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Das helle Kind - Band 1: Krönungssteine

Roman

2016 125 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

An ihrem 13. Geburtstag erfährt Niam, welches Schicksal ihr vorherbestimmt ist: Sie ist auserwählt, die Königreiche der neuen Welt vor den Heeren des finsteren Lord Balzôrc zu retten. Damit beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Lord Balzôrc überfällt bereits erste Provinzen. Doch die alten Prophezeiungen deuten darauf hin, dass noch viel Schrecklicheres auf das Reich wartet …

Das grandiose Fantasy-Epos, das die sagenhafte Welt der keltischen Mythologie lebendig werden lässt!

„Dieser Roman wird jeden Freund der klassischen Fantasy begeistern.“ www.bibliotheka-fantastika.de

Über die Autorin:

Katharina v. Pannwitz wurde 1964 geboren. Nach einer Ausbildung zur Industrie- und Verlagskauffrau studierte sie Kommunikations- und Theaterwissenschaften. Später entschied sie sich, in der Filmindustrie zu arbeiten. Heute lebt Katharina von Pannwitz gemeinsam mit ihrem Mann in München und ist dort als Autorin tätig. »Das helle Kind« ist ihre erste Fantasy-Trilogie.

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eBook-Neuausgabe April 2016

Dieses Buch erschien bereits 2004 als Teil eines Romans unter dem Titel Die Macht der magischen Steine bei Beltz & Gelberg

Copyright © der Originalausgabe 2004 Beltz & Gelberg

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-158-6

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Katharina v. Pannwitz

Das helle Kind I

Krönungssteine

jumpbooks

Aus der Prophezeiung vom Hellen Kind

Westen

Wenn einst vorbei die Freudentage,
hör zu, oh Menschenkind,
von großem Leid erzählt die Sage,
der große Krieg beginnt.
Kein Stamm, der diesem Fluch entgeht,
kein Landstrich ohne Glut,
und auf den leeren Feldern steht
der letzten Krieger Blut.

Das alte Leben untergeht.
Es ist der große Krieg.
Der letzte, den das Land erlebt.
Den Andren ist der Sieg.
Der Untergang ist Sicherheit,
leb wohl, mein Heimatland,
denn damit stirbt in Ewigkeit,
was ›Neue Welt‹ genannt.«

Hab' Acht, oh Volk, denn dann beginnt
der letzte Menschenkrieg,
drum findet nun das helle Kind,
die letzte Chance zum Sieg.
Im Augenblick der höchsten Not,
wenn alles liegt in Ketten,
wenn alles schon zu scheitern droht,
wird dieses Kind euch retten.

Die Würfel rollen, der Drache erwacht,
die Zeiten fordern die ewige Nacht.
Zur Gegenwehr war stets gedacht
das Sonnenkind mit seiner Macht.
Behütet, leitet und beschützt
dies edle helle Kind,
denn ohne dies kein Zauber nützt,
die Mühen sinnlos sind

Norden

Die Heldin schenkt das Licht geschwind,
kurz vor der großen Schlacht,
gar mächtig, doch, wie jedes Kind,
aus Fleisch und Blut gemacht.
Doch schon der Auftakt dieses Wahn
zerstört der Heldin Macht.
Die Mutter fällt, es stirbt der Schwan,
es folgt die lange Nacht.

Geboren zum Zeitpunkt der Ewigkeit,
kein Sonn- noch Mondenschein,
wohl unterm freien Himmel, so weit,
und ebenso daheim.
Ein heißer Blitz und Donnerknall,
am hellen Tag und Nacht,
erlöst die Welt vom Niederfall,
war nur dafür gedacht.

Der dunkle Bote wird gesandt
von Mutters hellem Sohn,
das reine Herz, das Gütepfand,
erhält nun seinen Lohn.
Geweiht mit magisch-hellem Ton
von göttlich reiner Macht;
seit frühster Kindheit immer schon
als hohes Gut bewacht.

Osten

Die Auserwählten hören sie,
dreimal der Mutter Klage,
warnt vor dem Sieg schwarzer Magie;
vorbei die Friedenstage.
Dies sichtbar Zeichen hören nur
all die, die wissend sind:
die Eingeweihten durch den Schwur
und auch das helle Kind.

Erneut gebor'n durch Mutters Ruf,
aus tiefster Zauberwelt,
ein Bild, das einst die Göttin schuf,
und nun das Kind erhellt.
Und sieht‘s im Leben und im Traum
auf altem toten Grund,
die alte Weisheit steht im Raum
aus guter Mutter Mund.

In diesem Kind verbinden sich
das Alte und das Neue,
beweist damit auf ewiglich
der Mutter Volkes Treue.
Das Land der Äpfel liegt wie tot,
verronnen seine Macht.
Die Rettung wird in höchster Not
vom hellen Kind gebracht.
Gar lange sind die Steine kalt,
erloschen ist ihr Licht.
Des hellen Kindes Stimmgewalt
den Zauber schließlich bricht.
Die Prüfung alter Geister Macht,
gestellt zur rechten Zeit,
war stets für dieses Kind gedacht,
der Geist ist nun bereit.

1. Kapitel: Der Ruf

Silbern lag der junge Mond über dem See. Die Nacht war lau und das Sternenlicht tanzte einen stillen Tanz auf dem Wasser. Eine sprudelnde Quelle speiste den See, leise ihr ewiges Lied murmelnd. Langsam verdichteten sich die Töne, und weiter entfernt entwickelte sich eine Melodie daraus. Aus den Tiefen der Quelle blickte ein Auge empor, riesenhaft und doch vertraut, machtvoll und gütig zugleich. Ruhig beobachtete es die wundersamen Töne, die leise in die aufsteigenden Nebelschwaden entschwebten.

In diese Stille wehte der sehnsüchtige Schrei einer Eule. Laut schallte ihr Ruf über den friedlichen See und sie folgte ihm auf weiten Schwingen. Gemächlich zog sie ihre majestätischen Bahnen über das Wasser. Der Nachhall ihres Schreies verband sich in Harmonie mit der immer noch die Luft erfüllenden Melodie.

Leise sagte eine warme Frauenstimme: »Wenn du des Nachts den Ruf der Eule dreimal hörst …«

Beim zweiten Ruf der Eule erwachte Niam.

