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Der Liebeszauber: Abenteuer in der Villa Rosa - Band 2

Roman

2019 343 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Die »Villa Rosa« steht Kopf: Das neue Schuljahr im Internat am Genfer See hat gerade erst begonnen, und schon haben die beiden Freundinnen Elena und Charly alle Hände voll zu tun. Sie sollen beispielsweise die neue Schülerin Fee unter ihre Fittiche nehmen … doch die scheint es darauf anzulegen, für möglichst viel Wirbel zu sorgen! Alle Jungs haben nur noch Augen für sie – Fee scheint ihr Herz aber schon längst vergeben zu haben. Kennen Charly und Elena den Auserwählten etwa? Die beiden spinnen einen tollkühnen Plan, um wieder für Ordnung in der Villa Rosa zu sorgen – oder sollte ihnen die Liebe etwa einen Strich durch die Rechnung machen?

Über die Autorin:

Sissi Flegel hat neben ihren Romanen für erwachsene Leser sehr erfolgreich zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, die in 14 Sprachen erschienen sind und mehrfach preisgekrönt wurden. Die Autorin ist verheiratet und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Die Autorin im Internet: www.sissi-flegel.de

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eBook-Neuausgabe Juni 2019

Dieses Buch erschien bereits 2011 unter dem Titel Die Liebesrache bei cbj Verlag, München

Copyright © der Originalausgabe 2011 cbj Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2019 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Svitlana Sokolova

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96053-268-2

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Sissi Flegel

Der Liebeszauber

Roman

jumpbooks

Kapitel 1

Sonntag, 18. Mai

Fee stand in ihrem Zimmer vor dem weißgestrichenen Schrank. Darin befand sich ein Geheimfach, das sich wie ein Safe mit der Eingabe einer Zahlenkombination verschließen ließ. Sie tippte auf vier Tasten; nach dem Summton sprang das Türchen auf

Zuoberst lag die Rennwelt. Die Ausgabe aus dem Spätherbst des vergangenen Jahres zeigte auf der Titelseite das Foto einer Fuchsstute in gestrecktem Galopp. Ihr Fell glänzte; sie hatte die Ohren aufgestellt und den Kopf kampfesmutig vorgereckt: Es war das Bild eines kraftvollen Vollbluts auf der Zielgeraden. Der Jockey presste die Füße gegen die Flanken der Stute, er stand in den Bügeln, beugte sich über den Widerrist, hielt den Kopf gesenkt und die Zügel kurz. Man sah, dass er, wild entschlossen war zu siegen und das Letzte aus dem Tier herausholte.

Unten auf der Seite befand sich eine kurze Notiz.

LIZENZENTZUG

Bei Jockey Filipe Cordobes war nach dem Rennen in der Dopingprobe das verbotene Mittel ... festgestellt worden. Wegen Verstoßes gegen die Dopingbestimmungen wird ihm die Lizenz für die Dauer von vier Monaten entzogen. Außerdem hat Cordobes eine Geldbuße von Euro ... zu bezahlen.

Fee berührte das winzige Hufeisen, das an der Kette an ihrem Hals baumelte. Sie legte die Zeitung zurück und nahm eine langstielige, längst verblühte Rose heraus. Dann schloss sie das Geheimfach und ging auf ihren Balkon hinaus. Dort presste sie die welke Blüte zusammen und warf die Überreste in die Luft, wo sie, fein wie Staub, einen Augenblick zu schweben schienen, bevor sie von der morgendlichen Brise erfasst und verweht wurden. Der Stiel trudelte zu Boden.

Das war's, dachte sie. Aus. Schluss. Finito.

In der Nacht war ein Gewitter über das Land gezogen. Der Regen hatte die Luft reingewaschen, das Wasser tropfte noch von den Blättern der mächtigen Eiche mitten im Hof, Schwalben flogen aus den offenstehenden Stalltüren, tauchten ihre Schnäbel in die Pfützen und schwangen sich mit einem einzigen Flügelschlag über die Köpfe der Pferde und ihre Reiter hinweg und in die Ställe zurück. Da wurden die Boxen ausgemistet, die Böden mit frischem Stroh belegt, Heu und Hafer aufgefüllt, und soeben kanterte das erste Lot vom morgendlichen Ausritt zurück. Im Gestüt nahm alles seinen gewohnten Gang.

Für Fee änderte sich an diesem Tag das gewohnte Leben.

Gerade als Kalle, Azubi im 2. Lehrjahr, mit Ricco aus dem Stall kam, lenkte ihre Mutter den roten Sportwagen in den Hof Das Pferd hob den Kopf und wieherte. Im Nu sprang Fee aus dem Auto und hing an Riccos Hals.

»Ich kann das nicht«, schluchzte sie. »Ich will und will und will das nicht!« Riccos weiche Nüstern streiften ihre nasse Wange. Fee strich mit den Händen durch seine Mähne. »Ricco!« Sie fühlte das Pochen in seinen Adern, spürte seine Wärme, streichelte sein glänzendes Fell und weinte sich die Seele aus dem Leib.

Kalle legte seinen Arm um ihre Schultern. »Fee, lass es gut sein. Es ist kein Abschied für immer.«

»Keinen Tag halte ich es ohne Ricco aus!«

»Ich passe gut auf ihn auf. Glaub mir, er wird dich nicht vermissen«, versuchte Kalle sie zu trösten.

»Was weißt du schon«, schluchzte Fee und schüttelte seinen Arm ab.

Ihre Mutter drückte auf die Hupe, einmal, zweimal. »Fee! Komm endlich! Wir haben eine lange Fahrt vor uns!«

»Gleich!«

Niklas, der für Riccos tägliches Training verantwortlich war, schlug mit der Reitgerte gegen seinen langen schwarzen Stiefel. »Ich muss los, Fee. Die zweite Gruppe ist schon unterwegs.«

Einen Augenblick lang legte das Pferd seinen Kopf auf Fees Schulter, dann stampfte es mit dem rechten Vorderfuß auf und wieherte. »Hörst du's? Ricco will den Anschluss nicht verpassen.«

Ihre Mutter hupte schon wieder. »Nun mach schon, Fee! Du hältst Niklas von der Arbeit ab!«

Fee klammerte sich an Riccos Hals und schüttelte den Kopf »Nein!«

»Fee, es muss sein. Nun sei doch vernünftig.« Niklas stellte den Fuß in den Steigbügel, schwang sich in den Sattel und schnalzte mit der Zunge. »Los geht's, Ricco!«

Mit hängenden Schultern schaute Fee dem Pferd nach. Als dieses das Tor passierte, drehte es sich nach dem Mädchen um, wieherte und fiel dann in leichten Trab. »Schau mal, Fee, was ich für dich habe«, lockte Kalle. Er reichte Fee sein Taschentuch, blau mit grauen Punkten, und wartete, bis sie die Tränen getrocknet und die Nase geputzt hatte. »Hier. Das Hufeisen ist von Ricco; der Schmied schwört, es sei garantiert von ihm. Hundert Pro. Und das Haarbüschel hab ich extra für dich zur Seite gelegt. Da hast du etwas, was dich an deinen Liebling erinnert.«

»Ach Kalle ...« Wieder flossen die Tränen.

Kalle begleitete Fee bis zum Auto. »Schickst du mir eine SMS, falls ...«

»Ricco wird nichts geschehen, Fee. Glaub mir, ich passe so gut auf ihn auf, als wäre er mein eigenes Pferd«, versicherte Kalle. »Aber klar, ich halte dich auf dem Laufenden.« Kalle war ein bisschen in Fee verliebt. Auch ihm fiel der Abschied schwer; jetzt schluckte er und fuhr sich durch die kurzgeschnittenen Haare. »Und ... und wirst du mir auch mal 'ne SMS schicken?«

»Mensch, Kalle, glaubst du, ich würde dich vergessen? Aus den Augen, aus dem Sinn? Du hast sie ja nicht alle, du weißt doch, wie sehr ich ...« Wieder schluchzte Fee auf. »Das Gestüt, Ricco und du – ihr seid mein zweites Zuhause.«

Unbeholfen fasste Kalle nach Fees Hand und drückte sie. »Bis zu den Sommerferien ist's nicht lang. Die paar Wochen hältst du durch, Fee. Als mein Bruder bei der Bundeswehr war, hat er 'ne Liste gemacht und jeden Abend den vergangenen Tag durchgestrichen. Auf die Art hat er die Zeit locker überstanden.«

Wider Willen lachte Fee auf »Guter Tipp!« Inzwischen standen sie am Auto.

»Steig ein, Fee!« Kalle umarmte sie. »Mach's gut, halt die Zügel kurz und denk dran: Mit dem richtigen Schwung nimmst du jedes Hindernis!«

»Nicht, wenn es zu hoch ist und der Reiter den Mut verloren hat«, widersprach Fee.

Kalle riss die Augen auf. »Wie bitte? Ausgerechnet du hast keinen Mut? Ich kenne keinen Menschen, der sich so viel zutraut wie du, Fee!«

»Ach nee! Und wohin hat mich mein Mut geführt?« Fee stampfte wütend mit dem Fuß auf.

»Stimmt. Da hast du Mist gebaut. Aber Mut bleibt Mut.«

Ihre Mutter war aus dem Auto gestiegen. »Wiedersehen, Kalle. Und nun komm endlich, Fee. Wir müssen wirklich los.«

Als ihre Mutter wendete, sah Fee zurück. Sie winkte Kalle ein letztes Mal, sie sah die Schwalben, die zwischen Stall und Hof hin und her schossen, sah die Spatzen, die sich um einen Pferdeapfel stritten, sah Lucy, die das Fell eines Rappens bürstete, sah einen anderen Azubi, der auf einem Schubkarren einen Ballen Stroh über den Hof karrte. Im Gestüt Eichenhof nahm der Tag seinen gewohnten Gang.

Nur ihr eigenes Leben war völlig aus den Fugen geraten. Und sie, sie allein, war schuld daran. Fee krümmte sich vor Schmerz.

Gestüt Eichenhof lag in der Nähe von Kressbronn am Bodensee. Fees Mutter fuhr zuerst nach Bregenz und danach auf die Autobahn Richtung St. Gallen, Zürich und Bern. Kurz nach Zürich steuerte sie eine Raststätte an. »Hunger?«

Fee schüttelte den Kopf.

»Du solltest etwas essen.« Frau Varel stieg aus. »Komm, Fee.«

Widerwillig folgte sie ihrer Mutter ins Lokal, wählte nach einigem Zögern einen Teller mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum und eine Cola, setzte sich ihrer Mutter gegenüber und stellte nach dem ersten Bissen fest, dass sie tatsächlich hungrig war.

»Ma, Kalle hat gesagt, ich sei mutig. Findest du das auch?«

Frau Varel spießte gerade eine Gurkenscheibe auf; jetzt ließ sie die Gabel sinken. »Und ob du mutig bist! Du konntest noch nicht mal laufen, da bist du über die Terrasse, durch den Garten und auf die Straße hinausgekrabbelt! Als du zum ersten Mal auf einem Pferd saßest, wärst du am liebsten über den Zaun gesetzt. Vor nichts und niemand hattest du Angst. Weißt du noch, wie du in der Nacht, bevor er gesprengt werden sollte, auf der Feuerleiter bis zum obersten Ende des Fabrikschornsteins gestiegen bist? Der Bericht und das Foto von dir erschienen in unserer Zeitung, Fee. Und du fragst mich allen Ernstes, ob du mutig bist?« Ihre Mutter schüttelte amüsiert den Kopf »Du bist nicht nur mutig, du bist leider auch tollkühn.«

»Hm.« Fee legte ein Stück Mozzarella auf eine Tomatenscheibe. »Jetzt hab ich Angst, Ma.«

Ihre Mutter schob den Teller beiseite. »Wovor denn?«

Konzentriert legte Fee ein Basilikumblatt mitten auf den Käse. »Vor ... vor der neuen Schule. Vor den anderen. Ich kenne ja niemand.«

»Ja. Es wird ein bisschen viel auf einmal sein. Aber du schaffst das. Schneller und leichter als du denkst, Fee.«

Fee hob den Kopf »Meinst du das ehrlich?«

»Aber sicher. Ein paar von den Neuen wirst du grässlich finden, ein paar werden gute Freunde werden, aber die meisten werden dir nicht viel bedeuten. So ist das immer. Und bestimmt wirst du dich verlieben. Nur –« Ihre Mutter zog den Teller wieder heran. »Pass auf, dass du denselben Fehler nicht noch einmal machst. Du würdest deinen Vater und mich sehr enttäuschen.«

»Wann darf ich wieder nach Hause? Zum Ende des Schuljahrs? Im Sommer?«

»Willst du denn das so sehr?«

Erneut füllten sich Fees Augen mit Tränen. »Ich möchte, dass alles so wird wie früher. Dass Pa mich wieder ... wieder ... du weißt schon, Ma, dass er mich wieder überallhin mitnimmt. Dass er stolz auf mich ist«, flüsterte sie.

»Was du getan hast, hat ihm sehr zugesetzt. Allein der Verdacht hat unserem Ruf geschadet, und dich hast du lächerlich gemacht.«

»Ich wollte doch nicht euch schaden!«

»Das wissen wir. Trotzdem – dein Vater steckt das Ganze nicht so einfach weg. Lass ihm Zeit, Fee.«

»Aber wie lange denn?«, rief Fee verzweifelt.

»Wie lange? Das kann ich dir nicht sagen.« Ihre Mutter runzelte die Stirn. »Aber ich kann dir einen Rat geben. Willst du ihn hören?«

Fee nickte.

»Geh nicht auf Distanz zu ihm«, sagte ihre Mutter langsam. »Schick ihm, uns, Briefe. Oder Mails. Oder wenigstens ab und zu eine Postkarte. Halte ihn auf dem Laufenden, lass ihn an deinem Leben teilnehmen. Versuche, dich ins Internatsleben so schnell wie möglich zu integrieren. Übernimm eine Aufgabe, schreib gute Noten. All das nötigt ihm Respekt ab. Und vor allem, Fee, lass den Kopf nicht hängen. Vergiss nicht – du bist mutig.«

»Jetzt gerade nicht.«

»Blödsinn«, widersprach ihre Mutter energisch. »Das redest du dir nur ein. Ich kenne doch meine Tochter«, meinte sie aufmunternd. »Meine Felizitas lässt sich von nichts und niemand unterkriegen. Nicht mal davon, dass sie ihrem geliebten Pferd Ricco ein paar lächerliche Wochen lang nicht um den Hals fallen kann. Und die Sache mit ihrem Vater bekommt sie auch wieder geregelt. So wahr ich hier sitze und noch einen Kaffee trinken werde.«

»Sicher?«, fragte Fee zweifelnd.

»Ganz sicher. Im Übrigen hast du ja noch mich, wenn du mal Hilfe oder Unterstützung brauchst. Vergiss das nicht, Fee.« Frau Varel schaute auf die Uhr. »Wir kommen hoffnungslos zu spät. Ob Professor Mori mir eine Strafarbeit verpassen wird?«

»Einer Mutter?« Fee stand auf, um an der Theke zwei Tassen Kaffee zu besorgen.

Kapitel 2

Die Pfingstferien waren zu Ende, alle Schülerinnen und Schüler von Villa Rosa waren gesund und wohlbehalten ins Internat zurückgekehrt, hatten Koffer und Taschen ausgepackt, zu Abend gegessen und Professor Moris Begrüßungsrede über sich ergehen lassen, Jetzt richteten sie sich wieder in ihren Zimmern ein, bezogen die Betten oder tauschten mit Freunden und Freundinnen Neuigkeiten aus.

Nur Charly und Elena saßen auf der obersten Stufe der breiten Freitreppe von Villa Rosa. »Ob die Neue heute noch kommt?«

Elena schaute auf die Uhr. »Fünf nach neun. Ich schätze, das Mädchen hat kalte Füße bekommen. Wenn ich daran denke, wie viel Schiss ich hatte, kann ich das verstehen. Als mein Vater den Berg herauffuhr, wäre ich am liebsten aus dem Auto gesprungen und hätte mich im Gebüsch versteckt.«

»Ich hab mich auf Villa Rosa gefreut.« Charly blinzelte in die untergehende Sonne.

»Ja! Du! Du bist herumgetanzt, hast die Arme in die Luft geworfen und gejubelt! ›Ach, wie schön es hier ist! Ach, wie herrlich die Berge, und der See! Ach, der tolle Park!‹« Elena verzog das Gesicht. »Ich fand dich unmöglich. Umbringen hätte ich dich können, weißt du das?«

»So schüchtern, wie du damals warst, hättest du nicht mal eine Fliege gejagt.« Charly grinste ihre Freundin an. »Erinnerst du dich noch an die Fünf, die uns weismachen wollten, wir Neuen hätten den Mund zu halten?«

»Und die Alten zu ehren!« Jetzt lachte Elena laut auf. »Und du hast Swetlana gefragt, ob sie Drogen in ihrem Zimmer verstecke!«

»Sexspielzeug, Drogen und Diebesgut«, stellte Charly richtig. »Schon merkwürdig, dass wir mit ihr und Valerie von Anfang an nicht ausgekommen sind. Dafür haben wir gute Freundinnen in Mia, Victoria und Sophia-Leonie. Und du hast deinen Max.«

Unwillkürlich griff Elena in den Ausschnitt ihres roten Pullis und berührte das Schlüsselchen, das an einer silbernen Kette hing. Max hatte es ihr zu Ostern geschenkt – zum Zeichen seiner, ihrer Liebe.

Elena räusperte sich. »Max hat mich gebeten, für Jem ein gutes Wort einzulegen.«

Jem und Max waren wie auch Eric, Laurens, Vincent und einige andere seit der Fünften im Internat und dicke Freunde.

»Ein gutes Wort für Jem?«, wiederholte Charly verständnislos. »Klär mich auf, Elena.«

»Na ja ... Jem findet, da Max und ich ein Paar sind, wäre es doch nett, wenn er und du –«

»Niemals!«, fuhr Charly ihr ins Wort. »Niemals nie! Hast du ihm das nicht gesagt?«

»Habe ich. Klar. Aber Jem ist doch eigentlich ganz nett, oder?«

»Mit Jem hat das nichts zu tun. Ich will einfach keinen Freund.« Charly sagte das so entschieden, dass Elena eine ganze Weile lang schwieg. »Das kann niemand verstehen.«

Charly zuckte die Schultern. »Ist mir völlig egal.«

Die Sonne war hinter die Berge gesunken, deren Gipfel Ende Mai noch schneebedeckt waren, und im Genfer See spiegelte sich der wolkenlose Abendhimmel. Im Park und in der Einfahrt flammten die schmiedeeisernen Laternen auf, in den Zimmern der Jungs, die Haus Shelley bewohnten, waren die Lichter angegangen.

»Hast du schon daran gedacht«, nahm Elena das Gespräch wieder auf, »dass wir die Neue taufen müssen?«

»Wenn sie überhaupt kommt.« Charly strich eine rotblonde Locke aus der Stirn. »Aber falls sie kommen sollte, hätte ich eine Idee. Wir könnten –« Sie zuckte zusammen.

