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SOKO Ponyhof - Vieter Roman: Mädchen vermisst

2016 81 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Ein neuer Einsatz für die Freunde der SOKO Ponyhof!

Michelle und Sarah jubeln: Endlich Osterferien – und damit Zeit, den ganzen Tag mit den Pferden zu verbringen! Nun kommen nicht nur neue Gäste, sondern auch neue Freunde für die Kinder vom Rosenhof. Nur die schüchterne Simone möchte ihre Freizeit nicht mit den anderen Mädchen verbringen, sondern lieber allein. Als sie spurlos verschwindet, ist die Aufregung auf dem Reiterhof groß. Ist ihr etwas zugestoßen? Oder wurde sie gar entführt? Michelle und Sarah satteln ihre Pferde und nehmen die Fährte auf …

Über die Autorin:

Marliese Arold, Jahrgang 1958, entdeckte schon als Kind ihre Leidenschaft für Geschichten. Statt Schriftstellerin wurde sie aber erst mal Bibliothekarin. Seit der Geburt ihrer Kinder schreibt sie selbst – über 180 Bücher sind es mittlerweile, die in 20 Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt mit ihrem Mann in Erlenbach am Main.

Bei jumpbooks veröffentlicht sie auch:

SOKO Ponyhof, Band 1: Gefahr in den Ferien

SOKO Ponyhof, Band 2: Das gestohlene Gemälde

SOKO Ponyhof, Band 3: Die Jagd nach dem Dieb

Weitere Bücher sind in Vorbereitung.

Die Autorin im Internet: www.marliese-arold.de

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eBook-Neuausgabe Mai 2016

Copyright © der Originalausgabe 2011 arsEdition GmbH, München

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

Titelbildabbildung: Nadine Haase (fotolia.com)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-126-5

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Marliese Arold

SoKo Ponyhof

Band 4 – Mädchen vermisst

jumpbooks

Ein seltsames Mädchen

Es war Samstagmorgen, der Beginn der Osterferien. Schon kurz nach sieben Uhr lief Michelle Pattmann in ihrem roten Trainingsanzug über den Hof. Sie war noch todmüde und musste dauernd gähnen. Aber sie hatte Oma Hannah versprochen, ihr beim Einräumen des Hofladens zu helfen. Und versprochen war versprochen!

Das Moped mit dem Anhänger stand bereits im Hof, und Oma Hannah war gerade dabei, eine Kiste mit Salatköpfen auszuladen.

»Guten Morgen, Oma Hannah!«

»Ah, hallo, Michelle!« Hannah Leitner drehte sich um und lächelte Michelle gut gelaunt an. »Na, schon ausgeschlafen?«

»Nicht so richtig«, musste Michelle zugeben. »Aber ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn alle anderen schon auf sind und ich noch im Bett liege.« Auf dem Rosenhof mit den vielen Shetlandponys und Islandpferden gab es immer jede Menge Arbeit. Michelle nahm Oma Hannah die Kiste ab, um sie zum Laden zu tragen.

»Warte!«, sagte Oma Hannah und holte einen Schlüsselbund aus ihrer Jackentasche. »Du musst noch aufsperren.«

Michelle nickte und nahm mit einer Hand den Schlüsselbund entgegen. Die Holztür des kleinen Hofladens war blau gestrichen und sah toll aus. Michelle steckte den Schlüssel ins Schloss und schloss auf. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, schoss fauchend eine Katze heraus und sauste quer über den Hof, als sei der Teufel hinter ihr her. Michelle fiel vor Schreck fast die Kiste aus der Hand.

»Oh!«, machte Oma Hannah. »Was war denn das? Die muss ich gestern Abend versehentlich eingeschlossen haben.«

»Es muss eine fremde Katze sein«, stellte Michelle fest. »Ich habe sie jedenfalls noch nie hier auf dem Rosenhof gesehen.« Ihr war der Schreck gehörig in die Glieder gefahren.

»Na ja, die Katze wird bestimmt in Zukunft besser aufpassen«, meinte Hannah Leitner und nahm eine weitere Kiste aus dem Anhänger. Sie enthielt kleine Töpfe mit Küchenkräutern wie Petersilie und Schnittlauch.

Michelle betrat den kleinen Laden. Es war nur ein winziger Raum, aber sehr gemütlich. Oma Hannah verkaufte hier ihr selbst gezogenes Bio-Gemüse, Obst und einige andere Waren, wie beispielsweise Plätzchen oder handgefärbte Lama-Wolle. Das Angebot war seit der Eröffnung im Dezember sehr gut angenommen worden und die Kunden kamen inzwischen aus dem ganzen Landkreis.

