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ZM - streng geheim: Achter Roman - Der Schatten des Dschingis-Khan

2018 106 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Alles, was die mutigen Zeitreisenden nach ihren vielen Abenteuern wollen, ist, endlich nach Hause zu kommen. Doch plötzlich befällt sie die geheimnisvolle Zeitkrankheit, und sie müssen die Maschine stoppen. So landen sie mitten in Asien – im Jahr 1220! Der berühmt-berüchtigte Dschingis-Khan steht vor den Toren der prächtigen Stadt Sarmakand, um sie einzunehmen. Im Chaos der Schlacht müssen die Kinder und Professor Ambrosius nicht nur um ihr Leben fürchten, sondern verlieren obendrein ihre Zeitreisemaschine. Wie sollen sie denn so je wieder heimkommen? Der Professor hat eine Idee – doch die birgt schreckliche Gefahren …

Über die Autorin:

Marliese Arold, Jahrgang 1958, entdeckte schon als Kind ihre Leidenschaft für Geschichten. Statt Schriftstellerin wurde sie aber erst mal Bibliothekarin. Seit der Geburt ihrer Kinder schreibt sie selbst – über 180 Bücher sind es mittlerweile, die in 20 Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt mit ihrem Mann in Erlenbach am Main.

Bei jumpbooks veröffentlicht sie auch:

SOKO Ponyhof, Band 1: Gefahr in den Ferien

SOKO Ponyhof, Band 2: Das gestohlene Gemälde

SOKO Ponyhof, Band 3: Die Jagd nach dem Dieb

SOKO Ponyhof, Band 4: Mädchen vermisst

ZM – streng geheim, Band 1: Das Geheimnis des alten Professors

ZM – streng geheim, Band 2: Grabraub im Tal der Könige

ZM – streng geheim, Band 3: Die Sonnenstadt von Ol-Hamar

ZM – streng geheim, Band 4: Die Feuerhexe

ZM – streng geheim, Band 5: Das Rätsel von Machu Picchu

ZM – streng geheim, Band 6: Der Herrscher von Atlantis

ZM – streng geheim, Band 7: Die Geisterhand Roms

Weitere Bücher sind in Vorbereitung.

Die Autorin im Internet: www.marliese-arold.de

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eBook-Neuausgabe Februar 2018

Copyright © der Originalausgabe 1984 Pelikan AG – D-3000 Hannover 1

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2018 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Esteban de Armas

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (sh)

ISBN 978-3-96053-210-1

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Marliese Arold

ZM – streng geheim

Band 8: Der Schatten des Dschingis Khans

jumpbooks

Wer geht auf Abenteuerjagd?

Ambrosius Kohler

Spinner oder Genie? Er ist Professor der Physik und hat früher an Hochschulen unterrichtet. Aber man hat ihn gefeuert. Seitdem ist der große, hagere Mann ziemlich launisch und verkriecht sich am liebsten in seine vier Wände. Mit seinen langen, grauen Haaren, seiner dicken Hornbrille und seinem geistesabwesenden Gesichtsausdruck macht er auf Fremde keinen besonders freundlichen Eindruck. Manche halten ihn sogar für verrückt. Doch das ist dem Professor nicht einmal so unrecht. Dann lassen ihn die Leute wenigstens in Ruhe, und er kann ungestört seiner Arbeit nachgehen. Über seinen merkwürdigen Erfindungen vergißt er oft alles andere. Übrigens ist er der Großonkel von Michael und Heike Jaschke, auch wenn er normalerweise mit der ganzen Verwandtschaft verkracht ist.

Michael Jaschke

liebt nichts mehr als Krimis und Gruselgeschichten. Bei einem Skelett kann er schon mal schwach werden. Zum Ärger seines Deutschlehrers besitzt Michael eine überschäumende Phantasie. Was in seinen Aufsätzen steht, klingt nicht immer glaubhaft. Aber die Schule ist Michael ziemlich schnuppe. Für einen Elfjährigen gibt es wichtigere Dinge, findet er. Mit seinem blonden Haar, seinen blauen Augen und den unzähligen Sommersprossen sieht Michael seiner Schwester überhaupt nicht ähnlich. Aber trotz seiner kurzen runden Arme und Beine ist er flinker, als man denkt.

Heike Jaschke

schwärmt für Tiere, besonders für Pferde. Von Skeletten hält die Dreizehnjährige nicht viel – im Gegensatz zu ihrem Bruder. Sie ist groß und schlank, hat grüne Augen und braunes Haar, das sie meistens zu einem Pferdeschwanz zusammenbindet. Niemand würde sie für Michaels Schwester halten – nur ihre Stupsnasen gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Das Lernen fällt Heike leicht, und obwohl sie in der Schule eine der Besten ist, bildet sie sich nichts darauf ein. Überhaupt ist sie ein echter Kamerad und verliert selbst in heißesten Situationen nicht den Kopf – auch wenn ihr das Herz manchmal ziemlich flattert. Ihr Wahlspruch ist: Erst denken, dann handeln!

Thomas Pahl

kennt mit seinen vierzehn Jahren nur ein Ziel: Er will Detektiv werden. Seine Spürnase ist fast noch besser als die von Moorteufel, seinem Hund. Das Fell des Labradors ist ebenso schwarz wie die Locken des schlaksigen Jungen, aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb Moorteufel Thomas’ bester Freund ist. Der Hund ist nämlich ein Geschenk von seinem Vater, der inzwischen gestorben ist.

Mit seinem Stiefvater kommt der Junge nicht zurecht, und daher geht er ihm am liebsten aus dem Weg. Thomas weiß, wie wichtig es ist, Augen und Ohren offenzuhalten. Es macht ihm Spaß zu kombinieren, allerdings schießt er dabei manchmal übers Ziel hinaus.

