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Der weiße Ritter - Erster Roman: Wolfsnebel

2016 157 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Seit er denken kann, will der Waisenjunge Tibor ein Ritter werden. Endlich scheint sein Traum wahr zu werden: Als Knappe tritt er in das Gefolge des weißen Ritters Wolff ein. Doch schon bald lernt Tibor die unendlichen Gefahren kennen, die das Schicksal für diejenigen bereithält, die sich dem Kampf verschrieben haben. Doch eine noch größere Bedrohung zieht am Horizont herauf: Resnec, der dunkle Herr, versucht mit aller Gewalt die Macht über das Land an sich zu reißen. Nur Tibor und seine Gefährten können sich ihm noch in den Weg stellen. Sie machen sich auf ins Reich hinter den Schatten, wo Verrat und Tod lauern …

Über den Autor:

Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist Deutschlands erfolgreichster Fantasy-Autor. Der Durchbruch gelang ihm 1983 mit dem preisgekrönten Jugendbuch Märchenmond. Inzwischen hat er 150 Bestseller mit einer Gesamtauflage von über 40 Millionen Büchern verfasst. 2012 erhielt er den internationalen Literaturpreis NUX. Zeitgleich startete der in Neuss lebende Autor ein innovatives Hohlbein-TV-Projekt.

 

Der Autor im Internet: www.hohlbein.de

Bei jumpbooks erscheint von Wolfgang Hohlbein:
Der weiße Ritter - Erster Roman: Wolfsnebel
Der weiße Ritter - Zweiter Roman: Schattentanz
Nach dem großen Feuer
Ithaka
Drachentöter

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eBook-Neuausgabe Juni 2016

Copyright © 1986 by Loewes Verlag, Bindlach

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs unter Verwendung von © Marla (fotolia.com)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-129-6

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Wolfgang Hohlbein

Der weiße Ritter
Erster Roman – Wolfsnebel

jumpbooks

Kapitel 1

Der Fremde war am vergangenen Abend ins Dorf gekommen, und eigentlich sah er gar nicht so aus, wie sich Tibor einen Ritter vorgestellt hatte. Sicher–er ritt ein prachtvolles Schlachtroß, dessen weiße Satteldecke voller Goldstickereien und Borten war, und sein Schild und Helm hatten in der Abendsonne geglänzt wie poliertes Silber. Aber für einen Ritter schien er ihm noch verhältnismäßig jung zu sein, und die Art, in der er im Sattel gesessen hatte, war wohl mehr müde als stolz, und bei näherer Betrachtung hatte sich das Material seiner Rüstung eher als zerschrammtes Eisen denn als Edelmetall herausgestellt. Seine Hände hatten vor Erschöpfung gezittert, als er vor dem Haus des Dorfschulzen aus dem Sattel gestiegen und um ein Nachtlager gebeten hatte. Tibor hatte nicht verstanden, was er gesagt hatte, denn die weißgekleidete Gestalt war rasch von einer dichten Menschenmenge umringt gewesen, die ihn nicht durchließ. Aber seine Stimme hatte, wenn auch fest, so doch sehr leise geklungen. Er hatte nicht gefordert, wie es einem Ritter zukam, sein Auftreten war nicht das eines Fordernden, sondern das eines Bittenden gewesen, und Tibor war sich ziemlich sicher, daß er ohne ein Wort des Protestes wieder in den Sattel gestiegen und weitergeritten wäre, hätte der Schulze seine Bitte abschlägig beschieden. Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte – Wolff von Rabenfels war ganz und gar nicht das, was sich Tibor unter einem Ritter vorgestellt hatte.

Was Tibor nicht daran hinderte, ihn geradezu grenzenlos zu bewundern. Solange er denken konnte, hatte er Ritter bewundert, und solange er sich erinnern konnte, war es sein größter Wunsch gewesen, selbst eines Tages auf einem prachtvoll geschmückten Pferd zu sitzen, ein Schwert am Gürtel und das Wappen seines Herren auf Schild und Brünne.

Aber es war eben nur ein Wunsch, und mit jedem Jahr, das ins Land ging, war Tibor klarer geworden, daß er das wohl auch immer bleiben würde. Statt ein Ritter in einer glänzenden Rüstung zu sein, würde er wohl den Rest seines Lebens damit zubringen, Kisten und Ballen auf und von Ochsenkarren zu laden, sich Farbe ins Gesicht zu schmieren und sich vor einer grölenden Meute zum Narren zu machen, um des Lohnes einer warmen Mahlzeit und eines Nachtlagers. Gar manches Mal schon war er mit Schimpf und Schande aus einem Dorf gejagt worden, und statt Münzen und einem warmen Mahl hatte es Steine und faules Obst geregnet. Nein, ein Ritter würde er niemals werden. Nicht einmal ein Knappe. Aber davon träumen durfte er, und er tat es gerne und oft.

»Heda, Tibor!«

Wirbes Stimme drang schrill und unangenehm in seine Gedanken und ließ die Vorstellung von einem weißen Pferd und einer silbernen Rüstung zerplatzen wie eine Seifenblase.

