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Die Prinzen und der Drache

2016 212 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Aufregung im Königreich Loralon: Die Zwillinge Tonio und Claudio gleichen sich bei der Geburt so sehr, dass niemand weiß, welcher der Prinzen älter ist. Aber wer soll dann eines Tages den Thron besteigen? Als die Knaben herangewachsen sind, beschließt der König, sie auf eine abenteuerliche Reise zu schicken – und wer am Ende einen Drachen erlegt, soll würdig sein, das Erbe anzutreten. Auf Tonio und Claudio warten viele Gefahren, aber auch neue Freunde … und mehr als eine Überraschung!

Ein spannender Roman über Konkurrenz und Zusammenhalt, die Macht der Träume und das Abenteuer, seinen eigenen Weg zu gehen.

»Ein besonderer Genuss ist Tanja Kinkels klare und doch phantasievolle Sprache. Die Autorin hat mit ihrem ersten Kinderbuch Lehrlings- und Gesellenzeit zugleich bestanden und kann in die Meisterklasse aufgenommen werden.« Badische Zeitung

Über die Autorin:

Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, studierte in München Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und promovierte über Aspekte von Feuchtwangers Auseinandersetzung mit dem Thema Macht. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation Brot und Bücher e.V, um sich so aktiv für eine humanere Welt einzusetzen (mehr Informationen: www.brotundbuecher.de). Tanja Kinkels Romane wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und spannen den Bogen von der Gründung Roms bis zum Amerika des 21. Jahrhunderts.

Die Prinzen und der Drache ist Tanja Kinkels erstes Kinderbuch, auf das mit Feueratem eine weitere Drachengeschichte folgte. An ein erwachsenes Publikum richten sich die eBooks die sie bei dotbooks veröffentlichte, dem Schwesterverlag von jumpbooks: die Romane Die Söhne der Wölfin, Die Schatten von La Rochelle und Unter dem Zwillingsstern sowie die Erzählungen Der Meister aus Caravaggio, Reise für Zwei und Ein freier Mann.

Die Autorin im Internet: www.tanja-kinkel.de

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eBook-Neuausgabe Oktober 2016

Copyright © der Originalausgabe © 1997 by Thienemann Verlag (Thienemann Verlag GmbH), Stuttgart/Wien

Copyright © der eBook-Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von Shutterstock/Antracit.

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-110-4

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Tanja Kinkel

Die Prinzen und der Drache

Roman

jumpbooks

Kapitel 1
Die Fee

In Loralon gab es ein Sprichwort, das die alten Leute gerne bei allen möglichen Gelegenheiten zitierten. »Hüte dich vor Feen«, pflegten sie in ihrem düstersten Tonfall zu sagen, »denn sie könnten dir deine Wünsche erfüllen.«

Padraic, der König von Loralon, hatte dieses Sprichwort nie verstanden und es fiel ihm zu spät ein, als er an einem regnerischen Morgen, unwillig die Regierungsgeschäfte anzugehen, vor dem Spiegel stand und wie so oft seufzte: »Ich wünschte, ich hätte endlich einen Sohn.«

Erst am vorigen Abend war seine Königin, Fabrizia, beim Abendessen in Tränen ausgebrochen, weil sie sich so sehr nach einem Kind sehnte. König Padraic hatte versucht sie zu trösten, doch ihn bedrückte ihre Kinderlosigkeit nicht minder. Er brauchte einen Nachfolger.

An diesem besonderen Morgen hörte ihn eine Fee, die sonst nichts anderes zu tun hatte, und war gerührt. Sie war noch sehr jung für eine Fee und daher recht neugierig auf die Menschen, also entschloss sie sich mit dem König zu reden, obwohl Feen im Allgemeinen nicht mit Menschen sprechen. (Der Grund dafür wird sich bald herausstellen.) Diese Fee jedoch schlug alle Ratschläge ihrer Artgenossen für den Umgang mit Menschen in den Wind. König Padraics Seufzer war noch nicht verklungen, als er im Spiegel wahrnahm, wie sich hinter ihm das Fenster öffnete. Ein gewaltiger Windstoß ließ ihn unwillkürlich frösteln, als er sich umdrehte, um das Fenster wieder zu schließen. Doch was er dann sah, ließ ihn ungläubig innehalten.

Die dünnen Regentropfen, die der Wind mit sich gebracht hatte, sammelten sich in einem glitzernden, glimmernden Wirbel. Der König blinzelte, doch der kleine Wirbel aus Regentropfen, der sich immer schneller um sich selbst drehte, machte keine Anstalten zu verschwinden. Im Gegenteil, er wurde größer und größer und nahm immer deutlicher die Gestalt einer Frau an, bis König Padraic erkannte, dass er zum ersten Mal in seinem Leben einer Fee gegenüberstand.

»Ich werde Euch ein Kind gewähren«, begann sie mit einer Stimme, in der immer noch das sanfte Rauschen von Regentropfen mitklang, aber der König, der sich noch nicht richtig von dem Schreck erholt hatte, unterbrach sie ohne nachzudenken: »Dann sorgt bitte dafür, dass es ein Sohn ist! Mädchen können keine Königreiche regieren und ich brauche einen Nachfolger.«

Das Gesicht der Fee verdüsterte sich und es schien, dass Blitze in der durchsichtigen Gestalt zuckten. Diesmal hörte der König Donner in ihrer Stimme grollen und jetzt erst erinnerte er sich an das alte Sprichwort, das er nie begriffen hatte.

»Mädchen können was nicht? Das schlägt dem Fass doch den Boden aus! Oh, ich werde Euch Söhne geben, mehr Söhne, als Ihr Euch je erhofft habt!«

Die Gestalt der Fee löste sich auf und wurde erneut zu einem Wirbel aus Regentropfen, bis auch dieser verschwand. König Padraic stand am geöffneten Fenster, spürte den Regen und den Wind, der ihm ins Gesicht blies, und war sich nicht sicher, ob er gesegnet oder verflucht worden war.

***

Eine Zeit lang dachte der König, es wäre alles nur ein Traum gewesen. Die Feen hatten sich schon vor so langer Zeit aus Loralon zurückgezogen, dass die Menschen seiner Generation bezweifelten, ob es sie überhaupt gab. Außerdem starb ein paar Tage später der alte Hofzauberer und die Mühe, einen geeigneten Ersatz zu finden, ließ König Padraic fast vergessen, was geschehen war.

Doch bald entdeckte seine Königin, dass sie ein Kind erwartete, und neun Monate später fieberte das gesamte Königreich der Ankunft des versprochenen Erben von Loralon entgegen. Alles schien zum Besten zu stehen; sogar ein neuer Hofzauberer hatte sich gefunden, ein geheimnisvoller, etwas zänkischer alter Mann mit einer scharfen Zunge, der sich weigerte irgendjemandem seinen Namen zu verraten, doch genügend eindrucksvolle Beweise seines Könnens lieferte, um sofort eingestellt zu werden. König Padraic hatte die Worte der Fee zwar nicht vergessen und ab und zu beschlich ihn ein ungutes Gefühl, doch im Großen und Ganzen war er sehr mit dem Lauf der Ereignisse zufrieden, bis zu dem Moment, als die Hebamme mit ihren Neuigkeiten zu ihm kam.

Denn die Königin gebar nicht nur einen Jungen, sondern zwei. Nun hatte er Zwillingssöhne, die sich vollkommen glichen. Niemand konnte sie unterscheiden, und niemand, noch nicht einmal die Hebamme, konnte sich erinnern, welcher Sohn als Erster auf die Welt gekommen war.

Das war eine Katastrophe. Nur ein Sohn konnte der nächste König sein, denn noch nie hatte jemand davon gehört, dass zwei Könige über ein Reich regierten. Aber welchen der Zwillinge sollte der König vorziehen? In seiner Verzweiflung schlug er vor: »Also … das klingt vielleicht herzlos, aber wie wäre es, wenn wir heimlich einen der Jungen weggeben, so dass er nie erfährt, dass er ein Prinz ist?«

»So weit kommt es noch!«, sagte die Königin scharf und hielt ihre zwei kleinen Söhne ein wenig fester. »Du wirst keinen meiner Söhne fortgeben, lass dir das gesagt sein! Sie sind beide meine Kinder und keiner wird sie einfach hinauswerfen.«

Nicht zum ersten Mal hegte König Padraic den Verdacht, dass Königin Fabrizia, wäre sie an jenem Morgen bei ihm gewesen, ganz und gar die Partei der Fee ergriffen hätte. Sie stammte aus einem Reich mit ein paar merkwürdigen Vorstellungen und war eine energische und eigenwillige Frau. Sie setzte sich durch.

Kapitel 2
Der Zauberer

Beide Zwillinge wurden als Prinzen in Loralon erzogen. Sie erhielten die Namen Claudio und Tonio. Während sie heranwuchsen, glichen sie sich zwar immer noch wie ein Ei dem anderen, aber in ihrem Wesen begannen sie bald Unterschiede zu zeigen. Claudio war der Stärkere; er schwamm und rannte gerne und am allerliebsten ritt er. Tonio war der Klügere; er genoss es, zu lesen, zu lernen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Die beiden stritten sich hin und wieder, wie es bei Geschwistern so üblich ist, aber im Grunde hingen sie sehr aneinander und verbrachten einen großen Teil ihrer Kindheit damit, gemeinsam Streiche auszuhecken. Das bevorzugte Ziel ihrer Streiche war der Hofzauberer.

Der Zauberer hatte sich bald nach seiner Ankunft im Ostturm der Burg eingerichtet, über der Bibliothek. Abgesehen von König und Königin war es jedem streng verboten, seine Räume zu betreten. Das alleine wäre für die Zwillinge schon unwiderstehlich gewesen, doch dazu kam, dass aus dem Ostturm ständig seltsame Klänge drangen, obwohl der Zauberer doch allein dort lebte. Die Dämpfe und Wölkchen, die gelegentlich aus der Turmspitze quollen, waren nie weiß oder grau, sondern grün, rosa, hellblau oder dunkelorange. Und obwohl der Zauberer die Burg kaum verließ und mit nur einem Beutel als Gepäck gekommen war, stapelten sich jeden Monat am Fuß des Turmes die Dinge, die er nicht mehr brauchte und wegwarf, zu einem Haufen, der den Zwillingen riesig schien – bis sie zehn wurden und in einem Jahr mehr wuchsen als vorher in dreien. Danach war der Haufen immer noch eindrucksvoll, aber so lange sie auch hoffnungsvoll darin stöberten, nie fand sich etwas wirklich Aufregendes.

»Schon wieder Holzsplitter und Drahtklammern«, sagte Claudio enttäuscht, als sie den Haufen des Monats gründlich durchsucht hatten. »Warum kann nicht mal etwas Gutes dabei sein, ein alter Zauberstab oder eine Drachentatze oder so?«

Tonio schaute zur Spitze des Ostturms hoch, die an diesem Tag von einer lila Wolke umschlängelt wurde.

»Ich wünschte, ich wäre da oben.«

»Versuchen wir’s einfach noch mal!«, schlug Claudio vor, ehe er sich an die letzte Gelegenheit erinnerte, bei der sie von dem Zauberer vor seinen Räumen erwischt worden waren. Er hatte ihnen gesagt, unerwünschte Besucher würden bereits beim Betreten des ersten Zimmers verbrennen. Claudio schluckte bei der Vorstellung. Zu seiner Überraschung nickte sein sonst so vorsichtiger Bruder.

»Genau das machen wir!«

»Aber …«

»Ich hab mir die Sache überlegt«, versicherte ihm Tonio. »Er kann gar keinen Brandzauber auf die Türschwelle gelegt haben. Was ist, wenn plötzlich ein Bote mit unerwarteten Nachrichten kommt? Und außerdem, wenn er uns etwas tun würde, würden unsere Eltern ihn hinauswerfen. Er hat uns nur Angst machen wollen.«

Das war ein überzeugendes Argument und Claudio schämte sich ein wenig, tatsächlich so etwas wie Angst empfunden zu haben. »Dann nichts wie los!«, rief er und Tonio, der wusste, dass Claudio im Stande war, sofort in den Turm zu stürzen, griff hastig nach seinem Arm und erwischte nur noch den Ärmel.

