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Ein Pony für alle Fälle - Zehnter Roman: Rette die Ponys, Marie!

2017 102 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Marie wähnt sich im siebten Himmel: Ein ganzes Wochenende Turnier, gleich vier Wettkämpfe auf einmal. Und ihre beste Freundin Anna ist auch dabei. Schöner kann das Leben gar nicht sein! Doch dann braut sich plötzlich ein Sturm zusammen, der das Stallzelt, in dem auch Maries Pony Happy steht, zum Einsturz bringt. Ein Glück, dass sich die erschreckten Pferde in letzter Sekunde retten können. Nun geht das Abenteuer aber erst richtig los, denn die Tiere haben sich im nahegelegenen Wald in Sicherheit gebracht – und bei der Suche nach Happy und den anderen wartet auf Marie und ihre Freunde mehr als nur eine Überraschung.

„Ein Pony für alle Fälle“: Die witzige, warmherzige Pferdebuch-Reihe über eine außergewöhnliche Freundschaft.

Über die Autorin:

Andrea Wandel hat drei Kinder (zwei Mädchen und einen Jungen), drei Pferde (einen Araber, einen Trakehner und ein New Forest Pony), einen Mann (einen Ostwestfalen), einen Hund und eine Katze. Nachdem sie lange als Musikjournalistin rund um die Welt geflogen ist, um Rockbands zu interviewen, lebt sie heute in Oberbayern.

Bei jumpbooks veröffentlicht sie auch:

Ein Freund für Marie

Marie im Reitfieber

Turnierstress für Marie

Happys größter Sprung

Marie und der Pferdeflüsterer

Riesenzirkus um Happy

Schwere Zeiten für Marie

Schwere Zeiten für Marie

Panik vor dem Reitabzeichen

Weihnachten mit Hindernissen

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eBook-Neuausgabe Juni 2017

Copyright © der Originalausgabe 2007 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2017 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: © Tanja Winkler, Weichs

Titelbildabbildung: © Rita Kochmarjova (fotolia.com)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (sh)

ISBN 978-3-96053-214-9

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Andrea Wandel

Rette die Ponys, Marie

Ein Pony für alle Fälle – Band 10

jumpbooks

Kapitel 1
Riders on the Storm

»Man könnte meinen, wir gehen auf eine Weltreise.«

Agnes schmeißt die Heckklappe unseres alten Kombis zu und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

»Ich frage mich, warum man immer so viel mitnehmen muss.«

»Pferde sind halt große Tiere«, sage ich und klettere mit dem gefüllten Heunetz in den Hänger. »Ich meine natürlich Ponys«, korrigiere ich mich dann.

Ich hüpfe aus dem Hänger und laufe in den Stall. Irgendwann werde ich auch mit Großpferden auf Turniere fahren. Doch das hat noch Zeit, und bis es so weit ist, werde ich die bayerischen Turnierplätze mit meinem New-Forest-Pony Happy unsicher machen. Es wiehert schon ganz aufgeregt, als ich in den Stall komme und das Halfter vom Haken nehme. Happy weiß immer ganz genau, wann es aufs Turnier geht.

Und ich könnte schwören, dass es ihr genauso viel Spaß macht wie mir!

»Mensch, Happy«, sage ich und öffne die Boxentür. »Drei Tage Turnier, nur mit Agnes und Anna. Was Besseres kann es doch gar nicht geben.«

Happy schnaubt leise und stupst mich an. Ich gebe ihr ein Leckerli und ziehe ihr das Halfter über den Kopf. Dann führe ich sie auf die Stallgasse, striegele schnell noch einmal über ihr glänzendes braunes Fell und bringe sie auf den Hof. Dort warten schon Anna und Agnes auf uns. Normalerweise begleitet Jo mich ja immer auf Turniere, doch da momentan so viele Berittpferde bei uns auf der Moosmühle stehen, ist Ma froh, wenn sie ihren Lehrling auf dem Hof behalten darf.

Die arme Agnes hat sich ellenlange Vorträge darüber anhören müssen, worauf sie achten muss, weil sie noch nie über Nacht mit mir weg war. Typisch Mutter. Immer muss sie sich Sorgen machen. Gut, dass sie gerade wieder mit einem Kunden unterwegs ist, um sich Pferde anzugucken. Sonst würden wir wahrscheinlich überhaupt nicht vom Hof kommen. Noch besser finde ich, dass sie Vitus mitgenommen hat. Der hat ganz schön gemeckert, als er erfahren hat, dass er nicht mit uns kommen darf. Aber da mein kleiner Bruder immer für eine Überraschung gut ist, hat Ma es diesmal nicht drauf ankommen lassen wollen. Wahrscheinlich glaubt sie, dass Agnes bei ihrem ersten Turniertrip über mehrere Tage schon genug um die Ohren haben wird. Mir kann es nur recht sein. Ich wage gar nicht daran zu denken, was er sich wieder alles hätte einfallen lassen, um mir und Anna das Leben schwer zu machen.

Aber damit nicht genug: Ma hat sich auch noch in den Kopf gesetzt, dass unsere Familie bald auf einer Pferdemesse auftreten soll. Paps war völlig entsetzt, aber Ma meinte, das wäre eine gute Publicity für die Moosmühle. Publicity! Das muss man sich mal vorstellen. Ich bin immer wieder erstaunt, auf was für seltsame Gedanken Ma kommt. Jedenfalls sollen wir verschiedene Reitweisen repräsentieren und zeigen, was man mit Pferden und Ponys alles machen kann. Ich und Happy zeigen natürlich das Springreiten, Ma reitet mit ihrem Spitzenpferd Goldfinger ein paar anspruchsvolle Dressurlektionen. Und mein kleiner Bruder soll mit seinem Pony Fleck einige von den Zirkuslektionen vorführen, die er mit Fleck damals extra für Oma Ottis Geburtstag einstudiert hat. Wie gut, dass wir diesmal auf unseren französischen Riesenesel M. Hulot verzichten, der einen mit seinem Dickkopf ganz schön fertig machen kann. Wir wissen nur noch nicht, was Paps macht. Aber Ma meint, dass er unbedingt mitmachen muss und sie sich schon etwas für ihn einfallen lassen wird. Ich bin wirklich gespannt!

