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Das kleine Appartment des Glücks

Roman

2018 218 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Jetzt fängt das Leben richtig an! Endlich hat Nicole den Schulabschluss in der Tasche – nun will sie so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Gemeinsam mit ihren besten Freundinnen Julia, Saskia und Kim gründet sie eine WG, für die es eine goldene Regel gibt: »Keine Männer, keine Probleme.« Schließlich ist der Alltag in einer reinen Mädels-Bude schon chaotisch genug. Aber wie lange werden die vier sich an ihre guten Vorsätze halten … und wo kommen eigentlich die kleinen Wildschweine her, die plötzlich ungebremst durch die Wohnung rasen?

Ein turbulenter Feelgood-Roman voller bissigem Humor: »Glückwunsch! Die Bestsellerautorin hat sich mal wieder selbst übertroffen. Frech und lustig!« Young

Über die Autorin:

Steffi von Wolff, geboren 1966 in Hessen, war Reporterin, Redakteurin und Moderatorin bei verschiedenen Radiosendern. Heute arbeitet sie freiberuflich für Zeitungen und Magazine wie »Bild am Sonntag« und »Brigitte«, ist als Roman- und Sachbuch-Autorin erfolgreich und wird von vielen Fans als »Comedyqueen« gefeiert. Steffi von Wolff lebt mit ihrem Mann in Hamburg.

Die Autorin im Internet:
www.steffivonwolff.de
www.facebook.com/steffivonwolff.autorin

Steffi von Wolff veröffentlichte bei jumpbooks bereits die Romane »Das kleine Hotel an der Nordsee« und »Das kleine Haus am Ende der Welt« sowie bei jumpbooks Schwesterverlag dotbooks den Roman »Aufgetakelt« und den Kurzgeschichten-Sammelband »AUSGEPACKT und andere Weihnachtsgeschichten«. Eine andere Seite ihres Könnens zeigt Steffi von Wolff unter ihrem Pseudonym Rebecca Stephan im ebenso einfühlsamen wie bewegenden Roman »Zwei halbe Leben«.

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eBook-Lizenzausgabe Dezember 2018

Dieses Buch erschien bereits 2010 unter dem Titel »Ausgezogen« im Rowohlt Verlag.

Copyright © der Originalausgabe 2010 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2018 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven shuterstock/randy andy und shutterstock/united photo studio

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96053-250-7

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Steffi von Wolff

Das kleine Appartement des Glücks

Roman

jumpbooks

Kapitel 1

»Nein.« Karin von Heybergs Fingerknöchel wurden langsam weiß, weil sie sich nun schon seit einiger Zeit in die Tischplatte krallten. Immer wenn sie sich aufregte, bekam sie ein Gesicht wie eine Hyäne; würde sie zusätzlich noch die Zähne fletschen, wäre das Gesamtbild perfekt. Nicole sah ihr absolut nicht ähnlich; niemand würde vermuten, dass sie verwandt sein könnten. Karin von Heyberg war groß und dünn wie ein Spargel, die Haare waren glatt und streng nach hinten gekämmt, das Gesicht schmal und mit verhärmten Zügen. Nicole war zwar auch dünn, aber das war auch die einzige Gemeinsamkeit. Sie war recht klein, hatte ein rundliches Gesicht, Sommersprossen und dunkelrote Haare, auf die sie sehr stolz war und die sie pflegte, wie sie später mal ihren Erstgeborenen pflegen würde.

Jetzt atmete ihre Mutter schwer und keuchte. »Ich sagte nein. Das kommt überhaupt nicht in Frage, wenn du mir das antust, dann weiß ich nicht, ob ich das überlebe.«

»Du übertreibst, Mama«, sagte Nicole gelangweilt und schlug die Beine übereinander. »Wie immer.« Nicole kannte ihre Mutter seit immerhin achtzehn Jahren; ihr war nichts mehr fremd, und sie regte sich schon lange nicht mehr auf.

Zum ungefähr tausendsten Mal schaute sich Nicole im Arbeitszimmer ihrer Mutter um, das vollgestopft war mit Fachmagazinen, antiken Bibelerstausgaben und anderen geistreichen Büchern; mit Ledersofas und Stichen, auf denen irgendjemand für irgendetwas betete, und mit allerlei anderem Kram, dem sie noch nie etwas abgewinnen konnte. Ihre Mutter war als Theologin hoch angesehen, genauso wie ihr belesener Vater, nur dass der sich nicht der Theologie, sondern der Sprache verschrieben hatte, was ja nicht automatisch schlecht war, aber wer wie Nicole in diesem Haus groß geworden war, dachte anders. Ihre Eltern waren nicht nur grauenhaft intelligent, nein, sie hatten auch ständig Todesangst um ihre Kinder, von denen es insgesamt fünf gab. Nicole und ihre vier Geschwister hatten sich in der Vergangenheit des' Öfteren gefragt, warum ihre Eltern überhaupt Nachwuchs in die Welt gesetzt hatten; ohne wäre es ihnen mit Sicherheit bessergegangen. Nicole konnte sich nicht erinnern, dass auch nur ein Tag vergangen war, an dem ihnen nicht etwas verboten wurde. Die Eltern hielten die Welt nicht für einen Planeten, sondern für einen dubiosen Ort, an dem es vor Abschaum und Gefahren nur so wimmelte. Sie malten sich ununterbrochen aus, wie ihre Kinder ums Leben kommen oder zumindest schwer verletzt werden könnten. Am liebsten, da war sich Nicole sicher, hätten sie sie hier im Haus auch noch festgekettet oder ihnen allen elektronische Fußfesseln angelegt, die immer dann ein Signal abgaben, wenn sich einer von ihnen weiter als dreißig Zentimeter aus dem vorgegebenen Radius entfernte. Aber mit solchen weltlichen Dingen gaben sich ihre Eltern nicht ab. Lieber saßen sie abends mit ihren Leselampen vor ihren Büchern und sinnierten darüber, wie man der Welt den Glauben oder die schöne Sprache nahebringen könnte. Dasselbe hatten sie von ihrem Nachwuchs erwartet, aber der hatte sich immer gesträubt. Ihre jüngere Schwester Nele war bereits mit siebzehn ins Ausland gegangen, um dort eine Hotelfachschule zu besuchen. Es gab damals schon Diskussionen und Selbstmordandrohungen der Mutter, und auch der Vater war beinahe durchgedreht und hatte mal wieder einen seiner mysteriösen Asthmaanfälle bekommen, die immer dann auftauchten, wenn etwas nicht nach seinem Kopf ging. Aber Nele hatte sich durchgesetzt. Und – das erzählte sie jedem – ihr ging es noch nie so gut wie seit dem Auszug von zu Hause. Die anderen, älteren Geschwister sagten im Übrigen das Gleiche.

Nicole war die Vorletzte der fünf, die noch hier wohnte. Außer ihr war noch der Jüngste, Felix, da.

Aber für Nicole war auch das glücklicherweise bald vorbei. Das Abi war bestanden, und zusammen mit ihren besten Freundinnen Julia, Kim und Saskia würde sie sich ab morgen ernsthaft auf die Suche nach einer Wohnung machen! Die vier hatten das schon lange vor, aber Nicole hielt es für besser, bis nach den Prüfungen zu warten, um sich selbst und auch ihre Eltern nicht unnötig zu stressen. Doch nun war der Zeitpunkt gekommen. Es war Mai, es war warm, und es gab keinen Grund, noch länger zu warten. In der Vergangenheit hatten sie sich schon eine ganze Menge Wohnungen angesehen, aber nur mal so, um zu schauen, was gerade so frei war. Berauschend war es nicht gewesen, aber jetzt wollten sie richtig loslegen. Es musste einfach klappen.

»Das ist viel zu gefährlich«, regte ihre Mutter sich auf und lief blutrot an. Nicole hatte sich schon immer gefragt, wie sie das auf Knopfdruck hinbekam. Sobald ihr etwas nicht passte, wurde das Gesicht rot wie eine Tomate, und dann kam der Spruch: »Mein Herz, mein Herz! Lange wird es das nicht mehr mitmachen.« Wenn man sich auf etwas verlassen konnte, dann darauf.

»Mein Herz macht das nicht mehr lange mit«, kam es auch prompt, Karin ließ die Tischkante los und griff sich an den Hals, obwohl sich das Herz da gar nicht befand.

Nicole stand auf und bereute es mal wieder, so klein zu sein. Noch nicht mal eins sechzig. Wäre sie größer gewesen, dann hätte ihre Mutter vielleicht mehr Respekt vor ihr. Aber das konnte sie jetzt auf die Schnelle auch nicht ändern, es sei denn, hier würden zufällig Stelzen herumstehen. »Erstens mal ist eine eigene Wohnung nicht gefährlich, zweitens bin ich achtzehn, und drittens kann ich schon sehr gut auf mich selbst aufpassen.«

Karin lachte hysterisch auf. »Das denkst du! Du hast doch überhaupt keine Ahnung, wie es da draußen zugeht!« Sie betonte die Worte »da draußen« so, als ob es in Hamburg vor Massenmördern und Psychopathen nur so wimmelte; als ob die nichts Besseres zu tun hätten, als gerade auf Nicole zu warten. Als hätten sie sich vor dem Haus schon zusammengerottet und würden ungeduldig und mit Messern und Kleinkaliberpistolen herumhüpfen, bis sie endlich, endlich rauskam und sie sie endlich, endlich zerstückeln oder erschießen konnten. Nicole konnte es nicht mehr hören; sie hatte diese Überangst und diese permanenten Verbote so satt, dass sie es ihrer Mutter am liebsten ins Gesicht geschrien hätte.

Jetzt versuchte Karin eine andere Masche: »Das ist also der Dank für alles, was wir für dich getan haben«, sagte sie mit heiserer Stimme. »Der Dank dafür, dass wir dich großgezogen und du wohlbehütet in diesem Haus aufgewachsen bist.«

»Wohlbehütet stimmt nicht ganz. Eher überbehütet«, konterte Nicole. »Hör jetzt auf, Mama. Die Zeiten sind vorbei. Ich bin erwachsen. Und ich freu mich darauf, dass jetzt alles anders wird. Endlich.« Sie verließ das Arbeitszimmer, und Karin von Heyberg sah ihr fassungslos nach. Es schien, als wäre ihr bewusst geworden, dass sie verloren hatte. Aber sie wollte nicht aufgeben. Sie würde später mit ihrem Mann darüber sprechen. Vielleicht würde dem ja noch etwas einfallen.

»Ich hab's ihr gesagt. Endlich.« Nicole lag auf ihrem Bett und streckte sich.

»Und?«, wollte Saskia wissen. »Lass mich raten, sie ist wieder rot geworden, und dann warst du plötzlich undankbar.«

»Korrekt.«

Saskia kicherte und ahmte die Stimme von Karin von Heyberg nach: »Die Welt ist doch so böse und so schlecht, du wirst keinen Tag überleben. Nur hier bist du sicher. Mannomann, kapiert die eigentlich nicht, dass es ganz normal ist, dass man älter wird? Ich glaub, ihr wäre es lieber gewesen, du hättest ewig Windeln angehabt oder so.«

»Jedenfalls ist es jetzt raus«, sagte Nicole erleichtert. »Ich bin so froh, du glaubst es nicht.«

»Doch. Glaub ich.«

»Wie hat deine Mutter reagiert?«, fragte Nicole die Freundin gespannt.

»Eigentlich ganz cool. Ich hab's ja lange vorher schon angekündigt, dass ich irgendwann nach dem Abi ausziehe. Vielleicht hat sie nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde, und ist traurig. Aber sie lässt sich nichts anmerken. Ein bisschen leid tut sie mir schon, weil sie dann ganz alleine ist, andererseits bin ich ja nicht aus der Welt.«

»Das wissen wir ja noch nicht. Kommt drauf an, wo wir eine Wohnung finden.«

»Na ja, klar. Aber wir werden in Hamburg bleiben.«

»Hamburg ist groß.«

»Das weiß ich auch, du Hirn. Aber es gibt öffentliche Verkehrsmittel. Und Fahrräder. Ich weiß, da kannst du nicht mitreden, du durftest nie mit dem Bus oder dem Rad fahren.« Saskia kicherte.

