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DIE SCHWERTER - Band 1: Höllengold

2016 74 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Auf den ersten Blick glaubt niemand, dass sie zusammengehören – aber sobald Gefahr droht, lehren sie gemeinsam jeden Angreifer das Fürchten: Dante, der gerissene Schwertkämpfer, Malveyra, die kühle Magierin und Bross, der kampfeslustige Halb-Oger. „Die Schwerter“, wie sich die drei Söldner nennen, scheinen unbezwingbar. Doch dann übernehmen sie einen ganz harmlosen Auftrag – und ihr Schicksal nimmt eine dramatische Wendung!

Abenteuer, Gefahren, coole Sprüche und jede Menge Action: Der Auftakt zu Thomas Lisowskys neunbändiger Serie DIE SCHWERTER garantiert atemloses High-Fantasy-Lesevergnügen!

Über den Autor:

Thomas Lisowsky wurde 1987 in Berlin geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, bevor er als Autor bei einer Berliner Entwicklerfirma für Computerspiele arbeitete. 2009 wurde er mit dem ZEIT-Campus-Literaturpreis ausgezeichnet.

Lernen Sie Thomas Lisowsky im Internet kennen – auf seiner Homepage (http://thomaslisowsky.wordpress.com/), bei Facebook (https://www.facebook.com/thomas.lisowsky.8) und in seinem Youtube-Kanal (http://www.youtube.com/channel/UCtFYbg-GZJS16lxK2oOqfJg).

Bei jumpbooks veröffentlichte Thomas Lisowsky bereits den Roman Magie der Schatten. Seine Serie DIE SCHWERTER umfasst die folgenden Einzelbände:

DIE SCHWERTER – Erster Roman: Höllengold

DIE SCHWERTER – Zweiter Roman: Drachenblut

DIE SCHWERTER – Dritter Roman: Duell der Klingen

DIE SCHWERTER – Vierter Roman: Hexenjagd

DIE SCHWERTER – Fünfter Roman: Schwarzer Turm

DIE SCHWERTER – Sechster Roman: Verbotenes Wissen

DIE SCHWERTER – Siebter Roman: Feuerteufel

DIE SCHWERTER – Achter Roman: Blutiger Sand

DIE SCHWERTER – Neunter Roman: Dämonenzorn

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2014 dotbooks GmbH, München Copyright © der Neuausgabe 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Ralf Reiter

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com (greglith, Unholy Vault Designs, Atelier Sommerland, Algol)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-149-4

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Thomas Lisowsky

DIE SCHWERTER

Höllengold

Erster Roman

jumpbooks

Prolog

Schwerer, erdiger Geruch überall – und Dunkelheit.

Blind tastete sich Dante vorwärts. Er spürte den jahrhundertealten Staub in der Luft und presste sein Halstuch vor Mund und Nase, um sich zu schützen.

Ein leiser Nachhall des Bebens, das den Korridor hatte einstürzen lassen, lief durch den Tunnel und zitterte in seinem Körper nach. Kam da eine weitere Lawine herunter, um ihn endgültig zu ersticken?

Kalter Schweiß kitzelte auf seinen Handflächen. Er taumelte vorwärts, tiefer in die allgegenwärtige Finsternis. Langsam ebbte das Beben ab, aber immer noch gab es nur Schwärze um ihn herum, es war wie in einem kalten Grab.

Hastig tastete er über seinen Körper. Der Degen. Wo war sein Degen? Er griff an seinen Gürtel: Die Scheide war nicht mehr da. Das hieß, dass er für den Fall eines Kampfes jetzt nur noch den Dolch im Stiefel besaß. Ja, dessen Gewicht spürte er am rechten Bein. Sonst war auch noch alles da – Seil, Trockenobstvorräte, Wasserschlauch …

Aber was war mit den anderen geschehen?

Er drehte sich in alle Richtungen. Wenn sie unter die Erdmassen geraten waren, dann …

Plötzlich flackerte einige Meter neben ihm ein kühles, blaues Licht auf. Der blasse Schein wurde kräftiger und kroch über den Boden auf ihn zu, bis die Quelle sichtbar wurde. Es war eine Kristallkugel an der Spitze eines hölzernen Stabs. Jetzt glitt das Leuchten über eine schlanke Frauenhand, die den Stab hielt.

