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Siebzehn Tage im August

Roman

2018 216 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Der letzte Sommer bevor sie erwachsen werden müssen … Lebensplanung, Sorgen und Verantwortung? Nick und Finn sind seit Kindheitstagen beste Freunde – und das Gerede ihrer Eltern gründlich leid. Als es dann auch noch die Polizei mit falschen Verdächtigungen auf die beiden abgesehen hat, beschließen Nick und Finn kurzerhand, dem Ruf der großen weiten Welt zu folgen. Sonne, Freiheit und Abenteuer sind das Mantra ihres Roadtrips quer durchs Land, doch sie haben die Rechnung ohne das Schicksal gemacht: Das schneit ihnen in Form der cleveren Laura direkt vor die Füße – und Nick und Finn müssen sich der Frage stellen, ob ihre Freundschaft wirklich für die Ewigkeit ist …

Ein ebenso feinfühliger wie berührender Roman über den ganz besonderen Zauber der ersten großen Liebe und die Kraft von Freundschaft.

Über den Autor:

Günter Ohnemus, geboren 1946, lebt als freier Schriftsteller, Literaturkritiker und Übersetzer in München. Er veröffentlichte Erzählungen, Romane und Jugendbücher. Für Der Tiger auf deiner Schulter wurde ihm 1998 der Tukan-Preis der Stadt München verliehen, im gleichen Jahr erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Von Günter Ohnemus erschienen bei jumpbooks bereits die Romane

Der Tiger auf deiner Schulter

Alles, was du versäumt hast

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eBook-Neuausgabe Juni 2018

Copyright © der Originalausgabe 2011 by S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2018 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Look Studio und shutterstock/Carlos Caetano

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96053-223-1

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Günter Ohnemus

Siebzehn Tage im August

Roman

jumpbooks

Kapitel 1

Der Tag, an dem Sven Kammermeier aus der Elften erschossen wurde, war schon schlimm genug, obwohl da noch niemand etwas davon gewusst hatte. Und natürlich hat überhaupt niemand gewusst, was danach noch alles passiert ist. Ich meine, was jetzt gerade passiert ist. Und die ganze Zeit noch passiert. Dass Finn nicht mehr an unserer Schule ist, nicht mehr in der Stadt ist, und dass Mia jetzt in diesem Internat in der Schweiz rumhängen muss, weil sie ein Verbrechen gedeckt hätte. Gedeckt hätte. Sie hat gar kein Verbrechen gedeckt, und ihre Eltern sind eigentlich sehr vernünftige Leute, aber jetzt finden sie plötzlich, dass sie Abstand von mir braucht, was ja auch wieder gut ist, weil ich ja vielleicht auch Abstand von ihr brauche – oder schon habe –, und jetzt hab ich Zeit, viel Zeit, um das alles aufzuschreiben, auch wenn ich bis gestern nicht wusste, wie ich das machen soll.

Aber jetzt weiß ich es. Gestern beim Frühstück hat mein Dad von dem Buch erzählt, das er gerade liest. Es heißt The Vertigo Years und handelt von den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, 1900 bis 1914. Das ist praktisch schon hundert Jahre her. Dad ist ganz hingerissen von dem Buch, und als er davon schwärmte, hat er etwas gesagt, das für mich jetzt ganz wichtig ist: Das Buch ist anscheinend so geschrieben, als hätte es den Krieg nie gegeben oder als wüsste man nicht, dass der Krieg kommen würde. Also, das Ding ist praktisch so erzählt, wie die Leute damals ihre Zeit erlebt haben, ohne einen Blick in die Zukunft, wie sie dann wirklich geworden ist. Und 1907 zum Beispiel hat man nicht gewusst, dass es sieben Jahre später einen großen Krieg geben wird.

Genau so will ich das jetzt auch machen. Ich schreibe einfach alles so, als wüsste ich nicht, wie die Zukunft aussieht. Genau wie diese Geschichte, die auf den Krieg zuläuft, ohne dass jemand das weiß. Und die Geschichte, die ich aufschreibe, handelt ja auch von einer Art Krieg.

Der Tag, an dem Sven Kammermeier erschossen wurde, war der Dienstag vor den großen Ferien, und er hatte so gut angefangen, wie sich das für einen Tag kurz vor den großen Ferien gehört. Ich war wie immer um sechs aufgestanden, hatte Frühstück für alle gemacht, Kaffee für meine Eltern und für mich und Schokolade für Lulu, die Geburtstag hatte und acht wurde. »Jetzt bin ich schon genau halb so alt wie du«, hatte sie gesagt, als ich ihr mein Geschenk gab, einen kleinen Stofftiger.

»Ja, du holst langsam auf«, sagte ich. »Irgendwann bist du bloß noch acht Jahre jünger als ich.«

»Huh?«, sagte sie.

»Huhuhu«, sagte ich. »Kannst du nicht rechnen? Irgendwann bist du eine alte Hexe, die bloß noch ein bisschen jünger ist als ihr steinalter Bruder.«

Um fünf nach sieben, nach dem Frühstück, fuhr ich mit dem Rad zu Mia und klingelte unten an der Haustür. Das war in den letzten drei Monaten, seit wir uns kannten, ein Ritual geworden – ich klingelte kurz vor halb acht an der Haustür, und ein paar Sekunden später kam ein Knacken aus der Sprechanlage und dann ein tiefer, langer Rülpser. Mia konnte einfach so rülpsen, wenn sie wollte. Ganz nach Bedarf. Dabei sah sie überhaupt nicht so aus wie jemand, der einfach mal so einen mächtigen Rülpser vom Stapel lassen konnte. Sie sah nicht einmal so aus, als könnte sie auch nur niesen. Sie war ganz zart und schlank mit großen braunen Augen und langen Haaren, die ziemlich genau die Farbe ihrer Augen hatten. Sehr weit entfernt von irgendwelchen Rülpsattacken. Und sie machte das ja auch fast nur über die Sprechanlage. Fast. Manchmal, selten, sehr selten, so selten, dass sogar ich jedes Mal davon überrascht war, machte sie das auch in der U-Bahn oder auf der Straße, wenn es sehr voll war – holte einen Rülpser von ganz tief unten heraus und schaute sich dann immer mit empörten großen Augen um, und die meisten anderen Leute schauten sich auch um. Und irgendjemand wurde meistens ganz rot. »Meine Tochter ist eben ein romantisches Mädchen«, hat ihr Vater einmal gesagt.

Als sie jetzt ihr Fahrrad aus der Einfahrt neben dem Hauseingang schob, hatte sie eine grüne Cargohose und diesen bunten quergestreiften Pullover an, der mir so gefällt, und ihr Gesicht und ihre Augen glänzten, wie ich das noch nie bei jemandem gesehen habe. So als würde die ganze Mia vom Regen glänzen, wäre aber überhaupt nicht nass. Sie kam zu mir herüber, schaute mich dabei die ganze Zeit an, und als sie neben mir stand, schaute sie vorsichtig die Straße hinauf und hinunter und flüsterte mir ins Ohr: »Kiss me, Tiger!« Dann bog sie sich ein Stück zurück, schaute mich wieder lange an und dann noch einmal die Straße hinauf und hinunter, und es kam mir so vor, dass sie mich noch anschaute, während sie das Gelände sondierte und sagte: »Keiner da!« Dann ließ sie sich mit ihrem Fahrrad auf mich fallen, und ich fing sie auf und sagte, was ich immer sagte: »Ich glaub, das Rad ist zu schwer für dich.« Das war noch so ein Ritual, und zu diesem Ritual gehörte, dass wir die Fahrräder wechselten, bis wir uns nachmittags wieder trafen.

Kapitel 2

So fing dieser letzte Dienstag vor den Ferien an. Er fing genauso an, wie die meisten Tage in den letzten drei Monaten. Ich fuhr an diesem Tag wie immer mit Mia zu ihrer Schule und dann alleine zu meiner Schule, und als ich das Fahrrad abgestellt hatte, mich nach Finn umschaute und ihn nicht sah, war ich nur ein bisschen enttäuscht, weil die paar Minuten mit Finn vor der Schule auch ein Ritual waren. Aber Finn kam eben manchmal zu spät, dann sahen wir uns erst in der Pause. Finn ist ein Jahr älter und in der Elften, und er ist mein bester Freund.

Eigentlich mein einziger Freund. Ich meine, der einzige, für den ich so ziemlich alles täte. Ich weiß gar nicht, was ich nicht für ihn täte. Ich mochte ein paar Leute in der Klasse ganz gerne und ein paar Leuten beim Karate und bei den Pfadfindern auch. Man könnte sagen, ich mochte eigentlich ziemlich viele Leute gerne. Ich spielte immer in derselben Mannschaft Basketball, in der Philip und Fabian spielten, wir waren die Achse, der beste Angriff an der Schule, und wenn ich mit den Pfadfindern in einem Lager war, schlief ich im Zelt eigentlich immer neben Lukas, schon seit wir Wölflinge waren. Ich fuhr mit dem Fahrrad neben ihm, wenn die Gruppe mit dem Fahrrad loszog, und wenn wir mit dem Zug oder dem Bus in ein Zeltlager unterwegs waren, saßen wir immer nebeneinander oder einander gegenüber. Ich bin ja eigentlich auch nur wegen Lukas zu den Pfadfindern gegangen, als ich sieben war, zu den katholischen Pfadfindern, zur Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg, obwohl wir in unserer Familie alle Atheisten sind.

Aber Finn war mein einziger wirklicher Freund. Ohne den alles andere nichts gewesen wäre. Oder fast nichts. Oder nicht viel. Oder eben einfach ganz nett. Es war wie mit Mia, nur dass es schon länger so war, seit sieben Jahren. Es war etwas anderes als einfach ganz nett.

Finn heißt Finn, weil Finn eben Finn heißt. Das ist keine Abkürzung und kein Spitzname. Als wir uns kennengelernt haben, sagte Finn, als ich ihn nach seinem Namen gefragt habe: »Ich heiße Finn, weil ich in Finnland gemacht worden bin – gezeugt, falls du weißt, was das heißt. In einem Hotel in Helsinki, wo meine Eltern im Urlaub waren. Sie haben das genau ausgerechnet. Sie wussten sogar noch die Zimmernummer und was es an dem Tag zum Frühstück gab und alles.«

Finns Eltern:

Seine Mutter ist vor sechs oder sieben Jahren gestorben. Da kannten wir uns noch nicht lange.

Sein Vater hat zwei oder drei Jahre danach für drei Jahre im Gefängnis gesessen. Er hatte eine Bank aufs Kreuz gelegt. Hatte ihnen eineinhalb Millionen abgenommen. Ist dann vorzeitig wieder aus dem Gefängnis entlassen worden, auch wenn das Geld bis heute nicht wiederaufgetaucht ist.

In dieser Zeit hat Finn bei seinen Großeltern gewohnt.

Und manchmal auch bei uns. Oft bei uns. Hat mindestens zweimal die Woche bei uns gegessen und übernachtet.

Mindestens zweimal die Woche. Manchmal dreimal.

Aber das hat er danach auch noch gemacht. Immer.

Mein Vater hat damals immer zu Finn gesagt: »Du bist unser drittes Kind.«

Finns Vater war jetzt arm.

Finn und sein Vater waren jetzt arm.

Sie hatten kein Auto.

Kein Telefon.

Keine Spülmaschine.