»Blöde Kuh«, sagte Nicole. »Also, morgen um zwei bei der Wohnungsbesichtigung?«

»Yep. Was machst du heute noch?«

»Ich habe noch eine großartige Aufgabe vor mir. Das mit dem Auszug war ja nur die erste.«

»Was denn noch?«

»Die Polizeischule ...«, sagte Nicole langgezogen. »Ich war allein zu Haus, als die Eingangsbestätigung meiner Bewerbung kam, sonst hätte meine Mutter den Brief bestimmt schon aufgemacht. Aber sagen muss ich's ihnen. Ich warte aber, bis der Mann der großen Worte zu Hause ist.« Damit meinte sie ihren Vater. Die Kinder hatten ihn immer so genannt.

»Das wird bestimmt lustig.«

»Ich freu mich schon drauf. Also, bis morgen.«

»Bis morgen. Ich denk an dich.«

»Das ist lieb.«

Nicole legte das Telefon zur Seite und starrte an die Decke. Jetzt müsste ihr Vater gleich heimkommen. Er hatte den ersten Schock zu verdauen, dass sie ausziehen würde. Und beide, ihre Mutter und ihr Vater, würden sie fassungslos anstarren, wenn sie ihnen erzählte, dass sie sich bei der Hamburger Polizeischule beworben hatte. Sie stand erst auf, als sie den Schlüssel in der Haustür hörte.

Es musste erledigt werden. Also los. Schließlich wartete das Leben auf sie!

»Ich muss mit euch reden.« Nicole nahm sich eine Scheibe Brot.

»Was gibt es denn dazu noch zu sagen?«, fragte ihre Mutter, die sich in eine Hysterie hineingesteigert hatte. Karin hatte sogar im Internet gesurft und mehrere Seiten ausgedruckt, die sie ihr vor die Nase pfefferte.

»Da siehst du's. Hamburg ist sehr wohl gefährlich für ein junges Ding wie dich. Es gibt Schießereien, und Massenmörder laufen hier herum.«

»Wir wollen ja nicht auf den Kiez ziehen.«

»Auch Serienkiller haben Beine«, klagte Karin und schluckte eine Baldriankapsel. »Die finden auch den Weg in andere Stadtteile. Und ehe man sich umgucken kann, wird einem die Kehle durchgeschnitten. Oder du endest unter einer Brücke, weil du das Opfer der Organmafia geworden bist, die deine Nieren für viel Geld weiterverkaufen, nachdem sie dich ohnmächtig gemacht und dann einfach nach der Entnahme liegengelassen haben! Willst du das, Nicole? Hier!« Sie deutete auf einen ausgedruckten Artikel. »Da steht's. Das kann jedem passieren. Auch dir. Die nähen einen noch nicht mal richtig zu danach. Das kann sich entzünden und was weiß ich. Ich sehe mich schon mit Papa jeden Abend die Brücken absuchen.«

»Ach, Mama«, sagte Nicole und verdrehte genervt die Augen.

»Hast du's gut«, hatte ihr Bruder Felix nach Nicoles Verkündung, ausziehen zu wollen, gesagt. Er war gerade zwölf Jahre alt geworden und würde hier noch ein bisschen festsitzen. »Ich muss noch fast zweitausendeinhundertneunzig Tage warten, bis ich achtzehn bin.« Dann hatte er plötzlich einen Geistesblitz. »Ich könnte doch mit dir ausziehen. Das wäre doch toll.«

»Ich glaube nicht, dass das geht.« Nicole hatte Felix gut verstehen können. »Aber Mama würde sich einen Strick nehmen, wenn wir das auch nur im Spaß sagen würden. Und das weißt du ganz genau.«

Nicole liebte ihren kleinen Bruder. Und sie hätte ihn zu gern mitgenommen. Schon als Felix auf die Welt kam, hatte sie sich am meisten von allen um ihn gekümmert, und Felix war total auf Nicole fixiert. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. Ihre Mutter war mit dem Jüngsten völlig überfordert. Felix war nämlich ein kleiner Unglücksvogel, stürzte ständig mit dem Skateboard oder stand immer grundsätzlich da, wo gerade ein morscher Schuppen zusammenbrach, und er kam permanent mit Schrammen, aufgeschlagenen Knien und Ellbogen oder einem fast gespaltenen Schädel nach Hause, was er gar nicht schlimm fand, Karin von Heyberg allerdings beinahe zugrunde gehen ließ.

»Ja, ich weiß.« Felix hatte ein wenig Einsicht gezeigt. »Aber doof ist es trotzdem.«

Jetzt saß man also am Abendbrottisch, und Nicole hatte beschlossen, alles in einem Aufwasch zu erledigen.

»Es geht nicht darum, dass ich ausziehe«, sagte sie. »Es geht um meine Ausbildung.«

Der Vater sah sie an. Dieter von Heyberg war ein in sich gekehrter Mann, der für seine Bücher lebte und sich eigentlich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Nur wenn eins der Kinder ein Lexikon aus dem Regal genommen und es nicht wieder korrekt einsortiert hatte, konnte er explodieren. Wie seine Frau war er ein sehr ängstlicher Mensch, der das Haus am liebsten überhaupt nicht verließ, weil ja immerhin die theoretische Möglichkeit bestand, dass ein Meteorit vor ihm auf dem Gehweg einschlug oder die Verladeklappen einer über ihm fliegenden Passagiermaschine sich öffneten und er von Koffern und Reisetaschen erschlagen werden könnte. Er dankte Gott dafür, dass er von zu Hause aus arbeiten konnte, und kam manchmal tagelang nicht an die frische Luft, weil er auch vor dem Garten Angst hatte. Was, wenn er plötzlich vor dem Zierteich einen Herzanfall bekäme und kopfüber hineinstürzte? Oder eine Amsel einfach so durchdrehen und ihm die Augen aushacken würde? Eben.

»Ich mach es kurz«, ließ Nicole ihre Eltern wissen und nahm sich betont gelangweilt eine Scheibe Aufschnitt. »Ich habe mich bei der Polizeischule beworben.«

Dieter glotzte sie an, als sei sie ein deformiertes Gürteltier. Karin stellte ihr Wasserglas so heftig ab, dass es überschwappte. Sie waren sprachlos.

»Cool«, ließ Felix die Schwester aufgeregt wissen. »Wenn ich dann später mal besoffen Auto fahre und du mich anhältst, muss ich mir ja keine Sorgen machen.«

Kapitel 2

»Das ist ja entsetzlich«, flüsterte Kim den anderen zu. »Das sind ja viel mehr als beim letzten Mal. Das sind ja mindestens hundert Leute.«

»Ich hab sie gezählt, es sind hundertzwei«, flüsterte Julia zurück. Sie standen mit Saskia und Nicole vor dem Altbau, in dem eine Fünf-Zimmer-Wohnung frei war, und wenn man dem Inserat glauben durfte, war diese Wohnung sozusagen maßgeschneidert für die vier. Jede von ihnen hätte ein eigenes Zimmer, gemeinsam würden sie das fünfte als Wohnzimmer benutzen, es gab ein großes Bad mit Wanne und zwei Klos. Perfekt. Auch der Preis war okay. Tausendvierhundert Euro, das waren dreihundertfünfzig pro Person; sie hatten alles genau ausgerechnet, es würde hinhauen. Aber noch nie waren derart viele Leute auf einem Besichtigungstermin gewesen, und sie hatten sich schon viele Wohnungen angeschaut. Grauenhafte Wohnungen mit versifften Küchen, verpilzten Badezimmern und Teppichböden, die so aussahen, als wären auf ihnen Leichen verwest. Die schlimmsten Inserate, das hatten sie gelernt, waren die, in denen entweder stand: »Interessanter Grundriss« oder »Für Hobbybastler bestens geeignet«. Bei Ersterem konnte es gut möglich sein, dass die Eingangstür sich vor der Waschküche oder im Heizungskeller befand, oder dass man erst einmal komplett durch alle Räume latschen musste, um ins Bad zu kommen. Oder es gab keine Türen, warum auch immer, oder die Küche war gleichzeitig das Bad und der Flur ein Gruppenraum der Anonymen Alkoholiker, was sich mal so ergeben hatte und dann immer so geblieben war. Eine der Wohnungen hatte sogar noch ein Etagenklo im Treppenhaus, das zum letzten Mal im achtzehnten Jahrhundert geputzt worden war. Und das Zweite bedeutete, dass die Wohnung erst mal kernsaniert werden musste, bevor man ohne Gefahr für Leib und Leben darin hausen konnte. Dann die Vermieter! In höchsten Tönen schwärmten sie von ihren grandiosen Wohnungen und behaupteten, wenn man sie nicht nähme, würde man den größten Fehler seines Lebens machen. Sie sagten das so, als würde man für den Rest seiner Tage in eine psychotische Schockstarre fallen und nichts mehr von seiner Umwelt mitbekommen, wenn man diese Wohnung nicht nähme. Einer sagte immer: »Ach, da muss man großzügig sein.« Fragte man beispielsweise, warum die Wohnungstür so verzogen war, dass sie sich nicht richtig schließen ließ: »Ach, da muss man großzügig sein.«

»Aha. Und diese offen liegenden Kabel da an der Wand?«

»Ach, da muss man großzügig sein.«

Mindestens fünfzehn Wohnungen hatten sie sich mittlerweile angeschaut, aber keine war dabei, von der sie auch nur ansatzweise begeistert gewesen wären. Aber sie gaben nicht auf. Es musste doch irgendwann klappen. Das Haus, vor dem sie nun standen, war 1902 erbaut worden und wirkte von außen sehr gepflegt. Die zu vermietende Wohnung befand sich im Erdgeschoss, und dazu gehörte auch noch ein schöner Garten.

»Da kommt der Besitzer«, raunte die Menge, als hätten sie lange Jahre darauf gewartet, endlich mal Kaiser Wilhelm persönlich kennenzulernen oder Cäsar, der vorgeschlagen hatte, ein Glas Wein zusammen zu trinken.

Saskia war die Größte der vier und stellte sich auf die Zehenspitzen. Sie wurde Püppi genannt, was nicht auf ihre Größe zurückzuführen war, weil das ja unsinnig gewesen wäre, sondern erstens, weil sie mit Nachnamen Pupp hieß, und zweitens, weil sie so perfekt aussah wie eine schöne Puppe. Es fehlte nur noch, dass sie Rüschenkleider trug.

»Wie sieht er aus?«, wollte Julia wissen. »Sympathisch oder nicht? Jetzt sag schon ...« Sie trippelte hin und her und kniff Saskia in die Seite. »Bitte sag, dass er sympathisch ist und dass du ihn um den Finger wickeln wirst. Sag schon.«

Saskia grinste. »Sympathisch schon, aber um den Finger wickeln eher nicht. Der Mann ist ungefähr neunzig Jahre alt.«

»Dann ist es vielleicht gar nicht der Besitzer«, stellte Kim fest. »Sondern lediglich ein Passant. Oder es ist ein armer, alter Mann, der sich verlaufen hat, der auf ärztliche Hilfe angewiesen ist, der dringend seine Tropfen braucht. So was darf man nicht unterschätzen. Alte Leute müssen nämlich sehr oft zum ...«

»Kim! Kannst du jetzt mal die Klappe halten?« Nicole verdrehte die Augen. »Du Gutmensch! Nein, du wirst jetzt nicht hingehen und den Mann fragen, ob er Tropfen braucht.«

»Es ist offenbar tatsächlich der Hausbesitzer«, kam es von Saskia, die immer noch Ausschau hielt. »Er ist nämlich stehen geblieben und hat einen Schlüssel rausgeholt.«

»Zittern seine Hände?«, fragte Kim. »Vielleicht ist höchste Gefahr im Verzug, und er wollte keinen Schlüssel rausholen, sondern seine Medikamente.«

»Kim!«, riefen die anderen drei.

»Ist ja schon gut«, sagte Kim. »Ich wollte nur freundlich sein.« Beleidigt verschränkte sie die Arme.

