Lade Inhalt...

DIE SCHWERTER - Band 7: Feuerteufel

2016 68 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Willkommen im Nirgendwo: Landsend ist zu groß für ein Dorf, zu klein für eine Stadt. Ein Ort, an dem die Menschen in Ruhe und Frieden leben können und nur einen Feind haben: die Langeweile. Doch das ändert sich, als Dante in seine Heimat zurückkehrt – denn ihm ist ein Dämon auf den Fersen, der Tod und Verderben mit sich bringt. Nur ein besonderes Opfer kann seinen Blutdurst stillen. Aber sind Dante und seine Freunde bereit, diesen Preis zu zahlen?

Abenteuer, Gefahren, coole Sprüche und jede Menge Action: ein rasantes High-Fantasy-Lesevergnügen!

Über den Autor:

Thomas Lisowsky wurde 1987 in Berlin geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, bevor er als Autor bei einer Berliner Entwicklerfirma für Computerspiele arbeitete. 2009 wurde er mit dem ZEIT-Campus-Literaturpreis ausgezeichnet.

Bei jumpbooks veröffentlichte Thomas Lisowsky bereits den Roman Magie der Schatten. Seine Serie DIE SCHWERTER umfasst die folgenden Einzelbände:

DIE SCHWERTER – Erster Roman: Höllengold

DIE SCHWERTER – Zweiter Roman: Drachenblut

DIE SCHWERTER – Dritter Roman: Duell der Klingen

DIE SCHWERTER – Vierter Roman: Hexenjagd

DIE SCHWERTER – Fünfter Roman: Schwarzer Turm

DIE SCHWERTER – Sechster Roman: Verbotenes Wissen

DIE SCHWERTER – Siebter Roman: Feuerteufel

DIE SCHWERTER – Achter Roman: Blutiger Sand

DIE SCHWERTER – Neunter Roman: Dämonenzorn

Lernen Sie Thomas Lisowsky im Internet kennen – auf seiner Homepage (www.thomaslisowsky.com) und bei Facebook (https://www.facebook.com/thomas.lisowsky.8).

***

eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com (greglith, Unholy Vault Designs, Atelier Sommerland, Algol)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-152-4

***

Damit der Lesespaß sofort weitergeht, empfehlen wir dir gern weitere Bücher aus unserem Programm. Schick einfach eine eMail mit dem Stichwort Die Schwerter an: lesetipp@jumpbooks.de

Gerne informieren wir dich über unsere aktuellen Neuerscheinungen – melde dich einfach für unseren Newsletter an: http://www.jumpbooks.de/newsletter.html

Besuch uns im Internet:

www.jumpbooks.de

www.facebook.com/jumpbooks

https://twitter.com/jumpbooksverlag

www.youtube.com/jumpbooks

Thomas Lisowsky

DIE SCHWERTER
Feuerteufel

Siebter Roman

jumpbooks

Kapitel 1

»Nicht so, Junge«, sagte Tristan. »Nicht zu viel an den Armen.« Seine Stimme hallte durch den kleinen, finsteren Raum, und er erschrak beinahe, wie gelangweilt sie klang. Er beobachtete den jungen Diener, der mit einem Pinsel an Eras Armen herumtupfte.

Der junge Mann fuhr zu ihm herum, warf sich neben seiner Duftwasserschale auf die Knie und rang die Hände. »Verzeiht mir, Herr.«

Tristan hob die Augenbrauen. Er kannte die Furcht in diesem Blick nur zu gut von den Menschen hier – zumindest von denen, die ihm nicht nur Hass entgegenbrachten. Er nickte dem Diener zu und trat an den Sitz, eine einfachere Version des Throns hier im geheimen Raum.

Auf ihm saß sie, ihr Körper kalt und die Augen blind. Aber wenn sie endlich erwachen würde, dann sollte sie ihre Schönheit wiederhaben.

