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Der kleine Seeräuber - Band 3: Pepolino und der dicke Kapitän

2016 101 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Pepolino, der kleine Seeräuber, und der dicke Kapitän erleben ein neues Abenteuer. Sie sind eingeladen auf das große Fest aller Tiere und Fabelwesen. Dort erleben sie, wie ein Drache speit und wie ein Phönix sich verwandelt. Doch als der Gesang einer Sirene den dicken Kapitän fort vom ausgelassenen Fest hin zu gefährlichen Klippen lockt, beginnt eine spannende Rettungsaktion …

Der Kinderbuch-Klassiker – endlich als eBook!

Über die Autorin:

Irene Rodrian, 1937 in Berlin geboren, wurde u.a. mit dem Ehrenglauser des Friedrich-Glauser-Preises und dem Edgar-Wallace-Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet. Ihr Jugendbuch Die Welt in meiner Hand kam auf die Bestenliste für den deutschen Jugendbuchpreis. Seither hat sie sich mit zahlreichen Bestsellern in einer Gesamtauflage von über zwei Millionen und als Drehbuchautorin (Tatort, Ein Fall für Zwei) einen Namen gemacht. Irene Rodrian lebt heute in München.

Ebenfalls bei jumpbooks erschienen Irene Rodrians Kinderbücher Pepolino sticht in See und Pepolino auf großer Fahrt.

Die Autorin im Internet: www.irenerodrian.com und www.facebook.com/irene.rodrian

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eBook-Neuausgabe April 2016

Dieses Buch erschien bereits 1994 unter dem Titel Alle Abenteuer mit dem kleinsten Seeräuber auf allen Meeren und seinem größten Feind, dem dicken Kapitän bei Lentz Verlag in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 1994 Lentz Verlag in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 1994 Buchagentur Ambach, 1994 »Pepolino« von Irene Rodrian

Copyright © der Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: © Brian Bagnall

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-086-2

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Irene Rodrian

Pepolino und der dicke Kapitän

Der kleine Seeräuber – Band 3

jumpbooks

Eine düstere Verlockung

Es war an einem regnerischen Septembertag so etwa genau vor fünfhundert Jahren. Schwarzblaue Wolken ballten sich am Horizont zu finsteren Bergen übereinander, schoben sich näher und näher, türmten sich höher und höher und ließen der Sonne keinen Platz mehr. Das Meer sah aus wie schmutzig verknautschtes Eisenblech und schien sich vor der drohenden Gefahr wegzuducken. Noch ein letztes Mal rauschte der Wind durch die hellgrünen Palmwedel, dann erstarb er.

Die ersten Regentropfen fielen herunter. Glasklar und schwer wie dicke runde Murmeln. Platzten auf dem ausgetrockneten Sand und hinterließen kleine braune Kuhlen im hellen Gelb.

Der kleine Seeräuber saß auf der palmgedeckten Terrasse vor seinem Haus und wartete. Er hatte alles getan, was zu tun war. Sein Schiff lag sicher im Schutz der Bucht, das schwarze Seeräubersegel mit dem weißen Totenkopf war abgetakelt, das Deck und der blutrote Rumpf frisch eingeölt und gestrichen. Auch das Dach über seinem Haus war dicht, und die in der heißen Sommersonne aufgeplatzten Risse in den Holzwänden mit Pech verpicht.

»Graus o Graus!« krächzte eine heisere Stimme vom Dach, und Don Poco, der Papagei kam angeflogen und setzte sich neben den Seeräuber. Auf dem Tisch stand ein Honigkuchen mit Mandelsplittern, doch Don Poco hatte zuviel Angst, um ans Essen zu denken.

Der Himmel verdunkelte sich, als wäre plötzlich Nacht. Die dicken, runden Murmeltropfen blieben für einen Augenblick weg, die ganze Welt schien den Atem anzuhalten. Und dann, mit einem Mal: Es war, als würden direkt über ihnen Millionen von hausgroßen Kübeln gleichzeitig ausgekippt. Silbrige Wassermassen, so dicht, dass man keine drei Fuß weit sehen konnte, stürzten vom Himmel. Rauschen. Knattern. Platschen. Der kleine Seeräuber und Don Poco flohen gerade eben noch ins Haus, bevor das Palmendach unter den Fluten zusammenkrachte. Schade um den schönen Kuchen.

Und genauso plötzlich, wie das Unwetter begonnen hatte, so plötzlich war es auch wieder vorüber. Stille und Ruhe. Die Wolken zogen weiter, und von einem kobaltblauen Himmel schien die Sonne und spiegelte sich golden in den Wasserpfützen.

Der kleine Seeräuber machte sich daran, sein Terrassendach auszubessern, und Don Poco pickte die Reste vom Kuchen aus den nassen Palmwedeln hervor. Es hatte sehr sehr lange nicht geregnet, und so ein bißchen Wasser konnte ja nicht schaden.

