Lade Inhalt...

Fiona und das Nebelpony

2016 115 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Der Umzug der Familie von Glasgow in das verschlafene Nest Durness gefällt Fiona gar nicht. Hier ist überhaupt nichts los, sie kennt niemanden und am schlimmsten ist, dass sie ihren geliebten Reitstall verlassen musste. Erst als sie auf einer abgelegenen Weide auf das scheue Pony Misty trifft, macht ihr Leben wieder Spaß – sie wird das Pony zähmen. Wenn nur der strenge Besitzer Mr Henderson nicht wäre … Und dann verbieten ihre Eltern ihr auch noch die Besuche bei Misty! Fiona ist verzweifelt – wird sie je wieder reiten? Und wer außer ihr soll sich um das einsame Pony kümmern?

Über die Autorin:

Aileen P. Roberts (1975–2015) ist das Pseudonym der Autorin Claudia Lössl. Sie studierte Sozialpädagogik und arbeitete später u. a. als Reitlehrerin und Reitpädagogin. Mit 19 Jahren reiste sie zum ersten Mal nach Schottland und entdeckte dort ihre keltische Seele, was viele ihrer Fantasyromane beeinflusst hat. „Fiona und das Nebelpony“ ist ihr einziges Kinderbuch.

Website der Autorin: www.aileen-p-Roberts.de

***

Originalausgabe November 2016

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-192-0

***

Damit der Lesespaß sofort weitergeht, empfehlen wir dir gern weitere Bücher aus unserem Programm. Schick einfach eine eMail mit dem Stichwort Fiona und das Nebelpony an: lesetipp@jumpbooks.de

Gerne informieren wir dich über unsere aktuellen Neuerscheinungen – melde dich einfach für unseren Newsletter an: www.jumpbooks.de/newsletter.html

Besuchen Sie uns im Internet:

www.jumpbooks.de

www.facebook.com/jumpbooks

Aileen P. Roberts

Fiona und das Nebelpony

jumpbooks

Prolog

Ein leichter Wind strich über die grünen Hügel und vertrieb die Nebelschwaden, die sich über das Land gelegt hatten. Plötzlich hob das graue Pony den Kopf und lauschte – irgendetwas war im Wind zu hören und schien seinen Namen zu rufen. Die kleine Stute spielte mit den Ohren und blieb stocksteif stehen. Dann galoppierte sie von ihrer Herde weg, die friedlich an der Koppel am Meer graste. Sie hatte den Ruf gehört und musste ihm folgen.

Kapitel 1
Alles im Eimer

Ich saß in meinem Zimmer unter dem Dach – so wie schon seit zwei Tagen – und schmollte. Erst vor kurzem waren meine Familie und ich in das kleine Dorf Durness gezogen, ganz im Norden von Schottland. Von Anfang an war ich dagegen gewesen, doch wenn man neun Jahre alt ist, wird man nicht viel gefragt. Nachdem von den Ärzten festgestellt worden war, dass mein kleiner Bruder Finn Asthma hatte, hatten sich meine Eltern entschlossen, aus Glasgow wegzuziehen. Dort sei die Luft zu schlecht, behaupteten sie. Seitdem Finn auf der Welt war, drehte sich alles nur noch um ihn. Dieses Gefühl hatte ich zumindest. Ich wollte nicht aus Glasgow fort. Dort waren meine Freunde, meine Schule und vor allem der Reitstall.

Mit einem schweren Seufzer blickte ich auf das große Poster an der Wand. Es zeigte Leila, mein Pflegepony. Sie war eine hübsche, zierliche Welsh-Stute, auf der ich in diesem Herbst mein erstes Turnier reiten wollte. Jetzt saßen wir aber in diesem elenden kleinen Dorf fest. Passend zu meiner Stimmung regnete es schon seit Tagen. Ich schlang die Arme um den großen braunen Teddybären, den mir meine beste Freundin Laura zum Abschied geschenkt hatte. Im Augenblick fand ich das Leben schlicht und einfach ungerecht.

»Fiona, komm doch endlich runter, draußen scheint die Sonne«, ertönte die Stimme meiner Mutter aus der Küche.

Mit Absicht tat ich so, als würde ich sie nicht hören, und drückte den Teddybären fest an meine Brust.

Wenig später hörte ich Schritte auf der Treppe, und meine Mutter kam herein. Sie hatte ihre Haare, die genauso dunkelbraun wie meine waren, zu einem Pferdeschwanz gebunden, und ihre Wangen waren leicht gerötet. Wahrscheinlich räumte sie immer noch Umzugskartons aus.

»Wenn du schon deine Sachen nicht auspacken möchtest, dann sieh dir doch wenigstens ein bisschen die Gegend an, Fiona.« Noch immer standen die meisten meiner Kisten ungeöffnet in der Ecke.   Ich weigerte mich, auszupacken, da ich hoffte, dass wir dann bald wieder nach Hause fahren würden

»Keine Lust«, war meine mürrische Antwort.

Seufzend ließ sich meine Mutter neben mir auf dem Bett nieder.

»Fiona, Schatz, wir wohnen jetzt nun einmal hier, bitte finde dich doch damit ab.« Mama deutete lächelnd zum Fenster. »So eine tolle Aussicht hattest du in Glasgow nicht.«

»Dafür hatte ich dort Freunde und vor allem Leila.« In meinen Augen brannten Tränen, die ich kaum noch zurückhalten konnte.

Meine Mutter nahm mich in den Arm. »Ich weiß, dass es schwer für dich ist, aber du wirst hier neue Freunde finden. Die Leute, die wir bisher getroffen haben, waren alle sehr nett.«

Ich schnaubte wütend. Mir graute vor der Schule, die in wenigen Tagen anfangen würde. Sicher kannten sich alle seit dem Kindergarten und würden mich als Neue ärgern. So war es auch in meiner alten Schule mit Ellen gewesen, die aus London nach Glasgow gezogen war.

Als ich weiterhin ein böses Gesicht zog, stand meine Mutter auf. »Du gehst jetzt zum Laden gegenüber der Tankstelle und kaufst Lebensmittel ein. Ich habe dir eine Liste aufgeschrieben. Mrs MacNeil hat zwei Kinder, die müssten in deinem Alter sein, vielleicht freundest du dich ja mit ihnen an.«

Ganz sicher nicht, dachte ich. Ich wollte meine alten Freunde in Glasgow zurück. Zwischen den Augenbrauen meiner Mutter hatte sich eine Falte gebildet, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie langsam wütend wurde. Deswegen wagte ich es nicht, zu sagen, dass ich keine Lust zum Einkaufen hatte.