»Warte, warte, warte! Nicht so schnell!«

»Aber du hast doch gesagt …«

»… dass er uns nicht verbrennen würde. Aber er kann uns irgendwas anzaubern, so wie dem Hofarzt, als der ihn unbedingt untersuchen wollte. Willst du etwa eine Stunde lang mit juckenden Händen herumlaufen?«

Das erschien Claudio belanglos, gemessen an der Aussicht, endlich einen Blick in den verbotenen Bereich des Ostturms werfen zu dürfen. Er machte sich los, als Tonio hinzufügte: »Ich habe einen Plan!«

Am nächsten Tag rannte ein Küchenjunge zum Ostturm und rief, so laut er konnte, nach dem Hofzauberer. Unerklärlicherweise hatten sich Mäuse, Frösche und Kröten in der Burgküche eingefunden und den Koch, der so stolz auf die Küche war, in Verzweiflung gestürzt. Da am Abend ein Fest stattfinden sollte, gab es nur eine Lösung: Der Zauberer musste die Küche von all den Tieren, die aus dem Nirgendwo gekommen zu sein schienen, befreien. Für solche Fälle, wie die Königin bemerkte, während sie den Koch zu trösten versuchte, war er schließlich bei Hofe.

Kaum hatte der Zauberer den Turm verlassen, tauchten die Zwillinge aus ihrem Versteck auf und stiegen in den Turm. Sie hatten den ganzen vorigen Tag und einen guten Teil der Nacht damit verbracht, all die Mäuse, Frösche und Kröten zu fangen. Danach war es nicht weiter schwer gewesen, sie in der Küche auszusetzen, und nun hasteten die beiden eilig die Wendeltreppe empor. Zunächst ging es in die Bibliothek, die jedem zugänglich war. Aber danach kam der Teil des Turmes, den der Zauberer für sich reserviert hatte. In der Eile hatte er nicht abgeschlossen. Ob allerdings etwaige Zaubersprüche ihr Eindringen verhindern konnten, würde sich gleich zeigen.

Claudio drückte entschlossen die Klinge herunter. Nichts geschah, nur ein leises Klicken verriet, dass die Tür wirklich nicht verriegelt war. Er öffnete sie und hielt einen Augenblick lang die Luft an, aber nichts geschah.

Hinter der Tür befanden sich zur leichten Enttäuschung der Jungen zunächst nur weitere Stufen. Die Wendeltreppe führte unverändert nach oben, und sie zu erklimmen war nicht magisch, sondern nur anstrengend. Der einzige Unterschied zum unteren Teil des Turmes bestand darin, dass die Stufen hier älter aussahen und knarzten, wenn man auf sie trat.

»Ich glaube …«, keuchte Tonio, der nach der hundertsten Stufe mit dem Zählen aufgehört hatte, »… der Zauberer … geht nicht oft … zu Fuß. Wahrscheinlich … zaubert er sich einfach … nach oben.«

Endlich wurde ihre Mühe belohnt. Rechts der Treppe sahen sie eine Pforte, die viel versprechend schwarz angemalt war. Einige weiße Buchstaben vervollständigten das Bild. Claudio blieb nicht lange stehen, um Atem zu holen, er lief zu der Tür, doch noch ehe er diesmal den Türknauf berühren konnte, warf ihn etwas flach auf den Boden.

»Du meine Güte«, sagte er beeindruckt zu Tonio, der gerade erst die oberste Stufe erreicht hatte, »hast du das gesehen?«

Tonio konnte noch nicht sprechen und deutete auf die Tür.

»Ich hab’s versucht und …«

»Da steht«, stieß Tonio hervor, »groß und deutlich ERST KLOPFEN!«

»Oh. Aber er ist doch gar nicht da!«

»Das kümmert magische Türen nicht«, gab Tonio zurück, dachte an all die Geschichten, die er gehört hatte, ging zur Tür, klopfte dreimal, was nie schaden konnte, und sagte dann so höflich wie möglich: »Lasst uns bitte eintreten.«

Die Tür schwang auf. Ehe er dazu kam, sich zu seinem Bruder umzudrehen und selbstzufrieden zu grinsen, flog ihm etwas Lilanes ins Gesicht. Er hustete und wedelte mit den Armen, um die Staubwolke loszuwerden, die ihn umgab und in der er nichts sehen konnte. Es war Claudio, der ihn bei der Hand griff und ins Innere des Raumes zog. Die lila Wolke schwebte noch einen Moment über der Schwelle, dann glitt sie zur Verblüffung der Zwillinge die Stufen hinunter. Das war das Letzte, was sie von ihr sahen, denn die schwarze Tür schlug heftig hinter ihnen zu.

Neugierig blickten sich die Prinzen um. Eigentlich glich der Raum, in dem sie sich befanden, der Bibliothek weiter unten. Doch außer den Bücherregalen entdeckte Claudio noch etwas Vielversprechenderes. In einer Ecke stand eine Reihe von Stäben in unterschiedlicher Länge und Dicke, die in allen Farben schillerten, bald silbrig, bald grünlich, bald gelblich. Tonio hatte sie ebenfalls gesehen und griff nach einem.

»Er lässt sich zusammenschieben«, sagte er staunend. Claudio griff nach einem der größeren Stäbe. »Der hier würde einen guten Speer abgeben«, meinte er, hob ihn auf, hielt ihn kurz prüfend in der Hand und warf ihn dann in das dämmrige Halbdunkel des Raumes hinein.

Etwas jaulte auf, das wie ein kleiner Hund klang. Doch was nun aus der Ecke auf die Zwillinge zurollte, war weder ein Hund noch klein. Es sah zunächst aus wie eine weitere Wolke, diesmal braun mit hellen Flecken, aber es wurde immer größer und verdichtete sich zu einer riesigen, stachligen Kugel. Die Stacheln sahen scharf und glänzend aus, ganz und gar nicht dunstig, und während sich die Kugel auf die Zwillinge zuwälzte, zerstörte das Schnarren und Knirschen der Stacheln auf dem Boden die Hoffnung, es könnte sich immer noch um eine Wolke handeln.

Die Jungen rückten unwillkürlich näher aneinander. Claudio griff nach einem weiteren Stab und Tonio zerbrach sich den Kopf über einen Ausweg. Durch das Fenster springen konnten sie nicht, die Tür befand sich hinter der Kugel, an der kein Weg vorbeiführte. Er versuchte sein Glück mit Worten, weil ihm das bereits an der Tür geholfen hatte. »Halt ein!«, schrie er in allen Sprachen, die er gelernt hatte.

Die Kugel ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie rollte weiter. Nur noch wenige Augenblicke und sie würde … Tonio kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken, denn in diesem Moment fuhr ein Blitz durch den Raum. Die Kugel zerbrach in Abertausende kleiner und großer Stacheln, ein Schauspiel, das die Zwillinge so beeindruckte, dass sie eine Weile brauchten, um zu bemerken, dass der Blitz aus der Richtung der Eingangspforte gekommen war, und dass dort, halb verborgen hinter dem stachligen Trümmerhaufen, der Zauberer stand.

»WAS hat DAS zu BEDEUTEN?«, donnerte er.

***

Der Rest des Tages verlief für die Zwillinge sehr ungemütlich. Nach dem Zornesausbruch des Zauberers mussten sie noch eine Strafpredigt ihres Vaters über sich ergehen lassen und sich bei dem Koch und allen Küchenjungen entschuldigen. Für die nächsten Tage wurde es ihnen verboten, die Burg zu verlassen, was bedeutete, dass sie auf den großen Jahrmarkt und das Turnier verzichten mussten. Da sie außerdem all die Stacheln aufzuräumen und in Eimern auf den Burghof zu schleppen hatten, was zehn schwere Gänge treppauf und treppab bedeutete, empfanden sie ihre Behandlung als ungerecht und schworen dem Zauberer Rache.

»Trotzdem«, sagte Claudio, als sie in ihrem Lieblingsversteck saßen und Nüsse aßen, »was für ein Abenteuer! Ich wette, ich hätte dieses Ding besiegen können!«

Tonio schaute sich vorsichtshalber noch einmal um, dann grinste er verschwörerisch und zog etwas aus der Tasche. Es war der kleinste der glänzenden Stäbe, den er eingesteckt hatte, ehe Claudio seinen Speerwurf versuchte.

»Vielleicht kriegen wir noch mal die Gelegenheit dazu!«

In den folgenden Jahren gelang es ihnen nicht wieder, in die Räume des Zauberers einzudringen, und der Stab, den Tonio entwendet hatte, tat nie mehr als Blumen sprießen zu lassen, egal wohin man ihn schleuderte. Schließlich gebrauchte ihn Claudio als Übungswaffe. Aber die Prinzen waren auch ohne magische Mittel einfallsreich genug, um dem Zauberer eins auszuwischen, vor allem, nachdem sie entdeckten, dass er nichts so sehr hasste wie Weißdorn und in der Nähe dieses Strauches immer zu niesen anfing und rote Flecken auf der Haut bekam. Wenn sie dafür gelegentlich für einige Stunden mit gefrorenen Händen oder unlösbaren Schellenkappen oder plötzlich viel zu engen Schuhen herumliefen, so machte ihnen das nie sehr lange etwas aus. Im Übrigen wuchsen sie schnell heran, jeden Tag gab es etwas Neues zu erleben, und erst als sie in das Alter kamen, in dem einer von ihnen zum Kronprinzen ernannt werden musste, hatte ihre sorglose Jugendzeit ein Ende, denn ihr Vater wusste immer noch nicht, was er tun sollte.

»Ich kann mich nicht entscheiden, welchen ich nehmen soll!«, sagte er verzweifelt zu dem Hofzauberer, der inzwischen zu seinem engsten Berater geworden war.

»Wenn je ein Heer unser Königreich bedrohen sollte, wäre Claudio ein hervorragender König. Er ist der geborene Kämpfer. Aber in friedlichen Zeiten, wenn er entscheiden müsste, ob man die Steuern erhöhen sollte, welche Gebäude und Straßen zu bauen wären oder welchem Bauern welche Kuh gehört, würde er vollkommen versagen. Wohingegen Tonio solche Lagen spielend meistern würde. Tonio wäre der ideale König für Friedenszeiten. Was soll ich nur tun?«

Der Hofzauberer lächelte dünn und dachte an mancherlei. An seinen besten Zauberstab, den er völlig verbogen in der Rüstungskammer wiedergefunden hatte. An die Bücher in der Bibliothek, die nie dort standen, wo er sie zurückgelassen hatte, falls sie überhaupt noch auffindbar waren. Eines seiner Lieblingsbücher, Merlin und ich: Morganas Memoiren, suchte er immer noch vergeblich. Und schließlich dachte er an die ständigen Übungen in Zurückhaltung und Geduld, die er sich während der Kindheit der Zwillinge immer hatte auferlegen müssen.

»Nun, mein König«, sagte er ernst, »es gibt eine Prüfung, die nur der bestehen kann, der Eures Thrones würdig ist. Ihr müsst den Prinzen eine Aufgabe stellen, die nur ein wahrhaft edler Fürst bewältigen kann. Ihr müsst sie losschicken, um einen Drachen zu töten.«

»Einen was?«, wiederholte der König erstaunt. »Drachen sind seit mehr als hundert Jahren nicht mehr in Loralon gesehen worden. Wahrscheinlich gibt es überhaupt keine Drachen mehr. Und außerdem, was soll diese Prüfung schon beweisen? Wir wissen bereits, dass Claudio der bessere Kämpfer ist.«

»Oh, es genügt nicht, ein guter Kämpfer zu sein, wenn man einen Drachen besiegen will«, erwiderte der Zauberer. »Drachen sind klüger als jede andere Kreatur auf Gottes Erdboden. Man braucht Verstand, um sich mit ihnen zu messen.«

»Also, angenommen, sie finden einen Drachen«, protestierte der König, »und sterben alle beide? Drachen töten im Allgemeinen sehr viele Leute, bevor sie selbst getötet werden.«

»Die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen«, entgegnete der Zauberer ungerührt. »Es würde mich ohnehin wundern, wenn auch nur einer von ihnen einen Drachen findet. Und sollte er tatsächlich dabei sterben, dann ist Euer Nachfolgerproblem ebenfalls gelöst und einer Eurer Söhne hat zur Erhaltung seltener Arten beigetragen.«

Die Königin hörte das alles mit an, doch keiner der beiden Männer hatte sie bemerkt. Sie entschied sich die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen und machte sich auf den Weg, um ihre Söhne zu suchen. Bald fand sie die beiden.