»Was macht ihr denn so spät noch auf der Treppe?« Professor Mori, die Leiterin von Villa Rosa, war aus dem Haus gekommen.

»Wir warten auf die Neue«, erklärte Charly sofort. »Aber wir glauben nicht, dass sie noch eintrifft, so spät wie es jetzt schon ist. Vielleicht hat sie der Mut verlassen.«

»Was schade wäre«, meinte Elena. »Wir haben ihr nämlich einen Blumenstrauß auf den Schreibtisch gestellt und ein Herzlich willkommen!-Plakatgemalt.«

»Diesmal habe ich also die richtigen Paten ausgewählt.« Professor Mori lächelte und setzte sich zu Charly und Elena auf die Treppe, obwohl ihr enger Rock aus den Nähten zu platzen drohte. »Swetlana und Valerie haben sich um euch ja leider nicht besonders eifrig gekümmert.«

»Ne, haben sie nicht«, stimmte Charly ihr zu. »Das machte uns aber nichts aus; Mia, Victoria und Sophia-Leonie sind eingesprungen.«

»Trotzdem. Es wäre Lanas und Vals Aufgabe gewesen. Ich dachte, nein, ich hoffte, sie hätten eine Lehre aus dem Fall Catia gezogen.«

Die Sache mit Catia geschah vor Charly und Elenas Zeit. Damals hatten Swetlana und Valerie eine Mitschülerin mit ausgesprochen fiesen Mitteln aus dem Internat geekelt. Allerdings waren sie so raffiniert vorgegangen, dass man ihnen nichts eindeutig beweisen konnte.

»Keine Sorge, Professor Mori«, sagte Charly beruhigend. »Wir werden mit Swetty und Val locker fertig.«

Professor Mori legte die Arme um die angezogenen Beine. »Ihr ja. Aber ich frage mich natürlich, ob unsere neue Schülerin den beiden gewachsen ist. Ich verlasse mich darauf, dass ihr die Augen offenhaltet. Einen zweiten Fall Catia will ich unbedingt vermeiden.«

»Da machen Sie sich mal keine Sorgen«, meinte Charly, und Elena nickte zustimmend. »Was wissen Sie von ihr?«

»Sie heißt Felizitas Varel, lebt mit ihren Eltern in Deutschland, ist vor Kurzem siebzehn Jahre alt geworden und eine gute Schülerin. Sie wird in eure Klasse gehen und –« Sie reckte den Hals und rückte die Brille gerade. Ein Sportwagen mit offenem Verdeck rollte in den Hof. »– kommt gerade. Sie hat also doch keine kalten Füße bekommen.« Professor Mori erhob sich, schritt würdevoll die Freitreppe hinunter – und wäre fast von einem Jungen umgerannt worden, der aus der Tür stürmte und vor Schreck über den drohenden Zusammenprall einen Armvoll Bücher fallen ließ.

Charly und Elena drehten sich um. »Hi, Vincent!«

Rot im Gesicht sammelte er Bücher auf. »Warum sitzt ihr auf der Treppe?«, erkundigte er sich.

»Unsere Neue kommt gerade an.«

»In diesem schicken Schlitten? Nicht übel«, stellte er fest und setzte sich zu den Mädchen. Zu dritt beobachteten sie die Szene im Hof.

Zuerst stieg eine schlanke, große Frau mit schulterlangen honigblonden Haaren aus dem Wagen. Sie trug eine dunkelblaue Seidenbluse zu engen Jeans, reichte Professor Mori temperamentvoll die Hand und entschuldigte sich für die Verspätung. »Am Morgen machten wir noch einen Abschiedsbesuch und dann, wissen Sie, der Verkehr ...«

Professor Mori beruhigte sie. »Nun sind Sie ja heil angekommen.«

Langsam näherte sich den beiden ein kleines zartes Mädchen.

»Die Neue«, flüsterte Charly und stieß Elena an.

Vincent zog hörbar den Atem ein. »Weiße Jeans, weißes Hemd, weiße Haare. Sieht mir nicht wie ein Sozialfall aus.« Elena schüttelte den Kopf. »Nein. Aber weiß sind ihre Haare nicht. Hell- oder silberblond, würde ich sagen.« Sie seufzte. »Lang und glatt. Und diese Farbe! Ein Traum.«

»Nur kein Neid. Komm.«

Charly und Elena sprangen die Stufen hinunter und stellten sich neben Professor Mori.

»Das sind deine Paten«, sagte die. »Sie sorgen dafür, dass du dich gut einlebst und das Leben in Villa Rosa so schnell wie möglich kennenlernst. Bei Elena und Charly bist du in den besten Händen; beide sind nach den Faschingsferien zu uns gekommen und wissen, wie wichtig Freunde sind. Carla und Elena – das ist Felizitas.«

»Ich heiße Fee.«

Der Name passte zu ihrem Aussehen. Charly lächelte und reichte ihr die Hand. »Ich bin Charly.« Die drei Mädchen musterten sich.

Sie hat geweint,dachte Elena voll Mitgefühl, während Charly das goldene Kettchen mit dem Hufeisen am Hals der Neuen auffiel. Spontan und impulsiv wie sie war, platzte sie heraus: »Reitest du?«

Fee schrak zusammen. »Ja.« Misstrauisch wandte sie sich an Professor Mori. »Sie haben das meinen ... meinen Paten schon gesagt?«

»Ich habe deine Kette gesehen«, erwiderte Charly sofort. »Das Hufeisen, weißt du.«

»Ach so ...« Schützend legte Fee die Hand über den Anhänger, dann half sie ihrer Mutter, das Gepäck aus dem Kofferraum zu laden.

»Herr Appenzell wird es auf dein Zimmer bringen«, erklärte Professor Mori und wandte sich an Elena und Charly. »Zeigt ihr Fee das Haus und ihr Zimmer? Ich möchte mich noch mit Frau Varel unterhalten. Kommen Sie, Frau Varel!«

Gemeinsam folgten die drei Mädchen Professor Mori und Frau Varel in Richtung Eingang. Vincent hatte sich noch nicht vom Fleck gerührt. Er umklammerte die Bücher und ließ die Neue nicht aus den Augen, stand aber auf, als sie an ihm vorbeiging.

»Das ist Vincent, einer deiner neuen Klassenkameraden«, sagte Charly. Vincent räusperte sich. »Hi!«, krächzte er und starrte Fee an.

»Du erkältest dich, wenn du den Mund nicht zumachst«, flüsterte Charly.

»Wie? Was?«, stammelte Vincent. »Mensch, Charly, die Neue ist ein echter Hingucker!«

»Findest du?«, entgegnete sie schnippisch und ging kichernd an ihm vorbei.

In der Halle blieb Fees Mutter stehen. Die weißen Wände und die schwarz-weißen Bodenfliesen glänzten, die Spiegel in den vergoldeten Rahmen blitzten. »Schön«, sagte sie anerkennend. »Fee, hier wirst du dich wohlfühlen.«

Als Fee ihrer Mutter folgen wollte, hielt Elena sie zurück. »Bleib bei uns, Fee, wir zeigen dir jetzt das Haus. Hier geht es zum Rektorat von Professor Mori und zum Sekretariat von Frau Rode. Links sind die Wirtschaftsräume und Frau Pudts Küche, und geradeaus –«, sie öffnete den Flügel einer breiten Glastür, »– befindet sich unser Speisesaal. Im ersten Stock und genau darüber ist unser Aufenthaltsraum, die Bibliothek und das Fernsehzimmer, rechts und links davon sind die Schulräume sowie die Appartements von Miss Reeves, unserer Englischlehrerin und von Mademoiselle Cugat, der Sportlehrerin.«

Nebeneinander stiegen sie die Treppe hinauf.

»Im zweiten Stock«, fuhr Charly fort, »sind die Zimmer der Schülerinnen von Klasse 5 bis 8, hier im dritten Stock wohnen alle ab Klasse 9. Und das –«, sie stieß die Tür auf und knipste das Licht an, »– ist dein Zimmer.«

Fee blinzelte und bog die Mundwinkel nach unten. »In dieser Kammer soll ich wohnen?«, fragte sie ungläubig. »Mein Zimmer zu Hause ist mindestens drei Mal so groß. Und wo –«, sie blickte sich suchend um, »ist das Badezimmer?«

Elena lächelte. Sie dachte daran, welche Überwindung es sie gekostet hatte, sich im Beisein anderer Mädchen unter die Dusche zu stellen. »Den Flur vor und dann links. Immer zehn Mädchen teilen sich ein Badezimmer.«

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Du wirst dich daran gewöhnen müssen«, erklärte Charly ungerührt. »Und überhaupt, Fee, hast du verdammtes Glück. Du bewohnst das Zimmer allein. Jedenfalls so lange, bis noch eine Neue kommt.«

Fee sank auf ein Bett und sah sich um. »Na ja ... Ich schätze, ich muss mich mit dem Loch hier abfinden. Was ist mit dem Bett? Muss ich das beziehen, oder haben wir hier Personal?«

»Selbst ist die Frau!« Charly lachte. »Wir wohnen direkt nebenan. Du kannst jederzeit zu uns kommen, wenn du Hilfe brauchst.«

»Danke.« Fee stand auf und ging im Raum umher. Vor dem Bücherregal, das zwischen den beiden Fenstern stand, blieb sie stehen. »Das eine Bett, der Schreibtisch hier, der Stuhl und der Schrank – wenn diese Möbel weg sind, wird's gehen.«

»Das musst du mit Professor Mori besprechen«, sagte Elena. »Die Blumen sind von uns, und das Plakat haben wir extra für dich gemalt.« Sie wartete.

Fee warf den Kopf zurück. »Nett von euch. Wie komme ich zu Professor Mori? Ach ja, ich gehe runter bis ins Erdgeschoss, stimmt's?«

»Genau. Hast ein schlaues Köpfchen.« Elena sah, dass Charly neben ihr rot anlief. Offensichtlich kochte Charly. Nachdem Fee verschwunden war, stellte Herr Appenzell das Gepäck ins Zimmer. »Na, wie ist die Neue?«

»Hochnäsig. Die Lady rechnete mit Personal«, fauchte Charly, und Elena fügte hinzu: »Die Hälfte der Möbel will sie aus dem Zimmer werfen.«

»Da wird sie bei Professor Mori aber auf Granit beißen.« Herr Appenzell schmunzelte, denn er mochte Charly und Elena. »Habt ihr euch über sie aufgeregt? Das solltet ihr nicht. Ich habe schon ganz andere Wünsche gehört.« An der Tür drehte es sich noch einmal um. »Die Neue wird sich schon einleben. Ich finde, sie passt zu uns.«

Verdutzt schauten sich Elena und Charly an. »Wie wollen Sie das wissen, Herr Appenzell?«

»Hab ich im Gefühl, und eins sag ich euch: Mein Gefühl hat mich noch nie betrogen.«

»Wenn Sie sich da mal nicht täuschen«, entgegnete Charly düster. »Herr Appenzell, es gibt immer ein erstes Mal.«

»Nicht bei der Neuen«, sagte er bestimmt.

Fee eilte den langen Flur vor, rannte die Treppe hinunter bis ins Erdgeschoss, bog nach rechts ab, stand vor einer Tür mit dem Schild Küche,drehte sich um, rannte in die entgegengesetzte Richtung, las Sekretariat,dann Rektorat,klopfte und öffnete ohne auf »Herein!« zu warten die Tür.

»Ma, mein Zimmer ist ein Witz!‹, platzte sie heraus. »Es hat nicht mal ein Bad!«

Konsterniert schaute ihre Mutter auf. Professor Mori sagte gefasst: »Bitte schließe die Tür. Und dann setzt du dich zu uns, Felizitas, und sagst uns, was dir nicht gefällt.«

»Das Zimmer ist nur 'ne Kammer. Meines zu Hause ist viel größer. Es hat einen Balkon. Und überhaupt stehen Möbel drin, die unnötig sind«, setzte sie übergangslos hinzu. »Die müssen raus.«

»Es ist ein Zweierzimmer.«

»Das sagten Elena und Charly auch. Aber ich bewohne es allein.«

»Im Augenblick ja. Das kann sich allerdings ändern, also bleiben die Möbel, wo sie sind.«

»Das sehe ich nicht ein.« Fee kreuzte die Arme vor der Brust.

»So ist's nun mal. Ich vertraue deiner Kreativität, das Zimmer im Rahmen der Möglichkeiten so zu gestalten, dass du dich wohlfühlst.« Professor Mori lächelte. »Deine Mutter hat mir soeben geschildert, dass du eine schwierige Phase hinter dir hast.«

Fee schoss das Blut ins Gesicht. »Du hast gepetzt, Ma? Wie kannst du nur!«

»Die Verantwortung für dein Verhalten trägst du«, entgegnete ihre Mutter ruhig.

Fees Atem kam stoßweise. »Aber ... aber musstest du es verraten?«

»Ich fragte deine Mutter, ob du im nahen Pferdehof reiten und dort vielleicht sogar dein eigenes Pferd unterstellen möchtest; die Möglichkeit besteht nämlich. Deine Mutter hat das verneint.« Frau Professor Mori hielt kurz inne. »Du hast ein privilegiertes, interessantes, vielleicht sogar aufregendes Leben geführt, Felizitas. In Villa Rosa geht es ruhiger zu, aber ich bin sicher, es wird dir bei uns nicht langweilig werden, dafür sorgen schon deine neuen Kameradinnen und Kameraden. Was besagte Information betrifft –«, Professor Mori schlug ein Bein übers andere, »– aus meinen vier Wänden dringt nichts hinaus. Es ist spät; werden Sie heute noch zurückfahren, Frau Varel?«

Fees Mutter stand auf. »Ich bin gern bei Dunkelheit unterwegs. Die Straßen sind nicht so voll wie am Tag. Fee –«

»Ich weiß, was du sagen möchtest, Ma«, fiel ihr Fee ins Wort. »Komm gut an. Gib Pa einen Kuss von mir. Und ...« Sie zwinkerte die Tränen weg. Vor Frau Professor Mori wollte sie sich keine Blöße geben, »... ich denke an deinen Rat.«

Ihre Mutter drückte sie an sich. »Mach's gut, mein Kleines. Sei tapfer.«

Mein Kleines! Das hatte ihre Mutter schon lange nicht mehr zu ihr gesagt. Jetzt konnte Fee die Tränen doch nicht mehr zurückhalten. »Ich bin tapfer! Und –«, sie löste sich aus der Umarmung und ballte die Fäuste, »– mutig bin ich auch!«

Langsam stieg sie die Treppe hinauf und ging im dritten Stock den langen Flur entlang. So viele Abschiede an einem Tag,dachte sie niedergeschlagen. Und alles wegen eines einzigen kleinen Schlucks. Hätte sie anders gehandelt, oder hätte sie überhaupt nichts getan, wäre sie noch zu Hause. Und würde täglich ihren Ricco umarmen. Aber ... Sie straffte die Schultern. Sie konnte nicht anders! Es musste sein! Sie würde es wieder tun!

Kapitel 3

Aus einem der Räume drang lautes Gelächter. Fee blieb stehen. Kann etwas richtig und falsch zugleich sein?, fragte sie sich und gab sich gleich selbst die Antwort. Ja! Ja und nochmals ja! Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die nassen Wangen und zog die Nase hoch. Natürlich hatte sie kein Taschentuch. Oder ... Na klar, da war doch noch Kalles Blaues mit den grauen Tupfen! Sie schnäuzte sich und sah dann, dass die Tür des Zimmers vor dem ihren nur angelehnt war. Sie lugte hinein: Elena lag schon im Bett, Charly stand noch vor dem Spiegel und cremte gerade ihr Gesicht ein.

»Hallo! Wo geht es denn nun zum Badezimmer?«

Charly schraubte die Tube zu. »Komm mit, ich zeige es dir. Du musst dich aber beeilen; Mademoiselle Cugat ist nämlich schon unterwegs. Seit zehn Minuten solltest du im Bett liegen. Hast du's denn schon bezogen?«

»Ne. Was hat das mit dieser Mademoiselle zu tun?«

»Cugat dreht ihre Runde, um zu kontrollieren, dass kein Schäfchen fehlt. Sie kann ziemlich unangenehm werden, wenn sie ein zweites Mal nachschauen muss«, erklärte Charly und griff nach Fees Arm. »Komm!«, wiederholte sie.

Fee blieb stehen. »Sag's mir einfach.«

»Okay. Zweitletzte Tür am Ende des Gangs. Brauchst du noch Hilfe?«

»Nein. Das heißt ... Wann muss ich morgen früh aufstehen?«

»Gewaschen und angezogen hast du um sieben im Speiseraum zu erscheinen. Verspätungen werden nicht geduldet. Warte mal ...« Charly kramte ein Blatt aus der Schreibtischschublade. »Das ist die Hausordnung. Wärst du früher angekommen, hätten wir dir alles erklären können.«

Fee hob die Schultern. »Ging nicht anders.«

»Na ja. Bis morgen dann. Wenn du einen Gong hörst, bedeutet das, dass du aufstehen musst. Alles klar?« Charly knallte Fee die Tür vor der Nase zu. Fee machte Katzenwäsche und verzichtete darauf, eines der beiden Betten zu beziehen. Als sie in der Dunkelheit nackt zwischen den Federn lag, wurde die Tür leise geöffnet, jemand flüsterte: »Alles in Ordnung?«

Da sie nicht antwortete, schloss sich die Tür so geräuschlos, wie sie geöffnet worden war.

Fee schob die Hände unter den Kopf und machte die Augen zu. Einige Zeit wälzte sie sich herum, zählte Schäfchen, versuchte langsam zu atmen, kniff die Augen zusammen. Es hatte keinen Sinn; sie war viel zu aufgewühlt, um einschlafen zu können.

Als sie die kleine Leselampe auf dem Nachttischchen anknipste und auf den Reisewecker – ein Geschenk ihres Vaters zu ihrem fünfzehnten Geburtstag – schaute, war es Viertel vor eins. Mist! An ihrem ersten Tag im Internat würde sie verheerend aussehen!

Sie überlegte, was sie tun könnte. Zu Hause hatte sie nie Probleme mit dem Einschlafen gehabt ... Etwas lesen? Die Hausordnung vielleicht? Du lieber Himmel, das musste nun wirklich nicht sein. Was dann? Sie ließ den Blick umherwandern. Was hatte Professor Mori gesagt? Ich vertraue deiner Kreativität, das Zimmer im Rahmen der Möglichkeiten so zu gestalten, wie es dir gefällt!

Na bitte! Was sagte ihre Kreativität? Fee setzte sich auf und schob in Gedanken die Möbel hin und her. Plötzlich lächelte sie, schlug die Decke zurück und öffnete den Koffer, in dem sie ihren Jogginganzug vermutete. Sie entdeckte ihn tatsächlich, zog ihn an, streifte dicke Socken über die Füße, denn die Nacht in den Bergen überm Genfer See war alles andere als warm, und band die langen Haare zu einem Pferdeschwanz hoch.

Dann machte sie sich ans Werk.

