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Die Macht der Verborgenen

Roman

2017 350 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Die Liebe, die Evelyn und Jared verbindet, hat bereits Jahrhunderte überdauert: denn sie sind die letzten Nachkommen von Merlin, dem größten Magier aller Zeiten und Nimue, der Herrin vom See. Doch nun ist diese unsterbliche Liebe bedroht! Jared ist in die Fänge der bösen Morgana geraten. Die dunkle Magierin will ihn töten, um seine Kräfte an sich zu reißen. Für das magische Ritual verschleppt sie ihr Opfer auf die sagenumwobene Insel Avalon. Evelyn ist die einzige, die ihr dorthin folgen kann. Sie muss Jared retten, egal um welchen Preis …

Wie bereits in ihrem Bestseller Die Verborgene verwebt Sarah Kleck auch in diesem mitreißenden Roman gekonnt die mystische Welt der Artussage mit einer modernen und berührenden Lovestory.

Über die Autorin:

Sarah Kleck, geboren 1984 in Baden-Württemberg, studierte Diplom-Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Universität Augsburg. Heute ist sie als Personalreferentin tätig und lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Bad Saulgau in Oberschwaben.

Bei jumpbooks veröffentlichte sie bereits ihren Roman Die Verborgene.

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eBook-Neuausgabe März 2017

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2017 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Pitamaha

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ml)

ISBN 978-3-96053-207-1

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Sarah Kleck

Die Macht der Verborgenen

Roman

jumpbooks

Prolog

»Evelyn«, sagte jemand und rüttelte sanft an meiner Schulter. »Evelyn, wach auf.«

Blinzelnd öffnete ich die Augen und schaffte es gerade noch mich festzuhalten, als der Jeep von der geteerten Straße auf eine holprige Schotterpiste bog.

»Wir sind fast da«, erklärte Enid, die neben mir auf der Rückbank saß.

»Wie weit ist es noch?«, fragte ich benommen und rieb mir den Schlaf aus den Augen.

»Etwa fünf Meilen«, antwortete Colin und warf mir vom Fahrersitz aus einen kurzen Blick durch den Rückspiegel zu.

»Die restlichen drei Meilen müssen wir zu Fuß gehen«, ergänzte Irvin, der, den Blick auf die vergilbte Landkarte in seinen Händen gerichtet, vorne auf dem Beifahrersitz saß. Die Scheinwerfer des zweiten Wagens hinter uns blitzten kurz auf.

Immer noch halb schlafend, brauchte ich einen Augenblick, um meine Gedanken zu sortieren. Für einen flüchtigen Moment zwischen Schlafen und Wachen hatte sich in mir ein zarter Hoffnungsschimmer aufgetan. War es vielleicht doch nur ein Traum gewesen? War die schwarze Hexe vielleicht doch nur die Ausgeburt einer zu lebhaften Fantasie, eines Albtraumes, und wenn ich die Augen aufschlug, würde Jared friedlich schlafend neben mir liegen, die Arme über dem Kopf verschränkt, die Lippen einen winzigen Spalt breit geöffnet? Beinahe konnte ich ihn vor mir sehen. Diesen zufriedenen, entspannten Ausdruck auf Jareds schlafendem Gesicht, wenn er spürte, dass ich ganz nah bei ihm lag. In unserem Zimmer. Im Hauptquartier des Legatum Merlini. Geschützt und behütet an dem Ort, der in den vergangenen Wochen zu meinem Zuhause geworden war. Ich atmete tief ein, als die Erkenntnis mit jeder Sekunde, die ich wacher wurde, mehr und mehr zu mir durchdrang. Denn all diese schrecklichen Dinge waren tatsächlich passiert. Beinahe wäre ich wieder in Tränen ausgebrochen. Ich schluckte schwer.

Da waren sie wieder: Verzweiflung und Hilflosigkeit – die beiden Gefühle, die mir in meinem jungen Leben bereits so vertraut geworden waren. Unerbittlich schnürten sie sich um mich und drohten mich zu erdrücken. Ich schnappte nach Luft. Voller Schmerz erinnerte ich mich an den Tag, an dem ich Jared zum ersten Mal gesehen hatte. Es war, als wäre es gestern gewesen. Seine Augen, diese unglaublich blauen Augen. Alles um mich herum hatte aufgehört zu existieren, als ich zum ersten Mal in diese Augen geblickt hatte. Die Schwerkraft hatte sich verlagert. Oder war sie verschwunden? Von jenem Moment an war es nicht mehr sie gewesen, die mich anzog … sondern er.

Seit Zaras Tod hatte ich jeden Halt verloren und war orientierungslos durchs Leben getrieben. Dann war er plötzlich da gewesen. Er hielt mich. Es hatte nur ihn gegeben – von jenem Moment an bis zu diesem.

Nein!, dachte ich, ballte die Hände zu Fäusten und atmete ein – tief, wie eine Ertrinkende, die durch die Wasseroberfläche bricht. Nein! Ich würde in dieser Verzweiflung nicht ertrinken. Nicht, solange es noch den Hauch einer Chance gab, dass Jared am Leben war. Dass ich ihn retten konnte. Entschlossen riss ich die Augen auf und grub meine Fingernägel in die Handballen.

Gleich würden wir da sein. Gleich würde ich in den Nebel gehen. Allein. Und dann würde ich Jared da rausholen – koste es, was es wolle!

Kapitel 1

»Ruth Hayman?«, wiederholte Irvin noch einmal ungläubig. Er richtete sich auf und stützte die Hände auf die riesige Tafel im Ratssaal des Hauptquartiers, an der wir mittlerweile Platz genommen hatten.

»Ja«, bestätigte ich. »Ich kenne niemanden, der mehr über Merlin, Nimue und wahrscheinlich auch Morgana wissen könnte als sie.«

»Mary Haymans Tochter?« Irvin klang noch immer sehr überrascht – gelinde gesagt.

»Ich kenne ihren Vornamen nicht, aber Ruth hat mir erzählt, dass ihre Mutter ihr ganzes Leben der Suche nach der Wahrheit über Merlin und Nimue gewidmet hat.« Bei dem Gedanken an die liebevolle Art und Weise, in der Ruth von ihrer verstorbenen Mutter gesprochen hatte, wurde ich ein wenig sentimental.

Irvin warf Enid, die auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes am Fenster stand, einen bedeutungsvollen Blick zu. Sie schien einen Moment lang hin- und hergerissen zu sein, dann erteilte sie ihm mit einem knappen Nicken die Erlaubnis zu reden. Er stand auf, drehte sich langsam zu mir um und holte tief Luft.

»Vor zwölf Jahren hat eine betagte Dame namens Mary Hayman gewisse Nachforschungen angestellt«, begann er und fing an, in dem großzügigen Ratssaal auf und ab zu schreiten. Er machte eine lange Pause und runzelte nachdenklich die Stirn, ehe er fortfuhr.

»Wie wir später erfuhren, hatte sie seit ihrer Kindheit alles gesammelt, was mit der Artussage und insbesondere mit Merlin und Nimue zu tun hatte. Sie las jede Legende, besuchte sämtliche Schauplätze und folgte selbst dem kleinsten Hinweis. Und so setzte sie Stück für Stück das Puzzle zusammen.«

»Ruth sagte, ihre Mutter sei davon regelrecht besessengewesen«, warf ich ein.

Irvin nickte. Dann blieb er vor einem der hohen Fenster stehen, verschränkte die Arme hinter seinem Rücken und starrte gedankenverloren hinaus. »Mary hatte fast ihr ganzes Leben darauf verwandt, und am Ende kam sie tatsächlich hinter das Geheimnis des Ordens. Wir wussten nicht, ob wir ihr vertrauen konnten, und liefen Gefahr, dass das Geheimnis des Legatum Merlini der Öffentlichkeit preisgegeben wird.« Irvin schwieg lange. Als er weitersprach, wirkte er auf seltsame Art betroffen. »Mary Hayman wurde von Karen als Gefahr für den Orden und die gesamte Familie Calmburry eingestuft. Sie bedeutete ein Risiko, das die Hohepriesterin nicht bereit war einzugehen«, gestand er tonlos. »Deshalb beschloss sie, Mary … verschwinden zu lassen.«

Betretenes Schweigen herrschte im Raum. Mir entging nicht, dass Enid Gareth einen langen Blick zuwarf. Er fing ihn auf, dann sah er auf den Boden. Mir standen die Haare zu Berge. Wie viele Menschen hatte der Orden auf Karens Anweisung im Laufe der Jahre wohl noch verschwinden lassen?

»Es ist uns bis heute ein Rätsel …«, fuhr Irvin fort und klang, als sei er tief in Gedanken versunken. »Wir wussten, dass Morgana, ebenso wie wir, auf Mary aufmerksam geworden war. Schließlich war sie immer wieder an einschlägigen Orten aufgetaucht – Glastonbury, Stonehenge, Dozmary Pool, Caerleon …« Er holte tief Luft. »Morgana durfte Mary unter keinen Umständen in die Finger kriegen – deshalb musste es ja auch so schnell … passieren.« Er ballte seine Hände zu Fäusten. »Doch irgendwie muss Morgana an Marys Aufzeichnungen geraten sein.« Er stockte, und sein Blick glitt in die Ferne. »Sie wusste nun alles, was Mary herausgefunden hatte. In Oxford waren die Calmburrys also nicht mehr sicher. Deshalb beschloss der Orden, die ganze Familie an einen geheimen Ort zu bringen – ein sicheres Hausin Boston.« Irvin brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Zorn und Trauer standen ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. »Das Flugzeug, mit dem sie in die USA gebracht werden sollten –« Seine Stimme brach. Sofort flammten die Bilder des brennenden Wracks vor meinem geistigen Auge auf.

»Morgana hat alle Mitglieder der Familie Calmburry getötet«, fuhr Enid an Irvins Stelle fort.

»Alle – bis auf einen«, ergänzte sie mit einem Hauch von … Schadenfreude? Stolz?

»Jared«, presste ich hervor.

Sie nickte. »Er ist der letzte Calmburry – der Letzte in Merlins Blutlinie.«

Irvin trat neben mich und legte mir die Hand auf die Schulter. »Nachdem Morgana – bis auf Jared – die ganze Familie getötet hatte, wurde Karen regelrecht paranoid. Jeder, der in irgendeiner Form eine Bedrohung für Jared darstellte oder von dem auch nur im Entferntesten die Gefahr ausging, dass er Jareds Existenz offenbaren und so Morgana auf ihn aufmerksam machen könnte, wurde getötet.« Mir war sofort klar, warum er mir das in dieser Eindringlichkeit erzählte.

»Karen wusste, dass Jared sich zu Nimues Nachkommen hingezogen fühlen würde. Es gibt eine jahrhundertealte magische Verbindung zwischen deiner Familie und seiner – ihr seid wie zwei Teile eines Ganzen, die sich gegenseitig anziehen. Sie wusste, dass ihr euch früher oder später finden würdet.«

Nachdenklich blickte Irvin zur Decke. »Karen setzte alle Hebel in Bewegung, Nimues Erben zu finden«, sagte er schließlich. Seine Stimme bebte vor Bedauern.

»Sie hat meine Eltern getötet. Und meine Schwester«, stieß ich verbittert hervor.

Enid sah mich voller Mitgefühl an. »Zuerst machte Karen deine Mutter ausfindig und inszenierte einen Autounfall, bei dem deine Eltern tödlich verunglückten.« Enid kniff konzentriert die Augen zusammen, als fiele es ihr wirklich schwer, darüber zu reden. »Du musst wissen, der Legatum Merlini hat ein sehr breites Netzwerk«, erklärte sie, ohne das weiter auszuführen. Sie holte tief Luft. »Dich und deine Schwester jedoch konnte sie nicht finden. Dein Amulett war mächtig genug, um euch beide zu verbergen, weil ihr euch so nahe standet.« Enid senkte den Blick. »Drei Monate bevor du nach Oxford gekommen bist, ist es Karen gelungen, Zara aufzuspüren, und …« Sie schluckte. »Sie … beauftragte ein Mitglied des Ordens mit dem Mord an deiner Schwester.«

Schweigen herrschte im Raum.

»Das macht es nicht ungeschehen«, fügte Enid nach einer ganzen Weile, beinahe flüsternd, hinzu, »und ich will mich auch nicht aus meiner Verantwortung stehlen. Aber du sollst wissen, dass Karen diese Dinge im Alleingang und gegen die Beschlüsse des Hohen Rates veranlasst hat.«

Brennender Hass breitete sich in meinem Inneren aus. Ich hatte Mühe, gegen ihn anzukommen. Karen Mayflower war nichts als eine skrupellose Mörderin. Für den Bruchteil einer Sekunde wünschte ich mir, Morgana hätte sie getötet, doch schon im nächsten Augenblick bereute ich diesen Gedanken. Morgana hätte auch mich getötet, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn sie mich nicht gebraucht hätte. Sie hatte mich benutzt. Wütend biss ich die Zähne zusammen.

»Wir können hier nicht länger untätig herumsitzen – wir müssen etwas tun. Sofort!«

»Evelyn«, ermahnte mich Enid sanft. »Das werden wir – aber bevor wir irgendetwas unternehmen, musst du uns alles erzählen, was du weißt. Alles, was du gesehen oder gehört hast, könnte uns helfen. Vielleicht hat Morgana etwas übersehen. Irgendeine Kleinigkeit … vielleicht …«

Noch während Enid um Worte rang, schloss ich für einen kurzen Moment die Augen, atmete tief durch und versuchte mich zu konzentrieren. Je schneller wir die Sache hier hinter uns brachten, desto schneller konnten wir uns auf die Suche nach Jared machen. Und dann sprudelte es nur so aus mir heraus. Ich erzählte ihnen alles – von Frank Tempton, dessen Namen ich in dem Buch im Reliquienraum, in dem sämtliche Mitglieder des Legatum Merlini seit der Gründung des Ordens im fünften Jahrhundert aufgelistet waren, entdeckt hatte; von dem Gespräch zwischen Jared und Karen, in dem er sie mit seiner Entdeckung, dass sie die Schuld am Tod meiner Familie trug, konfrontierte; von meiner Flucht bis hin zu der Begegnung mit Morgana auf der Waldlichtung. Wie sie dort gestanden hatte, inmitten ihrer Heerschar Damnati. Ich drängte die Erinnerung aus meinen Gedanken.

»Hattest du Morgana jemals zuvor gesehen?«, fragte Irvin, nachdem ich mit meiner Erzählung am Ende angelangt war.

»Nein«, antwortete ich und schüttelte den Kopf, doch plötzlich hielt ich inne, erstarrte regelrecht, als das Bild der wunderschönen dunkelhaarigen Frau in einem wallenden weißen Gewand vor meinem inneren Auge erschien.

»Nein, wartet – das stimmt nicht. Ich hatte sie schon einmal gesehen. In meinen Träumen. Damals, in der Nacht, in der ich in der Bibliothek auf die Familienchronik der Calmburrys gestoßen bin.« Ich zögerte. »Die Frau, die ich in meinem Traum gesehen habe, war aber nicht Morgana, sondern … Eowyn. Myrddins Mutter – Merlins Mutter.« Unsicher blickte ich in Irvins Gesicht und stellte verblüfft fest, dass er zustimmend nickte.

»Erstaunlich, wie tief Nimues Magie noch nach so vielen Generationen in dir verwurzelt ist«, sagte er nachdenklich. »Wie vieles dein Unterbewusstsein einfach intuitiv erfasst und richtig interpretiert …« Er bemerkte meinen irritierten Gesichtsausdruck und lächelte nachsichtig. »Morgana ist Eowyns Zwillingsschwester«, erklärte er. »Sie ist Merlins Tante und, wenn man so will – neunundzwanzig Generationen später –, Jareds Urgroßtante.«

Mir klappte der Mund auf.

»Was?!«

»Ja, sie entstammen alle derselben magischen Blutlinie. Ihre Magie wirkt auf dieselbe Weise«, fuhr Irvin mit seiner Erklärung fort, und als er weitersprach, hatte seine Stimme mit einem Mal einen finsteren Klang. »Nur mit Morgana verhält es sich ein wenig anders.« Irvins Miene wurde hart. »Sie hat gegen das grundlegendste aller Naturgesetze verstoßen, als sie ihre Schwester getötet hat.« Nachdenklich schüttelte er in Anbetracht dieser Kaltblütigkeit den Kopf.

»Sie hat ihre Zwillingsschwester getötet?«

Er nickte.

»Aber … ich habe in dem Calmburry-Buch gelesen, dass Eowyn bei der Geburt ihrer jüngsten Tochter gestorben sein soll.«

»Das ist die offizielle, sozusagen zensierte Version der Geschichte. In Wahrheit hat sie durch die Hand ihrer eigenen Schwester einen grausamen rituellen Tod erlitten, als Morgana versucht hat, ihre Magie an sich zu binden.«

»Versucht?«

»Es ist ihr nicht gelungen – sie hat sie letzten Endes einfach nur getötet.« Irvin lächelte finster. »Eine Kleinigkeit hat die Gute nämlich übersehen«, sagte er schadenfroh. »Magie kann nur mit dem Einverständnis des Gebenden übertragen werden – und das setzt eine gewisse … Freiwilligkeit voraus.«

»Jared …«, ich brachte es kaum über die Lippen, »sie wird …«

Irvin nickte. »Und er hat eingewilligt. Um dich zu retten«, sprach er es schließlich aus. »Er hat sich auf einen magischen Pakt mit der Hexe eingelassen. Bricht er ihn, bedeutet es seinen Tod.«

»Was? Wie meinst du das?«.

