Lade Inhalt...

Teufelchen

2016 81 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Es ist nicht leicht, ein waschechter Fiesling zu werden. So sehr sich das kleine Teufelchen aus Feuerland auch anstrengt: Böse sein ist echt schwer. Der oberste Höllenchef verbannt es deshalb für eine Woche in die Welt der Menschen. Hier soll Teufelchen etwas wirklich gewaltig Gemeines anstellen, wie es sich für den Höllennachwuchs gehört. Doch das ist viel komplizierter als gedacht. Denn Teufelchens neuer Freund ist nicht nur ausgerechnet ein Menschenjunge, sondern findet die meisten von seinen Ideen auch noch viel zu fies: Oh du Hölle – was nun?

Über die Autoren

Heike und Wolfgang Hohlbein sind eines der bekanntesten Autorenpaare Deutschlands – nicht nur im Fantasy-Genre. Gemeinsam schrieben sie 1982 das preisgekrönte Jugendbuch MÄRCHENMOND, mit dem sie schlagartig bekannt wurden. Wolfgang Hohlbein hat inzwischen 150 Bestseller mit einer Gesamtauflage von über 44 Millionen Büchern verfasst. Das Paar hat sechs Kinder und lebt heute in Neuss.

Bei jumpbooks erscheint von den Autoren:

Norg. Im verbotenen Land
Norg. Im Tal des Ungeheuers
Teufelchen

 

Die Autoren im Internet: www.hohlbein.de

Bei jumpbooks erscheint von Wolfgang Hohlbein:
Der weiße Ritter - Erster Roman: Wolfsnebel
Der weiße Ritter - Zweiter Roman: Schattentanz
Nach dem großen Feuer
Ithaka
Drachentöter

***

eBook-Neuausgabe Mai 2016

Copyright © 2001 by K. Thienemanns Verlag in Stuttgart – Wien

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-120-3

***

Damit der Lesespaß sofort weitergeht, empfehlen wir dir gern weitere Bücher aus unserem Programm. Schick einfach eine eMail mit dem Stichwort Teufelchen an: lesetipp@jumpbooks.de

Gerne informieren wir dich über unsere aktuellen Neuerscheinungen – melde dich einfach für unseren Newsletter an: http://www.jumpbooks.de/newsletter.html

Besuch uns im Internet:

www.jumpbooks.de

www.facebook.com/jumpbooks

https://twitter.com/jumpbooksverlag

www.youtube.com/jumpbooks

Wolfgang Hohlbein & Heike Hohlbein

Teufelchen

jumpbooks

Kapitel 1
Der geheime Freund

Eigentlich war Justin ein ganz normaler neunjähriger Junge, der wie die meisten normalen neunjährigen Jungen mehr oder weniger (meist weniger) gerne zur Schule ging, mehr oder weniger (meist mehr) gute Noten nach Hause brachte, im Sommer gerne Fahrrad fuhr und eine Menge Freunde hatte. Kurz: Er war ein ganz durchschnittlicher Bursche. Ein Junge wie du und ich, sozusagen.

Das einzig Besondere an ihm (aber davon wusste niemand etwas) war sein Freund.

Es war kein normaler Freund, den er vielleicht in der Schule kennen gelernt hatte oder in den Ferien. Find es war auch kein Freund von der Art, mit dem er sich am Nachmittag zum Spielen getroffen hätte oder vielleicht im Sommer im Freibad oder mit dem er zu einem Fußballspiel gegangen wäre. Eben kein Junge wie du und ich.

Genau genommen war es überhaupt kein Junge.

Es war allerdings auch kein Mädchen.

Justins geheimer Freund war ein kleiner Teufel. Und das war auch einer der Gründe, weshalb er mit niemandem über ihn reden konnte. Der andere Grund war, dass außer ihm niemand Teufelchen sehen konnte.

Aber das war vielleicht auch gut so. Wahrscheinlich hätte es doch für ein bisschen Aufregung gesorgt, wenn Justin in Begleitung einer kleinen, rothäutigen Gestalt mit Hörnern, Pferdefuß und Schweif in den Bus gestiegen wäre oder einen Freund zum Essen mit nach Hause gebracht hätte, der erst einmal seine Flügel ausschütteln musste, wenn es draußen regnete.

Davon abgesehen war Teufelchen gar nicht so anders als die meisten Neunjährigen. Er war natürlich nicht wirklich neun Jahre alt, sondern hatte gerade seinen zweihundertundelften Geburtstag gefeiert, aber bei einem Teufel macht das nichts. Sie werden nämlich sehr viel älter als Menschen. Wirklich sehr viel älter.