Mürrisch stapfte ich die Treppe hinunter und warf meinem kleinen Bruder einen bösen Blick zu, der am Boden mit Bauklötzen spielte. Meiner Meinung nach war er allein daran schuld, dass wir hierher gezogen waren.

Fröhlich lachend hielt mir Finn einen Bauklotz entgegen. Mama beugte sich zu ihm hinab und küsste ihn auf die Stirn.

»Fiona muss einkaufen gehen, sie spielt sicher später mit dir.«

Ich runzelte wortlos die Stirn, nahm den Einkaufszettel und einen Korb entgegen und trat dann durch die alte Haustür ins Freie. Draußen winkte mir mein Vater fröhlich zu. Er arbeitete gerade auf dem Dach und tauschte kaputte Schindeln aus. Papa war groß, hatte dunkelblonde Haare und war meistens fröhlich und gutgelaunt. Als kleiner Junge hatte er selbst weit im Norden von Schottland gelebt, und jetzt hatten er und Mama dieses Haus gekauft. Für mich war es eine Bruchbude. Es war ein kleines Haus, aus grauen Steinen gebaut, zum Teil mit Efeu bewachsen und von einem verwilderten Garten umgeben. Ich war fest entschlossen, das Haus und die ganze Umgebung nicht zu mögen.

»Na, hat dich das schöne Wetter endlich rausgelockt?«, fragte Papa lächelnd und deutete in den strahlend blauen Himmel, an dem nur noch ein paar weiße Schäfchenwolken vorbeizogen.

»Nein, Mama hat es geschafft«, murrte ich. »Ich muss einkaufen gehen.«

»Na dann, viel Spaß.«

Den werde ich garantiert nicht haben, dachte ich und machte mich mit schlechter Laune auf den Weg.

Ich schlenderte den schmalen Weg entlang, der sich durch die Weiden wand. Überall waren Schafe zu sehen. Unser Haus lag etwas abseits, wobei das Dorf Durness ohnehin nur aus ein paar verteilt liegenden Häusern bestand. Auf der sogenannten Hauptstraße waren eine Tankstelle, ein kleiner Lebensmittelladen, eine Poststelle und eine Gastwirtschaft zu finden. Außerdem gab es noch einen Campingplatz, auf dem jetzt, im August, eine ganze Menge Zelte zu sehen waren. Vom Weg aus konnte ich direkt auf das strahlend blaue Meer blicken, das an den kleinen weißen Sandstrand mit den vielen Felsen brandete. Einige Touristen lagen am Strand und sonnten sich.

Die haben's gut, dachte ich, die dürfen bald wieder nach Hause fahren.

Eine ältere Frau, die einen grauen Hund an der Leine führte, lächelte mir freundlich zu. Widerwillig grüßte ich sie und ging rasch weiter. Dann betrat ich den kleinen Lebensmittelladen. Hier war nur das Nötigste für den täglichen Bedarf zu finden. Ich suchte rasch die Sachen zusammen, die meine Mutter aufgeschrieben hatte, und ging dann zur Kasse.

Eine rundliche Frau mit kurzen roten Locken saß dort und lächelte mich erwartungsvoll an.

»Na, machst du Urlaub hier, Kleine?«

»Nein, leider nicht«, murmelte ich und war gleichzeitig sauer. Ich konnte es nicht ausstehen, »Kleine« genannt zu werden, aber ich war für meine neun Jahre nicht besonders groß und bisher immer die Kleinste in der Klasse gewesen.

Die Frau, die wohl Mrs MacNeil sein musste, starrte mich ein wenig verdutzt an, dann rechnete sie umständlich meinen Einkauf zusammen und kassierte schließlich. Sie schenkte mir zum Abschied lächelnd einen Bonbon. Dann begann sie mit der Frau, die hinter mir an der Kasse stand, über die Post zu schimpfen, die heute schon wieder zu spät kam.

Ich bewegte mich nach draußen und schlenderte die Straße entlang. Kaum ein Auto fuhr vorbei, alles war sehr ruhig und langweilig. Die Schafe am Straßenrand wollten sich nicht streicheln lassen, was ich blöd fand.

Zu Hause empfingen mich meine Eltern lächelnd. Sie saßen in der Küche und tranken Tee.

»Jona!«, krähte Finn und streckte mir seine kleinen, dicken Arme entgegen. Leider konnte er meinen Namen noch immer nicht richtig aussprechen.

Ich brummte etwas und hielt ihm den Bonbon von Mrs MacNeil hin, dann knallte ich den Korb auf den Tisch.

»Schön, dass du eingekauft hast«, meinte mein Vater freundlich. »Du hättest aber ruhig noch ein wenig zum Strand runtergehen und die Gegend erkunden können.« Er wollte mir über die Haare streichen, doch ich drehte den Kopf weg.

»Der Strand ist doof.«

»Fiona.« Ein trauriger Ausdruck legte sich über sein Gesicht, als ich die Arme vor der Brust verschränkte und mir auf die Lippe biss.

»Ich gehe wieder in mein Zimmer.« Schon drehte ich mich um stürmte aus dem Raum.

Hinter mir hörte ich meine Eltern seufzen, und meine Mutter meinte, dass ich mich schon noch hier eingewöhnen würde.

Niemals, dachte ich. Dann bekam ich noch mit, wie meine Mutter sagte, Finn würde schon viel weniger husten, seitdem wir hier waren.

Finn – es ging immer nur um Finn!

Für den Rest des Tages vergrub ich mich in meiner Pferdezeitschrift und kam nur zum Abendessen in die Küche. Ich hatte wenig Lust zum Reden und war ganz froh, als meine Eltern mich ins Bett schickten. Auf ihre Versprechen, dass die Schule sicher »ganz wunderbar« werden würde, hatte ich überhaupt keine Lust.

