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Zauberherz

Roman

2017 156 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Emily, die junge Maskenbildnerin am Theater, hat ein Problem: Sie hält sich für unscheinbar. Und dabei hat sie sich nie mehr gewünscht, eine der graziösen Schauspielerinnen oder Ballett-Tänzerinnen zu sein – denn auf einmal sitzt der attraktive Sänger Paul bei ihr in der Maske. Er lächelt sie an … und sie bringt kaum ein Wort heraus! Als er bald darauf erste Annäherungsversuche unternimmt, kann Emily ihr Glück kaum fassen. Und ausgerechnet jetzt wirbt auch der hilfsbereite Jasper mit der niedlichen Knubbelnase plötzlich um ihre Aufmerksamkeit. So beginnt für das einstige Mauerblümchen Emily ein ganz besonderes Abenteuer voller Gefühle … und jeder Menge Überraschungen!

„Dieses wunderschön romantische Buch muss man am Herzen tragen – wo es wärmt und glücklich macht.“ Hits für Kids

Über die Autorin:

Beatrix Mannel studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Erlangen, Perugia und München und arbeitete dann zehn Jahre als Redakteurin beim Fernsehen. Danach begann sie – auch unter ihrem Pseudonym Beatrix Gurian – Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schreiben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Für ihre aufwändigen Recherchen reist sie um die ganze Welt. Außerdem gründete sie gemeinsam mit einer Kollegin 2016 die Münchner Schreibakademie.

Bei jumpbooks erschien von ihr bereits die Serie S.O.S. – Schwestern für alle Fälle mit den Einzelbänden:

Willkommen in der Chaos-Klinik
Ein Oberarzt macht Zicken
Flunkern, Flirts und Liebesfieber
Rettender Engel hilflos verliebt
Prinzen, Popstars, Wohnheimpartys

und die Jugendbuchserie Jule mit den Einzelbänden Jule – filmreif, Jule – kussecht, Jule – schwindelfrei und Jule – zartbitter.

Daneben erschienen auch bei jumpbooks die Jugendliebesromane Korallenkuss, Mittsommertraum und Zauberherz

sowie der historische Jugendroman Die Tochter des Henkers.

Die Autorin im Internet:

www.beatrix-mannel.de

www.münchner-schreibakademie.de/

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eBook-Neuausgabe November 2017

Copyright © der Originalausgabe 2003 Loewe Verlag GmbH, Bindlach

Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2017 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Look Studio

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-96053-216-3

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Beatrix Mannel

Zauberherz

Roman

jumpbooks

1.

»Beim ersten Male, da ich euch ansah,
traf mich ein Pfeil, reizende Augen,
und ich erkannte Gott Amors Kraft.«
Alcina 1,1

Ich kann mir keinen besseren Beruf vorstellen als meinen. Oder genauer gesagt: meinen zukünftigen Beruf, den ich gerade lerne.

Eigentlich lerne ich zaubern. Wenn ich in einem Jahr fertig bin, kann ich beispielsweise aus einem Menschen einen Esel machen. Oder ein Mädchen in eine Hexe verwandeln oder ein Monster zu einer atemberaubenden Schönheit werden lassen.

Ich werde Maskenbildnerin.

Wenn ich früher zu meinen Freundinnen gesagt habe, dass ich unbedingt zum Theater will, dann haben sie sich wissend zugelächelt und sich vorgestellt, dass ich applausumbrandet vor einem roten Samtvorhang stehen möchte, um huldvoll Bravorufe entgegenzunehmen.

Aber das war falsch gedacht. Denn mein Ziel war nie die Bühne, sondern die Maske hinter der Bühne. Ich wollte nie Schauspielerin werden. Wollte mich selbst nicht in etwas anderes verwandeln, sondern andere Menschen als neue Persönlichkeiten erschaffen.

So war das jedenfalls bisher.

Aber seit ich Paul kennen gelernt habe, wünsche ich mir, ich könnte jemand anders sein. Eine aufregende, schillernde, interessante Person. Seit ich Paul kenne, möchte ich nicht mehr bloß Emily Ellenbeck mit der blassen Haut und den grauen Augen sein, sondern eine dieser feinen, mager-melancholischen Ballett-Schönheiten.

Vielleicht wäre es sogar noch besser, so hübsch, witzig und schlagfertig wie meine Kollegin Lara zu sein, obwohl Lara eine Nervensäge ist. Lieber eine strahlende Nervensäge als ein blasses Nichts.

Lara ist schon seit zehn Jahren Maskenbildnerin und neben meinem Chef, Erich dem Schrecklichen, die zweite Landplage, die mir die Arbeit hier im Staatstheater Darmstadt manchmal schwer macht.

Zu Erich gehört wenigstens eine nette Sache, und zwar sein Dackel Othello, den er von Pavarotti geschenkt bekommen hat.

Angeblich.

An Lara konnte ich bis jetzt überhaupt nichts Nettes entdecken. Wo immer ihr zarter Körper auftaucht, gibt es eine Sondervorstellung.

Sie betritt einen Raum, schüttelt ihre roten Märchenlocken, verharrt kurz und – jetzt kommt’s – rollt ihre Puppenschlafaugen auf halbmast.

Schaut verträumt unter ihren zitternden Liddeckeln heraus und sagt dann irgendetwas Unmögliches.

Meistens einen Witz, oft auf meine Kosten.

Alle männlichen Wesen, die diesem Schauspiel beiwohnen dürfen, lecken sich die Lippen und überlegen, was sie tun müssten, um diese Augen dazu zu bringen, sich ganz weit zu öffnen.

Auch Paul sieht sie so an und lächelt dann.

Seit ich das zum ersten Mal beobachtet habe, verstehe ich endlich, um was es in dem Märchen vom Schneewittchen geht. Früher tat mir das arme, unschuldige Schneewittchen leid und ich konnte die böse Stiefmutter nicht begreifen. Was war denn schon dabei, dass sie nicht die Schönste war? Ich war noch nie die Schönste, also konnte ich auch nicht verstehen, wieso man deshalb gleich zur Mörderin werden muss.

Aber jetzt bin ich wie die böse Stiefmutter und hasse Schneewittchen. Ich wünsche mir Lara hinter die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Und dann käme ich gerne vorbei, um ihr eine lecker vergiftete Pizza zu servieren.

Das alles nur, weil Paul sie anlächelt.

Dabei lächelt Paul mich auch an.

Paul kann nicht anders. Er ist immer gut gelaunt und freundlich. Immer heißt, seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Und ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, unser Zusammentreffen.

Natürlich erinnere ich mich auch sehr gut daran, wann und wie ich meine früheren Freunde das erste Mal getroffen habe. Etwas zum ersten Mal zu tun, ist immer besonders. Nicht unbedingt deshalb, weil es so schön ist. Ich glaube, es ist mehr die Aufregung an sich als das, um was es geht. Deshalb merkt man sich dieses Erlebnis sogar dann, wenn es schrecklich war. Mein erster Kuss zum Beispiel war eine ziemliche Enttäuschung. Das ist allerdings schon länger her.

Dagegen war mein erstes Zusammentreffen mit Paul alles andere als eine Enttäuschung.

Paul kam damals als Letzter in die Maske. Ich durfte an diesem Abend zum ersten Mal mehr tun, als Lara assistieren.

Bisher war ich mir so vorgekommen wie eine unsichtbare OP-Schwester in einer Arztserie: »Tupfer, Zange, Schere, Quaste, Puder«, und Chefchirurgin Lara Zickler heimste den ganzen Beifall ein.

Endlich änderte sich das.

An diesem Abend durfte ich selbst Puder auf Gesichter stäuben. Natürlich nicht in jedes beliebige Gesicht.

Ich fing mit den Statisten an. Die Statisten sind in der Theaterhierarchie ganz unten und deshalb konnte ich da am wenigsten falsch machen. Erst nachdem ich mich an ihnen erfolgreich geschlagen hatte, erlaubte mir Lara erste Versuche am Herrenchor.

