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Der Drachentöter

Roman

2016 236 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Eigentlich soll der junge Siegfried den Thron von Santen erben – aber ist er mit seinem ungestümen und rebellischen Charakter der Königswürde gewachsen? Sein Vater schickt den jungen Krieger darum hinaus in die Welt: Hier soll er lernen, was wahre Stärke ist. Siegfried stürzt sich mit Feuereifer in das Abenteuer. Doch bald muss er erfahren, welche Gefahren in den tiefen Wäldern verborgen sind – und was es bedeutet, wenn das Schicksal eines ganzen Volkes auf den eigenen Schultern ruht …

Eine fesselnde Neuerzählung des Nibelungen-Epos von Beststellerautor Wolfgang Hohlbein.

Über den Autor:

Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist Deutschlands erfolgreichster Fantasy-Autor. Der Durchbruch gelang ihm 1983 mit dem preisgekrönten Jugendbuch Märchenmond. Inzwischen hat er 150 Bestseller mit einer Gesamtauflage von über 40 Millionen Büchern verfasst. 2012 erhielt er den internationalen Literaturpreis NUX.

Der Autor im Internet: www.hohlbein.de

Bei jumpbooks erscheint von Wolfgang Hohlbein:
Der weiße Ritter – Erster Roman: Wolfsnebel
Der weiße Ritter – Zweiter Roman: Schattentanz
Nach dem großen Feuer
Ithaka

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eBook-Neuausgabe September 2016

Copyright © der Originalausgabe 1989 by Loewes Verlag, Bindlach

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs 

Titelbildabbildung: © Dusan Kostic (fotolia.com)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-175-3

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Wolfgang Hohlbein

Der Drachentöter

Roman

jumpbooks

Kapitel 1
Mime, der Schmied

Es dämmerte bereits, als Siegfrid auf seinem grauen Pferd endlich den Wald erreichte. Den Helm über das blonde Haar zurückgeschoben, lenkte der junge Mann sein Tier sorgsam auf den von dornigem Gestrüpp und Unkraut überwucherten Pfad. Unter dem geschlossenen Blätterdach des Waldes war schon die Dunkelheit hereingebrochen. Es war sehr still hier. Grani, der bisher flott getrabt war und manchmal vor Vergnügen über den Ritt geschnaubt hatte, wurde nervös. Siegfrid tätschelte den Hals seines Grauen, doch auch er spürte deutlich ein Unbehagen; solch eine Ruhe war ihm fremd. Dennoch trieb er Grani entschlossen voran.

Als nach knapp einer Stunde Weges ein blasses rötliches Licht weit vor ihnen aufglühte und kurz darauf das helle kling-klang-kling eiserner Schmiedehämmer die Stille des Abends vertrieb, atmete Siegfrid auf. »Das muß die Schmiede sein«, sagte er und ließ das Pferd schneller gehen. Bald tat sich vor ihnen eine Lichtung auf – rund wie mit einem Zirkel gezogen und überschirmt von den Kronen gewaltiger Bäume, die sich wie grünblättrige Arme ineinander verschränkt hatten, so daß eine Art Höhle entstanden war.

In ihrer Mitte stand die Schmiede.

Siegfrid zügelte sein Pferd.

Die Schmiede war kaum größer als das Gesindehaus in Santen; ein lieblos gemauertes Rechteck von höchstens zehn auf zwanzig Schritt Größe, mit einem spitzen Strohdach, das von drei mächtig rauchenden Essen durchbrochen wurde. Aus den Fenstern drang das düstere rote Licht glühender Kohle. Gelegentlich schlugen Funken aus den Essen und sanken wie tanzende Glühwürmchen auf das Dach herab, und Siegfrid fragte sich unwillkürlich, wieso das Haus nicht schon vor Jahren abgebrannt war.

Sein erster Gedanke beim Anblick der gottverlassenen Schmiede war es gewesen, das Pferd leise zu wenden und sich davonzumachen, ehe ihn jemand bemerkte. Doch das Versprechen, das er seinem Vater am Ende eines sehr langen und ernsten Gesprächs gegeben hatte, lastete auf seinem Gewissen. Im allgemeinen machte er sich nicht viel aus vernünftigen Überlegungen und Vorsätzen; aber wenn es irgend jemand auf der Welt gab, vor dem der ungestüme Siegfrid Respekt hatte, dann war es sein Vater, König Siegmund von Santen. Und der hatte ihm vor wenigen Tagen schwere Vorwürfe gemacht – das war anläßlich der Schwertleihe gewesen:

»So geht es nicht weiter, Siegfrid«, hatte er ihn gemahnt. »Es geht nicht an, daß du Pferde zuschanden reitest und Männer halb totschlägst, nur um deine Kräfte zu erproben. – Du warst schon als Knabe viel stärker als die anderen. Das ist nicht deine Schuld. Aber einem Kind vergibt man es, wenn es seine Kräfte nicht zu bändigen weiß und Schaden anrichtet. Einem Mann nicht. Du mußt lernen, dich zu zügeln. Und du wirst einsehen, daß wahre Stärke etwas anderes ist als bloße körperliche Kraft.« Der Vater hatte rasch und abwehrend die Hand gehoben, als Siegfrid antworten wollte, und war mit leicht gesenkter, aber unvermindert fester Stimme fortgefahren: »Bald wirst du auf dem Thron Santens sitzen und als König viel Macht haben. Deshalb mußt du nötiger als jeder andere lernen, für dein Tun die Verantwortung zu übernehmen, willst du nicht, daß Santen in einem Meer von Blut versinkt.«

Das waren starke Worte gewesen, und Siegfrid hatte gespürt, daß es seinem Vater bitterer Ernst damit war. König Siegmund war mit energischem Schritt auf ihn zugekommen und hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. »Es gibt jemanden, der dich lehren wird, deine Kräfte zu beherrschen und zu denken und zu handeln wie ein König und nicht wie ein Knabe. Wir haben beschlossen, dich zu Mime zu schicken.«

Der Gedanke, bei Mime, dem Zwerg, in eine Schmiedelehre zu gehen, war für Siegfrid so überraschend und so furchtbar gewesen, daß er aufgeschrien hatte und zu allen möglichen Zugeständnissen bereit gewesen wäre, um dieses Schicksal abzuwenden.

Doch König Siegmund und selbst Königin Sieglinde waren hart geblieben, und so hatte Siegfrid schließlich versprochen, zu Mime zu gehen.

Und nun war er da.

Siegfrid seufzte tief, als er an dieses Versprechen dachte. Doch dann lenkte er Grani zur Tür der Schmiede. Dort stieg er aus dem Sattel und trat gebückt durch den niedrigen Eingang.

Das Innere des Hauses gefiel ihm noch weniger als das Äußere. Es gab nur einen einzigen, vom düsteren roten Licht der Essen erfüllten Raum, der dem Schmied und seinen Gesellen als Werkstatt wie auch als Schlaf- und Wohnkammer dienen mußte. In einer Ecke gewahrte Siegfrid drei Bündel Stroh, auf denen zerschlissene Decken lagen, daneben einen aus Brettern roh zusammengezimmerten Tisch und drei Hocker. Drei Männer – einer von ihnen so klein, daß er Siegfrid nicht einmal bis zur Brust reichte, aber so breitschultrig, daß er beinahe buckelig aussah – standen mit dem Rücken zum Eingang vor dem Schmiedefeuer und ließen die Hämmer sausen, daß die Funken stoben.

Obwohl Siegfrid sicher war, kein Geräusch verursacht zu haben, ließ Mime – denn um niemand anderen konnte es sich bei dem Kleinen handeln – auch schon seinen Hammer sinken und wandte sich zu ihm um. Dem Blick, den Mime ihm zuwarf, hielt Siegfrid kaum stand, denn darin brannte ein Feuer, das heißer als die Flammen einer Esse zu sein schien und das beinahe menschliche Äußere Mimes Lügen strafte.

Der Zwerg war nicht viel größer als ein Kind, doch er hatte das Gesicht eines harten Mannes, eines sehr harten Mannes: kantig und grau, mit tiefen, wie von einem Messer gefurchten Linien. Eingefaßt wurde es von einem schwarzen Vollbart, der so kurz geschnitten war wie das glänzende blauschwarze Haar des Albs. Die dunklen Augen hielten Siegfrid nur einen Moment lang fest, doch dem schien es, als würde ihn die Ewigkeit prüfen. Dann huschte ein rasches und – wie Siegfrid mit Unbehagen registrierte – nicht sehr herzliches Lächeln über Mimes Züge.

»Du mußt Siegfrid von Santen sein«, sagte er, »König Siegmunds Sohn.«

Mimes Stimme verwirrte Siegfrid, denn sie klang weich und dunkel, und doch spürte er, daß die Freundlichkeit darin nicht echt war.

»Mein Vater schickt mich her.« Siegfrid suchte ein wenig unsicher nach den richtigen Worten.

Aber Mime unterbrach ihn mit einer unwilligen Geste, deutete erst zum Ausgang und dann auf die drei Strohbündel in der Ecke und sagte: »Du kannst dein Pferd in den Schuppen stellen, der hinter dem Haus ist. Und bring gleich Stroh und deine Decken mit, damit du einen Platz zum Schlafen hast.« Er runzelte die Stirn, betrachtete mißbilligend Siegfrids Kleider. »Zieh dich um«, fügte er hinzu. »Dein Rock ist vielleicht gut für ein Turnier, aber er taugt nichts für die Arbeit in einer Schmiede.«

Siegfrid hatte schon eine scharfe Entgegnung auf der Zunge, doch er drehte sich ohne ein weiteres Wort um und gehorchte. Draußen beeilte er sich nicht sehr, Mimes Anweisungen zu folgen, sondern lud Sattel, Decken und die Kleider, die er mitgebracht hatte, umständlich von Granis breitem Rücken, der tief durchatmete und froh schnaubte. Siegfrid führte den Grauen am Halfter in den Schuppen, den Mime ihm zugewiesen hatte, und gab ihm aus einem Eimer zu saufen.

Umständlich und sehr viel langsamer, als es notwendig gewesen wäre, schlüpfte er dann aus seinem weißen Prachtgewand, legte Kettenhemd und Reithosen ab und wählte die gröbsten und einfachsten Gewänder, die ihm der Haushofmeister Santens mitgegeben hatte. Schild, Ger und Rüstung legte er sorgsam auf eine Eichentruhe, band aber Waffengurt und Schwert wieder um, nachdem er Grani gefüttert hatte. Dann erst ging er zurück in die Schmiede.

Mime empfing ihn mit einem unwilligen Stirnrunzeln, verlor aber nicht das geringste Wort, sondern deutete nur stumm auf die Ecke, in der die Strohbetten lagen. Siegfrid verstand. Er legte sein Bündel und seine Decken ab und trat zur Esse. Auch die beiden anderen hielten nun in ihrem Tun inne und sahen ihm mit einer Mischung aus Neugier und Herablassung entgegen.

Siegfrid betrachtete diese Männer nur kurz. Beide waren weit älter als er und so muskulös und kantig wie Mime selbst. Ihre Haut war grau, und ihre nackten Oberkörper, die im Widerschein des Feuers vor Schweiß glänzten, waren mit kleinen und größeren Brandnarben übersät, deutlichen Zeichen der langen Jahre, in denen sie mit glühendem Eisen und brennender Kohle hantiert hatten. Mime stellte die beiden Siegfrid vor. Der eine hieß Wieland und war Mimes bester Schüler. Der andere hieß Rother. Dann maß Mime Siegfrid abermals mit einem langen Blick, schüttelte den Kopf – und riß ihm mit einer einzigen, raschen Bewegung die Ärmel aus dem Hemd.

»Tand«, sagte er abfällig, ohne zur Kenntnis zu nehmen, daß Siegfrid empört zurückgesprungen war. »Dein Vater hatte recht mit dem, was er mir schrieb. Du mußt noch viel lernen, sehr viel. Diese Kleider mögen dort, wo du herkommst, nützlich sein, aber hier am Schmiedefeuer behindern sie dich nur. Und was soll dieses Schwert?« Er hatte die Hand ausgestreckt und Siegfrid das Schwert aus dem Gürtel gezogen, ehe er es verhindern konnte. Einen Moment lang drehte Mime die Waffe stirnrunzelnd in den Händen, dann trat er wieder einen Schritt zurück, packte die Klinge mit beiden Händen – und brach sie scheinbar mühelos in zwei Teile.

»He!« Das war Siegfrid zuviel. »Was fällt Euch ein? Dieses Schwert ist ein nichtsnutziges Spielzeug«, fiel ihm Mime gereizt ins Wort, »ein blinkendes Ding, das vielleicht schön aussieht, das aber zerbricht, sobald es das erstemal auf einen Helm oder ein richtiges Schwert prallt.« Er spie aus. »Du willst ein Mann sein und ein Schwert führen? Wohlan, dann nimm dir Hammer und Eisen, und schmiede dir ein Schwert!«

Mit einem Lächeln hielt er ein Eisenstück ins Feuer, bis es in dunklem Kirschrot zu glühen begann, und legte die Stange dann auf den Amboß, der daneben stand. »Nimm dir einen Hammer und schlag zu«, forderte er Siegfrid auf. »Ein gutes Schwert will rasch geschmiedet sein und mit der gleichen Kraft, mit der es später geführt wird.«

Siegfrid musterte erst den Zwerg, dann seine beiden Gesellen, die mit kaum verhohlener Schadenfreude dastanden und abwechselnd ihn und die armlange, glühende Eisenstange betrachteten, zuckte mit den Schultern und griff nach dem größten Hammer. Er war noch schwerer, als er aussah, doch Siegfrid riß ihn mit einem Ruck in die Höhe und schwang ihn hoch über den Kopf. Seine gewaltigen Muskeln spannten sich, als das Werkzeug mit aller Kraft auf Eisen und Amboß niederkrachte.

Der Hieb ließ die ganze Schmiede erbeben. Mime sprang mit einem erschrockenen Kreischen zur Seite, als der Hammer wie Glas in Scherben zerbrach und die Eisenstange funkensprühend stob. Spritzer von rotglühendem Eisen flogen durch die Schmiede und setzten eines der Strohbetten in Brand, während sich andere zischend in Boden und Wände fraßen oder dunkle, rauchende Brandflecken in den Möbelstücken hinterließen. Beißender Rauch erfüllte die Schmiede, und während Siegfrid noch dastand und den zersplitterten Hammerstiel in seinen Händen betrachtete, waren Mime und seine beiden Gesellen für die nächsten Minuten ganz damit beschäftigt, das Stroh zu löschen und kleine Schwelbrände auszuschlagen.