Sein Herz machte einen Sprung. »Mel«, sagte er, »du lebst noch.«

Das kühle Licht ließ sie wie einen Geist erscheinen. Ihre Stoffrobe war an einigen Stellen zerrissen, und an der Hüfte fehlte ein großer Fetzen, so dass sie noch mehr Bein zeigte als sonst. Sie stützte sich auf den Stab und wischte sich die Haare aus dem Gesicht, die ihr schwarz und lang bis über die Schultern reichten. »Ja, ich lebe noch«, bestätigte sie mit schwacher Stimme. »Aber das ändert nichts daran, dass ich deinen Plan für großen Mist halte.«

Er lächelte. »Es wäre mir neu, wenn du über meine Pläne anders denken würdest.« Er nahm das Tuch vom Mund und wagte einen Atemzug. Es ging wieder, obwohl der Geruch nach Erde alles niederzudrücken schien.

Das blaue Licht umspannte jetzt einen Radius von mehreren Metern. Mel kam in seine Richtung, und das Leuchten gab den Blick frei auf Tonnen von Erd- und Gesteinsmassen, die sich im Gang hinter ihnen bis zur Decke aufschichteten.

»Dieses verdammte Hügelgrab wird auch unser Grab werden.« Sie schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Hast du dir inzwischen überlegt, wie es uns gelingen könnte, hier lebendig herauszukommen?«

Dante richtete sich auf. Nein, hatte er nicht. Er verspürte lediglich eine Heidenangst, aber er musste stark sein – für sie alle drei. »Keine Sorge. Euer Anführer ist Dante, die Legendenklinge.«

»Ist das die Luft hier unten, oder … Nein, warte, ich vergesse es immer wieder – du bist einfach so.« Mel schwenkte ihren Stab umher. »Wo ist Bross?«

Genau. Bross fehlte.

Dante ballte die Hände zu Fäusten und ging zu dem Berg aus Geröll. »Er muss irgendwo darunter sein.« Begraben unter tonnenschwerem Gewicht. Er packte einen Brocken aus Erde und Stein und rollte ihn herunter, wobei nasse Erde an seinen Händen kleben blieb. Es war vielleicht sinnlos, aber wenn Bross irgendwo darunterlag, musste er weitermachen. Mel kam näher, und das blaue Licht kroch den Berg hinauf. Dante grub sich durch die lockere Erde, nasse Kälte unter den Fingernägeln, Schweiß auf der Stirn. Wenn Bross irgendwo da unten war, dann gab es noch eine winzige Chance, dass er am Leben war, denn er war ja ein …

Plötzlich erbebte der gesamte Geröllberg, Steine rollten von oben herab, und die Erde machte sich in kleinen Lawinen selbständig.

»Idiot!« Mel zerrte ihn am Arm zurück. »Du nicht auch noch!«

Am Rand des bläulichen Scheins spritzten Stein und Erde weg. Ein Ächzen wie von einem verwundeten Tier erklang, und dann griff dort eine Hand aus dem Berg.

Dante riss sich los. »Bross!«

Er packte die Hand und zog, so stark er konnte, einen Fuß gegen den Berg gestemmt.

Sekunden später lag Bross auf dem Boden, keuchend und würgend. Wegen der Erdklumpen sah es fast aus, als ob auf dem kahlrasierten Schädel des Halb-Ogers Haare wüchsen. Er strich sich den Dreck vom Mund und rückte sich mit einem rabiaten Ruck den breiten Kiefer in die Position, in der ein Kiefer sitzen musste. Die Lederfetzen, die er sonst um seinen Oberkörper trug, hatte der Geröllberg heruntergerissen.

Dante beugte sich zu ihm herab. Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Sie waren wieder zusammen. »Alles klar, starker Mann?«

»Ich habe gehört, wie ihr gegraben habt. Da wusste ich, in welche Richtung ich muss.« Bross stemmte sich auf den Fäusten hoch, bis er aufrecht stand. Er überragte Dante um mehr als einen Kopf und Mel um zwei.