Der Frauenchor wäre die nächste Steigerung und irgendwann sehr viel später, gegen Ende der Ausbildung, würde ich einmal Zugang zu den Solistinnen bekommen.

Zum ersten Mal Puder auf Nasen zu stäuben, ist viel spannender, als es sich anhört. Man pudert nicht nur – man gestaltet das Gesicht. Ich war sehr aufgeregt, weil ich es gut machen und Lara beweisen wollte, wie viel ich eigentlich schon konnte.

Als die Inspizientin gerade ihre dritte Ansage durch die Lautsprecher gequäkt und mitgeteilt hatte, dass es nur noch fünf Minuten bis zur Ouvertüre seien, verabschiedete sich Lara auf eine schnelle Zigarette in die Kantine. Sie wäre natürlich nicht gegangen, wenn sie gewusst hätte, wer noch kommen würde. Deshalb war ich allein, als Paul durch die Tür stürmte.

Paul gab mir seine kräftige, warme Hand und lächelte mich so herzlich an, als wäre ich seine verschollen geglaubte Lieblingsschwester. Ich konnte gar nicht glauben, dass so viel Lächeln mir allein gelten sollte.

Aber es war ja sonst keiner da.

Er setzte sich in den Stuhl vor den Spiegel, und ich war froh, dass ich ihn aus beruflichen Gründen so genau anschauen durfte.

Muskeln modellierten sein ärmelloses T-Shirt zu einer kraftvollen Skulptur. Die Härchen auf seinen Armen blitzten immer wieder kupfergolden auf und verwirrten mich wie Irrlichter. Ich beugte mich vor, um seine hellen Augenbrauen nachzuziehen, und atmete seinen unerwartet herben, starken Geruch ein. Musste sofort zurücktreten, so überwältigt war ich.

Sein Körper strahlte eine zufriedene Hitze ab, als ob er den ganzen Tag am Meer in der Sonne gelegen hätte. Seine blauen Augen wurden mein Meer und seine blonden Haare meine Sonne.

Als er nach meinem Namen fragte, konnte ich mich kaum daran erinnern, so sehr war ich mit ihm beschäftigt.

Um wieder zu mir zu kommen, tat ich so, als müsste ich einen Pinsel mit Wasser befeuchten. Dabei ließ ich mir etwas kaltes Wasser über die Handgelenke laufen. Und war endlich in der Lage, meinen Namen hervorzustammeln. Meine Anstrengungen belohnte Paul mit einem noch großzügigeren Lächeln.

Es war so, als ob man Benzin in ein mickriges Grillfeuer schüttete. Mein funzliges Dasein loderte auf und die Flammen fraßen glühende Löcher in mein Herz. Und keine Feuerwehr in Sicht.

Nur eine kleine Abkühlung von Lara, die in dem Moment hereingekommen war und meine Verwirrung bemerkt hatte. Sie erkundigte sich, ob ich auch bei geschlossenem Mund atmen könnte oder ob ich auf gebratene Tauben warten würde.

Paul fand ihre Bemerkung komisch.

Er lachte über mich.

Seitdem möchte ich Laras Herz auf einem Silbertablett sehen.

Zum Glück stürmte dann Erich herein und bekam einen Wutanfall, weil die Ouvertüre schon lief und Paul noch nicht fertig war.

Paul blieb bewundernswert ruhig, trotz Erichs pulsierender Adern und dessen blauroter Gesichtsfarbe. Paul beugte sich sogar zu Erichs Dackel Othello hinab, streichelte ihn und zwinkerte mir kurz zu, bevor er dann auf die Bühne verschwand.

Das war’s. An diesem Abend habe ich sehr lange gewartet, dass Paul zum Abschminken kommt, und mich bereitwilligst dafür gemeldet, Perücken sauber zu machen und Schminkläppchen auszuwaschen. Aber Paul kam nicht wieder.

Nicht an diesem Abend.

2. ER

»Die Flut des Meeres,
der Sturmwind warf uns ans Ufer.«
Alcina 1,1

Heute hat mich Kai gefragt, wieso ich überhaupt in der Oper arbeite. Warum ich mir nichts anderes suche.

Ich liebe Musik und ich liebe Frauen, habe ich zu ihm gesagt. Manchmal kann ich mich gar nicht satt sehen. Tänzerinnen, Sängerinnen, Statistinnen, Maskenbildnerinnen. Viele bewegen sich so leicht. Wie Musik. Vor allem die Neue in der Maske. Sie hat eine Art, durch den Raum zu schweben und dabei Puderpartikel zu verteilen, als sei sie von einem anderen Stern. Ich glaube, Kai ist neidisch, auch wenn er es nicht zugeben würde. In der Musikproduktion, in der er jetzt arbeitet, gibt es eine grauhaarige Sekretärin, und das war es an Frauen dann auch schon.

Mich inspiriert die Oper. Das versteht Kai auch nicht. Er meint, dieses Gequäke hielte doch keiner aus. Unnatürliches Gekreische von bekloppten Texten, die noch dazu kein Schwein verstehen kann oder will.

Dabei war Kai noch nie in einer Oper. Er hätte welche im Fernsehen angesehen, sagt er. Wer’s glaubt.

Aber er hat noch nicht erlebt, wie es ist, wenn der Chor singt, wenn mächtige Musik sich im Theater ausbreitet und Menschen ergriffen sind.

Wenn ich das zu Kai sage, verdreht er die Augen und behauptet, dass ich ein erbärmlicher Romantiker wäre. Die Leute würden nicht »ergriffen« sein, sondern lediglich über ihre Verdauung nachdenken und überhaupt bloß die Oper besuchen, damit sie später bei den Müller-Brauns oder bei Herrn Doktor Amfelder kulturell mitprotzen könnten.

Unseren Streit über die Oper führen wir eigentlich mindestens einmal im Monat, und mir würde etwas fehlen, wenn Kai eines Tages sagen würde: »Wow, gestern die Zauberflöte, da hatte ich direkt eine Gänsehaut ...«

Abgesehen davon dass ich nicht wollte, könnte ich mir auch keinen anderen Job suchen. Kai hat leicht reden. Er ist ja schon viel weiter als ich. Ich muss erst noch die Aufnahmeprüfung zur Musikhochschule schaffen, und solange ich die vorbereite, kann ich tagsüber nicht regelmäßig arbeiten. Da sind die Arbeitszeiten im Theater für mich genau richtig.

Ich muss immer wieder an die Neue in der Maske denken. Sie war so ernst und ihre Hände so zart. Leider haben wir fast kein Wort miteinander gewechselt.

3.

»Mein Herz fühl ich schlagen in Hoffen und Zagen,
vielleicht ist es `Freude, vielleicht ist es Leid?«
Alcina 2,7

Ich fahre jeden Tag mit der Straßenbahn zur Arbeit. Mit der Linie acht von Eberstadt bis zur Rhein-Neckar-Straße. Von dort sind es nur noch wenige Minuten zum Staatstheater Darmstadt.

Das Theater besteht aus zwei gewaltigen Betonklötzen aus den Siebzigerjahren. Der große Würfel ist das Große Haus, in dem die Oper untergebracht ist. Der kleinere Würfel ist dann logischerweise das Kleine Haus, in dem das Schauspiel gezeigt wird. Außerdem gibt es noch eine Werkstattbühne.

Viele Leute hier beklagen sich über diese Würfel und wünschen sich ein kitschiges Theater mit griechischen Säulen und Verzierungen.

Mir gefallen die Würfel. Sie sind so klar. Ein guter Rahmen für das, was wirklich spannend ist, die Handlung, die drinnen auf der Bühne gezeigt wird.

Das Einzige, was mir an dem Gebäude nicht gefällt, ist der Künstlereingang. Eigentlich – so stelle ich mir das vor – sollte ein Eingang für Schauspieler, Sänger oder Musiker ganz oben, am höchsten Punkt des großen Würfels sein. An einem Ort, den man nur mit einem gläsernen Lift erreichen kann. Und nachts, wenn die Künstler – und natürlich auch ich – nach Hause gingen, würden wir von den Sternen zur Erde schweben.