»Sollte Jared nicht Wort halten und versuchen Morgana zu hintergehen, richtet sich seine eigene Magie gegen ihn. So funktioniert der Pakt.«

Nein! Nein! Nein! Das konnte nicht sein! Jared war noch nicht verloren. Ich war noch nicht bereit ihn aufzugeben. Es musste einen Weg geben. Irgendeinen. Egal welchen, ich würde alles tun, um ihn zu retten! Aber dazu musste mir Irvin zuerst alles sagen, was er wusste. Alle hier mussten mir sagen, was sie wussten. So konnte ich vielleicht einen Weg finden. Es musste einen Weg geben!

»Was hat es mit den Naturgesetzenauf sich?«, fragte ich hastig. »Du sagtest, Morgana hätte gegen sie verstoßen?«

Irvin sah mich durchdringend an. »Alle magischen Geschöpfe haben ihren Ursprung in dem harmonischen Gefüge der Natur und schöpfen ihre Kraft aus der allumfassenden Energie, aus der auch die vier Elemente entspringen: Erde, Wasser, Feuer und Luft.« Er machte eine Pause, um zu sehen, ob ich ihm bis hierhin folgen konnte. Als ich nickte, fuhr er fort.

»Manche, wie zum Beispiel Nimue und somit in letzter Konsequenz auch du, sind an die Energie eines bestimmten Elements gebunden. Wasser – in deinem Fall. Andere, zu denen Eowyn, Merlin und auch Jared gehören, beherrschen die Energie aller Elemente. Die Magie jedes dieser Geschöpfe ist eins mit der Natur und ihrer Energie. Sie wirkt, wenn man so will, im Einklang mit der Natur. Das bedeutet, dass Energie in ihrem natürlichen Umfeld und ihrem natürlichen Fluss durch Magie gesteuert und beeinflusst werden kann. Verstehst du in etwa, was ich meine?«

Seine Art, die Dinge zu erklären, erinnerte mich an seine Vorlesung. Er war ein wirklich guter Lehrer.

»Ja, ich glaube schon. Ich habe einmal gesehen, wie Jared eine ganze Wiese voller Frühlingsblumen hat erblühen lassen.«

»Genau!«, bestätigte er. »Er hat mit seiner Magie den natürlichen Lauf der Dinge einfach nur beschleunigt

»Und wie wirkt Morganas Magie?«

Irvin öffnete den Mund, doch dann war es Enid, die meine Frage beantwortete.

»Ein Leben gewaltsam zu beenden oder ein Geschöpf in die Finsternis zu stürzen, indem man seine Seele an sich bindet …«, sie stockte und sah mich mitfühlend an. Ich erschauderte. »Aber eine solch grausame, widernatürliche Tat bleibt nicht ohne Folgen«, versicherte sie.

»Von was für Folgen sprichst du?« Ich versuchte die schrecklichen Erinnerungen an meine Begegnung mit Morgana beiseitezuschieben.

»Mit dem Mord an ihrer Schwester und auch mit den unzähligen weiteren, die sie im Laufe der Zeit begangen hat, hat sie eine Grenze überschritten. In dem Moment, als Morgana die Hand gegen Eowyn erhob, hat sich ihre Magie gegen das natürliche Gefüge gestellt und damit ihre eigene Verbundenheit mit ihr, der Natur, meine ich, aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie war von jenem Moment an nicht länger Teil des großen Ganzen.« Enid atmete tief ein. »Morgana hat sich mit dem Mord an ihrer Schwester aus dem natürlichen, harmonischen Gefüge der Welt für alle Zeit ausgeschlossen.«

»Heißt das, Morganas Magie verkörpert das Gegenteil alles Natürlichen?«, fasste ich zusammen und hoffte, alles richtig verstanden zu haben.

Irvin nickte anerkennend. »Genau. Allem Lebendigen bringt sie den Tod. Wo Liebe herrscht, da schürt sie Hass. Alles Reine wird von ihr verdorben, und alles Schöne kehrt sie um in Hässliches.«

»Die Damnati«, murmelte ich, als mir das Bild der ekelerregenden, mit Narben und Geschwüren übersäten Kreaturen durch den Kopf schoss.

»Ja«, bestätigte er und zog angewidert die Nase kraus.

»Es waren so viele auf der Lichtung …« Ich hatte Mühe mir auszumalen, wie viel Leid es auf der Welt geben musste, um eine solche Heerschar dieser narbengesichtigen Ungeheuer hervorzubringen.

Ich schüttelte den Kopf, um dieses Bild zu vertreiben und mich auf das zu konzentrieren, was im Moment am allerwichtigsten war. Ich musste eine Schwachstelle finden – irgendeine.

»Warum wollte Morgana Jareds ganze Familie töten? Wenn es stimmt, dass sie seine Magie an sich binden will – warum hat sie das nicht auch bei den übrigen Familienmitgliedern versucht?«, fragte ich angespannt.

Irvin machte einen Schritt in meine Richtung. »Nach dem missglückten Versuch, Eowyns Magie an sich zu binden, was nicht nur sie das Leben gekostet, sondern auch Morgana fast getötet hätte, kam sie zu der Einsicht, dass Magie nicht einfach genommen werden kann.«

Irvin machte eine Pause, um die richtigen Worte zu finden.

»Bei dem Flugzeugabsturz vor zwölf Jahren hätte die ganze Familie ausgelöscht werden sollen«, fuhr er zögerlich fort. »Ich glaube, wenn Morgana diese Magie schon nicht haben konnte, sollte es wenigstens niemanden geben, der es mit ihr aufnehmen konnte. Und bis vor Kurzem dachte sie auch, alle wären umgekommen, denn der Schutzzauber war nun umso stärker, da er nicht mehr die ganze Familie, sondern nur noch eine Person abschirmen musste – Jared.« Irvin kam einen Schritt auf mich zu.

»Selbst Zeitungsberichte und Fernsehbeiträge über das Unglück, in denen stets erwähnt wurde, dass es einen Überlebenden gab, wurden von dem Zauber verschleiert. Der Orden hat alles Weitere in die Wege geleitet. Gefälschte Berichte, bearbeitete Fotos, verschwundene Beweise, bestochene Zeugen – Karen tat alles Menschenmögliche, um Jared zu schützen. Und so blieb Morgana in dem Glauben, sie hätte alle Calmburrys aus dem Weg geräumt.« Der Hauch eines zufriedenen Lächelns umspielte einen Moment lang Irvins Lippen, doch dann wurde seine Miene hart. »Morgana hatte nicht die geringste Ahnung, bis …«

»… bis Madison zu ihr ging und sie bat, mich zu töten, damit sie Jared für sich alleine haben konnte«, beendete ich den Satz für ihn.

»So ist es«, sagte Irvin.

»Madison hat damit nicht nur Jared an Morgana verraten«, fuhr Enid fort. »Sie hat ihr außerdem gleich das passende Druckmittel mitgeliefert.« Ein müdes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Wie gesagt: Magie muss gegeben werden – freiwillig.«

Enid sah mir direkt in die Augen. »Morgana hat dich von Anfang an benutzt.«

Die Qual, die ich bei diesem Gedanken empfand, spiegelte sich auf meinem Gesicht. Ich stand auf. Wütend biss ich die Zähne zusammen und ballte meine Hände zu Fäusten. »Nein, so wird das nicht enden! So darf es einfach nicht enden!«, sagte ich voll verzweifelter Überzeugung und blickte einen nach dem anderen an. »Ich muss mit Ruth reden. Ich bin sicher, sie weiß, was zu tun ist.«

Irvin sah mich prüfend an. »In Ordnung«, antwortete er schließlich. »Colin, bitte sag Ian Bescheid, dass er Ruth Hayman herbringen soll. Gareth, du begleitest ihn.«

Colin, der bis jetzt nur stumm aus dem Fenster gestarrt hatte, nickte knapp und verschwand mit Gareth aus der Tür.

Kapitel 2

»Nimues Erbin«, wiederholte Ruth mit leichtem Kopfschütteln und sah mich lange an. Ich hatte ihr, zum Missfallen einiger Ordensmitglieder, alles erzählt, was ich wusste. Na ja, fast alles. Über die Umstände des Todes ihrer Mutter schwieg ich. Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Doch ansonsten gab es keine Geheimnisse mehr. Das brachte uns nicht weiter.

Ruth schien – und das machte die Mitglieder des Ordens offensichtlich besonders nervös – von dem, was sie in den letzten Minuten gehört hatte, nicht ganz so überrascht, wie sie es hätte sein sollen. Ich schnaubte leise. Was hatten sie denn erwartet? Ich hatte doch gesagt, dass es wohl niemanden gab, der mehr über Merlin und Nimue wusste als Ruth. Und für mich hatte es so ausgesehen, als wäre der Orden dankbar für jede Hilfe, für jeden Strohhalm, nach dem er greifen konnte, um Jared zu retten. Doch nun, da Ruth hier war, spaltete sich der Hohe Rat in zwei Lager: Für die einen grenzte es an Hochverrat, eine Fremde in die jahrhundertelang penibel gehüteten Geheimnisse des Legatum Merlini einzuweihen. Judith McHallern und Montgomery Grey hatten sogar den Raum verlassen, kurz bevor Ruth eintraf.

Die anderen, zu denen glücklicherweise auch Irvin und Enid gehörten, die hier nun das Sagen hatten, nachdem Karen aus dem Spiel war, setzten alles daran, Jared zu retten. Selbst wenn das bedeutete, ein paar Geheimnisse auszuplaudern. Dennoch war ich sicher, dass sie Ruth niemals hergebracht hätten, wenn es einen anderen Weg geben würde. Ich wusste, dass sie nichts unversucht gelassen hatten.

Gareth, Ian, Colin und ein paar andere waren Morgana und Jared gefolgt, während ich bewusstlos gewesen war.

»Wir hatten keine Chance«, hatte Gareth mir anvertraut, dabei sein Hemd über die Schulter gezogen und mir den tiefen Schnitt direkt unter seinem Schlüsselbein gezeigt, den ihm ein Damnatus zugefügt hatte. Jared hatte es nicht länger mit ansehen können, wie seine Freunde seinetwegen verletzt worden waren, hatte Gareth mir erzählt. Deshalb hatte er seine und Morganas Spuren mit irgendeinem Zauber verwischt, damit der selbsternannte Befreiungstruppihnen nicht mehr folgen konnte. So sehr sie es auch versucht hatten – und ich kannte zumindest Colin gut genug, um zu wissen, dass er nicht der Typ war, der aufgab –, sie hatten ihm nicht helfen können. Jared hatte sich auf einen magischen Pakt mit der dunklen Hexe eingelassen – und aus diesem gab es kein Entkommen. Das wusste Jared. Und das wusste auch jeder von uns.

Viel zu lange war es still. Eine Mischung aus Nervosität und Verlegenheit machte sich im Raum breit. Erst als die Spannung kaum noch auszuhalten war, sagte Ruth: »Morgana wird Jareds Magie an sich binden.«

Aus dem Augenwinkel sah ich Enid und Irvin nicken.

»Ja, aber wie will sie das anstellen? Wo ist er? Wo hat sie ihn hingebracht?«, sprudelte es voller Aufregung aus mir heraus. Ich war kurz davor, richtig wütend zu werden – mit jedem Augenblick, den wir hier untätig herumsaßen, schwanden die Chancen, Jared zu finden. Lebendig.

Ruth überlegte einen Moment, während sie ins Leere starrte. Dann klärte sich ihr Blick. »Hast du das Buch noch, das ich dir gegeben habe? Über Nimue?«

Ich zögerte. »Das Buch? Ähm … es ist …«

»Es ist in Karens Büro«, unterbrach mich Irvin und nickte Ian zu, der sogleich den Raum verließ.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah ich Irvin an. Etwas dazu zu sagen war überflüssig. Wie blöd war ich damals eigentlich gewesen, diesen Fanatikern zu glauben, dass alles bis auf genau dieses Buch bei dem Brand in meinem Wohnheimzimmer unversehrt geblieben war?! Für einen Moment überkamen mich starke Zweifel. Vertraute ich den richtigen Leuten? Andererseits, was hatte ich für eine Wahl?

Wenige Augenblicke später war Ian zurück und drückte Ruth den grünen Wälzer in die Hand. Hastig leckte sie sich über den Zeigefinger und begann darin zu blättern.

»Ah, hier ist es.« Während Ruth tief einatmete, strich sie die Seite glatt und begann zu lesen:

Das blinde Herz, von Sehnsucht gequält,

bereitwillig in die Finsternis geht.

Beraubt seines Lichts, beraubt seiner Macht,

gibt nur der Tod noch auf es acht.

»Ja«, meine Stimme klang noch ungeduldiger, als ich wollte, »die Prophezeiung der Nymphen von Avalon.«

»Da hast du es«, erwiderte Ruth ruhig und sah mich erwartungsvoll an.

»Was? Ich verstehe nicht.« Ich runzelte die Stirn, und auch die anderen Anwesenden: Colin, Enid, Irvin, Gareth und Ian, schauten Ruth irritiert an.

»Die Nymphen kennen keine Welt außerhalb von Avalon«, erklärte sie, als sei es ganz offensichtlich. »Für sie ist das der einzig existierende Ort.«

»Was willst du damit sagen?«, hakte Colin nach. Ich war froh, dass ich nicht die Einzige war, die nicht sofort begriff.

»Ich will damit sagen, dass alles, was die Nymphen, na ja, wahrnehmen, mit Avalon verbunden ist, und das wiederum heißt, dass alles, wovon in dieser Prophezeiung die Rede ist …«

»… auf Avalon geschieht«, beendete ich den Satz wie in Trance, während mein Blick bereits verschwamm. Die Erkenntnis traf mich wie eine Ohrfeige.

»Willst du damit sagen, Morgana hat Jared nach Avalon verschleppt?« Fassungslos griff Colin sich mit beiden Händen ins Haar. Bis jetzt hatte er sich eher zurückgehalten, doch jetzt schien er beinahe verrückt zu werden vor Sorge um seinen besten Freund.

»Aber natürlich«, murmelte ich kaum hörbar, und obwohl meine Stimme kaum mehr war als ein Flüstern, waren alle Augen sofort auf mich gerichtet. Gebannt starrte ich ins Leere. Ich war meilenweit weg.

Gefühl, Intuition, Magie oder eine längst vergessene Wahrheit, die wieder durch die Oberfläche brach – ich hatte keine Ahnung, woher es kam oder was es war, aber plötzlich ergab alles einen Sinn. Plötzlich wusste ich, was ich zu tun hatte.

Es war nicht nur eine Ahnung, eine Idee oder ein Gefühl. Nein – ich wusste ganz tief in mir und mit unumstößlicher Gewissheit, was zu tun war. Wohin ich gehen musste. Bilder fügten sich in meinem Kopf zusammen. Bilder, die ich noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte und die mir dennoch vertraut waren.

Von Bächen durchzogene Wiesen, wild bewachsene Waldlichtungen, prachtvolle Bäume, Vogelgezwitscher …

»Wo ist der Eingang?«, wollte ich ohne Umschweife wissen.

»Glastonbury Tor«, sagten Irvin und Ruth wie aus einem Munde und starrten mich mit verwirrter Miene an.

»Ein Hügel inmitten der Summerland Meadows, auf dessen Spitze sich die Ruine des Turms von St. Michael’s befindet«, erklärte Irvin stirnrunzelnd. »Wenn man den alten Legenden Glauben schenken will, ist diese Ruine der Eingang nach Avalon.«

»Und wie kommt man da rein?« Meine Stimme klang härter als beabsichtigt.

Ruth presste die Lippen zusammen. »Mit Sicherheit kann man das nicht sagen, schließlich hat es nie jemand hineingeschafft. Nicht einmal Nimue selbst konnte nach Avalon zurückkehren, wenn du dich an die Geschichte erinnerst, die ich dir erzählt habe.«

Oh ja, ich erinnerte mich nur zu gut. Sie hatte als normaler Mensch weitergelebt, sich einen Mann genommen und eine Tochter namens Viviane geboren. Meine Urururur… – ach, Keine-Ahnung-wie-viele-Ur-Großmutter.

»Aber irgendeinen Weg muss es doch geben«, warf ich ein. Kummer und Verzweiflung wallten in meiner Brust auf. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

»Na ja, den Aufzeichnungen meiner Mutter zufolge kann man, wenn es überhaupt eine Möglichkeit gibt, nur im Nebel dorthin gelangen. In der magischen Stunde zwischen Nacht und Tag.«

»Der Morgendämmerung«, schloss Colin aus Ruths Worten.

Sie nickte.