Während sie, noch benommen vom tiefen Schlaf, ihre Augen rieb, ertönte der Ruf der Eule ein drittes Mal. Schlagartig war Niam hellwach. Mit schnellen Schritten lief sie zum Fenster. Der Mond hatte seine nächtliche Runde bereits beendet, und ein zartes Rosa am östlichen Himmel kündigte den neuen Tag an. Über dem kleinen Bach, der am Haus vorbeifloß, flog eine Eule in den aufsteigenden Morgennebel. Leise überquerte sie die Lichtung und verschwand im Schutz des dunklen Waldes.

Niam sah ihr lange nach. Dann schlüpfte sie in ihr Kleid und lief in die Küche, dem wichtigste Raum des großen Gehöfts, in dem sie mit ihrer Tante lebte. Der Backofen war noch warm vom Vortag, und es duftete nach frischem Brot. Hier saß bereits Auriel, Niams Tante. Sie war eine stattliche Erscheinung, hoch gewachsen und gerade. Das lange Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Ihre Augen blitzten hell und einzig die tiefen Lachfalten verrieten ihr Alter. Heute aber sah sie müde aus.

»Guten Morgen, Tante Auriel«, sprudelte es aus Niam heraus. »Stell dir vor, ich habe gerade eine Eule über unseren Wald fliegen sehen.«

Auriel sah sie kurz an, dann schüttelte sie den Kopf. »Du weißt doch, daß es bei uns keine Eulen gibt. Sicher hast du wieder einmal geträumt.«

»Aber es war eine Eule!«, beharrte Niam.

Nachsichtig lächelnd beschwichtigte die alte Dame. »Da hat deine Fantasie dir sicher einen Streich gespielt. Das kennen wir doch, oder?«

»Tante Auriel! Warum glaubst du mir denn nie?« Niam war enttäuscht und äußerte laut ihren Unmut. »Ich bin doch keine Lügnerin!«

»Ich weiß. Es ist nur so, daß wir hier schon lange keine Eulen mehr haben …« Dunkle Erinnerungen verdüsterten ihre Stirn. »Andererseits … diese Nacht war schon merkwürdig genug.«

In diesem Augenblick klopfte es. Auriel zuckte zusammen. Ihr Hof lag tief im Wald verborgen. Noch nie hatte jemand zufällig den Weg hierher gefunden. Vorsichtig öffnete Auriel die Tür. Draußen stand ein Mann. Seine große Gestalt war von einem Umhang umhüllt, und die Kapuze verdunkelte sein Gesicht. Er stützte sich auf einen mächtigen Stab, und der Staub einer langen Reise lag auf seinen Stiefeln. Dann schlug die Kapuze nach hinten und Auriel sah in zwei bernsteinfarbene Augen.

»Gwydón! Gwydón, mein Lieber, was für eine Überraschung.«

»Seid mir gegrüßt, Auriel, Tochter von Anándes.« Der Landessitte gemäß neigte der Fremde das Haupt vor ihr. »Caldur schickt mich.«

Schnell bat Auriel ihren Gast in die Küche, die von der frühen Morgensonne in zartgoldenes Licht getaucht war. »Niam, ich möchte dir einen Freund von mir vorstellen. Das ist Gwydón, Meisterschüler in der Druidenschule Môn und der künftige Oberdruide unserer Heimat Brigant.«

Misstrauisch beäugte Niam den Fremden im Sonnenlicht. Fremde waren ihr meist unheimlich. Aber dieser hier war ihr auf den ersten Blick sympathisch. Er war nicht mehr jung, aber auch noch nicht so alt wie Tante Auriel. Niam schätzte ihn auf mindestens dreißig. Seine Haut war sonnengebräunt, und seine Augen strahlten wie gelber Bernstein. Er hatte lange, helle Haare und ein edles Gesicht. Seine Kleidung war schlicht, aber von erlesenem Stoff. Zum Zeichen seines hohen Ranges zierte das fürstliche Wappen seine Mantelspange.

Niam überwand ihre Zurückhaltung. »Ich grüße Euch, Gwydón.«

»Ich danke dir und entbiete auch dir meinen Gruß, Niam, Alanias Tochter. Ich freue mich, dich so gesund und blühend wiederzusehen.«

Niam sah ihre Tante fragend an.

»Ja, Gwydón ist ein alter Bekannter von dir. Als Baby warst du ganz vernarrt in ihn.«

»Habt Ihr auch meine Eltern gekannt?«

»Deine Mutter schon. Jeder am Hofe des Fürsten Enatos kannte Alania.«

»Könnt Ihr mir etwas von ihr erzählen?«, fragte Niam scheu.

»Später gerne. Aber jetzt muss ich etwas Wichtiges mit deiner Tante besprechen.«

Auriel nickte und erhob sich. Ohne ein weiteres Wort führte sie Gwydón in ihre geheime Kammer.

Niam sah ihnen neugierig hinterher. Die Kammer der Tante war für sie ein verbotener Bezirk. Niam durfte diesen Bereich des Hauses nicht betreten, und Tante Auriel vermied es, ihn in Niams Gegenwart auch nur zu erwähnen. Jedes Mal, wenn Auriel sich in dieses Zimmer verzog, regte sich Niams Fantasie. Viele Geschichten hatte sie sich im Laufe der Jahre um diesen Raum geträumt, magische Erlebnisse und Abenteuer. Doch bevor Niams Gedanken jetzt abschweifen konnten, hörte sie lautes Wiehern. Sie sprang auf und lief hinaus in den warmen Sommertag. Die Julisonne hatte die Morgennebel bereits zerstreut - es war ein herrlicher Tag. Schnell lief Niam zur Scheune. Dort wurde sie bereits von Nimus, dem Hengst der Tante, erwartet.

Niam öffnete seine Box und kraulte sein seidiges Fell. »Guten Morgen, Nimus.«

Das große Pferd hob seinen Kopf und rieb die warmen Nüstern an ihrem Gesicht. Dann wand er sich wieder dem frischen Hafer zu. Niam setzte sich ins Heu und betrachtete ihn liebevoll.