Kapitel 1
Zeitpest

»Merkwürdig«, murmelte Professor Ambrosius, während er das Schaltpult seiner Maschine überwachte. »Irgend etwas zieht uns ständig nach Osten. Ich kann die Zeitmaschine einfach nicht lenken.« Er hantierte an verschiedenen Knöpfen, schüttelte aber dann den Kopf. »Sieht so aus, als müßten wir einen kleinen Umweg um den Erdball herum machen, bevor wir nach Hause kommen.«

»Hauptsache, wir schaffen es überhaupt«, meinte Heike. Besorgnis stand auf ihrem Gesicht. Nach dem Abenteuer in Rom sehnte sie sich danach, heimzukommen und sich erst einmal von den erlebten Strapazen zu erholen. Ja, in diesem Augenblick hätte sie sogar lieber Langeweile in Kauf genommen, als weiterhin mit der Zeitmaschine im Ungewissen herumzukurven.

Aber leider ließ sich die Maschine nicht von Heikes Gedanken beeinflussen.

»Vielleicht ist sie beschädigt worden, als wir Rufus von der Insel holten«, vermutete Michael. »Er hat ja wie ein Irrer auf das Schaltpult eingedroschen.«

»Möglich«, erwiderte der Professor. »Ich bin jedoch der Ansicht, daß es sich eher um eine Störung in der Zeitwellen- Atmosphäre handelt.«

»Zeitwellen-Atmosphäre?« wiederholte Thomas, der zum erstenmal davon hörte.

»Natürlich, das ist doch ganz klar.« Der Professor seufzte und wollte gerade zu einer umständlichen Erklärung ansetzen, aber da beanspruchte Moorteufel die ganze Aufmerksamkeit. Der Hund fiel plötzlich von seinem Sitz herunter und wälzte sich auf dem Boden. Dabei winselte er erbärmlich und krümmte sich zusammen. Er mußte starke Schmerzen haben.

»Was ist mit ihm los?« rief Michael.

Thomas ließ sich neben dem Hund nieder und befühlte seinen Körper. Ein Zittern lief durch Moorteufels Leib.

»Er stirbt«, stieß Thomas aus. »Ich weiß nicht, was er hat, aber er stirbt!« Jegliche Farbe war aus dem Gesicht des Jungen gewichen.

Der Professor runzelte die Stirn. »Hat er etwas Schlechtes gefressen?« fragte er. Doch plötzlich verzerrte sich sein Mund. Er griff sich mit der Hand an die Kehle und ächzte. Seine Augen quollen aus den Höhlen. »Luft!« keuchte er mühsam. Seine Knie knickten ein. Er klammerte sich ans Schaltpult.

Heike wollte ihn stützen, doch im selben Moment fuhr ein messerscharfer Schmerz durch ihren Kopf. Sie stemmte stöhnend ihre Handflächen gegen die Schläfen. Vor ihren Augen tanzten helle Lichtfunken. Sie war unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun. Sie merkte, wie ihr allmählich die Sinne schwanden.

»Zeitk–«, preßte der Erfinder mühsam hervor, »das ist die Zeitkrankh–.« Sein Kopf sackte nach vorn aufs Schaltpult. Der Professor hatte keine Kraft mehr, sich festzuhalten. Er rutschte in Zeitlupentempo auf den Boden. Mit letzter Anstrengung hob er seinen rechten Arm und tastete nach einem Hebel, doch seine schmerzgekrümmten Finger erreichten ihn nicht mehr. Da verlor er das Bewußtsein.

Inzwischen merkten auch die beiden Jungen die ersten Anzeichen der rätselhaften Krankheit.

»Mein Magen!« stöhnte Michael und hielt sich den Bauch. Er war beileibe kein Feigling, aber der Schmerz war mehr, als er aushalten konnte. Es war ein Gefühl, als würde jemand seinen Magen mit Faustschlägen bearbeiten. »Hilfe, ich kann nicht mehr!« Er wand sich vor Schmerzen.

»Es muß eine Seuche sein«, ächzte Thomas. Er kämpfte gegen den Nebel in seinem Kopf. Der Nebel erstreckte sich auf seine Augen und machte ihn fast blind. Er sah die anderen und den Hund nur noch als graue Schemen. Moorteufel lag inzwischen völlig ruhig. War er tot? Thomas versuchte, sein Herz zu fühlen. Doch er konnte sich einfach nicht darauf konzentrieren. Seine Gedanken drehten sich im Kreise. Instinktiv spürte Thomas, daß sie alle rettungslos verloren waren, wenn sie nicht sofort handelten.

»Stop!« Seine Zunge wollte ihm nicht gehorchen. »Wir müssen die Maschine stop–« Da war der Gedanke schon wieder fort, hatte sich wie Rauch verflüchtigt. In Thomas’ Gehirn war nur Leere. Er sank zusammen und spürte unter sich Moorteufels weiches Fell.

Michael biß die Zähne zusammen. Die linke Hand auf den Magen gepreßt, versuchte er, das Schaltpult zu erreichen. Der Schmerz raubte ihm den Atem, als er über den Professor stieg. Er wußte, daß er den Schalthebel nach oben drücken mußte, um die Maschine zu stoppen. Doch mit einer Hand schaffte er es nicht. Als er die andere zu Hilfe nahm, meinte er, von den Schmerzen auseinandergerissen zu werden. Mit einem Ruck stieß er den Hebel hoch, dann brach er über dem Schaltpult zusammen.

Heike erwachte zuerst. Ihre Finger waren so klamm, daß sie sie kaum bewegen konnte. Doch noch schlimmer war der beinahe unerträgliche Durst.