Heimlich schlich ich mich noch einmal hinunter, obwohl es schon gegen zehn war, und holte meine beiden Kaninchen Sam und Bobby zum Trost in mein Zimmer. Die beiden waren die letzten Überbleibsel aus meinem alten Leben. Sam war schwarz, mit einer weißen Nase und ein aufgeweckter kleiner Kerl, der sogar auf seinen Namen hörte. Bobby war hellbraun und weiß. Mit ihm konnte man herrlich kuscheln.

So saß ich mit Bobby im Arm auf meinem Bett und sah zu, wie es langsam dunkel wurde. Sam hüpfte wild durchs Zimmer und sprang immer wieder auf mein Bett.

»Wenn ich euch nicht hätte«, murmelte ich traurig und legte mich irgendwann schlafen.

Am nächsten Morgen gab es ein großes Donnerwetter, als Mama mich wecken wollte und in die Hinterlassenschaften von Sam und Bobby trat. Ich war eingeschlafen und hatte die beiden vergessen.

Als Strafe sollte ich mein ganzes Zimmer saugen und die kleinen gelben Seen auf dem Holzboden wegwischen. Dazu verbot sie mir, die Hasen abends ins Haus zu holen.

Als sie gegangen war, verdrehte ich die Augen. Dass Eltern einfach nicht verstehen wollten, dass es manchmal wichtigere Dinge im Leben gab als einen sauberen Fußboden!

Seufzend fing ich die Kaninchen ein und setzte sie nach draußen in den Holzstall mit großem Auslauf, den Papa ihnen gebaut hatte. Anschließend machte ich mich an die Arbeit in meinem Zimmer.

Gegen Mittag hatte Mama mir mein Kaninchenmalheur wohl wieder verziehen. Sie schlug vor, ich solle mit Papa ins Dorf gehen, denn er wollte sich von einem Nachbarn eine Bohrmaschine ausleihen. Als ich keine Lust hatte, meinte Mama, dann müsse ich mit Finn spielen. Weil ich dazu noch weniger Lust hatte, folgte ich Papa mit hängenden Schultern hinaus in den sonnigen Tag. Ein Stück die Straße entlang auf der rechten Seite lag die Farm der Campbells. Sie züchteten Schafe, wie Papa mir erklärte. Auf den umliegenden Weiden sah man tatsächlich Unmengen der kleinen, wuscheligen Wollknäuel, die das kurze Sommergras abrupften. Ein schwarzweißer Hund kam uns entgegen und wedelte freudig mit dem Schwanz.

»Du kannst auch einen haben, wenn du möchtest«, meinte Papa und lächelte mir auffordernd zu.

»Ich will keinen Hund.«

»Früher hast du immer gesagt, du hättest gern einen.«

»Jetzt aber eben nicht mehr.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah, wie Papa den Kopf schüttelte. Er hatte recht, in Glasgow hatte ich immer gejammert, ich wolle einen Hund haben, aber das war in der Wohnung im dritten Stock nicht gegangen.

Doch da ich wusste, dass die Aussicht auf einen Hund nur ein Lockmittel gewesen war, um mich nach Durness zu bringen, wollte ich jetzt keinen mehr.

»Fiona, mach es uns doch nicht so schwer«, bat mein Vater, und Sorgenfalten hatten sich auf seiner Stirn gebildet.

»Ich will nach Hause und zurück zu Leila«, rief ich wütend und traurig zugleich.

»Vielleicht kannst du ja hier auch irgendwo reiten und ...«

»Du verstehst überhaupt nichts!« Vor Wut heulend rannte ich davon und ignorierte die Rufe meines Vaters.

Tränen liefen über mein Gesicht, und ich war so in meine düsteren Gedanken vertieft, dass ich mit einem Jungen zusammenstieß, als ich um die Kurve und den nächsten Hügel hinaufrannte.

»Hey, was iss'n mit dir los?«

Ich blickte in das grinsende Gesicht eines etwas größeren Jungen mit roten Haaren.

»Nichts!« Energisch wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht.

»Hast du dich verlaufen?«

»Nein!«, schrie ich ihn an und rannte weiter.

Die nächsten Tage wurden auch nicht besser. Ich war sauer auf alles und jeden und wollte einfach nichts schön finden.

Der erste Schultag war eine Katastrophe. Ich wurde von der Lehrerin, Mrs Foster, freundlich begrüßt, und auch die Kinder, die in meine Klasse gingen, forderten mich auf, mit ihnen zu spielen. Doch ich hatte keine Lust und schmollte während der Pausen in einer Ecke vor mich hin. Insgesamt waren wir nur achtzehn Kinder, aber ausgerechnet der rothaarige Junge, mit dem ich vor kurzem zusammengestoßen war, ging mit mir in die gleiche Klasse. Er hieß Robin und saß direkt hinter mir. Nachdem ich ihn mehrfach angeblafft hatte, er solle mich in Ruhe lassen, als er mit mir reden wollte, hatte er offensichtlich beschlossen, mich zu ärgern. Er versteckte meine Jacke, meine Schultasche und mein Federmäppchen. Außerdem hatte er mir einen Spitznamen verpasst – Banshee. Robin behauptete, ich hätte bei unserem ersten Zusammentreffen genauso laut geheult wie eine Todesfee.

Ich hatte es ja schon geahnt – die Schule war eine einzige Katastrophe.

Mein Vater kam mit der Renovierung des Hauses gut voran. Mama ging jetzt nachmittags immer zur Arbeit in das kleine Café in dem Künstlerdorf Balnakeil, das außerhalb von Durness lag. Daher wurde ich oft dazu verdonnert, auf Finn aufzupassen. Ganz unrecht war es mir nicht, hatte ich doch sonst wenig zu tun. Freunde hatte und wollte ich keine und war außerdem der Meinung, dass man in diesem öden Dorf ohnehin nichts unternehmen könne.

Mein einziger Trost war, dass ich ab und zu mit Laura telefonieren durfte. Doch wenn sie dann von den tollen Fortschritten erzählte, die sie beim Reiten machte, oder von Leila, die mittlerweile ein anderes Pflegemädchen hatte, wurde ich sehr traurig.

Meine Eltern versuchten mich immer wieder aufzumuntern und mich mit anderen Kindern zusammenzubringen. Sie schlugen sogar vor, mich einmal pro Woche in einen zwanzig Kilometer entfernten Reitstall zu fahren, aber ich lehnte ab. Wenn ich Leila schon nicht reiten konnte, dann wollte ich gar nicht mehr reiten – nie wieder.

