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Kim und die Verschwörung am Königshof - Band 1

2016 162 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Was ist das für eine alte Uhr, die Kim von seinem Großvater geschenkt bekommen hat, welches Geheimnis birgt sie? Als Kim die rätselhafte Uhr im Beisein von Lisa und Dennis untersuchen will, bewegen sich die Zeiger plötzlich rückwärts, ein magisches grünes Licht beginnt zu pulsieren, alles um sie herum gerät in Bewegung ... Und auf einmal landen sie im Louvre, im Frankreich des 17. Jahrhunderts, mitten in einer Verschwörung gegen den jungen König Ludwig den Dreizehnten! Gelingt es ihnen, das Leben des erst 15-Jährigen zu retten? Und vor allem: Schaffen Sie es rechtzeitig, nach Hause zurückzukehren?

Fesselnd und voller Spannung erzählt Eva Maaser vom höfischen Leben im 17. Jahrhundert!

Über die Autorin:

Eva Maaser, geboren 1948 in Reken (Westfalen), studierte Germanistik, Pädagogik, Theologie und Kunstgeschichte in Münster. Sie hat mehrere erfolgreiche Kinderbücher, historische Romane und Krimis veröffentlicht.

Ebenfalls bei jumpbooks erscheinen Eva Maasers Bücher Kim und die Seefahrt ins Ungewisse, Kim und das Rätsel der fünften Tulpe, Leon und der falsche Abt, Leon und die Geisel, Leon und die Teufelsschmiede und Leon und der Schatz der Ranen.

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2007 Coppenrath, Münster

Copyright © der Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: akg-images/Erich Lessing; akg-images/De Agostini Pict.Lib.

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-068-8

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Eva Maaser

Kim un die Verschwörung am Königshof

Band 1

jumpbooks

1. Das Dämonenmädchen

»Du bist ja Chinese!«

Kim überlegte, ob diese Feststellung lediglich Erstaunen oder auch eine Spur Verachtung verriet.

»Halbchinese«, stellte er widerwillig richtig.

»Ach so. Das ist ja nur halb so schlimm. Und was kriegst du die Stunde? Schön, dass du wenigstens ein bisschen Deutsch sprichst. Vielleicht lassen wir dich morgen bei uns das Laub zusammenfegen.«

Kim beschloss, sich mit dem Ärgern Zeit zu lassen. In der fremden Stimme klang etwas durch, was ihn misstrauisch machte. Das Mädchen, das ihn über den Zaun hinweg anstarrte, sah sonderbar genug aus, um es seinerseits anzustarren. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal solche Haare gesehen zu haben. Sie wirkten wie rote Drahtwolle. Und dann die Augen! Eindeutig Katzenaugen, grüne Katzenaugen in einem käseweißen Gesicht. Beim Gedanken an Käse schnitt Kim vor Abscheu eine Grimasse. Er würde nie verstehen, wie jemand Käse essen konnte. Er hatte einmal welchen probiert, und ihm war sofort schlecht geworden.

Etwas von seinem Abscheu musste das Mädchen aus seiner Miene gelesen haben und das war ganz erstaunlich. Normalerweise konnten waschechte Europäer aus seiner Miene überhaupt nichts lesen. Anscheinend war dieses Mädchen überdurchschnittlich intelligent. Das machte ihn neugierig.

»Was ist? Hat dir die Aussicht auf einen zweiten Job die Sprache verschlagen? Wenn du natürlich nur blöd in der Gegend herumstehst, können wir auf dich verzichten.« Die Rothaarige deutete auf den Rechen, auf den er sich stützte. Inzwischen war Kim zu der Überzeugung gelangt, dass die rote Drahtwolle und die grünen Augen Kennzeichen eines Dämonenwesens sein mussten, und dazu passten auch die Sommersprossen. Flecken wie auf der Haut einer Naja, einer tödlich giftigen Schlange. Mit Sicherheit war hier Vorsicht geboten.

Nachlässig warf er den Rechen beiseite und entfernte sich ein paar Schritte vom Zaun. Noch etwas war ihm an dem Mädchen aufgefallen. Es war wenigstens einen halben Kopf größer als er, und das versetzte ihn nun doch in schlechte Laune.

»He! Du bist noch nicht fertig! Ich sag Tante Betty, dass du deine Arbeit nicht ordentlich machst. Wie heißt du überhaupt?«

So würdevoll wie möglich, wandte sich Kim um. »Kim. Kim Reimer.« Und dann begriff er endlich. Sie wusste natürlich, wer er war. Aber das besserte seine Laune kein bisschen. Großtante Betty hatte ihren Nachbarn sicher längst alles über ihren Neffen Lutz Reimer und seinen halbchinesischen Sohn erzählt. Dass sie aus Shanghai hierher gezogen waren, ein halbes Jahr nach dem Tod von Kims Mutter. Aus der Weltstadt Shanghai in ein Kaff namens Drensteinfurt, um im Haus seines Großvaters zu leben. Das Dorf bestand nur aus einer Handvoll kleiner Häuser und einer Spielzeugkirche. Nicht ein Hochhaus! Und selbst im Zentrum war es so still wie auf einem Friedhof. Kein Autohupen, kein schrilles Gekreisch, keine laute Musik. Kim schüttelte sich in Gedanken.

»Ach, du bist Kim?«, flötete sein Quälgeist und streckte ihm über den Zaun die Hand entgegen. »Ich bin Lisa Wagner.« Sie betonte jede Silbe, als ob er schwerhörig wäre. »Du verstehst? Ich bin deine Nachbarin.« Ihre grünen Augen funkelten übermütig.

Es wurde Zeit, dass er sich etwas einfallen ließ. Er benahm sich ja wie ein Trottel, und das vor einem Mädchen!

Ohne die ausgestreckte Hand zu beachten, kreuzte er die Arme vor der Brust und verneigte sich tief. »Ich mich fülchten vor Dämonenmädchen, das hat glühenden Dlaht um Kopf.«

Da hatte er wohl ins Schwarze getroffen.

Ihr Gesicht verfinsterte sich schlagartig, anscheinend war er nicht der Erste, der sie wegen ihrer roten Haare aufzog. Jetzt würde sie gleich anfangen zu kreischen, da war er ganz sicher. Das konnte peinlich werden!

Zu seiner Überraschung lachte Lisa laut auf.

»Nicht schlecht gekontert, Kim. Aber den Witz, dass Chinesen angeblich kein ›R‹ aussprechen können, kannte ich schon. Hast du noch was Besseres drauf?«

Er wollte gerade angesäuert nachfragen, was sie damit meinte, als laut kläffend ein kleiner, weißer Hund an den Zaun gerannt kam. Es war einer von der wuscheligen Sorte, bei dem man nicht auf den ersten Blick erkannte, wo vorn und hinten ist. In diesem Fall war die Sachlage aber klar, weil der Kleine die Vorderpfoten in die Zaunmaschen stemmte, das Mäulchen weit aufriss und alle seine spitzen Zähne zeigte.

Kim gab sich begeistert. »Ich mag Hunde!«, überschrie er den Kläffer.

»Still, Willie!«, kommandierte Lisa.

Willie kümmerte sich einen Dreck um den Befehl. Erst als Lisa energisch in sein Zottelfell griff und ihn weg vom Zaun zog, gab er Ruhe. »Was hast du gerade gesagt?«, fragte sie an Kim gewandt.

»Ich mag Hunde«, wiederholte Kim bereitwillig, »geschmort schmecken sie am besten. Wann schlachtet ihr euren? Ich könnte deiner Mutter ein gutes Rezept ...«

Lisa schnappte nach Luft.

Volltreffer, stellte Kim befriedigt fest.

Angriffslustig streckte Lisa den Kopf vor. »Das kannst du dir irgendwohin stecken. Noch so eine nette Bemerkung über Hunde und ich zeig dir morgen in der Schule, wo’s bei uns langgeht.«

Mit einem Seufzer ließ Kim die Schultern hängen. Vor dem ersten Schultag in einer fremden Schule, in einem fremden Land graute ihm, seit er vor einer Woche auf dem Frankfurter Flughafen angekommen war. Mitten in den hiesigen Herbstferien, an einem nebelgrauen Tag. Und jetzt hatte er eine nebelgraue Woche ganz allein in Tante Bettys Gesellschaft hinter sich und fragte sich, ob in Deutschland jemals die Sonne schien und ob er jemals Tante Betty entkommen würde.

Auf Tante Betty war er nicht richtig vorbereitet worden.