Aber jetzt kommt erst einmal das Turnier, auf das ich so lange gewartet habe. Ich binde Happy im Hänger an und lasse mich fröhlich summend in den Beifahrersitz unseres alten Kombis fallen. Behaglich lehne ich mich zurück. Drei Tage auf einem Turnier! Das ist noch besser als Urlaub.

»Na, dann kann’s ja endlich losgehen.«

Agnes startet den Motor an und lenkt den Kombi mitsamt Pferdehänger hintendran vom Hof. Happy wiehert laut. Das macht sie jedes Mal, wenn wir die Moosmühle verlassen. Wahrscheinlich ist das ihre Art, sich von den anderen Pferden zu verabschieden. Die Fohlen auf der Weide am Haus kommen ganz aufgeregt angelaufen und galoppieren mit flatternden Schweifen neben uns her, während ihre Mütter gemütlich weitergrasen.

»Wie lange fahren wir eigentlich?«, fragt Anna, die es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht hat. »Anderthalb Stunden bestimmt«, sagt Agnes.

»So lange?«

»Was denkst denn du?« Agnes guckt sie im Rückspiegel an. »Bis nach Deggendorf sind es bestimmt hundert Kilometer von uns aus. Das ist ja schon Bayerischer Wald.«

»Ach je, schon wieder so ein Provinzturnier«, jammert Anna mit gekünstelter Stimme und pustet sich eine nicht vorhandene Haarsträhne aus dem Gesicht.

Ich muss lachen. Anna kann meine Erzfeindin Irina wirklich haargenau imitieren. Und seitdem Irina mal im Ausland starten durfte, kann ich mir immer wieder von ihr anhören, dass sie in der großen weiten Welt unterwegs ist, während ich über die Dörfer fahre.

»Wo ist Madame denn dieses Wochenende?«, fragt Anna spöttisch. »Paris? London? Oder New York?«

»Nix da«, sage ich und verziehe das Gesicht. »Irina ist leider auch in Deggendorf. Jill kommt, um sich ein paar Prüfungen anzusehen. Das lässt sie sich natürlich nicht nehmen.«

Jill ist die neue Trainerin des oberbayerischen Kaders der Ponyspringreiter, dem sowohl Irina als auch ich angehören. Wenn sie auf einem Turnier auftaucht, ist man besser auch da. Schließlich möchte man ja auch weiter zum Kader gehören. Obwohl Irina natürlich behauptet, dass sie das eigentlich gar nicht mehr nötig hat.

»Wie wäre es mit ein bisschen Musik?«, fragt Anna von hinten.

Ich beuge mich vor und stelle das Radio an. Gerade laufen die Nachrichten.

»Och, schon wieder dieses blöde Gequatsche«, mosert Anna. »Schade, dass wir keine CD hören können.«

Ich pruste los. Unser Kombi ist so alt, dass er wahrscheinlich schon lange vor der Erfindung des CD-Players gebaut wurde. Wir können froh sein, dass er überhaupt ein Radio hat.

»Seid mal leise«, sagt Agnes und stellt das Radio lauter.

»… bis hin zu Orkanböen über dem Bayerisch …«, knistert es, dann hören wir nur noch ein Rauschen. Agnes versucht den Sender neu einzustellen. »Das waren die Nachrichten. Durch das weitere Programm führt sie …« Agnes stellt das Radio aus.

»Orkanböen?«, frage ich und gucke sie unsicher an. »Wo denn?«

»Keine Ahnung.« Agnes schiebt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Hat sich fast so angehört, als hätte er ›Bayerischer Wald‹ sagen wollen.«

»Oh weh«, stöhne ich. »Wie gut, dass Ma nichts davon weiß. Sonst hätte sie uns bestimmt nicht fahren lassen.«

»Jetzt habt euch doch nicht so«, sagt Anna. »Vielleicht ist es ja auch ganz woanders. Wir haben doch gar nicht richtig gehört, was er gesagt hat. Und außerdem …«

Sie klopft mir auf die Schulter.

»Außerdem ist es doch total spannend. Sturm im Bayerischen Wald. Und wir mittendrin. Mann, fast wie im Film.«

Ich verdrehe die Augen. Anna ist an sich ein sehr vernünftiger Mensch, aber wenn es um Abenteuer geht, ist sie einfach nicht zu halten.

»Mach dir keine Sorgen, Marie«, höre ich Agnes neben mir sagen. Unsere rundliche Pferdepflegerin mit den wirren roten Haaren guckt mich freundlich von der Seite an. »Auf dem Turnierplatz sind wir gut untergebracht, und wenn es zu stürmisch wird, dann übernachten wir eben im Stall und nicht im Zelt.«

»Gute Idee«, lacht Anna. »Sonst fliegt noch das Zelt weg. Und wir gleich mit.«

»Toller Witz«, murmele ich und drehe schnell das Radio lauter, damit ich mir nicht noch mehr davon anhören muss. Gerade läuft ein Titel, der mindestens hundert Jahre alt sein muss. Langweilig. Ich beuge mich vor und will einen neuen Sender suchen. »Lass mal«, sagt Agnes. »Das ist gut.«

»Echt?«

Ich gucke sie fassungslos an.

