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Der kunterbunte Waldenhof: Zwillinge kommen selten allein - Band 2

2019 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Ach du meine Güte, hier ist ja immer etwas los! Seit die zehnjährige Rieke mit ihrer Familie auf den Waldenhof gezogen ist, hat sie keine ruhige Minute mehr – und jetzt steht auch noch das große Tauffest für ihre frischgeborenen kleinen Geschwister vor der Tür! Vor allem muss sich Rieke aber um die Pferde auf dem Waldenhof kümmern, die sie über alles liebt. Nur der scheue Goliath läuft immer vor ihr davon. Der Schimmel scheint nur einem einzigen Menschen zu vertrauen: Ausgerechnet Tjorven, dem Jungen aus der Nachbarschaft, der nicht mal reiten kann. Ob Rieke es ihm beibringen soll?

Über die Autorin:

Heide John wurde in Köln geboren und lebt inzwischen auch wieder in der Rheinmetropole. Sie studierte Germanistik und Politikwissenschaften und arbeitet heute als Lektorin, freie Journalistin und schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene.

Die Autorin im Internet: http://www.facebook.com/heide.john.5

Bei jumpbooks veröffentlichte Heide John bereits die beiden Kinderkrimis »4D – Tatort Hofgarten« und »4D – Tatort Düsseldorf« sowie die Serie rund um Rieke, den Waldenhof und viele vierbeinige Freunde: »Der kunterbunte Waldenhof: Ponychaos hoch 7«, »Der kunterbunte Waldenhof: Zwillinge kommen selten allein« und »Der kunterbunte Waldenhof: Bühne frei für unsere Ponys«.

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eBook-Neuausgabe Juni 2019

Copyright © der Originalausgabe 2011 Arena Verlag GmbH, Würzburg

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Copyright © der vorliegenden Ausgabe 2019 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Sveta Lagutina, M. Aurelius, Ladelena, Davilo Sanino, Anastasia Makasova, Dusan Pavic, Kay Jung

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96053-238-5

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Heide John

DER KUNTERBUNTE WALDENHOF:
Zwillinge kommen selten allein

jumpbooks

1. Kapitel,
in dem die Zwillinge ihre Namen bekommen

»Puh, das stinkt«, sagte Rieke und rümpfte die Nase.

Riekes Mutter Rena lachte. »Pass auf! Gleich kommt die zweite.«

Die jüngsten Mitglieder der Waldenfamilie, die drei Wochen alten Zwillinge, lagen auf dem Wickeltisch und hielten ausnahmsweise still. Gebannt schauten sie auf das funkelnagelneue Mobile, das über ihren Köpfen hin und her schaukelte.

Es war ein schöner, außergewöhnlich warmer Septembertag und das Kinderzimmerfenster war weit geöffnet, sodass sich die Figuren – ein weißer Bär, ein roter Affe, eine gelbe Ente und ein blauer Elefant – sanft im leichten Wind bewegten.

Die zehnjährige Rieke stand direkt neben ihrer Mutter. Sie schaute abwechselnd auf ihre jüngsten Geschwister, das Mobile und ihre Mutter. »Meine Windeln haben aber nicht so gestunken, oder?«

»Doch, Liebchen«, antwortete Rena lächelnd. »Vielleicht sogar noch ein bisschen schlimmer.«

Mit geübten Handgriffen wechselte sie auch die zweite Windel, verschloss sie fest mit den Klebestreifen und warf sie in den Windeleimer. »So, den nehmen wir gleich mit runter«, erklärte sie.

Im gleichen Moment ertönte eine Stimme aus dem Erdgeschoss: »Essen fertig!«

»Das passt ja«, sagte Rena. »Magst du den Kleinen tragen, Rieke?«

Rieke nickte. In den ersten Tagen nach der Geburt der Zwillinge hatte sie Angst gehabt, die Babys zu nehmen. Sie wirkten so klein und zerbrechlich. Mittlerweile wusste sie, wie man ein Baby halten musste, und hatte auch kein Problem damit, eins ihrer Geschwister die Treppe hinauf- oder hinunterzutragen.

Rena reichte ihr den kleinen Jungen, der in einem blauweiß gestreiften Strampelanzug steckte. Sie selbst schnappte sich den Plastiksack aus dem Windeleimer, verknotete ihn und nahm dann ihre jüngste Tochter auf den Arm. »So, jetzt aber schnell in die Küche, sonst schimpft Lennart.«

Riekes zweitältester Bruder Lennart war 16 Jahre alt und kochte leidenschaftlich gern. Seit der Geburt der Zwillinge tat er das noch häufiger als früher und war seinen Eltern damit eine große Hilfe. Sie hatten mit fünf Kindern, zwei Babys, dem Haus und dem Hof mitsamt all seinen Bewohnern schließlich alle Hände voll zu tun.

Am großen Esstisch der Waldenfamilie saßen bereits Vater Claas, Riekes ältester Bruder Lasse und der 13-jährige Thiess.

Claas Walden lächelte seiner Tochter zu: »Na Riekchen, hast du Mama beim Wickeln geholfen?«

»Stinkalarm!«, erwiderte Rieke. »Gefahrenstufe eins.«

Riekes Vater hielt sich spaßeshalber die Nase zu. »Willst du mir Michel geben? Dann kannst du in Ruhe essen.«

»Michel?«, fragte Lasse erstaunt. »Ich dachte, wir hätten uns auf Josha geeinigt.«

Geeinigt hatten die Waldens sich bislang noch gar nicht. Jeder von ihnen fand andere Namen schön, weshalb sie die Zwillinge meistens »Hasi« und »Mausi« oder »Süße« und »Süßer« nannten.

Vorsichtig legte Rieke ihren kleinen Bruder in die Arme ihres Vaters. Lennart stellte unterdessen eine riesige Platte mit Kartoffelpuffern und eine große Schale mit selbst gekochtem Apfelmus auf den Tisch.

Es roch köstlich!

Auch Rena war mittlerweile in die Küche gekommen. Sie setzte sich, platzierte ihre kleine Tochter in ihrer rechten Armbeuge und begutachtete Lennarts Essen. »Hmm, wenn die Reibekuchen so schmecken, wie sie riechen, bin ich gleich der glücklichste Mensch auf der Welt!«

Lennart legte seiner Mutter drei Puffer auf den Teller und fügte zwei große Löffel Apfelmus hinzu.