Sein Vater war schon zwei Tage, nachdem er ihn in Drensteinfurt abgeliefert hatte, zurück nach Shanghai geflogen. Er musste noch einiges an seinem alten Forschungsinstitut regeln, bevor er seine neue Stelle an einem Institut der Universität in Münster antrat. Lutz Reimer war ein in der Fachwelt sehr geschätzter Biotechnologe, im gleichen Fach war auch Kims Mutter tätig gewesen. Kim hatte seinen Vater angefleht, ihn ja nicht allein in diesem düsteren alten Haus in der westfälischen Provinz zu lassen. Aber Lutz Reimer hatte gemeint, er könne die Zeit bis zu seiner Rückkehr in vier Wochen nutzen, um sich mit Tante Betty anzufreunden.

Kim hatte nur undeutliche Erinnerungen an seinen inzwischen verstorbenen deutschen Großvater. Und auch Tante Betty hatte er nur einmal gesehen, als er als Fünfjähriger mit seinen Eltern einen Besuch in Deutschland gemacht hatte. Damals hatten andere Leute im Nachbarhaus gewohnt. An ein freches, rothaariges Mädchen hätte er sich ganz bestimmt erinnert.

Etwas Farbe war in Lisas Wangen gestiegen, vermutlich vor Zorn. Sicher war sich Kim nicht, denn Lisa schaute nicht wirklich wütend drein. Wahrscheinlich machte sie das Geplänkel mit ihm eher kribbelig – genauso wie ihn. Bevor er das herausfinden konnte, öffnete sich die Terrassentür. Tante Betty trat heraus.

»Du kannst morgen weitermachen, Kim. Komm jetzt rein, es wird dunkel. Der Tee ist fertig.«

Mit dreizehn Jahren um sechs Uhr nachmittags reingerufen zu werden, weil es dunkel wurde, war vor allem deshalb peinlich, weil jemand höchst interessiert lauschte.

Lisa grinste breit. »Dann lass Tante Betty mal nicht warten, sonst wird der Kamillentee kalt.«

»Willst du nicht auch kommen, Lisa?«, rief Tante Betty. »Bestimmt hast du mit Kim noch etwas wegen der Schule zu besprechen.«

Energisch schüttelte Lisa den Kopf. Vermutlich hatte sie schon einmal mit Tante Betty Tee trinken müssen. Geschmacklosen Tee aus fusseligen Teebeuteln.

»Ich hole ihn morgen um sieben ab, der Schulbus fährt zehn nach sieben. – Sei bloß pünktlich fertig, ich warte nicht auf dich!«, setzte sie für Kim hinzu. Sie nahm den Hund auf den Arm und marschierte davon.

Aufgebracht sah Kim ihr nach. Jetzt kommandierten ihn schon zwei weibliche Wesen herum, eine alte Frau und ein Mädchen, das er gerade erst kennengelernt hatte. Betont langsam schulterte er den Rechen und schlurfte zum Schuppen hinter dem Haus, wo die Gartengeräte aufbewahrt wurden.

Wie jeden Tag, seit er hier war, wünschte er sich, in Shanghai bei seinen vielen Freunden zu sein, die er schmerzlich vermisste. Die Freunde, die wunderbare Stadt – und Großvater Kao. Er hatte bei ihm einziehen wollen, aber davon wollte sein Vater nichts wissen. Großvater Kao aber auch nicht. Kims chinesischer Großvater war ein geheimnisumwitterter alter Mann von mindestens achtzig oder neunzig Jahren. Oder hundertzehn. Für hundertzehn sprach die Tatsache, dass er sich jeden Fleck der Erde angeschaut hatte. Bloß wann? Er war nämlich seit Jahrzehnten nicht aus China herausgekommen.

In seiner Jugend hatte er als Mönch in einem Tibetischen Kloster gelebt. Manchmal, wenn er etwas mitteilsamer war, hatte er von seinem Leben in den Bergen des Himalaya erzählt, wo es Dinge gab, von denen die Menschen im Westen nichts ahnten oder nichts verstanden. Großvater Kaos Abschiedsgeschenk war so ein Ding. Auf dem Flughafen von Shanghai hatte Kim nur ganz kurz einen Blick darauf werfen können, während er Großvater Kaos leiser Stimme lauschte, die im Lärm des Flughafenbetriebs beinahe unterging. Ihr Flug wurde gerade zum dritten Mal aufgerufen. Deshalb hatte Kims Vater gesagt, er solle das Kästchen schnell einstecken und sich vom Großvater verabschieden.

Nachdem Kim das Geschenk im Rucksack verstaut hatte, hatte er eine Hand zur Faust geballt an die Brust gepresst, die andere flach davor gehalten und sich tief verneigt. Auf diese Art erwies er einem Mann, der uralte Geheimnisse des Universums kannte, seinen Respekt. Lutz Reimer nannte seinen Schwiegervater allerdings einen Spinner und den größten Lügner aller Zeiten. Er war eben ganz und gar Wissenschaftler.

Buchstäblich in der letzten Sekunde hatte Großvater Kao Kim liebevoll umarmt. »Ich werde jeden Tag auf dich warten«, hatte er ihm ins Ort geflüstert. Kim hatte gemerkt, dass ihm die Augen feucht wurden. Und da war ihm der Abschied von dem kleinen alten Mann noch schwerer gefallen.

Nachdem er den Rechen in den Schuppen gebracht hatte, ging er zum Haus und dachte über das Abschiedsgeschenk nach: eine seltsame alte Uhr in einem Holzkasten. Mit der Uhr, hatte Großvater Kao erklärt, könne er jederzeit zu ihm reisen, er bräuchte dafür keins dieser schwerfälligen Flugzeuge oder eins der noch langsameren Schiffe.

Wie reiste man denn mit einer Uhr?

Die Frage beschäftigte Kim, seit er unter Tante Bettys Fuchtel stand. Tante Bettys erster Satz, wenn sie ihn irgendwelchen Bekannten vorstellte, lautete: »Der arme Junge hat kürzlich seine Mutter verloren.« Und der zweite, mit noch größerem Bedauern ausgesprochene: »Er ist in China aufgewachsen.« Den dritten Satz, »Seine Mutter war Chinesin«, konnte sie sich eigentlich sparen, denn das sah ja jeder.

Tante Betty hatte alle seine Sachen durchgesehen und alles Waschbare in die Waschmaschine gesteckt, kaum dass er in ihrem Haus angekommen war. Als fürchtete sie, er hätte Flöhe oder Wanzen mitgebracht. Großvater Kaos Abschiedsgeschenk hatte sie aber nicht entdeckt. Das hatte er gerade noch aus dem Rucksack ziehen und damit aus dem Zimmer schleichen können. Er war die Treppe zum Dachboden hinaufgesaust und hatte es in einem riesigen Schrank unter einer Wolldecke versteckt.

Am gleichen Tag noch hatte Tante Betty die Tür zur Bodentreppe abgeschlossen und Kim damit in schwärzeste Verzweiflung gestürzt. Denn er wusste nicht, wo sie den Schlüssel aufbewahrte. Von morgens bis abends kreisten seitdem seine Gedanken um den kleinen achteckigen Kasten. Die Uhr hatte er noch nicht einmal gesehen, aber seine wildesten Hoffnungen klammerten sich daran. Dabei konnte er jetzt nicht einmal herausfinden, ob die Uhr funktionierte. Und ob sie so funktionierte, wie Großvater Kao gesagt hatte.

2. Feigling!

Kim war stolz auf seine chinesische Abstammung, die europäische fand er langweilig. Schließlich wusste er, dass beinahe alle wichtigen Dinge wie Papier, Buchdruck, Nudeln und Obstsalat in China bereits erfunden worden waren, als die Europäer noch in Zottelfelle gehüllt durch die Steinzeit stapften.

Tante Betty konnte ihm daher nichts wirklich Wichtiges mitteilen, aber da er ihr als einer älteren Verwandten (einer sehr viel älteren Verwandten) Respekt schuldete, tat er seit einer Woche so, als ob er ihr pausenlos zuhörte. Dass das Mädchen aus dem Nachbarhaus in die gleiche Klasse ging, hatte er aber mitbekommen, auch dass sie ihm schon vor den Herbstferien die Schulsachen besorgt hatte und dass sie erst einen Tag vor Beginn der Schule von einer Reise mit ihren Eltern zurückkehren würde. Aber es war wirklich nicht nötig, sich wie ein Dreijähriger an ihre Fersen zu heften, wie es Tante Betty vorschwebte.