Das war wirklich ein aufregender Morgen. Da war zuerst dieser Fremde, Gwydón, und der kannte auch noch ihre Mutter. Niam wusste nicht viel über ihre Mutter, nur, daß sie kurz nach ihrer Geburt gestorben war. Tante Auriel redete nicht viel über die Vergangenheit. Aber jetzt war Gwydón da. Niam nahm sich vor, ihn später ausfragen. Sie lehnte den Kopf an die Stallwand und Schloß die Augen. Durch die Ritzen der Holzwand fielen ein paar Sonnenstrahlen und wärmten ihr Gesicht. Niam seufzte. Diese Jahreszeit liebte sie besonders. Alles stand in Blüte, und die Luft war voller Düfte. Der Sommer des Jahres 234{*} {i}bewegte sich auf seinen Höhepunkt zu, das große Fest Lugnasa, und außerdem Niams kam Geburtstag. Dieses Mal war es ein ganz besonderer Geburtstag: ihr dreizehnter. Natürlich wusste Niam schon lange, daß sie kein Kind mehr war, aber mit dreizehn würde auch Tante Auriel einsehen, daß sie nun erwachsen war. Dann würde sie Niam endlich ernst nehmen müssen. Tante Auriel verstand sie einfach nicht mehr. Sie wollte nicht akzeptieren, daß Niam lieber ihren eigenen Gedanken nachhing. Alles war anders geworden in den letzten Monaten, nichts war mehr so wie früher. Niams Träume hatten sich verändert, und nicht nur das. Auch ihr Körper hatte neue Formen bekommen. Nichts passte mehr richtig, und ihre Hemden spannten. Vielleicht würde sie ja ein neues Kleid zum Geburtstag bekommen. Immerhin war es ja der dreizehnte! Niam konnte es kaum noch erwarten. Bald, nur noch drei Nächte …

Auriel Schloß die Tür ihrer Kammer hinter Gwydón, dann wandte sie sich ernst an ihren Gast: »Gwydón, was machst du hier? Warum bist du nicht in Môn?«

»Caldur ließ mich zu sich rufen.«

»Und was ist mit deiner Ausbildung?«

»Die werde ich später beenden. Jetzt aber schickt mich Caldur mit einer wichtigen Botschaft zu dir. Er bittet dich, nach Amarango zu kommen. Die Wolken verdunkeln sich, eine böse Zeit zieht heran.« Gwydón sah Auriel fest in die Augen. »Doch lass mich am Anfang beginnen: Vor einigen Tagen erhielt ich in Môn eine Nachricht von Caldur. Ich meditierte gerade über meine letzte Prüfung, dem ›Dwyffyddiaeth‹ und saß in Abgeschiedenheit und innerer Einkehr. Doch Caldur ließ meine Sammlung unterbrechen und rief mich nach Amarango. Dort erwartete er mich schon ungeduldig und sagte mit sorgenvollem Gesicht: ›Der Drache ist erwacht. Im Norden wächst sie wieder, die böse Macht. Ynis Mâcha erhebt sich erneut und sammelt seine schwarzen Gesellen. Noch ist vieles im Dunkeln, aber es gibt zahlreiche Hinweise. Seit Jahren mehren sich die Gerüchte, und meine Sorgen wachsen. Die Zeit der Entscheidung rückt näher. Ich habe eine wichtige Aufgabe für dich. Sie mag dir anfangs klein und unwichtig erscheinen, doch am Ende ist sie deine schwerste und wichtigste Prüfung!‹ Dann begleitete ich ihn auf einer Geistesreise. Unsere Geister verbanden sich, und so sah ich Teile seiner Vision. Dort war ein junges Mädchen. Jetzt weiß ich, daß das Niam war.«

Auriel nickte und murmelte leise. »Das habe ich irgendwie erwartet.«

Gwydón fuhr fort: »Als Caldur aus seinem Traum erwachte, bat er mich, dich und Niam schnellstmöglich nach Amarango zu bringen. Er gab mir folgende Nachricht für dich mit:

›Die Würfel rollen, der Drache erwacht,
die Zeiten fordern die ewige Nacht.

Zur Gegenwehr war stets gedacht
das Sonnenkind mit seiner Macht.

Die Geister rufen, der Sturm beginnt,
nun findet und schützt das helle Kind.
Damit das Warten beendet sei,
Das Leben im Dunkeln ist nun vorbei.‹

Es ist an dir, den wahren Inhalt dieses Textes zum jetzigen Zeitpunkt zu deuten.«

»Leider.« Auriel nickte bekümmert. »Der große Krieg rückt näher. Aber eigentlich bin ich nicht überrascht, daß du gerade jetzt kommst. Hast du heute Nacht ebenfalls den Ruf gehört?«

Gwydón nickte. »Ja, auch ich habe die dunkle Botschaft vernommen.«

Am nächsten Tag brachen sie noch vor Tagesanbruch auf. Tante Auriel hatte Niam nicht viel erklärt, nur, daß sie nach Amarango zum Hof des Fürsten eingeladen seien, um dort Lughnasa zu feiern. Nimus wurde vor die Kutsche gespannt, und es ging los. Durch den hohen Wald folgten sie dem Bach in Richtung Norden. Später würde sich dieser mit dem mächtigen Fluss Coinée verbinden, doch hier war er nur ein kleines Rinnsal, das leise auf die Ebene zufloss. Mühsam folgten sie seiner Spur durch den dichten Wald. Dunkle Moose und hohes Farnkraut bedeckten den schattigen Boden. Aber Gwydón kannte den Weg und lenkte die Kutsche sicher durch das wuchernde Gestrüpp.

Niam saß die ganze Zeit still in ihrer Ecke. Gedankenverloren ließ sie die vertrauten Wälder und Wiesen ihrer Kindheit an sich vorüberziehen. Auch die fremde Umgebung des dichten Waldes vermochte es nicht, sie aus ihren Träumen zu holen. Sie dachte an Shidrén und ihren gestrigen Abschied. Shidrén, die kleine Hausfee, war ihre beste Freundin und lebte mit ihrer Familie unter Auriels Türschwelle. Solange Niam zurückdenken konnte, waren sie und Shidrén unzertrennlich gewesen. Bis gestern. Denn Shidrén wollte Niam nicht begleiten. Ihr als Angehörige des stillen Volkes war Amarango zu laut. Also hatten sich die Freundinnen zum ersten Mal in ihrem Leben getrennt. Niam war traurig. Sie sah es vor sich, das kleine, zarte Wesen, nur ein paar Zoll hoch, mit seiner grünen Jacke und dem roten Wollrock, umgeben von einem hellen Licht. Wenn Shidrén sprach, klang es, als würde ein Tropfen auf einem Stein zerspringen. Niam erinnerte sich all der Dinge, die sie mit Shidrén erlebt hatte, und schon jetzt vermisste sie schmerzlich die Freundin ihrer Kindheit.