»Du wirst dich nie ändern«, stellte Nicole fest. »Du bist und bleibst ein hoffnungsloser Fall. Zu gut für diese Welt, viel zu romantisch und viel zu unrealistisch. Allein die Geschichte mit der Hochzeit ... wie bei diesem alten tschechischen Film, wie hieß der nochmal? Den, den du dir ständig auf DVD reinziehst?«

»Drei Nüsse für Aschenbrödel.« Kim war leicht angesäuert. »Ich mag den Film. Es ist so schön, wie die beiden am Schluss durch den Schnee reiten, und dieses herrliche Brautkleid, das sie trägt. Es ist ...«

»Ich glaub, es geht los«, unterbrach Saskia Kims Ausführungen. »Die Leute bewegen sich. Kommt schon.«

Sie walzten sich mit der Menge in Richtung Eingangstür. »Bitte immer nur zwölf Personen!«, rief irgendjemand in die Masse. »Sonst wird das zu viel.«

»Und wir sind natürlich die Letzten«, sagte Nicole. »Warum sind wir nicht eher gekommen? Das wird doch nie was. Da können wir auch gleich wieder gehen.«

»Maul nicht rum«, wies Julia sie zurecht. »Jetzt sind wir hergekommen, und jetzt bleiben wir auch, bis wir dran sind. SOOO lange wird das auch nicht dauern.«

»Wer nicht wagt, der nicht gewinnt«, sagte Saskia und hob den Zeigefinger.

Kim nickte aufgeregt.

»Und das ist der Garten. Schauen Sie sich ruhig in Ruhe um. Er ist noch in seiner Ursprungsform erhalten. Die Mutter vom Herrn Professor Haselmaus liebte Rosen, wie man sieht. Rosen, Rosen, überall mussten Rosen sein. Hahaha! Na ja, ich lass Sie mal kurz allein, und dann möchte Herr Professor Haselmaus noch kurz mit Ihnen sprechen. Der Herr Professor Haselmaus möchte nämlich alle Interessenten persönlich kennenlernen, das ist dem Professor Haselmaus total wichtig. Nur so kann der Professor Haselmaus sich ein genaues Bild machen. Ist der Garten nicht schön? Er ist der ganze Stolz vom Herrn Professor Haselmaus, es ist nämlich so, dass ...«

»Sie sind so reizend«, unterbrach Saskia den Hausverwalter, der vorhin zur Meute meinte, dass immer nur zwölf Personen ins Haus sollten. Sie strahlte ihn mit ihrem schönsten Lächeln an, und Herr Rümpler wurde sofort rot, was kein Wunder war. Wenn Saskia, beziehungsweise Püppi, einen Mann anstrahlte, konnte man für nichts garantieren. Sie war in der Tat so schön, dass es beinahe eine Unverschämtheit war. Ihre hellbraunen Haare waren leicht gelockt, ihre Augen eisblau, ihr Gesicht einfach perfekt, genau wie der Rest der Erscheinung. Saskia wusste, dass sie wundervoll aussah, aber sie ließ es nicht raushängen. Sie war schon von einigen Modelscouts angesprochen worden, aber sie interessierte sich nicht für »diesen komischen Kram«, wie sie es immer nannte.

»Wir freuen uns total drauf, Herrn Professor Haselmaus gleich kennenzulernen, aber erst mal ist es doch total wichtig, was Sie von uns halten, Herr Rümpler.«

Herr Rümpler räusperte sich. »Ach, also ... ich ... was ich von Ihnen halte?«

»ja, sicher«, sagte Saskia und lachte so, dass sich an ihren Wangen Grübchen bildeten. Dann riss sie ihre blauen Augen weit auf und schaute Herrn Rümpler an, als würde ihr komplettes Glück von ihm abhängen.

Herr Rümpler wurde rot und wand sich wie ein Aal. »Ich halte natürlich sehr viel von Ihnen«, bekam Saskia dann erklärt. Die anderen wurden von ihm überhaupt nicht beachtet.

»Das freut mich so sehr, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr«, gurrte Saskia weiter. »Sie sehen so müde aus, Herr Rümpler. Das war sicher ein anstrengender Tag für Sie. Ich bewundere dieses Geschick, so wunderbar mit Menschen umgehen zu können.«

»Oh, danke«, sagte Herr Rümpler verlegen und zupfte an seiner Krawatte herum, auf der sich kleine Elefanten tummelten. Sie küssten sich, und über den Rüsseln stiegen kleine Herzchen auf.

»Wissen Sie, was ich an Ihnen besonders sympathisch finde?« Saskia kam in Fahrt.

»Was denn?«, krächzte Herr Rümpler.

»Dass Sie uns explizit auf diese wunderschönen Rosen hingewiesen haben. Und darauf, dass die Mutter von Herrn Professor Haselmaus sie so liebte. Das nenne ich einen guten Charakter. Anderen Hausverwaltern wären die Rosen doch ganz egal.«

»Na ja ...« Nun knackte Herr Rümpler mit seinen Fingergelenken herum. »Das hätte doch jeder gemacht.«

Saskia kam einen Schritt näher. »Eben nicht«, sagte sie leise. »Obwohl ich noch sehr jung bin, hab ich eine gute Menschenkenntnis. Und ich weiß, dass Sie ein guter, ein ehrlicher Mann sind. Ihre Frau kann sich glücklich schätzen, dass Sie sie geheiratet haben. Bestimmt sind Sie ein fürsorglicher Ehemann, bringen ihr Blumen zum Hochzeitstag mit und überraschen sie auch so mal außer der Reihe. Stimmt's oder hab ich recht?«

Herr Rümpler wand sich wie ein Aal. »Ähem, ähem«, machte er andauernd und sagte dann: »Es ist nicht ganz so. Ich lebe in Scheidung ... meine ... also meine Frau hat mich verlassen, weil sie herausgefunden hat ... dass ich .... ja also, dass ich sie mit meiner Assistentin betrogen habe.« Er straffte seine Körperhaltung. »Also, meine Damen, schauen Sie sich den Garten in Ruhe an. Der Herr Professor Haselmaus steht dahinten. Bis gleich dann.« Er stiefelte über den Rasen davon.

Kapitel 3

Ungefähr eine Minute schwiegen alle.

»Super«, sagte Julia dann. »Gratulation, Püppi. Super.«

»Das war's. Wir können gleich gehen«, meinte Kim traurig.

»Du gehörst geschlagen«, war Nicoles Ansicht. »Ich fange gern an.«

Saskia war blass. »Das tut mir so leid. O Mann, tut mir das leid. Ehrlich jetzt. Ich wollte doch nur, dass er bei diesem Professor ein gutes Wort für uns einlegt.«

»Der hat dich doch total durchschaut. Der ist ja auch nicht von gestern«, war Julias Meinung. »Er wird uns ganz bestimmt nicht vorschlagen.«

»Aber ich hab doch gar nichts Schlimmes gemacht«, versuchte Saskia sich zu rechtfertigen.

»Doch. Er denkt, du bist total blöd. Menschenkenntnis ... na super. Tja, die Wohnung wär's gewesen, da sind wir uns wohl einig.« Nicole schüttelte den Kopf. »Wir gehen trotzdem nochmal zu diesem Professor Haselmaus. Vielleicht hat er ja schon wieder vergessen, was Herr Rümpler ihm von uns erzählt hat. Und vergesst bloß nicht, dass wir Rosen alle miteinander toll finden. Aber so was von toll. Los!«

»Der Garten ist wirklich herrlich«, meinte Kim. »Da könnten wir schön im Sommer drin sitzen. Oder?«

»Ja, Kim, das hat ein Garten an sich, dass man darin sitzen kann.« Julia war genervt. »Und bestimmt wird auch extra für dich eine efeuumrankte Schaukel angebracht, auf der du hocken und auf deinen Prinzen mit der Krone warten kannst. Herrje.«

»Jetzt nicht noch streiten, lasst uns jetzt lieber retten, was zu retten ist«, schlug Nicole vor. »Da drüben steht der Professor. Los jetzt.«

»Ach, ach, ach, die Jugend, wie schön!«, wurden sie von Professor Haselmaus begrüßt, der permanent mit dem Kopf wackelte und einen etwas zu großen Anzug mit Einstecktuch trug. »So jung war ich auch mal, ist lange her, aber ich weiß es noch wie heute. Neunzehnhundertzwanzig bin ich auf die Welt gekommen, ha!, das weiß ich natürlich nicht mehr, aber an meine Jugend erinnere ich mich noch gut. Hier in diesem Garten hab ich im Kirschbaum gesessen, damals hatte ich noch ein Baumhaus, wo ist das eigentlich abgeblieben? Da drüben, da war kein Rasen, da waren Beete, da hatte meine Mutter Salat und Kartoffeln und ach was weiß denn ich noch alles angepflanzt. Dahinten, da waren die Himbeer- und die Johannisbeerbüsche. Da hab ich immer den Hintern voll gekriegt, wenn ich was stibitzt habe.«

Saskia strahlte wie üblich und sagte: »Das muss herrlich gewesen sein.«

Irritiert wurde sie von Herrn Professor Haselmaus gemustert: »Obacht, junge Frau. Wie können Sie denn sagen, dass es herrlich ist, den Hintern voll zu kriegen?«

Kim, Julia und Nicole starrten Saskia drohend an. Die wurde knallrot und beschloss, erst mal gar nichts mehr zu sagen.

»Mit herrlich meinte meine Freundin Ihre Jugenderlebnisse«, versuchte Julia die Kurve zu kriegen, und nun strahlte sie, was aber eher wie eine Grimasse wirkte, weil sie unglaublich angespannt war und Saskia am liebsten geschüttelt hätte. »Früher war doch bestimmt alles besser.«

Wie redete sie nur? Wie eine Siebzigjährige. Die anderen starrten sie an. Herrje, aber einer musste doch diesen Professor bespaßen. Nicht dass der sich umdrehte und zu den hundertzwei anderen Leuten ging. Dieser Hausverwalter, Herr Rümpler, stand lauernd bereit. Der hatte ja auch schon sein Fett weg von wegen treusorgendem Ehemann.

»Wer kümmert sich eigentlich um diese wunderschönen Rosen?«, fragte Julia.

»Das würde ich ja so gern selbst machen!«, rief Professor Haselmaus. »Aber meine Gicht schränkt mich ein. Früher hab ich alles gemacht, jetzt geht das nicht mehr. Aber was muss, das muss, nicht wahr?«

»Aber lieber Professor Haselmaus!« Julia war nun in Fahrt. »Das würden wir liebend gern übernehmen. Wir alle sind mit großen Gärten aufgewachsen und mussten immer helfen. Gerade im Herbst ... das ganze Laub!«

»Ein Kreuz, das Laub, ein Kreuz.« Der Professor nickte leidend. »Mein Sohn hat mir zum Geburtstag eine Laubaufsaugmaschine für meinen eigenen Garten geschenkt, aber ich komme damit nicht klar. Das Ding macht mit mir, was es will.«

»Wir lieben Laubaufsaugmaschinen«, sagte Julia euphorisch, während die anderen geschockt auf weitere Ausführungen von ihr warteten.

Nur Saskia wirkte eher erleichtert, weil sie jetzt nicht mehr diejenige war, die Mist baute.

»Das freut mich zu hören«, nickte Professor Haselmaus.

In dem Moment kam Herr Rümpler angelaufen, um ihn mit sich fortzuziehen.

»Das wird ja immer schöner.« Nicole verdrehte die Augen. »Seit wann lieben wir Gartenarbeit und Laubaufsaugmaschinen, mal ganz davon abgesehen, dass ich so ein Ding noch nie in der Hand hatte?«

»Je mehr wir diesem Herrn Haselmaus versichern, dass wir das alles ganz toll finden und auch bereit sind, viel zu tun, desto eher besteht die Chance, dass wir die Wohnung kriegen.«

»Möchtest du auch aufs Dach steigen und Ziegel austauschen, und willst du, dass ich mit meiner Höhenangst den Schornstein reinige?«, wollte Nicole sarkastisch wissen.

»Es geht doch nur um den Garten«, rechtfertigte sich Julia.

»Ja, klar. Kleiner Finger, ganze Hand. Ich seh uns schon Bäder kacheln und Parkettböden verlegen, weil wir das so gerne machen, und für die Elektrik sind wir auch zuständig. Natürlich entkernen wir auch das ganze Haus, wenn es sein muss, und das sogar gern. Hör bloß auf, noch mehr von dem Kram zu labern, sonst dreh ich durch.«

»Dann mach's doch besser. Du hast ja noch gar nichts gesagt.«

»Das ist vielleicht auch das einzig Vernünftige.«

»Hört auf zu streiten. Wenn die das hören.« Saskia schaute aufgeregt zu Herrn Rümpler, der mit dem Professor und einem elegant gekleideten Pärchen dastand und diskutierte. Man konnte nur die Frau verstehen, die total aufgetakelt war und dauernd rief: »Entzückend! So entzückend! Himmel, ist das entzückend! Nein, wie entzückend ist das denn?« Sie trug ein viel zu enges Kostüm und einen überdimensionalen Hut, mit dem sie die anderen dauernd anstieß. Auf der Trabrennbahn wäre sie besser aufgehoben. Während sie rief, warf sie den Kopf in den Nacken und gackerte im Anschluss in einer Stimmlage, dass man Kopfweh bekam. Herr Rümpler versuchte ständig, ihrem Hut auszuweichen, was sich aber als unmöglich erwies.

