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DIE SCHWERTER - Band 4: Hexenjagd

2016 66 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Endlich ist es so weit! Überall in der Stadt freut man sich auf den Winterwundermarkt und seine vielen Attraktionen – aber  Dante ahnt, dass das Vergnügen auch Schattenseiten hat. Eines Nachts beobachtet er, wie ein Mann von einer erschreckenden Kreatur getötet wird. Handelt es sich um eins jener Fabelwesen, die am Tag von einer alten Hexe zur Schau gestellt werden? Und welches Geheimnis hütet die Frau mit dem entstellten Gesicht? Dante und Bross beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen – ohne zu ahnen, dass dies für ihre Freundin Mel zu einer ungewollten Begegnung mit ihrer Vergangenheit führen wird …

Abenteuer, Gefahren, coole Sprüche und jede Menge Action: ein rasantes High-Fantasy-Lesevergnügen!

Über den Autor:

Thomas Lisowsky wurde 1987 in Berlin geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, bevor er als Autor bei einer Berliner Entwicklerfirma für Computerspiele arbeitete. 2009 wurde er mit dem ZEIT-Campus-Literaturpreis ausgezeichnet.

Bei jumpbooks veröffentlichte Thomas Lisowsky bereits den Roman Magie der Schatten. Seine Serie DIE SCHWERTER umfasst die folgenden Einzelbände:

DIE SCHWERTER – Erster Roman: Höllengold

DIE SCHWERTER – Zweiter Roman: Drachenblut

DIE SCHWERTER – Dritter Roman: Duell der Klingen

DIE SCHWERTER – Vierter Roman: Hexenjagd

DIE SCHWERTER – Fünfter Roman: Schwarzer Turm

DIE SCHWERTER – Sechster Roman: Verbotenes Wissen

DIE SCHWERTER – Siebter Roman: Feuerteufel

DIE SCHWERTER – Achter Roman: Blutiger Sand

DIE SCHWERTER – Neunter Roman: Dämonenzorn

Lernen Sie Thomas Lisowsky im Internet kennen – auf seiner Homepage (www.thomaslisowsky.com) und bei Facebook (https://www.facebook.com/thomas.lisowsky.8).

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com (greglith, Unholy Vault Designs, Atelier Sommerland, Algol)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-156-2

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Thomas Lisowsky

DIE SCHWERTER
Hexenjagd

Vierter Roman

jumpbooks

1. Kapitel

Der Körper fiel mit einem platschenden Geräusch zu Boden. Zwei Diener hievten ihn aus der Seilschlaufe und schoben ihn über den schwarzen Obsidianstein. In der Opfergrube lagen noch viele weitere Leiber; das verriet der bestialische Gestank, der von dort emporstieg.

Dunkle Flüssigkeit rann von den Gliedern des Toten, den sie eben heraufgeholt hatten. Tristan rückte seinen Stuhl zurecht, sah in das halb verfaulte Gesicht des Leichnams, schüttelte den Kopf, lehnte sich wieder zurück und sagte: »Weiter, macht weiter.«

Es konnte noch lange dauern, bis sie die richtige Leiche fanden. Aber er würde warten – wie er schon all die Jahre gewartet hatte, bis er hierher hatte zurückkehren können, ausgestattet mit der Macht, das Triumvirat zu stürzen.

Hastige Schritte kündigten einen Dienstboten an, und Tristan wandte sich ihm zu. Der Junge trippelte die letzten Meter heran, den Blick gesenkt, und warf sich vor ihm nieder. Seine zu große Robe floss weit über den Boden und bot einen seltsamen Anblick.

»Steh auf.« Tristan machte eine herrische Geste.

Der Junge hob langsam den Kopf, als erwartete er eine Strafe. Er keuchte und würgte. »Ich habe Nachricht, Herr. Erlaubt Ihr mir zu sprechen?«

»Wenn nur Worte aus deinem Mund kommen und nichts anderes, ja.«

Der Junge hatte kurzgeschorenes, schwarzes Haar, das an eine Lederkappe erinnerte. Er stand auf und entrollte dabei ein Pergament, das viel zu groß für seine Hände war und ihn wie einen ulkigen Zauberlehrling aussehen ließ. »Es sind Berichte von den Priestern eingetroffen.«

»Was berichten sie mir denn?« Er hatte ein Auge auf den nächsten Leichnam, der gerade aus der Opfergrube gezogen wurde. Der Körper blieb hängen an den armlangen Widerhaken am Grubenrand, die Fleisch und Haut von einem Bein schälten.

