd mitnehmen, so holen wir die Zeit wieder ein.«

»Aber ...« Franziska wollte ihm erklären, dass sie seit ihrer Verletzung einem lebenden Pferd nicht näher als zehn Ellen gekommen war und es ihr unmöglich war zu reiten.

Doch er schnitt ihr das Wort ab.

»So viele Abers stehen Euch nicht an, hat man Euch denn keine Demut dem Mann gegenüber gelehrt?«, fragte er streng, allerdings konnte Franziska an seinen Augen erkennen, dass er nicht wirklich böse war.

Sie senkte den Blick. »Natürlich, aber ...«

Jetzt lachte von Zinzendorf laut. »Aber! Dacht ich's mir doch. Also gut. Seht her, das ist Euer Horoskop.«

Er griff in seine Satteltasche und rollte ein dünnes Blatt Pergament aus. Das hielt er Franzi vor das Gesicht.

»Oh!« Mehr fiel ihr nicht ein, denn es sah sehr merkwürdig aus. Sie erkannte einen Kreis, um den herum ein zweiter Kreis verlief, der innere Kreis war in zehn Teile unterteilt, und wiederum in diesem Kreis, ganz innen, gab es einen dritten Kreis, der in vier Teile unterteilt war. Merkwürdige Zeichen waren in die verschiedenen Abschnitte eingemalt, und dann gab es gerade Linien zwischen den Punkten in den Kreisen. »Ist das mit unserem Christenglauben zu vereinbaren? Es sieht aus wie das Werk eines Hexers!« Franzi schlug sich mit der Hand auf den Mund. Was hatte sie da nur wieder gesagt! Hoffentlich hatte sie ihn nicht erzürnt.

»Aber nein, seid versichert, diese Wissenschaft wird auch an den allerchristlichsten Höfen gelehrt und ausgeübt. Schließlich spielen die himmlischen Planetenkonstellationen ja auch eine wichtige Rolle in der Betrachtung der körperlichen Dispositionen. Nehmen wir zum Beispiel den Stand des Mondes, je nachdem, in welchem Tierkreiszeichen er gerade steht, wissen wir, welche Körperteile besonders stark durchblutet werden und deshalb auf keinen Fall zur Ader gelassen werden dürfen. Steht der Mond in den Zwillingen, zum Beispiel, dann dürfen wir weder Schulter noch Arme operieren.« Er unterbrach sich lächelnd. »Doch das soll Euch jetzt nicht weiter kümmern.«

Franzi war gegen ihren Willen beeindruckt und konnte ihre Neugier nicht länger zügeln. »Also, dann verratet mir, was mein Horoskop zu bedeuten hat.«

»Ihr seid ein Löwe, und Euer Aszendent ist die Waage.«

»Ist das denn gut?«

Richard von Zinzendorf lachte. »Es gibt kein schlechtes Sternzeichen.«

Das klang ihr nun doch allzu sehr wie die zerlumpte Zigeunerin bei der Kirchweih, zu der ihr Vater sie schon manchmal mitgenommen hatte. Die hatte ihr aus der Hand gelesen und Folgendes vorhergesagt: »Du wirst reich und schön sein und viele Kinder haben.« Das hörte doch jeder gerne, und es war genauso allgemein wie das, was der Zinzendorf ihr da gerade gesagt hatte.

»Also was bedeutet es denn dann, ein Löwe zu sein?«

»Ihr seid wirklich sehr störrisch, es gelingt mir nicht einmal, einen Satz zu Ende zu sprechen, ohne von Euch unterbrochen zu werden.«

Franzi senkte den Kopf. Ihr Vater hatte ihr schon so oft gepredigt, dass sie mehr an sich halten müsse. Sie nickte und schwor sich, kein Wort mehr zu sagen.

»Löwen sind sehr leidenschaftlich, sie gehören zu den Feuerzeichen ...«

Franzi wollte schon fragen, was es noch für Zeichen gebe, zwang sich aber, still zu bleiben.