Im Gegensatz zu mir lebten sich meine Eltern während der nächsten Wochen gut ein. Sie schwärmten von der tollen Landschaft und von den netten Leuten, die sie mit offenen Armen empfingen. Kein Wunder, sie hatten ja auch keinen Robin in der Schule, der ihnen das Leben zur Hölle machte.

Kapitel 2
Misty

An einem Samstag nach einer schwierigen Schulwoche, kamen Mama und Papa in mein Zimmer. Gerade hatte ich einen Brief an Laura begonnen, in dem ich mich bitter über dieses »blöde Kaff« beklagte.

»Papa ist mit dem Dach fertig, wir wollen nachher an den Strand gehen.«

»Na toll!«, antwortete ich wenig begeistert.

Mamas Gesicht wurde rot vor Wut, aber ich sah, wie Papa ihr zur Beruhigung eine Hand auf den Arm legte.

»Du wirst sicher viel Spaß haben, Fiona. Ein Stück hinter Durness gibt es einen tollen langen Sandstrand, wo du auch baden kannst.«

Ich brummte etwas vor mich hin und begann dann genervt meine Badesachen zu packen. Wir fuhren mit dem Auto zu dem Parkplatz, der neben einem alten Friedhof lag. Dann gingen wir einen sandigen Weg hinab zum Strand. Es waren nicht allzu viele Leute unterwegs, und eigentlich war der Strand echt toll, aber das konnte ich natürlich nicht zugeben. Er erstreckte sich kilometerweit am Wasser entlang. Dahinter lagen mit Gras bewachsene Dünen, und Möwen flogen am Himmel ihre Kreise.

Finn begann gleich fröhlich im Sand zu buddeln und wollte, dass ich mit ihm spiele, aber ich lehnte dankend ab. Gelangweilt ließ ich mir den Sand durch die Finger rieseln.

Mein Vater wollte mit mir baden gehen, aber mir war das Wasser zu kalt.

»Fiona«, ermahnte er mich, »als wir in Glasgow gewohnt haben, hast du auch immer gebadet, wenn wir an die Küste gefahren sind.«

»Hier ist es viel kälter«, behauptete ich und ging zurück zum Strandlaken, wo meine Mutter und Finn warteten. Lustlos aß ich etwas von dem Picknick und begann dann in einem meiner Pferdebücher zu lesen.

Da ich nicht mit meinem kleinen Bruder spielen wollte, der mir dauernd sein Spielzeug brachte, musste ich mir was anderes überlegen und brach zu einem Spaziergang auf.

»Gut, aber geh nicht zu weit weg«, ermahnte mich meine Mutter. Sie blickte zum Himmel. »Ich glaube, das Wetter wird schlechter.« Tatsächlich hatte sich über dem Meer Dunst gebildet, und die Küste wirkte ein wenig diesig.

Ich versprach es und wanderte ziellos am Strand entlang. Irgendwann kletterte ich die Böschung hinauf und fand mich hinter dem alten Friedhof wieder. Ein alter, grauhaariger Mann mähte dort Gras und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Rasch rannte ich davon, immer an der Küste entlang – der Mann war mir unheimlich gewesen.

Irgendwann wurde ich langsamer und kletterte über mehrere Zäune. Ich folgte einem kleinen Bach und sprang von Stein zu Stein. Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass die Sonne verschwunden war. Nebel war aufgezogen, und es wurde kühl. Schaudernd schlang ich die Arme um meinen Oberkörper und beschloss, zurückzugehen. Gerade als ich umdrehen wollte, bemerkte ich eine Bewegung auf dem Hügel oberhalb von mir, und ich erstarrte.

Zunächst dachte ich, ich hätte mich getäuscht, aber dann sah ich die Umrisse eines Pferdes. Bewegungslos stand es da und schien auf mich hinabzusehen.

Ich musste schlucken. War dieses Pferd echt oder ein Gespenst? Immer wieder verschwand es hinter Nebelschwaden, die vom Meer herüberwehten. Das Pferd hatte die gleiche Farbe wie der Nebel – hellgrau. Von hier aus wirkte es groß und majestätisch, doch als ich näher heranging, erkannte ich, dass es sich um ein kräftiges, nicht allzu großes Pony handelte.

»Wer bist du denn?«, fragte ich leise. Vorsichtig trat ich näher und streckte eine Hand aus.

Das Pony betrachtete mich noch immer regungslos, mit nach vorne gespitzten Ohren. Es war eine Stute, mit einem hübschen Gesicht, einem dicken dunkelgrauen Schopf, einer ebensolchen Mähne und dunklen Knopfaugen, die mich an meinen Teddy erinnerten.

»Misty, ich glaube, ich sollte dich Misty nennen«, murmelte ich und wollte das Pony berühren, doch da drehte es sich plötzlich um und galoppierte durch den Nebel davon.

Eine ganze Weile starrte ich der kleinen Stute hinterher, doch sie tauchte nicht wieder auf. Enttäuscht wanderte ich zurück zum Parkplatz, wo meine aufgeregte Mutter mich empfing.

»Fiona, wo warst du denn so lange?«, schimpfte sie. »Wir suchen dich seit fast zwei Stunden!«

Zwei Stunden? Das konnte ich kaum glauben, ich musste die Zeit völlig vergessen haben.

Kurz darauf kam auch mein Vater zurück. Er wirkte erleichtert, als er mich sah.

»Du musst doch gemerkt haben, dass das Wetter umschlägt«, meinte er und drückte mich an sich. »Wo warst du denn?«

Ich verriet nichts von dem geheimnisvollen Pferd und war der Meinung, es schadete auch nichts, wenn sich meine Eltern zur Abwechslung auch mal um mich Sorgen machen würden.

Der Gedanke an Misty ließ mich allerdings nicht mehr los. Ich wollte unbedingt herausfinden, was es mit dem Pony auf sich hatte.

Der Regen der nächsten Tage hielt mich davon ab, noch einmal nach Misty zu suchen, aber meine Gedanken kreisten ständig um das Pony. Am Montag bekam ich in der Schule eine schlechte Note eingetragen, weil ich bei der Abfrage in Mathe kein einziges richtiges Ergebnis zustande brachte. Ich setzte mich wieder hin und begann Pferde auf den Rand meines Schulheftes zu malen.