Da hörten sie aufgeregtes Keckern direkt über sich. Auf einem der Dachbalken saß Mono, das Äffchen. Triefnaß wie eine getunkte Maus. Und keckerte und keckerte.

Anscheinend handelte es sich um eine wichtige Meldung. Don Poco bot Mono ein paar feuchte Kuchenreste an, Mono nahm sie und aß sie, hörte aber nicht auf zu keckern. Der kleine Seeräuber war zu beschäftigt, um zuzuhören. Plötzlich ertönte ein tiefes Grollen. Und direkt gegenüber vom Haus, da, wo der Dschungel begann, teilten sich die Büsche, und ein riesiger Löwe kam heraus.

Mono und Don Poco vergaßen den Kuchen. Und der Seeräuber ließ den Hammer fallen, den er grad in der Hand hielt.

Das war noch nie passiert.

Der Löwe kam zum Haus.

Es war der Löwe, dem der kleine Seeräuber einst einen Dorn aus der Pfote gezogen hatte, und mit dem er seither gut Freund war. Aber so nah ans Haus gekommen war er noch nie. Er stand jetzt da in der glitzernden Nachmittagssonne und warf seinen mähnigen Kopf zurück. Und stieß wieder ein tiefes Donnergrollen aus.

Der kleine Seeräuber verstand die Sprache der Tiere recht gut. Er verstand, dass der Löwe ihm etwas mitteilen wollte, aber was es nun genau war, das verstand er nicht. Er machte eine Kokosnuß auf und bot dem Löwen Milch und Gastfreundschaft an. Der Löwe kam näher und setzte sich zögernd, denn er wußte nicht, ob die Bank vor dem Haus des kleinen Seeräubers auch kräftig genug war, ihn zu tragen. Und wieder ließ er sein donnerndes Löwengrollen ertönen, und weil er grade von der Kokosmilch getrunken hatte, versprühte er einen zuckrig-weißen Regenschleier um sich herum.

Mono, das Äffchen, formte aus dem nassen Kuchen kleine gelbe Honigbällchen und warf sie in die Luft. Fing sie auf und knabberte dran.

Der kleine Seeräuber wurde ungeduldig, und endlich übersetzte Don Poco:

Es gab ein Fest, und da wollten sie alle hin. Das große Treffen aller Tiere und Fabelwesen, das nur alle tausend Jahre stattfand. Das größte Fest überhaupt auf der Welt. Der kleine Seeräuber verstand nicht, was sie von ihm wollten. Er war kein Tier und ein Fabelwesen schon gar nicht. Er war ein Mensch. Ein ganz normaler, wenn auch etwas kleiner Mensch.

»Menschen sind bei dem Fest zugelassen«, erklärte ihm Don Poco, »wenn sie sich in Begleitung von Tieren befinden.« Don Poco plusterte seine Federn auf und tat sich unheimlich wichtig. Aber der kleine Seeräuber hatte schon verstanden. Dieses seltsame Tierfest fand irgendwo statt, wo die Tiere nicht von selbst hinkamen, wenn sie nicht, wie zum Beispiel ein Papagei, Flügel hatten. Oder schwimmen konnten.

Sie wollten also von ihm, dass er sie zu dem Tierfest hinbrachte. Mit seinem Seeräuberschiff.

»Wo soll denn das sein?« fragte der Seeräuber, um Zeit zu gewinnen. Die drei Tiere flüsterten etwas, dann plusterte Don Poco sich wieder auf.

»Zeigen wir dir schon!« krächzte er überheblich.

Der kleine Seeräuber behauptete, darüber erst einmal in Ruhe nachdenken zu müssen und verzog sich ins Innere seines Hauses. Er legte sich aufs Bett und dachte nach.

Das war alles ein bißchen verwirrend. Andererseits hatte er im Moment keine dringenden Pläne. Und neugierig war er natürlich auch. Wenn so ein Tiertreffen nur alle tausend Jahre stattfand ... und er als einziger Mensch war eingeladen ... war er überhaupt eingeladen, oder war er nur so etwas ähnliches wie ein Tier-Transporter? Ein Wassertaxi? Ein Chauffeur?

Vor Tieren allerdings hatte der kleine Seeräuber weniger Angst als vor Menschen. Die Tiere verstanden ihn und sie liebten ihn, wie er sie verstand und liebte. Aber Don Poco hatte auch etwas von Fabeltieren gefaselt. Natürlich, gewöhnliche Tiere werden keine tausend Jahre alt! Und die meisten Fabelwesen waren halb Tier und halb Mensch. Oder noch viel schlimmer. Drachen zum Beispiel.

Der kleine Seeräuber fürchtete sich. Er hätte gern ein Stündchen geschlafen, um danach weiter sein Terrassendach zu reparieren, als wäre nichts geschehen.

Da verdunkelte sich die Tür.

Don Poco, Mono und der Löwe standen vor seinem Bett und sahen ihn fragend an.