Zwei Diener bestrichen ihre Arme mit Duftwässerchen, trotzdem umgab sie nach wie vor der Geruch von Fäulnis. Ein junges Mädchen legte ihr Blumen um den Hals, aber selbst die vermochten nicht gegen den Geruch anzukommen, und so hing ein seltsames Gemisch aus widerstreitenden Düften im Raum.

Die erste Beschwörung war gescheitert, ja, aber so konnte er die zweite besser vorbereiten. Dass es jetzt niemanden mehr außer ihm gab, der mächtig genug für die Beschwörung war, war vielleicht gut so. Er hätte nichts dagegen gehabt, einen von Ashus Priestern zu opfern, aber wenn der so scheiterte wie Jiwen, konnte er den beschworenen Dämon mit in den Tod reißen. Und damit die letzte Möglichkeit, Era zurück ins Leben zu holen.

Er ging hinüber zu ihr, beobachtete die Vorbereitungen.

Sie sollte nicht nackt in ein Tuch gewickelt erwachen, umgeben von fremden Gestalten, sondern auf einem Thron, voller Blüten und Duftwasser.

Er trat hinter den kleinen Thron und legte ihr eine Hand aufs Haar. Es war noch nass von den Waschungen. Er schloss die Augen und strich darüber, aber es war nicht wie früher, sondern kalt und klamm. Er berührte hier etwas, aber nicht sie.

Wenn sie erwachte, wäre es dann wieder wie damals, als es nur sie beide gegeben hatte? Würde sie wieder an seiner Seite sein oder sich viel eher daran erinnern, durch wessen Hand sie gestorben war, und ihn nicht einmal mehr ansehen?

Aber jetzt gab es da schon jemanden, der an ihn glaubte und ihm vertraute, und das mit einer Hingabe, die er sich kaum erklären konnte …

»Eine Audienz, Herr.« Einer der Wächter stand am schmalen Ausgang des Geheimraums.

»Wer?«, fragte er zornig. Wer störte ihn, während er bei Era weilte?

»Ein Junge, Herr, aber keiner der Diener. Ich glaube –«

Es war Mio. Sein Zorn verflog in Sekunden. »Ich bin sofort da.«

Als er zurück in den Thronsaal trat, wartete der Junge vor den Stufen des dreifaltigen Throns.

»Du riechst komisch«, sagte er sofort.

Tristan lächelte. Er musste jetzt wieder das Spiel der Verstellung spielen. »Fremdartige Kräuter und Reagenzien machen einen großen Teil der fortgeschrittenen Formeln aus.«

Mio kam näher heran, um an seinem Arm zu schnuppern. »Riecht wie dieses Zeug, was Frauen immer nehmen, wenn sie sich für die Männer hübsch machen.«

»Ja«, sagte Tristan, »diese Pflanzen finden vielfältige Anwendung.«

Der Junge nickte abwesend. »Hast du gehört, was mit den Graumänteln passiert ist, die wir gekauft haben?«

»Ja, sie sind gescheitert.«

»Der Anführer sagt, Dante selbst hätte ihn besiegt und gefesselt.«

»Dante, Dante …« Tristan ballte eine Hand zur Faust. »Ja, er ist stark und gerissen, aber vor allem hat er keine Angst. Das ist es vor allem. Er sollte längst tot sein, aber er tut Dinge, mit denen niemand rechnet.«

»Der Rest der Graumäntel ist tot, verbrannt in einem Feuer in Trifekta.«

Tristan schüttelte den Kopf. »Das wird zu teuer. Hätte ich ihn nur gleich mitgenommen …« Er schlug die Faust gegen den Obsidianstein der Wand. »Denkst du, er weiß es? Dass er der Träger für die Kraft der Münze ist?«

»Kommt darauf an. Wie fühlt sich das denn an?«

»Woher soll ich das wissen?« Tristan strich sich durch die Haare. »Eris hat ebenfalls versagt.«