Die Sonne stand bereits im Westen, als Auriel, Gwydón und Niam endlich den Waldsaum erreichten. Jäh gaben die Bäume den Blick auf die große Ebene von Ystrâd frei. Hier war das Land lieblich, reich und fruchtbar. Dinkel- und Gerstenfelder standen neben Lein- und Schlafmohnwiesen. Im Westen floss ruhig der Coinée. Vor den Reisenden lagen die Reste einer alten Straße. Vereinzelte Wegstücke zeugten noch von der ehemaligen Pracht. Das Straßenpflaster war immer noch befahrbar. Nun kam die Kutsche schneller voran. Bald sahen sie in der Ferne die Umrisse eines Hauses. Das war ihre Tagesetappe, denn dieses Gehöft war das einzige Gasthaus an der alten Straße.

Der dämmrige Schankraum war von lautem Stimmengewirr erfüllt. Viele Menschen trafen sich hier, Handelsreisende und fahrendes Volk, Abenteurer und düstere Gestalten. Gwydón fand einen freien Tisch und führte seine Begleiterinnen dorthin. Mit müden Gliedern ließen sie sich nieder und aßen die erste Mahlzeit des Tages.

Plötzlich wurde die Tür zur Schankstube mit Schwung geöffnet, und ein Krieger trat ein. Mit lauter Stimme rief er: »Wirt, schnell, ich bekomme eine kräftige Mahlzeit und ein Bier!« Die Stimme ließ erahnen, daß sie keinen Widerspruch gewohnt war.

Bei ihrem Klang blickte Gwydón auf. Wortlos erhob er sich und trat zu dem Fremden.

Die beiden Männer redeten kurz miteinander, dann brachte Gwydón ihn an ihren Tisch: »Erlaubt mir, daß ich euch Conall von Sîón vorstelle, der oberste Heerführer des Königreiches Sîl und der Bote von König Líath. Er ist wie wir auf dem Weg nach Amarango. Ich habe ihm angeboten, mit uns zu reisen.«

Der hoch gewachsene Krieger verbeugte sich. Viele Kämpfe hatten ihre Spuren in seinem vernarbten Gesicht hinterlassen, doch er war gesund und kräftig. Sein Bart schimmerte golden, und freundliche Augen lachten aus dem wettergegerbten Gesicht. An seiner Seite hing das große Schwert des Kriegers. »Ich grüße dich, Auriel aus Anándes‘ Haus. Es ist mir eine große Freude, daß sich unsere Wege nach so vielen Jahren wieder treffen.«

Auch Auriel freute sich über das Wiedersehen. Für eine kurze Zeit versanken sie in gemeinsamen Erinnerungen, aber die aktuellen Ereignisse holten sie bald zurück. Conall berichtete erschreckende Dinge aus seiner westlichen Heimat. Doch vorher schickte Auriel Niam hinaus. Sie wollte nicht, daß das Kind diese ganzen Geschichten über Krieg und Verwüstung hörte, und so bat sie Niam, nach Nimus zu sehen.

Draußen war mittlerweile die Nacht aufgezogen. Tausende von Sternen blitzten am Firmament, und der Mond war aufgegangen. Noch hatte er seine ganze Fülle nicht erreicht, aber sein Licht war hell und tauchte alles in einen silbrigen Schein. Es war eine laue Sommernacht, und die Grillen zirpten ihr ewiges Lied. Niam setzte sich neben den Stall und Schloß die Augen. Tief atmete sie die Düfte der Jahreszeit ein und lauschte verzückt dem Liebeszauber des Sommers.

Plötzlich hörte Niam ein lautes Zischen. Instinktiv folgte sie dem unheimlichen Geräusch in ein nahes Wäldchen. Eng standen hier die Bäume und Niam kämpfte sich durch das dichte Gestrüpp. Immer lauter hörte sie das Zischen. Endlich wurde der Wald weniger dicht, und Niam erreichte eine Lichtung mit einem kleinen See. Dort bot sich ihr ein grausames Bild. Ein schwarzer Rabe lieferte sich einen heftigen Kampf mit einem drachenähnlichen Tier mit schuppiger Haut, einem stacheligen Schwanz und einem Maul voll furchterregender Zähne. Das Untier hatte das Nest des Vogels geplündert. Vergeblich versuchte die Rabenmutter, ihre Nachkommen zu schützen. Die zerrissenen Leiber kleiner Vögel zeigten das deutlich. Nun stürzte sich der Rabe in seinen letzten Todeskampf. Der Vogel hatte gegen die Urkraft seines Gegners keine Chance. Zu scharf waren dessen Zähne und zu kräftig sein Biss.

Im Bruchteil dieses Augenblicks traf Niam eine Entscheidung. »Lass den Raben los, du scheußliches Vieh!« Mit einem Stein vertrieb sie das Reptil und lief zu dem Vogel.

Tiefe Wunden zeigten sich auf dem schwarzen Körper, und ein Flügel hing gebrochen herunter. Schnell schöpfte Niam ein wenig frisches Wasser und versorgte das verletzte Tier. Dabei betrachtete sie den Raben genauer. Sein Gefieder war ebenso pechschwarz wie das eines jeden Raben, doch mit einer Besonderheit. Dieser Vogel hatte einen weißen Stern auf der Stirn und weiße Flügelspitzen an den Schwungfedern.

Später begrub Niam die toten Vogelkinder unter einer alten Eiche. Sie schmückte das Grab mit Blüten und Wiesenblumen und sang ihnen zu Ehren ein letztes Trauerlied.

Inzwischen war es spät geworden. Niam sah noch einmal nach dem verwundeten Vogel, dann lief sie schnell zurück ins Gasthaus.

Am nächsten Morgen sah Niam noch vor Sonnenaufgang nach dem Raben, doch da war nichts außer einer zurückgelassenen Schwungfeder, schwarz mit einer weißen Spitze. Niam steckte sie ein und nahm sie mir auf die Reise als Erinnerung an diese seltsame Begegnung.