Aber abgesehen von seiner feuerroten Haut, den Hörnern und den großen Fledermausflügeln, die er wie einen Mantel aus dünnem schwarzem Feder um seinen Körper schlingen konnte, wenn ihm kalt war, abgesehen von dem Schweif mit der dicken Quaste und dem Pferdefuß war Teufelchen ein ganz normaler kleiner Teufelsjunge. Seine Mutter nannte ihn manchmal liebevoll Satansbraten, was er aber ehrlich gesagt nicht so ganz verstand. Er lachte gerne, war immer zu einem Streich aufgelegt, ging mehr oder weniger (meist weniger) gerne zur Teufelsschule, brachte mehr oder weniger (meist mehr) gute Noten nach Hause – und er ähnelte Justin auch noch in einem anderen Punkt:

Er hatte einen Freund, von dem niemand etwas wusste.

Justin konnte sich gar nicht mehr richtig daran erinnern, wann Teufelchen und er sich kennen gelernt hatten. Natürlich war er ganz schön erschrocken gewesen, als er ihn das erste Mal gesehen hatte – wer wäre das nicht, wenn er urplötzlich einem leibhaftigen Teufel gegenübersteht? Aber es hatte nicht sehr lange gedauert, bis er merkte, dass das Aussehen eigentlich gar keine Rolle spielte.

Und was den Charakter anging …

Nun, da war Teufelchen vielleicht doch ein bisschen aus der Art geschlagen. Er war nämlich alles andere als teuflisch.

Manchmal – zwar nicht sehr oft, aber manchmal eben doch – nahm Justin Teufelchen mit zu sich nach Hause. Aber nur dann, wenn er ganz sicher sein konnte, dass er alleine war. Einmal nämlich war seine Mutter überraschend ins Zimmer geplatzt, als Justin und sein unsichtbarer Freund gerade damit beschäftigt waren, aus Legosteinen eine gewaltige Burg zu errichten, um sie dann mit lautem Getöse wieder einzureißen. Sie hatte schon etwas irritiert geguckt, als ihr Sohn mutterseelenallein inmitten einer Tonne Legosteine saß und sich angeregt mit jemandem unterhielt, der gar nicht da war. Sie hatte nichts gesagt, aber Justin waren ihre komischen Blicke nicht entgangen und auch nicht, dass sie sich dann abends mit seinem Vater unterhalten hatte, der ihn danach auch so seltsam angeblickt hatte.

Nicht, dass Justin das etwas ausgemacht hätte. Sein Vater war Schriftsteller und in seinen Geschichten kamen nicht nur Teufel, sondern noch ganz andere Sachen vor. Der Vater hatte seine Mutter auch beruhigt und gemeint, dass zu viel Phantasie immer noch besser wäre als zu wenig.

Trotzdem – seither zog Justin es vor, Teufelchen nur noch mit nach Hause zu nehmen, wenn er ganz sicher sein konnte, dass niemand da war.

Und am liebsten hatte er es natürlich, wenn Teufelchen ihn mit zu sich nach Hause nahm. Das war wirklich aufregend. Und auch ein bisschen gefährlich, aber gerade das machte es ja so spannend.

Teufelchen wohnte zusammen mit seiner Familie in einem noch nicht ganz erloschenen Vulkan in Feuerland. Und zwar nicht dem Feuerland, das man auf der Landkarte findet und das an der Südspitze von Südamerika liegt und nur Feuerland heißt, in Wirklichkeit aber die meiste Zeit des Jahres von Schnee und Eis bedeckt ist – sondern dem echten Feuerland. Einem, das seinen Namen verdient. Hier war es immer heiß und das Wort Winter kam in der Sprache seiner Bewohner nicht einmal vor.

Alle Berge – und davon gab es eine Menge – waren Vulkane und in den Flüssen floss kein Wasser, sondern etwas, das grauenhaft nach faulen Eiern stank und ununterbrochen sprudelte und zischte. Der Himmel in Feuerland war oft schwarz vom Rauch der Vulkane und es herrschte ein nie endendes Gewitter. Es donnerte und blitzte ständig, ohne dass allerdings auch nur ein Tropfen Regen gefallen wäre.