Die neue Schule kannte er, weil Tante Betty sie ihm auf einer Fahrt mit dem Bus in die Kreisstadt Münster gezeigt hatte. Er sah kein Problem darin, sie allein wieder zu finden, schließlich kam er aus einer Stadt mit vierzehn Millionen Einwohnern, und außerdem hatten die Chinesen den Kompass erfunden. Logischerweise verirrte sich ein echter Chinese nie.

Kurz vor sieben am nächsten Morgen stand Tante Betty vom Frühstückstisch auf. »Es wird Zeit für dich, Kim«, sagte sie besorgt und hob mahnend den Zeigefinger. »Hast du deine Schultasche gepackt?«

Kim nickte.

»Hast du deine Busfahrkarte eingesteckt?«

Kim nickte.

»Bist du warm genug angezogen?«

Kim nickte automatisch. Aber Tante Betty war nicht zufrieden und machte Anstalten, um den Tisch herum zu kommen, um seine Unterwäsche zu kontrollieren. Das hatte sie auch vor der Fahrt in die Stadt gemacht. Sie hatte wissen wollen, ob er eins der Unterhemden trug, die sie für ihn gekauft hatte, nachdem sie festgestellt hatte, dass sich in seinem Gepäck nur drei Stück befanden. In Shanghai hatte er selten Unterhemden getragen, dafür war es dort meist zu warm.

Hastig stapelte Kim die Teller übereinander. »Ich räume die schnell in die Spülmaschine.«

Wie erhofft, versetzte die Ankündigung Tante Betty in Panik. »Auf keinen Fall, Junge, du rührst mir die Spülmaschine nicht an.«

Tante Betty war ihm am ersten Tag aufs Klo nachgegangen, um ihm zu erklären, wie die Spülung funktionierte. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass es in ganz China nur Plumpsklos gab. Das war nicht einmal völlig falsch. Die meisten Klos in China waren Plumpsklos. Nur hatte Kim in einem Hochhaus gewohnt, in dem es vom Müllschlucker bis zur Mikrowelle einfach alles an modernen technischen Einrichtungen gab. Tante Betty hatte eine Mikrowelle, konnte aber nicht damit umgehen. Jetzt riss sie die Teller an sich und begann sie unter lautem Geklapper in die Spülmaschine einzuräumen.

Kim nutzte den Moment, um seine Schultasche zu schnappen, im Flur seine Jacke vom Haken zu reißen und hinauszuwitschen. Es war fünf vor sieben.

Um genau elf Minuten nach sieben hockte er auf den Fersen an der Bushaltestelle und sah einem Bus entgegen. Der Bus kam näher und näher, Kim stand erwartungsvoll auf. Ohne anzuhalten, donnerte der Bus an ihm vorbei. Kinder drückten sich die Nasen an den Fenstern platt, ein Mädchen mit rotem Wuschelhaar gestikulierte heftig und starrte ihn entgeistert durch die verschmierten Scheiben an. Es war Lisa. Sie schrie etwas, was er nicht verstand. Vielleicht schrie sie dem Busfahrer zu, dass er stoppen sollte, aber der Bus verschwand um eine Straßenbiegung.

»Junger Mann«, sagte eine ältere Frau tadelnd zu Kim, »der Schulbus hält hier nicht, das müsstest du eigentlich wissen.«

»Stimmt«, sagte Kim höflich, »aber ich wollte ausprobieren, ob er es nicht doch tut.«

Den Weg zur Schule legte er im Taxi zurück und musste dafür beinahe sein gesamtes Taschengeld für einen Monat herausrücken. Es blieben ihm noch drei Euro fünfzig übrig.

Der Schulhof wimmelte vor Schülern, als er die Schule erreichte. Es hatte noch nicht zur ersten Stunde geschellt. Kim wand sich durch kreischende Haufen und fühlte sich zum ersten Mal nicht mehr ganz fremd. Denn was ihm in Deutschland am meisten auf den Geist ging, war die fürchterliche Stille. Davon konnte auf dem Schulhof wahrhaftig nicht die Rede sein. Entzückt von all dem Geschrei, hatte er sich beinahe bis zur Schultür durchgekämpft, als ihm ein massiger, einen Kopf größerer Junge in den Weg trat und ihn am Kragen packte.

»He, Leute!«, schrie der Junge, »ich hab den Japsen gefunden, der in unsere Klasse kommen soll!« Augenblicklich bildete sich ein Ring von Schülern um sie. Kim hielt ganz still.

»Ich bin Halbchinese und kein Japaner, du verwechselst da was.«

»Was du nicht sagst! Siehst du einen Unterschied zwischen Chinesen und Japanern?«, wandte sich der Junge grölend an einen ebenso bulligen Mitschüler, der gerade einige Schwächere rücksichtslos beiseite schubste.

»Sind alle klein und gelb. Was hat er gesagt? Er ist ein halber Chinese? Dass ich nicht lache! Der ist nur eine Viertelportion. Den machst du mit einer Hand platt, Latte.«

Das klang gar nicht gut. Vergebens spähte Kim nach einer Aufsichtsperson aus, die eingreifen konnte. Eine Prügelei mit einem schrankförmigen Hohlkopf war nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen vorgekommen. Er wollte sich nicht prügeln. Auf keinen Fall. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus.

Auf einmal drängte sich ein Rotschopf durch die Gaffer.

»Hört auf, ihr Armleuchter!« Lisa boxte den Jungen, der Kim am Kragen hielt, in die Seite. »Lass ihn los, Latte.«

Latte dachte nicht daran, sondern schüttelte Kim. Einen Augenblick schloss Kim genervt die Augen.

»Jetzt ist er gleich hinüber«, sagte Latte zufrieden. »Mann, ist das ein Hosenschisser.«

Kim blinzelte. »Mir ist schwindlig«, sagte er düster.

»Wovon?«, fragte Latte und schüttelte ihn noch einmal.

Lisa schrie auf und trat Latte vors Schienbein.

»Wovon?« wiederholte Latte brüllend und versuchte, Lisa mit einer Hand abzuwehren.

Kim ließ sich wie ein nasser Sack hängen. »Seht mal«, setzte er leise ein und alle wurden ein bisschen ruhiger, um sich nichts entgehen zu lassen. »Die Erde kreist mit tausend Stundenkilometern um die eigene Achse und mit hunderttausend Stundenkilometern um die Sonne. Und das ganze Sonnensystem samt der Erde und allen anderen Planeten saust mit achthundertausend Stundenkilometern um das Zentrum unserer Galaxis. Und immer, wenn ich daran denken muss, wird mir schwindlig.«

Ein dicker, etwa zehn Jahre alter Junge in einem knallgelben Anorak starrte Kim aus weit aufgerissenen Augen an. »Mann!«, sagte er nur bewundernd.

»Ich glaube«, sagte Latte langsam, »du willst nur davon ablenken, dass du ein Feigling bist.«

»Er macht nicht einmal den Versuch, sich zu wehren, hängt nur in deiner Klaue wie eine ertrunkene Ratte«, pflichtete der andere vierschrötige Schüler bei.

»Stimmt«, gab Kim bereitwillig zu, »ich bin ein Feigling.«

Sofort ließ ihn Latte los und wischte sich die Finger an der Hose ab, als hätte er etwas Unappetitliches angefasst. Mit triumphierendem Blick schaute er in die Runde, aber besonders lange sah er Lisa an.

»Haben es alle gehört? Der Neue ist ein Feigling.« Er stapfte an Kim vorbei und zischte Lisa zu: »Jetzt weißt du, woran du mit ihm bist. Er ist eine Niete.«

Die Schulglocke schrillte, und alle Schüler drängten sich auf einmal durch die Tür. In dem Wirrwarr schob sich Lisa an Kims Seite. »Das war sehr klug von dir, dass du dich nicht gleich mit Latte angelegt hast. Er ist ein mieser Typ, der jedem seine Stärke beweisen muss. Und ich glaube nicht, dass du ein Feigling bist.«

Erstaunt musterte Kim sie. »Aber ich bin einer«, sagte er aus tiefster Überzeugung.

Der dicke Junge in Gelb tauchte an Kims anderer Seite auf. »Über diese Erddrehungen müssen wir unbedingt reden. Interessierst du dich auch für Raumzeit?«

Lisa seufzte. »Darf ich vorstellen: Mein kleiner Bruder Dennis. Er ist zehn und geht das erste Jahr aufs Gymnasium. Er ist eine echte Klette.«

Dennis nickte grinsend. »Dazu steh ich, so wie du dazu stehst, ein Feigling zu sein. Du bist doch aus voller Überzeugung ein Feigling, oder?«

Du hast es erfasst, dachte Kim, hütete sich aber, es zuzugeben, als er Lisas Blick sah. Wahrscheinlich verachtete sie Feiglinge.