Finn hatte kein Handy, und weil er kein Handy hatte, konnte ich ihn immer nur schwer erreichen, und am nächsten Tag wäre das sehr wichtig gewesen, weil ja diese Geschichte im Pausenhof passiert war und ich ihn schon am Abend zuvor nicht zu Hause angetroffen hatte, aber Finn war wahrscheinlich mit Ayla zusammen, weil Ayla vielleicht nach dieser Szene am Ende der großen Pause keine Lust mehr hatte, sich von allen anstarren zu lassen und sich blöde Bemerkungen anzuhören, obwohl fast niemand die Szene im Pausenhof mitbekommen hatte, weil nach dem Klingeln bloß noch zehn oder fünfzehn Leute draußen waren.

Das Ganze kam so: Finn und Ayla und ich gingen zusammen über den fast leeren Hof auf das Schulgebäude zu und unterhielten uns, als Sven und zwei von den Bullys, mit denen er immer rumhing, auf uns zukamen. Ich hab das erst bemerkt, als Sven einen Schritt auf die Seite machte und Ayla mit voller Wucht rammte. Finn konnte sie gerade noch auffangen, und von da an ging alles sehr schnell.

Oder es ging sehr langsam, wie in Zeitlupe. Wie im Traum, so als wäre alles in durchsichtige Watte gepackt. Wenigstens kam es mir hinterher so vor, aber ich glaube, es war auch wirklich so – ich sah alles ganz langsam ablaufen und hörte alles ganz deutlich. Hörte, wie Sven sagte: »Kannst du nicht aufpassen, du Türkentussi!« Und dann hielt Finn schon Ayla fest im Arm und reckte sich hoch, wurde ganz riesig, ganz langsam ganz riesig, riesig vor Zorn, und ich wusste auf einmal, was ich tun musste, schlang die Arme um Ayla und ging ein paar Schritte zurück, das heißt, ich schwebte irgendwie, spürte gar nicht, dass meine Beine sich bewegten. Finns Gesicht war ganz weiß geworden. Er stand mit geballten Fäusten da, während Sven und die beiden Typen sich mit verschränkten Armen vor ihm aufbauten.

»Kannst nicht mal deine Türkenmöse halten, du Loser!«, sagte Sven.

»Was hast du gesagt?«, sagte Finn.

»Loser, hab ich gesagt. Verstehst du das nicht? Ich buchstabier dir das ganz langsam: L-o-o-s-e-r! Genau das bist du.«

»Loser schreibt man mit einem o, du Dummi. Du warst schon immer ein intellektueller Flop, Sven. Ich weiß gar nicht, wie du an die Schule hier gekommen bist. Aber ich wollte dieses andere Wort hören, das du gesagt hast.«

»O-o-o-o«, sagte Sven.

»Kannst du das wenigstens schreiben?«

»Nee, ich kann noch was ganz anderes – es ist das falsche Wort. Es muss Türkenarschloch heißen. Die lassen sich doch alle in den Arsch ficken, damit ihr Dingsbums da keinen Kratzer abkriegt, weil sie sonst keiner mehr will. Aber da drin hast du ja Erfahrung mit deinem Arschfickerfreund hier gesammelt. Gibt keine zwei Leute an der Schule, die sich so arschnah sind.«

Finn lächelte nur ganz leicht. Ich sah, wie das Lächeln ganz langsam in sein Gesicht kroch. In Zeitlupe und gleichzeitig ganz schnell, wie ein Teich oder ein See oder bloß irgendeine Regenpfütze, die im Zeitraffer zufriert. Schnell, fest, eisig. Alles wurde plötzlich ganz kalt.

Sven zischte: »Ganz der Vater. Nimmt ne Bank aus und lässt sich erwischen und sitzt und sitzt und sitzt. Man muss schon ein bisschen was draufhaben, wenn man ne Bank aufs Kreuz legen will.«

»Du würdest überhaupt nie für was sitzen, wozu man ein bisschen Grips braucht, Sven. Du bist zu blöd für alles. Du kannst nicht mal davon träumen, jemand aufs Kreuz zu legen.«

»Dich hau ich immer noch um«, sagte Sven und machte eine kurze Bewegung mit dem Kopf, eine Ausholbewegung, weil er anscheinend einen Dänen landen wollte, einen Kopfstoß, und ich sah das und wollte Finn warnen, aber das war gar nicht nötig. Finn wich dem Kopfstoß aus, rammte Sven das Knie in die Eier, packte ihn am Handgelenk, bog ihm den Arm auf den Rücken und drückte ihn aufs Pflaster des Pausenhofs. Dann sagte er zu den beiden Typen: »Haut ab, oder ich brech ihm den Arm!«

»Macht ihn fertig, haut ihn zusammen!«, röchelte Sven, der kaum Luft bekam, und Finn bog den Arm noch ein Stück weiter nach oben, und dann schrie Sven nur noch. Die beiden anderen zogen ab.

Ich stand einfach nur da. Ich hatte immer noch Ayla fest umarmt, aber das merkte ich eigentlich nicht. Ich sah nur Finn, der auf Sven kniete und den Arm nicht losließ. Irgendwo standen ein paar Leute und schauten zu ihnen hinüber. Ich konnte nicht sehen, wer das war. Sah bloß blasse ovale Flächen, die ihre Gesichter sein mussten. Es waren vielleicht sechs oder sieben Leute. Finn ließ jetzt langsam den Arm los und stand auf. Kam zu uns herüber. Langsam, ganz langsam. Sein Gesicht war immer noch weiß und eisig. Und auf einmal, als Finn vielleicht drei Meter gegangen war, schoss Sven in die Höhe, langte in seine Lederjacke, zog irgendetwas heraus, und sein Arm machte eine kurze ausholende Bewegung. Irgendetwas blitzte in der Sonne, und ich schrie: »Finn!«, als ich das Springmesser sah, und Finn sprang auf die Seite, duckte sich und schoss wieder hoch, und fast im selben Moment traf seine Schuhspitze Svens Faust mit dem Messer, das irgendwo in die Gegend flog. Und schon hatte Finn ihn wieder auf dem Boden. Ich war auf einmal auf eine komische Art stolz. Stolz auf Finn und auf mich selber auch – Finn konnte kein Karate, war überhaupt nicht daran interessiert, aber diesen Fußtritt hatte er von mir gelernt. Sehr gut gelernt.

Finn ließ Sven jetzt los, sagte: »Bleib liegen!«, stand auf, holte das Springmesser und sagte dann: »Und jetzt steh auf.« Dann schaute er ihn ganz ruhig an, ruhig und eisig, drückte ihm die Messerspitze ans Kinn und sagte: »Ich will gar nicht wissen, was du damit vorgehabt hast.« Dann schleuderte er das Messer mit so großer Wucht auf das Pflaster des Pausenhofs, dass die Klinge abbrach. »Beim nächsten Mal«, sagte er und schaute Sven an, »beim nächsten Mal geht nicht das Messer kaputt.«

Er drehte sich um und kam wieder zu mir und Ayla herüber, lächelte ganz leise. Leise und eisig. Ich glaube, ich versuchte auch zu lächeln, aber dann kam Sven auf einmal wieder hinter Finn her, er lief, er rannte, er sprang, streckte die Arme aus, und ich schrie wieder: »Finn!«, und Finn konnte sich nur noch bücken, so dass Sven seinen Kopf nicht zu fassen bekam und seine ausgestreckten Finger wie Krallen an Finns Hals und Rücken herunterfuhren und das T-Shirt zerriss.

In diesem Augenblick ging im ersten Stock ein Fenster auf, und eine Männerstimme, eine Lehrerstimme, rief: »Was ist denn da unten los? Schluss damit!«

»Ja, ja!«, rief Finn zurück. »Alles in Ordnung. Wir kommen schon.«

Ich war ziemlich überrascht, dass Sven jetzt die Überreste seines Messers einsammelte und ganz einfach in Richtung Eingang ging. Oder schlich. Mit eingezogenem Kopf, wahrscheinlich, damit keiner von oben sein Gesicht sehen konnte. Als ob das geholfen hätte.

Finn sagte zu mir: »Kannst du unsere Rucksäcke mitnehmen? Wir gehn. Ich will da jetzt nicht mehr rein. Wir können da jetzt nicht mehr rein.«

Ayla sagte gar nichts. Sie stand einfach nur da. Wie eine Statue von Ayla.

Kapitel 3

Das war Dienstagvormittag. Als ich mittags mit drei Rucksäcken vor Mias Schule ankam, lachte sie mich an und sagte: »Was ist denn da drin? Was klaust du eigentlich?«

»Rucksäcke«, sagte ich, obwohl ich gar nicht lustig aufgelegt war.

»Spinner«, sagte sie. »Was ist passiert?«

Ich erzählte ihr alles, woran ich mich erinnern konnte.

»Gott!«, sagte sie. »Ein Messer? Er ist mit einem Messer auf Finn losgegangen? Auf dem Schulhof? Und Finn ist nichts passiert?«

»Er hat nur ein paar Kratzer abgekriegt.«

Zwei Stunden später fuhren wir mit den Rädern an die Isar, über die Flaucherbrücke und am Zoo vorbei. Kurz vor der Großhesseloher Brücke schoben wir die Räder die kleine Böschung zum Ufer hinunter und legten uns ins Gras. Ich musste Mia noch einmal genau erzählen, was im Schulhof passiert war. »Ja, und dann hat Sven plötzlich dieses Messer in der Hand gehabt, und Finn ist ausgewichen und hat ihm mit einem Tritt das Ding aus der Hand geschlagen. Das hat er von mir gelernt.«

»Du Held«, sagte Mia lachend, und ich stand auf, zog sie hoch und sagte: »Bleib einfach so stehen. Ich zeig dir jetzt, dass wir Karatemänner genauso gut sind wie Messerwerfer.« Und ich tanzte um sie herum, fing mit einem Halbkreistritt an, den ich ganz dicht vor Mias Hüfte abfing, dann ließ ich einen Rückfaustschlag so dicht an Mias Gesicht vorbeigleiten, dass sie zusammenzuckte, aber gleich wieder lächelte, wenn auch angespannt, und dann tanzte ich um sie herum und sagte immer wieder: »Du kannst dich ganz sicher fühlen. Es wird nichts passieren!« Ich machte ein paar Ellenbogenschläge in der Luft, dann einen Fußstoß links und einen rechts, ganz dicht an Mia vorbei – »Siehst du, wie das geht, Mia? Siehst du?« und dann baute ich mich ein Stück vor ihr auf, zog das rechte Knie hoch, ließ mit dem rechten Bein einen Fußtritt los und fing den Tritt ganz sanft vor Mias Gesicht ab. Ich war jetzt völlig weg, es war, als würde ich fliegen, Karate tanzen, und noch ein Halbkreisschritt und noch einer, und dann, in einer fließenden Bewegung, ein hoher Fußtritt seitwärts. Ich konnte überhaupt nicht mehr aufhören mit meinem Tanz. Auf einmal spürte ich, dass mein linker Fuß ganz leicht den Halt verlor, ich verlagerte mein Gewicht leicht nach hinten, aber es war schon zu spät. Mein Fuß traf Mias Nase. »Mensch!«, schrie sie nur und ging langsam in die Knie. Ich kniete mich ins Gras, legte die Hände an ihren Kopf und sagte immer nur: »Mia, Mia, Mia, Mia. Ich bin ja so ein Trottel.«

Sie war ganz weiß im Gesicht, als würde sie gleich bewusstlos werden. Dann sah ich, dass ihre Nase sich schon leicht verfärbte.