Als Justin das erste Mal da gewesen war, hatte er geglaubt, sie wären in der Hölle. Er sprach Teufelchen darauf an, aber der schüttelte nur traurig den Kopf und irgendetwas an der Art, in der er es tat, und sein niedergeschlagener Blick hatten Justin davon abgehalten weiter zu bohren. Auch Teufel haben offensichtlich ihre Geheimnisse.

Teufelchen nahm ihn nur selten mit zu sich nach Hause und genau wie Justin hatte auch er seine Gründe dafür. Teufel konnten Menschen nämlich durchaus sehen. Und Teufelchen hatte Justin in den schwärzesten Farben ausgemalt, was ihnen beiden zustoßen würde, wenn sein Vater ihn erwischte. Dabei sah Teufelchens Vater eigentlich gar nicht so schlimm aus. Justin hatte ihn zwar nur einmal ganz kurz gesehen, bevor Teufelchen ihn hastig wegbrachte, aber er erinnerte sich gut an den großen grauhaarigen, alten Teufel, der weniger erschreckend, als vielmehr beeindruckend aussah. Er hatte das gleiche immer zu einem Schabernack aufgelegte Glitzern in den Augen, das Justin an Teufelchen so mochte. Er glaubte eigentlich nicht, dass der alte Teufel ihm etwas tun würde, wenn er ihn erwischte. Aber wahrscheinlich würde Teufelchen einen Menge Ärger bekommen, und das wollte er schließlich nicht.

Also waren sie vorsichtig und besuchten den alten Vulkan nur, wenn niemand zu Hause war und Teufelchen meinte, dass nichts passieren konnte.

Und das war der Knackpunkt: wenn Teufelchen meinte.

Auch in diesem Punkt unterschied sich Teufelchen nicht von einem ganz normalen Jungen: Er meinte immer schlauer als alle Erwachsenen zu sein. Für eine ganze Weile ging das auch gut.

Aber eben nicht für immer.

Und das war der Moment, in dem Teufelchens – und damit auch Justins – Probleme erst so richtig begannen …

Kapitel 2
Besuch aus der Hölle

Es war irgendwann im Spätherbst; so einer von diesen Tagen, an denen es noch nicht richtig kalt, aber auch schon längst nicht mehr warm war und an denen der Himmel selbst dann noch grau blieb, wenn es mal nicht wie aus Kübeln schüttete. Justin hatte Teufelchen nicht lange überreden müssen ihn zum Spielen mit zu sich nach Hause zu nehmen.

Der Vulkan, in dem Teufelchens Familie lebte, war noch nicht ganz erloschen. Deshalb brauchte man keine Heizung und es war trotzdem immer warm. Nur manchmal regte sich der Berg, mit einem dumpfen Grollen, wie ein tausend Jahre alter Drache, der im Schlaf gestört worden war. Justin fand das aufregend, auch wenn Teufelchen manchmal einen besorgten Blick zur Decke warf, als wäre er von der Standfestigkeit seines Zuhauses nicht ganz überzeugt.

An diesem Tag blieb zunächst alles ruhig. Durch die Fenster drang nur manchmal das Grollen des niemals endenden Gewitters herein und ab und zu zitterte der Fußboden ganz sacht. Sie spielten Verstecken, was in den endlosen Stollen und Gängen des Vulkans manchmal Stunden dauern konnte. Am Anfang hatte Justin ein bisschen Angst gehabt sich zu verirren und vielleicht den Rückweg nicht mehr zu finden, aber Teufelchen spürte ihn immer in erstaunlich kurzer Zeit auf, ganz egal, wie gut Justin sich auch versteckte.

So auch heute. Urplötzlich stand er vor ihm, riss die Arme hoch, zog eine fürchterliche Grimasse und Justin spielte den Erschrockenen und flitzte davon. Teufelchen rannte schnaubend hinterher und im Nu war die schönste Verfolgungsjagd im Gange.

Keiner von ihnen bemerkte, dass das Drachengrollen des Vulkans allmählich lauter wurde und der Boden immer heftiger zitterte. Dass draußen immer mehr Blitze niederzuckten und der Donner immer drohender rollte. Ab und zu fielen jetzt Steine von der Decke, denen sie im Laufen ausweichen mussten, aber das machte die Verfolgungsjagd nur noch spannender. Sie liefen, bis sie beide vollkommen außer Atem waren und selbst dann lachten und kicherten sie noch.

Plötzlich aber verstummte Teufelchen. Ein erschrockener Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. Hastig sah er sich nach allen Seiten um, dann machte er Justin ein Zeichen still zu sein.