Ohne das Problem mit seiner Jacke wäre der erste Schultag vielleicht noch erträglich verlaufen. Inzwischen hatte Kim mit Lisa den Klassenraum der 7b erreicht und wollte seine Jacke ausziehen. Der Reißverschluss glitt drei Zentimeter nach unten und saß fest. Während die übrigen Schüler Hefte auf die Tische klatschten, mühte er sich weiter mit dem widespenstigen Ding ab. Ohne Erfolg. Lisa kam ihm wieder zu Hilfe.

»Lass mich das machen«, sagte sie knapp. »Du bist nicht wirklich ein Feigling, nicht wahr?« erkundigte sie sich nervös und ruckte am Reißverschluss.

Was sollte er darauf antworten, wo sie doch dabei war, seinen Ruf in der neuen Klasse endgültig zu ruinieren? Welcher dreizehnjährige Schüler brauchte Hilfe beim Ausziehen seiner Jacke?

»Setzt du ihn nachher aufs Töpfchen?«, erkundigte sich Latte mit honigsüßer Stimme. Er hatte seinen Platz direkt hinter Kim.

Kim versuchte sich von Lisa loszureißen, stolperte rückwärts über einen Stuhl und fiel zusammen mit ihr hin. Ihre Haare kitzelten seine Wange und in ihren Augen funkelten grüne Lichter. Ganz nah. Kim fühlte sich verwirrt, weil er Lisa praktisch im Arm hielt. Sie roch wunderbar nach Frühling, der Duft ging ihm durch und durch.

Bevor sie sich aufrappeln konnten, erschien ein Mann mit stoppeligem Dreitagebart und äugte misstrauisch auf sie herab.

»Du gehst ja vielleicht ran, Junge«, sagte der Mann ausdruckslos. »Lass dir das nicht zur Gewohnheit werden, die Mädchen anzugrapschen. Nicht in meiner Stunde.«

Der Dreitagebart gehörte zu Kims Klassenlehrer Dr. Schneider, einem sportlichen Mitdreißiger in ausgewaschenen Jeans. Nach diesem Start behandelte Dr. Schneider ihn wie ein exotisches Insekt, das er unter die Lupe nehmen wollte, um herauszufinden, wie gefährlich es war. Kim musste gleich vorne an einem Einzeltisch sitzen und Dr. Schneider feuerte eine Menge Fragen über China auf ihn ab. »Wusstest du«, fragte er missbilligend zum Schluss, »dass China im Begriff steht, einer der größten Umweltverschmutzer der Erde zu werden?«

Kim sagte, das bedauerte er sehr.

Als nächstes wurde er an die Tafel zitiert, um eine Mathematikaufgabe zu lösen. Sobald er damit fertig war, erklärte ihm Dr. Schneider in aller Ruhe, dass das Ergebnis zwar richtig, der Weg dahin aber falsch sei, da hätte er viel aufzuholen.

In den Pausen hänselten ihn Latte und sein Riesenfreund Bobo, aber einige andere Mitschüler zeigten sich richtig nett. Einer tauschte Kims Käsebrot, das ihm Tante Betty in die Schultasche gesteckt hatte, großzügig gegen einen Schokoriegel ein. Trotzdem fühlte sich Kim nach der sechsten Stunde wie ausgelaugt, außerdem war er verschwitzt, weil er die Stunden in der warmen Jacke hatte absitzen müssen. Erst kurz bevor die letzte Stunde zuende ging, riss der Reißverschluss entzwei.

Auf dem Weg zum Schulbus pfiff Kim der kalte Wind durch die Rippen und er sehnte sich nach einer heißen Dusche, um sich aufzuwärmen. Nur hatte ihm Tante Betty gleich am ersten Tag erklärt, dass er aus Umweltschutzgründen nur einmal täglich duschen durfte. Morgens, nach dem Aufstehen.

Noch bevor er mit Lisa und Dennis die Haltestelle erreichte, hielten ihn Latte und Bobo auf. Latte schlug sich mit der Faust in die andere, flach ausgestreckte Hand.

»Ich muss da noch was klarstellen, was Lisa betrifft«, grummelte er.

»Von Lisa«, fügte Bobo hämisch hinzu, »lässt du nämlich in Zukunft die Finger, kleiner Feigling.«

Lisa schrie auf. »Bild dir bloß keine Schwachheiten ein, Latte! Bei mir kannst du nie und nimmer landen.«

Kim hatte schon gemerkt, woher der Wind wehte. Latte schien ja heftig in Lisa verschossen zu sein, aber das kümmerte ihn überhaupt nicht. »Von mir aus«, sagte er gleichmütig. »Ich steh nämlich nicht auf Käsegesichter.«

Auf der Fahrt im Bus nach Hause schaute Lisa beleidigt zum Fenster hinaus und überließ  Dennis die Unterhaltung.

»Was du über die Erddrehungen gesagt hast, war toll. Du hast Ahnung von Astrophysik, stimmt’s? Ich komme dich heute Nachmittag besuchen, dann können wir darüber reden«, kündigte er erwartungsvoll an.

Lisa wandte sich halb vom Fenster ab. »Das läßt du bleiben, Dennis.« Und zu Kim gewandt, setzte sie säuerlich hinzu: »Ich hab Tante Betty versprochen, mit dir Hausaufgaben zu machen, und was ich verspreche, halte ich. Ich werde sehen, ob ich dir in Mathe auf die Sprünge helfen kann. Aber viel Hoffnung habe ich eigentlich nicht.« Und schließlich fuhr sie richtig heftig fort: »Zeigst du nie auch nur ein bisschen Mut?«

Kim sah sie groß an und zuckte die Schultern. »Mein Großvater Kao sagt, Mut ist was für Dumme.« In Gedanken führte er sich noch einmal Latte und Bobo vor Augen. Sie waren zwar groß und kräftig, bewegten sich aber ungelenk. Das würde er sich für die Zukunft merken.

Auf der restlichen Busfahrt sprach Lisa kein Wort mehr mit ihm, dafür Dennis umso mehr. Kim ließ ihn reden.

3. Die Uhr

Beim Mittagessen aß Kim einen halben Kartoffelkloß und träumte von einer heißen Dusche, weil er immer noch fror. Er stocherte aus dem Gulasch zwei, drei Stückchen Fleisch, die allesamt wie gebackener Lehm schmeckten, und schob den Teller von sich.

»Warum isst du nicht auf?«, fragte Tante Betty argwöhnisch.

Zum tausendsten Mal erklärte er ihr, dass es in China als sehr unhöflich galt, den Teller leer zu essen.

Er überlegte, ob er noch vor der Rückkehr seines Vaters dank Tante Bettys Kochkünsten genug abgenommen hätte, um durch ein Schlüsselloch zu passen. Das hätte ihm die weitere Suche nach dem Schlüssel für die Tür zur Dachbodentreppe erspart. Wo konnte sie ihn versteckt haben? Bei der Frage packte ihn wieder Unruhe, er begann, auf seinem Stuhl herumzurutschen.

Tante Betty nahm ihn in ein anstrengendes Verhör über den ersten Schultag. Jede Einzelheit wollte sie wissen. Kim flunkerte angespannt drauflos, wie gut alles gelaufen sei, fürchtete aber, dass Lisa später seiner Großtante etwas anderes erzählen würde. Ein ausgezeichneter Grund, vorher abzureisen. Kim war fest entschlossen, bis vier Uhr das Geheimnis von Großvater Kaos Uhr zu lüften und rechtzeitig zum Nachmittagstee in seinem Haus einzutreffen. Er musste zurück, denn er hielt es hier nicht länger aus.

Nach dem Essen pflegte Tante Betty ein Nickerchen zu halten, aber ausgerechnet an diesem Tag trödelte sie herum. Erst schimpfte sie ausgiebig, während sie Kims Teller zum Herd hinübertrug und das Gulasch zurück in den Topf kippte.

»Das gibt es morgen wieder!«, drohte sie.

Morgen, dachte Kim aufsässig, würde er hoffentlich vor einem Teller mit köstlichen Nudeln in würziger Sauce sitzen. In Shanghai natürlich.

Dann goss sie die Pflanzen im Wintergarten. Anschließend nahm sie sich Kims Jacke vor und begann umständlich, den defekten Reißverschluss herauszutrennen.

