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Der kunterbunte Waldenhof: Ponychaos hoch sieben - Band 1

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Was für eine Überraschung! Die zehnjährige Rieke ist begeistert, als sie erfährt, dass sie mit ihren Eltern und ihren großen Brüdern umzieht – bald wird sie auf dem Waldenhof wohnen. Dort gibt es jede Menge wunderbare Tiere, von einer neugierigen Ziege bis zu frech schnatternden Enten … und vor allem jede Menge Platz für ihr geliebtes Pony Balduin! Noch dazu öffnet der Waldenhof kurze Zeit später die Tore für drei neue Pferde. Obwohl das jede Menge Arbeit bedeutet, geht für Rieke ein Traum in Erfüllung. Wäre da nur nicht der komische Tjorven aus der Nachbarschaft, den die Kinder vom Waldenhof nicht ausstehen können. Oder ist der Junge gar nicht so grässlich, wie sie glauben?

Über die Autorin:

Heide John wurde in Köln geboren und lebt inzwischen auch wieder in der Rheinmetropole. Sie studierte Germanistik und Politikwissenschaften und arbeitet heute als Lektorin, freie Journalistin und schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene.

Die Autorin im Internet: http://www.facebook.com/heide.john.5

Bei jumpbooks veröffentlichte Heide John bereits die beiden Kinderkrimis »4D – Tatort Hofgarten« und »4D – Tatort Düsseldorf« sowie die Serie rund um Rieke, den Waldenhof und viele vierbeinige Freunde: »Der kunterbunte Waldenhof: Ponychaos hoch 7«, »Der kunterbunte Waldenhof: Zwillinge kommen selten allein« und »Der kunterbunte Waldenhof: Bühne frei für unsere Ponys«.

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eBook-Neuausgabe Juni 2019

Copyright © der Originalausgabe 2010 Arena Verlag GmbH, Würzburg

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Copyright © der vorliegenden Ausgabe 2019 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Sveta Lagutina, M. Aurelius, Ladelena, Davilo Sanino, Anastasia Makasova, Dusan Pavic, Kay Jung

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96053-244-6

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Heide John

DER KUNTERBUNTE WALDENHOF:
Ponychaos hoch 7

jumpbooks

1. Kapitel,
in dem Rieke sehr ungeduldig ist

»Schnell, schnell«, rief Rieke. »Wir warten auf dich!«

Schon seit zwanzig Minuten hatte die Zehnjährige vor der Haustür gestanden und sehnsüchtig darauf gewartet, dass ihr ältester Bruder Lasse endlich von seinem Fußballtraining nach Hause kam. Doch wie immer war er spät dran.

Ungeduldig hüpfte Rieke von einem Fuß auf den anderen. Sie wollte nun endlich erfahren, was die Neuigkeit war, die ihre Eltern ihr am Nachmittag angekündigt hatten. Rieke hatte natürlich sofort wissen wollen, was ihre Eltern zu berichten hatten, doch die beiden hatten darauf bestanden, das Geheimnis erst zu lüften, wenn alle Waldenkinder zu Hause waren.

Neben Lasse hatte Rieke noch drei weitere Brüder. Der 16-jährige Lennart war direkt nach der Schule in seinem Zimmer verschwunden. Finn und Thiess waren nachmittags mit ihren Fahrrädern unterwegs gewesen, aber seit einer guten halben Stunde wieder zurück. Diese beiden hatte Rieke ähnlich ungeduldig erwartet wie ihren ältesten Bruder Lasse. Sofort, als sie durch die Tür gekommen waren, hatte Rieke sie in die gemütliche Wohnküche des kleinen Hauses gezogen, das Rena und Claas Walden mit ihren fünf Kindern bewohnten.

»Immer mit der Ruhe, Schwesterchen«, antwortete Lasse. »Heute ist Freitag, also Wochenende. Und am Wochenende lass ich mich nicht hetzen.«

Rieke stellte sich auf die Zehenspitzen. Alle ihre Brüder waren älter und deshalb natürlich auch viel größer als sie. Aber der fast 18-jährige Lasse war mit seinen 1,88 Metern wirklich ein Riese. »Du bist der Längste und der Lahmste«, sagte sie ungeduldig. »Jetzt beeil dich mal ein bisschen! Mama und Papa wollen uns etwas Wichtiges erzählen.«

»Das können sie auch beim Abendessen, oder?«

Rieke schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr blonder Pferdeschwanz von links nach rechts wippte. »Können sie nicht! Papa ist extra früher von der Arbeit gekommen.«

Lasse zog die rechte Augenbraue hoch. »Und nur wegen mir können sie nicht anfangen?«

»Genau«, antwortete Rieke und zerrte ihren großen Bruder am Arm ins Haus. Eilig gingen sie durch den schmalen Flur, an dessen Wänden unzählige Fotos von der Waldenfamilie hingen, bis in die rot gestrichene Küche.

Dort saß Riekes und Lasses Mutter Rena alleine am Esstisch und hatte die Beine ausgestreckt. Vor ihr dampfte eine heiße Tasse Tee und ihre Hände ruhten auf ihrem rundlichen Bauch. Sie hatte die Augen geschlossen und schien die Ruhe zu genießen, die ausnahmsweise im Haus herrschte.

»Hi Ma«, grüßte Lasse. Dann wandte er sich an Rieke: »Soso, alle sind da und warten auf mich, ja?«

»Eben waren sie noch hier«, verteidigte seine kleine Schwester sich. Sie überlegte kurz, dann schob sie hinterher: »Aber jetzt sind sie wieder weg, weil du viel zu spät nach Hause gekommen bist.«

Rieke wartete Lasses Antwort nicht ab, sondern rannte zum Treppenaufgang und schrie, so laut sie konnte: »Lennart, Thiess, Finn, Papa, runterkommen. Lasse ist da!«

Rena hatte inzwischen die Augen geöffnet und Lasse begrüßt. Jetzt hielt sie sich lachend die Ohren zu. »Rieke, nicht so laut, bei deinem Geschrei kracht uns ja das ganze Haus zusammen!«

»Was ist denn so wahnsinnig wichtig?«, fragte Lasse, während er zum Schrank ging, um sich ein Wasserglas herauszuholen.

»Wir erzählen es euch, sobald alle da sind«, antwortete seine Mutter. »Vielleicht kannst du gleich sechs Gläser, Apfelsaft und Wasser auf den Tisch stellen, dann können alle etwas trinken.«

»Klar«, antwortete Lasse, stellte die Sachen auf ein Tablett und platzierte es mitten auf dem Tisch mit der roten Decke, auf der riesige gelbe Sonnenblumen prangten.

Wenig später saß jeder an seinem Platz. Ruhig war es deshalb aber noch lange nicht. Der 13-jährige Thiess und der 14-jährige Finn hatten gleichzeitig nach demselben Glas gegriffen. Jetzt stritten sie lautstark darüber, wer es haben durfte. Lasse starrte auf sein Handy und schrieb eine SMS. Nur Lennart schwieg und wartete gelassen ab, was passieren würde.

Rieke saß links neben ihrer Mutter, wippte mit dem Stuhl und wurde von Minute zu Minute ungeduldiger. Sie wollte unbedingt wissen, was ihre Eltern zu berichten hatten! »Geht's jetzt endlich los, Mama?«

Rena Walden strich sich ihr knielanges Sommerkleid glatt. Das Moosgrün des seidigen Stoffes passte perfekt zu ihrer Augenfarbe. »Sobald dein Stuhl wieder auf vier Beinen steht, Schätzchen«, gab sie seelenruhig zurück.