»Was soll das denn sein? Das hört sich an, als würde jemand gerade seine Instrumente stimmen.«

»Meine Güte, Kind, das sind die Doors. Kennst du die etwa nicht?«

Agnes schüttelt den Kopf.

»Diese Jugend von heute. Von nichts eine Ahnung. Die Doors sind eine der größten Bands, die jemals existiert haben.«

Entsetzt lausche ich dem düsteren Gejohle, das aus unserem alten Radio wabert. Eine der größten Bands, die jemals existiert haben? Na, ich weiß nicht.

»Was knödelt der Typ da?«, fragt Anna kichernd.

»Der Typ knödelt nicht, sondern er singt«, korrigiert Agnes sie bestimmt. »Und er singt ›Riders on the Storm‹. Das ist nämlich der Titel des Liedes.«

»Riders on the Storm«, wiederholt Anna kichernd. »Reiter – wie? Auf dem Sturm? Na, wenn das mal kein böses Omen ist.«

»Anna, bitte«, flehe ich. »Lass die Witze. Ich bin eh schon völlig runter mit den Nerven.«

»Ach komm schon, jetzt mach dir doch nicht in die Hosen, Marie. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Aber kein Wunder, dass du auf komische Gedanken kommst – bei dem Sound.«

»Tststs«, sagt Agnes und guckt uns streng an. »Von nichts eine Ahnung, aber große Klappe. Ein bisschen mehr Kultur könnte euch nicht schaden.«

Ich lache laut los. Agnes ist wirklich zu komisch in der Rolle der gestrengen Lehrerin. Aber Anna hat recht. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Alles, was zählt, ist das Turnier. Heute Nachmittag geht es schon los mit einem Pony-L-Springen, in dem natürlich auch Irina mit ihrem Challenger startet. Hoffentlich sind Happy und ich besser als die beiden!

Nach gut anderthalb Stunden Fahrt sind wir auf dem großen Turnierplatz angekommen. Ich liebe dieses kribbelnde Gefühl, das ich immer im Bauch habe, wenn ich die vielen Pferde, Ponys und Menschen sehe, die überall herumwuseln. Von diesem Anblick kann ich nie genug kriegen!

»Wollen wir erst Happy ausladen und dann zur Meldestelle gehen?«, schlage ich vor.

»Gute Idee«, sagt Agnes. »Dann findet ihr bei der Gelegenheit auch gleich heraus, in welche Box sie kommt, und ich führe sie solange herum. Es wird ihr sicher gut tun, wenn sie sich ein bisschen die Beine vertreten kann.«

Während Anna und Agnes die Hängerklappe öffnen, schlüpfe ich zu Happy und löse ihren Strick.

»Okay, Mädchen«, flüstere ich. »Es ist wieder so weit.«

Happy stapft entschlossenen Schrittes rückwärts die Hängerklappe runter und guckt sich mit leuchtenden Augen auf dem Parkplatz um. Ich klopfe ihr schnell noch einmal den Hals und drücke Agnes dann den Führstrick in die Hand.

»Los, Anna, auf zur Meldestelle.«

Fröhlich laufen wir über den Turnierplatz und folgen den Schildern, bis wir an der Meldestelle angekommen sind. Vor dem kleinen Häuschen steht schon eine ganze Reihe von Leuten.

»Dass das immer so lange dauern muss«, quengelt Anna und wippt ungeduldig mit dem Fuß. »Immer dieser blöde Papierkram.«

Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis wir überhaupt drin sind. Vor uns sind immer noch vier Leute.

»Prüfung Nummer 17«, sagt die Frau, die gerade dran ist. »Anneliese Blum auf Crazy Bird.«

»Prüfung Nummer 17«, wiederholt der ältere Mann hinter dem Computer und guckt angestrengt auf den Bildschirm. Nach ein paar Sekunden tippt er etwas auf der Tastatur ein. »Blum, Anneliese auf Crazy Bird. Alles klar.«

Die Frau bedankt sich und geht hinaus. Bewundernd starre ich ihr nach.

»Hast du gesehen, Anna?«, flüstere ich, als sie die Tür hinter sich geschlossen hat. »Das war Anneliese Blum.«

»Das war ja nicht zu überhören«, sagt Anna und gähnt laut. »Na und?«

»Mensch, Anna. Die bekannte Springreiterin. Prüfung Nummer 17 ist das S-Springen morgen Nachmittag. Das müssen wir uns unbedingt ansehen.«

»Von mir aus«, sagt Anna. »Vorausgesetzt, wir sind dann endlich hier raus. Das dauert ja mal wieder heute.«

Anna hat recht. Ich bin auch schon ganz ungeduldig. Endlich ist es so weit, und wir stehen vor dem älteren Herrn, der derart mit seiner Tastatur beschäftigt ist, dass er uns erst gar nicht bemerkt. Dann hebt er den Kopf und guckt uns fragend an.

»Leopold, Marie«, sage ich. »Prüfung Nummer acht.«

Der Mann guckt auf den Bildschirm.

»Leopold, Marie. Kleinen Moment. Ah, da haben wir es ja. Prüfung Nummer acht. Auf Happy. Alles in Ordnung.« Er tippt wieder auf der Tastatur herum.

»Und wegen der Box«, sage ich.

»Box?«

Er hebt den Kopf.