»Es gibt Feuer-, Wasser-, Luft- und Erdzeichen. Euer Bruder Karl ist ja ein Fisch, ein Wasserzeichen, eher träumerisch, empfindsam.«

Endlich sagte er etwas, dem Franzi zustimmen konnte.

»Mit der Sonne im Löwen seid Ihr willensstark und verlässlich. Doch Ihr habt den Mond im Steinbock mit einer Konjunktion zu Neptun, das bedeutet, Eure Mutter ist nicht greifbar oder tot und trotzdem könnt Ihr Euch nur schwer von ihr trennen ...«

Obwohl es schon sehr warm war, lief Franzi ein Schauer über den Rücken, wie konnte dieser Fremde wissen, dass ihre Mutter tot war und wie sehr sie ihre Mutter vermisste?

»Das vierte Haus befindet sich im Wassermann«, erklärte er weiter, »das könnte bedeuten, dass Ihr noch sehr oft Eure Wohnstatt wechseln werdet.«

Auch das stimmte sie nachdenklich, denn sie würde ja wirklich bald nach Seelstadt ziehen, um dort die Frau von Johannes Vollmar zu werden. Als sie schwieg, fuhr Richard von Zinzendorf fort. »Pluto ist an der Spitze des neunten Hauses, was zu dem eben Gesagten passt. Ihr werdet Euch wandeln durch Reisen. Die Sonne in Konjunktion mit der Venus im Löwen, nun, da müsst Ihr einen künstlerischen Weg einschlagen. Es fällt mir schwer zu glauben, dass Ihr Euer Leben damit verbringen werdet, Richtschwerter zu polieren.« Franzi lag schon wieder ein gewaltiges »Aber« auf den Lippen, denn kein Weib durfte das Richtschwert berühren, doch sie schluckte ihre Widerrede hinunter und überlegte, was sie zu alldem sagen konnte. »Wollt Ihr behaupten, mein Schicksal läge in den Sternen?«

Richard von Zinzendorf schüttelte den Kopf. »Nun, unser Schicksal liegt natürlich in Gottes Hand, aber wir Menschen können in den Sternen doch herauslesen, was wir tun sollten, um unsere Bestimmung zu finden.

»Aber das ist Gotteslästerung!«

»Alle Päpste haben einen Hofastrologen.«

»Aber wir sind keine von denen, wir sind Lutheraner.«

Zinzendorf lächelte. »Auch wenn Luther, anders als sein Freund Melanchthon, nicht viel davon hielt, so hatte er doch ein Horoskop, und was für eins!«

»Wie meint Ihr das?«

»Vielleicht wisst Ihr, dass Luther im Jahre 1525 am 13. Juni Katharina von Bora geheiratet hat?«

»Darüber hat der Pfarrer noch nie gesprochen.«

»Nun, wie dem auch sei, die Astrologen hatten für das Jahr 1525 eine Katastrophe, wenn nicht sogar das Weltende vorhergesagt. Es hat also niemanden verwundert, als die Bauern dann aufständisch wurden. Viele Menschen hatten Angst, als Luther, ein ehemaliger Mönch, und die von Bora, eine entlaufene Nonne, geheiratet haben. Denn schon seit langer Zeit wusste man, dass solch einer Verbindung der neue Antichrist entspringen würde.«

Franzi bekreuzigte sich entsetzt, was für ein ungeheuerliches Gerede. »Davon habe ich noch nie gehört. Das ist bestimmt welsches, papistisches Zeug, das Ihr in Eurem Studium in Bologna aufgeschnappt habt!«