»Du Nichtsnutz!« fuhr Mime Siegfrid an, sobald die schlimmste Gefahr beseitigt war. »Wer hat dir gesagt, daß du mein Werkzeug zerschlagen sollst? Ist das der Dank dafür, daß ich deinem Vater versprach, dich in die Lehre zu nehmen und meine Geheimnisse mit dir zu teilen?« Er kam mit zornig gesenktem Schädel auf Siegfrid zu, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Dann deutete er anklagend auf den Amboß. Siegfrids Hieb hatte den massiven Klotz wadentief in den Boden getrieben, und das feuergehärtete Eisen war geborsten wie weicher Bimsstein. »Schau, was du angerichtet hast!« schrie Mime anklagend. »Dieser Amboß ist mir nützlich, seit ich das Schmiedehandwerk erlernt habe. Mein Meister vererbte ihn mir, und nach mir sollte ihn Wieland erhalten. Jetzt hast du ihn zerschlagen, nur weil du uns unbedingt beweisen mußtest, wie stark du bist!«

»Es war keine Absicht!« verteidigte sich Siegfrid.

»Du bist nichts weiter als ein dummer und vorlauter Bengel, dem man einmal kräftig das Fell gerben sollte! Dann lernst du vielleicht, daß es nicht damit getan ist, zufällig als Sohn eines Königs auf die Welt zu kommen und stark wie zehn Ochsen zu sein.« Das war Wieland. Er blickte wütend auf den zertrümmerten Amboß herab und hieb ohne weitere Vorwarnung mit der Faust nach Siegfrids Gesicht.

Dieser Überfall entfachte den Zorn, den Siegfrid bisher mühsam unterdrückt hatte. Allen Respekt vor Mime und alle Ermahnungen, die ihm der Vater mit auf den Weg gegeben hatte, vergessend, packte er Wieland und rang ihn nieder. Das geschah so mühelos und so schnell, daß der hünenhafte Schmiedegeselle nicht einmal dazu kam, einen erschrockenen Ruf auszustoßen. Schon hatte Siegfrid ihn zu Boden geworfen, ihn an den Haaren gegriffen und vor Mimes Füße gezerrt.

»Ihr tätet besser daran, Meister Mime«, sagte Siegfrid jähzornig, »Euren Gesellen beizubringen, daß man in diesem Ton nicht mit dem Sohn eines Königs spricht. Wenn Euer Werkzeug nichts taugt, müßt Ihr Euch eben besseres besorgen!«

In der Stille, die nach diesen Worten in der Schmiede herrschte, war es Mime, als griffe etwas Kaltes nach seinem Herzen. Er hatte viel von Siegfrid gehört, und er war auf einen kräftigen, aber dummen Burschen gefaßt gewesen. Doch während er Siegfrid anstarrte, der wütend vor ihm stand, wurde Mime klar: In Siegfrids Adern floß das Blut der alten Götter.

Siegfrid seinerseits tat seine Unbeherrschtheit schon wieder leid, und hätte Mime in diesem Moment auch nur den geringsten Vorwurf geäußert, hätte Siegfrid sich in aller Form bei ihm entschuldigt. Und zur Not auch noch bei Wieland.

Aber Mime starrte ihn nur an, und irgend etwas ging in seinem Blick vor, eine Verwandlung, die Siegfrid nicht in Worte kleiden konnte, die ihn aber schaudern machte. So begnügte er sich damit, Wielands Haar loszulassen und dem Schmiedegesellen die Hand entgegenzustrecken, um ihm aufzuhelfen. Wieland bedachte ihn mit einem finsteren Blick, schlug Siegfrids Arm beiseite und stemmte sich aus eigener Kraft auf die Füße.

Mehrere Minuten lang starrten sich alle vier stumm und betreten an.

»So geht das nicht«, seufzte Mime schließlich. »Du kannst nicht alles zerschlagen und jeden, der dich tadelt, zu Boden werfen. Was fange ich bloß mit dir an?« Er seufzte abermals, überzeugte sich mit einem fragenden Blick, daß Wieland zwar wütend, aber augenscheinlich unverletzt war, und fuhr fort: »Dein Vater und ich sind alte Freunde, Siegfrid, und ich versprach ihm, mich um deine Ausbildung zu kümmern und dich zu lehren, deine Kräfte zu zügeln. Doch ich sehe keinen Weg, wenn du schon am ersten Tage meine Schmiede zertrümmerst und meinen besten Gesellen grün und blau schlägst.«

»Es tut mir leid«, sagte Siegfrid zerknirscht. »Ich will den Schaden wiedergutmachen und für zwei arbeiten, bis Ihr mit mir zufrieden seid, Meister.« Seine Worte mußten in Mimes Ohren wie Hohn klingen, aber sie waren durch und durch ehrlich gemeint. Siegfrid hatte nie zuvor so deutlich gespürt, daß seine Kraft und Geschicklichkeit die Herzen der Menschen nicht nur mit Bewunderung, sondern auch – und vielleicht noch mehr – mit Furcht erfüllte.

»Ihr solltet ihn in den Tannenwald zum Köhler schicken, wenn er zuviel überschüssige Kraft hat, Meister«, platzte Wieland zornig dazwischen. Seine Augen blitzten, als er Siegfrid ansah. »Vielleicht wird es sein Mütchen kühlen, einen Zentner Holzkohle auf jeder Schulter zu schleppen.«

Mime antwortete nicht sofort, und der Blick, mit dem er auf Wielands Worte reagierte, war beinahe erschrocken, doch in diesem Moment trat auch Rother an Wielands Seite und bekräftigte dessen Worte: »Wieland hat recht, Meister. Schickt ihn zum Köhler, ehe er hier alles zerschlägt und noch jemand zu Schaden kommt.«

Abermals schwieg der Zwerg für lange Augenblicke, und abermals hatte Siegfrid den Eindruck, daß er beinahe erschrocken über das nachdachte, was seine beiden Gesellen vorgeschlagen hatten. Endlich aber nickte er. »Ihr habt wohl recht«, seufzte er. Dann wandte er sich wieder an Siegfrid: »Es wird das beste sein, du lernst erst, mit deinen Kräften hauszuhalten, ehe du Hammer und Eisen zur Hand nimmst.«

»Ich werde gehorchen, Meister«, antwortete Siegfrid rasch, dem die Aussicht, für eine Weile aus der Schmiede und somit aus Mimes und Wielands Nähe verschwinden zu können, nur recht war. »Wenn Ihr mir den Weg weist, werde ich hingehen und so viel Holzkohle bringen, wie Ihr braucht.«

»So geh«, sagte Mime. »Der Köhler lebt im Tannenwald jenseits der Gnitaheide, einen Tagesmarsch nördlich von hier. Sage ihm, Mime, der Schmied, würde dich schicken, und bringe mir so viel Kohle, wie du tragen kannst. Wenn du zurückkommst, wollen wir sehen, wie es mit dir weitergeht.«

Kapitel 2
Der Lindwurm

Bis weit in den Mittag hinein wanderten Siegfrid und Grani nach Norden. Die Sonne hatte den höchsten Punkt ihrer Bahn längst überschritten, ehe sie das Ende der mit Geröll, Lava und Dornengestrüpp übersäten Einöde erreichten und der Tannenwald vor ihnen lag, von dem der Zwerg und seine Gesellen gesprochen hatten.

Grani, der bisher zügig ausgeschritten war, blieb stehen. Seine Ohren klappten vor und zurück, und er wieherte leise. Siegfrid sah auf die kerzengerade gewachsenen Stämme der Tannen und Fichten. Sie waren bis auf die Höhe von drei Mannslängen kahl und sahen tot aus, fast so wie künstlich errichtete Säulen. Anstelle von Farn oder anderem Unterholz gab es nur dornige Sträucher. Siegfrid versetzte Grani einen aufmunternden Klaps, aber es bedurfte eines energischen Tritts, ehe der große graue Hengst voranging. Eine beinahe unheimliche Stille nahm sie auf, die durch das gedämpfte Plätschern von Wasser noch betont zu werden schien. Kein Vogel sang. Nirgends war das Brechen von Zweigen zu hören, das die Flucht eines durch ihr Kommen aufgeschreckten Rehes oder Hasen verkündet hätte. Selbst das Rauschen des Windes klang fremd und drohend in Siegfrids Ohren – wie das Wispern leiser, böser Albenstimmen, die hoch über ihm in den Baumwipfeln flüsterten. Je tiefer sie in den Wald drangen, desto öfter schnaubte Grani, und auch Siegfrid bemerkte schließlich den sonderbaren Geruch, der in der Luft hing. Plötzlich blieb Grani stehen. Seine Mähne sträubte sich, und ihm brach der Schweiß aus. Siegfrid starrte auf den Weg vor sich und glaubte, einen riesigen Schatten zu sehen. Doch als nichts geschah, ritt er zögernd und noch langsamer als bisher weiter.

Nach einiger Zeit wurde der Boden beiderseits des Weges sumpfig.

Immer öfter erblickte Siegfrid große, wie geschmolzenes Pech glitzernde Lachen und Pfützen rechts und links des Weges, bis der Pfad schließlich vollends durch eine düstere Sumpflandschaft führte, aus der mächtige schwarze Felsbrocken und die kahlen Stämme abgestorbener Bäume ragten. Der Geruch von Schwefel und Fäulnis nahm zu, so daß Siegfrid vor Ekel das Gesicht verzog. Auch Grani machte ihm zu schaffen, der ständig stehenblieb und sich immer öfter weigerte, Siegfrid zu gehorchen.

Schließlich erreichten sie eine Stelle, an der vor ihnen eine lotrechte, von gewaltigen Rissen und Schründen durchzogene Felswand aufstieg, die sich nach beiden Seiten erstreckte, so weit der Blick reichte. Der Weg schlängelte sich ein Stück weit am Fuße dieses natürlichen Hindernisses entlang und verschwand dann in einem schmalen, wie mit einer gewaltigen Axt in den Fels geschlagenen Engpaß, dessen Ende sich im düsteren Schatten verlor.

Das alles gefiel Siegfrid nicht. Aber schließlich schob er seine Bedenken zur Seite und trieb Grani energisch in den Spalt hinein. Zurück wollte er nicht, und gäbe es hier eine Gefahr, so hätte ihn Mime sicherlich gewarnt, sagte Siegfrid sich. Den Gedanken an einen Verrat verscheuchte er.

Der Berg schien vor ihm aufzuklaffen wie ein gewaltiges, steinernes Maul. Es dauerte eine Weile, bis sich Siegfrids Augen an das schattige, von düsterem Grau bestimmte Licht gewöhnt hatten, aber dann sah er, daß der Fels nicht so glatt und geschlossen war, wie es ihm im ersten Moment erschienen war. Überall klafften Spalten und finstere, mehr als mannshohe Höhlen in den Wänden. Fast gewaltsam mußte Siegfrid das Gefühl verdrängen, aus der Schwärze der Felsöffnungen heraus von gierigen Augen angestarrt und beobachtet zu werden.

Erst schwächer, dann immer lauter hörte Siegfrid ein Geräusch, ein helles, an- und abschwellendes Zischen wie das unterdrückte Atmen eines großen Lebewesens. Es

waren Laute, die er nie zuvor im Leben gehört hatte und die ihn schaudern ließen. Der üble Geruch, der ihm schon die ganze Zeit über aufgefallen war, schlug ihm nun wie ein Pesthauch entgegen und raubte ihm fast den Atem.

Der Hohlweg zog sich fast eine Viertel Wegstunde gerade dahin, stieg dann so jäh an, daß Siegfrid absitzen mußte, und knickte nach rechts ab. Als Siegfrid, Grani am Zügel, um die Biegung trat, tat sich vor ihm eine weite, an drei Seiten von finsterem grünem Wald umgebene Lichtung auf, in deren Mitte, flankiert von drei gewaltigen, rauchen den Kohlemeilern, die Hütte des Köhlers stand.

Siegfrid atmete erleichtert auf, rief einen schallenden Gruß zu der kleinen Hütte hinüber und machte sich mit einem gewaltigen Schritt daran, den Rest des Weges hinter sich zu bringen. Da stieg Grani kerzengerade in die Luft und riß Siegfrid zurück. Ein Stein kollerte auf die Lichtung und versank in dem schwarzen, ölig glänzenden Tümpel, den Siegfrid für festen Boden gehalten hatte.

Siegfrid prallte erschrocken zurück und beruhigte den aufgeregten Grani. Dann sah er sich aufmerksam nach allen Seiten um, bevor er ein zweites Mal an den Rand des Tümpels trat. Behutsam kniete er nieder, streckte die Hand nach dem schwarzen Wasser aus, berührte es dann aber doch nicht. Das rettete ihm das Leben, denn auf einmal teilte sich die ölige Brühe, und Siegfrid sah in das schrecklichste Gesicht, das er je gesehen hatte: Mit gefletschten Zähnen griff ihn ein halbverhungertes Drachenjunges an.

Siegfrid sprang rasch in die Felsenkluft zurück. Sein Herz begann

schneller zu schlagen, als er sah, wie das riesige, zornige Tier versuchte, aufs Ufer zu kriechen.

Nach einer Weile beruhigte sich das Ungeheuer und sank wieder unter die schwarze Oberfläche des Schlammtümpels, bis der Morast so trügerisch und glatt dalag wie zuvor; eine tödliche Falle für jeden, der unwissend des Weges kam und hineingeriet. Siegfrid zweifelte keinen Moment daran, daß nicht einmal seine gewaltige Kraft ausgereicht hätte, ihn aus diesem tödlichen Sumpf zu retten, sobald er einmal hineingestürzt wäre.

Weit vorsichtiger als beim erstenmal näherte er sich dem Tümpel und blickte über seine schwarze Oberfläche. Es gab einen schmalen, halb von Morast und fauligem Wasser bedeckten Weg, am Ufer entlang unterhalb der Felswand zur Hütte des Köhlers. Irgend etwas warnte Siegfrid davor, ihn zu benutzen, jetzt, da er die tödliche Gefahr kannte, die der Sumpf barg, aber der Weg bot die einzige Möglichkeit, das jenseitige Ufer zu erreichen. Hin und her gerissen zwischen Zorn und Vorsicht, entschloß sich Siegfrid, das Wagnis einzugehen, um nicht nach dem anstrengenden Tagesmarsch unverrichteter Dinge zur Schmiede zurückkehren zu müssen. Er saß auf, sprach ermunternd auf Grani ein und hieb dem Grauen schließlich fest in die Seiten. Das treue Pferd jagte auf den Pfad.

Der See begann zu brodeln, kaum daß Siegfrid ihn halb umrundet hatte. Wie von Sinnen stürzte der junge Drache auf Siegfrid los. Siegfrid, der sich insgeheim für seinen Leichtsinn verfluchte, der ihn ohne Schwert in dieses Abenteuer geführt hatte, brachte Grani mit einem energischen Ruck zum Stehen. Der große Hengst brach in die Hinterhand, hielt aber das Gleichgewicht. Wenige Meter vor dem schnaubenden Pferd wälzte sich die große, grünschillernde Kreatur auf den Weg und riß das gewaltige, mit messerscharfen Zähnen bewehrte Maul auf. Es stank nach Schwefel und Morast. Seine großen Reptilienaugen glühten, als es sich anschickte, Grani anzugreifen.