»Ja, die Box für mein Pony. In welchem Stallgebäude ist sie denn?«

»Stallgebäude?«

»Na ja, also, äh, wohin soll ich sie denn nun bringen?«

»Tja.« Der Mann nimmt die Brille ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Hier drinnen ist es aber auch ganz schön heiß. »Es ist so, die Boxen in den Stallgebäuden sind bereits belegt.«

»Belegt?«, rufe ich entsetzt. »Aber das kann nicht sein. Wir haben extra eine Box reserviert. Oder soll mein Pony etwa im Hänger übernachten?«

»Natürlich nicht«, sagt der Mann und lächelt mich beruhigend an. »Wir haben auf der großen Wiese hinter der Reithalle ein Stallzelt aufgebaut. Da kannst du dein Pony unterbringen. Du hast die Box Nummer 28.«

»Danke«, murmele ich erleichtert und verlasse mit Anna im Schlepptau die Meldestelle. Fast hatte ich schon Angst gehabt, dass Happy nirgendwo unterkommt und wir wieder nach Hause fahren müssen. Ich weiß auch nicht warum, aber vor einem Turnier bin ich immer so angespannt, dass ich auf die seltsamsten Gedanken komme.

Kapitel 2
Es braut sich was zusammen

»Gott sei Dank sind wir endlich fertig«, stöhnt Anna, als wir wieder draußen sind. »Da drinnen war so eine Hitze, dass ich es fast nicht mehr ausgehalten hätte. Obwohl es hier draußen auch nicht viel besser ist.«

Tatsächlich brennt die Sonne schon mit voller Kraft, obwohl es noch gar nicht Mittag ist.

»Riders an the Storm«, singt Anna mit tiefer Stimme. »Von Sturm merke ich jedenfalls nichts. Ist echt nicht auszuhalten, was für einen Quatsch die immer im Radio erzählen.«

»Also, wenn es nach mir geht, dann bin ich ganz froh, dass es so ist. Lieber zu heiß, als weggeweht zu werden.«

Ich hake mich bei Anna unter und gehe mit ihr zurück zum Parkplatz, wo Agnes mit der mampfenden Happy steht.

»Happy steht drüben im Stallzelt«, rufe ich Agnes zu. »Box Nummer 28. Ich würde vorschlagen, wir bringen sie erst hin und bauen dann unser Zelt auf.«

Ich packe Happys Führstrick und gehe mit ihr um die riesige Reithalle herum zu dem Stallzelt. Anna und Agnes folgen mir mit Happys Sachen. Wie überall auf dem Turnierplatz herrscht auch im Stallzelt ein reges Treiben. Ponys und Pferde werden rein- und rausgeführt, geputzt, abgesattelt oder für die nächsten Prüfungen hergerichtet. Ich werfe einen Blick auf die Nummern an den Boxen und bleibe schließlich an der Tür mit der Nummer 28 stehen.

»Hier ist es«, sage ich und führe Happy hinein.

Die Box ist frisch eingestreut, und mein Pony macht sich sofort über den riesigen Berg Heu her. Agnes stellt den Eimer mit den Putzsachen ab und wirft einen kritischen Blick in die Box.

»Was hast du denn?«, frage ich. »Sieht doch alles okay aus.«

»Ich weiß nicht.« Agnes legt die Stirn in tiefe Falten. »Ich habe so ein ungutes Gefühl.«

»Ein ungutes Gefühl?« Manchmal kann Agnes einen mit ihrem esoterischen Tick wirklich nervös machen! »Was meinst du denn damit? Was stimmt denn nicht mit der Box?«

»Nicht mit der Box an sich«, sagt Agnes und guckt sich um. »Ich habe dieses Gefühl, seitdem wir dieses Stallzelt betreten haben.«

»Huhu«, sagt Anna mit tiefer Stimme, »das klingt ja richtig gespenstisch. Wie in einem Gruselfilm.«

»Anna, bitte hör auf!«, flehe ich. »Das ist überhaupt nicht lustig. Agnes, jetzt sag schon, was los ist.«

Agnes guckt mich beleidigt an. Nicht, dass die Gute keinen Humor hätte, aber wenn jemand über ihre Ahnungen Witze macht, kann sie ganz schön eingeschnappt sein.

»Ich habe nur gesagt, dass ich kein gutes Gefühl in diesem Stallzelt habe, und damit basta!«

Wütend dreht sie sich auf dem Absatz um und stampft aus dem Stallzelt. Ich gucke Anna an.

»Was meint sie denn bloß damit?«

»Ach, jetzt hör doch nicht auf den Unsinn«, sagt Anna. »Agnes ist echt super, aber deshalb muss man ja ihren Eso-Kram nicht glauben. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass sie in diesem Zelt kein gutes Gefühl hat, so heiß, wie es hier ist. Wir sollten Happy lieber schnell einen Eimer Wasser holen, sonst verdurstet sie noch.«

»Okay.« Ich schütte das Putzzeug aus dem Eimer und gehe damit zu dem Wasserschlauch vor dem Zelt. Anna hat recht. Ich sollte mich von Agnes wirklich nicht verrückt machen lassen, schließlich habe ich mich schon seit Wochen auf dieses Turnier gefreut.

Und es dauert auch gar nicht mehr lange, bis es endlich losgeht! Schon wenig später sattele ich Happy und reite mit ihr zum Abreiteplatz, um uns für das A-Springen aufzuwärmen. Nachdem wir einige Probesprünge zu meiner Zufriedenheit absolviert haben, lasse ich Happy die Zügel lang und lasse sie Schritt gehen, bis wir endlich dran sind. Mein Herz macht einen freudigen Hüpfer, als ich in den Parcours gerufen werde. Wie immer beim Einreiten bin ich plötzlich ganz ruhig und konzentriere mich nur noch auf Happy und die Sprünge. Ich halte vor dem Richterwagen an und grüße.

»Der nächste Starter ist die Nummer 94, Marie Leopold auf Happy«, dröhnt es aus dem Lautsprecher.

Das Glöckchen klingelt. Ich galoppiere an. Happy spitzt die Ohren, als vor uns das erste Hindernis auftaucht. Sie nimmt die Beine dicht an den Bauch und segelt mit einem Riesensatz darüber. Oha. Heute ist mein Pony aber besonders ehrgeizig!