Dante nickte. »Nächstes Mal müssen sie sich was Härteres einfallen lassen als einen einstürzenden Tunnel.«

Mel räusperte sich und fixierte Dante. »Wer auch immer sie sind, sie werden Gelegenheit dazu bekommen. Wir können jetzt nicht mehr zurück, nur noch tiefer rein.«

Er nickte. »Tiefer rein wollen wir doch. Da wartet nämlich der Schatz.«

»Oder der Tod«, entgegnete Mel trocken.

Bross schien ihnen gar nicht zuzuhören, stattdessen zerrte er etwas aus dem Geröllhaufen, ein gigantisches, unförmiges Ding, das aus teils stumpfem, teils scharfem Stahl mit Scharten und Kerben bestand und das man mit einiger Phantasie als Großschwert bezeichnen könnte.

Dante ging einige Schritte voraus, aber Mel zog ihren Stab und damit die einzige Lichtquelle zurück, so dass vor ihm nun eine Mauer aus Dunkelheit stand.

»Ich weiß, du kannst es nicht erwarten zu sterben«, sagte sie. »Aber lass mich zuerst prüfen, ob ich etwas sehen kann.«

Er starrte in die undurchdringliche Dunkelheit. »Gut.«

Mel sah mehr als Bross oder er, wenn sie wollte. Sie sah durch Stoff, Holz und Erde hindurch und erkannte dort andere Dinge. Dinge, die man eigentlich nicht sehen sollte.

Er trat zur Seite und lehnte sich an die Wand. »Schau nicht zu mir. Wer weiß, was du dann siehst.«

»Nichts als einen größenwahnsinnigen Träumer.« Sie hielt die Augen geschlossen, und als sie sie öffnete, waren keine Pupillen mehr zu sehen, nur noch eine Iris, die in einem ähnlichen Licht leuchtete wie der Kristall ihres Stabs. Ihre Stirn hatte sie in Falten gelegt.

Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen und sah lange in den Tunnel vor ihnen. Ihre Hand am Stab begann zu zittern, die Beine knickten langsam ein, und an ihrem Hals pulsierte eine Ader.

Dante eilte zu ihr und fing sie auf. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst da nicht hinschauen.«

Sie schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder. Das Licht in der Iris war erloschen. Sie atmete schwer. »Es ist etwas hier unten, das nicht hier sein sollte … das nirgendwo sein sollte in unserer Welt.«

Bross stellte sich dazu und stützte sich auf den Knauf seiner Waffe. »Kann es bluten?«

»Ja … und nein«, sagte Mel.

Der Halb-Oger knurrte. »Ihr Zauberer kennt offenbar nur solche Antworten.«

Dante half ihr auf. »Geht’s wieder?«

»Ja, keine Sorge.«

Bross zeigte auf Dante. »Der da geht vor.«

Also schlich er voran, das Licht von Mels Stab immer drei Schritte vor sich. Das Erdreich um sie herum veränderte sich, jetzt kleideten rissige Steinplatten es zu einem steinernen Gang aus. Wenn die Decke noch ein weiteres Mal einstürzte, war es aus mit ihnen.

Sie schwiegen, und Kälte und Dunkelheit kehrten zurück. Dante nahm sich zusammen. Sie würden hier herauskommen, und zwar nicht mit leeren Händen. »Wir kommen ihm näher«, sagte Mel mit dumpf hallender Stimme.

Dante blieb abrupt stehen. »Halt.«

Da war etwas.

Er ließ den Blick über die Wände links und rechts schweifen. Die Fugen der Steinplatten auf Hüfthöhe waren zu breit. Die Platten ruhten nicht direkt aufeinander, sondern ließen Raum für etwas.

Er zog eine Münze aus seiner Tasche, einen Kupferkreuzer, den würde niemand vermissen. Er warf ihn hoch in die Luft, fing ihn wieder auf und schnippte ihn schließlich nach vorn. Das Metall glänzte im fahlen Licht und erreichte den Rand des erleuchteten Bereichs. Etwas klackte metallisch.