Zuerst rückte sie die beiden Schreibtische vor die Tür. Dann stellte sie die Stühle, die beiden hellgelb bezogenen Sesselchen und das runde Tischchen darauf, denn sie brauchte Platz. Das Tischchen balancierte auf den Stühlen und wackelte; sie hoffte, es würde nicht runterstürzen. Die Schränke mussten bleiben, wo sie waren, die bekam sie keinen Millimeter vom Fleck.

Die Betten waren ein anderes Kapitel. Übereck gestellt würden sie tagsüber eine Art Sitzlandschaft bilden, wozu sie allerdings eine weitere Tagesdecke und etliche Kissen kaufen musste. Oder überhaupt zwei ganz neue, falls sie keine entdeckte, die zu ihrer mitgebrachten passte.

Das Bett ließ sich nur schwer bewegen; Fee warf Decke, Kissen und Matratze aus dem Gestell und schob es quer durchs Zimmer. Es rumpelte ziemlich, als sie es an die Wand und unter das linke Fenster schob – und dann polterte es noch viel, viel lauter, als das runde Tischchen vom Schreibtisch stürzte.

»Verdammt! Was ist denn hier los?« Charly streckte den Kopf durch den Türspalt. »Du hast sie wohl nicht alle! Was machst du denn mitten in der Nacht?«

»Das siehst du doch. Ich stelle die Möbel um.«

Jetzt erschien ein zweites Gesicht. »Darling, ich weiß nicht, wer du bist. Aber nur zu deiner Info: Du wohnst nicht in einem Einfamilienhaus; du logierst mit vielen in einem Internat, die alle ihren Schlaf lieben.«

»Dagegen hab ich nichts«, entgegnete Fee cool. »Halte ich euch vielleicht davon ab?«

»Und ob!« Ein drittes Gesicht erschien, eines, das von dunklen Locken eingerahmt wurde. »Mach mal Platz, Sophia-Leonie.«

»Darling, das kann ich nicht. Die Tür lässt sich nicht öffnen.«

»Lasst mich vor.« Das war Elenas Stimme. »Fee, schieb die Tische beiseite, damit ich reinkommen kann.«

»Ich brauche keine Hilfe!«

»Wir sind anderer Meinung!«

Elenas Kopf verschwand, Fee hörte leises Tuscheln, dann zählte jemand bis drei. Die Schreibtische samt Stühlen und Sesselchen bewegten sich Richtung Zimmermitte, das Tischchen wurde mitgeschoben, der Türspalt weitete sich – dann standen fünf Mädchen im Zimmer. Alle in Schlafanzügen oder Nachthemden, mit verstrubbelten Haaren und roten Wangen.

»So!«, sagte Charly, stemmte die Fäuste in die Seiten und holte Luft. »Du bist neu hier, deshalb ...«

Fee unterbrach sie sofort. »Ihr hättet früher kommen sollen. Jetzt hab ich's so gut wie geschafft.« Sie stellte das runde Tischchen auf die Beine und schob es vor die Betten. »Die Sesselchen müssen hierher. Ach, und der eine Schreibtisch soll ans Fenster. Hilfst du mir, Charly?«

»Nein!«

»Komm schon, Charly, natürlich helfen wir.« Elena schubste ihre Freundin.

»Nein!«

Mia und Victoria halfen, dann stand der eine Schreibtisch vorm Fenster, der zweite, nicht gebrauchte, wurde zusammen mit dem überzähligen Stuhl ans Fußende des einen Bettes geschoben, dann lud Fee ihre Gäste mit einer einladenden Handbewegung ein, Platz zu nehmen und sagte: »Schade, dass ich euch nichts anbieten kann.«

»Kannst's ja nachholen«, sagte Elena. »Mach erst mal das Licht aus. Es muss ja nicht jede, die gerade aufs Klo geht, sehen, dass hier was los ist.«

Mia sprang auf »Ich hol 'ne Kerze.« Auf bloßen Füßen tappte sie zur Tür und – »Aber Hallo! Hast du gelauscht, Valerie? Und Lana leistet dir Gesellschaft? Das ist ja wieder mal typisch für euch.«

»Wer sind Valerie und Lana?«, erkundigte sich Fee.

Charly hob die Hand. »Moment mal ...«

»Mitten in der Nacht einen solchen Lärm zu veranstalten! Ist doch klar, dass wir wissen wollen, was hier vor sich geht«, hörten sie Vals Stimme.

»Ihr hättet klopfen können!«

»Wollten wir auch«, verteidigte sich das andere Mädchen.

»Ist das Lana?«, wisperte Fee.

Die anderen nickten.

»Die Neue ist in der Dunkelheit gegen den Schreibtisch gestoßen. Reicht das?«

»Nur gestoßen? Es hörte sich nicht so an«, spottete Val. »Mach Platz; wir wollen selbst sehen, was ...«

Fee sprang auf und stellte sich neben Mia. »Hallo! Ich bin die Neue. So sorry,dass ich euch geweckt habe. Ich hab den Lichtschalter nicht gefunden. Überhaupt kenne ich noch niemand. Außer meinen Paten natürlich. Sag mal –« Sie wandte sich an Mia. »Wer bist du eigentlich?«

Mia schaltete sofort. »Ich wohne im Zimmer nebenan und heiße Mia. Wie gesagt, ich hole dir jetzt ein Glas Wasser. Das trinkst du, dann kannst du bestimmt wieder schlafen.«

»Danke. Tut mir leid, dass ihr aufgewacht seid. Soll nicht wieder vorkommen.« Sie streckte die Hand aus. »Ich heiße Felizitas.«

Valerie und Swetlana blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls vorzustellen.

»Gute Nacht. Wir sehen uns dann morgen«, sagte Fee höflich, lehnte sich an die Wand und wartete, bis die beiden in ihrem Zimmer verschwunden waren.

»Darling, das hast du gut gemacht«, lobte Sophia-Leonie, als sich Fee neben sie setzte.

»Sind das die Schnüffler von Villa Rosa?«

»Die beiden sind ein bisschen schwierig«, erklärte das Mädchen, das immer das Wort Darling benutzte. »Übrigens – ich bin Sophia-Leonie. Das ist Victoria, und Mia holt dir das Wasser.«

»Und die Kerze«, ergänzte Victoria, stand auf und zog die Vorhänge vor. »Wir fünf sind Freundinnen.«

Als Mia zurückkam, stellte sie zuerst die Kerze auf das runde Tischchen, zündete sie an, riss einen Fetzen von einem Papiertaschentuch ab, rollte ihn zusammen, presste ihn ins Schlüsselloch und schob mit dem Fuß sogar die eine Decke vor die Tür. »So. Ich hoffe, nun dringt kein Lichtschimmer nach außen. Nächtliche Zusammenrottungen sind nämlich verboten.« Mia hatte einen Bademantel angezogen. Jetzt holte sie eine Schachtel Pralinen aus der Tasche. »Bedient euch.«

»Sind die von Sven?«, fragte Charly und griff zu.

»Ne, von meiner Großmutter.« Sie bot Fee die Schachtel an. »Such dir eine aus. Und dann erzählst du uns von dir. Wo wohnst du, und warum kommst du ausgerechnet nach den Pfingstferien zu uns? Hättest du nicht bis zu Beginn des neuen Schuljahres warten können? Oder wollen?«

»Oder dürfen?«, ergänzte Charly flugs.

»Wer sind denn nun die Schnüffler von Villa Rosa?«, protestierte Fee.

»Cool. Du bist zart wie 'ne Fee und siehst aus, als könntest du kein Wässerchen trüben. Aber mir scheint, dass dein Anblick trügt. Zumindest bist du nicht auf den Mund gefallen«, meinte Victoria anerkennend.

»Meine Mutter sagt, ich sei tollkühn.«

»So?« Charly hob den Kopf. »Du kannst keiner Herausforderung widerstehen, was?«

»Ne, darum geht es mir nicht. Ich lasse mir nur nicht die Butter vom Brot kratzen.«

»Aha. Du bist also hier, weil jemand dir die Butter klauen wollte?« Mia kicherte. »Kann ich verstehen. Da hätte ich mich auch gewehrt.«

Sophia-Leonie beugte sich vor. »Wie hast du dich denn gewehrt, Darling? Dürfen wir das wissen?«

»Ne. Das geht euch nichts an.«

»Stimmt. Private Geheimnisse gehen niemand was an«, pflichtete Elena ihr bei. »Das Gute an einem Internat ist, dass man – wenn man so viel Glück hat wie ich – eine Freundin findet, die einem beisteht, wenn man es nötig hat.«

»Darling, du enttäuschst mich«, protestierte Sophia-Leonie. »Warum sprichst du von einer Freundin, wenn du doch vier hast?«

»Mir würde eine Einzige reichen«, sagte Fee leise. Dann warf sie den Kopf zurück und wechselte das Thema. »Ich wohne in Kressbronn. Das ist eine kleine Stadt am Bodensee. Dort –«

»Du segelst?«, unterbrach sie Victoria.

»Ja, das auch«, entgegnete Fee verdutzt. »Wieso?«

»Weil wir Rosianer ein eigenes Boot auf dem See haben.«

Charly hatte aufmerksam zugehört. »Du bist ziemlich sportlich, was? Du segelst, du reitest ...«

Fee nickte. »Mein Vater hat mich aufs Pferd gesetzt, bevor ich richtig gehen konnte. Reiten ist mein Ein und Alles.«

»Hast du dein eigenes Pferd mitgebracht? Wenn ja, hast du dir, ohne es zu wissen, eine Feindin zugelegt. Swetlana reitet und meint, sie sei der Star des Sports.«

»Der Meisterchampion«, verbesserte Fee. »Die Schnüfflerin reitet? Hat sie ein eigenes Pferd?«

»Nein«, antwortete Mia entschieden. »Hat sie nicht.«

Fee nickte verständnisvoll. »Ein Pferd zu unterhalten ist nicht gerade billig. Wollt ihr ein paar Fotos sehen?«

»Darauf warten wir doch seit einer geschlagenen Stunde! Merkst du das denn nicht?« Mia schob sich eine Praline in den Mund.

Fee angelte sich ihre Handtasche und holte ein kleines Etui sowie ihr Handy heraus. »Das ist mein Ricco«, erklärte sie leise.

Fünf Köpfe beugten sich über das Display. »Ein hübsches Pferd«, sagte Mia. »Ist es ein Männchen oder Weibchen?«

Fee schnalzte mit der Zunge. »Es ist eine Fuchsstute.«

»Aha.«

»Eine Vollblutstute.«

»So?«

Fee knipste das Handy aus. »Ihr habt wohl null Ahnung von Pferden?«

Die fünf sahen sich an. »Absolut richtig. Ich zum Beispiel kann ein Schaukel- nicht von einem Steckenpferd unterscheiden«, sagte Elena. »Dass dein Ricco kein Ackergaul ist, sehe ich, aber was ein Vollblutpferd bedeutet, weiß ich wirklich nicht. Wisst ihr's?«, wandte sie sich an die anderen. Die schüttelten die Köpfe.

Fee holte tief Luft. »Also –«

Charly legte ihr die Hand auf den Arm. »Mir scheint, das wird 'ne längere Geschichte. Treffen wir uns morgen Abend wieder, Fee? Du könntest was zu trinken besorgen.«

»Gute Idee. Leute, es ist schon nach zwei Uhr! In der Früh haben wir Ringe unter den Augen und sehen fürchterlich aus.« Mia deutete auf die Pralinenschachtel. »Der Rest gehört dir, Fee. Schlaf gut!«

Als sie zur Tür ging, hielt Sophia-Leonie sie zurück. »Moment mal, Darling.« Sie blies die Kerze aus, huschte zur Tür, schob die Decke beiseite und drückte leise die Klinke nach unten. Dann drehte sie sich um. »Wartet ...« Sekunden später wisperte sie. »Alles in Ordnung. Ihr könnt kommen.«

»Nehmt ihr die Schnüfflerinnen so ernst?«, erkundigte sich Fee verwundert.

»Darling, darüber reden wir morgen.«

Kapitel 4

Montag, 19. Mai

Fünf Pralinen lagen noch in der Schachtel. Fee ließ sie sich mit Genuss auf der Zunge zergehen, kuschelte sich dann ins unbezogene Bett und schlief sofort ein.

Als sie am Morgen vom Gong geweckt wurde, kramte sie gähnend den Bademantel aus einem Koffer, suchte und fand ihre Toilettentasche und stellte sich ohne einen Gedanken an die anderen Mädchen im Waschraum zu verschwenden unter die Dusche, schließlich war sie seit frühester Jugend Mitglied im Reitverein, hatte unzählige Ferien in Trainingslagern verbracht und sich längst ans Leben mit anderen Mädchen gewöhnt. Wäre der Anlass nicht ausgerechnet ein so blödsinniger gewesen, wäre sie gerne in ein Internat gegangen, möglichst in eines, in dem man Reitunterricht nehmen konnte. Aber wie die Dinge nun mal lagen, hatten ihre Eltern daran nicht gedacht. Absichtlich wohl nicht. Sie zog die Mundwinkel nach unten. Aber sie würde sich durchbeißen, und zu Anfang des neuen Schuljahres wäre sie ja dann wieder an ihrer alten Schule – und bei Ricco.

In ihrem Zimmer herrschte totales Chaos. Mit gerunzelten Brauen suchte sie sich frische Unterwäsche, eine Jeans und einen karamellfarbenen Pulli heraus – es war kalt, fand sie. Sie bürstete die Haare, straffte die Schultern und fühlte sich nicht besonders wohl. Ihr Magen rebellierte; das tat er immer, wenn sie vor einer großen Herausforderung stand. Wie zum Beispiel damals, als sie zum ersten Mal das Springen über Hindernisse trainierte. Wenn man dem Pferd nicht im richtigen Augenblick die Hilfen zum Absprung gab, sprang es leicht falsch ab oder verweigerte den Sprung. In jedem Fall landete der Reiter im Gras und konnte von Glück sagen, wenn ihn obendrein nicht noch ein Huf traf.

Fee schlüpfte in Ballerinas, karamellfarben wie der Pulli, band die Haare im Nacken zusammen und flocht einen dicken Zopf. Dann trat sie ans Fenster. Jungs, große und kleine, strebten Villa Rosa zu. Wohnen die nicht im selben Haus,fragte sie sich gerade als es klopfte.

»Bist du fertig?«

Fee drehte sich um. »Elena, wo kommen denn die Jungs her?«

»Die wohnen in Haus Shelley. Nach dem Mittagessen zeigen Charly und ich dir die ganze Anlage. Aber jetzt beeil dich, wir sind spät dran.«

Egal, was mich erwartet,dachte Fee noch, die drei Monate stehe ich durch. Die Aussicht auf das kurze Zwischenspiel in Villa Rosa machte sie fast übermütig. Was kann mir schon groß passieren,dachte sie und folgte Elena.

Die Mädchen im Flur und Treppenhaus nahmen kaum Notiz von ihr, nur ein kleines Mädchen mit Zöpfen rannte ihnen nach. »Elena, so warte doch!«

»Hallo Annie! Wie geht es dir? Hattest du schöne Ferien in Villa Rosa?«

»Ging so. War ein bisschen langweilig ohne dich.« Annie musterte Fee ungeniert. »Bist wohl die Neue, was?«

»Ja.«

»Du hast Glück, Elena und Charly als Paten zu haben.«

»Nun übertreib mal nicht, Annie.« Elena lachte. »Anne und ihrem Freund Percy entgeht nichts. Sie sind sozusagen unsere Hausdetektive.«

»Jetzt übertreibst aber du, Elena«, wehrte Annie ab, sah aber doch ziemlich geschmeichelt aus und folgte den beiden zum Speiseraum.

Dort hätte Fee am liebsten kehrtgemacht. Dieser Lärm! Diese Geruchsmischung aus Kaffee, Kakao, heißer Milch, gebratenen Würstchen, Rührei und was nicht sonst noch allem! Das war zu viel. Das hielt doch kein Mensch aus!

Elena schien gegen Geruch und Lärm völlig unempfindlich zu sein. Unbeirrt steuerte sie auf einen Achtertisch zu, an dem Mia, Victoria, Sophia-Leonie und Charly saßen. Und zwei Jungs.

»Das ist Jem.« Elena deutete auf einen kräftigen Jungen mit kurzem blondem Haar.

»Ich bin Max«, stellte sich der zweite vor. Er schien größer als Jem zu sein. Auf jeden Fall war er schlanker, hatte dunkelbraunes lockiges Haar und sah, alles in allem, verdammt gut aus.

»Darling«, sagte Sophia-Leonie. »Max ist unser Schulsprecher und Elenas Freund. Er ist nicht zu haben; lass die Finger von ihm, wenn dir dein Leben lieb ist.«

Max lächelte. »Setz dich zu uns und kümmere dich nicht um Sophia-Leonies Geschwätz.«

»Also bist du doch zu haben?«, entgegnete Fee forsch.

Charly fiel das Marmeladebrot aus der Hand.

»Willst du mich denn?«, konterte Max herausfordernd.

Fee spielte mit einer Haarsträhne und schaute ihn prüfend an. »Nein. Danke. Im Augenblick habe ich keinen Bedarf.«

»Glück gehabt, Elena«, murmelte Victoria.

Max legte den Arm um Elenas Schultern. »Du hättest dir eine Abfuhr geholt, Fee. Ich empfehle dir Jem, wenn du einen Freund willst. Der ist zu haben.«

»Gut, dass wir den Punkt geklärt haben. Nur zur allgemeinen Info: Ladenhüter, Sonderangebote und billige Schnäppchen interessieren mich nicht; ich will das Besondere. Soll heißen: Meine Freunde suche ich mir selbst aus.« Fees Stimme war kühl und sachlich.

»Freunde?«, wiederholte Charly. »Gleich im Plural? Reicht dir nicht einer? Brauchst du gleich mehrere? Bist du unersättlich, Fee?«

»Mein Gott«, fuhr Mia auf »Müsst ihr die Neue am ersten Morgen so nerven? Lasst sie doch mal frühstücken, bevor ihr euer Spielchen mit ihr treibt!« Mia sprang auf. »Komm mit ans Büfett, Fee!«

Verdutzt stand Fee auf Als sie ein Brötchen auf den Teller legte, fragte sie: »Gehörten die Fragen zu einem Spielchen, Mia? Ich dachte, sie seien ernst gemeint.«

»Natürlich waren sie nicht ernst gemeint! Jede Neue wird erst mal in die Ecke getrieben; je eher wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, desto besser. Gerade hast du dich gut gehalten, aber vergiss nicht: Das war nur der Anfang. Mach dich auf eine Fortsetzung gefasst, ja?«

Die erste Hürde habe ich also übersprungen; jetzt werde ich die Zügel kurz halten,dachte Fee, marschierte zum Tisch zurück und lächelte liebenswürdig. »Auf zur zweiten Runde. Jem, bist du gut im Bett?«

Fassungsloses Schweigen.