Ich nehme die Zügel etwas kürzer und reite links in die Wendung. Jetzt die Distanz aus einem Steilsprung und einem Oxer. Erst der Steilsprung. Hopp! Und drüber. Vier Galoppsprünge bis zum nächsten Hindernis, dem Oxer. Eins. Zwei. Drei. Vier. Los! Happy fliegt förmlich über den Sprung und landet weich auf der anderen Seite.

Weiter geht es nach rechts über einen Steilsprung aus Planken. Da muss ich vorsichtig sein, die Planken liegen nämlich nicht so fest auf wie die Stangen und fallen deshalb viel schneller runter.

Doch ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Happy springt so hoch, dass mindestens ein halber Meter Platz zwischen ihr und dem Hindernis ist. Offensichtlich möchte sie heute auf gar keinen Fall einen Fehler machen. Dann die zweifache Kombination. Ich nehme das Tempo etwas zurück, damit Happy nicht zu flach wird. Und rüber! Ein Galoppsprung. Und noch einmal! Dann in die Linkswendung, der Oxer mit den großen Blumentöpfen links und rechts. Früher hätte Happy so etwas verunsichert, doch mittlerweile ist sie ein echter Profi und springt, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken, darüber.

Weiter geht’s. Jetzt noch der Steilsprung. Locker. Und dann galoppieren wir auch schon durchs Ziel.

Als ich aus dem Parcours reite, knistert es im Lautsprecher.

»Die Startnummer 94 erhält die Wertnote 8,5 und übernimmt damit die Führung.«

Wow! 8,5. Das geht ja gut los. Und dabei ist es erst die erste Prüfung von fünf, die ich für dieses Wochenende genannt habe.

»Hi Marie, that was great!«

Am Ausgang kommt mir unsere Kadertrainerin Jill entgegen und klopft mir anerkennend auf den Oberschenkel.

»Ihr wart natürlich beide very good«, sagt sie dann und streichelt Happys Hals, der ein bisschen verschwitzt ist. »Good pony.«

»Danke, Jill«, sage ich und gucke mich um. Ob Irina hier vielleicht irgendwo rumläuft? Es würde ihr bestimmt stinken, wenn sie hören würde, dass Jill mich so über den grünen Klee lobt. Aber ich kann sie nirgendwo entdecken. Sie hat den Wettbewerb nicht genannt, weil es ja »nur« ein A-Springen ist und sie alles, was nicht mindestens L ist, für unter ihrer Würde hält. Na ja, ich werde noch früh genug in den »Genuss« ihrer Gesellschaft kommen.

Jill gibt mir schnell noch ein paar Tipps für das Pony-L-Springen am nächsten Morgen und verschwindet dann wieder in der Menge.

Ich frage mich nur, wo Anna bleibt. Normalerweise steht sie doch immer am Ausgang des Parcours und wartet auf mich. Nachdem ich einige Runden im Schritt am langen Zügel auf dem Abreiteplatz geritten bin, kommt sie endlich angelaufen.

»Wo warst du?«, frage ich.

»Das glaubst du nie«, sagt sie und guckt mich finster an. »Ich wollte nur kurz zurücklaufen, um die Fliegendecke zu holen, als Agnes mich gepackt und einen neuen Platz für das Zelt mit mir gesucht hat.«

»Hä? Warum das denn?«

Eigentlich hatten wir das Zelt doch schon aufgebaut.

»Weil Agnes der Meinung ist, dass der alte Platz nicht in Ordnung ist und wir deshalb … Ach, was weiß denn ich! Wahrscheinlich macht sie Feng Shui oder so etwas.«

Ich starre Anna fassungslos an. »Feng was?«

»Feng Shui heißt das. Kommt aus China, meine ich, und hat irgendwas mit der Gestaltung von Räumen zu tun, so von wegen Lebensenergie und so. Da ist es dann ganz wichtig, wie man alles hinstellt. Bloß nicht das Sofa mit dem Rücken zur Tür und so weiter. Weil das angeblich krank macht. Oder wenigstens schlechte Laune.«

Es erstaunt mich immer wieder, was Anna so alles weiß. Zu Fasching könnte sie gut mal als Lexikon gehen. Das Hin und Her mit dem Zelt allerdings verstehe ich immer noch nicht.

Anna zuckt mit den Schultern.

»Agnes ist einfach total von der Rolle! Sie glaubt, uns droht was. Ein Unglück oder so. Sie wittert überall ein böses Omen. Manchmal kann sie einen echt irremachen.«

»Wie gut, dass Ma davon nichts weiß«, stöhne ich. »Die kann überhaupt nicht auf so einen abergläubischen Kram. Die würde mich bestimmt nie mehr mit Agnes auf Tour schicken.«

»Wir müssen ihr ja nichts davon sagen«, beruhigt mich Anna und wirft einen Blick auf die Tafel mit den Noten. »Nur noch zwei Starter, und bis jetzt bist du die Beste. Du gewinnst bestimmt.«

»Meinst du?«

»Na klar. Mit einer 8,5 bist du so gut wie unschlagbar.«

Glaubt Anna. Aber diesmal irrt sie sich. Ausgerechnet die letzte Starterin, ein Mädchen aus Schwaben, legt so einen super Ritt hin, dass sie am Ende eine 8,7 dafür kassiert. Ein bisschen schade ist es schon, obwohl ich mich natürlich auch über den zweiten Platz freue und es mit Happy bei der Ehrenrunde so richtig krachen lasse. Als die Musik aufhört, kann ich sie kaum wieder zum Trab durchparieren, so schnell rennt sie. Und als ich zum Ausgang reite, tänzelt sie wie ein nervöses Rennpferd, das in die Startbox gehen soll. Anna wirft ihr die Fliegendecke über die Kruppe und packt sie am Zügel.