Aus den Fugen in den Wänden fuhren blitzende Klingen, lang wie Arme, und sirrten durch die Luft. Dante machte einen Satz zurück. Die Spitzen sausten haarscharf an seinen Beinen vorbei, bevor die Klingen mit einem grässlichen, kratzigen Geräusch wieder in den Wandfugen verschwanden.

Vor ihm lag eine Hälfte des Kreuzers. Er hob ihn auf und drehte sich mit einem Lächeln um. »Kannte ich schon. Die Diebesgilden nennen sie ›Einbeiniger Bandit‹. Hier würde man eigentlich mit Druckplatten als Auslöser rechnen, aber falsch gedacht. Gebt mir zehn Sekunden und etwas mehr Licht.«

Mel trat hinter ihn, und das Leuchten flutete die Aussparungen in den Wänden.

Er ging ein paar Schritte zurück und nahm Anlauf. »Falls ich es nicht schaffe, begrabt bitte beide Hälften.«

Er lief los, warf sich auf den Boden und schlitterte rücklings über den Stein. In der Wand neben ihm klickte es. Die Sensenarme schossen heraus und zischten mit einem Luftzug über ihn hinweg. Dann klickte es überraschenderweise direkt vor ihm. Diese Fuge zwischen den Bodenplatten war ihm vorher gar nicht aufgefallen. Dort ragte jetzt eine Sense heraus und streckte sich in seine Richtung. Blitzschnell warf er sich zur Seite. Die Klingenspitze griff in seinen Ärmel und riss ein Stück heraus, ehe er sich zur Wand rollte und die Welt sich überschlug. Da war eine weitere Wandfuge – die Sense konnte jeden Moment herausschnellen. Er streckte die Hand hinein und schloss sie um den kreuzförmigen Schalter, wie er es gelernt hatte, und drückte ihn zurück.

Ein metallisches Klacken hallte durch den Gang, aus den Wänden, dem Boden, der Decke, von überall.

Die Bodenklinge ragte weiterhin hoch auf. Mels Lichtzauber erhellte auch die Fuge in der Wand: Die Schneide war nur eine Handbreit von seinen Fingern entfernt stehen geblieben.

»Das war’s«, sagte er. »Kein Problem.«

Bross streckte ihm einen Arm hin, um ihm hochzuhelfen.

Mel und ihr Licht folgten. »Wir sind sehr nah«, sagte sie. »Am Ende des Gangs muss es sein.«

»Gut.« Dante nahm wieder die Position an der Spitze ein.

Schon nach zehn weiteren Schritten endete der Gang an einem Torbogen aus rissigem Stein, doch die Öffnung, durch die man hätte hindurchschreiten sollen, wurde von einer mächtigen Steinwand blockiert.

»Zugemauert«, sagte Mel.

Dante nahm den Torbogen genauer in Augenschein und strich über den Fels an der Seite. Trocken und kalt. »Das ist keine Mauer«, sagte er. »Es war eine Falle. Ein geschliffener Fels, der von oben herunterfällt, sobald jemand durch das Tor tritt.«

»Ich sehe kein Blut, keine Knochen«, sagte Mel. »Keine Anzeichen, dass das Ding jemanden erwischt hat. Genauso wenig wie bei der letzten Falle.«

Dante zuckte mit den Schultern. »Aber diese hier ist zumindest ausgelöst worden. Da war vielleicht jemand so schlau wie ich – ich weiß, das ist schwer vorstellbar.«

Mel seufzte.

Er krempelte den unversehrten rechten Ärmel hoch. »Vielleicht lässt sich das Ding irgendwie wieder heben.«

Eine kräftige Hand schob ihn zur Seite. »Vielleicht geht das auch anders.« Bross hob sein Schwert und rammte es mit der Spitze voran in den Fels, wobei es donnerte wie bei einem Gewittersturm. Staub und Erdkrumen rieselten von der Decke, und von der Stelle aus, an der das Schwert steckte, fraß sich ein Riss durch den Fels. Bross zog die Waffe heraus und stach ein weiteres Mal zu, so dass sich die Risse in alle Richtungen ausdehnten. Schließlich zerrte der Riese das Schwert heraus und lehnte es an die Wand.