»Komm, los!«, sagte ich, und wir fuhren so schnell es ging zur Wasserwacht an der Marienklausenbrücke. Die Wasserwachtleute gaben uns einen Eisbeutel und sagten, wir sollten die Nase sofort röntgen lassen. In der Klinik, in der wir über eine Stunde warten mussten, stellte sich heraus, dass nichts gebrochen war. Ich hab immer wieder nur gesagt: »MenschMenschMensch!« Ich weiß nicht, wie oft ich das gesagt habe, aber ich hab einfach nichts anderes rausgebracht.

Als wir später vor der Klinik zu unseren Rädern gingen, blieb Mia stehen und schaute mich an. Sie schaute mich sehr lange an. Dann sagte sie: »Schade.«

Mir wurde ganz übel. »Was ist schade?«

»Später«, sagte sie. »Ich muss jetzt erst mal nach Hause.«

Kapitel 4

Als ich eine Stunde später nach Hause kam, war ich froh, dass keiner da war. Meine Eltern waren noch bei der Arbeit, und Lulu feierte ihren Geburtstag im Hort. Wir wollten abends alle zusammen zum Essen gehen.

Ich ging in mein Zimmer, machte alle Türen und Schubladen halb auf, ging dann in die Küche und machte da dasselbe. Dann ging ich wieder in mein Zimmer, blieb ganz ruhig mit leicht gespreizten Beinen stehen und konzentrierte mich. Konzentrierte mich sehr lange, bis ich ganz ruhig explodierte – ein Fußstoß links, und die kleine Tür zu meinem Schrank ging genau im richtigen Tempo ganz und fast geräuschlos zu. Dann ein Halbkreisschritt, und die oberste Schublade der Kommode schloss sich fast ganz. Noch ein leichter Tritt, und sie war zu. Dann kamen die vier Schubladen an meinem Schreibtisch an die Reihe, von oben nach unten: eins, zwei, drei, vier – IKEA-Schubladen, die leicht stoppten, bevor sie ganz zugingen, und man musste den Tritt sehr genau dosieren. Es war kein Problem für mich. Überhaupt nichts war ein Problem für mich. Dann ging ich in die Küche, blieb wieder ganz ruhig stehen. Fing ganz langsam an zu tanzen – Tür, Tür, Besteckschublade, die beiden Schubladen darunter, eins, zwei, und dann die Tür unter dem Kühlschrank. Dann ein hoher ausladender Sprung, und die Tür des linken Oberschranks neben dem Herd ging ganz sachte zu. Dann ging ich ein paar Schritte zurück und sprang, und mein rechter Fuß berührte die Tür des rechten Oberschranks, die ganz leise zuging wie die anderen Türen und Schubladen in der Küche auch.

Als alle Türen und Schubladen zu waren, stellte ich mich an die Spüle vor dem großen Küchenfenster und schaute nach draußen zu den Häusern auf der anderen Straßenseite hinüber. Ich nahm überhaupt nichts wahr. Alles, was ich sah, war trüb und verschwommen, und ich schlug ein paarmal mit den Fäusten auf den Rand der Spüle: »VerdammtVerdammtVerdammt!«

Ich hatte das Gefühl, als würde ich nur aus Zorn und Scham bestehen, als würde die ganze Welt aus Zorn und Scham bestehen, als wäre alles um mich herum nur ein heißer Nebel aus Zorn und Scham, aus dem ich nie wieder herauskäme. Und als gäbe es nur ein einziges Wort auf der Welt: Verdammt, verdammt, verdammt!

Langsam wurde mein Blick wieder etwas klarer, der Zorn ließ nach. Es war, als würde ich langsam aus diesem trüben Nebel auftauchen. Wenigstens sah ich auf einmal die Fenster auf der anderen Straßenseite wieder ganz deutlich.

Die meisten Fenster da drüben waren zu, aber ein paar standen offen, weil es ja ziemlich warm war. Niemand war zu sehen, auch nicht die alte Frau, die bestimmt zwanzigmal am Tag im offenen Fenster stand und rauchte. Auch im Winter. Dann stand sie mit einer dicken Jacke und einem dicken bunten Schal da. Manchmal, meistens abends, wenn es schon etwas dunkler war, oder in der Nacht, kam sie nicht mit einer Zigarette ans Fenster, sondern mit einem Bild, einem großen gerahmten Foto. Sie hielt dann das Foto immer nach draußen, vielleicht eine oder zwei Minuten lang. Man konnte nicht sehen, was auf dem Bild war. Mein Vater hat einmal gesagt: »Weißt du, was ich glaube? Ihr Mann ist vor vielen Jahren gestorben, und jetzt zeigt sie ihm eben manchmal ihre Straße, damit er sie nicht vergisst.« Mein Vater hatte gelächelt, als er das sagte, aber seine Stimme klang ganz ernst, als wäre es völlig normal, dass jemand einem Toten seine alte Straße zeigt.

Ich wurde auf einmal ganz ruhig, ging langsam, ganz langsam in mein Zimmer, machte die oberste Schublade meines Schreibtischs auf und holte das Foto von Mia heraus, das in meinem alten Lateinbuch steckte. Auf Seite 29, weil wir uns am 29. April kennengelernt hatten. Ganz schön abergläubisch, dachte ich, als ich mit dem Foto langsam wieder in die Küche zurückging. Ich schaute nach draußen, um sicher zu sein, dass mich niemand beobachtete. Dann hielt ich das Foto ganz vorsichtig hoch, nur ein paar Zentimeter, und irgendjemand sagte irgendwo ganz leise immer wieder MiaMiaMiaMiaMia, und ich wusste, dass ich es nicht war, der das sagte, und ich wusste, dass es auch niemand anders sein konnte, aber ich hörte es die ganze Zeit, und ich war überhaupt nicht überrascht, als es auf einmal an der Tür klingelte.

Kapitel 5

Aber es war nicht Mia, die geklingelt hatte. Es war Ayla. »Nick, ich soll dir nur sagen, dass alles okay ist«, sagte sie, als sie bei mir oben ankam. »Ich will nur unsere Rucksäcke abholen. Finn hat leider keine Zeit.«

»Oh«, sagte ich. »Wenn alles okay ist, wieso hat Finn dann keine Zeit, sich zu rühren?«

Ayla sagte ein paar Sekunden lang gar nichts. Dann: »Naja, es ist nicht alles okay. Jemand hat sein Fahrrad auseinandergenommen, ist einfach mitten am Nachmittag in den Hinterhof gegangen und hat das Fahrrad auseinandergenommen, und jetzt sucht Finn diesen Jemand.«

»Da muss er nicht lange suchen.«

»Nein«, sagte Ayla. »Er hat ihn bloß noch nicht gefunden.«

»Ich könnte ihm helfen.«

»Das will er nicht, Nick. Ich möchte das schon, aber Finn will es nicht. Und ich kann jetzt auch nicht. Ich muss noch packen. Flieg ja schon morgen in die Türkei. Sondergenehmigung wegen Familienfest. Wir sehn uns erst im September wieder. Und: Finn kommt morgen nicht mehr in die Schule. Aber er rührt sich noch bei dir, bevor du mit den Pfadfindern wegfährst. Ruff an oder kommt vorbei.«

Als Ayla gegangen war, fiel mir ein, dass ich ja auch eine Sondergenehmigung für die Abreise ins Pfadfinderlager am Freitag hatte. Aber eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr auf das Lager, jetzt, wo das mit Mia passiert war, hatte ich zu überhaupt nichts mehr Lust.

Ich überlegte, ob ich nicht zu Finn fahren sollte, ihm helfen sollte. Was war denn, wenn Sven wieder ein Messer hatte? Man konnte so was nicht immer gewinnen. Während ich noch überlegte, ging die Wohnungstür, und Lulu und meine Eltern kamen herein. Ich konnte jetzt nicht mehr weg. Wir würden ja schon ziemlich bald in die Trattoria gehen. Ins da Oreste. Zu Oreste, der immer ganz grimmig schaute, wenn er meinen Vater sah, weil die beiden schon seit mindestens fünf Jahren ein kleines Duell laufen hatten, das immer mit der Bestellung anfing. Mein Vater bestellte jedes Mal, wirklich jedes Mal, eine Pizza napoletana mit Anchovis und Kapern. Nie etwas anderes. Nie ein Risotto oder einen Fisch oder Scaloppine. Und er bestellte die Pizza mit einem ganz leisen Lächeln. »Wir leben von unserer gegenseitigen kulinarischen Verachtung«, sagte mein Vater immer. »Er glaubt, ich bin ein Banause und weiß nicht, was gut ist, und ich esse immer nur die Napoletana, weil ich weiß, dass er sonst nichts kann. Ich würde nie was richtig Gutes bei ihm essen, weil er nichts richtig Gutes kann. Aber die Napoletana, die kann er. Ist ja auch kein Kunststück.«

Als Oreste jetzt, an diesem Abend, mit einem grimmigen Lächeln den Teller mit der Pizza napoletana vor meinem Vater auf den Tisch stellte, begann Lulu ganz leise zu kichern. Oreste schaut sie überrascht an, und meine Mutter sagte entschuldigend: »Sie hat heute Geburtstag.« Und ich sagte: »Sie kichert, weil sie sich freut, dass sie acht geworden ist.«

»Oh, ich verstehe«, sagte Oreste und brachte Lulu später eine panna cotta als Nachspeise. Sie zog ihn ganz leicht an seinem langen Schnauzbart und gab ihm ein Küsschen auf die Backe. Meine Mutter lächelte, mein Vater zog die Augenbrauen hoch und lächelte auch, aber ganz anders, und ich hatte das Gefühl, dass ich selber auch lächelte, aber ich dachte wie schon die ganze Zeit nur an Finn und Mia, an Mia und Finn, und sah, wie das Springmesser auf dem Pflaster des Pausenhofs zerbrach, und ich hörte Finns Stimme sagen Beim nächsten Mal geht nicht das Messer kaputt, und ich hörte Mias Stimme, die nur ein einziges Wort sagte: Schade. Nur dieses eine Wort. Ich sah ihr Gesicht vor mir und hörte wieder nur dieses Wort. Schade.

Kapitel 6

Später, viel später, als ich schon im Bett lag und zu lesen versuchte, brummte mein Handy ganz leise – Mia!

»Bist du schon im Bett?«, sagte sie. Ihre Stimme klang sehr neutral, zurückhaltend.

»Ja.«

»Ich auch.«

»Tut es noch weh?«, fragte ich.

»Ein bisschen.«

»Ein kleines bisschen?«

Sie sagte ein paar Sekunden lang nichts. Dann sagte sie: »Ein sehr kleines bisschen.«

»Gut«, sagte ich. »Bist du mir …«

»Ja«, sagte sie. »Ich will nie wieder was mit einem Karatemann zu tun haben.«

»Ja, dann«, sagte ich. »Dann muss ich wahrscheinlich mit Karate aufhören. Wenigstens wenn ich mit irgendwelchen Mädchen zusammen bin.«

»Gute Idee, Nick.« Ihre Stimme klang jetzt fast nicht mehr neutral, auch wenn sie sagte: »Ich hör jetzt auf.«

»Nein«, sagte ich.

»Doch.«

»Nein.«

»Doch.«

»Nein«, und dann war sie weg.