Stattdessen liegt der Eingang in der Tiefgarage. Jedes Mal durchquere ich diesen abgasverseuchten, großen Keller, um in das Theater hineinzukommen.

Hinter der Tür, in einem schmuddeligen weißen, nur von Neonröhren mickrig erhellten Raum, sitzt der Pförtner und kontrolliert jeden, der herein- oder wieder hinausmöchte. Hier hängen auch die Dienstpläne für die nächste Woche und Bekanntmachungen der Theaterdirektion. Außerdem gibt es ein schwarzes Brett für die Angestellten.

So habe ich meine Wohnung gefunden.

Gleich hinter der gläsernen Abtrennung geht es rechts zur Kantine. Sie ist das Herz und das Klatschzentrum des Theaters.

Ich habe immer leichte Beklemmungen, wenn ich die Kantine betrete, denn ich fühle mich beobachtet. Dabei ist mir natürlich klar, dass ich viel zu unwichtig bin und sich niemand für mich interessiert.

Aber trotzdem komme ich mir wie eine Ratte im Laborkäfig vor. Schon oft ist mir der kalte Schweiß ausgebrochen, weil ich mir so gut vorstellen kann, mit dem Tablett in der Hand auf dem glatten Linoleum auszurutschen. Oder jemanden anzustoßen, der ein großes, volles Glas auf seinem Tablett stehen hat.

Als ich das erste Mal in die Kantine kam, war ich enttäuscht. Ich hatte mir vorgestellt, wie Madame Butterfly mit weißem Porzellangesicht und Kimono gleich neben Don Juan in einer Ritterrüstung sitzen würde, umflattert von schwanenbefederten Tänzerinnen.

Aber das war ein Irrtum. Man darf nicht mit dem Kostüm in die Kantine! Außerdem arbeiten oder schlafen die Schauspieler tagsüber. Deshalb sitzen dort, so wie jetzt gerade, meistens Männer in blauen Overalls herum, die mich eher an meinen letzten Ausflug in den Baumarkt als an Theater erinnern.

Seit ich Paul vor einer Woche kennen gelernt habe, bin ich trotz meiner Beklemmungen dreimal am Tag in die Kantine gegangen.

Immer in der Hoffnung, ihn zu sehen. Ich hatte mir sogar schon einige Sätze zurechtgelegt, für den Fall dass ich etwas sagen müsste, wenn er auftauchte.

So etwas wie: »Paul, was für eine Ausbildung hast du eigentlich gemacht?« Nicht sehr originell, aber immerhin ein Anfang.

Heute ist der achte Tag und zweite Besuch im Kantinenkäfig. Wie immer steht vor mir eine Riesenschlange an. Es gibt Nudeln, Darmstädter Schlachtplatte und Grindköppe, worunter man hier eine Frikadelle, groß wie ein Kinderkopf, versteht. Aber bei Grindkopf muss ich an eklige Hautkrankheiten denken und deshalb bleiben mir nur die Nudeln.

Ich weiß nicht, warum, aber es fällt mir schwer, bei den weiß gekleideten Küchenwärtern laut brüllend meine Bestellung aufzugeben. Deshalb muss ich sie oft dreimal wiederholen. Bis zum Schluss wirklich jeder in der Schlange weiß, was ich zu Mittag esse. Und das ist mir ein bisschen peinlich.

Erst als ich die Nudeln auf mein orangefarbenes Tablett stelle, fällt mir auf, dass mich jemand beobachtet. Ich bilde es mir nicht ein, denn es ist der Mann direkt vor mir.

Es ist Paul!

Er steht vor mir in der Schlange und ich habe es wegen all diesen Grindköppen nicht bemerkt. Ich bewege mein Tablett sehr vorsichtig, damit ich bloß nichts umwerfe.

»Hallo!«, lächelt meine Sonne mir zu. Und reißt einen acht Tage alten Grauschleier von meinen Augen. Die Kantine strahlt.

Ich nicke. Bleibe aber stumm, weil ich alles vergessen habe, was ich zu ihm sagen wollte. Was für eine Chance vertue ich!

Er ist hier, direkt vor mir!

Er ist zum Greifen nah und mir fällt nichts ein. Ich starre seinen Rücken an. Seinen herrlich breiten Rücken, der in einen runden Po übergeht. Dieser Po verschmilzt mit den schwarzen Jeans zu einem knackigen Ganzen, wirkt wie ein frischer Apfel in einer prallen Schale. Man möchte reinbeißen oder wenigstens die. Hand drauflegen.

Da, es gibt ein Problem.

Er dreht sich Hilfe suchend zu mir um. »Hallo, du Schöne, wir kennen uns doch. Wie war noch dein Name, Elsa?«

»Emily.«

»Emily, entschuldige, aber könntest du mir vielleicht einen Zehner ausleihen?«

Seine Stimme schlägt in meinem Bauch ein Trommelsolo und jagt trotz Kantine, trotz all der Menschen, eine sehnsuchtsvolle Flötenmelodie zwischen meine Schenkel.

Ich scheine wohl nichts erwidert zu haben, denn er versenkt seine Augen in meine und erklärt, dass er sein Portmonee in der Garderobe vergessen habe.

Das ist viel besser als alles, was ich mir erträumt habe. Wenn er sich Geld von mir leiht, muss er wieder mit mir sprechen, weil er es zurückgeben wird. Ich hole meinen letzten Zehner aus dem Geldbeutel und gebe ihn Paul.

»Danke! Ich werd mich revanchieren!« Sein Sommerkopf lacht mir zu und dann bezahlt er und verschwindet zu einer Gruppe von Leuten. Dort erzählt er anscheinend, was passiert ist, denn alle schauen zu mir her. Und er winkt mir zu.

Ich glaube, ich habe rote Flecken am Hals vor lauter Aufregung.

Dann bin ich an der Kasse dran, und mir wird klar, dass ich jetzt auch ein Problem habe.

Ich habe Paul meinen letzten Zehner gegeben. Das ist natürlich nicht das Problem. Ich hätte ihm mein letztes Hemd gegeben.

Hinter mir hat sich eine lange Schlange gebildet, die sich schon über die Verzögerungen durch Paul aufgeregt hat.

Ich werde nervös und schaue, ob ich einen Bekannten finde, aber in der Kantine ist niemand aus der Maske zu sehen.

Da tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. »Hallo, Emily. Hast du nicht genug Geld? Ich kann dir was leihen, wenn du willst«, sagt der junge Typ mit Knubbelnase, der mit seinem Tablett hinter mir steht.

Wieso weiß er, wie ich heiße, und wieso habe ich keine Ahnung, wer er ist?

Die Kassiererin trommelt ungeduldig mit ihren roten, glitzersteinbesetzten Krallen auf die Kasse und stöhnt genervt zu ihrer Kollegin auf der anderen Seite.

Hinter mir in der Schlange ruft jemand: »Geht’s nicht ein bisschen flotter, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!«

Was bleibt mir da anderes übrig? Ich bedanke mich bei der Knubbelnase, nehme das Geld an und bezahle.

Dann schwebe ich zu einem Tisch. Keine Ahnung, wie ich das schaffe. Ich bin so damit beschäftigt, mir die herrlichsten Rückzahlungsmöglichkeiten für Paul auszudenken, dass keine Gehirnkapazitäten für Gehen, Sitzen, Essen übrig geblieben sind. Ich könnte mir das Geld in Naturalien zurückzahlen lassen, jeder Cent ein Kuss ... hmm, jeder Cent ein Kuss ...

»Wäre das okay, wenn ich mich zu dir setze?«, unterbricht die Knubbelnase gerade eine Vision, in der Paul meine Haut anknabbert und dabei meinen Namen flüstert.