Siegfrid konnte sich auf sein Pferd verlassen. Er trieb ihm die Hacken in die Seiten, und, ohne zu zögern, sprang Grani nach vorn. Mit seinen eisernen Hufeisen überrannte er das Tier, das mit einem gräßlichen Aufschrei liegenblieb.

Siegfrid zügelte Grani und saß ab, um den sterbenden Drachen neugierig zu betrachten.

Der Angriff kam ebenso überraschend wie lautlos. Siegfrid spürte einen stechenden Schmerz. Er fiel gegen die Felswand in seinem Rücken und glitt auf dem vom hochgespritzten Morast schlüpfrig gewordenen Boden aus. Instinktiv riß er die Arme vor das Gesicht, als das zweite Drachenjunge abermals vorstieß. Sein riesiger, schuppiger Körper wand sich wie ein gieriger Krakenarm um seinen Leib und begann, ihn auf den schwarzen Morast hinüberzuziehen; langsam, aber mit einer Kraft, die selbst der seinen überlegen war.

Plötzlich erscholl hinter Siegfrid, der verzweifelt um sich schlug, ein lautes Brüllen, und mit einem Male fühlte er, wie die Klauen und Zähne, die sich tief in seine Haut gegraben hatten, verschwanden und die Bestie, die ihn gerade noch bei lebendigem Leibe zu zerreißen versucht hatte, floh.

Blind vor Schmerz und Erschöpfung, stemmte sich Siegfrid hoch. Etwas berührte ihn an der Schulter, und dann fühlte er sich von kräftigen Händen gepackt und in die Höhe gerissen. Fünf, zehn Schritte weit taumelte er vom Ufer des fürchterlichen Sumpfes fort, dann versagten seine Kräfte endgültig, und er sank ein zweites Mal auf die Knie.

Sein geheimnisvoller Retter gönnte ihm aber keine Pause, sondern zerrte ihn ungeduldig wieder auf die Füße. »Rasch!« rief er. »Ins Haus. Ich habe keine Lust, deinetwegen aufgefressen zu werden!«

Siegfrid gehorchte, obwohl er selbst nicht genau wußte, woher er noch die Kraft nahm, einen Fuß vor den anderen zu setzen und auf die Köhlerhütte zuzuwanken. Zum erstenmal in seinem Leben spürte er, was das Wort Erschöpfung bedeutete, so, wie er in diesen Augenblicken zum allerersten Mal gespürt hatte, was Furcht ist. Mit letzter Kraft erreichte er die kleine Hütte und wankte durch den Eingang. Gegen eine Wand gelehnt, blieb er schwer atmend stehen. Vor seinen Augen tanzten schwarze Kreise, und alles begann, sich um ihn herum zu drehen.

Der Köhler warf gehetzt die Tür hinter sich ins Schloß, legte mit fliegenden Fingern einen gewaltigen, eisenbeschlagenen Riegel vor und blickte einen Moment wie gebannt durch das kaum handbreit vergitterte Fenster daneben, ehe er sich zu Siegfrid umwandte und ihn mit einem ebenso ernsten wie besorgten Blick musterte:

»Alles in Ordnung?« fragte er dann und fügte gleich darauf beruhigend hinzu: »Hier bist du in Sicherheit.« Siegfrid schwindelte. Er versuchte zu antworten, aber selbst dazu fehlte ihm die Kraft, und er brachte nur ein ersticktes Keuchen heraus. Jetzt, da alles vorbei war, spürte er den Schrecken und die Kratzer und Bisse, die er davongetragen hatte, erst wirklich. Mit einem Male schien der Boden unter ihm zu schwanken und zu bocken wie ein störrisches Tier. Siegfrid taumelte nach vorne, griff Halt suchend um sich und wäre gestürzt, hätte ihn der Köhler nicht aufgefangen und mit festem Griff gehalten. In Siegfrids Mund breitete sich ein schlechter, saurer Geschmack aus. Er hörte, wie der Köhler etwas sagte, aber er verstand die Worte nicht, und plötzlich hatte er den Geschmack von Blut auf der Zunge und konnte seine Umgebung nur noch verschwommen, wie durch dichten Nebel sehen.

Der Köhler führte ihn behutsam zu einem Stuhl und trug die brennende Fackel, mit der er den Drachen vertrieben hatte und die er noch immer in der Rechten hielt, zum Kamin. Dann verließ er das Zimmer und kehrte wenig später mit einer Schüssel voller Verbandszeug und Salben zurück. Ohne auf Siegfrids – ohnehin nur sehr schwachen – Protest zu achten, zog er ihm das zerfetzte Gewand vom Leibe, säuberte ihn vom gröbsten Schmutz und reinigte anschließend seine Wunden, wobei er mit seinen schweren Händen alles andere als sanft zu Werke ging. Schließlich verband er die gröbsten Bisse und Kratzer, ging noch einmal fort und kam diesmal mit einer Schale zurück, in der sich eine dampfende, nach würzigen Kräutern riechende Flüssigkeit befand: »Trink«, sagte er, während er Siegfrid das hölzerne Gefäß an die Lippen setzte.

Siegfrid gehorchte, und obwohl der heiße, dickflüssige Sud seine aufgesprungenen Lippen noch stärker schmerzen ließ, tat die Wärme doch gut und vertrieb wenigstens die schlimmste Übelkeit aus seinem Leib. Er leerte die Schale bis zur Neige, reichte sie dem Köhler mit einem dankbaren Nicken zurück und besah sich seinen Retter zum erstenmal genauer.

Der Köhler war ein dunkelhaariger, sehr groß gewachsener Mann von schwerem Körperbau. Seine großen, überaus kräftigen Hände zeugten von der schweren Arbeit, mit der er sein Leben fristete. Sein Gesicht war nicht genau zu erkennen, was nicht nur an der schwachen Beleuchtung im Inneren der Hütte lag; Gesicht und Hände des Köhlers waren von so dunkler Farbe, daß sie beinahe schwarz aussahen, und es dauerte einen Moment, bis Siegfrid klar wurde, daß dies die Spuren der zahllosen Jahre waren, die der Köhler in Hitze und Rauch der Meiler zugebracht hatte.

Das schwarze, kurz geschnittene Haar, das wie eine Kappe am Schädel lag, verstärkte noch den Eindruck des Unheimlichen. Aber die Augen des Mannes blickten durchaus freundlich, und als er sah, daß Siegfrid allmählich wieder zu Kräften gelangte, stahl sich sogar ein flüchtiges Lächeln auf seine Lippen.

»Du brauchst keine Angst mehr zu haben«, sagte er. »Jetzt bist du in Sicherheit. Sie kommen niemals hierher.« Siegfrid nickte. »Ich … ich danke Euch für Eure Hilfe«, sagte er. »Ohne Euch wäre ich jetzt wohl tot.«

Der Köhler runzelte mit dem angedeuteten Nicken eines Mannes, dem Lob so unangenehm wie falsche Bescheidenheit war, die Stirn.

»Nur den wenigsten ist es bisher gelungen, den Ungeheuern zu entgehen«, sagte er. »Und es waren tapfere Männer darunter, weiß Gott.« Er seufzte, ließ sich auf einen Hocker auf der anderen Seite des Tisches sinken und bedachte Siegfrid erneut mit einem langen, diesmal aber eher neugierigen als besorgten Blick.

»Du bist ein kräftiger Bursche«, sagte er nach einer Weile. »Das Gift im See wirkt nicht tödlich, sondern lähmt deine Muskeln nur. Durch den Kräutertrank wird seine Wirkung in ein paar Stunden ganz verflogen sein. Auch deine Wunden sind nicht gefährlich. Aber du solltest dich ein paar Tage schonen, damit sie sich nicht entzünden und du das Wundfieber bekommst. Danach zeige ich dir den Weg zurück.« Er blinzelte. »Was suchst du überhaupt hier? Hat dich niemand vor dem Lindwurm gewarnt?«

»Mime schickt mich«, antwortete Siegfrid verwirrt. Nach einer kleinen Weile setzte er hinzu: »Was für ein Lindwurm?«

»Mime, der Schmied?« überging der Köhler Siegfrids Frage und runzelte abermals die Stirn. »Was, zum Teufel, ist in ihn gefahren, einen jungen Burschen wie dich auf diesem Wege hierher zu schicken? Und wieso schickt er überhaupt jemanden ausgerechnet zu mir?«

»Das … das verstehe ich auch nicht«, gestand Siegfrid stockend. Er bekam seine Stimmbänder allmählich wieder unter Kontrolle, so wie es ihm auch wieder gelang, halbwegs klar zu denken. »Er hat mir aufgetragen, Holzkohle zu holen, soviel ich tragen kann. Er sagte, Eure Kohle wäre die beste weit und breit.«

Der Mann mit dem schwarzen Gesicht schürzte zornig die Lippen. »Das mag wohl stimmen«, sagte er. »Aber nicht für Mime. Er weiß genau, daß ich ihm nichts verkaufe. Ich liebe dieses ganze verräterische Albenpack nicht und Mime schon gar nicht. Seit Jahren hat er nicht ein Pfund Kohle von mir bekommen. Und so wird es auch bleiben. Überdies«, fügte er hinzu, »wäre es wohl auch ziemlich dumm von ihm, die Kohlen für seine Schmiede zwei Tagesreisen weit herbeischleppen zu wollen, wo zwei der besten Köhler eigens in seinen Diensten stehen und ihre Meiler kaum eine Stunde von der Schmiede entfernt liegen.«

»Aber warum hat er mich dann geschickt?« fragte Siegfrid, in dem ein böser Verdacht aufkeimte.

Der Köhler blickte ihn einen Moment lang mit sehr ernstem Ausdruck an. »Kannst du dir das nicht denken?« fragte er dann leise.

Siegfrid begann, innerlich zu frieren. »Die … die Ungeheuer«, murmelte Siegfrid. »Ihr meint, er … er wollte, daß ich von ihnen …«

»… daß du von ihnen getötet wirst«, führte der Köhler den Satz zu Ende, als Siegfrid nicht weitersprach. »Ja, genau das denke ich.«

»Das glaube ich nicht!« widersprach Siegfrid mit mehr Überzeugung, als er in Wahrheit selbst empfand. »Mime und mein Vater sind seit langen Jahren gute Freunde, und selbst wenn sie es nicht wären, würde es nicht einmal Mime wagen, ihn so zu hintergehen.«

»Dein Vater? Wer ist er?«

»Siegmund«, antwortete Siegfrid. »Siegmund von Santen. Ich bin Siegfrid, sein Sohn.«

»Siegfrid …?« wiederholte der Köhler ungläubig. »Ihr seid Siegfrid von Santen?« Einen Moment lang starrte er ihn nur aus ungläubig aufgerissenen Augen an, und Siegfrid konnte sehen, wie sein Gesicht unter der Schicht von Ruß und Kohlenstaub alle Farbe verlor. Dann sprang er auf, trat hastig einen Schritt zurück und verbeugte sich tief.

»Herr!« keuchte er. »Verzeiht, daß ich Euch nicht gleich erkannt –«

»Laßt den Unsinn«, unterbrach ihn Siegfrid erstaunt. »Ihr habt mir das Leben gerettet, das gibt Euch mehr als nur das Recht, mich als einen Gleichgestellten zu behandeln. Setzt Euch wieder und erzählt mir lieber, was Ihr gerade über Mime sagen wolltet.«

Der Köhler zögerte, ließ sich dann aber wieder auf den Stuhl sinken. Seine kurzen, kräftigen Finger spielten nervös an der Tischkante.

»Ich … ich weiß nicht viel über ihn«, begann er stockend. »Wir hatten keinen Streit, wenn es das ist, was Ihr meint, Herr, aber er und ich gehen uns aus dem Weg, und der Himmel müßte herunterfallen, ehe ich ihm auch nur einen Brocken meiner Kohle verkaufe.«

»Und Ihr glaubt, er hat mich nur geschickt, damit ich in diesem Sumpf ums Leben komme?«

»Aus welchem Grund wohl sonst?« fragte der Köhler. »Jedenfalls bestimmt nicht wegen der Kohle.«

Siegfrid überlegte einen Moment, dann schüttelte er den Kopf. »Das glaube ich nicht«, sagte er noch einmal. Er klammerte sich an den Gedanken, daß es nicht so wäre, nicht, weil er es wirklich glaubte, sondern weil er es glauben wollte, und seine Worte waren weniger dazu gedacht, den Köhler zu überzeugen als vielmehr sich selbst. »Und auch wenn Mime mich wirklich hätte ins Verderben schicken wollen, so müßte er immer noch damit rechnen, daß ich davonkommen und ihn zur Verantwortung ziehen würde. Ihr sagtet selber, nicht alle, die herkommen, werden von den Ungeheuern verschlungen.«

»Von ihnen nicht«, pflichtete der Köhler bei. »Doch die beiden sind auch nur das kleinere Übel, und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie sind im Grunde nur Kinder. Wenn Ihr versuchen solltet, auf dem gleichen Wege zurückzukehren, würde Euch der Lindwurm töten, der in der Klamm haust.« Er hob den Arm und deutete in die Richtung, in der der Sumpf und die Felsspalte lagen. »Ich lebe seit langen Jahren hier, Herr, doch keiner ist diesem Ungeheuer entkommen.«

»Ich habe keinen Lindwurm gesehen«, antwortete Siegfrid.

Der Köhler lächelte, aber es wirkte nicht sehr humorvoll. »Das will ich meinen, Herr, sonst wärt auch Ihr schon nicht mehr am Leben«, sagte er. »Sie ist schlau, die Bestie. Ihre beiden Jungen hausen in dem Morast, in den Ihr beinahe geraten wäret, und wer des Weges kommt, vor dem verbirgt sie sich und läßt ihn unbeschadet vorbei, damit er in den Sumpf gerät und von ihrer Brut gefressen wird. Doch wer ihnen entkommt und versucht, auf dem gleichen Wege zurückzugehen, den tötet sie unbarmherzig.«

»Und Ihr?« Es hatte nicht lange gedauert, bis Siegfrid diese Unstimmigkeit in den Worten des Köhlers aufgefallen war. »Wieso lebt Ihr noch, wenn dieses Ungetüm wirklich so gefährlich ist? Wieso hat es Euch nicht längst getötet und verschlungen?«

»Das ist eine lange Geschichte, Herr«, antwortete der Köhler, abermals mit seinem sonderbaren, traurig wirkenden Lächeln. »Mit dem Lindwurm ist es wie mit Mime und mir – wir lieben uns nicht, aber wir haben auch keinen Streit, und solange sich der eine nicht in die Angelegenheiten des anderen mischt und wir uns gegenseitig aus dem Wege gehen, tun wir einander nichts. Ich betrete seine Klamm nicht, und er kommt nicht heraus aus seiner Höhle und hierher.« Er seufzt. »Ich weiß, was Ihr jetzt denkt, Herr.«

»So?« fragte Siegfrid düster. »Wißt Ihr das?«

»Ihr denkt an Kampf«, nickte der Köhler. »Ihr glaubt, ich wäre ein Feigling, hier zu sitzen und zuzusehen, wie gute Männer in den Tod laufen. Und Ihr überlegt, zurückzugehen und den Lindwurm und seine Brut zu erschlagen. Ihr seid nicht der erste, der so vor mir sitzt und diese Gedanken denkt, und ich sehe in Euren Augen, daß Ihr mich im Grunde verachtet.«

»Das stimmt nicht«, widersprach Siegfrid eine Spur zu schnell.