»Der erste Salat«, sagte Oma Hannah, als Michelle ihre Kiste zu den anderen stellte und die Salatköpfe zurechtrückte. »Noch nicht im Freiland gezogen, sondern im Gewächshaus, aber er schmeckt trotzdem sehr gut.«

Während Hannah Leitner weitere Kisten auslud, schnappte sich Michelle einen Lappen und wischte die Regale ab. Oma Hannah legte großen Wert darauf, dass der Laden immer blitzsauber war. Welkes oder angefaultes Gemüse wurde sofort aussortiert. Auch jetzt zupfte sie ein paar Blätter von den Salatköpfen ab. Michelle lächelte, als sie es sah.

»Da wird sich Gerlinde aber freuen«, sagte sie.

Oma Hannah deutete lachend auf die offen stehende Tür. »Da kommt sie schon!«

Tatsächlich! Die braune Henne steckte neugierig ihren Kopf herein und gluckste erwartungsvoll. Oma Hannah bückte sich und hielt ihr ein Salatblatt hin.

»Na, komm her, meine Schöne!«

Das ließ sich Gerlinde nicht zweimal sagen. Sie stolzierte herein, schnappte sich das Salatblatt und rannte dann mit ihrer Beute hinaus auf den Hof.

Michelle grinste. Dann wurde sie ernst, denn sie sah, dass ein großer, dunkler Wagen auf den Hof rollte.

»Besuch?«, fragte sie verwundert. »So früh? Wer kann das sein?«

»Vielleicht euer neuer Feriengast, der sich gestern noch angemeldet hat«, erwiderte Oma Hannah.

»Ein neuer Gast?«, hakte Michelle nach. Davon wusste sie gar nichts. Am Sonntagabend sollte wieder eine Gruppe Mädchen kommen, die eine Woche Reiterferien auf dem Rosenhof gebucht hatten. Von einem zusätzlichen Gast hatte Paula Leitner nichts erzählt. Vermutlich hatte sie es vergessen ...

Michelle beobachtete das Mädchen, das gerade aus dem Auto ausstieg. Sie war in ihrem Alter, aber sehr dünn und mindestens einen halben Kopf größer. Sie trug hautenge Jeans, die ihre Beine wie Stelzen aussehen ließen. In den hellblonden, schulterlangen Haaren steckten mindestens zehn glitzernde Spangen, alle rosa oder lila. Das weiße Lederjäckchen wirkte teuer, ebenso wie die Sneakers an den Füßen. Unsicher sah das Mädchen sich um und drehte sich dabei halb im Kreis.

Jetzt stieg die Mutter auf der Fahrerseite aus, ging ums Auto herum und legte den Am um ihre Tochter. Das Mädchen duckte sich, entzog sich der Umarmung und blickte sich weiter suchend um.

Michelle verließ den Laden und lief auf den Hof.

»Hallo«, rief sie. »Wollen Sie zu uns? Ich bin Michelle.« Sie lächelte das Mädchen an, aber ihr Lächeln wurde nicht erwidert. Das Mädchen machte ein mürrisches Gesicht und scharrte mit ihren Fußspitzen auf dem Kopfsteinpflaster.

»Paula, die Besitzerin des Rosenhofs, füttert gerade die Pferde«, sagte Michelle ein bisschen hilflos. »Aber ich kann sie gern holen.«

»Ich habe gestern mit Frau Leitner telefoniert«, sagte die Mutter des Mädchens. »Sie hat gesagt, dass sie noch einen Platz für Simone frei hat. Simone wünscht sich ja so sehr, reiten zu lernen.«

Das Mädchen sagte noch immer nichts, sondern starrte auf ihre Füße.

»Dann bist du hier genau richtig«, sagte Michelle munter, obwohl es ihr schwerfiel, freundlich zu bleiben. Doch zu Gästen musste man höflich sein, das hatte sie inzwischen gelernt. »Paula ist eine sehr gute Reitlehrerin. Und unsere Ponys ... unsere Ponys sind die besten auf der Welt!«

Das Mädchen warf Michelle einen Blick zu, der sagte: Na, so übertreiben brauchst du jetzt auch nicht!

»Du wirst ja sehen«, sagte Michelle, ohne sich beirren zu lassen.

