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Internat Sternenfels - Band 2: Die Superhexen

2016 160 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Sakiko ist alles andere als erfreut: Andreas, der Vertrauenslehrer der Wunderbar-Clique, hat eine neue Freundin. Die hat rote Haar und ist echt hübsch – und Andreas hat nur noch Augen für sie. Er wird doch seine Schüler nicht ganz vergessen? Bevor es soweit kommt, nimmt Sakiko die Sache lieber selbst in die Hand: Zum Glück ist ihr gerade ein Buch über Zauberei in die Hände gefallen. Mit ein bisschen Hokus Pokus will sie dafür sorgen, dass alles wieder so wird wie früher. Doch das hat ungeahnte Folgen …

Über die Autorin:

Sissi Flegel, Jahrgang 1944, hat neben ihren Romanen für erwachsene Leser sehr erfolgreich zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, die in 14 Sprachen erschienen sind und mehrfach preisgekrönt wurden. Die Autorin ist verheiratet und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Die Autorin im Internet: www.sissi-flegel.de

Bei jumpbooks erschienen Sissi Flegels Jugendbuch-Trilogie Internat Sternenfels mit den Einzelbänden Wilde Hummeln, Die Superhexen und Die Vollmondparty sowie folgende Kinderbücher:

Gruselnacht im Klassenzimmer

Bühne frei für Klasse Drei

Wir sind die Klasse Vier

Klassensprecher der Spitzenklasse

Klassensprecher auf heißer Spur

Klassensprecher für alle Fälle

Wir sind die Klasse Fünf

Klasse Fünf und die Liebe

Mutprobe zum Morgengrauen

***

eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © 2000 Thienemann Verlag, Stuttgart/Wien

Copyright © der Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-041-1

***

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Sissi Flegel

Internat Sternenfels

Band 2: Die Superhexen

jumpbooks

1

Punkt fünf stand Irene an der großen Tür zur Turnhalle. Heiner!, dachte sie. Heute muss Heiner kommen. Er hat es versprochen!

Fünf nach fünf war er noch immer nicht in Sicht, um zehn nach fünf nicht, um fünfzehn nach fünf auch nicht. Um achtzehn nach fünf machte sich Irene auf den Rückweg, humpelte die Treppen zur Wunderbar hoch, ließ sich bei Sakiko aufs Bett fallen und brach in Tränen aus.

»Alleine kann ich einfach nicht trainieren!«

Sakiko setzte sich neben sie. »Nimm es doch nicht so schwer«, versuchte sie sie zu trösten. »Es ist Frühling und er hat sich in Anna verliebt. Wart einfach ein wenig, irgendwann hat er wieder Zeit für dich.«

»Irgendwann! Das ist es ja! Später muss er auf Klassenarbeiten lernen und noch später aufs Abitur. Ich habe nicht viel Zeit, Sakiko!«

Nina und Naomi platzten ins Zimmer. »Ah, da bist du ja, Sakiko, wir wollen – he, was ist denn hier los?«

»Heiner hat Irene schon wieder versetzt. Er hat keine Zeit mehr, mit ihr zu trainieren«, erklärte Sakiko.

»Ach du liebes Lieschen!« Nina und Naomi ließen sich auf dem Fußboden nieder.

Irene, die bei einem Unfall ein Bein verloren hatte und vor einem halben Jahr ins Internat gekommen war, hatte durch die Bewohner der Wunderbar und durch das regelmäßige Krafttraining mit Heiner aus der Elften neuen Mut geschöpft. Sakiko hatte ihr schicke lange Röcke genäht und sie im Winter dazu überredet, trotz ihrer Prothese Hosen zu tragen. Irene war aufgeblüht, war ein neuer Mensch geworden – und ausgerechnet jetzt musste sich Heiner verlieben. Klar, jeder hatte Verständnis dafür, dass ihm Anna gerade wichtiger war als Irene. Aber für Irene war das ein echtes Unglück.

Sakiko, Nina und Naomi sahen sich an. Irene musste geholfen werden. Nur wie?

»Es muss doch noch jemand anderen geben als Heiner«, überlegte Nina laut. »Soll ich zu Herrn Siegmund gehen und ihn fragen?«

Herr Siegmund war der Direktor des Internats und hatte ihnen schon mehrfach in schwierigen Situationen geholfen.

»Nein, auf keinen Fall!«, heulte Irene auf. »Ich hab mich so an Heiner gewöhnt!«

»Dann gewöhn dich eben um«, sagte Naomi entschieden. Sie dachte immer sehr praktisch. »Wir könnten auch mit Heiner ein Wörtchen reden.«

»Klar, das machen wir! Sofort!« Nina sprang auf und zog Naomi mit. »Bis gleich!«

Sie polterten aus dem Zimmer und die Treppen hinunter. Aber die beiden hatten kein Glück. Heiner war nicht in seinem Zimmer, er war nicht in seiner Wohngemeinschaft und er schwänzte sogar mitsamt seiner Liebe das Abendessen.

Sehr viel später saßen Nina, Naomi und Sakiko im Schlafanzug am großen Tisch der Wunderbar. Sie schlürften heißen Kakao und besprachen das Problem.

»Wenn wir nicht aufpassen, legt sich Irene wieder ins Bett und zieht sich die Decke über den Kopf«, erklärte Nina gerade, als Aldo mit seiner Freundin Zilga hereinkam.

Aldo war Ninas älterer Bruder und schon viele Monate mit Zilga eng befreundet. Die musste jeden Abend mit dem Bus nach Hause fahren, weil sie das Internat als Externe besuchte und in der nahen Kleinstadt bei ihrer Großmutter wohnte.

»Ihr seht aus, als wären euch mehrere Läuse über die Leber gekrabbelt«, stellte Zilga amüsiert fest. »Was gibt's? Können wir helfen?«

»No way«, sagte Nina bekümmert, schilderte das Problem und sagte abschließend: »Wenn wenigstens Andreas da wäre! Aber der lässt sich ja auch kaum mehr sehen. Hallo, Cheerio! Wie war die Nachhilfe?«

»Stressig wie immer. Wenn ich die Schule mal hinter mir habe, will ich von Mathe nichts mehr wissen. Dann zähl ich nicht mal mehr zwei und zwei zusammen. Gibt's noch Kakao für mich?« Er holte einen Becher aus dem Schrank und zog einen Stuhl heran.

Cheerio hatte eine seltene, dafür aber umso ausgeprägtere Rechenschwäche und außerdem war er mit einem uneinsichtigen, lieblosen und ehrgeizigen Vater geschlagen, der für den Kummer seines Sohnes keinerlei Verständnis hatte und nur Leistung und Erfolg auf allen Gebieten sehen wollte. Das hatte Cheerio sehr zu schaffen gemacht. Er hatte in seiner Not zu unlauteren Mitteln gegriffen, war an den Computer von Andreas gegangen und wäre fast vom Internat geflogen. Fast – wenn seine Mitbewohner aus der Wunderbar nicht hinter ihm gestanden und Partei für ihn ergriffen hätten. Jetzt hatte er dreimal die Woche private Nachhilfe in Mathe und machte millimeterkleine, winzige Fortschritte.

»Es stimmt, dass sich Andreas kaum mehr sehen lässt«, stellte Cheerio fest. »Für mich ist das ein Glück. Er erinnert mich immer an den Matheunterricht.«

Andreas war Lehrer für Mathematik und Physik, ihr Ersatzvater und »Chef« der Wunderbar. Sie liebten ihn, denn er war humorvoll und hatte viel Verständnis für ihre kleinen und großen Kümmernisse und immer ein offenes Ohr und Zeit für sie.