»Wenn ich einen neuen eingenäht habe«, erklärte sie, »zeig ich dir, wie du damit umgehen musst.« Sie seufzte. »Ich hab mir das mit dir nicht so anstrengend vorgestellt.«

Kim umgekehrt auch nicht.

Der Zeiger der Standuhr war auf viertel vor vier vorgerückt, als Tante Betty auf einmal gähnte. Sie riss den Mund weit auf und schlug die Hand davor. »Ich habe meinen Mittagsschlaf vergessen«, staunte sie, »ich komme noch ganz durcheinander. Mein ganzer Tagesrhythmus gerät aus den Fugen, seit du da bist.« Zwei Atemzüge später begann sie in ihrem Sessel zu schnarchen.

Kim lauschte, während er sie beobachtete. Anfangs grunzte sie zwischen den Schnarchtönen, aber schließlich erklangen sie sehr ruhig und stetig.

Tante Betty war eine stattliche Frau mit silbergrauen Pudellöckchen und einer Vorliebe für geblümte Hauskleider, die eng ihren tonnenförmigen Körper umspannten. Um ihren dicken, runzligen Hals hing eine Silberkette. An dieser Kette war ein kleiner Schlüssel befestigt, der zu ihrem alten Sekretär (einem Schrank mit abklappbarer Schreibplatte und vielen Schublädchen) gehörte. Kim vermutete, dass sich das, was er suchte, darin befand, denn überall sonst hatte er schon nachgesehen.

Der kleine Schlüssel lag genau in Tante Bettys Halsgrube. Kim streckte die Hand aus, zuckte aber erst einmal zurück. An das Schlüsselchen kam er nur heran, wenn es ihm gelang, die Kette aufzuhaken. Vorsichtig nahm er sie mit zwei Fingern. Er musste sie so lange um den Hals herum ziehen, bis der Verschluss zum Vorschein kam. Die dünne Kette wand sich zwischen seinen Fingern und drohte ihm zu entgleiten.

Zehn vor vier. Lisa erschien bestimmt pünktlich.

Tante Betty grunzte und warf einmal den Kopf hin und her. Kim erstarrte und wartete zitternd vor Ungeduld, bis das Schnarchen wieder einsetzte. Mit fliegenden Fingern löste er das Schlüsselchen von der Kette und schlich zum Sekretär.

Zum Glück ließ er sich lautlos aufschließen. Behutsam klappte Kim die Schreibplatte herunter und zog die größte Schublade auf. Da lag tatsächlich ein rostiges altmodisches Ding. War das der richtige Schlüssel?

Kim blieb keine Zeit, in den restlichen Schubladen nach einem anderen zu suchen. Mit dem Rostding hetzte er in den ersten Stock hinauf. Den Dachboden hatte Tante Betty zum verbotenen Gebiet erklärt. Da lägen so viele Sachen, die sie selbst erst einmal durchsehen müsste. Für die alten Sachen interessierte Kim sich nicht, sondern nur für Großvater Kaos Uhr, die in dem riesigen antiken Schrank steckte.

Mit angehaltenem Atem probierte er den Schlüssel aus. Er drehte sich nicht. Vielleicht war er einfach zu rostig. Kim schlug das Herz wie eine Trommel, die Finger wurden feucht. Was jetzt?

Noch einmal mit mehr Kraft!

Unten schellte jemand an der Haustür. Kim schielte auf seine Armbanduhr. Lisa kam vier Minuten zu früh.

Hoffentlich wachte Tante Betty nicht auf. Noch nicht ...

Kim nahm allen Mut zusammen. Langsam, langsam ließ sich der Schlüssel bewegen. Knack!

War der Bart abgebrochen?

Nein, das Schloss war entriegelt. Die Tür schwang auf. Erleichtert rannte Kim die Treppe hoch, zwei Stufen zugleich nehmend. Von unten drang wieder der Klang der Türschelle herauf.

Der Schrank stand an einer Giebelwand unterhalb eines runden Fensters, das vor lauter Staub kaum Licht hereinließ. In weiser Voraussicht hatte sich Kim eine Taschenlampe mitgebracht. Er schaltete sie ein, als er hastig die Schranktür aufzog. Sie knarrte so, dass es im ganzen Haus zu hören sein musste.

In der einen Ecke lag scheinbar unberührt das Deckenbündel. Kim zog es heran, schlug es auseinander und holte das Kästchen heraus. Ein achteckiges Kästchen aus schwarzbraunem stumpfen Holz, das nach nichts aussah. Nach nichts Wertvollem. Die Seiten waren nicht einmal gerade zusammengefügt, so wie bei den Ramschkästchen auf den chinesischen Touristenmärkten. Kim dachte intensiv an Großvater Kao und seinen Hang zu dummen Scherzen, als er beklommen den Deckel aufklappte.

Im unteren Flur mischte sich Tante Bettys Stimme mit einer anderen. Gleich darauf kamen leichte Schritte die Treppe in den ersten Stock hinauf.

»Kim?«

Das musste Lisa sein.

Jetzt bedauerte er es, dass er die Tür zur Bodentreppe offen gelassen hatte. Sie befand sich am Ende des oberen Flurs, Lisa musste sie bemerken, sobald sie den ersten Stock erreicht hatte. Verzweifelt konzentrierte er sich auf die Uhr.

In einen breiten Ziffernring waren kleinere eingepasst, aber nicht nur zwei, wie bei seiner Armbanduhr, sondern mindestens fünf oder sechs, die leicht versetzt übereinander standen. Zwischen den Ringen sah er in das Uhrwerk, das aus vielen Zahnrädern, Achsen, Zapfen und weiteren Teilen bestand, die er so rasch gar nicht richtig erkennen konnte. In jeden Ziffernring waren chinesische Schriftzeichen eingelassen  - an Stelle der Ziffern. Ein Zeichen, nämlich das für Mond, erkannte er, aber das war auch schon alles. Am verwirrendsten waren die vielen Zeiger. Zeiger unterschiedlichster Größe aus verschiedenen Metallen. In seinem Magen hatte sich vor Anspannung ein harter Klumpen gebildet.

War das überhaupt eine Uhr?

Und wenn ja, was sollte er mit so einer Uhr anfangen?

»Hallo, Kim! Hier bist du also!«

Wie zu erwarten war, hatte Lisa ihn entdeckt.

Ihm blieb nicht einmal die Zeit, die Uhr wieder zu verstecken. Trotzdem schob er sich mit ihr rückwärts in den Schrank. Mit einer Hand tastete er nach der Decke, um die Uhr darin einzuwickeln.

Lisa lachte und kam näher. »Lass Tante Betty bloß nicht wissen, dass du auf dem Dachboden in ihren alten Sachen kramst. Das mag sie nämlich nicht. Und sie ist schon stocksauer, weil ich sie aus dem Schlaf geklingelt habe. Komm mit runter, bevor sie etwas merkt.« Sie steckte den Kopf in den Schrank, ihr Blick fiel auf die Uhr. »Was hast du da? Leg das lieber zurück.«

»Das gehört mir«, wandte Kim ein und wollte den Deckel zuklappen, aber Lisa hielt ihn fest. »Warte, lass mich das mal genauer ansehen. Was ist das?«

»Nur `ne billige Reiseuhr. Made in Taiwan. Das Ding interessiert dich bestimmt nicht.« Kim versuchte sich seine grenzenlose Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Er war nicht rasch genug gewesen und musste jetzt auch noch dafür sorgen, dass Lisa die Uhr so schnell wie möglich vergaß. »Sie funktioniert nicht.«

Lisas Finger berührte einen der kleinsten Zeiger. Er begann zu zittern und sich sacht zu bewegen. Gegen den Uhrzeigersinn!

Wieso lief er rückwärts?

»Was hast du gemacht?« Kim versuchte den Zeiger anzuhalten, berührte aber einen zweiten, der sich auch sofort bewegte.

Gleichfalls rückwärts.

Ein dritter zitterte anscheinend ganz von allein los oder Kim hatte ungeschickt an dem Kasten geruckt. Die Uhr schien zum Leben zu erwachen. Er spürte, wie das ganze Kästchen in seinen Händen vibrierte und Wärme aussandte – eine beunruhigende Wärme.

»Was heißt hier Reiseuhr?«, fragte Lisa mit belegter Stimme und kroch zu Kim in den Schrank, um die Uhr näher betrachten zu können.

Bevor Kim antworten konnte, kläffte unten im Haus ein Hund und Dennis Stimme schallte herauf.

»Wo seid ihr?«, schrie Lisas kleiner Bruder.

Lisa und Kim stöhnten gleichzeitig auf.