»Danke, Schatz«, sagte Rena und lehnte sich zufrieden zurück.

Auf dem Waldenhof herrschte zwar meistens Chaos, doch seit die Zwillinge auf der Welt waren, bemühten sich Rieke und ihre großen Brüder, ihre Eltern nach Kräften zu unterstützen. Sie wechselten sich nicht nur mit dem Küchendienst ab, saugten das Haus oder halfen bei der Wäsche, sondern schoben auch mindestens einmal täglich den Doppelkinderwagen über den Hof. Wenn die Babys unruhig waren oder weinten, beruhigte sie das leise Schaukeln des Wagens, sodass sie meistens einschliefen.

Rena führte gerade die Gabel mit dem ersten Bissen zum Mund, als sie stutzte. »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht«, zählte sie laut. »Komisch! Ich hätte schwören können, dass wir normalerweise neun Personen sind.«

Claas zwinkerte seiner Frau zu. »Ich auch.«

Thiess, der ebenso wie alle anderen längst bemerkt hatte, dass der um ein Jahr ältere Finn nicht am Tisch saß, sagte scheinheilig: »Stimmt! Opa fehlt.«

Opa Walden lebte seit über 45 Jahren auf dem Waldenhof und sein einziger Sohn Claas war hier aufgewachsen. Rena, Claas und ihre fünf Kinder hatten viele Jahre in Rendsburg gelebt. Aber für zwei weitere Familienmitglieder wäre das Rendsburger Haus – von allen liebevoll Zwergenpalast genannt – viel zu klein gewesen. Deshalb waren die Waldens am ersten Tag der Sommerferien umgezogen. Peter Walden hatte das große rote Backsteinhaus mit dem dunkelroten Ziegeldach für sie geräumt und war in das kleine Nebenhaus gezogen. Jetzt hatten sie viel mehr Platz als früher und alle Kinder bis auf die Zwillinge hatten ein eigenes Zimmer.

Rieke war sehr glücklich in ihrem neuen Zuhause. Am tollsten fand sie, dass auf dem Hof sechs Pferde, eine Ziege, zwei Enten und zwei Schafe lebten. Aber am allertollsten war, dass ihr geliebtes Haflingerpony Balduin ebenfalls mit ihnen umgezogen war.

»Tss«, fuhr Rena lachend fort. »Ich hätte gewettet, dass du noch einen Bruder hast, der normalerweise mit uns isst, Thiess.«

Der 13-Jährige öffnete den Mund, um zu antworten, kam aber nicht dazu. Denn genau in diesem Moment enterte der vermisste Finn die große Wohnküche, plumpste auf seinen Stuhl und stöhnte: »Ich habe tierischen Hunger. Warum sagt mir keiner, dass es was zu futtern gibt?«

»Ich habe gerufen«, brummte Lennart, der selten viele Worte machte.

»Nichts gehört«, gab Finn zurück und türmte sechs Puffer und einen riesigen Berg Apfelmus auf seinen Teller.

»Wieder mal Musik gehört, Kleiner?«, fragte Lasse.

»Mit Kopfhörern?«, ergänzte Rieke.

Finn hörte nämlich immer Musik. Am liebsten hätte er die Stöpsel seines MP3-Players auch in der Schule in seinen Ohren gelassen. Außerdem sang der 14-Jährige meistens lautstark mit – leider nicht besonders melodisch.

»Könnte glatt sein«, erwiderte Finn mit vollem Mund.

Für einen winzigen Moment war es still am Tisch, weil alle mit Essen beschäftigt waren. Nicht einmal die Zwillinge gaben Töne von sich.

»Das war superlecker, Lennart«, sagte Rieke, nachdem sie ihren vierten Reibekuchen verputzt hatte, und wendete sich dann an ihre Mutter. »Kann ich noch kurz zu Balduin?«

Rieke wusste genau, dass sie erst aufstehen durfte, wenn alle fertig gegessen hatten. Aber sie wollte unbedingt in den Stall zu ihrem Haflinger. Und je früher sie fragte, desto eher durfte sie vielleicht gehen.

Renas Blick fiel prompt auf die Küchenuhr. »Du hast die Pferde doch bestimmt schon gefüttert, oder?«

»Habe ich«, antwortete Rieke. Das Füttern ihres Lieblingsponys Balduin, der alten Stute Lady, des etwas mickrigen Haflingerponys Krümel, der stolzen Friesenstute Hera, des scheuen Wallachs Goliath und des Shetlandfohlens Fietje gehörte zu Riekes täglichen Pflichten. Sie erledigte diese Aufgabe jeden Morgen, kurz bevor sie in die Schule ging, und jeden Abend vor dem Essen.

»Willst du Baldi noch einmal Gute Nacht sagen?«

Rieke nickte.

»Gut, aber nur kurz. Du musst morgen in die Schule und früh aufstehen.«

Sofort sprang Rieke auf und war schon auf dem Weg nach draußen, als Rena sie stoppte.

»Halt«, ordnete sie an. »Zuerst müssen wir noch etwas besprechen.«

»Können wir das nicht ein anderes Mal machen?«, fragte Lasse. »Ich will nach Rendsburg fahren.«

Rena schüttelte den Kopf. »Nein. Wir müssen uns heute auf die Namen für die Zwillinge einigen. Morgen müssen die Namen der beiden endlich beim Standesamt eingetragen werden. Außerdem haben euer Vater und ich beschlossen, dass sie in drei Wochen getauft werden sollen.«

Mindestens hundertmal hatten die Waldens schon über Vornamen diskutiert. Während Renas Schwangerschaft wussten sie nicht, ob zwei Mädchen, zwei Jungs oder ein Pärchen zur Welt kommen würden. Jeder von ihnen hatte viele Vorschläge gemacht, vor allem Rieke und Thiess. Seit sich die Familie um einen Jungen und ein Mädchen vergrößert hatte, war ihnen die Auswahl nicht leichter gefallen.

Rena fand die Namen Marie und Morten schön, Rieke fand Marie auch schön und hatte vorgeschlagen, dass ihr kleiner Bruder Michel heißen sollte. Claas mochte Judith und Josha, Thiess fand Jette und Jan prima, Lasse liebte den Vornamen Josefine, denn so hieß seine Freundin. Lennart war es ziemlich egal, wie die beiden hießen, sofern es keine so langen Vornamen wie Annabella und Alexander waren. Und Finn hatte vorgeschlagen, ihnen ganz außergewöhnliche Namen zu geben wie Luna und Milo oder Suri und Marti.