»Steh nicht rum und halte Maulaffen feil, Bursche!« polterte Wirbe. »In einer Stunde fängt die Vorstellung an, und der Wagen entlädt sich nicht von allein. Wenn du heute abend Suppe in deiner Schüssel haben willst, dann beeil’ dich gefälligst.« Er spie aus, bedachte Tibor mit einem strafenden Blick und humpelte davon, nicht, ohne ihm im Vorübergehen noch einen gehörigen Knuff in die Rippen zu versetzen.

So viel zum Thema Träume, dachte Tibor mißmutig, während er den schweren Ballen mit der Zeltbahn vom Wagen hob und damit zu dem erst halb aufgebauten Podest auf der anderen Seite des Angers hinüberwankte. Aber er wollte sich nicht beschweren: Wirbe war ein strenger Mann, aber trotzdem gut zu ihm. Er schlug ihn selten – und eigentlich niemals ohne Grund –, und er bekam satt zu essen, was schon mehr war, als so manch anderer Waisenknabe seines Alters von sich behaupten konnte. Und das Leben bei Wirbe und seiner Truppe gefiel ihm.

Keuchend setzte er seine Last ab, blieb einen Moment stehen, um zu verschnaufen, und ging dann schnell zum Wagen zurück, um weiterzuarbeiten. Wirbe sollte ihn nicht schon wieder beim Nichtstun überraschen – was zweifelsohne zu einer gehörigen Tracht Prügel oder zumindest einem ausgefallenen Abendessen geführt hätte. Und Wirbe hatte ja schließlich recht: Sie waren am Mittag des vergangenen Tages angekommen, und die Bühne und das Zelt waren noch nicht aufgebaut; sie mußten sich sputen, wenn sie pünktlich zur Mittagsvorstellung fertig werden wollten.

Sein Blick tastete über den Rand des Waldes, der das Dorf an drei Seiten wie eine natürlich gewachsene Wehrmauer umschloß. Es war nicht einmal Mittag, aber aus irgendeinem Grunde wurde es dort drüben nicht richtig hell, und die Schatten zwischen den Bäumen waren so schwarz wie mit dunkler Tusche gemalt. Ein leichter grauer Nebel schwebte wie Altweibersommer über dem Boden. Der Wind brachte einen ersten eisigen Gruß des bevorstehenden Winters mit sich, und der Anblick erinnerte Tibor daran, daß an den Tagen zuvor schon Rauhreif im Gras geglitzert hatte, als die Sonne aufging. Ein paarmal war er auch vor Kälte mitten in der Nacht aufgewacht. Es würde nicht mehr lange dauern, und statt des Nebels würde Schnee zwischen den Bäumen liegen.

Tibor fröstelte, als der Wind plötzlich auffrischte und unangenehm durch seine dünnen Kleider biß. Die Böen brachen sich wimmernd und heulend an den Dächern der Handvoll Häuser, aus denen der kleine Ort bestand, und irgend etwas war in diesem Geräusch, was Tibor erschaudern ließ. Es klang auf schwer in Worte zu fassende Weise… unheimlich: mehr wie das Heulen irgendeines Tieres als das des Windes.

Tibor schob den Gedanken von sich, zog fröstelnd die Schultern zusammen und beeilte sich, den Wagen weiter zu entladen. Wirbe war kein sehr geduldiger Herr.

Als er das dritte Mal über den Anger schlurfte, trat eine Gestalt ihm in den Weg, hob die Hand und sagte: »Warte einen Moment, Junge.«

Tibor blieb stehen, wankte einen Moment unter der schweren Last der Zeltbahn und setzte dann den Ballen hastig ab, ehe er die Balance verlieren und in den Schmutz fallen konnte.

»Du gehörst doch zu den Gauklern, oder?« fragte der Mann.

Das war eine ziemlich dumme Frage, fand Tibor. Die Mitglieder von Wirbes Truppe waren die einzigen Fremden, die seit Monaten hergekommen waren, und von den Dörflern würde wohl keiner seine Zeit damit totschlagen, die Wagen der Gauklertruppe zu entladen. Außerdem hatte ihn der Fremde erschreckt, und er hätte um ein Haar die saubere Zeltplane in den Schlamm fallen lassen, was ihm jede Menge Ärger eingebracht hätte. Tibor runzelte verärgert die Stirn, beschattete die Augen mit der Hand und blinzelte zum Gesicht des Fremden hoch.

Aber die scharfe Antwort, die ihm auf der Zunge lag, blieb ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Halse stecken, als er das Gesicht des Mannes sah. Er stand mit dem Rücken zur Sonne vor ihm und war im ersten Moment nur als schwarze Silhouette zu sehen. Aber dann senkte er den Kopf, und Tibor erkannte ihn.

Es war Wolff von Rabenfels, der junge Ritter, der am vergangenen Abend angekommen war, nur wenige Stunden nach ihnen.

»Was ist los, Junge?« fragte er, als Tibor keine Anstalten machte zu antworten, sondern ihn nur unverwandt und mit offenem Mund anstarrte. »Hat es dir die Sprache verschlagen, oder sprichst du nicht mit einem armen Ritter wie mir?« Seine Stimme klang ungeduldig und streng, aber in seinen Augen blitzte ein spöttischer Funke.