Fee wartete. Dann sagte sie: »Keine Antwort ist auch eine Antwort. Ich fasse es so auf, dass du liebestechnisch gesehen eine Niete bist. Tja, da werde ich mich tatsächlich nach einem anderen Jungen umsehen müssen. Könnt ihr mir einen Tipp geben, wer meinen gehobenen Ansprüchen genügt?«

Victoria hakte sofort nach. »Wie groß sind denn deine Ansprüche?«

»Gemessen an meinen Erfahrungen sind sie nicht leicht zufriedenzustellen. Ob er –« Sie deutete mit dem Löffel auf Jem, »– mithalten kann, wage ich zu bezweifeln. Er sieht reichlich unbedarft aus. Aber vielleicht ist er lernfähig und besitzt Begabungen, von denen er bisher gar nichts weiß?«

Jem war knallrot geworden. »Wie kannst du es wagen ...!«

Fee wandte sich ihm zu. »Habe ich vorschnell geurteilt? Okay, lassen wir es auf einen Versuch ankommen. Wie wäre es gleich heute nach dem Abendessen?« Sie lehnte sich vor und fragte in vertraulichem Ton: »Wo ist man denn ungestört?«

Plötzlich lachte Max laut auf. »Eins zu null für dich, Neue! Du lässt dich wenigstens nicht einschüchtern. Gratuliere!«

Unbeschadet ins Ziel gekommen,dachte Fee erleichtert. »Ich lass mich nicht gerne verarschen.«

Charly nickte wissend. »Lieber drehst du den Spieß um, was?«

»Sagen wir es so: Ich ergreife gerne die Initiative.« Sie blickte Jem herausfordernd an. »Wie steht es mit dir? Ergreifst du auch gern die Initiative, oder lässt du dich lieber verarschen?«

Max fiel das Messer aus der Hand. »Fee«, sagte er drohend. »Das geht jetzt entschieden zu weit.«

»Findest du?« Fee schaute den Jungen an, der auf ihren Tisch zusteuerte und Max, dem Schulsprecher, einen Zettel neben den Teller legte.

»Von Professor Mori. Du sollst ihn ans Schwarze Brett pinnen«, sagte er und lächelte Fee an. »Ich bin Vincent. Wir haben uns gestern gesehen, als du angekommen bist. Willkommen in – .«

»Ob sie willkommen ist, wird sich noch zeigen«, knurrte Jem, sprang auf und rempelte ihn an, als er hastig an ihm vorbeieilte.

»Schlecht gepennt? Oder nur mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen?«, rief Vincent ihm nach. Der Junge war kräftig, ziemlich muskulös und groß; Fee schätzte, dass er sie um mindestens einen Kopf überragen würde. Er hatte strubbelige dunkelblonde Haare, ein kantiges Gesicht und sah aus, als würde er sich lieber im Freien als am Schreibtisch aufhalten.

»Du heißt Fee?«, wandte er sich an sie.

»Sie heißt zwar Fee, aber ob sie eine gute oder schlechte ist, wird sich zeigen«, antwortete Max grimmig. »Nimm dich vor ihr in Acht, Vin!«

»Aber weshalb denn?« Vincent zog Jems Stuhl heran und setzte sich.

Fee lachte. »Ich fresse kleine Jungs!«

»An mir beißt du dir die Zähne aus. Ich bin ein harter Brocken«, gab Vin schlagfertig zurück, schaute hektisch auf die Uhr und sprang auf. »Muss noch die Mathe-Hausaufgabe abpinseln. Bis später im Klassenzimmer, Fee!«

Nach dem Frühstück begleitete Elena Fee ins Sekretariat, wo Frau Rode ihr die Bücher, den Stundenplan und die Hausordnung aushändigte und sie über den Tagesablauf sowie allgemeine Regeln informierte: Nach neun Uhr kein Besuch der Jungs auf den Zimmern, Bettruhe, Lern- und Freizeiten, Aufgaben und Dienste, Namen der Lehrer und Lehrerinnen und so weiter und so fort.

Fee hörte sich alles geduldig und mit unbewegtem Gesicht an.

»Die erste Stunde hat schon begonnen. Miss Reeves, die Englischlehrerin, weiß, dass du jetzt bei mir bist. Aber nun haben wir wohl alles geklärt. Viel Glück in Villa Rosa, Felizitas.«

Fee bedankte sich und verabschiedete sich höflich. Warum soll ich mich beeilen, wenn diese Miss Reeves weiß, dass ich bei Frau Rode bin?, fragte sie sich und blieb in der Halle vorm Schwarzen Brett stehen, um die Anschläge zu lesen.

Hey!
Ich suche meine rote
Tasche und meinen grü-
nen Ordner! Falls ihr
beides findet, meldet
euch bei mir!
Laura, Klasse 12.

Suche meine
gelbe Regenjacke
und eine
gestrickte Mütze!
Annemie,
Zimmer 2.02

Fee verzog das Gesicht. Eine gelbe Regenjacke ... na ja. Aber eine gestrickte Mütze? Wie furchtbar!

AN ALLE!
Wir suchen folgende DVDs:
- Er steht einfach nicht auf dich
- Zum Glück geküsst
- 10 Dinge, die ich an dir hasse
- Sweet Home Alabama
Bitte bei uns vorbeibringen.
Danke. Robbi und Anne

An alle!
Ein Internatsbriefkasten wurde
eingerichtet!
Anonym können Anregungen,
Vorschläge und Sorgen mitgeteilt
werden, welche wir bei den Inter-
natsvollversammlungen besprechen.
Der Briefkasten befindet sich neben
dem Briefkasten für die Ausgangspost.
Wir bedanken uns für eure Mit-
teilungen, weisen aber darauf hin,
dass wir kein Verständnis für
blöde Witzchen haben.
Eure Klassensprecher

Fee nahm sich vor, die Klassensprecher hin und wieder ein bisschen zu ärgern. Ihr Blick wanderte weiter zu der Rubrik

SCHULNACHRICHTEN

Achtung!
Der Chor probt ab sofort mittwochs direkt
nach dem Abendessen im Musiksaal.
Über euer vollständiges Erscheinen freut
sich wie immer
Eure Beate

Klavierunterricht bei Frau Pech.
Immer montags ab 16 Uhr.
Gesangsunterricht bei Herrn Torelli und:
Geigenunterricht bei Herrn Torelli.
Jeweils freitags und samstags. Zeiten
werden individuell festgelegt.

Fee seufzte. Weit und breit gab's keinen Hinweis auf Reitstunden ... War ja auch nicht zu erwarten.

Sie las eine Notiz, über deren Wortlaut sie grinste. Sie hing unter Sonstiges und lautete:

Die Teeküche wird
vom Küchendienst
nach Erledigen des Küchen-
dienstes geschlossen. Falls
nicht, schicke ich kein
Essen nach oben. Grund-
sätzlich gilt: Wer die Tee-
küche benutzt, verlässt sie
sauber und ordentlich!!!
Gez. Frau Pudt

Liebe Schülerinnen
und Schüler!
In den Pfingstferien wer-
den die Fenster der
Internatszimmer geputzt.
Bitte räumt daher die
Fensterbretter frei, bevor
ihr in die Ferien reist.
Gez. Herr Appenzell

Lieber Herr Appenzell!
Jemand hat mein Alpen-
veilchen vertrocknen lassen!
Haben Sie den Topf in die
dunkle Ecke gestellt? Das
war unfair gegenüber der
unschuldigen Pflanze!
Lisa

Fee schaute auf die Uhr. Machte doch keinen Sinn, jetzt noch den Rest des Englischunterrichts abzusitzen. Warum sollte sie nicht die Gunst der Stunde nutzen, ihre Koffer auspacken und im Zimmer Ordnung schaffen?

Flugs rannte sie in den dritten Stock – und bedauerte beim Anblick des Chaos in ihrem Zimmer ihren Entschluss. Da muss ich durch,knurrte sie.

Sie vertiefte sich so in ihre Aufgabe, dass sie weder das Läuten – es war die Schulklingel –, noch das Getrappel und Gelächter wahrnahm. Als alle Kleidungsstücke, Bücher und Toilettensachen auf dem richtigen Platz standen, das Bett bezogen und die blaue Tagesdecke darüber gebreitet war, holte sie ihren Schatz aus der Reisetasche: Die Poster und Fotos der Pferde. Sie befestigte sie mit Reißzwecken an der Wand über ihrem Bett.

Jetzt gefiel ihr das Zimmer. Aber die Tagesdecke für das zweite Bett musste sein. Und einige Kissen, dachte sie, schaute auf die Uhr und griff nach dem Stundenplan auf dem Schreibtisch am Fenster. Dritte Stunde,las sie, Mathematik bei Monsieur Grandjean.

Mathe war nicht schlecht, Mathe war auf jeden Fall besser als Englisch. Fee nahm die Bücher in den Arm und suchte das Klassenzimmer der Klasse Zehn. Sie klopfte.

Ein dünner Mann mit gelblicher Gesichtshaut öffnete. »Felizitas Varel nehme ich an? Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?«

Fee stutzte. Schon wieder so ein Spielchen,dachte sie geringschätzig und straffte die Schultern. »Ich gedenke, mein Wissen zu mehren«, entgegnete sie flott.

Monsieur Grandjean hob anerkennend die Augenbrauen. »Stehe zu Diensten!« Lachend wich er einen Schritt zur Seite. »Such dir einen Platz aus ... Wie ich sehe, hast du den letzten Tisch in der Reihe am Fenster für dich allein.«

Selbstbewusst steuerte Fee den letzten Tisch an und folgte dem Unterricht ohne Schwierigkeiten. Rechts von ihr, am letzten Tisch der mittleren Reihe, saßen Vincent und ein Junge, den sie nicht kannte, vor ihr Charly und Elena. Sie sah Mias, Victorias und Sophia-Leonies Rücken, dann fiel ihr Blick auf ein Mädchen mit auffallend blondem Haar, das sie im Nacken zu einem Knoten geschlungen hatte. Neben ihr saß eine Schwarzhaarige.

Fee beugte sich vor und wisperte: »Elena, wer sind denn die beiden?« Sie zeigte auf die Blonde und Schwarzhaarige.

»Sag ich dir in der Pause!«

»Solltest du nochmals schwänzen, zu spät kommen und stören, ziehe ich meine Bereitschaft, dein Wissen zu mehren, zurück.« Monsieur Grandjean lächelte gewinnend. »Haben wir uns verstanden?«

Fee lächelte ebenso gewinnend zurück. »Ob wir uns verstanden haben, kann ich Ihnen leider nicht sagen. Nur so viel: Ich habe Sie verstanden.«

»Na, das ist doch was«, entgegnete Monsieur Grandjean munter und fuhr fort, die Tafel mit allerlei Zahlen zu füllen.

Vin hob anerkennend den Daumen; Jem schnaubte verächtlich, und die Blonde sowie die Schwarzhaarige drehten sich zu ihr um. Fee lächelte fröhlich, worauf die Mädchen die Schultern zuckten und sich wieder Monsieur Grandjeans Aufgaben widmeten.

Der Vormittag zog sich hin. Jem vermied es, sie anzusehen, was Fee geringschätzig zur Kenntnis nahm. Der Junge taugte nichts; verpatzte er den Sprung übers erste Hindernis, war er beleidigt, gab auf und brach das Rennen ab. Das war erbärmlich. Ne, Jem war definitiv nichts für sie. Vincent war ganz anders. Ich bin ein harter Brocken,hatte er gesagt. Mal sehen, ob er tatsächlich so selbstsicher war, wie es den Anschein hatte ...

Nach der letzten Stunde und noch vor dem Mittagessen drängelte sie sich zwischen Charly und Elena. »Was ist mit dieser Swetlana und Valerie? Und warum macht ihr so ein Geheimnis daraus?«

»Das ist eine lange Geschichte«, wich Elena aus und Charly fügte hinzu: »Wir erzählen sie dir, wenn wir dich heute Abend besuchen.«

Damit musste sich Fee zufriedengeben.

Während des Mittagessens saß sie wieder neben ihren Paten. Mia hatte an einem anderen Tisch neben ihrem Freund Sven Platz genommen, und Victoria hatte sich zu ihnen gesellt. Dafür saß Fee zwei älteren Jungs gegenüber, die Charly als Gordy und Poldy aus der Zwölften vorstellte und bissig hinzufügte: »Willst du dich wieder als Tugendwächter aufspielen, Poldy? Das Terrain sondieren? Oder abchecken, ob die Neue deinem Angebeteten gefährlich werden könnte?«

Poldy schien auf den Angriff vorbereitet zu sein. »Genau das ist meine Absicht«, entgegnete er ebenso bissig. »Wie man hört, ist in Villa Rosa nicht die Fee der Unschuld eingezogen. Das stimmt doch, nicht wahr?«, wandte er sich an Fee.

Eine Neuauflage des alten Spielchens,dachte Fee und verdrehte genervt die Augen. »Du hoffst wohl, du könntest mich flachlegen?« Sie taxierte ihn kühl.

Charly und Elena prusteten los, und Poldy bekam einen roten Kopf.

»Liebst du Byron?«, fragte Gordon unvermittelt.

Fee stutzte. »Sollte ich? Von dem hab ich noch nie was gehört. Ist das einer von den Jungs?«

»Gordon«, erklärte Charly noch immer lachend, »sieht aus wie Byron, lebt aber leider im falschen Jahrhundert. Byron ist ein romantischer Dichter, den Gordy verehrt.«

»Was hast du davon?«, erkundigte sich Fee sachlich.

Gordon riss die dunklen Augen auf und fuhr sich durch die langen schwarzen Locken. »Was für eine Frage! Was hast du von Schönheit? Von Empfindsamkeit? Von Seelentiefe?«

»Seelentiefe?«, wiederholte Fee gedehnt. »Wie tief ist sie? Brauchst du nur einen Schnorchel oder schon einen Tauchanzug, um bis zum Grund zu gelangen?«

Sekundenlang schwieg Gordon. Dann holte er hörbar Atem. »Du bist ungewöhnlich, Fee. Wirklich. Du bist die Fee der überraschenden Wendungen. Du imponierst mir.«

»Du hast sie ja nicht alle, Gordy«, zischte Poldy. »Die Neue hat doch 'ne Macke.«

»Mitnichten, lieber Poldy. Das, was deinem ungeschliffenen Hirn wie eine Macke erscheinen mag, ist der frische Wind, der den Staub aus dem Kopf bläst. Fee ...«

»Pass auf«, spottete Charly, »gleich fragt er dich, ob du seine Muse werden möchtest. Ich wäre da vorsichtig, Fee.«

»Vorsicht ist nicht so mein Ding, und als Muse ...« Sie lächelte Gordon an und fragte: »Bist du so berühmt wie Goethe? Oder Schiller? Nein? Heißt das, du bist erst auf dem Weg, ein Dichter zu werden?«

»So ist es. Der Weg dahin ist steil und steinig. Einem Dichter wird nichts geschenkt.«

»Nicht mal eine Muse«, bestätigte Fee. »Aber weißt du was? Falls du es nicht schaffen solltest, biete ich dir einen Job an.«

»Der wäre?«

»Pass bloß auf!« Poldy schäumte vor Wut. »Sie will dich vernaschen.«

Fee ärgerte sich. Am Morgen war ihr Mundwerk mit ihr durchgegangen; blitzschnell musste ihr Gemessen-an-meinen-Erfahrungen-sind-meine Ansprüche-nicht-leicht-zufriedenzustellen die Runde gemacht haben – und das hatte sie nun davon! Sie hatte sich als nymphomanische Verführerin geoutet, obwohl sie bisher nur einen Freund gehabt hatte, was für ein Mädchen in ihrem Alter absolut kein Rekord war. Konnte sie denn niemals ihre Klappe halten? Wurde sie einfach nicht vernünftig?

»Als Naschwerk bist du etwas ... unhandlich«, entgegnete sie leichthin. »Aber auch ich befinde mich auf einem steilen steinigen Weg und lehne eine ausgestreckte Hand nicht ab.«

»Schreibst du auch?«, erkundigte sich Gordon sofort. »Das wird ja immer besser! Zwei verwandte Seelen –«

»Du täuschst dich«, fiel ihm Fee ins Wort. »Ich reite.«

»Was hast du davon?«, konterte Gordon mit ihren eigenen Worten.

Fee hob anerkennend die Augenbrauen. »Was für eine Frage! Was hast du von Schönheit? Von Eleganz, gepaart mit Geschwindigkeit? Von der Beziehung zwischen Pferd und Reiter?«

Poldy schnaufte. »Erwartest du von Gordy, dass er dir ein Pferd kauft?«

Fee winkte lässig ab und widmete sich endlich dem Gulasch auf ihrem Teller. »Das habe ich bereits.«

Poldy kniff boshaft die Augen zusammen. »Wohl ein Schaukelpferd.«

»Ach, Poldy! Meine Messlatte liegt weit über deinem bescheidenen Maßstab.« Fee schaute ihn richtig mitleidig an und kapierte nicht so recht, weshalb er plötzlich einen feuerroten Kopf bekam.

Elena räusperte sich. »Können wir das Thema wechseln? Wegen heute Nachmittag. Wir haben Biologie und Chemie, aber zuvor wollen wir dir den Park, das Haus der Jungs, Haus Shelley, und den Pavillon zeigen. Abgemacht?«

»Gerne. Gute Idee«, sagte Fee.

Gordon ließ sie kaum aus den Augen; mehrmals forderte Poldy ihn auf, doch endlich zu essen, aber Gordon stocherte nur auf dem Teller herum, stopfte hin und wieder einen Bissen in den Mund und wartete ganz offensichtlich auf das Ende der Mahlzeit.

Kaum standen sie in der Halle, griff Gordon nach Fees Hand. »Heute nach dem Nachmittagsunterricht. Im Pavillon. Abgemacht?«

Obwohl Gordon flüsterte, hatte Poldy ihn gehört. »Komm endlich. Schmeiß dich bloß nicht an die Kleine ran, hörst du?«

Kopfschüttelnd schaute Fee den beiden nach. »Mit denen stimmt was nicht«, erklärte sie. »Ich schätze, über die beiden werden wir heute Abend auch reden müssen.«

Kapitel 5

Als Fee lernte, über Hindernisse zu springen, fiel ihrem Reitlehrer ihre ausgeprägte Fähigkeit auf, die Risiken richtig einzuschätzen.

Diese Fähigkeit machte sich auch nach dem Mittagessen bemerkbar, denn Fee überlegte sich, ob sie nicht den Nachmittagsunterricht schwänzen und sich stattdessen in Montreux einer Shoppingorgie widmen solle. Das Risiko erschien ihr völlig unbedeutend, denn nach nur einem halben Tag würde sie nicht zu ihren Eltern nach Hause zurückgeschickt werden. Das Schlimmste, was ihr passieren würde, wäre eine Ermahnung, sich an die Hausordnung und den Stundenplan zu halten. Aber kein Mensch konnte von ihr verlangen, nach ein paar Stunden über jede Kleinigkeit Bescheid zu wissen, oder?

Charly und Elena holten Fee ab, führten sie durch das Gelände. Danach gingen die beiden schon mal ins Klassenzimmer, weil Fee sagte, sie müsse noch ihre Bücher holen. Mit wehenden Haaren sprang Fee die Treppe hinauf – und das war das Letzte, was Charly und Elena von ihr sahen.