Irgendwann spürte ich einen Piks im Rücken und drehte mich um. Robin grinste mich frech an. Als mich wieder nach vorne wendete, pikste er mich noch einmal mit dem Lineal.

»Hör auf«, zischte ich.

Wieder ein Piksen im Rücken.

»Blödmann!« Mit wütendem Gesicht fuhr ich herum. Zum Glück schrieb Mrs Foster gerade etwas an die Tafel und bemerkte nichts.

»Oh, die Banshee wird doch nicht gleich wieder heulen.« Robin verzog das Gesicht zu einer Maske und stieß einen leisen Heullaut aus. Sein Nachbar Dennis fing an zu lachen.

»Idiot.« Mit wütendem Gesicht starrte ich an die Tafel, wo Mrs Foster eine Aufgabe vorrechnete, doch als mich schon wieder Robins Lineal in den Rücken pikste, reichte es mir.

Ich nahm das dicke, schwere Mathebuch und ließ es kurzerhand auf Robins Kopf knallen. Sein verdutztes Gesicht werde ich niemals vergessen, aber ich konnte mich nicht lange daran erfreuen, denn plötzlich stand Mrs Foster vor mir. Sie sah unglaublich wütend aus und stauchte mich nach allen Regeln der Kunst zusammen. Sie schickte mich vor die Tür und verkündete, sie würde am Abend meine Eltern anrufen.

Den Blick der ganzen Klasse im Nacken schlich ich mit eingezogenen Schultern zur Tür. Als ich mich umdrehte, warf mir Robin einen verdutzten Blick zu, während er sich die rot angelaufene Stirn rieb. Okay, ich konnte ihn nicht ausstehen, aber eins war ich sicher nicht – eine Petze. Außerdem kam mir Mrs Fosters Anruf bei meinen Eltern ganz recht. Wenn ich schlechte Noten hatte, würden sie einsehen, dass wir lieber zurück nach Glasgow gehen sollten, denn dort war ich recht gut in der Schule gewesen.

Am Nachmittag beim Sport ließen mich die Kinder einigermaßen in Ruhe, auch wenn sie tuschelten, wenn ich an ihnen vorbeiging. Auf Robins Stirn prangte mittlerweile eine blau angelaufene Beule, und er sah mich die ganze Zeit über merkwürdig an.

Einerseits war ich froh, als ich am Nachmittag nach Hause kam, andererseits machte sich doch ein mulmiges Gefühl bei mir breit. Ständig musste ich daran denken, dass Mrs Foster später anrufen würde. Aber noch war es ja nicht so weit. Da Mama noch nicht von der Arbeit zurück war, entschloss ich mich zu einem kleinen Ausflug. Ich spazierte die Straße entlang in Richtung Balnakeil, um Misty zu finden. Es waren etwa zwei Kilometer bis zum Strand, wo ich das Pony das letzte Mal gesehen hatte.

Einige Leute fuhren an mir vorbei und winkten mir freundlich zu. Ich ging am Friedhof entlang, aber zum Glück war diesmal der unheimliche Mann nicht zu sehen. In einiger Entfernung entdeckte ich ein hinter Bäumen und Büschen verstecktes Haus. Es sah finster und gespenstisch aus. Rasch ging ich weiter und entdeckte in der Ferne eine Pferdeherde. Allerdings konnte ich nicht erkennen, ob Misty dabei war. Als ich gerade über einen Stacheldrahtzaun klettern wollte, hörte ich die wütende Stimme eines Mannes.

»Sieh zu, dass du hier verschwindest!« Der unheimliche alte Mann vom Friedhof kam auf mich zugerannt. An der Leine führte er einen knurrenden schwarzen Hund mit sich.

Sofort machte ich mich vom Acker, doch dummerweise blieb mein Pullover am Zaun hängen. Ich schluckte die aufsteigenden Tränen herunter, denn inzwischen hatte ich wirklich Todesangst. Wie eine Gestalt aus einem bösen Traum näherte sich der grauhaarige Mann mit seinem knurrenden Hund.

»Ihr verdammten Gören, hat man euch denn nicht beigebracht, dass man fremde Weiden nicht betritt?« Die Augen des Mannes starrten zornig zu mir herüber.

Ich riss meinen Pullover los, nahm die Beine in die Hand und rannte so schnell ich konnte davon. Erst als ich am Friedhof angekommen war, wagte ich es, mich umzudrehen. Mein Atem ging rasselnd, ich bekam kaum noch Luft, aber der Mann und sein Hund waren verschwunden.

Grade noch mal gut gegangen, dachte ich mir und machte mich auf den Heimweg.

Dort erwartete mich auch nichts Besseres. Meine Mutter und mein Vater standen mit ernsten Gesichtern in der Tür und fragten, was in der Schule los gewesen sei.

»Robin ist doof, er hat das verdient«, sagte ich trotzig.

Mein Vater nahm mich an den Schultern. »Aber du kannst nicht einfach anderen Kindern wehtun, nur weil du sie nicht magst.«

Ich biss mir auf die Lippe und erzählte nicht, dass Robin mich zuerst geärgert hatte.

Noch fast eine Stunde lang musste ich mir die Moralpredigt meiner Eltern anhören, dann durfte ich endlich auf mein Zimmer gehen.

Am nächsten Tag in der Schule kam Robin vorsichtig grinsend in der Pause zu mir.

»Danke, dass du mich nicht verraten hast. Ich habe schon einige Einträge ins Klassenbuch.«

»Bilde dir nur nichts drauf ein«, erwiderte ich unfreundlich und ließ ihn einfach stehen.

Leider wurde ich während der nächsten Tage und Wochen das Gefühl nicht los, dass meine Eltern trotz meiner Schulprobleme und meiner schlechten Laune ernsthaft in Durness bleiben wollten. Sie schienen sich mit den Nachbarn zu verstehen und luden auch immer wieder neue Bekannte zu uns nach Hause ein. Zwar hatte Robin endlich damit aufgehört, mich zu ärgern, aber ich wollte weder mit ihm noch mit den Mädchen aus meiner Klasse etwas zu tun haben.