Richard von Zinzendorf lächelte und verneigte sich, doch seine Lippen waren schmal geworden. »Es war mir ein Vergnügen mit diesem jungen und gelehrten Fräulein zu plaudern.« Er schürzte die Lippen. »Das war einmal etwas anderes als die höflichen Damen am Hof der Kurfürstin in München. Übrigens, was ich auch in Bologna gelernt habe, ist, dass man diese Kräuter, die Ihr so hingebungsvoll vor Sonnenaufgang gepflückt habt, immer erst nach Sonnenaufgang schneiden sollte.«

Franzi fühlte, dass sie so dunkelrot geworden war wie Rote Beete. Eine unbekannte Mischung aus Zorn und Scham über ihre Unwissenheit verengte ihre Brust, und ihr war, als müsste sie platzen. »Ach ja, und warum das?«

Richard von Zinzendorf schritt zu seinem Pferd und schwang sich über seinen glänzenden Rücken.

»Nun, es ist sehr wichtig, dass die Sonne den Tau vor dem Schneiden getrocknet hat, sonst bekommen die Blätter dunkle Flecken, und das trübt ihre Heilwirkung.« Er tippte sich an seinen Hut und ritt ohne ein weiteres Wort davon.

Franzi trat so heftig gegen den Korb mit Kräutern, dass ein Büschel Spitzwegerich hinabrollte.

»Dieser, dieser ...«, schimpfte sie vor sich hin, während sie die Kräuter wieder einsammelte. Beim Bücken sickerten Schweißtropfen von der Stirn über die Brauen und brannten in ihren Augen. Als sie endlich fertig war, wischte sie mit der Schürze über ihr Gesicht, richtete sich auf und sah zum Himmel. Die Sonne stand schon sehr hoch, was bedeutete, sie würde viel zu spät zuhause ankommen. Sie trieb sich zu größerer Eile an.

Nachdem sie etliche Schritte gegangen war und ihr Zorn sich etwas abgekühlt hatte, nahm sie plötzlich ein Geräusch hinter sich wahr.

Franzi drehte sich um und sah gerade noch, wie Heinrich hinter einen Buchenstamm sprang. Sie blieb stehen. Ihr wurde trotz der Hitze plötzlich ganz kalt. Was, wenn Heinrich sie mit Zinzendorf beobachtet hatte?

Sie blieb resolut stehen. »Heinrich, was tust du da?«

Heinrich kam hinter dem Baum hervor, zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen, schade, dass dieses schöne Spiel jetzt aus ist, und lächelte sie an. »Die Tante war besorgt über dein langes Ausbleiben und hat mich ausgesandt nachzuschauen, wo du geblieben bist. Es heißt, es sind Räuber in der Gegend ... es hat einen Mord gegeben.«

»Mord? Was ist denn passiert?«

Heinrich zuckte mit den Schultern und kam näher. Er griff nach dem Korb mit den Kräutern. »Kurz nach Sonnenaufgang ist der Baron Trebeljahr ermordet worden.«

Franzi lief ein Schauer über den Rücken, sie befühlte das Amulett ihrer Mutter, als könnte sie das schützen.

»Nach Sonnenaufgang? Aber wie kannst du denn dann jetzt schon davon wissen?«

»Heute Morgen sollten wir ein tollwütiges Pferd vom Baron zum Abdecken holen. Als ich dort ankam, lief mir Matthias, der Hausbesorger, entgegen, aufgelöst und sehr durcheinander. Die Frau des Barons lebt, aber sie ist übel zugerichtet. Der Baron ist erstochen worden, eine blutige Angelegenheit.« Heinrichs Ton klang aber nicht sehr bestürzt, sondern vielmehr so, als würde er sich gern die Hände reiben. Als würde es ihn geradezu freuen, dass der Baron tot war.

»Warum sollte jemand so etwas tun?«, hakte Franzi nach. »Ist denn etwas gestohlen worden?«

»Nun, merkwürdigerweise scheint nur eine Halskette aus Granaten zu fehlen. Das wissen wir von der Zofe der Baronin, sie selbst war zu schwach zum Reden.«

Noch ein kalter Schauer rann über Franzis Rücken. Wie gut, dass sie und Karl diese Kette rechtzeitig losgeworden waren.