Ich wollte sie gleich wieder zurückrufen, und während ich noch auf die Tasten meines Handys schaute, brummte es auch schon wieder.

»Hiya«, sagte Mia. Sie sagt immer hiya und nie hi, wie praktisch alle anderen Leute. »Ich wollte dich bloß ärgern.«

»Dann ist wirklich wieder alles so, wie es war?«

»Nichts ist wieder so, wie es war. Gar nichts.«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann sagte Mia: »Ich hab jetzt eine schiefe Nase. Ich werde für den Rest meines Lebens mit einer schiefen Nase durch die Welt laufen. Und ich find bestimmt nie mehr jemanden, der sich mit mir einlässt. Und ich krieg keinen Mann und keine Kinder, und meine Eltern werden nie Großeltern und so weiter. Ich weiß gar nicht, wie ich ihnen das beibringen soll. Wahrscheinlich krieg ich noch nicht mal einen richtig guten Job, und du musst mir die nächsten hundert Jahre Alimente zahlen oder wie das heißt. Ich meine, du musst mich aushalten, wirst richtig bluten.«

»Dann könnten wir ja eigentlich zusammenbleiben, wenn du sowieso niemand andern kriegst, oder?«

Eine Zeitlang, vielleicht dreißig oder vierzig Sekunden, kam kein Ton von Mia, und dann, auf einmal, ein tiefer langer mächtiger Rülpser. Ich merkte, dass ich ganz rot wurde. Oder ganz leicht. Oder ganz schwindlig. Ich wusste eigentlich nicht, was da ablief. Ich war irgendwie elektrisch, ich spürte überall ein Kribbeln, am ganzen Körper, vor allem in den Armen und Beinen, und am Rücken und in der Brust. Naja, überall eben. Praktisch überall.

»Noch was?«, fragte ich.

»Ich hab gesagt, was ich sagen musste«, sagte Mia.

»Sags noch mal, Mia.«

»Nein, heute nicht. Nicht heute. Aber morgen. Morgen«, sagte sie, und als ich am nächsten Morgen kurz an ihrer Haustür klingelte, kam ein paar Sekunden später ein Knacken aus der Sprechanlage und dann ein tiefer, langer Rülpser, und die Welt war wieder so, wie sie sein musste. Bis auf Mias Nase. Sie war ziemlich blau, aber immer noch Mias Nase. Keine Stupsnase, aber eine kurze Nase mit einem Schwung, bei dem einem schwindlig werden konnte, wenn man länger hinschaute. Bevor ich Mia kannte, hab ich nicht gewusst, dass einem Nasen so zusetzen können. Ich schaute jetzt länger hin. Streckte den Hals vor und tat so, als hätte ich eine Brille auf, drehte den Kopf nach links und nach rechts und sagte dann: »Keinen Freund, keinen Mann, keine Kinder, keinen Job? Nein, das geht schon noch. Damit kommst du schon noch über die Runden. Also, für diese Nase geb ich keinen Cent.«

Mia schaute mich bloß an und sagte: »Kiss me, Tiger!«, und ich küsste sie auf die Nase, ganz leicht und ganz lange.

Kapitel 7

Finn und Ayla waren natürlich am Mittwoch nicht in der Schule, aber das war ja klar, und als Mia und ich am Nachmittag an der Isar in der Sonne lagen, beschlossen wir, später noch bei Finn vorbeizuschauen, aber Finn war um sieben noch nicht zu Hause, als wir bei ihm klingelten. Oder um kurz vor sieben. Ich schaute nie nach sieben vorbei, weil Finns Vater um sieben meistens zu trinken anfing und dann nicht mehr ansprechbar war. Nicht mehr gestört werden wollte. Er war den ganzen Tag über nüchtern, aber um sieben machte er die Tür zu, so nannte Finn das, und trank Rotwein und rauchte. Er wurde nie laut, nie rabiat. Trank nur und rauchte und hörte Rockmusik und ging zwischen zwölf und eins ins Bett. Ich hab Finn mal gefragt, wieso sein Vater denn nicht wieder als Steuerberater arbeitete.

»Weil er das nicht mehr darf. Schließlich war er im Gefängnis. Und außerdem will er nicht viel Geld verdienen, weil er sonst der Bank jeden Monat einen Teil von diesen eineinhalb Millionen zurückzahlen müsste, um die er sie erleichtert hat. Und das wär ja verrückt.«

Ich hab das eigentlich nicht richtig kapiert, obwohl ich es irgendwie stark fand. »Dad hat die Bank ja mit Absicht aufs Kreuz gelegt«, hat Finn damals gesagt. »Er hat ihnen das Geld abgenommen, weil sie Anna ruiniert haben, sie in den Selbstmord getrieben haben. Anna, die jetzt vielleicht meine zweite Mutter wäre. Und Dad hat sie gerächt. Da kann er doch das Geld nicht wieder zurückgeben, kapiert?«

»Und wo bleibst du dabei?«

»Oh, ich komm gut zurecht. Schließlich bin ich mindestens zweimal die Woche bei euch zum Essen.«

Finns Vater sagte an diesem Abend noch, dass Finn wahrscheinlich zum Flughafen gefahren sei, damit er noch sehen konnte, wie Ayla durch die Sperre ging. »Ihre Leute dürfen ja nicht wissen, dass sie zusammen sind.«

Als wir wieder auf der Straße waren, sagte Mia: »Wir haben es wirklich gut. Meine Leute dürfen schon wissen, dass wir zusammen sind. Sie dürfen nur nicht wissen, dass du mir die Nase zerdeppert hast.«

»Was hast du ihnen denn gesagt?«

»Das Übliche, Nickiedickie. Was geschlagene Frauen eben so sagen: Dass ich die Treppe runtergefallen bin.«

»Sag jetzt im Ernst.«

»Naja, ich hab gesagt, ich bin im Biergarten mit einer Kellnerin zusammengestoßen, die acht Maß Bier vor sich hergetragen hat. Und dass die Kellnerin schuld war. Ach, und meine Leute, die fast alles wissen dürfen, sind übrigens morgen die ganze Nacht weg. In Salzburg. Sie übernachten bei Freunden und kommen erst am Freitag wieder. Letzte Gelegenheit vor dem Pfadfinderlager. Ich finde sowieso, du solltest da langsam austreten.«

Kapitel 8

Am Donnerstag, als wir alle beim Frühstück saßen, hatte Lulu ein Buch neben ihrem Teller liegen und kümmerte sich um sonst gar nichts, ich trommelte mit dem Plastiklöffel auf meinem Ei herum und merkte das kaum, meine Ma machte sich noch ein paar Notizen für einen Vortrag, und Dad sagte, während er die Zeitung durchblätterte: »Also, wenn sich keiner mit mir unterhält, kann ich ja genauso gut die Zeitung lesen.« Er sagt das praktisch jeden Tag, und ungefähr nach zwei Minuten erzählt er irgendetwas, das er in der Zeitung gelesen hat oder nachts in einem Buch. Aber heute war es anders. Heute hörte er auf einmal zu blättern auf, und obwohl er schon seit zwei Minuten nichts gesagt hatte, war es, als wäre er auf einmal ganz still geworden. Alles war auf einmal ganz still. So still, dass sogar Lulu von ihrem Buch hochschaute.

Dad war auf einmal ganz weiß im Gesicht. Seine Lippen waren ganz schmal geworden. Dann sagte er: »Das ist nicht wahr. Und wenn es wahr ist, stimmt es nicht.«

»Was ist denn los?«, fragte meine Ma und nahm ihm die Zeitung aus der Hand. Ihr Gesicht wurde auf einmal auch ganz weiß. »Mein Gott«, sagte sie, und Dad sagte: »Nick, wann hast du Finn zum letzten Mal gesehen?«

»Vorgestern in der Schule, glaub ich. In der großen Pause. Ja, vorgestern. Was ist denn los?« Und ich spürte, wie mir übel wurde. Wie ich anfing zu zittern.

»Ist was mit Finn?«, fragte Lulu. »Ist ihm was passiert? Was ist mit Finn?«

»Das weiß man nicht, Lulu«, sagte Ma und gab mir die Zeitung. Ich hätte sie fast wieder fallen lassen, weil meine Hände so zitterten, und die beiden Fotos, die da nebeneinander abgedruckt waren, waren ganz weit weg. Ich sah zuerst gar nicht, wer auf den Fotos war. Erst als Dad fragte: »Kennst du diesen Sven Kammermeier?«, erst da hab ich gesehen, dass das da auf dem linken Foto Sven war. Und irgendwie musste der andere auf dem rechten Foto, der mit der Baseballmütze, Finn sein. Ich wollte das gar nicht wissen. Die Bilder und die Schrift verschwammen mir vor den Augen, und es dauerte eine Zeit, bis ich wenigstens die Schlagzeile lesen konnte: MÜNCHNER Schüler ermordet. Und darunter eine kleinere Schlagzeile: Mutmaßlicher Täter flüchtig. In dem Artikel schrieben sie, das Opfer sei am Vorabend gegen sieben Uhr in einem Gehölz an der Isar in der Nähe des Georgensteins aufgefunden worden. Ich las das ganz mechanisch, als würden meine Augen die Zeitungsseite scannen, ohne dass mein Hirn etwas davon merkte. Was da stand, tröpfelte nur ganz langsam in mein Hirn. Sie schrieben etwas von zwei Kopfschüssen, die aus einer Entfernung von ungefähr sieben Metern abgegeben worden waren, und etwas von vielen Fußspuren, die vielleicht auf einen Kampf schließen ließen, und von Radfahrern, die da zufällig vorbeigekommen waren, weil sie ein bisschen im Gelände herumgingen, und dann kam wieder dieses seltsame Wort Täter. Der mutmaßliche Täter, schrieben sie, sei flüchtig. Der mutmaßliche Täter Finn Campe. Er sei am Tag der Tat auf dem Pausenhof seines Gymnasiums mit dem Opfer in eine Rauferei verwickelt gewesen und habe dabei Kratzspuren im Gesicht davongetragen. Seltsam, dachte ich, oder jemand in meinem Hirn dachte das. Kratzspuren im Gesicht. Finn hatte keine Kratzspuren im Gesicht. Sven hatte ihm den Hals und den Rücken zerkratzt. Das wusste ich noch genau. Konnte mich noch genau an das zerrissene T-Shirt erinnern. Jemand musste der Polizei das mit den Kratzspuren im Gesicht erzählt haben. Einer von den paar Leuten, die noch im Pausenhof waren. Sie hatten wahrscheinlich einfach nur das Blut und das zerrissene T-Shirt gesehen und Finns eisiges Gesicht, und in ihrer Erinnerung war das Blut zu einem Kratzer im Gesicht geworden.

Ich starrte jetzt wieder auf diese Wendung mutmaßlicher Täter und schaute dann das zweite Foto an. Ja, das war Finn. Mit seiner blauen Baseballmütze. Er hielt den Kopf schief, hatte eine Zigarette im rechten Mundwinkel und grinste. Und jetzt fiel mir ein, woher ich das Foto kannte. Es war im Jahresbericht abgedruckt. Es war ein Foto der Basketballmannschaft, aller Basketballmannschaffen an der Schule. Ich erinnerte mich daran, wie es zustande gekommen war: Wir hatten uns alle für das Foto aufgestellt, und im letzten Moment hatte sich Finn, der in gar keiner Mannschaft war, in die letzte Reihe gestellt und sich diese Zigarette in den Mund geschoben. Niemand hatte etwas gemerkt. Gemerkt hatten sie es erst, als eine Woche vor den Ferien der Jahresbericht schon gedruckt war, wahrscheinlich, weil bei Gruppenfotos niemand so genau hinschaute. Finn war dann zum Direktor zitiert worden und musste sich einen langen, lauten Vortrag anhören.