»Doch, Herr«, stammelte Tibor hastig. »Ich war nur… nur überrascht, das war alles. Ich habe Euch nicht gleich erkannt. Verzeiht!«

Der Ritter winkte ab, und obwohl er dabei lächelte, wirkte er mit einem Male ungeduldig und ein kleines bißchen verärgert. Er sah müde aus, fand Tibor. Und in seinen Augen war ein sonderbarer Ausdruck, den er kannte, aber nicht sofort einordnen konnte. Dann fiel es ihm ein: Im letzten Sommer hatte er einmal einen kleinen Hund aufgenommen, der von seinem früheren Herrn geschlagen worden und vollkommen verängstigt war. Nach und nach hatte er sein Vertrauen gewonnen, aber etwas von der alten Furcht war stets geblieben. Und es war genau dieser Blick, den er in den Augen des jungen Ritters zu lesen glaubte.

Tibor schob die Vorstellung beinahe erschrocken von sich. Unsinn, dachte er. Er ist ein Ritter. Müde zwar, aber trotzdem ein Ritter. Und Ritter kannten keine Angst.

Er spürte plötzlich, daß er Wolff schon wieder anstarrte, lächelte verlegen und fragte: »Was kann ich für Euch tun, Herr?«

»Ihr seid noch nicht lange in diesem Dorf. Seit gestern, nicht wahr?«

Tibor nickte hastig. »Wir sind kurz vor Euch angekommen.«

»Und wo wart ihr vorher?« wollte Wolff wissen.

Tibor zuckte mit den Achseln. »Mal hier, mal dort«, antwortete er ausweichend. »Wir ziehen durch das ganze Land, aber eigentlich ohne ein festes Ziel.«

»Ihr kommt von Süden«, stellte Wolff fest, obwohl Tibor dies mit keinem Wort gesagt hatte.

Überrascht nickte er. »Ja. Wir sind den Rhein hinaufgezogen. Wirbe will nach Köln, um dort zu überwintern. Doch woher wißt Ihr das, Herr?«

Wolff lächelte flüchtig, wurde sofort wieder ernst und deutete auf die graugefleckte Stute, die vor Wirbes Wagen stand und an den kümmerlichen Grashalmen zupfte, die in Büscheln auf dem zertretenen Anger wuchsen. »Pferde wie dieses werden nur im Süden gezüchtet«, antwortete er. »Und das Tier ist noch nicht sehr alt. Kein Jahr.« Ein flüchtiges Stirnrunzeln zog seine Brauen zusammen, und er fügte, etwas leiser und mit veränderter Stimme, hinzu: »Eigentlich ist es viel zu jung, um allein einen solch schweren Wagen zu ziehen. Und zu edel.«

Tibor blickte den dunkelhaarigen Ritter mit noch mehr Respekt an. Wirbe hatte das Tier tatsächlich weiter unten im Süden erworben – genauer gesagt hatte er es einem Tölpel, der es nicht besser verdiente, als übers Ohr gehauen zu werden, für ein Butterbrot abgeluchst, und Tibor hatte ihm selbst einmal zu seinem Weib sagen hören, daß ein Tier wie diese Stute eher dazu geboren sei, einen stolzen Ritter zu tragen, statt einen Karren zu zerren.

»Ihr habt… ein scharfes Auge, Herr«, sagte er stokkend.

Wolff lächelte geschmeichelt. »Das braucht man auch, wenn man ein Leben wie ich führt«, sagte er geheimnisvoll, wechselte aber sofort das Thema und deutete über die Strohdächer des Dorfes nach Süden. »Ich bin mit Freunden verabredet«, fuhr er fort. »Aber es scheint, als hätten wir uns verfehlt. Jemandem wie euch, die viel herumkommen, müßten sie aufgefallen sein. Sie sind zu viert oder fünft und tragen das gleiche Wappen wie ich.« Er deutete mit der Linken auf den schwarzen Raben, der kunstvoll unter der linken Schulter in sein Hemd gestickt war, und blickte Tibor scharf an. »Hast du Männer mit diesem oder einem ähnlichen Wappen gesehen?«

Tibor antwortete nicht gleich. Er war sicher, ein solches Wappen ganz bestimmt nicht gesehen zu haben. Es wäre ihm aufgefallen, denn nichts, was auch nur entfernt mit Kriegern und Rittern zu tun hatte, entging seiner Aufmerksamkeit. Trotzdem dachte er einen Augenblick angestrengt nach, schüttelte dann den Kopf und sagte bedauernd: »Nein Herr. Bestimmt nicht.«

»Schade«, seufzte Wolff. Aber seltsamerweise wirkte er eher erleichtert als enttäuscht, und er gab sich große Mühe, dies zu verheimlichen.