2. Kapitel: Amarango

Der Morgen graute erst zaghaft im Osten, als sich Gwydón, Auriel und Niam wieder auf den Weg machten. Conall Schloß sich ihnen an. Auf der befestigten Straße kamen sie schnell voran. Ohne Unterbrechung fuhren sie nach Westen durch die Weiten der Ebene von Ystrâd. Am späten Vormittag erreichten sie den Coinée. Gemächlich floss er vom nördlichen Meer zur Meeresbucht von Tremágonia und teilte das Reich Brigant in ein westliches und ein östliches Gebiet. Die Straße folgte dem Fluss nach Norden und führte am Wassersaum entlang nach Amarango - durch dunkle Wälder, fruchtbare Felder und riesige Viehweiden. Brigant war ein reiches Land.

Allmählich spürten die Reisenden die wachsende Nähe einer großen Stadt. Die Straße wurde breiter, und sie trafen immer mehr Menschen auf dem Weg nach Amarango.

Zur Mittagszeit umrundete die Kutsche die letzte Flussbiegung. Im goldenen Licht der Sonne sah Niam das Ziel ihrer Reise: Amarango, die Hauptstadt der Briganten. Die Stadt war von Wällen und starken Steinmauern mit Türmen und Wehrgängen umgeben. Hoch ragten sie in den weiten Himmel über der Ebene. Die nahen Zinn- und Kupferminen hatten die Stadt reich gemacht. In großen Schmelzöfen am nördlichen Stadttor wurde das Erz verhüttet und in den zahlreichen Schmieden der Stadt verarbeitet. Daneben sicherte der Handel auf dem Coinée den Stadtbewohnern ihren Wohlstand. Heute standen die mächtigen Stadttore offen und es herrschte ein reges Treiben. Viele Menschen drängten in die Stadt. Die Reisegruppe reihte sich ein und betrat Amarango durch das südliche Tor.

Beim Eintritt in die Stadt drückte sich Niam zunächst in die dunkelste Ecke der Kutsche. Sie war so viele Menschen nicht gewöhnt und fühlte sich unbehaglich. Nur vorsichtig schaute sie hinaus. Um dem Verkehr auf den Hauptwegen zu entgehen, lenkte Gwydón die Kutsche in die kleinen Gassen durch die eng stehenden Häuser. Die meisten waren aus Holz. Die Zimmermannskunst war hoch geehrt und zeigte sich hier in Perfektion. Glatte Spaltbohlen bildeten die Wände, und die Dächer waren mit Stroh gedeckt. Gefüllte Getreidespeicher standen auf stabilen Holzstelzen. Immer wieder durchfuhren sie Tore, bis sie endlich die Hauptstraße wieder erreichten. Beim Anblick all dieser Pracht verlor Niam für einen Moment ihre Schüchternheit und schaute sich neugierig um. Hier wohnten die edelsten Familien Brigants. Ihre Häuser waren zumeist aus Lehmziegeln erbaut, und Wappen zierten die hohen Eingangstüren. Kunstwerke zierten die breite Straße.

Überall wurde gelacht und getanzt. Das Volk von Amarango feierte bereits seit drei Tagen. Alle Häuser waren festlich geschmückt, und auf den zahlreichen Plätzen waren Tafeln mit feinen Köstlichkeiten und Genüssen aufgestellt. Niam sah Weinamphoren aus dem fernen Süden und exotische Früchte auf edlem Tafelgeschirr aus Keramik und Grafit. Der Gerstensaft floss in Strömen. Schausteller aus allen Himmelsrichtungen waren gekommen, um ihre Künste dem zahlenden Publikum vorzuführen. Niam betrachtete ihre bunten Trachten und ließ sich berauschen von den Farben, Tönen und Gerüchen.

Da bremste Gwydón die Kutsche, und Niam erblickte Dún Amarango, den Fürstensitz von Brigant. Auf einem Hügel errichtet, blickte das imponierende Gebäude weit ins Land. Es war eine mächtige Steinfestung mit Schieferdächern, zusätzlich geschützt von einer kräftigen Mauer aus Stützbalken und Trockenmauerwerk und einem vorgelagerten Graben. Die Kutsche passierte diese letzte Mauer und kam auf einem kleinen Platz zum Stehen. Hier trat ein Diener auf Gwydón zu und flüsterte ihm leise etwas ins Ohr.

Gwydón nickte und wandte sich an seine Mitreisenden: »Auriel, wir müssen gehen. Fürst Enatos hat den Kriegsrat einberufen. Conall, komm gleich mit.«

»Und ich? Was soll ich tun?« Niam sah ihre Tante erschreckt an.

Diese lächelte: »Bist du denn gar nicht neugierig auf Amarango? Sieh dich etwas um, solange wir weg sind. Wir treffen uns später auf dem Platz vor dem Hauptportal wieder.« Damit verschwanden Auriel, Gwydón und Conall durch eine holzbeschlagene Tür im dunklen Bauch der Festung.

Über viele Treppen erreichten sie den Thronsaal. Es war eine gewaltige Kuppelhalle am höchsten Punkt von Dún Amarango. Kostbare Mosaike schmückten den Boden und bunte Glasfenster tauchten den hohen Raum in tausendfache Farben. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch. Dort tagte der Kriegsrat. Die edelsten Frauen und Männer des Reiches waren versammelt.

Als Gwydón, Auriel und Conall eintraten, sprach gerade Thorolf, der oberste Krieger Brigants: »Mein Fürst, wir müssen etwas tun! Überall werden große Truppenbewegungen gesichtet. Außerdem häufen sich die Berichte von Scharmützeln und kleineren Gefechten, meist in Grenznähe. Der Feind zieht seine Armee zusammen. Wir müssen uns endlich rüsten. Mit einem direkten Rückschlag können wir ja noch warten, aber ich bitte Euch dringend, lasst mich ein Heer aufstellen!«

In diesem Augenblick wurden Gwydón, Conall und Auriel gemeldet und sofort zu Fürst Enatos gebracht. Einst war er ein hoch gewachsener und stattlicher Mann gewesen, doch nun beugte die Last des Alters seinen Rücken. Seit vielen Jahren regierte er gerecht und milde. Noch immer zeigte sein Gesicht die edle Herkunft. Heute aber waren seine Augen trübe und sein Gesicht lag in schweren Sorgenfalten.