»Ist ja schon gut«, seufzte der kleine Seeräuber und drehte sich zur Wand. »Ich nehm euch mit, ich bring euch hin. Nur erstmal muss ich schlafen.« Dann schloß er die Augen und atmete tief und fest. Und, wenn er aufwachen würde, dann wäre alles nur ein dummer Traum gewesen.

Eine folgenschwere Entscheidung

Es wurde Tag.

Am Horizont stieg die Sonne aus dem Meer, golden leuchtend wie eine Kugel aus glühendem Glas. Das Meer glitzerte durchsichtig türkis, und von Süden her wehte eine warme Brise. Das gelbe Schiff mit dem weißen Segel machte gute Fahrt gen Norden, und der dicke Kapitän hätte wohl zufrieden sein können. Er hatte kostbare Seidenballen geladen und geheimnisvolle Gewürze und Spezereien von den Märkten des Orients und war nun auf dem Weg nach Hause zu seinem Handelsherrn, um die teuren Waren abzuliefern. Bisher war die Reise ruhig verlaufen, kein Sturm, kein Gewitter, kein Kampf und kein Überfall. Ein bißchen zu ruhig, denn wovon sollte der dicke Kapitän daheim in der Hafenschänke berichten, wenn er auf der langen Reise weder Gefahren noch Abenteuer zu bestehen hatte.

Der dicke Kapitän dachte an seinen größten Feind, den kleinen Seeräuber. Er hatte ihn lange nicht mehr gesehen und er vermißte ihn ein wenig. Vielleicht sollte er ihn einfach mal besuchen. Hier ganz in der Nähe musste die Insel sein, auf der er wohnte. Aber, während der Kapitän noch überlegte, passierte plötzlich etwas sehr seltsames. Babette, die schwarze Katze, stellte sich auf ihre Hinterpfoten, schaute über die Reling und mienzte. Das eben noch spiegelglatte Meer war aufgewühlt, und der Kapitän hörte merkwürdige Geräusche. Nat-nat-nat. Es waren Delphine. Ein ganzer Schwarm Delphine. Sie schubsten sich und drängten sich dicht an sein Schiff, sprangen hoch, machten Purzelbäume, tauchten unter und schossen wieder nach oben. Und schnatterten nat-nat-nat auf Babette ein, die aufgeregt zurückmienzte. Mienz-mienz-mienz. Das war mehr als ungewöhnlich, denn normalerweise sind Katzen und Delphine nicht eben die dicksten Freunde.

Der Kapitän kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohr. Sollte er am Abend vorher womöglich zu tief ins Rumfäßchen geschaut haben? Da endlich entdeckte er etwas, das bestimmt keine Einbildung sein konnte. Ein Schiff mit blutrotem Rumpf und höllenschwarzem Segel, das Schiff des kleinen Seeräubers. »Juchhuuh!« rief der dicke Kapitän erfreut, »endlich wieder mal ein richtiger echter Kampf.«

Und schon schwang er sein großes Schwert.

Da sah er etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Hinten im Heck des Seeräuberschiffes saß ein riesengroßer Löwe mit mächtiger Mähne und spitzen weißen Zähnen. Der dicke Kapitän ließ sein Schwert sinken. »Das ist unfair«, sagte er gekränkt, »ich bin schließlich ganz allein, und meine Babette ist nur eine friedliche Schiffskatze.« »Tut mir leid«, meinte der kleine Seeräuber und hielt sein Schiff neben dem vom Kapitän an, »ich bin nicht hier, um mit dir zu kämpfen, so gern ich das auch wollte, ich bin gekommen, um dich zu einem Ausflug einzuladen.«

»Zu einem Ausflug?« fragte der Kapitän und sprang erschrocken zurück, als sich ein Äffchen behende auf sein Schiff schwang und sofort anfing, auf Babette einzukeckern. Und da erzählte ihm der kleine Seeräuber von dem großen Treffen der Tiere und Fabelwesen, das nur alle 1000 Jahre stattfand. Er verschwieg, dass es ihm selbst dabei etwas mulmig zumute war und dass er sich noch gestern Abend beim Einschlafen gewünscht hatte, der ganze Plan möge sich als Einbildung und dummer Traum herausstellen. Ganz im Gegenteil, er tat so, als würde er sich ganz ungemein auf das große Abenteuer freuen, sowas erlebte man schließlich nicht alle Tage.

Der Kapitän, der immer noch sein dickes Schwert in der Hand hielt, konnte nun natürlich auch nicht zugeben, dass er sich fürchtete. Wo ihm doch schon der zahme Löwe auf dem Seeräuberschiff unheimlich war. Ein Kapitän darf nun mal nie zugeben, dass er sich fürchtet, denn sonst würden ja die anderen Kapitäne im Hafen alle seine Abenteuergeschichten für Seemannsgarn halten.