»Sind die Tiere denn friedlich?«, mischte sich jetzt die Mutter ins Gespräch ein. »Man hört so viel von Reitunfällen ...«

»Unsere Tiere sind sehr brav«, betonte Michelle. »Und für Anfänger sucht Paula genau die richtigen Ponys aus. Außerdem achtet sie darauf, dass niemand ohne Helm reitet.«

»Ich habe keine Angst«, behauptete Simone. Das war der erste Satz, den Michelle von ihr hörte, und er sollte vorläufig auch der letzte bleiben.

Die Mutter machte sich jetzt am Kofferraum zu schaffen und hievte einen Koffer und eine riesige Tasche heraus. »Gibt es hier jemanden, der Simones Gepäck reintragen kann? Ich darf nicht so schwer heben wegen meiner Bandscheiben.«

»Oh ja, klar ... ich rufe jemanden.« Michelle überlegte kurz, wer infrage kam. Der alte Petrus vielleicht? Aber der sollte sich wegen seiner Knieverletzung auch nicht überanstrengen. Michelle dachte an Frank. Aber ob der ehemalige Kunststudent schon aufgestanden war? Er kam am Wochenende manchmal ein bisschen schwer aus den Federn, wenn er am Abend zuvor zu lange gefeiert hatte. Vielleicht sollte Michelle lieber Achim Leitner holen, Paulas Mann.

Kurz entschlossen sauste Michelle zum Wohnhaus, aber da wurde schon die Haustür geöffnet, und Achim kam heraus, so als hätte er gespürt, dass er gebraucht wurde. Vielleicht hatte er auch vom Küchenfenster aus den Wagen gesehen.

Er begrüßte die Gäste und gab ihnen die Hand.

»Annette Rauschenberg«, stellte sich nun Simones Mutter vor. »Gehört Ihnen der Hof?«

»Eigentlich meiner Frau, aber ich leite ihn mit ihr zusammen«, antwortete Achim. »Im normalen Leben bin ich Lehrer, doch jetzt sind ja zum Glück Ferien.« Er grinste.

Frau Rauschenberg sah nicht so aus, als würde sie das interessieren. Ihre einzige Sorge galt dem Gepäck ihrer Tochter. Michelle fragte sich insgeheim, was Simone wohl alles dabeihatte. Wahrscheinlich genug Klamotten, um sich stündlich umzuziehen ...

»Simone wird sich hier bei uns bestimmt wohlfühlen«, versicherte Achim Leitner der Mutter. »Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen. Die meisten jungen Gäste sind begeistert und wollen unbedingt wiederkommen.«

Frau Rauschenberg lächelte. »Ich hoffe sehr, dass es Simone auf dem Rosenhof gefällt«, meinte sie. »Ich wäre ja lieber mit ihr ans Meer gefahren, aber sie wollte unbedingt zu den Ponys.« Dann trat sie näher an Achim Leitner, zupfte ihn am Ärmel und murmelte halblaut etwas von einem »vertraulichen Gespräch«. Achim machte ein nachdenkliches Gesicht und nickte zustimmend.

Michelle spitzte die Ohren und warf einen raschen Blick zu Simone. Aber die hatte die Bemerkung offensichtlich nicht mitbekommen. Michelle interessierte es brennend, was so »vertraulich« war, dass es andere nicht hören sollten. Sie war daher sehr enttäuscht, als Achim sie mit den Worten wegschickte: »Du kannst Simone doch gleich mal die Ponys zeigen. Und dann kann sie mit uns in der Küche frühstücken.«

»Okay«, sagte Michelle wenig begeistert. Sie musste sich innerlich einen Ruck geben. »Kommst du mit, Simone?«

Simone nickte und folgte Michelle.

Die Offenställe und Paddocks lagen ein Stück hinter den Wirtschaftsgebäuden. Die Mädchen begegneten Petrus, der eine Schubkarre Pferdeäpfel zum Misthaufen schob. Michelle entdeckte in der Ferne auch Frank, der gerade den Islandpferden Heu brachte. Also war er doch schon wach. Sie hatte ihm unrecht getan. Er arbeitete genauso fleißig wie die anderen auf dem Rosenhof.

Leichter Dunst schwebte über den Wiesen und Feldern. Michelle mochte diese Morgenstimmung sehr.

Die Ponys wirkten noch schläfrig. Sie standen dicht nebeneinander und schienen zu dösen. Als sie die Mädchen sahen, kam Leben in die kleine Herde. Ein pechschwarzes Pony trabte an den Zaun und begrüßte Michelle mit einem fordernden Wiehern. Michelle lachte.