»Was ist denn?«, gluckste Justin. Es fiel ihm schwer, nicht zu lachen.

»Still!«, zischte Teufelchen. »Irgendjemand kommt!«

Er stand auf, bedeutete Justin sich nicht von der Stelle zu rühren und lief mit raschen Schritten davon.

Justin sah ihm mit klopfendem Herzen nach. Er fühlte sich noch völlig aufgedreht und ausgelassen von der wilden Verfolgungsjagd, aber allmählich wurde ihm doch etwas mulmig. Der Vulkan grollte und rumorte mittlerweile ununterbrochen. Von der Decke fielen immer mehr Steine und kleine Felsbrocken und der Boden schwankte sanft. Hier und da hatten sich Risse aufgetan, aus denen grauer, nach Schwefel riechender Dampf quoll. Das Licht war irgendwie … röter geworden und draußen tobte das Gewitter mit einer nie dagewesenen Kraft. Und wenn er es recht bedachte, dann hatte er niemals zuvor einen so erschrockenen Ausdruck auf dem Gesicht seines gehörnten Freundes gesehen wie vorhin.

Er war sehr froh, als Teufelchen nach ein paar Minuten zurückkam.

»Was ist passiert?«, fragte er. Seine Stimme zitterte mehr, als ihm lieb war. »Kommen deine Eltern?«

»Ja«, antwortete Teufelchen. »Sei bloß leise. Wenn mein Vater dich hier erwischt, dann ist der Teufel los.«

»Weil du keine Freunde haben darfst?«, fragte Justin.

»Weil du ein Mensch bist«, antwortete Teufelchen. »Ich darf nicht mit dir –«

Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment erscholl ein gewaltiger Donnerschlag. Der ganze Vulkan wackelte und Justin hätte wahrscheinlich vor Schrecken aufgeschrien, wenn Teufelchen ihm nicht rechtzeitig mit einer Hand den Mund zugehalten und ihn mit der anderen in eine Nische gezerrt hätte.

Keine Sekunde zu früh! Kaum waren sie außer Sicht, da tauchten auch schon Teufelchens Vater und kurz darauf seine Mutter am Ende des Ganges auf.

Seine Mutter sei ein richtiges Teufelsweib, sagte Teufelchen immer, aber Justin fand auch sie eigentlich ganz nett. Sie wirkte nicht erschreckend, war noch überraschend jung, hatte feuerrotes Haar und das, was sein Vater vermutlich eine Traumfigur genannt hätte.

Dafür sah die dritte Gestalt, die zwischen ihnen einherschritt, umso erschreckender aus.

Sie war riesig – bestimmt zwei Meter groß, wenn nicht mehr – und Justin hätte um ein Haar laut aufgeschrien, als er in ihr Gesicht blickte.

»Keinen Laut!«, keuchte Teufelchen.

»Wenn Asmodis dich findet …«

Er sprach nicht weiter.

Justin konnte sich lebhaft vorstellen, was dann geschah. »Wer … wer ist das?«, stammelte er.

»Onkel Asmodis«, flüsterte Teufelchen. »Das hätte ich mir eigentlich denken können! Die Blitze und das Erdbeben und all das … er liebt dramatische Auftritte, weißt du?«

»Onkel Asmodis?« Justin schauderte. »Heißt das, du bist mit diesem … diesem Scheusal verwandt?« Es fiel ihm schwer, das zu glauben.

Asmodis war nicht nur riesig, er war auch so hässlich, dass Justin schon beim bloßen Hinsehen ein kalter Schauer über den Rücken lief. Sein Gesicht schien nur aus Runzeln und Falten zu bestehen und er hatte schreckliche, rot glühende Augen. Seine Hörner waren gebogen wie die eines Steinbocks und seine Flügel – die eher denen eines Drachen, als denen einer Fledermaus glichen – waren zerfetzt und rissig. Sein Pferdefuß stampfte mit solcher Wucht auf den Boden, dass bei jedem Schritt die Funken stoben.

»Ich fürchte, ja«, gestand Teufelchen kleinlaut. »Bei uns Teufeln ist es anders als bei euch Menschen. Irgendwie sind wir alle miteinander verwandt. Ich frage mich nur, was er hier will. Das gefällt mir nicht.«

»Wieso?«, fragte Justin.