»Gut denn«, rief er mutig, »munter die Segel gehißt und los geht die Reise!« Und bei sich dachte er: wenigstens habe ich einen Feind dabei, den ich kenne, so wird mir vielleicht nicht allzu Schreckliches geschehen. Der Seeräuber versteht die Sprache der Tiere und kann für mich übersetzen, dass ich keinem Übles will. Und eine Sekunde lang erwog er sogar, dem Löwen ein Stückchen von seinem Pökelfleisch abzugeben, um ihn sich gewogen zu machen.

Auch der kleine Seeräuber war erleichtert, seinen guten alten Feind dabei zu haben. Schließlich wußte ja nur er allein, dass weder der Löwe noch der dicke Kapitän in Wirklichkeit jemandem etwas zuleide tun konnten, aber man sah es ihnen nicht an. Im Gegensatz zu ihm selber sahen sie beide groß und gefährlich aus.

So hißten sie beide ihre Segel, der Kapitän das weiße, und der Seeräuber das schwarze, wendeten ihre Schiffe und kreuzten gegen den Wind. Nach Süd-Süd-Ost. Die Delphine formierten sich zu einem Dreieck, schwammen voraus wie die Spitze eines Pfeils und zeigten ihnen den Weg.

Es war eine wunderschöne Reise.

Der kleine Seeräuber packte einen Korb mit Honigküchlein und Sesambällchen aus, der dicke Kapitän bot Schiffszwieback und Pökelfleisch an, der Löwe grummelte freundlich, und Babette, Don Poco und Mono, das Äffchen warfen auch den Delphinen im Wasser ihren Anteil zu, die hochschnellten und die Brocken im Fluge auffingen.

So verloren Seeräuber und Kapitän allmählich ihre Furcht und stellten sich schon vor, wie aufregend es sein würde, etwas zu erleben, was außer ihnen noch kein Mensch erlebt hatte. Der dicke Kapitän machte sogar heimlich Aufzeichnungen in seinen Seekarten und dachte daran, später einmal sein Schiff für Traumreisen zur Insel der Tiere zu vermieten.

Da verdunkelte sich der Himmel.

Violettschwarze Gewitterwolken ballten sich zusammen und drängten von allen Seiten her auf die Schiffe zu wie feindliche Kriegsheere in dunklen Rüstungen. Blitze zuckten wie Schwerter in die aufgewühlte See, und ein fürchterlicher Sturm erhob sich und tobte, bis die Segel fast rissen und die Bohlen zu bersten schienen. Seeräuber und Kapitän warfen sich zu Boden, schlossen die Augen und glaubten, ihr letztes Stündlein sei gekommen.

Da wurde es plötzlich still, und das Unwetter verschwand wie ein Spuk. Aber nichts war wie vorher. Die Sonne schien, aber der Himmel blieb düster, eine angenehme Brise blähte die Segel und trieb die Schiffe voran, aber die See blieb glatt wie ein Spiegel. Der Löwe, Babette, ja selbst Mono und Don Poco schwiegen, die Delphine waren nicht mehr zu sehen.

Der dicke Kapitän schüttelte seinen Kompass, aber die Nadel zeigte nicht mehr nach Norden, sie schnurrte im Kreis herum wie ein Brummkreisel, und die geheimen Eintragungen in den Seekarten hatten sich aufgelöst wie unsichtbare Tinte.

Der kleine Seeräuber, der seinen Weg nach dem Stand der Sonne, des Mondes und der Sterne finden konnte, wußte nicht mehr, wo er hinsehen sollte. Die Sonne stand im Norden und gleich neben ihr, blaß wie eine Zitronenscheibe der Mond. Und nicht einmal der Polarstern, nach dem sich alle Seefahrer richten, war an seinem Platz. Er bewegte sich wie ein Irrlicht und lockte die beiden Schiffe hinter sich her.

So folgten sie ihm, denn sie hatten keine andere Möglichkeit.

Eine verlockende Melodie

Der kleine Seeräuber und der dicke Kapitän wußten nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs waren. Sie hatten jedes Gefühl für Zeit und Ort verloren, und die beiden Schiffe schienen ihren Weg von selbst zu finden.

Da erhob sich vor ihnen eine weiße Nebelwand. Zuerst noch schmal wie ein Band aus weichen Daunen, dann näher und höher, dichter und undurchdringlicher umgab sie der Nebel von allen Seiten. Es war, als würden sie mitten in einem dicken Watteballen stecken. Das war nicht feucht, kalt oder unangenehm, sondern warm und kuschelig wie ein gemütliches Federbett. Dazu ertönte mit einem Mal eine Stimme. So rein und klar und wunderschön, wie sie weder der Seeräuber noch der Kapitän je gehört hatten. Sie sang eine Melodie, so fein und glockenhell, dass dem kleinen Seeräuber vor Rührung die Tränen in die Augen traten und der dicke Kapitän sein Steuerruder herumriß, um der Stimme zu folgen, wo immer sie ihn hinlockte, und sei es ins Verderben.