»Wer ist das?«

»Jemand, der Dante fallen sehen wollte, und damit war er mehr wert als hundert Leute, die ich dafür bezahlen konnte. Aber jetzt hat er mich verraten, und ich werde ihm nachstellen und ihn bestrafen.«

Der Junge deutete auf die Geheimtür hinter Tristan. »Kann ich mir die Vorbereitungen ansehen? Oder dabei helfen?«

Tristan machte zwei Schritte zurück. »Das ist nichts für dich. Die niederen Diener kümmern sich darum. Du musst dir nicht die Hände schmutzig machen.«

»Ich will dir nur helfen.« Er senkte den Kopf.

Tristan wurde warm vor Rührung. »Das musst du nicht.« Er legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. »Es reicht mir zu wissen, dass du da bist und mich unterstützt, wenn es wirklich darauf ankommt.«

»Alles in Ordnung?«, fragte der Junge.

»Ja«, sagte Tristan.

Mio blickte ihn merkwürdig an. Aber nein, das war kein Misstrauen, sondern nichts anderes als Sorge. Und mit einem Mal wusste er es.

Er wusste, dass er Era gar nicht mehr brauchte. Denn jetzt war Mio da, der ihm Kraft verlieh.

Und morgen schon würde er ihm zeigen, was ihn all die Zeit beschäftigt hatte – und welcher Irrglaube ihn angetrieben hatte.

Er lächelte ihn an, und Mio lächelte zurück.

Kapitel 2

Dante schreckte hoch und fand sich wieder in der Finsternis der schwarzen Obsidianhalle. Aber dann war es doch nur die Dunkelheit eines frühen, bitterkalten Morgens, und um ihn pfiff der Wind durch kahle Baumgerippe.

Er setzte sich auf. Sein Rücken schmerzte, als habe er auf spitzen Steinen geschlafen, obwohl sie sich für ihr Nachtlager den weichsten Teil des Waldbodens ausgesucht hatten.

Neben ihm raschelte die Blätterdecke. »Wieder ein Traum?«, fragte Mel.

»Ja, wieder einer.« Er wischte sich übers Gesicht und bemerkte einen Schweißfilm.

»Ist es, weil wir hier sind?« Mel saß neben ihm, gehüllt in Decken und ihren Wintermantel. »So nah an der Stadt?« Sie nickte dorthin, wo die Baumreihen lichter wurden und die Siedlung lag.

»Nein. Es wurde nur mal wieder Zeit, dass ich in seine Haut schlüpfe. Ich frage mich, ob er es bemerkt hat. Und ob das, was ich sehe, wirklich geschieht.«

»Hast du etwas erfahren?« Mel legte die Hände um den Kristall ihres Stabs. Ein warmes Leuchten drang aus dem Innern.

»Er jagt mich. Und diese Graumäntel in Trifekta hat er auch geschickt.«

Mel lachte leise. »Das ist jetzt einerlei. Die, die überlebt haben, gesellen sich zu unseren vielen Verfolgern. Sollen sie sich hinten anstellen.«

Dante zog seinen Schlafsack um sich zusammen. »Ja, aber ich kenne jemanden, der sich nicht hinten anstellen wird.«

»Kenne ich ihn auch?«

Sicher, wollte er sagen, aber dann fiel ihm ein, dass das nicht stimmte. In der Schenke in Eisenheim hatte er allein mit dem Blinden gespielt, danach hatte Eris nur ihn aufgesucht, einen Moment abgewartet, in dem er allein war, um die Münze zu stehlen, und außerhalb der Mauern hatten sie sich fern von den anderen duelliert. Nein, weder Bross noch Mel hatten Eris erlebt. Vielleicht war er ja nur ein Hirngespinst, vielleicht war er nur da gewesen, weil er ihn hatte sehen wollen. Und was hatte Tristan in dem Traum damit gemeint, dass Eris ihn verraten hätte?