»Trotzdem«, fuhr Cheerio fort, »trotzdem würd's mich interessieren, wo er steckt. Ich krieg ja nichts mehr mit. Vor lauter Mathe geht das wirkliche Leben an mir vorbei.«

»Wir haben keine Nachhilfestunden und wissen trotzdem nicht, was er seit neuestem treibt«, erklärte Aldo. »Aber Zilga und ich haben festgestellt, dass er immer Dienstag-, Donnerstag- und natürlich Samstag- und Sonntagnachmittag ins Auto steigt. Heute ist Dienstag. Es ist zehn Minuten nach zehn Uhr und eigentlich müsste er seit zehn Minuten hier sein.«

»Wer, ihr Lieben, müsste seit zehn Minuten hier sein?« Andreas schaute flüchtig in den Gemeinschaftsraum und fragte Zilga: »Was machst du denn noch hier? Hat sich der Busfahrplan geändert?«

»Ich fahre mit dem Rad nach Hause, Andreas. Es ist Frühling, die Luft ist lau, der Himmel klar – darf ich mal?« Zilga streckte einen Zeigefinger aus und rieb sachte über seine Wange. »Wenn mich nicht alles täuscht, ist das Lippenstift. Interessante Farbe, ziemlich dunkel. Gefällt mir.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schnupperte an seinem Hals. »Hmmm, und das Parfüm ist auch nicht schlecht. Fragst du sie, wie es heißt?«

Andreas trat zurück, wurde ein bisschen rot und räusperte sich verlegen.

»Leute«, sagte Zilga und hängte sich bei Aldo ein. »Für den Lippenstift an der Backe und den guten Duft gibt's nur eine Erklärung: Andreas hat ...«

»Eine Freundin!«, rief Nina und Naomi setzte düster hinzu: »Es muss 'ne Seuche sein. Zuerst der Heiner, jetzt Andreas.«

»Es ist der Frühling«, stellte Aldo fest und zog Zilga an sich.

Alle starrten Andreas an. »Na ja«, sagte er verlegen, »und wenn's so wäre, wäre das schlimm?«

»Kommt drauf an«, entgegnete Naomi. »Kommt ganz drauf an.« Sie wiegte den Kopf hin und her. »Bring sie mit, dann können wir's dir sagen.«

»Was wollt ihr mir sagen?«

»Na, ob sie zu uns passt. Und zu dir natürlich auch, Andreas. Aber pass auf, dass du nicht zu viel Zeit mit ihr verbringst. So wie Heiner mit seiner Anna, der nicht mal mehr mit Irene trainiert. Schließlich bist du unser Ersatzvater, du bist unser Ein und Alles, das weißt du doch«, meinte Naomi.

»Ich hab das Recht auf ein bisschen Privatleben!«, rief Andreas empört.

»Na klar«, sagte Sakiko. »Ein bisschen Privatleben muss sein. Aber Privatleben am Dienstag-, Donnerstag-, Samstag- und Sonntagnachmittag ist verdammt viel für ein bisschen. Findet ihr nicht auch?«

Alle nickten.

»Keine Sorge«, meinte Andreas. »Ihr kommt schon nicht zu kurz.« Er gähnte.

»Die Liebe ist stressig, was?« Aldo grinste frech.

»Ins Bett mit euch!«, ordnete Andreas an und verschwand schleunigst in seiner Wohnung.

Zilga verabschiedete sich und ließ sich von Aldo nach unten begleiten. Die anderen leerten mit sorgenvollen Gesichtern die Kakaobecher und gingen in ihre Zimmer.

Sakiko zog sich aus, wusch sich und stellte sich dann in ihrem Zimmer ans offene Fenster. Sie sah auf den Hof hinunter. In der Mitte befand sich ein großer runder Brunnen. Das Wasser plätscherte vernehmlich, die Zweige der Tanne und der großen Buche wiegten sich sacht und der laue Wind trug den Duft von Blüten und frischem Grün bis zu ihr herauf.

Leise ging die Tür auf. »Können wir hereinkommen?«, flüsterte Nina.

»Nur ganz kurz«, fügte Naomi hinzu.

Sakiko machte Platz. Eng nebeneinander stehend schauten die drei aus dem Fenster.

»Vollmond«, stellte Naomi fest. »Bei uns in Irland sagt man, das sei die Zeit der Hexen.«

»Zeit der Hexen?«, wiederholte Sakiko. »Was tun die Hexen?«

»Na, was wohl? Sie hexen den Leuten Sachen an«, antwortete Naomi und kicherte. »Meine Großmutter hat ein Hexenbuch. Das hab ich mal zufällig entdeckt, und als sie gesehen hat, wie ich darin gelesen hab, ist sie fuchsteufelswild geworden. Das sei nichts für Kinder, hat sie gemeint und es so versteckt, dass ich es nie mehr gefunden hab.«

»Hast du's gesucht?«, fragte Nina interessiert.

»Und wie! Ich hab sogar meinen Bruder eingeweiht. Nichts.«

»Schade«, sagte Sakiko. »Ich würde gerne als Hexe um den Mond herumfliegen. Muss ein irres Gefühl sein, was?«

Sie lachten.

»Wenn ich 'ne Hexe wäre, würde ich Irene das fehlende Bein zurückhexen«, meinte Naomi.

»Und ich würde Cheerio Mathe ins Hirn hexen«, sagte Nina. »Was würdest du hexen, Sakiko?«

»Ich? Ich glaube, ich würde für meine Mutter einen Freund hexen«, antwortete Sakiko nachdenklich. »Sie ist so einsam. Eigentlich hat sie niemanden außer mir. Und ich bin im Internat ...«

Die drei schwiegen.

»Ja«, sagte Nina nachdenklich, »hexen sollte man können ... Dann wär das Leben ganz einfach.«

2

Beim Mittagessen am nächsten Tag sagte Zilga: »Am Samstag ist in der Stadt Flohmarkt. – Gibst du mir bitte das Salz, Naomi? Danke. Habt ihr etwas, das ihr verkaufen wollt? Ich hab nämlich einen Stand beantragt.«

»Einen Stand beantragt?«, wiederholte Nina kauend. »Wieso denn?«

»Weil sie was verkaufen will«, antwortete Naomi. »Stimmt's? Was verkaufst du denn?«

Zilga grinste. »Alte Comics, Kinderkram, leere Marmeladegläser von meiner Oma, ein defektes Bügeleisen, angeschlagene Vasen. Wollt ihr kommen? Meine Oma macht zum Mittagessen Waffeln und Apfelkompott, sie lädt euch zum Essen ein.«

Aldo horchte auf. »Waffeln? Ich bin dabei, Zilga. Wann geht's los?«

»Was? Der Flohmarkt oder das Essen?«

»Beides.«

»Mittagessen ist um zwölf. Ab neun Uhr in der Früh steh ich auf dem Marktplatz.«

»O. k., wir kommen«, sagte Nina. »Wir melden uns gleich heute vom Essen im Internat ab.«

»Irene, du bist auch eingeladen. Fährst du mit dem Bus?«

Irene schüttelte den Kopf. »Glaub nicht. Wahrscheinlich hab ich keine Lust dazu.«

Alle schauten sie besorgt an.

»Schade«, meinte Naomi. »Was willst du denn den ganzen Samstag tun, so ohne uns – und überhaupt? Überleg dir's noch mal, ja?«

Irene nickte. »Vielleicht«, antwortete sie ausweichend.

Irene kam nicht mit.

Also schoben die Bewohner der Wunderbar die Räder am Samstag kurz nach neun aus dem Fahrradraum und sahen dabei Andreas, wie er mit gebügelten Jeans und einem frischen weißen Hemd ins Auto stieg.

»Jetzt fährt er wieder zu seiner Flamme«, stellte Nina missbilligend fest. »Dabei ist noch nicht mal Mittag. Wo das nur hinführt?«

»Habt ihr's gesehen? Er hat sogar vergessen uns zuzuwinken«, sagte Naomi. »Einfach ohne Abschied fortzufahren! Das ist doch unmöglich, oder?«

»Das ist ein total schlechter Stil«, bestätigte Aldo. »Aber dass er 'ne Freundin hat, kann ich verstehen. Er ist ja auch nur ein Mensch.«

»Er hat doch uns!«, rief Nina und strampelte los.

Gegen zehn waren sie in der Stadt. Sie lehnten die Räder an eine Mauer, schlossen sie ab und sahen sich um. Es war allerhand geboten: Da war ein Stand mit Kinderkleidung, daneben wurden Skier und Skistiefel angeboten, ein Stückchen weiter verkauften zwei Mädchen Barbiepuppen und deren Zubehör, fünf kleine Jungs boten drei verbeulte Matchbox-Autos an, deren Farben kaum noch zu erkennen waren, und es roch nach gegrillten Würstchen und Crepes. Schließlich entdeckten sie Zilga, die laut schreiend ihre angeschlagenen Vasen als echte Antiquitäten anpries. Aldo stellte sich gleich zu ihr hinter den Stand. Nina, Naomi und Sakiko schrien ein bisschen mit und schafften es tatsächlich, dass die Marmeladegläser an einkochwillige Hausfrauen gingen.