»Riff in Sicht!« krächzte da Don Poco, der Papagei und gleich noch einmal: »Riff in Sicht!«

Der kleine Seeräuber beugte sich vor und kniff die Augen zusammen, um etwas zu erkennen. Riffe waren gefährlich spitze Felsen, die sich unter dem Wasser verbargen, und an denen ein Schiff sehr wohl zerschellen konnte. Da sah er sie, eine ganze Kette kantiger Felsen, so scharf wie Haifischzähne. Nur in der Mitte ließen sie eine schmale Einfahrt frei.

Der kleine Seeräuber wandte sich um und wollte dem dicken Kapitän eine Warnung zurufen. Da sah er zu seinem Entsetzen, dass der direkt auf die Felsen zusteuerte.

»Halt«, rief der Seeräuber, »halt, Kapitän! Zurück, zurück!« Aber der Kapitän hörte ihn nicht. Er hörte nur die silberhelle Stimme und die wundersame Melodie, die genau von dem Riff herzukommen schien.

Der Seeräuber überlegte nicht lang. Er nahm ein Tau und gab Don Poco ein Zeichen. Der packte ein Ende mit dem Schnabel und flog so schnell er konnte zum Schiff des Kapitäns und wickelte es dreimal um den Mastbaum. Der Seeräuber zog und zog mit aller Kraft, und Mono und der Löwe halfen ihm dabei. Endlich, in letzter Sekunde, drehte sich das Schiff vom Kapitän schwerfällig herum und folgte dem des Seeräubers widerwillig durch die schmale Einfahrt.

Kaum waren sie hindurchgelangt, da veränderte sich die Welt um sie herum. Der Nebel lichtete sich, und das Wasser war veilchenblau und glatt wie Samt. Silbrige Fische tummelten sich darin und über ihren Köpfen tschilpten und tirillierten Vögel. Vor ihnen lag ein goldgelber Sandstrand, und dahinter war sie, die Insel der Tiere.

»Ich bin sehr ungehalten«, sagte plötzlich eine mürrische Stimme neben ihnen. Auf einem Felsen saß eine wunderschöne Frau. Sie hatte langes goldenes Haar und einen bunt gefiederten Vogelkörper, so schön und schillernd wie alle Seidenballen der Welt.

»Ich erkenne deine Stimme«, seufzte der Kapitän, »und ich liebe dich!«

»Heckmeck«, sagte die schöne Frau, »warum bist du mir dann nicht gefolgt?«

»Aber, ich wollte ja ...« stammelte der Kapitän, jedoch die Frau unterbrach ihn ungeduldig.

»Wollen ist nicht genug. Dieser kleine Schlauberger da hat sich eingemischt.« Sie funkelte den Seeräuber böse an.

»Jetzt weiß ich, wer du bist«, freute der sich, »du bist Sirene, die Sagengestalt, die mit ihrer süßen Stimme die Seefahrer ins Verderben lockt.«

»Früher war das jedenfalls mal so«, die Sirene räusperte sich, »aber heutzutage wißt ihr ja nicht mehr, was Liebe ist.«

»Nein, du irrst!« schluchzte der Kapitän, »mein Herz gehört nur dir, ich folge dir, wohin du mich lockst!«

»Dummes Zeug«, die Sirene winkte unwirsch mit einem Flügel. »Geht an Land. Wir sehen uns später. Ich muss noch ein paar Stimmübungen machen.« Und damit schwebte sie davon.

Der kleine Seeräuber sah sich nach einem Platz um, an dem sie die Schiffe festmachen konnten. Da sah er zu seiner größten Überraschung, dass schon ein Boot da war. Ein altmodischer schwerfälliger Kahn mit einem vielfach geflickten Segel, dem man nicht zutraute, dass es auch nur eine leichte Brise aushielt. Es war also doch noch ein anderer Mensch auf der Insel. Dem Seeräuber war etwas beklommen zumute, als er an Land ging. Mono und Don Poco zeigten ihm den Weg, der Löwe folgte ihm schwerfällig. Und der dicke Kapitän mit Babette im Arm stolperte hastig hinter ihnen her. »Wartet doch auf mich! Laßt mich nicht allein!«

»Wer ist da allein?!« donnerte plötzlich eine heisere Stimme. Don Poco flatterte erschreckt auf den Kopf des Löwen, der knurrend seine Zähne zeigte. Neben einem wuchtigen Felsen hockte ein dünner alter Löwe mit zerzaustem Fell und einem kantig großen Adlerkopf auf den Schultern.

»Ich bin Greif, der Türhüter«, dröhnte er, »zeigt eure Einladungen vor! Menschen sind nur in Tierbegleitung zugelassen!« Neben dem Greif stand ein Mann. Er war größer als der dicke Kapitän, aber neben dem Greif wirkte er fast klein. Er hatte zottig weißes Haar und einen buschigen Vollbart und vor sich einen großen Klumpen Lehm, aus dem er ein Abbild des Türhüters Greif zu formen versuchte.