»Sie haben nichts finden können, Herr.«

Tristan trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Ja, weil sie unfähig sind.« Aber auch seine größte Hoffnung hatte versagt, der Mann in Schwarz, dem er genug Erfahrung zugetraut hatte, und auch Gnadenlosigkeit, Kälte und Entschlossenheit. »Bist du auch unfähig?«

»Ich?« Der junge Dienstbote hob den Blick. Er war unsicher, ja, aber in seinen Augen stand nicht dieselbe Angst wie in denen der anderen.

»Nein, bist du nicht«, sagte Tristan, und sofort entspannte sich der Junge. »Du bist nur ein Überbringer von schlechten Nachrichten. Früher haben Könige solche Männer mit Vorliebe aufgeknüpft oder vierteilen lassen. Ein nutzloser und ungerichteter Akt des Zorns.«

»S-Seid Ihr denn zornig, Herr?«

»Ja, auf dich. Weil du kaum einen Satz ohne Herr beenden kannst.« Tristan nahm den Jungen am Arm und zog ihn näher zu sich heran. »Sag mir ehrlich, was denkst du über den Mann, der das Triumvirat zerschlagen hat, die kirchliche Ordnung zerstört und nun die heiligen Körper der Ritualopfer aus der Grube zerren lässt? Alte Gebetsmeister und junge Krieger zittern und stottern vor mir, seit sich herumgesprochen hat, was ich mit den Attentätern gemacht habe. Das langweilt mich.«

Plötzlich wich die Anspannung aus dem Körper des Jungen. »Es wurde Zeit«, sagte er.

Der Leichnam aus der Grube platschte drüben auf den Boden. Einer der Diener wischte sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn und hinterließ eine Blutspur darauf.

Tristan hielt den Blick auf den Jungen gerichtet. »Wofür wurde es Zeit?«

»Ihr habt die Männer getötet, die all das hier getan haben.« Der Junge ballte die Fäuste. »Ich bin nur hier, weil ich von Euch lernen will.«

Tristan konnte nicht anders, als zu lächeln. Das hatte er bislang hier noch nicht gehört.

Unvermittelt erfasste etwas sein Innerstes, heiß und schwer wie ein Fieber. Gerade kam die nächste Leiche mit dem Seilzug herauf. Mit traumwandlerischer Sicherheit stand er auf und ging hinüber. Er schob den Diener, der den Körper herabzog, an der Schulter beiseite und betrachtete die Tote.

Das lange braune Haar verdeckte ihr Gesicht. Ein Zittern durchlief ihn, seine Hände bebten. Er wagte kaum, sie zu berühren. Flecken von dunkler Flüssigkeit, hervorgerufen durch die Hunderte verrottender Leichen dort unten, bedeckten ihre Körper. Er strich ihr die Haare aus der Stirn, und es war wie an dem Tag, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Er taumelte zurück wie betrunken. Die Haare fielen wieder herab und bedeckten ihr Gesicht. Sie war es, und doch auch nicht. »Bringt sie zu den Einbalsamierern. Sie wissen, was zu tun ist.« Er durfte sie nicht ansehen, nicht jetzt, nicht so.

In seinem Magen rumorte es. Er verfluchte sich deswegen, aber es war nur natürlich, dass ihr Körper nicht … unverändert geblieben war.

Taumelnd kehrte er zu dem Jungen zurück, kniete sich vor ihn, so dass sie auf Augenhöhe waren, und fixierte ihn. »Du willst also von mir lernen. Das ist mal etwas Neues. Dann komm mit.«

***

Dante zog die Decke enger um den Körper und setzte sich auf. Der Wind blies durch die Fenster des kleinen Gotteshauses, draußen flatterten lautstark die Banner.

Sie waren in einem Tempel untergekommen, der den Namen von Ari, der Mutter der Ähren, trug. Einige weitere Gestalten lagen in Decken gehüllt an der Wand oder auf den Bänken. Die Kerzenleuchter spendeten schwindendes Licht in den Seitenschiffen. In einer Stunde würde es völlig dunkel sein.

»So fühlt sich also die Hauptstadt an: hart am Rücken.« Bross saß an der Wand und hatte zwei Decken um seinen massigen Körper geschlungen.