»Dann brechen wir sofort auf«, entschied ich und erhob mich energisch.

»Ich werde dich begleiten«, sagte Colin und streckte mir seine Hand entgegen.

»Das ist sehr mutig von dir, Colin«, wandte Ruth ein, »aber ich glaube nicht, dass du es durch das Portal schaffst.«

»Was soll das denn heißen?« Er klang richtig beleidigt.

»Das ist der Haken an der Sache. Ich bin sicher, dass, wenn sich das Portal öffnet, es sich nur für Evelyn öffnen wird – und nur für sie.«

»Dann gehe ich eben alleine«, entschied ich, woraufhin Colin die Hand enttäuscht sinken ließ.

»Und wie willst du das anstellen?«, fragte er empört. »Willst du es allein mit Morgana und ihrer verdammten Damnatus-Armee aufnehmen?«

»Hab ich denn eine Wahl?« Natürlich hätte ich ihn gern an meiner Seite gewusst, aber anscheinend ging es nun mal nicht anders.

»Ganz alleine?«, wiederholte Colin, der ebenso zwischen Wut und Verzweiflung zu schwanken schien wie ich. »Das ist verrückt!«

»Wenn es klappt«, unterbrach Ruth mit ruhiger Stimme, »wird Evelyn nicht alleine sein.«

»Was willst du damit sagen?«, wollte nun Enid mit echtem Interesse wissen.

Ruth zog den linken Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln hoch. »Avalon ist Evelyns Insel«, sagte sie schließlich und reckte das Kinn in meine Richtung. »Alles, was dort zu Hause ist, wird ihr dienen.«

»Meinst du die Nymphen?«

»Ja, Nymphen und andere Wesen, die dort zu Hause sind.«

Ich schluckte. Was würde mich dort wohl alles erwarten? Vorausgesetzt, ich schaffte es überhaupt durch das Portal …

»Soll das heißen, die Nymphen werden für mich kämpfen?« Das klang noch dümmer, als es sich in meinem Kopf angehört hatte.

»Kämpfen?« Ruth überlegte einen Moment. »Nein, das denke ich nicht. Nymphen werden in der Literatur als durch und durch friedfertige Wesen beschrieben. Kämpfen liegt nicht in ihrer Natur. Was aber nicht heißt, dass sie dir nicht auf andere Weise nützlich sein könnten.«

Ich hatte den Eindruck, dass Ruth wohl selbst nicht so recht wusste, was sie damit eigentlich meinte. Einen Moment lang herrschte Schweigen, während alle mich mit starren Mienen betrachteten. So, als wögen sie ab, ob ich der Sache gewachsen war oder nicht. Ehrlich gesagt, war ich mir dessen selbst nicht sicher.

»Gut«, beschloss Enid schließlich und erhob sich. Obwohl sie nicht ganz überzeugt schien, hatte sie dennoch der Tatendrang gepackt. Irgendetwas mussten wir ja schließlich tun.

»Colin, Ian, ihr kümmert euch um Evelyns Gepäck«, wies Enid, ganz Hohepriesterin des Legatum Merlini, die beiden an. Sie nickten.

»Gareth, du bist für den Jeep verantwortlich. Sieh zu, dass er vollgetankt und fahrtüchtig ist. Irvin, du kommst mit mir in die Bibliothek. Vielleicht finden wir noch etwas, das uns helfen kann.«

Mit angespannter Miene sah Enid mich einen Moment an, bevor sie sagte: »Ruh dich aus, Evelyn. Du wirst deine Kräfte noch brauchen. Ruth, danke für deine Hilfe.« Wieder ein Wink mit dem Zaunpfahl. In Enids Augen wusste Ruth eindeutig schon zu viel.

»Heute Nacht brechen wir auf«, fuhr Enid dann an alle gewandt fort. »Es sind 120 Meilen von hier bis Glastonbury, und wir wollen die Morgendämmerung doch nicht verpassen.«

Auf mein Bitten durfte Ruth doch noch bleiben und begleitete mich in den Garten des Hauptquartiers. Einfach nur herumzusitzen hätte mich wahnsinnig gemacht, ich musste mich bewegen. In Gedanken ließ ich das Erlebte noch einmal Revue passieren und versuchte mir einen Überblick zu verschaffen. Vielleicht, aber nur vielleicht, stieß ich so ja auf etwas, das ich noch nicht bedacht hatte. Etwas, das mir helfen konnte. Bis jetzt hatte ich nämlich nicht mal ansatzweise so etwas wie einen Plan, wie ich die Sache angehen sollte.

Ich würde – wenn ich es denn schaffte – nach Avalon gehen. Allein. So viel war klar. Wie es dann aber weitergehen sollte, davon hatte ich nicht einmal den Hauch einer Vorstellung. Was, wenn ich mitten in eine Damnatus-Party hineinplatzte? Oder Morgana direkt in die Arme lief? Was, wenn Avalon selbst mich angreifen würde? Wenn die Wesen, die dort zu Hause waren, eben nicht auf meiner Seite wären? Oder – das Schlimmste aller Szenarien: was, wenn ich zu spät kam? Was, wenn Jared … Ich wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu führen. Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Zu viele Fragen – zu wenige Antworten.

Während Ruth und ich schweigend nebeneinander hergingen, kam mir plötzlich eines unserer ersten Gespräche wieder in den Sinn.

»Wenn Nimue ein so magisches und mächtiges Geschöpf war – warum wollte sie dann als normaler Mensch mit Merlin zusammenleben? Was ist mit ihrer Magie passiert?«, hatte ich sie an jenem Abend in ihrer Wohnung gefragt.

Nimues Magie sei untrennbar mit Avalon verbunden, hatte sie mir erklärt. »Wenn sie ihre Magie nicht dort gelassen hätte, wäre Avalon gestorben.«

Hmm. Zuerst wehrte ich mich dagegen, diesen absurden Gedanken überhaupt zuzulassen, doch unwillkürlich drängte er sich immer stärker in mein Bewusstsein.

Eine Mischung aus Mut und Scham überkam mich, doch ich musste sie einfach fragen. Ich schluckte.

»Du sagtest einmal«, begann ich vorsichtig und verlangsamte meine Schritte, »Nimue hätte ihre Magie auf Avalon gelassen.«

Ruth nickte.

»Meinst du, sie … sie ist noch dort?«

Sie nickte wieder.

»Und meinst du … ich könnte …«, ich wusste selbst nicht, wie ich diesen Satz beenden sollte. Wurde ich gerade übermütig oder war es tatsächlich möglich?

Ruth blieb stehen und sah mir in die Augen. Sie schien sofort zu verstehen. »Wenn sie die Wahl hat, kehrt Magie immer zu ihrer Quelle, zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück«, antwortete sie schlicht, jedoch mit einer solchen Intensität, dass ich eine Gänsehaut bekam. Ich starrte sie an und ließ ihre Worte auf mich wirken. Dann schüttelte ich den Kopf.

»Zu ihrem rechtmäßigen Besitzer«, wiederholte ich schließlich. Spöttisch und voller Selbstzweifel. Ich blickte zu Boden. Nun, als Ruth es so deutlich aussprach, klang die Sache schon sehr viel weniger glaubhaft. Im Moment fühlte ich mich nämlich ganz und gar nicht wie der rechtmäßige Besitzer von irgendetwas.

Unerwartet fest packte Ruth mich am Arm und sah mich eindringlich an. »Evelyn, du bist die Letzte in Nimues Blutlinie, die letzte Nachfahrin der Königin des Wassers. Du bist die Erbin Avalons. Es ist nichts weniger als dein Geburtsrecht, dorthin zurückzukehren. So wie es dein Geburtsrecht ist, Nimues Magie für dich zu beanspruchen.«

Ach, wenn es weiter nichts ist, dachte ich voller Sarkasmus.

»Und wie soll ich das anstellen?« Mutlos ließ ich mich auf eine Gartenbank plumpsen.

Ruth setzte sich neben mich, nahm das grüne Buch aus ihrer Tasche und begann erneut darin zu blättern.

»Hier steht«, sie schlug wieder jenen ehrfürchtigen Tonfall an, mit dem sie immer aus diesen alten Büchern vorlas, »dass man sich in Licht und Liebe auf sein Recht besinnen und dann um Einlass bitten soll.«

Stirnrunzelnd blickte ich sie an. »Aha.«

»Nun sei doch nicht so skeptisch«, erwiderte sie, allmählich mit der Geduld am Ende.

»Ich frage mich nur, wie das gehen soll. In Licht und Liebe …« Es klang einfach lächerlich.

»Du wirst es versuchen müssen.«

»Super Tipp«, gab ich resigniert zurück. »Jared hat nur noch wenige Tage, vielleicht nur noch Stunden, und ich soll seelenruhig in Licht und Liebe um Einlass bitten?!«Tränen der Wut stiegen mir in die Augen.

»So eine verdammte Scheiße!«, rief ich, ließ den Kopf auf meine Hände sinken und heulte. Zu meiner Überraschung verschaffte es mir tatsächlich Erleichterung.

Ruth strich mir sanft über den Rücken. »Es tut mir leid, Kleines. Aber das ist alles, was wir haben – du wirst es versuchen müssen.«

Wütend und frustriert wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht.

»Hey.« Ruth zwang mich, ihr in die Augen zu sehen. »Du darfst nur nicht an dir zweifeln, hörst du! Niemals! Geh durch das Portal. Geh einfach durch das Portal.«

Ich schnaubte. Doch sie hatte recht – mir blieb nichts anderes übrig, als es zu versuchen.

Ich stand auf und ging weiter. Sie folgte mir.

»Ruth?«, fragte ich nach einer Weile.

»Ja?«

»Du sagtest einmal, Morgana hätte Merlin mit seiner Liebe zu Nimue getötet …«

»Hmm.«

»Du sagtest, sie hat Nimue benutzt, um Merlin zu erpressen. Und er gab sein Leben, um sie zu retten«, fasste ich zusammen.

»Ja«, erwiderte sie, gespannt, worauf ich hinauswollte.

»Aber … wie hat Merlin es dann letzten Endes geschafft, zu verhindern, dass Morgana seine Magie an sich bindet?«

»Ich bin nicht sicher«, gab sie nach einer gefühlten Ewigkeit zurück und machte wieder eine Pause. »Vielleicht war es einfach … zu viel für sie.«

»Zu viel?«

Ruth überlegte einen Moment. »Trotz ihrer Magie ist Morganas Körper ein lebender Organismus aus Fleisch und Blut.«

Das Bild der klaffenden Wunde an ihrem Unterarm, das warme Blut, ihr warmes Blut, mit dem sie auf meinem nackten Körper herumgeschmiert hatte, schoss mir durch den Kopf.

»Bluten kann sie jedenfalls«, antwortete ich knapp.

»Und was denkst du«, fuhr Ruth fort, »mit wie viel Magie so ein blutender, menschlicher Körper fertigwerden kann?«

Ich stutzte. »Keine Ahnung. Aber Merlins und Morganas eigene Magie in nur einem menschlichen Körper – da scheint es mir doch ein bisschen eng zu werden.« Ich hielt einen Moment inne, als ich zu verstehen begann.

»Dann meinst du, sie war zu gierig und konnte am Ende nichts davon, na ja, wie soll ich sagen, bei sich behalten

»Ja, ich denke, so kann man es ausdrücken«, Ruth grinste beinahe. »Als hätte sie sich übergeben müssen – auf magische Weise.«

Bei der Vorstellung musste auch ich schmunzeln. »Wie ein Kind, das seine ganzen Halloween-Süßigkeiten auf einmal verputzt.« Ich ertappte mich selbst dabei, wie ich mich an diese Vorstellung klammerte. War Jared vielleicht einfach zu mächtig? Konnte es sein, dass Morgana mit seiner Magie schlichtweg überfordert wäre? Nur zu gern wollte ich daran glauben. Selbst die kleinste Schwäche Morganas ließ mich neuen Mut schöpfen.

»Ja, so ungefähr«, Ruth lächelte, doch plötzlich wurde ihre Miene wieder ernst. »Das Problem ist nur«, fuhr sie fort, »dass Magie untrennbar mit dem Körper ihres Besitzers verbunden ist. Selbst wenn Merlins Magie Morgana überfordert hat, hat ihn das sein Leben gekostet. Der Körper alleine kann ohne Magie nicht überleben.« Ruth stockte, ehe sie stirnrunzelnd fortfuhr: »Nur bei Nimue scheint das etwas anderes zu sein.«

»Ja, der Gedanke kam mir auch gerade«, warf ich ein. »Wie kann es sein, dass sie ihre Magie auf Avalon lassen und als normaler, nicht magischer Mensch einfach weiterleben konnte?«

»Hm«, antwortete Ruth, »meine Mutter glaubte, dass es sich mit Nimue anders verhält als mit anderen magischen Wesen.« Sie atmete tief durch und sprach weiter. »Nimues Existenz scheint sich nicht nur auf die beiden Grundpfeiler Körper und Magie zu stützen, sondern auf drei: ihr menschlicher Körper, die Magie und Avalon. Das bedeutet«, setzte Ruth an und überlegte einen Moment, »dass alle drei überleben, solange zwei von dreien fest miteinander verbunden sind.«

»Nimues menschlicher Körper konnte also weiterleben, solange ihre Magie fest mit Avalon verbunden war?«

Ich dachte einen Moment darüber nach. »Aber warum musste sie ihre Magie dann überhaupt dort lassen, als sie mit Merlin zusammen sein wollte? Ich meine, dann wären Nimues Körper und ihre Magie fest miteinander verbunden gewesen und Avalon, als dritter Grundpfeiler sozusagen, hätte weiter existieren können. Oder?«

»Ja, Avalon hätte weiter existiert. Aber all die Wesen, die dort zu Hause sind – nichts davon kann ohne Magie überleben. Avalon hätte zwar als physischer Ort weiter existiert, doch das magische Leben dort wäre erloschen.«

Der Gedanke stimmte mich traurig. Wäre ich in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen? Der Ort und die Wesen, die man liebt, oder die eigene Unsterblichkeit?

»Nun ist sie tot«, murmelte ich niedergeschlagen.

Ruth hob mein Kinn an und bedachte mich mit einem liebevollen Blick. »Aber du bist am Leben, Evelyn.« Ihre Stimme klang eindringlich und entschlossen. »Du lebst und wirst zurückholen, was dir gehört.«

Kapitel 3

Ich war gerade auf dem Weg in mein Zimmer, um mich auch kleidungstechnisch für das bevorstehende Abenteuer zu rüsten, als mein Handy klingelte.

»Sally!«, rief ich überrascht. Meine beste Freundin hatte ich über die Ereignisse der vergangenen Tage völlig vergessen.

»Kannst du mir vielleicht mal sagen, wieso du heute nicht an der Uni warst?«, knallte sie mir ohne Umschweife an den Kopf.

»Ich … ähm.« Uni?! Das war das Letzte, an das ich im Moment dachte. Beinahe war es, als führte ich inzwischen ein völlig anderes Leben, in dem alltägliche Dinge wie Studium und Freunde schlichtweg nicht vorkamen.

»Seit Wochen haben wir kaum noch Kontakt«, feuerte Sally weiter, »du hängst nur noch mit Jared rum, und wir sehen uns höchstens mal zum Mittagessen. Seit Wochen spiel ich dieses Spielchen mit und erwarte nicht einmal eine Erklärung.« Sally machte eine kurze Atempause, dann wechselte ihr Ton von wütend zu traurig. »Und nun kommst du nicht mal mehr zur Uni und hältst es auch nicht für nötig, mir wenigstens Bescheid zu sagen.«

»Sally«, versuchte ich sie zu beruhigen. Es tat mir wirklich leid, wie ich sie in der letzten Zeit behandelt hatte.

Sie begann leise zu weinen.

»Colin meldet sich auch nicht mehr«, sagte sie schließlich und schniefte.

»Ja, er hat … wir sind …«, versuchte ich zu erklären. Was sollte ich ihr denn nur sagen?

»Ja, ja«, gab sie mit belegter Stimme zurück. »Dieses Rumgestottere höre ich von ihm auch immer.« Jetzt wurde sie richtig wütend. »Weißt du was? Wenn du ihn siehst, dann richte ihm bitte aus, dass er mich mal am Arsch lecken kann!«

»Sally, nein, du verstehst das falsch«, versuchte ich das Ruder rumzureißen, »Colin hat dich wirklich sehr gern. Es ist nur …«

»Was?«, rief sie verzweifelt. »Was ist nur?«

»Ich – ich kann nicht darüber reden.« Oh Mann, wie blöd hörte sich das denn an?!

»Oh, ganz was Neues«, erwiderte Sally verärgert. »Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass du auch mal so dummes Zeug daherquatschst, Evelyn.«

»Hör zu, Sally«, unterbrach ich mit fester Stimme. So führte dieses Gespräch nirgendwo hin. »Jared geht es nicht gut. Colin und ich müssen ihm helfen, und Colin meldet sich nicht bei dir, um dich nicht auch noch in die Sache mit reinzuziehen. Er hat dich sehr, sehr gern. Genau wie ich. Und jetzt beruhige dich bitte und vertrau mir. Es wird alles wieder gut!«

An meinem Ohr wurde es still. Anscheinend waren wir beide über den festen und überzeugenden Klang meiner Worte überrascht. Woher nahm ich nur plötzlich diese Sicherheit, diese Zuversicht? Würde tatsächlich alles wieder gut werden? Nur zu gern wollte ich meinen eigenen Worten Glauben schenken.