»Hoho«, sagt sie. »Du musst dir deine Kräfte noch sparen, Happy. Das Turnier fängt ja erst an.«

»Und wie es anfängt«, grinse ich und rutsche aus dem Sattel. »So könnte es von mir aus das ganze Wochenende weitergehen.«

Bester Laune gehen wir zu unserem Zeltplatz, oder sagen wir besser: zu unserem neuen Zeltplatz. Wir wohnen nämlich jetzt mitten auf einer Wiese.

Agnes steckt den Kopf zwischen den Zeltbahnen hindurch und krabbelt heraus, als sie uns kommen sieht.

»Ach Marie, es tut mir leid, dass ich dich nicht habe reiten sehen.« Sie klopft sich die Hose ab. »Aber morgen früh gucke ich dir ganz bestimmt zu. Es ist nur so, dass …«

Sie sieht sich zweifelnd um, die Stirn in steilen Falten, und seufzt aus tiefstem Herzen.

»Ach, was soll ich sagen. Hier scheint mir jedenfalls ein besserer Platz zu sein als dort unter den Bäumen.«

»Schade eigentlich«, sagt Anna. »Ich fand es dort so gemütlich. Ich hatte mir schon vorgestellt, wie ich nachts im Bett liege und die Bäume rauschen höre. Und morgens die schönen Lichter, wenn die Sonne auf die Blätter scheint.«

»Also, ich finde es hier auch sehr schön«, sage ich, als ich Agnes’ gereizten Gesichtsausdruck bemerke. Im Grunde ist es mir nämlich völlig egal, wo unser Zelt steht. In diesen Dingen bin ich ziemlich unkompliziert: Hauptsache, es wird ein gutes Turnier. Und das wird es garantiert nicht, wenn Agnes und Anna sich jetzt schon in die Wolle kriegen. Deshalb bitte ich Anna, mir beim Absatteln zu helfen, und gehe mit ihr und Happy ins Stallzelt. Die ganze Sache gehört einfach ein wenig entzerrt.

»Diese Agnes!«, mosert Anna. »Wer weiß, was sie sich noch alles einfallen lässt. Stellt unser Zelt mitten auf die Wiese. Weißt du, wie heiß es da drin wird, wenn den ganzen Tag die Sonne draufscheint? Der reinste Backofen. Zweihundert Grad mit Grillfunktion.«

»Ist doch egal«, versuche ich sie zu beruhigen. »Lassen wir Agnes einfach ihren Willen. Und vor heute Abend kommen wir ohnehin nicht ins Zelt. Warum regst du dich also so auf?«

»Weil, weil …« Anna tritt vor einen großen Kieselstein, der vor uns auf dem Weg liegt. »Ach, was weiß ich. Keine Ahnung. Vielleicht weil Agnes sich ihrer Sache immer so verdammt sicher ist. Dabei ist das doch alles Hokuspokus, womit sie sich so befasst.«

»Das liegt nur daran, dass du Skorpion bist«, kichere ich. »Die sind immer so skeptisch.«

»Oh Marie!«, stöhnt Anna und hält sich die Ohren zu. »Jetzt komm mir nicht mit Sternzeichen! Hör wenigstens du mit dem Quatsch auf, sonst werde ich noch ganz verrückt.«

»Schon gut!« Ich lege beruhigend meine Hand auf Annas Schulter. »War nur ein kleiner Witz. Ich möchte doch bloß, dass wir unseren Spaß hier haben, verstehst du? Lassen wir Agnes also einfach ihren Willen.«

»Klar verstehe ich das. Dann lass uns Happy fertig machen und ein wenig über den Turnierplatz laufen. Vielleicht treffen wir ja jemanden.«

Tatsächlich treffen wir jemanden im Stallzelt. Besonders glücklich bin ich darüber allerdings nicht.

Happy hat nämlich einen neuen Nachbarn bekommen.

Challenger! Ausgerechnet!

Geschniegelt wie immer steht Irinas Fuchswallach in der Box. Sein Fell glänzt, als hätte ihn Hartwig Etzel, Irinas etwas schmieriger Vater, mit der eigenen Pomade eingerieben.

Und da ist natürlich auch schon Irina! Aufgetupft wie eh und je steht sie da: pinkfarbenes Blouson, reichlich Schminke. Sauertöpfisch diskutiert sie mit einem jungen Mann, der offenbar für das Stallzelt verantwortlich ist. Ehrlich gesagt, sie herrscht ihn ganz schön an.

»Und das nennen Sie Einstreu? Das ist ja wohl ein Witz! Es ist schon schlimm genug, dass wir keinen Platz mehr im Stall bekommen haben und mein Pony jetzt in diesem grässlichen Zelt stehen muss. Sie bringen mir besser schnell noch einen Ballen Stroh und Heu, sonst kommt mein Vater. Und der kann verdammt unangenehm werden.«

Der junge Mann nickt grimmig und geht davon. Er macht ein ganz schön finsteres Gesicht. Aber das kann ich gut verstehen. Mir würde es auch stinken, wenn man mich vor allen Leuten so zusammenstauchen würde!

Anna und ich werfen uns einen Blick zu und verziehen das Gesicht. Irina ist wirklich unausstehlich!

»Jetzt sag nicht, dass dein Zottelpony neben Challenger steht.« Irina mustert mich kühl.

»Na und, was dagegen?«, fragt Anna und stellt sich vor Happy und mich.