»Jetzt hab ich genug getan«, sagte Nina. »Wollen wir uns die anderen Stände anschauen?«

»Ja, aber erst, wenn ich 'ne rote Wurst gegessen hab«, sagte Naomi entschieden und steuerte auf einen Stand zu, an dem »Würste für hungernde Kinder in Not« angeboten wurden.

»Mann!«, sagte sie und deutete auf ein ziemlich verkohltes Exemplar. »Wenn ich die esse, bekomm ich die dann billiger?«

»Was? Das ist die beste, knusprigste Wurst, die ich hab! Die verkauf ich ohne Senf und zum doppelten Preis!«

»Wer so blöd ist, ruiniert sein eigenes Geschäft«, sagte Naomi. »Gibt vor, armen Kindern zu helfen, und stößt sie nur noch tiefer in den Hunger. Kommt, das ist nicht unser Mann.« Energisch packte sie Sakiko und Nina am Arm und zog sie weiter.

Plötzlich blieb Sakiko wie angewurzelt stehen und deutete auf einen Tisch voller Bücher. Auf einem roten Tuch prangte als Lockangebot ein großer, farbiger Bildband. Japan war der Titel des Buches. Andächtig griff sie danach und begann zu blättern. »Schaut doch ...«

»Och, nur Gärten und Tempel«, meinte Nina und ging mit Naomi weiter.

»Ich komme gleich«, sagte Sakiko und fragte: »Was kostet das Buch?«

Der Mann nannte einen Preis, der sie erschrocken das Buch zurücklegen ließ.

»Haben Sie auch etwas Billigeres über Japan?«

Der Mann kratzte seine struppigen grauen Haare, zog den löchrigen Pullover über den Bauch, warf die Zigarette aufs Pflaster und stapelte die Bücherberge um. »Muss doch noch was da sein ... verkauft ist's nicht, das wüsste ich ...«

Sakiko beobachtete ihn. Plötzlich weiteten sich ihre Augen, ihre Hand schnellte vor, legte sich auf ein dünnes Buch mit lila samtenem Einband und zog es aus dem Stapel.

»Das ist es nicht. Das ist kein Buch über Japan«, sagte der Mann.

»Ich weiß«, antwortete Sakiko atemlos. »Trotzdem, das nehm ich.«

»Und das hier?«, fragte der Mann. »Alles über die japanische Teezeremonie– so was wolltest du doch, oder?«

»Ich kann nur eines kaufen«, meinte Sakiko bedauernd und öffnete ihren Geldbeutel.

»Ist's für dich?«, fragte der Mann.

»Nein, nein«, sagte Sakiko schnell. »Das bringe ich meiner Großmutter mit.«

»O. k. Für fünf Mark gehört es deiner Großmutter und das andere Buch gibt's gratis dazu. Oder ist es doch für dich?«, fragte er misstrauisch.

»Es ist ein Geschenk!«, rief Sakiko, gab dem Mann fünf einzelne Markstücke und klemmte sich den lilafarbenen Band unter den Arm. »Es ist genau das, wonach ich gesucht habe!« Sie drehte sich um. »Wo sind denn nur meine Freundinnen?«

Die werden Augen machen, wenn sie meinen Fund sehen, dachte sie. »Hexen-Hokuspokus«, darüber haben wir gesprochen, das ist genau das, was wir brauchen!

Plötzlich zog sie scharf den Atem ein. Wie wär's, dachte sie weiter, wenn ich's mir zuerst allein anschaue? Aufgeregt schlug sie den Band auf, blätterte, las, blätterte erneut und schlug das lila Buch dann zu. Zeigen kann ich's ihnen immer noch. Zuerst will ich es mal in Ruhe durchlesen, dachte sie und fragte den Mann: »Haben Sie eine Plastiktüte für mich?«

Er nickte, wühlte in einer Schachtel herum und zog eine gebrauchte Tüte hervor.

»Danke!« Sakiko wickelte das Buch ein, klemmte es unter den Arm und schob sich durch die Menge.

»Hallo, hier sind wir!«, hörte sie es hinter sich rufen und sah auch sogleich Nina und Naomi an einem Crepes-Stand.

»Willst du mal abbeißen?«, fragte Nina. Sie hielt ihr den süßen Pfannkuchen, von dem rote Marmelade tropfte, vor den Mund. »Schmeckt gut!«

»Hast du das Japan-Buch gekauft?«, fragte Naomi.

»Nee, ein anderes. Der Bildband war zu teuer«, antwortete Sakiko wahrheitsgemäß und biss zu. Wenn sie weiterfragen, zeig ich's ihnen doch, dachte sie und war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, den Zufallsfund für sich zu behalten, und dem Bedürfnis, ihre Entdeckung mit den Freundinnen zu teilen. Doch Nina und Naomi interessierte das Buch kein bisschen.

Auch andere Schüler von Sternenfels waren da, sie winkten sich zu und zeigten sich gegenseitig ihre Schätze. Und dann stellte Naomi fest, dass es beinahe zwölf Uhr und somit Zeit für die Oma-Waffeln war.

»Alles verkauft!«, sagte Zilga stolz und klappte eine Keksdose zu. »Darin ist jede Menge Geld!«

»Hat sich's gelohnt?«, fragte Naomi.

»Dicke«, bestätigte Aldo und nahm die Dose an sich. »Was machen wir damit, Zilga?«

»Wir?«, wiederholte sie. »Das Geld gehört mir!«

»Was? Alles? Wo ich dir so geholfen hab?«, protestierte Aldo. »Mindestens ein gemeinsamer Kinobesuch muss dabei schon rausspringen, meine ich.«

»Darüber lässt sich reden«, sagte Zilga großzügig. »Später. Jetzt müssen wir zu meiner Oma. Die wird sauer, wenn wir sie warten lassen.«

Die Kinder kannten Zilgas Oma. Zu Anfang des Schuljahres nämlich hatte Naomi ihre Schildkröte Piccolo ins Internat geschmuggelt. Haustiere nach Sternenfels mitzubringen war streng verboten, und als die Schildkröte entdeckt wurde, war die Aufregung groß. Naomi wurde aufgefordert, sie umgehend aus dem Haus zu bringen. Nach einigen Verzögerungen und vielen Protesten fand Piccolo schließlich als vorläufiger Dauergast bei Zilgas Oma einen Unterschlupf.

Manchmal besuchten die Kinder Oma und Schildkröte und so waren alle im Lauf der Monate gute Freunde geworden.

An einem »normalen« Tag hätte sich Sakiko sehr über den Besuch und das Waffelessen gefreut. Aber jetzt brannte ihr das Hexen-Hokuspokus-Buch auf der Seele und sie überlegte sich krampfhaft, ob sie nicht gleich nach dem Essen ins Internat zurückradeln könnte. Doch ihr fiel keine gute Ausrede ein, sich von den anderen abzusetzen.

3

So kam es, dass Sakiko erst nachts gegen elf den Stuhl vor ihre Tür stellte, die Lehne unter die Klinke schob – die Türen ließen sich nicht abschließen –, mit der Taschenlampe ins Bett schlüpfte und mit der Hand zärtlich über den lila Samtbezug des Einbands strich.

In grünen Lettern leuchtete der Titel. Hexen-Hokuspokus. Super, dachte sie, das ist ein cooles Ding!

Und dann begann sie zu lesen.

Das erste Kapitel lautete: Einführung in die Zauberei.

Zuerst wollte Sakiko weiterblättern, denn Einführungen fand sie immer langweilig und daher völlig überflüssig. Aber zufällig fiel ihr Blick auf die Zeilen: Es gibt Regeln, an die muss sich die Hexe unbedingt halten. Mit dem Zaubern muss man vorsichtig umgehen, es ist ein mächtiges Werkzeug Und weiter: Man braucht dazu keinen Kessel, ein einfacher Topf tut's auch.

Das ist schon mal beruhigend, dachte sie und las: Aber die Rituale müssen unbedingt eingehalten werden.

Rituale?, fragte sie sich. Was um alles in der Welt sind Rituale?

Jetzt blätterte sie zurück und las interessiert die Inhaltsangabe.