»Ich finde, unsere Süße sieht aus wie eine Mia«, sagte Rieke plötzlich.

In diesem Augenblick bewegte sich das kleine Mädchen, das bislang friedlich in Renas Arm geschlafen hatte, und gab einen zufriedenen Laut von sich. Rena strahlte. »Mia ist ein toller Name, Rieke! Dass wir darauf nicht schon längst gekommen sind.«

Nacheinander stimmten alle zu. Das war also abgemacht. Nun fehlte nur noch ein passender Vorname für den »Süßen« beziehungsweise für ihren »Hasi«.

»Auch was mit M fände ich gut«, sagte Thiess.

»Milo oder Marti«, erklärte Finn. »Das habe ich ja von Anfang an gesagt.«

»Mia und Josha klingt auch nicht schlecht«, meinte Claas.

»Oder Mia und Mosha«, ergänzte Rieke.

Alle bis auf Lennart reden wild durcheinander. Vorgeschlagen wurden die Namen Manolito, Maddox, Marlo, Matz, Merlin, Micha und viele andere.

»Was haltet ihr von Mia und Mio?«, fragte Lasse plötzlich.

Rena zog die Stirn kraus. »Na ich weiß nicht. Das klingt wie ein Schlagerduo.«

Finn unterstützte den Vorschlag seines ältesten Bruders. »Das wäre doch lustig!«, platzte er heraus.

»Gar nicht!«, entrüstete Rieke sich. »Die beiden sind doch keine Witzfiguren.«

Rena klatschte in die Hände. »Jetzt mal ernsthaft, Kinder! Sonst wird das nie was.«

»Mattis ist schön«, sagte Lennart leise.

»Was?«

»Mattis ist schön«, wiederholte Lennart.

Claas nickte begeistert. »Mattis gefällt mir auch. Sogar viel besser als Michel.«

»Das ist ein superguter Vorschlag, Lenni«, sagte Rena mit leuchtenden Augen. Sie musterte Rieke und ihre anderen Söhne. »Was meint ihr?«

Ausnahmsweise herrschte große Einigkeit: Rieke, Finn, Thiess und Lasse fanden den Namen Mattis passend und so wurde beschlossen, dass Rena und Claas die Namen Mia und Mattis ins Geburtsregister eintragen lassen würden.

Rieke war dem Gespräch aufmerksam gefolgt, hatte aber zwischendurch immer wieder auf die Küchenuhr mit den Tiersymbolen geschaut. Es war kurz vor 20.00 Uhr und der Zeiger stand schon fast auf der weiß-braun gescheckten Kuh.

»Darf ich jetzt zu Baldi gehen?«

Rena nickte. »Aber nur zehn Minuten.«

Bevor Rieke die Küche verließ, ging sie zum Sitzplatz ihrer Mutter, beugte sich nach unten und drückte ihrer kleinen Schwester einen dicken Kuss auf die Nase. »Ich habe dich lieb, Mia«, wisperte sie zärtlich. »Auch wenn deine Windeln schlimmer stinken als ein ganzer Pferdestall.« Danach ging sie zu ihrem Vater und küsste auch ihren kleinen Bruder, der seit ein paar Minuten Mattis hieß.

2. Kapitel,
in dem Rieke eine gute Idee hat

Rieke rannte, so schnell sie konnte, zum Stall. Weil sie wenig Zeit hatte, lief sie mit einem kurzen Hallo an Krümel, Lady und Frau Doktor vorbei, öffnete dann gleich Balduins Box und schlang die Arme um ihren hübschen Haflinger mit dem mondhellen Fell und der langen Mähne. »Stell dir vor, Baldi, die Zwillinge heißen jetzt Mia und Mattis. Das klingt gut, oder?«

Balduin gab ein leises Wiehern von sich. Und wie immer war Rieke sich hundertprozentig sicher, dass Balduin jedes ihrer Worte verstand.

Aus der Nachbarbox drang lautes Meckern. Es kam eindeutig von Frau Doktor. Die schlaue und äußerst störrische Ziege mit dem weiß-braun gefleckten Fell und den dunkelbraunen Ohren lebte gemeinsam mit der alten Stute Lady in einer Box. Die beiden waren allerbeste Freundinnen.

Opa Peter hingegen brachte Frau Doktor oft an den Rand des Wahnsinns. Sie büxte aus, trampelte durch seinen Gemüsegarten, jagte die beiden Moorschnucken oder die Laufenten über den Hof – und wenn man versuchte, sie wieder einzufangen, schlug sie einen Haken nach dem anderen. Frau Doktor liebte es, mitten im Geschehen zu sein. Und sie mochte es ganz und gar nicht, wenn man sie nicht beachtete. Dass Rieke sie kaum begrüßt hatte, gefiel ihr offenbar überhaupt nicht.

»Hallo Doktorchen«, rief Rieke über die Stallwand. »Findest du die Namen auch schön?«

Ein erneutes Meckern war die Antwort.

»Sprichst du ziegisch?«, brummte es von der Stalltüre her.

»Hallo Peter«, rief Rieke. »Ich bin hier bei Balduin.«

»Habichmirgedacht«, antwortete Peter Walden und betrat ebenfalls Balduins Box.

Der Großvater der Waldenkinder war 66 Jahre alt. Weil er sich viel jünger fühlte, konnte er es nicht leiden, wenn seine Enkel Opa zu ihm sagten. Stattdessen bestand er darauf, Peter genannt zu werden. Außerdem nuschelte er manchmal ein bisschen, weswegen er von den Waldens oft veräppelt wurde. Die Waldenkinder liebten ihren Großvater sehr, obwohl er auch streng und unnachgiebig sein konnte.

»Ich spreche nicht die Ziegensprache«, erklärte Rieke. »Aber Balduin und Frau Doktor verstehen die Menschensprache!«

»Soso«, brummte Opa Walden und fuhr sich mit der Hand durch sein raspelkurz geschnittenes Haar.

»Die Zwillinge heißen jetzt Mia und Mattis«, fuhr Rieke fort.