Aber der Köhler schüttelte nur seinen Kopf und fuhr fort: »Es stimmt. Ich weiß es, weil ich selbst schon oft die gleichen Gedanken gehabt habe. Aber glaubt mir – niemand ist dem Ungeheuer gewachsen. Ich würde getötet, würde ich es versuchen, und so bleibt es mir wenigstens, arglose Wanderer vor der Gefahr zu warnen, die im Sumpf lauert.«

»Die Gefahr ist jetzt nur noch halb so groß«, meinte Siegfrid. »Ein Junges ist tot.«

»Um so schlimmer!« rief der Köhler. »Jetzt hat der Drache nur noch ein Kind. Er wird noch gefährlicher werden. Ich beschwöre Euch, versucht nicht, ihn zu töten, Herr. Ihr würdet sterben, und dabei hat Euer Leben noch nicht einmal richtig begonnen.«

»Ich bin nicht irgendwer«, sagte Siegfrid mit seinem gewohnten Selbstbewußtsein.

Der Köhler lächelte. »Ich weiß, Herr«, sagte er. »Ihr seid Siegfrid von Santen, König Siegmunds Sohn. Selbst bis in meine Wälder ist die Kunde von Eurer Kraft und Eurem Mut gedrungen. Und doch würdet auch Ihr zugrunde gehen, würdet Ihr Euch dem Lindwurm stellen. Er ist ein Geschöpf aus Hels Totenreich, dem kein menschliches Wesen gewachsen ist, glaubt mir.«

Siegfrid wollte heftig widersprechen, aber dann dachte er an das bedrückende Gefühl, das er die ganze Zeit über gehabt hatte, während er durch den Wald und die Felsenschlucht geritten war, und an das Huschen und Schleichen, das er zu sehen geglaubt und als Einbildung abgetan hatte. Er dachte an Granis Nervosität, und ein rasches, eisiges Frösteln überlief ihn. Vielleicht hatte der Köhler nicht einmal so unrecht, überlegte er. Vielleicht war das, was er verspürt hatte, nichts als der Atem der Hölle gewesen, der den Lindwurm begleitete.

Aber er verspürte auch zugleich einen immer stärker werdenden Zorn auf Mime, der ihn in diese tödliche Falle hatte laufen lassen, ohne Waffen, ohne ein einziges Wort der Warnung. Siegfrids Miene verdüsterte sich, und als hätte der Köhler seine Gedanken gelesen, seufzte er abermals tief und senkte den Blick.

»Ich sehe, es ist zwecklos«, sagte er traurig. »Ihr seid wie alle, die kamen. Ihr glaubt, ein starker Arm und ein gerechter Zorn allein wären genug, den Lindwurm zu erschlagen. Aber das stimmt nicht.«

»Auch ein Geschöpf der Hölle kann getötet werden«, antwortete Siegfrid zornig. »Es lebt, und was lebt, das kann sterben.«

Diesmal antwortete der Köhler gar nicht mehr.

Nachdem Siegfrid Grani gefüttert und getränkt und ein wenig mit ihm geredet hatte, ging er wieder in die Hütte zurück.

Für lange Zeit saß er einfach da und starrte in die tanzenden Flammen des Feuers, und auch der Köhler, der mittlerweile an einen kleinen Herd getreten war und eine Mahlzeit für sie beide vorzubereiten begann, schwieg beharrlich und sah nicht einmal in seine Richtung. Siegfrid taten seine Worte beinahe schon wieder leid. »Der Köhler ist ein aufrechter Mann, und seine Warnungen sind ehrlich gemeint«, gab Siegfrid insgeheim zu. »Find ich habe bisher alles andere als eine gute Figur abgegeben. Ohne die Hilfe des Köhlers wäre ich nicht einmal dem Drachenjungen entkommen, und da bilde ich mir ein, den Lindwurm selbst erschlagen zu können, noch dazu ohne Waffe?«

Siegfrid mußte an den mächtigen, schleichenden Schatten denken, den er einmal gesehen hatte, und wieder überlief ihn ein eisiger, rascher Schauer.

Als er aufstehen und zum Fenster gehen wollte, fiel ihm auf, daß seine Hände noch immer voll von schwarzem Schlamm waren. Angeekelt wollte er seine Finger an der Hose sauberwischen. Es ging nicht. Der schwarze Morast, eingetrocknet und fest geworden, klebte wie Pech an seiner Haut.

»Was ist das?« Siegfrid drehte sich herum, hielt die Hände in die Höhe und sah den Köhler fragend an.

Der Mann blickte kurz von seinen Töpfen und Pfannen auf. »Pech, Herr«, antwortete er. »Der Sumpf ist voll kochendem Pech.«

»Pech?« wiederholte Siegfrid ungläubig. »Ihr … Ihr wollt sagen, dieser ganze See bestünde nicht aus Wasser, sondern aus geschmolzenem Pech

»Das so heiß ist wie die Hölle«, fügte der Köhler hinzu. »Und in dem das Junge des Lindwurmes lebt, weil sein Blut selbst so heiß ist wie brennender Teer.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Und Ihr glaubt immer noch, ihn erschlagen zu können, Herr?«

Siegfrid blickte abwechselnd den Köhler und seine besudelten Finger an. »Erschlagen«, murmelte er. Dann atmete er tief ein, hob die Arme und sagte lächelnd: »Erschlagen? Nein, Köhler, erschlagen wohl nicht. Aber vielleicht etwas anderes.«

»Was meint Ihr, Herr?« fragte der Köhler.

Aber Siegfrid antwortete nicht auf seine Frage, sondern drehte sich mit einem Ruck wieder zum Fenster und blickte hinaus auf den schwarzen See und den klaffenden Spalt im Fels. »Ich brauche Eure Hilfe, Köhler«, sagte er schließlich. »Und eine Axt. Die schärfste, die Ihr habt.«

Als die Sonne am nächsten Morgen über den Horizont kroch, hatten sich die Lichtung und der Teersumpf vollkommen verändert: Siegfrid hatte bis spät in die Nacht hinein gearbeitet. Die Zahl der Wege, die er zwischen dem Waldrand und dem Ufer des schwarzen Morastes zurückgelegt hatte, konnte er schon gar nicht mehr nennen. Die Axt, die ihm der Köhler gegeben hatte, war stumpf geworden von all den Ästen und Bäumen, die er geschlagen und gefällt hatte, aber die Anstrengungen hatten sich auch gelohnt, denn im gleichen Maße, in dem sich das Unterholz hinter der Köhlerhütte gelichtet hatte, war der halbkreisförmige Wall aus Reisig und trockenem Geäst, den Siegfrid rings um den Sumpf aufgehäuft hatte, gewachsen. Nun war er beinahe mannshoch, eine schräg nach innen geneigte Wand, die den Morast an drei Seiten umschloß. Ein auf den ersten Blick sinnlos erscheinendes Netz fester, miteinander verdrillter Hanfseile führte von der Reisigmauer zu einem Pflock, den Siegfrid ein Stück weit hinter dem See in den Boden geschlagen hatte.

Siegfrids Finger- und Zehenspitzen kribbelten vor Nervosität, als er sich mit dem ersten Licht des neuen Tages dem Sumpf näherte. Noch einmal überprüfte er das gemeinsam mit dem Köhler geschaffene Werk, denn immerhin würde sein Leben davon abhängen, daß alles so funktionierte, wie er sich das vorgestellt hatte. Er fand aber alles zu seiner Zufriedenheit. Siegfrid hatte keine Angst, aber die Warnungen des Köhlers klangen ihm noch frisch in den Ohren, und die Erinnerung an den gewaltigen kriechenden Schatten ließ ihn die Worte des Mannes ernster nehmen, als der Köhler vielleicht ahnen mochte. Siegfrids Hand spannte sich fest um den Stiel der gewaltigen, jetzt frisch geschärften Axt, und sein Blick tastete aufmerksam über den klaffenden Riß im Fels. Jenseits des dreieckigen Spaltes war nichts außer finsteren Schatten und der vagen Ahnung von Bewegung, aber er wußte nun, daß das Gefühl, angestarrt und aus finsteren, gierigen Augen belauert zu werden, nicht nur aus seiner Einbildung kam. Dort vorne war etwas. Er konnte die Nähe des Ungeheuers spüren, so deutlich wie einen üblen Geruch.

Zwei Schritte vor dem Ufer des Teersumpfes blieb er stehen, begutachtete auch hier noch einmal kritisch die Vorbereitungen und sah zur Hütte zurück. Der Köhler war aus der Tür getreten, ein scharfgeschliffenes Beil in der rechten und eine Pfanne mit glühenden Kohlen in der linken Hand, und obwohl er zu weit entfernt war, als daß Siegfrid sein Gesicht erkennen konnte, spürte er die Angst und Sorge in seinem Blick. Für einen Moment kamen ihm noch einmal Zweifel. Es war nicht nur sein Leben, mit dem er spielte – wenn er versagte und der Lindwurm ihn tötete, würde der Zorn des Ungeheuers auch den Köhler treffen.

Aber dann verscheuchte er diese Gedanken, packte seine Axt fester und, so laut er konnte, brüllte er: »Lindwurm! Komm heraus! Zeig dich, verfluchtes Höllengeschöpf! Komm her und sieh, was ich mit deiner Brut mache, wenn du zu feige bist, dich selbst zum Kampf zu stellen!«

Die Schatten bewegten sich stärker, und ein schleifendes Geräusch wurde laut, ein Ton, als scharrten eisenharte Schuppen über Felsen und Erde, dann ein Knirschen, als würden Steine unter gewaltigen horngepanzerten Pfoten zermalmt.

Siegfrid stieß die linke Hand in die Höhe, und hinter ihm löste sich der Köhler von seinem Platz und trat an den Klotz, an dem die Seile befestigt waren. Behutsam legte er seine Axt aus der Hand, trat an Siegfrids Seite und stellte die Pfanne mit den glühenden Kohlen zu Boden. Dann eilte er zum Klotz zurück, packte sein Beil mit beiden Händen und spreizte die Beine, um festen Stand zu haben.

»Wo bleibst du?« versuchte Siegfrid weiter, den Drachen zu reizen. »Hast du Angst, elendes Geschöpf? Angst vor einem einzelnen Mann?« Er bezweifelte, daß der Lindwurm seine Worte verstand; aber er war auf der anderen Seite sicher, daß er seine Stimme hörte und auf den aufreizenden Ton reagieren würde, denn ein Ungeheuer, das sich – wie der Köhler erzählt hatte – eine sichere Beute entgehen ließ, um sie seinen Jungen zukommen zu lassen, konnte schwerlich nur ein stumpfsinniges Tier sein. Nein, er spürte ganz genau, daß der Lindwurm da war. Und daß er ihn belauerte und ganz genau wußte, zu welchem Zweck dieser kleine verwundbare Mensch gekommen war.

Siegfrid war jetzt zum Kampf bereit. Er trat entschlossen an den Rand des Pechtümpels, hob einen Stein auf und warf ihn hinein.

Es dauerte nur Sekunden, dann erschien der geschuppte Kopf des letzten Drachenjungen. Gierig knurrend stürzte es auf Siegfrid zu. Als es nahe genug heran war, hob Siegfrid die Axt und erschlug es.

Da erklang aus der Felsspalte ein ungeheures Gebrüll, ein Schrei von solcher Urgewalt, daß der Boden bebte und sich der Wald zu ducken schien.

Und dann erschien der Lindwurm selbst.

Wie ein Dämon, den ein böser Traum ausgespien hatte, tauchte er zwischen den Felsen auf, ein Gigant, grüngeschuppt und sich windend wie eine Schlange, so groß, daß Siegfrid trotz allem für die Dauer eines Herzschlages vor Schrecken erstarrte und reglos dastand, unfähig, irgend etwas anderes zu empfinden als Schrecken und ein namenloses, bis auf den Grund seiner Seele reichendes Entsetzen. Er kam sich lächerlich und hilflos vor. Ein Zwerg war er, der einen Riesen gereizt und zu spät gemerkt hatte, welchem Gegner er gegenüberstand. Der Lindwurm war groß, ungeheuer groß. Wohin er seine Krallen setzte, da barst der Felsen auseinander, und seine Augen waren wie lodernde Abgründe voller schwarzem Feuer, die ihn bannten und jedes bißchen Leben und Wärme aus ihm herauszusaugen schienen.

»Siegfrid! Gib acht!«

Der Schrei des Köhlers brach den Bann, in den der Blick des Ungeheuers Siegfrid geschlagen hatte. Entsetzt keuchend sprang Siegfrid zurück, riß in einer ebenso instinktiven wie sinnlosen Geste die Axt in die Höhe und versetzte der Kohlenpfanne einen Tritt, daß sie über den See flog und ihre glühende Last über seine schwarze Oberfläche verteilte.

Der Lindwurm warf mit einem abermaligen wütenden Brüllen den mächtigen Kopf in den Nacken, spreizte seine verkrüppelten kleinen Schwingen und schlug mit dem geschuppten Schwanz gegen den Felsen, daß der Stein wie unter einem Hammerschlag barst.

Mit einer Geschwindigkeit, die Siegfrid bei einem Wesen seiner Größe geradezu aberwitzig erschien, bäumte er sich auf und verließ seine Deckung.

Noch hatten die glühenden Kohlen den See nicht vollends berührt, da klatschte der Drache schon in den schwarzen Sumpf und jagte, mit dem Schwanz peitschend, auf Siegfrid zu.

Die Zeit schien stehenzubleiben.

Siegfrids Herz machte einen schmerzhaften Sprung, als er sah, wie die Kohlen den See berührten und der schwarze Morast ihr Feuer erstickte, während der Lindwurm, noch immer brüllend und in rasendem Zorn, schon beinahe die Hälfte des Tümpels überwunden hatte. Siegfrid wollte davonlaufen, aber sein Fuß verfing sich in einem Teil der Reisigwand; er strauchelte, fiel nach hinten und blieb halb benommen liegen.