Dante starrte in die Dunkelheit des Altarraums. Dort sollte niemand nächtigen, also brannten auch keine Kerzen. »Es kann dauern, bis wir eine Audienz bekommen.« Er stand auf und ging ein paar Schritte auf und ab. »Wir sind nicht mehr in Minlund, wo man den höchsten Priester der Stadt einfach auf dem Marktplatz ansprechen kann. Der Soras-Hohepriester hat hier so viele Verteidigungslinien wie eine Königsburg – bürokratische Verteidigungslinien.«

Mel wälzte sich auf ihrer Bank von einer Seite auf die andere. »Schön, dass er sich lieber um entlaufenes Vieh kümmert als um Dämonenwesen, die das Reich bedrohen.«

»Wir stehen auf der Liste.« Dante stellte sich auf die Zehenspitzen, um aus dem Fenster zu blicken. »Irgendwann werden wir in seine Hallen gerufen.«

Unter ihnen breitete sich die Unterstadt aus, mit ihren zahllosen gleichförmigen Dächern und Gässchen, in der Ferne umrandet von der Stadtmauer und den spitzen Wehrtürmen. Der Tempel auf der Anhöhe bot einen guten Ausblick über die Stadt, die das Herz des Reichs darstellte.

»Leg dich hin und hör auf, Lärm zu machen«, sagte Mel. »Hier herumzutapern, bringt uns auf der Liste auch nicht weiter voran.«

Sie hatte ja recht. Er wusste auch nicht, weswegen er nicht schlafen konnte. War es etwa wegen Eris, dem Mann, dessen Waffe er nun an der Hüfte trug? Oder wegen der Bedrohung, die noch immer über ihnen schwebte, selbst hier innerhalb der am schwersten befestigten Mauern des Reichs?

»Ich lege mich gleich wieder hin«, sagte er und schlenderte weiter auf und ab.

Zuletzt war er in Eisenheim in einer Kirche gewesen; sie war Oran, dem einäugigen Herrn der Schmiedefeuer und Ambosse, geweiht. In ihr hatte es mehr Eisen als Stein gegeben, und sie war eher Zunftgebäude als Gotteshaus.

Er war auf seinem unruhigen Marsch fast am Eingangsportal angelangt, da drangen hastige Schritte von draußen heran. Ein Schrei erschallte und brach abrupt ab, es pochte heftig gegen die Eingangstür, dann wurde sie aufgedrückt, jemand zwängte sich durch den Spalt und krächzte etwas Unverständliches. Der Ankömmling hinterließ eine Spur aus dunklen Tropfen auf dem Boden.

Dante eilte zu ihm, aber da donnerte etwas gegen das Holz und schmetterte ihm den Türflügel entgegen. Das massige Holz krachte in seine Schulter, stieß ihn zurück, so dass er nach hinten stürzte und über den Boden des Tempels rutschte.

Ein vierbeiniger Schemen hastete an ihm vorüber. Im ersten Moment dachte Dante an einen Wolf, aber dafür war die Kreatur zu groß. Sie erinnerte eher an einen Landdrachen.

Der flüchtende Mann schrie auf, und der Laut wurde vom Kirchengewölbe zurückgeworfen. Die Bestie rannte ihm in die Dunkelheit des Altarraums nach. Ein Leuchter kippte um und prallte klirrend auf den Steinboden.

Dante stand auf, war aber viel zu langsam.

Der Fliehende suchte Schutz hinter einer Säule, aber die Bestie hetzte ihm nach und sprang. Stein splitterte, und ein grässliches Knurren erfüllte den Kirchenraum. Der nächste Schrei verwandelte sich in ein ersticktes Gurgeln.

Eine hölzerne Tempelbank brach und kippte um, das Wesen sprang behende herab und raste zurück zum Ausgang.

Dante stand ihm im Weg, den Säbel in der Hand. Das, was da auf ihn zukam, war etwas anderes. Um seinen Hals wallte eine Mähne, oder war es eine lederne Halskrause? Von den Seiten hingen offenbar Schwingen herab, und der Schwanz war eine Dornenpeitsche. Zumindest sah es in der Finsternis so aus.

Dante warf sich zur Seite, und das Ungeheuer sprang in vollem Lauf durch die Tür, den Gestank von Blut und Urin hinter sich herziehend.