»Sally?«

»Ich bin noch da.«

»Bitte vertrau mir.«

Wieder schwieg sie viel zu lange.

»Okay«, sagte sie schließlich.

»Es tut mir leid, wie ich mich in letzter Zeit verhalten habe«, fuhr ich fort, »du bist meine beste Freundin, und ich möchte dich nicht verlieren.«

Schweigen.

»Nickst du gerade?«, fragte ich einen Moment später.

»Ja«, gab sie mit tränenerstickter Stimme zurück.

»Oh, Sally.« Am liebsten hätte ich sie in den Arm genommen.

»Schon gut«, spielte sie die Starke und räusperte sich.

»Hast du es eigentlich schon gehört?«, wechselte sie dann das Thema und schnäuzte sich geräuschvoll. »Das mit Felix?«

Ich runzelte die Stirn. »Nein, was denn?«

»Er hat eine Ersttrimester-Studentin vergewaltigt.«

Mir blieb die Luft weg.

»Vor drei Tagen. Seitdem ist er verschwunden. Die Polizei sucht ihn.«

Ich brachte keinen Ton heraus. Auch Sally blieb eine Weile lang stumm. Ich schlug mir die Hand vor den Mund, während die Tränen über mein Gesicht rannen.

»Das ist meine Schuld«, sagte ich mit erstickter Stimme.

»Tu das nicht, Evelyn«, erwiderte Sally ernst und atmete tief ein und aus. Dann blieb sie eine Weile still, ehe sie leise hinzufügte: »Aber wir hätten damals gleich zur Polizei gehen sollen.« Weiter sagte sie nichts und ließ den Vorwurf über mir schweben wie eine schwarze Wolke.

»Es geht das Gerücht um«, fuhr sie schließlich fort, »der Freund des Mädchens hätte sich Felix zusammen mit ein paar Kumpels vorgeknöpft und man würde ihn wohl nicht so schnell finden. Zumindest nicht in einem Stück …«

Ich schluckte.

»Dann ist er … tot?«

»Keine Ahnung«, antwortete Sally ungerührt und ergänzte dann kaum hörbar: »Aber wäre das so schlimm?«

Wäre es schlimm?, fragte ich mich selbst. Ich wusste nicht, wie ich mich deswegen fühlen sollte. Um ehrlich zu sein, war alles, was ich in diesem Moment empfand, Erleichterung bei der Vorstellung, dass Felix nie wieder jemandem weh tun könnte.

»Pass auf dich auf, Evelyn«, sagte Sally zum Abschied.

»Du auf dich auch – ich hab dich lieb.«

»Ist der Jeep startklar?«, wollte Enid wissen, als wir uns ein paar Stunden später wieder im Ratssaal eingefunden hatten. Ich hatte nicht viel Zeit gehabt, um über das nachzudenken, was Sally mir erzählt hatte. Vielleicht war es auch besser so, denn im Moment gab es nur eine Sache, die zählte: Jared.

Ich hatte mich in Schale geworfen. Über einer grünen Cargohose trug ich ein Sport-Top und eine atmungsaktive Softshell-Jacke mit unzähligen kleinen Taschen und Reißverschlüssen. Meine Füße steckten in schwarzen Army-Schnürstiefeln, die sich noch etwas hart und steif anfühlten. Die Haare hatte ich zu einem strengen Zopf gebunden. Ich sah tatsächlich aus, als würde ich in den Krieg ziehen, und allmählich begann ich mich auch so zu fühlen.

»Vollgetankt und warmgelaufen«, antwortete Gareth und drückte Enid den Schlüssel in die Hand, den Colin ihr sogleich wieder abnahm.

»Lass mich wenigstens fahren, wenn ich sonst schon nichts tun kann«, sagte er.

»Das Gepäck?«, wollte Enid nun von ihm wissen, woraufhin Colin einen schwarzen, sehr teuer wirkenden Rucksack hochhielt.

»Check.«

»Moment«, warf Ruth ein und zog das grüne Buch aus ihrer Tasche. »Das hier möchte ich dir gerne schenken. Es könnte mehr als hilfreich sein, wenn du erst mal auf Avalon bist.« Lächelnd streckte sie es mir entgegen.

»Danke, Ruth«, sagte ich aufrichtig und verstaute den Wälzer im Rucksack.

»Gut«, fuhr Enid dazwischen, »wir haben in der Bibliothek noch eine Landkarte gefunden, auf der die Energieströme verzeichnet sind, die direkt von hier nach Glastonbury führen.«

»Es gibt ein Navi im Jeep«, erwiderte Colin spöttisch und fing sich damit einen strengen Blick von Enid ein.

»Ich meine ja nur«, sagte er kleinlaut.

»Es geht nicht nur darum, nach Glastonbury zu finden, sondern darum, sich von dem Energiefluss an einen magischen Ort führen zu lassen«, erklärte Irvin, doch Colin konnte sich ein dezentes Augenrollen nicht verkneifen.

»Bist du bereit?« Enid ließ einen prüfenden Blick über mich gleiten.

»Ja.« Das hätte überzeugter klingen können, dachte ich bei mir.

Ruth drückte sanft meinen Arm.

Enid hatte es für besser gehalten, wenn Ruth uns nicht nach Glastonbury begleitete. Alte Gewohnheiten waren wohl doch schwerer abzulegen, als ich gedacht hatte. Einmal ein Haufen misstrauischer Geheimniskrämer – immer ein Haufen misstrauischer Geheimniskrämer.

Doch ich bestand darauf, dass sie mitkam, und letzten Endes schaffte ich es, mich durchzusetzen.

Ich streifte mir gerade den Rucksack über, als ich bemerkte, dass es um mich herum seltsam still wurde. Verwundert blickte ich mich um, und mit einem Schlag wurde mir klar, warum alle so verlegen und nervös dreinschauten.

Karen Mayflower stand, direkt hinter Aiden, in der Tür zum Ratssaal und sah mich an.

In dem Moment, als ich sie erblickte, war es, als hätte man in meinem Inneren einen Schalter umgelegt. Von einer Sekunde auf die andere kochte ich beinahe über. Heiß pochte es an meinen Schläfen, als ich wutentbrannt auf sie zustürmte und dabei Aiden, der seine Mutter zu beschützen versuchte, grob zur Seite stieß. Wo kam diese Kraft auf einmal her? Nicht einmal Colin, der mich am Arm packte, schaffte es, mich zurückzuhalten. Vielleicht war es aber auch nur ein halbherziger Versuch gewesen, mich zu bremsen.

Karens Augen weiteten sich vor Überraschung, als ich sie an beiden Schultern packte und mit dem Rücken gegen die Wand stieß. Dass ihr Hinterkopf dabei heftig gegen die Mauer knallte, nahm ich wohlwollend zur Kenntnis.

»Das ist alles deine Schuld!«, schrie ich ihr ins Gesicht.

»Als Hohepriesterin ist es meine Aufgabe, alles in meiner Macht …«

»Verstehst du es immer noch nicht?!«, fiel ich ihr ins Wort. »Du hast doch erst dafür gesorgt, dass die Prophezeiung sich erfüllt!«

»Es ist meine Pflicht –«, setzte sie erneut an, doch ich wollte mir weder irgendwelche blödsinnigen Ausflüchte noch bescheuerte Rechtfertigungen anhören.

»Deine Pflicht?!« Ich war außer mir. »Du hast meine Eltern und meine Schwester getötet«, brüllte ich. »Deinetwegen ist Jared …«, meine Stimmte brach vor Zorn und Trauer.

»Ich musste …«, setzte sie erneut an, und bei diesen Worten verlor ich endgültig die Beherrschung. Keine Entschuldigung, keine Reue, kein Wort des Bedauerns kam über ihre Lippen. Diese Frau hatte meine Familie auf dem Gewissen, und alles, was ich von ihr zu hören bekam, waren Rechtfertigungen? Ich trat einen Schritt zurück und schlug Karen mit voller Wucht ins Gesicht. Benommen sackte sie zusammen.

Da spürte ich Colins festen Griff um meine Oberarme. »Komm jetzt«, sagte er sanft. »Wir müssen los.«

Kapitel 4

»Hier muss es sein«, sagte Colin, während er den Jeep abstellte und der Motor mit einem gluckernden Geräusch erstarb. Der Wagen hinter uns, in dem Gareth, Ian und Ruth fuhren, kam ebenfalls zum Stehen. Ich sah mich um. Außer dichtem weißem Nebel konnte ich im Scheinwerferlicht nichts erkennen.

Um drei Uhr morgens waren wir aufgebrochen, um noch vor Sonnenaufgang in Glastonbury anzukommen – rechtzeitig, bevor der Nebel sich verziehen würde.

Ich schloss die Augen und nahm mir einen kurzen Moment Zeit, um mich auf das zu besinnen, was nun unmittelbar bevorstand. Was, wenn ich es nicht durch das Portal schaffte? Wenn es sich einfach nicht für mich öffnen würde? Und was … wenn doch? Was erwartete mich auf der anderen Seite? Wären die Wesen, die dort lebten, tatsächlich auf meiner Seite, wie Ruth gesagt hatte? Oder würden sie mich angreifen? Wäre Morgana letztendlich vielleicht sogar mein kleinstes Problem? Und Jared? Lebte er noch? Kam ich noch rechtzeitig? Oder war es bereits zu spät?

Als die anderen ausgestiegen waren, überprüfte ich noch einmal mein Gepäck. Ein schlichter schwarzer Rucksack, der trotz seines federleichten Gewichtes genug Platz für alles bot, was man zum Überleben brauchte – zumindest für ein paar Tage. Ausreichend Wasser, eine Armeeration Proteinriegel, ein paar Äpfel, ein High-Tech-Wurfzelt, das man auf die Größe einer Ananas zusammenrollen konnte, eine Zahnbürste, Socken und Unterwäsche zum Wechseln, ein Kompass, von dem niemand wusste, ob er auf Avalon überhaupt funktionierte, ein Schweizer-Multifunktions-Taschenmesser, den blau schimmernden Dolch, den Karen Morgana in den Arm gejagt hatte – die einzige Waffe, von der wir sicher wussten, dass sie Morgana verletzen konnte –, und natürlich Ruths grünes Nimue-Buch.

»Bist du so weit?« Colin beugte sich durch die geöffnete Tür zu mir ins Wageninnere.

»Ja.«

Ich zog den Reißverschluss des Rucksackes zu und wollte mir gerade die Trageriemen über die Schultern streifen, als Colin ihn mir aus der Hand nahm.

»Den nehme ich. Du bist noch früh genug auf dich allein gestellt.« Ich wusste, dass er nichts lieber getan hätte, als mich zu begleiten, doch Ruth war sich ganz sicher gewesen, dass sich das Portal nur öffnen würde, wenn ich allein hindurchginge. Ich lächelte zaghaft. Tatenlos herumzusitzen und zu warten gehörte wirklich nicht zu den Dingen, die Colin leichtfielen. Ihm wäre es wahrscheinlich lieber gewesen, in Avalon einzumarschieren und jedem, der sich ihm in den Weg stellte, mit seinem mächtigen Schwert den Kopf abzuschlagen. Und nur zu gern hätte ich ihn bei mir gehabt.

Der Fußmarsch hinauf zum Hügel schien sich endlos hinzuziehen, was hauptsächlich an dem dichten Nebel lag – eine trübe, undurchdringliche Suppe, die einem das Gefühl vermittelte, stundenlang auf der Stelle zu gehen. Alles um mich herum sah gleich aus, vorausgesetzt, man konnte in der schwadendurchzogenen Dämmerung überhaupt etwas erkennen. Niemand sprach.

Dass wir oben angekommen waren, merkte ich erst, als ich in Enid hineinlief.

»Sorry«, murmelte ich und ließ meinen Blick über die massive Mauer schweifen, die sich direkt vor uns auftat. Ich hob den Kopf. Und dann stockte mir der Atem.

»Das soll das Tor zu Avalon sein?«

Nicht, dass es nicht beeindruckend gewesen wäre. Ganz im Gegenteil: ein mittelalterlicher, bis zum Himmel aufragender Turm mit einem mehrere Meter hohen Tor als Durchgang auf einem alles überragendes Hügel mitten im Nirgendwo – wenn einen das nicht beeindruckte, was dann? Ich hätte keine Sekunde gezögert, diesen geheimnisvollen Ort als magisch zu bezeichnen, es war nur …

»Was hast du denn erwartet?«, fragte Irvin.

»Ich habe nicht direkt etwas erwartet.« Ich zögerte. »Aber für mich sieht es so aus, als würde dieses Tor, na ja, nirgendwo hinführen.«

Sie folgten mir schweigend, als ich um das imposante Bauwerk herumging und sich meine Befürchtungen bestätigten, als ich auf der anderen Seite ankam. Es war einfach nur ein Durchgang. Wenn man auf der einen Seite hineinging, kam man auf der anderen Seite wieder heraus. Wo war der verdammte Eingang?

»Niemand hat behauptet, dass es einfach werden würde«, sagte Enid nachsichtig.

»Ja«, bestätigte Irvin. »Aber du bist die Letzte in Nimues Blutlinie – wenn sich das Portal für dich nicht öffnet …« Er klang fast ein wenig entmutigt.

Ruth legte mir eine Hand auf die Schulter. »Du darfst nur nicht daran zweifeln, sonst wirst du scheitern«, sagte sie, und irgendwie klangen ihre Worte aufmunternd und drängend zugleich.

Ich holte tief Luft und versuchte das Gesagte zu verinnerlichen.

»Okay«, drängte Enid. »Zeit, Abschied zu nehmen.«

Einer nach dem anderen nahmen sie mich in den Arm und flüsterten mir ins Ohr, dass ich es schaffen würde und dass sie hier auf mich warten würden, wenn ich mit Jared zurückkehrte. Colin drückte mich am längsten gegen seine starke Brust, und auch ich klammerte mich an ihn.

»Okay, lass los«, sagte ich schließlich und löste mich aus der Umarmung. Ich hatte Angst, die Fassung zu verlieren, falls er mich noch länger in den Armen hielt.

»Pass auf dich auf«, sagte Colin, sehr darum bemüht, seine Stimme fest klingen zu lassen.

Ich nickte, da ich zu mehr nicht imstande war, wandte mich um, straffte die Schultern und ging hinein in den Nebel.

»Ich bitte um Einlass«, flüsterte ich, »in Licht und Liebe. Ich bitte um Einlass.« Ich kam mir blöd vor, diesen auswendig gelernten Spruch immer wieder vor mich hin zu sagen. Aber wenn es funktionierte … »Ich bitte um Einlass. In Licht und Liebe. Ich bitte um Einlass.«

Schritt für Schritt ging ich in den Nebel hinein.

»Ich bitte um Einlass«, flüsterte ich, einem Roboter gleich, weiter vor mich hin, »in Licht und Liebe.«

Als ich mich ein letztes Mal umsah, waren meine Begleiter nur noch als Silhouetten zu erkennen, während der Nebel vor mir immer dichter und heller wurde – ganz so, als würde er von innen heraus leuchten. Ich bitte um Einlass In Licht und Liebe …

Dann, keine Ahnung, wie viel Zeit inzwischen vergangen war – in diesem grauweißen Einheitsbrei schienen weder Zeit noch Raum zu existieren –, lichtete sich der Nebel allmählich. Mein Herz begann wie wild zu klopfen. Was erwartete mich auf der anderen Seite? Damnati? Morgana? Oder andere furchterregende Geschöpfe, von deren Existenz ich bisher nicht einmal zu träumen gewagt hatte?

Plötzlich machte ich in der Ferne einen Umriss aus. Einen Umriss, der mit jedem Schritt, den ich näher kam, deutlicher wurde. Die Angst schloss sich um mein pochendes Herz. Ein Mann. Es war ein Mann – dort auf der anderen Seite. Er stand einfach da. Obwohl ich wie gelähmt war vor Angst, trugen meine Beine mich vorwärts, immer weiter. Die Schwaden wurden beinahe durchsichtig, und dann erkannte ich …

»Irvin?«

»Was war das denn?«, rief Colin empört.

»Sieht aus, als sei sie … einfach … umgekehrt«, stellte Enid fest, und ihre Stimme klang dabei gleichzeitig verwundert als auch unglaublich verzweifelt.

Verdutzt blickte ich mich um.

»Das kann doch nicht wahr sein!«, machte ich meinem Unmut Luft. Ich war tatsächlich dort wieder herausgekommen, wo ich eben hineingegangen war. Wütend kickte ich mit der Stiefelspitze in den Dreck.

»Versuch es noch mal«, ermutigte mich Irvin, aber das Beben in seiner sonst so gefassten Stimme verriet, dass er fürchterliche Angst hatte, ich könnte es nicht schaffen. Ruth nickte energisch.