Auch die Suche nach Misty stellte ich nach dem Erlebnis mit dem alten Mann und wegen des anhaltend schlechten Wetters ein. Eigentlich wäre an diesem Wochenende mein erstes Turnier mit Leila, doch ich saß hier einfach fest.

»Heute Abend sind wir bei den MacNeils zum Essen eingeladen«, erzählte meine Mutter eines Tages fröhlich, während Finn in seinem Essen matschte. Papa nahm ihm stirnrunzelnd den Löffel weg.

»Das ist aber nett von ihnen«, meinte er anschließend.

Das fand meine Mutter offensichtlich auch – nur ich nicht.

»Ich will nicht mit«, murmelte ich mürrisch.

Meine Mutter verdrehte die Augen, musste sich dann aber um Finn kümmern, der eine riesige Sauerei auf dem Esstisch veranstaltete.

»Die MacNeils haben auch zwei Kinder, es wird dir Spaß machen.«

Ich schüttelte hinter Papas Rücken den Kopf. Klar, ich kannte Angie MacNeil mittlerweile, sie war eine Klasse unter mir. Aber Angies einziger Lebenszweck schien es zu sein, möglichst viel Schokolade in sich hineinzustopfen, und dementsprechend sah sie auch aus. Und da war noch Robin MacNeil – nun ja, und den kannte ich ja wirklich zur Genüge.

Gegen 18 Uhr zog ich mir das T-Shirt und die Hose an, die meine Mutter mir hingelegt hatte, und hoffte, dass dieser Abend möglichst bald zu Ende gehen würde.

Wir gingen die Dorfstraße entlang zu dem kleinen Haus neben dem Lebensmittelladen, in dem die MacNeils wohnten.

Unterwegs sahen wir aus der Ferne eine Kutsche, vor die ein schwarzes und ein weißes Pferd gespannt waren.

»Sieh nur, Fiona, wie schön«, meinte mein Vater. »Wir sollten die MacNeils fragen, wem die Pferde gehören, vielleicht kannst du dort reiten.«

Ich machte ein wenig begeistertes Gesicht, denn ich dachte an Laura, die heute beim Reitturnier wahrscheinlich ihre erste Schleife bekommen hatte.

Mrs MacNeil begrüßte uns mit ihrem typischen Lächeln auf dem breiten Gesicht. Mr MacNeil, den ich bisher noch nicht kannte, war ein großer Mann. Im Gegensatz zu seiner Frau sagte er kaum etwas, sondern gab nur jedem die Hand.

Mrs MacNeil schob uns hinein, nannte Finn »Meinen süßen kleinen Schatz« und forderte mich auf, doch mit Angie zu spielen, bis das Essen fertig wäre.

Robin grinste mir zu, als er mich sah, aber ich begnügte mich mit einem kurzen Nicken.

Ich stand ein wenig unbeholfen mit der dicken Angie und Robin im Gang, als die empörte Stimme von Mrs MacNeil erklang. Kurz darauf stürmte sie aus der Küche und baute sich vor ihren Kindern auf.

»Wer hat diese Sauerei in der Küche gemacht? Der ganze Schokopudding, der auf dem Schrank stand, liegt jetzt am Boden«, schimpfte sie.

»Ich nicht.« Angie schob sich einen Schokoriegel in den Mund, woraufhin ihre Mutter sie ermahnte, nichts mehr vor dem Abendessen zu sich zu nehmen.

»Robin?«

»Ich auch nicht«, behauptete er.

Mrs MacNeil stemmte ihre Hände in die breiten Hüften. »Und wer soll es dann gewesen sein?«

»Ein Siffkobold«, erklärte Robin im Brustton der Überzeugung. Gegen meinen Willen musste ich lachen.

»Siffkobold!« Mrs MacNeil zog Robin am Ohr und schob ihn energisch in Richtung der Küche, wo sie ihn zwang, dem angeblichen Siffkobold jetzt zu helfen und alles aufzuwischen.

Angie nahm mich an der Hand und zeigte mir ihr Zimmer, dann begann sie, mir ihre Puppen einzeln vorzustellen. Ich verzog den Mund. Ich konnte Puppen nicht ausstehen und spielte schon lange nicht mehr mit ihnen.

»Hast du nicht irgendwelche Pferdebücher oder so was?«, wollte ich  wissen.

Angies rundes Gesicht begann zu strahlen. Dann schaltete sie ihren Computer ein und erklärte begeistert, sie hätte ein Pferdecomputerspiel. Heimlich verdrehte ich die Augen. Echte Pferde waren mir lieber, aber zumindest war das Computerspiel besser als die dämlichen Puppen.

Ich brachte die Zeit bis zum Abendessen hinter mich, dann setzte ich mich mit mürrischem Gesicht neben meine Eltern, die sich angeregt mit den MacNeils unterhielten – vor allem mit Mrs MacNeil, die keine fünf Sekunden den Mund zu halten schien.

»Ähm, Mrs MacNeil«, unterbrach mein Vater irgendwann ihren Redefluss, »wir haben vorhin eine Kutsche gesehen.« Er legte mir eine Hand auf die Schulter. »Da unsere Fiona Pferde mag, dachten wir, sie könnte vielleicht mal dorthin gehen.«

Bevor ich protestieren konnte, begann Mrs MacNeil auch schon zu erzählen. »Das ist keine gute Idee, die Pferde gehören dem alten Mr Henderson.« Sie seufzte. »Er ist der Einzige in der Gegend, der mit Vorsicht zu genießen ist. Er ist ein alter Kauz und kümmert sich um den Friedhof. Kinder kann er nicht ausstehen.«

»Er ist ein Hexer«, flüsterte Robin mir zu, und ich riss zunächst erschrocken die Augen auf.

»So was gibt es nicht«, meinte ich.

»Du musst mir ja nicht glauben.«

Mrs MacNeil begann irgendetwas darüber zu erzählen, dass dieser Mr Henderson alleine lebte und verbittert sei, weil seine Kinder nach England gezogen waren. Sie ermahnte mich, mich von seinem Haus neben dem Friedhof und vor allem den Pferden fernzuhalten. »Manchmal hat er sogar seine Schrotflinte dabei«, sagte sie mit weit aufgerissenen Augen.