»Gut! Ich habe schon befürchtet, dass sie ihr ganzes Leben lang Hasi oder Mausi heißen. Oder noch schlimmer: Eins und Zwei.«

So hießen die Moorschnucken. Weil sie so langweilig waren und den lieben langen Tag nichts anderes taten als zu grasen, hatten sie nie richtige Namen bekommen.

»Es war wirklich schwer, gute Namen zu finden«, sagte Rieke.

»Ich weiß, Kind«, antwortete Peter Walden. »Aber jetzt habt ihr ja zwei schöne.«

Dann blickte er auf seine Armbanduhr. »Sag mal, musst du nicht ins Bett?«

»Gleich«, sagte Rieke. Sie drückte Balduin einen dicken Kuss auf die samtweichen Nüstern und streichelte noch einmal sanft über seine Ohren. »Bis morgen, Baldi«, flüsterte sie. »Wenn ich aus der Schule komme, reiten wir ans Meer.«

Anschließend verabschiedete sie sich von dem kleinen Fohlen Fietje, streichelte Hera, Krümel und Lady kurz über die Nüstern und Frau Doktor über die kalte Nase.

Rieke und Finn hatten die Pferde vor dem Abendessen von der Koppel geholt, weil Opa Walden meinte, es könnte in der Nacht ein heftiges Gewitter geben. Nur der Schimmelwallach Goliath war draußen geblieben, weil er sich nach wie vor von niemandem anfassen ließ.

Goliath war kurz nach dem Umzug der Waldens gemeinsam mit Hera und Fietje auf den Waldenhof gekommen. Ihr ehemaliger Besitzer hatte sich nicht mehr um die Ponys gekümmert, und als Opa Waldens Freund Horst sie zu ihnen gebracht hatte, waren die drei halb verhungert gewesen. Hera und Fietje hatten sich sehr gut eingelebt. Aber Goliath blieb scheu und trabte davon, sobald sich ihm jemand näherte. Der weiße Wallach war auf einem Auge blind und die Waldens vermuteten, dass er etwas Schlimmes erlebt hatte und sich deshalb vor Menschen fürchtete. Nur vor dem Nachbarsjungen Tjorven Schumacher schien Goliath seltsamerweise keine Angst zu haben.

Nachdem Rieke allen Pferden Tschüss gesagt hatte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und drückte ihrem Großvater einen Kuss auf die Wange. Wie so oft streifte sie dabei eine seiner langen Koteletten und seine Bartstoppeln.

»Du kratzt«, beschwerte sie sich.

»Du musst besser zielen«, erwiderte Opa Walden. »Oder meine Nasenspitze küssen.«

»Oder du musst dich mal wieder rasieren«, gab Rieke grinsend zurück. »Bis morgen, Peterchen.«

»Ich begleite, dich zum Haus, Rieke. Ich möchte noch kurz mit deinen Eltern sprechen.«

Die beiden schritten nebeneinanderher, vorbei an den beiden Scheunen, in denen Finn einen Arbeitstisch für seine Graffiti und Opas Freundin Babette Katzenberger ihr Atelier hatte, bis zum Haus, an dem sich viele Kletterrosen entlangrankten.

Jedes Mal wenn Peter Walden hier vorbeikam, schüttelte er automatisch den Kopf. Vor ein paar Wochen hatte Finn die geliebten weißen Rosen seines Großvaters farbig angesprüht. Seitdem schimmerten sie senfgelb, azurblau, tomatenrot und grasgrün. Das hatte Opa Walden ganz und gar nicht lustig gefunden.

Es war laut im Haus. Aus dem ersten Stock hörte man das Weinen der Zwillinge, aus dem Wohnzimmer dröhnte der Fernseher und in der Küche saßen Finn und Thiess und ließen ihre Fingerskateboards über die Tischplatte flitzen. Die beiden hatten kürzlich Skaten zu ihrem neuesten Hobby erkoren. Und zwar sowohl auf ihren richtigen Boards als auch das Skaten mit den kleinen Spielzeugen, die man mit den Fingern bewegte. Beides erforderte viel Geschick.

»Hallo Jungs, sind eure Eltern oben?«

Finn nickte, ohne aufzublicken.

»Danke Finn«, knurrte Peter Walden und Rieke wusste genau, dass ihr Großvater gleich etwas zum Thema Höflichkeit sagen würde. Aber er kam nicht dazu.

»Finn«, rief Rena die Treppe hinunter. »Könntest du bitte raufkommen?«

»Ha!«, sagte der 14-Jährige und tippte auf sein Board. »Ich wette, Mama ist auf meine Gesangskünste angewiesen.«

»Glaube ich nicht«, sagte Rieke zweifelnd. »Wenn du singst, brüllen die zwei normalerweise noch lauter.«

»Pah!«, erwiderte Finn. »Die Zwillinge lieben es, wenn man ihnen vorsingt.«

»Man«, grinste Thiess. »Oder Mama! Aber deine Stimme bringt die zwei erst recht zum Heulen ...«

Finn hörte nicht mehr, was sein Bruder sagte: Er war bereits auf dem Weg ins Kinderzimmer.

Rena war damit beschäftigt, den brüllenden Mattis zu wickeln. »Könntest du bitte in den Keller gehen und Feuchttücher holen?«, bat sie. »Die letzten haben wir gerade für Mia gebraucht.«

»Was, bis in den Keller und wieder hoch? Ich dachte, ich soll die zwei in den Schlaf singen«, meuterte Finn.

»Du kannst es gerne versuchen«, erwiderte Rena über das Geschrei hinweg. »Aber jetzt brauch ich erst mal die Tücher, ja?«

Finn nickte. »Na gut. Opa ist übrigens gerade gekommen.«

»Wie bitte?«

»Opa ist da!«

»Willst du schon mal runtergehen, Claas?«

Mit der freien Hand wies Claas auf das Kinderbett. »Schaffst du es, beide zu beruhigen?«

Als Rena nickte, legte Claas seine Tochter in das Korbbettchen mit dem cremeweißen Himmel. Die Kleine riss den Mund auf und ihre Eltern wappneten sich innerlich schon für eine weitere Schreiattacke. Aber dann gähnte Mia nur herzhaft und schloss ihre Augen. Prompt verstummte auch Mattis.