Die Kunst des Zauberns lernen und Die Elemente bändigen und Die Saat der Liebe säen. Hier machte sie Halt. Das klang gut. Die nächsten Kapitel versprachen aber noch viel mehr: Auf Gold gehen, Becher der Liebe und Mondlichtzauber ... Sakiko las und las, bekam rote Backen, ein heißes Gesicht und wurde ganz zappelig wegen all der Möglichkeiten, die ihr plötzlich offen zu stehen schienen.

Auf einmal merkte sie, dass das Licht ihrer Taschenlampe schwächer wurde. Voller Bedauern knipste sie die Lampe aus, legte das Buch auf das Tischchen neben ihrem Bett, streckte sich aus, verschränkte die Arme unterm Kopf und dachte nach.

Irenes fehlendes Bein ließ sich wohl nicht zurückhexen und auch Cheerios Mathehirn würde in Zukunft weiter Probleme bereiten. Aber einen Freund für ihre Mutter oder Heiners Interesse an Irene ließen sich sehr wohl herbeihexen, davon war sie nun überzeugt.

Womit beginnen?, fragte sie sich und erinnerte sich an Naomis praktisches Denken. Die würde sagen, wir fangen mit dem Einfachsten an, ist doch klar!

Einen Freund für die Mutter? Da galt es einiges an Entfernung zu überwinden. Heiners Interesse an Irenes Training wachrufen? Das war's, das war einfach und der Erfolg ließ sich leicht überprüfen.

Die Saat der Liebe säen hieß der Zauber, der wäre dafür perfekt, nur – wie ging er nochmal?

Wieder knipste sie die Taschenlampe an. Das Licht war verdammt schwach. Da fiel ihr auf, dass der Mond ein helles Band auf ihr Bett warf. Schnell stand sie auf, trug das Buch zum Fenster, schlug die richtige Seite auf und schaute hoch. Super, dachte sie, das Mondlicht ist der halbe Zauber!

Was würde sie brauchen? Fast lachte sie, weil das Rezept so einfach war. Sie benötigte nur einen kleinen Blumentopf und einige Basilikumpflanzen. Und dann? Dann musste sie den zunehmenden Mond abwarten.

Zunehmender Mond? Wann war das? Jetzt stand der volle Mond am Himmel, also würde er zuerst ab- und dann wieder zunehmen.

Mist, dachte sie, wenn ich nur den Mond wie die Zeiger einer Uhr zurückdrehen könnte! Nur zwei, drei Tage! Aber an der Mondlaufbahn ließ sich wohl nicht herumhexen ... Sie hob bedauernd die Schultern und las weiter.

Bette die Samen vorsichtig in die Erde und singe dazu ein sanftes Lied. Versäume nicht, dabei nur liebevolle Gedanken zu denken. Umsorge dann die Samen, bis sie keimen. Gieße sie behutsam, lasse sie nicht absterben und verwende sie auf keinen Fall zum Kochen, denn sie sind der Liebe heilig.

Total cool, dachte Sakiko. Die Pflanzen sind der Liebe heilig!

Sie schlüpfte ins Bett zurück.

Wo bekomme ich die Samen und den Blumenpott? In der Stadt? In einer Blumenhandlung?

Das Internat hat doch eine eigene Gärtnerei!, fiel ihr ein. Und sie nahm sich vor, gleich am Nachmittag – Mitternacht war schon längst vorüber und der neue Tag bereits mehr als zwei Stunden alt – dorthin zu gehen.

In dieser Nacht schlief sie kaum, und wenn, schlangen sich in ihren Träumen grüne Ranken um Heiners Beine und hinderten ihn am Laufen. Einmal steckte Irene kopfüber in einem riesigen Blumentopf und einmal stand eine Hexe vor ihr, hob warnend den Zeigefinger und krächzte: »Nur liebevolle Gedanken denken, hörst du?«

Darüber wachte sie auf und stellte fest, dass die Hexentraumstimme zu Nina gehörte, die vor der Tür stand und ins Zimmer rief: »Sakiko, wach auf! Es ist schon verdammt spät, hörst du? Du musst dich beeilen!«

Zum Glück hatte sie das Buch nicht gesehen!

»Ich komm ja schon!«, murmelte Sakiko schlaftrunken und steckte den lila Band schnell unter die Matratze.

Während des Unterrichts war sie hellwach. Das Mittagessen schaufelte sie in sich hinein, ohne so recht zu bemerken, was sie eigentlich aß. Der Nachmittagsunterricht dehnte sich endlos. Das Vesper ließ sie ausfallen. Auf den Tee in der Wunderbar verzichtete sie. Stattdessen suchte und fand sie eine Plastiktüte, hielt sie in der Hand und stopfte sie zurück in die Schublade. Plastik ist out, dachte sie, vielleicht zerstört Plastik den Zauber, bevor er überhaupt wirkt. Wo ist denn der Umweltsack?

Aha! Höchst zufrieden faltete sie ihn zusammen und steckte ihn in eine Tasche ihrer Jeans.

Sie rannte über den Hof und lief dem Gärtner direkt in die Arme.

Ohne Umschweife platzte sie heraus: »Könnte ich bitte einen kleinen Blumentopf, ein bisschen Erde und ein paar Samen haben, Herr Schwippl?«

Der lachte nur.

»Bitte, Herr Schwippl, Sie müssen mir helfen!«, bat sie.

Der nickte, lachte weiter und meinte schließlich: »Komm mal mit, Kleine!«

Dann ging er voran. Im Gewächshaus zeigte er auf einen Berg dunkelbrauner, sehr fruchtbar aussehender Erde und auf mehrere Türme Blumentöpfe und meinte fröhlich: »Brauchst dich nur zu bedienen, ist alles da!«

»Vielen Dank!«

Sakiko wählte einen mittelgroßen Topf und füllte ihn rasch mit Erde.

»Und die Samen?«, fragte sie dann.

Herr Schwippl lachte laut auf. »Salat, Tomaten, Wirsing, Rosenkohl, Karotten, Erbsen ... Was soll's denn sein?«

»Kein Gemüse!«, sagte Sakiko rasch.

»Blumen vielleicht? Ringelblumen, Wicken, Kapuziner ... auch nicht?«

»B-B-Basilikum«, stotterte Sakiko und ärgerte sich über sich selbst.

»Basilikum brauchst du? Ja, wofür denn das? Willst du 'ne Tomatensuppe kochen?«

»Kochen?«, wiederholte Sakiko verständnislos. »Ich denke, Basilikum darf man nicht kochen, denn die Pflanze ist der Lie–« Rasch biss sie sich auf die Zunge und schloss erschrocken den Mund. Fast hätte sie sich verraten!

»Stimmt, Kleines. Basilikum sollte nicht gekocht werden, Hitze zerstört das ganze Aroma. Hast gut aufgepasst im Unterricht. Also, wofür brauchst du die Samen?« Herr Schwippl sah sie scharf an.

»Für den Biounterricht natürlich«, antwortete Sakiko und schluckte. »Ich muss den Samen keimen lassen.« Lügen hasse ich wie die Pest, aber wenigstens das stimmt, dachte sie erleichtert.

»So? Dann werden andere wohl auch noch kommen?«, fragte der Gärtner. »Gut, dass ich das weiß. Aber es wäre mir lieber gewesen, wenn mich eure Lehrerin darauf vorbereitet hätte.«

»Vielleicht tut sie's noch«, sagte Sakiko ausweichend und hielt die Hand auf. »Nur so wenige?«

»Das genügt doch für einen Topf«, antwortete Herr Schwippl. »Nimm noch einen zweiten.«

»Nein, nein, einer genügt! Vielen Dank – und tschüss!«

»Vergiss das Gießen nicht! Und sag mir, ob der Kräutersamen aufgegangen ist!«, rief Herr Schwippl ihr nach. Sakiko blieb stehen.

»Später!«, sagte sie. »Jetzt darf ich den Samen noch nicht in die Erde legen.«

Der Gärtner hob verwundert die Augenbrauen. »Nein? Die Zeit ist aber günstig.«

»Aber – aber es ist doch Vollmond«, antwortete Sakiko.

»Vollmond ...«, wiederholte Herr Schwippl verständnislos. Dann lachte er. »Ah, jetzt verstehe ich. Ihr wollt wohl die Wirkung der Mondphasen untersuchen, was? Eurer Lehrerin traue ich das glatt zu, die ist der Typ dafür.«

»Mondphasen? Na klar! Genau die untersuchen wir! Im Biounterricht!« Sakiko rannte über den Hof. Dabei fragte sie sich, was um alles in der Welt Mondphasen waren.