Nach der Begrüßung trat Conall vor und beugte das Knie: »Edler Fürst«, stellte er sich selber vor, »ich bin Conall von Sîón, Bote von König Líath aus Sîl. Ich überbringe eine Nachricht meines Herrn.«

»Ich heiße dich in Amarango willkommen, Conall. Erzähle uns die Situation in deiner Heimat, und dann lass mich die Botschaft deines Herrn hören.«

»Es ist etwas Furchtbares geschehen. Ein riesiger Zug der Verwüstung erreichte vor mehreren Wochen unsere Küste. Feindliche Krieger überfielen die Dörfer am Rande des großen Meeres und mordeten Frauen und Kinder. Sie plünderten und brandschatzten alles, was sich ihnen in den Weg stellte. König Líath eilte natürlich sofort mit einer Verteidigungsarmee dorthin. Aber das alles war nur ein grausames Ablenkungsmanöver. Als wir zur Königsburg Camallate zurückkamen, da hatten Lord Balzôrcs Truppen etwas viel Furchtbareres getan: Der Eámur von Sîl, unser heiliger Krönungsstein, war fort.« Der alte Kämpfer Schloß erschauernd die Augen. »Schnell wie der Blitz verschwanden die schwarzen Krieger wieder über das Meer. Deshalb bin ich hier. Mein Herr schickt mich mit der Bitte um Hilfe zu Euch, Fürst Enatos.«

Conalls Nachricht ließ die Anwesenden verstummen, wenn auch nur für kurz. Denn so erschreckend diese Nachrichten aus dem westlichen Königreich auch waren, auch die übrigen Länder der neuen Welt waren betroffen. Die Diskussion wurde wieder hitziger.

»Auch im Norden tut sich etwas.« Thorolf machte sich erneut zum Wortführer. »Mir sind Nachrichten zu Ohren gekommen, daß sich an der Küste von Ynis Mâcha ein riesiges Heer sammelt.«

»Worauf warten sie bloß? Wieso schlagen sie jetzt nicht zu, wo wir noch völlig unvorbereitet sind?«

»Wahrscheinlich sind diese kleinen Überfälle erst der Anfang, Bald wird der Feind zum großen Schlag ausholen.«

»Ich sage, wir müssen sofort ein Heer ausrüsten und im Norden Stellung beziehen!«, rief ein junger Krieger. Krischa, ein Mann in den besten Jahren von strahlender Schönheit und edler Geburt, galt nach Thorolf als der beste Kämpfer der Briganten.

Bekümmert sah Fürst Enatos in die Runde. »Ist euch bewusst, was das bedeutet? Wollen wir denn wirklich einen Krieg?« Er senkte seine Stimme. »In all den Jahren meiner Regentschaft habe ich mich bemüht, den Frieden zu erhalten. Ich war stolz darauf, daß es in Brigant seit dreizehn Jahren keinen Krieg mehr gab.«

»Aber mein Fürst«, warf Krischa ein, »wir müssen uns doch verteidigen.«

»Ich weiß.« Der alte Fürst lächelte seinen jungen Krieger müde an. »Der Frieden ist wohl vorbei.« Er holte tief Luft, dann sagte er mit fester Stimme. »Jawohl, meine getreuen Krieger, ihr habt Recht. Wir werden kämpfen!«

»Gedenkt der Prophezeiung!« Die tiefe Stimme kam aus dem Schatten des hinteren Raumes. Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit in den Kegel des Lichts. Caldur, der oberste Druide des Landes und weise Ratgeber des Fürsten, war trotz seines hohen Alters immer noch eine ehrfurchtgebietende Erscheinung. Er trug das schlichte Gewand seines Ordens, und seine Worte strahlten Autorität und Weisheit aus.

Er wand sich an den Rat der Krieger. »Erinnert euch der Prophezeiung. Ihr wisst doch, was dort steht:

»Wenn einst vorbei die Freudentage,
hör zu, oh Menschenkind,
von großem Leid erzählt die Sage,
der große Krieg beginnt.
Kein Stamm, der diesem Fluch entgeht,
kein Landstrich ohne Glut,
und auf den leeren Feldern steht
der letzten Krieger Blut.

Das alte Leben untergeht.
Es ist der große Krieg.
Der letzte, den das Land erlebt.
Den Andren ist der Sieg.
Der Untergang ist Sicherheit,
leb wohl, mein Heimatland,
denn damit stirbt in Ewigkeit,
was ›Neue Welt‹ genannt.«

Seine Worte kühlten die Gemüter der Anwesenden schlagartig ab. Eine Weile schwiegen alle und blickten betroffen zu Boden.

Dann räusperte sich Fürst Enatos und sprach die gefürchtete Frage aus: »Und, Caldur, ist dies der Beginn des großen prophezeiten Krieges?«

»Ich weiß es noch nicht genau. Das Bild ist unvollständig, der Nebel ist noch zu dicht, und zu viele Dinge ruhen noch im Dunkel.«

»Was heißt das?« Thorolf sprach mit der Ungeduld eines Kriegers. »Was sollen wir tun?«

»Seid auf der Hut, bereitet euch vor. Es naht die Zeit der Entscheidung, doch noch ist sie nicht reif.«

»Sollen wir nun unsere Streitkräfte aufstellen oder nicht?« Thorolf ließ sich nicht abschütteln.

»Ich sage lediglich, seid auf der Hut. Es wird geschehen, was geschehen muss.« Damit entzog sich der alte Druide der weiteren Diskussion und trat zu Auriel und Gwydón. Leiser setzte er hinzu: »Außerdem ist es nicht damit getan, daß ihr ein Heer aufstellt. Dieser Krieg wird anderswo entschieden.«

Er machte Auriel ein Zeichen, ihm zu folgen. Gwydón blieb zurück, um Caldur später vom Ausgang der Beratung zu berichten.