»Euer Vater und dieser alte Zauberer hatten einen ausgesprochen törichten Einfall«, teilte sie ihnen mit. »Sie wollen euch alle beide auf eine mörderische Suche nach einem Drachen schicken und bilden sich ein auf diese Weise das Nachfolgerproblem zu regeln. Aber ich möchte nicht erleben, dass einer von euch getötet wird, und daher bitte ich euch, seid vernünftiger als euer Vater. Einer von euch muss selbstlos sein und sein Recht auf die Thronfolge aufgeben. Diese Lösung liegt doch auf der Hand.«

Die Zwillinge schauten einander an. Natürlich hatten sie immer gewusst, dass es da ein Problem gab, sie hatten sich aber nie wirklich Gedanken darum gemacht, denn beiden war es immer klar gewesen, wer König werden sollte. Und nun sprachen sie es laut aus.

»Aber Mutter«, antwortete Claudio, »ich wäre sicher der beste König. Ich werde Tonio zu meinem engsten Berater machen, damit er diesen ganzen Gesetzeskram erledigen kann, und dann feuern wir als Erstes diese alte Kröte von einem Hofzauberer.«

»Aber Mutter«, sagte Tonio gleichzeitig, »ich wäre sicher der beste König. Ich werde Claudio zu meinem General machen, dann kann er seine Kampfeslust austoben und …«

»Ihr seid genau wie euer Vater«, kommentierte die Königin abgestoßen. »Männer!«

Nach einer Weile beruhigte sie sich und setzte erneut an. »Nun gut, ihr beide, dann jagt eurem Drachen hinterher. Vielleicht ist es wirklich das, was ihr verdient, wenn ihr nicht in der Lage seid einzusehen, dass König sein nicht alles ist. Aber hört auf mich und zieht wenigstens nicht einzeln los. Nur gemeinsam habt ihr eine Chance.«

Insgeheim vermutete sie, dass es längst keine Drachen mehr gab, aber eine Reise über die Grenzen von Loralon hinaus war gefährlich genug und ihre beiden Jungen sollten zumindest aufeinander aufpassen können.

»Warum nicht«, entgegnete Claudio unbekümmert und stieß seinen Bruder mit dem Ellenbogen in die Seite. »Ich wollte Tonio schon immer zeigen, wo es langgeht.«

Tonio erwiderte den Rippenstoß, aber angesichts der bekümmerten Miene seiner Mutter verging ihm sein Grinsen.

Später saß er mit gerunzelter Stirn in der Burgbibliothek, beugte sich über alte, verblichene Karten und versuchte deren Landschaftsmarkierungen so genau wie möglich abzuzeichnen. So fand ihn der Hofzauberer.

Die Angelegenheit mit den Mäusen und Fröschen lag nun schon Jahre zurück und Tonio fühlte sich mittlerweile viel zu erwachsen, um noch beeindruckt von mehrfarbigen Wolken zu sein, aber er zuckte trotzdem unwillkürlich zusammen, als er das Räuspern des alten Mannes hörte.

»Aha«, sagte der Zauberer trocken. »Reisevorbereitungen?«

»Möglich«, murmelte Tonio. Der Hofzauberer gehörte eigentlich zu den interessantesten Menschen, die er kannte, doch jede Unterhaltung mit ihm artete früher oder später in einen Wettkampf mit Worten aus und man musste auf jedes einzelne Acht geben. Der Zauberer schnipste mit den Fingern und sein bevorzugter Sessel kam bereitwillig aus der Ecke hervor. Die weiten, dunklen Roben des alten Mannes rauschten, als er sich in den weichen Polstern niederließ.

»Wie erholsam es sein wird«, meinte er, »wenn ihr beide erst aus der Burg verschwunden seid. Verrate mir doch, mein Junge, war der Weißdornzweig in meinem Bett dein Einfall oder verdanke ich das deinem Bruder?«

Tonio schob sich die helle Haarsträhne, die ihm ins Auge gefallen war, aus der Stirn und antwortete in höflichem Tonfall: »War die Suche nach dem Drachen der Einfall meines Vaters oder verdanken wir das Euch?«

Die buschigen Augenbrauen des Zauberers zuckten belustigt. »Hmmm«, brummte er. »Ich wusste schon, warum ich mich geweigert habe euch zu erziehen. Prinzen zu erziehen ist die undankbarste Aufgabe, die sich vorstellen lässt, und hinterher fühlt man sich für die ausgereiften Könige verantwortlich und muss ständig hinter ihnen aufräumen. Nein, ich bin an euren lächerlichen kleinen Hof gekommen, um mich zu erholen, und nun wird es mir wohl endlich gelingen. Übrigens, was das Aufräumen angeht – nimm diese Karten nur mit. Es sind außergewöhnlich mittelmäßige Kopien, ich brauche sie hier nicht mehr und mich schaudert vor dem Ergebnis deiner mangelhaften Zeichenkünste.«

»Danke«, sagte Tonio überrascht.

Der Zauberer brummte noch einmal. »Außerdem würde ich an deiner Stelle meine Balladenkenntnisse auffrischen. Drachen waren schon immer das Lieblingsthema schlechter Dichter.«

Tonios Blick flog zu den alten Gedichtbänden und er begriff, dass er eben einen Hinweis erhalten hatte. Er sprang auf und lief zu dem entsprechenden Regal. »Vielen Dank«, stieß er freudig hervor, während er bereits den ersten Band hervorholte, »das ist wirklich sehr freundlich von …«

Er hatte einen Fehler begangen. Der Zauberer hasste es, wenn man ihm schmeichelte. »Ich bin niemals freundlich«, sagte er ungnädig. »Sieh zu, dass du möglichst schnell von hier verschwindest.«

Er stand auf und ging zu der kleinen, schmalen Bibliothekstür. Über die Schulter gewandt fügte er hinzu: »Und wenn du vor deinem Abschied nicht alles zurückbringst, was du hier entwendet hast, dann sei versichert, dass Drachen zu den geringsten deiner Schwierigkeiten zählen werden!«

Kapitel 3
Die Reise beginnt

Am nächsten Tag, einem Frühlingsmorgen, der so schön war, wie jeder Morgen es zu Beginn einer großen Reise sein sollte, begannen die Zwillinge ihre lange und gefährliche Suche nach einem Drachen – und einer Krone.

Zunächst gingen sie in verschiedene Richtungen, wie ihr Vater es verlangt hatte, aber bald trafen sie sich, wie heimlich verabredet, unter einer Eiche. Claudio schaute verächtlich auf Tonios schweres Gepäck hinab.

»Dein Pferd wird all das Zeug nicht lange tragen können. Außerdem sind einige von deinen Waffen lächerlich. Was nützen einem Degen gegen einen Drachen? Da braucht man Schwerter und Lanzen!«

Tonio errötete und entfernte etwas von dem überflüssigen Gepäck, aber als sie beide wieder auf ihren Pferden saßen, sagte er: »Nun, hast du dich schon entschieden, in welche Richtung wir reiten?«

Claudio war überrascht. »In welche Richtung? Also, ich dachte, wir folgen einfach der Straße und fragen, ob irgendjemand von einem Drachen gehört oder einen gesehen hat.«

»Unsinn«, entgegnete Tonio. »Ich habe in der Burgbibliothek nachgesehen. Hier ist eine Karte von Loralon. Und in einer Balladensammlung fand ich den Hinweis, dass der letzte Drache im Norden gesichtet wurde, in den Bergen von Kurosawa. Dahin sollten wir gehen.«

Und so ritten die Prinzen gen Norden.

Von der dritten Welt, in der Loralon lag, hieß es, die Wüsten seien im Süden, das Meer im Osten und riesige Wälder im Westen. Über den Norden wusste niemand sehr viel: Man nahm an, dass es dort Sümpfe und Moore gab und dahinter Berge, die bis in den Himmel ragten, aber niemand hatte je herausgefunden, was hinter den Bergen lag.

Die ersten Tage der Reise verliefen für die Prinzen fast enttäuschend gleichförmig. Sie kannten die Gegend, und da im Reich ihres Vaters Frieden herrschte, ließ sich kein einziger Räuber auf den Straßen blicken, an dem sie ihre Tapferkeit hätten erproben können. Einmal zuckte Claudio zusammen, als er Tonio leise stöhnen hörte, und fragte hoffnungsvoll: »Was ist? Hast du irgendetwas gesehen?«

Tonios Wangen röteten sich, während er den Kopf schüttelte. »Nein. Aber ich bin noch nie so lange am Stück geritten!«

Als sein Bruder lachte, warf Tonio ihm den Beutel mit Schreibzeug an den Kopf, den er gerade heimlich aus der Satteltasche hatte entfernen wollen. Sie würden ohnehin kaum mehr dazu kommen, Briefe zu schreiben.

Nach einer Woche merkten die Zwillinge allerdings, dass die Sprache der Bewohner anfing sich zu ändern. Sie betonten Worte anders und sangen fremde Lieder. Und je weiter sie nach Norden kamen, desto schwerer wurde es, einer bestimmten Straße zu folgen.

»Wir müssen im Grenzland sein«, murmelte Tonio eines Nachmittags, während er mit zusammengekniffenen Augen die Karte studierte und versuchte in dem Gewirr von Linien die richtige Straße zu finden. »Wahrscheinlich schaffen wir es heute noch bis nach Ariand.«

Sie wussten nicht viel über Ariand, das große nördliche Nachbarland von Loralon, außer, dass es von mehreren Völkern bewohnt und von einer Stadt namens Zidang aus regiert wurde. Claudio wollte gerade ebenfalls einen Blick auf die Karte werfen, als ein dünner, hoher Laut ihn aufhorchen ließ. Er stieß Tonio den Ellenbogen in die Seite, legte einen Finger auf den Mund und wartete. Der Laut kam wieder, diesmal deutlicher, gefolgt von einem tiefen Knurren. Für Claudio gab es keinen Zweifel: Jemand brauchte Hilfe. Da er und sein Bruder nur kurz gerastet hatten, waren die Pferde gesattelt geblieben. Er schwang sich auf den Rücken seines Tieres und galoppierte bereits in Richtung der Geräusche los, als Tonio ihm nachrief: »Warte! Es könnte …« Claudio hörte ihn nicht mehr. Die Straße verzweigte sich in zwei schmale Wege; einer davon führte in ein Dickicht und aus dieser Richtung drangen die immer klarer werdenden Laute. Die dünne, hohe Stimme und die tiefe, knurrende stießen Laute aus, die Claudio nicht verstand, doch als er erst einmal die Besitzer der Stimmen gefunden hatte, glaubte er sofort zu erkennen, um was es sich handelte.

Claudio hatte zwar noch nie einen Zwerg gesehen, aber das kleine, gedrungene Wesen, das eine Schleuder um seinen Kopf wirbelte, musste einer sein. Er wusste nicht, wie man das braunhaarige Ungetüm nannte, das mindestens dreimal so groß wie der Zwerg und ein beträchtliches Stück größer als Claudio selbst war, doch es sah bedrohlich genug aus. Ohne zu zögern zog Claudio sein Schwert und stürzte sich zwischen die beiden.

Was als Nächstes geschah, hätte er nie erwartet. Das riesige Wesen blickte ihn an, jaulte auf, ließ sich auf seine Vorderpfoten nieder und rannte davon. Gleichzeitig schrie der Zwerg etwas und rammte Claudio eine erstaunlich harte Faust in den Magen.

Mehr verblüfft als verletzt starrte Claudio auf den zornigen kleinen Mann hinunter, der nun in einer einigermaßen verständlichen Form der Hochsprache brüllte: »Du Narr! Du loralonischer Narr! Wofür hältst du dich eigentlich! Der einzige Graumiak im Umkreis von drei Wäldern und du verscheuchst ihn!«

»Ich wollte helfen …«, setzte Claudio an und wurde durch einen weiteren Stoß in den Magen belohnt.