Heike mußte sich erst besinnen, wo sie war. Noch vor wenigen Sekunden war sie felsenfest davon überzeugt gewesen, zu Hause in ihrem Bett zu liegen. Doch unter ihr war keine Matratze, sondern kalter Metallboden. Heike stöhnte. Die Erinnerung kam allmählich zurück. Was war mit ihr und ihren Freunden geschehen?

Sie rappelte sich auf. Dabei fiel ihr Blick zufällig auf die Zeitanzeige der Maschine. Höhnisch sprang ihr die Zahl in die Augen:

1220

Heike unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei. Die Zahl zerstörte ihre heimliche Hoffnung, daß die Zeitmaschine sie während ihrer Bewußtlosigkeit sicher nach Hause gebracht hatte. Aber hatte nicht der Professor vor ihrer letzten Reise ein wichtiges Teil, die Zeitkonstante, ausgebaut? Ohne dieses Teil war die Rückkehr ins Zwanzigste Jahrhundert viel schwieriger, das hatte der Erfinder bereits angekündigt. Doch jetzt war nicht die Zeit für solche Überlegungen. Heike riß sich zusammen. Ihre Freunde benötigten dringend Hilfe.

Michael begann sich zu regen. Als er seine Augen öffnete, war sein Blick so leer wie nach tiefem, traumlosem Schlaf. Dann erkannte er seine Schwester und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

»O Mann, da ist wieder mal etwas schief gegangen, schätze ich.«

»Bist du in Ordnung?« fragte Heike besorgt.

Michael betastete seinen Magen, dann seinen Kopf. »Ja. Nur ein bißchen beduselt. Und fürchterlich durstig. Was gäbe ich jetzt für ein Glas eisgekühlte Limonade! Aber was ist mit dem da los?« Er rüttelte am Arm des Professors. Der Arm war ganz schlaff und sank zurück, als Michael ihn losließ. »Ihn hat’s schwer erwischt, was?«

Im gleichen Augenblick knurrte der Professor: »Nicht, Frau Schneider! Lassen Sie mich gefälligst noch ein bißchen schlafen! Ich werde Ihnen kündigen, wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen.« Und mit einem Schnarcher drehte er sich auf die andere Seite.

»Na, wenigstens lebt er noch«, stellte Michael fest und grinste.

Sorgen bereitete den Kindern Thomas. Es gelang den beiden zwar, den Jungen wieder zu Bewußtsein zu bringen, aber seine Augen blieben ausdruckslos. Die Pupillen waren so klein wie Stecknadelköpfe. Er erkannte sie nicht.

»He, Thomas!« Heike schüttelte ihn verzweifelt. »Sag doch etwas!«

Unverständliche Gurgellaute kamen aus Thomas’ Kehle. Heike rann ein Schauder über den Rücken. Was fehlte Thomas? Warum benahm er sich so merkwürdig?

»Hallo, Thomas«, sagte Michael, und er sprach dabei so laut wie zu einem Schwerhörigen. »Kannst du uns verstehen? Wir sind Michael und Heike, deine Freunde.«

Thomas’ Blick glitt durch ihn hindurch. Heike sah ihren Bruder verzweifelt an. Was sollten sie nur tun?

»Ich glaube, er hat das Gedächtnis verloren«, vermutete Michael. »Offenbar kann er sich an nichts mehr erinnern.«

Heikes Hände krampften sich zusammen. Thomas benötigte dringend ärztliche Hilfe.

»Durst«, lallte der Junge schwerfällig. »Durst …«

»Sieh doch mal nach, ob noch Vorräte in der Maschine sind«, sagte Heike. Michael stieg über Moorteufel, der ruhig schlief, und sah in einer Kiste nach.

»Pustekuchen. Nur noch eine Dose Hundefutter. Wahrscheinlich hat der Professor die Kiste vor der letzten Reise überhaupt nicht gefüllt.«

»Mist«, erwiderte Heike und biß sich auf die Lippen.

»Wo zum Kuckuck sind wir überhaupt?« Michael starrte auf den erloschenen Bildschirm. Zögernd glitten seine Hände über das Schaltpult und verharrten eine Sekunde lang über einem Knopf.

»Der da ist der richtige, hoffe ich.« Auf dem Bildschirm leuchteten die Umrisse der Kontinente auf. Ein Leuchtpunkt zeigte an, wo sich die Zeitmaschine im Augenblick befand.

»Du lieber Himmel, wir sind mitten in Asien!«

»Ich habe ja gleich gesagt, daß wir einen Umweg nach Hause machen müssen«, ertönte die Stimme des Professors. Umständlich kam der Erfinder auf die Beine. »Allerdings hätte ich nicht gedacht, daß wir diesmal von der Zeitkrankheit befallen werden. Aber irgendwann mußte es ja mal so kommen. Es war unverantwortlich von mir zu glauben, daß wir dagegen geschützt sind. Menschen sind nun einmal nicht geschaffen, in der Zeit herumzureisen.«

»Zeitkrankheit?« Michael hielt sich bei der Erinnerung an die unsichtbaren Faustschläge den Magen.

»Manche Menschen leiden an der Seekrankheit, und manche Astronauten werden von der Raumkrankheit gepackt. Eigentlich ist es erstaunlich, daß es uns nicht schon früher erwischt hat. Ich vermute, daß mein Ausbau der Zeitkonstante etwas damit zu tun hat und daß die Zeitwellen daher besonders stark auf unsere Körper wirken. Aber ich denke, daß der Zwischenfall keine Folgen hinterlassen hat.« Der Professor war so in seine Erklärung vertieft, daß er noch gar nicht gemerkt hatte, daß sich Thomas im Gegensatz zu den anderen nicht völlig erholt hatte. Als der Erfinder erfuhr, was mit dem Jungen passiert war, wurde er aschfahl.