Die Knubbelnase hat mir gerade Geld geliehen, also kann ich wohl schlecht Nein sagen. Ich nicke, obwohl er mir den Blick auf Paul versperrt. Wenigstens komme ich dann dazu, meine lauwarmen Nudeln zu essen, bevor sie völlig kalt sind. Essen! Jetzt!

»Ich bin übrigens Jasper«, sagt mein Gegenüber.

»Ich gebe dir das Geld dann morgen, okay?«, sage ich, um das Gespräch schnell zu beenden. Ich möchte mich wieder mit Paul beschäftigen.

Jasper nickt und macht sich über seinen Grindkopf her. Das sieht nicht sehr appetitlich aus.

Ich überlege kurz, was dieser Jasper am Theater wohl macht. Er sieht nicht aus wie ein Schauspieler. Oder vielmehr: Er wirkt nicht so. Die bewegen sich, als wären sie von einem unsichtbaren Luftpolster umgeben. Sie nehmen mehr Raum als normale Menschen ein. Außerdem werfen sie dir einen Blick zu, der sagt: »Na hör mal, erkennst du mich nicht? Ich bin doch der weltberühmte Fritz Köseldorf, über den in der Theater heute vom Mai 1978 stand, er überzeuge mit einem nie da gewesenen Macbeth!«

Aber eigentlich ist es mir auch egal, was Knubbelnase macht. Ich möchte freien Blick auf Paul haben.

Leider steht Paul in diesem Moment auf und verlässt die Kantine.

Nein, er kommt noch einmal zu mir an den Tisch.

Geht in die Knie und schaut mich von unten an. »Danke, das war wirklich klasse von dir. Morgen bin ich leider nicht hier, da besuche ich einen Kumpel, der mit Oper nichts am Hut hat. Aber übermorgen komme ich in die Werkstatt und gebe dir alles zurück, mit Zins und Zinseszins!«

Dann wirft er mir eine Kusshand zu und verschwindet.

Jasper legt seine Gabel zur Seite, verzieht seine Mundwinkel zu einer Grimasse und sagt spöttisch: »Mit Zins und Zinseszins? Was der wohl darunter versteht? Noch mehr Gesülze vielleicht?«

»Du kriegst von mir jedenfalls keine Zinsen!«, sage ich wütend. Ich habe mir gerade die Zinsen vorgestellt, die ich gerne von Paul einfordern würde. Pauls Fingerspitzen, die meinen Rücken entlangwandern, mich dabei mit einem Eurostück sachte kitzeln. Dann würde er mich umdrehen und zehn glänzende Eurostücke mit seinem Mund auf meine nackte Haut legen ...

»Zinsen sind bei mir auch wirklich nicht nötig«, brummt mein Gegenüber und schiebt sich den letzten Brocken Hackfleisch in den Mund.

Wieso reißt er mich schon wieder aus meinen Fantasien? Na gut, er weiß nicht, woran ich denke, aber bitte – könnte er nicht einfach den Mund halten?

Ein Blick auf die große Kantinenuhr zeigt mir, dass ich einen Grund habe, ihm nicht länger zuzuhören. Meine Besprechung mit Erich fängt gleich an. Es geht um eine neue Oper, die auf dem Spielplan für dieses Jahr steht. Alcina von Händel. Als Erich mich gebeten hatte, alles über Alcina herauszufinden, dachte ich erst, dass er einen Scherz macht, denn Alcina ist eine Kosmetikmarke, die man nur in Frisörsalons kaufen kann. Aber dann habe ich im Theaterlexikon nachgeschaut und herausgefunden, dass Alcina eine Zauberoper von Georg Friedrich Händel aus dem Barock ist. Eine Zauberoper. Ich weiß nicht, was eine Zauberoper ist.

Ich weiß nur, dass heute ein Zaubertag ist.

4.

»Und wer herrscht in diesem Land?
Dies ist das Reich meiner Schwester,
der mächtigen Alcina.«
Alcina 1,1

Ich gehe durch die schummrigen Betonflure nach oben in das Maskenbildnerhauptquartier. Fühle mich wie ein mutierter Maulwurf, der die graue, abgestandene Luft zur Seite schaffen muss, um in den endlosen Gängen vorwärtszukommen. Am Anfang habe ich mich sehr oft verlaufen. Mittlerweile finde ich die Werkstatt für die Maskenbildner auf Anhieb.

Anders als die Schminkräume im Keller, direkt hinter der Bühne, gibt es hier sogar Fenster, und wir können bei Tageslicht arbeiten.

Alle Kollegen sind schon da und erwarten mich sehnsüchtig.

Ich bin für das Kaffeekochen zuständig.

Bei meinem Vorstellungsgespräch haben sie mir davon natürlich nichts gesagt. Aber wenn ich daran denke, dass sich achtzig andere mit mir um diese Ausbildungsstelle beworben haben, halte ich Kaffeekochen für eine höchst kreative, verantwortungsvolle und geradezu meditative Aufgabe.

Erich vertritt die Überzeugung, dass Hierarchien Sinn haben. Verständlich, er ist ja auch der König in diesem System. Ich hingegen komme weit abgeschlagen irgendwann hinter Othello. Mich wundert, dass er mir Othello zum Gassigehen anvertraut.

Als ich mit dem Tablett voller Kaffeebecher in die Tür trete, erläutert Erich gerade die Skizzen, die die Kostümbildnerin für Alcina schon entworfen hat.

Eine ganze Welt von Zauberwesen liegt da ausgebreitet auf Erichs Schreibtisch. Menschen, die wie Echsendrachen aussehen, wie Feenköniginnen und Fische, verwunschen schön.

Lara nimmt einen Schluck Kaffee. Verzieht angewidert den Mund, nimmt noch einen Schluck und erklärt dann, wie banal dieser Schrott sei und dass damals, als sie noch in Hollywood arbeitete, die Masken wirklich eine Herausforderung für sie gewesen seien. Aber das hier könnte sie allenfalls als eine Beleidigung ihrer Kreativität werten. Man sollte sie mal ranlassen an die Kostüme!

Meine andere Kollegin, Annemarie, seufzt. Sie seufzt eigentlich immer. Vielleicht hat es mit ihrem Gewicht zu tun. Annemarie ist schon sechzig und hat watteartige, lange weiße Haare. Sie erinnert mich an einen dicken Schneemann, der versucht, laufen zu lernen. Ihr Seufzen kann alles bedeuten. Ich glaube, heute bedeutet es Oh Gott, Arbeit.

Der Einzige, der von diesen Entwürfen genauso fasziniert zu sein scheint wie ich, ist Erich. Seine Augen glänzen, und ich kann sehen, dass er schon überlegt, wie er diese oder jene Perücke gestalten wird.

Er räuspert sich und fragt uns, ob wir die Geschichte von Alcina noch im Kopf haben. Annemarie seufzt und Lara verdreht genervt ihre verhangenen Schlafaugen. Das verstehe ich überhaupt nicht. Ich finde die Geschichte von Alcina spannender als jede Folge GZSZ.

Und ich habe noch nie eine Folge verpasst. Wenn ich nicht da bin, nehme ich sie auf Video auf. Ich verstehe mich also als Expertin für verwickelte Handlungen. Deshalb kann ich auch, auf ein Kopfnicken von Erich hin, den Inhalt von Alcina ohne große Mühe wiedergeben.

»Alcina ist eine Zauberin auf einer Insel«, fange ich an. »Alle Männer, die dorthin kommen und ihr gefallen, werden zu ihren Geliebten.«

Annemarie seufzt sehr tief und spricht mir aus der Seele. Und ich finde, jede Frau sollte so eine Insel haben.

»Aber wenn Alcina keine Lust mehr auf ihren jeweiligen Geliebten hat, dann verwandelt sie ihn in ein Tier, eine Pflanze oder in einen Stein. Zu Beginn der Oper hat Alcina einen Geliebten, der Ruggiero heißt und eigentlich mit Bradamante verlobt ist. Die wiederum kommt als Mann Rocchiero verkleidet auf die Insel, um ihren Verlobten zu retten. Doch leider verliebt sich Alcinas Schwester Morgana sofort in den angeblichen Mann und das wiederum macht Morganas Liebhaber Oronte ziemlich sauer. Nach diversen Verwicklungen werden alle gerettet, nur Alcina geht leer aus und die Ärmste kann auch nicht mehr zaubern.«

So, geschafft. War wirklich nicht ganz einfach. Erichs Mundwinkel zucken. Habe ich ihm etwa eine positive Gefühlsregung entlockt?