Etwas stieß ihn in die Seite – das untere Ende von Mels Zauberstab. »Na?«

»Nein«, sagte er. »Ihr kennt ihn nicht. Aber ich habe dir von ihm erzählt, auf dem Wasserturm.«

Im Halbdunkel konnte er sehen, wie sich etwas in Mels Gesicht veränderte. »Ich … ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, dass er noch am Leben ist.«

»Er ist ein zäher Hund. Er hat das Waisenhaus überstanden.«

Mel nickte. »Werden wir es heute zu sehen kriegen?«

»Ja.«

Er wusste selbst nicht genau, warum, aber der Weg, den Mel für sie erkundet hatte, führte an Landsend vorbei, also war es selbstverständlich, hier Station zu machen. Wie viel sich wohl verändert hatte, seit er das letzte Mal hier gewesen war, vor einem Jahrzehnt?

Neben ihm brummte und grunzte etwas. Der gewaltige Berg im Schlafsack regte sich. »… zu früh«, murmelte er.

»Es ist niemals zu früh«, sagte Dante.

Keinem von ihnen fiel das Aufstehen leicht. Ihr Atem war ein nebliger Hauch. Nirgendwo lag Schnee, wahrscheinlich war es selbst dafür zu kalt. Dante übernahm Mels Idee, beim Laufen einfach die Decke als weitere Kleidungsschicht zu tragen. Selbst Bross hatte sich einen Mantel übergeworfen.

Auf der Straße hatte Dante das seltsame Gefühl, als würde ein Stück von ihm fehlen, tief drinnen, und er hätte es all die Jahre nur nicht gemerkt.

In der Dämmerung kamen die ersten Häuser in Sicht, und das Gefühl verstärkte sich. Landsend war nie eine große Stadt gewesen, aber auch kein Dorf. Das war noch immer so. Die Silhouette, die die Häuser an den Himmel malten, war noch dieselbe, wenn man aus westlicher Richtung kam. Damals war er auch immer vom Wald her gekommen, wo er Beeren und Pilze gesammelt hatte.

Ehe er es sich versah, waren sie mittendrin. Die Menschen auf den frühmorgendlichen Straßen beäugten sie argwöhnisch, und Dante suchte vergeblich nach bekannten Gesichtern. Aber seine Welt war ohnehin klein gewesen. Die anderen Kinder im Waisenhaus, der Aufseher, der Hausmeister … Die Menschen der Stadt sollten sie möglichst selten zu Gesicht bekommen, und sie diese ebenso. Das machte nun mal eine erfolgreiche Räuberbande aus.

»Ziemlich ruhig hier«, sagte Mel. »Ich hätte nicht gedacht, dass man in einem solchen Dorf so schlagfertig wird wie du.«

»Wenn man mit Gleichaltrigen zusammengepfercht ist, ergibt sich das zwangsläufig. Besonders wenn man nicht über Büchern brütet, sondern Raubzüge plant und aneinander Beutelschneider-Tricks ausprobiert und jeder der Beste sein will.«

»Ein Leben wie in einer Arena«, meinte Bross.

»Vielleicht«, sagte Dante.

Es war ein seltsames Gefühl, wieder hier zu sein. Als wäre er zu Hause und doch wieder nicht.

Sie quartierten sich in der Waldblume ein, einer Schenke, die auf dem Grund der alten Schnapsbrennerei stand. Sie wirkte so alt wie alles andere, obwohl sie neben die älteren Häuser gesetzt worden war: die Wände aus verfärbtem Holz, die hölzerne Blume, die den Eingang zierte, in verblichenen Farben.

Dante wartete draußen, bis Mel und Bross ihr Gepäck abgelegt hatten. Als sie wieder herauskamen, zitterten seine Beine vor Ungeduld. Er wollte sehen, was aus dem Waisenhaus geworden war. War es noch immer ein Heim, oder war etwa die Schnapsbrennerei dort eingezogen?

Trotz der Kälte schwitzten seine Hände.