»Puh«, seufzte Rena leise. »Ich glaube, wir haben es geschafft.«

Als Finn mit den Tüchern in der Hand zurückkam, legte sie den Zeigefinger auf ihre Lippen. »Psst. Mia ist gerade eingeschlafen.«

»Nicht singen?«, fragte Finn. Seine Stimme klang enttäuscht.

Rena senkte die Stimme. »Morgen, mein Lieber. Morgen.«

Beim Frühstück erfuhren die Waldenkinder, dass ihre Eltern am Abend noch lange mit Opa Peter über die Taufe der Zwillinge gesprochen hatten. Es sollte ein großes Fest auf dem Waldenhof geben, zu dem nicht nur Renas Schwester Maike mit ihrem Mann Stefan kommen würden, sondern auch viele Freunde der Waldens. Die Waldenkinder freuten sich riesig, obwohl Rena ihnen unmissverständlich klarmachte, dass das Fest auch sehr viel Arbeit machen würde.

Anschließend mussten sich die Jungs beeilen, um rechtzeitig in die Schule zu kommen: Lasse, Finn und Thiess gingen in Rendsburg aufs Gymnasium. Lennart besuchte die Realschule und würde im nächsten Sommer seinen Abschluss machen.

Rieke ging in die fünfte Klasse des Augusta-Gymnasiums im Nachbardorf von Hockensbüll und fuhr meistens mit dem Fahrrad zur Schule. Das dauerte nur knapp zehn Minuten, weshalb sie morgens manchmal länger schlief als ihre Brüder. An diesem Morgen war sie jedoch früh aufgewacht, weil sie ihrer Mutter unbedingt noch erzählen wollte, was ihr gestern vor dem Einschlafen eingefallen war.

Kaum waren ihre Brüder aus dem Haus, legte Rieke los. »Weißt du, was, Mama? Wenn ich heute Nachmittag mit Balduin ans Meer reite, nehme ich Fietje mit!«

Rena, die bereits begonnen hatte, den Frühstückstisch abzudecken, hielt inne. »Willst du sie an einem Strick hinter euch herziehen?«

»Ja«, bestätigte Rieke. »Fietje findet das bestimmt klasse.«

»Ich nicht«, antwortete Rena. »Fietje ist noch viel zu klein.«

Bis vor Kurzem hatte Rieke das Shetlandfohlen noch mit der Flasche gefüttert. Aber in den letzten Wochen war die kleine Stute mächtig gewachsen und viel kräftiger geworden. Auf der Weide trabte oder galoppierte Fietje meistens hinter Balduin her, machte Bocksprünge und wieherte freudig. Anfangs war der Haflinger eifersüchtig auf das Fohlen gewesen, weil Rieke sich so oft mit ihm beschäftigte, doch mittlerweile waren die beiden Ponys gute Freunde und beinahe unzertrennlich.

»Sie ist gar nicht mehr so klein«, widersprach Rieke.

»Das geht trotzdem nicht! Wenn sie plötzlich stehen bleibt, kippst du aus dem Sattel.«

»Das macht Fietje bestimmt nicht. Sie ...«

Weiter kam Rieke nicht. Aus dem ersten Stock drangen laute Schreie in die Küche.

Rena stellte einen Satz Teller auf der Spüle ab. »Ich muss nach oben! Die Zwillinge sind wach.«

»Darf ich denn?«

Im Hinausgehen schüttelte Rena den Kopf. »Nein, das ist viel zu gefährlich.«

Rieke dachte kurz darüber nach, ob sie ihrer Mutter ins Kinderzimmer folgen sollte. Dort könnte sie ihr erklären, dass es kein bisschen gefährlich war, Fietje mitzunehmen. Doch dann entschied sie sich dagegen. Seit die Babys auf der Welt waren, kam Rieke nur noch selten dazu, mit ihrer Mutter über die Dinge zu reden, die ihr wichtig waren. Die Zwillinge mussten gestillt, gewickelt, gebadet, angezogen und herumgetragen werden. Rena musste Berge von Windeln und andere Babysachen einkaufen – und wenn sie weinten, lief Riekes Mutter stundenlang mit ihnen durchs Haus, um sie zu beruhigen. In solchen Situationen konnte man zwar wie ein Hündchen hinter den dreien herlaufen. Aber aufmerksam zuhören konnte Rena in solchen Situationen nicht.

Rieke beschloss, ihre Mutter nach der Schule noch einmal zu fragen. Vielleicht würde Rena beim Mittagessen etwas mehr Zeit für sie haben.

3. Kapitel,
in dem Rieke sich mächtig ärgert

Aber auch beim Mittagessen hatte Rena keine Zeit für ihre große Tochter.

Zuallererst erzählte sie, dass Mia und Mattis fast den ganzen Vormittag geweint hatten. Eins der Babys lag in ihrem linken, das andere in ihrem rechten Arm. »Ich glaube, sie haben Bauchweh«, klagte Rena und fuhr fort: »Außerdem fallen mir gleich die Arme ab. Hast du Lust, Mia zu nehmen, Rieke? Dann können wir beide eine Tasse Suppe essen.«

Während Mutter und Tochter ihre Tomatensuppe löffelten, jede mit einem Zwilling in der linken Armbeuge, bat Rena Rieke darum, gleich eine Stunde mit den beiden spazieren zu gehen. »Dabei schlafen sie bestimmt ein und ich kann ein bisschen nähen.«

Riekes Mutter entwarf Mode. Für die Taufe sollten die Zwillinge besonders hübsche Kleidchen bekommen.

»Ich wollte mit Baldi ...«

Rena fiel ihr ins Wort. »Ausreiten kannst du nach dem Spaziergang und den Hausaufgaben.«

So schnell wollte Rieke sich nicht geschlagen geben. »Aber ich wollte doch mit Balduin und Fietje ...«

Wieder ließ Rena sie nicht ausreden. »Nicht mit Fietje, Rieke, das habe ich dir doch heute Morgen schon erklärt.«

»Aber ...«

Rena runzelte die Stirn. »Liebchen, ich kann jetzt nicht. Ich erkläre dir gerne heute Abend noch mal, weshalb ich deine Idee nicht gut finde.«

Am liebsten hätte Rieke mit dem Fuß aufgestampft und laut darüber geschimpft, dass ihre Mutter kaum noch Zeit für sie hatte. Aber sie biss sich nur kurz auf die Unterlippe und schluckte die Tränen herunter, die ihr in die Augen steigen wollten. »Versprochen?«, fragte sie nach einer kurzen Weile.