Ab und an kamen andere Interessenten und fragten den Hausverwalter irgendwelche Sachen, und dann waren alle wieder weg. Nur noch das Paar und die vier standen da.

»Was sollen wir denn jetzt machen?«, fragte Saskia.

»Ihr macht gar nichts«, sagte Julia barsch. »Wir warten einfach ab.«

»Aber dann kriegt die Ziege vielleicht die Wohnung«, warf Saskia ein. »Oder sie köpft den Professor mit ihrem Hut.«

»Entzückend, es ist sooo entzückend!«, kreischte die Aufgetakelte, warf ihren Kopf zurück und trippelte mit ihren Jimmy Choos auf dem Rasen herum, wobei sie Erdstücke herausriss.

Herr Rümpler brüllte: »Aber ja, aber ja! So entzückend!« Und der Mann zwinkerte Herrn Rümpler zu und klopfte ihm auf die Schulter.

»Lasst uns rübergehen, sonst stehen wir hier noch Ewigkeiten«, meinte Kim. »So kommen wir keinen Schritt weiter.«

»Gut«, sagte Nicole, und sie machten sich auf den Weg.

»Da kommt ja die Jugend.« Professor Haselmaus breitete die Arme aus.

»Sie wollten sicher gerade gehen«, meinte Herr Rümpler barsch. »Sie sind sowieso die Letzten.«

»Nein, wir ...«

»Ich melde mich, sobald wir uns entschieden haben«, unterbrach er Julia.

»Aber es ist doch schon entschieden!«, schrie die Behütete und gackerte wieder wie eine verhaltensgestörte Graugans.

»Was?« Herr Rümpler.

»Na, dass wir die Wohnung bekommen.« Die Ziege bückte sich, um einen Erdklumpen von ihrem Schuh zu entfernen. »Schrecklich, dieser Garten«, murmelte sie und fiel fast um. Kim und Saskia glotzten fasziniert auf ihren dicken Hintern und hofften, dass der Stoff reißen würde, was er aber leider nicht tat. »Papa-Bär, das kommt alles weg, oder?« Damit meinte sie ihren Mann, dem das ein bisschen peinlich zu sein schien. Aber er nickte, wurde allerdings rot dabei.

»Mir liegt nichts an diesem Grünzeug, das macht viel zu viel Arbeit«, lamentierte sie weiter. »Und auf Läuse und anderes Ungeziefer kann ich verzichten. Was es da nicht alles gibt. Maulwürfe, Ohrenkriecher, Hornissen und Bremsen. Als Kind bin ich mal mehrfach von einer Bremse gestochen worden, das war kein Spaß. Es heißt ja sogar: Drei Bremsenstiche töten ein Pferd.«

Am liebsten hätte Nicole gesagt: »Dann müssten Sie ja schon längst tot sein«, zwang sich aber, die Klappe zu halten.

Herr Rümpler schaute auf seine Uhr. »Ich muss dann langsam mal los. Es ist ja alles geklärt. Da vorne ist der Ausgang.« Er deutete auf die Gartenpforte.

»Was heißt das?« Saskia hatte kurz überlegt, ob dies eine Frage war, mit der sie wieder viel kaputtmachen konnte, war aber zu dem Schluss gekommen, dass sie unverfänglich war und die anderen ihr das nicht zum Vorwurf machen könnten.

»Das heißt, dass unsere Unterredung beendet ist«, wurden sie alle vier von Herrn Rümpler informiert, der langsam nervös wurde.

Die Hutfrau sagte: »Eure Eltern warten bestimmt schon auf euch. Bald ist es dunkel.« Und dann lachte sie wieder so blöde, dass Nicole ihr am liebsten die Stimmbänder durchtrennt hätte.

»Passen Sie mal besser auf, dass dem kleinen Papa-Bär nichts passiert«, kam es süßsauer von Kim, von der man so etwas gar nicht gewohnt war. Sie war ziemlich schüchtern und redete eigentlich immer nur, wenn sie sich um jemanden sorgte. Dafür wusste sie alles über die neuen Modehighlights der Saison und welcher Promi gerade was trug und warum. Sie fand Verona Pooth unmöglich und Paris Hilton auch, hatte allerdings ein Faible für Carla Bruni und das jeweilige Germany Top Model, wobei sie die flachen Ballerinas von Carla doof und die High Heels der Models super fand. Sie hätte auch wahnsinnig gern Designerkleidung getragen, zumal sie sich das leisten konnte, da ihre Eltern ziemlich viel Kohle hatten, aber die meisten Designer machten ja nur Mode für drei Meter große und zwei Kilo schwere Frauen, und Kim haderte, seit sie denken konnte, mit ihrem Gewicht und war ziemlich pummelig, was ihr aber gut stand, wie die anderen fanden. Kim fand das selbstverständlich nicht.

Herr Rümpler ging gar nicht auf Kims Worte ein. Ihm war offenbar am wichtigsten, dass die vier sich aus dem Staub machten. Aber da mischte sich Professor Haselmaus ein: »Klar ist hier im Moment noch gar nichts«, sagte er. »Letztendlich ist es ja wohl meine Entscheidung, wem ich die Wohnung vermiete.«

»Aber wir hatten doch abgesprochen, dass ich das mache.« Nun wurde der Hausverwalter rot. »Ich hab das ja auch immer gemacht. Sie waren auch jedes Mal zufrieden.«

»Nicht immer, Herr Rümpler, nicht immer. Erinnern Sie sich bitte an diesen Mann, der jahrelang mit Eskimos in Iglus gelebt hat und dem deswegen ständig kalt war. Dieser Forscher, wie hieß er noch? Egal. Ich meine den, der in der Wohnung ein Lagerfeuer machte. Die Brandschutzversicherung hätte damals fast nicht bezahlt, und der Mieter über ihm ist aus dem Fenster gesprungen und hat sich beide Beine gebrochen. Oder diese Frau, die angeblich allergisch gegen Sauerstoff war und die ganze Hausgemeinschaft durcheinandergebracht hat, weil sie alle dazu bringen wollte, nicht mehr zu atmen. Schön war das nicht, Herr Rümpler, schön war das nicht.«

»Aber das Ehepaar Spröttel ist doch ganz anders«, verteidigte Herr Rümpler panisch seine Entscheidung, während das Pferd und Papa-Bär ihn böse anstarrten. »Sie zündeln nicht und haben auch keine Angst vor Sauerstoff«

Nun wurde Professor Haselmaus trotzig. »Woher soll ich das wissen? Das steht nie in diesen Fragebögen, die die Interessenten ausfüllen müssen. Da steht immer das, was einen nicht interessiert.« Er überlegte. »Zum Beispiel, ob sie verheiratet sind oder nicht. Was interessiert mich, ob Leute verheiratet sind oder einfach so zusammenleben, oder auch nicht? In diesen Fragebögen steht nie, ob die Leute eine Altbauwohnung auch wirklich zu schätzen wissen oder ob sie einen grünen Daumen haben. Oder ob sie es gut finden, dass es hier Gasherde gibt.«

»Das tut doch gar nichts zur Sache.« Nun wurde Herr Rümpler pampig.

»Und junge Dinger passen doch gar nicht hierher«, sagte Papa-Bär und schaute die Pferdefrau an.

»Ach, ich bin also alt?«, fragte sie pikiert.

»Aber nein.« Papa-Bär versuchte die Kurve zu kriegen. »Du bist mein Herzschlag, meine Muse.«

»Ich kotze gleich im Strahl«, flüsterte Saskia, himmelte aber dabei Herrn Rümpler an. »Gasherde üben eine wahnsinnige Anziehungskraft auf mich aus«, tschilpte sie los. »Das beruhigende Flackern und die warme Atmosphäre. Ach, es ist mit nichts zu vergleichen.«

»Sicher meinen Sie Kamine«, sagte Herr Rümpler, der nun so rot im Gesicht war, dass er als Kirschtomate durchgehen könnte.

Saskia biss sich mal wieder auf die Lippen und sagte »Äh« und dann gar nichts mehr. Außerdem hatte sie Angst vor ihren zukünftigen Mitbewohnerinnen. Sie sahen so aus, als würden sie am liebsten mit glühenden Schwertern auf sie losgehen.

Herr Rümpler trat einen Schritt nach vorn und glotzte alle Mädels nacheinander böse an. »Ich möchte, dass Sie gehen. Sofort. SOFORT! Der alte Herr kann Aufregung nicht verkraften. Und Sie regen ihn auf. SIE REGEN IHN AUF! Wollen Sie schuld daran sein, dass er einen Herzanfall bekommt und hier im Garten kollabiert? Ja? Ja? Ja?«

»Ich kollabiere nicht, Herr Rümpler«, ließ der Professor ihn wissen. »Ich kollabiere schon lange nicht mehr. Ich rege mich auch schon lange nicht mehr über etwas auf, wahrscheinlich kollabiere ich deswegen nicht, möglich ist es. Ich bin ganz entspannt, Herr Rümpler, so entspannt war ich noch nie.«

»Das merke ich«, sagte der Hausverwalter. »Und ich bin ehrlich: Es irritiert mich. Was ist los mit Ihnen?«

Nun wuchs Professor Haselmaus einige Zentimeter vor lauter Stolz. »Daran ist die SgfJ schuld«, verkündete er so, als habe er gerade erzählt, dass er das mit der Erderwärmung in den Griff bekommen hätte.

»Die SgfJ?«, fragten alle Anwesenden im Chor.

»O ja.« Er bückte sich und zupfte ein wenig Unkraut aus einem der Beete. »Meine Seniorengruppe für Junggebliebene. Wir halten uns gegenseitig auf Trab und geben uns wertvolle Tipps, auf die wir selbst gar nicht kommen würden. Der Herr Waldemann zum Beispiel, der ist, bevor er zu uns gestoßen ist, immer um sieben Uhr abends schlafen gegangen, obwohl er das gar nicht wollte. Und wissen Sie, was wir ihm geraten haben?«

Er schaute beifallheischend in die Runde. Bevor jemand antworten konnte, gab er schon die Antwort: »Wir sagten, Alwin, also, er heißt Alwin mit Vornamen, dann geh doch einfach nicht um sieben ins Bett. Bleib doch länger wach. Und seitdem bleibt Alwin bis in die Puppen wach. Und Frau Rameling mag keine Schwarzwurzeln, sie isst jetzt einfach keine mehr, sondern ist auf Rosenkohl und Porree umgestiegen. Einfach so. Diese Gemüsesorten mag sie. Es war ganz einfach. Sind das nicht unglaubliche Geschichten?«

Papa-Bär, seine Pferdefrau und Herr Rümpler sagten nichts, sondern starrten ihn nur an.

Julia räusperte sich. »Herr Professor«, sagte sie dann. »Warum sind Sie mir nicht früher begegnet? Ich hasse Schwarzwurzeln auch. Genau wie Frau Rameling. Jetzt habe ich die Lösung für dieses grauenhafte Problem gefunden.«

»Dabei ist alles so einfach«, freute sich der Professor. »Sie müssen mal mitkommen in die Gruppe. Wenn Sie eine Stunde bei uns waren, sehen Sie in nichts mehr ein Problem. In gar nichts mehr. Man sollte uns mal in die Politik gehen lassen. Da gäbe es keine Kriege mehr.« Und dann verdrehte Professor Haselmaus die Augen und fiel der Länge nach hintenüber um.

Kapitel 4

»Um Himmels willen«, kreischte die Hutfrau los und fächerte sich mit dem Handrücken Luft zu, obwohl sie sich ja draußen befanden und es auch gar nicht schwül war. »Ist er jetzt tot, Ludwig, ist er jetzt tot?« Sie sah Herrn Rümpler, der also offenbar Ludwig hieß, mit einer Mischung aus Entsetzen und Erleichterung an. »Wie dumm! Dabei ist der Mietvertrag noch nicht mal unterzeichnet.«

»Sie haben ja wohl einen Riss in der Schüssel!« Nicole kniete neben Professor Haselmaus und überlegte verzweifelt, wie das mit der stabilen Seitenlage funktionierte. Sie hatte doch diesen verflixten Erste-Hilfe-Kurs für die Führerscheinprüfung machen müssen, erinnerte sich aber nur noch an eine weiße Puppe, die man beatmen musste, was sie persönlich widerlich fand, weil die Puppe schon von so vielen beatmet worden war. Professor Haselmaus musste auch gar nicht beatmet werden, er röchelte ja noch vor sich hin. Wahrscheinlich war es wieder das Herz. Da nutzte auch die Seniorengruppe nichts.