»Wenn Asmodis kommt, bedeutet das fast immer Ärger«, sagte Teufelchen. »Er ist so eine Art … Aufseher hier. Außerdem ist es seine Schuld, dass wir hier leben müssen, statt …« Er sprach nicht weiter, sondern blickte einen Moment lang traurig an Justin vorbei ins Leere. Dann gab er sich einen Ruck und legte den Zeigefinger an die Lippen. »Still jetzt. Asmodis hat Ohren wie ein Luchs.«

Die drei Teufelsgestalten kamen allmählich näher, sodass Justin und Teufelchen jetzt verstehen konnten, worüber sie redeten.

»… ein gutes Wort für euch einlege«, sagte Asmodis gerade. »Aber das ist das letzte Mal, dass ich euch helfe. Verwandte oder nicht, so geht das nicht weiter!«

Teufelchens Vater schrumpfte unter diesen Worten regelrecht zusammen. Als er antwortete, klang seine Stimme beinahe schüchtern. »Aber er ist doch noch jung! Als du zweihundert warst, Asmodis, da –«

»Papperlapapp!«, unterbrach ihn Asmodis. Er war so wütend, dass kleine Dampfwölkchen aus seiner Nase quollen. »Man spricht schon über euch, verehrter Vetter! Ihr seid das Tagesgespräch in der ganzen Hölle!« Plötzlich blieb er stehen, drehte den Kopf hin und her und schnüffelte wie ein Hund, der Witterung aufnimmt.

»So, so«, sagte Teufelchens Vater schüchtern. »Und was erzählt man sich über uns?«

»Was man sich erzählt?!«, brüllte Asmodis. Seine Stimme brach sich wie Donnergrollen an den Wänden und rollte als Echo zurück. »Man sagt, dass hier ein kleiner Teufel wohnt, der gerne mit Menschen spielt! Das sagt man! Statt sie zu quälen und ihnen Angst einzujagen, statt sie mit Alpträumen heimzusuchen und alles kaputtzumachen, woran ihr Herz hängt, soll er sogar mit einem Menschen befreundet sein! Ihr seid eine Schande für die gesamte Sippschaft.«

Er schüttelte den Kopf, seufzte tief und fügte in verändertem Tonfall hinzu: »Aber was habe ich erwartet? Ihr seid nicht umsonst hierher verbannt worden. Ich dachte, ihr hättet aus dieser Strafe etwas gelernt, aber ich habe mich wohl getäuscht. Ich fürchte, ich werde Maßnahmen ergreifen müssen.«

»Aber Asmodis«, jammerte Teufelchens Vater, »bitte bedenke, dass er noch ein Kind ist!«

Asmodis hob die Hand und schnüffelte wieder. »Still!«, sagte er. »Ich rieche doch … einen Menschen!« Er richtete sich auf, schlug drohend mit den Flügeln und funkelte Teufelchens Vater an. »Verbergt ihr hier etwa einen Menschen?«, grollte er.

»Ich muss etwas tun!«, sagte Teufelchen. »Mein Vater bekommt sonst einen himmlischen Ärger!« Mit einer beschwörenden Geste zu Justin, sich nicht von der Stelle zu rühren und auch ja mucksmäuschenstill zu sein, sprang er aus der Nische heraus und ging auf seine Eltern zu.

»Ah!«, grollte Asmodis. »Wenn man vom Teufel spricht! Da ist er ja!« Er schnüffelte wieder, legte die Stirn in Falten und drehte den Kopf hin und her.

Justin blieb fast das Herz stehen, als die rot glühenden Augen einen Moment lang direkt in seine Richtung blickten.

»Ich rieche immer noch Menschenfleisch!«, grollte Asmodis.

»Aber hier ist kein Mensch!«, versicherte Teufelchen hastig. »Wirklich! Das schwöre ich, bei allem, was mir unheilig ist.«

»Lügst du auch nicht?«, fragte Asmodis misstrauisch.

»Ich würde niemals lügen!«, versicherte Teufelchen. Er klang sehr überzeugend, aber Asmodis’ Stirnrunzeln vertiefte sich noch.