Als der Unterricht begann, war Fee noch immer nicht erschienen. Sie tauchte den ganzen Nachmittag nicht auf. Natürlich machten sich Charly und Elena Sorgen. Sie schauten in den Pausen in Fees Zimmer nach ihr und informierten schließlich Professor Mori, da sie sich Fees Verschwinden einfach nicht erklären konnten. Elena erinnerte sich an den Sportwagen mit offenem Verdeck sowie an die Erwähnung von Pferden und schloss daraus, dass Fees Familie nicht zu den Ärmsten gehörte.

»Sie wird doch nicht entführt worden sein?«, fragte sie angstvoll.

Professor Mori schloss das kategorisch aus, schickte aber nach Herrn Appenzell, der das Gelände absuchen solle.

»Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme«, erklärte sie sachlich. »Trotzdem – ich kann mir nicht erklären, was in das Mädchen gefahren ist. Den Nachmittagsunterricht zu schwänzen! Frau Rode hat ihr den Stundenplan und die Hausordnung ausgehändigt ... Ehrlich gesagt, fühle ich mich etwas überrumpelt.«

»Wir haben ihr auch die Hausordnung gegeben.« Elena biss sich auf die Lippe. »Fee wollte nur ihre Bücher holen. Am ersten Tag ist das verständlich, meinen Sie nicht, Frau Professor Mori?«

»Ihr macht euch mal keine Sorgen. Ich kümmere mich um das Mädchen.«

Als Herr Appenzell nach einiger Zeit unverrichteter Dinge zurückkam, sagte Professor Mori ihm, er möge doch am Tor warten und, sobald das Mädchen auftauche, es zu ihr schicken. »Sie lassen Fee nicht aus den Augen, Herr Appenzell«, schärfte sie ihm ein.

Fee hatte keine Ahnung, welche Aufregung ihretwegen in Villa Rosa herrschte. Sie genoss ihre Freiheit, hatte bald das schickste Einrichtungshaus am Platze ausfindig gemacht, wühlte sich begeistert durch einen Stapel hübscher Tagesdecken mit französischen Designs, wählte zwei davon aus sowie etliche Kissen, bezahlte und sagte, man möge die Lieferung in Villa Rosa abgeben.

Danach kaufte sie salzige Blätterteigstangen und eine Menge Petit Fours mit pastellfarbenem Zuckerguss, zwei Flaschen Sekt, etliche Flaschen Cola light und sowie eine Flasche Orangensaft. Auch diesen Einkauf ließ sie nach Villa Rosa transportieren. Dann bummelte sie durch die Straßen, aß an der Promenade am See einen großen Eisbecher, rief ein Taxi und fragte den Fahrer, ob es hier in der Nähe einen Reitstall gebe.

Nachdem er dies mit »Oui, Mademoiselle« bestätigt hatte, ließ sie sich dorthin fahren. Während der Fahrer auf sie wartete, schaute sie sich die Pferde an und führte ein längeres Gespräch mit dem Besitzer. Erst dann kehrte sie ins Internat zurück.

Als Fee frohgemut und guter Dinge durch die kleine Holztür neben dem großen schmiedeeisernen Tor mit den vergoldeten Lanzenspitzen schlenderte, war sie völlig überrascht, als Herr Appenzell energisch nach ihrem Arm griff. »Komm mit!«

»Aber wieso denn? Und wohin?«, protestierte Fee.

»Du hast dich nicht abgemeldet; wir haben uns Sorgen um dich gemacht.«

Aha,dachte Fee und machte sich auf die Abreibung gefasst. Doch sie täuschte sich.

Frau Professor Mori empfing sie äußerst liebenswürdig. Einladend wies sie auf das runde Besuchertischchen, das mit einer rosa Batistdecke, zwei Teetassen und einem Teller mit Gebäck sehr einladend aussah. »Nimm Platz. Trinkst du eine Tasse Tee?«

»Ja. Danke.« Brav legte Fee die Hände in den Schoß. Ein bisschen mulmig war ihr schon zumute.

»Nun? Hattest du einen schönen Nachmittag?«, erkundigte sich Professor Mori im Plauderton. »Du warst einkaufen, sagte mir Herr Appenzell. Er hat die Tüten in Empfang genommen.«

»Ich habe Ihre Empfehlung aufgegriffen und mein Zimmer nach meinen Vorstellungen gestaltet«, erklärte Fee sachlich. »Wollen Sie es sich ansehen?«

»Gerne. Etwas später, ja?« Professor Mori füllte ihre Tassen und reichte ihr die Gebäckschale. Fee griff zu. Verdammt, dachte sie, warum erklärt sie mir nicht einfach die Hausordnung, sagt, daran müsse ich mich in Zukunft halten, gibt mir eine Strafarbeit und dann ist die Sache erledigt?

Professor Mori tat nichts dergleichen. Sie plauderte über das Wetter und darüber, wie herrlich es doch sei, dass das 25-Meter-Becken hinter der Turn- und Festhalle beheizt und man daher auch bei kühlen Temperaturen schwimmen könne, berichtete vom Schulfest, das zwischen den Oster- und Pfingstferien stattgefunden habe, und dass die Ausstellung der Pappmaché-Figuren aus Herrn Crupinskis Kunstunterricht einen so großen Eindruck gemacht hätte, dass etliche Besucher sich erkundigten, ob sie zum Verkauf stünden. Sie wollte wissen, ob Fee das Mittagessen schmecke oder ob sie spezielle Wünsche und Vorlieben hätte, kam kurz auf Pferde und Reiten zu sprechen, streifte den Sportunterricht im Allgemeinen und das Ski fahren im Besonderen und zeigte sich zufrieden, dass Fee sowohl Ski fahren als auch snowboarden konnte ... Kurz, Professor Mori verhielt sich überhaupt nicht so, wie Fee es vermutet hatte. Trotzdem ließ sie sich nicht täuschen; im Gegenteil, je länger Professor Mori über Nebensächlichkeiten plauderte, desto wachsamer wurde sie. Sie ist wie ein Pferd, das erst mal lammfromm daher trottet, um dann plötzlich und unvermutet zu bocken, auszuschlagen und letztendlich den Reiter abzuwerfen, dachte sie.

Aber auch diese Vermutung bewahrheitete sich nicht. Frau Professor Mori bockte nicht, schlug nicht aus und warf sie auch nicht ab – sie schimpfte nicht mal.

Stattdessen nahm sie ihren Kalender zur Hand. »Da wir gerade so gemütlich zusammensitzen, besprechen wir Folgendes: In vier Wochen, Mitte Juni also, wird deine Klasse zur traditionellen Wanderung über den Pass aufbrechen. Ihr seid eine Woche zu Fuß unterwegs, ihr sucht euch den Weg selbst. Wenn ihr durch eine Ortschaft kommt, ergänzt ihr eure Verpflegung, denn abends kocht ihr für euch. Ihr werdet weitgehend auf euch gestellt sein. Wanderkarte ja, aber kein Handy, kein Navigationsgerät, keine Beförderungsmittel. Während dieser Woche sollt ihr euch darüber klar werden, ob ihr am Ende der Klasse 10, mit der mittleren Reife also, eure Schulzeit abschließen oder doch lieber bis zum Abitur durchhalten wollt.«

Fee beugte sich vor. »Lehrer sind keine dabei?«

Professor Mori schmunzelte. »Natürlich werden euch eine Lehrerin und ein Lehrer begleiten. Sie achten darauf, dass ihr nicht über die Stränge schlagt, und sollte tatsächlich etwas Unvorhergesehenes eintreten, werden sie euch helfen – keine Frage. Solange aber alles seinen gewohnten Gang nimmt, bleiben sie im Hintergrund.«

»Das hört sich aber total spannend an!«

»Ja, nicht wahr? Würdest du denn mitwandern wollen?« Die Frage kam ganz harmlos daher, und zunächst beantwortete Fee sie auch arglos. »Natürlich!«

Doch dann kapierte sie. Professor Mori war einen weiten Bogen geritten, jetzt kam das Hindernis in Sicht! Nun kam's darauf an, ob sie sich im Sattel halten konnte, oder ob sie in hohem Bogen abgeworfen wurde und auf die Nase fiel.

Professor Mori goss Tee nach. »Fee, ich bin mir bewusst, dass du in einer schwierigen Position bist. Die Zehner sind, mit Ausnahme von Charly und Elena, die sich sehr gut und sehr schnell eingelebt haben, seit Klasse fünf zusammen. Bei den meisten hat sich ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl entwickelt; jeder weiß, auf wen er sich verlassen kann. Du allerdings bist eine unbekannte Größe.«

»Kein Problem, Frau Professor Mori. In vier Wochen habe ich mich eingelebt«, versicherte Fee.

Professor Mori legte den Kopf schief. »Das glaube ich dir. Ich bin felsenfest überzeugt davon, dass du dich sehr rasch einleben wirst.«

»Eben. Die Klasse kann sich voll auf mich verlassen.«

»Nun ja ...« Professor Mori runzelte leicht die Stirn. »Die Frage ist aber: Kannst du dich auf die Klasse verlassen?«

»Wie bitte?« Fee kam es vor, als lande sie mit Karacho auf dem Rasen.

»Tja«, meinte Professor Mori nachdenklich und mit noch immer schief gelegtem Kopf, »nachdem du dir am Vormittag und nachmittags je zwei Schulstunden freigenommen hast, hast du das Vertrauen der Klasse in deine Verlässlichkeit verspielt. Sie werden deine Eigenmächtigkeit als Rücksichtslosigkeit auslegen und es dich spüren lassen.«

Fee schnappte nach Luft. »So habe ich das nicht gesehen.«

»Du bist in einem Internat. Die Missachtung einer Regel stempelt die, die sich an die Regel halten, zu Dummköpfen. Das ist ungerecht und tut weh. Kennst du jemand, der sich gerne Schmerzen zufügen lässt?«

Shit, dachte Fee. Jetzt bin ich nicht nur auf dem Boden gelandet, jetzt ist das Pferd auch noch ohne mich weitergaloppiert!

»In nur vier Wochen wird es schwierig werden, den Schaden gutzumachen, den du dir selbst zugefügt hast«, fuhr Professor Mori in leichtem Plauderton fort. »Solltest du also lieber auf die Wanderung verzichten wollen, kannst du selbstverständlich die Woche entweder hier in Villa Rosa oder bei deinen Eltern verbringen. Darüber unterhalten wir uns aber, wenn die Zeit gekommen ist.« Professor Mori erhob sich, womit Fee klar wurde, dass die private kleine Teestunde vorüber war.

Ganz benommen stand sie auf

»Ach, noch etwas, Fee. Herr Appenzell hat in einer der Tüten zwei Flaschen Alkohol entdeckt. Du weißt, dass Alkohol verboten ist?«

Fee schüttelte den Kopf

»Nein? Gut, dann weißt du es jetzt. Wir sehen uns beim Abendessen. Du sitzt an meinem Tisch.«

Auch das noch,dachte sie und schlich die Treppe hinauf. Noch nie war sie so elegant auf ein Fehlverhalten hingewiesen worden wie gerade jetzt. Fast bewundernd erinnerte sie sich, wie Professor Mori den Spieß einfach umgedreht hatte: Kannst du dich auf die Klasse verlassen? Puh ...

Sie hatte gerade noch Zeit, die Tagesdecken und Kissen auf die Betten zu legen, dann hörte sie auch schon den Gong, der sie zum Abendessen rief Damit sie auch ja nicht zu spät kam, stürzte sie auf den Gang, verzichtete aufs Händewaschen, raste zur Treppe – und stieß dort mit Charly zusammen.

»Mann, wo hast du bloß gesteckt! Fee, du hast uns in eine beschissene Situation manövriert! Elena und ich sind für dich verantwortlich; du kannst uns doch nicht auf der Nase rumtanzen und uns einfach im Regen stehen lassen! Was hast du dir nur dabei gedacht? Sag mir das!«

Mist! Soll ich zugeben, dass ich das Risiko falsch eingeschätzt habe? Das geht doch wirklich nicht,dachte Fee verzweifelt und stammelte etwas von Hausordnung nicht kapiert und unbedingt ein paar Einkäufe in Montreux erledigt zu haben. »Und überhaupt«, setzte sie schuldbewusst hinzu, »war ich noch nie in einem Internat. Wie soll ich wissen, wie streng es in Villa Rosa zugeht?«

Da kam sie bei Charly aber schlecht an. »Wenn jeder das tun würde, was ihm gerade durch den Kopf schießt«, wütete Charly, »könnte sich keiner auf den anderen verlassen. Wir sind aber aufeinander angewiesen. Kapier das schleunigst, dann kannst du hier ganz angenehm leben.«

»Okay. Kapiert.« Fee ließ den Kopf hängen. »Charly, ich muss an Professor Moris Tisch.«

»Klar. Das blüht jeder Neuen.«

Im Laufe des Tages war die Temperatur beträchtlich gestiegen. Die Terrassentüren standen auf, und im Kamin, vor dem der Lehrertisch stand, brannte verständlicherweise kein Feuer. Als Professor Mori Fee sah, winkte sie ihr und zeigte auf den Stuhl an ihrer linken Seite.

»Guten Abend«, sagte Fee höflich und setzte sich. Ihre Eltern gaben häufig Einladungen; sie war es gewohnt, mit Unbekannten Konversation zu treiben und wandte sich daher an den Mann, der neben ihr saß. »Ich heiße Felizitas Varel und bin seit gestern in Villa Rosa.«

»Sieh an, die Neue mit dem aufregenden Privatleben.« Ihr Nebensitzer grinste spöttisch. »Die Jungs sind deinetwegen komplett aus dem Häuschen.«

Fee wurde rot. »Ich habe mich missverständlich ausgedrückt.«

»Entschuldige, Colin«, sagte die Lehrerin mit den weißblonden Haaren, die Fee gegenübersaß. »Das hab ich jetzt nicht mitbekommen: Weshalb sind die Jungs ganz aus dem Häuschen?«

»Im Sportunterricht gab es nur ein Thema: Die Neue«, antwortete ihr Nebensitzer lachend. »Übrigens: Ich bin Sportlehrer. Brent, nicht Bond ist mein Name. Und das«, er deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf die Weißblonde, »ist die Sportlehrerin der Mädchen, Mademoiselle Cugat. Fährst du Ski?«

»Jetzt im Sommer?«, erwiderte Fee verdutzt.

»Nein. Generell.« Mister Brent und Mademoiselle Cugat warteten gespannt.

Fee nickte unbefangen. »Das ist unvermeidlich, wenn man im Voralpenland aufgewachsen ist. Ich komme aus Kressbronn am Bodensee; da sind die Berge nicht weit entfernt.«

»Gut.« Mademoiselle lächelte sie an. »Das gefällt mir. Und welchen Sport treibst du sonst noch?«

»Ich reite«, erwiderte Fee bescheiden.

»Oh.« Mister Brent hob den Kopf. »Nur so ein bisschen zum Vergnügen oder richtig ernsthaft?«

»Ich reite ernsthaft. Nach dem Abitur werde ich Pferde und Reiten zu meinem Beruf machen.«

Während der letzten Sätze hatte Professor Mori aufmerksam zugehört. »Welche Berufe gibt es denn auf diesem Gebiet?«

Fee setzte zu einer längeren Erklärung an. »Nach einer dreijährigen Lehre als Pferdwirtin mit Schwerpunkt Zucht und Haltung oder Schwerpunkt Reiten stehen einem einige Möglichkeiten offen. Seit wenigen Jahren gibt es weibliche Jockeys, es gibt Trainerinnen und Züchterinnen, und man kann sogar einen Job an der Wiener Hofreitschule bekommen. Aber ...«, Fee legte die Serviette über ihre Knie, »... in allen Bereichen sind die Plätze rar und die Anforderungen ziemlich hoch. Trotzdem, egal wie hoch die Hindernisse sind, für mich steht fest ...«, sie nahm sich etwas Salat, »... dass ich nur einen Beruf ergreife, der mit Pferden zu tun hat.« Fee schlug das eine Bein übers andere, dabei stieß sie versehentlich an Mister Brents Knie. »Sorry! Das wollte ich nicht.«

»Keine Ursache.« Mister Brent lächelte, und zum ersten Mal schaute Fee ihn genauer an. Sportlich sah er aus, muskulös und durchtrainiert. Er hatte ein braun gebranntes Gesicht, blaugrüne Augen, eine kräftige Nase und helles, von der Sonne gebleichtes Haar, und wenn er lächelte – so wie jetzt gerade – fand sie ihn viel attraktiver als alle Jungs, die sie bisher in Villa Rosa gesehen hatte. Dass er beträchtlich älter war als sie, erhöhte noch seinen Reiz.

Sie stutzte. War sie gerade dabei, ihren Fehler zu wiederholen? Sie schüttelte den Kopf: Niemals! Sie doch nicht!

»Als Jockey muss man auf sein Gewicht achten«, sagte er plötzlich und fügte nachdenklich hinzu: »Man hat mir gesagt, das sei ein Beruf mit hohem Unfallrisiko, den man auch nur wenige Jahre ausüben kann. Stimmt das, Fee?«

»Ja. Von Ausnahmen abgesehen, scheidet ein Jockey mit Ende dreißig, Anfang vierzig gewöhnlich aus. Die Reaktionsgeschwindigkeit und die Fähigkeit des Körpers, sich rasch zu regenerieren, lassen nach.«

Colin Brent deutete auf den Salat auf ihrem Teller. »Schmeckt es dir nicht oder übst du dich schon jetzt darin, dein Gewicht zu halten?«

»Weder – noch.« Sie blinzelte zu Professor Mori hinüber, aber die unterhielt sich gerade mit der Lehrerin zu ihrer Rechten. Fee beugte sich nach links und flüsterte Mister Brent ins Ohr: »Ich war sehr unartig. Ich habe mich unentschuldigt davongeschlichen und mir in Montreux einen tollen Eisbecher genehmigt.«

»Der extra gut geschmeckt hat?«, flüsterte er zurück.

»Klar. Weil lauter leckere Früchtchen drin waren«, wisperte Fee mit unschuldigem Augenaufschlag.

»Leckere wenngleich verbotene Früchtchen?« Mister Brent hob die Augenbrauen.

Mademoiselle Cugat hatte von ihrem leisen Zwiegespräch nichts mitbekommen. »Und was macht ein Jockey Ende dreißig?«, erkundigte sie sich jetzt.

»Er kann Trainer werden, bleibt eben nur Pferdewirt oder arbeitet in einem Gestüt.«

»Pferdewirt? Heißt das Füttern, Stall ausmisten, Hufe auskratzen und so?«

»Na ja, dafür sind eigentlich die Lehrlinge da. Es gibt so viele Aufgaben auf einem Gestüt, dass ein Pferdewirt wirklich ausgelastet ist.«

»Zum Beispiel?«

»Wenn sich ein Gestüt aufs Züchten spezialisiert und genetisch wertvolle Hengste besitzt, sorgt er dafür, dass entsprechend ausgewählte Stuten zum Besamen angeliefert werden. Es gibt«, sie blickte Mister Brent verschwörerisch an, »den Beruf des Besamungswarts.«

»Du lieber Himmel! So genau wollte ich es eigentlich nicht wissen«, meinte Mademoiselle Cugat und wandte sich ihrer Kollegin zu.