Jetzt bewegten sich wenigsten fünf der Zeiger, einer trug einen Mond, ein anderer eine kleine Sonne an der Spitze. In der Mitte der Uhr saß ein durchsichtiger Kristall, in dem nun ein grüner Punkt aufleuchtete. Der Kristall begann zu pulsieren. Er mutete geradezu beängstigend lebendig an. Wie ein schlagendes Herz. Kim konnte seinen Blick nicht mehr von diesem magischen grünen Leuchten abwenden, und Lisa schien es ähnlich zu gehen, gebannt beugte sie sich über den Kasten. Die Zeiger nahmen langsam, aber unaufhaltsam Fahrt auf.

Lisa und Kim hörten Dennis die Bodentreppe heraufpoltern, begleitet von Willies Japsen. Ohne den Blick von der Uhr abzuwenden streckte Lisa die Hand aus und versuchte die Schranktür zuzuziehen.

Vergebens.

Dennis riss sie ihr aus der Hand und drängte herein. Willie sprang mit einem Satz auf Lisas Schoß. Hinter ihnen klappte die Tür von selbst zu. Der Schrank begann zu zittern. Das Zittern übertrug sich auf Kims Hände, so dass er die Uhr kaum noch halten konnte. Lisas Zähne schlugen ratternd aufeinander.

Die Zeiger rasten.

Die Taschenlampe, die Kim auf ein Seitenbrett gelegt hatte, fiel herunter und ging aus. Jetzt leuchtete nur noch der grüne Kristall, während der ganze Schrank erbebte, als wollte er aus den Fugen brechen. Kim, Dennis und Lisa schrien, Willie kläffte wie verrückt. Ein Rumpeln und Rattern mischte sich in die Schreie.

Inzwischen drehte sich alles um Kim, ein ungeheurer Wirbel erfasste ihn. Der Kristall pulsierte heftiger, in seinem grünen Licht wurden die Gesichter von Lisa und Dennis abscheulich leichenfahl und verzogen sich. Sie zerflossen in dem Wirbel, der sie alle gefangen hielt, und die Schreie verzerrten sich zu einem seltsamen, hallenden Echo.

Für einen Moment sah und hörte Kim gar nichts mehr.

Aber dann dröhnte es ihm wie ein Donnerschlag in den Ohren und sie purzelten alle zusammen aus dem Schrank. Kim hielt immer noch mit beiden Händen die Uhr umklammert.

Sonst stimmte nichts mehr.

4. Das Kabinett

Eine Weile drehte sich noch alles um Kim und kam ganz langsam zur Ruhe. Ihm war kotzübel.

»Mann, das gibt‘s nicht!« Dennis war der Erste, der seine Sprache wiederfand.

Kim rieb sich mit einer Hand die Augen und sah blinzelnd nach oben.

Auf einem der schwarzen Balken von Tante Bettys Dachboden hatte der Rest eines Vogelnests geklebt. Wo war das Vogelnest? Und wo war der Balken?

Das hier war nicht Tante Bettys Dachboden, ganz sicher nicht. Dieser Raum war auch ziemlich groß, aber anders, ganz anders. So anders, dass Kim wieder schwindlig wurde. Reiß dich zusammen, befahl er sich, Dachbalken können nicht verschwinden oder sich in das da verwandeln. Über ihm wölbte sich eine in kräftigen Farben ausgemalte Zimmerdecke. Und unter ihm? Da glänzte kunstvolles Parkett statt staubiger Dachbodendielen mit breiten Ritzen dazwischen.

Auf dem Dachboden standen überall schäbige Kisten, Kästen und Truhen herum, außerdem Sessel mit zerschlissenen Polstern und ein altes Metallbett.

Truhen standen auch hier herum, aber solche aus Edelholz. An den Wänden hingen vergoldete Spiegel, in denen sich außer den Truhen kostbare Sessel, Tische und ein riesiges Himmelbett spiegelten.

Ein Schauder befiel ihn. Alles deutete auf einen unerklärlichen Zauber hin. Ungläubig schaute er sich um, während etwas anderes langsam in sein Bewußtsein drang.

Alles, was er trug, kniff und spannte, er kam sich wie eine in die Pelle gestopfte Wurst vor. Vorsichtig streckte er ein Bein aus. Statt der Jeans umhüllten dicke, längsgestreifte Pluderhosen seine Oberschenkel. Weiter abwärts entdeckte er weiße Strickstrümpfe und Stulpenstiefel aus weichem Leder. Ein mächtiges Fremdheitsgefühl befiel ihn. War er überhaupt noch er selbst?

Lisa gab etwas von sich, das wie ein Wimmern klang. Wimmern hätte er jetzt auch können.

Sehr ungelenk stand Lisa auf.

War das tatsächlich Lisa?

Das schien sie sich auch zu fragen, während sie völlig verstört in einen der Spiegel schaute. Nach einer Weile raffte sie den über den Hüften weit ausladenden Rock mit beiden Händen und drehte sich einmal um sich selbst. Ein eng sitzendes Oberteil mit spitzenbesetztem Ausschnitt und bis zu den Ellbogen reichenden Ärmeln umspannte ihre Brust. Ihr rotes Wuschelhaar hing ihr in exakt gedrehten Locken bis zum Kinn und wurde von einem glänzenden Stirnband am Kopf zusammengehalten. Lisa, fand Kim, sah wie eine Prinzessin aus - wie eine westeuropäische Prinzessin.

Dennis dagegen ähnelte in seinen gelben, bauschigen Kniehosen einem Riesenkürbis.

»Kannst du uns sagen, was eigentlich passiert ist?«, fragte Lisa mit flacher Stimme. »Wo sind wir?«

»Das, das glaub ich einfach nicht!« Dennis wies mit einer ausholenden Geste um sich. »Seht ihr, was ich sehe?« Er glotzte Lisa an. »Bist du’s wirklich?«

»Ich weiß es nicht. Wo sind wir?«, wiederholte Lisa beschwörend.

Kim starrte auf die Uhr. Anscheinend hatte Großvater Kao über sie die Wahrheit gesagt. Der Kristall in der Mitte schimmerte nicht mehr grün, alle Zeiger standen still, fast still. Es kam Kim so vor, als zitterten die, die sich bewegt hatten, ganz unmerklich, als warteten sie gespannt darauf, wieder loszulegen.

»Keine Ahnung. Wir sind in die falsche Richtung gereist. Glaube ich wenigsten, aber sonst ...« Er stand auf und ging benommen auf den Schrank zu, der keine Ähnlichkeit mit dem auf Tante Bettys Dachboden aufwies. Tante Bettys Dachboden musste sehr weit weg sein und das nicht nur räumlich. Noch verstand er das Ausmaß der Panne, die ihm unterlaufen war, nicht. »Los, kommt«, sagte er, »wir müssen zurück.« Er öffnete die Tür, die jetzt nicht mehr in einen Schrank, sondern in ein Kabinett (ein winziges Zimmer) führte, wo in einer Ecke ein paar zusammengefaltete Lappen und ein rauchender Kerzenstumpf lagen. Gegenüber stand ein Armlehnstuhl, in dessen ausladender Sitzfläche eine tiefe Schüssel eingelassen war, aus der es nach Urin stank.

»Ist das alles, was dir einfällt?«, zischte Dennis.

»Willie, komm da weg!«

Lisas leises, aber scharfes Kommando ließ Kim herumfahren. Auf Willie hatten sie nicht geachtet. Der Hund hatte eine Tür entdeckt, die einen Spalt offenstand. Dennis huschte zu ihm, fasste ihn im Nackenfell und blieb lauschend stehen. Nach ein paar Augenblicken, in denen ihn die anderen beobachteten, winkte er heftig und legte den Finger an die Lippen.

Kim schüttelte nur unwillig den Kopf und deutete auf den Schrank oder das Kabinett, um den anderen klar zu machen, dass sie ihm endlich folgen sollten.

»Wenn ihr hierbleiben wollt, ich verschwinde jetzt«, sagte er entschlossen und schob einen Fuß in die Kabinettstür. So schnell wie möglich wollte er aus dem ganzen Spuk herauskommen.

Willie riss sich los und wuselte in Windeseile in das Nachbarzimmer. Vergeblich schnappte Dennis nach seinem Schwanz, um ihn daran festzuhalten. Lisa rannte zu ihrem Bruder, als ein furchtsames Jaulen durch die angelehnte Tür drang.

Dennis machte Anstalten, Willie nachzustürmen.

»Ich hab da doch gerade was gehört! Und was zum Teufel macht ...«, rief eine barsche Stimme aus dem angrenzenden Raum.