»Jetzt lernst du gleich Frida kennen. Sie ist unser ältestes Pony, aber noch immer putzmunter. Und ausgesprochen frech!«

Simone murmelte etwas, das Michelle nicht verstand. Als sie zur Seite blickte, sah sie, wie Simone krampfhaft versuchte, einer matschigen Stelle auszuweichen.

»Oh! Mit deinen schönen Schuhen musst du aufpassen. Besser wären Stiefel...«

Simone warf Michelle einen stummen Blick zu und trat dann absichtlich in eine Pfütze. Der Schlamm spritzte knöchelhoch und der Schuh war total verdreckt.

»Ist doch egal«, sagte Simone.

Michelle zuckte innerlich zusammen, aber sie ließ sich nichts anmerken.

»Also, wie gesagt, das schwarze Pony hier heißt Frida ...« Sie deutete auf einige andere Ponys und nannte die Namen. Simone sagte nichts dazu. Dann merkte Michelle, dass Simone ihr Handy aus der Jackentasche gezogen hatte und eine SMS tippte.

Jetzt wurde Michelle ärgerlich.

»Ich dachte, du interessierst dich für Ponys, dabei hörst du mir überhaupt nicht zu!«

»Ich habe zugehört«, widersprach Simone, schickte die SMS ab und steckte das Handy wieder ein. »Und die ganzen Namen kann ich mir sowieso nicht merken.«

Michelle presste die Lippen aufeinander und streichelte Frida. Das Pony drückte neugierig seinen Kopf an Michelles Jacke und schnupperte, ob sie nicht einen Leckerbissen in der Tasche hatte. Inzwischen hatte Michelle fast immer Leckerlis dabei, um ihre Lieblinge nicht zu enttäuschen. Ihre Mutter hatte sich schon beschwert, dass sie alle Taschen kontrollieren musste, bevor sie Michelles Klamotten in die Waschmaschine stecken konnte.

Michelle gab Frida das Leckerli mit der flachen Hand. Normalerweise hätte sie Simone gezeigt, wie man einem Pony einen Leckerbissen richtig reichte, aber jetzt hatte sie keine Lust dazu. Am liebsten wäre es ihr, wenn Simone wieder ins Auto steigen und mit ihrer Mutter wegfahren würde ... Bei diesem Gedanken bekam Michelle sofort ein schlechtes Gewissen. War sie nicht selbst noch vor einem Jahr in ihrer Klasse eine Außenseiterin gewesen und hatte sich manchmal auch ruppig gegenüber anderen verhalten? Dabei war es nur aus Angst geschehen, verletzt zu werden ... Sie musste Simone eine Chance geben. Bestimmt gab es einen Grund, warum sie sich so benahm. Michelle seufzte. Geduld war nicht gerade ihre stärkste Seite.

»Wir haben vier Paddocks«, erklärte sie. »Die Shetlandponys und Isländer werden getrennt nach Stuten und Wallachen gehalten, also nach Weibchen und Männchen. Wobei Wallache eigentlich keine richtigen ... «

»Ich weiß«, unterbrach Simone sie. »Ganz doof bin ich auch nicht, okay?«

»Das hat auch keiner behauptet«, grummelte Michelle. »Wenn du Ponys magst, hast du sicher schon jede Menge darüber gelesen. Sarah hat übrigens ganz viele Pferdebücher, sie leiht dir bestimmt welche aus.«

»Danke, ich habe meine eigenen«, war die Antwort.

Michelle gab es auf. Simone war wirklich ein harter Brocken. Warum suchte sie sich keinen anderen Ponyhof? Michelle beschloss, nur noch das Nötigste mit ihr zu reden.

»Ich zeig dir jetzt den Reitplatz«, sagte sie und wuschelte Frida ein letztes Mal durch die Mähne. »Reithalle haben wir leider noch keine, dazu fehlt nämlich das Geld.«

Simone folgte Michelle wie ein Schatten. Nach der Besichtigung des Reitplatzes und des Roundpens kehrten die Mädchen in den Hof zurück. Simones Mutter und Achim Leitner waren nicht zu sehen. Oma Hannah lud die leeren Kisten wieder auf ihren Anhänger.

»Na, gefällt es dir auf dem Rosenhof?«, wollte sie von Simone wissen.

Simone zuckte mit den Schultern.

Michelle hatte das Gefühl, gleich platzen zu müssen. Was bildete sich diese Göre überhaupt ein? Oma Hannah hatte eine höfliche Frage gestellt, darauf konnte man auch antworten. Schließlich hatte keiner Simone etwas getan.