»Versprochen«, antwortete Rena.

Sobald die weinenden Zwillinge im Kinderwagen lagen, schob Rieke missmutig los. Sie hatte nicht die geringste Lust, mit ihren Geschwistern über den Hof zu laufen, und hoffte, wenigstens ihren Großvater zu treffen. Vielleicht konnte sie ja mit Opa Walden über ihren Plan reden.

Dazu würde er sie allerdings ein Stück begleiten müssen. Das hatte Rieke nämlich in den letzten Wochen gelernt: Stehen bleiben durfte man mit den Babys nicht. Sobald man anhielt, begannen sie zu weinen; es sei denn, sie waren bereits tief und fest eingeschlafen.

Rieke lenkte den Wagen in Richtung Gemüsegarten. Dort standen die beiden Laufenten Bürger und Meister, die sofort aufgeregt losschnatterten. »Psst«, machte Rieke. Mia und Mattis wimmerten. Rieke schüttelte den Kopf und ihr blondes Zöpfchen wippte. Dieser Lärm war ganz schön anstrengend.

Weil ihr Großvater nicht zu sehen war, machte sie kehrt. Dabei stimmte sie das Lied »Alle meine Entchen« an. Und tatsächlich: Riekes Stimme schien die Babys zu beruhigen. Mattis lauschte aufmerksam und Mia brummelte nur noch leise vor sich hin. Sogar die Enten schnatterten nicht mehr ganz so laut. Ob sie das Lied auch mochten?

Zum Stall brauchte sie nicht zu gehen, denn Peter Walden hatte die Ponys am frühen Morgen auf die Weide gebracht. Rieke steuerte das Nebenhaus an, in dem ihr Großvater sich drei Zimmer eingerichtet hatte. Während sie mit der linken Hand vorsichtig den Türklopfer betätigte, wippte sie mit der rechten Hand am Kinderwagen. Als sie zum zweiten Mal klopfte, wurde Mias Wimmern wieder etwas lauter. Rieke drehte sich zum Kinderwagen um. Die Augen ihrer kleinen Schwester waren weit geöffnet. Zum hundertsten Mal stellte Rieke fest, wie hübsch ihre Babyschwester war. Mia hatte strahlend blaue Augen, dicke Pausbäckchen und einen reizenden kleinen Mund. Mattis sah auch süß aus, aber insgeheim fand Rieke ihre Schwester fast noch ein bisschen niedlicher.

Nun sah Rieke, dass sich Mias Mündchen weit öffnete – es würde also keine Sekunde mehr dauern, bis Mia lautstark protestieren würde. Dadurch würde Mattis wach werden und in ihr Gebrüll einstimmen. Rieke musste also flugs zwei Dinge tun: weitersingen und weitergehen.

Genau das tat sie auch: Prompt schloss sich Mias kleiner Mund wieder. Stolz lächelte Rieke, dann ließ sie ihren Blick über den Hof schweifen. Vermutlich war Opa Walden gar nicht im Haus, sondern draußen. Rieke spazierte weiter und gab sich Mühe, das Lied im Takt ihrer Schritte zu singen. Sie schob an den beiden Scheunen und der Garage vorbei.

Als sie den Hauptweg erreichte, entdeckte sie ihren Großvater. Er füllte gerade Heu in die Raufe, die sich im Unterstand befand. Balduin, Fietje, Hera und Krümel grasten im hinteren Teil der Koppel, während Frau Doktor neben Lady stand und zärtlich an deren Fell knabberte. Die alte Stute hielt mucksmäuschenstill und hatte die Augen genussvoll geschlossen. Lady liebte es, wenn die Ziege sie auf diese Weise beschmuste. Auf der anderen Seite entdeckte Rieke den großen Schimmelwallach Goliath. Und nicht nur ihn: Eine knappe Armeslänge von ihm entfernt befand sich Tjorven Schumacher.

Der Junge mit den kurzen braunen Haaren ging in dieselbe Klasse wie Rieke und lebte mit seinen Eltern Elise und Matthias in dem Haus, das rechts vom Waldenhof lag. Rieke und Tjorven waren also nicht nur Klassenkameraden, sondern auch Nachbarskinder. Freunde waren die beiden jedoch nicht, denn Tjorven Schumacher verhielt sich Rieke und anderen Menschen gegenüber ziemlich unfreundlich. Gut leiden konnte ihn eigentlich niemand.

Seit Goliath auf dem Waldenhof zu Hause war, kam Tjorven oft auf die Koppel, um ihn zu besuchen. Das halb blinde Pferd und der Junge standen einander meistens bewegungslos gegenüber. Erstaunlicherweise lief Goliath, der sonst vor jedem scheute, nicht weg, wenn Riekes Klassenkamerad in seiner Nähe war. Er hatte sich sogar schon von Tjorven anfassen lassen!

Finn beschwerte sich oft lautstark über den »blöden Typen«, der seiner Meinung nach nichts auf dem Hof zu suchen hatte. Peter Walden erklärte ihm dann stets mit deutlichen Worten, dass er es vollkommen in Ordnung fand, wenn der Nachbarsjunge sich um Goliath kümmerte. Wobei kümmern das falsche Wort war, denn Tjorven stand meistens einfach nur da.

Im Grunde bewunderte Rieke seine Geduld. Sie selbst war am liebsten in Bewegung und konnte kaum länger als fünf Minuten still stehen, still sitzen oder still sein.

Rieke sah, dass sich Tjorvens Lippen bewegten. Vielleicht spricht er beruhigend auf Goliath ein, überlegte sie. So wie ich es bei Mia und Mattis tue ...

Am liebsten hätte sie jetzt quer über die Koppel »Peter« oder »Peterchen« gerufen, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch wegen der Zwillinge tat sie es nicht. Stattdessen öffnete sie das Gatter und trat mit dem Kinderwagen auf die Weide. Bevor Bürger und Meister ihr hinterherlaufen konnten, schloss sie es wieder. Das Verschließen von Türen und Toren gehörte zu den wichtigsten Regeln auf dem Waldenhof. Andernfalls bestand die Gefahr, dass eins der Ponys oder die neugierige Frau Doktor über das Gelände streiften und – wenn das Haupttor offen stand – vielleicht sogar auf die Straße liefen.