Vater Claas musterte seine Rasselbande. Man sah ihm an, wie stolz er auf seine große Familie war. Noch stolzer hätte er nur sein können, wenn sie nicht ganz so laut gewesen wäre ...

»Also«, begann er, »wir würden euch gerne etwas sagen. Seid ihr bereit?« Thiess und Finn hielten mitten in der Bewegung inne und blickten in die Richtung ihres Vaters, Lasse drückte schnell auf »Senden«, um seine SMS abzuschicken, und Rieke beugte sich gespannt vor. »Okay, dann wollen wir euch nicht länger auf die Folter spannen«, sagte Claas Walden. Er hielt einen Moment inne. »Erzählst du es ihnen, Rena?«

Rena nickte. »Gerne.« Sie räusperte sich. »Dass wir noch ein Baby bekommen, wisst ihr ja. Und ihr wisst auch, dass ich heute beim Arzt war.«

Zehn Augen blickten auf Rena und am Küchentisch herrschte sekundenlang eine ungewöhnliche Ruhe. Rieke ahnte sofort, was ihre Mutter sagen wollte. Als sie vor knapp vier Monaten erfahren hatte, dass sie noch ein Geschwisterchen bekommen würde, hatte sie sich riesig gefreut. Erstens fand Rieke Babys unglaublich süß – und zweitens würde sie endlich nicht mehr die Jüngste sein, sondern auch eine »große Schwester«. Und vielleicht würde sie endlich Verstärkung gegen die Jungs bekommen. Natürlich fand sie es toll, vier Brüder zu haben. Trotzdem wünschte sie sich sehnlichst eine Schwester. Schließlich stand es in der Waldenfamilie vier zu eins oder – wenn man Rena und Claas mitzählte – sogar fünf zu zwei.

»Wir bekommen ein Mädchen, wir bekommen ein Mädchen«, jubelte sie.

»Das wissen wir noch nicht, Rieke«, erwiderte Rena lächelnd. »Und euer Vater und ich wollen uns vor der Geburt auch nicht sagen lassen, ob ihr einen Bruder oder eine Schwester bekommt.« Sie zögerte kurz und fuhr dann fort: »Vielleicht kriegt ihr ja auch beides ...«

Kurz herrschte eine verblüffte Stille am Tisch. Dann konnte Rieke vor lauter Aufregung nicht länger auf ihrem Stuhl sitzen bleiben. Mit einem Satz sprang sie auf und fiel ihrer Mutter um den Hals. »Zwillinge«, rief sie, »das ist ja obercool«.

»Eher oberlaut«, murmelte Thiess.

Claas legte seinem jüngsten Sohn die Hand auf den Arm und zwinkerte ihm zu. »Ich glaube, viel lauter als ihr fünf werden die Babys auch nicht schreien, Thiess.«

Lasse dachte wie immer praktisch. »Und wo sollen die hin? Ein Kind würde ja noch in Riekes Zimmer passen. Aber für zwei ist es da echt zu eng.«

Das Haus der Waldens war klein. So klein sogar, dass alle Familienmitglieder es liebevoll »Zwergenpalast« nannten. Mit Ausnahme von Finn. Er bezeichnete das Haus meistens als Hundehütte: Es war zwar gemütlich, bot aber nur wenig Platz für alle.

»Mit einem Hochbett könnte es gehen«, warf Rieke ein. Sie beneidete ihre Brüder darum, dass sie jeweils zu zweit in einem Zimmer schliefen. Sie stellte es sich schön vor, wenn man abends im Bett noch mit jemandem erzählen konnte. Bei den Jungs war es genau andersherum: Jeder von ihnen hätte zu gern ein eigenes Zimmer gehabt.

»Nett von dir, mein Liebes«, sagte Rena, »aber Papa und ich haben eine andere Lösung gefunden.«

Für einen winzigen Augenblick wurde es erneut mucksmäuschenstill. Aber auch jetzt dauerte die Ruhe nicht länger als dreißig Sekunden.

»Die Zwillinge ziehen ins Bad«, schlug Thiess vor.

»Oder in die Rumpelkammer«, sagte Finn grinsend.

»Quatsch, da ist es viel zu dreckig für die Babys«, empörte Rieke sich. »Und eine Heizung gibt es auch nicht.«

Bei der Rumpelkammer handelte es sich um den Dachboden, auf dem nur Kartons, Kisten, alte Spielsachen und allerlei Gerümpel standen. Rieke mochte sich gar nicht vorstellen, wie ihre neuen Geschwister dort oben einsam in ihren Bettchen lagen.

Finn grinste. »War ja auch nur ein Scherz.«

Bevor Rieke etwas erwidern konnte, ergriff ihr Vater das Wort. »Wenn ihr einen Moment zuhört, braucht ihr nicht weiterzuraten.«

»Also«, fuhr Rena fort, »was haltet ihr davon, wenn wir umziehen?«

2. Kapitel,
in dem noch mehr Neuigkeiten angekündigt werden

Sofort ging der Lärm wieder los. Alle sprachen durcheinander: »Superidee!« – »Bloß nicht.« – »Nur wenn ich ein eigenes Zimmer bekomme.« – »Und wohin?«

Rena klopfte mit der Hand auf den Tisch. »Psst«, mahnte sie. Dann hob sie die Stimme und sagte: »Wir ziehen auf den Waldenhof!«

»Oh ja«, jauchzte Rieke.

Der Waldenhof lag in dem kleinen Ort Hockensbüll an der Nordsee und gehörte dem Großvater der Waldenkinder. Claas war dort aufgewachsen und er liebte den Hof über alles. Das Gleiche galt für seine Frau und seine Kinder. An den Wochenenden fuhr die Familie häufig nach Hockensbüll. Außerdem verbrachten Rieke und ihre Brüder den größten Teil der Schulferien auf dem Waldenhof.

Es gab ein Haupthaus mit zehn Zimmern und ein kleines Nebenhaus. Die meisten Zimmer waren zwar nicht besonders groß, aber durch die Holzbalken und die Sprossenfenster umso gemütlicher. Auf dem Waldenhof gab es drei Ställe, von denen allerdings nur einer benutzt wurde, eine Garage und zwei große Scheunen. In der einen befanden sich eine Werkbank, Werkzeug und Gartengeräte, in der anderen tobte sich Opas Freundin Babette aus. Sie war Künstlerin und hatte sich dort eine Werkstatt eingerichtet. Das Haupthaus, die Ställe und die Scheunen wurden von einem riesigen Grundstück umschlossen, auf dem es sogar zwei Pferdekoppeln gab.

Zwei Pferde lebten auf dem Waldenhof: die Stute Lady, die schon über dreißig Jahre alt war, und das etwas mickrige Haflingerpony Krümel. Beide konnte man nicht reiten, denn Lady hatte einen durchgebogenen Rücken und war viel zu alt, um einen Reiter zu tragen, und der kleine Krümel war zu schwach dazu. Die alte Stute lebte nicht alleine im Stall: Sie teilte sich ihre Box mit der frechen Ziege Frau Doktor, die Peter Waldens Geduld sehr oft auf die Probe stellte. Die beiden Moorschnucken, die auf dem Hof lebten, waren dagegen die reinsten Lämmer. Das hieß, eigentlich waren sie längst ausgewachsene Schafe, doch sie waren lammfromm und taten den lieben langen Tag nichts anderes, als Gras zu fressen. Weil sie so brav waren, dass es fast schon langweilig war, hatten sie nicht einmal richtige Namen, sondern hießen einfach nur Eins und Zwei. Darüber hinaus gab es noch die beiden Laufenten, Bürger und Meister. Opa Walden hatte sie gekauft, damit sie die Schnecken im Gemüsegarten fraßen. Ihre Namen hatten sie bekommen, weil sie überall auftauchten, wo es interessant zu sein schien, und laut schnatternd ihre Meinung kundtaten.