»Verflixt und zugenäht, das ist eine böse Sache!«

Thomas stierte mit glasigem Blick die Wand an. Er reagierte auf nichts; die Kinder mochten ihn ansprechen, soviel sie wollten. Er merkte auch nicht, daß ihm Moorteufel die Hand leckte. Dem Hund, der inzwischen erwacht war, fehlte nichts. Dagegen hätte man meinen können, Thomas sei zu Stein erstarrt, hätten sich seine Lippen nicht unentwegt bewegt.

»Durst, Durst …« Fast lautlos waren die Worte, die er vor sich hin flüsterte.

Der Professor schüttelte den Kopf. »Normalerweise hätte ich jetzt die Zeitmaschine wieder gestartet. Aber in Thomas’ Zustand ist die Gefahr viel zu groß. Wir dürfen nicht riskieren, daß er stirbt.«

»Besteht denn Hoffnung, daß er sein Gedächtnis wiederfindet?« fragte Heike bang.

Der Erfinder zuckte mit den Schultern. »Ich bin kein Arzt, Heike, und es wäre nutzlos, jetzt irgendwelche Versprechungen zu machen.« Das war keine sehr ermutigende Antwort, aber Professor Ambrosius ließ es nicht zu, daß die Kinder trüben Gedanken nachhingen.

»Los, ihr beiden: Hakt Thomas unter, dann verlassen wir die Maschine und sehen nach, ob wir draußen etwas zu trinken finden.« Damit drückte er auf einen Knopf, und die Einstiegsluke öffnete sich automatisch.

Kapitel 2
Dschingis-Khan vor den Toren!

Die Zeitmaschine war in einem Park gelandet. In den Beeten blühten die Blumen, und unverkennbar lag Frühlingsduft in der Luft. Bunte Vögel turnten in den Zweigen der Sträucher. Es war ein Anblick des Friedens.

»Dort ist ein Springbrunnen«, stellte Michael erfreut fest. Auch Heikes Augen leuchteten auf. Die beiden Kinder zogen Thomas zum Brunnen, um ihren Durst zu stillen.

»Hoffentlich ist es auch wirklich Trinkwasser«, sagte der Professor vorsichtig. Sein Blick wanderte über den Park hinweg zu den Gebäuden dahinter. Es mußte eine mächtige Stadt sein, in der sie gelandet waren. Er sah hohe Türme mit runden Kuppeln. Manche davon waren vergoldet und leuchteten in der Sonne.

Michael hatte inzwischen das Wasser gekostet und fand, daß es gut schmeckte. »Herrlich kühl und erfrischend!« Er ließ sich das eiskalte Wasser übers Gesicht laufen. Seine Lebensgeister kehrten zurück, und er fühlte sich munter und ausgeruht. Auch Heikes Wangen nahmen allmählich wieder Farbe an. Nur an Thomas’ Zustand änderte sich nichts. Obwohl der Junge vom Wasser getrunken hatte, blieben seine Augen so leer und traumverloren wie zuvor.

»Wenn wir ihm nur helfen könnten«, hoffte Heike inbrünstig. Wie fremd kam ihnen Thomas vor! Selbst Moorteufel spürte, daß sein Herr ganz anders war als sonst.

Im selben Augenblick erscholl eine laute Stimme, die weit über die Stadt hallte. Als sich die Kinder umwandten, sahen sie in der Ferne einen Mann auf einem der Türme stehen.

»Der muß ganz schön brüllen«, stellte Michael fest. »Was ruft er wohl aus? Vielleicht eine wichtige Neuigkeit?«

»Um ihn zu verstehen, müssen wir eine von unseren Sprachpillen nehmen«, sagte der Professor. »Ich glaube, es ist sowieso besser, wenn wir dies nun tun, denn wir werden wahrscheinlich eine Weile hierbleiben.«

Bis die Zeitreisenden die kleine grüne Pille geschluckt hatten, mit deren Hilfe sie in kürzester Zeit eine fremde Sprache lernen konnten, war der seltsame Singsang des Mannes verstummt.

»Laß doch«, sagte Heike, denn Michael schob auch Thomas eine Sprachpille zwischen die Lippen. »Es ist sinnlos. Er versteht ja nicht einmal uns.«

»In welcher Stadt sind wir wohl gelandet?« grübelte der Professor.

»Die Türme und Kuppeln erinnern mich an die Märchen von Tausendundeiner Nacht«, erwiderte das Mädchen.

»Na, hoffentlich müssen wir nicht so lange hierbleiben«, fügte Michael hinzu. »Dazu habe ich nämlich überhaupt keine Lust.« Dann stieß er Heike an. »Sieh mal, könnte das da vorn nicht Sindbad der Seefahrer sein?«

Durch den Park schritten drei Männer. Sie trugen lange, bestickte Gewänder. Der erste hatte einen Turban auf dem Kopf, die anderen beiden hohe Hüte, die oben ganz flach waren. Die Mienen der Männer waren nicht sehr vertrauenswürdig, so daß Michael das Scherzen verging.

»Ich glaube, die wollen etwas von uns«, flüsterte Heike heiser.

Da kamen die Männer auch schon auf sie zu und schrien gleichzeitig auf sie ein.

»Was fällt euch ein?« – »Fremdlinge im Garten des Schahs!« – »… mißbraucht die Stunde des Gebets …«

Schließlich gebot der erste Ruhe und wandte sich an den Professor. »Wer bist du, Fremder, daß du die Frechheit hast, in den Garten des Schahs einzudringen, noch dazu zur Stunde des Gebets? Bist du etwa ein Späher der Mongolen?«

Noch bevor Professor Ambrosius antworten konnte, mischte sich der zweite Mann ein. »Sicher gehören sie zu den stinkigen Steppensöhnen, die vor den Toren lagern und sich einbilden, sie könnten die Stadt erobern.« Er langte mit harter Hand nach Michael, griff ihm unters Kinn und drehte sein Gesicht empor.