Dann sah er, wie eine der Kohlen das Reisig berührte und es in Flammen setzte. Mit einem Schlag, als breche ein Berg auseinander, fing das trockene Holz Feuer und flog nach allen Seiten, Flammen und brennende Äste und kleine weißglühende Funken weit über den Tümpel verstreuend. Der ganze Sumpf schien wie unter einem unheimlichen inneren Feuer aufzuglühen. Flammen schossen in die Höhe, versengten alles, was sie berührten, und rasten auf kleinen weißglühenden Füßchen nach allen Seiten. Dann hob sich der Boden wie unter einem Stoß, und ein Geysir aus brennendem Teer zerfetzte den See und setzte vollends in Brand, was dem Feuer bisher entronnen war.

Siegfrid sprang in die Höhe, als die Hitze seine Haut wie eine unsichtbare glühende Hand traf. Plötzlich schien sich die Luft in seiner Kehle in flüssiges Feuer zu verwandeln.

Ein ungeheures, gleichermaßen wütendes wie peinerfülltes Brüllen übertönte das Krachen und Zischen der Flammen, und aus der Feuerwand wuchs ein gigantischer, in einen Mantel aus weißglühenden Flammen gehüllter Umriß empor – größer und wilder als alles, was Siegfrid je zuvor erblickt hatte.

Siegfrid schrie wie von Sinnen, stolperte zurück. Aber der Lindwurm folgte ihm, lichterloh brennend und getrieben von dem Impuls, das Wesen, das ihm diesen schrecklichen Schmerz zugefügt hatte, noch zu vernichten, ehe er starb. Seine gewaltige Tatze schlug auf Siegfrid herab, verfehlte ihn knapp und riß einen fußtiefen Graben in den Boden. Die Flammen, die den Giganten einhüllten, streiften Siegfrid wie ein feuriger Hauch, versengten seine Schulter und sein Gesicht und schleuderten ihn zu Boden.

Siegfrid ächzte vor Schmerz, wälzte sich blindlings herum und spürte, wie die Erde unter einem neuerlichen Prankenhieb des brennenden Kolosses erbebte. Blind vor Schmerz und Furcht, federte Siegfrid auf die Beine, sah das riesige geschuppte Maul des Drachen über sich aufklaffen. Er schlug mit der Axt zu. Der Lindwurm bäumte sich auf, seine Pranken zischten in irrer Qual durch die Luft und schleuderten Siegfrid abermals zu Boden. Ein dicker, glühendheißer Strahl schwarzen Drachenblutes schoß aus der klaffenden Wunde und besudelte Siegfrid.

So rasch er konnte, kroch Siegfrid zurück, stemmte sich auf die Füße und hob seine Axt, bereit, bis zum letzten Atemzug um sein Leben zu kämpfen.

Aber der Lindwurm griff nicht noch einmal an. Für die Dauer von zwei, drei schier endlos erscheinenden Herzschlägen stand er noch halb über Siegfrid gebeugt da, dann drang ein tiefes Stöhnen aus seiner Brust, und das gigantische Geschöpf fiel wie ein gefällter Baum zur Seite und blieb reglos liegen.

Siegfrid wankte vor Erschöpfung. Sein Gesicht und die Schultern, die vom Feuer verbrannt waren, schmerzten unerträglich, und mit einem Male schien die Axt in seinen Händen Zentner zu wiegen. Er konnte sich nur noch mit Mühe auf den Füßen halten, aber noch befand er sich zu nahe am Feuer, um in Sicherheit zu sein. Taumelnd wich er ein paar Schritte vor dem toten Lindwurm zurück, ließ das Beil fallen und sank erschöpft auf die Knie. Irgendwo hinter ihm, jenseits der Mauer aus hellem Licht und wabernder Hitze, die die Lichtung teilte, begann der Köhler zu gestikulieren und zu rufen, aber Siegfrid verstand seine Worte nicht, und wenn, hätte er nicht mehr die Kraft gehabt, darauf zu reagieren.

Minutenlang blieb er einfach so, rang keuchend nach Atem und wartete, daß sein Herz aufhörte, so schnell und hart zu hämmern, als wolle es zerspringen. Zum zweitenmal in seinem Leben war er dem Tod nur um Haaresbreite entronnen, und zum zweitenmal innerhalb nur weniger Stunden hatte er mit schmerzhafter Deutlichkeit gespürt, daß auch seinen Kräften Grenzen gesetzt waren. Müde hob er schließlich die Hände und wischte angeekelt das Drachenblut aus seinem Gesicht. Er bekam es aber nicht ganz herunter, denn es klebte wie zähes Pech, und zu allem Überfluß gerieten dabei auch noch einige Tropfen auf seine Lippen und erfüllten seinen Mund mit einem Geschmack, der ihm Übelkeit bereitete. In seinen Ohren war mit einem Male ein dumpfes Raunen und Wispern, als höre er das Flüstern zahlloser, weit entfernter Stimmen, ohne die einzelnen Worte verstehen zu können. Die ganze Lichtung begann, sich um ihn herum zu drehen.

Endlich, nach Ewigkeiten, wie es ihm vorkam, fand er in seinem geschundenen Körper wieder soviel Kraft, sich aufzurichten und auf den Köhler zuzutaumeln.

Der stand noch immer hinter dem gespaltenen Hauklotz, und sein Gesicht war eine einzige Maske des Entsetzens. Siegfrid fiel auf die Knie, als er neben ihm angelangt war, aber nicht einmal da rührte er sich, sondern er blieb weiter stocksteif stehen und starrte aus ungläubig aufgerissenen Augen abwechselnd auf Siegfrid, den brennenden Sumpf und den toten Lindwurm herab, als weigere sich sein Verstand zu glauben, was seine Augen sahen.

»Ihr habt ihn erschlagen«, stammelte er immer und immer wieder. »Bei Gott, Ihr … Ihr habt wirklich den Lindwurm erschlagen!«

»Aber es wird ein neuer kommen«, fügte eine helle Stimme hinzu.

Siegfrid sah auf, blickte den Köhler verwirrt an und fragte: »Was habt Ihr gesagt?«

»Daß Ihr ihn erschlagen habt«, antwortete der Köhler. »Es ist unmöglich, aber Ihr habt es getan!«

»Das meine ich nicht«, antwortete Siegfrid. »Ihr habt gesagt, es wird ein neuer kommen.«

Der Köhler starrte ihn an. »Das habe ich nicht«, wehrte er ab.

»Aber natürlich habt Ihr das!« sagte Siegfrid. »Ich habe es deutlich gehört. Wenn Ihr Euch einen Spaß mit mir machen wollt, habt Ihr den falschen Moment gewählt!«

»Siehst du?« fuhr die helle Stimme fort. »Sie wissen nichts. Da haben sie ihn erschlagen und beginnen schon, sich zu streiten.«

Siegfrid stand auf, blickte den Köhler einen Atemzug lang mißtrauisch an und drehte sich herum. Die Lichtung war leer; der Köhler und er waren die einzigen Menschen weit und breit, vermutlich im Umkreis einer Tagesreise. Und doch war er vollkommen sicher, die Stimme gehört zu haben!

»Du hast recht, Rothals«, antwortete eine andere, etwas tiefere – aber trotzdem noch immer sehr helle – Stimme. »Sie sind so unwissend, wie sie groß sind. Da riskieren sie das bißchen Leben, um das sie sonst so verzweifelt kämpfen, nur um den Wurm zu erschlagen.«

»Damit ein neuer und noch schlimmerer kommt und seine Stelle einnimmt«, fügte die andere Stimme hinzu. »So ist es immer. Aber das lernen sie nie.«

Siegfrid begann langsam, aber ernsthaft, an seinem Verstand zu zweifeln. Er war mit dem Köhler allein, und trotzdem hörte er die Stimmen so deutlich, als stünden die Sprecher hinter ihm. Oder über ihm.

Er warf den Kopf in den Nacken und starrte nach oben. Und im gleichen Moment sah er, wer sich dort unterhielt!

In den Ästen eines Baumes, dessen Krone ein gutes Stück in die Lichtung hineinragte, saßen ein Spatz und ein Rotkehlchen und äugten mit ihren blanken Knopfaugen neugierig auf den Köhler und ihn herab, aber ihre Stimmen – für alle anderen Menschen nichts als ein Pfeifen und Tschilpen – waren für ihn so deutlich zu verstehen, als unterhielten sich dort oben zwei Menschen!

Und da hörte er auch wieder das Raunen und Flüstern aus den Tiefen des Waldes, das Geräusch, das die ganze Zeit in seinen Ohren gewesen und das er für Zeichen seiner Erschöpfung gehalten hatte. Er hatte begonnen, die Sprache der Tiere im Wald zu verstehen!

Einige Herzschläge lang weigerte sich sein Verstand schlichtweg, das Offensichtliche und doch zugleich Unmögliche zu glauben. Fassungslos suchte er nach einer Erklärung, und dann begriff er: Das Wunder war im gleichen Moment geschehen, in dem das Blut des Lindwurmes seine Lippen benetzt hatte!

»Schau ihn dir an, Rothals«, sagte der Spatz spöttisch. »Da steht er und glotzt und weiß nicht einmal, daß alles, was er getan hat, umsonst gewesen ist, denn der größte Schatz des Wurmes versickert im Boden, ohne daß er ihn zu nutzen wüßte.«

»So ist es immer«, pflichtete das Rotkehlchen bei. »Sie versuchen, die Drachen zu erschlagen, und manchmal gelingt es ihnen sogar. Aber das Blut, das sie gegen Schwert und Pfeil feien würde, lassen sie nutzlos versickern.«

»Was kümmert es uns?« tschilpte der Spatz. »Sie sind unverbesserlich, diese Menschen. Laß ihn doch sein Glück verschenken. Was meinst du, Vetter? Suchen wir uns ein paar fette Würmer?«

Das Rotkehlchen pfiff eine Zustimmung, und die beiden winzigen Tiere erhoben sich von ihrem Sitz und flogen davon.

Siegfrid starrte ihnen fassungslos nach. Sekundenlang fragte er sich allen Ernstes, ob er vielleicht in Wahrheit in der Hütte des Köhlers lag, zu Tode verwundet und fiebernd. Aber dann spürte er, daß sich alles ganz genau so abspielte, wie er es hörte und sah.

Er drehte sich um und blickte zu dem toten Lindwurm zurück. Der Kadaver brannte noch immer, aber die Flammen waren kleiner geworden, und schwarze fettige Rauchwolken begannen das helle Rot des Feuers zu verdunkeln. Ohne auf die verwirrten Blicke des Köhlers zu achten, ging er zu dem toten Ungeheuer zurück, umrundete es und kniete neben der dunklen Blutlache nieder.

Der Köhler folgte ihm, blieb jedoch in respektvollem Abstand stehen und begann, die Hände zu ringen.

»Was … was tut Ihr, Herr?« stammelte er. »Seid vorsichtig, ich flehe Euch an! Drachenblut ist giftig wie die Hölle!«

Siegfrid hörte seine Worte gar nicht. Vorsichtig beugte er sich vor, streckte den Arm aus und tauchte die rechte Hand bis zum Gelenk in das Drachenblut. Der Köhler machte einen halben Schritt auf ihn zu und erstarrte, ohne die Bewegung zu Ende zu führen.

Das Blut des Lindwurms war heiß wie siedendes Öl, aber der Schmerz, der Siegfrid im ersten Moment die Tränen in die Augen trieb, erlosch beinahe ebenso rasch, wie er gekommen war, und statt dessen machte sich ein Gefühl der Stärke und Festigkeit in seiner Hand breit.

Der Köhler schrie auf, als wäre ihm ein Dolch in den Leib gestoßen worden. »Seid Ihr von Sinnen?« kreischte er. »Ihr bringt Euch ja um! Was tut Ihr?!«

Siegfrid beachtete ihn jetzt gar nicht. Langsam zog er den Arm wieder zurück, hob seine Hand vor die Augen und bewegte die Finger.

Wo das Drachenblut seine Haut berührt hatte, war sie fest und zugleich geschmeidig wie frisch eingefettetes Leder geworden. Gleichzeitig hatten sich die Kratzer und kleinen Wunden, die er davongetragen hatte, geschlossen, und auch jeglicher Schmerz war verschwunden.

Probehalber strich Siegfrid mit den Fingern über die in das Drachenblut getauchte Hand. Er versuchte sie mit dem Fingernagel zu ritzen, aber auch als er ein Stückchen Haut zwischen die Zähne nahm und kräftig zubiß, vermochte er sie nicht zu durchdringen, und er spürte auch keinen Schmerz.

Immer noch nicht vollends überzeugt, nahm er die Axt wieder auf und strich mit einem Finger über die Schneide, zuerst vorsichtig, schließlich so fest und schnell er nur konnte. Trotzdem vermochte der scharfgeschliffene Stahl seiner Haut nicht einmal einen Kratzer zuzufügen.

Noch einmal zögerte Siegfrid, dann beugte er sich vor, schöpfte das glühendheiße Drachenblut mit beiden Händen und begann, sich am ganzen Leib damit einzureiben.

»Ihr bringt Euch um!« jammerte der Köhler in wachsender Verzweiflung, doch auch diesmal beachtete Siegfrid sein Gezeter nicht. Mit zusammengebissenen Zähnen, um nicht vor Schmerz aufzustöhnen, rieb er sich das glühende Drachenblut überall in die Haut, so schnell und sorgfältig, wie er nur konnte. Nur eine kleine Stelle zwischen seinen Schulterblättern, die er nicht mit den Händen erreichen konnte, kaum so groß wie ein Lindenblatt, blieb ohne das Blut des Lindwurms.

Ein wärmendes Gefühl der Kraft durchströmte ihn, als er fertig war. Schmerz und Müdigkeit waren aus seinem Körper gewichen, und er verspürte eine Stärke und Ruhe wie niemals zuvor in seinem Leben. Das Drachenblut zog rasch und so gründlich in seine Haut ein, daß von seiner schwarzen Farbe schließlich nichts mehr zu sehen war.

Das Gesicht des Köhlers war kreidebleich vor Schreck, als Siegfrid endlich aufstand und sich wieder zu ihm umwandte. Sein Blick begann zu flackern, als er an Siegfrids Gestalt herabsah und nicht mehr die kleinste Wunde auf seiner Haut gewahrte.

Siegfrid lächelte, als ihm klar wurde, daß es nun wahrscheinlich der Köhler war, der an seinem klaren Verstand zweifelte. Noch vor Augenblicken hatte er einem Mann gegenübergestanden, der aus zahllosen Wunden geblutet hatte und dessen Gesicht und Hände übel verbrannt waren. Und jetzt …

»Erschreckt nicht«, sagte Siegfrid, als sein Gegenüber vor Angst einen Schritt zurückstolperte.