Riekes Opa hatte ein großes Herz für Tiere. Erst recht für Tiere in Not. Deshalb hatte er vor drei Jahren Krümel und Lady auf seinen Hof geholt, damit sie bei ihm ihr Gnadenbrot fressen konnten. Er betreute und versorgte aber nicht nur die Tiere, sondern pflanzte in seinem Nutzgarten außerdem Gemüse und Kartoffeln an. Deshalb schmeckte den Waldenkindern das Essen in Hockensbüll immer ganz besonders gut.

Während Rieke noch überlegte, wie toll es wäre, auf dem Waldenhof zu wohnen, war zumindest einer ihrer Brüder wenig begeistert von dieser Idee.

»Ich ziehe hier nicht weg!«, sagte Lasse bestimmt. »Meine Freunde leben in Rendsburg, nicht in Hockensbüll. Und ich habe überhaupt keine Lust, jeden Tag eine Stunde mit dem Bus zur Schule und wieder zurück zu fahren.«

Claas wiegte den Kopf. »Ich weiß, das ist nicht besonders angenehm. Aber dafür bekommst du in Hockensbüll ein eigenes Zimmer.«

»Lasse braucht kein eigenes Zimmer«, mischte Finn sich ein. »Der ist sowieso nie zu Hause.«

Rieke ergriff Partei für ihren ältesten Bruder. »Zum Abendessen ist Lasse fast immer da.« Sie machte eine kurze Pause. »Und zum Schlafen auch.«

»Na ja«, erwiderte Finn zweifelnd. »Eigentlich ist er die meiste Zeit mit seinen Freunden auf Tour – oder bei seinem Schnuckiputz.«

Lasse hatte nämlich seit drei Monaten eine Freundin und Finn zog ihn gerne damit auf. Lasse verdrehte genervt die Augen und wollte Finn schon eine gepfefferte Antwort geben, als Rena sich einmischte: »Das hört sich ja fast so an, als wärst du eifersüchtig, Finn. Du hättest wohl selber gern ein Schnuckiputz?!«

Bei diesen Worten wurde Finn knallrot, während Lasse zufrieden grinste.

»Also, ich ziehe gerne um«, erklärte Thiess unvermittelt.

Finn schien erleichtert, dass sie von etwas anderem redeten, und spottete: »Logisch, lesen kann man ja auch im Bus.« Er liebte seinen nur um ein Jahr jüngeren Bruder, obwohl er völlig anders war als er selbst. Während Finn immer zu Streichen aufgelegt war, hatte Thiess gerne mal seine Ruhe. Er mochte es, auf seinem Bett zu sitzen und ein Buch zu lesen. Weil er sein Zimmer mit Finn teilte, war das jedoch oft nicht so einfach. Finn hörte nämlich gerne Musik, und zwar immer. Außer in der Schule natürlich. Zu Weihnachten hatte er Kopfhörer geschenkt bekommen, aber selbst wenn er sie auf den Ohren hatte, sang er lautstark mit. Sein nicht besonders melodischer Gesang ging Thiess wahnsinnig auf die Nerven.

»Vor allem kann Thiess auf dem Waldenhof in seinem eigenen Zimmer ungestört schmökern«, sagte Rena.

»Weil da nämlich keiner singt«, ergänzte Rieke und grinste.

»Na hoffentlich«, meinte Thiess und trank einen großen Schluck Wasser.

»Solange keiner was dagegen hat, wenn ich nach der Schule manchmal mit zu meinen Freunden gehe und erst abends mit dem Bus nach Hause komme, finde ich den Umzug okay«, erklärte Finn.

Rena wandte sich an den 16-jährigen Lennart, der bisher schweigend zugehört hatte. »Was meinst du, Lenni?«

»Ist okay«, antwortete Lennart. »Dort ist die Küche größer.«

Lennart machte nie viele Worte. Seine Leidenschaft gehörte nämlich nicht dem Reden, sondern dem Kochen. Im nächsten Sommer würde er seinen Realschulabschluss machen und dann eine Lehre beginnen. Dass er Koch werden wollte, hatte Lennart schon gewusst, als er elf Jahre alt gewesen war. Es machte ihm wahnsinnigen Spaß, Rezepte zu studieren, einkaufen zu gehen und für seine ganze Familie zu kochen. In Hockensbüll würde er sich das Gemüse aus Opa Waldens Beeten holen können. Und in den Augen eines zukünftigen Kochs gab es natürlich nichts Besseres als frisch geerntetes Gemüse.

»Also seid ihr alle dafür«, fasste Rena die Meinung ihrer Kinder zusammen.

»Nee«, erklärte Lasse.

Seine Mutter schien seinen Einwand gar nicht gehört zu haben. »Prima, Kinder, dann bin ich ja beruhigt.«

Lasse warf ihr einen verständnislosen Blick zu. »Äh, also ich würde lieber ...«

Aber auch jetzt kam Riekes ältester Bruder nicht dazu, den anderen mitzuteilen, was er wollte. Denn nun fiel Rieke ihm ins Wort. Ihr war in den letzten Minuten noch ein anderer Gedanke gekommen: »Darf ich Balduin mitnehmen? Bitte, Mama, wir haben doch dann ganz viel Platz! Und bei Opa im Stall sind sogar noch Boxen frei!«

»Selbstverständlich darfst du«, antwortete Rena. »Wir haben schon fest eingeplant, dass Balduin mit uns umzieht. Dein Pony wird sich bestimmt gut mit Krümel und Lady verstehen.« Lachend fügte sie hinzu: »Wie er allerdings mit Frau Doktor zurechtkommt, müssen wir mal abwarten.«

3. Kapitel,
in dem Riekes Pony vorgestellt wird

Zum zweiten Mal in dieser Viertelstunde kam ein lauter Jubelschrei aus Riekes Mund. Rieke liebte Ponys über alles und hatte schon als ganz kleines Mädchen nichts lieber gemocht als Geschichten und Filme, in denen Pferde die Hauptrolle spielten.

Kurz nach ihrem siebten Geburtstag hatte sie mit dem Reitunterricht begonnen. Im Sattel zu sitzen, die Zügel mit den Händen am warmen Hals eines Ponys zu halten und seine Kraft zu spüren, war einfach wunderbar. Als Rieke das erste Mal galoppiert war, hatte sie sich gefühlt, als würde sie gleich abheben. Für sie gab es einfach nichts Schöneres, als auf dem Rücken eines Ponys zu sitzen. Außer vielleicht, in seine treuen Augen zu schauen und beim Streicheln der Nüstern zu spüren, wie der warme Pferdeatem über ihre Hand glitt.

In der kleinen Reitschule, die Rieke seit drei Jahren besuchte, waren die Reitstunden nicht besonders teuer. Es gab vier Privatponys, drei Pferde und sechs Schulponys. Vom allerersten Tag an hatte Rieke den Haflinger Balduin am liebsten gemocht. Doch der gehörte damals einem 19-jährigen Mädchen.

Nach den Reitstunden hatte Rieke ihr Schulpony abgesattelt, trocken gerieben und sein Fell gebürstet, bis es glänzte. Jedes Mal war sie direkt danach zu Balduins Box gegangen, hatte zärtlich seine Nüstern gestreichelt und ihm leise erzählt, was sie den Tag über erlebt hatte. Das 1,50 Meter große Pony mit dem ungewöhnlich hellen Fell und der kurzen blonden Mähne hatte sie mit seinen großen wachen Augen angeschaut und ihr aufmerksam zugehört. Und Rieke war sich hundertprozentig sicher gewesen, dass Balduin jedes ihrer Worte verstand.