Noch nicht, dachte Michelle wütend und ballte grimmig die Fäuste.

»In der Küche gibt es Frühstück«, sagte Oma Hannah und zwinkerte Michelle mit verschwörerischer Miene zu. »Ein leerer Bauch erzählt nicht gern. Altes Sprichwort. Ich komme bald nach, mir knurrt nämlich auch der Magen.«

Michelle wusste ganz genau, dass das Sprichwort anders hieß – und Oma Hannah wusste es sicher auch: Ein voller Bauch studiert nicht gern ... Sie unterdrückte ein Grinsen. Immerhin war Oma Hannah auf ihrer Seite. Gemeinsam würden sie schon mit dieser Simone fertig werden!

»Hast du Appetit auf Kakao und frische Croissants oder bist du gerade auf Diät?«, fragte Michelle spitz.

Sie erntete einen wütenden Blick.

»Meinst du, dass ich eine Diät nötig habe?«, fauchte Simone.

Michelle machte es wie sie: Sie zuckte nur mit den Schultern.

Simone kniff die Lippen zusammen. »Frühstück wär nicht schlecht«, murmelte sie dann, aber so leise, dass Michelle sie kaum verstehen konnte.

»Also, dann auf in die Küche!«, sagte Michelle fröhlich und steuerte auf das Haus zu.

Was ist mit Simone los?

In der Küche war es warm und es duftete verführerisch nach Kakao und frischem Brot. Michelle rieb sich die Hände. Sie merkte, wie durchgefroren sie war. Jetzt, Ende März, war es noch immer ziemlich kalt, obwohl sich der Frühling bereits ankündigte. Die Osterglocken streckten ihre gelben Köpfe aus der Erde. In den Balkonkästen, die Paula neben die Haustür gestellt hatte, blühten rote und gelbe Primeln. Die kleine Korkenzieherweide bei der Scheune war mit bunten Ostereiern geschmückt.

»Hallo«, wurden die Ankömmlinge von Sarah begrüßt, die sich ums Frühstück gekümmert hatte. »Du musst Simone sein.«

Sarah streckte Simone freundlich die Hand entgegen, zog sie aber zurück, als sie Simones schmutzige Schuhe entdeckte. Könntest du deine Schuhe im Flur ausziehen und auf ein Stück Zeitung stellen? Danke.« Sie sah sich hastig um und drückte der verdutzten Simone dann einige Werbeprospekte in die Hand. »Das geht zur Not auch. Und wenn du dir die Hände waschen willst, das Gästeklo ist gegenüber.«

»Na super, das ist eine Begrüßung«, maulte Simone, machte kehrt und zog die Tür so heftig ins Schloss, dass es krachte.

»Wie ist die denn drauf?«, fragte Sarah verwundert. »Habe ich was falsch gemacht?«

Michelle hob die Schultern. »Die ist eben komisch«, antwortete sie halblaut. »Wir werden garantiert eine Menge Spaß mit ihr haben.«

»Oje«, meinte Sarah. »Wenn du das sagst...«

Wenig später kam Simone wieder herein, diesmal auf Socken, die einmal weiß gewesen waren, aber jetzt hellbraune Flecken hatten. Sie deutete auf ihre Füße. »Sieht aus, als sei ich in Hundekacke getreten, aber das ist bei euch vorne an den Paddocks passiert.« Sie blickte Sarah herausfordernd an. »Muss ich die Socken auch ausziehen?«

»Schon gut.« Sarah deutete auf die Eckbank. »Setz dich. Möchtest du heiße Milch oder Kakao?«

»Kakao«, antwortete Simone. Sie drehte den Kopf. »Wo ist meine Mutter?«

»Mit meinem Papa im Büro«, antwortete Sarah. »Die beiden werden gleich kommen. Papa lädt deine Mutter bestimmt zum Frühstück ein.«

»Meine Mutter frühstückt nie, sie trinkt nur eine Tasse Kaffee«, erwiderte Simone.

»Kaffee haben wir auch da.« Sarah lächelte und deutete auf die Kaffeemaschine auf der Anrichte, die gemütlich vor sich hin blubberte.

Michelle fragte sich, wie Sarah es schaffte, so freundlich zu bleiben. Dabei legte es Simone offenbar darauf an, sich alle zu Feinden zu machen.