4

»Hast du 'ne Briefmarke für mich? Der Typ hat keine E-Mail-Adresse, der steckt noch voll im Mittelalter.« Cheerio streckte den Kopf zur Tür rein. »Hey, was soll denn der Pott vor dem Fenster? Der ist neu, was?«

Sakiko saß am Schreibtisch und machte Hausaufgaben. Unwillig sah sie auf. »Wer? Der Blumentopf? Ja. Und hier ist die Marke. Wann seh ich das Geld?«

»Morgen. Spätestens übermorgen.« Cheerio schlenderte zum Fenster und bohrte seinen Zeigefinger in die Erde. »Da ist ja gar nichts drin«, meinte er verwundert.

»Nimm den Finger aus dem Topf«, fauchte Sakiko. »Der geht dich überhaupt nichts an!«

»Schon gut, schon gut, beruhige dich! Ist wohl ein japanisches Heiligtum, was?«

Sakiko sprang wütend auf.

»Bin schon weg.« Cheerio verschwand in höchster Eile.

Kaum hatte sie den Füller wieder in der Hand, platzte Nina herein. »Alarmstufe eins! Weißt du, ob Andreas im Haus ist?«

»Keine Ahnung. Warum?«

»Zilga hat den kleinen Raffi aufgegabelt. Er sagt, er sei zusammengeschlagen worden. Zusammengeschlagen von einer Bande, stell dir das vor! Willst du ihn sehen? Er schaut furchtbar aus, ehrlich, total dreckig und die Hose haben sie ihm auch zerrissen ... Seit wann steht denn der Topf auf dem Fensterbrett? Der ist neu, stimmt's?«

»Ja, der ist neu«, bestätigte Sakiko. »Stört er dich?«

»Nö, ist doch dein Zimmer«, meinte Nina. »Nur komisch, dass nichts drin wächst. Kommst du in die Wunderbar? Da sitzt Raffi und heult sich aus.«

Zilga kniete vor dem Kleinen. Sie tupfte sein Gesicht mit dem nassen Küchentuch ab und zeigte auf die roten Striemen. »Ich möchte nur wissen, wer ihn so zugerichtet hat! Das ist eine furchtbare Gemeinheit, stimmt's?«

Raffi heulte leise vor sich hin.

»Kannst du die Bande wirklich nicht beschreiben?«, forschte Zilga. »Weißt du wenigstens, wie viele es waren?«

»Dr-drei«, schluchzte Raffi. »Vielleicht waren's auch vier ...«

»Drei?« Nina horchte auf. »Wie sahen die aus?«

»Wwweiß doch nicht! Die kamen von hinten!«

»Vielleicht waren es unsere Feinde?«, meinte Nina. Im letzten Herbst hatte sie drei aus der Elften beim – verbotenen – Rauchen und Trinken überrascht. Daraufhin wurde sie von den Jungs verfolgt, bis sie zusammen mit Naomi und Sakiko Judo lernte, um sich wehren zu können – was ihnen auch gelang.

»Auf die müssen wir ein Auge werfen«, meinte sie nun. »Wenn's die sind, Raffi, werden wir dich rächen, o. k.?«

»O. k. ...« Raffi rutschte vom Stuhl. »Ich geh jetzt.«

Lange nach dem Abendessen erschien Andreas. Er war sehr aufgekratzt, verteilte Kekse und Pralinen und nahm Raffis Story nicht besonders ernst. »So was kommt immer mal wieder vor«, meinte er lässig und ging pfeifend in seine Wohnung.

Verwundert und kopfschüttelnd sahen sie ihm nach.

»Junge, der hat sich vielleicht verändert«, meinte Naomi. »Früher hätte er eine Such- und Racheaktion gestartet. Jetzt könnte man meinen, ihn ginge nichts, was im Internat geschieht, mehr etwas an.«

»Liebe macht blind«, stellte Nina düster fest.

Sie hörten, wie Andreas zurückkam. »Ach übrigens, Sakiko, der Gärtner sagte mir, du hättest ihn heute besucht. Er war sehr verwundert und ehrlich gesagt ich wundere mich auch. Was hast du mit den Basilikumsamen vor? Für den Biounterricht brauchst du sie garantiert nicht, das weiß ich sicher.«

Sakiko wurde rot. Wütend sagte sie: »Seit wann ist es verboten, Samen in einen Topf mit Erde zu stecken?«

»Verboten?«, wiederholte Andreas. »Verboten ist das natürlich nicht. Wenn es Hanf wäre, dann wär's was anderes. Aber Basilikum ist meines Wissens ein harmloses Kraut.«

»Geht's um den Topf, der auf deinem Fensterbrett steht, Sakiko?«, fragte Nina. »Über den hab ich mich auch gewundert.«

»Oh Gott!«, stöhnte Sakiko. »Dann wundert euch halt weiter!« Sie knallte die Tür hinter sich zu.

»Im Internat bleibt nichts geheim!«, rief Naomi ihr nach. »Das weißt du doch!«

»Wenn sie auch verliebt ist, hat die Seuche auf sie übergegriffen«, meinte Nina besorgt.

Irene erschien nicht zum Frühstück. Beim Mittagessen erfuhren die anderen dann, dass sie im Bett lag und niemanden sehen wollte.

Wenn nur die Zeit bis zum zunehmenden Mond schneller vergehen würde, dachte Sakiko. Und tatsächlich, die beiden Wochen schlichen dahin, als wären es mit Schlaftabletten gefütterte Schnecken. Mehrmals täglich starrte Sakiko auf den Mondkalender, den sie im einzigen Bioladen der Stadt erstanden hatte.

Aber dann war es endlich so weit. Am ersten Abend des zunehmenden Mondes schob Sakiko wieder den Stuhl vor die Tür und trat ans Fenster. Sie hatte die Samen in der Hand – winzig waren sie. Dann dachte sie liebevoll an Irene und wollte gerade eine Prise auf die Erde streuen, als ihr siedend heiß einfiel, dass sie ja auch noch ein sanftes Lied zu singen hatte.

Das geht doch nicht, dachte sie. Wie soll ich Gedanken denken und gleichzeitig ein Lied singen? Und welches passt überhaupt zu dieser Gelegenheit? Fuchs, du hast die Gans gestohlen dürfte nicht das richtige sein, das ist zu brutal ... Ist Flugzeuge im Bauch von Oli P. besser? Sie starrte auf den Blumentopf.

»He! Was ist denn hier los?« Jemand rüttelte heftig an ihrer Tür. »Sakiko! Ist alles in Ordnung mit dir?« Das war Nina. »Mach doch auf! Was geht hier vor? Seit wann verschließt du deine Tür? Hast du Geheimnisse vor uns?«

»Moment! Einen Augenblick!«, schrie Sakiko, streute die Samen auf die Erde, patschte drauf, fluchte kurz, weil sie hörte, dass der Stuhl nachgab, wischte die Hand am Vorhang ab und rannte zur Tür.

»Der Stuhl!«, sagte Sakiko atemlos. »Die Lehne muss von selbst unter die Klinke gerutscht sein!«

»Ja, ja ... Manchmal lernt sogar ein Stuhl das Laufen«, spottete Nina. »Wir gehen zu Irene. Kommst du mit?«

»Na klar doch«, antwortete sie und dachte wütend daran, dass sie das zauberische Säen weder mit liebevollen Gedanken noch mit einem sanften Lied, dafür aber mit einem saftigen Fluch unterstützt hatte. Und auf diesen Augenblick hatte sie zwei Wochen hingelebt! Hätte sie doch nur ein wenig länger gewartet, nur bis Mitternacht, nur so lange, bis alle in der Wunderbar friedlich in den Betten lagen und träumten, statt ständig neugierige Fragen zu stellen!

Aber Sakiko, so zart sie auch aussah, war ein hartnäckiges und zähes Mädchen. Ich muss gleich einen zweiten Zauber nachschieben, dachte sie entschlossen. Zum Glück hab ich neue Batterien für die Taschenlampe gekauft und überhaupt ... ich glaube, ich weiß, welchen Zauber ich aussuchen werde ... In Gedanken versunken ging sie neben ihren Freundinnen über den Hof.