Kim fuhr zusammen. Es wurde höchste Zeit, sich wieder mit der Uhr zu beschäftigen, um herauszufinden, wie er doch noch nach Shanghai kam oder vielleicht vorsichtshalber erst einmal zurück in Tante Bettys Haus.

Willie schoss wieder herein. Drei Männer folgten ihm.

Im großen und ganzen waren sie wie Kim und Dennis gekleidet, nur wesentlich prächtiger. Alle drei trugen kurze bestickte Umhänge und Hüte. Auf dem des ersten wippten lange, bunte Federn wie ein riesiger Blumenstrauß. Ein bisschen sahen sie aus, als kämen sie direkt aus einem Kostümverleih.

Ganz schlecht aber war, dass die drei bewaffnet waren.

Sie stutzten, sobald sie Kim und die anderen beiden bemerkten, und zogen wie auf Kommando ihre Degen blank.

Dennis schrie vor Schreck auf.

Er stand den Männern am nächsten und einer von ihnen hielt ihm die Waffe an die Kehle. Kreidebleich legte Dennis den Kopf weit nach hinten und keuchte.

»Wen haben wir denn da?«, fragte der Mann. Die Aufmerksamkeit der drei richtete sich größtenteils auf Dennis und Lisa, in dessen Arme sich Willie geflüchtet hatte. Kim hielt die Gelegenheit für günstig, im Kabinett zu verschwinden. Kaum hatte er begonnen, in den Lappen zu wühlen, da klopfte jemand an die Tür.

»Komm heraus«, sagte die gleiche barsche Stimme, die er schon mal gehört hatte, »es hat keinen Zweck, wenn du dich unter dem Kackstuhl verkriechst.«

Dem Kackstuhl? Kim ging ein Licht auf, wozu der eigenartige Stuhl mit der eingelassenen Schüssel diente. Er hatte bestimmt nicht vor, sich darunter zu verkriechen. Mit erhobenen Händen trat er aus dem Kabinett.

»Runter!«, befahl der Mann mit dem ausladenden Federhut.

Kim senkte die Arme, begriff aber, was gemeint war, als er Dennis und Lisa mit dem winselnden Willie im Arm vor der Wand auf dem Boden hocken sah. Langsam ging er neben ihnen in die Knie, bis er eine bequeme Hockstellung eingenommen hatte.

»Feigling«, zischte Lisa empört, den Blick auf die Degenspitze gerichtet, die genau auf ihr Gesicht zielte. »Du wolltest uns im Stich lassen.«

Kim zuckte gleichmütig die Achseln.

»Wo kommt ihr her und was macht ihr hier?«, schnauzte der Mann mit dem Federhut.

Keiner antwortete, aber als die Degenspitze langsam Lisas Wange berührte, stieß Dennis hervor: »Wir haben uns verlaufen.«

Die Degenspitze wich nicht um einen Zentimeter zurück.

Kim feixte herausfordernd. »Und wer sind Sie? Mein Großvater hat mir eingetrichtert, dass ich Fremden keine Fragen beantworten darf.« Die Degenspitze, die auf ihn gerichtet war, näherte sich seinem Hals. Der kalte Stahl streifte seine Haut. Kim schluckte angestrengt und alle Muskeln verspannten sich. Äußerlich blieb er aber ganz ruhig.

Plötzlich wurde der Degen zurückgezogen.

Der Mann mit dem auffälligen Hut hieb die Klinge einmal zischend durch die Luft. »Sind sie bloß Diebe oder Spione? Was meinen Sie, Monsieur de Roux (sprich: Meßiö de Ruh)? Sie und Hauptmann Braque (sprich: Brack) passen auf die drei auf, bis ich wiederkomme. Ich werde Madame la Marquise (sprich: Madam la Markies = Markgräfin) holen. Wir müssen uns über die Bälger Klarheit verschaffen.«

Er stolzierte aus dem Zimmer, aber nicht durch die Tür, durch die er hereingekommen war, sondern durch eine an der gegenüber liegenden Schmalseite des Zimmers. Kim sah den Anfang einer Wendeltreppe, bevor die Tür zuklappte.

Die beiden Männer, Roux und Braque, beides breitschultrige Gestalten, zogen sich ein Stück zurück, um leise miteinander zu reden. Dabei ließen sie die drei am Boden Hockenden nicht aus den Augen und behielten ihre Degen in der Hand.

Dennis rückte enger an Kim heran. »Was machen wir jetzt?«, wisperte er. »Wenn ich noch lange hocke, schlafen mir die Füße ein.«

»Drück den Rücken fest gegen die Wand und stütz dich mit den Händen so ab, dass du blitzschnell aufspringen kannst«, erklärte Kim flüsternd. »Sobald ich dich am Ärmel ziehe, rennst du los.«

Bloß, wohin? Darüber war er sich überhaupt nicht im Klaren.

»Wolltest du dich vorhin wirklich verdrücken und uns allein lassen?«, fragte Lisa aufgebracht und ruckte mit dem Kopf in Richtung Kabinett.

»Quatsch«, sagte Dennis, »er hat nicht türmen wollen, er hat nur das Ding im Schrank versteckt. Was ist das überhaupt für ein Ding?«

Kim war Dennis dankbar für seine hohe Meinung von ihm, auch wenn sie durch nichts gerechtfertigt wurde. Ihm fiel ein, dass Dennis die Uhr von Großvater Kao nicht richtig hatte sehen können. »Eine Reiseuhr«, antwortete er.

»Ruhe, ihr Kröten!«, befahl Hauptmann Braque.

Jetzt blieb ihnen nur noch übrig, still sitzen zu bleiben. So konnte Kim nachholen, wozu er vorher nicht gekommen war: Er schaute sich genauer um. Wer immer in diesem Zimmer wohnte, musste sehr reich sein. Überall standen erlesene Kunstgegenstände herum, Marmorstatuen, bemalte Porzellanvasen, Uhren in höchst aufwändig gestalteten Gehäusen, hübsche Schatullen (Kästchen) mit vergoldeten Beschlägen. Die Decke über ihm war mit kleinen Landschaftszenen ausgemalt. Leider entdeckte er keinen brauchbaren Hinweis auf den Ort oder die Stadt, in der sie sich befanden. So fehlte ihm jeder Anhaltspunkt für die Planung der Rückreise. Diese Rückreise wurde immer mehr zu einem unlösbaren Problem.

Lisa hustete leise. »Der Federhut rückt wieder an«, zischte sie gedämpft.

Auch Roux und Braque mussten die Schritte auf der Wendeltreppe gehört haben, sie wandten sich der Tür zu. Der Mann mit dem Federhut brachte drei mit Degen und Pistolen bewaffnete Männer mit - und eine schwarz gekleidete Frau, vor der sich Roux und Braque tief verneigten.

Sobald die schwarze Dame eingetreten war, fixierte sie Kim, Lisa und Dennis mit einem stechenden Blick aus kleinen, dunklen Augen. Während der Mann mit dem Federhut recht gut aussah, war die Dame entsetzlich häßlich. Ihr Mund bildete nur einen dünnen missvergnügten Strich, zu dem sich die Nase wie ein Geierschnabel herabbog. Über den Brauen wölbte sich die Stirn so stark, dass die Augen noch kleiner und tückischer erschienen. Die Haare bedeckte ein schwarzer Schleier wie ein Spinnennetz.

Das war also die Marquise!

»Madame«, sagte der Mann mit den Federn, »sind das neue Dienstboten? Ich wollte nur sicher gehen.«

»Was reden Sie da, Concini (sprich: Konschini)? Das müssten Sie doch selbst wissen!«, keifte die Marquise. »Wo kommen die drei her? Was machen sie hier?«

»Das ist ja eben die Frage«, sagte der Mann namens Concini unbehaglich, »wir haben im Nebenzimmer auf Sie gewartet und geredet und ...« Er hob die Augenbrauen und warf der Marquise einen bedeutungsvollen Blick zu.

»Sie meinen, diese Kinder haben gelauscht? Aber was können sie ...?«

Concini sah jetzt betreten drein, offensichtlich hatte er bei der Dame nicht viel zu melden. Kim fragte sich, ob Dennis etwas aufgeschnappt hatte, als er an der Tür zum Nachbarraum gestanden hatte. Und ob es etwas sehr Wichtiges, sehr Geheimes oder sehr Gefährliches sein könnte.

Unter dem giftigen Blick der Dame wurde Kim langsam warm. Auf einmal bemerkte die Marquise Willie  - und schnappte hörbar nach Luft.