Und jetzt war dieser Ausschnitt aus dem Gruppenfoto in der Zeitung abgedruckt, und dieses freche, witzige Gesicht war das Gesicht eines Täters, nach dem die ganze Stadt Ausschau halten konnte.

»Glaubst du …«, sagte mein Vater.

»Natürlich nicht, Dad. Wieso sollte er ihn denn erschießen? Und wo soll er denn eine Pistole herhaben?«

»Aber warum versteckt er sich dann?«

»Das weiß ich nicht. Aber es muss einen Grund dafür geben. Einen ganz normalen, vernünftigen Grund. Oder meinetwegen auch einen unvernünftigen.«

»Kannst du dir vorstellen, wo er jetzt ist?«

»Nein.«

»Überhaupt nicht?«

»Nein, überhaupt nicht, Dad. Der einzige Ort, an dem er sein könnte, wäre hier bei uns. Bei mir. Aber da ist er nicht.«

»Und wo könnte die Polizei ihn suchen?«

»Bei seinem Dad. Aber da ist er anscheinend auch nicht.«

»Und sonst, Nick?«

»Bei uns. Bei mir.«

»Und wieso waren sie dann noch nicht da?«

Ich war immer noch so geschockt, dass ich gar nicht richtig denken konnte, aber dann kam es mir doch. »Dad, du bist ein Genie! Sie waren noch nicht da, weil sie darauf warten, was ich tue! Sie wollen, dass ich sie zu ihm führe!«

»Was du nicht kannst.«

»Was ich nicht kann. Aber sie stehen vielleicht hier irgendwo in der Gegend und warten darauf, wo ich hingehe.«

»Das heißt«, sagte Dad, »sie behandeln dich wie einen Verdächtigen.«

»Sieht so aus.« Ich war auf einmal ganz stolz. Verrückt, aber ich war stolz – wenn sie Finn suchten, dann suchten sie mich. Sie suchten uns beide!

»Und wenn er sich bei dir rührt? Wenn er anruft? Führst du dann die Polizei zu ihm?«, fragte meine Ma.

»Ich will hören, was er sagt. Es muss eine ganz normale Erklärung dafür geben. Und dann geh ich mit ihm zusammen zur Polizei.«

»Und was ist, wenn er es getan hat?«, fragte Dad. »Gehst du dann auch mit ihm zur Polizei?«

«Er hat es nicht getan, Dad. Du glaubst das ja auch nicht.«

Lulu saß da und weinte ganz still. »Du suchst ihn doch, Nickie. Oder?« Sie mochte Finn wahnsinnig gern. Wenn er zum Essen kam, ging sie nie zu ihren Freundinnen, sondern blieb da und schaute ihn die ganze Zeit mit großen Augen an. Und lachte über praktisch alles, was er sagte. Sie hätte wahrscheinlich auch über den Wetterbericht gelacht, wenn Finn ihn vorgelesen hätte.

»Ja, ich such ihn, Lulu.«

»Aber du fährst morgen mit den Pfadfindern weg.«

»Bis dahin hab ich ihn vielleicht schon gefunden. Und wenn ich ihn nicht finde, fahr ich auch nicht weg. Und dann müssen wir ihn erst mal da raushauen.«

Kapitel 9

Um acht fuhren meine Eltern zur Arbeit und nahmen Lulu zum Hort mit. Ich hatte keine Lust, in die Schule zu gehen. Ich blieb am Tisch sitzen und starrte lange Zeit die beiden Fotos und den Artikel an. Irgendwann später räumte ich den Tisch ab, ganz mechanisch, wie ein Roboter, schenkte mir in der Küche ein Glas Wasser ein und schaute aus dem Fenster. Dann holte ich mir noch mal den Artikel und las ihn ganz langsam durch. Der Direktor – diesen Satz las ich jetzt eigentlich zum ersten Mal – und das Kollegium hätten sich voller Entsetzen zu der Tat geäußert, und erst da merkte ich, dass ich die Tat noch gar nicht begriffen hatte. Für mich war nur wichtig, dass Finn jetzt unter Verdacht stand. Dass er gesucht wurde, vielleicht sogar gejagt. Und dass ich ihn schnell finden musste, damit das aufhörte. Finn musste sich der Polizei stellen, und alles andere würde sich dann ganz rasch aufklären.

Kurz nach halb zehn rief Mia an. »Im Radio ist es auch schon gekommen«, sagte sie. Dann verstellte sie ihre Stimme und sagte wie eine Nachrichtensprecherin: »Sachdienliche Hinweise nimmt die Polizei entgegen. Hast du einen sachdienlichen Hinweis?«

»Nein«, sagte ich. »Aber ich glaub, die Polizei beschattet mich, damit ich ihnen irgendeinen Hinweis liefere.«

»Wieso denkst du das denn, Nick?«

»Weil sie sonst schon längst zu mir gekommen wären, um rauszufinden, ob ich was weiß.«

»Da kannst du recht haben. Und was machen wir jetzt?«

»Wir machen lauter ganz normale Sachen. Fahren zuerst zu seinem Vater. Das ist eigentlich das, was man in so einem Fall tut, oder? Sein Vater ist heute wahrscheinlich nicht zur Arbeit gegangen. Um eins muss ich kurz ins Pfarrheim, weil wir noch ein paar Sachen fürs Lager besprechen wollten. Und dazwischen ruf ich in der Schule an, ob man schon etwas weiß. Das ist wahrscheinlich auch ganz normal.«

»Was meinst du denn damit, Nick? Dass du dich normalerweise nicht erkundigen würdest? Dass du das nur tust, weil Finn in der Geschichte drinhängt?«

»Ja, ich glaub schon. Ich glaub, dass Sven mir ziemlich am Arsch vorbeigeht. Tot oder lebendig.«

»Das ist hart, Nickie. Das ist ziemlich hart.«

»Aber es ist so, Mia. Ich kann das nicht ändern. Es ist einfach so. Wenn ich in mich reinschaue, seh ich nur Finn. Immer nur ihn, und dass er in Gefahr ist. Von Sven keine Spur. Tut mir leid.«

Finns Vater sah ziemlich schlecht aus. Ganz weiß und zerknittert. Ich konnte das gut verstehen. Ich sah selber wahrscheinlich auch ganz weiß und zerknittert aus. So ähnlich wie Mia, die immer noch ganz weite, erschrockene Augen hatte. »Ich weiß nicht, warum er sich nicht stellt«, sagte Finns Vater. »Er hat es doch nicht getan. Es kann doch nur ein paar Tage dauern, bis sie den wirklichen Täter finden. Und jetzt suchen sie wahrscheinlich nur nach Finn und sonst nach niemandem. Und er muss doch ein Alibi haben.«

»Wir suchen ihn auch«, sagte ich. »Wir wissen zwar nicht, wo, aber wir suchen ihn. Ich such ihn, bis ich ihn finde.«

Als wir wieder unten vor dem Haus bei unseren Fahrrädern standen, sagte Mia: »Hast du eigentlich schon mal daran gedacht, dass er es vielleicht wirklich war? Dass er vielleicht kein Alibi hat? Dass er vielleicht da am Georgenstein war und geschossen hat?«

»Mia, wo soll er denn eine Pistole herhaben? Und du glaubst doch nicht im Ernst, dass er einfach so jemanden abknallt?«

»Aber er hätte ein Motiv, oder? Schließlich ist Sven mit dem Messer auf ihn losgegangen.«

Und in meinem Ohr war wieder dieser Satz: Beim nächsten Mal geht nicht das Messer kaputt. Aber das hatte er doch nur im Zorn gesagt. Das hatte er gar nicht so gemeint. Das hieß gar nichts. Überhaupt nichts.

Als wir etwas später zum zweiten Mal an einer Ampel hielten, sagte Mia: »Siehst du auch diesen grauen BMW, der schon länger hinter uns herfährt?«

Mir war der Wagen noch nicht aufgefallen. »Wir könnten ihn abhängen«, sagte Mia.

»Wie willst du das denn machen?«

»Ganz einfach«, sagte sie. »Wenn die Ampel da oder die nächste Ampel auf Grün umspringt, tun wir hier auf dem Fahrradweg einfach so, als müssten wir was an einem der Räder richten. Wir ruckeln einfach ein bisschen an der Felgenbremse. Der BMW muss bei Grün weiterfahren, sonst hält er ja alle anderen Autos auf, und wir biegen rechts ab und verschwinden. Kapiert?«

»Du hast ganz schön viel kriminelle Energie«, sagte ich.

Sie lachte, die Ampel wurde grün, und während wir nebeneinander weiterführen, sagte ich: »Es ist trotzdem keine gute Idee. Wenn wir sie abhängen, dann glauben sie, wir hätten was zu verbergen.«

»Auch wieder wahr. Wir sind einfach nur zwei ahnungslose Schüler, die nichts zu verbergen haben.«

Mia setzte sich in ein Café, während ich ins Pfarrheim ging. Die anderen waren schon alle da, und alle wollten sie etwas über den Mord an Sven wissen. Ich holte mein Handy heraus und rief die Schule an. Nein, es gebe noch nichts Neues, sagte die Sekretärin, und es sei alles so schrecklich. Von Finn gebe es auch keine Spur. Und der Termin für die Beerdigung und für die Trauerfeier an der Schule stehe noch nicht fest. Die Trauerfeier würde aber wohl erst nach den Ferien stattfinden.

Es war gut, dass die andern alle da waren. Alle im Zimmer wussten jetzt, dass ich nichts wusste. Und ich wusste ja auch nichts.

Ungefähr nach zwanzig Minuten klopfte es, und die Tür wurde nach ein paar Sekunden aufgemacht. Eine blonde Frau steckte den Kopf durch die Tür, kam dann ganz herein und erkundigte sich nach dem Pfarrsekretariat. »Da sind Sie grade dran vorbeigelaufen«, sagte Davy, unser Gruppenleiter. Die Frau blieb noch ein bisschen stehen, als müsste sie diese Info erst verdauen, und ich hatte das Gefühl, dass sie jeden von uns genau betrachtete. Dass sie nach Finn suchte. Vielleicht dachte, er würde sich hier verstecken. Ich glaub, ich hab die Tür noch lange angestarrt, als die Frau schon längst gegangen war.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Mia vor dem Café. »Ich muss noch allerhand einkaufen und dann das Essen für heute Abend vorbereiten. Du kommst doch trotzdem, oder?«

»Ja«, sagte ich und dachte: Außer es ist etwas mit Finn. »Ich komm um halb acht.«

»Die halbe Nacht?«

»Die halbe Nacht.«

»Okay. Ab halb acht die halbe Nacht.«

Kapitel 10

Ich war gerade dabei, meine Sachen für das Lager in mein Backpack zu packen, als es klingelte. Ich ging an die Sprechanlage, und von unten antwortete eine Frauenstimme: »Wir hätten nur ein paar Fragen zu Finn Campe.« Dann, etwas leiser, vielleicht, damit es niemand auf der Straße hörte: »Wir sind von der Polizei. Kriminalpolizei. Können wir hochkommen?«

Als die beiden, die Frau und ein Mann, vom Aufzug zur Wohnungstür herüberkamen, war ich erst mal beruhigt, dass die Frau nicht die Blondine war, die sich im Pfarrheim angeblich verlaufen hatte. Aber es wäre ja auch dumm gewesen, hier bei mir noch mal aufzukreuzen. Die beiden stellten sich an der Tür vor und hielten ihre Ausweise hoch. Die Frau hieß Miriam Karl. Den Namen des Mannes hab ich vergessen. Ich bot ihnen einen Platz im Wohnzimmer an. Sie setzten sich nebeneinander auf die Couch, und ich setzte mich in den großen bunten Sessel meiner Mutter. Das gab mir ein bisschen Rückhalt. Schließlich war ich ja irgendwie ein Verdächtiger, den man beschatten musste.