Caldur führte Auriel durch geheime Gänge in seine Kammer unter dem Dach von Dún Amarango. Dort Schloß er seine Freundin alter Tage in die Arme: »Auriel, es tut gut, dich zu sehen.«

Innig erwiderte Auriel seine Umarmung. »Ja, mein lieber Freund, viele Jahre liegt unser Abschied zurück. Viel ist passiert in dieser Zeit. Allerdings bei mir nur im Kleinen«, fügte sie lächelnd hinzu. »Du weißt, wie klein meine Welt geworden ist.«

»Aber du wusstest doch, was dich erwartete, als du dich damals entschieden hast.«

»Ich beklage mich ja auch nicht. Niam hat mich tausendfach entschädigt.«

»Niam? Wie ist sie? Erzähl mir von ihr.«

»Niam ist ein wundervolles Kind, einfühlsam und begabt. Und sie ähnelt ihrer Mutter sehr. Wenn Niam träumt - und das tut sie oft - ist ein richtiges Strahlen um sie. Sie wirkt dann wie von einer anderen Welt.«

»Haben wir damals richtig gehandelt? Ist Niam die, die wir erwarten?«

»Möglicherweise. Noch ist sie eher schüchtern und introvertiert, aber das wird sie ablegen. In ihrem Alter ist es normal, daß sie sich lieber ihren Träumen hingibt. Es ist etwas Besonderes an Niam. Ich habe sie all die Jahre beobachtet. In ihr schlummern viele versteckte Fähigkeiten. Gerne hätte ich sie geleitet. Sie hat eindeutig Talente.«

»Genau deshalb durfte sie ihre Lehre nicht früher beginnen.« sagte Caldur eindringlich.

»Ich weiß. Dennoch hätte ich sie gerne ausgebildet.« Auriel hing eine Weile ihren Gedanken nach. Plötzlich hob sie den Kopf. »Da ist noch etwas. Vor ein paar Tagen geschah etwas Merkwürdiges: Niam hat eine Eule gesehen, in unserem Wald.

»Das Bild verdichtet sich.« murmelte Caldur leise. Laut fragte er: »Wann genau war das?«

»Es war in der Nacht der dunklen Botschaft.«

»Das verwundert mich nicht besonders. Wir sollten Niam so schnell wie möglich nach Môn bringen und später nach Emain Ablach.«

Anfangs konnte Niam es nicht fassen, daß ihre Tante sie tatsächlich alleine zurückgelassen hatte. Entsetzt starrte sie auf die Tür, hinter der Auriel und Gwydón verschwunden waren. Doch sie kamen nicht wieder. Mit einem Kloß im Hals sah Niam sich ängstlich um. Zaghaft drückte sie sich in eine Ecke und überlegte. Zu gerne würde sie ihre Umgebung erkunden, aber sie traute sich nicht. Hier waren so viele fremde Menschen. Außerdem wusste Niam weder wo sie war, noch wo sie hingehen sollte. Also beSchloß sie, sich nicht von der Stelle zu rühren und hier auf Tante Auriel zu warten. Aber bald wurde ihr langweilig. Sie hörte Lachen aus dem Inneren der Burg und sah Menschen ein- und ausgehen. Irgendwann siegte Niams Neugier. Sie fasste all ihren Mut und betrat Dún Amarango mit klopfendem Herzen. Schüchtern drückte sie sich an den Wänden entlang und betete, niemand möge sie entdecken. Aber bald bemerkte sie, daß sie gar nicht auffiel. Wenn ein Mensch ihr begegnete, nickte er ihr freundlich zu und ging seiner Wege. Niam atmete durch. Langsam verlor sie ihre Scheu. Immer mutiger werdend erkundete sie das Innere der Burg.

Dún Amarango war riesig, mit eigenen Speichern und sogar einer eigenen Werkstatt. In dem regensicheren, windgeschütztem und nicht zu trockenen Raum standen große Webstühle. Hier wurde kostbares Tuch gewebt. In einer anderen Ecke standen gewaltige Ambosse, an denen die Schmiede Eisen verarbeiteten. Auch Töpfer waren vertreten. Staunend ging Niam weiter. Irgendwann gelangte sie in die Küche. Viele Köche liefen mit roten Köpfen in dem riesigen Gewölbe umher und schrien ihren Lehrjungen Befehle zu. In großen Töpfen wurde Bohnen, Linsen und Erbsen gekocht, wohl abgeschmeckt mit den feinsten Kräutern. Zahlreiche Rinder und Schweine wurden über riesigen Feuerstellen gebraten und gesotten. Es duftete wunderbar. Am meisten faszinierte Niam jedoch der große Vorratskeller. Ein zylinderförmiger Schaft war tief in die Erde gegraben worden. In diesem Erdkeller lagerten die Vorräte kühl und feucht. Noch nie hatte Niam eine solche Vielfalt gesehen. Wohlgemut setzte sie ihre Erkundungen fort.

Als nächstes gelangte Niam in den herrschaftlichen Bereich von Dún Amarango. Sie durchquerte Empfangssäle und Repräsentiergemächer. Hier waren die Räume mit edlen Wandteppichen und erlesenen Vorhängen geschmückt. Reich verzierte Leuchter standen auf den Tischen und Kunstwerke aus allen Teilen der Welt hingen an den Wänden. Einige Zimmer hatten sogar eine Seidentapete. Jeder Raum war in einer anderen Farbe gehalten. Auf einem breiten Flur trafen sie sich in allen Farben des Regenbogens. Überall sah Niam die Insignien des Fürsten von Brigant. Mit staunenden Augen ging Niam weiter.

Wegen seiner Lage auf dem Hügel war Dún Amarango in mehreren Ebenen erbaut. Niam sah, daß diese Ebenen mit mächtigen Pfosten abgestützt waren und jeweils in einer Plattform endeten, die einen wunderbaren Blick über die Ebene von Ystrâd bot. Der warme Sommertag ging langsam zu Ende. Noch zitterte die heiße Luft über dem flachen Land, doch die Sonne begann bereits, sich auf ihren Abschied vorzubereiten. Niam konnte sich kaum satt sehen und genoss die Aussicht.

Ihre Ruhe wurde jäh durch lautes Geschrei gestört. Niam folgte diesem Geräusch nach draußen. Dort sah sie mehrere Jungen im Kreis um ein kleines Mädchen. Hämisch grölend stießen sie das Kind umher. Verschreckt hielt es seine Arme schützend vor das Gesicht. Bei diesem Anblick geschah etwas in Niam. Ohne sich dessen bewusst zu sein, überwand sie ihre Scheu vor Menschen und trat auf den Platz. Ihr Auftauchen genügte und die Jungen nahmen Reißaus.