Ich musste schlucken. Dann war der unheimliche alte Mann auf der Koppel also dieser Mr Henderson gewesen. Trotzdem wollte ich irgendwann noch einmal versuchen, Misty zu finden.

Nachdem der Nachtisch Robins vermeintlichem Siffkobold zum Opfer gefallen war, schlug Mrs MacNeil irgendwann vor, wir sollten uns doch ins Wohnzimmer setzen. Sie würde uns auch ein paar Kekse aus dem Laden holen.

Wir standen vom großen Küchentisch auf und gingen in ein kleines, mit allen möglichen Büchern und Porzellanfiguren vollgestopftes Wohnzimmer.

Mein Vater zuckte zusammen, als er direkt neben sich ein lautes »Schwachkopf!« hörte.

Irritiert drehte er sich um, während Mr MacNeil zu schimpfen begann. Er deutete verlegen auf einen bunten Papagei, der in einer Ecke des Wohnzimmers saß.

»Bitte entschuldigen Sie, Robin hat ihm das irgendwann einmal beigebracht.« Er warf seinem frech grinsenden Sohn einen bösen Blick zu. »Leider konnten wir es ihm noch nicht abgewöhnen.« Rasch stellte er den Vogelkäfig in den Gang und schloss die Tür.

Mein Vater nahm das Ganze mit Humor und meinte, Jungs, die keine Streiche ausheckten, wären keine echten Jungs.

Mr MacNeil schlug uns Kinder vor, spielen zu gehen. Ich folgte Angie, die sich zwei Hände voll Kekse gesichert hatte, nach draußen und machte mich auf einen langweiligen Abend gefasst. Als wir vor ihrem Zimmer standen, musste ich noch mal auf die Toilette.

Bevor ich zurück zu Angies Zimmer kam, blieb ich bei dem Papagei stehen, der im Augenblick ruhig war und sich das Gefieder putzte.

Plötzlich stand Robin neben mir.

»Er heißt Captain Morgan.«

»Aha.«

Robin hielt ihm einen Keks hin, woraufhin der Vogel ein lautes »Schwachkopf!« von sich gab.

Ich musste grinsen und fragte Robin neugierig: »Wie hast du ihm das denn beigebracht?«

Robin zuckte mit den Schultern. »Ich hab’s ihm immer wieder vorgesagt, und als er es dann nachgemacht hat, hat er eine Belohnung bekommen.«

Obwohl ich es in diesem Augenblick nicht zugegeben hätte, fand ich Robin plötzlich nicht mehr ganz so doof wie vorher. Noch an diesem Abend kam mir eine verhängnisvolle Idee.

Kapitel 3
Neue Freunde

Obwohl ich noch immer nichts mit den anderen Kindern in meiner Schule zu tun haben wollte, hörte ich irgendwann auf, mich ganz so abweisend ihnen gegenüber zu verhalten. Ich hatte ein Ziel vor Augen, denn in zwei Wochen durfte ich zu Laura nach Glasgow fahren, weil mein Vater ohnehin dort etwas zu tun hatte. Daher hatte sich meine Stimmung ein wenig gebessert.

Da ich ihr zumindest irgendetwas Spektakuläres erzählen wollte, machte ich mich an einem diesigen Septembermorgen auf den Weg zum Strand. Meine Eltern arbeiteten im Künstlerdorf von Balnakeil und hatten Finn mitgenommen. In letzter Zeit musste ich oft auf ihn aufpassen, aber heute hatte ich den Tag für mich.

Ich packte mir Brote und einen Apfel ein und ging gut gelaunt los. Viele Touristen waren nicht mehr unterwegs, und da es recht kühl war, war auch am Strand nicht viel los. Vorsichtshalber machte ich einen großen Bogen um den Friedhof und das Haus des merkwürdigen Mr Henderson, dann wanderte ich über die Koppeln. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Pferde nicht mehr auf der Weide waren, wo ich sie zum letzten Mal gesehen hatte. Immer wieder warf ich nervöse Blicke über die Schulter, da ich befürchtete, Mr Henderson würde mich verfolgen. Gegen meinen Willen musste ich auch an Robins Warnung denken, der alte Mann könnte ein Hexer sein.

Doch ich war ja nicht besonders ängstlich, redete ich mir ein, und ging immer weiter an der Küste entlang. Irgendwann bekam ich Hunger und setzte mich auf einen großen Felsen. Ich blickte über das Meer, über dem Nebelschwaden hingen. Ein Fischerboot tuckerte gemächlich vorbei, und Möwen kreisten über mir am Himmel.

Als ich ein Schnauben hinter mir hörte, zuckte ich zusammen und drehte mich ruckartig um.

Die kleine graue Stute stand hinter mir. Stocksteif und angespannt sah sie aus, wahrscheinlich wegen meiner schnellen Bewegung, denn das mochten Pferde nicht.

Vorsichtig stand ich auf. »Misty, ich bin’s doch nur«, sagte ich leise.

Das Pferd schien sich ein wenig zu entspannen und machte den Hals lang, um an meiner Hand zu schnuppern.

Ganz langsam bückte ich mich und hob meinen Apfel auf.

Als die kleine Stute diesen behutsam, mit samtig weichen Lippen nahm, war ich zufrieden. Mutig ging ich näher heran. Das Pferd wirkte zwar ein wenig misstrauisch, blieb jedoch stehen.

»Ich tue dir nichts«, sagte ich leise, und plötzlich ließ sich Misty über das weiche Fell streicheln. Es war schon sehr dicht und wuschelig, denn es wurde langsam Herbst, und Pferde bekamen ihr Winterfell.

Ich erzählte der kleinen Stute alles, was mir auf dem Herzen lag. Wie unwohl ich mich hier fühlte, dass ich meine Freunde aus Glasgow und Leila vermisste und welche Probleme ich in der Schule hatte. Misty stand einfach ruhig da, ließ sich streicheln und sah mich aus ihren sanften braunen Augen an.

Als ein Bellen in der Ferne ertönte, zuckte sie zusammen und warf den Kopf hoch. Ich musste aufpassen, dass sie mich nicht an der Nase traf. Plötzlich galoppierte sie aus dem Stand los und verschwand in der nächsten Senke.

Enttäuscht packte ich meine Sachen zusammen und machte mich auf den Heimweg, denn ich befürchtete, das Gebell könnte zu dem unheimlichen Hund von Mr Henderson gehören.