»Wie können Sie so etwas sagen?«, fuhr Nicole die Pferdefrau nun wieder an, die blöde dastand und auf den Professor glotzte. »Das mit dem Mietvertrag ist doch jetzt so was von egal.«

»Mir nicht.« Sie rückte ihren bekloppten Hut zurecht. »Der Mietvertrag geht vor. Hast du eine Vollmacht, Ludwig?«

»Nein!«, blaffte Herr Rümpler zurück: »Er will immer noch das letzte Wort haben.«

»Ich kann ihn so gut verstehen«, sagte Kim mit einer zuckersüßen Stimme. »So gut:«

»Jetzt holen Sie doch einen Arzt, oder soll ich das machen?«, fragte Nicole.

»Was ist mit dem Mietvertrag?«, fragte Papa-Bär. »Ludwig, du kennst unsere Abmachung.«

»Jetzt nicht«, sagte Ludwig böse. »Später.«

»Nein, jetzt«, widersetzte sich Papa-Bär den Anweisungen. »Du hast fünftausend Euro von mir bekommen.«

»Von mir, um ganz ehrlich zu sein.« Die Pferdefrau.

»Ach, so läuft das.« Nun wurde Nicole alles klar.

»Das geht euch gar nichts an, wie das läuft«, wurde sie von Papa-Bär gemaßregelt.

»Und jetzt raus hier. Weg von diesem Grundstück.« Herr Rümpler machte diese verzweifelten Handbewegungen eines Landwirts, der uneinsichtige und bockige Ziegen in den Stall treiben will.

»Nein.« Eine Stimme erklang vom Boden, und Professor Haselmaus stand ächzend auf. »Ich lasse mich manchmal fallen«, erklärte er. »Früher bin ich oft umgekippt, und ich habe Angst, dass mein Körper das nun schon so gewohnt ist, dass er barsch reagiert, wenn ich es nicht hin und wieder noch tue. Aber mir geht es gut, falls jemand fragen wollte. Ich mache das nur rein vorsorglich. Also ...« Er klopfte sich etwas Erde von der Hose. »Dann wollen wir mal zu mir rübergehen und den Mietvertrag unterschreiben.« Er sah die Pferdefrau freundlich an, die natürlich »Entzückend, entzückend!« brüllte und mit ihrem Hut wackelte.

Saskia blickte traurig auf den Boden. Kim, Nicole und Julia schauten einfach nur entsetzt.

»Da drüben geht's raus«, sagte Professor Haselmaus und deutete auf die Gartenpforte. Die vier trotteten im Gänsemarsch los.

»Nein, nicht Sie«, sagte Professor Haselmaus und sah Papa-Bär und seine Frau an. »Sie meine ich. Nein ...«, wiegelte er den Versuch von Herrn Rümpler zu protestieren ab. »Ich möchte kein Wort mehr hören. Gar nichts.«

»Sie werden schon sehen, was Sie davon haben.« Der Hausverwalter überlegte fieberhaft. »Das wird hier ein Drogenumschlagplatz, und die Miete wird auch nicht gezahlt, das garantiere ich Ihnen. Die werden alles verwüsten, bestimmt besprühen sie die Wände mit diesen Graffiti, wie man das in U-Bahn-Stationen manchmal sieht. Und sie werden bis mittags in den Federn liegen und nie putzen. Bald werden Kakerlaken kommen, und in der Dusche wohnen Silberfische.«

»Sie haben vergessen, dass wir hier ein Bordell aufmachen wollen, Herr Rümpler«, fügte Saskia freundlich hinzu. »Und wir . wollten Kampfhunde züchten, nur so siebzehn, achtzehn. Ach so, und wir haben alle feste Freunde. Meiner kommt aus der Bronx und mag keine weißen Männer. Er schlägt jedem, den er sieht, die Zähne aus. Und der Freund von Nicole muss sich erst noch eingewöhnen. Er war neun Jahre lang wegen sechsfachen Mordes im Gefängnis. Aber nun konnte er flüchten. Jetzt mordet er nicht mehr, sondern ist bei dieser sogenannten Rosenmafia tätig. Sie wissen schon, das sind diese Herren, die gern abends durch die Kneipen laufen und Rosen zu horrenden Preisen verkaufen. Ein lukratives Geschäft. Ach ja, der Freund von Kim, Bronko, kommt aus dem Baltikum und schmuggelt Bärenfelle. Dafür geht er über Leichen. Vergessen Sie das alles bitte nicht, Herr Rümpler.«

»Sehen Sie!«, rief Professor Haselmaus erfreut. »So etwas sollte in den Fragebögen stehen. So etwas ist doch interessant. So lernt man doch etwas über seine neuen Mieter. Und nun kommen Sie.«

Die vier folgten ihm durch den Garten, und die Pferdefrau und Papa-Bär blieben wütend stehen und wünschten sich, der Professor würde nochmal umfallen, aber diesmal für immer.

Dann fing die Hutfrau an, auf ihren Mann einzuschimpfen, der zusehends kleiner wurde. »Ich werde nie, NIE geeignete Räume für meine Schrei- und Aggressionsabbauseminare finden«, keifte sie herum. »Dabei hat Ludwig gesagt, das sei alles kein Problem, und er hat es im Griff. Nichts hat er im Griff. Gar nichts.«

»Hör auf zu schreien«, sagte Papa-Bär resigniert. »Was sollen denn die Nachbarn denken?«

»Hereinspaziert«, sagte Professor Haselmaus fröhlich. »Hier, ich habe Gästehausschuhe, clever, was? Dann muss der Flurboden nicht so oft gefeudelt werden. Meine Frau hat es nämlich im Rücken. Aber sie klagt nicht, sondern sagt, es könnte auch schlimmer kommen. Gehen Sie ins Wohnzimmer. Meine Frau hat Kuchen gebacken. Lecker, lecker. Dort entlang.«

Sie liefen über einen langen Flur, der mit Teppichboden ausgelegt war, und Saskia fragte sich, warum man den Teppich feudeln musste, verzichtete aber darauf, zu fragen. Erst musste dieser Vertrag unter Dach und Fach sein, dann konnte man immer noch Fragen stellen. Das fehlte noch, dass sie in letzter Minute alles zunichtemachen würde. Man würde sie teeren, federn und vierteilen und womöglich danach ihren Kopf abtrennen und als Warnhinweis aufspießen und an einer Brücke längs der Elbe befestigen, so wie man das damals angeblich mit Störtebeker gemacht hatte. Und trotz allem, was war: So wollte sie nicht enden.

Schließlich betraten sie ein geräumiges Wohnzimmer. Die Wände schmückten unzählige Gemälde, von der Decke hing ein Kristalllüster, und am Fenster saß eine filigrane alte Dame in einem Rokokostühlchen an einem Rokokotischchen und strahlte sie an. Sie hatte schlohweiße Haare, wog geschätzte vierzig Kilo und trug ein sandfarbenes Seidenkostüm und haufenweise Perlenketten, die sehr schwer zu sein schienen; die Dame hatte Mühe, aufrecht zu sitzen.

»Das sind unsere neuen Mieter, Dorothea«, sagte Professor Haselmaus und ging auf seine Frau zu, um ihr übers Haar zu streichen. »Es sind vier.«

»Was?«, fragte Dorothea.

»Nehmen Sie doch Platz.« Der Professor deutete auf weitere Stühlchen.

Julia zögerte. Sie hatte Angst, dass die Puppenstühle einfach so zerbrechen könnten. Vorsichtig setzten sich alle. Die Stühle brachen nicht. Der Professor eilte in die Küche und kam mit einem riesigen Tablett zurück, auf dem sich vier komplette Kuchen und Torten, Tassen und eine Kanne befanden. Dorothea saß einfach nur da und begutachtete den Besuch.

»Trinken Sie Tee?«, fragte er, und alle nickten. »Kaffee verträgt Dorothea nämlich nicht. Der Magen.« Den letzten Satz sagte er sehr leise. Er beugte sich zu Saskia vor und schüttelte leicht den Kopf. »Aber sie will davon nichts hören. Also sage ich, dass ich es mit dem Magen hätte. Verstehen Sie?«

»Sicher.« Saskia nickte. »Das muss schlimm sein. Ich ...«

»Saskia«, sagte Nicole mit einem drohenden Unterton. »Möchtest du keinen Tee?«

»Doch, natürlich«, sagte Saskia schnell und nickte noch einmal.

Der Professor goss Tee in die Tassen. »Ist das nicht ein schöner Tag?«, fragte er zufrieden. »Ich bin sehr zufrieden mit meiner Wahl. Nicht wahr, Dorothea?«

»Was?«, fragte seine Frau und deutete auf die Mädels.

»Die neuen Mieterinnen«, wiederholte ihr Mann. »Nun frohlocke, Dorothea, frohlocke.«

»Was?«

»Neue Mieterinnen. Fürs Mietshaus. Die Schmidts sind doch ausgezogen. Und jetzt zieht wieder jemand ein.«

»Was?«

»Na, diese jungen Damen hier.«

»Was?«

Er schüttelte wieder den Kopf. »Probieren Sie doch bitte die Backwaren. Der Marmorkuchen meiner Frau ist eine Wucht. Ihre Schwarzwälder Kirschtorte auch. Da hätten wir auch noch eine Mailänder Makronentorte und einen Bienenstich. Alles selbstgemacht. Da kann jede Konditorei in Hamburg noch was lernen.« Er schnitt die Kuchen an und platzierte auf jedem Teller vier verschiedene Stücke. »Wir selbst dürfen nicht. Der Arzt hat uns verboten, so süß zu essen. Wegen des Zuckers. Zucker ist ja süß. Aber wir freuen uns, wenn es Ihnen schmeckt.«

»Was?«, fragte Dorothea Haselmaus.

Kim stellte sich die Frage, wie sie es schaffen sollte, diese vier Kuchenstücke aufzuessen, und sah den anderen an, dass sie mit dem gleichen Problem kämpften, steckte sich aber gehorsam ein Stück des Marmorkuchens in den Mund, der so hart war wie ein Dachziegel, und kaute darauf herum. Die anderen machten es ihr nach. Keine von ihnen brachte es fertig zu schlucken.

»Ist der Kuchen ein Gedicht oder nicht?« Professor Haselmaus.

»Was?« Dorothea.

»Greifen Sie zu, ich bitte Sie! Junge Leute sind doch immer hungrig. Ich wäre froh gewesen, wenn es bei uns früher so was gegeben hätte. Da gab es Fleisch nur sonntags.«

»Unglaublich«, murmelte Nicole verzweifelt und wünschte sich, dass der harte Kuchen endlich weich würde.

»Und im Krieg, das war so schlimm. Wenigstens hatten wir frische Milch. Von unserer Kuh. Die haben wir versteckt, im Keller. Vor lauter Aufregung hat sie ein paar Tage lang keine Milch gegeben, weil wir sie durch eine Falltür hinuntergeworfen haben, aber dann ging es wieder. Das waren Zeiten. O ja.«

Saskia sagte: »Das muss herrlich gewesen sein!« Und überlegte verzweifelt, wie sie die beiden davon überzeugen konnte, dass ihr Magen nur eine bestimmte Größe hatte, aber ihr fiel nichts ein.

Nicole stellte ihren Teller auf das kleine Tischchen, wonach gar nichts mehr darauf passte, weil die Teekanne und die restlichen Kuchen schon den ganzen Platz einnahmen.

»Wir dürfen leider nicht so viel Kuchen essen«, erklärte sie Professor Haselmaus leidend. »Wir ... wir haben eine Laktose-Intoleranz.«

Was redete sie da?

»Was?«, fragte Dorothea.

»Eine schlimme Sache.« Er nickte. »Ich bin allerdings auch manchmal intolerant. Aber früher war es schlimmer. Jetzt hat mich die Gicht im Griff. Da ist alles andere nebensächlich. Ich sage es Ihnen, wenn eine Krankheit da ist, dann lässt die nächste nicht lange auf sich warten. Das ist mit den Krankheiten wie mit den Kindern. Wir haben sechs davon.«

»Sieben«, sagte Dorothea, was ein erschrockenes Aufkeuchen der neuen Mieterinnen zur Folge hatte. Sie waren das »Was?« nun schon gewohnt, aber mit »Sieben« mussten sie erst mal klarkommen.