»Aber man sagt doch, der Baron besitze eine riesige goldene Pendeluhr, die in Frankreich angefertigt worden ist, warum haben die Räuber die nicht mitgenommen?«

»Vielleicht gibt es ja keine Räuber.«

»Wie meinst du das?

»Matthias behauptet, er hätte einen Schatten gesehen, der weggeritten ist, und er glaubt, dass es der Sohn des Gutsverwalters war. Er glaubt«, ein merkwürdiges Lächeln schlich sich auf Heinrichs Gesicht, »Matthias glaubt, dieser Zinzendorf hat sich der Baronin unstatthaft genähert und als die um Hilfe schrie, sei der Baron hinzugeeilt, um seine Frau zu retten, und dabei hat er den Tod gefunden.«

»Ich muss mich setzen.« Franzis Knie zitterten so stark, dass sie nicht länger stehen konnte. Was erzählte Heinrich denn da, das war doch völlig ausgeschlossen, dass sich der Zinzendorf der Baronin unziemlich genähert haben sollte.

»Wann, sagst du, soll das passiert sein?«

»Heute Morgen kurz nach Sonnenaufgang.« Und äußerst befriedigt stellte er dann noch fest: »Wenn das nur kein Unheil über die Ernte bringt. Eine solche Bluttat in der Johanninacht.«

Franzi konnte kaum sprechen. »Aber ...«

»Aber was?« Heinrich setzte sich neben sie, sehr dicht, wie Franzi fand. Er legte sogar den Arm um sie. »Du zitterst ja, was ist denn mit dir?«

»Nichts.« Franzi stand wieder auf. »Wir sollten uns beeilen, zurück zu Tante Feva zu kommen. Was geht uns der Baron an?«

»Na ja, mir wär's lieb, wenn sie den Mörder fänden. Vielleicht darf ich an dem endlich mein Meisterstück vollbringen. Und wenn man's recht bedenkt, ist es, wie du gesagt hast. Diebe hätten doch mehr mitgenommen als nur eine elendige Halskette. Es spricht viel dafür, dass der Zinzendorf unser Mann ist. Und einer wie der darf schon auf eine Enthauptung durch das Schwert hoffen.«

Franzi bot all ihre Kraft auf, um gleichmäßig weiterzuatmen. Sie verbot sich, daran zu denken, was das bedeutete. Doch die Bilder der letzten Hinrichtung, der sie beigewohnt hatte, kamen ihr trotzdem in den Sinn. Wie der Vater während des letzten Gebets des armen Sünders mit dem Richtschwert zugeschlagen und den Hals sauber durchtrennt hatte. Wie der Kopf durch die Luft in den Korb geflogen war. Wie das Dorf gejohlt hatte, weil die Gerechtigkeit wiederhergestellt war.

»Ich wünsch dir Glück«, log Franzi, und sie war froh, als endlich das Rote Haus in Sicht kam.

Ihre Gedanken wirbelten durcheinander wie das Wasser der Maisch, nachdem es wie ein silberner Vorhang über die Felsen oben bei Langsdorff gestürzt war. Konnte man auch an Angst ertrinken?

6. Das Urteil

Zwei Wochen später kniete Franzi am Grab ihrer Mutter, ganz in der Nähe des Richtplatzes. Ihre Mutter hatte so sehr darum gebeten, auf dem Friedhof beigesetzt zu werden, aber der Vorgänger von Pfarrer Zinke hatte ihr das verweigert. Unehrliche hatten dort nichts zu suchen und mussten wie Selbstmörder am Richtplatz verscharrt werden.