»Ich kann Wirbe oder einen der anderen fragen, Herr«, sagte Tibor hastig. »Vielleicht haben sie in den Wirtshäusern etwas gesehen oder von Euren Freunden gehört.«

Wolff dachte einen Moment über diesen Vorschlag nach, schüttelte aber dann den Kopf. »Danke«, sagte er. »Das ist…«

»Heda, heda, was soll das?« unterbrach ihn eine polternde Stimme. Wolff brach erstaunt ab und wandte den Blick. Und auch Tibor, der diese Stimme und den zornigen Ton darin nur zu genau kannte, drehte sich hastig um und schluckte ärgerlich, als er Wirbe mit hochrotem Kopf und gesenkten Schultern wie einen zornigen Bullen über den Anger heranstürmen sah. »Habe ich dir nicht gesagt, du sollst den Wagen entladen, du nichtsnutziger Faulpelz?« schrie er. »Von Herumstehen und Tratschen wie die Weiber war nicht die Rede. Warte, ich werde dich lehren, deine Zeit zu vertrödeln!« Drohend hob er den Arm und machte Anstalten, Tibor eine saftige Maulschelle zu verpassen.

Aber er führte den Schlag nicht zu Ende, denn Wolff trat mit einer schnellen, kaum wahrnehmbaren Bewegung zwischen Tibor und den Gauklerpatriarchen und fing seine Hand ab. Nicht gerade sehr sanft, wie Tibor mit einer Mischung aus Schadenfreude und Schrecken registrierte.

»Verzeiht, Herr«, sagte Wolff in einem freundlichen, jedoch bestimmten Tonfall. »Aber der Junge kann nichts dafür. Ich habe ihn angesprochen, und er hat nur geantwortet.«

»Was fällt Euch ein, Euch einzu…«, begann Wirbe zornig, brach aber dann mitten im Wort ab und duckte sich wie ein geprügelter Hund, als er erkannte, mit wem er sprach.

»Ich habe nicht vor, mich in Eure Dinge zu mischen«, entgegnete Wolff kühl. »Ich wollte nur verhindern, daß der Junge für seine Freundlichkeit auch noch büßen muß.« Die Drohung, die in diesen Worten mitschwang, war nicht zu überhören, und Wirbe schien ein weiteres Stück in sich zusammenzusinken. Aber der Blick, mit dem er Tibor dabei musterte, versprach nichts Gutes.

»Ich habe ihm verboten, mit Fremden zu reden«, sagte er trotzig, zog eine Grimasse und starrte Wolff mit einer Mischung aus Wut und schlecht verhohlener Furcht an, während er mit der Linken sein schmerzendes Handgelenk massierte. »Wir haben jede Menge Arbeit. In einer Stunde muß das Zelt aufgebaut sein. Die Leute bezahlen uns nichts, wenn wir nichts bieten.«

Wolff nickte. »Dann will ich Euch nicht länger aufhalten«, sagte er kühl. »Reserviert mir einen guten Platz für die erste Vorstellung. Ich komme bestimmt.«

Damit wandte er sich ohne ein weiteres Wort ab und ging mit raschen Schritten zum Haus des Dorfschulzen zurück. Aber Wirbe hätte schon taub und blind sein müssen, die unausgesprochene Warnung, Tibor ja in Frieden zu lassen, nicht zu bemerken. Tibor war nicht ganz sicher, ob er sich darüber freuen sollte.

Wirbe starrte dem Ritter nach, bis er in der ärmlichen, strohgedeckten Hütte verschwunden war. In seinen Augen blitzte es. Tibor duckte sich instinktiv, als sich Wirbe nach einer Weile wieder zu ihm umwandte. Aber die Schläge, mit denen er gerechnet hatte, kamen nicht. Wirbe versetzte ihm nur einen derben Stoß in die Seite und deutete auf den Stoffballen, den Tibor abgesetzt hatte. Hastig nahm er ihn hoch und lud ihn sich auf die Schulter. Aber Wirbe hielt ihn zurück, als er damit losgehen wollte.

»Was hat er von dir gewollt, der feine Herr?« fragte er.

»Er hat gefragt, woher wir kommen.«

»Woher wir kommen?« Wirbe runzelte die Stirn. »Was geht ihn das an?«

»Er… sucht wohl jemanden«, antwortete Tibor ausweichend. Irgendwie glaubte er zu spüren, daß es Wolff nicht recht wäre, wenn er Wirbe von den Männern erzählte, die er suchte. Andererseits würde Wirbe ihn schlagen, wenn er erfuhr, daß er ihn belogen hatte. Und Ritter hin oder her –Wolff von Rabenfels würde in ein paar Tagen der Vergangenheit angehören, während er mit Wirbe leben mußte. So fügte er noch eilends hinzu: »Er hat sich nach Männern erkundigt, die das gleiche Wappen wie er tragen.«

Wirbes Stirnrunzeln vertiefte sich; er schwieg weiter, aber Tibor wußte, daß er die Demütigung noch lange nicht vergessen hatte. Auf seine Art war Wirbe ein sehr stolzer Mann. Ein Mann vielleicht, der es mit den Gesetzen nicht immer ganz genau nahm, und der seine eigenen, manchmal recht eigenwilligen Vorstellungen von Recht und Ordnung hatte, aber trotzdem ein stolzer Mann. Er vergaß eine Beleidigung nie.