Dante machte einen Schritt zur Seite, bevor Bross die Zähne zusammenbiss und mit der Schulter voran in den Torbogen rannte. Stein krachte und splitterte, und Brocken polterten auf den Boden.

Als der Staub sich gelegt hatte, stand Bross mitten im Tor, in einem Trümmerhaufen.

»Ja, so geht es wohl auch.« Dante folgte ihm.

Aber der Riese bewegte sich nicht, stand ganz starr und verstellte den Eingang.

Dante sah an ihm vorbei. Im Raum hinter dem Bogen brannte ein schwaches Licht: Fackeln an den Wänden. Die Kaverne mochte im Durchmesser 50 Meter messen, und das Licht fiel auf … Gold. Türme von Gold. Haufen von Münzen glitzerten wie Meereswellen im Sonnenuntergang.

Dante schob sich an Bross vorbei. Ein Schauer lief ihm über Arme und Beine. Das war unmöglich. Er hatte mit einem Schatz gerechnet, aber nicht mit solch einem Reichtum.

Ein Teppich aus Münzen bedeckte den Boden des Raums, und zu den Wänden hin erhoben sich regelrechte Türme.

Gedankenverloren hob er eine Handvoll Münzen auf – das Metall lag kalt auf seiner Haut – und ließ sie durch die Finger gleiten.

Er entdeckte auch noch andere Gegenstände: Hier ragte ein Schwert aus purem Gold heraus, dort lag eine Krone, in der grüne Smaragde funkelten.

Bross watete durch die Münzen wie durch einen Sumpf; bei jedem Schritt klirrten die Goldstücke aneinander.

Mel hielt sich dicht bei Dante und wies mit dem Licht ihres Stabs zu einem Haufen aus Münzen. »Da.« Ein Streitkolben schaute daraus hervor, der Schlagkopf aus purem Gold, besetzt mit kreisrunden Opalen.

Er wollte nicken, da merkte er, dass sie gar nicht auf den Streitkolben deutete.

Um ihn herum ragten Knochen aus dem goldenen Meer. Hier eine Hand, dort halb verdeckt ein Hüftknochen, und dicht bei dem Kolben ein Schädel ohne Unterkiefer und mit einem faustgroßen Loch in der Schädeldecke.

Ein weiterer Schauer überlief ihn, aber anders als der erste. Er schaute sich um – sie waren überall, diese bleichen Knochen. Der Widerschein der Fackeln und des Goldes überstrahlte sie, aber dennoch waren sie da.

»Warum sind sie hier?«, flüsterte Mel. »Warum nicht im Gang mit den tödlichen Fallen?«

»Weil die tödlichste aller Fallen dieser Raum hier ist«, murmelte Dante.

Er sah sich nach dem Torbogen um. Die Trümmer lagen noch immer dort, nichts regte sich.

Bross legte seine Hand auf einen Wappenschild, der im Fackellicht golden glänzte. Um ihn herum klirrten die Münzen wie von einem kleinen Beben.

Auch neben Dante tanzten nun die Münzen. Aber was sich bewegte, waren die Knochen. Sie krochen wie erstarrte Würmer aus den Goldbergen heraus und aufeinander zu.

»Dämonen!«, rief Mel. »Deswegen die ungute Aura. Sie beseelen die Knochen.«

Dante stolperte aus dem Goldberg heraus. Wo er eben noch gestanden hatte, formierten sich jetzt klappernde Knochen. Vor ihm setzten sich zwei Beine aus bleichem Gebein zusammen, und Becken, Brustkorb und Arme fügten sich an, als Letztes die Hand, in der eine kurze Klinge glitzerte.

»Rücken an Rücken!«, rief Dante. Er riss den goldenen Streitkolben aus dem Schatz, Münzen spritzten weg, dann zog er sich zurück und fügte sich in die Formation von Mel und Bross ein.

Mel hielt ihren Stab gesenkt, das blaue Leuchten des Kristalls wurde rot, und eine Hitzewelle fegte durch den Raum. Eine Handbreit vom Kristall entfernt schmolzen die Goldmünzen zischend zu einer gleichförmigen Masse.