Während Simone die Küche verstohlen musterte, polterte Julian herein. Er sah verschlafen aus. Vermutlich war er erst vor fünf Minuten aufgewacht. Er trug noch seinen Pyjama.

»Morgen allerseits.« Als er Simone entdeckte, die spöttisch den Mund verzog, zuckte er zusammen. »Ich wusste nicht, dass Besuch da ist.«

»Das ist Simone, unser Feriengast«, erklärte Michelle.

»Oh ... hallo ... freut mich ... Ich bin Julian.« Er schnappte sich einen Teller, lud zwei Croissants darauf und nahm sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank. Als er mit seiner Beute abziehen wollte, hielt Sarah ihn am Ärmel fest.

»Wohin, Bruderherz?«

»Na, ich dachte, ich geh mal besser wieder in mein Zimmer...«

»Meinetwegen kannst du ruhig dableiben«, kam es von Simone. »Ich habe schon mehr Jungs im Schlafanzug gesehen, du bist nicht der erste.«

Julian war so perplex, dass er sich auf einen Küchenstuhl fallen ließ. Seine Wangen färbten sich langsam hochrot.

»Die neue Frau meines Vaters hat Zwillinge«, sagte Simone in einem Tonfall, als spräche sie von schleimigen Kröten. »Die sind fünfzehn und frühstücken immer im Schlafanzug. Ekelhaft.«

Niemand erwiderte etwas. Michelle fand als Erste ihre Sprache wieder.

»Neue Frau?«, fragte sie vorsichtig nach. »Dann sind deine Eltern geschie...« Weiter kam sie nicht, denn Simone fiel ihr ins Wort.

»Ja, Mann, sie sind geschieden, aber ich will nicht darüber reden. Kapiert?«

»Okay«, sagte Sarah sofort und goss Kakao in Simones Tasse. Der Kakao dampfte und war schaumig – genau wie Michelle ihn liebte. Sie hatte noch nie so guten Kakao getrunken wie auf dem Rosenhof. Hier war sowieso alles ganz wunderbar, fand sie, da konnte Simone noch so viel stänkern ...

Sie hielt ihre Tasse Sarah entgegen. »Mir auch, bitte. Mit viel Schaum!«

Sarah lächelte und schenkte ihr ein.

»Danke«, sagte Michelle und wärmte ihre Hände an der Tasse, bevor sie den ersten köstlichen Schluck nahm.

»Wie lange bleibst du bei uns?«, fragte Sarah, während sie die Croissants verteilte. Sie stellte Butter und Marmelade auf den Tisch und setzte sich dann selbst.

»Eine Woche«, antwortete Simone knapp.

»Morgen Abend kommen noch mehr Mädchen zu uns«, sagte Sarah. »Das wird bestimmt lustig.«

Simone sah nicht so aus, als ob sie das besonders lustig fände. Sie biss schweigend in ihr Croissant.

In diesem Moment betraten Achim Leitner und Frau Rauschenberg die Küche – genau, wie Sarah es prophezeit hatte.

»Setzen Sie sich doch«, sagte Herr Leitner. Frau Rauschenberg quetschte sich auf die Eckbank neben ihre Tochter.

»Na, hast du dich schon ein bisschen mit den Mädels angefreundet?«, fragte sie.

»Hmpf«, war alles, was Simone dazu zu sagen hatte.

»Simone wird heute schon den ersten Reitunterricht bekommen«, kündigte Achim an. »Im Roundpen. Das Pony läuft an der Longe, und du reitest auf dem blanken Pferderücken, um ein Gefühl für Gleichgewicht und die Bewegungen des Ponys zu bekommen.«

Michelle erinnerte sich an ihre ersten Reitversuche. Paula war eine hervorragende Lehrerin. Sie hatte mit ihren Schülerinnen sehr viel Geduld.

»Auf dem blanken Pferderücken?«, fragte Frau Rauschenberg nach. »Gibt’s denn hier keine Sättel? Ich dachte, dies ist ein richtiger Reiterhof. Im Internet ist er empfohlen worden ...«

»Natürlich haben wir auch Sättel«, sagte Achim lachend. »Aber meine Frau weiß schon, was sie tut. Sie hat bereits etlichen Leuten das Reiten beigebracht, und die meisten waren sehr zufrieden. Paula hat einen guten Blick für ihre Schülerinnen, und keine bekommt ein Pony, mit dem sie nicht umgehen kann.«

»Aber Pferde sind oft unberechenbar.« Frau Rauschenberg seufzte. »Mir ist gar nicht wohl bei der Sache. Aber meine Tochter wollte es unbedingt, und weil sie eine so schlimme Zeit durchgemacht hat...«

Michelle sah, wie Simone knallrot wurde und ihrer Mutter einen Rippenstoß versetzte.