»Er wird zur Vorstellung kommen, Wirbe!« sagte Tibor aufgeregt. »Stell dir vor, welche Ehre das für uns bedeutet! Ein richtiger Edelmann als Gast unserer Truppe!«

»Ja«, raunzte Wirbe. »Ich fühle mich auch tief geehrt durch deinen Edelmann. Sie bringen immer viel Ehre, diese Ritter. Aber vom Bezahlen halten sie im allgemeinen nichts.« Er zog geräuschvoll die Nase hoch, spie aus und machte eine ungeduldige Handbewegung. »Und jetzt spute dich gefälligst, ehe ich wirklich die Geduld verliere und dir die Tracht verpasse, die du eigentlich verdient hättest.«

Tibor beeilte sich, aus Wirbes Nähe zu verschwinden, ehe der seine Meinung vielleicht noch änderte. Als er zum Wagen zurückging, schlug ihm ein eisiger Wind ins Gesicht, und wieder glaubte er, den unheimlichen Ton von vorhin zu hören: ein helles, heulendes Wimmern. Diesmal war er fast sicher, sich nicht getäuscht zu haben. Aber als er stehenblieb und aus zusammengekniffenen Augen zum Waldrand hinüberblickte, sah er nichts als Schatten und Dunkelheit. Und Nebel.

Kapitel 2

Ihre Truppe war nicht besonders gut. Wenn man Wirbe glauben konnte, der vor jeder Vorstellung auf eine Kiste stieg und mit schriller Stimme das Volk zusammenrief, dann wurden den Zuschauern auf dem roh zusammengezimmerten Podest alle sechs Wunder der Welt – und noch ein paar dazu – dargeboten. Aber das stimmte bei weitem nicht. Sie hatten einen Messerwerfer, der aus fünf Schritten Entfernung Dolche und scharfe, beidseitig geschliffene Äxte auf eine sich drehende Scheibe schleuderte und nicht immer traf, Wirbes Sohn Gnide, der mit Bällen und hölzernen Keulen jonglierte und in den Pausen in einem Narrenkostüm herumhüpfte und allerlei Faxen machte, einen alten Tanzbären, der auf einem Auge blind war und dessen Fell bereits auszufallen begann, und schließlich Wirbe selbst und sein Weib, die wechselweise sangen, akrobatische Kunststücke oder Witze zum Besten gaben und dann und wann ein kleines Theaterstück aufführten. Aber das alles war – wie Wirbe manchmal, besonders wenn er aus dem Wirtshaus kam und betrunken war, selbst zugab–allerhöchstem zweite Wahl, nicht zu vergleichen mit den wirklich berühmten Gauklertruppen, die sie manchmal auf einem Jahrmarkt trafen: Männern und Frauen in glänzenden Kostümen aus Seide, Akrobaten, die auf fünfzig Schritt das Messer zu schleudern oder die tollsten Sprünge und Kletterkunststücke zu vollführen wußten. Sie wurden niemals wie die wirklich großen Gaukler auf Schlösser oder Burgen eingeladen, und wenn sie – was selten genug vorkam – einmal einen Stand auf einem Markt oder einer Kirmes ergattert hatten, dann wurden sie meist abgedrängt und mußten sich mit einem abgelegenen Flecken zufriedengeben – irgendwo am Rande der Plätze oder gar in einer Seitenstraße, wo nur die Betrunkenen hinkamen oder die, die kein Geld hatten. Aber sie verdienten immerhin so viel, um zu leben, und nach einem guten Jahr blieb manchmal sogar genug Geld übrig, um für alle neue Kleider und manchmal auch ein neues Paar Schuhe zu erstehen. Auf dem Hof, auf dem Tibor aufgewachsen war, war das nicht immer selbstverständlich gewesen. Er mußte bei Wirbe so hart arbeiten wie dort. Aber der Hunger, der früher wie ein vertrauter Kamerad mit jedem Winter wiedergekommen war, war aus seinem Leben verschwunden, und – was das Wichtigste war–er hatte bei Wirbe und seiner Familie zum ersten Mal erfahren, was das Wort Freiheit bedeutete.

Die Vorstellung war ein mäßiger Erfolg. Das Dorf, das kaum zweihundert Seelen zählte, war wie alle Orte in diesem Teil des Landes arm, und die Leute überlegten es sich zweimal, ehe sie einen Kupferpfennig in den Hut warfen, mit dem Tibor herumging. Aber es kam immerhin genug zusammen, um Wirbes Laune nicht noch mehr zu verschlechtern. Wolff, der wie versprochen zur Vorstellung gekommen war und auf einem eigens für ihn aufgestellten Stuhl ganz vorne saß und eifrig Beifall klatschte, sorgte tatsächlich dafür, daß fast alle Dörfler kamen – wenn auch, dessen war sich Tibor beinahe sicher, wohl eher, um den fremden Ritter zu begaffen, als um der Gaukler willen.

Er selbst sah allerdings kaum etwas von Wolff. Wie immer während der Vorstellungen hatte er sehr viel zu tun und hätte gut noch vier weitere Hände gebrauchen können, um die ganze Arbeit zu bewältigen! Wenn er nicht gerade mit dem Hut herumging, hatte er hinter der Bühne zu tun, legte Kostüme und Requisiten bereit, half Wirbe und seiner Frau Ola beim Umziehen, sortierte die Wurfdolche des Messerwerfers oder kümmerte sich um den Tanzbären, der immer wieder einzuschlafen drohte. Zwischendurch schlich er sich immer wieder hinter die Bühne und spähte durch den zerschlissenen Stoff nach draußen, um einen Blick auf Wolff zu erhaschen. Als er schließlich seine abschließende Runde mit dem Hut in der Hand drehte, beeilte er sich, fertig zu werden, um vielleicht doch noch ein paar Worte mit dem Rabenritter reden zu können.