Es war seltsam. Das erste Mal, seit sie die Münze gefunden und ihre Reise angetreten hatten, die halb Jagd, halb Flucht war, konnte er aufatmen, als wäre alles Unheil weit fort in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit.

Das knirschende Geräusch der Schritte auf dem Steinweg begleitete ihn zurück in die Vergangenheit. Er war der kleine Junge, der nach einem freien Tag in der Stadt den Weg zum Waisenhaus einschlug. Sieben oder acht Jahre war er alt, und die freundliche Bäckersfrau mit den Grübchen in den Wangen hatte ihm die Hälfte eines dunklen Brots mitgegeben, natürlich mit der Ermahnung, sich etwas für morgen aufzuheben, und natürlich hatte er sich daran nicht gehalten und längst alles aufgegessen.

Er war wehmütig, nicht wegen des aufgegessenen Brots – das bereitete ihm eher Bauchschmerzen, weil er gierig Brocken um Brocken hinuntergeschlungen hatte –, sondern weil morgen der Alltag wieder beginnen würde, er früh aufstehen und mit den anderen Jungen zusammen sein müsste. Es war die Bande von Lex, und Eris und er sollten zusammen mit ihnen auf Raubzug gehen.

Dann erreichten sie das Waisenhaus, und schlagartig befand er sich wieder in der Gegenwart, zusammen mit Mel und Bross.

Vor ihnen lag der Gebäudekomplex aus dunklem Holz mit den zweistöckigen Seitenflügeln. Aber im Dach klafften Löcher, das Holz um die Fenster war ausgefranst und machte sie zu dunklen Höhlen. Die meisten waren allerdings mit Brettern vernagelt. Um den Eingang wucherte hohes Gras, und die Reste der Tür hingen als geborstene Holzstücke in den Angeln. Darüber prangte der ausgeblichene Schriftzug Haus der Kinder, ein Name, wie er fröhlicher und trauriger, hoffnungsvoller und vergeblicher kaum sein konnte.

Er bemerkte, wie jemand seine Hand nahm. Mel stand neben ihm. »Wie ist es?«

Er hätte fast gelacht – weil irgendein Gefühl aus ihm herauswollte, irgendeins.

»Schwer, dafür Worte zu finden.« Er lächelte. »Ich hatte mit allem Möglichen gerechnet. Mit Dingen, die mich schockieren würden. Dass es abgerissen wäre oder hier eine Fleischerei stehen würde … Aber es ist einfach nur verlassen und verfallen.«

»Kann man da rein?«, fragte Bross.

»Hinten auf jeden Fall, über den Zaun.«

Er erinnerte sich, wie er trotz der abendlichen Ausgangssperre immer in den Hof hinabgeklettert war. Langsam setzte er sich in Bewegung, ein mulmiges Gefühl im Magen.

Über den Zaun mussten sie jedoch nicht mehr steigen. Das niedrige eiserne Ding lag verbogen im wuchernden Gras, das selbst im Winter noch hoch stand.

»Was für ein seltsames Gebäude«, sagte Mel. »Es sieht nicht aus wie ein Zufluchtsort für Kinder ohne Eltern. Eher wie ein …«

»… Gefängnis?«, fragte Dante.

Die Gebäudeflügel, die das Gelände einzäunten wie hohe Mauern, verliehen ihm etwas Dunkles und Einschüchterndes. Er trat über den umgestürzten Gitterzaun hinweg. Die Streben rosteten im Gras vor sich hin.

Mel antwortete nicht, aber er war ohnehin mit sich selbst beschäftigt. Vor ihm breitete sich der Innenhof aus. Das Gras reichte ihm stellenweise bis zu den Oberschenkeln.

Mit den Fenstern und Eingängen verhielt es sich wie auf der Vorderseite: vernagelt, eingestürzt, geborsten. Niemand wohnte mehr hier, zumindest kein Mensch.