»Mir helfen? Großartig! Und was sollen wir essen? Ich bin jetzt schon fünf Tage auf der Jagd, meiner Familie gehen die Vorräte aus, da finde ich endlich einen Graumiak und so ein bartloser Grobian von einem Loraloner verscheucht ihn! Du …«

»Verzeiht«, unterbrach ihn eine Stimme und der verwirrte Claudio war selten so froh gewesen seinen Bruder zu hören. Tonio stieg in aller Ruhe von seinem Pferd: »Mein Bruder und ich sind Fremde in diesem Land, und wenn wir jemanden beleidigen, so nur aus Unwissenheit, nicht aus böser Absicht. Dürfen wir erfahren, was sich mein Bruder hat zu Schulden kommen lassen?«

Der Zwerg strich sich den gesträubten Bart glatt. Einigermaßen besänftigt entgegnete er: »Nun ja, jede Familie hat ihre Tölpel. Als der Graumiak diesen hier sah, ist er natürlich sofort verschwunden. Schließlich haben wir mit ihnen vereinbart, dass immer nur einer gegen einen kämpft, und die armen Biester haben ohnehin schon genug Angst vor uns.«

Claudios Verwirrung verwandelte sich langsam, aber sicher in tiefen Ärger. Seine Hilfe war offenbar nicht nur unnötig gewesen, man hatte sie ihm auch noch mit Schlägen vergolten und jetzt bezeichnete man ihn auch noch als Tölpel. Tonio mochte es für nötig halten, diesen Zwerg zu umschmeicheln, aber er, Claudio, hatte genug von dem undankbaren kleinen Ungeheuer.

»Ihr habt ihn gejagt?«, fragte er ungläubig. »Und was soll das heißen, Ihr habt es so mit den Graumiaks vereinbart? Wie kann man etwas mit einem Tier vereinbaren? Oder sind das keine Tiere?«

Der Zwerg musterte ihn so verächtlich wie ein Insekt, das unter einem Stein hervorkrabbelt. »Natürlich sind das Tiere. Früher haben sie in Herden mit uns in den Höhlen gelebt, aber seit der großen Katastrophe sind wir alle dazu verurteilt, durch dieses grässliche Grünzeug zu ziehen, wo sich kein Bergbau betreiben lässt, aber jede Menge gefährliche Viecher und Narren wie ihr herumlungern, und seither gibt es immer weniger von uns und den Graumiaks.«

Bei den Worten »große Katastrophe« hatte Tonio aufgehorcht. Doch er kam nicht dazu, seine Frage zu stellen.

»Aber wenn diese Graumiaks Tiere sind«, beharrte Claudio störrisch, »wieso könnt Ihr dann mit ihnen sprechen?«

Zum ersten Mal schien der Zwerg verlegen, wie Claudio befriedigt feststellte. Er zupfte an seinem Bart und seine sonst so schneidend helle Stimme klang undeutlich, als er antwortete.

»Nun ja … es war ein Unfall.«

Tonio stellte seine Frage zurück, denn mittlerweile interessierte ihn die Angelegenheit mit den Graumiaks ebenfalls.

»Ein Unfall?«

»Mhm.« Der Blick des Zwerges wanderte zwischen ihm und Claudio hin und her. Seine Miene hellte sich auf und er erklärte: »Vielleicht könnt ihr uns sogar helfen den Schaden wieder zu beheben. Da mir der Graumiak ja euretwegen entgangen ist, schuldet ihr mir ohnehin etwas.«

»Ach, Ihr wollt unsere Hilfe?«, erkundigte sich Claudio eisig. »Ich dachte, ich bin ein loralonischer Tölpel.«

Seine gut ausgebildeten Muskeln verhinderten, dass er sich zusammenkrümmte, als ihm der dritte Stoß an diesem Nachmittag versetzt wurde, diesmal von seinem Bruder.

»Wir helfen Euch gerne«, verkündete Tonio lächelnd. »Bringt uns nur zu Eurem Lager und erzählt uns alles, wir haben genügend Vorräte für einen Abend bei uns.«

Aus irgendeinem Grund schien das den Zwerg zu belustigen. Er grinste flüchtig und murmelte etwas, das wie »vielleicht« klang, ehe sich seine übliche mürrische Miene wieder durchsetzte.

»Was soll das?«, zischte Claudio, während die Brüder, die Zügel ihrer Pferde in der Hand, dem Zwerg durch das Unterholz folgten.

»Hast du nicht gehört, dass er eine große Katastrophe erwähnt hat? Etwas, dass ihn und die anderen Zwerge aus ihren Höhlen vertrieb? Ich wette, dieses Etwas war ein Drache!«, flüsterte Tonio.

Claudio schnaubte skeptisch. »Ha! Und ich wette, es war eine Horde aufständischer Graumiaks. Ich bin auf der Seite der Graumiaks.«

Kapitel 4
Die Zwerge

Das Lager der Zwerge stellte sich als unzugängliche Erdwallfestung heraus, die, wie selbst Claudio anerkannte, vorzüglich zwischen stachligen Hecken und kleineren Bäumen versteckt lag. Die Wälle dienten allerdings mehr dem Sichtschutz; einmal innerhalb des Lagers, bemerkten die Zwillinge, dass die Zwerge offenbar versucht hatten sich eine möglichst höhlenähnliche Umgebung zu schaffen. Ihre Wohnräume befanden sich unter der Erde.

Allerdings hatten Tonio und Claudio nicht lange Zeit, sich umzuschauen. Kaum hatte ihr Führer die Losungsworte in einen der Erdwälle geflüstert, da stürmten von allen Seiten und Höhlen Zwerge auf ihn zu. Tonio beherrschte zwar einige Fremdsprachen, doch das Zwergische gehörte leider nicht dazu. Ein Wort wiederholte sich allerdings wieder und wieder.

»Lach jetzt bloß nicht«, wisperte er Claudio zu, »aber ich glaube, unser Gastgeber heißt Lebertran.«

»Mir ist nicht nach Lachen zu Mute«, flüsterte Claudio zurück. »Ich vermute nämlich, die glauben, er hat uns als Ersatz für den Graumiak mitgebracht.«

Nun war es an Tonio zu grinsen, doch das Lachen erstarb ihm in der Kehle, als er die misstrauischen und feindseligen Blicke bemerkte, mit denen die Zwerge sie beide bedachten. Diejenigen der Kleinen, die bewaffnet waren, hatten sich bereits um sie herum aufgestellt. Tonio war kein Waffenexperte, doch er entnahm Claudios beunruhigtem Ton, dass die Schleudern und Pfeile dieser Leute durchaus ernst zu nehmen waren.

»Mein Clan«, verkündete Lebertran mit weit ausholender Geste und an die Zwerge gewandt: »Lasst uns höflich sein und in der Sprache der Barbaren sprechen.«

Tonio bemerkte, wie Claudio sich neben ihm versteifte, und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm.

Eine Zwergin rief dazwischen: »Wo bleibt der Graumiak?«

Lebertran wölbte die Brust. »Wir haben es nun nicht mehr nötig, Graumiaks zu jagen. Sollen sie sehen, wie sie ohne uns zurechtkommen, die dummen Tiere. Diese beiden Menschen hier sind die gefürchtetsten Söldner weit und breit und sie werden …«

Während sich Claudio und Tonio entgeistert anstarrten, kam ein weiterer Zwischenruf: »Sie sehen nicht so aus!«

»Das Aussehen trügt!«, schrie Lebertran zurück. »Der Rechte ist bekannt als Hammer von Loralon. Schon als kleines Kind erwürgte er zwei Schlangen, die ihn in seiner Wiege ersticken wollten, und danach überlebte er eine Herde von Wildpferden, die über ihn hinweglief. Es blieb zwar ein Hirnschaden zurück und er ist nicht unbedingt der Klügste, wie ihr sehen könnt, aber wo er hinschlägt, da wächst kein Gras mehr, da birst selbst Kristall!«

Angesichts von Claudios immer düsterer werdender Miene zogen sich selbst die bewaffneten Zwerge einen Schritt zurück und betrachteten ihn ehrfurchtsvoll. Tonio kämpfte gerade gegen ein aufkommendes Lachen an, das Claudio mit Sicherheit den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung gekostet hätte, als Lebertran nun auf ihn wies.

»Und der Linke, das ist die Schlange von Seprimar! Er war auch noch ein Kind, als er seinen herzlosen Stiefvater und seine grausamen Stiefbrüder alle auf einen Schlag vergiftete! Seither hat er Barone erhöht, Herzoge gestürzt und selbst Könige fangen keine Fehde an, ohne ihn zu Rate zu ziehen. Schaut ihn an! Stehen ihm List und Tücke nicht ins Gesicht geschrieben? Aber habt keine Furcht. Beide schworen mir ihre Treue mit heiligen Eiden, als ich sie vor dem wild gewordenen Graumiak rettete, der ihre Gefährten bereits zerrissen hatte!«

»Ruhig bleiben, Schlange«, sagte Claudio schadenfroh zu seinem Bruder. »Vergiss nicht, wir sind Fremde und müssen höflich sein.« Seine Worte gingen in dem Jubel, der Lebertrans Ankündigung folgte, unter. Die Zwillinge waren noch dabei, sich von ihrer Verwandlung in zwei Furcht erregende Söldner zu erholen, als eine Zwergin sich vor ihnen aufbaute.

»Lebertran hat mir gesagt, ich soll Euch zeigen, wo Ihr Barbaren heute Nacht schlaft. Folgt mir!«

Der Drache, dachte Tonio, während er und Claudio auf Händen und Füßen durch verschiedene Lehmgänge krochen. Nur das ist wichtig. Der Tunnel weitete sich schließlich zu einem kleinen Raum. Claudio versuchte aufzustehen und stieß mit dem Kopf gegen die Decke.

»Hier?«, stieß er hervor.

»Das ist unser größtes Zimmer«, entgegnete die Zwergin beleidigt. »Wir sind nun mal nicht auf Barbaren eingestellt, und auf Söldner erst recht nicht. Kommt nicht auf dumme Gedanken, während Ihr hier seid!« Sie schniefte und fugte kopfschüttelnd hinzu: »Dieser Lebertran – dass er Euch gleich erkannt hat! Für mich sieht ein Mensch aus wie der andere.«

Nachdem sie verschwunden war, wirkte das Zimmer noch kleiner. Doch Tonio bemerkte, dass es sorgfältig und liebevoll ausgestattet worden war; die Balken, welche die Decke stützten, hatte jemand zu kunstvollen Säulen geschnitzt und die Beschläge an den Stühlen, die er zunächst für Zinn gehalten hatte, waren aus reinem Silber. Er hob einen durchsichtigen Becher auf und pfiff durch die Zähne. Der Becher bestand aus klarem, fein geschliffenem Bergkristall. Sein Vater besaß wenig Kostbareres.

»Wenn du mit der Besichtigung fertig bist«, meinte Claudio, »dann würde ich gerne mit dir darüber reden, was wir bei diesen Wahnsinnigen tun sollen.«

»Uns helfen, natürlich«, klang es aus dem Tunnel und Lebertrans roter Bart schob sich in den Raum. »Uns retten. Dazu sind Helden doch da, oder?«

Tonio wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. »Wie wäre es«, sagte er, »wenn Ihr uns verrietet, worum es eigentlich geht?«

Lebertran räusperte sich. »Nun ja«, begann er verlegen. »Es ist alles etwas peinlich. Angefangen hat es, als vor vielen Jahren eine Zauberin zu uns kam. Sie suchte in unseren Höhlen nach irgendetwas, das heißt, sie wollte es, aber wir … also, wir haben nichts gegen Menschen an sich …«

»… wie freundlich«, unterbrach Claudio.

»… aber Zauberer sind nun mal nicht wegen ihrer Umgänglichkeit berühmt.«

»Im Gegensatz zu Zwergen«, ergänzte Tonio und biss sich auf die Zunge. Falls die Zwerge sie wirklich zu einem Drachen führen konnten, war jetzt nicht der geeignete Moment, um sich über sie lustig zu machen.

Lebertran tat, als hätte er ihn nicht gehört. »Es kam zu einigen Missverständnissen und schließlich verfluchte sie uns, was wir aber zuerst nicht ernst nahmen. Sie behauptete, die einzigen Wesen, die mit uns auskommen könnten, wären unsere Graumiaks, und die täten es nur, weil sie keine andere Wahl hätten.