Wütend biss ich die Zähne zusammen und stampfte um das steinerne Monument herum. Vielleicht klappte es ja besser auf der anderen Seite.

»Konzentrier dich«, begann Irvin in seinem mantrahaften Tonfall, doch es war alles andere als einfach, die Wut und den Frust abzuschütteln und mich auf mein Geburtsrecht, wie Ruth es nannte, zu besinnen. Verdammt, ich wusste, dass es mein Geburtsrecht war, nach Avalon zurückzukehren, und natürlich konnte ich mich noch einmal in Licht und Liebe darauf besinnen und um Einlass bitten. Aber das hatte ja schon beim ersten Mal nicht funktioniert – ganz abgesehen davon, dass es auch schon 1500 Jahre zuvor bei Nimue nicht geklappt hatte.

Wenn das hier der richtige Weg wäre, dann hätte sie es doch geschafft, oder? Ich meine, wenn nicht sie, wer dann?!

Also musste es etwas anderes sein, das mir dieses gottverdammte Tor öffnen würde. Vielleicht sollte ich gar nicht versuchen, die Wut, den Hass, die Frustration und diesen brennenden Zorn zu bekämpfen? Vielleicht sollte ich all diese Gefühle einfach zulassen? Vielleicht sollte ich einfach versuchen, mit genau dieser Wut, die in mir brodelte, und dem Zorn, der tief in meinem Inneren brannte, den Einlass zu erzwingen.

Und, bei Gott, ich war wütend!

Alles, aber auch alles, was mir in meinem Leben etwas bedeutet hatte, war mir genommen worden. Jeder, den ich liebte, war aus meinem Leben gerissen worden, und ich konnte nur hilflos danebenstehen und zusehen. Nein! Diesmal nicht! Ich würde nicht zulassen, dass Jared mir genommen wurde. Ich würde nicht untätig danebenstehen und alles geschehen lassen. Ich würde nicht zusammenbrechen und in Selbstmitleid zerfließen. Nein! Diese Zeiten waren nun endgültig vorüber.

Entschlossen setzte ich einen Fuß vor den anderen. Die Fäuste geballt. Die Zähne zusammengebissen. Nie wieder würde mir jemand etwas wegnehmen, was ich liebte! Nie wieder! Ich war Nimues Erbin. Ich allein. Es war mein Recht, auf diese Insel zurückzukehren, die Nimue viele Jahrhunderte zuvor verlassen hatte. Mehr noch – es war meine Insel. Avalon gehörte mir! Und ich würde Jared da herausholen, koste es, was es wolle.

Wieder tauchte ich in den Nebel ein. Doch diesmal war es anders. Der Nebel hatte etwas Seltsames. Die Art, wie er sich um meine Beine wand und an mir hinaufkroch, ließ ihn beinahe lebendig erscheinen. Immer weiter schlängelten sich die Schwaden an meinem Körper entlang. Eiskalt und unaufhaltsam. Ich widerstand dem Drang, sie abzuschütteln, und marschierte einfach weiter. Wild entschlossen, den Menschen zu retten, der mir auf dieser Welt am meisten bedeutete. Der bereit gewesen war, sein Leben für mich zu geben. Und genau das würde ich nun für ihn tun.

Ich komme, Jared! Ich komme!

»Colin, nicht! Komm zurück!«, hörte ich weit hinter mir jemanden rufen.

Dann tauchte ich in den weißen Nebel ein, und es war still.

Kapitel 5

Was war das nur? Ein … ein … Summen? Oder eine … Frauenstimme, die ein Lied summte? Ja. Ganz leise.

Ich wusste nicht, ob es vertraut oder beängstigend war. Irgendwie beides zugleich. Ob Colin es auch hörte? Er musste mir in den Nebel gefolgt sein, aber ich wollte nicht riskieren, dass sich das Portal wieder schloss. Also ging ich weiter. Ob wir uns auf der anderen Seite trafen? Wie weit war es wohl noch? Es kam mir vor, als irrte ich seit Stunden in dieser dichten Suppe umher. Wahrscheinlich tat ich das auch.

Da war es wieder. Dieses Summen … Ich glaubte die Melodie zu kennen, doch noch war es so leise, dass ich sie nicht zuordnen konnte. Aber es klang wie ein … ein Schlaflied? Ja, eine Melodie, die ich kannte, aber seit Ewigkeiten nicht mehr gehört hatte. Irgendwo im Nebel. Eine nicht greifbare Sehnsucht wallte in mir auf. Doch wonach?

Ich ging weiter, und das Summen wurde lauter, deutlicher. Es war eine Frauenstimme, dessen war ich mir mittlerweile sicher. Eine, die ich einmal gekannt hatte. Die ich geliebt hatte.

Ich kniff die Augen zusammen, doch in dem gleichförmigen, wabernden Weiß, das mich umgab, war nichts zu erkennen. Was, wenn ich in die falsche Richtung lief?

»Eve.«

Ich erstarrte.

»Eve«, hauchte die zarte Stimme erneut, dann summte sie wieder ihr Schlaflied.

»Wer bist du?«, rief ich bebend und hielt den Atem an.

»Hab keine Angst, mein Schatz«, flüsterte die Frauenstimme und summte weiter vor sich hin.

Und da erkannte ich sie – ihren vertrauten, melodischen, einzigartigen Klang. Den Klang der Stimme, die mich getröstet, mich in den Schlaf gewiegt, mit mir gelacht, geweint und mir vorgesungen hatte.

»Zara?« Es war kaum mehr als ein Flüstern, das meinen Mund verließ.

»Hab keine Angst, mein Schatz. Ich bin bei dir«, wiederholte die Stimme meiner Schwester. »Dir kann nichts geschehen. Ich passe auf dich auf

»Wo bist du?«

»Du hast nur schlecht geträumt.«

»Was?« Gehetzt wandte ich mich erst in die eine, dann in die andere Richtung. Noch immer konnte ich nichts erkennen. Heftig kniff ich die Augen zu.

»Das war nur ein Traum«, sagte Zara und strich mir sanft die Haare zurück.

Erschrocken riss ich die Augen wieder auf und blickte direkt in das wunderschöne Gesicht meiner Schwester. Verschreckt wich ich zurück und begriff erst in dem Moment, als ich gegen das Kopfteil stieß, dass ich in einem Bett lag. In meinem Bett. Zu Hause. In unserem Apartment in Fleetwood. Zara saß, wie so oft, wenn ich einen Albtraum hatte, auf der Bettkante und sah mich zärtlich an. Sanft strich sie mir mit den Fingern über das Gesicht.

»Nur ein Traum«, sagte sie wieder.

»Zara«, wiederholte ich, unfähig, einen vollständigen Satz zu bilden.

»Versuch noch ein bisschen zu schlafen«, sagte sie, und als ich an ihr hinabblickte, sah ich, dass sie bereits ihre Uniform trug.

»Ich muss gleich zum Dienst, aber wenn du aufwachst, bin ich schon wieder da, und dann frühstücken wir zusammen.«

»Aber du bist … Frank Tampton … er hat dich … du bist … tot«, stammelte ich.

»Schon wieder dieser Traum?« Ihr Blick war weich und mitfühlend, als sie mein Gesicht in beide Hände nahm und mir in die Augen sah. »Das war nur ein Traum, Eve, ich lasse dich nicht allein. Du und ich – für immer. Hast du das etwa vergessen?«

Sie lächelte.

»Du und ich – für immer«, wiederholte ich automatisch. Seit dem Tod unserer Eltern war das unser Leitspruch gewesen. Ein Versprechen, dass wir einander immer haben würden, uns immer aufeinander verlassen konnten.

»Jetzt schlaf noch ein bisschen. Ich bringe frische Bagels mit, wenn ich wiederkomme, ja?« Sie drückte mir einen schmatzenden Kuss auf die Stirn, wie sie es immer tat, bevor sie schließlich aufstand.

»Zara, warte!«, rief ich ihr hinterher, woraufhin sie sich wieder zu mir umdrehte. Ich schlug die Bettdecke zur Seite und stand auf. Langsam ging ich auf meine Schwester zu. Sie sah genauso aus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Das bildschöne ovale, leicht herzförmige Gesicht mit den aufrichtigen grünen Augen. Das spitze Kinn mit der Andeutung eines Grübchens. Das hellblonde, dichte Haar, das in sanften Wellen über ihre Schultern fiel und bis zum Schlüsselbein reichte. Ich ging noch einen Schritt auf sie zu. Konnte das möglich sein? Waren all diese schrecklichen Dinge tatsächlich nur ein Traum gewesen?

»Du hast mir so gefehlt«, sagte ich schließlich. Tränen schossen mir in die Augen.

»Gefehlt?«, fragte Zara verwundert, doch da hatte ich mich auch schon in ihre Arme geworfen und hielt ihren schlanken Körper fest umklammert.

»Eve, was hast du denn?«, fragte sie besorgt und versuchte mich anzusehen, doch ich vergrub das Gesicht in ihrer Schulter.

»Das war nur ein Albtraum, beruhige dich. Schlaf noch ein bisschen, und nachher frühstücken wir zusammen, ja?«

Während Zara sprach, wiegte sie mich in ihren Armen hin und her wie ein Kind, obwohl ich mittlerweile genauso groß war wie sie. Sie führte mich hinüber zu meinem Bett und reichte mir ein Taschentuch. Ich putzte mir die Nase und sah ihr in ihre tiefgrünen Augen. Meine Schwester nahm wieder auf der Bettkante Platz. Ich legte die Arme um ihren Hals und zog sie ganz fest an mich. Wie sich ihre Haut anfühlte. Warm und tröstlich. Wie ihr Herz schlug. Im Einklang mit meinem.

Oh Gott, ich hatte sie so sehr vermisst! So lange hatte ich ohne ihre Wärme auskommen müssen. So lange hatte ich an sie gedacht, von ihr geträumt … Nachdenklich legte ich die Stirn in Falten.

Aber …wieso hatte ich sie denn vermisst? Ich machte die Augen zu und versuchte mich zu besinnen. Sie war doch gar nicht weg gewesen … Oder? Ich stutzte.

Nein. Sie saß direkt neben mir. Mann, das musste echt ein heftiger Traum gewesen sein, dass ich noch so lange nach dem Aufwachen damit zu kämpfen hatte. Wahrscheinlich war es wirklich das Beste, wenn ich einfach noch ein bisschen schlief. Ich war hundemüde.

Wie aufs Stichwort musste ich gähnen.

Zara lachte leise. »Siehst du«, sagte sie, »es ist alles gut. Jetzt denk an was Schönes, bevor du wieder einschläfst.«

»Mach ich«, sagte ich lächelnd und nahm sie noch einmal in den Arm.

»Gute Nacht, Eve.«

»Gute Nacht, Zara«, antwortete ich und ließ mich tief ins Kissen sinken.

Augenblicklich wurde ich schläfrig. Die vertraute Umgebung meines Zuhauses gab mir ein so tiefes Gefühl der Geborgenheit, dass ich mich völlig fallen lassen konnte. Meine Lider wurden schwer, und ich schloss die Augen. Ich war schon fast in einen Traum geglitten, als ich plötzlich etwas sah. Unwillkürlich tat sich in meinen Gedanken das Bild dunkelblauer Augen auf. Wunderschöne, strahlend dunkelblaue Augen.

Komisch, dachte ich noch. Diese Augen hatte ich nie zuvor gesehen, und dennoch wirkten sie vollkommen real. Mehr noch: Sie übten eine unerklärliche, ja geradezu magische Anziehungskraft auf mich aus.

Ich versuchte mir das Gesicht vorzustellen, das diese wunderschönen blauen Augen umgab. Fast hatte ich es, dann entglitt es mir wieder. Ich musste mich sehr darauf konzentrieren und konnte das Bild dennoch nur bruchstückhaft zusammensetzen. Wieso fiel mir das so schwer? Eine kleine, gerade Nase … haselnussfarbenes Haar … Wieder verschwamm es vor meinem geistigen Auge. Sanft geschwungene Lippen, auf denen sich ein schiefes Lächeln ausbreitet.

Ich legte die Stirn in Falten. Woher wusste ich, wie sie sich anfühlten?

»Zara?«, rief ich leise in den Flur.

»Ja«, antwortete sie und kam zurück in mein Zimmer, während sie ihre Waffe in den Holster schob und die dunkelblaue Jacke überstreifte.

Sie trat an mein Bett heran und setzte sich. Mir entging nicht, dass sie einen gehetzten Blick auf die Uhr warf.

Oh nein, jetzt kam sie meinetwegen bestimmt zu spät.

»Ach, das kann warten«, sagte ich. Ich hätte sowieso nicht gewusst, wie ich ihr sagen sollte, dass ich das Bild dieses blauäugigen jungen Mannes nicht aus dem Kopf bekam, obwohl ich mich nicht daran erinnern konnte, ihn jemals getroffen zu haben. Und dennoch das Gefühl hatte, ihn zu kennen. Mehr noch … ihn zu … lieben. Ob Zara eine Ahnung hatte, wer er war?

Doch statt sie zu fragen, drückte ich sie noch einmal an mich – immer noch aufgewühlt von meinem Traum und unglaublich froh, sie bei mir zu haben. Dieser Albtraum war so real gewesen, dass ich wirklich mit Leib und Seele gespürt hatte, wie es sich anfühlte, meine Schwester, die ich über alles liebte, für immer verloren zu haben. Wieder drängte sich das Bild des Fremden mit den Indigoaugen in meine Gedanken. War er auch in dem Traum vorgekommen?

Ich schüttelte den Kopf, um die wirren Gedanken zu vertreiben, und konzentrierte mich stattdessen auf das Gefühl von Zaras Wange an meiner. Ich schmiegte mich an sie.

Wie sie roch … ihr Geruch … Noch einmal sog ich den vertrauten Duft ihrer Haut ein. Dieser Geruch … Ich stockte, zog verwundert die Augenbrauen zusammen. Erneut atmete ich, beinahe schnuppernd, ein. Irgendetwas war anders an ihr. Langsam löste ich mich von Zara, brachte etwas Abstand zwischen uns und betrachtete sie. Irgendetwas stimmte nicht.

»Nun leg dich wieder hin, Eve.« Mit den Fingerspitzen strich sie mir die Haare aus dem Gesicht, wie sie es schon tausende Male zuvor getan hatte. Doch unwillkürlich wich ich vor ihrer Berührung zurück. Ich konnte es mir beim besten Willen nicht erklären, aber aus irgendeinem Grund fühlte es sich plötzlich seltsam und fremd an, von ihr berührt zu werden. Irgendwie falsch. Wieder schoss mir das Bild des jungen Mannes durch den Kopf. Diesmal klarer, deutlicher. Und dann war er plötzlich da: Jared.

Der Mann, den ich vor meinem geistigen Auge sah, war Jared! Was ich zuvor nur in verschwommenen Einzelteilen hatte erahnen können, fügte sich nun wie von selbst zusammen. Jared. Mein Jared. Der Mann, den ich liebte. Der Mann, der mir genommen worden war. Dessentwegen ich in den Nebel gegangen war. Dessentwegen ich hierwar. Hier bei … ihr.

Erschrocken starrte ich meine Schwester an. Und sie schien zu erkennen, was in mir vorging, denn ihre Haltung veränderte sich von einer Sekunde auf die andere.

»Schlaf dich aus«, sagte sie noch einmal. Doch auch ihr Tonfall hatte sich verändert. Wurde härter. Bestimmter.

Ich wich ein paar Zentimeter zurück, ließ sie jedoch nicht aus den Augen. Für eine Sekunde war es vollkommen still, während wir einander taxierten.

»Du bist nicht Zara.« Hatte ich das gesagt? Meine Stimme hörte sich ganz anders an als sonst, sie hatte eine ganz andere Kraft. Ich wunderte mich über ihren Klang, aber noch mehr wunderte ich mich über meine eigenen Worte. Es war, als spräche ich nicht mit meiner normalenStimme, sondern mit einer anderen, einer inneren Stimme. Langsam erhob ich mich.

»Sei nicht albern, Eve«, entgegnete Zara mit einer abwehrenden Handbewegung, erhob sich ebenfalls und kam auf mich zu.

»Bleib, wo du bist«, drohte ich mit ruhiger Stimme und machte einen Schritt rückwärts.

»Jetzt hör schon auf damit«, gab sie zurück und wirkte mit einem Mal gar nicht mehr freundlich. »Du bist nur müde. Du solltest wirklich noch ein bisschen schlafen.«

Sie kam näher und hob beinahe drohend die Hände. »Geh wieder ins Bett.« Ihre Worte klangen fast wie ein Befehl.

Und in diesem Moment war ich mir ganz sicher. Wer auch immer da vor mir stand – es war nicht meine Schwester.

»Meine Schwester ist tot«, sagte ich kühl und tonlos. »Ich habe keine Ahnung, wer oder was du bist, aber du bist nicht Zara.«

Ein finsteres Grinsen verzerrte ihr vertrautes Gesicht. Sie hatte erkannt, dass es keinen Sinn mehr hatte, mir weiter etwas vorzuspielen.