Vier Knochenkrieger kamen auf Mel zu, sie hob ihre freie Hand und erzeugte eine Kugel aus glühendem Feuer. Bross hob seine Zweihandklinge über den Kopf, bereit für den Ansturm.

Dante wog noch den schweren, goldenen Streitkolben in der Hand, als ihn etwas am Fußgelenk packte und kräftig daran riss. Er strauchelte und stürzte. Neben ihm auf dem Boden lag eines der Skelette. Die Beine waren noch dabei, sich zusammenzufügen, der Schädel grinste ihm ein lippenloses Lächeln ins Gesicht, und die Hand hob ein Knochenschwert.

Er wollte sie mit den Händen abwehren, aber da bohrte sich die Klinge schon durch Haut und Fleisch – und dann in sein Auge.

1. Kapitel

Dante bäumte sich auf, schrie vor Schmerz und presste sich die Faust vors Auge. Eine kräftige Hand packte ihn an der Schulter und drückte ihn zurück auf den Boden.

Der Boden war weich und bestand aus einem weißen Laken. Eine braune Zudecke klebte an seinen schweißbedeckten Armen. Er öffnete die Augen. Ein Gasthauszimmer. Das Zimmer im Roten Eber, das er umsonst bekommen hatte, weil er dem einäugigen Wirt versprochen hatte, ihm abends in der Küche zu helfen. Er befand sich in diesem Dorf. Minlund.

Die Hand auf seiner Schulter gehörte Bross. Der Riese runzelte die Stirn. »Schlecht geträumt?«

Ja. Und das war untertrieben. Er hatte ein Schwert durchs Auge bekommen, und Skelette hatten um ihn herum getanzt. Er streifte Bross’ Hand von seiner Schulter und setzte sich auf. »Nein, nein, das ist normal. Ich wache gerne mit einem Schrei auf. Da fühlt man sich gleich bereit für den Tag.«

»Interessant.«

Dante ließ seinen Blick über Bross’ Halskette wandern – Reißzähne von Raubtieren, gefädelt auf ein Lederband – bis zu seinem Schulterpanzer, einem Echsenschädel ohne Unterkiefer. »Du musst mir nur noch erklären, warum du dich in mein Zimmer schleichst, während ich schlafe.« Er stand auf und kramte in der Truhe neben seinem Bett.

»Der Mann ist da. Na ja, eher ein Junge«, sagte Bross. »Ein kostümierter Affe auf jeden Fall.«

Dante fuhr herum. »Er ist jetzt da?«

Bross nickte.

Dante zerrte schnell eine Hose und ein Hemd aus der Truhe. Der Mittelsmann. Sie waren verabredet für die Verhandlungen. »Unterhaltet ihn so lange, bis ich da bin.«

»Ich bin kein Zigeuner.«

»Und Mel?«, fragte Dante, während er den Gürtel schloss.

»Der Mann sagt, er spricht nicht mit Frauen.«

Wahrscheinlich hielt er sie für ihre Dienerin oder Magd. Er schlüpfte in seine Stiefel. Eine Magierin des arkanen Kollegs als Dienerin … Warum nicht?

»He, Dante.« Bross lehnte neben der Tür an der Wand. »Ohne Auftrag müssen wir morgen draußen auf der Landstraße schlafen.«

Dante nickte und knöpfte sich vor dem stählernen Spiegel das Hemd zu. »Der Trick ist, diesen Mann das nicht wissen zu lassen.«

Eine Minute später saßen sie sich am Tisch in der Schenke gegenüber, zwischen sich die Tafel mit den Speisen, und außer ihnen befand sich nur der Schankwirt im Raum. Der junge Bote trug einen weiten, farngrünen Mantel, und auf seiner Mütze wippte eine rotgefärbte Fasanenfeder. Dante musste sich beherrschen, sie nicht ständig anzustarren.