Der Mann holte einen Notizblock aus der Brusttasche seines Sakkos, und die Frau fragte, ob ich ein enger Freund von Finn sei, wann ich ihn zuletzt gesehen hätte und ob wir seither noch einmal telefoniert hätten. Während der Polizist seine Notizen machte, betrachtete ich die roten Fingernägel der Frau. Es ist komisch, dass man ziemlich aufgeregt sein und sich gleichzeitig um die Fingernägel von irgendjemandem kümmern kann. Ich hätte nicht gedacht, dass Polizistinnen sich die Fingernägel lackieren, aber wieso sollten sie das eigentlich nicht tun?

Dann fragte diese Miriam Karl, ob Finn ein Handy hätte und ob ich die Nummer wüsste. Dabei mussten die beiden das doch längst wissen. Es gibt bestimmt irgendein Zentralregister für Handys, in dem sie nachgeschaut hatten. »Nein, Finn hat kein Handy. Sie haben zu Hause noch nicht einmal ein Telefon.«

»Warst du nach dem Vorfall auf dem Schulhof dann vielleicht noch einmal bei ihm zu Hause?«, fragte die Frau.

»Ja.«

»Und warum?«

»Weil ich Finn gesucht habe. Er hatte sich die ganze Zeit nicht gerührt.«

»Er war also schon länger verschwunden? Schon vor der Tat?«

»Vor welcher Tat denn?«

»Vor dem Mord, mein Lieber.« Ihr Ton war jetzt schärfer geworden. »Es ist jemand erschossen worden.«

»Aber nicht von Finn. Er würde so was nie tun.«

»Du meinst, er ist nicht gewalttätig?«

»Ja.«

»Und wieso schlägt er dann im Pausenhof jemanden zusammen, und das nicht nur einmal, sondern zweimal hintereinander, wenn wir richtig informiert sind. Du warst ja dabei. Kannst du das bestätigen?«

»Nein.«

»Nein?«

»Nein, das kann ich nicht bestätigen.«

»Sondern?«

»Er ist zweimal angegriffen worden und hat sich gewehrt. Und er hat gewonnen. Es ist keine Sünde, wenn man gewinnt.«

Der Ton der Frau wurde jetzt noch ein bisschen schärfer: »Und wenn man jemandem droht, dass man ihn umbringt?«

»Das hat er nicht getan. Sven ist mit einem Messer auf ihn losgegangen. Und Finn hat das Messer zerbrochen und gesagt, dass Sven beim nächsten Mal nicht so leicht davonkommt. Das ist alles.«

»Ja, gut.« Die Frau klang jetzt wieder etwas entspannter. »Das wärs dann fürs Erste.« Sie schaute ihren Kollegen an, der zu mir sagte: »Bist du in den nächsten Tagen in München?«

»Nein, ich fahr morgen für zwei Wochen ins Pfadfinderlager in den Bayrischen Wald.« Sie ließen sich – »für alle Fälle, falls es noch Rückfragen gibt« – meine Handynummer geben, und als sie aufstanden, sagte die Frau noch: »Du sagst uns doch Bescheid, wenn du etwas von deinem Freund hörst, ja?« Sie gab mir ihre Karte.

»Ja, klar. Natürlich«, sagte ich.

Kapitel 11

Als sie gegangen waren, schenkte ich mir erst einmal ein Glas Wasser ein und schaute auf die Straße hinaus. Ich wusste nicht, wo ich Finn suchen sollte. Mir fiel überhaupt nichts ein. Das war die Wahrheit. Und ich wusste auch nicht, warum Finn verschwunden war oder sich versteckte. Und jetzt, in diesem Augenblick, machte ich mir zum ersten Mal richtig Sorgen. Was hatte Ayla gesagt? Dass jemand Finns Fahrrad auseinandergenommen hatte, und dass wahrscheinlich Sven das gewesen war und Finn nach ihm gesucht hatte. Und wenn er Sven aufgestöbert hatte, was war dann passiert? In der Zeitung stand etwas von möglichen Kampfspuren, also war es vielleicht so gewesen, dass Finn da unten am Georgenstein eine Schlägerei mit Sven hatte. Aber wo kam dann die Pistole her? Vielleicht hatte Sven eine Pistole gezogen, und sie hatten miteinander um die Pistole gekämpft, und die zwei Schüsse hatten sich gelöst. Aber das war nicht möglich, weil die Schüsse ja angeblich aus einer Entfernung von ungefähr sieben Metern abgegeben worden waren. Also blieb nur die Möglichkeit, dass Finn, als er die Pistole hatte, ein Stück zurückgegangen war und dann auf Sven geschossen hatte. Was für ein Blödsinn, dachte ich im selben Moment. Finn würde nicht einfach jemanden erschießen. Wieso denn? Das käme ihm gar nicht in den Kopf. Finn hätte Sven einfach zusammengehauen und die Pistole in die Isar geworfen. Das war alles. Und dann – wieso sollte Sven eigentlich eine Pistole haben? Er war vielleicht ein blöder Sack und ein Messerstecher – aber eine Pistole?

Ich war noch ganz weg und in Gedanken, als ich mein Handy summen hörte. Es hatte wahrscheinlich schon länger gesummt. Ich schaute auf das Display: eine Festnetznummer, die ich nicht kannte. Ich kenne ja praktisch überhaupt keine Festnetznummer, außer unserer eigenen. Ich drückte auf die Taste.

»Ich bins«, sagte Finns Stimme.

»Finn!«

»Ja.«

»Wo bist du denn? Was ist denn los? Von wo rufst du denn an?«

»Aus einer Telefonzelle. Ich hau ab, Nickie.«

»Wohin denn? Und wieso überhaupt?«

»Ich geh nicht ins Gefängnis.«

»Wo warst du denn? Wo hast du denn geschlafen?«

»Draußen. Im Freien. Und ich wollte dir jetzt nur sagen, dass ich abhaue. Dass ich gehe.«

»Du bist ja wahrscheinlich völlig k.o. Zwei Nächte im Freien!«

»Es geht.«

Ich überlegte. Hatte ungefähr fünfzig Ideen gleichzeitig. Dann sagte ich ganz schnell, weil das das Einzige war, was ich wirklich wollte: »Ich will dich noch mal sehen. Ich bin heute Abend bei Mia. Um halb acht. Ihre Eltern sind weg. Die ganze Nacht. Und du bist um Viertel nach sieben bei ihr, okay?«

»Nein.«

»Doch. Du musst!«

»Und wieso gehen wir nicht zusammen zu ihr?«

»Weil die Polizei schon bei mir war. Und weil ich sie vielleicht abhängen muss.«

Mein Handy war eine Zeitlang ganz still, bis Finn sagte: »Gut. Ich komm. Aber du kannst mich nicht aufhalten.«

»Ich bring dir ein paar Klamotten mit. Und schmeiß diese Baseballmütze weg, falls du sie noch aufhast. Sie suchen nach jemandem, der so aussieht wie du mit einer Baseballmütze und mit Kratzspuren im Gesicht.«

»Die Mütze ist schon weg, und ich hab keine Kratzspuren im Gesicht.«

»Ja klar, weiß ich doch! Also, Finn. Bis auf dann bei Mia. Du um Viertel nach sieben. Ich komm um halb acht oder ein bisschen danach.«

Ich rief Mia an, die zuerst erschrocken reagierte. Oder kam mir das nur so vor? Sie war vielleicht gar nicht erschrocken, sondern nur aufgeregt. So wie ich selber jetzt auch. Und ich war auch aufgeregt, weil das Ganze auf einmal irgendwie ein Spiel wurde. Ich musste die Polizei abhängen, falls sie mich beobachteten. Und dann musste Finn wieder aus Mias Wohnung verschwinden, ohne dass sie ihn sahen. Ja, ich war aufgeregt wie vor einem Basketballspiel. Es war spannend, und ich war ganz heiß. Ich meine, ich hab mich irgendwie darauf gefreut, was alles passieren würde … und dann, und dann, und dann – ich konnte mir gar nicht vorstellen, was ich alles anstellen würde, um Finn da rauszuholen. Und auf einmal war diese Spannung wieder weg, alles wurde grau, und ich wusste nur noch eines: dass ich Finn nicht weglassen wollte. Aber dazu mussten wir erst einmal miteinander reden.

Kapitel 12

Ich packte langsam alles für die Fahrt mit den Pfadfindern in mein großes Backpack, dann holte ich alle meine Schulsachen aus dem kleinen Rucksack und steckte die Sachen für Finn hinein: eine Jeans, zwei T-Shirts, ein Sweatshirt, zwei Paar Socken, zwei Unterhosen. Und noch eine von den Reservezahnbürsten und eine Tube Zahnpasta aus dem Badezimmer. Finn hatte sich bestimmt die Zähne noch nicht geputzt.

»Grüß die Mia«, sagte meine Ma, als ich ging.

Ungefähr um zwanzig vor sieben stieg ich in die Straßenbahn und fuhr zum Stachus. Die Straßenbahn war nicht besonders voll, und es war ganz einfach, die beiden Männer und die drei Frauen im Auge zu behalten, die zusammen mit mir eingestiegen waren. Einer der Männer und zwei von den Frauen stiegen gleichzeitig wieder mit mir aus. Ich ging ganz langsam, so dass ich nach den dreien die Rolltreppe hinunterfuhr und sehen konnte, wohin sie gingen. Ich hatte überhaupt keine Angst. Es war einfach nur spannend. Die beiden Frauen bogen nach rechts ab. Der Mann ging nach links in Richtung Hauptbahnhof. Ich ging einfach im Abstand von zehn oder fünfzehn Metern hinter ihm her. Falls der Mann wirklich ein Polizist war, musste ich mich ganz locker verhalten. Ganz normal. Und das war ich ja auch. Kein Problem. Als der Mann mit der Rolltreppe zur Schützenstraße hochfuhr, ging ich ins Hertie-Untergeschoss und ganz nach hinten durch, weil sie da hinten einen Geldautomaten haben. Ich brauchte ein bisschen Geld für Finn.

Ich hob hundert Euro ab und ging dann zu Fuß zum Sendlinger Tor. Es sah nicht so aus, als ob jemand hinter mir her wäre. Aber ich fand das alles sehr aufregend. Wie ein Spiel. Es war ernst und gleichzeitig wie ein Spiel. Ich fuhr mit den Rolltreppen zur U-Bahn hinunter und stand zwölf Minuten später vor Mias Haus in der Valleystraße. Als ich auf die Klingel drückte, hörte ich nur ein kurzes Knacken in der Sprechanlage. Dann ging der Türsummer.