»Zwar hast du keine Schlitzaugen, aber dein Blick ist genauso verschlagen wie der deines Anführers!« Er spie verächtlich aus.

»Lassen Sie mich sofort los«, rief Michael und wand sich. Schließlich gaben die Finger, die so kräftig waren wie Stahlklammern, sein Gesicht frei. Doch die Spuren waren noch deutlich auf seiner Haut zu sehen.

»Hast du die Sprache verloren?« herrschte der erste nun den Professor an. »Wer bist du, und was suchst du hier?«

»Ich bin nur ein alter Gelehrter«, erwiderte der Erfinder und machte ein unschuldiges Gesicht. »Ich und meine Schüler sind lediglich auf der Durchreise.« Er wies auf die Kinder.

Der Mann mit dem Turban runzelte mißbilligend die Stirn. »Durchreise? Und was ist dein Ziel?«

»Wissen und Wahrheit«, gab der Professor vieldeutig zur Antwort und hob seine Augen empor zum blauen Himmel. Die Männer wechselten einen Blick.

»Sollen wir sie in den Palast bringen?« fragte derjenige, der Michael zuvor festgehalten hatte. »Der Schah mag entscheiden, was mit ihnen geschehen soll.«

»Was ist mit dir los, Omar? Schläfst du mit offenen Augen?« tadelte ihn der erste. »Die ganze Stadt weiß, daß Schah Muhammed Samarkand längst verlassen hat, und er wird auch so schnell nicht mehr zurückkehren. Jedenfalls nicht, solange diese schmutzigen Mongolen vor den Stadtmauern lauern.«

»Schah Muhammed ist weg?« fragte Omar, und Erstaunen malte sich in seinen Zügen. »Ist er in Sicherheit?«

»Er ist zu Pferde geflohen. Wenn du mich fragst, war das eine Dummheit, denn wo könnte Schah Muhammed sicherer sein als hier in Samarkand, der uneinnehmbaren Stadt? Selbst wenn uns die Mongolen weiterhin belagern, wird es ihnen nicht gelingen, Samarkand niederzubrennen und zu vernichten, so wie sie es mit Buchara und anderen Städten getan haben. Wir haben genug Vorräte und Wasser, um der Belagerung lange Zeit standzuhalten. Allah wird uns vor Dschingis-Khan schützen, das versichere ich dir.«

»Dschingis-Khan«, entfuhr es dem Professor, und seine Augen weiteten sich vor Schreck. »Du lieber Himmel: Asien, das Jahr 1220, und auch noch Dschingis-Khan! Uns bleibt wirklich nichts erspart.«

»Was faselst du da?« fragte der Mann mit dem Turban. »Als nächstes wirst du uns noch vorlügen, daß du noch nie etwas von Dschingis-Khan gehört hast, diesem größenwahnsinnigen Steppenfürsten, der sich aufführt, als habe er von niemandem etwas zu fürchten!«

»Der Name Dschingis-Khan ist mir ein Begriff«, antwortete Professor Ambrosius wahrheitsgemäß und konnte nicht verstehen, warum die Männer in lautes Lachen ausbrachen.

»Hört, hört, er ist ihm ein Begriff«, höhnte Omar. »So vergraben bist du also doch nicht in deine Gelehrsamkeit, Alter, daß du den Namen Dschingis-Khan noch nie gehört hast. Sicher wirst du auch noch seinen Charakter kennen, spätestens dann, wenn ihm dein Kopf vor die Füße rollt.«

Der Professor kniff beleidigt die Lippen zusammen.

»Schluß jetzt«, bestimmte der Mann mit dem Turban. »Wir haben schon genug Zeit mit diesen Fremden vergeudet. Wir nehmen sie auf alle Fälle in Gewahrsam, sicher ist sicher.« Damit griff er nach Thomas und Heike. Der Junge leistete keinen Widerstand, aber Heikes Augen funkelten zornig, und sie versuchte, sich der festen Hand zu entwinden.

»Nicht so kratzbürstig, Mädchen!« Der Mann wurde langsam ungeduldig. »Warum bedeckst du dein Gesicht nicht mit einem Schleier, wie es sich für deinesgleichen schickt?«

»Sie ist sicher eine Ungläubige«, murmelte Omar, während er Michael packte. Der dritte Mann nahm den Professor gefangen. Mit einem raschen Handgriff drehte er dessen Arm auf den Rücken, so daß es unmöglich war zu entkommen. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, durchquerte den Park und näherte sich einem prächtigen Gebäude. Am Eingang winkte der Mann mit dem Turban zwei Wachen herbei.

»Nehmt diese Leute mit und bringt sie in eines der Verliese. Möglicherweise gehören sie zu Dschingis-Khan.«

Die Wächter machten Anstalten zu gehorchen.

»Halt!« rief da auf einmal eine Stimme. Aus dem Palast stürzte ein Mann. Er war ähnlich gekleidet wie die anderen, nur war sein Turban etwas kleiner. »He, Chalid! Ich bringe eine wichtige Neuigkeit.« Offenbar hatte er es sehr eilig, denn er rang nach Atem. »Der neueste Beschluß von Scheik-ul-Islam: Er will die Stadt diesem stinkigen Mongolenfürsten übergeben!«

Der Angesprochene riß die Augen auf. »Haben Dämonen dein Gehirn verwirrt, Mustafa? Du redest blanken Unsinn! Samarkand kampflos übergeben? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Und doch ist es die Wahrheit«, keuchte Mustafa. »Eben hat der Scheik seinen Beschluß bekanntgegeben. Er hat die Kadis und den Mufti auf seiner Seite.«

»Sogar die Rechtsgelehrten stimmen für die Übergabe?« Chalid schnitt eine Grimasse, als habe er eben in eine Zitrone gebissen.