Immer wieder hatte Rieke ihren Eltern und ihren Brüdern von Balduin vorgeschwärmt. Keiner von ihnen hatte sich jemals darüber lustig gemacht, dass sie so lange und ausgiebig von dem Haflingerpony sprach. Selbst die Jungs hatten gespürt, wie groß Riekes Liebe zu Balduin war.

Im letzten Herbst hatte Rieke dann durch einen Zufall erfahren, dass Balduin verkauft werden sollte. Seine Besitzerin wollte in Hamburg studieren und konnte das Pony nicht mitnehmen. Rieke hatte so lange gebettelt und gefleht, bis alle, aber auch wirklich alle, zusammengelegt hatten: Ihre Eltern und Opa Peter hatten Geld von ihren Sparbüchern abgehoben. Opas Freundin Babette hatte Rieke hundert Euro geschenkt. Ihre beiden ältesten Brüder waren so nett gewesen, ihr dreißig Euro von ihrem mühsam ersparten Taschengeld zu überlassen, und sogar Thiess und Finn, die sich immer darüber beklagten, viel .zu wenig Geld zu haben, hatten ihr zwanzig Euro gegeben. Darüber war Rieke sehr gerührt gewesen und sie hatte sich geschworen, ihren Eltern, ihrem Großvater, Babette und ihren Brüdern ewig dankbar zu sein. Eins wusste Rieke ganz genau: Der Tag, an dem Balduin ihr Pony geworden war, war der schönste ihres Lebens gewesen.

In der Nacht zuvor hatte sie morgens um fünf vor lauter Aufregung nicht mehr schlafen können. Beim Frühstück war sie ungeduldig auf ihrem Stuhl herumgerutscht und hatte keinen Bissen hinunterbekommen. Zum Glück hatten ihre Eltern Verständnis dafür gehabt, dass sie so schnell wie möglich zum Reitstall wollte. Nein, so schnell wie möglich zum Reitstall musste!

Eine halbe Stunde später hatte sie Balduins Boxentür geöffnet und ihre Arme um seinen kräftigen Hals geschlungen. »Jetzt gehören wir beide für immer zusammen, Baldi«, hatte sie geflüstert. Der Haflinger hatte leise gewiehert. Rieke hatte in seine braunen Augen geschaut und gespürt, dass Balduin ebenso glücklich war wie sie selbst.

»Ab jetzt darf deine Mähne wachsen«, hatte sie ihm lächelnd versprochen. Seine frühere Besitzerin hatte Balduins helle Mähne nämlich immer kurz scheren lassen. Dabei sah es so schön aus, wenn die blonden Mähnenhaare lang herunterhingen.

Seit der Haflinger Rieke gehörte, waren fast acht Monate vergangen. Seine Mähne war ordentlich gewachsen und sah wunderhübsch aus. Und überhaupt war Balduin für Rieke das schönste Pony auf der ganzen weiten Welt.

Es gab nur ein Problem: Der Reitstall lag fast sechs Kilometer vom Zwergenpalast der Waldens entfernt. So weit durfte Rieke nicht alleine mit dem Rad fahren. Deswegen war sie darauf angewiesen, dass ihre Mutter oder ihr Vater sie mit dem Auto zum Reiterhof brachten. Aber leider hatten die beiden nicht immer Zeit dafür, denn Riekes Vater arbeitete als Grafikdesigner und verbrachte den Tag in der Agentur und auch ihre Mutter war tagsüber mehr als beschäftigt: Für sieben Personen zu sorgen, machte viel Arbeit. Es musste eingekauft, gekocht, geputzt, gewaschen und gebügelt werden. Nachmittags brauchten Rieke, Thiess und Finn manchmal ihre Hilfe bei den Hausaufgaben. Und wenn all das getan war, saß Rena am liebsten vor einem Blatt Papier und entwarf Ideen für Hemden, Hosen, Röcke und Kleider. Dann kaufte sie Stoff und setzte ihre originellen Zeichnungen an der Nähmaschine um. »Beim Nähen kann ich am besten entspannen«, sagte sie oft. »Dabei kann man so gut nachdenken. Und das leise Rattern der Maschine klingt zwar nicht ganz so schön wie euer Lachen – aber fast.« Besonders gerne nähte Rena Anziehsachen für ihre Familie. Dummerweise wollte keiner von Riekes Brüdern knallbunte Hemden mit Rosenmustern oder T-Shirts mit Fledermausärmeln tragen. Auch Rieke fand die Kleider, die ihre Mutter für sie nähte, meistens zu ausgefallen. Sie trug am liebsten einfarbige Hosen und Longshirts.

Statt Rieke zum Reitstall zu fahren und dort länger als eine Stunde auf sie zu warten, saß Rena in ihrer freien Zeit also lieber an der Nähmaschine. Deshalb schlug sie meistens vor, dass einer der Jungs Rieke mit dem Fahrrad zum Reitstall begleiten sollte. Doch dazu hatte meist keiner ihrer Söhne Lust und Rieke musste oft lange bitten und betteln, damit sich einer von ihnen opferte. Zur Entschädigung übernahm sie dann den Küchendienst ihres Begleiters, sodass sie, seit Balduin ihr gehörte, schon sehr oft Geschirr eingeräumt und den Tisch abgewischt hatte.

Bisher hatte Rieke höchstens dreimal in der Woche zu Balduin fahren, auf ihm reiten, ihn streicheln und mit ihm reden können. Auf dem Waldenhof würde das anders sein: Dort würde sie ihren geliebten Haflinger jeden Tag sehen!

»Ach Mama, Balduin versteht sich doch mit jedem«, sagte sie nun. »Bestimmt auch mit Frau Doktor.«

Lasse grinste. »Und vor allem mit dir.«

»Logo«, erwiderte Rieke. »Was glaubst du, wie froh er sein wird, wenn ich jeden Nachmittag mit ihm ausreite!«

»Das wird bestimmt toll für euch beide«, mischte Claas sich ein. »Aber du wirst ab dann für dein Pony alleine verantwortlich sein. Schaffst du das?«

Rieke nickte eifrig.

»Papa meint nicht nur das Reiten«, sagte Lasse.

»Sondern auch das Füttern«, fügte Thiess hinzu.

»Und das Ausmisten«, ergänzte Finn und rümpfte die Nase.

»Ach das, das mache ich alles total gern«, betonte Rieke selbstbewusst.

»Dann ist's ja gut«, sagte Rena und blickte ihrer Tochter fest in die grünen Augen mit den kleinen braunen Punkten. »Ich bin mir sicher, du kriegst das hin.«

»Bin ich jetzt endlich dran?«, fragte Lasse, den Rieke vor geraumer Weile mitten im Satz unterbrochen hatte.

Rena lächelte ihm zu und strich gleichzeitig mit der rechten Hand über ihren runden Bauch. »Klar, leg los.«

»Ich finde es echt blöd, wenn ich jeden Tag so weit fahren muss. Ich habe ja nicht mal ein Auto.«

»Das würde dir auch gar nichts nützen, solange du noch keinen Führerschein hast«, erinnerte Firm ihn.

»Ich nehme ja bald Fahrstunden.«

»Wenn du die Prüfung bestanden hast, kannst du ab und zu Mamas oder mein Auto leihen«, antwortete Claas.

Auch das überzeugte Lasse nicht. »Aber meistens braucht ihr eure Autos selbst, oder?«

»Stimmt auch wieder«, sagte Rena. »Dann musst du eben doch mit dem Bus fahren, wenn du dich mit Josefine oder deinen Freunden in Rendsburg treffen möchtest.«

»Also, ich gehe auf keinen Fall auf eine andere Schule«, wandte Finn ein.