Oben im dritten Stock stand Mia in der Tür: »Hiya.«

»Hi«, sagte ich, und Mia sagte: »Er ist okay«, und ich sah gleich darauf, wie okay Finn war, weil er kaum, dass wir im Wohnzimmer waren, aus dem Bad kam. Er hatte sich ein dunkelgrünes Badetuch umgebunden und stand mit nacktem Oberkörper und nassen Haaren in der Tür und lächelte ganz leicht: »Hi, Nick.«

»Hi.« Ich warf ihm den Rucksack in einem hohen Bogen zu, dicht an einer Lampe vorbei, und sagte: »Zieh dich erst mal an.« Als Finn sich umdrehte, um wieder ins Bad zu gehen, sah ich im selben Augenblick wie Mia die langen Kratzspuren am Hals und auf seiner rechten Schulter. »Komm, ich mach dir Heftpflaster drauf«, sagte sie. »Ein paar lange Streifen.«

»Geht nicht«, sagte Finn. »Das krieg ich doch nicht wieder ab. Ich bin schließlich alleine.«

Irgendjemand in meinem Kopf sagte: Du bist nicht allein, aber laut sagte ich bloß: »Das werden wir schon sehen. Lass dich jetzt verpflastern. Du versaust mir sonst mein T-Shirt.«

Später beim Essen, Tomaten und Mozzarella, erzählte Finn, wie alles zugegangen war. Er schaute dabei die ganze Zeit fast nur Mia an, aber es war ja auch Mia, die die meisten Fragen stellte, von Anfang an, gleich als er sagte, er habe Ayla zum Flughafen begleitet: »Begleitet, Finn? Du meinst, du bist alleine zum Flughafen gefahren und hast dich dann irgendwo so verschanzt, dass dich ihre Leute nicht sehen konnten, und dann habt ihr euch aus der Entfernung angeschaut und gelächelt, das heißt, Ayla hat wahrscheinlich nicht gelächelt, damit keiner was merkt.«

»Ich hab auch nicht gelächelt«, sagte Finn. »Ich hab ja schon gewusst, dass Sven tot ist. Er war ja schon einen Tag lang tot. Deswegen bin ich doch nicht mehr nach Hause.« Und dann erzählte er, wie der Dienstagabend abgelaufen war, nachdem Ayla die beiden Rucksäcke gebracht hatte. Sie musste dann gleich weg, musste ihre Sachen und Geschenke für die Türkei einpacken. Und Finn brachte seinen Rucksack nach Hause, nahm das Fahrrad seines Vaters und machte sich auf die Suche nach Sven. »Ich wollte ihm sein Fahrrad abnehmen, und dann hätte er es zerlegen müssen, so wie er das meine zerlegt hat. Ich wäre einfach daneben gestanden und hätte zugeschaut, wie er sein eigenes Fahrrad zerlegt.«

»Und dann?«, fragte Mia.

»Weiß ich nicht. Ich weiß nicht, was dann passiert wäre. Ich bin halt einfach durch seine Gegend gefahren, ohne dass ich mir viel überlegt hätte. Ich wollte ihn einfach nur finden. Und dann, auf einmal, hab ich ihn gesehen, wie er auf seinem Fahrrad aus einer Seitenstraße kam.«

Und Finn folgte ihm, verfolgte ihn, fuhr in großem Abstand hinter ihm her, verlor ihn zweimal, fand ihn wieder, und als sie unten am Zoo waren, war es nicht mehr schwer, Sven zu verfolgen, weil er einfach immer weiter an der Isar entlangführ. Marienklause. Großhesseloher Brücke. Grünwalder Brücke. Brückenwirt. Immer weiter. Dann das kleine Kraftwerk, und dann, am Georgenstein, hatte Sven sein Fahrrad an ein Gebüsch gelehnt, sich kurz ans Ufer gesetzt, mit dem Handy telefoniert und war dann in Richtung Hochufer in diesen Wald oder dieses Gehölz gegangen.

»Ich hab zehn Minuten gewartet«, sagte Finn jetzt. »Dann kam mir eine Idee. Ich hab mein Fahrrad in den Büschen versteckt und hab mir Svens Rad genommen. Er hatte es nicht mal abgesperrt. Es war ja auch keiner da. Es war niemand zu sehen, außer dass ab und zu irgendwelche Radfahrer vorbeikamen. Dann bin ich mit Svens Rad zum Kraftwerk zurückgefahren, hab mich da ans Geländer gestellt und gewartet, bis absolut niemand zu sehen war. Und dann hab ich das Rad übers Geländer gehievt und da unten im Wasser versenkt.«

Finn ging zum Georgenstein zurück, das war nicht sehr weit, und als er schon fast wieder bei seinem Fahrrad war, hörte er zwei Schüsse. »Oder zweimal dicht hintereinander einen kurzen Knall«, sagte er. »Naja, mir war schon klar, dass das wahrscheinlich Schüsse waren.«

Er wartete ein paar Minuten und ging dann vorsichtig in Richtung Hochufer. Zehn Minuten später fand er Sven. Er war tot. Zwei Kopfschüsse. Niemand war zu sehen. Es war ganz still. Und er lief einfach los, lief zu seinem Fahrrad hinunter und fuhr so schnell er konnte wieder in die Stadt zurück. Setzte sich in einen Biergarten und überlegte, was zu tun war.

»Und wieso bist du nicht auf die Idee gekommen, zur Polizei zu gehen?«, fragte Mia. Ich saß einfach nur da und schaute die beiden an. Hörte zu und schaute.

»Weil ich nicht ins Gefängnis will, Mia. Mein Vater war im Gefängnis. Ich weiß, wie das ist. Und ich will da nie hin.«

»Aber du hast es doch nicht getan! Das kannst du doch beweisen!«

»Ich kann gar nichts beweisen. Ich bin ihm schließlich durch die halbe Stadt nachgefahren, bis er tot war. Und davor hatten wir diese Schlägerei in der Pause, und Sven hat wahrscheinlich massenweise meine DNA unter seinen krummen Fingernägeln. Du musst dir nur meinen Rücken anschauen. Neinnein, für die Polizei bin ich es gewesen.«

»Aber du kannst doch beweisen, dass du nicht geschossen hast. Es gibt doch diese Spuren an den Händen, wenn man geschossen hat, Schmauchspuren oder wie die heißen. Und die hast du nicht, die kann man bei dir nicht finden.«

»Aber die kann man wahrscheinlich wegmachen, Mia. Man kann sich die Hände waschen, bürsten und so weiter. Oder mit Petroleum einschmieren oder mit Fahrradöl und wieder waschen und waschen. Dann ist wahrscheinlich nichts mehr übrig von diesen Schmauchspuren. Wenigstens würde ich das so machen. Wenn sie keine Schmauchspuren finden, heißt das nur, dass sie keine Schmauchspuren finden. Sonst gar nichts.«

»Trotzdem«, sagte Mia. »Du kannst dich stellen, sie werden dich verhören, und dann kannst du nach Hause gehen. Schließlich besteht keine Fluchtgefahr.«

»Nach Hause? Zu einem Vater, der selber im Gefängnis war? Und außerdem hab ich schon bewiesen, dass Fluchtgefahr besteht, oder? Schon seit zwei Tagen. Fluchtgefahr ist gar kein Ausdruck.«

Ich saß immer noch einfach bloß da und schaute die beiden an. Mia hatte einen ganz roten Kopf. Sie war zornig oder verzweifelt. Ich wusste nicht, was sie war. Finns Gesicht war ganz ruhig. So wie es eigentlich meistens war. Es war komisch, ich freute mich, so wie ich mich schon tausendmal gefreut habe, wenn ich dieses Gesicht gesehen habe.

»Meine Eltern könnten dich raushauen«, sagte ich dann. »Und Mias Mutter ist schließlich Rechtsanwältin. Du wärst ganz schnell wieder frei.«

»Das kann man nicht sagen. Ich wär lieber tot als im Gefängnis. Und jetzt geh ich dann.«

»Wohin?«

»Das weiß ich nicht, Nickie. Ich geh einfach. Und wenns bis ans Ende der Welt ist.«

»Du gehst nicht!«

»Willst du mich aufhalten?«

»Dafür bist du zu stark.«

»Wir haben es nie ausprobiert, Nickie.«

»Das werden wir auch nicht.«

»Sondern?«

Ich schaute auf die Uhr. Kurz nach zehn. Ich spürte jetzt zum ersten Mal, dass die ganze Zeit, während ich den beiden zugehört hatte, etwas oder jemand in meinem Kopf gearbeitet hatte, nachgedacht hatte, für mich nachgedacht hatte, so dass ich jetzt gar nicht mehr überlegen musste, was ich tat, als ich mein Handy aus der Tasche zog, eine Nummer wählte und nach ein paar Sekunden ganz automatisch sagte: »Hi, Davy. Tut mir leid, dass ich so spät anrufe, aber ich fahr jetzt morgen doch nicht mit ins Lager. Meine Eltern möchten, dass ich mit ihnen fahre. Wir haben grade eine Mordsdebatte gehabt. Wegen dieser ganzen Geschichte mit Finn und so. Sie finden es besser so. Ich komm aber morgen vielleicht noch zum Bahnhof.«

Finn und Mia schauten mich mit großen Augen an.

»Du spinnst«, sagte Mia, als ich mit dem Telefonieren fertig war.

»Du bleibst hier«, sagte Finn.

»Nur wenn du auch hierbleibst«, sagte ich.

»Und was sagst du deinen Eltern?«, fragte Mia.

»Nichts. Für meine Eltern fahr ich in den Bayrischen Wald. Und jetzt fahr ich nach Hause. Wir haben einen stressigen Tag vor uns.« Es kam mir immer noch so vor, als würde ich gar nicht selber reden, sondern jemand anders. Jemand, der irgendwo in meinem Kopf oder in meiner Brust war oder hinter mir stand. Der einfach das Kommando übernommen hatte wie ein … ja, wie ein Schutzengel, dachte ich und fand es seltsam, dass ich das Wort Schutzengel dachte. Schließlich sind alle in unserer Familie Atheisten, aber Schutzengel war das erste Wort, das mir einfiel. Und das einzige. Das einzige Wort für jemanden, der für mich dachte, das einzige Wort für die seltsame Musik in meiner Brust oder in meinem Körper und das einzige Wort für diesen Jemand, der hinter mir stand und den ich nicht sehen konnte.

»Kann Finn bei dir bleiben, Mia? Ich meine, sie suchen nach ihm, und nachts fällt man viel leichter auf als am Tag unter den ganzen Leuten. Und Finn – wir treffen uns morgen um halb zwei in der Post am Goetheplatz. Wenn wir das aus irgendeinem Grund nicht schaffen, dann jede volle Stunde bis fünf nach. Und wenn irgendjemand aufkreuzt, der uns nicht gefällt, gehen wir auf Umwegen ins Kreisverwaltungsreferat an der Poccistraße. Zum Einwohnermeldeamt. Kein Schwein sucht irgendwelche Verbrecher im Einwohnermeldeamt.«

»Nickie, wo hast du denn diese Tricks her?«, sagte Mia lächelnd. »Ich glaub, du warst in deiner letzten Inkarnation ein Gangster.«

Aber Finn sagte: »Morgen ist Freitag. Da machen sie wahrscheinlich schon mittags zu, falls sie nicht immer schon mittags zumachen.«

»Okay«, sagte ich. »Wenn sie zuhaben, gehst du einfach weiter bis zur Margaretenkirche. Das schaffst du in zwanzig Minuten.«

»Und was mach ich da, Nick?«

»Beten«, sagte ich. »Beten, dass ich komme.«

Sie lachten alle beide. Dann, ein bisschen später, als wir vom Tisch aufstanden, wurde Mia wieder ernst, sagte: »Sehn wir uns noch mal?«

»Ich glaub nicht. Und ich will dich da raushalten.«

»Aber ihr ruft mich jeden Tag an, ja?«, sagte Mia.