»Das … das ist Zauberei!« krächzte der Köhler. Seine Stimme versagte beinahe. »Das ist Hexenwerk!«

»Es ist keines von beiden, mein Freund«, sagte Siegfrid sanft. »Es ist das Blut des Drachen, das mich stark und unverwundbar macht. Keine Zauberei. Oder wenn, dann eine, vor der Ihr Euch nicht zu fürchten braucht. Ihr braucht überhaupt nie wieder Angst zu haben, Köhler«, fügte er mit einem freundlichen Lächeln hinzu. »Der Lindwurm ist tot. Von heute an werden wieder Menschen in diese Wälder kommen können, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen.«

Der Köhler sagte kein Wort, aber in seinen Augen war ein neuer Ausdruck erschienen, etwas wie Angst.

»Laßt uns zur Hütte zurückgehen«, überging Siegfrid die Situation. »Wir haben einen Sieg zu feiern. Und vielleicht bereitet Ihr mir noch eine Schale Eurer vorzüglichen Suppe, bevor ich gehe.«

»Ihr wollt fort?« brachte der Köhler jetzt hervor.

Siegfrid nickte. »Der Lindwurm ist tot. Es gibt keinen Grund mehr für mich, zu bleiben.«

»Wohin … wohin wollt Ihr gehen?« fragte der Köhler stockend. Seine Augen waren noch immer rund vor Schrecken, aber er fand seine Fassung jetzt doch wieder. »Zurück nach Santen und zu Euren Eltern?«

Siegfrid überlegte einen Moment, dann schüttelte er den Kopf. »Nein«, sagte er. »Mein Vater hat mich fortgeschickt, damit ich mich bewähre und ein Mann werde, aber die Welt ist so groß, und die Arbeit in einer Schmiede ist nichts für mich.«

»Und Mime?« fragte der Köhler. »Er hat versucht, Euch zu töten, Herr. Wollt Ihr ihn ungeschoren davonkommen lassen?«

Siegfrid nickte, lächelte flüchtig und schüttelte gleich darauf den Kopf. »Er wird seine Strafe bekommen, wenn mein Vater erfährt, was er getan hat«, antwortete er. »Ich trage ihm nichts nach. Immerhin«, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu, »hat er es mir ermöglicht, einen Drachen zu erschlagen.«

»Er wird keine Ruhe geben«, sagte der Köhler ernst. »Glaubt mir, Herr – ich kenne diese Alben. Sie sind ein verschlagenes Volk. «

Siegfrid lachte. »Laß gut sein, Freund«, sagte er. »Soll Mime ruhig seine Ränke spinnen. Ich für meinen Teil werde in die Welt ziehen und mir Abenteuer suchen, die eines Königssohnes angemessener sind als der Streit mit einem Zwerg. Ich habe einen Drachen erschlagen, Köhler, welche Gefahr auf der Welt sollte ich wohl noch fürchten?«

Der Köhler blickte ihn an, und nach einer Weile stahl sich ein schwaches, halb von Furcht durchwobenes Lächeln auf seine dunklen Züge.

Aber er schwieg zu diesen Worten. Fast, als würde er ahnen, daß das Leben noch so manche Überraschung für Siegfrid von Santen bereithalten würde.

Kapitel 3
Niblung und Schilbung

Es schneite seit zwei Tagen, und der Weg, auf dem Siegfrid durch den dunklen Wald ritt, war mittlerweile unter einer weißen trügerischen Schicht versunken, auf der Grani immer wieder ausrutschte und zu stolpern drohte.

Der Wald, durch den die beiden sich kämpften, atmete Kälte und Dunkelheit, und als Siegfrid versehentlich mit dem Kopf gegen einen tief herabhängenden Ast stieß, rieselte es ihm kalt und weiß in den Nacken. Siegfrid fluchte und kratzte sich den Schnee aus dem Kragen.

Er fror, und ganz von selbst wanderten seine Gedanken zu dem verwunschenen Land der Nibelungen, in das er an einem ähnlichen Tag geraten war.

Die Burg war damals wie ein Schatten über den weiß überzuckerten Wipfeln der Bäume erschienen; groß, trutzig und schwer, die mächtigen Wände aus grauem Fels im Sonnenlicht schimmernd, als wären sie lackiert. Lim die goldglänzend überdachten Türme und Zinnen hatten Nebelfetzen gespielt, die wie rauchige, blasse Finger aus dem Wald stiegen und in der wärmenden Sonne dahinschmolzen. Hinter den rechteckigen Zinnen hatte das dunkle Rot von Wachfeuern geleuchtet, die das Versprechen von Wärme und einem weichen Lager mit sich brachten; beides hatte Siegfrid in den letzten Tagen mehr als schmerzlich vermißt.

Trotzdem hatte Siegfrid Grani im Schutz des Waldrands verhalten. Doch sein knurrender Magen und Granis rasche, erschöpfte Atemzüge hatten seine Zweifel zwar nicht zum Schweigen gebracht, aber doch klein und unwirklich erscheinen lassen.

Der Empfang in der Burg war überraschend herzlich gewesen – der Burgherr, König Niblung, war erschienen, um den weitgereisten Gast, dessen Name und Ruf auch in sein Land gedrungen waren, persönlich zu begrüßen.

Noch heute konnte sich Siegfrid deutlich daran erinnern, wie sehr ihn die hohe, stolze Gestalt des alten Königs beeindruckt hatte. Als er schließlich zufrieden und mit einem wohlgefüllten Bauch im warmen Bett gelegen hatte, war er drauf und dran, sich wegen seiner Zweifel als altes Waschweib zu beschimpfen. Aber dann waren ihm wieder die Augen des Nibelungen eingefallen, die ihm hohl und leer erschienen waren.

Für einen Augenblick kehrte die Erinnerung an das prachtvolle Gemach, in dem er übernachtet hatte, so deutlich zurück, daß er fast wünschte, wieder in der Burg zu sein. Doch während er seinen Reitmantel fester um sich schlang, lächelte er grimmig in Erinnerung an das, was dann am nächsten Morgen geschehen war: Es war allemal besser, hier durch den finsteren Wald zu reiten, als in eine teuflische Falle zu geraten, mochte sie noch so bequem sein.

Niblung hatte Siegfrid nach dem Frühstück zu einem Rundgang durch die Burg eingeladen, und während sie in scheinbar bestem Einvernehmen durch die hohen, mit Landschaften bunt bemalten Säle gegangen waren, überlief Siegfrid mit einemmal ein eiskalter Schauer, als ihm klar wurde, woher das Gefühl einer Bedrohung kam, das ihm zunehmend den Atem raubte: Er hörte bei jedem Schritt nur den Klang seiner eigenen Füße. Lautlos wie ein Schatten schritt der Nibelunge über den Steinboden.

Noch ehe sich Siegfrid von diesem Schreck erholt hatte, kamen sie an einem Spiegel vorbei, und als Siegfrid in der hellpolierten Oberfläche nur sich selbst sah, blieb ihm fast das Herz stehen.

Noch bei der bloßen Erinnerung an diesen Moment durchfuhr Siegfrid ein heißer Schrecken. »Dummkopf«, wies er sich selbst zurecht. Das waren keine Gedanken, die einen Ritt durch einen schier endlosen und menschenleeren Wald erträglicher machten. Siegfrid betrachtete Granis festen Nacken, das Zittern der Mähne und das Spiel der grauen Ohren seines Pferdes und war froh, nicht ganz allein zu sein. Er klopfte Grani auf die Schulter. Der schien sich über die unerwartete Geste zu freuen, schnaubte ein wenig und schritt schneller aus.

Eine ganze Weile hielt Siegfrid den Blick konzentriert auf den verschneiten Weg gerichtet, doch dann kehrten seine Gedanken von ganz allein wieder in die Burg des Nibelungen zurück.

Noch während Siegfrid fassungslos in den Spiegel gestarrt hatte, war der König an ein Fenster getreten und hatte Siegfrid gebeten, hinauszuschauen.

Siegfrid hätte selbst nicht sagen können, was er erwartet hatte, aber das, was er sah, hatte ihm die Sprache verschlagen. Dort, wo am Tag zuvor noch eisige Kälte und Frost geherrscht hatten, sah er ein blühendes Land vor sich: Warme, würzige Luft floß zum Fenster herein. Die Felder waren frisch bestellt und leuchteten in den Farben des Sommers. Flüsse, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte, zogen durch die Auen. Auch die Stille war wie weggeblasen. Im Burghof unten war eine Schar zufrieden aussehender Bediensteter tätig – es war ein stetes Kommen und Gehen von hochbeladenen Fuhrwerken, die Waren und Güter nicht nur aus der Umgebung, sondern auch von weit her zu bringen schienen. Siegfrid warf einen staunenden Blick auf die Pracht, dann fuhr er keuchend vom Fenster zurück: »Das ist Zauberei!« rief er.

»Ja«, bestätigte Niblung. »Ich bin ein Zauberer, einer der beiden mächtigsten auf dieser Welt.«

Ohne auf Siegfrids Entsetzen zu achten, fuhr er fort: »Und der andere ist nicht weit von hier. Ich bringe Euch zu ihm.«

Fast gegen seinen Willen war Siegfrid dem Mann gefolgt, der ihn tiefer und tiefer in die Gewölbe der Burg gebracht hatte.

Schließlich hatten die beiden einen hohen, unterirdischen Saal erreicht. Zum zweitenmal innerhalb kurzer Zeit hatte sich Siegfrid einem Anblick gegenübergesehen, dem er nicht gewachsen zu sein schien. Es war nicht der Mann, der inmitten des Raums stand und haargenau so aussah wie Niblung – es waren die Schätze, die in dem weiten Gewölbe lagen. Fast bis zur Decke reichten die Berge von weißen, grauen und rosa Perlen. Goldmünzen bedeckten den Boden kniehoch, aus Truhen quollen Schmuckstücke, lagen achtlos auf dem Boden verstreut, und überall stapelten sich Ballen aus feiner Seide und golddurchwirktem Brokat.

»Das ist mein Bruder Schilbung. « So hatte Niblung Siegfrid aus dem Staunen gerissen, und zu seinem Bruder gewendet war er fortgefahren: »Das ist Siegfrid von Santen. Er wird jetzt den Schatz teilen.«

»Den Schatz teilen?« Siegfrid hatte nun überhaupt nichts mehr verstanden. Statt einer Antwort hatte Niblung Siegfried zu einer feinen Federwaage geführt und befohlen: »Fang an!«

Plötzlich war Niblung Siegfrid sehr lebendig erschienen, vor allem das gierige Glitzern in seinen Augen war echt. Ebenso echt wie der Haß in Schilbungs Augen: »Nie kann dieser hergelaufene Bengel den Schatz teilen. Er wird genauso scheitern wie alle anderen vor ihm.«

Siegfrid hatte sich bemüht, den Schatz gerecht zu teilen. Eine, zwei, drei Stunden lang hatte er versucht, auch nur zwei Dinge zu finden, die den Brüdern gleichwertig erschienen waren. Die Stimmung war immer feindseliger geworden, und dann war über eine rote und eine grüne Brosche der Streit entbrannt.

Siegfrid war wütend geworden, und hatte schließlich die beiden Broschen mit einer zornigen Handbewegung weit in den Raum hinein geschleudert.

Als er sich wieder zu Schilbung und Niblung umgedreht hatte, war er zwei bis an die Zähne bewaffneten Männern gegenübergestanden, die ohne Warnung angriffen.

»Wahrscheinlich wäre ich tatsächlich in der unterirdischen Schatzkammer gestorben, wenn ich nicht den Andwaranat und das Balmung gefunden hätte«, dachte Siegfrid, als seine Gedanken plötzlich wieder ganz in die Gegenwart zurückkehrten.

Er zügelte Grani und brauchte eine Weile, um zu verstehen, was geschehen war.

Die Landschaft hatte sich verändert. Er war am Fuß der Berge angekommen.

Kapitel 4
Alberich, der Zwergenkönig

Eigentlich waren es keine richtigen Berge, sondern nur eine Ansammlung turmhoher, nahezu lotrecht aus dem steinhart gefrorenen Boden aufwachsender Felsen, zerklüftet und zerrissen und von einem glitzernden Panzer aus Eis überzogen. Aber sie versprachen, wenn schon keine Wärme, so doch wenigstens für eine Nacht Schutz vor dem Wind, und obwohl bis zum Sonnenuntergang noch zwei oder drei Stunden vergehen mochten, beschloß Siegfrid, die Nacht hier zu verbringen. Und wahrscheinlich wäre er ohnehin nicht sehr viel weiter gekommen, denn auch Grani war mittlerweile an den Grenzen seiner Kraft angelangt und schleppte sich nur noch mühsam dahin.

Als er auf der Suche nach einer windgeschützten Stelle um die Felsen ritt, sah er den Spalt. Er war kaum größer als ein Mann und dreieckig, als wären zwei mächtige Felsspalten gegeneinandergestürzt, und doch erschien ihm der finstere Riß im Fels in diesem Moment wie das Tor zum Himmel, denn eine Höhle – das hieß Schutz vor dem heraufziehenden Sturm und vielleicht ein wenig Wärme, wenn es ihm gelingen sollte, ein Feuer zu entfachen.

Erschöpft stieg Siegfrid aus dem Sattel, schlug seinen Mantel zurück und trat gebückt in den Berg hinein. Im ersten Moment sah er nichts, denn seine Augen waren an das helle, vom grell funkelnden Schnee noch verstärkte Licht der Sonne gewöhnt, aber seine Schritte erzeugten gebrochene, klackende Echos irgendwo in der Dunkelheit vor ihm, und die Luft, die ihm entgegenschlug, war warm.

Siegfrid blieb einen Moment stehen und wartete, bis sich seine Augen an die hier drinnen herrschende Dunkelheit gewöhnt hatten, bevor er weiterging. Es war möglich, daß diese Höhle einem wilden Tier als Unterschlupf diente, und er wollte kein unnötiges Risiko eingehen.

Seine Hand senkte sich auf den Griff des Balmung, ohne daß er sich der Bewegung recht bewußt wurde, und fast genauso unmerklich spannte er sich. Schritt für Schritt glitt er tiefer ins Innere des Berges.