»Ich auch nicht«, sagte Thiess.

Rena wandte sich an ihren zweitältesten Sohn. »Aber du bist immer noch einverstanden, Lenni, ja?«

»Mir egal. Ich werd sowieso Koch.«

»Mann, du bist echt ein Brutalo«, sagte Finn.

»Wieso?«, fragten Lennart und Rena gleichzeitig und starrten Finn verblüfft an. Auch Rieke überlegte fieberhaft, weshalb sein Berufswunsch aus ihrem ruhigen Bruder Lenni einen abgebrühten Schläger machen sollte.

Doch da antwortete Finn schon grinsend: »Na, da muss man Sahne schlagen, Schnitzel platt hauen, Eier köpfen, Orangen auspressen ...«

Da lachte die ganze Familie Walden laut los. Finn schlug mit Lasse ein, Thiess kicherte vor sich hin und Rieke stellte sich vor, wie Lennart mit weißer Kochmütze auf dem Kopf und schwingendem Fleischklopfer einem flüchtenden Schnitzel hinterherrannte. Nur Lennart saß da und verzog keine Miene.

»Zurück zum Thema«, forderte Rena, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war. »Es ist so: Alle bleiben auf ihren Schulen, mit Ausnahme von Rieke natürlich.«

Rieke besuchte die vierte Grundschulklasse und sollte nach den Sommerferien aufs Gymnasium wechseln. »Aber ich gehe trotzdem mit Jana und Marie hier in Rendsburg aufs Gymnasium, oder?«, fragte sie ein wenig besorgt.

Ihre Eltern schüttelten die Köpfe. »Nein, Liebes«, antwortete ihr Vater. »Nicht weit von Hockensbüll entfernt gibt es ein Gymnasium, da kannst du sogar mit dem Fahrrad hinfahren.«

»Wie? Die Jungs dürfen auf ihren Schulen bleiben und ich nicht? Das ist ja total gemein!«, empörte Rieke sich.

»Du kannst doch ohnehin nicht auf deiner alten Schule bleiben«, gab Lasse zu bedenken.

»Außerdem sind wir älter«, fügte Thiess hinzu.

»Und können besser Bus fahren als du«, sagte Finn grinsend.

»Bus fahren kann jedes Baby«, antwortete Rieke schnell, obwohl sie erst ein einziges Mal alleine mit dem Bus gefahren war.

Weil Rena wusste, dass nun jedes ihrer Kinder – mit Ausnahme von Lennart natürlich – etwas zum Thema Busfahren sagen würde, gab sie ein energisches »Stopp jetzt!« von sich. Danach wandte sie sich Rieke zu: »Ich verstehe schon, dass du lieber mit deinen alten Klassenkameraden zusammenbleiben würdest und vor allem mit Jana und Marie. Aber die beiden dürfen dich jederzeit in Hockensbüll besuchen. Auf dem Augusta-Gymnasium wird es dir gefallen, da bin ich mir sicher!«

Rieke war eine Langschläferin, deshalb sagte ihr Vater nun: »Außerdem kannst du morgens länger schlafen, weil dein Schulweg viel kürzer ist.«

»... und du bist mittags früher zu Hause«, ergänzte Rena.

Rieke war noch nicht überzeugt. »Das ist trotzdem blöd.«

»Man kann eben nicht alles haben«, sagten Finn und Thiess gleichzeitig. Das war einer der Lieblingssätze ihres Großvaters und jedes der Waldenkinder hatte diesen Spruch schon unzählige Male zu hören bekommen.

»So ist es«, nickte Rena.

Auch Vater Claas blieb gelassen. »Für jeden von euch werden die Verabredungen ein bisschen aufwendiger. Aber ich denke, dass ihr in Hockensbüll auch schnell neue Freunde finden werdet.«

»Hmm«, grummelte Rieke, die sich ganz und gar nicht vorstellen konnte, jemals bessere Freundinnen zu haben als Jana und Marie.

Rena strich ihrer Tochter sanft über die langen blonden Haare. »Ach Riekchen, dafür wohnen wir bei Opa, haben viel mehr Platz für uns und die Zwillinge und du kannst Balduin jeden Tag sehen.«

So ganz überzeugt war Rieke zwar nicht, aber noch waren sie und ihre Freundinnen ja in einer Klasse und auch in den Ferien würden sie sich ohne Probleme treffen können. Und dann war da die Aussicht, dass sie bald zusammen mit ihrem Haflingerpony auf dem Waldenhof leben sollte – das machte die größere Entfernung zu ihren Freundinnen schon fast wieder wett!

4. Kapitel,
in dem die Waldens umziehen

Neun Wochen später war es so weit. Wie besprochen zog die Waldenfamilie am ersten Tag der Sommerferien um. Es war viel Arbeit gewesen, alles einzupacken, was mit auf den Hof sollte, und Rieke hatte viele Stunden damit verbracht, ihre Spielsachen und Pferdebücher in Umzugskisten zu räumen.

Als endlich alle Kartons und Möbelstücke aus dem Zwergenpalast im Umzugswagen verstaut waren, waren die sieben Waldens noch einmal gemeinsam durch die Räume gegangen. Trotz der Vorfreude auf den Waldenhof war es ein bisschen traurig gewesen, die leeren Zimmer zu sehen, in denen sie so viele Jahre gelebt hatten – und Rieke hatte einige Male mit den Tränen gekämpft. Sie hatte ihr altes Zimmer, die kleine rote Wohnküche mit dem großen Esstisch und den Wohnraum mit der gemütlichen Sitzecke sehr gemocht. Andererseits freute sie sich riesig auf ihr neues Zuhause.

Riekes Vater Claas und ihre Brüder Lennart und Lasse waren vor einer halben Stunde mit dem Umzugswagen vorausgefahren. Rieke sollte mit ihrer Mutter, Thiess und Firm im Familienauto nach Hockensbüll fahren. Schon dreimal hatte Rena sie gebeten, sich zu beeilen. Trotzdem ließ Rieke sich Zeit. Sie ging noch einmal alleine durch das Haus und warf jedem Zimmer eine Kusshand zu, um sich von ihm zu verabschieden. Als sie endlich vor der Haustüre stand, hielt sie inne und sagte leise: »Tschüss, lieber Zwergenpalast. Ich wünsche dir, dass deine neuen Bewohner nett zu dir sind!«

»Hey, glaubst du, das Haus versteht dich?«, fragte Finn, der plötzlich neben ihr stand.

Rieke hatte geglaubt, ihr zweitjüngster Bruder säße bereits bei ihrer Mutter im Auto. Aber sie ließ sich ihre Überraschung nicht anmerken. »Dich versteht es vielleicht nicht. Mich schon«, antwortete sie, ging mit hoch erhobenem Kopf an Finn vorbei und setzte sich auf den Rücksitz.

»Das hat aber lange gedauert, Schätzchen«, sagte Rena.

»Ich habe dem Haus ›Auf Wiedersehen‹ gesagt«, erklärte Rieke.

»Wie lieb von dir«, antwortete ihre Mutter und startete den Motor.

Finn, der mittlerweile ebenfalls eingestiegen war, zog die rechte Augenbraue hoch, sagte aber nichts mehr. Rieke war ihm nicht böse. Sie spürte, dass er ihre Idee eigentlich nett fand.

Bis sie den Hof erreichten, verging eine knappe Dreiviertelstunde. In Hockensbüll stieg Finn aus dem Auto, um das Tor zu öffnen. Dahinter lag eine zwanzig Meter lange Auffahrt, rechts und links davon befanden sich die Koppeln.