Um zu ihrem Opa zu gelangen, musste Rieke an Tjorven und Goliath vorbei. Sie hatte den Kinderwagen erst wenige Meter weit geschoben, als ihr einfiel, dass der ängstliche Wallach sich wahrscheinlich vor dem seltsamen Gefährt fürchten würde. Vielleicht würde er sogar scheuen.

In dem Moment, als sie stoppte, stürzte Tjorven auch schon auf sie zu. »Was willst du hier?«, fragte er barsch.

»Ich wohne hier!«, antwortete Rieke empört. Das war ja wohl unverschämt! Schließlich lebte sie auf dem Waldenhof und die Pferde gehörten ihr und ihrer Familie!

Tjorvens Ton blieb unfreundlich. »Du erschreckst Goliath!«

»Deshalb bin ich auch nicht weitergegangen«, sagte Rieke und bemühte sich, ihre Stimme erwachsener klingen zu lassen.

Zugleich warf sie einen beunruhigten Blick auf die Zwillinge. Wenn sie den Kinderwagen nicht bald weiterschob, würden Mia und Mattis wach werden. Ihr Gebrüll würde Goliath und vielleicht sogar die anderen Ponys bestimmt noch viel mehr erschrecken als der bunte Kinderwagen.

»Am besten verschwindest du wieder«, murrte Tjorven ruppig.

Rieke zog die Stirn kraus. Entrüstet stemmte sie die Hände in die Seiten und fragte: »Warum bist du eigentlich immer so gemein?«

Der zehnjährige Junge riss kurz die Augen auf, starrte Rieke erstaunt an, würdigte sie aber keines Wortes. Stattdessen drehte er sich auf dem Absatz um und ging zurück in Goliaths Richtung.

Rieke ärgerte sich gewaltig. Sie wollte gerade hinter Tjorven herlaufen, um ihm zu sagen, wie blöd sie sein Verhalten fand, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.

»Nimmesnichtsoschwer«, nuschelte ihr Großvater, der das Gespräch verfolgt hatte. »Tjorven meint es nicht so.«

»Wie meint er es dann?«, fragte Rieke empört. »Ich finde ihn richtig, richtig doof. Und frech.« Zornig stampfte sie mit dem Fuß auf.

»Ach, mein Mädchen«, setzte Peter Walden an und strich über Riekes Wange. »Die einen sind so und die anderen sind anders.«

Während Rieke überlegte, wie ihr Opa diesen Satz meinte, fügte dieser hinzu: »Jeder Mensch hat seine guten Seiten. Das gilt auch für Tjorven Schumacher.«

»Ich finde ihn einfach nur blöd.«

Riekes Großvater wechselte das Thema. »Hast du mich gesucht oder Balduin?«

»Dich, Peterchen«, erwiderte Rieke. Sie zog die Nase hoch, holte tief Luft und dann brach alles aus ihr heraus, was seit dem frühen Morgen geschehen war: dass sie Fietje dressieren und mit ihm und Balduin an den Strand reiten wollte, dass ihre Mutter ihr das verboten hatte – und dass Rena sowieso nie Zeit für sie hatte.

Rieke redete sich ihren Kummer von der Seele und bemerkte zunächst weder, dass sie aufgehört hatte, den Kinderwagen zu wippen, noch, dass Balduin hinter ihr stand und zärtlich an ihrer Schulter knabberte.

»Und dann meckert mich auch noch der dämliche Tjorven an. Alle sind gemein!«, schimpfte sie zum Abschluss, und weil sie endlich spürte, dass dort etwas war, griff sie an ihre linke Schulter – und direkt an Balduins samtweiche Nüstern. »Baldi«, schniefte sie und musste gegen ihren Willen kichern. »Du hast mich angesabbert!«

Balduin schnaubte und noch mehr Sabber landete auf ihrer Schulter. Nun lachte Rieke.

»Siehst du«, grinste Peter Walden, der es übernommen hatte, den Kinderwagen vor und zurück zu schieben. »Nicht alle sind gemein!«

Rieke bewegte vorsichtig ihren Kopf. »Stimmt! Balduin ist toll. Du bist toll« – ihr Blick fiel auf die friedlich schlummernden Zwillinge – »und Mia und Mattis sind auch toll. Wenn sie nicht schreien.« Rieke schniefte erneut. »Eigentlich ist sogar Mama toll. Aber sie hat nie Zeit für mich ...«

Peter Walden legte den freien Arm um seine Enkelin. »Weißt du noch, wie komisch dein Balduin sich verhalten hat, als Fietje zu uns gekommen ist?«

Rieke nickte. »Ja. Er war eifersüchtig, weil ich der Kleinen die Flasche geben musste und so oft bei ihr war.«

»Genau«, sagte Peter Walden. »Es hat ein Weilchen gedauert, bis Balduin sich daran gewöhnt hatte, dass du auch Zeit mit dem Fohlen verbringst. Aber zum guten Schluss hat er Fietje adoptiert und zeigt ihr jetzt jeden Tag, was ein Pony können muss.«

Auch nun stand Fietje direkt neben Balduin. Rieke ließ ihre Hand über das hellbraune Fell des Fohlens gleiten. Balduin schaute gelassen zu. »Die beiden haben sich richtig lieb«, sagte sie. »Und Fietje wird jeden Tag ein Stückchen größer.«

»Siehst du, so ist das mit Mia und Mattis auch. Jeden Tag werden sie ein bisschen größer und selbstständiger. Du musst einfach nur ein wenig Geduld haben.«

Rieke schwieg einen Moment. »So viel Geduld wie Tjorven mit Goliath?«

Peter Walden strich sich über eine seiner Koteletten. »Es gefällt mir, dass der Junge sich so um unseren Schimmel bemüht«, erklärte er. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass eins von euch Waldenkindern so viele Stunden damit verbringen würde, Goliaths Vertrauen zu erlangen.«

»Wir haben ja auch nicht so viel Zeit, weil wir uns auch um die anderen Ponys kümmern müssen.«

»Ich weiß«, erwiderte ihr Großvater. »Komm, ich begleite dich und die Zwillinge zum Haus und du erzählst mir genauer, wie du dir die Ausritte mit Balduin und Fietje vorstellst. In Ordnung?«

Bevor sie die Koppel verließ, flüsterte Rieke ihrem Balduin ins Ohr, dass sie bald zurückkommen und mit ihm ausreiten würde.