Lara dreht gelangweilt eine ihrer roten Locken um den Zeigefinger. »Da hat unsere Kleine ja richtig was auswendig gelernt.« Ihre Stimme klingt aber eher wie: lästiges Insekt, schwirr ab. Sie lässt die Locke wieder los und gähnt demonstrativ. »Ich frage mich bloß, warum die hier so einen Schrott aufführen. Diese Rückgewandtheit ist doch typisch für ein deutsches Provinztheater.«

Das regt Erich auf. Für ihn ist Darmstadt eine der besten Opernbühnen im deutschsprachigen Raum.

»Was heißt hier ›Rückgewandtheit‹?«, herrscht er sie an. »In Wahrheit geht es in Alcina doch um Liebe und Macht und um Verlust. Es geht um erotische Faszination und Tod. Es geht um die Fragen nach Wahrheit und Lüge, Zeit und Beständigkeit. Und sind das nicht die wirklich menschlichen Themen?« – hier holt er kurz Luft – »... oder will nicht alle Lust Ewigkeit?«

Ich bin überrascht. Erich von Lust und Erotik reden zu hören, kommt mir so abwegig vor. Das einzig lebendige Wesen, dem er Zuneigung schenkt, ist doch sein Dackel. Trotzdem bin ich beeindruckt. So weit habe ich gar nicht gedacht. Ja natürlich, es geht um Liebe in dieser Zauberoper. Aber mir war nicht klar, was darüber hinaus alles dahinterstecken kann. Wieso eigentlich Zauberoper? Da muss ich noch mal nachfragen.

»Außerdem hat diese Oper die schönste Musik, die Händel je geschrieben hat!« Die dicken Adern an Erichs Schläfen sind bei seinem Monolog bedrohlich angeschwollen.

Lara zuckt völlig unbeeindruckt mit den Schultern und Annemarie seufzt.

Ich wittere meine große Chance. Ich räuspere mich also und wage eine Frage. »Äh, könnte ich vielleicht diesmal ...«, beinahe hätte ich gesagt: »statt endlos Schwämmchen auszuwaschen«, bekomme aber gerade noch die Kurve, »könnte ich diesmal vielleicht an einer richtigen Maske mitarbeiten?« Jetzt ist es raus.

Lara mustert mich. Plötzlich stehen ihre Augen richtig offen. Was nur selten vorkommt, weil sie ihre Schlafaugen meistens halb heruntergeklappt lässt. »Wenn ich mich nicht täusche, dann bist du erst seit elf Monaten hier, oder?«

Erich der Schreckliche kniet sich zu seinem Dackel. »Othello, was meinst du?«, fragt er.

Will er mich auf den Arm nehmen? Soll wirklich ein Dackel darüber entscheiden, ob ich weiterhin Kaffee koche, dünne Schnurrbärtchen knüpfe und Haare sortiere oder endlich etwas Ordentliches machen kann?

Othello spürt, dass die Aufmerksamkeit ihm gilt, und wedelt freundlich mit dem Schwanz.

Erich richtet sich wieder auf. Er zögert, grinst dann boshaft. »Ja, ich glaube, die Perücke von Oronte, die könnte zu dir passen.«

Er gibt mir den Entwurf der Kostümbildnerin, und ich starre auf das Wesen, das wie eine Mischung aus Drachenechse mit Schmetterlingsflügeln und Mensch aussieht. Auf dem Kopf hat es so etwas wie borstige Stachelhaare.

Mein erstes richtiges Projekt.

Lara stellt sich hinter mich. »Das ist noch viel zu früh. Die Kleine wird Schiffbruch erleiden.«

Aber das Provinztheater hat dafür gesorgt, dass sie es sich für heute mit Erich verdorben hat. Er ignoriert sie. Zum Glück, denn ich würde am liebsten sofort mit der Arbeit anfangen. Oronte! Was für ein komischer Name. Wieso findet Erich eigentlich, der könnte zu mir passen? Will er mir damit etwas sagen?

»Du machst dir jetzt erst Gedanken!«, schnaubt Erich. »Und bevor du irgendetwas mit teuren Haaren anfängst, fertigst du mir ein einwandfreies Gipskopfmodell an. Am besten an einem Mann. Übrigens musst du noch das Blut für den Macbeth heute Abend abholen. Liegt am Bahnhof am Kurierschalter.«

Mit Vergnügen! Heute würde ich sogar eine Riesenladung Elefantenkacke abholen. Eine Perücke! Eine Perücke für Oronte!

Klingt vielleicht nicht für jeden berauschend, aber wenn man schon mit zehn Jahren die Haare seiner Brüder gestylt hat, kann man sich fast nichts Schöneres vorstellen. Die Prügel, die ich von Sebastian beim ersten Mal kassiert habe, waren nicht so schlimm, weil das Ergebnis fantastisch war.

Er sah plötzlich nicht mehr aus wie Sebastian Ellenbeck aus S. bei D., sondern wie Mr Rickie Joe Bombastic, Popstar aus den USA. Ja, okay, ich hatte ihm nicht gesagt, dass ich sein Haar im orange-türkisen Zebralook färben würde – aber als alle seine Freunde dann die gleiche Frisur wollten, hat er mir verziehen. Und ich kam mir vor wie eine Magierin.

Meine Eltern fanden mein Werk nicht magisch und haben mir dafür Hausarrest gegeben. Genauso entsetzt waren sie, als ich vom Gymnasium abgegangen bin, um Maskenbildnerin zu werden. Sie haben gebettelt und gejammert, dass ich bis zum Abitur warten sollte. Aber ich wusste ausnahmsweise mal ganz genau, was ich wollte. Nur eins: Maskenbildnerin werden.

Und jetzt ist Oronte meine erste Perücke. Erich wird staunen. Ich werde es gut machen. Nein, nicht bloß gut, sondern erstklassig! Aber jetzt will ich noch wissen, was es mit der Zauberoper auf sich hat. Erich sieht mich entgeistert an. »Ist doch klar«, sagt er, »das Ding heißt Zauberoper, weil auf der Bühne gezaubert wird. Menschen in Blumen, Felsen in Menschen etc. Das ist übrigens typisch für eine Barockoper«, sagt er missbilligend, »und das hättest du ruhig einmal nachlesen können.«

Lara und Annemarie grinsen sich vielsagend an, und ich verspreche mir, dass ich es den dreien schon noch zeigen werde!

5. ER

»Tun oder lassen will ich, was mir gefällt.«
Alcina 1,7

»Zinseszins!« Welcher Teufel hat mich denn da geritten? Wieso habe ich nicht einfach den Mund gehalten und gegrinst? Aber ich war so überwältigt, wie sie dort an der Kasse stand, mit roten Flecken am Hals und den leuchtenden Augen. Und dann hat sie ohne jedes Zögern ihren Geldbeutel aufgeklappt und Geld herausgeholt.

Sogar Kai musste zugeben, dass jedes andere weibliche Wesen erst mal irgendwelche »Wenns« und »Abers« von sich gegeben hätte.

Ich möchte gern ein Lied über sie schreiben. Einfach nur so. Hat nichts zu bedeuten. Obwohl Kai gesagt hat, er fände durchaus, dass es was zu bedeuten hätte. Er meinte, wenn ich mir diese Mühe für Pia gemacht hätte, dann wäre sie nicht mit diesem brasilianischen Drummer abgedampft. Aber Pia war eben Pia. Stark, mit einem Riesendickschädel. Wir haben uns mehr gestritten als geliebt. Na ja, manchmal haben wir uns dann hinterher geliebt, das war dann meistens ziemlich heiß. Leider hat es Pia nicht gereicht. Und wenn ich länger drüber nachdenke, dann hat mir vielleicht auch etwas gefehlt.