Die Stimme, die »Tor zu« rief, war so laut, dass man sie sogar im Auto hören konnte. Noch bevor sie ihn sehen konnte, wusste Rieke, dass sie ihrem Großvater gehörte. Und sie wusste auch, dass er ziemlich ärgerlich war.

Rena behielt den Fuß auf dem Bremspedal. »Ich wette, Frau Doktor ist mal wieder abgehauen!«, seufzte sie.

Als Rieke aus dem Wagen stieg, konnte sie ihren wild gestikulierenden Großvater nicht nur hören, sondern auch sehen. Und sie sah noch etwas anderes: nämlich Frau Doktor, die mit wilden Bocksprüngen direkt auf sie zurannte.

»Jetzt macht doch endlich das Tor zu, sonst rennt dieses verrückte Vieh auf die Straße«, brüllte Opa Peter noch lauter als zuvor.

Frau Doktor war Peter Waldens Sorgenkind. Mehr als das: Die Ziege mit dem weiß-braun gefleckten Fell und den dunkelbraunen Ohren brachte ihn oft bis an den Rand der Verzweiflung. Immer wieder büxte sie aus, trampelte durch den Gemüsegarten, knabberte an den jungen Pflänzchen und plünderte die Futtertonnen. Sie versetzte die Schnatterenten Bürger und Meister in helle Aufregung, jagte die beiden Schafe Eins und Zwei über den Hof und schlug nach allen Seiten aus, wenn jemand versuchte, sie wieder einzufangen. Jedes Mal drohte Riekes Opa damit, sie beim nächsten Sommerfest als besondere Köstlichkeit auf den Grill zu legen.

Immer wenn er Frau Doktor diese Strafe androhte, meckerte sie nur. Es klang, als würde sie Opa Peter auslachen, weil sie genau wusste, dass er das niemals tun würde.

Denn Frau Doktor hatte einmal etwas sehr Gutes bewirkt: Der Stute Lady war es nach ihrer Ankunft auf dem Waldenhof ganz und gar nicht gut gegangen. Mit hängendem Kopf und eingeknicktem Vorderbein hatte sie im Stall gestanden und fast nichts mehr gefressen. Ihr braunes Fell hatte jeden Glanz verloren und sämtliche Familienmitglieder hatten sich große Sorgen um das alte Pferd gemacht. Da war Peter Walden eingefallen, dass manche Pferde die Gesellschaft von Ziegen liebten. Und weil Lady von Tag zu Tag kraftloser und trauriger zu werden schien, hatte er sich entschlossen, es zu probieren und eine Ziege zu kaufen.

Auf den ersten Blick hatte die Ziege einen verträglichen und freundlichen Eindruck gemacht. Aber sobald sie auf dem Waldenhof angekommen war, hatte sie ihr wahres Gesicht gezeigt. Im Stallgang hatte sie die Beine in den Boden gestemmt und ohrenbetäubend laut gemeckert. Zu seinem Schrecken hatte Peter Walden feststellen müssen, dass diese Ziege nicht nur außergewöhnlich störrisch, sondern auch äußerst kräftig war. Als es ihm nach langem Hin und Her endlich gelungen war, die Boxentüre zu öffnen, hatte er jedoch eine Überraschung erlebt. Die Ziege war mit hochgerecktem Haupt in die Box stolziert und hatte Lady beschnuppert, so weit ihr kleines Näschen reichte. Als sie damit fertig war, hatte sie das Fell der alten Stute abgeschleckt. Lady hatte die weiß-braun gefleckte Ziege die ganze Zeit über aufmerksam beobachtet. Plötzlich hatte sie vorsichtig am Fell der Ziege geschnuppert. Währenddessen hatte diese ihren Kopf in Ladys Futtertrog gesteckt. Die Stute hatte ausgesehen, als würde sie einen Moment überlegen, dann hatte sie ebenfalls zu fressen begonnen. Von diesem Moment an waren Ziege und Pferd die besten Freunde.

Wenige Tage später hatte die alte braune Stute wieder Freude am Leben – und nach drei Wochen bestand sie nicht mehr nur aus Haut und Knochen. Auf diese Weise war Lady durch die Ziege wieder gesund geworden und deshalb hatten die Waldens sie Frau Doktor getauft.

In jeder anderen Hinsicht war Frau Doktor allerdings eine echte Plage. Weil sie nicht nur kräftig und schnell, sondern auch clever war, ließ sie sich kaum wieder einfangen, sobald sie den Stall verlassen hatte. Nur einer konnte sie halbwegs bändigen: Thiess.

Festgestellt hatten die Waldens das durch einen Zufall. An einem der Wochenenden, das sie in Hockensbüll verbracht hatten, war Frau Doktor nämlich ebenfalls ausgerissen. Alle außer Thiess, der lesend in der Hängematte gelegen hatte, waren hinter der Ziege hergerannt, um sie wieder einzufangen. Aber keiner von ihnen hatte eine Chance. Frau Doktor war schneller und geschickter als jeder von ihnen. Sie wartete, bis man sich ihr näherte, dann schlug sie einen Haken und rannte davon.

Nach einer Weile hatte Thiess sich erhoben und war mit gemächlichen Schritten auf die Ziege zugegangen. »Bleib stehen, du Hübsche«, hatte er gemurmelt und ihr die Hand entgegengestreckt.

Frau Doktor hatte den Jungen unverwandt angestarrt und selbst dann keinen Mucks von sich gegeben, als er nach ihrem Halsband gegriffen und sie in den Stall geführt hatte. Die restlichen Mitglieder der Waldenfamilie hatten den beiden staunend hinterhergeblickt und die Welt nicht mehr verstanden.

Noch am selben Tag war Finn heimlich in den Stall geschlichen, um festzustellen, ob »du Hübsche« so etwas wie ein Zauberwort für Frau Doktor war. Aber die Ziege hatte ihn mit keinem Blick gewürdigt.

»Vielleicht könntest du aussteigen und deinem Großvater helfen, Thiess«, sagte Rena nun, nachdem sie eine ganze Weile darauf gewartet hatte, dass ihr Sohn von selbst auf diese Idee kam.

Der hob die Nase aus seinem Buch, erwiderte »Kann ich machen«, öffnete die Wagentüre und stieg in aller Seelenruhe aus.

Mittlerweile hatte Frau Doktor Renas Auto fast erreicht. Opa Walden machte einen großen Satz auf die Ziege zu. »Wirst du wohl stehen bleiben, du Satansvieh«, brüllte er. Die Ziege hielt kurz inne und Riekes Großvater griff nach ihrem roten Halsband. Genau in diesem Augenblick machte Frau Doktor einen riesigen Bocksprung zur Seite und Opa Peter stolperte ins Leere.

»Ist es denn zu fassen!«, fluchte er. Sein schmales Gesicht hatte inzwischen eine rote Färbung angenommen.

Nun pfiff Thiess leise durch die Zähne. »Ssstt, Doktorchen«, machte er. Die Ziege hielt inne und starrte Thiess aus ihren gelblichen Augen an.

»Komm zu mir«, bat der 13-Jährige mit sanfter Stimme.

Genau das tat Frau Doktor auch. Bedächtig schritt sie auf Thiess zu und blieb direkt vor ihm stehen.

»Du Brave«, flüsterte Thiess und streichelte ihr sanft über den Kopf.