»Nicht bewegen«, sagte er, und der Greif hob den Kopf und warf sich in Positur. »Ich bin Bildhauer«, erklärte der Mann dem kleinen Seeräuber, »schon viele Bildhauer haben den Greif in Jahrtausenden modelliert, aber meine Skulptur wird die Schönste und die Berühmteste werden.« Der Greif reckte sich ein bißchen.

»Und wie bist du ohne Tierbegleitung reingekommen?« fragte der Kapitän, der zwischen dem Lehmklumpen und dem Löwen-Adler keine Ähnlichkeit entdecken konnte. Der Bildhauer antwortete nicht, aber der kleine Seeräuber hatte die Antwort schon entdeckt. Sie saß auf der Schulter des Bildhauers und war noch kleiner als der Seeräuber. Und sie war von durchscheinender Schönheit. Ein zartrosa Gesicht unter langem Silberhaar und ein zierlicher Körper in einem weiten Gewand, das so licht und unwirklich war wie ein Atemwölkchen in kalter Winternacht. Der Seeräuber spürte, wie sein Herz einen Schlag lang aussetzte.

»Du bist die Muse«, flüsterte er, »die Muse, die den Künstler begleitet.«

»Ha«, grunzte der Bildhauer und klatschte einen Klumpen Ton auf die Erde, »trau ihr nicht, sie ist treulos und unberechenbar. Und sei still, ich muss die Zeit nutzen!« Er ging einen Schritt zurück und zupfte sich am Bart. »Na, ja«, meinte der Greif, »um ganz ehrlich zu sein, ich habe schon Skulpturen gesehen, die mir ähnlicher waren.« In diesem Augenblick beugte sich die durchscheinend schöne Muse vor und schmatzte dem Bildhauer ein dickes Küßchen aufs Ohr. Der wurde sofort ganz lebendig. Formte neuen Lehm, änderte hier und fügte dort hinzu, und siehe da, aus dem Lehm erwuchs ein zweiter Greif. Schön und würdevoll. Und sehr ähnlich. »Schon besser«, lobte der großzügig, dann erinnerte er sich wieder an die neuen Besucher. »Steht hier nicht im Weg rum. Ihr stört den Künstler! Macht Euch mit der Insel und den anderen Gästen bekannt, bevor das Fest beginnt. Und merkt Euch eins!« Seine Stimme begann zu grollen. »Lügen, Streiten und Kämpfen sind hier strengstens verboten.«

»Was? Ich soll nicht kämpfen dürfen«, polterte der dicke Kapitän, »wozu habe ich denn dann meinen größten Feind dabei?!«

Der kleine Seeräuber trat den Kapitän so fest gegen das Schienbein, dass der vor Schmerz aufschrie. »Benimm dich doch ausnahmsweise ein einziges Mal anständig«, zischte er ihm zu, »wir sind hier Gäste!« Und dann zerrte er den dicken Kapitän mit an Land. Der riß sich wütend los.

»Ich weiß sehr wohl, wie man sich benimmt. Jeder Kapitän weiß sowas. Und außerdem«, fügte er leiser hinzu, »wie soll ich denn überhaupt lügen, streiten und kämpfen, wenn mich außer dir keiner versteht.«

»Los, kommt«, sagte da plötzlich Babette, die schwarze Katze zu Don Poco und dem Löwen, »wenn der in so einer Laune ist, dann ist es besser, wir lassen ihn allein, sonst blamiert er uns noch.«

»Genau«, sagte Mono, und: »Schließlich ist das ein friedliches Fest«, fügte der Löwe hinzu. Don Poco zwinkerte dem kleinen Seeräuber zu und flog davon, und die anderen Tiere folgten ihm.

Der dicke Kapitän sah ihnen mit offenem Mund nach. »Hast du das gehört«, flüsterte er andächtig, »Babette hat gesprochen.«

Der kleine Seeräuber nickte. »Das ist das Geheimnis; solange wir auf dieser Insel sind, können wir die Sprache der Tiere verstehen.«

Eine wundersame Insel

Der kleine Seeräuber war sehr schweigsam, und sogar der dicke Kapitän wurde still. Zusammen stapften sie über die Insel, und was sie sahen, war so ungewöhnlich und aufregend, dass sie zu träumen glaubten.