Fee nahm sich ein Brot und etwas Aufschnitt und fragte: »Mister Brent, Sie unterrichten wohl nur die Jungs?«

»Richtig. Für euch Mädchen ist Mademoiselle Cugat zuständig und ich versichere dir, sie ist sehr gut.«

»Ja. Klar. Trotzdem ...« Fee schob ein Stückchen Brot auf dem Teller hin und her. »Ich würde gerne bei Ihnen Unterricht haben.«

»Das ist unmöglich«, erwiderte Mister Brent sofort. »Unsere Aufgaben sind eindeutig verteilt.«

»Sie spielen nicht mal Tennis? Oder –« Fee runzelte die Stirn. »Ich habe gehört, dass das Internat ein Segelboot besitzt. Segeln Sie nur mit den Jungs oder auch mit Mädchen?«

Bevor Mister Brent antworten konnte, erhob sich Professor Mori und wartete, bis die Gespräche verstummt und im Speisesaal Ruhe eingekehrt war.

»Liebe Rosianerinnen und Rosianer«, begann sie. »Als ich euch gestern nach den Pfingstferien wieder in Villa Rosa willkommen hieß, konnte ich euch eure neue Mitschülerin nicht vorstellen. Besondere Umstände führten zu ihrem verspäteten Eintreffen. Aber nun ist sie da, und ich bitte dich, aufzustehen, Felizitas.

Felizitas Varel wird in die Klasse zehn gehen, und wie immer bitte ich euch, ihr das Einleben nicht zu erschweren, sondern alles zu tun, damit sie sich in unserer Gemeinschaft wohlfühlt.

Felizitas' Paten sind Charly und Elena; die beiden haben heute Nachmittag einen gehörigen Schreck bekommen, denn Fee war spurlos verschwunden. Sie hatte die Hausordnung nicht sorgfältig gelesen und war nach Montreux gegangen.

Felizitas weiß inzwischen, dass unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht kein angemessenes Verhalten ist. Bitte helft ihr, dass sie sich bei uns zurechtfindet. Ich verlasse mich auf euch. In diesem Sinne wünsche ich euch einen angenehmen Abend und fröhliches Lernen.«

Fee war aufgestanden und hatte Professor Moris Rede ohne eine Miene zu verziehen gelauscht. Auch das hatte sie gelernt: Sich zusammenzunehmen und sich in der Öffentlichkeit möglichst keine Blöße zu geben.

Damals, als sie als Siebenjährige an ihrem ersten Pony-Wettbewerb teilgenommen hatte, war ihr kleines Pferdchen als Letztes ins Ziel geschlichen. Es hatte keinen guten Tag gehabt, außerdem hatte sie es zu Anfang so heftig gefordert, dass ihm schon nach der Hälfte der Strecke die Kräfte ausgingen.

Sie hatte vor Zorn und Enttäuschung geweint, aber ihr Vater hatte kein Mitleid gezeigt. »Der Reiter kennt die Ausdauer und Kraft seines Tieres. Er muss dafür sorgen, dass es seine Stärke vernünftig einsetzt. Obwohl du die Strecke und dein Pony kanntest, wolltest du mit dem Kopf durch die Wand. Das war dumm, Fee. Du verdienst kein Mitleid.«

Die harten Worte waren ihr eine Lehre gewesen. Nie mehr hatte sie geweint; wenn sie bei einem Wettbewerb nicht als Siegerin hervorging, nahm sie sich zusammen und zeigte ihre Enttäuschung nicht zu deutlich. Die Selbstbeherrschung kam ihr jetzt zugute.

Kapitel 6

Nach dem Abendessen kam Fee gerade dazu, wie Sophia-Leonie Vincent abwimmelte, der auf dem Flur auf Fee wartete. »Sie hat jetzt keine Zeit für dich, Vin.«

Fee warf ihm einen langen Blick zu, ließ sich aber von Sophia-Leonie abschleppen.

»Darling, kann Emily mitkommen? Sie wohnt mit Victoria in einem Zimmer.«

»Klar. Das Blöde ist nur ...« Fee zögerte. »Ich habe Saft und Cola light besorgt. Den Sekt hat Herr Appenzell konfisziert; keine Ahnung, wo er ihn versteckt hat; vermutlich trinkt er ihn selbst.«

»Waas hast du besorgt? Sekt? Mensch, Fee, du hast die Hausordnung tatsächlich nicht gelesen, was?«

Fee schüttelte den Kopf

»Na, das solltest du schleunigst nachholen. Alkohol auf dem Zimmer ist so ziemlich das Letzte, was du dir erlauben darfst. Wenn du wüsstest –« Sie schaute sich um und deutete auf Poldy und Gordon, die gerade aus dem Speisesaal kamen. »Die beiden hatten vor Kurzem eine Woche Internatsverbot, weil sie heimlich getrunken haben.«

»Okay. Ich denk dran: Kein Alkohol auf dem Zimmer«, sagte Fee ungeduldig. »Alles andere ist erlaubt, was?«

»Mit Ausnahme von Drogen und Zigaretten.«

»Ich rauche nicht«, erwiderte Fee entrüstet.

»Das ist schon mal gut. Aber okay. Wir kommen. Bis dann, Fee!«

Und sie kamen. Jede brachte ein Glas mit und stürzte sich sofort auf das Gebäck. »Du hast dich mächtig in Unkosten gestürzt«, meinte Emily, die klein, rundlich und dunkelhaarig war. Sie griff nach einem Petit Four mit pastellfarbenem Zuckerguss und einem kandierten Veilchen obenauf. »So luxuriös lieben wir den Feierabend.« Sie deutete auf die neuen Decken und Kissen. »Schick. Sag mal, die Pferdebilder an der Wand ... Wenn Swetlana die sieht, bekommt sie die Krise. Aber echt.«

Swetlana war eine der beiden Schnüfflerinnen, erinnerte sich Fee. »Sie und Valerie seien schwierig, habt ihr gesagt. In welcher Beziehung sind sie schwierig?«

»Das ist eine lange Geschichte«, antwortete Victoria gedehnt.

»Ja, das habt ihr schon mal angedeutet. Jetzt seid ihr hier und habt den ganzen Abend Zeit, mich aufzuklären. Also?«

»Valerie und Swetty hängen zusammen wie Pech und Schwefel. Bevor die beiden kamen –«, Mia zeigte auf Elena und Charly, »war Lana die Klassenbeste.«

»Sie ist absolut ehrgeizig, musst du wissen«, fügte Victoria hinzu. »Ihre Eltern sind wirklich nur zum ... du weißt schon. Wir nehmen an, dass sich Lana vom Geld ihres Stiefvaters unabhängig machen will und eine Freistelle anstrebt.«

»Außerdem lernt sie mit Val. Ohne ihre Unterstützung wäre Val schon längst nicht mehr hier. Sie ist nämlich nur in Sport eine Leuchte.«

»Bis Elena auftauchte, war sie die beste Skiläuferin«, ergänzte Victoria Mias Erklärung.

»Nun ist sie die Zweitbeste?«, fragte Fee.

»Ja.«

»Das alles erklärt aber nicht, weshalb sie schwierig ist. Ich meine, wenn ich plötzlich eine ernstzunehmende Konkurrenz bekomme, muss ich mich entweder besonders anstrengen, um noch besser zu werden, oder ich muss mich mit dem zweiten oder dritten Platz zufriedengeben.«

»Klar, Darling. Momentan bleibt ihr auch nichts anderes übrig.«

»Ich verstehe noch immer nicht ... Ehrgeiz ist doch nichts Schlimmes.«

»Nein, natürlich nicht. Wir erklären dir ja nur, dass die beiden wie die Verrückten miteinander lernen und wir nicht verstehen, weshalb Lana Val so unterstützt. Vielleicht kommst du ja hinter das Geheimnis.« Mia lachte.

»Warum fragt ihr sie nicht einfach?«, schlug Fee vor.

Alle lachten. »Wir haben sie natürlich schon gefragt! Aber die einzige Antwort, die wir bekamen, war –«

»Die beiden taten so, als würden sie plötzlich unsere Sprache nicht mehr verstehen. Wir lernen miteinander – na und? Man muss sich gegenseitig helfen – oder etwa nicht?« Victoria rollte mit den Augen. »Ne, mit Fragen kommt man ihnen nicht bei. Außerdem geht es auch nicht nur ums Lernen.«

»Sondern?«

Plötzlich schaltete sich Charly ein. »Vor Elenas und meiner Zeit haben die beiden ein Mädchen aus Villa Rosa gemobbt. Also sei vorsichtig und pass auf, dass dir nicht dasselbe geschieht. Wenn du dich über sie ärgerst oder dir was unverständlich ist, komm einfach zu uns, ja? So, und nun erklär uns mal die Fotos, die du an die Wand gepinnt hast. Gehören die Pferde euch?«

»Schön wär's!« Fee stand auf und zeigte auf ein großes Farbfoto. »Das hier ist Ricco. Ricco ist unser Pferd.«

»Und der Mann, der es am Zügel hält, ist dann wohl dein Vater?«, erkundigte sich Emily. »Obwohl ... dazu scheint er mir ein bisschen jung zu sein, oder?«

»Mein Vater ist das nicht. Das ist der Jockey.«

»Darling! Willst du uns damit sagen, dass ihr einen echten Jockey angestellt habt?«

»Quatsch! Im Allgemeinen sind Jockeys Freiberufler. Der Besitzer des Pferdes (also wir) ruft vor einem Rennen einen Jockey an und erkundigt sich, ob er an einem bestimmten Termin frei ist und das Pferd reiten will.«

»Aha. So einfach ist das.«

»Sooo einfach ist es nun auch wieder nicht. Ein guter Jockey wird sich nach dem Pferd erkundigen, jedenfalls, wenn es noch jung und unbekannt ist. Wenn es ein gutes oder sehr gutes Pferd ist und in einem guten Stall trainiert wird, sagt er zu. Wenn das Pferd nur so lala und er ein berühmter Jockey ist, wird er abwarten, ob er ein besseres Angebot erhält.«

»Wie ist euer Pferd? Gut oder nur so lala?«, wollte Victoria sofort wissen.

»Ricco ist ein echter Vollblüter, ein Rennpferd. Er hat sich noch besser entwickelt, als mein Vater vermutete, und wenn er so weitermacht, wird er mal ein sehr berühmtes Rennpferd werden«, sagte Fee stolz. »Seht mal ...« Sie deutete auf ein kleines Foto, auf dem sie strahlend neben einer Stute und einem gerade erst geborenen Fohlen im Stroh saß. »Ich war bei Riccos Geburt dabei.«

»Cool.«

»Ja. Es war ein Erlebnis, das kann ich euch sagen.« Fee strahlte. »Seit seiner Geburt war ich jeden Tag bei ihm. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr er mir fehlt.«

»Hol ihn doch her«, schlug Victoria vor. »Hier in der Nähe haben wir einen Pferdehof; da könntest du ihn einquartieren.«

»Das geht nicht«, wehrte Fee entschieden ab. »Der Mann hat nur Warmblüter und Ponys im Stall.«

»Sag bloß! Du warst schon dort?«

»Na klar.«

»Hat er keinen Platz mehr frei?«

»Ihr habt wirklich keine Ahnung, was?« Fee runzelte die Stirn. »Okay. Erstens. Ein Vollblüter ist sehr, sehr teuer. Den stellt man nicht in einen unbedeutenden Pferdehof. Warum? Weil ein edles Pferd eine spezielle Unterkunft mit speziellem Futter, speziellem Training und speziell ausgebildeten Trainern braucht. Schließlich will man mit einem solchen Pferd Geld verdienen, und das –«

»Indem man es nach einigen Jahren weiterverkauft?«, erkundigte sich Charly.

»Ja, das ist eine Möglichkeit. Die zweite ist, es Rennen laufen zu lassen. Entweder Hindernisrennen oder Flachrennen – das sind solche ohne Hindernisse. In beiden Fällen muss das Pferd täglich trainiert werden.«

Elena hatte gebannt zugehört. »Hast du Ricco trainiert?«

»Das kann ich nicht! Zuerst habe ich Ricco natürlich versorgt; ich habe seinen Stall ausgemistet, sein Fell gebürstet, seine Hufe poliert, mit ihm gespielt und zugeschaut, wie er mit seiner Mutter und den anderen Fohlen auf der Weide graste.« Sie lächelte. »Er war ja so süß! Fohlen haben im Verhältnis zum Hals sehr lange Beine; sie kommen nur ans Gras, wenn sie die Beine spreizen, schließlich sollen sie erst mal Milch saugen. Das ist ganz toll, sag ich euch. Je mehr sich aber der Hals streckt, desto besser kommen sie ans Gras und desto weniger Milch trinken sie. Die Natur hat das echt genial eingerichtet. Na ja, ich will euch nicht langweilen.«

»Darling, du langweilst uns überhaupt nicht«, versicherte Sophia-Leonie und schraubte die zweite Colaflasche auf. »Wie ging es mit deinem Ricco weiter?«

»Seine Mutter wurde verkauft, und Ricco wurde als Jährling eingeritten, das heißt, er kam zuerst an die Longe und musste sich daran gewöhnen, im Kreis hinter den anderen Jährlingen herzulaufen. So beginnt das Einreiten und Training.« Sie deutete auf das Foto neben dem, das Ricco nach seiner Geburt zeigte.

»Nach und nach musste er sich ans Zaumzeug, einen Sattel und einen Reiter gewöhnen. Dann kam er in die Obhut des Trainers unseres Reitstalls.« Sie deutete auf ein drittes Foto. »Das ist er vor seiner Premiere, dem ersten Rennen als Zweijähriger. Er wurde Zweiter, was eine ganz tolle Leistung war.«

»Wie alt ist er jetzt?«

»Ricco ist ein Dreijähriger«, antwortete Fee kurz und wandte sich ab. »Greift zu! Oder schmeckt euch das Gebäck nicht?«

»Es ist echt super«, versicherte Elena. »Stimmt es wirklich, dass du das Pferd jeden Tag besucht hast?«

Fee nickte.

»Dann verstehe ich nicht, weshalb du zu uns gekommen bist. Hattest du Probleme in deiner alten Schule, weil du zu oft bei Ricco warst und zu wenig gelernt hast?« Mia kniff ein Auge zu. »Sag's uns. Haben dich deine Eltern zu uns geschickt, weil du sonst eine Ehrenrunde gedreht hättest?«

»Das geht dich nichts an«, fuhr Charly auf »Mia, du bist unerträglich neugierig.«

»Man wird sich doch erkundigen dürfen«, entgegnete Mia mit unschuldigem Augenaufschlag.

Auf die Frage war Fee gefasst. »Warum soll Mia nicht wissen, weshalb ich zu euch gekommen bin?«, erwiderte sie ganz locker. »Klar hab ich die Schule vernachlässigt. In Mathe und in den naturwissenschaftlichen Fächern war ich ganz gut; aber da, wo ich hätte lernen müssen, in Geschichte, in Englisch und Französisch, hab ich Mist gebaut.« Sie zuckte die Schultern. »Selbst schuld.«

»Deshalb haben deine Eltern gedacht, dass ein bisschen Abstand zwischen dir und deinem Pferd die einzige Möglichkeit ist, damit du das Abi vielleicht doch schaffst«, kombinierte Victoria.

»So ähnlich wird's gewesen sein«, meinte Fee leichthin. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Elena Charly anschaute und fast unmerklich den Kopf schüttelte.

»Sag mal«, meinte Elena dann, »warst du schon auf einem Rennplatz und hast dir ein Rennen angeschaut?«

»O ja!«

»Dann berichte mal, Darling.« Sophia-Leonie stopfte sich zwei Kissen in den Rücken und zog die Beine an. »Waren das solche, wo die Damen ausgeflippte, wagenradgroße Hüte trugen?«

»Nicht alle, aber manche schon. Aber ich hab mich natürlich mehr für die Pferde als für Mode interessiert.«

»Schade. Trotzdem – wie läuft es so auf der Rennbahn ab? Schieß los, du hast unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.« Mia lehnte sich an Sophia-Leonie und hob ihr Colaglas. »Auf dein Wohl, Pferdefreundin!«

Fee lachte. Dann runzelte sie die Stirn. »Wie läuft ein Renntag ab?«, wiederholte sie. »Nehmen wir mal an, das Rennen findet in Iffezheim statt. Ihr kennt Iffezheim?«

Die Mädchen schüttelten den Kopf, nur Elena, die aus Heidelberg kam, sagte: »Das liegt in der Nähe von Baden-Baden.«

»Richtig. Da ist die Rennbahn. Wenn das Pferd nicht zu weit entfernt untergebracht ist, wird es am Morgen im Pferdetransporter hingefahren, natürlich erst, nachdem es gestriegelt wurde, bis das Fell glänzt, die Mähne geflochten, der Schweif gerade geschnitten und die Hufe poliert wurden.«

»Wird es denn nicht auch gefüttert?«, erkundigte sich Charly.

»Vor einem Rennen bekommt es nur eine kleine Portion und ganz wenig Wasser. Ein Vollblut ist intelligent; es weiß, was das bedeutet«, erklärte Fee. »Da das erste Rennen um die Mittagszeit angesetzt ist, wird das Pferd entweder vor oder nach dem Transport etwas bewegt –«

»Etwas bewegt?«, wiederholte Emily verdutzt.

»Es wird geritten, aber nicht so, dass es sich verausgabt. Nur, dass sich die Muskeln lockern. Auf der Rennbahn sind die Sattelboxen, in denen, wie es der Name sagt, die Pferde vor den Rennen gesattelt werden. Aber das geschieht natürlich erst, nachdem der Jockey ausgewogen wurde.«

»Was hat das mit den Sätteln zu tun?«, fragte Elena verständnislos.

»Ein Jockey sollte plus minus i, 6o m groß und nicht mehr als 52 kg wiegen. Das zu reitende Gewicht setzt sich aus Körpergewicht, Reitkleidung, Sattel, Satteldecke, Zaumzeug und Gurten zusammen. Wenn also der Jockey im Waage-Raum ausgewogen wurde, wird das Pferd gesattelt und zum Führring geführt. Das ist ein abgegrenzter ovaler Bereich. In der Mitte ist eine Rasenfläche, um die sich ein schmaler Weg für die Pferde befindet, auf dem sie vor den Rennen vorgestellt werden. Begrenzt wird das Ganze von einer Barriere, hinter der die Zuschauer stehen. Die wollen schließlich die Pferde aus der Nähe sehen und beobachten, wie sie sich bewegen. Es ist ein toller Anblick, wenn man die Vollblüter so hintereinander hergehen sieht!«

»Da möchte ich auch mal dabei sein«, meinte Sophia-Leonie sehnsüchtig. »Darling, kannst du uns mal einladen, wenn dein Ricco ein Rennen läuft?«

Fee zuckte die Schultern. »Mal sehen ... jedenfalls: Im Führring selbst stehen die Besitzer der Pferde, die Trainer, die Leute von der Presse und von der Rennleitung. Die kontrollieren, ob ein Pferd zum Beispiel Scheuklappen trägt, wenn das angegeben wurde. Tja, und schließlich kommen die Jockeys. Das sind echte Stars, kann ich euch sagen. Und sie verhalten sich auch so«, fügte Fee hinzu und konnte eine gewisse Bitterkeit in der Stimme nicht vermeiden Und schon wieder tauschten Elena und Charly Blicke aus – verdammt!