»Sie meint unsere Katze«, sagte der Professor. »Sie sieht die Katze als Kind an. Nun ja, wenn Sie also intolerant sind, dann lassen Sie uns mal zur Tat schreiten.« Er öffnete eine Schublade am Tischchen und zog den Mietvertrag raus. »Ich habe schon unterschrieben. Aber lesen Sie sich doch bitte in Ruhe alles durch.«

Die vier strahlten ihn stolz an. Das war der allererste Vertrag in ihrem Leben, den sie selbst und in Eigenverantwortung unterzeichnen würden. Wie gut es doch war, endlich volljährig zu sein!

»Ach, Herr Professor, wir vertrauen Ihnen«, sagte Nicole fröhlich und setzte ihren Namen dorthin, wo er ein Kreuzchen gemacht hatte. Die anderen nahmen den Kugelschreiber und taten es ihr nach. Danach war für nichts mehr Platz. Der Professor nickte zufrieden und riss die Kopie für die Mieter ab. »Ich freue mich sehr«, sagte er.

»Und wir erst!«, riefen sie im Chor. Dann nahmen sie feierlich die Schlüssel entgegen. Sie könnten gleich einziehen, wenn sie wollten, sagte der Professor. Das sei alles gar kein Problem. Nur die Wände, die könnten einen neuen Anstrich vertragen.

Kapitel 5

»Wir haben eine Wohnung, eine Wohnung, eine Wohnung!« Kim tanzte auf der Straße herum und umarmte ihre Freundinnen der Reihe nach. »Ist das toll! Ich meine, es ist natürlich nicht toll, dass die Frau vom Professor ziemlich vergesslich ist, aber ...«

»Das nennt man dement«, sagte Julia würdevoll.

»Ja, ja, dann eben so. Wie gesagt, das tut mir leid«, schwabbelte Kim weiter. »Jedenfalls werden wir es uns so richtig gemütlich machen. Und das mit dem Streichen ist auch kein Problem. Wir werden ja wohl ein bisschen Farbe an die Wände klatschen können.«

»Klar«, sagte Saskia. »Und der schöne Garten. Wir könnten Terrakottatöpfe aufstellen, so wie die das in den Wohnzeitschriften immer machen. Dann kann ich selbst Gewürze ziehen und vielleicht Schokolade mit Chilischoten kreieren oder so. Ach, ich kann's kaum erwarten!«

»Wir müssen noch so viel planen und organisieren.« Das war wieder Julia. »Wann wollen wir das machen?« Sie trippelte aufgeregt vor den anderen herum. »Nicole, jetzt sag doch auch mal was. Freust du dich denn nicht?«

»Na ja«, sagte Nicole gedehnt. »Ich glaube, wir haben was ziemlich Wichtiges vergessen.«

»Was denn?« Julia wedelte mit dem Mietvertrag vor ihrer Nase herum. »Es ist alles geregelt!«

»Das meine ich nicht«, sagte Nicole. »Aber vielleicht hätten wir uns die Wohnung vorher einfach mal anschauen sollen.«

Ungefähr eine Minute lang sagte keine ein Wort. Sie standen da und sahen sich sprachlos an.

Und plötzlich prustete Saskia los. »Das dürfen wir keinem sagen, hört ihr, niemandem!« Sie wurde richtig hysterisch. »O mein Gott. Wenn ich das meiner Mutter erzähle, die bringt mich um.«

»Das kann doch nicht wahr sein«, sagte Kim dauernd. »Das kann doch nicht wahr sein.« Sie sprang nun nicht mehr herum, sondern stand da wie einbetoniert. »Erst muss ich wegen diesem Kuchen fast kübeln, und jetzt stellt sich noch raus, dass ich sogar für eine Wohnungsbesichtigung zu blöde bin.«

»Kommt her. Ganz nah«, befahl Nicole. »Die rechte Hand nach vorn und schwören. Alle Hände übereinander. So wie immer.« Drei Hände schossen nach vorn, legten sich übereinander, und sie legte ihre drauf. »Niemals wird das jemand erfahren. Niemals. Wir schwören. Bei drei. Eins, zwei ... drei.«

»Wir schwören«, kam es synchron aus vier Mündern.

»Gut«, sagte Nicole dann. »Und jetzt schauen wir uns die Wohnung an.«

Die anderen nickten und machten sich auf das Schlimmste gefasst. Langsam gingen sie zurück zum Mietshaus. Herr Professor Haselmaus hatte es vorgezogen, nicht in diesem zu wohnen, sondern ein geräumiges Einfamilienhaus um die Ecke käuflich zu erwerben.

Sie gingen auf das Haus zu, öffneten die kleine Gartenpforte und standen vor der Eingangstür aus Holz, die wunderschön gearbeitet war und ein Fenster aus Bleiglas hatte. Die Tür war nur angelehnt. Andächtig stiegen sie die kleine Steintreppe hoch und bewunderten die maritimen Wandmalereien rechts und links. Und dann war er da, der große Moment.

Nicole steckte den Schlüssel in die Tür, drehte ihn, und sie gingen rein.

Und schlossen vor lauter Angst die Augen.

»Nein!«, rief Saskia, die es als Erste gewagt hatte, die Augen wieder aufzumachen. »O nein! Jetzt schaut doch mal. Los, los!«

Nicole blinzelte, Kim tat es ihr nach, und auch Julia wollte, dass der grauenhafte Moment schnell vorbei war. Sie riss die Augen auf. Dann standen alle vier da und schwiegen.

»Unglaublich«, flüsterte Kim fassungslos und griff nach Nicoles Hand, um sich festzuhalten.

Vor ihnen befand sich der große, langgezogene Flur, in den aus den angrenzenden Zimmern das Sonnenlicht strahlte. Der alte Parkettboden glänzte, und wenn man nach oben schaute, konnte man sehen, dass sich hier ein Stuckateur vor über hundert Jahren sehr viel Mühe gegeben hatte. Sie gingen Hand in Hand andächtig in jeden Raum. In allen befanden sich große Sprossenfenster mit verschnörkelten Messinggriffen, und im größten Zimmer stand sogar ein alter, dunkelgrüner Kachelofen, der bis zur Decke reichte.

»Hier mache ich uns im Winter Bratäpfel mit Marzipan«, keuchte Saskia, die schon immer ein Faible für die süßen Dinge des Lebens hatte und es kaum erwarten konnte, ihre Ausbildung zur Konditorin zu beginnen. Ihre Zukunftspläne standen fest: Nach der Lehrzeit würde sie eine eigene kleine Patisserie aufmachen. In den Jahren der Ausbildung wollte sie sparen, sparen und nochmals sparen. Aber noch war es nicht so weit. Erst einmal musste sie die Ausbildung beginnen. Sie freute sich so darauf wie andere auf eine Weltreise oder einen Lottogewinn.

Für alle vier würde bald der »Ernst des Lebens«, wie es die Eltern immer so schön sagten, beginnen. Die blonde, zierliche und relativ ruhige Julia würde diverse Praktika bei Ärzten machen – sie hatte sich für das Medizinstudium eingeschrieben, würde aber erst im nächsten Jahr einen Platz bekommen, die romantisch veranlagte Kim hatte beschlossen, Radiomoderatorin zu werden, und hatte eine Volontariatsstelle beim angesagtesten Radiosender der Stadt ergattert, und Nicole hatte erst vor wenigen Tagen ihre Bewerbung bei der Polizeischule eingereicht.

Sie blickten alle zusammen genauso optimistisch in die Zukunft wie in die einzelnen Zimmer der Wohnung.

Sie war perfekt. Einfach maßgeschneidert für sie. Es war nicht zu glauben. Die weißen Holztüren mit den Milchglasscheiben! Das geräumige Badezimmer mit Wanne! Und die Küche war so riesig, dass man einen großen Tisch würde hineinstellen können. Kim sah es schon vor ihrem inneren Auge – die Kerzenständer, romantische Musik, dazu Spaghetti bolognese.

Es war eine Einbauküche, was für Hamburg untypisch war, da die meisten Wohnungen ohne ebendiese angeboten wurden. Und, das Tollste von allem: Da war sogar ein Geschirrspüler. Es war einfach nicht zu fassen, zu schön, um wahr zu sein. Aber es war die Wahrheit.

Es gab zwei Klos, noch einen Abstellraum für Staubsauger und ähnliche Dinge, und von dem großen Zimmer mit dem Kachelofen führte eine Tür direkt auf die Terrasse aus Sandstein, von dort ging eine Treppe runter in den Garten. Der Professor hatte noch erzählt, im kleinen Geräteschuppen links würden sich die ganzen Gartengeräte wie Rasenmäher und Rechen befinden, er käme aber auch gern noch einmal vorbei, um alles zu erklären.

Es war einfach perfekt. Genau so, wie sie es sich erträumt hatten.

»Kommt her zu mir«, befahl Nicole, und alle taten, was sie gesagt hatte.

»Es bleibt doch alles so wie besprochen?«, fragte Nicole ernst. »Keine Männer. Okay?«

»Keine Männer«, wiederholten die anderen und legten wieder nach und nach die Hände übereinander. »Wir schwören.«

Dieser Schwur fiel ihnen nicht wirklich schwer.

Julia war zwei Jahre mit ihrer großen Liebe Marius zusammen gewesen, aber der hatte sie nach dem Abi ganz kurzfristig und nebenbei vor vollendete Tatsachen gestellt und ihr mitgeteilt, dass er zum Studieren ins Ausland gehen wollte.

Kims Exfreund Lukas war ein Spießer gewesen, der sein komplettes Leben mit ihr plante, aber gleichzeitig ein Geizhals war. Sie hatte vor kurzem Schluss gemacht, und seitdem ging es ihr besser.

Saskia hatte mal hier und da eine lose Beziehung gehabt, aber sobald es ernst wurde, machte sie einen Rückzieher. Sie dachte nicht daran, sich festzulegen.

Und für Nicole war Verknalltsein überhaupt kein Thema. Sie wollte keinen Freund, sondern erst mal ihr Leben genießen. Wenn sie sich die Dramen ansah, die sich um sie herum abspielten, war das für sie die einzig richtige Entscheidung. Lust auf Liebeskummer hatte sie genauso wenig wie auf die Tatsache, sich vor irgendeinem Hanswurst rechtfertigen zu müssen, wenn sie sich mit Freundinnen traf.

»Wo ist hier der Haken?«, fragte Julia irgendwann, weil sie es wie die anderen einfach nicht glauben wollte. Sie war sehr vorsichtig und befürchtete hinter allem, was gut war, grundsätzlich erst mal etwas Schlechtes, aber wenn sich dann herausstellte, dass sie sich irrte, konnte sie das Schöne in vollen Zügen genießen.

»Es gibt keinen Haken.« Saskia schüttelte den Kopf. »Es sei denn, in den Wänden wurden mal irgendwann Leute einbetoniert, oder das Grundwasser ist vergiftet. Oder hier im Haus wohnt ein Mörder, der schon seit Jahren davon träumt, vier Achtzehnjährige auf einmal zu meucheln. Was meinst du, Nicole, wollen wir das deinen Eltern erzählen?«

»Unbedingt«, sagte Nicole zu Saskia. »Aber jetzt mal im Ernst. Du hast recht, Püppi. Es gibt keinen Haken.«

»Doch.« Sie befanden sich gerade im zukünftigen Wohnzimmer, und Julia deutete durch die Terrassentür nach draußen in den Garten. »Hatte Professor Haselmaus nicht gesagt, dass der Garten eine Menge Arbeit macht?«

»Stimmt.« Nicole schnappte sich den Mietvertrag und blätterte durch die Seiten. »Das ist doch unser Garten. Und was macht dann dieses Kind da draußen?«

Im Garten stand eine ungefähr Sechsjährige und versuchte, sich mit einem Hula-Hoop-Reifen umzubringen; jedenfalls sah es so aus. Tatsache war, dass das Mädchen mit dem Reifen nicht zurechtkam. Verzweifelt ließ sie die Hüften kreisen, aber der Reifen fiel immer nach ein paar Sekunden auf den Rasen.

Julia öffnete die Tür und ging nach draußen; die anderen folgten ihr.