Aber ab jetzt könnten sie uns zumindest die Meinung sagen. Und seither können die Graumiaks mit uns sprechen. Es war furchtbar. Ich meine, stellt euch doch bitte vor, eure Hühner fangen an euch die Ohren voll zu gackern und bessere Legeplätze einzufordern. Und wir konnten sie natürlich nicht mehr einfach so schlachten, also kam es zu dieser Vereinbarung. Aber nicht gleich. Erst gab es einige, die dagegen waren, die Graumiaks anders zu behandeln, und da kamen die Graumiaks auf die Idee, sich Hilfe zu holen.«

»Einen Drachen!«, stieß Tonio hervor und setzte sich auf. Endlich kamen sie zum springenden Punkt. Der Zwerg blickte ihn verwundert an. Dann schüttelte er energisch den Kopf.

»Aber ganz bestimmt nicht! Die Graumiaks sind nicht gerade die Klügsten unter den Tieren, aber so dumm sind sie sicher nicht, sich freiwillig einen Drachen auf den Hals zu laden. Auf solche Ideen können nur Menschen kommen.«

Tonio sank entmutigt zurück.

»Und wen«, fragte Claudio herausfordernd, »haben die Graumiaks dann geholt?«

Lebertran zupfte wieder an seinem Bart. »Also … eine Menschenbande. Die gelten auch nicht als besonders klug und die Graumiaks dachten wohl, nachdem sie uns eingeschüchtert haben, würden die wieder abziehen. Taten sie aber nicht. Sie vertrieben uns, rissen sich all unsere Schätze unter ihre scheußlichen Pranken und schlachteten alle Graumiaks, die sie finden konnten. Danach trafen wir diese Vereinbarung mit den Graumiaks, aber die Räuber …«

»Warum«, warf Claudio ein, der begonnen hatte das Ganze als Übung für Belagerungsstrategien zu sehen, »habt Ihr Euch nicht richtig mit den Graumiaks verbündet und ihnen versprochen nie wieder einen von ihnen zu jagen, wenn sie Euch helfen die Räuber zu vertreiben?«

»Aber ihr Fleisch schmeckt hervorragend«, protestierte Lebertran. »Außerdem ist es Tradition. An Festtagen und zu Familienfeiern haben wir immer Graumiaks gegessen. Und im Übrigen …« Seine Worte wurden unverständlich und er fing wieder an zu nuscheln.

»Wie war das?«, fragte Tonio scharf. Er hatte das dringende Bedürfnis, seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen. Weit und breit keine Spur von einem Drachen; für nichts und wieder nichts hatten sie sich in eine Zwergenfehde verwickeln lassen.

»Im Übrigen können wir keine anderen Tiere erwischen«, sagte Lebertran hastig. »Außer ein paar uralten Hasen ab und zu, die nicht mehr rennen können.«

Die plötzlich eintretende Stille in der Höhle wurde nur durch ein leises Schmatzen unterbrochen, als Lebertran sich verlegen auf die Lippen biss. Seine Haut verfärbte sich unter den Blicken der Zwillinge langsam. Tonio stützte sich unbewusst an die Wand und spürte den feuchten Lehm unter seinen Fingern.

»Nur um sicher zu sein, dass ich alles richtig verstanden habe«, sagte er ausdruckslos, »fasse ich jetzt zusammen. Die Graumiaks übertreffen Euch zwar um ein Vielfaches an Größe, aber sie sind weder besonders schnell noch besonders klug und anscheinend äußerst gutmütig, und daher die einzigen Tiere, die Ihr erlegen könnt. Trotzdem bleibt die einzige Einigung, die Ihr mit ihnen erzielen könnt, eine Jagderlaubnis, wenn es nur einen Jäger gibt. Und Ihr habt es in wer weiß wie viel Jahren nicht fertig gebracht, eine einzige Räuberbande aus Euren Höhlen zu vertreiben.«

»So kann man es auch sehen«, entgegnete Lebertran, zupfte geistesabwesend eine Spinne aus seinem Bart und betrachtete sie vorwurfsvoll.

»Und jetzt wollt Ihr, dass wir Euch helfen?«

Lebertran setzte die Spinne auf dem Boden ab und strahlte Tonio an. »Genau!«

»Nein«, entgegnete Tonio kühl. »Wir sind auf einer großen Suche und unsere Zeit ist zu kostbar, um sie derart zu verschwenden.« Er stieß sich von der Wand ab und sagte über die Schulter hinweg zu Claudio: »Wir gehen.«

Zu seiner großen Überraschung spürte Claudio angesichts von Lebertrans entgeisterter Miene, wie Mitleid mit dem Zwerg in ihm aufstieg. Wie die meisten Menschen hatte Lebertran Tonios Höflichkeit mit Gutmütigkeit verwechselt; Claudio wusste, dass sein Bruder den Zwergen helfen würde, wenn ihr Leben bedroht wäre, doch angesichts der selbst verschuldeten Not war Tonio durchaus im Stande, ihre Bitte um Hilfe zu ignorieren. Zumal ihr Problem nichts mit einem Drachen zu tun hatte.

Lebertrans Unterlippe zitterte, als Tonio ohne ein weiteres Wort an ihm vorbeiging, und Claudio stellte verblüfft fest, dass seine Füße sich weigerten seinem Zwillingsbruder zu folgen. Was geht mich der Zwerg an?, dachte er irritiert. Als ich ihm das letzte Mal helfen wollte, hat er mir das gründlich ausgetrieben. Soll er doch sehen, wie er seinem Volk die Wahrheit über seine Söldner beibringt.

Und doch … Das Zittern von Lebertrans Unterlippe hatte auf geheimnisvolle Art den Bart des Zwerges erreicht und der Anblick der bebenden Borsten gab Claudio den Rest.

»Wie viele Räuber sind es denn?«, fragte er mürrisch.

Tonio, der bereits in den Tunnel geklettert war, erstarrte. »Claudio«, begann er warnend. Doch Claudios Aufmerksamkeit wurde ganz und gar von der blitzartigen Verwandlung in Anspruch genommen, die sich mit Lebertran vollzog. Jedes Anzeichen von Unglück und Betroffenheit verschwand innerhalb einer Sekunde und der Zwerg antwortete schneller, als ein Frosch eine Fliege erhascht: »Dreizehn kampffähige Männer, zwei Kranke, ein Koch und ein Anführer.«

Kapitel 5
Der Glimmerberg

Zwei Tage später standen die Zwillinge am Fuß des Glimmerbergs von Ariand, wo die Zwerge vor der großen Katastrophe gelebt hatten. Lebertran, der sie mit dreizehn weiteren Zwergen begleitete, warf hin und wieder einen beunruhigten Blick auf den schweigsamen Tonio. Es wäre für Tonio leicht gewesen, ihn durch einige freundliche Worte seiner Sorgen zu entheben, aber Tonio spürte immer noch Arger über Claudios eigenmächtige Entscheidung. Die Versuchung war groß, Claudio gemeinsam mit den Zwergen zurückzulassen und allein weiterzuziehen, doch er brachte es nicht fertig. Allem Anschein nach lief alles auf eine bloße Rauferei mit den Räubern hinaus, doch der eine oder andere von ihnen mochte ein wirklich guter und gefährlicher Kämpfer sein, und so geübt Claudio in den Waffenkünsten auch war … er hatte bisher nie gegen jemanden kämpfen müssen, der sich nicht an ritterliche Regeln hielt und kein anderes Ziel hatte, als seinen Gegner schnellstmöglich umzubringen. Die Vorstellung, irgendwo auf der Suche nach dem Drachen die Nachricht zu erhalten, dass sein Bruder im Kampf für ein paar selbst- und streitsüchtige Zwerge verwundet oder gar getötet worden war, schien Tonio unerträglich. Also zog er mit Claudio und den Zwergen zum Glimmerberg, zeigte jedoch seinen Ärger durch eisiges Schweigen, das jedes Gespräch unmöglich werden ließ.

»Das«, verkündete Lebertran nach einem weiteren vorsichtigen Blick auf Tonio, »ist der Glimmerberg, Ruhm und Heimat des glorreichsten aller Zwergengeschlechter.«

Die Begeisterung in seiner Stimme ließ sich nicht sofort nachvollziehen. Beide Zwillinge fragten sich in einem seltenen Augenblick der Einmütigkeit, wie der Berg zu seinem Namen gekommen war, denn es ließ sich nicht das geringste Glitzern entdecken. Einige verkümmerte Bäumchen und viele höchst stachelig aussehende Hecken bedeckten einen mittelgroßen Hügel, den Tonio nie als Berg bezeichnet hätte. Die Form des »Berges« erinnerte leicht an einen sehr zusammengekauerten Hasen.

Etwas von dem, was sie dachten, musste sich auf den Gesichtern der Zwillinge widerspiegeln, denn Lebertran grinste plötzlich. »Da habt ihr es. Menschen sind blind«, sagte er gönnerhaft zu den anderen Zwergen. »Können nichts erkennen, selbst wenn es schon vor ihrer Nasenspitze liegt. Aber sie werden es schon noch begreifen, wenn sie in der Grünen Halle stehen.«

»Unsinn«, widersprach sofort die Zwergin, der Tonio und Claudio bei ihrer Ankunft im Lager begegnet waren und die, wie sie inzwischen erfahren hatten, Sano hieß. »Eine richtige Führung muss mit dem Blauen Gewölbe beginnen.«

Stol, ihr jüngerer Bruder, den Lebertran als besten Pfadfinder unter den Zwergen vorgestellt hatte, schüttelte energisch den Kopf. »Nein«, meinte er, »auf jeden Fall erst zum Silbertunnel, und dann in das Blaue Gewölbe …«

Nun machten alle Zwerge Anstalten, eine weitere ihrer geliebten Auseinandersetzungen zu beginnen, aber Tonio brachte sie zum Schweigen. »Darf ich meine geschätzten Begleiter erinnern«, sagte er mit gepresster Stimme, »dass überhaupt keine Besichtigung möglich sein wird, solange der Glimmerberg sich in den Händen seiner derzeitigen Besetzer befindet, und sie bitten die Überlegungen betreffs einer Führung auf ein anderes Mal zu verschieben?«

Der Satz war lang und umständlich genug, um die Zwerge für zwei Minuten zu ehrfürchtigem Schweigen zu bringen, ehe sie, diesmal merklich leiser, von neuem mit ihrer Debatte begannen. Tonio zuckte die Achseln. Nach zwei Tagen in Gesellschaft von Lebertran, Sano, Stol, Multi und den anderen wusste er, dass er mit keinem größeren Erfolg rechnen konnte. Für Claudio waren die ständigen Streitereien allerdings ein stetes Ärgernis, denn es war für ihn zur Ehrensache geworden, mit der Vertreibung der Räuber Erfolg zu haben. Mit den ständig zankenden Zwergen im Rücken stiegen die Aussichten auf einen Sieg leider nicht und er sah der Möglichkeit, am Ende unverrichteter Dinge weiterzuziehen, mit Grausen entgegen. Es gab wenig, was er so sehr hasste, wie den Satz »Ich habe es dir ja gleich gesagt« von Tonio zu hören. Kaum hatte er das gedacht, schämte Claudio sich. War er hier, um den Zwergen zu helfen, oder nur, um seinem Bruder eins auszuwischen?