»Es sind Diebe, kleine, gemeine, dreckige Diebe, die sich in den Louvre (sprich: Luwre) eingeschlichen haben. Sehen Sie doch den Hund, sind Sie denn blind, Concini? Die Kinder haben den Hund der Königin entführt. Kein Wunder, dass wir ihn nirgendwo finden konnten. Mein Schmuck! Bestimmt haben sie auch Schmuck gestohlen! Ich muss sofort nach meinem Schmuck sehen!« Sie stürzte auf eine Truhe unterm Fenster zu, auf der eine Schatulle stand. Gebannt schauten die Männer zu, wie die Marquise die Schatulle zu einem Tisch trug und umständlich mit einem Schlüssel, der ihr an einem langen Band um den Hals hing, aufschloss.

Kim zog Dennis am Ärmel. »Jetzt!«, befahl er und sprang auf.

5. Die Flucht

Schon vorher hatte Kim überlegt, ob sie versuchen sollten, sich in das Kabinett zu quetschen und die Uhr irgendwie in Gang zu setzen, aber wahrscheinlich würden ihnen die bewaffneten Männer in die Quere kommen. Sie mussten später zurückkehren.

Er rannte auf die Tür zur Wendeltreppe zu. Dennis und Lisa mit Willie im Arm kamen zum Glück sofort nach. Aber einer der Männer bekam Lisas Rock zu fassen. Sie riss sich los und Dennis stellte dem Mann ein Bein, sodass er lang hinschlug und der nächste über ihn stolperte.

Kim, Lisa und Dennis rasten in halsbrecherischem Tempo die Wendeltreppe hinunter.

Sie endete direkt in einem großen Zimmer, in dem sich eine ganze Anzahl prächtig gekleideter Damen und Herren aufhielt, die ihnen erstaunt entgegenglotzten und aufhörten miteinander zu plaudern. Mitten unter ihnen saß eine dicke Frau in einem ausladenden Sessel. Ihr blondes Haar war auf dem Kopf hoch aufgetürmt und in den Haaren glitzerte Schmuck.

Als Lisa mit Willie die unterste Stufe erreicht hatte, erhob sich die Dame halb aus ihrem Sessel und wedelte sich heftig mit einem Fächer Luft zu.

»Mein Hund! Was machen die mit meinem Hund?«, rief sie fassungslos. »Haltet sie!« Wie erschlagen sackte sie in ihren Sessel zurück.

Von oben polterte der erste Bewaffnete hinter ihnen her. Kim stieß einen Mann aus dem Weg und fegte an der blonden Dame vorbei. Dennis war jetzt neben ihm, auch Lisa holte auf. Sie hatte Willie abgesetzt. Er hielt sich dicht bei ihr und knurrte einen Mann an, der ihn greifen wollte.

Zu viert ließen sie den Raum hinter sich, bevor jemand auf die Idee kam, ihnen ernsthaft in den Weg zu treten.

Eine Weile rannten sie durch weitere kostbar eingerichtete Zimmer und ein paar Flure entlang. Überall trafen sie auf gut gekleidete Menschen. Kim hatte längst die Orientierung verloren. Es wurde immer unwahrscheinlicher, dass sie jemals das Kabinett mit der Uhr wiederfanden.

Dennis machte als Erster schlapp. Er blieb stehen, stützte sich mit einer Hand an die Wand und hielt sich mit der anderen die Seite.

»Ich kann nicht mehr«, keuchte er außer Atem, »ich habe Seitenstechen.«

Kim hatte sich schon gewundert, dass er überhaupt so lange durchhielt. Schließlich sah Dennis nicht danach aus, als ob er viel Sport treiben würde. Unruhig blickte sich Kim nach ihren Verfolgern um, aber er konnte niemanden entdecken, der mit blank gezogenem Degen hinter ihnen herkam. Anscheinend hatten sie sie abgehängt.

Lisa presste den jaulenden Willie wieder an sich. »Und wohin jetzt? Hat einer von euch eine Idee?«

»Warte!« Dennis beugte sich vor und sog laut die Luft ein. »Was meintest du mit Reiseuhr, Kim? Was ist das für eine Uhr? Hat sie etwas damit zu tun, dass wir hier sind?«

Kim hätte lieber nicht geantwortet, sah aber ein, dass er den anderen ein paar Erklärungen schuldete. Er erzählte ihnen so kurz wie möglich von Großvater Kaos Geschenk und dass er eigentlich zu ihm nach Shanghai hatte reisen wollen – allein natürlich.

»Das hättest du mir vorher sagen sollen«, sagte Lisa empört, »dann wäre ich nie und nimmer zu dir in den Schrank gestiegen.«

»Ich habe dich nicht dazu eingeladen«, entgegnete Kim gereizt und hielt weiter nach Bewaffneten Ausschau.

Lisa blitzte der Ärger aus den Augen, sie wollte etwas erwidern, aber Dennis kam ihr zuvor.

»Fang jetzt bloß nicht an zu streiten! Wichtig ist doch nur, dass es nicht danach aussieht, als wären wir in Shanghai gelandet, oder?«

Lisa starrte ihn an.

»Oder?«, wiederholte Dennis hartnäckig.

Lisa nickte widerwillig. »Du hast Recht. Dann versuchen wir mal herauszufinden, wo wir sind. Der eine der Männer erwähnte den Louvre. So viel ich weiß, liegt der in Paris und Paris in Frankreich.«

»Louvre?«, hakte Kim ein.

»Das Schloss, in dem früher die französischen Könige wohnten.«

»Früher ist gut«, stieß Dennis japsend hervor und riss an den Knöpfen seiner viel zu engen Weste. »Fragt sich, wann früher. Da habt ihr ja ganz schön was angerichtet. Ihr habt die Uhr völlig falsch eingestellt.«

»Was heißt wir?«, empörte sich Lisa. »Ich habe gar nichts gemacht.«

»Nur einen Zeiger angetickt«, widersprach Kim entschieden, »sodass alle Zeiger falsch herum gelaufen sind.«

»Ich habe nicht ...!«

»Hört auf!«, brüllte Dennis dazwischen und drückte die Hand aufs Herz. »Gleich brech ich zusammen. Ich hab das Gefühl, in einem Panzer zu stecken, der mir die Luft abschnürt. Was ist das bloß alles für ein Zeug, das ich anhabe?« Der oberste Knopf seiner Weste sprang auf.

Kim fühlte sich auch nicht besser. Er fragte sich, was er unter dem Wollumhang, der Weste und dem langärmeligen Hemd darunter noch so alles trug. Außerdem spürte er ein unangenehmes Kratzen auf der Haut. Kalt war ihm jedenfalls nicht mehr. Und in all dem Zeug konnte er sich genau wie die anderen nur schwer bewegen.

»Wenn wir tatsächlich in Frankreich gelandet sind, warum verstehen wir dann die Leute? Sprechen die denn alle Deutsch?« Fragend schaute Lisa die anderen an. »Irgendwas stimmt nicht mit uns«, fuhr sie leise fort, »das macht mir richtig Angst. Wenn ich ehrlich bin, klingt alles, was ich sage, mir selbst ein bisschen fremd.«

Dennis Gesicht hellte sich plötzlich auf. »Ich weiß, was los ist. Wir sprechen Französisch! So habe ich mir Fremdsprachen lernen immer gewünscht. Einfach so!« Er schnippte mit den Fingern.

»Spinnst du? Wir haben uns total verändert. Vielleicht wissen wir in ein paar Stunden nicht einmal mehr, wer wir sind. Wir müssen zurück, so schnell wie möglich.« Lisa geriet richtig außer sich.

»Ich hab euch ja gesagt, dass wir sofort zurückmüssen, aber jetzt ist zu spät. Da sind sie wieder. Sie haben uns entdeckt«, warf Kim ein.

Tatsächlich tauchten ihre Verfolger auf. Jammernd setzte sich Dennis in Bewegung. »Das Gerenne geht mir auf die Nerven, ich bin für so was nicht gemacht. Können wir diesem Concini nicht erklären, dass alles ein großer Irrtum ist? Vielleicht glaubt er uns.«

»Spar dir deinen Atem, lauf!«, riet Kim und zog ihn energisch mit sich.

Details

Seiten
162
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960530688
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318479
Schlagworte
historisch Maaser Frankreich Königshof Freundschaft Verschwörung 17. Jahrhundert Spannung Facts & Fiction Abenteuer Jugendbuch

Autor

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Titel: Kim und die Verschwörung am Königshof - Band 1