Aber die Maskenfee, sie kommt mir ganz anders vor. Viel weicher und zarter.

Kai sagt, das sind die Schlimmsten, die sich wie kleine Rehlein gebärden. Sie würden dann, wenn man ihnen ins Netz gegangen wäre, mit sanfter Stimme die Diktatorin geben. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich bin ja auch nicht Kai.

Für den Song schwebt mir ein bisschen was Überirdisches vor: Harfen, sphärische Klänge, dann eine kleine Klaviermelodie und viel Rhythmus.

Und ich hätte auch schon einen Refrain, aber er gefällt mir noch nicht so richtig.

»Du und ich, das ergibt nicht zwei, sondern ... wir.« Ja, das lässt sich gut wiederholen, aber wie fange ich an? Ich weiß eigentlich nichts über sie.

Kai sagt, dass das genau der Punkt ist. Sie wäre für mich bloß eine Projektionsfläche, so wie sich irgendwelche Fans alles Mögliche mit ihrem Star einbilden. Nur deshalb würde sie mir gefallen. Er prophezeit mir, wenn ich sie erst kennen würde, wäre es auch vorbei mit diesem Romantikquatsch. Deshalb gibt er mir den Rat, sie so schnell wie möglich flachzulegen, dann hätte ich das hinter mir.

Aber so bekloppt bin ich nicht. Ich meine, ich bewundere sie und fühle etwas Merkwürdiges in der Brust. Ein Ziehen, wenn ich sie sehe. Aber mehr ist da doch gar nicht.

6.

»Sehnsucht brennt mir im Herzen,
rührt euch denn nicht mein Leid?«
Alcina 3,1

Heute Abend darf ich unter Annemaries seufzenden Kommentaren Aschenputtel schminken. Meine erste ausgefallene Maske. Die Statisten und Chorherren werden weiß geschminkt und bekommen Schönheitspflästerchen. Sie spielen im Schloss der bösen Stiefmutter die Diener. Ich male ihnen rot glänzende Lippen. Auf die Augendeckel kommen Glitzersteinchen und zur Krönung setze ich ihnen noch blaue Perücken auf.

Während ich Perücken festklebe und Lippen rot färbe, komme ich mir selbst ein bisschen vor wie Aschenputtel.

Rund um mich herum stehen Männer und witzeln in den verschiedensten Sprachen – Koreanisch, Bulgarisch, Englisch oder Rumänisch. Sie witzeln mit Lara.

Der schillernd rothaarigen, witzigen Lara.

Auch Paul.

Er hat mir einen kurzen Blick zugeworfen, als er hereingekommen ist. Ich habe mir sogar eingebildet, dass er meinen Maskenstuhl ansteuern wollte, aber Lara kam ihm mit einem Umhang entgegen und begrüßte ihn. »Na endlich, Mr Universum kommt, die Sonne geht auf.« Keine Ahnung, was daran so witzig war, dass fünf andere in ihr Lachen einfielen.

Und seit er bei ihr auf dem Stuhl liegt, höre ich die beiden die ganze Zeit glucksen und gackern. So locker habe ich Lara selten gesehen. Es fällt mir schwer, Lippenkonturen ordentlich nachzuziehen, weil mich jeder Lacher zusammenzucken lässt. Ich fühle mich grau.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Lara um Paul herumtänzelt, strahlt, ihm spielerisch auf die Schulter klopft und durch seine Haare fährt.

Und ich sehe auch, dass Annemarie Paul betrachtet und seufzt. Und diesmal übersetze ich das mit Sehnsucht. Aber das muss ein Irrtum sein, oder träumen Großmütter von so jungen Männern?

Seit ich Paul in der Kantine das Geld geliehen habe, warte ich darauf, dass er zu mir kommt und es zurückgibt. Nicht wegen des Geldes, sondern weil ich dann endlich mit ihm reden könnte. Es ist mir peinlich, einfach zu ihm hinzugehen. Er denkt vielleicht, ich wollte bloß meine Kohle zurück.

Da, Paul ist fertig geschminkt.

Er steuert auf mich zu. Und wirklich, er bleibt vor mir stehen – ganz verändert mit den roten Lippen und Glitzersteinen. Merkwürdigerweise noch männlicher. Seine blauen Augen wirken unter der blauen Perücke türkis wie eine Karibik-Postkarte. Wecken Lust, sich hineinziehen zu lassen und darin zu ertrinken. Nein, nicht ertrinken, eintauchen in seinen Körper.

»Ich habe dich nicht vergessen, Elsa!«, sagt er. Auf seinen Zähnen klebt ein bisschen Lippenstift.

»Emily!«, korrigiere ich und bin enttäuscht, dass er sich meinen Namen nicht gemerkt hat.

»Sorry, Emily, klar. Du weißt, dass ich dir noch was schulde!«

Ohne mich umzudrehen, bin ich sicher, dass Lara und Annemarie uns beobachten. Deshalb habe ich große Lust, etwas sehr Zweideutiges zu sagen.

Leider fällt mir nichts ein. Also nicke ich bloß und starre meine Fußspitzen an. Aschenputtel!

Paul legt seine Hand unter mein Kinn und hebt meinen Kopf so an, dass ich in seine Augen schauen muss. Die Berührung ist ganz leicht.

Annemarie seufzt. Lara kommt einen Schritt näher.

»Emily, sag mir, was ich für dich tun kann.« Seine Augen verschlingen mein Gesicht. Karibik-Wellen tragen mich fort. Manche schwappen über mir zusammen. Mir wird ein bisschen schwindelig.

»Küss mich!«, traue ich mich nicht zu sagen. »Geh mit mir aus«, erst recht nicht.

Während ich versuche, mit meinen Augen einen Punkt zu fixieren, damit dieses Drehen aufhört, fällt mir nur eine Sache ein. »Du könntest mein Gipskopf werden!«

Paul lässt mein Kinn los, Annemarie und Lara lachen und Paul schüttelt amüsiert den Kopf. »Das ist ungewöhnlich. Die meisten Frauen wünschen sich etwas anderes von mir.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagt Annemarie und seufzt.

Sogar Aschenputtel war schlauer als ich. Schließlich hat sie ihrem Prinzen nicht etwa vorgeschlagen, ihr beim Sortieren der Linsen zu helfen. Sie war so klug, sich gut ausgerüstet auf einen Ball zu begeben. Und genau das hätte ich auch tun sollen. Tanzen gehen. Das kann ich wenigstens.

Wie komme ich jetzt überhaupt auf Gipskopf? Emily, du Riesenidiotin!

»Ich ein Gipskopfmodell!«, lacht Paul, und alle lachen mit.

Zugegeben, es ist komisch. Als würde man James Bond einen Job in der Putzkolonne anbieten.

»Das muss ja ein Superwitz sein, wenn ihr alle so lachen könnt!?«, stellt da jemand fest. Ich drehe mich um und sehe die Knubbelnase mit ein paar Statisten in der Tür stehen. Er ist also Statist!

Genauer gesagt einer unter vielen Statisten, die noch geschminkt werden müssen. Eigentlich sollten wir schnellstens zusehen, dass wir fertig werden!

Paul zwinkert mir zu. »Das war kein Witz. Es geht um etwas sehr Ernstes. Ich werde für die junge Dame hier ...«, er nickt in meine Richtung, »... meinen ehrenwerten Kopf als Modell zur Verfügung stellen.«

»Wie ungeheuer edel!«, sagt Lara und. schüttelt ihre Locken missbilligend.

»Wieso edel?«, fragt einer der Statisten. »Wir wollen auch Modell werden!« Die anderen stimmen ihm zu, und schon tänzeln sie herein, als würden sie auf einem Laufsteg defilieren.

Was mich zum ersten Mal an diesem Abend auch zum Grinsen bringt.