Er zog Stol aus dem Zwergenknäuel, das inzwischen von Worten zu Handgreiflichkeiten übergegangen war, heraus und fragte brüsk: »Wo befindet sich der Eingang?«

Lebertran, der die Frage ebenfalls gehört hatte, krähte vergnügt: »Was habe ich euch gesagt? Blind!«

Stol betrachtete Claudio abschätzig. »Es gibt insgesamt zehn Eingänge, die zum Bergwerk und den inneren Gewölben führen, und ich wette, die Räuber haben höchstens drei davon entdeckt, weil sie genauso blind sind wie ihr. Vielleicht auch vier. Aber auf keinen Fall denjenigen, vor dem wir gerade stehen.«

Er deutete auf eine Tanne, die seitlich von ihnen wuchs und größer war als die meisten verkümmerten Bäume, die der Hügel sonst hervorbrachte. Claudio hätte sich lieber die Zunge abgebissen als zugegeben, dass er immer noch keinen Eingang sah, und fragte: »Warum nicht?«

Stols Miene wurde noch etwas herablassender, doch es war Sano, die antwortete. »Weil er seit zweihundert Jahren nicht mehr benutzt worden ist, darum. Was glaubst du denn, warum der Baum dort wächst?«

Tonio ging um den Baum herum, kniete sich nieder, betastete den Boden, klopfte, doch er entdeckte kein Anzeichen einer verborgenen Pforte. »Und wie kommt man hinein?«, erkundigte er sich, nicht mehr eisig, sondern aufrichtig interessiert. »Gibt es ein magisches Schlüsselwort? Einen Personenerkennungszauber?«

Sano wandte sich an Lebertran und flüsterte laut genug, um verstanden zu werden: »Bist du sicher, dass er nicht auch als Kind von Wildpferden überrannt wurde?«

Multi dagegen meinte mitleidig zu Tonio: »Ach woher denn. Ihr Menschen denkt immer so umständlich. Wer braucht Zauber, wenn er Grünzeug hat? Der Baum wächst da, damit niemand hineinkommt. Sonst würde wohl kaum ein Zwerg so ein großes Ding in seiner Nachbarschaft pflanzen. Hässlich, nicht wahr?«

»Aber dazu ist der Hammer von Loralon ja hier«, fiel Lebertran ein. »Er kann sie ausreißen.«

Der Umstand, dass Claudio nicht stark genug war, um einen zweihundertjährigen Baum auszureißen, entmutigte die Zwerge keineswegs. Graben war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen und sie hatten handliche Schaufeln dabei. Nach einer Stunde schweißtreibender Arbeit aller Beteiligten setzte sich Tonio an den Rand der kleinen Grube, die inzwischen entstanden war, und schüttelte den Kopf.

»Ich – gebe – nicht – auf«, stieß Claudio hervor, der inzwischen nicht mehr wusste, ob er den Zwergen helfen oder sie umbringen wollte.

»Das verlange ich auch gar nicht«, erwiderte Tonio gelassen. Ihm war eine Idee gekommen, die seine Laune erheblich verbesserte. »Aber wir gehen an die Sache falsch heran. Bis wir uns durch den Tunnel gearbeitet haben, werden wir so erschöpft sein, dass uns der Vorteil der Überraschung auch nichts mehr nützt. Außerdem, wenn wir Pech haben, endet dieser Gang direkt an der auffälligsten Stelle der Haupthöhle.«

Lebertran sah ihn ehrfürchtig an und wandte sich dann an Multi, Sano und Stol. »Was habe ich euch gesagt, meine Lieben? Die Schlange von Seprimar. Kein Wort habe ich ihm verraten, aber die Seelen von Zwergen sind ihm ein offenes Buch.«

Multi zuckte die Achseln und grub weiter und Sano meinte spitz: »Pah. Jeder weiß, dass die Pforten zu geheimen Gängen groß und deutlich markiert sein müssen. Wie soll man sie sonst finden?«

Irgendwo in Claudios Innerem begann etwas zu rumoren, das entweder als gewaltiges Gelächter oder als ungeheuerlicher Wutausbruch enden würde. Er konnte sich selbst nicht entscheiden, zwängte eine weitere Hacke zwischen die Wurzeln des Baumes und drückte so heftig dagegen, dass der Stiel fast brach. Tonio, der die Anzeichen erkannte, hob die Hand, um ein Lächeln zu verbergen.

»Ich schlage also Folgendes vor«, fuhr er fort, als hätten Lebertran und Sano nicht gesprochen. »Wir teilen uns auf. Ich werde zurück zum Haupteingang der Höhle gehen und mein Möglichstes tun, um mich gefangen nehmen zu lassen. Inzwischen grabt ihr weiter, aber lasst euch Zeit und ruht zwischendurch aus. Als Gefangener werde ich die Räuber ablenken. Auf ein vereinbartes Signal brecht ihr aus dem Gang heraus und schlagt los. Wie, das überlasse ich Claudio.«

»Danke«, erwiderte sein Bruder trocken, während die Zwerge in ihrer Arbeit innehielten und sich nachdenklich die Bärte zupften. »Aber lass dir sagen, Bruderherz, dass Gefangene gewöhnlich nicht mit ihren Herrn und Meistern untergebracht werden. Man wird dich wahrscheinlich in eine kleine enge Seitenhöhle stecken, wo du uns überhaupt nichts nützt.«

»Nicht, wenn ich mich als Barde ausgebe«, entgegnete Tonio und konnte sein Lächeln nicht mehr zurückhalten. »Oder kannst du dir vorstellen, dass sie auf Neuigkeiten, Geschichten und Lieder ohne jedes Entgelt verzichten werden, nach Jahren in diesem abgeschiedenen Maulwurfshügel?«

Das empörte Zischen, das die nachmittägliche Stille durchbrach, hätte von einer Schlange kommen können, stammte aber von den empörten Zwergen, die gemeinsam Luft holten.

»Maulwurfshügel? Der Glimmerberg, der herrlichste aller Zwergenpaläste, das Juwel …«

Claudio beachtete sie nicht. Er verstand jetzt, warum Tonio auf einmal so guter Laune war.

»Ich verstehe«, sagte er säuerlich. »Du lässt dich gefangen nehmen, von den Räubern verpflegen, bindest ihnen einige Bären auf und verbringst einen gemütlichen Abend, während wir hier erst beim Graben schwitzen und uns dann durch einen Tunnel arbeiten, den seit zweihundert Jahren kein Mensch mehr benutzt hat.«

»Graumiaks«, antwortete Tonio ohne eine Miene zu verziehen.

Stol, der gerade fachmännisch eine weitere Wurzel durchtrennt hatte, schaute erwartungsvoll auf.

»Wo?«

»Graumiaks. Ich werde ihnen Graumiaks aufbinden«, erläuterte Tonio.

Da Tonio nicht die Absicht hatte, eines ihrer beiden Pferde aufs Spiel zu setzen, lud er sich selbst ein wenig Gepäck auf, ehe er sich daranmachte, den Glimmerberg zu umrunden. Im Übrigen, dachte er, wäre ein Pferd zu verdächtig gewesen. Wandernde Barden konnten sich keine Tiere aus königlichen Ställen leisten und seinem Pferd sah man an, dass es nicht von Ackergäulen abstammte. Der lederne Sack, den er sich aussuchte, war zwar fein gearbeitet, aber abgegriffen genug, um im Besitz eines Barden zu sein. Er entfernte seine kostbaren Landkarten und verstaute sie sorgfältig mit seinen Waffen in Claudios Gepäck. Eigentlich hatte er keinen Zweifel, dass es ihm gelingen würde, als Barde akzeptiert zu werden. Er kannte genügend Gedichte und Balladen – besonders, dachte er mit einem flüchtigen Stirnrunzeln, weil es ihn an die vergeudete Zeit erinnerte, Drachenballaden – und konnte Laute und Harfe spielen. Natürlich ließ sich kein Instrument aus dem Nichts zaubern, doch er würde behaupten, seine Laute sei ihm von Graumiaks zertreten worden.

Voll Selbstvertrauen und mit einem Lied auf den Lippen steuerte er geradewegs auf den Glimmerberg zu. Als er sich der Stelle näherte, die ihm die Zwerge als den Haupteingang bezeichnet hatten, erkannte er zum ersten Mal, woher der Berg seinen Namen hatte. Von außen sah die Höhlenöffnung aus wie jede andere. Nur die Tatsache, dass jemand über der moosbedeckten oberen Wölbung etwas wie Buchstaben eingemeißelt hatte, war ungewöhnlich. Aber selbst in dem hellen, blassen Licht des Spätnachmittags ließ sich ein silbriger Schein aus dem Höhleninneren ausmachen. Fasziniert blieb er stehen, schirmte die Augen mit einer Hand ab und versuchte mehr zu erkennen. Er hatte noch nicht wieder Atem geholt, als ihn etwas Schweres, Hartes auf den Hinterkopf traf. Nachmittagssonne und geheimnisvolles Höhlenlicht gingen jäh in tiefe Schwärze über.

Kapitel 6
Die Räuber

Als Tonio wieder erwachte, spürte er als Erstes die harten Schläge, die ihn in kurzen Abständen auf die Wange trafen. Er öffnete abrupt die Augen und kniff sie schnell wieder zusammen. Über ihn gebeugt stand ein grobschlächtiger Mann, der nach Schweiß und Wein stank, ihn befriedigt musterte und nickte.

»Was hab ich dir gesagt, Cel?«, rief er über die Schulter hinweg. »So weckt man sie alle wieder auf.«

Wie um ganz sicherzugehen, versetzte er Tonio noch eine Ohrfeige und trat dann zurück.

Tonio setzte sich vorsichtig auf. Der dumpfe Schmerz, der von seinem Hinterkopf kam, wurde ihm erst jetzt bewusst, sein Gesicht brannte und er erkannte, dass das Dasein eines einfachen Barden entschiedene Nachteile hatte. Bis auf die gelegentlichen Prügeleien mit Claudio konnte er sich nicht erinnern jemals geschlagen worden zu sein. Als er die Augen wieder etwas weiter öffnete, konnte er das Höhleninnere ausmachen. Der silbrig blaue Schein von den Wänden wurde schwach von dem Ruß der Fackeln gedämpft, die überall brannten oder schon abgebrannt auf dem Boden lagen. Es roch eigenartig, ein wenig nach Tier, ein wenig nach verbranntem Holz und überwältigend nach den Männern, die ihn umringten. Keiner von ihnen schaute sehr freundlich drein; sie musterten ihn wie einen Wurm, der plötzlich unter einem der bläulichen Steine herausgekrochen war.

Der Mann, der ihn mit Hilfe von Ohrfeigen geweckt hatte, stemmte die Arme in die Hüften.

»Mar heißt dich willkommen, Jungchen. Gib mir einen guten Grund, warum wir dich nicht töten sollten. Dein Gepäck ist keiner. Sehr viel überflüssiges Papier, zwei gute Hemden und eine Hose, die höchstens Ran passt, und der liegt im Sterben.«

»Barde«, stieß Tonio hervor und war überrascht, dass seine Stimme wie ein Krächzen klang. »Ich bin ein wandernder Barde und wäre entzückt zu Eurer Unterhaltung beizutragen, o edler Hauptmann Mar.«

Aus irgendwelchen Gründen brachte das die gesamte Schar zum Lachen. Tonio sprach hastig weiter. »Geschichten, Balladen, Gedichte, Abenteuer, den neuesten Klatsch von den Höfen und atemberaubende Schilderungen von magischen Duellen – all das steht zu Eurer Verfügung, wenn Ihr mich …«

»Jungchen, Jungchen«, unterbrach ihn Mar und wischte sich die Tränen aus den Augen, »du sprichst mit dem Koch. Cel da drüben ist unser Hauptmann.«

Nachlässig wies er auf einen behäbigen älteren Mann, der wirkte, als könnte er keiner Fliege ein Haar krümmen, bis er den Mund öffnete und unfreundlich sagte: »Und was für ein Barde bist du, dass du nicht weißt, dass Cel der Anführer der Räuber vom Glimmerberg ist? Es gibt mindestens zehn Balladen über mich allein, ganz zu schweigen von denen über meine Bande.«

»Ein Barde aus dem tiefen Süden«, entgegnete Tonio schnell, »der selbst gern eine Ballade über Euch verfassen würde, edler Cel. Eine so gute Ballade, dass sie überall gesungen wird, so dass Euch niemand mehr verkennen wird.«

Cel trat einen bedrohlichen Schritt nach vorne. Nun, da Tonio seine Augen sehen konnte, verschwand der letzte Anschein von behäbiger Gemütlichkeit. Sie waren hart und kalt wie Kieselsteine, aus denen das Wasser alle Form und Farbe geschliffen hatte.