Ihr Vater hatte das Grab mit einem großen Steinkreuz geschmückt, sodass sie dort wenigstens Blumen niederlegen konnten. Franzi war verzweifelt. »Mutter«, flehte sie, »ich weiß nicht mehr weiter. Und es wird jeden Tag schlimmer.« Alles war genau so gekommen, wie Heinrich vorhergesagt hatte. Man hatte Richard von Zinzendorf verhaftet und in den Schandturm geworfen. Die Baronin war noch immer nicht in der Lage zu sprechen, und man redete davon, dass sie niemals mehr »die Alte« werden würde.

Da der Baron der zuständige Richter der umliegenden Dörfer gewesen war, wartete man jetzt auf den Richter aus Michelstadt, der sich »der Sache« annehmen sollte.

Im Dorf war man sich allerdings schon längst darin einig, dass der Baron nur vom Zinzendorf niedergestochen worden sein konnte. Und nachdem man die Kette der Baronin in einer seiner Satteltaschen gefunden hatte, war das für die meisten der endgültige Beweis dafür, dass der Zinzendorf der Baronin Gewalt antun wollte und dabei vom Baron erwischt worden war.

Außerdem war Matthias, der Hausbesorger, bereit zu schwören, dass er den »Schatten« von Zinzendorf gesehen hatte.

»Mutter, was soll ich tun? Ich weiß ja, warum Zinzendorf die Kette bei sich gehabt hat. Aber wie kann ich das verraten, und wem? Bitte, gib mir ein Zeichen, irgendwas. Es muss doch etwas geben, das ich tun kann, Gott ist doch gerecht, oder?«

Aber es blieb still am Grab ihrer Mutter. Es flog kein Vogel vorbei, der ihr ins Ohr gezwitschert hätte, was zu tun sei. Keine sprechende Wolke kam und auch keine fliegende Katze. Es donnerte nicht, und es erschien ihr keine Lichtgestalt. Es blieb einfach nur heiß. Nicht einmal die Luft zitterte. Trotzdem suchte sie immer wieder das Grab ihrer Mutter auf, weil es ihr guttat, jemandem ihre Gedanken anzuvertrauen.

Franzi wusste danach oft kaum, wie sie sich durch ihr Tagwerk schleppen sollte. Sie und Karl hatten ständig über den Mord gesprochen, und sie waren sich darin einig, dass Richard von Zinzendorf nicht der Mörder sein konnte.

Nicht nur, weil sie wussten, wie die Kette in seinen Besitz gelangt war, sondern auch weil Franzi ihn genau zur angeblichen Tatzeit im Wald getroffen hatte. Und nicht ein Spritzer Blut war auf seiner Kleidung zu sehen gewesen.

Es schien ihnen also unmöglich, dass Richard von Zinzendorf schuldig war, es sei denn, der Teufel selbst hätte seine Hand im Spiel gehabt.

Während Franzi immer wieder darüber nachdachte, was sie tun könnte, ja, was sie tun musste, blühte ihr Stiefbruder Heinrich förmlich auf. Er war sicher, dass Zinzendorf verurteilt und er zu seinem Henker bestimmt werden würde. Deshalb hatte er, gleich nachdem er von der Tat gehört hatte, ein neues Richtschwert beim berühmten Schwertschmied Johannes Wundes in Auftrag gegeben, was den Vater sehr aufgebracht hatte.

Er fand, es sei eine Ehre und Pflicht, wenn das Schwert vom Vater zum Sohn, von Henker zu Henker weitergereicht wurde.

Doch Heinrich war da ganz anderer Ansicht, und wie immer hatte Heinrich es geschafft; den Vater umzustimmen.

Als Franzi wissen wollte, warum Heinrich denn ein neues Schwert haben müsse, hatte er ihr erzählt, dass er nicht so ein schmuckloses Schwert wie der Vater sein Eigen nennen wollte.