Erich der Schreckliche macht diesem Auftritt ein Ende. »Was ist hier eigentlich los?« Er klatscht in die Hände. »Meine Damen, an die Arbeit, haben Sie nicht die Durchsage gehört? In fünf Minuten geht es los!«

Bevor Paul den Raum verlässt, wendet er sich mir zu. »Wann und wo soll ich meinen Kopf hinhalten?«

Einige kichern. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und ich frage ihn, wann er denn Zeit hat. Wir beschließen, dass wir uns übermorgen um 9 Uhr in der Werkstatt treffen.

Als der letzte Statist endlich auf der Bühne ist, gehen Lara und Annemarie eine Zigarette rauchen und lassen mich in Ruhe – wie sie sagen – aufräumen. Ich frage mich, warum ich mich derart bescheuert angestellt habe. Hätte ich nicht etwas wirklich Witziges sagen können? Ich setze mich vor den Spiegel und starre mich an.

Immerhin passt mein öder Vorschlag perfekt zu meinem Äußeren. Keiner kann – und sei er noch so gut gewillt – behaupten, dass bei mir eine große Diskrepanz zwischen Äußerem und Innerem vorhanden wäre. Meine Augen, grau wie Mülltonnen, wirken in dieser Sekunde noch grauer. Mein rundes Gesicht noch runder. Meine schwarzen Locken wie ein Läuseparadies. Nur meine Haut ist ein bisschen rosa. Normalerweise hat sie die Farbe von Schnee. Außer im Hochsommer, dann verbrennt sie leicht, und es sieht aus, als hätte ich vergessen, Uhu-Reste abzurubbeln.

Aber was hat es schon für einen Sinn, sich anzustarren und hässlich zu finden? Keinen. Es ändert nichts.

Also stehe ich auf und mache mich daran, Abschminkpads und Lotions bereitzustellen. Vielleicht war es ja auch gar nicht so eine schlechte Idee, Paul als Modell zu bitten. Immerhin werden wir zusammen sein. Reden. Und dafür werde ich mich vorbereiten wie für eine Prüfung. Die ich mit Auszeichnung bestehen werde.

7.

»Die Pflicht, die Liebe und die Tugend
kämpfen miteinander.«

Alcina 3,2

Es ist noch dunkel und ich bin schon wach. Heute kann ich einfach weiter in meinem kuscheligen Bett liegen bleiben, weil ich einen freien Tag habe.

Und wie ich das genieße. Meine warme Decke wird zu Pauls Körper und hält mich eng umschlungen. Meine Augen sind geschlossen. Ich bin so nahe bei Paul, dass ich beinahe seinen Atem an meinem Nacken fühlen kann. Schon der Gedanke stellt alle meine Haare auf und jagt einen herrlich prickelnden Schauer über meinen Rücken. Schade, dass ich keinen Zauberstab habe wie Alcina und meine Visionen wahr werden lassen kann.

Paul! Mir ist wirklich sehr nach Küssen. Ersatzweise gebe ich meinem geliebten, alten Plüschhasen, der als Glücksbringer und Traumbeschützer immer in meinem Bett liegt, einen dicken Kuss. Na ja, nicht wirklich das Wahre. Ich lege ihn zurück auf das Kissen und denke wieder an Paul.

Auch wenn ich keinen Zauberstab besitze, gibt es ja Hoffnung. In zwei Tagen darf ich Paul beim Modellsitzen endlich ganz offiziell anfassen. An ihm schnuppern; mit ihm reden. Er ist mir sogar ein bisschen ausgeliefert. Und das werde ich ausnutzen.

Ich muss klug sein.

Ich muss duften.

Aussehen wie die Göttin der Liebe.

Mindestens.

Die Frage ist nur, wie ich das hinbekomme ohne Zaubermittel ...

Wenn ich großes Glück habe, kommt Lara wie immer erst um zehn. Dann bleiben mir sechzig Minuten, um ihn zu bezaubern.

Vorausgesetzt, ich überlebe die 48 Stunden bis dahin. Wie schaffe ich das bloß?

Ich könnte mich auf meine Arbeit konzentrieren. Das wäre bestimmt besser, als darüber nachzudenken, wie unscheinbar ich aussehe.

Wenn mir der Gipskopf gut gelingt, hat Erich gesagt, dann darf ich die Oronte-Perücke machen.

Ein Gipskopf ist nicht so einfach. Der Gips darf zum Beispiel nicht zu fest werden, sonst lassen sich die Montiernägel, mit denen die Perücke später befestigt wird, nicht mehr hineindrücken. Für die richtige Perücke muss ich dann noch ein Kopfmodell vom Oronte-Sänger machen. Nur so kann ich sicher sein, dass ihm die Perücke perfekt passt.

Ich habe mir schon überlegt, dass ich Büffelhaare verwende, um diese Drachenechsen-Stacheln herzustellen. Sie sind fester als Menschenhaare, aber trotzdem gut formbar.

Wirklich großzügig von Paul, mir Modell zu sitzen. Für die Sänger vom Chor werden die Perücken nur an Standard-Holzköpfen geknüpft, wenn man nicht sogar etwas aus dem Fundus für sie verwenden kann. Und das ärgert die Chorsänger manchmal.

Doch, Paul ist ein Schatz.

Nur schade, dass die anderen Frauen ihn auch wunderbar finden. Besonders schade ist es, dass ausgerechnet Lara ihn anflirtet. Erstens muss ich mit ihr arbeiten und bin ihr sowieso ein Dorn im Auge und zweitens finde ich sie albern. In Laras Alter sollte man eigentlich verheiratet sein, Kinder haben und nicht auf die Idee kommen, armen, jungen Singles die wenigen Männer wegzuschnappen! Lara ist mindestens schon vierzig. Aber Paul allerhöchstens fünfundzwanzig.

Da bin ich doch für ihn viel besser geeignet.

»Frühstück ist fertig!«, dröhnt es da wie jeden Morgen unglaublich munter durch meine Zimmertür. Reflexartig drücke ich meine Decke noch mal richtig fest an mich. Paul.

Die Stimme gehört Kati, unserer Frühstücksgöttin. Kati ist eine meiner beiden Mitbewohnerinnen. Sie arbeitet in der Schreinerei des Theaters. Wir haben uns über einen »Suche Mitbewohnerin«-Aushang am schwarzen Brett kennen gelernt und waren uns auf Anhieb sympathisch. Obwohl Kati ganz anders ist als ich. Sie sieht aus wie eine Zehnkämpferin und verströmt eine ähnlich disziplinierte Haltung.

Wenn ich mich zum Beispiel über Erich ärgere, lacht sie nur und sagt: »Was für Kinkerlitzchen! Reg dich ab.«

Für das Studium von unserer dritten Mitbewohnerin Regula-Renate, kurz Renée genannt, hat sie nur ein Schulterzucken übrig. »Psychologie!«

Psychologie ist »Bockmist« in Katis Augen. Kati findet, die Leute sollten sich mehr zusammenreißen, statt sich auf Psychiatersofas auszuheulen.

Renée sieht das natürlich nicht so. Für Renée sind Menschen voll unterdrückter Geheimnisse und Spannungen. Und Renée versteht sich als eine Art Schatzsucherin, immer auf der Spur nach dem echten Menschen, der sich hinter seinen Störungen versteckt.

Wir drei passen erstaunlich gut zusammen.

»Kommst du frühstücken?«, dröhnt da noch mal Kati an mein Ohr, und obwohl ich heute länger liegen bleiben könnte, stehe ich auf.

Seit Kati entschieden hat, dass Renée und ich ein nahrhaftes Frühstück brauchen, sorgt sie jeden Morgen dafür. Und das auch, wenn Renée und ich stöhnend in den Betten liegen und um Gnade winseln.

Keine Chance.

Kati steht gnadenlos auf, verströmt Gute-Laune-Schwaden wie billiges Parfüm und macht Frühstück für uns.

Dabei ist ein gemeinsames Frühstück eigentlich Unsinn, weil es in unserer Wohnung keine Küche gibt.