»Scheik-ul-Islam meint, Dschingis-Khan sei hauptsächlich hinter dem Schah her«, berichtete Mustafa. »Doch Schah Muhammed ist geflohen, und eigentlich gibt es für den Khan keinen Grund mehr, die Stadt weiterhin zu belagern. Scheik-ul-Islam hofft, daß Dschingis-Khan Samarkand mit seinem Zorn verschonen wird.«

Chalid schüttelte den Kopf. »Hat man schon je davon gehört, daß der Khan etwas verschont hat? – Ich sage dir, Scheik-ul-Islam ist von Sinnen! Er wird die ganze Stadt ins Unglück stürzen. Wozu haben wir ein Heer von über hunderttausend Mann, nicht zu vergessen die zwanzig Kriegselefanten? Unsere Mauern sind stark und fest. Freiwillig die Tore öffnen? Das kann nur der Rat eines Wahnsinnigen sein!«

Heike und Michael sahen sich an. Sie hatten beide gemerkt, daß die Aufmerksamkeit der Wachen dem Gespräch galt. Michael machte eine fast unmerkliche Bewegung mit dem Kopf. Vor ihnen im Palast lag ein langer Gang mit zahlreichen Abzweigungen. Heike verstand.

»Jetzt oder nie«, zischte Michael, rammte seinen Kopf in den Bauch des einen Wächters, packte blitzschnell Thomas’ Hand und rannte mit ihm den Gang entlang. Heike biß ihren Wächter in den Arm. Mit einem Schmerzensschrei lockerte der Mann seinen Griff, und Heike war frei, ebenso der Professor. Die zwei folgten hastig den beiden Jungen.

»Halt!« schrien die Wächter und hefteten sich an ihre Fersen. Omar wollte ihnen ebenfalls nach, doch Chalid hielt ihn zurück.

»Nein, bleibe«, befahl er. »Wenn die Nachricht über Scheik-ul-Islam stimmt, dann haben wir wichtigeres zu tun, als die Gefangenen zu verfolgen. Außerdem gibt es aus dem Palast sowieso kein Entkommen. Sie laufen geradewegs in ihr Unglück.«

Kapitel 3
In höchster Not

Zunächst schien es so, als sollte Chalid recht haben. Wohin sich die Zeitreisenden auch immer wandten, stießen sie auf verschlossene Türen. Manche Gänge entpuppten sich als Sackgassen, und nur ihrer Schnelligkeit war es zu verdanken, daß sie den Wächtern trotzdem entkamen.

»Ich kann nicht mehr«, schnaufte der Professor. »Es hat alles keinen Zweck. Sie erwischen uns doch!« Sein Herz hämmerte wild. Er war so schnelles Laufen nicht gewohnt.

»Weiter«, forderte ihn Heike auf. »Komm, schnell. Ich glaube, Michael und Thomas sind dort hinten verschwunden.« Sie zog den Erfinder einfach mit.

Hinter einer Ecke wartete Michael. Er legte die Finger auf die Lippen. »Ich habe etwas entdeckt!« Er wies auf einen riesigen gestickten Wandbehang, der eine ganze Wand bedeckte. »Dahinter ist eine Nische. Zwar schmal, aber wir passen hinein.« Er hob den Wandbehang an. Thomas und Moorteufel waren schon hineingeschlüpft; Heike und Professor Ambrosius krochen rasch dahinter. Zuletzt folgte Michael, der vorsichtig den Wandbehang herabsinken ließ.

Er war stockfinster. Michael lauschte im Finstern. Da hörte er schon die Schritte der Wächter.

»Bei Allah, wo sind sie hin? Eben waren sie noch da, und jetzt sind sie wie vom Erdboden verschluckt!« Die Schritte stoppten. Die Wächter blieben direkt vor dem Wandbehang stehen.

»Aber das ist unmöglich«, sagte der andere. »Sie können nicht einfach weg sein. Vielleicht haben wir uns auch getäuscht, und sie sind vorhin nach links statt nach rechts abgebogen.«

Die Kinder hielten den Atem an, bis sich die Wächter wieder entfernt hatten.

»Verdammt eng hier«, keuchte der Professor, der sich dicht an die Wand preßte. »Mein Arm ist mir eingeschlafen, verflixt noch mal!« Er suchte eine bequemere Stellung. Dabei stieß er mit dem Kopf gegen einen Mauervorsprung. »Autsch!«

»Pst!« machte Heike erschrocken. Da verlor sie auf einmal das Gleichgewicht. Die Wand, an die sie sich gelehnt hatte, sackte auf einmal weg. »Nanu, was ist das?«

»Eine geheime Öffnung«, flüsterte Michael atemlos. »Das kann unsere Rettung sein.« Seine Hände tasteten aufgeregt die Wand ab. »Es scheint ein geheimer Gang zu sein. Haben wir eine Taschenlampe dabei?«

»Die ist in der Zeitmaschine geblieben«, erwiderte Heike.

»Dann muß es eben ohne gehen.« Michael ließ sich auf alle Viere nieder und kroch durch die Öffnung. »Achtung, hier führen Stufen abwärts.«

»Wahrscheinlich bin ich mit meinem Kopf gegen einen geheimen Hebel gestoßen«, vermutete der Professor, während er ächzend in die Knie ging und sich anschickte, Michael zu folgen. Doch dann fragte er: »Was ist mit Thomas?«

Sie verloren wertvolle Zeit, bis es ihnen gelang, dem Jungen klarzumachen, was sie von ihm erwarteten. Noch immer hatte sich Thomas’ Zustand nicht geändert. Der Junge war ihnen bei der Flucht mehr als hinderlich. Aber schließlich konnten sie ihn nicht einfach zurücklassen, wenn sie auch schneller vorangekommen wären.