»Von brav kann ja wohl nicht die Rede sein«, schimpfte Peter Walden. »Kaum hatte ich die Boxentüre geöffnet, da ist sie wie ein geölter Blitz an mir vorbeigestürmt. Als ob ich nichts anderes zu tun hätte, als diesem Satansbraten hinterherzulaufen.«

Rieke wusste, dass ihr Großvater sich nun eine ganze Weile über die Ziege ärgern würde. »Hi Opi«, sagte sie, um ihn abzulenken, und schlang ihre Arme um ihn. »Wir sind da.«

»Das sehe ich«, grummelte er. »Und wenn du mich Peter nennst, fange ich auch an, mich darüber zu freuen.«

Trotz seiner 66 Jahre sah Peter Walden jünger aus als andere Großväter. Zum Teil lag das daran, dass seine raspelkurz geschnittenen Haare noch kein bisschen grau waren und dass er kaum Falten hatte. Sein schmales Gesicht mit der großen Nase zierten beinahe kinnlange Koteletten. Opa Peter sah aber nicht nur jünger aus, sondern fühlte sich auch jung. Rieke mochte ihren Opa und war stolz darauf, dass er so unternehmungslustig und spaßig war. Keine ihrer Freundinnen hatte einen Opa, der schneller Rad fahren und besser rückwärts Schlittschuh laufen konnte als sie. Nur seine Koteletten mochte sie gar nicht, die kratzten nämlich, wenn sie ihm einen Kuss auf die Wangen gab.

Weil Peter Walden noch so fit war, konnte er es nicht besonders gut leiden, wenn man Opi oder Opa zu ihm sagte. Er mochte es lieber, wenn seine Enkel ihn Peter nannten.

Kopfschüttelnd schaute er auf Frau Doktor, die neben Thiess stand und ihn anschaute, als könnte sie kein Wässerchen trüben.

»Hi Peter«, sagte Finn und fügte hinzu: »Cooles Hemd!«

Opa Walden trug eins der Hemden, das seine Schwiegertochter für ihn genäht hatte. Peter Walden liebte Renas Hemden! Selbst wenn sie rosa waren.

An diesem Tag trug er ein quietschgelbes Hemd mit dunkelgrünen Blockstreifen. Es war sehr auffällig und Rieke wusste genau, dass Finn es eigentlich nicht besonders schön fand. Opa Peter hingegen schien es zu gefallen.

»Finde ich auch«, antwortete Peter Walden tiefernst.

So wie er es sagte, klang es allerdings wie »findichauch«. Denn oft nuschelte er und zog die Worte so zusammen, dass sie sich wie ein einziges Wort anhörten. Manchmal ließ er auch einfach Worte weg, sodass man ihn eigentlich nur verstand, wenn man schon vorher wusste, was er sagen wollte.

Nun hielt er Thiess die hochgestreckte Hand entgegen. »Du hättest dich ruhig ein bisschen sputen können, Enkel«, brummte er.

Thiess schlug ein. Erstaunlicherweise schien nicht einmal das laute Klatschen Frau Doktor zu erschrecken. Sie stand still wie eine Statue.

»Kannst du mir mal verraten, wie du das machst, mein Junge?«

»Was?«, fragte Thiess.

»DasViehzubändigen?«

Thiess kannte seinen Großvater gut genug, um genau zu wissen, was er gesagt hatte. Trotzdem fragte er höflich: »Wie bitte? Ich habe dich nicht richtig verstanden.«

Peter Walden seufzte genervt und wiederholte seine Frage. »Du sollst mir verraten, wie du es schaffst, das Vieh zu bändigen.«

Thiess zuckte die Schultern. »Das weißt du doch: Ich bin einfach nett zu ihr.«

In diesem Moment fiel Riekes Blick auf die Toreinfahrt. Dort stand ein etwa zehnjähriger Junge mit dunklen Haaren und starrte zu ihnen herüber. »Hallo«, rief Rieke und hob die Hand.

Der Junge reagierte nicht. Wortlos drehte er sich auf dem Absatz um und ging davon.

Ob der mich gar nicht bemerkt hat?, überlegte Rieke, kam aber nicht dazu, weiter darüber nachzudenken.

»Also, Leute, ich würde jetzt gerne ins Haus gehen, um den anderen beim Auspacken zu helfen«, verkündete Rena und klatschte unternehmungslustig in die Hände. »Kommt ihr mit?«

Firn prustete los. »Mama, denkst du wirklich, mit dem dicken Bauch kannst du viel helfen? Du kugelst höchstens noch in eine Kiste rein und dann müssen wir dich wieder raushieven.«

Rena stemmte empört die Hände in die Hüften, musste Finn dann allerdings lachend recht geben. »Na gut, so richtig viel kann ich wirklich nicht tun. Aber das Geschirr muss schließlich auch in die Schränke geräumt werden – das werde ich doch wohl noch schaffen, was meint ihr?«

Opa Peter lächelte. »Dann lass uns mal zum Haus gehen, Schwiegertöchterchen, die anderen werden sich schon wundern, wo wir bleiben. Wie immer hat diese verrückte Ziege alles durcheinandergebracht.«

In diesem Augenblick ließ Frau Doktor ein leises Meckern hören.

»Manchmal denke ich, sie versteht dich«, sagte Rena.

»Bestimmt! Balduin versteht auch alles, was ich sage«, erklärte Rieke und wurde sofort ein bisschen wehmütig. Ihr geliebter Haflinger würde erst in drei Tagen auf dem Waldenhof eintreffen. Rena und Claas hatten entschieden, dass zuerst alle Möbel an ihren Plätzen stehen sollten. Außerdem war Balduins neues Zuhause noch nicht fertig. Rieke hatte ihrem Großvater versprechen müssen, ihm beim Herrichten einer leeren Box in Ladys, Frau Doktors und Krümels Stall zu helfen. In dem großen Gebäude mit dem Flachdach waren noch fünf Boxen frei und in allen hatte sich ziemlich viel Dreck und Staub angesammelt, weil sie seit mehr als 18 Jahren leer standen.

Rena und Finn stiegen wieder ins Auto, während sich Rieke, Thiess und ihr Großvater zu Fuß auf den Weg machten. Frau Doktor ging mit gemessenen Schritten neben Thiess her, der mit leiser Stimme auf sie einsprach.

»Vergiss bloß nicht, die Schnur um den Boxenhebel zu schlingen«, empfahl Opa Walden, als sie das Haus und die Ställe erreichten. »Sonst ist das Vieh gleich wieder draußen.«

5. Kapitel,
in dem es sehr nass wird

Direkt vor dem großen roten Backsteinhaus mit dem dunkelroten Ziegeldach parkte der Umzugswagen. Papa Claas, seine beiden ältesten Söhne und zwei weitere Umzugshelfer hatten schon einen Teil der Möbel und viele Kisten ins Haus gebracht. Rieke entdeckte sofort einen Karton, auf dem in grünen Buchstaben ihr Name stand, und wollte ihn ins Haus tragen. Voller Feuereifer bückte sie sich, schlang ihre Arme um die Kiste und – nichts. Sie war viel zu schwer für sie und bewegte sich keinen Millimeter. Ratlos sah Rieke sich um, doch dann entdeckte sie ihre Stehlampe in all dem Chaos. Schnell griff sie danach und stieg zügig die steilen Treppenstufen zu ihrem Zimmer hinauf. Es lag im ersten Stock und hatte zwei hübsche kleine Sprossenfenster. Rieke hatte ihr neues Zimmer schon vor einigen Tagen gemeinsam mit ihrem Vater und Lasse in einem leuchtenden Gelbton gestrichen, den sie sich selbst ausgesucht hatte.