Dann war das Zimmer um uns herum verschwunden. Das Wesen, das aussah wie meine Schwester, kam langsam auf mich zu, während der Nebel kalt und klamm über meine Haut kroch. Sämtliche Nackenhaare stellten sich mir auf.

Jared! Nur dieser eine Gedanke brannte in meinem Kopf. Er nahm mich vollkommen ein: Jared!

Ich war seinetwegen hier – ich war hier, um ihn zu retten. Wie hatte ich ihn nur vergessen können?

»Du bist nicht real.« Meine Stimme klang eiskalt und entschlossen. »Geh mir aus dem Weg!«

Auf einmal veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Ihre leuchtend grünen Augen wurden von Sekunde zu Sekunde trüber, während sich die Pupillen zu schmalen Schlitzen verengten, wie die einer Schlange. Die rosige Haut wurde aschfahl, schuppig und tot; die Wangen eingefallen und leblos. Die wallenden blonden Haare fielen aus und hinterließen einen kahlen Schädel, aus dessen schmalen Lippen mir eine spitze Zunge einen scheußlichen Laut entgegenzischte.

Dann stürzte sich die Kreatur auf mich.

Ich rannte. So schnell ich konnte. Weit weg von dem schrecklichen Monster, von dem ich noch vor wenigen Minuten geglaubt hatte, es sei meine Schwester. Das ich eben noch im Arm gehalten hatte. Bei diesem Gedanken musste ich mich beinahe übergeben.

Nur weg hier!

Gehetzt blickte ich mich um. Etwas um mich herum bewegte sich. Meine Nerven flatterten. Etwas im Schatten … oder, nein – es waren die Schatten, die sich bewegten! Wabernde grauweiße Schatten. Sie tanzten um mich herum – manche eher schwerfällig und träge, andere schnell und wendig. Sie flüsterten meinen Namen, lockten mich zu sich.

Die nebelhaften Abbilder schreiender, halb nackter Frauen in zerrissenen Kleidern flehten winselnd um Hilfe. Ich zwang mich, nicht hinzusehen. Hinter mir bemerkte ich eine weitere Bewegung. Ich griff nach dem blauen Dolch in meinem Rucksack und streckte ihn aus, doch was mir dort begegnete, konnte man mit dieser Waffe nicht bekämpfen. Kinder mit leeren, schwarzen Augen starrten mich von allen Seiten an.

»Wo ist meine Mama?«, fragte eine helle, traurige Kinderstimme. Mein Magen zog sich krampfhaft zusammen. Sie kamen näher. Ich spürte ihre Schattenfinger in meinem Haar. An meiner Kehle. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Was war das nur für ein schrecklicher Ort? So schnell meine Beine mich trugen, rannte ich weiter. Versuchte den Schattenfingern zu entkommen.

Dann – mir blieb die Luft weg – glitt ein Damnatus auf mich zu, den faulenden Körper in einen schmutzigen schwarzen Umhang gehüllt und das geschwürübersäte Gesicht von der Kapuze verdeckt. Reflexartig stieß ich den Dolch in seine Richtung, doch er glitt einfach durch ihn hindurch. Rauchähnliche Nebelschwaden wirbelten um die Stelle, an der ich ihn getroffen hatte.

Ich kniff die Augen zusammen und rannte weiter. Vorbei an den Schatten, die mit spitzen Krallen nach mir griffen und versuchten, mich zu fangen. Klamme Kälte kroch mir über die Haut. Ich wagte es, den Blick zu heben, und bereute es sofort. Ein spitzer Schrei entfuhr mir. Ich hielt mir beide Hände vor den Mund, um ihn zu ersticken. Verlor ich etwa gerade meinen verdammten Verstand?

Tote Menschen pflasterten den Weg. Manche machten, die Mienen in friedlicher Verzückung erstarrt, fast den Eindruck, als schliefen sie nur. Den anderen jedoch stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Münder und Augen weit aufgerissen, waren die menschlichen Gesichter zu bleichen Masken des Grauens verzerrt. Ich vermutete, dass Letztere es weiter in den Nebel hineingeschafft hatten. Wäre ich bei Zara geblieben, würde ich nun auch dort liegen – das Gesicht für immer zu einem dümmlichen Grinsen erstarrt. Nackte Angst erfasste mich. Diese armen Seelen … Mädchen, Jungen, Frauen und Männer. Dutzende hatten in diesem Nebel ihr Leben gelassen. Würde ich ihr Schicksal teilen?

Wenn du in Panik gerätst, findest du hier nie wieder raus, hörte ich meine eigene Stimme. Sie klang ruhig und gefasst und schien tief aus meinem Inneren zu kommen.

Bleib ruhig, sagte meine innere Stimme, bleib ruhig.

Ich gehorchte meinen eigenen Worten, verlangsamte, so schwer es auch fiel, meine Schritte und lief weiter. Zielstrebig. Immer geradeaus. Der Boden war mit Leichen übersät. Es waren so viele, dass ich darauf achten musste, wohin ich trat. Ich setzte einen Fuß vor den anderen, dachte nur von Schritt zu Schritt. Diesen grauenvollen Anblick in seiner Gänze auf mich wirken zu lassen, hätte mich den Verstand gekostet.

Nur ein einziger Gedanke half mir dabei, nicht durchzudrehen: Jared! Ich komme, Jared!

Unaufhörlich trieb er mich an. Ich marschierte durch den dichten Nebel. Wie eine Maschine. Über den Leichenteppich hinweg.

Dann, direkt vor mir, ein silberner, schwebender Schleier. War das das Ende des Nebels? Hatte ich es geschafft? Was würde geschehen, wenn ich einfach hineinlief? Sollte ich es darauf ankommen lassen? Umzukehren war jedenfalls keine Option. Noch einmal würde ich das nicht überstehen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging in den Silbernebel hinein. Eine helle, klare Stimme erklang.

»Avalon, der magische Ort, lässt manche hinein, schickt andere fort«, sagte sie.

»Ich – ich bitte um Einlass«, sagte ich förmlich. Es war das Beste, das mir auf die Schnelle einfiel.

»Die letzte Prüfung bestehe hier und lass den Nebel hinter dir.«

»Was ist das für eine Prüfung?«, fragte ich heiser. Würde ich nun doch noch scheitern? So kurz vor dem Ziel?

»Ein Rätsel, dessen Lösung dir den Einlass gewährt. Doch bedenke: Nur die richtige Antwort lässt dich unversehrt.«

Ich schluckte. »Und wenn meine Antwort falsch ist?«

»Ein falsches Wort und du bleibst hier. Der Nebel ergreift Besitz von dir.«

Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Ich warf einen Blick über meine Schulter. Würde ich doch noch enden wie sie?

»Okay«, stimmte ich zaghaft zu.

Die Stimme erhob sich.

»Das machtvolle Wesen, von jedem verehrt,

der Heimat, aus Liebe, den Rücken zukehrt.

Getäuscht und verraten von Missgunst und Gier,

die Rückkehr nach Hause versagt bleibt ihr.

Des Wassers Stärke gewaltsam verdrängt,

der Himmel voll schwarzer Wolken nun hängt.

Der Nymphen Lachen seit jeher verstummt,

die dunklen Wesen tun Schandtaten kund.

Der Wald einst erblühte in vollkommener Pracht,

doch ohne sie erlischt seine Macht.«

Ich schluckte. Okay, mal überlegen, dachte ich. Nur nicht vorschnell antworten. Ich hatte wirklich keine Lust, als das nächste Patch in diesem Leichenteppich zu enden.

Konzentrier dich!

Ich kannte diese Geschichte. Ruth hatte sie mir erzählt. Der Vers handelte von Nimues Liebe zu Merlin, seinem Tod, ihrem verzweifelten Versuch, nach Hause zurückzukehren, und davon, wie Morgana auf Avalon einmarschierte.

Aber was war die richtige Antwort? Oder vielmehr: Was war die Frage? Der Name des »machtvollen Wesens«zu Beginn des Verses? Oder wollte die Stimme im Silbernebel wissen, was hier geschehen war?

Ich ging den Vers in Gedanken noch einmal durch: »Machtvolles Wesen verlässt Avalon. Der Liebe wegen.«

Damit war Nimue gemeint – so viel war klar.

»Sie wird von Missgunst und Gier«, eindeutig Merkmale, die ich Morgana zugeschrieben hätte, »verraten und kann nicht nach Hause zurück.« Bis hierhin war ich mir sicher.

»Des Wassers Stärke«: Nimues Magie.

»Schwarze Wolken«: vielleicht ein Symbol für Morganas dunkle Magie?

»Die Nymphen lachen nicht mehr«: Das konnte ich mir vorstellen.

Aber von welchen dunklen Wesen war die Rede? Den Damnati? Würde zumindest Sinn machen.

»Die Pracht des Waldes«stand synonym für Avalon, da war ich mir dank den Zeichnungen aus Ruths grünem Buch sicher.

»Doch ohne sie erlischt seine Macht«, zitierte ich. Und der letzte Satz räumte meine Zweifel aus. Die Frage lautete: Wer ist sie? Von wemwar in dem Rätsel die Rede? Das musste die Lösung sein!

Ich atmete tief ein.

»Nimue«, antwortete ich entschlossen und setzte damit alles auf eine Karte, »die Königin des Wassers.«

Die Stimme schwieg einen Moment. »So geh nun hindurch, doch sei wohl gewarnt. Tücke und List sind zumeist gut getarnt«, sagte sie dann und verstummte.

Erleichtert atmete ich auf. Ich hatte es geschafft!

»Äh … danke, ich werd’s mir merken«, antwortete ich unbeholfen und schritt durch den Silberschleier. Ich zwang mich, nicht zurückzublicken. Lief einfach weiter. Ich musste es durch den Nebel schaffen, ich musste zu Jared – das war alles, was zählte. Und so ging ich weiter, immer weiter. Bis der Nebel sich lichtete und ich all die schrecklichen Schatten endlich hinter mir gelassen hatte.

Kapitel 6

Wo man zunächst kaum die Hand vor Augen hatte sehen können, umgaben mich nun nur noch feine, rauchähnliche Schwaden, die sich mit jedem Schritt, den ich vorwärtsging, nach und nach auflösten. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen.

Und dann – unfassbar.

Es war genau wie auf den Bildern in Ruths Buch.

Ein Zauberwald. Anders kann man das, was sich mir darbot, nicht beschreiben. Was ich sah, widersetzte sich allen Grundlagen der darwinschen Evolutionsbiologie. Tellergroße Blüten, in sämtlichen Farben schillernd, leuchtend fluoreszierende Blätter im Schatten; betörend, beinahe wie Parfüm riechende Kelchblüten, die bei Berührung einen gelben Staubnebel versprühten, von dem einem schwindlig wurde.

Beinahe überwältigt von den vielen farbenfrohen Eindrücken, wagte ich mich ein ganzes Stück in den Wald hinein. Das dichte, saftige Gras, das sich unter meinen Füßen ausbreitete, dämpfte meine Schritte. Ich war umgeben von Bäumen in jeglichen Variationen, so weit das Auge reichte. Erlen, Linden, Birken, Fichten, Eichen, Tannen, Buchen, Kastanien, Lärchen, Kiefern … Einige kannte ich, andere schienen in Form, Farbe, Blattwerk und Größe kindlicher Fantasie entsprungen zu sein. Manche der Bäume waren jung und schlank, andere mit mächtigen Stämmen und majestätischen Kronen ausgestattet. Letztere mussten hunderte, vielleicht tausende Jahre alt sein. Ein sanfter Windstoß ließ die Blätter im Sonnenlicht tanzen. Ein stärkerer trug die fallschirmartigen Flugsamen einer gut 15 Meter hohen Pusteblume mit sich fort. Der Boden, der sich zu meinen Füßen erstreckte, war übersät von üppigen Farnen, dicht beblätterten Sträuchern, zarten Gräsern, duftenden Blüten und allerlei Pilzen und Moosen.

Ungläubig riss ich die Augen auf. Ein affenähnliches Pelztier von der Größe eines Hamsters hüpfte munter von Blüte zu Blüte, öffnete das winzige Maul und ließ eine schmale Kolibrizunge hineinschnalzen, die mindestens dreimal so lang war wie das Tier selbst. Genüsslich schlürfend bediente es sich an dem süßen Nektar. Gleich daneben beobachtete ich lebendig wirkende Ranken, die sich an den Stielen mannshoher Pilze mit regenschirmgroßen Hüten bis zu deren Lamellen entlang schlängelten. Ein weiteres Kolibri-Äffchen hüpfte kichernd von Pilz zu Pilz und schien sich einen Spaß daraus zu machen, die zuschnappenden Ranken zu foppen. Immer ganz kurz bevor eine es zu fassen bekam, hüpfte es pfeilschnell zum nächsten Pilz. Ein vorbeifliegender Libellen-Schmetterling hatte weniger Glück. Er wurde von einer lianengleichen Ranke gepackt. Blitzschnell, dem Tentakel eines Oktopus gleich, schnellte sie zurück und schleuderte das geflügelte Insekt schwungvoll in das weit geöffnete Maul einer Seerose, die die Mahlzeit laut schmatzend verschlang.

Wasser plätscherte ganz in der Nähe. Melodischer Vogelgesang drang aus allen Richtungen an mein Ohr. Ich folgte dem Klang und erhaschte einen Blick auf ein in allen Farben des Regenbogens schillerndes Gefieder. Daneben breitete, auf dem Ast einer mächtigen Erle sitzend, gerade ein spatzengroßer leuchtend weißer Vogel seine Schwingen aus. Sie glitzerten im Sonnenlicht. Zirpend stürzte er sich in die Tiefe. Ein weiterer, groß wie ein Habicht, aber mit sattgrünem Gefieder, zog seine Kreise über den Baumkronen. Vermutlich war er auf Futtersuche. Plötzlich stürzte er sich auf einen flauschigen mausähnlichen Waldbewohner. Der wiederum stieß, sobald er den Angriff bemerkt hatte, einen gellenden Schrei aus, der den Jäger so sehr in den kleinen walnussförmigen Ohren zu schmerzen schien, dass er den Angriff sogleich abbrach und rasch in höhere Gefilde entschwand. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Ein kicherndes Piepsen lenkte meine Aufmerksamkeit auf eine kleine, lila-blättrige Birke. Das Geräusch kam von einem spitzohrigen Igel-Eichhörnchen. Schnell wie der Blitz schoss es herunter, schnappte sich eine auf dem Boden liegende Kastanie und raste schnurstracks wieder am schmalen Birkenstamm nach oben. Dort machte es sich auf einem Ast gemütlich, brach die Kastanie auf, indem es sie mit den kleinen Ärmchen gegen die spitzen Stacheln auf seinem Rücken stieß, und ließ sich den Inhalt laut glucksend schmecken.

Was für ein wunderbarer Ort, dachte ich und kam mir vor wie Alice, die in den Kaninchenbau gefallen war. Ein grünes Nimmerland, das einen zum Bleiben einlud. Fremd und doch auf eigenartige Weise vertraut. Unwillkürlich überkam mich das starke Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Und das war ich auch – zumindest im Traum. In dem magischen Schlaf, in den Jared mich geschickt hatte. Ich atmete tief durch die Nase ein, sog den Duft satter Wiesen, uralter Bäume, plätschernder Bäche, lehmigen Waldbodens und betörender Blüten in mich auf und wusste, dass Ruth recht hatte – das hier war mein Zuhause. Avalon war meineInsel. Und irgendwo hier war Jared.

Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Blitzschnell huschte ich hinter den nächstgelegenen Baum und zog den blauen Dolch aus dem Rucksack. Doch ich hatte nur ein kleines plüschiges Tier aufgeschreckt – eine Mischung aus Feldhase und Katze –, das von einem Gebüsch in das nächste hoppelte. Ich atmete durch und entspannte mich wieder. Trotzdem hielt ich es für besser, als ich weiter in den Wald hineinging, den Dolch an meinem Gürtel zu befestigen. So hatte ich ihn griffbereit. Nur für alle Fälle. Denn so schön dieser Ort auch war, ich durfte mich nicht in Sicherheit wiegen.

Der zunächst flache Waldboden fiel leicht ab und führte mich hinunter in eine Art Tal. Mir war nicht ganz so wohl dabei. Viel lieber wäre ich weiter oben gewesen, von wo aus ich einen besseren Überblick über das Gelände gehabt hätte. Hier unten fühlte ich mich, trotz des Schutzes, den die Bäume boten, als leichte Beute. Aber da ich keine Ahnung hatte, wo ich mit meiner Suche nach Jared beginnen sollte, blieb mir nicht viel anderes übrig, als einfach weiterzugehen. Einen Weg gab es nicht – das erschwerte die Sache natürlich, und ich kam nur sehr langsam voran. Ich stieg über Wurzeln hinweg, duckte mich unter tief hängenden Ästen hindurch, kletterte über moosüberzogene Felsen und ging um dichte Sträucher herum. Kam es mir nur so vor, oder wurde der Wald tatsächlich immer dichter und unwegsamer, je weiter ich in das Herz Avalons vordrang?