»Weiß der Himmel, wohin dieser Gang führt«, brummte der Professor, als sie im Finstern vorwärtskrochen. »Ich habe das Gefühl, daß wir die Zeitmaschine so schnell nicht Wiedersehen.«

»Hauptsache, wir kommen erst einmal aus dem Palast heraus«, meinte Michael.

Der Gang schien endlos zu sein. Heike spürte, wie ihre Knie und Handflächen schmerzten, doch sie klagte nicht.

»Ich glaube, wir kriechen unter der ganzen Stadt hindurch«, sagte der Erfinder. Er hielt auf einmal inne, so daß Heike mit ihm zusammenstieß. »Hört ihr das auch?«

Die Kinder verhielten sich ganz ruhig. Über ihnen ertönten Schritte. Stimmen schrien einander etwas zu, ohne daß die Zeitreisenden etwas verstehen konnten. Schwerter klirrten. Heike überlief eine Gänsehaut.

»Samarkand scheint kein besonders friedlicher Ort zu sein«, sagte Professor Ambrosius. »Ich wünschte, ich wäre zu Hause in meinem Laboratorium.«

Wer von den anderen wünschte sich nicht nach Hause? Heike seufzte, wenn sie daran dachte. Nur Thomas zeigte keine Reaktion. Er kroch stumm und unermüdlich weiter wie ein Roboter.

Sie hatten das Gefühl, daß ein halber Tag vergangen war, bis der Gang endlich deutlich nach oben führte. Schwaches Licht sickerte durch eine Öffnung. Die Zeitreisenden hatten sich inzwischen aber so an die Dunkelheit gewöhnt, daß bereits der schwache Schimmer ihren Augen wehtat.

»Vorsicht«, warnte Michael. »Ich gehe voran und sehe nach, wo wir herauskommen.« Sonst wäre es sicherlich Thomas gewesen, der ihre Lage ausgekundschaftet hätte.

»Paß auf dich auf«, flüsterte Heike.

Michael kletterte durch die Öffnung. Die anderen warteten gespannt. Es dauerte wohl fünf Minuten, dann tauchte der Kopf des Jungen wieder auf. Getrocknete Grashalme hingen in seinen Haaren.

»Alles klar, Leute. Die Luft ist rein. Hier oben ist nur ein Stall.«

Heike und der Professor hoben zuerst Moorteufel durch die Öffnung, dann stemmten sie Thomas hoch. Heike folgte, und zuletzt kam der Erfinder.

Kaum waren sie oben, schienen sie im Heu zu versinken. Der Raum, in den der geheime Gang mündete, war offenbar ein Futterlager. Mühsam bahnten sie sich einen Weg hindurch.

»Hier entlang«, verkündete Michael und öffnete vorsichtig eine Holztür. Die Angeln quietschten. Heike zuckte zusammen. Dann entfuhr ihr unwillkürlich ein Schrei.

»Aber das sind ja Elefanten!«

Etwa zwanzig Tiere waren im Stall mit dicken Stricken festgebunden. Sie machten einen unruhigen, nervösen Eindruck. Der Elefant, der der Tür am nächsten stand, wandte den Kopf und musterte die Zeitreisenden mit seinen kleinen Augen. Sein Rüssel tastete durch die Luft. Dann trompetete er unwillig, so daß die Zeitreisenden zusammenzuckten. Die anderen Tiere zogen heftig an ihren Stricken.

Heike war froh, als sie den Stall durchquert hatten. Eine weitere Tür führte ins Freie. Die Kinder und der Professor gelangten in eine Seitengasse, so sich alte Häuser dicht aneinanderdrängten.

»Wir müssen sehen, daß wir den Weg zum Palast zurückfinden«, sagte der Erfinder. »Mir ist gar nicht wohl, wenn ich daran denke, daß wir die Zeitmaschine unbeaufsichtigt zurückgelassen haben.«

Da ertönte plötzlich ein lautes Krachen.

»Was ist das?« schrie Michael erschrocken. Die Zeitreisenden sprangen gerade noch rechtzeitig zur Seite. Steine polterten herab. In das Gebäude zu ihrer Rechten war ein großes Loch gerissen. Gleichzeitig vernahmen sie auf der anderen Seite lautes Kriegsgeschrei.

»Allah möge Dschingis-Khan verfluchen!«

»Los, kämpfe, wenn dir dein Leben lieb ist!«

»Wir müssen weg von hier«, stieß Heike voller Panik aus. Sie rannten die Gasse entlang und kamen zu einer breiten Straße. Mongolische Reiter auf weißmäuligen Pferden näherten sich in einer riesigen Staubwolke. Die Bewohner der Straße flüchteten in ihre Häuser und verrammelten die Türen.

»Anscheinend hat man die Stadttore geöffnet«, murmelte der Professor.

»Achtung! Hierher!« Michael zog den Erfinder rasch hinter eine Mauer, Heike packte Thomas am Handgelenk. Keine Sekunde zu früh! Schon wirbelten die Hufe zahlloser Pferde vorbei. Der Boden dröhnte. In den Lärm hinein mischte sich das wilde Rufen der Mongolen.

»Samarkand gehört Dschingis-Khan! Alle Bewohner haben die Stadt zu verlassen! Wer in den Häusern bleibt, wird getötet!«

Manche Reiter sprangen von ihren Pferden und stürmten die Häuser. Mit Krummsäbeln und Lanzen trieben sie die Bewohner auf die Straße. Viele Menschen verließen nun auch freiwillig die Gebäude und versuchten, ihren Besitz zu retten, indem sie soviel mitschleiften, wie sie tragen konnten. Verschleierte Frauen preßten weinend ihre Kinder an sich. Die Zeitreisenden hörten überall Jammern und Wehklagen. Schreie von Menschen in höchster Not zerrissen die Luft.