»Das ist es ja gerade, was mir Sorgen macht«, grollte er. »Du machst deinen Eltern große Schande, weißt du das eigentlich? Du lügst nicht, du stiehlst nicht, du betrügst nicht und du machst keine Dinge kaputt! Wohin soll das führen?« Er schnüffelte. »Du riechst sogar schon nach Mensch! Ich sehe schwarz für deine Zukunft! Einen wie dich können wir in der Hölle nicht gebrauchen!«

»Das … das tut mir Leid«, sagte Teufelchen niedergeschlagen. »Ich werde mich bessern, das verspreche ich! Hoch und hei– « Er verbesserte sich hastig: »Hoch und unheilig!«

»Das will ich auch hoffen!«, donnerte Asmodis. »Schon um deiner Eltern willen! Dein Benehmen bricht ihnen das Herz!«

»Das tut mir wirklich Leid«, sagte Teufelchen.

Asmodis verzog das Gesicht, als würde er auf eine saure Zitrone beißen. »Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich habe beschlossen, dir noch eine letzte Chance zu gewähren! Du wirst für eine Woche in die Welt der Menschen verbannt, wo du dich bewähren kannst! Wenn du eine wirklich schlechte Tat begehst, darfst du hierher zurückkehren! Und um sicherzugehen, dass du auch Wort hältst, werde ich dich im Auge behalten! Wehe dir, wenn du versagst!«

Kapitel 3
Die erste Prüfung

Wieder zurück in der Stadt waren Justin und sein geheimer Freund für eine ganze Weile sehr schweigsam. Vor allem Teufelchen starrte missmutig vor sich hin, hatte die Hände fast bis an die Ellbogen in den Hosentaschen vergraben und trat zornig nach Ästen oder Steinen am Straßenrand.

Justin fuhr dann jedes Mal zusammen und sah sich erschrocken um. Sie gingen eine Straße entlang, die auf der einen Seite von Büschen und sorgsam geschnittenen Pappeln gesäumt wurde. Auf der anderen Seite parkten Autos und dazwischen bewegten sich eine Menge Passanten.

Im Moment sah niemand in ihre Richtung. Wenn es zufällig doch jemand getan hätte, wäre es ihm wahrscheinlich merkwürdig vorgekommen, einen Jungen zu sehen, der mit hängenden Schultern einhertrottete, während ein gutes Stück neben ihm ab und zu ein Stein aufflog oder ein Haufen trockener Blätter wie unter einem Fußtritt durcheinander wirbelte.

»Das alles tut mir wirklich furchtbar Leid«, sagte Justin schließlich. »Ich wollte wirklich nicht, dass du meinetwegen Ärger kriegst.«

»Deinetwegen?« Teufelchen blieb stehen und sah ihn stirnrunzelnd an. »Wie kommst du denn auf die Idee?«

»Na, ich … ich dachte, weil Asmodis –«, begann Justin, aber Teufelchen unterbrach ihn sofort wieder: »Das war doch nur ein Vorwand. Asmodis hat was gegen unsere ganze Familie, seit mein Vater damals …« Er sprach nicht weiter und Justin fragte ihn auch nicht, was er eigentlich hatte sagen wollen. Er spürte nämlich genau, dass ihm das Thema Asmodis sehr unangenehm war.

»Jedenfalls geht er mir mit seiner Bewährung schon seit mindestens hundert Jahren auf die Nerven«, fuhr Teufelchen schließlich fort. »Andauernd taucht er auf und meckert rum. Ich bin nicht böse genug, ich habe nicht genug Schlimmes getan, ich muss mich bewähren, sonst komme ich nicht in die Hölle … bääh!«

»Und was willst du jetzt tun?«, fragte Justin.

Teufelchen zuckte mit den Schultern, dass seine Flügel raschelten. »Keine Ahnung«, gestand er. »Aber irgendetwas muss ich tun. Ich glaube, diesmal meint er es ernst.« Er sah sich suchend um und deutete schließlich mürrisch auf ein Geschäft auf der anderen Straßenseite. Eine grauhaarige alte Frau hatte gerade ihren Hund an einem Fahrradständer davor angebunden und betrat den Laden.

»Wie wäre es damit?«

»Was … meinst du?«, fragte Justin zögernd. Er hatte kein gutes Gefühl.

»Ich könnte ihn losbinden«, sinnierte Teufelchen. »Kannst du dir vorstellen, was sie für ein Gesicht macht, wenn sie aus dem Laden kommt und ihr Fifi ist nicht mehr da?«

»Kannst du dir vorstellen, was die arme Frau für einen Schrecken bekommt?«, gab Justin zurück. »Viele Menschen lieben ihre Haustiere wie ihre Kinder. Sie wäre bestimmt sehr traurig. Das kannst du nicht machen!«

»Du meinst, es wäre böse?«, fragte Teufelchen hoffnungsvoll.