Aber zu seiner Enttäuschung war Wolff bereits fort, als er zur Bühne zurückkehrte. Das Volk begann sich zu zerstreuen, nur ein paar gaffende Kinder und Halbwüchsige standen noch auf dem zertretenen Anger herum. Wirbe scheuchte sie mit ein paar groben Worten davon, riß Tibor den Hut aus der Hand und zählte mit finsterer Miene die Münzen, die er eingenommen hatte. Er schalt ihn, daß es so wenige waren, machte ihm Vorhaltungen, nicht genug Mitleid erweckt zu haben, und drohte, ihm zur Strafe die abendliche Suppe zu streichen. Aber das tat er immer, ganz egal, wie viel oder wenig Tibor einnahm.

Und trotzdem war heute etwas anders als sonst. Wirbe wirkte auf schwer in Worte zu fassende Weise nervös und fahrig. Immer wieder, wenn Tibor aufblickte, sah er, daß der Gaukler oder sein Weib und Gnide in seine Richtung starrten, allerdings jedesmal hastig den Blick abwandten, wenn sie sahen, daß er es bemerkte.

Schließlich verschwanden die drei im Zelt hinter der Bühne, und ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten zog Wirbe die Plane hinter sich zu – nicht, ohne sich vorher mit mißtrauischen Blicken davon zu überzeugen, daß sie auch wirklich allein waren und nicht belauscht wurden.

Ein um das andere Mal blickte Tibor zum Waldrand hinüber. Eigentlich, ohne zu wissen, warum. Es war, als ob eine geheimnisvolle Macht seinen Blick immer wieder in diese Richtung lenkte. Die Schatten wirkten noch immer so düster und schwarz wie am Vormittag. Doch Tibor hatte plötzlich das eigenartige Gefühl, beobachtet zu werden. Als hätte die Dunkelheit Augen bekommen. Wieder fiel ihm das sonderbare Geräusch auf, das sich in das Heulen des Windes gemischt hatte; und wieder wußte er nicht, was es war.

Für die nächsten Stunden hatte er allerdings anderes zu tun, als sich darüber und über Wirbes sonderbares Verhalten den Kopf zu zerbrechen. Nach der Vorstellung hatte er immer die meiste Arbeit: während sich die anderen dann zurückzogen, um sich bis zum nächsten Auftritt auszuruhen, oblag es ihm, neue Kostüme und Requisiten wieder bereitzulegen, alte wegzupacken, die Bühne zu fegen und nicht zuletzt noch einmal über den Platz zu gehen und nachzusehen, ob nicht etwa ein Zuschauer etwas verloren oder liegengelassen hatte. Einmal hatte er einen Heller übersehen, der jemandem aus der Tasche gerutscht sein mußte. Gnide hatte die Münze später entdeckt und zu seinem Vater gebracht, der Tibor halb totgeschlagen hatte wegen dieser Unachtsamkeit. Seither widmete Tibor dieser Tätigkeit immer seine besondere Aufmerksamkeit.

Schließlich war er mit diesem Teil seines Tagwerkes fertig und hatte noch fast eine Stunde Zeit, ehe Ola zum Abendessen rufen würde. Auf der anderen Seite des Angers spielte eine Horde zerlumpter Dorfkinder Fangen. Ihre Stimmen und ihr helles Lachen drangen verlockend zu Tibor hinüber, und einen Moment überlegte er, ob er einfach zu ihnen gehen und sie darum bitten sollte, mitspielen zu dürfen. Aber er entschied sich dann doch dagegen. Früher hatte er so etwas oft getan, aber die Erfahrungen, die er mit der Zeit dabei gemacht hatte, waren nicht dazu angetan gewesen, ihn die Versuche sehr oft wiederholen zu lassen. Meistens war er davongejagt und als Zigeunerkind und Bettler beschimpft oder gar geschlagen worden. Und selbst in den Orten, wo das nicht passiert war, spürte er die unsichtbare Mauer, die ihn von den anderen trennte, die Blicke und getuschelten Worte, die ihm auch so sagten, daß er anders war als sie. Aber es lag mehr Furcht vor ihm als Respekt oder der Wunsch nach wirklicher Freundschaft in ihren Blikken. Außerdem war es nicht gut, Freundschaften zu schließen für jemanden, der selten länger als drei Tage an ein und demselben Ort war.

Er verscheuchte den Gedanken, wandte sich um und ging um die Bühne herum auf den Zelteingang zu. Manchmal, wenn er Zeit hatte, erlaubte ihm Ola, ihr beim Zubereiten des Essens zu helfen, wobei auch manchmal eine Extrakartoffel oder ein Stück Zuckerrübe abfiel.