»Soll das heißen«, fragte er eisig, »die Ballade von Cel und den neunzig Kaufleuten sei nicht gut? Eine Ballade, von der ich selbst zwei Strophen verfasst habe?«

Jeder Gedanke an Schmerzen schwand, als Tonio zum ersten Mal die würgende Angst um sein Leben spürte. Er schluckte. Doch es hatte keinen Sinn, jetzt, wo es unmöglich war, umzukehren, genauso wenig, wie es ihm nützen würde, seine Worte zurückzunehmen. Ich bin aufgebrochen, um einen Drachen zu besiegen, dachte Tonio und starrte Cel in die kalten Kieselaugen, und da soll ich mich von einem Rüpel einschüchtern lassen, der ein paar Zwerge aus ihrer Höhle verjagt hat? »Gut genug für Ariand vielleicht«, sagte er und seine Stimme zitterte nur um ein Winziges, »aber nicht gut genug für Loralon. Nicht für die wirklich großen Höfe.«

Die Stille in der Höhle war so kalt wie die ausgebrannte, alte Fackel, auf die Tonio seine Hand gelegt hatte ohne es zu merken, und genauso schwarz. Die Räuber schauten alle auf ihren Anführer, der Tonio unverwandt betrachtete.

»Loralon, wie?«, sagte Cel und an seiner Stimme ließ sich nicht erkennen, ob Wut oder Ruhe ihn beherrschten.

»Für einen Abend könnte er ganz unterhaltsam sein«, begann Mar vorsichtig, »und seit du Itzki erledigt hast, ist es etwas langweilig hier …«

Ohne seinen Blick von Tonio abzuwenden versetzte Cel Mar einen Schlag in den Magen, der ihn zum Schweigen brachte.

»Deine Balladen«, sagte er ruhig zu Tonio, »werden in Loralon gesungen?«

»Am Königshof selbst«, entgegnete Tonio. Er wünschte, Claudio wäre hier, oder Claudio würde plötzlich durch die nächste Wand brechen, oder noch besser, Claudio hätte nie eingewilligt den Zwergen zu helfen. Dann säßen sie jetzt an einem Feuer, würden ihren Proviant verzehren und hätten keine anderen Sorgen als den morgigen Weg. Er versuchte auf Claudio wütend zu sein, um nicht Angst vor Cel zu haben, aber dann dachte er plötzlich, dass auch Zwerge zu seinen Untertanen gehören würden, wenn er König würde. Und musste sich ein König nicht um alle seine Untertanen kümmern?

»Na schön«, sagte Cel in seiner eigenartig tonlosen, abgehackten Weise. »Unterhalte uns diesen Abend und verfasse eine Ballade auf mich. Wenn du mich langweilst oder die Ballade nicht gut wird …«

Tonio stieß den Atem aus, den er angehalten hatte ohne es zu bemerken. »Ich verstehe«, sagte er hastig.

Etwas wie Belustigung funkelte in Cels steinernen Augen. »Da bin ich mir sicher.«

Unter anderen Umständen hätten die ineinander verschlungenen Höhlen mit ihren vielfarbigen Kristallgebilden Tonio begeistert und ihm außerdem ein schlechtes Gewissen verschafft, weil er die Erzählungen der Zwerge für Prahlerei gehalten hatte. Während er zwischen den Räubern durch die Gänge stolperte, welche selbst für Menschen ausreichend hoch waren, konzentrierte er sich jedoch nur darauf, am Leben zu bleiben. Als sie die geräumigste Höhle erreicht hatten, wurde ihm sofort klar, wo der Geheimgang mündete. Es war in der Tat der auffälligste Fleck in dem gesamten Labyrinth: das einzige Stück Höhlenwand, das aus schlichtem Fels bestand, nicht aus Edelsteinen, Kristallen oder Silberadern. Es fehlt nur noch ein Schild mit der Aufschrift Geheimgang, dachte Tonio und unterdrückte ein Seufzen. Das, was statt eines Schildes vor der Felswand stand, war fast ebenso schlimm. Ein offensichtlich nicht von den Zwergen stammender großer Sessel, der leise ächzte, als sich Cel hineinwarf. Der Anführer der Räuber hatte sich gewiss nicht zufällig diesen Sitzplatz ausgesucht.

Mar begann etwas über der Feuerstelle zu rösten, das verdächtig wie die Hinterbeine eines Graumiaks aussah. Arme Graumiaks. Sie waren offensichtlich durch ihr Bündnis mit den Räubern vom Regen in die Traufe geraten. Trotzdem konnte Tonio nicht verhindern, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Er hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen und die Überlegung, ob es richtig war, sprechende Wesen zu verzehren, nahm einen immer kleineren Raum in seinem knurrenden Magen ein.

Doch die Räuber machten keine Anstalten ihren Barden zu verköstigen. Was ihm stattdessen in die Hand gedrückt wurde, war die verstimmte Laute, auf der Cel, wie er sagte, selbst gelegentlich Balladen komponierte. Wenigstens, dachte Tonio, während er zu klimpern begann, wollte es das Glück im Unglück, dass er Cel bei seiner Eitelkeit packen konnte.

Er stimmte die Laute und begann mit einem Lied über den Drachen von Zidang. Ihm selbst waren an dem Lied vor allem die genauen Ortsangaben wichtig gewesen, doch er glaubte, durch die bildhaften Kampfschilderungen und die nicht minder langen Beschreibungen der Schönheiten, die der Held des Lieds vor dem Drachen rettete, würde es auch Anklang bei den Räubern finden. Er hatte sich getäuscht. Bereits nach der dreiundzwanzigsten Strophe war das Murren der Männer nicht mehr zu überhören und Mar warf mit einem Knochen nach ihm.

»Noch mehr von dem Blödsinn«, erklärte Cel finster, »und die Unterhaltung ist für diesen Abend beendet. Ich hasse Günter vom Heu und seine Lieder.«

Tonio zuckte zusammen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Cel über den Verfasser eines nicht sehr bekannten Drachenlieds Bescheid wusste. Ein Schauer überlief ihn. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass Räuber ihr Leben nicht unbedingt auch als Räuber begannen. Woher kam Cel? Sein Vater, König Padraic, hatte vor einigen Jahren einige Ritter aus Loralon verbannt, die ihren Eid gebrochen und die Menschen auf ihren Gütern unterdrückt hatten. Was war aus jenen verbrecherischen Rittern geworden? Konnte einer von ihnen bis zum Räuberhauptmann herabgesunken sein?

Und wenn es so ist, dachte Tonio und biss sich auf die Lippen, was, wenn er mich erkannt hat und nur mit mir spielt? Er erinnerte sich daran, wie selbstsicher er den Plan gefasst hatte, ein paar dumme Räuber zu überlisten, und erkannte zum ersten Mal, was für eine gewaltige Kluft sich zwischen Idee und Ausführung auftun konnte.

»Mein nächstes Lied«, verkündete er, räusperte sich und versuchte, nicht eingeschüchtert zu wirken, »gilt einem Abenteuer des wackren Kapitän Kerok.«

Diesmal empfing ihn Beifall. Wenigstens kann man mit Kerok nicht viel falsch machen, stellte Tonio innerlich befriedigt fest, während er zu singen begann. Der Balladenkreis um Kerok und die Besatzung des Segelschiffs Unternehmen gefiel ihm selbst sehr gut und es waren einige der wenigen Gedichte, mit denen Claudio etwas anfangen konnte; deswegen hatten sie auch eines der Kerok-Lieder als Signal zum Losschlagen vereinbart. Doch noch war die Zeit für dieses Lied nicht gekommen; Claudio und die Zwerge steckten vermutlich noch irgendwo in einem höchstwahrscheinlich halb verschütteten alten Gang. Tonio sang eines der ältesten Kerok-Lieder und erinnerte sich, dass er im Gegensatz zu Claudio mit Kerok selbst nie sehr viel hatte anfangen können, aus den gleichen Gründen, aus denen die Räuber jetzt beifällige Grunzlaute von sich gaben. Kerok löste alle Probleme mit einem Faustschlag für den Schurken und einem Kuss für das Mädchen, was Tonio eintönig fand; ihm gefielen die Duette zwischen Keroks Stellvertreter und dem Heiler des Schiffes weitaus besser. Immerhin, er spielte hier nicht für sein eigenes Vergnügen, und solange niemand mehr mit Knochen nach ihm warf… Er wünschte sich nur, Cel würde sich wie die übrigen Räuber ablenken lassen. Doch die Miene des Räuberhauptmanns blieb weiterhin undurchdringlich und er lachte kein einziges Mal.

Daran änderte sich weder während des Kampfes der Unternehmen gegen einen Wasserriesen noch während Keroks Abenteuer mit einer von bösen Geistern besessenen Nixe etwas. Tonios Finger brannten und er begriff, warum wirkliche Barden immer ein Holzstückchen zum Spielen ihrer Instrumente benutzten.

»Und nun«, erklärte er, um seine Finger etwas auszuruhen, »das Neueste von den Höfen. Hört und staunt über das Missgeschick von Herzog Suabia, als er die Magd seiner Gemahlin …«

»Ich würde lieber über die Missgeschicke von König Padraic hören«, unterbrach ihn Cel, was unter den übrigen Räubern ein leises Murren auslöste. Der dürre Ran, einer der beiden Kranken, der, wie Mar erwähnt hatte, im Sterben lag und dadurch etwas Ehrfurcht vor seinem Anführer verloren hatte, wagte eine offene Beschwerde.

»Ach, komm schon, Cel«, sagte er von seinem Platz neben dem Feuer aus. »Der ist als treuer Ehemann bekannt, das ist langweilig. Lass hören, was es über Suabia Neues gibt, Jungchen.«

Cel stand von seinem üppig mit Graumiak-Fellen gepolsterten Sessel auf. »König Padraic«, schnappte er. »Padraic von Loralon.«

In der überraschten Stille, die seinen Worten folgte, glaubte Tonio ein leises Kratzen an der Höhlenwand zu hören. Er war sich nicht sicher, aber dafür war seine Vermutung über Cels Herkunft fast zur Gewissheit geworden. Plötzlich kam ihm eine weitere Idee. Er musste Cel irgendwie dazu bringen, sich von seinem Platz zu entfernen, mehr als das, er musste dafür sorgen, dass alle Räuber einschließlich ihres Hauptmanns nur noch auf ihn, Tonio, achteten. Wenn Cel sich jetzt wieder hinsetzte und in seine vorige Haltung verfiel, würden Claudio und die Zwerge bei ihrem ersten Versuch, die Geheimtür zu öffnen, sofort bemerkt werden. Nein, als Cel eben aufgestanden war, hatte Tonio erkannt, wie er den Hauptmann von allen anderen Dingen ablenken konnte. Er wusste nur nicht, ob er das überleben würde, denn wenn er sich irrte und Claudio noch nicht hier war, würde Cel ihn für das, was er plante, mit Sicherheit töten.

Er verbeugte sich vor Cel.

»Padraic von Loralon«, stimmte er mit einer weit ausholenden Geste zu. »Ihr habt gut gewählt, edler Cel. Klatsch über Padraic ist schwer zu finden, doch wenn man über die richtigen Quellen verfügt, so wie ich, dann erfährt man wahrlich ungeheuerliche Neuigkeiten.«

Ein Zucken der Gesichtsmuskeln verriet Tonio, dass er Cel verblüfft hatte. Der Räuberhauptmann hatte offenbar geglaubt, er würde ausweichen und versuchen über jedes andere Thema zu sprechen, nur nicht über seinen Vater … wenn Cel Tonio tatsächlich erkannt hatte, und auch das war nur eine Vermutung.

»Und wer ist deine Quelle … Barde?«, erkundigte sich Cel in einem Ton, der sich merklich von seiner sonstigen flachen, unbeteiligten Sprechweise unterschied.