Möglichst unbekümmert fuhr Fee fort. »Jeder Jockey trägt enge Reithosen, ganz leichte Reitstiefel, ein seidenes Blouson in den Farben des Besitzers –«

»Was heißt das?«, unterbrach sie Mia.

»Bei der Geschwindigkeit, mit der die Pferde über die Bahn jagen, erkennst du keine Gesichter«, erklärte Fee. »Damit man sie unterscheiden kann, hat jeder Besitzer eigene Rennfarben fürs Blouson, das der Jockey im Rennen trägt – Türkis mit einem großen Stern in Pink, oder Grün mit Lila, oder Schwarz mit gelben Rauten etwa.«

»Welche Farben habt ihr?«, wollte Victoria wissen.

»Grau mit roten Rauten. Nachdem die Pferde also einige Male herumgeführt wurden, kommt das Signal zum Aufsitzen. Die Jockeys werden aufs Pferd geworfen.«

»Hmm«, machte Mia. »Klar. Das muss man sich vorstellen, als würde man einen Ball über den Zaun werfen.«

»Das ist der offizielle Ausdruck«, protestierte Fee. »Ein Rennpferd hat es nun mal nicht gerne, wenn einer wie eine Spinne an ihm hochkrabbelt. Deshalb faltet der Trainer oder manchmal auch der Besitzer die Hände, der Jockey setzt einen Fuß auf und schwingt sich auf den Rücken des Pferdes. Je leichter er ist, desto eleganter und flotter bekommt er das hin. Ist ja klar, oder?«

»Okay. Und dann geht die Post ab, was?«

»Noch nicht. Zuerst reitet der Jockey ein paar Mal im Führring, danach geht es zur Startstelle, wo sie in die Startboxen geführt werden. Auf ein Signal öffnen sie sich, und die Pferde galoppieren los.«

»Spannend.« Victoria gähnte. »Du musst uns unbedingt mal mitnehmen, Fee. Versprochen?«

»Das kann ich nicht. Die Entscheidung liegt bei meinen Eltern. Die Eintrittskarten sind teuer.«

»Fünfzig Euro?«, fragte Mia sofort. »Oder mehr?«

»Je nach Platz kostet eine Karte bedeutend mehr. Den genauen Preis weiß ich aber nicht, weil ich den Betrag noch nie vom Taschengeld bezahlt habe.«

»Das lassen wir ganz locker auf uns zukommen, nicht wahr? Gib uns einfach Bescheid, wenn dich deine Eltern mal besuchen. Dann kreuzen wir auf und ich sag dir, Fee, der geballten Ladung unseres umwerfenden Charmes kann dein Vater nicht widerstehen.« Mia lachte. »Leute, wisst ihr, wie spät es ist? Zeit, die Zähne zu putzen. Seit einer Viertelstunde befindet sich Mademoiselle Cugat auf dem Kriegs- beziehungsweise Aufsichtspfad.«

»Moment mal, ich muss euch noch den Rest zeigen!« Fee deutete rasch von einem Foto aufs nächste. »Da seht ihr den Führring, hier ist der Absattelplatz, hier geht es zur Waage – das ist der Raum, in dem die Jockeys vor und nach den Rennen ausgewogen werden. So, jetzt wisst ihr Bescheid, wie es auf einem Rennplatz aussieht.«

»Ausgerechnet das letzte Foto hast du ausgelassen.« Sophia-Leonie runzelte die Stirn und deutete auf den abgebildeten Jockey, der einen Blouson in Grau mit roten Rauten trug und lachend neben Ricco stand.

»Verdammt gut sieht der Mann aus«, stellte Sophia-Leonie weiter fest. »Wie heißt er denn, Darling?«

Gerade griff Fee nach ihrem Glas. Sie zuckte zusammen, das Glas fiel um, und die braune Colabrühe schwappte übers Tischchen und floss auf den Fußboden.

»Mist aber auch!«, rief Fee. »Kann mir mal eine ein paar Papiertaschentücher reichen?«

Sie tupften die Flüssigkeit auf

»Jetzt wird es aber wirklich Zeit«, drängte Victoria.

Fee warf die nassen Tücher in den Papierkorb. »Wir haben aber noch nicht mal über die Hälfte der Themen gesprochen«, protestierte sie. »Morgen Abend müsst ihr unbedingt wiederkommen!«

»Machen wir«, antwortete Mia bereitwillig. »Nur jetzt ...« Da klopfte es auch schon und Mademoiselle Cugat stand in der Tür. »Aber Hallo!«

»Fee hat ihren Einstand gefeiert«, beeilte sich Mia zu erklären, indem sie auf die Gläser und die leeren Tüten deutete. »Wir sind dann mal weg, Mademoiselle Cugat! Im Prinzip liegen wir schon im Bett.«

Mademoiselle Cugat kreuzte die Arme vor der Brust. »Dann mal los, aber ein bisschen plötzlich!«

Die Mädchen schnappten sich die Gläser und verschwanden. Nur Sophia-Leonie flüsterte Fee noch zu: »Darling, der Jockey sieht einfach süß aus; in den könnte ich mich sofort verlieben. Wie heißt er? Ist er so cool, wie er aussieht?«

Kapitel 7

Nachdem ihr Mademoiselle Cugat eine gute Nacht gewünscht hatte, legte sich Fee ins Bett, stand aber bald wieder auf, da sie einfach nicht einschlafen konnte, und stellte sich ans Fenster. Plötzlich hörte sie Stimmen aus dem Zimmer nebenan; offensichtlich hielten Elena und Charly noch einen nächtlichen Plausch ab.

»Was hältst du von der Neuen?«, kam Charly gleich zur Sache. »Ich finde ja auch, dass sie zart und zerbrechlich wie eine Fee aussieht, aber das täuscht. Eigentlich bin ich immer noch sauer. Uns so abzuservieren! Zu sagen, sie würde die Bücher holen – und dann einfach zu verschwinden! Das nenne ich kaltschnäuzig.«

»Nicht so laut«, wisperte Elena.

»Umso besser, wenn sie am Fenster steht und mithört. Sie soll ruhig wissen, was ich von ihr halte«, entgegnete Charly heftig, dämpfte aber doch die Stimme.

»Vielleicht war's ja eine spontane Entscheidung.«

Charly schnaubte. »Na hör mal! Jedenfalls – ich glaube ihr so schnell nichts mehr.«

Fee zuckte zusammen. Mist,dachte sie und erinnerte sich an ihr erstes Rennen, bei dem sie die Kräfte ihres Ponys so fatal überschätzt hatte.

Kurz entschlossen klopfte sie an die Tür von Charlys und Elenas Zimmer. »Kann ich reinkommen?«

»Wenn es unbedingt sein muss«, knurrte Charly. »Was willst du?«

Zügel kurz halten und entschlossen übers Hindernis,nahm sich Fee vor. »Ich hab gehört, was ihr gerade gesagt habt. Es war nicht unbedingt eine Spontanentscheidung«, erklärte sie sachlich. »Ich nahm an, am ersten Tag in Villa Rosa würde ich von Professor Mori wegen des Ausflugs nach Montreux höchstens eine Ermahnung bekommen. Euch wollte ich wirklich nicht ärgern.«

»Hast du aber. Deshalb sind wir aber nicht sauer auf dich«, erwiderte Charly ebenso sachlich. »Wir ärgern uns, weil du uns belogen hast.«

»Ja, ich habe euch belogen.« Fee stand noch immer an der Tür.

»Warum?«

»Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben.« Fee machte eine weit ausholende Handbewegung. »Mir ging alles auf den Geist. Und dann wollte ich wenigstens ein Zimmer haben, in dem ich es aushalten kann.«

»Und? Kannst du's jetzt in deinem Zimmer aushalten?«, erkundigte sich Charly spöttisch.

»Ich weiß nicht. Ehrlich gesagt, würde ich am liebsten abhauen.«

Elena hatte bisher geschwiegen. »Uns ging es am Anfang wie dir. Aber das gibt sich.«

»Bei mir gibt sich das nicht«, entgegnete Fee leise.

»Mein Gott, wie dramatisch du klingst!«, meinte Charly ätzend.

»Schhhh«, machte Elena. »Setz dich zu uns, Fee.«

»Ne, nicht nötig. Das war's ja schon; ich wollte mich nur bei euch entschuldigen.«

Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, meinte Elena: »Fee ist auch nicht freiwillig ins Internat gekommen.«

»Ist mir egal.«

»Komm, gib ihr noch eine Chance. Das hat sie verdient, finde ich.«

»Mal sehen.« Das war alles, wozu sich Charly bereit erklärte.

Elena fragte sich, weshalb ihre Freundin so unversöhnlich war. Sonst war sie nämlich ganz anders. Sie war die Risikofreudige, sie war die, die keiner Herausforderung aus dem Weg gehen konnte. Vor Kurzem erst war Charly deshalb beinahe in eine Katastrophe reingeschlittert. Mit Poldy und Gordon hatte sie heimlicherweise im Pavillon getrunken, dabei waren die drei von einer Person beobachtet worden, deren Gesicht sich hinter einer Monstermaske verbarg. Die Jungs hatten sie nicht verpetzt, aber um nicht erpresst zu werden, hatte Charly Professor Mori den Unsinn gestanden. Trotzdem, da war sich Elena ganz sicher, würde sich Charly nie ändern: Jede Herausforderung war für sie das Salz in der Suppe des Lebens, und wie man wusste, war Salz nicht nur eine Würze, sondern schlicht und einfach lebensnotwendig. Genau aus diesem Grund war Charly jedes Wagnis willkommen.

»Ich finde, sie ist dir ziemlich ähnlich«, stellte Elena schließlich fest.

Charly fuhr auf. »O nein! Ich bin zu blöd, zu unbedacht, vielleicht auch zu temperamentvoll, um erst zu denken und dann zu handeln. Fee hat die Risiken ihres Abhauens abgeschätzt und, da sie annahm, am ersten Tag würde Professor Mori Gnade vor Recht ergehen lassen, cool kalkuliert, ihr würde nichts passieren. Womit sie ja recht hatte.« Sie runzelte die Stirn und zog die Beine an. »Sie denkt zuerst und handelt dann. Ich handle, bevor ich denke. Leider. So ist das.«

»Und deshalb kannst du sie nicht leiden?«, fragte Elena ungläubig.

»Quatsch. Ich mag's nun mal nicht, wenn ich manipuliert werde. Fee hat uns manipuliert. Wer weiß, wozu sie sonst noch fähig ist«

»Ich wusste auch nicht, wozu ich fähig bin«, entgegnete Elena leise. »Mensch, Charly, denk dran, wie du mir geholfen hast. Also gib der Neuen noch eine Chance.«

Charly sagte eine ganze Weile nichts. Die großen Blätter der beiden Magnolienbäume im Hof raschelten, und schließlich räusperte sich Charly und meinte: »Hast recht, Elena. Ich geb ihr eine Chance.«

Obwohl sich Fee wieder ans Fenster gestellt hatte, unterhielten sich Charly und Elena nun so leise, dass sie nicht mal einen Wortfetzen aufschnappen konnte. Aber gut,dachte sie, ich hab mich entschuldigt.

Ziemlich zufrieden mit ihrem ersten Tag in Villa Rosa schlüpfte sie wieder ins Bett.

Bevor sie das Licht ausknipste, holte sie ihr Handy und rief noch einmal die Bilder von Ricco auf Ob Kalle auf die Sehne in Riccos rechtem Bein achtete? Wenn Niklas ihn zu energisch rangenommen hatte, entzündete sie sich gerne. Dann wurde das Bein heiß und musste geschont werden.

Hatte Kalle das neue Pflegemittel für Fell, Mähne und Schweif schon ausprobiert, das sie ihm vor zwei Tagen in die Hand gedrückt hatte – und das wirklich sündteuer gewesen war? Es sollte super riechen und beim Bürsten einen sagenhaften Glanz hervorrufen, und was den Preis betraf – für Ricco war ihr das Beste gerade gut genug.

Fee schaute sich Foto für Foto an und konnte einfach nicht genug bekommen. Plötzlich saß sie senkrecht im Bett und schleuderte, als habe sie einen elektrischen Schlag bekommen, das Handy von sich. Verdammt! Hatte sie das Foto nicht gelöscht?

Kapitel 8

Dienstag, 20. Mai

Als Fee am Morgen die Treppe zum Speiseraum hinunterging, rümpfte sie angewidert die Nase. Den Geruch des Pferdestalls liebte sie, aber den Milch- und Kakaoduft fand sie einfach ätzend. Während sie noch überlegte, ob sie nicht das Frühstück ausfallen lassen solle, stieß sich Vincent von der Wand ab; ganz offensichtlich hatte er wieder auf sie gewartet und heftete sich jetzt an ihre Fersen. Und noch ein Junge schloss sich ihnen an. Er trug schwarze Jeans zu einem weißen Leinenhemd, hatte den weinroten Pulli, den alle außer ihr trugen, lässig über die Schultern geworfen und stellte sich neben Fee und Vin ans Büfett.

»Hi, Maurizio«, sagte Vincent unwillig und runzelte die Stirn, als sich der Junge zu ihnen an den Tisch setzte.

Fee schaute von einem zum anderen und deutete mit dem Messer auf den Jungen, der Maurizio hieß und dem Aussehen nach in eine höhere Klasse ging. »Vincent, hast du etwas gegen ihn?«, fragte sie laut und provozierend.

»Maurizio«, Vincent schaute ihn feindselig an, »ist der Schwarm aller Mädchen. Pass auf, dass –«

»Keine Sorge. Ich hab nicht vor, für einen Jungen zu schwärmen«, unterbrach ihn Fee rasch.

Maurizios grüne Augen blitzten auf. »Klar. Du gehst ja gleich aufs Ganze, wie man hört!«, sagte er und schleuderte seine schwarzen Locken zurück.

»Quatsch. Du hast dich verhört. Kommst du aus Italien?«, fragte Fee rasch, um das Thema zu wechseln.

Maurizio nickte. »Gut geraten. Aus Italiens Süden sogar.«

Vincent verdrehte die Augen. »Er spielt Tennis wie ein Gott, segelt über den Genfer See wie Odysseus übers Ägäische Meer, schwimmt wie ein Delphin und ist, wie gesagt, der Schwarm aller Mädchen, die finden, er wäre so schön wie eine griechische Statue. Tatsächlich ähnelt er einer solchen nicht nur im Aussehen; er ist auch schweigsam und distanziert. Normalerweise. Heute macht er eine Ausnahme. Warum machst du das, Maurizio?«

»Stört es dich?«, gab der locker zurück. »Komme ich dir in die Quere, Vincent?«

»Ihr beide ödet mich an!« Fee griff nach ihrer Tasse, dem Teller und Besteck und setzte sich zu den Mädchen, die sie schon kannte, an den Nebentisch. Die nickten ihr zwar zu, nahmen aber weiter keine Notiz von ihr.

»Ein Wunder ist geschehen! Ich bin fassungslos! Habt ihr gesehen, dass sich sogar Maurizio an Fee ranmachte?«, fragte Emily in die Runde.

Victoria warf ihre dunklen Haare zurück. »Ich sag nur: Schwarzer Teufel krallt sich blondes Gift.«

»Komm schon, Darling, du wirst doch nicht eifersüchtig sein? Ist doch klar, was er von Fee will.«

»Ich hab keinen blassen Schimmer. Sag es uns«, forderte Charly sie auf.

»Sie ist eine Frau mit Erfahrung.« Sophia-Leonie rollte die Augen. »Hast du selbst gesagt, Fee, stimmt's? So was verspricht einem heißblütigen Italiener doch 'ne Happy Hour im Paradies.«

Mia ließ den Löffel sinken, mit dem sie gerade Honig aufs Brötchen tropfen ließ. »Aber Maurizio hat es noch nie auf ein Mädchen abgesehen. Man munkelt sogar, er stehe auf Jungs, aber ich glaube, das ist purer Unsinn.«

»Stimmt, es ist was anderes«, bestätigte Sophia-Leonie. »Schaut euch doch mal um! Seht ihr eine, die es sich je zutraute, ihre Bereitschaft zu ... ihr wisst schon, so deutlich zu bekunden?«

Die Mädchen unterhielten sich, als säße Fee nicht mit ihnen an einem Tisch. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. »Was seid ihr nur für fiese –«

»Und überhaupt«, unterbrach sie Victoria, »war es gestern für Jem so was wie ein Schlag unter die Gürtellinie. ›Er sieht reichlich unbedarft aus. Aber vielleicht verfügt er über Begabungen, von denen er noch keine Ahnung hat?‹«, zitierte sie Fee. »Das hast du gesagt, Fee. Jem verzeiht dir das nicht so schnell, und ganz ehrlich – das war fies.«

»Du hast das nicht ernst gemeint, nicht wahr, Fee?«, verteidigte sie Elena. »Sonst würdest du das doch nicht an die große Glocke hängen!«

»Was deiner Meinung nach beweist, dass Fee gerade nicht nymphomanisch veranlagt ist?«, erwiderte Victoria ungläubig.

Elena nickte. »Genau. So ist es doch, Fee? Du hast bemerkt, dass ein Spielchen mit dir getrieben wurde. Da hast du mitgespielt, ohne nachzudenken, was du damit anrichtest.«

»Und jetzt hast du den Salat«, stellte Charly fest. »Klar, das hat die Runde gemacht; die Jungs reden ja von nichts anderem.«

»Fee, du hast den Köder ausgeworfen. Vincent und Maurizio haben ihn geschluckt und zappeln jetzt an deiner Angel. Wie blöd können Jungs nur sein?!« Empört klatschte Victoria ein Stück Butter aufs Brot.

»Wieso blöd?«, erwiderte Mia süffisant. »Es ist nur artgerecht. Wir alle wissen schließlich, wo sich der Steuerungsknüppel der Jungs befindet.«

Fee war der Appetit gründlich vergangen. Sie stand auf und hörte beim Weggehen nur noch, dass Elena sie in Schutz nahm. »Ich bleibe dabei: Fee ist nicht so, wie ihr denkt.«

Wenigstens eine, die sich nicht täuschen lässt,dachte sie und nahm sich vor, zu Maurizio Abstand zu halten. Nicht nur zu ihm, sondern zu allen Jungs. Auch – und vor allem – zu Vincent, den sie ganz in Ordnung gefunden hatte.

Im Laufe des Vormittags änderte sie aber ihre Meinung. Warum sollte sie während der paar Wochen, die sie im Internat ausharren musste, den Laden nicht ein bisschen aufmischen?