Heike krampfte die Hände zusammen. Wenn sie nur helfen könnten! Aber waren sie nicht selbst in Lebensgefahr? Wenn man sie hier entdeckte!

Zwei Krieger kamen der Mauer gefährlich nahe. Die Zeitreisenden hielten den Atem an. Moorteufels Fell sträubte sich. Er knurrte leise.

»Ruhig, Moorteufel«, flüsterte Heike und griff nach seinem Halsband. Doch sie wußte, daß sie den Hund längst nicht so gut beruhigen konnte, wie es sonst Thomas gelang. Selbst dem Professor stand kalter Angstschweiß auf der Stirn. Durch seine Zeitmaschine waren sie in eine sehr gefährliche Lage geraten. Samarkand war keine friedliche Stadt, die man in Ruhe besichtigen konnte. Zwecklos, hier auf eine Hilfe für Thomas zu hoffen. Es gab nur eine Rettung: So schnell wie möglich mit der Zeitmaschine von hier weg!!!

Doch es war nicht daran zu denken, zum Park zurückzukehren. Jeder Schritt war lebensgefährlich. Samarkand war voll von Dschingis-Khans Kriegern, die die Häuser stürmten und plünderten. An vielen Stellen brannte die Stadt. Der Himmel, der zuvor blau gewesen war, war nun schwarz vor Rauch. Auch ganz in der Nähe war ein Gebäude in Flammen aufgegangen, ausgelöst durch einen Brandpfeil. Beißender Qualm drang den Zeitreisenden in Augen und Nase. Heike unterdrückte mit Mühe den Hustenreiz, um sich nicht zu verraten.

»Zurück in den Elefantenstall«, befahl der Professor entschlossen. »Es ist gefährlich, aber der einzige Weg. Ich werde die Zeitmaschine per Fernsteuerung heranholen, so riskant es auch ist. Wir müssen Samarkand verlassen, koste es, was es wolle.«

Die Zeitreisenden duckten sich und rannten in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Flüchtlinge begegneten ihnen, aber keiner achtete auf sie. Jeder hatte genug mit sich selbst zu tun.

»Per Fernsteuerung?« keuchte Michael neben dem Professor. »Wie damals in Machu Picchu?«

»Das war purer Leichtsinn«, antwortete der Erfinder. »Zu Hause habe ich wieder an der Maschine herumgebaut, aber die Fernsteuerung stellt noch immer ein großes Risiko dar. Man sollte nur in äußersten Notfällen darauf zurückgreifen. Aber verflixt noch mal, wenn das hier keiner ist, heiße ich Archibald!«

Sie stolperten über Steine, die sich inzwischen in der Gasse angehäuft hatten. Schon von ferne hörte man das wütende Trompeten der Elefanten. Heike war gar nicht wohl bei dem Gedanken, daß sie in den Stall zurückkehren sollten. Doch es war keine Zeit, sich einen besseren Platz zu suchen. Der Stall war groß genug für die Zeitmaschine. Und allein das zählte.

Sie zwängten sich durch die Tür. Die Tiere waren jetzt noch unruhiger als zuvor, stampften auf den Boden und zerrten an ihren Stricken.

»In den Futterraum«, befahl der Professor.

Aber selbst als die Zeitreisenden im Heu saßen, wurde Heike das ungute Gefühl nicht los, daß von den Elefanten Gefahr drohte. Immer wieder lauschte sie auf das Prusten der Tiere. Sie konnte sich kaum auf das konzentrieren, was der Professor sagte.

»Nehmt eure Gürtel mit dem umgebauten Taschenrechner ab. Thomas’ Rechner werde ich selbst bedienen.« Der Erfinder wollte dem Jungen den Gürtel abschnallen, aber Thomas wich vor ihm zurück.

»He, was soll das? Komm, Thomas, wir haben schon genügend Zeit verloren.« Der Erfinder bemühte sich um einen beruhigenden Tonfall, konnte aber eine Spur Ungeduld nicht verbergen.

»Und wenn wir alle wieder von der Zeitkrankheit befallen werden, sobald wir mit der Maschine reisen?« wandte Heike plötzlich ein.

»Das Risiko müssen wir einfach in Kauf nehmen«, erwiderte der Professor ernst. »Wir haben keine andere Wahl – außer den Tod.«

Heike schwieg beklommen, während es Michael gelang, Thomas den Gürtel zu entreißen. Der Junge nahm die Behandlung übel. Seine Augenbrauen zogen sich zornig zusammen, dann wich er an die Wand zurück und kauerte sich beleidigt ins Heu. Er ließ keinen Blick von seinem Gürtel, den Professor Ambrosius jetzt in Empfang nahm.

»Also: Ihr müßt folgendes tun«, setzte der Erfinder an, aber da zerriß ihnen ein lautes Trompeten beinahe das Trommelfell. Die anderen Elefanten stimmten mit ein. Es war ein ohrenbetäubendes Getöse, der Hilfeschrei von Tieren in höchster Panik.

Heike wandte den Kopf. Durch die angelehnte Tür sah sie einen hellen Lichtschein. Sie schrie auf.

»Der Stall brennt!«

Schon hörten sie das Knistern der Flammen. Der Rauch war nun deutlich zu riechen. Es würde nicht lange dauern, bis das Feuer auch auf den Futterraum Übergriff. Das Heu würde brennen wie Zunder.

Details

Seiten
106
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960532101
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412334
Schlagworte
Zeitreise Deutschland Mongolen Asien Russland Abenteuer Entfuehrung Zeitdetektive Das Magische Baumhaus eBooks

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Titel: ZM - streng geheim: Achter Roman - Der Schatten des Dschingis-Khan