Die Insel war klein, und doch schien sie gewaltig. Denn fast jeder Meter brachte eine völlig neue Landschaft. Da gab es saftig grüne Wiesen, auf denen buntgescheckte Kühe weideten, schwarz-weiße Ziegen und zottelweiße Schafe. Langohrige Hasen hoppelten herum und Füchse und Luchse lagen in der Sonne und wärmten sich den Pelz. Birken wuchsen da und schattige Tannen, unter denen Rehe und Hirsche in kleinen Gruppen beieinanderstanden und sich mit den zwitschernden Vögeln über ihnen unterhielten. Felsige Bergkuppen türmten sich auf, Gemsen und Murmeltiere turnten herum. Auf der goldgelben Savanne ästen Löwen, Leoparden und Elefanten, im reißenden Fluß unterhielten sich Forellen, Nilpferde und Krokodile friedlich über die geplante Tausendjahrfeier und den Tagungsverlauf. Bunte Blumen blühten im üppig wuchernden Urwald, in dem sich Papageien, Schlangen und Affen über den Musik- und Tanzabend Gedanken machten. Plötzlich wurde es kalt. Der Seeräuber und der Kapitän waren am anderen Ende der Insel angekommen. Tiefweiß verschneite Hügel umgaben eine Bucht, in der sich knackend und berstend Eisschollen aneinander rieben. Eine Gruppe Pinguine übte eine Ballettnummer ein, während sich die Eisbären faul am Ufer räkelten.

Der Himmel war tief violettblau, übersät von abermillionen funkelnder Sterne. Und mitten unter ihnen leuchtete die Sonne wie eine Kugel aus Gold. So nah neben dem silbrig glänzenden Mond, dass es aussah, als würden sie sich berühren.

Dem kleinen Seeräuber blieb vor Ehrfurcht fast das Herz stehen. Sowas hatte er noch nie in seinem ganzen Leben gesehen. Er wünschte sich, dass die Zeit stehenbliebe, denn er wollte diesen wundersamen Anblick niemals vergessen.

»Humbug«, grummelte mit einem Mal der dicke Kapitän, »sowas gibt es doch gar nicht. Das sind Tricks, Spiegeleien, mechanische Lichter. Die wollen uns reinlegen!« Seine Stimme wurde immer lauter. »Wundert mich nur, dass dieser komische Löwenvogel Greif kein Eintrittsgeld verlangt hat. Vermutlich kostet jede Nummer extra. Außerdem hab ich verdammten Hu...« Hunger hatte er sagen wollen, aber das Wort blieb ihm im Hals stecken. Der dicke Kapitän taumelte, die Augen quollen ihm aus dem Kopf und Schweißperlen tropften ihm von der Stirn. Dem kleinen Seeräuber ging es nicht anders. Er wurde blaß vor Angst und wabbelweich in den Knien. Und, wenn der Kapitän nicht selber schon so geschwankt hätte, der Seeräuber hätte sich an ihm festgehalten.

Direkt vor ihnen rollte sich ein riesiger, grüner, schuppiger Drachen durch den Sand. Zacken blinkten auf seinem mächtigen Haupt und Rauch quoll aus seinem aufgerissenen Maul, als er sie entdeckt hatte und sich ihnen zuwandte. Zuckende Blitze in den kleinen schwarzen Kohleaugen. »Uuääh!« dröhnte er, und züngelnde Stichflammen schössen ihnen entgegen. Der Seeräuber und der Kapitän schrien vor Entsetzen auf und stoben davon.

»Feiges Pack!« hörten sie eine tiefe Stimme hinter sich. Wie festgenagelt blieben sie stehen. Alles kann man machen, aber einen Seeräuber oder einen Kapitän feige zu nennen, das ist eine Beleidigung. Entschlossen, Rache zu nehmen, und koste es ihr Leben, drehten sie sich um.

Der feuerspeiende Drache hatte sich im Sand zusammengerollt wie eine viel zu groß geratene Katze und musterte sie träge aus einem halboffenen Auge. Der kleine Seeräuber tastete nach einem Seeräubermesser und wurde etwas mutiger. »Hast du uns feige genannt?« schrie er. Der dicke Kapitän hatte sein großes Schwert gezogen und duckte sich hinter dem Seeräuber. Der Drache verzog höhnisch einen Mundwinkel und ließ ein neues Rauchwölkchen entweichen.

»Feige. Ganz recht.«

»Wir sind mutig!« brüllte der Kapitän und schwang sein Schwert so heftig durch die Luft, dass er dabei fast den Knoten vom roten Seeräubertuch durchtrennte.

»Haha«, meinte der Drache müde, »früher, das waren noch andere Zeiten. Da haben echte Prinzen mit mir gekämpft. Echte, wirkliche Prinzen. Jung und schön, in Gold und Silber gewandet auf einem edlen Rappen reitend.« Sein halboffenes Auge blickte versonnen in die Ferne.

»Warum haben sie mit dir gekämpft«, fragte der Seeräuber höflich, obwohl er die Antwort längst aus tausend Märchenbüchern kannte. Der Drache aber freute sich über das Interesse an alten Geschichten und öffnete das zweite Auge.