»Und ob«, sagt Irina und ruckt an Challengers Strick, als der nervöse Fuchswallach einen Satz nach hinten macht. »Das heißt ja, dass ich euch die ganze Zeit über den Weg laufe.«

»Keine Sorge«, sage ich und gucke sie finster an. »Wir müssen ganz bestimmt nicht mit dir reden. Oder glaubst du, wir haben uns das ausgesucht?«

Bestimmt wäre Irina noch eine Antwort eingefallen, aber da kommt schon wieder der junge Mann mit einem Ballen Stroh.

»Danke«, keift Irina, und selbst das klingt noch wie ein Vorwurf.

Anna und ich drehen ihr den Rücken zu, satteln Happy ab und bringen sie in die Box. Dann verdrücken wir uns schnell, um uns Irinas Gemecker nicht länger anhören zu müssen.

Kapitel 3
Wo ist Happy?

Draußen weht ein angenehm frischer Wind.

»Puh«, sage ich. »Endlich mal Luft. Es war ja nicht mehr auszuhalten in der Hitze.«

Anna nickt und hakt sich bei mir ein. Wir gehen zum Zelt, wo Agnes gerade damit beschäftigt ist, die Haken noch tiefer in den Boden zu schlagen. Ich würde nur zu gerne wissen, was sie eigentlich hat.

»Ach, da seid ihr beiden ja.«

Agnes richtet sich auf und lässt den Hammer ins Gras fallen.

»Ich hoffe nur, dass das Ding hält.«

»Warum denn nicht?«, frage ich. »Ich habe schon zig-mal in dem Zelt geschlafen, und es hat gehalten.« Agnes hebt den Kopf und guckt zum Himmel. »Also wenn ihr mich fragt, da hinten braut sich was zusammen.«

Ich folge ihrem Blick. Tatsächlich! Hinten am Horizont ziehen tintenschwarze Wolken auf.

»Ach, die sind doch weit weg. Außerdem treibt es sie bestimmt in eine andere Richtung.«

Agnes steckt den Zeigefinger in den Mund und hält ihn dann wie ein echter Pfadfinder in die Luft.

»Glaube ich nicht. Der Wind bläst so, dass sie genau auf uns zukommen müssten.«

Ich gucke Anna an. Langsam macht Agnes mich wirklich nervös.

»Warten wir es doch einfach ab«, sagt Anna. »Wenn wirklich ein Sturm kommt, können wir uns ja solange im Auto verkriechen.«

»Wir schon«, sagt Agnes. »Aber Happy nicht. Wir können sie ja schlecht die ganze Nacht in den Hänger stellen.«

»Na und?« Anna klingt jetzt ziemlich genervt. »In ihrer Box ist sie doch sicher. Sie hat ein Dach über dem Kopf und steht bis zum Bauch im Stroh. Ich weiß überhaupt nicht, was das alles soll!«

Trotzdem: Bis zur Dämmerung behalte ich den unruhigen Himmel jetzt im Blick, ganz gleich, was Anna sagt. Das sind nämlich ganz schön dicke Wolken, die da aufziehen. Und der Wind lässt auch nicht gerade nach. Da und dort treibt er ziemlich ruppig einen herrenlosen Pappbecher oder eine Serviette über die Wiese.

Die Stimmung ist übrigens im Eimer. Ziemlich wortlos stapfen wir zur Abendessenzeit zum Turnierplatz hinüber, und als Agnes einen kritischen Blick auf Annas fetttriefende Leberkässemmel wirft, sehe ich die Streitlust in Annas Augen schon blinken.

»Hmmm«, mache ich schnell und werfe Agnes, die sich natürlich mit einem Salat begnügt hat, einen warnenden Blick zu. »Sieht aber schwer lecker aus, dein Leberkäse!«

Dann beiße ich mit Genießermiene in meine knallrote Wurst. Die voller Farbstoff steckt, keine Frage.

Nach dem Essen treiben wir uns noch ein wenig auf dem Platz herum, bis es Zeit ist, schlafen zu gehen. Der Wind ist noch einmal stärker geworden, finde ich. Vom Catering weht Musik über den Platz. Aber ich schaue mit Anna lieber noch im Stallzelt bei Happy vorbei.

Die Gute mümmelt genüsslich ihr Heu und ist wohl selbst in Feierabendlaune. Ich kraule ihr noch ein bisschen die Stirnlocke.

Mann!, denke ich. Der Wind reißt aber ganz schön an der Plane. Sie knattert ja richtig. Ich werfe einen zweifelnden Blick zum Zeltdach hinauf. Viele Rohre, alles Eisen. Sieht stabil aus. Wird schon gut gehen.

»Komm, Anna!«, sage ich und gebe Happy einen liebevollen Klaps. »Ab in die Heia.«

Als Anna und ich aus dem Stallzelt kommen, ist der Wind sogar noch stärker geworden. Wir ziehen die Köpfe ein und laufen so schnell wir können zu unserem Zelt.

»Da seid ihr ja endlich«, sagt Agnes, als wir ins Zelt kriechen. »Wie geht es Happy?«

»Gut.« Ich werfe Anna einen vorsichtigen Blick zu. Jetzt bloß keinen Streit! »Du musst dir wirklich keine Sorgen machen, Agnes.«

Anna verdreht die Augen und kuschelt sich so tief in ihren Schlafsack, dass man nur noch ihre Haare sieht. Da auch mir die Lust auf Reden gründlich vergangen ist, schließe ich die Augen und denke an das Turnier. Ein A- und ein Pony-L-Springen habe ich für morgen genannt. Wenn Happy so gut drauf ist wie heute, dann könnten wir Irina und Challenger vielleicht sogar schlagen. Es wäre ja schließlich nicht das erste Mal!