»Schaut mal, wer da steht!«, sagte Nina und deutete mit dem Zeigefinger auf Heiner und Anna, die eng umschlungen am Brunnenrand lehnten. »Muss Liebe schön sein!«, brüllte sie über den Hof.

Sakiko fuhr zusammen. »Mein Gott, warum schreist du so?«

»Wie soll ich mich sonst bemerkbar machen?«, fragte Nina zurück und kicherte.

»Der Frühling ist doch 'ne komische Jahreszeit. Andreas ist total locker geworden, den bringt nicht mal der Überfall auf Raffi aus der Ruhe. Bei dir stellt sich der Stuhl von selbst vor die Tür und die beiden da drüben am Brunnenrand sind blind und taub ...«

»Und Sakiko hat Geheimnisse vor uns«, beendete Naomi die Aufzählung. »Stimmt's, Sakiko? Du hast Geheimnisse!«

Sakiko lachte verlegen.

»Sind's schlimme?«, forschte Nina mitfühlend.

Das war zu viel. »So lasst mich doch in Ruhe!«, rief Sakiko und rannte zurück.

Sie polterte die Treppe hoch und in ihr Zimmer. Dort packte sie das lila Hexen-Hokuspokus-Buch und schloss sich damit im Klo ein – dem einzigen Ort, wo man in einem Internat geschützt war. Vorausgesetzt man blockierte das Räumchen nicht zu lange.

Mit fliegenden Fingern blätterte sie die Seiten um, bis sie fand, was sie suchte: Der ultimative Liebeszauber Das war's, was sie brauchte!

Sie las, freute und ärgerte sich gleichzeitig: Warum hatte sie diesen Zauber nicht gleich ausprobiert?

Bevor du zu zaubern beginnst, las sie, musst du einen Liebesaltar errichten. Dazu breitest du ein schönes rosa Tuch über einen kleinen Tisch aus, bestreust es mit süß duftenden Apfelblüten – Hurra!, jubelte Sakiko im Stillen. Heute habe ich die ersten Blüten gesehen! –, du zündest eine rosa oder eine weiße Kerze an – Hab ich!, dachte Sakiko erfreut – und dann knüpfst du eine Haarsträhne vom Haupt der gewünschten Person – Oh Gott, das wird schwierig! – um ein Weidenzweiglein und trägst es stets bei dir. Zur Herstellung dieses Zaubers wählst du einen Freitag bei zunehmendem Mond.

Super! Sakiko klappte das Buch zu. Heute ist Donnerstag, wir haben zunehmenden Mond, ich besitze eine Kerze und ...

Jemand trommelte mit der Faust gegen die Tür. »Sag mal, sitzt du für die Ewigkeit? Oder hast du unbremsbaren Dünnpfiff? Dann bist du eine Pest für die Wunderbar und ein Fall für den Arzt! Beeil dich und räum das Feld, o. k.? Andere müssen auch mal!« Eine Tür knallte zu.

Cheerio, dachte Sakiko erschrocken. Das war Cheerio. Bin ich schon so lange hier drin?

Sie betätigte die Spülung, öffnete höchst vorsichtig die Tür und spähte durch den Spalt. Erleichtert stellte sie fest, dass die Luft rein und der Vorraum menschenleer war, und trat mutig auf den Gang hinaus.

»Ha! Wir haben dich! Wir haben uns gleich gedacht, dass du dich im Klo versteckst!«, schrien Nina und Naomi und hängten sich links und rechts bei ihr ein. Dabei fiel das Buch zu Boden.

Nina bückte sich und hob es auf. Naomi sagte: »Vielen Dank, Cheerio, du hast uns sehr geholfen.«

»Keine Ursache. Ohne euch wäre ich nicht mehr im Internat, das heißt, ich steh noch immer in eurer Schuld. Nimm mir's nicht übel, Sakiko. Die beiden haben hoch und heilig geschworen, dass du ein schlimmes Geheimnis hättest und dringend Hilfe bräuchtest.«

Zuerst war Sakiko fuchsteufelswild. Aber dann streckte Nina zaghaft die Hand aus und strich über ihren Arm. »Wirklich, Sakiko, du hast dich so verändert! Du musst ein Geheimnis haben, eines, das dich bedrückt. Hat es etwas mit deiner Mutter zu tun? Können wir dir helfen?«

»Ihr braucht mir nicht zu helfen. Ich habe keine Sorgen, ehrlich nicht. Es hat etwas mit diesem Buch zu tun.«

Jetzt erst las Nina den Titel. Zunächst schaute sie verständnislos auf die grünen Lettern, aber dann leuchteten ihre Augen auf.

»Du bist mir so eine!«, schrie sie. »Bringst dir selbst ...«

»Pst!«, machte Sakiko und hielt ihr die Hand vor den Mund. »Willst du denn alles gleich verraten?«

»... das Zaubern bei!«, flüsterte Nina entzückt. »Woher hast du das Buch?«

»Zaubern? Du ganz allein?«, fragte Naomi. »Weißt du denn nicht, dass die Zahl Drei eine magische Zahl ist? Sie ist viel machtvoller als die Eins. Drei Zauberer, drei Hexen: Das ist die absolute Wucht. Allein hast du kaum 'ne Chance. Kein Wunder, dass wir dich so leicht ertappt haben.«

Arm in Arm gingen sie in Sakikos Zimmer und setzten sich aufs Bett.

»So, und nun berichte. Ganz genau und schön der Reihe nach, ja?«, sagte Naomi.

Sakiko berichtete: wie sie das Buch entdeckt und es ihnen gleich hatte zeigen wollen, es sich dann aber doch anders überlegt hatte und wie der erste Zauber wohl danebengegangen war, weil sie dabei geflucht hatte.

»Aber ich habe einen anderen Zauber gefunden«, erklärte Sakiko. »Hört mal!«

Sie las vor, was gebraucht wurde.

»Cool«, meinte Naomi. »Wie 'ne Weide aussieht, weiß ich, und wo eine wächst, nämlich unten am Bach, weiß ich auch. Das Problem sind die Haare. Wie kommen wir an Heiners Haare?«

»Irgendwann wird er zum Frisör gehen. Wir passen ihn ab und...«

Naomi winkte ab. »Das dauert viel zu lang. Und was ist, wenn er sich zu Hause die Haare schneiden lässt? Dann

kommen wir nie zu Potte. Oder wenn ihm ein Kumpel den Kopf schert? Wir müssen uns etwas anderes überlegen.«

»Jaaa ...«, meinte Nina gedehnt. »Wissen wir eigentlich, wie viel Haare es sein müssen?«

»Eine Strähne, würde ich mal sagen«, antwortete Naomi.

»So viel!«, rief Sakiko entsetzt. »Wir müssten ihn betäuben, um da ranzukommen!«

Sie lachten. »Und wenn wir ganz ehrlich sind? Wenn wir sagen: ›He, Kumpel, wir machen da einen Versuch und brauchen ein paar Haare. Kannst du uns behilflich sein?‹«

»Seine Antwort wird lauten: ›Nehmt eure eigenen‹«, meinte Nina.

»Wir brauchen Männerhaare!‹, sagen wir dann.«

»Dann wird er fragen: ›Wofür?‹ Darauf gibt's keine

Antwort. Nee, so geht das nicht«, stellte Naomi fest.

»Gibt's denn keinen anderen Zauber?«

Sakiko blätterte in dem Buch und las vor: »Düfte aus dem Morgenland, nein, das passt nicht. Rosen und Champagner, das ist auch nichts. Das Band der Liebe, um einen Streit zu beenden – das geht auch nicht. Heiner und Irene haben ja nicht gestritten.«

Sie blätterte weiter.