Rieke stellte die Stehlampe neben das weiße Eisenbett mit den verzierten Ranken am Kopfteil. Auch ihr Bücherregal hatte bereits jemand nach oben getragen. Rieke hätte gerne damit begonnen, ihre Bücher und Spielsachen auszupacken, doch bislang befand sich leider kein einziger Karton in ihrem Zimmer. Deshalb beschloss sie, zuerst kurz durch alle Räume zu gehen und sich umzuschauen. Anschließend wollte sie zu ihrem Großvater gehen: Vielleicht hatte er ja Zeit, um mit ihr Balduins Stall herzurichten.

Finns neues Zimmer und das Elternschlafzimmer befanden sich ebenfalls auf der ersten Etage. Auch die Zwillinge sollten im ersten Stock wohnen. Weil die Waldens nicht wussten, ob zwei Mädchen, zwei Jungs oder ein Pärchen zur Welt kommen würden, hatte es lange Diskussionen darüber gegeben, welche Farbe die Wände dieses Zimmers bekommen sollten. Rieke war fest davon überzeugt, zwei Schwesterchen zu bekommen, und hatte auf rosafarbenen Wänden bestanden. Die Jungs waren natürlich für Blau gewesen. Und da sie sich nicht einigen konnten, hatten sie schließlich alle zusammen beschlossen, das Zimmer in einem schönen Grün zu streichen. Außerdem hatten Rena und Claas neue Möbel für die Babys gekauft: einen Kleiderschrank aus Birkenholz mit wunderhübschen Verzierungen, zwei kleine weiße Gitterbettchen und eine große Wickelkommode. Auch die Vorhänge für die Sprossenfenster hatte Rena bereits genäht. Darauf prangten kleine Bärchen mit großen runden Knopfaugen, die Rena aus Stoff ausgeschnitten und mit viel Liebe auf die Stoffbahnen genäht hatte.

Direkt unter dem Dach befanden sich die Zimmer von Lasse, Lennart und Thiess. Auf dem Weg dorthin begegnete Rieke ihren beiden ältesten Brüdern. Sie schleppten ein altes Sofa mit einem feuerroten Bezug die enge Treppe hinauf. »Weg da, Rieke«, ächzte Lasse. »Das Teil ist megaschwer.«

Rieke drückte sich an die weiß gekalkte Wand und wartete, bis ihre Brüder an ihr vorbei waren. Dann machte sie kehrt und ging zum Schlafzimmer ihrer Eltern. Der Fußboden lag voller Regalbretter und Schrauben, dazwischen kniete ihr Vater und baute den Kleiderschrank auf. Das hieß, vielmehr versuchte er es. Ratlos blickte er zwischen den vielen Einzelteilen hin und her und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Rieke, die an der Tür stand, bemerkte er gar nicht. Sie beobachtete ihn eine Weile, doch als er plötzlich laut »So ein Riesenmist!« schrie, verdrückte sie sich schnell wieder. Denn Rieke wusste, dass man ihren Vater besser alleine ließ, wenn er mit Heimwerkerarbeiten beschäftigt war.

In der Küche hatte ihre Mutter gerade den ersten Karton mit Geschirr ausgepackt. »Na, weißt du nicht so recht, wo du helfen sollst?«, fragte Rena. »Ich habe hier leider auch keine Aufgabe für dich, Liebes. Das hier ist ja tatsächlich fast das Einzige, was ich noch tun kann. Und das mach ich mal lieber alleine, sonst komme ich mir total überflüssig vor.«

Rieke hatte sowieso keine große Lust gehabt, Teller und Tassen in die Schränke zu räumen. »Okay«, antwortete sie deshalb ein bisschen erleichtert. »Dann besuche ich Opa.«

Peter Walden hatte bereits vor ein paar Wochen das kleine Nebenhaus des Waldenhofes renoviert, in dem er von nun an wohnen würde. Es hatte drei kleine Zimmer und eine Miniküche. »Das reicht mir«, hatte er mitgeteilt. »Wichtig ist nur, dass Babette ein bisschen Platz hat.«

Opas Freundin, Babette Katzenberger, lebte normalerweise in Kiel. Aber sie kam oft zu Besuch und blieb manchmal acht Tage am Stück auf dem Waldenhof. Genau wie Opa Peter hielt sie sich am liebsten im Freien auf – oder in ihrer Werkstatt, in der sie aus Drahtgestellen, Baumrinden, Fellen, Kork und anderen Materialien riesige Skulpturen baute.

Rieke stürzte aus dem Haus. Sie lief an dem inzwischen fast leeren Umzugswagen und dem hohen, 39 Jahre alten Lindenbaum vorbei. Diesen Baum hatte Peter Walden nach der Geburt seines einzigen Sohnes, also Riekes Papa Claas, gepflanzt. Die zartgrünen Blätter bildeten einen schönen Kontrast zu dem roten Backsteinhaus, das von heute an Riekes neues Zuhause war. An einem der dicken Äste hing eine Holzschaukel, auf der schon Claas als kleiner Junge geschaukelt hatte. Rieke widerstand der Versuchung, sich auf das breite Brett zu setzen und die Beine baumeln zu lassen, und machte sich stattdessen auf die Suche nach ihrem Großvater. Sie fand ihn in Krümels, Ladys und Frau Doktors Stall. Zunächst begrüßte sie Lady, dann streichelte sie dem kleinen Krümel zärtlich über den Mähnenkamm. »Sollen wir jetzt Balduins Box fertig machen?«, fragte sie dann.

»Ich will deinem Vater gleich beim Aufbauen der Schränke helfen«, antwortete Peter Walden, während er eine Handvoll Heu in Ladys Raufe schüttete, »alleine kommt der doch nicht weit.« Als er Riekes Enttäuschung bemerkte, fuhr er fort: »Wenn du die drei auf die Koppel bringst, kannst du schon mal die hintere Box ausfegen und anschließend die Stallwände mit dem großen Schlauch abspritzen. Die wird nämlich Balduins neues Heim.«

Rieke verzog das Gesicht. Sie sollte ganz alleine an der Box arbeiten? Das war doch langweilig! Das Einzige, was in ihren Ohren wirklich gut klang, war das Abspritzen. Mit Wasser herumzuplanschen, machte immer Spaß.

»Allerdings nur, wenn du keine Wasserschlacht veranstaltest«, ergänzte ihr Großvater, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Rieke grinste unschuldig. »Nönö.«

Ihr Opa guckte sie noch einmal streng an, dann ging er ins Haus. Rieke brachte zuerst den kleinen Haflinger Krümel nach draußen, dann holte sie Lady und Frau Doktor. »Wehe, du haust ab«, drohte sie der Ziege und schlang einen Strick um das rote Halsband, das Frau Doktor immer trug. Aber Frau Doktor schien für diesen Tag genug erlebt zu haben und folgte artig. Rieke führte die Ziege am Strick aus dem Stall und die alte Stute schritt gemächlich neben ihnen her. Bürger und Meister hatten mitbekommen, dass etwas vor sich ging, und begleiteten sie laut schnatternd. »Ja, guckt nur, was auf eurem Hof so alles passiert«, sagte Rieke zu ihnen. »Von heute an wird hier richtig was los sein.«

Als sie auf der Koppel angekommen waren, ließ Rieke Lady und Frau Doktor los, versperrte das Tor und überprüfte, ob der Riegel tatsächlich fest eingerastet war.

Zurück im Stall schlüpfte sie in die viel zu großen Gummistiefel ihres Großvaters. Zwar musste Rieke darin jedes Mal, wenn sie einen Schritt machte, die Füße auf Kniehöhe anheben und die Stiefel mit den Händen festhalten. Aber ihre Mutter hatte jetzt bestimmt keine Zeit, in den Umzugskartons nach Riekes Stiefeln zu wühlen.

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Titel: Der kunterbunte Waldenhof: Ponychaos hoch sieben - Band 1