Bei diesem Gedanken verfliegt meine schlechte Laune sofort! Agnes und Anna werden sich bis morgen bestimmt wieder beruhigt haben. Und solange ich und Happy dieses Wochenende ordentlich Schleifen absahnen, ist mir sowieso alles egal. Zufrieden rolle ich mich auf die Seite, lausche dem Wind, der mit der Zeltbahn knistert, und dämmere langsam und genüsslich ein.

»Der nächste Starter ist die Nummer 94, Marie Leopold mit Happy.«

Ich grüße, nehme die Zügel auf und galoppiere an. Zuerst der Steilsprung. Kein Problem. Auch nicht das nächste Hindernis, ein Oxer mit roten und schwarzen Karos. Komisch, so ein Hindernis habe ich noch nie gesehen. Jetzt links in die Wendung und dann die zweifache Kombination. Ich halte den Atem an. Vor mir taucht ein riesiger Steilsprung auf. Das ist doch mindestens M-Höhe. Oder S? Oder noch mehr? Je näher ich komme, desto höher türmt sich das Ungetüm von Hindernis vor mir auf. Tatsächlich scheint es mit jedem von Happys Galoppsprüngen größer zu werden. Das schaffen wir nie! Ich nehme den rechten Zügel kürzer und versuche sie abzuwenden. Doch sie nimmt keine Notiz von mir und galoppiert einfach weiter auf das Hindernis zu. Ich nehme den Zügel noch kürzer. Keine Chance. So sehr ich mich auch bemühe, Happy rennt einfach weiter. Der Steilsprung ist mittlerweile so hoch wie ein LKW, doch mein Pony scheint kein bisschen davon beeindruckt zu sein. Ich ziehe und zerre an den Zügeln – sie nimmt einfach weiter Kurs auf das unheimliche Ding. Jetzt sind es nur noch drei Galoppsprünge. Zwei. Einer. Ich schließe die Augen und klammere mich in Happys Mähne fest. Sie macht einen Riesensatz. Aber was heißt Satz? Irgendwie fühlt es sich an, als würde gerade ein Flugzeug vom Boden abheben. Ganz seltsam. Wir steigen immer höher und höher. Wie der Wind hier oben bläst! Er pfeift mir richtig um die Ohren! Und plötzlich … ein lauter Krach! Wirklich sehr laut! Oh Gott!, schießt es mir durch den Kopf. Haben wir etwa gerissen?

»Marie! Wach endlich auf, Marie!«

Wer zieht denn da an meinem Arm? Bin ich runtergefallen? Ist das der Notarzt?

Ich öffne die Augen. Es ist nicht der Notarzt. Ich schaue in Annas besorgtes Gesicht.

»Was ist denn los?«, murmele ich und gucke mich erstaunt um. Warum liege ich denn im Zelt? »Ist das Springen schon vorbei?«

»Springen?« Anna guckt mich ratlos an. Dann erhellt sich ihr Gesicht. »Ach so, du hast geträumt. Jetzt komm mal zu dir. Der Sturm wird immer stärker. Hörst du nicht?«

»Sturm?« Ich setze mich auf und lausche. Tatsächlich! Draußen bläst ein wahnsinniger Wind. Und unser Zelt wackelt so heftig, dass ich schnell aus meinem Schlafsack krabbele.

»Wo ist Agnes?«, frage ich und schlüpfe schnell in meine Jeans.

»Sie wollte nach Happy sehen.« Anna steckt den Kopf aus dem Zelt. »Komm, wir gehen ihr nach.«

Ich bin immer noch ein bisschen benommen. Doch das ändert sich schlagartig, als ich vor dem Zelt stehe und von einem heftigen Windstoß erfasst werde. Ich muss mich an Anna festhalten, damit er mich nicht von den Füßen reißt.

»Du meine Güte«, keuche ich entsetzt. »Was ist denn das? Ein Orkan?«

Ein weißer Plastikstuhl segelt, von einer Bö erfasst, klappernd über die Wiese, als wäre er nichts weiter als ein Fetzen Papier. Dann kommt noch ein heftigerer Windstoß. Fassungslos sehe ich zu, wie unser Vorzelt von einer Bö erfasst und durch die Luft gewirbelt wird.

»Schnell, hinterher!«, ruft Anna und rennt schon los. Irgendwie sieht das komisch aus. Wenn es ein Film wäre, würde ich jetzt lachen. Aber leider ist es kein Film, sondern Wirklichkeit. Auch wenn ich nicht genau weiß, was das zu bedeuten hat.

Ich stehe wie zur Salzsäule erstarrt da und sehe zu, wie die Menschen wild durcheinanderlaufen und sich vor dem peitschenden Wind in Sicherheit bringen wollen. Zu allem Unglück fängt es jetzt auch noch an zu regnen. Zu regnen? Ach was! Wie aus Eimern schüttet es, und binnen Sekunden bin ich bis auf die Knochen durchnässt.

Plötzlich ertönt ein lauter Krach. Es klingt wie eine Explosion oder als ob ein Haus einstürzen würde. Natürlich war ich noch nie dabei, wenn ein Haus eingestürzt ist. Aber so, stelle ich mir vor, würde es klingen.

Dann, plötzlich, ein schrilles Wiehern und das Geräusch von galoppierenden Pferden. Von vielen galoppierenden Pferden. Von verdammt vielen galoppierenden Pferden. Ob irgendwo eine Herde ausgebrochen ist?

Ich sehe Anna über die Wiese stolpern, immer hinter unserem Vorzelt her und immer einen Schritt zu spät und mittlerweile patschnass.

Details

Seiten
102
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960532149
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368578
Schlagworte
eBooks Pferde Ponyhof Reiten Turnier Springreiten Freundschaft Konkurrenz Nele Neuhaus Ponyhof Apfelbluete

Autor

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Titel: Ein Pony für alle Fälle - Zehnter Roman: Rette die Ponys, Marie!