»Halt!«, rief Nina. »Du hast eine Seite überschlagen. Geh zurück, ja?«

»Mach ich ... Die Seiten kleben aneinander ... So.«

»Was steht da?«

»Englischer Zauber.«

»Lies vor!«

»Das ist ein uralter englischer Zauber, um Liebe in deine Nähe zu bringen. Du brauchst dazu einige Weidenzweiglein, ein rotes Seidenband, Haare aus der Bürste oder dem Kamm .. .«

»Aus der Bürste!«

»Dem Kamm!«

»Was sind wir doch für Hexen! Total phantasielos sind wir!«

»Bürste oder Kamm – einfacher geht's nicht!«

»Lies weiter, Sakiko, vielleicht kommt noch ein dickes Ende!«

»... oder Kamm, ein Stück Papier mit ihrem und seinem Namen darauf einen Fluss oder Bach.«

»Ist das alles?«

»Das ist alles.«

»Nicht zu fassen«, meinte Nina entzückt. »Und wie geht der Zauber?«

»Brich die Zweige der Weide an einem Freitagmorgen während des zunehmenden Mondes ...«

»Nein!«

»Doch. Hier steht: ... während des zunehmenden Mondes. Teile die Zweige in drei Teile. Teil eins und Teil zwei umwickelst du bei zunehmendem Mond mit dem roten Seidenband. Am Ende des Tages wickelst du das Band ab und teilst die Zweige in drei Teile, die du wieder mit rotem Band umwickelst. Teil eins hänge in ihr Zimmer, Teil zwei in sein Zimmer. Zwischen die restlichen Zweige schlinge die Haare und das Papier mit ihrem und seinem Namen. Umwickle das Ganze mit dem dritten Teil des Bandes. In dieser Nacht gehe ans fließende Wasser, küsse Zweige, Haare und Papier und wirf alles rasch ins fließende Wasser Innerhalb einer Woche werden sich die Dinge zum Guten wenden.« Sakiko schaute auf. »Na?«, fragte sie. »Das ist doch was. Heute haben wir den ersten Tag des zunehmenden Mondes, heute ist Donnerstag, und wenn wir uns beeilen, ist der Zauber morgen Abend perfekt.«

»Wie meinst du das?«, fragte Naomi.

»Morgen früh um sechs ...«

»... kommt die alte Hex'!«, warf Nina ein und lachte.

»... um sechs gehen wir zum Bach und schneiden die Zweige ab. Ich habe ein rotes Band ...«

»Ist das auch aus Seide?«, wollte Naomi wissen. »Man muss bei so etwas genau sein!«

»Es ist so 'n Geschenkband.«

»O. k. Das passt. Damit umwickeln wir die Zweige. Wenn dann alle im Unterricht sind, gehen wir in Irenes Zimmer und in Heiners WG und fieseln die Haare aus den Bürsten.«

»Hoffentlich sind welche drin«, meinte Nina.

»Kennst du saubere Bürsten?«, fragte Naomi. »Ich nicht!«

»Eben. Den Rest erledigen wir am Nachmittag und am Abend.«

Sie schauten sich an.

»Jetzt sind wir Hexen«, meinte Nina begeistert. »Das ist etwas ganz Neues. Und etwas Spannendes. Eigentlich müssten wir jetzt unser Blut mischen und einen Eid schwören oder so was Ähnliches. Etwas, was uns aneinander bindet, findet ihr nicht auch?«

»Stimmt. Aber mein Blut gebe ich nicht her. Nicht mal für euch«, sagte Naomi entschieden.

Sakiko schwieg. Sie überlegte kurz, dann blätterte sie wie wild die Seiten um. »Hier!«, rief sie. »Ich hab's! Hört mal her! Um einen ewigen Bund zu schmieden, nimm von jedem drei Haare, knüpfe sie zusammen und verbrenne sie in der Flamme einer roten Kerze

»Na also«, meinte Naomi zufrieden. »Es geht auch ohne Blut. Wer hat 'ne rote Kerze?«

»Ich hab nur eine in Rosa«, antwortete Sakiko bekümmert.

»Wir haben überhaupt keine«, sagte Nina. »Es ist schließlich Frühling und nicht Advent.«

»Vielleicht hat Andreas noch eine? Ich frag ihn mal.«

Naomi stand auf, ging über den Flur und rief: »Andreas, bist du hier?«

»Ja, am Telefon! Kannst du einen Augenblick warten?«

»O. k. Aber beeil dich, ja?«

Cheerios Tür stand offen. »Brauchst du etwas?«, wollte er wissen.

»Ja. Eine rote Kerze.«

»Jetzt? Im Frühling? Bist du wahnsinnig?« Er sah Andreas kommen. »Naomi will eine rote Kerze!«

»So spät noch? Wozu brauchst du die Kerze? Ist deine Taschenlampenbatterie alle? Du sollst schlafen und nicht bei Kerzenschein lesen. Das schadet den Augen.«

»Ich will nicht schlafen und ich will nicht lesen. Ich will nur eine rote Kerze«, sagte Naomi entrüstet. »Ist das so furchtbar?«

»Eigentlich nicht ... Ich schau mal nach. Willst du mitkommen?«, fragte Andreas und lachte, als ihm nicht nur Naomi, sondern auch Cheerio folgte.

Er öffnete einen Schrank in seinem Arbeitszimmer. »Wo hab ich denn ...? Wo sind denn nur ...? Hier ist ein Teelicht, Naomi. Reicht dir das?«

»Nein. Es muss eine Kerze sein. Eine rote, Andreas.«

Er wühlte in einer Schachtel, ächzte und stöhnte, aber dann rief er überrascht: »Wie wär's damit?«, und hielt einen winzigen roten Stummel hoch, an dem ein goldenes Sternchen klebte.

»Bisschen kurz«, sagte Naomi, »aber ich denke, es ist genug. Danke.«

Kopfschüttelnd sahen Andreas und Cheerio ihr nach.

Inzwischen hatten sich Nina und Sakiko je drei Haare ausgerissen.

»Das hat aber lange gedauert«, meinte Nina missbilligend. »Hast du Andreas von uns erzählt? Hast du ihm gesagt, dass wir Hexen sind?«

»Bin ich verrückt? Ich hab überhaupt nichts gesagt!«

»Hoffentlich. Dann reiß dir endlich die drei Haare aus!«

»Autsch! ... Hier.«

Sorgfältig knüpfte Sakiko die Haare zusammen. Nina zündete den roten Stummel an. Gebannt schauten sie zu, wie sich die Haare kräuselten und in sich zusammenfielen.

»So, nun sind wir richtige Hexen«, stellte Nina begeistert fest. »Morgen geht's los. Wer stellt den Wecker?«

5

In der Nacht hatte es geregnet. Jetzt war es noch diesig und zarte silberne Nebelschwaden schwebten über dem Bach. Die drei stapften schweigend am Ufer entlang, bis Naomi vor einem struppigen Busch mit hellroten Reisern stehen blieb.

»Das ist 'ne Weide«, meinte sie wortkarg und holte eine Bastelschere aus der Hosentasche. Die war zwar ziemlich stumpf, aber es gelang Naomi, neun dünne kurze Zweigchen abzuquetschen.

Genauso stumm, wie sie gekommen waren, kehrten sie schließlich in die Wunderbar zurück, wickelten das Geschenkband um das Ganze und hängten es über die Schreibtischlampe.

Beim Frühstück blieb Heiner an ihrem Tisch stehen und fragte: »Was habt ihr drei denn so früh draußen gemacht? Ich hab euch gesehen, wie ihr ins Wäldchen gegangen seid.«

»Wir haben den Sonnenaufgang bewundert«, sagte Nina und grinste ihn frech an.

»Den Sonnenaufgang ...«, wiederholte er entgeistert. »Den Sonnenaufgang?« Er deutete zuerst aus dem Fenster, dann tippte er sich an die Stirn.

»Sonst noch Fragen?«, fragte Nina liebenswürdig.

Heiner schüttelte den Kopf. »Nein. Doch, ja. Wo ist Irene? Hab sie schon längere Zeit nicht mehr gesehen.«

»Die liegt im Bett und grämt sich.«

»Sie grämt sich?« Heiners Hirn entwickelte morgens noch nicht die volle Turbogeschwindigkeit.

»Sie grämt sich, weil niemand mehr mit ihr trainiert.«

»Ach so. Stimmt. Ich bin beschäftigt.«

»Klar. Ist nicht zu übersehen.«

Heiner lachte. »Ich werd Irene mal besuchen, ja?«

»Wär nicht schlecht.«

Die drei sahen sich an.

»Glaubt ihr, der Zauber wirkt schon?«, fragte Naomi. »Wir haben doch erst damit angefangen.«

Schweigend und in Gedanken versunken löffelten sie ihre Müsliteller leer.