In den Flur hat unser Vermieter eine Art Kochzeile mit zwei Platten, Kühlschrank und Spülbecken hineingequetscht, aber wir haben kein gemeinsames Zimmer. Der einzig wirklich große Raum ist unser Bad und da ist nicht mal die Toilette mit drin. Die wiederum versteckt sich in einem winzigen, fensterlosen Raum am Ende des Ganges.

Das Bad misst fünfundzwanzig Quadratmeter mit einem riesigen Fenster und einer gigantischen, mitten im Raum stehenden Wanne.

Wenn wir zusammen essen wollen, legen wir auf die Wanne ein großes Holzbrett, das Kati für uns geschreinert hat, und setzen uns rundherum.

Klingt unglaublich schick, ist aber ziemlich unbequem, weil man nie weiß, wo man seine Füße unterbringen soll.

Eigentlich würde ich morgens lieber alleine sein. Mich in aller Ruhe ins Badezimmer schleppen, dort ein bisschen belämmert herumhängen. Dann erst das graue Gesicht im Spiegelbild fragen, wie es heißt, und mich nach und nach mit etwas kaltem Wasser von einem mondsüchtigen Zombie in einen Menschen verwandeln.

Aber meistens hat Kati schon Frühstück gemacht und ich kann nur im Klo zu mir kommen.

Das ist der einzige Moment, in dem ich mir manchmal wünsche, alleine zu wohnen. Allerdings ist das völlig utopisch, denn das Lehrlingsgeld vom Theater würde höchstens für einen Schafstall im Odenwald reichen.

Heute allerdings bin ich sowieso schon lange wach und muss nicht erst zu mir kommen. Es stört mich nicht, dass Kati im Bad hockt und ihr krachend gesundes Nussmüsli isst. Außerdem rieche ich den Kaffee. Den hat Kati, zuvorkommend wie immer, bereits eingegossen. Viel, stark, heiß, mit Zucker.

Renée hat sich auch aufgerafft und kommt zu uns. Klatscht sich ordentlich Kajal und Mascara auf die Augen und sagt dann erst »Guten Morgen«, als wären wir vorher nicht da gewesen.

Wie meistens hat sie sich auch heute das »Darmstädter Echo« unter den Nagel gerissen und liest uns mit düsterer Stimme die Nachrichten des Tages vor.

»Terroranschläge brechen nicht ab«, sagt sie, und: »Gib mal bitte die Nutella rüber!« Mit einem »Waldbrandgefahr in Australien wächst« nimmt sie einen Schluck Kaffee, schaut auf und fragt: »Sag mal, Kati, wieso schmeckt der Kaffee heute so lax?« Ohne eine Antwort abzuwarten, geht es weiter. »Mädels, zieht euch die Gummischuhe an, die Regenwahrscheinlichkeit liegt heute bei 75 Prozent.« Dabei gräbt sie mit einem silbernen Teelöffel in der eiskalten Nutella.

Also auf der einen Seite krach, knusper, mampf, auf der anderen Terror, Tipps und teelöffelweise Nutella.

Da weiß ich gar nicht, wie ich das Thema auf Paul bringen kann. Dabei möchte ich so gern seinen Namen aussprechen oder noch viel lieber jubeln.

P-A-U-L!

8.

»Wie erlange ich Klarheit?«
Alcina 2,3

»Gibt’s was Neues?«, fragt Renée, nachdem sie endlich mit der Zeitung fertig ist.

Ich überlege kurz, ob ich ihr eine völlig wahnsinnige, erfundene Geschichte aus meinem Leben auftischen soll, damit sie etwas zum Analysieren hat, aber ich tue es nicht.

Ich möchte so gern über Paul reden.

»Ja, allerdings«, sage ich und grinse wahrscheinlich wie eine Lottogewinnerin.

Kati und Renée hören beide auf zu kauen.

»Du hast dich verliebt!«, stellt Renée fest.

»Oh Gott!«, sagt Kati.

»Wieso denn oh Gott?«, frage ich nach.

Kati grinst. »Weil ich mich an das letzte Mal noch gut erinnern kann. Zwei Wochen Himmel, und dann vier Monate Hölle für uns, weil wir deine Trübsal teilen mussten.«

»Stimmt«. sagt Renée und erinnert sich. »Das war die Geschichte mit diesem Felix. Aber Emily hat daraus gelernt. Sie wird jetzt nicht mehr auf irgendeinen Blender reinfallen, der noch dazu einen Stall voll anderer Frauen hat, die er nur zur Sexualhygiene benutzt.«

»Emily ist nämlich schon groß!«, erlaube ich mir zu sagen. Auch wenn ich weiß, dass ich in den Augen der beiden immer die Kleine bin. Sie sind leider vier Jahre älter als ich.

»Genau, und du hast deine Minderwertigkeitskomplexe überwunden und bist jetzt auf dem besten Weg!«, sagt Renée in ihrem »Ich als deine Therapeutin weiß, du kannst es schaffen«-Ton.

»Renée, ich bin zweifellos völlig normal. Mir fehlt nichts!«, widerspreche ich, obwohl ich ahne, dass es zwecklos ist. Seit Renées letzter Freund das Weite gesucht hat, sind Kati und ich wieder ihre bevorzugten Analyseopfer – schon allein deshalb, weil wir uns nicht so einfach aus dem Staub machen können.

»Wer ist denn schon normal, Emily? Du bist in bester Gesellschaft. Fast niemand ist normal«, sagt Renée dann auch prompt.

Bevor ich Renée androhen kann, ihre hoch geschätzte Nutella für immer aus dem Kühlschrank zu entfernen, bringt Kati die Sache wieder auf den Punkt.

»Wie heißt er denn? Was macht er? Wo habt ihr euch getroffen?«, fragt sie.

Ich erzähle den beiden alles, was ich über Paul weiß, und merke, dass es nicht wirklich viel ist. Aber das wird sich bald ändern.

»Hmm«, fragt Renée, »und was macht ein Chorsänger sonst noch so?«

»Nichts. Chorsänger sind fest angestellt«, erkläre ich den beiden. »Morgens proben sie im Chorprobenraum und abends haben sie Vorstellung. Da bleibt keine Zeit für etwas anderes.«

»Doch, nachmittags, da könnten sie leidenschaftliche Affären pflegen«, wirft Kati ein. »Haben Maskenbildnerinnen da nicht auch gerade frei?«

Das würde mir gefallen. Paul und ich verschwinden gemeinsam nach dem Mittagessen und knabbern zum Nachtisch aneinander.

Ob Lara das überleben würde? Apropos Lara ...

»Ich weiß nicht, ob ich überhaupt eine Chance bei Paul habe«, sage ich. Zu Renée und Kati bin ich meistens ehrlich. »Er ist immer umringt von Frauen, ich glaube, er nimmt mich nicht richtig wahr.«

»Das kommt noch«, tröstet Renée.

»Wie lange schuldet er dir die Kohle jetzt schon?«, fragt Kati pragmatisch.

»Ich glaube, seit einer Woche, ich weiß nicht mehr so genau.«

»Vergiss ihn.« Kati schüttelt missbilligend den Kopf. »Wenn er etwas von dir wollte, hätte er die Gelegenheit längst genutzt!«

Plötzlich fällt mir ein, dass ich der Knubbelnase auch noch nicht das Geld zurückgegeben habe, und ich schäme mich ein bisschen. Ich habe es einfach vergessen.

»Kati, nur weil du etwas Geliehenes auf der Stelle zurückgeben würdest, heißt das nicht, dass alle es so machen!«, erklärt Renée.

»Das ist jetzt auch egal«, stelle ich fest. »Übermorgen bin ich mit ihm für eine Stunde allein.«

Details

Seiten
156
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783960532163
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380563
Schlagworte
eBooks Romantik Liebesroman Gefuehle Theater Schminken erste Liebe Freundschaft Jugendroman Flirt

Autor

Zurück

Titel: Zauberherz