»Ist doch gar nicht wahr!«, zischte sie.

Achim schenkte Frau Rauschenberg und sich eine Tasse Kaffee ein. Kurz darauf kamen Oma Hannah, Petrus und Frank in die Küche, gefolgt von einer völlig durchgefrorenen Paula. Jetzt wurde es richtig eng, als sich alle an den Tisch quetschten. Nur Frau Pattmann, Michelles Mutter, fehlte noch.

»Das ist ja hier wie in einer Großfamilie«, sagte Frau Rauschenberg lachend, nachdem sie alle begrüßt hatte.

»Ja, es ist auch wie in einer großen Familie«, erwiderte Paula. Sie war sehr blass, nur ihre Nase leuchtete rot. »Wenn ich mir unsere Runde so angucke ...« Sie lachte, dann wurde sie wieder ernst und ergänzte: »Und jeder fühlt sich für den anderen verantwortlich. Hier wird keiner im Stich gelassen.«

Sarah und Michelle nickten zustimmend.

»Ab morgen Abend wird es noch turbulenter, wenn die Mädchengruppe kommt«, sagte Paula und lachte wieder. »Dann können wir nicht mehr alle in der Küche frühstücken. Die Mädels essen normalerweise nebenan im Speisesaal.«

Frau Rauschenberg sah sich in der Küche um. »Gemütlich ist es ja, keine Frage. Aber trägt sich so ein Ponyhof überhaupt?«

Paula seufzte. »Reichtümer kann man damit leider nicht verdienen. Wir müssen immer sehen, wie wir über die Runden kommen. Manchmal gibt es unvorhergesehene Kosten, beispielsweise Reparaturen oder Tierarztrechnungen. Dann wird es sehr knapp.« Sie lächelte. »Von einer Reithalle kann ich bisher nur träumen. Dazu müsste ich wahrscheinlich im Lotto gewinnen.«

»Dann sollten Sie vielleicht lieber den Hof aufgeben und etwas anderes machen«, schlug Frau Rauschenberg vor.

Paula schüttelte sofort heftig den Kopf. »Nein, das könnte ich nicht. Nie im Leben. Ein Ponyhof war immer mein Traum – und ich bin sehr froh, dass er sich erfüllt hat. Selbst wenn wir manchmal ziemlich knapp bei Kasse sind.«

»Wir sind glücklich«, fügte Achim noch hinzu. »Wir brauchen auch keine tollen Urlaubsreisen. Dafür haben wir unsere Ponys – das ist mehr wert als alles andere.«

»Aber die Arbeit darf man nicht unterschätzen«, brummte der alte Petrus, der bisher noch kein Wort gesagt hatte. »Ich bin froh, dass Frank mir hilft.«

»Ach, bevor ich es vergesse: Heute Nachmittag kommt ja noch diese Praktikantin«, erinnerte sich Paula. »Irgendjemand muss sie herumführen und ihr alles zeigen. Ich habe leider keine Zeit dazu, denn ich gebe Reitunterricht.«

»Ich werde mich um die Praktikantin kümmern«, bot sich Frank an. »Wie alt ist sie denn?«

»Fünfzehn. Sie heißt Alina und geht in die neunte Klasse«, berichtete Paula. »Sie wollte ihr Schülerpraktikum unbedingt bei uns machen. Sie will später mal Pferdewirt werden.«

»Schön«, sagte Frank und strich sein blondes Haar zurück.

Michelle musste daran denken, wie gut sich Frank auf dem Rosenhof eingelebt hatte und wie gut er zu ihnen allen passte. Dabei hätte alles auch anders laufen können. Sie erinnerte sich mit Schaudern an die Erlebnisse im letzten Herbst, als Frank auf die schiefe Bahn geraten war. Aber Paula hatte ihm eine Chance gegeben, indem sie ihn übernommen hatte, und die hatte Frank bisher prima genutzt.

»Herrje, schon so spät!«, sagte Frau Rauschenberg erschrocken, nachdem sie auf ihre Armbanduhr gesehen hatte. »Ich muss los, ich habe heute Vormittag noch einen Termin bei meinem Friseur und meiner Kosmetikerin.« Sie umarmte Simone, küsste sie auf beide Wangen. »Mach’s gut, mein Schatz. Und ruf an. Wenn es dir nicht gefällt, hole ich dich jederzeit ab.« Dann zwängte sie sich hinter dem Tisch hervor, verabschiedete sich von allen und verschwand.