Aber als er das hölzerne Podest umrundet hatte, war die Plane vor dem Zelteingang noch immer heruntergelassen, und als er näher kam, hörte er Wirbes Stimme.

Unwillkürlich blieb er stehen und lauschte.

»… ganz sicher, daß er es ist«, sagte Wirbe gerade. Er klang aufgeregt.

»Und wenn nicht?« fragte Gnide mit seiner schrillen, unangenehmen Stimme.

»Verlieren wir auch nichts«, entgegnete Wirbe.

»Aber es ist… nicht richtig.« Das war Ola, und ihre Stimme klang besorgt, wie Tibor überrascht registrierte. »Er hat uns nichts getan. Und es ist nicht richtig, jemanden für Geld auszuliefern.«

»Schweig, Weib!« entgegnete Wirbe gereizt. »Wenn wir es nicht tun, tut es ein anderer und streicht das Geld ein. Außerdem…!« Er brach plötzlich ab, dann hörte man zwei schnelle Schritte, und noch ehe Tibor auch nur reagieren konnte, flog die Zeltplane auf, und Wirbes zorngerötetes Gesicht erschien in der Öffnung.

»Was tust du hier?« herrschte er ihn an. »Hast du gelauscht? Was hast du gehört?«

»Nichts, Wirbe!« antwortete Tibor hastig. »Ich wollte…«

Weiter kam er nicht. Wirbe war mit einem einzigen Schritt bei ihm, packte ihn am Kragen und versetzte ihm eine Ohrfeige, daß ihm der Kopf dröhnte.

Tibor entschlüpfte rasch seinem Griff, preßte die Hand auf die brennende Wange und brachte vorsichtshalber zwei, drei Schritte Distanz zwischen sich und Wirbe, ehe er sich wieder zu ihm herumdrehte. »Ich… wollte nur sagen, daß ich mit meiner Arbeit fertig bin«, stammelte er. »Ich habe nicht gelauscht.«

Wirbes Miene verfinsterte sich noch weiter. Drohend hob er die Hand, als wolle er ihn abermals schlagen, tat es aber dann doch nicht, sondern runzelte nur zornig die Stirn.

»Das nächste Mal gibst du Laut, wenn du kommst«, raunzte er, »und stehst nicht rum und belauschst uns. Und jetzt leg der Stute den Sattel auf.«

»Den Sattel?« wiederholte Tibor verwirrt. »Du willst… fortreiten?«

Wirbe nickte. »Ins nächste Dorf«, sagte er. »Wir brechen morgen früh auf. Der Ort hier gibt nicht mehr als eine Vorstellung her. Die Leute haben jetzt schon kaum genug gezahlt, um die Unkosten wieder hereinzuholen. Ich will ins nächste Dorf reiten und mit dem Schulzen um einen guten Platz verhandeln. Und jetzt beeil dich! Ich habe keine Lust, die halbe Nacht unterwegs zu sein.«

»Aber die Vorstellung!« widersprach Tibor. »Was ist mit der Abendvorstellung?«

»Die fällt aus«, schnappte Wirbe, dessen Geduld nun sichtlich zu Ende ging. »Warum sollen wir uns umsonst anstrengen? Diese dummen Bauern begreifen doch sowieso nicht, was ihnen geboten wird.«

Tibor blickte ihn verwirrt an. Es fiel ihm schwer, Wirbes Erklärung zu glauben – in all den Jahren, in denen er bei der Gauklerfamilie lebte, hatte er nicht einmal erlebt, daß Wirbe vorausgeritten war. Sie zogen mit den Jahreszeiten durch das Land und boten ihre Kunststücke in jeder Ortschaft feil, die ihren Weg kreuzte und aus der sie nicht gleich wieder hinausgejagt wurden. Nein –gefragt hatte Wirbe noch niemanden, ob er seine Bühne aufbauen durfte. Schon gar nicht im voraus.

Aber irgend etwas sagte ihm, daß es besser war, Wirbe nicht noch weiter zu reizen. Sein Gesicht brannte noch immer von der Backpfeife, und er hatte keine besondere Lust auf eine zweite. Nach ein paar Sekunden des Zögerns drehte er sich hastig um und lief über den Anger, um das Pferd zu satteln.

Eine halbe Stunde später, noch vor dem Abendessen, verließ Wirbe das Dorf und ritt davon. Seltsamerweise ritt er nach Süden – in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Kapitel 3

Der Abend senkte sich über das kleine Dorf, und im gleichen Maße, in dem die Lichter in den Häusern rings um den Anger zu erlöschen begannen, zogen sich auch die Mitglieder der Gauklergruppe zum Schlaf zurück. Der Messerwerfer und Gundolf, der Bärendompteur, der so alt und lahm wie sein Tier war, schliefen zwischen Kisten und Truhen auf dem Wagen, sicher vor dem Wind und der Kälte der Nacht. Die alte Servia, die auf Jahrmärkten die blinde Wahrsagerin mimte und sich, von der Gicht gebeugt und zahnlos, wie sie war, hervorragend zum Betteln eignete, kroch in ihr winziges Zelt, das als einziges direkt neben dem Feuer aufgestellt werden durfte, weil sie die Kälte nicht mehr so gut vertrug wie die anderen. Gnide und seine Mutter Ola hatten sich in das Zelt hinter der Bühne zurückgezogen. Sie schliefen nicht; durch die dünne Zeltwand drang der rote Widerschein eines Feuers, und je nachdem, wie der Wind stand, trugen seine Böen das Echo von Olas schrillem Lachen heran.