»Wir können vielleicht nicht immer telefonieren, aber du kriegst jeden Tag eine SMS. Ohne Inhalt, weil du nichts mit der Sache zu tun hast. Ich meine nur, falls jemand mein Handy abhört oder was.«

»Und wie sieht eine SMS aus, die keinen Inhalt hat?«

»Jede Menge Bananen, die wir nicht haben.«

Finn schaute mich ganz verdattert an, aber Mia lächelte. Als wir uns zum ersten Mal geküsst haben, hat sie mich angeschaut, gegrinst und gesagt: »Und wie gehts jetzt weiter?«, und ich hab gesagt »Weiß nicht«, und dann hat sie gesagt: »Yes, we have no bananas.« Das hab ich nie vergessen. Ist ja auch noch nicht lange her. Und außerdem hat sie das inzwischen ziemlich oft gesagt. Zweihundertfünfzigtausendmal.

Als wir an der Wohnungstür standen, hat sie sich noch mal umgedreht: »Finn, ich mach dir dann gleich dein Bett. Ich bring Nick nur runter zur Haustür. Das dauert höchstens zehn Minuten. Allerhöchstens. Naja, vielleicht ein bisschen länger.«

Kapitel 13

Ich hatte für den letzten Schultag, den Freitag, Unterrichtsbefreiung wegen des Pfadfinderlagers, und am Morgen hab ich mich von meinen Eltern und von Lulu verabschiedet, die noch ein paar Tage in den Hort ging, bevor sie dann alle drei nach Südfrankreich fuhren. »Und viel Spaß da im Lager«, sagte meine Ma, als sie mich umarmte. Ich kam mir vor wie ein Betrüger. Und ich war ja auch ein Betrüger. Dann klatschte ich mich mit meinem Vater ab. Wir machen das immer, wenn wir uns verabschieden oder uns nach längerer Zeit Wiedersehen. Als ich Lulu kurz umarmen wollte, trat sie einen Schritt zurück. »Lass mich in Ruhe, Nick! Du bist ein Verräter. Du hast gesagt, du würdest ihn suchen und nicht ins Lager fahren.«

»Du hast ja recht, Lulu. Aber ich weiß nicht, wo ich ihn suchen soll. Nicht mal die Polizei weiß das.«

»Er ist dein Freund. Er ist mein Freund. Und er ist unser drittes Kind. Und wir fahren einfach alle in die Ferien, wenn er uns braucht. Das ist so schäbig.«

Sie hatte jetzt ein ganz rotes, zorniges Gesicht. Stand mit geballten Fäusten da. »Lulu, ich versprech dir …«

»Hör auf, Nickie! Wenn Finn nicht kommt, dann kannst du ewig in deinem verdammten Lager bleiben! Mensch!«

Als alle gegangen waren, ging ich unter die Dusche, zog meine Kluft an und packte den Rest meiner Sachen in mein riesiges Backpack. Ich hatte noch in der Nacht zwei T-Shirts, vier Unterhosen und zwei Paar Socken zusätzlich für Finn eingepackt. Dann fuhr ich zum Bahnhof, wo die andern alle schon am Bahnsteig standen und mich begrüßten. Der Zug nach Passau fuhr erst um halb zehn herum und stand noch nicht auf dem Gleis.

»Du kommst ja doch mit!«, sagte Davy.

»Nee, ich lass euch nur nicht alleine wegfahren. Ich fahr einfach noch ein Stück mit. Vielleicht bis Landshut. Kostet mich doch nichts, wir haben ja ein Gruppenticket.«

»Lind wozu dann das Backpack?«

»Einfach als Gaudi. Ich meine, dann bin ich irgendwie wirklich mit euch gefahren.«

»Ja, wirklich schade, dass du nicht mitkommst, aber ich kann deine Eltern verstehen«, sagte Davy, während ich mich vorsichtig umsah und wieder den Mann entdeckte, der mir schon in der S-Bahn aufgefallen war, gleich nachdem ich am Isartor eingestiegen war. Der Mann stand jetzt drüben vor dem Laden mit den ausländischen Zeitschriften und Büchern, telefonierte mit seinem Handy und schaute dabei auf die Uhr. Sehr unauffällig. Wie gut, dass ich zum Bahnhof gekommen war und sie mich jetzt mit den anderen abfahren sahen. Ich hätte fast laut losgelacht, als ich daran dachte, dass Mia gesagt hatte, ich wäre in meiner letzten Inkarnation bestimmt ein Gangster gewesen. Ja, entweder das, oder irgendjemand oder irgendetwas anderes brachte mich jetzt dazu, Sachen zu machen, an die ich vor ein paar Tagen überhaupt nicht gedacht hätte. Jedenfalls sah die Polizei mich jetzt mit der Gruppe abfahren. Und weit und breit war kein Finn zu sehen. Genau richtig.

Als ich in Landshut ausstieg, ging ich durch die Unterführung zum Bahnhofsgebäude, kaufte mir eine Cola, zog aus dem Automaten eine Fahrkarte und stieg zwanzig Minuten später in den Zug nach München. Die Fahrt dauerte eine gute Dreiviertelstunde, und ich überlegte, wohin wir gehen könnten, flüchten könnten. Das heißt, eigentlich dachte ich nicht darüber nach, sondern ich schaute aus dem Fenster und wartete darauf, dass etwas in meinem Hirn passierte. Ich mach das manchmal so, mach mich ganz leer und warte, dass da oben irgendwas passiert. Und meistens passiert auch etwas. Das Erste, was jetzt passierte, war das Wort Süden, das groß und warm und blau auf dieser unsichtbaren Leinwand auftauchte, auf der Wörter auftauchen, wenn sie einem ins Hirn rutschen. Das dauert immer nur eine tausendstel Sekunde oder so, dann verschwinden die Wörter wieder, und man hört sie oder sieht eine Landschaft oder sonst was.

Es ist ja eigentlich ganz logisch, dass einem der Süden in den Kopf kommt, wenn man eine Flucht plant, auf der man vielleicht oft im Freien schlafen muss, und als das Wort Süden aus meinem Kopf verschwand, sah ich Ma und Dad und Lulu und mich in Pompeji herumgehen, wo wir vor zwei Jahren waren, und ich hörte Dads Stimme, wie er uns vom Untergang der Stadt erzählte, als alles unter der Lava des Vesuvs begraben wurde, die Menschen, die Häuser, die Straßen, die Bäder, die Tiere. Alles. Für immer. Und ich hörte, wie Lulu ihn nach den Hunden fragte, die in Pompeji herumstreunten und zu niemandem gehörten, und wie Dad dann sagte, dass die Hunde schon immer dagewesen waren, schon seit fast zweitausend Jahren.

»Gibts nicht«, hatte Lulu damals gesagt.

»Gibts doch«, sagte Dad und lächelte. »Seelenwanderung. Die Seelen von allen Leuten, die in Pompeji gestorben sind, schlüpfen nacheinander in diese Hunde. Deswegen leben sie alle noch. Nicht immer, aber immer wieder.«

Und später, das fiel mir auch ein da im Zug, sagte Dad noch, dass die ärmeren Leute in Pompeji so wenig Platz gehabt hätten zu Hause, dass sie da gar nicht kochen und essen konnten und immer auswärts gegessen hätten. »Bei den Römern in den Städten war es so, dass die Armen zum Essen ausgegangen sind, und die Reichen haben zu Hause gegessen«, sagte er. »Genau umgekehrt wie bei uns.«

Lulu schaute ihn von der Seite an und sagte nach einiger Zeit: »Dad, sind wir eigentlich reich oder arm?«

»Na ja«, sagte mein Vater. »Wir essen manchmal auswärts und manchmal zu Hause. Aber meistens essen wir zu Hause.«

Lulu schaute ihn ganz groß an, und Dad lächelte, und ich lächelte jetzt auch, während der Zug in Richtung München dahinfuhr, und ich stellte mir vor, Finn und ich würden uns in Pompeji in Hunde verwandeln und keiner würde uns finden. Wir wären tagsüber Hunde, wir würden in diesen Hunden wohnen, und nachts, wenn uns keiner sehen konnte, würden wir wieder wir selber werden. Und wir würden natürlich immer auswärts essen, und auf einmal, auf einmal! fiel mir ein, dass das ja gar nicht möglich war. Ich meine, es war nicht möglich, dass wir nach Pompeji gingen und vielleicht für immer in diesen Hunden wohnten, in denen schon so viele andere Leute gewohnt hatten. Das war völlig ausgeschlossen. Und das lag an meinem Handy. Die Polizei hatte meine Handynummer. Und ich hatte mal irgendwo gehört oder gelesen, dass die Polizei Handys orten kann, wenn sie eingeschaltet sind. Und das bedeutete, dass sie wahrscheinlich ziemlich leicht herausfinden konnten, wo ich mich befand. Und ich wusste auch, dass ich das Handy nicht ausschalten konnte, weil sie mich ja vielleicht noch mal anrufen würden, und deswegen konnten Finn und ich nicht nach Pompeji flüchten oder irgendwo in München rumhängen oder in Österreich oder sonst wo, sondern wir durften uns nicht allzu weit vom Lager entfernt aufhalten. Das war eine ziemlich beschissene Situation, aber es war eben so.

Wir mussten also heute auf jeden Fall in den Bayrischen Wald fahren, wenigstens irgendwo in diese Gegend. Das würde schwierig werden, eng werden, falls uns irgendwer aus der Gruppe über den Weg lief oder wir ihnen. Aber es gab gar keine andere Möglichkeit.

Kapitel 14

Finn war nicht in der Post am Goetheplatz, aber als ich kurz nach zwei wieder nach draußen ging, sah ich ihn drüben beim Kino stehen. Zwischen den Vitrinen mit den Plakaten und Standfotos. Er lächelte, und während ich über die Straße zu ihm hinüberging, dachte ich: Ich hol dich da raus. Wir kommen da zusammen raus.

Wir stießen uns zur Begrüßung ganz leicht mit der Schulter an, wie wir das ziemlich oft machen, eigentlich fast immer. »Und jetzt?«, fragte Finn.

»Wir müssen in den Bayrischen Wald. Also erst mal nach Passau. Irgendwie in diese Ecke. Weil die Polizei mein Handy orten kann. Daran hab ich zuerst nicht gedacht. Es ist ein bisschen riskant, weil die andern uns sehen könnten.«

»Ich hätte eben doch alleine gehen sollen.«

»Das geht nicht. Es gibt ein Mädchen, dem ich versprochen hab, dass ich dich suche.«

»Lulu?«

»Ja, Lulu.«

»Und sie weiß, dass wir zusammen sind?«

Details

Seiten
216
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960532231
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427509
Schlagworte
Liebesroman Jugendbuch New Adult Jugendliebe große Liebe Road Trip Tschick Benedict Wells Edgar Rai eBooks

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Titel: Siebzehn Tage im August