Simone starrte stumm vor sich hin. Das Croissant lag halb aufgegessen auf ihrem Teller.

Michelle überlegte, ob sie sich wohl einsam fühlte. Vielleicht war sie ja auch nur bockig und hatte beschlossen, alles auf dem Rosenhof blöd zu finden, damit ihre Mutter sie bald wieder abholte. Michelle unterdrückte einen Seufzer und zwang sich, an etwas Schönes zu denken. Vielleicht würde sie nachher mit Sarah und Julian ausreiten. Ein Galopp durch den Wald ... ja, das wäre wunderbar!

Nach dem Frühstück zeigte Sarah Simone das Zimmer, in dem sie schlafen sollte.

»Heute hast du Glück, du hast das Zimmer für dich allein«, sagte Sarah und deutete auf die beiden Stockbetten. »Du kannst dir aussuchen, wo du schlafen willst. Morgen kommen die anderen.«

Simone schnitt eine Grimasse. »Und wenn die anderen schnarchen? Oder Käsefüße haben?« Sie drehte sich um. »Kann ich denn kein Einzelzimmer haben?«

»Wir sind ein Ponyhof und kein Vier-Sterne-Hotel«, antwortete Sarah gereizt. Wenn sich Simone einbildete, dass sie hier eine Extrabehandlung bekommen würde und Ansprüche stellen konnte, dann täuschte sie sich aber gewaltig. Sie war ein Gast wie jeder andere!

Eigentlich konnte sie einem leidtun – bei so einer überängstlichen Mutter ...

»Ich habe nur gefragt«, schnaubte Simone. »Deswegen brauchst du nicht gleich so unfreundlich zu mir sein.«

»Fragt sich, wer hier unfreundlich ist«, gab Sarah zurück. Sie hatte langsam die Nase voll. »Außerdem ist an dem Geruch von Käsefüßen noch keiner gestorben, so viel ich weiß.«

Simone kniff die Lippen zusammen. »Dann nehme ich das Bett da.« Sie deutete auf die obere Liege des Stockbetts, das am Fenster stand.

Sarah nickte.

»Du kannst deine Sachen auspacken und dich frisch machen. Das Bad ist gegenüber. Um elf Uhr hast du dann deinen ersten Reitunterricht. Bitte sei pünktlich am Roundpen. Und zieh dir was Vernünftiges an.«

Damit verließ Sarah das Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Sie hörte noch, wie Simone ihr etwas hinterherrief. Doch sie wollte gar nicht wissen, was sie gesagt hatte. Vermutlich war es ein Schimpfwort gewesen.

Sarah lief nach unten und bedauerte es ein wenig, dass der Alltag des Ponyhofs jetzt wieder durch Feriengäste gestört wurde. Am liebsten war es ihr, wenn Paula ihre Reitstunden gab und sie ansonsten unter sich waren. Gäste bedeuteten viel Arbeit. Man musste Rücksicht nehmen, dafür sorgen, dass sich die Mädchen wohlfühlten und zufrieden waren. Ab und zu musste man Streit schlichten, aber trotzdem kam es immer wieder zu Eifersüchteleien, wenn sich ein Mädchen benachteiligt fühlte. Manchmal stritten sich die Gäste darum, wer welches Pony reiten durfte. Einige fühlten sich auch von Paula ungerecht behandelt. Es flössen gelegentlich sogar Tränen...

Nein, ohne Gäste war es entschieden ruhiger und gemütlicher! Aber Gäste brachten Geld – und das brauchte der Rosenhof dringend. Sonst müsste Paula einige der Ponys oder Islandpferde verkaufen ... Bei diesem Gedanken schnürte es Sarah das Herz zusammen.

Im Flur stieß Sarah fast mit Michelle zusammen.

»Reiten wir nachher zusammen aus?«, fragte Michelle. »Wir hatten doch gestern davon geredet.«

»Das ist eine prima Idee. Diese Simone kostet mich noch meinen letzten Nerv.« Sarah stieß die Luft aus.

»Geht mir genauso.« Michelle verdrehte die Augen. »Das wird bestimmt eine anstrengende Woche.«

»Glaube ich auch.«

Details

Seiten
81
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531265
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321965
Schlagworte
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Titel: SOKO Ponyhof - Vieter Roman: Mädchen vermisst