Sanft legte Niam dem zitternden Mädchen die Hand auf die Schulter. »Du musst keine Angst mehr haben. Sie sind weg.«

Das Kind zuckte heftig unter ihrer Berührung zusammen. Nur langsam zog es seine Arme herunter und Niam sah in zwei riesige, angstvolle, dunkle Augen. Ohne ein Wort drehte sich das Mädchen blitzschnell um und floh.

Seltsam berührt nahm Niam ihren Gang durch Dún Amarango wieder auf. Auf dem Platz vor dem Hauptportal traf sie ihre Tante wieder.

»Da bist du ja, Niam. Hattest du einen schönen Nachmittag?« Mit diesen Worten begrüßte Auriel ihr Ziehkind.

»Tante Auriel, es war wunderbar. Ich habe so viel Interessantes gesehen.« Freudig lief Niam in die Arme ihrer Tante.

»Niam, ich möchte dir einen alten und sehr guten Freund von mir vorstellen. Das ist Caldur, der Oberdruide unseres Landes und vor vielen Jahren mein Lehrmeister.«

Caldur trat vor und sagte: »Sei gegrüßt, Niam. Ich freue mich, Alanias Tochter so strahlend und gesund wiederzusehen. Und ich sehe, du ähnelst deiner Mutter. Sie galt als die schönste Frau ihrer Zeit.«

Niam blickte verlegen zu Boden. Sie war ein wenig verwirrt. So viel hatte sich geändert. Noch vor wenigen Tagen hatte sich ihr Leben in geregelten Bahnen abgespielt, und nun stand sie hier und sprach mit Caldur, dem allseits geehrten Oberdruiden der Briganten. Und dieser kannte nicht nur ihre Mutter, sondern sogar sie selbst und sprach mit ihr wie mit einer Erwachsenen. Zuerst traute sich Niam nicht, Caldur direkt anzusehen. Heimlich betrachtete sie ihn im Licht der sinkenden Sonne. Sie konnte ihn nur schwer einschätzen. Er hatte sanfte Augen, aber gleichzeitig stand harte Strenge auf seiner Stirn. Sein Alter konnte fünfzig oder hundert sein. Er war nur schlicht gekleidet, dennoch war seine erhabene Gestalt beeindruckend. Aber er sah Niam freundlich an, und ihre Scheu legte sich. Sie beSchloß, ihn zu mögen, und erwiderte sein Lächeln.

»Niam, wir wollen uns später ein wenig unterhalten. Nun aber folge deiner Tante. Mich müsst ihr entschuldigen.« Mit diesen Worten nickte Caldur und verschwand.

Ohne auf ihre Proteste zu hören, schickte Auriel Niam ins Bett. »Jetzt musst du ein wenig schlafen. Bald beginnen die Feierlichkeiten, und davor solltest du dich ausruhen.«

Niams Zimmer war herrlich. Es erstrahlte in einem leuchtenden Orange. Alles war Ton in Ton abgestimmt, von der Tapete über dem weichen Teppich bis hin zu den Gardinen. Bilder schmückten die Wände, und auf dem Tisch stand eine Schale mit frischem Obst. Gegenüber der großen Fensterfront stand ein riesiges Himmelbett, ebenfalls in sanften Orangetönen gehalten. Es war flauschig und lud zum Niederlegen ein. Mit einem Seufzer ließ sich Niam in die weichen Kissen fallen. Die Strahlen der Nachmittagssonne tauchten das Zimmer in ein goldenes Licht. Durch das geöffnete Fenster trug der laue Sommerwind die Lieder der Vögel herüber. Niam fielen die Augen zu.

Der Abend dämmerte bereits, als Niam von einer leisen Stimme geweckt wurde. »Guten Abend, junge Herrin. Habt Ihr gut geruht?«

Niam schlug die Augen auf und blickte sich um. Es dauerte einige Zeit, bis sie erkannte, wo sie war. Und dann sah sie die Dienerin, die still im Hintergrund stand.

Schnell setzte Niam sich auf und sagte: »Ja, ich fühle mich frisch und erholt.«

Die Dienerin reichte ihr eine kleine Brotzeit. »Die Sonne wird bald untergehen. Dann wird das große Feuer entzündet. Ich werde mich um Euer Wohlergehen kümmern und Euch beim Ankleiden behilflich sein.« Damit deutete die Zofe auf die andere Ecke des Zimmers.

Dort lag ein wunderschönes blaues Kleid. Vorsichtig hob Niam es hoch. Die kühle Seide raschelte unter ihrer Berührung. Bewundernd betrachtete Niam das Bustier, welches mit kunstvollen Mustern und kleinen Edelsteinen bestickt war.

Behutsam legte sie das Kleid wieder zurück. »Ist das wirklich für mich?«

Die Dienerin nickte und führte Niam ins Bad. Dort wurde sie in kostbaren Essenzen gebadet und mit wunderbaren Ölen eingerieben. Danach wurde sie angekleidet. Das prächtige Kleid passte wie angegossen. Schmeichelnd umhüllte der schimmernde Stoff Niams jungen Körper und betonte anmutig ihre ersten Rundungen. Dann legte die Dienerin Reifen aus Gold, Emaille und Glas um Niams Arme und schmückte ihre Hände mit Ringen. Zuletzt kämmte sie Niams lange Haare und verflocht meisterhaft viele bunte Perlen in die blonden Locken, die in dichten Flechten den Rücken herabflossen.

»Was habt Ihr für schöne Haare, Herrin. Eine solche Pracht habe ich noch nie gesehen«, sagte die junge Dienerin staunend.

»Die hat sie von ihrer Mutter geerbt.« Unbemerkt war Auriel hinter Niam getreten.

Die Zofe beendete schnell ihr Werk und zog sich still zurück.

Details

Seiten
125
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531586
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318482
Schlagworte
Kelten Irland Mythologie Jugendbuch ab 12 Jahre Zwerge für Jungen Fantasy Nebel von Avalon Elfen Nixen für Mädchen Abenteuer Prophezeiung eBooks

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Titel: Das helle Kind - Band 1: Krönungssteine