»Weil sie um die schöne Prinzessin freiten. Die ihnen versprochen war vom König, wenn sie nur vorher den Drachen besiegten. Ach ja«, er seufzte, und seine Augen wurden feucht, »das waren noch Prinzessinnen. So schön und blond und unschuldig, in langen weißen Gewändern, die sich durchsichtig um ihre schmalen Taillen schmiegten, das waren noch Zeiten!«

»Und?« fragte der Seeräuber, »hast du immer gesiegt?«

»Nun ja«, der Drache räusperte sich und klopfte mit seiner Schwanzspitze Sand auf, »diesen oder jenen habe ich schon mal gewinnen lassen.« Der kleine Seeräuber, der spürte, dass der Drache verlegen war, wollte ihm gern etwas Nettes sagen.

»Immerhin bist du ja auch schrecklich stark und gefährlich, oder?«

»Gefährlich?« grollte der Drache und richtete seine beiden Kohleaugen starr auf den kleinen Seeräuber. »Wer bist du, dass du solche Fragen stellst. Ein Menschenwurm?«

»Ich bin ein Seeräuber«, verkündete der Seeräuber stolz, aber der Drache hatte schon wieder das Interesse an ihm verloren.

»Mag sein. Es ist egal. Ich kann das ewige Geschwätz schon lange nicht mehr hören. Drachen sollen gefährlich sein. Weißt du, was das bedeutet? Jeder läuft weg, wenn er dich sieht. Das mag ja am Anfang ganz spaßig sein, aber auf die Dauer macht es dich nur noch traurig.« Der dicke Kapitän fing an zu kichern. »Vor allem die schönen, jungen, unschuldigen Prinzessinnen«, fuhr der Drache fort, »so gern hätte ich mich mal mit dieser oder jener unterhalten. Schließlich bin ich alt und weise und hätte ihnen so manchen Ratschlag geben können. Aber immer, wenn sie mich nur sahen, dann schrien sie und rannten davon. Weißt du«, aus einem Auge tropfte ihm eine dicke Träne, »weißt du eigentlich, wie einsam ein Drache ist, vor dem sich alle nur fürchten?«

»Genau«, sagte da der dicke Kapitän, »kann ich richtig nachfühlen.« Der Drache schien ihn nicht gehört zu haben. Sein Blick richtete sich wieder in die Ferne.

»Und, was man sich ja heute kaum noch vorstellen kann. Einige dieser Prinzen waren richtige Hohlköpfe. Nur, weil sie jung waren und Muskeln hatten, glaubten sie, schon König zu sein. Schreien und Schlagen, ha, mehr konnten die nicht. Was gibt es denn bloß für einen Sinn, den Held zu spielen und seine Braut schon vor der Hochzeit zur Witwe zu machen?« Er grinste verträumt. »Um ganz ehrlich zu sein, ich hab immer die Besonnenen und etwas Angstlichen gewinnen lassen. Die, von denen ich annehmen konnte, dass sie auch zu meiner Prinzessin lieb und zärtlich sein würden.« Das Grinsen wurde verschmitzt. »Du ahnst ja gar nicht, wieviele glückliche Königskinder mir ihr Leben verdanken!«

Bevor Seeräuber oder Kapitän etwas Passendes antworten konnten, hörten sie über sich heftiges Flügelschlagen, ein Schatten verdunkelte für einen Moment die Sonne. Sie sahen hoch. Ein großer Vogel kreiste einmal um sie herum und landete dann direkt vor dem Maul des Drachen. Es war ein riesiger Adler, und Millionen Goldfünkchen sprühten aus seinem Gefieder. Kopf und Brust glühten in tiefem Purpur. »Hallo«, sagte er zum Drachen, »ich bin Phönix, ich habe dich gesucht. Wer sind die zwei da?«

»Menschenräuber, denke ich, oder sowas ähnliches. Aber ganz friedlich.« Phönix musterte die beiden und plusterte seine güldenen Federn. Der Kapitän stieß dem Seeräuber den Ellbogen in die Rippen.

»Was soll das denn?« zischelte er überlaut, »eine Oper oder wie? Fängt der jetzt noch an zu singen?« Der Seeräuber versuchte, die Peinlichkeit zu übertönen.

»Guten Tag, Phönix«, er verbeugte sich höflich, »du bist also der berühmte Sonnenvogel.« Phönix hatte einige Mühe, seinen Blick vom dicken Kapitän abzuwenden, aber die Eitelkeit siegte.

»Ich bin das Leben!« schmetterte er. »Ich bin so alt wie 972 Menschen! Ich bin unsterblich. Ich bin ewig jung!« Und er ließ seine goldenen Flügel aufblitzen.

»Um die Augen hast du Falten«, sagte der Kapitän boshaft, »und die Muskeln an deinen Flügelschultern sind ziemlich schlaff, von deinen Zehennägeln mal ganz zu schweigen.«

Details

Seiten
101
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960530862
Dateigröße
1022 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318473
Schlagworte
Kinderbuch ab 8 Jahre Zeichentrick Käpt'n Sharky Bestsellerautorin für Jungen Seefahrt Freundschaft Piraten Drache Abenteuer für Mädchen eBooks

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Titel: Der kleine Seeräuber - Band 3: Pepolino und der dicke Kapitän