»Bevor ich's vergesse.« Nina schaute auf. »Naomi und ich übernehmen Heiners Haarbürste. Wir haben in der dritten und vierten Stunde Kunst, da können wir mal kurz verschwinden, ohne dass es auffällt. Gehst du zu Irene, Sakiko?«

»Ich schau am besten nach dem Unterricht bei ihr vorbei und frag sie, ob sie zum Essen mitkommt.«

»Dann treffen wir uns hier am Tisch.«

»Um zwölf?«

»Ja, um zwölf.«

In Kunst bastelte Ninas und Naomis Klasse Drachen aus Pappmaschee, die sie möglichst Furcht erregend gestalten und in Schockfarben bemalen sollten.

Es war ein schreckliches Pech, dass Ninas Leimtopf plötzlich umkippte und die gelbliche Flüssigkeit über den Tisch lief, fast bis zu dem Drachen, und dann über die Kante tropfte und auf Ninas Jeans zu landen schien.

»Igitt!«, kreischte Nina.

Naomi kam ihr selbstverständlich zu Hilfe. »Wir müssen auf die Toilette und den Leim auswaschen, den kriegen wir sonst nie mehr aus der Hose«, meinte sie besorgt.

»Das sind ganz neue Jeans«, jammerte Nina. »Meine Mutter bringt mich um, wenn ich die auf den Müll werfen muss!«

»Können wir kurz raus?«, fragte Naomi artig.

Vor der Tür sagte Nina: »Das, was wie Leim aussieht, ist nur Wasser. Wir können gleich rüber in Heiners WG. Nur blöd, dass wir über den Hof müssen.«

Naomi lachte. »Als Nächstes lernen wir uns unsichtbar zu hexen!«

Sie stürmten die Treppe hoch und den Gang entlang. Das Haus war menschenleer, alle Bewohner, Schüler wie Lehrer, waren im Unterricht. Auch von den Putzfrauen war keine zu sehen.

Vor Heiners WG hielten sie inne.

»Vorsicht!«, mahnte Naomi. »Ich geh rein. Du stehst Wache. O. k.?«

Sie klopfte.

Niemand rief: Herein!, oder: Come in!, oder: Was ist denn los?, oder: Wer will denn schon wieder was von mir?

Trotzdem schlich Naomi auf Zehenspitzen ins Bad. Dort schaute sie sich um – und riss die Augen auf: dass sie daran nicht gedacht hatte!

An der Wand waren sieben Waschbecken. Darüber befanden sich jeweils eine Ablage und ein Spiegel. Auf den Ablagen standen Zahnputzbecher, Zahnpastatuben, Cremedosen, Gel in allen Farben und Betonierstufen, Pampen und Pasten gegen Pickel und Mitesser, bunte Wässerchen für Haut und Haare, Stifte und Sprays, um peinliche Gerüche wenigstens teilerträglich zu machen, – und Kämme und Bürsten.

Auf jeder der sieben Ablagen entdeckte Naomi diese Utensilien. Und alle – sie ging prüfend von Waschbecken Nummer eins bis Nummer sieben –, alle enthielten sie zusammen so viel Haare, dass man daraus ein bescheidenes Toupet hätte fertigen können.

Die Menge der Haare war also nicht das Problem. Das Problem waren die Haare selbst. Genauer: In welcher Bürste nisteten Heiners Haare?

Heiners Haare waren mittelblond bis braun. Komisch, dachte Naomi, in allen Bürsten sehen die Haare mittelblond bis braun aus. Was soll ich nur tun? Welche soll ich nehmen?

Da leuchteten ihre Augen auf. Schnell zupfte sie aus jeder Bürste einige Exemplare, lange, kurze, glatte und gewellte, wickelte alle um ihren Zeigefinger und trat grinsend auf den Gang hinaus. »Ist niemand gekommen?«

»Nein. Aber was hast du so lange gemacht? Hast du die Haare noch gewaschen und geföhnt oder ihnen 'ne Dauerwelle verpasst?«, fragte Nina neugierig.

»Quatsch!« Naomi hielt den Zeigefinger in die Höhe.

»So viele! Leidet er an Haarausfall?«

Da berichtete Naomi, auf welches Problem sie gestoßen war und wie sie es gelöst hatte.

»Genial!«, kicherte Nina. »Einfach supergenial!«

Am Brunnen schrubbte sie ein bisschen an ihren Hosenbeinen herum, dann kehrten beide mit ernster Miene ins Klassenzimmer zurück.

Eine Stunde später allerdings, im Englischunterricht, kritzelte Nina einen langen Satz auf ein kleines Zettelchen: »Was ist, wenn der Zauber so wirkt, dass sich alle sieben Besitzer der siebenerlei Haare um Irene kümmern?«

Sie schob die Botschaft vorsichtig auf die andere Seite.

Naomi las, steckte den Zettel unters Buch und dachte nach. Den Englischunterricht besuchte sie sozusagen nur spaßeshalber; schließlich war Englisch – oder besser Irisch – ihre Muttersprache. Na ja, in der Rechtschreibung war sie nicht absolut fit, schließlich machen deutsche Schüler ja auch Fehler in der deutschen Rechtschreibung, aber eins war sicher: Sie sprach besser Englisch als ihre Lehrerin. Manchmal verbesserte sie sie sogar. Frau Ziegler nahm das gelassen hin. Sie war so souverän, dass sie ihre eigenen – seltenen – Fehler locker tolerieren konnte.

Naomi dachte also nach. Nach einiger Zeit schrieb sie:

1. Wenn sich 7 Leute um Irene kümmern, ist das 7x besser, als wenn sich keiner oder nur einer um sie kümmert.

2. Aber ich glaube nicht, dass der Zauber so wirkt. Wenn wir »Heiner« und »Irene« auf den Zettel schreiben, scheiden die anderen Haare bestimmt automatisch aus.

Nachdem Nina die Antwort gelesen hatte, hob sie anerkennend den rechten Daumen.

Sakiko verspätete sich. Erst um Viertel nach zwölf erschien sie – mit Irene!

»Ich konnte sie überreden wieder unter die Leute zu gehen«, erklärte sie stolz.

»Sie hat mich behandelt wie ein kleines Kind«, meinte Irene. »Sie hat mir meine Kleider ausgesucht, mich angezogen und gekämmt. Sogar den Kamm hat sie sauber gemacht.«

»Sakiko war schon immer ein liebes, fürsorgliches Mädchen«, bestätigte Nina mit harmlosem Augenaufschlag. »Meist denkt sie weiter als andere. Ist es nicht so, Naomi?«

6

Kurz vor sechs trafen sich die drei Mädchenhexen in Sakikos Zimmer. Naomi wickelte das rote Band ab und schnitt es in drei gleich lange Teile. Nina ordnete die Zweigchen. Sakiko schrieb Heiner soll regelmäßig mit Irene trainieren auf ein gelbes Zettelchen, dann banden sie zuerst die beiden einfachen Weidenbüschelchen zusammen. Den Zettel falteten sie um die Haare, legten ihn zwischen die Zweige und schnürten alles fest.

»So, nun kommt der spannende Teil«, sagte Nina. »Sollen wir zuerst zum Bach gehen und anschließend in die Zimmer? Oder wie machen wir's? Steht das im Hokuspokus-Rezept?«

»Nein«, meinte Sakiko bedauernd. »Ich denke, wir müssen zunächst die Zweige in die Zimmer bringen und dann den Zauberbüschel ins Wasser werfen.«

»Ja«, bestätigte Naomi. »Zuerst müssen wir sozusagen die beiden Leitungen herstellen.« Sie schaute ungeduldig auf die Uhr. »Gleich beginnt das Abendessen. Die Zeit sollten wir nützen.«

Schon strömten die Schüler über den Hof zum Pavillon, in dem sich der Speisesaal befand.

»Jetzt!«, sagte Nina, legte die drei Weidenbüschel in eine Aldi-Tüte und schob nach kurzer Überlegung das Buch dazu. »Man kann nie wissen! Vorsicht ist die Mutter der drei Hexen!«

Irenes Zimmer war leer.

»Wohin mit dem Ding?«

»Unter die Matratze. Da sieht sie es nicht.«

In Heiners WG hatten sie weniger Glück: Sie liefen Marion direkt in die Arme.

Geistesgegenwärtig sagte Nina: »Wir müssen Heiner was ausrichten. Ist er hier?«

»Nein, er ist beim Essen. Kann ich helfen?«

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Titel: Internat Sternenfels - Band 2: Die Superhexen