Er atmete schwer. Das war knapp. Überall im Saal erhoben sich Menschen von ihren Schlafstellen, und Tuscheln und Flüstern hallte durch den Raum. Eine dunkle Spur führte vom Eingang bis zu der umgestürzten Bank.

Dante folgte ihr.

Zwischen den geborstenen Brettern lag eine Gestalt mit verrenktem Körper. Die Arme waren in einer verzweifelten, abwehrenden Geste gekrümmt, und zwischen Kopf und Körper fehlte etwas: Vom Hals war nur zerrissenes Fleisch übrig.

Dantes Magen rumorte. Er stolperte zur Seite, und etwas walzte sich seine Kehle hinauf, so dass er sich an der Säule abstützen und den Kopf senken musste. Saures Erbrochenes floss von seinen Lippen auf den Kirchenboden.

2. Kapitel

Am nächsten Morgen spukten die Geschehnisse der Nacht noch in seinem Kopf herum. Sonst waren es stets die Erinnerungen an die Träume, in denen er ein anderer war, aber heute sah er zusätzlich den kreischenden Schatten, der von einer schemenhaften Bestie zerrissen wurde.

Hatte auch das etwas mit der Münze zu tun? Mit Dreckfresser, dem Landdrachen im Sumpf, mit der seltsamen Seuche in Eisenheim? Es war ein zu großer Zufall, dass all das ihm widerfuhr, ihn förmlich suchte …

Jemand tippte ihm auf den Arm. »Du kennst dich doch aus. Kann man da mitspielen, oder ist das nur Bauernfängerei?«

Er schreckte aus seinen Gedanken hoch.

Natürlich, er schlenderte gerade mit Mel und Bross über den Winterwunder-Markt. Es war ein frischer Morgen, und einzelne Schneeflocken tanzten durch die Luft. Eine fröhliche Melodie von zwei Mandolinenspielern in roten Mänteln klang über den Marktplatz.

Mel zog an seinem Ärmel und zeigte auf eines der vielen bunten Zelte. »Das da, Entenjagd. Bauernfängerei oder nicht?«

»Keine Ahnung.« Er warf nur einen kurzen Blick darauf. Mittels eines komplizierten Vorgangs fuhren Holzenten in einer eisernen Bahn im Kreis, und die Spieler mussten mit zwei dünnen Stöcken eine aus dem Kreislauf herausziehen. »Ich kenne mich mit Karten und Würfeln ganz gut aus, aber Enten sind nicht mein Spezialgebiet.«

Der Markt war voll mit Buden, Zelten und Spielen, die er nicht kannte. Ein Feuerschlucker machte sich warm, indem er mit zwei Fackeln jonglierte, und der Geruch des Alkohols, in den die Fackeln getaucht waren, zog herüber – vermischt mit dem Duft gefüllter Bratäpfel und in Zucker gebackener Nüsse.

»Ob sie hier auch einen Kampfring haben?«, fragte Bross.

Dante lächelte. »Ich dachte, der Sinn dieses Markts wäre, die Leute all die gewalttätigen Dinge vergessen zu lassen, die sie jeden Tag erleben.«

Bross knurrte. »Dann eröffne ich eben meinen eigenen Kampfring.«

»Und ich will dieses Entenspiel spielen«, sagte Mel.

»Bitte, bitte. Enten und Kampfringe für die Mitglieder der Schwerter.« Dante schlenderte weiter. »Dann treffen wir uns zur Mittagsstunde wieder hier. Zu essen gibt es bestimmt nur süßes Zeug.«

Schnell waren die beiden zwischen den Menschen verschwunden, und er ging allein weiter.

Zwei Artisten balancierten auf einem dünnen Brett über einem Wassertrog und führten dabei ein Wortgefecht. Ab und an hoben sie die Fäuste in übertrieben drohender Manier. Die Menschentraube um sie herum brüllte vor Lachen, so dass von ihrem Disput kaum etwas zu hören war.

Jemand huschte dicht an Dante vorbei und blieb dann stehen. »Ich hätte sie dir schon wieder klauen können. Mit nur einem Arm.«

Tivis hatte ihr rotes Haar zu einem Zopf gebunden. Sie sah älter aus, aber nicht nur deswegen.