Es war warm und dunkel hier drinnen, und soweit er es erkennen konnte, war die Höhle vollkommen leer. Und doch wuchs mit jeder Sekunde das Gefühl, beobachtet zu werden. Es war ihm, als starrten unsichtbare Augen auf ihn herab, als lauschten unsichtbare Ohren auf jeden seiner Schritte, als spannten sich unsichtbare Raubtiere zum Sprung …

Siegfrid versuchte, diese Gefühle zu verscheuchen, aber es ging nicht. Langsam – und sehr gründlich – durchsuchte er die Höhle von einem Ende zum anderen, aber alles, was er fand, war ein Bündel feuchten Holzes, das halb vermodert war, so daß er vermutete, daß es schon sehr lange hier lag, und einige zerschlissene Decken; auch sie waren uralt und so verfault, daß sie zerfielen, als er sie mit der Spitze des Balmung berührte. Der letzte, der in dieser Höhle Schutz vor Kälte und Dunkelheit gesucht hatte, mußte vor Jahren dagewesen sein.

Siegfrids Mißtrauen blieb dennoch bestehen. Aber er hatte keine Wahl, denn weder Grani noch er hatten die Kraft, eine weitere Nacht in Kälte und Sturm auszuhalten.

Zur Sicherheit durchsuchte er die Höhle noch einmal, ohne indes mehr als beim erstenmal zu finden. Dann erst ging er zum Eingang zurück und holte sein Pferd. Grani schien erleichtert, doch dann scheute er, als Siegfrid ihn durch den engen Felsspalt führen wollte. Auch der Hengst schien die unheimliche Atmosphäre, die im Innern der Höhle herrschte, so deutlich zu spüren wie er. Es kostete Siegfrid große Mühe, ihn überhaupt dazu zu bringen, vollends hereinzukommen. Und das trug nicht gerade dazu bei, daß sich Siegfrid im Dämmer der Höhle wohlerfühlte.

Er wich nur so weit in die Höhle zurück, daß er noch genügend Licht hatte, Grani absatteln und sein Nachtlager aufschlagen zu können, dann ging er noch einmal dorthin, wo er die Decken und das Holz gesehen hatte. Beides nahm er mit und verbrachte die nächste Stunde damit, seine Feuersteine aneinanderzuschlagen, um das moderige Holz in Brand zu setzen. Es gelang ihm, wenn das Feuer auch lange nicht so hoch brannte, wie er es gerne gehabt hätte. Die Flammen blieben klein und blaß, aber sie gaben wenigstens soviel Wärme, daß er seine steifgefrorenen Finger auftauen konnte; … das Leben kehrte prickelnd und schmerzend in seine Glieder zurück.

Schließlich forderten Müdigkeit und Erschöpfung ihren Preis. Grani war ruhiger geworden. Er schnaubte manchmal und schien zu dösen. Die Wärme und die hin und her tanzenden Flammen taten ein übriges: Mit einem Schlag wurde Siegfrid schläfrig. Seine Glieder wurden schwer, und auf seine Augenlider schienen plötzlich Zentnerlasten zu drücken; er fand gerade noch die Kraft, seine Decken zusammenzuraffen und darunterzukriechen. Dann schlief er ein – die Hand am Griff des Balmung.

Siegfrid träumte. Das Unheimliche des Ortes und die Beklemmung während des langen, einsamen Ritts ließen die Erinnerung an das Erlebnis in der Burg der Nibelungen noch einmal deutlich werden.

Siegfrid sah sich wieder in der gold- und juwelenblitzenden Halle stehen, sah wieder, wie die beiden Könige stumm und gnadenlos zu zweit auf ihn eindrangen. Sein Schwert, mit dem er sich in wachsender Verzweiflung gewehrt hatte, hatte ihm nicht viel genutzt. Niblung und Schilbung waren die besten Schwertkämpfer, denen Siegfrid je begegnet war, und schon einer allein hätte ihn in Bedrängnis gebracht.

So aber zwangen ihn ihre raschen Attacken und dicht hintereinander fallenden Schläge, wie ein Fechtschüler herumzuspringen. Siegfrid hatte hinter einer gläsernen Vitrine Deckung gesucht und war, erschöpft vom pausenlosen Kampf, gegen den Tisch gestoßen, auf dem die Vitrine stand.

»Geh weg da, du Dummkopf!« hatte Schilbung gerufen und dann zu einer so wütenden Attacke angesetzt, daß Siegfrid sicher war, daß in der Vitrine etwas Wertvolles sein mußte. Er hatte alle Kraft zusammengenommen und den Hieb des Königs so abgefangen, daß dessen Schwert zerbrochen war.

In den wenigen Momenten, die Niblung brauchte, um anzugreifen, hatte Siegfrid die Vitrine, in der ein Schwert und ein einfacher Eisenring lagen, heruntergestoßen.

Abrupt hörten die Angriffe auf. Geradezu verängstigt waren die beiden mächtigen Zauberkönige vor Siegfrid gestanden.

Der hatte sich nach dem alten Schwert gebückt, das inmitten der Splitter auf dem Boden lag, und hatte es blitzschnell aufgehoben. Ein Schlag ging durch Siegfrid, in dem Moment, in dem er den Griff berührte. Das Schwert begann zu leuchten, und schlagartig wurde Siegfrid bewußt, daß dies eine der Waffen der Götter selbst war. Er würde von nun an Teil dieser Waffe sein, er würde ihr gehorchen, nicht sie ihm.

»Was ist das?« fragte er überwältigt von dem Augenblick.

»Das ist das Schwert Balmung, das die Götter uns zur Aufbewahrung gegeben haben«, antwortete Niblung.

Noch während der König sprach, sah Siegfrid den Ring. Rasch bückte er sich danach. Aus den Augenwinkeln sah er, daß Niblung angriff. Sofort riß Siegfrid das Balmung hoch, das mit hellem Sirren vorwärtszuspringen schien. Es traf die Klinge des Nibelungen und zerschnitt das Eisen, als wäre es Butter.

»Was hat es mit diesem Ring auf sich, daß Ihr versucht, gegen die Waffe der Götter zu kämpfen?« Siegfrid witterte, daß es mit dem kleinen geflochtenen Eisenring etwas Besonderes auf sich hatte. »Nichts«, hatten Schilbung und Niblung wie aus einem Munde geantwortet.

Unschlüssig hatte Siegfrid abwechselnd die beiden Brüder und den Ring angesehen.

»Gut«, hatte er dann gemeint, »wenn er nichts wert ist, kann ich ihn ja aus dem Fenster werfen.«

Damit hatte er den beiden den Rücken gekehrt und war in Richtung Treppe gegangen.

Natürlich hatten die beiden sofort angegriffen, aber er hatte seinen Vorsprung genutzt und war tatsächlich vor ihnen oben an einem der Fenster angelangt. Er hatte den Ring hinausgehalten, als die Brüder keuchend vor ihm stehenblieben.

»Nun, was ist?« hatte Siegfrid sehr freundlich gefragt.

»Das ist der Andwaranat, der Ring, der die letzte Walküre aus ihrem Schlaf auf dem Isenstein wecken kann … Wir sind seine Wächter.«

Es dauerte einen Moment, bis Siegfrid begriff, daß er wach geworden war, aber dann begriff er schlagartig, daß ihn Laute geweckt hatten: Hufschlag und das zornige Gewieher Granis …

Jemand versuchte, Grani zu stehlen!

Mit einem Fluch fuhr Siegfrid auf, riß das Balmung aus dem Gürtel und rannte in die Richtung, aus der er den Hufschlag und … Schritte hörte. Prompt stolperte er über einen Felsen, den er in der Dunkelheit nicht gesehen hatte, fiel der Länge nach hin und hätte sich wahrscheinlich an den scharfkantigen Steinen übel verletzt, hätte ihn nicht seine Drachenhaut geschützt. Aber auch so blieb er sekundenlang liegen, halb benommen durch den Sturz, und als er sich wieder aufrichtete, rauschte das Blut so stark in seinen Ohren, daß er kaum mehr den Hufschlag hörte.

Weitaus vorsichtiger als beim erstenmal stand er auf, drehte sich einmal um seine Achse und tastete sich in der Dunkelheit weiter. Hufschlag und Stimmen hatten sich entfernt, aber er hörte sie noch, und nach einer Weile glaubte er in der pechschwarzen Dunkelheit vor sich einen hellen Schemen auszumachen, und daneben zwei kleinere helle Flecke, die sich nervös hin und her bewegten. Grani und die, die dabei waren, ihn zu stehlen!

»Stehenbleiben!« rief er, so laut er konnte. »Wer immer ihr seid, ich rate euch, bleibt stehen!«

Seine Stimme rief unheimliche, verzerrte Echos in der Höhle hervor, und für einen Moment war ihm, als höre er ein helles, höhnisches Kichern zur Antwort. Die beiden Burschen, die dort vorne sein Pferd entführten, blieben natürlich nicht stehen, sondern beeilten sich im Gegenteil noch mehr, davonzukommen.

Siegfrid fluchte ungehemmt vor sich hin, stieß das Balmung mit einer übertrieben wuchtigen Bewegung zurück in die Scheide und tastete sich weiter, beide Hände wie ein Blinder ausgestreckt, um nicht noch einmal unversehens gegen ein Hindernis zu stoßen. Trotzdem stolperte er immer wieder und fiel auch zwei- oder dreimal auf die Knie herab, denn der Boden war übersät mit scharfkantigen Steinen.

Plötzlich waren die hellen Flecken und das Geräusch der Hufschläge und Schritte verschwunden, und Siegfrid stand vor einer massiven, eisverkrusteten Felswand.

Erst in diesem Augenblick begriff er, daß er die ganze Zeit tiefer in die Höhle hineingelaufen war statt zu ihrem Ausgang. Die Wand, vor der er stand, war die Rückwand der Höhle, zwar wie der Boden von handbreiten Rissen und Spalten durchzogen, aber so massiv wie ein Berg. Und trotzdem waren sein Pferd und die beiden Gestalten, die es entführt hatten, verschwunden. So spurlos, als hätte sie der Boden verschluckt!

Verwirrt drehte sich Siegfrid um, streckte die Hand nach der Felswand aus und lehnte sich vor – und fiel mit einem überraschten Schrei nach vorne, denn das, was wie massiver Fels ausgesehen hatte, war in Wahrheit nichts als ein Trugbild, das seinen Fingern nicht den geringsten Widerstand entgegensetzte.

Vor ihm dehnte sich jetzt ein schier endloser, mannshoher Gang, der gekrümmt wie ein Tunnel und in steilem Winkel in die Tiefe führte. Seine Wände und der Boden waren so glatt, als wären sie sorgsam poliert worden. Ein unheimliches, graues Licht hing wie ein leuchtender Nebel in der Luft, ohne daß seine Quelle zu erkennen war. Ein warmer, trockener Hauch streifte Siegfrids Gesicht, als er sich vorsichtig aufrichtete und das Schwert wieder aus dem Gürtel zog.

Er war allein. Weder von seinem Pferd noch von den frechen Dieben war auch nur eine Spur zu gewahren, aber so wie am Abend zuvor spürte er, daß ihn jemand belauerte. »Es ist«, dachte er schaudernd, »als lebe der ganze Berg.«

Behutsam richtete er sich ganz auf, packte sein Schwert fester und begann, in den Gang hineinzugehen. Der Boden war abschüssig und so glatt wie Glas, so daß er mit der freien Hand an der Wand Halt suchen mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Das warnende Gefühl in seinem Inneren wurde mit jedem Schritt stärker. Aber er hatte keine Wahl; ohne Grani war er verloren. Er mußte ihn wiederbekommen, koste es, was es wolle. Auch wenn er dazu offenen Auges in eine Falle laufen mußte.

Der Stollen zog sich gut eine Meile, wenn nicht weiter, gerade dahin und endete in einem halbrunden, nur wenig mehr als mannshohen Raum, in den zahlreiche weitere, wenn auch wesentlich niedrigere Gänge mündeten. Und sie alle waren so glatt und sorgsam behandelt wie der, aus dem er gekommen war.

Siegfrid begriff plötzlich, daß er längst nicht mehr in einer Höhle, sondern einer Art Bergwerk oder unterirdischem Labyrinth sein mußte, und daß die Höhle, in der er geschlafen hatte, vielleicht nichts anderes als ein getarnter Eingang gewesen war, der womöglich in ein ganzes unterirdisches Reich führte.

Vor seinem inneren Auge entstand das Bild eines gewaltigen Labyrinths unterirdischer Stollen und Gänge, in dem er sich hoffnungslos verirren würde, und sein Mut sank. Hilflos drehte er sich einmal im Kreis, blickte von einem Gang zum nächsten und versuchte, irgendeine Spur zu finden. Aber der Felsen war auch hier glatt wie Glas und so sauber, als wäre er gerade erst frisch gescheuert worden.

Wütend ballte Siegfrid die Fäuste, als er aus einem der Gänge gedämpfte Schritte hörte. Mit einem Satz war er am Eingang und spähte hinein, und tatsächlich sah er für einen kurzen Moment einen Schatten, klein und grau und so schnell, daß Siegfrid unmöglich sagen konnte, was er überhaupt gesehen hatte.

Siegfried schob alle Bedenken zur Seite, duckte sich unter dem niedrigen Tunneleingang hindurch und lief los, so schnell er konnte. Schon nach wenigen Augenblicken erreichte er das jenseitige Ende des Stollens und fand sich in einer hohen, roh behauenen Höhle wieder. Erneut gewahrte er ein Huschen, deutlicher diesmal und näher, und als er loslief, drang das Kollern von Steinen an sein Ohr. Mit einem zornigen Knurren schwang er seine Klinge und setzte dem Schatten nach. Aus den Felsen vor ihm erscholl ein ängstliches Quieken, und dann sah er den Schatten zum drittenmal, jetzt nur noch wenige Schritte von ihm entfernt.

Es war ein Zwerg; ein kleiner, struppiger Kerl, so muskulös wie alle Alben und nur mit einem zerschlissenen, von einem breiten silbernen Gürtel gehaltenen Rock bekleidet. Seine nackten Füße erzeugten platschende Geräusche auf dem harten Fels, als er verzweifelt vor Siegfrid davonlief und sich dabei immer wieder umsah. In seinen Augen loderte die nackte Angst.

»Halt!« rief Siegfrid. »Bleib stehen, ich gebe dir mein Wort, dir nichts zu tun!«

Der Zwerg blieb tatsächlich stehen – aber aus einem anderen Grund, als Siegfrid gehofft hatte. Wie hingezaubert erschien plötzlich eine gewaltige, zweischneidige Axt in seinen Händen, und noch ehe Siegfrid, der in vollem Laufe herangestürmt kam, die Bewegung richtig registrierte, schwang der Zwerg die Waffe auch schon zu einem gewaltigen Hieb. Siegfrid sprang erschrockenen mit einem Satz zur Seite, aber die Klinge traf seine Kniekehle, und wenn sie ihn auch nicht verletzte, brachte ihn die Wucht des Schlages doch aus dem Gleichgewicht und ließ ihn nach vorne kippen. Er stürzte, warf sich noch im Fallen herum und griff mit beiden Händen nach dem Zwerg, doch der Alb schlüpfte ihm mit der Behendigkeit, die nur dem Zwergenvolk eigen ist, durch die Finger, schwang seine Axt ein zweites Mal und hätte ihm sicherlich mehrere Rippen gebrochen, hätte Siegfrid nicht im letzten Augenblick das Balmung hochgerissen und den Hieb aufgefangen. Das Beil wurde dem Alb aus den Händen gerissen, als die Zauberklinge den Griff zerschnitt, als wäre er aus Papier. Nun war es der Zwerg, der – vom Schwung seines eigenen Hiebes nach vorne gerissen – stürzte und sich die Nase auf den Felsen blutig schlug.