»Es wäre gemein«, verbesserte ihn Justin. »Asmodis hat nicht gesagt, dass du gemein sein sollst, oder?«

»Aber gemeint hat er es«, sagte Teufelchen grimmig. »Du hast vollkommen Recht. Es wäre nicht nur gemein. Es wäre sogar hundsgemein! Das wird Asmodis gefallen!«

»Aber … aber das kannst du nicht machen!«, sagte Justin. »Die arme Frau!«

Doch Teufelchen hörte ihm gar nicht mehr zu. Er hüpfte bereits mit großen Sprüngen über die Straße und näherte sich dem Geschäft. Der Hund hob den Kopf, schnüffelte und begann mit dem Schwanz zu wedeln. Auch wenn er Teufelchen nicht sah, schien er irgendetwas zu spüren – und es machte ihm nicht unbedingt Angst.

»Blöder Köter!«, murrte Teufelchen.

Justin, der ihm gefolgt war, hatte alle Mühe ein Grinsen zu unterdrücken. Es gelang Teufelchen offensichtlich nicht einmal, einen kleinen Hund zu erschrecken.

Teufelchen bückte sich nach der Leine, löste den Knoten und zog am Halsband des Hundes.

Der kleine Dackel fiepte vor Freude, begann schwanzwedelnd auf und ab zu hüpfen und leckte Teufelchen dabei mit seiner langen Zunge quer durch das Gesicht.

Jetzt konnte Justin nicht mehr anders als laut loszulachen. Teufelchen richtete sich hastig auf, fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht und sah Justin giftig an. Aber er sagte nichts, sondern drehte sich rasch um und überquerte die Straße. Der Dackel hüpfte schwanzwedelnd neben ihm her und versuchte immer wieder an ihm hochzuspringen, um ihn wieder abzulecken. Kein Zweifel – Teufelchen hatte einen neuen Freund gefunden.

»Hör endlich auf, du doofer Kläffer!«, schimpfte Teufelchen. Aber sein Zorn klang nicht ganz echt. Als er einmal glaubte, dass Justin nicht hinsah, bückte er sich rasch, um den Dackel zwischen den Ohren zu kraulen. Der Hund wedelte noch heftiger mit dem Schwanz.

»Ich glaube, er mag dich«, sagte Justin grinsend.

Teufelchen versuchte regelrecht ihn mit Blicken zu durchbohren. »Ha, ha, ha!«, knurrte er. »Aber warte nur, bis sein Frauchen kommt und nach ihrem kleinen Liebling sucht. Dann ist der Spaß zu Ende!«

Justins Lächeln erlosch. Der kleine Zwischenfall hatte ihn fast vergessen lassen, dass das, was Teufelchen vorhatte, nicht besonders lustig war. »Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?«, fragte er. »Die arme Frau wird sich zu Tode erschrecken!«

Tatsächlich sah Teufelchen Justin einen Moment lang zweifelnd an. Aber dann schüttelte er grimmig den Kopf. »Kommt überhaupt nicht in Frage«, sagte er.

Es war auch zu spät. In diesem Moment ging die Ladentür auf und die alte Frau kam heraus. Gleich würde sie sehen, dass ihr Dackel nicht mehr da war. Wie es aussah, dachte Justin traurig, hatte Teufelchen seine Prüfung bereits so gut wie bestanden.

Doch es kam anders.

Plötzlich hörte Justin ein zorniges Hupen. Erschrocken drehte er den Kopf und sah gerade noch, wie ein Ball zwischen den geparkten Autos hindurch auf die Straße rollte. Aus der anderen Richtung näherte sich ein großer, gelb gestrichener Tastwagen mit einem aufgemalten Posthorn. Der Fahrer riss das Lenkrad herum. Reifen quietschten. Der Wagen hüpfte schlingernd den Bürgersteig hinauf und hielt einen Moment lang direkt auf den Laden zu. Justin sah, wie die alte Frau erschrocken in das Geschäft zurückwich. Entsetzt hielt er die Luft an.

Es gelang dem Fahrer, den Wagen im letzten Moment herumzureißen. Statt in die Schaufensterscheibe zu krachen, raste er direkt an dem Laden vorbei und kam schließlich zehn Meter weiter entfernt auf dem Bürgersteig zum Stehen. Allerdings erst, nachdem er den Fahrradständer, an dem der Dackel angebunden gewesen war, überrollt und zu etwas verwandelt hatte, das wie silberne Spaghetti aussah …

»Ups!«, sagte Teufelchen. Vor lauter Überraschung ließ er die Hundeleine los.