Heinrich wollte etwas Prächtiges, etwas, das seinem Amt als Vollstrecker der irdischen Gerechtigkeit zur Ehre gereichen würde. Er hatte Franzi in allen Einzelheiten ausgemalt, was für ein Schwert er sich beim besten Schwertmeister im Odenwald bestellt hatte: Sein Schwert sollte eine breite, zweischneidige Klinge haben, einen großen Spann lang, mit einer flachen Blutrinne.

Auf die eine Seite hatte er einen Galgen eingravieren lassen und auf die andere einen Totenschädel, was dem Vater gar nicht gefallen wollte. In der Mitte des Schwertes, auf der Seite des Galgens, ließ er den Spruch einritzen: »Wan dem Sünder wirdt abgesprochen das Leben, Dann wirdt er unter meine Handt gegeben.« Und auf der Seite mit dem Totenschädel stand: »Wan ich das Schwert thue auffheben, Dann gebe Gott dem Armen Sünder das Ewige Leben.«

Darüber hatte Heinrich mit dem Vater wieder und wieder gestritten, denn der fand die Worte, die sich auf seinem alten Schwert befanden, der demütigen Aufgabe des Nachrichters weitaus angemessener: »Jesus Christus Du bist der Richter und ich der Knecht.« Doch Heinrich sah sich nicht als Knecht, sondern als Richter.

Das alles beunruhigte Franzi über die Maßen. Sie wollte, sie musste unbedingt mit Zinzendorf reden, und wenn ihr das nicht bald gelänge, so fürchtete sie, Aussatz zu bekommen oder zu zerplatzen.

Sie hatte schon alle möglichen Listen erwogen, um in den Schandturm zu gelangen, doch bisher hatten Tante Feva und ihr Vater es ihr strikt untersagt, sich dem Schandturm auch nur zu nähern. Gerade so, als säßen Werwölfe darin, die trotz der dicken Mauern allein durch ihre magischen Ausdünstungen Franzis Verstand lähmen könnten.

Ja, es kam Franzi so vor, als würde man sie geradezu aus dem Weg räumen. So viele Aufträge außerhalb des Roten Hauses hatte sie noch nie erledigen müssen. Für gewöhnlich wurde dazu Karl geschickt oder eine der Abdeckermägde, die neben der Abdeckerei hausten und vom Vater mitversorgt wurden.

Heute mussten Karl und sie die Himbeeren an der Lichtung oberhalb der Maisch kurz vor Langsdorff pflücken.

Franzi schwitzte unter ihrem Kleid, um ihren Kopf schwirrten gierige Mücken, was sie eine harmlose Plage fand, wenn sie an Zinzendorf in seinem dunklen Gefängnis dachte.

Die Himbeeren hingen rot und saftig in den Hecken. Franzi seufzte, sie würde ihr ganzes Leben brauchen, um all diese Beeren zu ernten.

Karl bekam von ihrem Missmut nichts mit, pfiff fröhlich vor sich hin und hatte schon die ersten Beeren in seinen Korb gelegt.

Sie zog ihr Brusttuch heraus und schlang es um ihren Kopf, um die Mücken daran zu hindern, sie zu stechen.

Sie zupfte eine Himbeere nach der anderen, und obwohl ihre Gedanken ständig um Zinzendorf kreisten, wurde sie etwas ruhiger. Sie bewunderte die silbrige Spur, die ein Spinnenfaden auf den Himbeeren hinterlassen hatte. Doch dann sah sie, wie die Spinne kam, mit einer eingewickelten Fliege, und plötzlich stellten sich ihre Härchen auf, und sie dachte wieder an Richard von Zinzendorf, auch gefangen wie ein Käfer im Netz.

»Karl, wir müssen einen Weg finden, mit Zinzendorf zu sprechen«, sagte sie. »Er hat nichts getan.«

Details

Seiten
279
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531128
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320344
Schlagworte
eBooks ab 12 Jahren fuer Maedchen 17. Jahrhundert historischer Roman Abenteuer Liebe

Autor

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Titel: Die Tochter des Henkers