»Hallo!« Julia ging die fünf Treppenstufen hinunter in den Garten und blieb vor dem Mädchen stehen. »Was machst du denn hier?«

»Das ist eine ziemlich bescheuerte Frage«, konterte das Mädchen halb genervt. »Ich übe für die Tanzaufführung.«

»Aha«, sagte Julia freundlich. »Und wer bist du?«

»Ich gehöre zur Spezies der Homo sapiens«, klärte das Mädchen sie auf und warf gekonnt ihre langen, blonden Haare zurück. »Wir alle tun das.«

»Was? Für die Tanzaufführung üben?«

»Nein. Wir alle gehören zur Spezies der Homo sapiens.«

»Interessant«, antwortete Julia. »Aber musst du denn für diese Aufführung in diesem Garten üben?« Sie bemühte sich, konsequent und unbarmherzig, eben wie eine erwachsene Frau zu klingen, die Lebenserfahrung hatte und die Verpflichtung, Jüngeren etwas beizubringen oder sie auf Fehler aufmerksam zu machen, die man erst im hohen Alter als solche erkannte. Also eben in dem Alter, in dem sie gerade war.

»Ja, klar«, sagte das Mädchen und hob zum tausendsten Mal den bunten Reifen auf. Dann begann sie wieder zu üben. Das Thema schien für sie abgeschlossen zu sein.

»Nelli!« Eine Stimme erklang über ihnen.

Kim, Saskia und Nicole, die immer noch auf der Terrasse standen, hoben die Köpfe. Aus einem Fenster im ersten Stock lehnte eine Frau, bei der es sich ganz offenbar um die Mutter der Tänzerin handelte.

»Ja, Mama, was ist denn?«

»Bring doch ein paar Rosen mit hoch. Am besten weiße. Die anderen sind noch nicht so weit.«

»Okay.«

»Guten Tag«, rief Julia nach oben.

»Ach, hallo!« Die Frau winkte freundlich nach unten. »Ich nehme an, ihr seid die Neuen von unten.«

»Das ist richtig«, sagte Julia immer noch freundlich, während Nelli sämtliche weiße Rosen abbrach, die der eine Strauch zu bieten hatte.

»Das ist ja reizend. Kommen Sie doch auf eine Tasse Tee hoch«, freute sich Nellis Mutter. »Dann können Sie mir gleich noch ein paar von den rosa Rosen mitbringen. Ich sehe gerade, dass da auch schon welche blühen. Rosa und weiß, das passt gut.«

›Das kann ja wohl nicht wahr sein‹, dachte Julia zornig. ›Natürlich werde ich ihr keine rosa Rosen mit hochbringen. Die hat ja wohl einen Sockenschuss.‹ Sie sah ihre drei Mitstreiterinnen an, und dieser Blick besagte: ›Wehe, ihr tut das!‹

Gemeinsam mit Nelli, die man vor lauter Rosen gar nicht mehr richtig sah, gingen sie hoch in den ersten Stock. Julia beschloss, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Gute Nachbarschaft war schließlich immens wichtig, und sie wollte es sich nicht sofort mit den ersten Mietern verderben. Trotzdem musste dieser Frau klargemacht werden, dass ab sofort Schluss war mit der Selbstbedienung im Garten, ob es nun Übungen für Tanzaufführungen betraf oder Rosen. In welcher Farbe auch immer.

»Jetzt guck doch nicht so«, flüsterte Kim Julia zu. »So schlimm ist das jetzt auch wieder nicht, dass das Mädchen im Garten spielt. Sie hat ja den Rasen nicht vertikutiert, oder?«

»Wenn sie das machen würde, hätte ich auch nichts gesagt«, lautete Julias pampige Antwort. »Auch nicht, wenn sie den Rasen mähen, den Schuppen anstreichen oder Unkraut jäten würde. Aber es geht ums Prinzip. Gerade Kindern muss man frühzeitig Grenzen setzen.«

»Sag mal, bist du ihre Großmutter oder was?«, fragte Kim leicht angesäuert. »Du redest wie eine alte Schachtel, dabei bist du gerade mal ein paar Jahre älter.«

»Tu mir einen Gefallen und sei jetzt still.«

»Ist ja gut.«

Nellis Mutter stand an der Wohnungstür. »Ach, ach, wieder neue Gesichter. Ich bin Christine Reinhardt, hallo, hallo, hallo, hallo.« Sie schüttelte allen nacheinander die Hände. »Ach, die Rosen.« Sie nahm ihrer Tochter die Blumen ab. »So schöne bekommt man in keinem Laden. Und wenn, dann zu überteuerten Preisen. Ich sag ja immer, was man im eigenen Garten hat, das soll man nutzen.«

»Ja«, sagte Julia, weil sie nicht wusste, was sie darauf sonst antworten sollte. Grundsätzlich hatte diese Frau Reinhardt ja recht.

»Was für eine schöne Wohnung«, kam es von Saskia, obwohl sie immer noch im Flur standen.

Nicole beschloss, jemanden zu suchen, der Saskia die Stimmbänder teilentfernte. Das war nach dem Umzug das nächste Großprojekt, das sie würde angehen müssen.

Glücklicherweise war Frau Reinhardt dermaßen fasziniert von den weißen Rosen, dass sie Saskia gar nicht gehört hatte. »Kommen Sie doch rein. Ich habe mir gerade Tee gekocht.«

›Hoffentlich gibt es keinen Kuchen‹, dachten alle synchron.

Kurze Zeit später saßen sie in einem geräumigen Esszimmer an einem ovalen Tisch. Ein ziemlich großer Hund mit schwarzem Fell lag in einer Ecke und schnarchte.

»Das ist unser Hund«, sagte Frau Reinhardt überflüssigerweise. »Nelli, komm, setz du dich auch. Hansi ist ein Labrador.«

»Das ist so nicht richtig«, korrigierte Nelli ihre Mutter. »Hansi ist ein Labrador-Windhund-Mischling.«

»Oh«, sagte Saskia. »Was du alles weißt.«

»Das weiß wohl jedes Kind.« Nelli nahm einen Schokoladenkeks aus einer Porzellanschale, die in der Mitte des Tischs stand. »Ich finde es wichtig, viel zu wissen. Windhund ist der Sammelbegriff für alle hochläufigen, schlanken und mit den Augen jagenden Hunde, also Hetzhunde. Der Labrador ist ein mit durchschnittlich siebenundfünfzig Zentimetern recht großer, energischer Hund. Es gibt ihn in drei Fellfarben: einfarbig schwarz, gelb, das reicht von hellcreme bis fuchsrot, oder schokoladenbraun. Obwohl es gemäß dem Standard nur einen Labrador gibt, werden zwei unterschiedliche Erscheinungsformen gezüchtet: der stärkere, größere, Showdog genannte Typ und der feinere, kleinere Typ, der als Workingdog bezeichnet wird. Der Showdog wiegt so dreißig bis vierzig Kilo, ein Workingdog nur zwanzig bis fünfundzwanzig.«

Die vier glotzten Nelli einfach nur an. Kim und Nicole bekamen ein wenig Angst. Dieses Kind war ihnen unheimlich.

Frau Reinhardt goss Tee in die Tassen. »Sie müssen entschuldigen. Nelli ist für ihr Alter schon relativ belesen. Sie liest alles, was sie in die Finger kriegt. Dabei ist sie gerade mal sechs Jahre alt.«

»Falsch, Mama. Ich lese alles, was ich vor die Augen kriege.«

»Ja«, sagte die Mutter freundlich und wandte sich wieder ihren Gästen zu. »Ach, bin ich eine schlechte Gastgeberin. Da biete ich Tee an und weiß gar nicht, ob Sie Tee mögen. Sie können auch gern was anderes haben. Möchten Sie vielleicht ein Glas Wein?«

»Falls ich mich nochmal kurz einmischen darf«, mischte Nelli sich ein. »Also, wenn ihr unbedingt Wein trinken müsst, empfehle ich euch Weißwein. Im Vergleich zu Rotwein hat Weißwein einen deutlich niedrigeren Gehalt an Histamin. Dies ist besonders für Menschen von Bedeutung, die darauf allergisch reagieren und trotzdem nicht auf den Genuss von Wein verzichten möchten. Ist hier jemand allergisch?«

»Das reicht jetzt wirklich, Nelli, würdest du wohl aufhören!«

»Bitte, bitte, dann höre ich eben auf. Ihr werdet sowieso bald alle sterben. Warum also nicht gleich. Sollen sie doch Rotwein trinken. Das tun ja alle Alkoholiker. Aber ich möchte dann nicht hören, dass es meine Schuld ist, wenn sie gleich tot vom Stuhl kippen.«

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Julia lahm und ein klein wenig fassungslos. »Ich würde dich bestimmt nicht beschuldigen.«

»Das geht ja dann auch nicht mehr«, antwortete Nelli ernst und schaute zu Hansi.

»Hansi, komm! Komm her zu mir.«

Der Mischling stand auf, streckte sich, gähnte und trottete dann zu Nelli hinüber.

»Also«, sagte Frau Reinhardt, »wenn Sie Wein wollen, dann ...«

»Nein danke.« Kim hob abwehrend beide Hände. »Wir hängen an unserem Leben. Tee ist wunderbar.« Sie fragte sich, ob die anderen Bewohner dieses Hauses wenigstens einigermaßen normal waren.

»Ich habe auch Apfelsaft«, sagte Frau Reinhardt, die offenbar einen Getränketick hatte oder aber einfach nur so gastfreundlich war, dass man überhaupt nicht dazu kam, irgendetwas zu verköstigen, weil man andauernd etwas anderes angeboten bekam.

Saskia schaute erwartungsvoll zu Nelli hinüber und wurde nicht enttäuscht.

»Aber bitte einen ohne Zusatzstoffe«, sagte Nelli. »Ich empfehle unseren naturtrüben Apfelsaft. Naturtrüber Apfelsaft wurde nicht gefiltert und ist deshalb undurchsichtig. In ihm befinden sich Schwebstoffe, die sich am Boden als Satz absetzen und vor dem Trinken aufgeschüttelt werden können. Naturtrüber Apfelsaft schmeckt meist natürlicher als gefilterter Saft. Wichtig ist, dass ihr wirklich Apfelsaft trinkt und nicht dieses Konzentrat. Da könnt ihr euch gleich einsargen lassen. Oder, Mama?«

»Man liest ja so viel«, sagte Frau Reinhardt.

»Tee ist ganz wunderbar«, wiederholte Nicole stellvertretend für alle. »Ach, eigentlich möchte ich gar nichts«, fügte sie dann hinzu, weil sie sich keine Informationsveranstaltung über Teesorten anhören wollte.

»Na, dann seid ihr aber wirklich bald tot. Essen und trinken muss der Mensch«, schlussfolgerte Nelli.

»Ach ja, ach ja.« Frau Reinhardt schüttelte den Kopf. »Sie saugt alle Informationen in sich auf. Wie ein Schwamm. Gerade das mit dem Wein scheint sie wahnsinnig zu interessieren. Erinnern Sie sich noch an den Weinpansch-Skandal von vor was weiß ich wie vielen Jahren? In Österreich war das. Ach, aber da waren Sie bestimmt noch sehr klein.«

Nelli offenbar nicht.

»Diäthylenglykol. Neunzehnhundertfünfundachtzig war das. Im Sommer. Die eigentlichen Verwendungsgebiete für Diäthylenglykol sind: Enteisen von Flugzeugen, Winterschutz für Autokühler, industrielles Verdünnen von Lacken, Desinfizieren von Raumluft. Ja, ja, viele österreichische Winzer mussten damals Konkurs anmelden. Und österreichischer Wein wurde lange Zeit verschmäht.«

»Mein Mann kauft nur Wein aus Wien«, versicherte Frau Reinhardt ihren Gästen. »Nur aus Wien. Da weiß man, was man hat. Würde da Österreich auf dem Etikett draufstehen, keinen Schluck würde ich trinken.«

In diesem Moment kippte Nelli mitsamt dem Hund, der halb auf ihrem Schoß gesessen hatte, auf ihrem Stuhl nach hinten, und Hansi begrub sie unter sich.