Das erste Mal seit langer Zeit kam ich mit guter Laune und einem Lachen auf dem Gesicht nach Hause. Ich wollte meinen Eltern von Misty erzählen, doch die Stimme meines Vaters ließ nichts Gutes vermuten.

»Fiona, komm sofort herein!«

Die beiden erwarteten mich mit ernsten Gesichtern im Wohnzimmer, Finn saß fröhlich lachend neben ihnen.

»Hast du vielleicht eine Erklärung dafür, was das soll?« Papa hielt Finn seinen Lieblingsbutterkeks, den mit den kleinen Schokostücken, vors Gesicht, woraufhin Finn fröhlich: »Swachdopf!«, krähte.

Ich unterdrückte ein lautes Lachen, denn zwischen den Augenbrauen meiner Mutter hatte sich eine gefährliche Falte gebildet.

»Gibst du zu, dass du es gewesen bist?«

Ich senkte beschämt den Blick. Angestiftet von Robins Papagei hatte ich während der letzten Wochen versucht, Finn mit Hilfe seiner Lieblingskekse dieses Wort beizubringen. Ich hatte gedacht, wenn es ein Papagei lernen konnte, dann auch mein kleiner Bruder. Dieser kleine Spaß hatte mir die nervigen Babysitterdienste ein wenig versüßt.

»Wie kann man nur auf so eine schwachsinnige Idee kommen?«, fragte Mama zornig.

»Swachdopf!« Finn klatschte in die Hände, und für einen Augenblick sah ich etwas im Gesicht meines Vaters, das man beinahe als Grinsen deuten konnte, doch rasch setzte er wieder eine strenge Miene auf.

»Der Papagei hat dich auf die Idee gebracht, stimmt’s?«, vermutete meine Mutter.

Als ich betreten nickte, begann sie darüber zu schimpfen, dass es bei einem Vogel so eine Sache war, aber einem kleinen Kind so etwas beizubringen, sei wirklich bodenloser Unsinn. »Stell dir nur vor, wie peinlich es war, als eine nette alte Dame, die zu Gast im Café war, Finn einen Butterkeks geben wollte, und er sie mit Schwachkopf angeredet hat.«

Ich gluckste leise, woraufhin meine Mutter mich wütend am Arm hochzog und in mein Zimmer schickte.

»Das Wochenende bei Laura kannst du vergessen!«

Nun blieb mir der Mund offen stehen – das konnte doch nicht ihr Ernst sein!

»Bitte, Mama, es tut mir leid, ich wollte das nicht ...«, bettelte ich und fing an zu weinen, doch meine Mutter war unerbittlich.

Voller Verzweiflung ließ ich mich auf mein Bett fallen und schlug mit den Fäusten auf das Kissen ein. Gut, es war eine dumme Idee gewesen, aber dass ich jetzt den Besuch bei Laura absagen musste, hielt ich für absolut gemein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück versuchte ich noch einmal, meine Mutter zu überreden, doch sie blieb hart.

»Du musst lernen, dass du dir nicht alles erlauben kannst«, sagte sie wütend. »Wir ertragen jetzt schon seit Wochen deine schlechte Laune, dein unmögliches Verhalten in der Schule und deine Weigerung, dich hier einzuleben, aber das mit Finn schlägt dem Fass den Boden aus. Du fährst nicht zu Laura, das ist mein letztes Wort!«

Wütend knallte ich mein Messer auf den Tisch. »Ihr hättet ja nicht in dieses blöde Nest ziehen müssen«, schrie ich, »dann wäre das alles gar nicht passiert.« Ich schnappte mir meine Schultasche und rannte heulend hinaus.

Draußen wehte ein kräftiger Wind und blies meine Tränen weg, bis ich in der Schule angekommen war. Ich war etwas spät dran und holte mir einen Rüffel von Mrs Foster – aber das war heute auch schon egal.

Robin versuchte die ganze Zeit, mir irgendetwas zu sagen, doch ich ignorierte ihn und starrte düster in meine Schulhefte.

In der Pause zog er mich dann zur Seite und grinste mich an. »Sag mal, hast du wirklich deinem kleinen Bruder beigebracht, Schwachkopf zu sagen?«

»Woher weißt du das denn?«

Robins Grinsen wurde noch breiter und zog sich von einem Ohr zum anderen. »Deine Mum hat bei meiner angerufen.« Mit einem anerkennenden Blick sah er zu mir hinab. »Das ist echt voll cool!«

Als ich bemerkte, dass er es tatsächlich ernst meinte, begann ich zögernd zu lächeln. Robin war heute zumindest der Erste, der irgendetwas gut an mir fand.

»War es schwierig?«, wollte er wissen.

Ich setzte mich zu ihm auf die kleine Mauer und erzählte, wie ich Finn beigebracht hatte, Schwachkopf zu sagen. Und dann berichtete ich ihm, was im Café vorgefallen war.

Robin schüttete sich vor Lachen aus und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Doch dann verdüsterte sich mein Gesicht. »Dafür darf ich jetzt aber nicht mehr zu meiner besten Freundin nach Glasgow.« Tränen sammelten sich in meinen Augen, und plötzlich wurde ich wütend. »Nenn mich ruhig wieder Banshee.« Ich sprang auf und wollte fortrennen, doch Robin hielt mich am Arm fest und sah mich mitleidig an.

»Erwachsene verstehen einfach keinen Spaß, das kenne ich.« Er grinste mich aufmunternd an. »Was willst du denn in Glasgow? Hier ist es doch viel schöner.«

Ich schnaubte verächtlich. »Hier ist es doch todlangweilig!«

Robin kaute angestrengt auf seiner Unterlippe herum und überlegte offensichtlich, ob er etwas sagen sollte. Dann beugte er sich zu mir hinab.

»Eigentlich nehmen wir ja keine Mädchen in unsere Bande auf.«

»Was denn für eine Bande?« Ich wischte mir über die Augen.

Details

Seiten
115
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531920
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v345290
Schlagworte
eBooks Schottland Durness Pferde Pony Freundschaft Verantwortung Reiten Schwester Familie Vertrauen Spass

Autor

Zurück

Titel: Fiona und das Nebelpony