Bis auf ein paar niedliche Waldbewohner war mir auf meiner stetig beschwerlicher werdenden Wanderung niemand begegnet. Und doch beschlich mich nach und nach immer deutlicher das Gefühl, dass ich nicht alleine war. Ich sah mich um. Es war niemand zu sehen. Ich ging weiter, konnte aber das Gefühl etlicher wissender Augenpaare, die mir bei jeder Bewegung folgten, die ganze Zeit über nicht abschütteln. Hinzu kam, dass der Wald immer stiller wurde, je tiefer ich in ihn eindrang. Wo zunächst heiteres Vogelgezwitscher, freudig-aufgeregtes Piepsen und geschäftiges Rascheln zu hören waren – und zwar rings um mich herum –, wurde es immer leiser, bis die Geräusche der Waldbewohner schließlich ganz verstummten. Lediglich das sanfte Plätschern des Wassers, wenn sich mein Weg hin und wieder mit einem Bach oder See kreuzte, und das streichelnd-raschelnde Geräusch des Windes in den Blättern der Bäume begleiteten mich.

Ich ging weiter und zwängte mich durch das dichte Unterholz. Die Zeit war wie erstarrt. Stunden schienen zu verstreichen wie Sekunden, dann fühlte sich eine Minute wieder an wie eine Ewigkeit. Der Wald sah in alle Richtungen gleich aus. Ich befürchtete allmählich, im Kreis zu gehen.

An einem schmalen Bachlauf machte ich Rast. Ich füllte meine Wasserflasche, aß einen der scheußlich süßen Proteinriegel, die Colin mir eingepackt hatte, und wechselte meine Socken. Bei der Gelegenheit überprüfte ich noch einmal den Inhalt meines Rucksacks. Das Zelt machte einen überaus praktischen Eindruck und würde mir heute Nacht als Schlafplatz dienen. Obwohl ich inständig hoffte, dass ich es nicht brauchte. Wenn ich Jared noch vor Sonnenuntergang fand, wären wir vielleicht schneller wieder von dieser Insel runter, als ich dachte. Zu meiner Überraschung überkam mich ein bisschen Wehmut bei dem Gedanken, Avalon so schnell wieder zu verlassen. Dann kam mir plötzlich etwas in den Sinn. Der Kompass! Wenn es schon keinen Weg gab, an dem ich mich orientieren konnte, würde er mir vielleicht helfen, Jared zu finden. Hastig fingerte ich im Rucksack herum und zog ihn hervor – doch ließ ihn sogleich wieder sinken. Er war nutzlos. Die Nadel zeigte nicht, wie sie es eigentlich hätte tun sollen, nach Norden, sondern drehte sich unermüdlich im Kreis.

Na super!, dachte ich frustriert und schleuderte den Kompass in den Wald. Dann stand ich auf, holte ihn zurück und verstaute ihn wieder im Rucksack. Es wäre mehr als dumm, irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Außerdem konnte ich das Ding ja einem Damnatus gegen den Kopf werfen, wenn es sonst zu nichts nutze war.

Dann musste ich mich eben am Lauf der Sonne orientieren. Wie war das noch gleich? Im Osten geht die Sonne auf …, begann ich in Gedanken und verfluchte mich selbst, im Geografieunterricht nicht besser aufgepasst zu haben. Im Süden nimmt sie ihren Lauf … stimmt das? im Westen wird sie untergehen im Norden ist sie nie zu sehen. Ja, genau! Norden war also da, wo die Sonne den ganzen Tag nicht hinkam, oder? Wenn doch nur Colin bei mir wäre, dachte ich. Er hätte gewusst, was zu tun ist. Ob er noch immer im Nebel war? Wie auch immer. Ich musste weiter. So oder so.

Im Wald war es mittlerweile fast vollkommen still. So, als würde jedes Lebewesen die Luft anhalten, wenn ich vorüberging. Quälend langsam kam ich voran, während die Sonne inzwischen erbarmungslos auf mich herunterbrannte. Ich überquerte flache, beinahe lautlos plätschernde Bäche, wich überwucherten Tümpeln aus und stapfte um Schlammlöcher herum. Reine, unberührte Natur, so weit das Auge reichte. Wunderschön und doch, das spürte ich, voller Tücken.

Bei jedem Schritt darauf bedacht, nicht an einer hervorstehenden Wurzel, einem Stein oder einem der dichten Sträucher hängen zu bleiben und der Länge nach hinzuknallen, ging ich weiter. Eine Machete wäre in diesem Dschungel wahrscheinlich sehr viel hilfreicher gewesen als der rotierende Kompass.

Plötzlich hörte ich etwas wie ein Scheppern und weiter hinten einen kratzigen Laut, bei dem es mir beinahe den Magen umdrehte. Ich hielt die Luft an.

Damnati!

Hastig duckte ich mich hinter einen knorrigen, umgestürzten Baumstamm. Mein Herz schlug so laut, dass ich Angst hatte, sie könnten es hören. Vorsichtig spähte ich durch das Wurzelgeflecht in den Schatten.

Sie waren zu viert. Zwei Narbengesichter gingen voraus, ein dritter direkt hinter ihnen. Etwas abgeschlagen folgte ein weiterer. Patrouillendienst – so sah es zumindest aus.

»Pass auf, wo du hintrittst, du Arschloch«, keifte der dritte den Hinterher-Laufenden an. »Heb das gefälligst wieder auf.«

»Ja, ja, schon gut«, antwortete dieser.

Ich schlug mir beide Hände vor den Mund, um keinen Mucks von mir zu geben. Entsetzt riss ich die Augen auf. Die Stimme des Letzten klang bei weitem nicht so kratzig wie die der übrigen Damnati, mit denen ich bisher das Vergnügen gehabt hatte. Sie klang beinahe noch menschlich. Doch was mich zu Tode erschreckt hatte, war nicht der Klang der Stimme, sondern dass ich sie kannte.

Es war Felix’ Stimme. Ich schluckte das Entsetzen hinunter und spähte durch das Dickicht. Felix, oder was aus ihm geworden war, bückte sich gerade, um ein paar glänzende Metallgegenstände aufzuheben, die für das scheppernde Geräusch verantwortlich gewesen sein mussten.

Waren das Fallen?

Ich fixierte ihn. Der schwarze Umhang, in den er gehüllt war, gab zunächst nicht viel preis, doch sobald er sich wieder aufgerichtet hatte, konnte ich einen Blick auf sein Gesicht erhaschen. Ich biss mir auf die Zunge, um nicht zu schreien. Er sah zwar noch aus wie Felix, doch der Wandel hatte bereits begonnen. Seine ehemals dunkelbraunen Augen waren so milchig-trübe, dass man ihn für blind hätte halten können. Die Haut wirkte schuppig und fahl, und über dem rechten Auge breitete sich ein eiterndes, den Geruch von faulendem Fleisch verströmendes Geschwür aus, das ich bis hierher riechen konnte. Seine Hände waren bereits von Narben, Warzen und aufgeplatzten Entzündungen übersät. Nur mit Mühe schaffte ich es, mich nicht zu übergeben. Wie lange konnte Felix schon hier sein? Drei, vielleicht vier Tage? Und bereits nach so kurzer Zeit war der Wandel nicht mehr aufzuhalten. Meine Miene verfinsterte sich. Felix war kein Mensch mehr – er war jetzt einer von ihnen.

»Wird’s bald?!«, rief der an dritter Stelle Laufende krächzend über seine Schulter.

Fassungslos beobachtete ich, wie der Felix-Damnatus den anderen folgte. Noch einmal hielt ich den Atem an, als sie ganz dicht an meinem Versteck vorbeikamen, verharrte anschließend noch minutenlang kauernd in meiner Position, bis ich schließlich zusammensackte und das Gesicht in den Händen vergrub.

Damnati sind böse, seelenlose Kreaturen, die ihren Platz in der Welt verwirkt haben, hörte ich Irvins Stimme, so deutlich, als würde er direkt neben mir stehen. Was hatte ich denn erwartet? Dass Felix Läuterung erfahren würde? Dass er sich ändern konnte? Dass das Ganze vielleicht doch nur ein Missverständnisgewesen war, wie er mir hatte weismachen wollen? Sicher nicht nach dem, was Sally mir erzählt hatte. Missverständnis … allein dieses Wort! Mein Gott! Wie dumm war ich eigentlich gewesen? Felix hatte mich vergewaltigen wollen – nur Jared hatte ich es zu verdanken, dass er es nicht geschafft hatte. Und was war mit Sally? Er hatte sie vergiftet und hätte ihren Tod in Kauf genommen. Nur damit sie ihm bei seinem Vorhaben, mir an die Wäsche zu gehen, nicht dazwischenfunken konnte.

Und was war mit dem anderen Mädchen? Ich erschauderte. Auch wenn mir, dank Jared, das Schlimmste erspart geblieben war – ihr hatte das nichts mehr genützt. Sie war Felix ausgeliefert gewesen. Ohne Hoffnung auf den strahlenden Ritter, der sie in letzter Minute vor dem Drachen rettete. Felix war ein Vergewaltiger und bereit gewesen zu morden. Wer weiß, was er sonst noch alles getan hatte?

Was zur Hölle war nur mit mir los gewesen, dass ich ihm das hatte durchgehen lassen?! Hatte ich wirklich alles einfach verdrängt, nur weil es nicht zum Äußersten gekommen war? War ich tatsächlich dumm genug, jemandem wie Felix eine zweite Chance zu geben mit der Begründung, dass ja eigentlich nichts passiert war? Es war meine Schuld, was dem Mädchen zugestoßen war. Ich hätte es verhindern können, wäre ich zur Polizei gegangen. Was hatte mich nur dazu getrieben, mich um seineZukunft zu sorgen? Was Felix für ein Mensch war, oder besser gesagt: gewesen war, hatte ich eben mit eigenen Augen gesehen.

Es stimmte also: Der Freund des Mädchens hatte Felix in die Finger bekommen, bevor die Polizei ihn erwischt hatte. Ich verspürte Genugtuung. Nicht, dass ich einen Mord gutheißen würde – aber Felix hatte bekommen, was er verdiente. Dumm nur, dass er auf Morgana gestoßen war – wie auch immer das geschehen sein mochte. Oder hatte sie nach ihm gesucht?

Offensichtlich hatte sie ihm einen Deal angeboten: Verschonung vor der Verdammnis im Tausch gegen seine verkrüppelte Seele. Nun war er ein Damnatus – ein Verdammter. Gute Menschen wurden nicht zu Damnati. Gute Menschen würden sich nie auf einen Pakt mit der Hexe einlassen. Aber genau das hatte Felix getan. Nun befand er sich für immer in Morganas Knechtschaft. Weil er zu feige war, sich dem zu stellen, was alle Mörder und Vergewaltiger erwartete.

Als die Damnati außer Sicht- und Hörweite waren, richtete ich mich langsam auf, wischte mir Dreck und Blätter von den Oberschenkeln, straffte die Schultern und folgte ihnen.

Kapitel 7

Wo waren sie denn nun? All die Fabelwesen, die Ruth mir versprochen hatte? Die mir angeblich beistehen sollten? So wie es im Moment nämlich aussah, war ich ziemlich allein auf dieser Insel – abgesehen von den Damnati natürlich. Und die würden mich in Stücke reißen, sobald sie mich in die Finger bekämen. Wenn ihnen nicht sogar noch Schlimmeres einfiel, das sie mit mir anstellen konnten. Und ich war dumm genug, ihnen zu folgen. Aber was auch immer geschah, diesen einen Damnatus würde ich nicht entkommen lassen. Dieser eine war schon viel zu lange davongekommen. Und ganz abgesehen davon führten mich diese stinkenden Ungeheuer direkt zu Morgana. Und damit zu Jared.

Zu meinem Glück hinterließen die vier einen regelrechten Trampelpfad mitten durch den Wald. Selbst ein Vollidiot hätte sie aufspüren können. Ich musste also nicht einmal besonders nah ran, um ihnen zu folgen.

Da ich jegliches Zeitgefühl verloren hatte, lieferte mir lediglich der Stand der Sonne einen Anhaltspunkt, wie lange ich schon hinter ihnen her war. Meiner Schätzung nach waren es etwa zweieinhalb Stunden – in sengender Hitze. Und die spürte ich in meinen Knochen. Den Damnati ging es wohl ähnlich, denn sie beschlossen eine Pause zu machen. In einem großen Bogen ging ich einmal um ihren Rastplatz herum, sorgsam darauf bedacht, keinen Laut von mir zu geben. Ich kämpfte mich durch dornige Ranken, kletterte über einen riesigen geborstenen Baumstumpf und drückte mich an einer zerklüfteten Felswand entlang. Dann war ich da.

»Du stinkst!«, hörte ich einen dem anderen vorwerfen.

Ich hatte das provisorische Lager mittlerweile einmal umkreist, war auf einen Felsvorsprung geklettert und lag nun direkt über ihnen auf der Lauer.

»Halt die Fresse!«, gab der Stinker zurück.

Ich wagte mich ein paar Zentimeter vor und linste über den Felsrand. Sie lagen im Schatten eines mächtigen Baumes und tranken aus fellüberzogenen Feldflaschen.

»Sauf nicht alles aus, du Schwein!«, brüllte einer und riss dem Felix-Damnatus die Flasche aus der Hand, wobei er den Großteil des Inhalts verschüttete. Bei seinen neuen Freunden stand Felix offensichtlich nicht besonders hoch im Kurs. Der Gedanke gefiel mir. Plötzlich schoss mir wieder dieses Bild durch den Kopf. Wie er sich über mich gebeugt, meine Hände gegen die Matratze gedrückt und mich mit diesem gierigen Blick betrachtet hatte. Dann kam mir das Mädchen in den Sinn. Das andere Mädchen. Das Mädchen, das nicht so viel Glück gehabt hatte wie ich. Ich kannte sie nicht, und wahrscheinlich war ich ihr nie, oder zumindest nicht bewusst, begegnet. Und dennoch fühlte ich mich ihr verbunden wie eine Schwester.

Ich hatte keinen Plan gehabt, als ich begonnen hatte, den vieren zu folgen – um ehrlich zu sein, hatte ich immer noch keinen. Aber das war mir egal. Sie waren zu viert, ich allein – auch das war mir egal. Alles, was für mich in diesem Moment zählte, war Rache. Jeder einzelne der Damnati, die dort unten im Schatten vor sich hin röchelten, hatte in seinem Menschenleben Schreckliches getan. Dafür würden sie büßen. Ohne über die Folgen meines Handelns nachzudenken, richtete ich mich auf, hob einen footballgroßen Stein über meinen Kopf und schleuderte ihn gegen den Schädel des Damnatus, der mich als Erstes entdeckt hatte und gerade im Begriff war, sich aufzurappeln. Ich traf ihn an der Schläfe und hörte, wie ein Knochen brach. Zuckend ging er zu Boden. Der Felix-Damnatus war blitzschnell auf den Beinen und hatte mich sofort im Blick. Für einen kurzen Moment schien er bei meinem Anblick um Fassung zu ringen, dann stieß ihm der neben ihm Stehende den Griff seiner Axt in den Rücken. Ein Knurren kam aus seinem Mund.

»Worauf wartest du? Schnapp sie dir! Oder willst du Morgana erklären, dass die Schlampe entwischt ist?«

Der Felix-Damnatus erstarrte einen Moment – als würde er sich vorstellen, was Morgana ihm alles antun könnte, sollte er versagen –, dann hatte er sich entschieden. Konzentriert zog er die schorfüberzogenen Augenbrauen zusammen und ging auf mich los. In drei Sätzen hatte er den Felsvorsprung erklommen und stürzte sich frontal auf mich. Dann ging alles ganz schnell. Ich ließ ihn so nahe kommen, dass ich seinen fauligen Atem auf meinem Gesicht spüren konnte, zog den blauen Dolch aus meiner Gürtelschlaufe und bohrte ihn direkt in sein Herz. Ich drehte die Klinge und zog sie wieder heraus. Mein Blick war kalt, frei von jeglicher Gefühlsregung. Kerzengerade blieb ich stehen und beobachtete, wie er, rückwärts taumelnd, Augen und Mund in Fassungslosigkeit weit aufgerissen, die klaffende Wunde in seiner Brust mit beiden Händen umschloss. Dickes, dunkelrotes Blut quoll ihm in Strömen durch die Finger. Er machte einen weiteren Schritt zurück und stürzte von dem Felsvorsprung mehrere Meter in die Tiefe. Das dumpfe Geräusch seines Aufpralls war das Letzte, das ich hörte, bevor ich losrannte.

Die beiden anderen waren mir bereits auf den Fersen.

Ich rannte so schnell ich konnte und tauchte in das Dickicht, als könnte es mich unsichtbar machen.

Wieso hat Enid mir eigentlich keine Knarre mitgegeben?!

Die beiden holten schnell auf, dann stolperte der Erste und riss den anderen mit zu Boden. Sehr gut! Das verschaffte mir wieder einen kleinen Vorsprung.