Peter Walden winkte Tjorven zu, der sogar reagierte und leicht die Hand hob. »Du bleibst hier, Frau Doktor!«, befahl er. Die weiß-braun gefleckte Ziege hatte Lady nämlich genau in dem Moment alleine gelassen, als Rieke die Koppel betreten hatte. Seitdem beäugte sie aufmerksam den Kinderwagen und die schlafenden Babys.

Nun stieß Frau Doktor ein lautes Meckern aus.

»Keine Chance, du kleiner Satansbraten!«, knurrte Peter Walden. »Geh zurück zu deiner Freundin!«

Frau Doktor war es vollkommen egal, was ihr Besitzer sagte. Sie folgte Opa, Enkelin und Kinderwagen – und Peter Walden musste sie energisch an ihrem roten Halsband festhalten, während Rieke das Gatter öffnete und den Kinderwagen auf den Hauptweg schob.

Nachdem sie es wieder geschlossen hatte, ließ Peter Walden die Ziege los und sprang mit einem gekonnten Satz über den Zaun. Frau Doktor stellte die Vorderbeine auf das Gatter. Ihr entrüstetes Meckern konnte man bis zum Haus hören!

4. Kapitel,
in dem Fietje dressiert werden soll

Wenig später machte Peter Walden seiner Schwiegertochter einen Vorschlag. »Was hältst du davon, wenn Rieke mit Fietje auf der Weide übt?«

»Hilfst du ihr dabei, Peter?«, fragte Rena. Auf ihrem Schoß lag ein feiner weißer Batiststoff, aus dem sie die beiden Taufkleidchen nähen wollte.

»Ich werde die drei zumindest genau beobachten«, versprach Opa Walden. »Au ja, Opa!«, rief Rieke aufgeregt, verbesserte sich aber sofort, als sie seine hochgezogenen Augenbrauen sah. »Äh, ich meine, Peter. Nicht wahr Mama, wenn O ... Peter mir hilft, darf ich doch, oder? Können wir gleich anfangen?«

Rena nickte lächelnd, weil ihre Tochter so aufgeregt war. Man konnte ihr ansehen, wie froh sie darüber war, dass Opa Walden eine gute Lösung eingefallen war.

Rieke war mittlerweile schon zurück zur Tür gelaufen und konnte es kaum erwarten, dass ihr Großvater mit nach draußen kam. Sie glaubte fest daran, dass sie mit Fietje nicht lange üben musste. Vielleicht konnte sie ja schon übermorgen mit den beiden ans Meer reiten. »Jetzt komm doch endlich!«, drängelte sie.

Opa Walden stand auf. »Von mir aus.«

Thiess erhob sich ebenfalls. »Ich komme mit.«

»Zu Fietje und Balduin?«, fragte Rieke.

Der 13-Jährige schüttelte den Kopf. »Nein, ich gehe zu Hera.«

Thiess hatte Heras Box zu seinem Lieblingsplatz erkoren. Er mochte die hübsche Friesenstute mit dem lackschwarzen Fell und dem Kötenbehang und er liebte den Geruch nach Pferden und frischem Heu. Dazu kam, dass er es zum Lesen im Haus oft zu laut fand. In der dagegen beinahe himmlischen Ruhe des Stalls konnte er in aller Seelenruhe schmökern.

»Du bist für Hera ja schon so was wie Frau Doktor für Lady«, hatte Finn neulich gelästert. Der wenig freundschaftliche Knuff in die Rippen, den Thiess ihm daraufhin verpasst hatte, hatte Finn schnell wieder verstummen lassen. Finn war zwar schneller als sein Bruder, aber Thiess war kräftiger, obwohl er ein Jahr jünger war.

»Hera ist aber draußen«, wandte Rieke ein.

Thiess ging in Richtung Tür. »Macht nichts. Dann bin ich eben ausnahmsweise alleine in der Box.«

Rieke wollte ihm gerade folgen, als ein »Stopp« sie innehalten ließ.

»Zuerst macht ihr eure Hausaufgaben«, teilte Rena unmissverständlich mit.

Rieke zog eine Schnute. »Können wir die nicht später machen?«, fragte sie. Dabei wusste sie genau, dass ihre Mutter in diesem Punkt fast nie mit sich reden ließ. Die Hausaufgaben mussten am frühen Nachmittag gemacht werden, diesbezüglich duldete Rena keine Diskussionen. Deshalb sagte sie auch jetzt nur einen Satz: »Ihr kennt die Regel.«

Zum Glück waren die Hausaufgaben schnell erledigt. Rieke schrieb noch zwanzig englische Vokabeln auf Karteikärtchen und löste zwei Aufgaben in ihrem Matheübungsheft. »Das reicht«, sagte sie zu sich selbst, steckte die Bücher und Hefte, die sie für morgen brauchen würde, in ihren Schulranzen und ging wieder nach unten.

Ihr Großvater und ihre Mutter saßen noch am Küchentisch. Der Batiststoff hing über der Stuhllehne und vor Rena lag eine lange Liste mit Namen. Die beiden redeten gerade darüber, wer zur Taufe eingeladen werden sollte.

Rieke schaute ihrer Mutter über die Schulter. In ihrer fein säuberlichen Handschrift hatte Rena bereits mehr als vierzig Namen notiert.

»Ich zeige Claas heute Abend unsere Liste«, erklärte Rena zu Opa Walden gewandt. »Ihm fallen bestimmt noch ein paar Leute ein, die wir einladen sollten.«

Über Peter Waldens Lippen glitt ein breites Lächeln. »Ich freue mich auf den Trubel. So ein großes Fest hatten wir das letzte Mal bei eurer Hochzeit.«

»Ich freu mich auch«, antwortete Rena. »Was mir allerdings ein bisschen Sorgen macht, ist die viele Arbeit. Wir werden zwei Schlafgäste beherbergen, von der Verköstigung für vierzig bis fünfzig Leute gar nicht erst zu reden. Aber wir können es uns auch nicht leisten, so ein großes Fest im Gasthof zu feiern.«

»Auf dem Waldenhof ist es auch viel schöner!«, rief Rieke. »Und wir helfen euch ganz bestimmt!«

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Titel: Der kunterbunte Waldenhof: Zwillinge kommen selten allein - Band 2