»O Gott«, rief Kim. »Hast du dir wehgetan? Zieh mal einer den Hund von ihr runter. Ist er tot? Ist er tot? Hat ihm vielleicht jemand Wein gegeben?«

»Natürlich nicht«, sagte Frau Reinhardt. »Hansi ist Narkoleptiker. Er schläft manchmal einfach so ein. Ohne Grund. Nelli, ist alles in Ordnung?«

»Ja, ja«, keuchte Nelli und rappelte sich hoch. »Kein Problem.« Sie fummelte an ihrem Mund herum. »Ich habe nur einige Haare von Hansi verschluckt. Zum Glück bin ich geimpft. Das kann nämlich böse enden. Wenn sich zum Beispiel Milben auf mich übertragen. Milben gibt es in verschiedenen Hautbereichen des Hundes. Einige leben auf der Haut und ernähren sich von Hautschuppen, andere leben in den Haarfollikeln und in tieferen Hautschichten und verursachen langwierige und zum Teil therapieresistente Hauterkrankungen mit mehr oder weniger starkem Juckreiz.« Sie dachte nach. »Ich muss unbedingt überprüfen, ob sich das auf den Menschen übertragen kann.«

»Man liest ja so viel«, sagte die Mutter wieder zu ihrem Besuch, und alle schauten auf den schnarchenden Hansi.

»Was machen wir denn jetzt mit ihm?«, wollte Saskia wissen. »Wir könnten ihm eine Salami vor die Schnauze halten oder ihm Eiswürfel auf die Augen legen.«

»Aber nein«, sagte Nelli. »Er wacht irgendwann von selbst wieder auf.«

»Nun lassen Sie uns doch endlich Tee trinken«, forderte Frau Reinhardt die anderen auf. »Im Grunde genommen ist ja gar nichts passiert. Also, auf gute ...«

»Ach, es ist nichts passiert, Mama? Da bin ich allerdings anderer Meinung. Hast du schon einmal etwas davon gehört, dass Narkolepsie eine wirklich ernstzunehmende Krankheit ist, bei der ...«

»Nelli«, sagte die Mutter nun genervt. »Wenn du jetzt nicht sofort aufhörst, halte ich dich fest und lasse unseren ganzen Wiener Wein in dich reinlaufen, hast du mich verstanden?«

»Ich helfe Ihnen dabei«, sagten die vier unabhängig voneinander im Chor.

Kapitel 6

»Wenn hier alle so sind wie Frau Reinhardt und Nelli, dann freue ich mich jetzt schon«, erklärte Julia ihren Freundinnen, während sie vorsichtig die Treppe hinunterliefen. Unbewusst traten sie leise auf und flüsterten, weil sie einfach nicht die Kraft für noch mehr Bekanntschaften hatten. Für heute genügte es.

Sie hatten die Wohnung. Die Wohnung war toll, und mit den Nachbarn würde man schon klarkommen. Immerhin hatten sie dreizehn Jahre gemeinsamen Schulbesuch hinter sich, in denen sie mehr als einmal Lehrer zum Teufel gewünscht und Mordphantasien entwickelt hatten.

Da war eine eigene Wohnung mit allem, was dazugehörte, doch ein Kinderspiel.

Und die weitere Zukunft auch.

»Ich kann dich total schlecht verstehen! Was hast du gesagt?«

»Wir haben diese Wohnung bekommen!«, brüllte Kim ins Telefon. »Die in Winterhude. Ich hab dir doch davon erzählt, Mama!«

»Ich hab gar nichts erzählt. Ich verstehe dich nicht!«, quakte Kims Mutter zurück, die im Auto unterwegs war, ständig durch irgendwelche Tunnel fuhr und nur die Hälfte von dem verstand, was Kim ihr sagen wollte. Dabei war das doch so wichtig.

»Die WOHNUNG!« Nun schrie sie fast. »Ich ziehe AUS!«

»Lass uns morgen in Ruhe sprechen!«, kam es wie immer, und Kim wusste genau, dass wie immer nichts daraus werden würde. »Ich bin in Bayern!«, schrie Dr. jur. Annegret Ahrens genervt. »Ich muss mich noch mit tausend Mandanten treffen, und dieser Mietwagen ist unzumutbar. Schätzchen, bist du noch dran?«

»Wann kommst du denn morgen zurück?«

»Gar nicht. Erst in einer Woche. Ich ...« Es knatterte und rauschte. Wahrscheinlich wieder ein Tunnel. »Die Verbindung ist wirklich katastrophal.« Dann war das Gespräch zu Ende.

Kim legte langsam den Hörer auf. »Ja, Mama«, sagte sie in das leere Arbeitszimmer der Mutter. »Die Verbindung ist in der Tat katastrophal.« Sie trat ans Fenster und schaute hinaus in den Garten. Das Wasser in dem großen Pool kräuselte sich ein wenig vom Wind, die sechs oder sieben Liegestühle mit den gelbweißen Polstern standen verwaist da, der Sonnenschirm war eingeklappt. Die Kerzen in den Windlichtern waren in diesem Jahr noch nicht einmal angemacht worden. Dabei war dieser Mai sehr warm. Ihre Eltern hatte Kim vor ungefähr zwei Wochen zum letzten Mal gesehen. Sie betrieben eine Anwaltskanzlei in der Hamburger Innenstadt, die sich auf Strafrecht spezialisiert hatte. Da sie überall in Europa Außendependancen betrieben und sich geradezu zwanghaft um alles selbst kümmerten, waren sie so gut wie nie zu Hause. Insgesamt fünf Geburtstage hatte Kim schon alleine verbringen müssen, zwei davon hatten die Eltern sogar vergessen. Da nützten auch goldene Füllfederhalter und teure Armbanduhren als Wiedergutmachung nichts, zumal sie aus Luzern oder Paris mit irgendeinem Kurierdienst geschickt worden waren.

Früher waren Annegret und Jonas Ahrens wenigstens noch mit ihrer einzigen Tochter in den Sommerurlaub gefahren, aber der wurde dann doch nie gemeinsam verbracht; schon während der Anreise sprachen die beiden mehr in ihre Handys als mit Kim. Und während jedem, wirklich jedem Urlaub musste grundsätzlich einer von ihnen nochmal »kurz weg«, was im Klartext hieß, dass Mutter oder Vater mehrere Tage am Stück fort waren, um sich mit ihren wahnsinnig wichtigen Mandanten zu treffen, die sich sonst entleiben oder eine Kugel in den Kopf jagen würden.

Kims Eltern hatten dieses riesengroße Haus in Blankenese vor vielen Jahren nicht etwa gekauft, um darin zu wohnen, sondern um sich von ihm fernzuhalten. Die Einzige, die hier lebte, war die Tochter, umgeben von Angestellten, die sie besser kannten als ihre Eltern. Annegret wusste noch nicht mal, dass Grün Kims Lieblingsfarbe war und dass sie Wackelpudding hasste, weil sie das an zerflossene Augen erinnerte. Jonas hatte es tatsächlich mal fertiggebracht, während seiner Rede an Kims Konfirmation den Namen seiner Tochter zu vergessen, was alle maßlos aufregte, nur Kim nicht, weil sie Kummer gewohnt war. Und ihn hatte es auch nicht aufgeregt, weil schon während der Rede wieder sein dämliches Handy geklingelt hatte, und zwar zweimal. Direkt nach dem Dessert musste er natürlich »kurz« fort und kam erst am nächsten Tag wieder zurück.

Es war gut, dass Kim auszog. Ihr würde das große Haus mit den teuren Möbeln und Teppichen überhaupt nicht fehlen. Und ihre Eltern würde sie auch nicht vermissen. Es würde sich ja nicht viel ändern. Sie waren sowieso nie da.

Kim öffnete die Terrassentür und ging zu dem kleinen Häuschen, das neben dem Pool lag, zog sich ihren Badeanzug an und sprang kopfüber ins Wasser. Dann kraulte sie zu einer Luftmatratze, die am Beckenrand vor sich hin dümpelte, kletterte drauf, legte sich auf den Rücken und starrte so lange in den Himmel, bis ihr kalt wurde.

Julia ging gut gelaunt die Straße entlang, in der sie wohnte – im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, ganz in der Nähe des Krankenhauses Groß-Sand. Wilhelmsburg hatte nicht gerade einen Ruf, bei dem man in die Hände klatschen und rufen würde: »Hier möchte ich den Rest meines Lebens verbringen!« Aber Julias Familie wohnte schon immer hier, und sie mochte ihren Kiez, wie sie ihn nannte. Sie kannte alle Nachbarn und auch die Leute in den angrenzenden Straßen, beim Bäcker wurde man jeden Tag mit dem neuesten Klatsch konfrontiert, und im Großen und Ganzen fand Julia die Menschen, die hier lebten, ehrlicher und bodenständiger als beispielsweise in diesem widerlichen Eppendorf, wo nur aufgetakelte Weiber mit ihren durchgestylten Kindern herumliefen, die schon als Säuglinge Baby-Dior trugen und in Kinderwagen herumgefahren wurden, die dreitausend Euro gekostet hatten. Julias Großeltern lebten drei Straßen weiter, sie hatten 1962 die Sturmflut hautnah miterlebt und erzählten immer wieder davon, wie toll der Zusammenhalt auf den Hausdächern damals gewesen war.

Manchmal konnte Julia es zwar nicht mehr hören, weil die Geschichten von Mal zu Mal schlimmer wurden, und einmal hatte Oma behauptet, Opa sei ertrunken, obwohl er direkt neben ihr saß, aber sie liebte ihre Großeltern, und deswegen hörte sie immer wieder zu. Oma behauptete auch immer, die Wassertemperatur habe minus vierzig Grad betragen, weswegen Julia vor einiger Zeit eine Physikklausur verhauen hatte, und wenn Oma drei oder vier Kirschschnäpschen intus hatte, konnte man die Uhr danach stellen, wann die Geschichte diese Drehung nahm: Helmut Schmidt, damals Hamburgs Innensenator, hatte ihr, Emma Bingel, eindeutig zu verstehen gegeben, dass er sie sehr, sehr mochte. Nach fünf Schnäpschen war er immer dazu bereit, seine Frau zu verlassen, da hätte Oma nur mit dem Finger schnippen müssen, einfach so, schnipp, schnipp! Aber sie hatte es natürlich nicht getan, weil es ja Opa gab, der grundsätzlich neben seiner Frau saß und bedächtig nickte, aber nichts sagte, was aber auch daran lag, dass er schwer hörte.

Julia und ihr älterer Bruder Chris konnten diese Geschichten mittlerweile auswendig mitsprechen, Chris wusste sogar, wann Oma Atempausen machte.

Glücklicherweise musste Chris sich Omas Litaneien nicht mehr ständig anhören, er war jetzt im zweiten Ausbildungsjahr zum Maler und Lackierer und wohnte mit einem Freund in einer kleinen Wohnung in Hamburg-Horn. Deswegen war er nicht mehr so oft zu Hause.

Einerseits war das gut, weil Julia das gemeinsame Zimmer nun für sich hatte, andererseits vermisste sie ihren Bruder, der immer für sie da war und jedem, der seiner Schwester zu nahe kam, damit drohte, seine Fäuste sprechen zu lassen, auch wenn Julia nur von harmlosen Passanten nach dem Weg gefragt wurde.

Nun saß sie mit den Eltern an dem abgenutzten Küchentisch, und sie aßen zu Abend. Oma und Opa waren ebenfalls da, sie wussten immer, wann Essenszeit war, und tauchten dann auf, um zu behaupten, »zufällig vorbeigekommen« zu sein.

»Warum willst du das denn?«, fragte die Oma. »Hier hast du doch alles. Dein warmes Zimmer, deine Wäsche wird gewaschen, und Miete musst du auch nicht bezahlen.«

»Ich möchte selbständig sein, Oma«, erklärte Julia geduldig und nahm sich eine Scheibe Brot.

»Papperlapapp«, sagte Oma.

»Wenn sie es doch will«, meinte der Vater und blinzelte seiner Tochter zu. Gert Seidel stand zu Julia, da konnte kommen, was wollte. Er gönnte ihr die Wohnung, und er wusste, sie würde es schaffen. Davon mal ganz abgesehen wünschte er sich für beide Kinder, dass sie es mal ein bisschen besser haben sollten als er. Seit er denken konnte, hatte er sich auf Baustellen den Rücken kaputt gemacht. Dass seine Tochter Medizin studieren wollte, würde er unterstützen, und wenn die Nachbarn tausendmal sagen würden, dass das Mädchen wohl größenwahnsinnig sei. Neidisch waren sie, mehr nicht.

Details

Seiten
218
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960532507
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454713
Schlagworte
Liebesroman Feelgood Komödie Comedy New Adult Young Adult Laura Kneidl Mona Kasten Colleen Hoover eBooks

Autor

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Titel: Das kleine Appartment des Glücks