Sie lächelte in sich hinein, als Maurizio nach dem Unterricht vor dem Klassenzimmer der Zehner auf sie wartete. Er legte den Arm um sie, steuerte im Speiseraum sofort den Tisch in der hintersten Ecke an und belegte zwei Plätze. Danach ging er mit ihr zum Büfett, löffelte ihr Gemüse, Reis und Fleisch auf den Teller und meinte milde, als Vincent dazukam: »Fee steht auf große Jungs, Kleiner!«

»Der spinnt«, entgegnete Fee sofort. »Vincent, setz dich zu uns an den Tisch, ja?«

Vin rieb sich die Nase, stellte den Teller zurück und griff nach einem Apfel, den er von einer Hand in die andere warf »Ne, ich störe ungern.«

Am Nachmittag hatten die Zehner Sport, den Mademoiselle Cugat und Mister Brent wegen des schönen Wetters ins Freie verlegten – die Mädchen und Jungs schwammen im Pool.

Fee machte in ihrem weißen Bikini eine ausgesprochen gute Figur. Ihr Kopfsprung war makellos, sie kraulte einwandfrei und schlug Valerie um eine halbe, Charly um eine viertel Länge. Swetlana, die keinerlei sportlichen Ehrgeiz hatte, aber mit ihren üppigen Kurven ausgesprochen sexy aussah, grinste schadenfroh: »Na? Die Neue ist eine echte Konkurrenz für euch, was?«

Charly nahm die Schwimmbrille ab. »Das wird sich zeigen. Hallo, Fee! Schwimmen wir noch mal um die Wette?«

Mister Brent und Mademoiselle Cugat hatten nichts dagegen. Sie stellten sich mit Stoppuhren am Rand auf, und als Mister Brent den Arm gehoben und »Los!«, gerufen hatte, skandierten die meisten »Char-ly, Char-ly« und ganz wenige »Fee! Fee!«.

Beide schlugen gleichzeitig an.

Charly zog sich am Rand hoch, Fee streckte einen Arm aus und ließ sich von Mister Brent aus dem Wasser helfen. Der Schwung war so groß, dass sie ihm an die Brust sank. Sie entschuldigte sich, drehte sich zu den Jungs um, stemmte die Hände in die Seiten, blickte Vincent direkt in die Augen und sagte herausfordernd: »Wer von euch nimmt es mit mir auf?« Zuerst herrschte verdutztes Schweigen, dann trat Jem vor.

»Du?« Fee zog ungläubig die Augenbrauen hoch. »Bist du gut im ... Wasser, Jem?«

Ein paar pfiffen missbilligend, jemand hinter Fee sagte so laut, dass alle es hören konnten: »Los, Jem, gib's der Neuen!«

Fee sprang wieder ins Becken, kraulte langsam zur anderen Seite und stellte sich neben Jem, der sie um mehr als einen Kopf überragte.

Mister Brent hob den Arm. »Und – los!«

Fee war sehr schnell, aber gegen den längeren und kräftigeren Jem hatte sie keine Chance. Sie schob die Schwimmbrille hoch, reichte ihm die Hand und gratulierte ihm lachend zu seinem Sieg. »Wir könnten zusammen trainieren«, schlug sie vor. »Hast du Lust dazu?«

Jem war so überrumpelt, dass er stammelte: »W...wwarum nicht?«

Die beiden kletterten aus dem Becken. »Jems Beinschlag ist besser als deiner, Fee«, nörgelte Mademoiselle Cugat.

Der Rest des Unterrichts verlief ereignislos. Fee achtete darauf; die ganze Zeit neben Jem zu schwimmen, und als Mister Brent gegen vier Uhr die Trillerpfeife zum Schlusspfiff an die Lippen setzte, sah es nicht mehr so aus, als wäre er ihr unversöhnlicher Feind. Dafür hastete Vincent mit grimmiger Miene über den Rasen ...

Und der seltsame Byron-Poet Gordon hielt tatsächlich Wort: Er rannte die breite Freitreppe herunter – ohne seinen Freund Poldy – und stand am Pool, als Fee herauskletterte. »Wir hatten uns verabredet, Fee!«

Sie streifte das Wasser von den Haaren. »Wir? Daran kann ich mich nicht erinnern. Und überhaupt – ich hab jetzt echt keine Zeit. Irgendwann muss ich mich ja schließlich um die Hausaufgaben kümmern.«

»Nicht morgen. Heute!«, sagte er entschieden. »Morgen ist Mittwoch, und Mittwochabend ist Barabend. Da habe ich keine Zeit. Aber ich lade dich zu einem Sonnenuntergang ein.«

»Wie soll ich wissen, wann die Sonne untergeht?«, empörte sich Fee. »Ich bin neu hier! Schon vergessen?«

Sophia-Leonie die daneben stand, grinste anzüglich. Gordon erwiderte hastig: »Heute nach dem Abendessen! Ich warte auf dich!«

Sophia-Leonie trocknete sich ab. »Darling, ich bin ja so gespannt, welcher der Jungs das Rennen macht: Maurizio aus der Zwölften, Gordy aus der Elften, Jem oder vielleicht auch Vincent aus der Zehnten.«

»Welchen empfiehlst du mir?«, erkundigte sich Fee spitz.

»O! Ich weiß nicht ... Eigentlich sind alle vier in Ordnung.« Sophia-Leonie schlüpfte in ihre Sandalen. »Warum testest du nicht einen nach dem anderen und entscheidest dich dann?«

Fee schnappte nach Luft, fasste sich aber schnell und lächelte unbekümmert: »Gute Idee, Sophia-Leonie.«

»Sagst du mir dann, wer deinen Ansprüchen genügte?« Sophia-Leonie hob lachend die Schultern. »Man sieht sich, Felizitas!«

Vor dem Abendessen schaute sich Fee vergeblich nach Vincent um. Dagegen wartete Maurizio auf sie, aber diesmal klebten Victoria und Sophia-Leonie an seiner Seite und luden ihn ein, sich doch zu ihnen an den Tisch zu setzen, an dem Charly, Elena und Max schon Platz genommen hatten.

»Wir wundern uns«, begann Victoria sofort. »Seitdem du in Villa Rosa bist, hast du den Schweigsamen und Unnahbaren gegeben. Wir alle haben uns gefragt, was denn die Ursache für dein ungewöhnliches Verhalten sein könnte, aber nun scheint uns, dass bisher kein Mädchen deinen Ansprüchen genügte. Stimmt das, Maurizio?«

»Aber natürlich stimmt das. Er hat nur auf eine blonde Märchenfee gewartet, Darling.« Sophia-Leonie klimperte mit den Wimpern.

Maurizio runzelte die Stirn. »Warum fragt ihr, wenn ihr es doch wisst?«

»Wir wollen es nur bestätigt bekommen«, erklärte Victoria.

»Okay. Ich bestätige es«, erklärte Maurizio so cool, dass Victoria verblüfft die Augen aufriss. »Obwohl es euch natürlich nichts angeht.«

Fee rang um Fassung. »Worüber unterhaltet ihr euch eigentlich?«

»Natürlich darüber, dass sich Maurizio in dich verliebt hat«, antwortete Victoria sofort.

Fee warf die langen Haare zurück. »Seitdem ich hier bin, hackt ihr auf dem einen Thema herum: Wer mit wem!«, beschwerte sie sich.

»Daran bist du selbst schuld«, meinte Victoria ungerührt. »Sag mal, mit wie vielen Jungs bist du schon in die Kiste geklettert?«

»Bist du wahnsinnig? Was soll die Frage!«

»Nun sag schon –«

Fee sprang so heftig auf, dass ihr Stuhl mit lautem Poltern umstürzte. »Ihr seid ja irre! Spielt euer blödes Spiel mit wem ihr wollt – aber nicht mit mir! Mit mir nicht!« Sie stürmte aus dem Speisesaal.

»Ihr seid wirklich ätzend«, platzte Max heraus. »So was Intimes fragt man doch nicht in aller Öffentlichkeit.«

Elena schüttelte den Kopf. »Ich verstehe dich wirklich nicht, Victoria. Was hast du gegen Fee? Willst du sie aus Villa Rosa ekeln? Du bist doch sonst nicht so unmöglich!« Sie stand auf. »Ich schau mal nach ihr.«

Maurizio hielt sie zurück. »Lass mal. Das mache ich.«

Als er außer Hörweite war, wiederholte Elena ihre Frage. »Was hast du gegen Fee, Victoria?«

»Nichts«, antwortete Victoria mürrisch und schob ein Stückchen Käse auf ihrem Teller herum.

»Komm schon«, beharrte Elena. »Sag, was los ist.«

»Na ja ... Hast du denn nicht gesehen, wie sie sich beim Schwimmen an Jem ranmachte, obwohl sie zuerst so fies zu ihm war? Der war ja total durch den Wind!«

Charly stieß Elena an. »Das ist mir auch aufgefallen.«

»Na und?«, verteidigte Elena die Neue. »Sie hatte ihn verletzt und wollte es wieder ausbügeln. Was ist daran schlecht?«

Sophia-Leonie kniff die Augen zusammen. »Darling, du bist die Einzige, die die Neue verteidigt. Warum tust du das?«

»Weil ich mich noch sehr gut daran erinnere, wie mir in den ersten Tagen in Villa Rosa zumute war. Wenn Charly mir nicht beigestanden wäre, hättet ihr mich in null Komma nichts aus dem Internat geekelt. Ich jedenfalls hätte mich nicht wehren können. Eure Neugier hätte mich fertiggemacht. Fee –«, sie hielt einen Augenblick inne, »Fee hat keine Charly, und wenn ich mich nicht täusche, ist sie nicht freiwillig hier. Sie hat sich blöd benommen, klar. Aber wer benimmt sich nicht blöd, wenn er keinen Schimmer hat, wie es bei uns zugeht?«

»Genau deshalb frage ich mich, weshalb sie sich nicht zurückgehalten hat«, erwiderte Victoria hitzig. »Jem als Versager im Bett hinzustellen! Also wirklich!«

Elena stutzte, dann riss sie die Augen auf. »Sag bloß! Bist du etwa in Jem verliebt?«, platzte sie heraus.

Victoria schnaubte in ihr Taschentuch und tat so, als habe sie die Frage nicht gehört, aber dass sie einen knallroten Kopf bekommen hatte, war unübersehbar.

Fee war sich bewusst, dass ihr alle Blicke folgten, als sie quer durch den Speisesaal rannte, und was alle dachten – denken mussten! –, konnte sie sich ausrechnen. Aber das war ihr in diesem Augenblick gleichgültig – nur weg! Fort! Irgendwohin, wo sie allein war!

Sie sprang die Treppen herunter, sprintete durch den Park, an der Halle vorbei und nahm gerade die ersten Stufen zum Pavillon hoch, als sie Mister Brent in die Arme lief.

»Hallo! Was ist? Vor wem oder was läufst du denn davon, Fee?«

»Mister Brent!« Schluchzend warf sie sich ihm an den Hals.

»Komm schon! So schlimm wird es doch nicht sein, Fee!«

Er strich ihr über die Haare und wiegte sie beruhigend in seinen Armen hin und her. Endlich schob er sie sachte von sich, griff in eine Hosentasche und reichte ihr ein Taschentuch. »Hier Fee, putz dir die Nase und sag mir, was –« Mister Brent hob den Kopf und Fee drehte sich um. Dort stand Maurizio, der wie angewurzelt, mit aufgerissenen Augen und ungläubigem Blick die Szene beobachtete.

Mister Brent winkte ihm unbefangen. »Bitte kümmere dich um Fee. Ihr geht es nicht gut. Ich kam gerade aus der Halle, als sie –« Er zögerte. »Als sie wie von Furien gehetzt aus Villa Rosa rannte.« Mr Brent räusperte sich. »Fee! Maurizio wird sich jetzt um dich kümmern, hörst du? Du bist ein großes tapferes Mädchen; wenn dich jemand ärgert, dann wehrst du dich. Hast du mich verstanden?«

»Wie soll ich mich denn wehren, wenn mich alle falsch verstehen?«, schluchzte sie.

»Sprich mit Professor Mori«, empfahl Mister Brent. »So, jetzt muss ich aber wirklich gehen. Meine Freundin wartet auf mich.«

Mit hängenden Schultern sah Fee ihm nach. Erst als er außer Sicht war, wandte sie sich Maurizio zu.

Sie stiegen die Stufen zum Pavillon hoch und gingen weiter bis zu der Bank zwischen den Bäumen. Fee schnäuzte sich. Sie hatte sich so über Victoria geärgert, dass sie die Flucht ergriffen hatte und sich vom Erstbesten, der ihr über den Weg lief, trösten ließ. Zufällig war es Mister Brent gewesen.

»Du darfst dich nicht ärgern lassen«, wiederholte Maurizio.

»Das sagst du so. Alles, was ich mache, ist falsch.«

»Ach was.« Er legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. »Du musst wissen, dass man im Internat immer beobachtet wird, und was man zu einer Person sagt, wissen Sekunden später alle. Das ist einfach so. Finde dich damit ab.«

»Das kann ich nicht.«

»Natürlich kannst du das. Jeder von uns hat gelernt, damit umzugehen.«

»Das stimmt nicht. Es gab ein Mädchen, das Swetlana und Valerie aus Villa Rosa geekelt haben«, widersprach Fee.

Maurizio nickte. »Richtig. Das war heftig. Aber die Jungs haben mir gesagt, dass sie ziemlich empfindlich war.«

»Du meinst, sie war selbst schuld?«, fragte Fee verdutzt.

»Klar. Sie hat sich nicht gewehrt. So wie du gerade eben. Hättest du dich nicht auf Victoria eingelassen, wäre ...«

Fee war aufgesprungen. »Waaas sagst du? Wer gemobbt wird, ist selbst schuld? Das fass ich nicht!«

Maurizio zog sie auf die Bank zurück. »Komm schon, Fee. Wie man hört, hast du Jem ziemlich fies behandelt; jetzt darfst du dich nicht wundern, wenn man dir das zurückzahlt. So ist das nun mal.«

Fee streckte die Beine aus und schloss die Augen. Wieder erinnerte sie sich an den Tag, an dem sie als Siebenjährige ihr Pony rücksichtslos über die Strecke gejagt hatte. Hatte sie den Fehler wiederholt? Hatte sie hier nicht das Pony, sondern ihr Mundwerk unbedacht galoppieren lassen? Hatte sie wirklich keine Rücksicht auf Jems Gefühle genommen?

»Die Leute am Tisch haben mich herausgefordert«, sagte sie langsam. »Ich habe nur darauf reagiert.«

»Klar haben sie dich herausgefordert. Aber du hast dich auch herausfordern lassen, vergiss das nicht, Fee. Was du gesagt hast, hat man für bare Münze genommen.«

»Wird jede Neue getestet?«

Maurizio nickte. »Und jeder Neue.«

»Wie wurdest du getestet?«

Maurizio rieb sich die Augen.

»Na ja ... Du weißt vielleicht schon, dass ich erst zu Anfang des Schuljahrs ins Internat gekommen bin. Zu Anfang von Klasse zwölf ... Das passiert selten. Also wurde ich gefragt, was ich zu Hause ausgefressen hätte, und weil ich aus Süditalien komme, wollten sie wissen, ob mein Vater ein Mafia-Boss wäre. Sie haben ziemlich auf mir rumgehackt. Ob er im Mädchen- oder Drogenhandel tätig wäre und so ...«

»Und? Wie hast du dich gewehrt?«

»Ich hab mich überhaupt nicht gewehrt.« Maurizio lachte. »Ich hab sie einfach ins Leere laufen lassen, und irgendwann haben sie dann nicht mehr gefragt und gestichelt. Das Thema wurde mit der Zeit uninteressant.«

»Cool.« Fee lächelte zum ersten Mal. »Hast du dich deshalb auch bei den Mädchen so ... so zurückgehalten?«, setzte sie nach.

Maurizio hob die Schultern. »Da musste ich mich nicht zurückhalten; mir hat keine gefallen.«

Fee schlug die Hände vors Gesicht. »O Gott! Das ist ja furchtbar!«

»Was ist furchtbar? Dass du anders bist als alle anderen? Dass ich dich richtig süß finde?«

Sie schüttelte den Kopf. »Dass alle denken, ich würde mit jedem ins Bett. Maurizio, das stimmt nicht!«

»Und wenn es so wäre ...« Er druckste ein bisschen herum, dann meinte er selbstbewusst: »Wenn wir zusammen sind, brauchst du sowieso keinen anderen.«

»Ups!« Fee rutschte zur Seite. »Heißt das, ich bin nicht die Erste, die du ... du weißt schon.«

Spöttisch hob Maurizio eine Augenbraue. »Ich bin schon ein großer Junge.«

»Gut zu wissen«, murmelte Fee.

»Und du? Bist du ein großes Mädchen, Fee?«

»Ich bin knappe 1,60. Manche nennen das kleinwüchsig.«

»Da empfehle ich dir einen Schuss Wachstumshormon«, schlug Maurizio vor.

»Einen Schuss? Wie soll das gehen? Jegliche Art von Schusswaffen ist verboten. Steht in der Hausordnung.«

»Verbote sind dazu da, dass man sie übertritt.«

»Sagt der Sohn des Mafia-Bosses.« Fee grinste frech. Das Geplänkel heiterte sie ein bisschen auf.

»Musst du immer das letzte Wort haben?« Er griff in ihre Haare und zog sie wieder an sich. »Fee ...«

»Autsch!« Sie machte sich los und stand auf »Dein Tempo ist mir einfach zu rasant. Schalt mal ein paar Gänge zurück, ja?«

»Warum denn?« Er grinste anzüglich. »Du willst es doch auch!«

Fee erstarrte. Sie schnappte nach Luft, holte aus – und knallte Maurizio eine rechts und eine links. »Ich bin kein Flittchen«, brüllte sie. »Merk dir das!«

Sie sprintete zum Haus, raste die Treppe hoch und platzte ohne anzuklopfen in Elenas und Charlys Zimmer.

»Ich hab alles vermasselt!«, schrie sie. »Ihr seid meine Paten! Ihr müsst mir helfen! Wie komme ich an meine Koffer?«

»An deine Koffer?«, wiederholte Elena verständnislos.

»Ja! Ich packe! Jetzt! Sofort! Ich haue ab!«

»Du lieber Himmel!« Charly verdrehte die Augen. »Du machst schon wieder eine Szene. Wie dramatisch aber auch!«

Elena warf Charly einen warnenden Blick zu und wollte Fee in den Arm nehmen, doch die wich zurück. »Fass mich nicht an!«

»Du kannst nicht abhauen«, sagte sie beruhigend. »Wir treffen uns doch später in deinem Zimmer. Hast du das vergessen?«

»Ich bleibe nicht hier. Notfalls fahre ich ohne Gepäck«, wütete Fee.

»Wie denn? Etwa mit einem Taxi? Die ganze Strecke bis zum Bodensee?«, spottete Charly.

»Warum nicht? Meine Eltern bezahlen –« Fee hielt mitten im Satz inne. O Gott,dachte sie entsetzt. Mein Vater! Abhauen ist genau das, was ich nicht darf! Sie schlug die Hände vors Gesicht.

Elena zog sie neben sich aufs Bett. »Was ist passiert, Fee?« Fee schüttelte den Kopf.

»Komm schon! Wir können dir nicht helfen, wenn du uns nichts sagst. Das verstehst du doch, oder?«

»Ich kann nicht ...«

»Doch! Du kannst!«, beharrte Elena.

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Titel: Der Liebeszauber: Abenteuer in der Villa Rosa - Band 2