Als er sich aufrappeln wollte, war Siegfrid über ihm, packte ihn mit der Linken am Gürtel und riß ihn wie ein Kind nach oben, bis ihre Gesichter sich in gleicher Höhe befanden. Drohend schwang er das Balmung. Der Zwerg begann sich unter seinem Griff zu winden wie eine Katze, bis Siegfrid ihn im Nacken packte und so lange schüttelte, bis er aufhörte.

»Und jetzt rede, Kerl!« zischte er wütend. »Bevor ich dir den Hals durchschneide! Wer bist du, und warum habt ihr mein Pferd gestohlen?«

Die Antwort fiel etwas anders aus, als Siegfrid lieb war. Der Zwerg begann zu kreischen und zu wimmern – und plötzlich riß er die Hand hoch und stach Siegfrid so schmerzhaft mit dem Zeigefinger ins Auge, daß er ihn losließ und mit einem Schmerzensschrei zurückprallte.

Als die roten Nebel vor Siegfrids Augen zerrissen, war der Zwerg verschwunden. Aber Siegfrid war keineswegs allein, wie er im nächsten Augenblick auf schmerzhafte Weise zu spüren bekam. Plötzlich war die Höhle voller huschender Bewegung und keifender, schriller Stimmen. Kaum hatte er sein Schwert wieder gehoben und sich umgedreht, da traf ihn ein Stein mit solcher Wucht an der Schläfe, daß er zum zweitenmal auf die Knie fiel und sekundenlang gegen dunkle Bewußtlosigkeit ankämpfte.

Im nächsten Moment prasselte ein wahrer Hagel von Steinen und Felsbrocken auf ihn herab. Siegfrid krümmte sich vor Qual, als aus allen Richtungen kleine, mit unglaublicher Wucht geschleuderte Wurfgeschosse auf ihn niederregneten, ihn an Kopf und Schultern trafen, so daß kleine grelle Schmerzexplosionen durch seinen Körper rasten. Verzweifelt hob er die Hände über den Kopf und taumelte blindlings umher. Er kroch in den Schutz eines Felsbrockens und versuchte, sich aufzurichten, aber sofort setzte der Steinhagel erneut und mit noch größerer Wut ein und trieb ihn in seine Deckung zurück.

Hastig duckte sich Siegfrid wieder hinter seinen Felsen und spähte aufmerksam in die Runde. Die Höhle war plötzlich voller Zwerge; Dutzende der kleinen, struppigen Gestalten, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren und mit raschen, abgehackten Bewegungen zwischen den Felsen umherhuschten, Steine und Lavabrocken aufsammelnd, die sie nach ihm schleudern konnten. Siegfrid wußte, daß dieser Steinhagel gefährlich war; auch für einen Mann wie ihn, dessen Haut unverwundbar geworden war. Seine Schläfe und die ganze linke Seite seines Gesichtes waren schon jetzt taub vor Schmerz, und auf seiner Zunge war der bittere Kupfergeschmack von Blut.

Nein – er mußte aus seiner Felsnische heraus, sollte sie nicht zu einer Todesfälle werden. »Meine einzige Chance, die Zwerge unschädlich zu machen«, dachte er, »besteht darin, selbst zum Angriff überzugehen und ihnen mit dem Balmung Respekt einzubleuen.«

Gerade als er sich aufrichten und Kraft für den Sprung sammeln wollte, spürte er ein leichtes Zerren an seiner rechten Seite. Siegfrid fuhr herum, hob das Schwert und blickte verwirrt auf den leeren Fleck neben sich herab. Er hatte die Berührung ganz deutlich gespürt, aber neben ihm war nichts!

Dann wiederholte sich die Berührung, und Siegfrid sah, wie sich der Stoff seines Gewandes in Falten legte, als zerrten unsichtbare Finger daran!

Siegfrid keuchte vor Überraschung, prallte zurück und hieb blind mit dem Balmung um sich. Die silberne Klinge traf dicht neben seinem Körper auf einen unsichtbaren Widerstand, federte mit einem metallischen Laut zurück und wurde ihm fast aus der Hand geprellt.

Ein wütender Schrei erklang. Siegfrid hörte einen Laut, als stürze ein schwerer Körper auf den Boden, dann ein neuerliches, ärgerliches Kreischen, und plötzlich hörte er hastig trippelnde Schritte, die sich entfernten. Verblüfft richtete er sich auf und bekam prompt einen Stein gegen den Schädel geschleudert, daß er nach vorne taumelte und auf die Knie fiel.

Halb benommen kroch er in seine Deckung zurück und sah sich wild um.

Die Zwerge hatten aufgehört, wie rasend zu kreischen und hin und her zu hüpfen, aber sie waren näher gekommen, und in ihren kleinen dunklen Augen loderte eine Vorfreude, die ihn schaudern ließ.

Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da traf ihn ein fürchterlicher Hieb zwischen die Schulterblätter, so hart, daß er gegen den Felsen prallte und das Schwert fallen ließ. Das Balmung fiel klirrend zu Boden und blieb einen Moment liegen, doch als Siegfrid danach greifen wollte, rutschte es plötzlich wie von einem Fußtritt getroffen bis fast zur gegenüberliegenden Wand davon. Aber Siegfrid sah niemanden, der auch nur in seine Nähe gekommen wäre!

Da erscholl neben ihm ein halblautes, hämisches Kichern: »Das ist dein Ende, Drachentöter!« sagte eine Stimme. »Jetzt paß auf, was dir deine Unverwundbarkeit hier nutzt!«

Wie um die Worte zu unterstreichen, traf ihn im nächsten Augenblick ein weiterer, furchtbarer Hieb, so heftig, daß er sich krümmte und für Augenblicke nichts als schwarze Schleier und blutigrote Blitze sah. Blindlings hob er die Arme vor das Gesicht. Gleich darauf traf ihn ein Schlag in den Leib, der ihn vollends an den Rand der Bewußtlosigkeit schleuderte.

Siegfrid stürzte. Der Unsichtbare trat ihm auf die Finger, daß Siegfrid erneut nach vorne fiel, und plötzlich sah er, wie das Balmung wie von Geisterhand bewegt in die Höhe glitt und sich seinem Gesicht näherte. Im letzten Moment drehte er den Kopf zur Seite. Die Spitze des Zauberschwertes fuhr scharrend neben seinem Kopf über den Fels und hinterließ eine fingertiefe Scharte in der glasharten Lava.

Wieder erscholl das Kichern: »Du stirbst, Siegfrid! Ich töte dich mit deiner eigenen Waffe. Deine Drachenhaut schützt dich vor der Klinge des Balmung, aber nicht vor der Wucht seiner Hiebe.«

»Wer seid Ihr?« stöhnte Siegfrid. »Was wollt Ihr von mir? Ich habe keinen Streit mit dem Zwergenvolk!« »Aber wir mit dir!« antwortete die Stimme des Unsichtbaren. »Und wer ich bin? Schau mich ruhig an! Du sollst den Mann wenigstens sehen, der den angeblich unbesiegbaren Drachentöter besiegt!«

Plötzlich schienen sich Schatten und Finsternis vor Siegfrid zusammenzuballen, und dann, von einem Lidschlag zum nächsten, stand ein kleiner, breitschultrig gebauter Mann mit stechenden Augen, schwarzem Haar und schwarzem, sehr kurz geschnittenem Bart vor ihm.

Siegfrid richtete sich vorsichtig auf, aber der befürchtete Steinhagel blieb aus, und er konnte den Mann, der da so unversehens aus dem Nichts aufgetaucht war, genauer betrachten. Wie die Zwerge, die er zuvor gesehen hatte, war er nackt bis auf einen aus Fell gefertigten Rock, aber auf seiner Brust blitzte ein fast faustgroßes, aus purem Gold gefertigtes Amulett, das an einer rohen Kette um seinen Hals hing, und in seiner linken Hand hielt er ein dünnes schwarzes Netz, so fein wie gesponnener Rauch und wie eine Kappe geformt.

»Wer … wer bist du?« fragte Siegfrid verwirrt. »Und warum greift ihr mich an?«

»Ich bin Alberich«, antwortete der Zwerg, »der König der Alben. Ich werde dich töten. Es sei denn …«

»Es sei denn?« fragte Siegfrid, als Alberich nicht weitersprach.

»Es sei denn, du gibst zurück, was du gestohlen hast«, antwortete Alberich. Er drehte das Balmung, das er noch immer in der rechten Hand hielt, herum, rammte seine Spitze in den felsigen Boden und lehnte sich darauf wie ein normal gewachsener Mann auf einen Kampfspeer.

»Was ich gestohlen habe?« Siegfrid schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich verstehe nicht, wovon du redest.«

»Stell dich nicht dumm!« fauchte der Alb. »Vom Andwaranat rede ich, dem Ring, den du meinen Brüdern Schilbung und Niblung genommen hast.« Er schleuderte das Schwert von sich und streckte mit einer herrischen Bewegung die Hand aus. »Gib den Ring, dann schenke ich dir das Leben, und auch das Schwert magst du meinethalben behalten!«

»Deinen Brüdern?« wiederholte Siegfrid verstört. »Niblung und Schilbung sind deine Brüder?«

Alberich nickte wütend. »Sie sind Alben wie ich und Könige dazu, und du bist nichts als ein dummer Junge, der sie übertölpelt hat. Aber jetzt ist das Spiel zu Ende. Gib den Ring her, oder du stirbst!«

Siegfrid stemmte sich hoch und überragte den Zwerg plötzlich um fast das Doppelte. »Ich habe nichts gestohlen!« sagte er zornig. »Wenn Niblung und Schilbung wirklich deine Brüder sind, solltest du wissen, daß sie den Tod verdient hätten. Ich habe ihnen vielmehr das Leben geschenkt und den Ring mitgenommen, um »Unfug!« unterbrach ihn Alberich wütend. »Du weißt nicht, wovon du redest. Der Andwaranat ist nichts, was man als Pfand nehmen könnte, sondern ein Ding, das den Göttern und sonst keinem gehört und das uns Alben nur zur Aufbewahrung gegeben wurde. Hättest du die Nibelungen getötet, so wäre das deine Sache gewesen. Niemand hätte ihnen eine Träne nachgeweint, mein Wort darauf. Aber du hättest den Andwaranat nicht nehmen dürfen. Gib ihn zurück, und du kannst gehen. Wenn nicht, wirst du das Licht des Tages niemals Wiedersehen.«

Einen Moment lang war Siegfrid beinahe versucht, auf Alberichs Worte einzugehen. Aber dann regte sich sein Stolz – und der Gedanke, daß der magische Ring der Nibelungen den einzigen Weg für ihn darstellte, Brünhild, die letzte der Walküren, zu sehen.

»Nein«, sagte er laut. »Wenn du den Ring willst, dann hole ihn dir.«

Alberich lachte böse. »Du wirfst dein Leben sehr leichtfertig weg, bedenkt man, daß du kaum Zeit gefunden hast, es zu genießen.«

»Ich habe einen Drachen besiegt«, antwortete Siegfrid zornig. »Denkst du, da würde ich einen Zwerg wie dich fürchten?«

Alberich lachte erneut, hob die linke Hand, streifte sich das schwarze Gespinst wie eine Kappe über den Schädel – und war verschwunden.

»Eine Tarnkappe!« entfuhr es Siegfrid. »Du trägst eine Tarnkappe!«

Alberich antwortete nicht, aber statt dessen setzte der Steinhagel mit doppelter Wucht wieder ein und trieb Siegfrid zurück in den Schutz des Felsens. Gleichzeitig stieg das Balmung wieder in die Höhe und näherte sich Siegfrid mit kreisenden, blitzartigen Bewegungen.

Siegfrid erstarrte. Aber während das Balmung auf ihn zukam, hatte Siegfrid urplötzlich eine Idee.

Langsam, mit halbgeschlossenen Augen auf das geringste Geräusch lauschend, ließ er sich auf ein Knie herabsinken, raffte eine Handvoll Staub auf und richtete sich wieder auf.

»Hör mir zu, Alberich!« rief er. »Ich will verhandeln!«

»Verhandeln?« Alberich lachte böse. »Die Gelegenheit hast du vertan, Siegfrid. Ich verhandle nicht um etwas, das ich auch so bekomme.«

Im nächsten Moment traf ihn ein neuer Schlag in den Rücken, aber diesmal war Siegfrid darauf vorbereitet. Blitzschnell fuhr er herum, riß den Arm in die Höhe und schleuderte den Staub, den er aufgehoben hatte, von sich. Alberich schrie erschrocken auf, als er begriff, was Siegfrid vorhatte, aber seine Reaktion kam zu spät. Er versuchte zurückzuspringen, aber der feine weiße Staub sank wie eine Wolke über ihm zu Boden – und da plötzlich konnte Siegfrid seine Umrisse wie einen verschwommenen Schatten erkennen.

Siegfrid warf sich mit weit ausgebreiteten Armen nach vorne und begrub den Zwerg einfach unter sich. Seine Hände tasteten nach Alberichs Schultern, hielten sie mit eisernem Griff und fuhren an seinem Hals in die Höhe. Er fühlte den struppigen Bart des Zwerges, unsichtbares hartes Haar – und das feine, drahtige Gewebe der Tarnkappe!

Alberich brüllte, als hätte er ihm die Haut vom Kopf gerissen, als er die Kappe mit einem harten Ruck herunterzog, und plötzlich wurde aus dem verschwommenen Schatten unter Siegfrids Fingern ein zappelnder, fauchender Zwerg, der wie von Sinnen um sich schlug.

Siegfrid sprang auf, stopfte die Tarnkappe unter seinen Gürtel und riß den Zwerg an den Haaren in die Höhe. Ohne auf die wütenden Schläge und Tritte Alberichs überhaupt nur zu achten, drehte er sich herum, hob den Zwerg wie einen Sack hoch über den Kopf und trat mit einem Schritt an einen Abgrund heran.

Details

Seiten
236
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531753
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340037
Schlagworte
eBooks Abenteuer Fantasy Hohlbein Nibelungelied Siegfried Action Drache Krieger Held

Autor

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Titel: Der Drachentöter