Im gleichen Moment trat die alte Frau wieder aus dem Laden, sah den zermalmten Fahrradständer und schlug erschrocken die Hand vor den Mund. »Mein Gott!«, rief sie. »Waldi! Wo … wo ist mein Waldi? Ohgottogottogott!«

Waldi kläffte, begann wie wild mit dem Schwanz zu wedeln und flitzte auf seinen kurzen Beinen davon, noch bevor Teufelchen wieder nach der Leine greifen konnte. Nur einen Augenblick später hatte er sein Frauchen erreicht und sprang vor ihr wie ein Gummiball auf und ab.

»Waldi!«, rief die alte Frau ungläubig. »Aber wie bist du denn … ach, egal! Du lebst! Gott sei Dank, du lebst noch! Ich bin ja so glücklich!« Und damit schloss sie den kleinen Hund in die Arme und drückte ihn an sich.

Teufelchen machte ein verdutztes Gesicht. »Oh«, murmelte er. »Das war …«

»Gemein«, sagte Justin grinsend. »Wirklich hundsgemein. Das hast du ganz toll gemacht. Ohne dich wäre der arme Waldi jetzt platt wie eine Briefmarke. Hast du noch mehr solcher Gemeinheiten auf Lager?«

Teufelchen war sprachlos. Mit offenem Mund starrte er die alte Frau an, die den Dackel immer noch an sich presste, ihn herzte und liebkoste wie eine Mutter ihr verloren geglaubtes Kind. Der LKW-Fahrer war mittlerweile aus seinem Wagen gestiegen und lamentierte lauthals mit dem Ladenbesitzer und einigen Passanten. Gottlob war ja niemandem etwas passiert und selbst der Sachschaden hielt sich in Grenzen.

»Das hast du wirklich ganz ausgezeichnet gemacht«, sagte Justin hämisch. Er konnte sich vor Lachen kaum noch halten.

Teufelchen funkelte ihn an, doch bevor er etwas sagen konnte, begann die Luft zwischen ihnen zu flimmern, wie sie es manchmal über der Wüste tut oder auch über einer heißen Herdplatte. Ein riesiger Schatten erschien und Justin konnte sich gerade noch mit einem Satz in die Büsche retten, da trat Asmodis wutschnaubend auf Teufelchen zu.

»Waaaas?!«, brüllte er mit einer Stimme, die noch die Fensterscheiben auf der anderen Straßenseite klirren ließ. »Das nennst du eine böse Tat? Ist das vielleicht das, was du dir unter einer Bewährung vorstellst?«

»Nun«, sagte Teufelchen, »also, ich dachte … ich meine, ich hatte vor … also …«

»Ach!«, brüllte Asmodis. »Du dachtest! Du dachtest, ich merke nicht, was du hier treibst?«

»Aber ich habe den Hund doch –«

»Gerettet!«, unterbrach ihn Asmodis. »Du hast diesen kleinen Kläffer gerettet! Und du hast sein Frauchen damit glücklich gemacht! Glücklich!« Er sprach das Wort aus, als wäre es etwas Ekelhaftes, und verzog auch entsprechend das Gesicht. »Aber was kann man von einem wie dir schon erwarten? Du kommst wirklich ganz genau nach deinem Vater!«

»Aber ich … ich habe es doch versucht«, jammerte Teufelchen.

»Ja, und das mit durchschlagendem Erfolg!«, sagte Asmodis gehässig. »Meinen herzlichen Glückwunsch! Das fängt ja gut an!« Er beugte sich wütend vor. »Damit du dir für das nächste Mal merkst, dass du etwas falsch gemacht hast, werde ich dir eine kleine Gedankenstütze verpassen!«

Er griff blitzschnell zu – und nahm Teufelchen seinen Schweif ab. Teufelchen schrie auf, presste beide Hände gegen das Hinterteil und starrte mit aufgerissenen Augen auf den quastenbewehrten Schweif, den Asmodis wie ein Lasso hin und her schwang.

»Aber …«, stammelte er. »Aber ich …«

»Du kriegst ihn wieder«, sagte Asmodis. »Wenn du dich beim nächsten Mal bewährst, heißt das. Bis morgen, mein kleiner Freund. Und denke daran: Mir entgeht nichts!«

Autoren

Zurück

Titel: Teufelchen