»Ich bin Dante, Anführer der Schwerter«, sagte er in die Stille hinein. »Und meine Gefährten habt Ihr sicher schon kennengelernt. Bross, der Felsbrecher, und Mel, die Blutrote Flamme.«

Mel, die in der gegenüberliegenden Ecke des Schankraums über einem Buch saß, hob eine Augenbraue und zog eine mitleidige Grimasse.

»Der Graf hat schon von euch gehört«, begann der Bote. »Nur nicht von euren … Beinamen. Oder er hat vergessen, sie mir mitzuteilen. Aber von euren Taten in Nauheim habe auch ich Kunde erhalten.« Ein anderer Mann hätte das mit Humor in der Stimme gesagt, aber der hier nicht. Er zeigte keine Regung, sondern griff nach einer der eisernen Servierplatten und zog sich mit der Gabel Hühnerkeulen auf den Teller. Vom frischen Rührei und den gekochten Kartoffeln stieg Dampf auf.

Nauheim … O ja, er erinnerte sich, aber es waren nicht die besten Erinnerungen. Sie hatten das Schreckenswolfrudel aufgestöbert und erlegt, so dass die Bauern nicht mehr um ihr Leben bangen mussten, ja … Aber auf dem anschließenden Dorffest war Mel von einigen Männern angesprochen worden, die sich Mut angetrunken und ihre Hände plötzlich überall hatten, und Bross hatte die Kontrolle verloren, war vom Berserkerzorn gepackt worden, der ihm Kräfte jenseits jedes Menschen verlieh und ihm Mitleid und Selbstkontrolle nahm. Allen liebestollen Männern hatte er mindestens eine Hand gebrochen, mindestens. Nur Mel hatte ihn aufhalten können.

Noch schlimmer war, dass auch er getrunken hatte und die Tochter des Bürgermeisters Gefallen an ihm gefunden hatte. Um wen es sich bei ihr handelte, hatte er erst am nächsten Morgen herausgefunden, als die schmerbäuchigen Männer der Dorfwache ihn aufstöberten und mit Piken aus der Stadt jagten.

Es war sicher besser, das Thema zu wechseln.

»Ihr seid wohl öfter hier«, sagte Dante, »wenn die Köche für Euch so ein Festmahl bereithalten.«

Der Bote ließ den Blick über die Tafel schweifen, noch immer ohne eine Gefühlsregung. Nein, er war nicht öfter hier.

»Sie wussten, dass ein Bote Graf Larlans eintreffen würde.«

Dante lehnte sich an die Wand und horchte in die Pause des Gesprächs hinein. Der junge Mann verhandelte wahrscheinlich das erste Mal, zuvor war er womöglich Knappe oder bloß Küchenjunge gewesen. Natürlich war ihm eingebleut worden, dass man gegenüber Leuten, mit denen man Geschäfte machen wollte, keine Schwäche zeigen durfte. Mal sehen, wie lange ihm das noch gelang.

Dante schaufelte mit einer ausladenden Geste ein paar gedünstete Pilze auf seinen Teller. »Kommen wir zum Grund, warum wir hier sind und ich mit Euch speisen darf. Euer Graf möchte die Schwerter anheuern.«

»Ja.« Der junge Mann kaute auf einem Stück Hähnchenfleisch, und jede Bewegung sah kontrolliert aus. »Vielleicht.«

Aha, er wollte ihn zappeln lassen.

»Um was geht es denn?«, fragte er dienstbeflissen. »Sollen wir seine antiken Rüstungen polieren, an seiner Mittagstafel servieren oder die Ratten aus dem Keller vertreiben?«

Der Bote blickte auf seinen Teller und schnitt ein weiteres Stück Fleisch von der Hühnerkeule. »Ihr müsst Stillschweigen über das bewahren, was ich euch jetzt erzähle.«

»Oh, ich muss gar nichts. Wir haben noch kein Dokument unterzeichnet.«

Details

Seiten
74
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531494
Dateigröße
734 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318536
Schlagworte
eBooks Jugendbuch ab 14 Jahre fuer Jungen fuer Maedchen Fantasy Rollenspiel Dungeons and Dragons Schwertkampf Magie Word of Warcraft Freundschaft Herr der Ringe High Fantasy

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Titel: DIE SCHWERTER - Band 1: Höllengold