»Der Hofzauberer«, erwiderte Tonio und bewegte sich unmerklich auf die Feuerstelle zu. Mittlerweile hatte jeder einzelne der dreizehn Räuber aufgehört zu essen. Ihre Augen glitten zwischen Tonio und ihrem Anführer hin und her. »Er erzählte mir, natürlich streng vertraulich und unter uns – dieser Zauberer ist ein misstrauischer Kerl, müsst Ihr wissen, er hat dem Hof in all den Jahren noch nicht einmal seinen Namen verraten, was ich wirklich für übertrieben halte. Wie soll ihm der König da je ein Zeugnis für seine nächste Stelle ausfertigen? Was soll er schreiben? Für unbekannt? Aber Zauberer sind nun einmal von Natur aus seltsam.«

»Genug!«, stieß Cel zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Padraic. Komm zur Sache, Laffe.«

Tonio hatte mittlerweile die Feuerstelle erreicht. Er sah Cel an, hob den Kopf und sagte sehr laut und deutlich: »Padraic hat vor einiger Zeit ein paar Schurken verbannt, die den Namen Ritter nicht verdienten und glaubten, sie könnten ihre Bauern wie Vieh behandeln. Vor einigen Wochen nun kam die Gattin eines dieser Widerlinge an den Hof und bat Padraic ihre Ehe aufzulösen. Der Ekel vor ihrem Gatten war nur ein Grund. Wäre nicht Königin Fabrizia, sagte sie, dann wollte sie den König selbst zum Mann.«

»Du lügst!«, brüllte Cel und stürzte sich auf Tonio. Tonio griff nach dem Bratspieß, den er schon die ganze Zeit ins Auge gefasst hatte, schlug nach allen Seiten aus und rannte in die der Felswand entgegengesetzte Richtung. Selbstverständlich versperrten ihm die Räuber, die sich schnell von ihrer Verblüffung erholt hatten, den Weg, doch damit hatte er gerechnet. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass ihm niemand zur Hilfe kam. Jetzt wäre der geeignete Moment für Claudio und die Zwerge gewesen, ihren Überraschungsangriff zu beginnen.

Ich habe mich getäuscht, dachte Tonio entsetzt und versuchte verzweifelt sich mit dem Bratspieß die auf ihn eindringenden Räuber vom Leibe zu halten, sie sind noch nicht hier!

»Zurück«, zischte Cel, »alle zurück. Er gehört mir!«

Das Schwert in seiner Hand glitzerte im Widerschein des Feuers, während die Bande ihm gehorchte und von Tonio abrückte. Es war in der Mitte mit winzigen kleinen Widerhaken besetzt. In Tonios Entsetzen mischte sich Abscheu. Diese Waffe war nicht nur da, um zu töten, sondern, um zu quälen. Die Knöchel an seiner Hand wurden weiß, während er den Bratspieß umklammerte.

Wenn ich sterbe, dachte er, wenn ich sterbe, dann ist es doch nicht sinnlos. Der Mann ist ein Mörder, ein Schlächter. Es ist die Pflicht eines Prinzen, die Menschen vor solchen Wesen zu beschützen.

Cel lachte. »Sehr tapfer«, höhnte er. »Der Prinz als Küchenjunge. Du hast zu viele Balladen gehört, Knabe.«

Während er sein Schwert hob, flackerte eine letzte Hoffnung in Tonio auf. War es möglich, dass Claudio einfach immer noch auf das vereinbarte Signal wartete?

Er holte tief Luft, wich dem ersten Hieb aus und begann zu singen.

Kerok der Kühne

Bona der Hühne

Und Sareks Sohn

Lob ihren Taten

Kampf den Piraten!

Schurken zum Hohn!

Während der ersten beiden Verse hatte Cel ungläubig innegehalten. Dann verengten sich seine Augen, bis sie fast unter den buschigen Brauen verschwanden.

»Er macht sich über mich lustig. Padraics Welpe macht sich über mich lustig!«

Er schlug zu und unter der Wucht seines nächsten Hiebes verbog sich Tonios Bratspieß. Wieder erscholl Cels kläffendes, höhnisches Gelächter.

»Bereite dich vor zu sterben, Prinz!«

»Der Erste«, kam es wie ein Echo vom anderen Ende der Höhle, »der heute sterben wird, seid Ihr Celleri Somnia.« Claudio saß auf Cels Sessel, sein Schwert in der Hand. »Was euch andere angeht – meine Männer haben euch umzingelt. Wer sich sofort ergibt, wird verschont werden!«

Tonio, der wusste, wie viele »Männer« ihnen tatsächlich zur Verfügung standen, nutzte den Augenblick, in dem sich alle Räuber Claudio zuwandten, um durch ihre Reihen zu brechen. Er kam nicht weit, denn schon im nächsten Moment erfüllte ein dunkler, rußiger Nebel die Höhle und Claudios Stimme rief: »Auf sie!«

Von allen Seiten schienen Stimmen, Waffengeklirr und Rufe zu kommen. Tonio rieb sich ungläubig die Augen, aber er konnte die Gestalten in dem Nebel nicht erkennen. In seiner unmittelbaren Nähe schrie jemand, ein Schwert klirrte auf den Boden und Tonio bückte sich schnell, um es aufzuheben. Er war als Schwertkämpfer durchschnittlich, aber es genügte, um sich einige Zeit zu verteidigen, und er hatte nicht die Absicht, Cel noch einmal waffenlos gegenüberzutreten.

Es war schwer, doch er versuchte in den Schwaden Claudio auszumachen, und schlug nach allem, was größer war als ein Zwerg, bis er auf einen Arm stieß, der eindeutig mit Pelz bedeckt war und einem Graumiak gehörte. Das Wesen brüllte mehr gekränkt als verletzt auf, ließ sich auf seine Vorderbeine nieder und trottete aus Tonios sehr begrenzter Sichtweite.

Es war fast unmöglich, in dem allgemeinen Gewirr einzelne Stimmen zu unterscheiden, doch es gelang ihm schließlich, Claudios Stimme herauszufinden, da er ihren Klang besser kannte als jeden anderen. Sein Bruder focht verbissen mit einem in seinem Zorn nicht mehr wiederzuerkennenden Cel.

Er hatte Claudio schon oft kämpfen sehen, doch niemals so aufrichtige Bewunderung empfunden wie jetzt, wo er seinen Bruder Cels Schläge parieren und der tückischen Klinge mit ihren Widerhaken wieder und wieder ausweichen sah. Aber das wird ihm nicht immer gelingen, dachte Tonio verzweifelt, als Claudio sich abermals durch einen tollkühnen Sprung über die Feuerstelle vor Cels Stoß rettete. Kurzfristig zog er in Erwägung, sich an Cel heranzuschleichen und ihn von hinten zu betäuben. Doch jemand wie Cel, der sein Leben lang kämpfte, hatte gewiss auch Augen im Hinterkopf. Zu solchen Dingen bin ich einfach nicht schnell genug, überlegte Tonio, und dann kam ihm die rettende Idee. Er war zwar nicht geübt darin, in einem Kampf blitzschnell auch den kleinsten Vorteil auszunutzen, doch Claudio war es.

»He, Cel«, rief er, so laut er konnte. »Hat Euch mein Bratspieß so große Angst eingejagt, dass Ihr nicht mehr mit mir kämpfen wollt?«

Cel, der Claudio inzwischen wieder erreicht hatte, fuhr herum. Gleich darauf brach er mit einem überraschten Gesichtsausdruck zusammen. Claudio hatte ihn im gleichen Moment ins Reich der Träume geschickt.

Die Zwillinge grinsten sich an, dann rief Claudio mit der durchdringenden Stimme, die ihr Fechtlehrer immer benutzt hatte, um seine Schüler einzuschüchtern: »Euer Anführer ist besiegt! Wenn Euch Euer Leben lieb ist, Männer, dann ergebt Euch, ehe unsere Übermacht Euch vernichtet!«

***

Als die Schwaden sich später lichteten, stellten die verbliebenen Räuber fest, dass sie sich einigen Zwergen, zwei sehr jungen Männern und einem Graumiak ergeben hatten. Da man sie, bis auf die beiden Kranken, inzwischen gefesselt hatte, war es für mehr als Flüche zu spät.

»Ich verstehe immer noch nicht ganz genau, was geschehen ist«, sagte Tonio erschöpft.

»Ganz einfach«, entgegnete Lebertran stolz. »Sano hat eine ihrer Kräuterpulver-Mischungen Multi gegeben, und Multi hat sie mit seiner Schleuder direkt ins Feuer befördert. Danach lief alles wie am Schnürchen. Oh, und im Tunnel befreiten wir einen Graumiak, der die Räuber noch weniger leiden konnte als uns.«

Er blickte sich in dem großen Gewölbe mit seinen schwärzlich angelaufenen Kristallen um und schüttelte sorgenvoll den Kopf. »Das kommt davon, wenn man Menschen die Wirtschaft überlässt. Es wird lange dauern, bis wir den Glimmerberg wieder gesäubert …«

»Ha!«, rief Sano aus, die neben ihnen stand. »Ich höre immer wir! Wie ich dich kenne, Lebertran, wirst du mit den anderen Männern herumsitzen und über Schmiedehämmer reden, während unsereins sich die Seele aus dem Leib schrubbt.«

Während die Zwerge sich glücklich in ein weiteres Wortgefecht stürzten, wandte sich Tonio an seinen Bruder. »Danke«, sagte er einfach. »Du hast mir das Leben gerettet.«

Claudio versuchte vergeblich, bescheiden dreinzuschauen. »Aber«, fuhr Tonio fort und der leicht neckende Tonfall, in dem er gewöhnlich mit seinem Zwilling sprach, kehrte in seine Stimme zurück, »du hast dir Zeit damit gelassen. Woran lag das, großer Krieger? Waren die Truppen noch nicht einsatzbereit?«

»Das war nicht der einzige Grund«, gestand Claudio und grinste. »Ich werde nie den Anblick vergessen, den du geboten hast. Mit einem Bratspieß auf Celleri Somnia loszugehen, das bringst auch nur du fertig. Weißt du, wie wir ihn auf den Übungsplätzen genannt haben? Den Metzger. Und außerdem«, sein Grinsen wurde breiter, »ich wollte schon immer einmal Kapitän Kerok spielen. Und der kommt immer im letzten Moment.«

Am Ende wurden Cel, der frühere Ritter Celleri Somnia, und seine Leute von den Zwillingen und einigen Zwergen den Bütteln in der nächsten Stadt übergeben. Danach nahmen die Prinzen von Lebertran und seinen Freunden Abschied.

»Und vertragt euch künftig mit den Graumiaks«, riet Claudio ihnen. »Celleri Somnia war schon immer rachsüchtig und es sollte mich nicht wundern, wenn er einige von den Bütteln von Ariand regelmäßig bestochen hätte, damit sie ihn hier in Ruhe lassen. Vielleicht steht er bald wieder vor euren Höhlen und dann könntet ihr Verstärkung gut gebrauchen.«

Lebertran nickte so heftig, dass sein roter Bart flatterte. »Wir werden die Graumiaks wie unsere Kinder behandeln«, versicherte er. Tonio, der bereits auf seinem Pferd saß und nur auf das Ende des Abschieds wartete, verzog das Gesicht. Er hatte seine Zweifel, aber er behielt sie für sich. Stattdessen machte er den Zwergen einen Vorschlag, den er für eine geeignetere Lebensversicherung für die Graumiaks hielt.

»Ihr seid doch wundervolle Handwerker«, meinte er. »Ich habe die Kristallgefäße in euren Höhlen gesehen. Und mit einem von euren Silberstühlen könntet ihr den ganzen Markt hier aufkaufen. Wie wäre es, wenn ihr mit den Leuten der Stadt Handel treibt und euch auf diese Weise besorgt, was ihr zum Leben braucht?«

Seine Worte lösten eine sofortige Auseinandersetzung über Preise und Speisepläne aus. Während die meisten Zwerge über den Wert von silbernen Zahnstochern im Verhältnis zu Rinderbraten stritten, seufzte Tonio erleichtert und wollte Claudio schon Zurufen, sie könnten jetzt gehen, als er plötzlich merkte, dass Sano ihn ins Auge gefasst hatte.

»Wir Zwerge haben nicht gerne Schulden«, sagte sie und stieß Lebertran in die Seite. »Die Geschenke!«

Lebertran schlug sich an die Stirn. »Aber natürlich«, rief er und griff in den Rucksack, den er trug. Heraus kam ein feines, goldenes Gespinst, das länger und länger wurde, bis es kaum mehr glaublich war, dass es sich einmal in einem Zwergensack befunden hatte.

Multi, der es gemeinsam mit Sano und Lebertran vor den Zwillingen ausbreitete, räusperte sich. »Ein Netz aus Zwergengold«, erklärte er. »Unzerreißbar, kann selbst von Magie im neunten Grad nicht mehr zerstört werden. Wird auch nicht gestohlen; für jeden Dieb sieht es wie braune Wolle aus. Für den Hammer von Loralon, der unsere Sache zu seiner eigenen machte.«

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Titel: Die Prinzen und der Drache