Der Schuppen stand etwas abseits, ein winziges Ding, in dem kaum vier Leute Platz fanden – Hacken, Harken und Schaufeln lagerten darin. Aber er war immer ein gutes Versteck gewesen.

Er schlenderte darauf zu und ließ Mel und Bross hinter sich.

Etwas raschelte im Gras hinterm Schuppen. Er schlich leise näher und setzte seine Schritte so, dass er nur auf Steine trat. Da verbarg sich jemand.

In seinen Gedanken war es Eris, der sich dort immer versteckt hatte, wenn sie Prügel hatten einstecken müssen. Nicht weil er hoffte, hier weiteren Schlägen zu entgehen, sondern weil er eine Weile im Dunkeln sein wollte und allein.

Dante konnte fast den Türknauf berühren. Im Schatten des Schuppens war alles ruhig, keine Bewegung, aber noch hatte er die Seite nicht erreicht.

Mit einem Satz sprang er um die Ecke. Gras raschelte unter ihm und vor ihm, und eine Gestalt sprang zurück und aus dem Schatten, jetzt beleuchtet vom trüben Sonnenlicht. Ein alter Mann mit silbergrauem, aber noch vollem Haar, in einfacher Kleidung, teilweise zerrissen. Seine Augen waren schreckensstarr, und er hob die Hände schützend vors Gesicht.

Dante trat vor. »Sinon?« Er sprach den Namen aus, bevor er sich dessen bewusst wurde.

Der alte Hausmeister mit der breiten Narbe auf der Stirn, die wirkte, als habe jemand ihn zu skalpieren versucht, hatte schon immer so ausgesehen.

»Du bist … Dante!«, krächzte eine Stimme. Sinon kam einige Schritte näher und hielt die Hände weiter erhoben, jetzt aber, um ihm über das Gesicht zu tasten. Nun erst bemerkte er, dass die Augen des Alten milchig und trüb waren.

»Ich sehe noch Umrisse und manchmal sogar die Andeutungen von Farben.« Sinons Blick ging ins Leere, während er über Dantes Gesicht strich. »Aber ich kann gut hören.«

»Was ist passiert?«, fragte Dante. »Du musst mir alles erzählen.«

***

Minuten später befanden sie sich in der kleinen Hütte etwas abseits, die Sinon als Heim diente, damals wie heute. Bross saß auf einem Hocker, auf den sein halber Hintern passte, und Mel und Dante aneinandergedrängt auf einer ächzenden Bank.

Sinon stellte dampfende Teetassen auf einen kleinen Tisch, auf den Bross’ Hintern auch nicht gepasst hätte.

»Was führt euch hierher?« Der alte Mann setzte sich ächzend auf einen Schemel. »Und wer seid ihr, die ihr mit Dante reist?«

»Freunde«, sagte Bross.

Mel nickte. »Dante hat sich mit den falschen Leuten angelegt. Und wir passen jetzt auf, dass sie ein Stück von ihm übrig lassen.«

Dante drehte die Teetasse auf dem Tisch. Vor einigen Wochen noch wäre er verstimmt gewesen, dass keiner von ihnen erwähnte, dass sie die legendären Schwerter waren, eine tollkühne Söldnertruppe, aber jetzt …

»Es ist viel geschehen. Dämonen sind hinter mir her, die Graugarde und die Anhänger eines dunklen Kults.«

Ein Lächeln ließ Sinons Falten hervortreten. »Das klingt nach dem Dante, der du damals werden wolltest.«

Er blickte zu Boden. Ja, der Dante, für den sie eine Statue in der Hauptstadt errichten sollten, weil er Isas letzten Wunsch erfüllen wollte – wofür er verlacht worden war, weil das nichts als Größenwahn darstellte.

»Ich bin nicht sicher, ob ich das, was mir gerade widerfährt, wirklich so wollte.«

»Und jetzt führt eure Flucht euch hierher?«

Autor

Zurück

Titel: DIE SCHWERTER - Band 7: Feuerteufel