Dante klopfte sich auf die Brust und spürte den Widerstand der Münze in der Mantelinnentasche. »Sie ist jetzt hier. Das wäre schwierig geworden.« Besonders mit deinem schwachen Arm.

Sie schlich um ihn herum und beäugte ihn neckisch. »Klar. Aber ich verfüge immer noch über eine Hand, da musst du aufrüsten.«

Er fasste sie an der Schulter und strich am Arm herunter bis zum Stumpf. »Einen guten Teil des Arms hast du ja noch.«

»O ja.« Sie streifte seine Hand blitzschnell ab und deutete mit dem Stumpf auf seine Brust, als wäre er eine Waffe. Aber der herunterhängende Ärmel wirkte nicht sehr bedrohlich. »Ich kann einen Faustschild daran schnallen, und kaum einer wird merken, dass mir da etwas fehlt.«

»Merkst du es denn?« Er nahm das Ende des lose herunterhängenden Ärmels und zupfte daran.

Sie fixierte ihn, und ihr Lächeln schmolz dahin. »Frag bitte etwas Klügeres.« Sie ließ den Arm sinken.

Er nickte und beließ es dabei. »Wie kommst du hierher? Warst du nicht mit Meratus zusammen in Eisenheim?«

»Du meinst, wegen der verschlossenen Tore und der hohen Stadtmauern? Das hält eine Diebin nicht auf. Außerdem gab es offenbar Unstimmigkeiten bei der Stadtwache, und das Tor stand eine ganze Weile auf. Und dann waren da noch ein paar herrenlose Pferde auf der Straße … Du weißt nicht zufällig, woher die kamen?«

Dante lächelte. Die Soldaten. Sein Kampf mit Eris …

»Was gibt es auf diesem Markt, das man gesehen haben muss, bevor man stirbt?«

Tivis’ Miene hellte sich auf, und sie lachte. Mit ihrer gesunden Hand nahm sie seine und ging los. »Die Naschereien sind zwar lecker, aber die bekommt man auch anderswo.«

»Und die Artisten?«

Sie passierten einen Schwertkünstler, der mit zwei Krummsäbeln einen wilden Tanz aus wirbelnden und zuckenden Bewegungen aufführte. Im Kampf ums Überleben war das sinnlos, aber im Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums …

Tivis schüttelte den Kopf. »Das können wir ja beinahe selbst – ich zumindest.« Sie zwinkerte ihm zu. »Nein, was man hier wirklich gesehen haben muss, befindet sich da vorn.«

Sie gingen weiter die Straße hinunter und passierten Stände, die nach geschmolzenem Zucker dufteten, weitere Tänzer und Musikanten.

Auf dem großen Platz standen vergitterte Wagen in einer Formation. Jeder dieser schweren Wagen brauchte ein komplettes Gespann, um bewegt zu werden. Ein großes Banner hing vor dem Platz, mit einer Aufschrift in großen Lettern: Die wundersame Sammlung der Karayana. Im Innern der Wagenkäfige lag Stroh, aber sonst gab das Halbdunkel nicht viel preis.

»So etwas hast du noch nicht gesehen.«

Tivis zog ihn zum ersten Wagen. Eine Menschenmenge hatte sich davor versammelt, mehr als doppelt so groß wie die vor dem Schwerttänzer. Und sie schwiegen alle.

In dem Stroh lag etwas Großes. Der Kopf einer Ziege hob sich und blickte in die Menge, aber direkt darunter hing der Kopf eines Löwen, umrahmt von einer Mähne, die in ihrer Farbe mit dem Stroh verschmolz. Beide Köpfe saßen auf demselben massigen Körper. Über das Hinterteil des Tiers schlängelte sich eine tannengrüne Schlange … Nein, die Schlange war der Schwanz.

Erst jetzt bemerkte Dante den Schriftzug über dem vergitterten Wagen. Die Chimäre.

»Ist sie … wirklich?«, fragte er.

Tivis drückte seine Hand. »Was von dem, was wir sehen, ist wirklich?«

»O ja, flüchte dich nur in philosophische Aussagen.«

Details

Seiten
66
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531562
Dateigröße
942 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318539
Schlagworte
eBooks Jugendbuch ab 14 Jahre fuer Jungen fuer Maedchen Fantasy Rollenspiel Dungeons and Dragons Schwertkampf Magie Word of Warcraft Freundschaft Herr der Ringe High Fantasy

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