»Du Idiot!«, schrie eine der kratzigen Stimmen wutentbrannt. Es gab ein kurzes Gerangel, dann waren sie wieder hinter mir her. Und holten auf. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie einer der beiden mit dem Arm ausholte, dann traf mich etwas hart am Kopf. Ich taumelte. Mein Blick verschwamm, während der Schmerz in meinem Schädel explodierte. Meine Beine gaben nach, doch bevor ich zu Boden fallen konnte, hatte der Damnatus mich erreicht und rammte mir seine Faust ins Gesicht. Der metallische Geschmack warmen Blutes erfüllte meinen Mund. Ich hustete und spuckte. Durch einen Schleier aus Blut und Tränen bemerkte ich einen weiteren verschwommenen schwarzen Umhang, der sich auf mich zubewegte. Strampelnd wich ich zurück und versuchte auf die Beine zu kommen. Mir war so schwindlig, dass ich glaubte, die Bäume bewegten sich kreisend um mich herum. Der erste Damnatus holte mit dem Fuß aus und trat mir in die Rippen. Die Luft wich zischend aus meinen Lungen. Ich keuchte. Mit einem weiteren Tritt schleuderte er mir den Dolch aus der Hand. Mein Blick war so verschwommen, dass ich nicht sehen konnte, wohin. Panik erfasste mich – ich hatte meine einzige Waffe verloren. Moment – nein! Da war noch das Taschenmesser in meinem Rucksack! Blind griff ich nach hinten, zerrte den Rucksack über meine Schulter nach vorne und riss den Reißverschluss auf.

»Was soll das denn werden?«, fragte der Damnatus in selbstgefälligem Tonfall.

Ich wühlte im Inneren herum und bekam schließlich einen glatten, länglich-ovalen Gegenstand zu fassen. Blitzschnell ließ ich die Klinge hervorschnappen. Das glaubte ich zumindest. Doch was zum Vorschein kam, war ein glänzend-gekringelter Korkenzieher.

Der Damnatus lachte ein schallend krächzendes Lachen, das mich dermaßen wütend machte, dass die Panik mit einem Mal verflogen war. Ich holte aus und rammte dem stinkenden Narbengesicht den Korkenzieher mit voller Wucht in den Oberschenkel. Er blieb stecken.

»Ahh – du Fotze!«, schrie er und humpelte auf einem Bein im Kreis, während er versuchte, sich das Ding aus dem Fleisch zu ziehen. Schließlich bekam er den rotglänzenden Griff zu fassen und zog die Spirale heraus. Ein entsetzlich stinkender Brei quoll aus der Wunde.

Er warf einen kurzen Blick auf den Korkenzieher, an dem ganze Fetzen seines eigenen Fleisches klebten, dann wandte er sich wieder mir zu.

»Jetzt schieb ich dir das Ding in den Arsch«, versprach er krächzend und kam langsam und genüsslich auf mich zu.

Auch der zweite Damnatus hatte mich fast erreicht. Ein fauliges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er näher kam.

Strampelnd wich ich zurück, schaffte es beinahe auf die Beine zu kommen, doch dann stieß mir der Damnatus mit dem Fuß gegen den Brustkorb und ich landete erneut im Dreck. Würden sie mich jetzt gleich töten? Viel wahrscheinlicher war, dass sie mich folterten und dann zu Morgana brachten, damit sie es tat. Und Jared dabei zusehen ließ. Meine Augen füllten sich mit Tränen und nahmen mir zusätzlich die Sicht. Der Schmerz in meinem Kopf war unerträglich.

Es tut mir so leid, Jared! Ich habe versagt.

Plötzlich bemerkte ich eine schlanke, schwarze Gestalt, die sich uns von der Seite näherte – schleichend und leise wie ein Schatten. Ein weiterer Damnatus? Nein, dafür bewegte sich das Wesen zu anmutig. Ohne jede Vorwarnung setzte es zum Sprung an und stürzte sich auf den Umhangträger, der weiter von mir entfernt war. In einer einzigen fließenden Bewegung riss es ihn zu Boden. Ein wildes fauchendes Knurren ertönte, dicht gefolgt von dem letzten gurgelnden Schrei einer aufgerissenen Kehle. Der Damnatus, der eben noch drauf und dran gewesen war, mir den Rest zu geben, warf einen erschrockenen Blick über seine Schulter. Seine Beine begannen vor Angst zu zittern, als sich die Kreatur, anmutig wie eine Raubkatze und doch massig wie ein Bär, nun auf ihn zubewegte. Dem Damnatus blieb nichts anderes übrig, als zitternd dazustehen und zuzusehen, wie das Wesen auf ihn zukam, um ihn zu töten.

»Ein Barghest? Am helllichten Tag?«, murmelte er noch ungläubig.

Dann setzte das Wesen zum Sprung an. In einer blitzschnellen, fließenden Bewegung vergrub die bärenhafte Raubkatze ihre mächtige Pranke in der Flanke des Damnatus und riss ihm gleichzeitig mit seinen messerscharfen Zähnen den Kopf ab. Das alles ging so schnell, dass das Narbengesicht nicht einmal mehr Zeit für einen letzten Schrei hatte. Angewidert spuckte das Wesen – der Barghest? – die Reste des stinkenden Damnatusschädels aus. Dann kam es auf mich zu. Ein dröhnendes Knurren kam aus seiner Kehle. Ich verharrte reglos in meiner Bewegung. Direkt vor mir blieb es stehen und starrte mich aus rotgoldenen Augen heraus eindringlich an. Nur eine Sekunde, vielleicht auch zwei. Dann drehte es sich um und verschwand mit einem einzigen grazilen Sprung in den Tiefen des Waldes. Um mich herum wurde es dunkel.

Mit hämmernden Kopfschmerzen kam ich wieder zu mir. Wie viel Zeit war vergangen? Ich war dermaßen erschöpft, dass ich einfach liegen blieb. So lange, bis ich den fürchterlichen Gestank der Damnati-Leichen nicht mehr ertragen konnte. Ich versuchte aufzustehen, konnte mich aber nicht auf den Beinen halten und brach sofort wieder zusammen. Mein Kopf schien zu bersten, ich musste ihn mit beiden Händen halten. Kriechend robbte ich über den Waldboden und sammelte meinen Dolch und das Taschenmesser wieder ein. Die Ohnmacht drohte mich bei jeder Bewegung zu übermannen, doch irgendwie schaffte ich es, bei Bewusstsein zu bleiben.

Wasser! Ich brauche Wasser!

Ich lauschte. Ganz in der Nähe hörte ich ein leises Plätschern.

Wenn ich es nur bis dorthin schaffe

Mit letzter Kraft schleppte ich mich, auf Ellenbogen und Knien, zu einem kleinen Bachlauf im Schutz bietenden Schatten. Zuerst hielt ich meine Hände in das kühle, plätschernde Nass. Dann trank ich gierig. Zuletzt tauchte ich meinen ganzen Kopf unter und blieb so lange unter Wasser, bis meine Schläfen aufhörten zu pochen und der metallisch-warme Geschmack meines eigenen Blutes aus meinem Mund verschwunden war. Der Schmerz ließ nach. Gott sei Dank ließ er nach. Mich nach allen Seiten umsehend, zog ich mich schließlich bis auf die Unterwäsche aus und glitt ins Wasser. Ein tiefes Ohhh bahnte sich den Weg durch meine Kehle, so gut fühlte es sich an. Das Wasser half sofort. Es war, als würde es den Schmerz einfach wegspülen. Meine Muskeln begannen sich zu lockern, das dumpfe Pochen in meinem Kopf und in meinen Rippen verschwand, und meine geschwollenen Hände und Füße schrumpften auf Normalgröße zusammen. Erleichtert stöhnte ich auf. Dieser Effekt, den Wasser auf mich hatte, war nichts Neues, und dennoch war ich sicher, dass dieses Wasser meine Verletzungen besser und schneller heilen ließ als je zuvor.

Eine ganze Zeit lang blieb ich einfach in dem Bachlauf liegen, schloss die Augen, ließ das Wasser über meinen Körper strömen und heilte.

Als ich die Augen wieder aufschlug, dämmerte es. War ich eingeschlafen? Hastig kletterte ich heraus und zog mich wieder an, dann blickte ich mich nervös um. Ich hatte bereits einen Vorgeschmack darauf bekommen, was hinter den Bäumen alles lauern konnte, und war, um ehrlich zu sein, nicht gerade scharf drauf, herauszufinden, was sich sonst noch alles in der Dunkelheit des Waldes verbarg. Doch war ich wirklich in Gefahr? Das schwarze Raubkatzenwesen – wie hatte der Damnatus es noch gleich genannt? Barghest? – hatte mich verschont. Nein. Nicht nur verschont. Es hatte die Damnati getötet und mir damit das Leben gerettet.

Hatte Ruth vielleicht doch recht? Waren die Wesen, die hier auf Avalon zu Hause waren, tatsächlich auf meiner Seite? Ich war nicht sicher, ob dies der geeignete Moment war, es herauszufinden. Besser, ich suchte mir einen Schlafplatz für die Nacht und wartete den nächsten Tag ab. Die Dunkelheit war nicht mehr aufzuhalten, und ich fühlte mich von Sekunde zu Sekunde unbehaglicher. Hunger hatte ich auch. Außer den klebrigen Proteinriegel, von dem mir beinahe schlecht geworden war, und einen Apfel hatte ich den ganzen Tag nichts gegessen. Ich ging noch etwa eine halbe Stunde stromaufwärts am Bachlauf entlang, bis ich einsah, dass es keinen Sinn hatte, die Sache noch weiter hinauszuzögern. Angestrengt lauschte ich in den Wald. Es war nichts zu hören. Nicht der kleinste Mucks. Und doch hatte ich mit eigenen Augen gesehen, was für Kreaturen im Dickicht lauerten. Unwillig machte ich mich daran, ein Lager für die Nacht aufzuschlagen. Ich suchte mir ein verstecktes Plätzchen unter einer Weide mit tief herabhängenden Ästen. Das Wurfzelt, das Colin mir eingepackt hatte, machte seinem Namen alle Ehre und war mit einer einzigen Wurfbewegung kinderleicht aufzubauen. Nachdem ich mich ein letztes Mal umgesehen hatte, kroch ich ins Innere und zog den Reißverschluss zu. Ich aß einen Apfel, dann rollte ich mich zusammen und bettete meinen Kopf auf den Rucksack. Es war unbequem. Ich lag direkt auf etwas Flachem, Hartem. Ich fuhr hoch. Das Buch! Umständlich zerrte ich den Folianten aus dem Rucksack, knipste die Taschenlampe an und schlug ihn auf. Es dauerte nicht lange, bis ich gefunden hatte, wonach ich suchte.

Der Barghest stand in Großbuchstaben als Kapitelüberschrift über der detailgetreuen Zeichnung. Neugierig begann ich zu lesen.

Der Barghest

(auch »Bargtjest« oder »Bargest«) ist ein mythisches goldäugiges Geschöpf mit monströsen Klauen und messerscharfen Reißzähnen. Flink wie eine Raubkatze, ausdauernd wie ein Wolf und stark wie ein Bär, zählt er zu den bösartigen Exemplaren der »Schwarzen Hunde«. Sein Name ist unsicherer Herkunft. Manchen Quellen zufolge hat er seinen Ursprung im deutschen »Berggeist«. Oft ist aber auch vom »Bärgeist« die Rede. Der Barghest ist in den Hochebenen Avalons zu Hause und erscheint nur bei Nacht. Er gilt als Omen des Todes.

Ich schluckte und blätterte weiter.

Der Behemoth las ich als Nächstes und strich mit den Fingern über die Abbildung eines gigantischen gepanzerten Urzeitwesens, das aussah wie eine Kreuzung aus Nilpferd und Gürteltier. Laut der Beschreibung war der Behemoth ein eher friedfertiges Wesen, das aber, wenn es sich oder seine Jungen bedroht sieht, ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachen kann. Beängstigende Vorstellung, einem solchen Koloss zu begegnen. Ich blätterte um.

Der Kelpie

(auch Kelpy) ist ein übernatürlicher Wassergeist, der sowohl die unzähligen Seen und Flüsse Avalons als auch die fließenden Gewässer des schottischen Hochlandes bewohnt. Er tritt in Gestalt eines großen Pferdes mit Fischschwanz auf und verspricht Wanderern, die das Gewässer überqueren wollen, in dem er lebt, sie hinüberzutragen. Doch sobald der Wanderer sich darauf einlässt, zieht der Kelpie ihn in die Tiefe und verspeist ihn.

Ich legte die Stirn in Falten. Das waren ja tolle Aussichten. Bösartige Barghests, trampelnde Behemoths, hinterlistige Kelpies … Ich blätterte weiter und überflog die nächsten Seiten. Goblins – mies gelaunte, Fallen stellende Koboldwesen, die unter der Erde leben … Pixies, die kleinen, geflügelten Blauhäutigen, die fiese Streiche spielen … Da war wirklich für jeden Geschmack was dabei. Gab es hier denn gar keine nettenWesen?

Müde und nach meiner nächtlichen Lektüre etwas unbehaglich klappte ich das Buch zu. Jareds Gesicht war das Letzte, an das ich dachte, bevor ich einschlief. Halte durch! Ich liebe dich!

Kurz vor Sonnenaufgang zog ich den Reißverschluss auf und kletterte aus dem Zelt. Meine steifen Glieder streckte ich wie eine Katze in alle Richtungen. Dann machte ich mich ans Zusammenpacken. Das verdammte Zelt in seine ursprüngliche Form zurückzuzwängen war eine wahre Herausforderung. Doch irgendwie kriegte ich es hin.

Es dämmerte bereits, als ich mich auf den Weg zum Bachlauf machte. Ich folgte ihm ein Stück, bis ich an einer Stelle ankam, die breit genug war, um mich darin zu waschen. Während ich mir die Zähne putzte, fragte ich mich unwillkürlich, wo das Wasser wohl herkam. Die Damnati, denen ich vorhatte zu folgen, würden nirgendwo mehr hingehen. Wieso sollte ich mein Glück also nicht mit dem Bachlauf versuchen?

Die Sonne stieg langsam über den Baumwipfeln empor und tauchte den Wald in ein einzigartig goldgrünes Licht. Ich musste schon eine ganze Weile gegangen sein, als mir plötzlich auffiel, dass das Gelände immer steiler wurde. Ich ging bergauf. Schon bald konnte ich über die Kronen der kleineren Bäume hinwegblicken. Ich befand mich also schon auf deutlich höherem Terrain, und es ging weiter bergan. Was gut war, denn je höher ich kam, desto besser konnte ich mir einen Überblick verschaffen. Aber es bedeutete auch, dass der Weg mit jedem Meter beschwerlicher wurde.

Wie am Vortag war der Wald um mich herum merkwürdig still. Weder Vogelgezwitscher noch das raschelnde Geräusch im Unterholz umherstreifender Waldbewohner war zu hören. Nichts. Der Wald gab, bis auf das Geräusch des Windes in den Blättern, keinen Laut von sich. Und dennoch hatte ich das Gefühl, nicht alleine zu sein. Beobachtet zu werden.

Der Weg war mittlerweile so steil, dass ich mich beim Gehen beinahe mit den Händen aufstützen konnte. Meine Jacke hatte ich mir längst um die Hüften gebunden, die Hosenbeine hatte ich hochgekrempelt. Der Schweiß rann mir über das Gesicht. Der Bachlauf, dem ich seit Stunden folgte, wurde immer seichter und schmaler, bis er schließlich als Rinnsal im Inneren des Berges verschwand. Die Quelle konnte nicht mehr weit weg sein. Ich beschloss, weiterzugehen. Geradeaus nach oben, bis zum Gipfel.

Im Wald war es noch immer ungewöhnlich still. Mittlerweile war ich mir sicher, dass ich beobachtet wurde. In der Hinsicht hatte mich mein Gefühl noch nie getäuscht. Doch anders als sonst hatte ich gar keine Angst. Es fühlte sich nicht bedrohlich an – so, als würde etwas auf der Lauer liegen, abwartend, um sich im richtigen Moment auf mich zu stürzen. Es fühlte sich eher nach neugierigen Blicken an, die gespannt beobachteten, was ich wohl als Nächstes tat.

Irgendwann blieb ich einfach stehen, atmete tief ein und fragte mit sanfter, freundlicher Stimme:

»Wieso versteckt ihr euch?«

War ich verrückt geworden?!

Was, wenn ich mich täuschte und im nächsten Moment von hunderten wilden Bestien zerfleischt werden würde? Doch dieser Anflug von Panik herrschte nur in meinem Kopf. In meinem Herzen wusste ich, dass mir keine Gefahr drohte. Der Barghest hätte mich mit Leichtigkeit töten können. Doch er hatte mich verschont. Hatte mir sogar geholfen. Wahrscheinlich hatte, was immer mich seit so vielen Stunden beobachtete, mehr Angst vor mir als ich vor ihm.

Ich wagte einen neuen Anlauf.

»Kommt heraus. Ich tue euch nichts.«

Details

Seiten
350
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960532071
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356788
Schlagworte
eBooks Fantasy Romantik Liebe Artus-Saga Herrin vom See Avalon Magie Romantasy England

Autor

Zurück

Titel: Die Macht der Verborgenen