Auch Tibor hatte sich auf seiner Decke unter dem Wagen zusammengerollt, aber der Schlaf, der normalerweise gleich kam, ließ heute sehr lange auf sich warten. Wie jeden Tag war er müde von der schweren Arbeit, und am nächsten Morgen würden sie noch vor Sonnenaufgang aufstehen und weiterziehen, wie Wirbe gesagt hatte. Aber er fand keine Ruhe. Der Wind heulte und wimmerte noch immer auf die gleiche, unheimliche Weise, und als er versuchte, den Schlaf herbeizuzwingen, erreichte er eher das Gegenteil. Und als er schließlich doch einschlief, war es ein unruhiger Schlummer, in den er fiel. Es war zu viel geschehen an diesem Tag, und das Gespräch, von dem er einen Teil belauscht hatte, ging ihm nicht aus dem Sinn und verfolgte ihn selbst bis in seine Träume. Eine Zeitlang wälzte er sich unruhig hin und her, bis ihn – lange nach Mitternacht, wie er mit einem schnellen Blick in den Sternenhimmel feststellte – ein Geräusch weckte.

Einen Moment lang blieb er reglos unter seiner Decke liegen und wartete, daß die Benommenheit des Schlafes wich. Dann hörte er das Geräusch noch einmal, richtete sich vorsichtig auf, um sich nicht zu stoßen, und spähte aus zusammengepreßten Augen in die Dunkelheit hinaus.

Der Laut, den er gehört hatte, war das gedämpfte Trommeln von Pferdehufen auf aufgeweichtem Boden. Wirbe kam zurück – aber er war nicht mehr allein. In seiner Begleitung befanden sich fünf oder sechs weitere Reiter. Gegen den dunklen Nachthimmel waren sie nur als silhouettenhafte schwarze Schatten zu erkennen, aber sie kamen Tibor außergewöhnlich groß und breitschultrig vor. Als sie einer nach dem anderen vor Wirbes Zelt aus den Sätteln stiegen und geduckt unter der Plane verschwanden, hörte er das Klirren von Metall, als trügen sie Waffen oder Kettenhemden oder beides.

In Tibor wurde eine warnende Stimme laut, sich wieder hinzulegen und die Augen zu schließen und sich nicht um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angingen. Aber er hörte nicht auf sie. Er wartete, bis auch der letzte Reiter hinter Wirbe verschwunden war, schlug seine Decke ganz zur Seite und begann geduckt auf das Zelt zuzulaufen. Hinter der Plane wurde das flackernde Licht einer Kerze sichtbar.

Tibors Herz begann wie wild zu hämmern, während er sich dem Zelt näherte. Wenn Wirbe ihn zum zweitenmal beim Lauschen erwischte, das wußte er, dann würde er nicht mehr mit einer Ausrede und einer Ohrfeige davonkommen. Aber er ahnte, daß die fremden Reiter mit dem Gespräch zu tun hatten, von dem er am Nachmittag ein Stück belauschen konnte – und daß es irgendwie auch mit ihm zusammenhing.

Lautlos näherte er sich dem Zelt, lauschte einen Moment und huschte geduckt zur Rückseite, wo er ein kleines Loch in der Plane wußte, durch das man bei Dunkelheit hinein –, kaum aber hinaussehen konnte. Gedämpftes Stimmengemurmel drang durch den schmuddeligen Stoff, und diesmal hörte er das Klirren von Eisen deutlicher. Mit angehaltenem Atem preßte er das Auge gegen das münzgroße Loch und spähte hindurch.

Das kleine, durch eine gespannte Tuch wand noch dazu in zwei ungleichmäßige Hälften unterteilte Zelt quoll vor Menschen über. Ola und Gnide hockten mit angezogenen Knien und dicht aneinandergekuschelt in einer Ecke und blickten zu den Fremden empor, die Wirbe mitgebracht hatte. Der Ausdruck in ihren Augen war eindeutig der von Angst. Auch Wirbe, der mit verschränkten Armen vor der gegenüberliegenden Zeltwand lehnte, so daß Tibor sein Gesicht deutlich erkennen konnte, wirkte lange nicht mehr so selbstsicher und überheblich, wie es Tibor sonst von ihm gewohnt war. Seine Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengepreßt, mit weitaufgerissenen Augen starrte er den Wortführer an.

Als Tibor ins Gesicht des Fremden blickte, verstand er auch, warum. Er war ein Riese. Gut zwei Köpfe größer als Tibor, der mit seinen vierzehn Jahren schon fast so groß wie ein Erwachsener war, und mit Schultern von solcher Breite, daß er beinahe schon verwachsen wirkte. Neben Wirbe wirkte er wie ein Gigant. Sein Gesicht sah wie aus Fels gemeißelt aus: breit und grob und von harten, tief eingegrabenen Linien bestimmt. Irgendwie wirkte es unfertig, fand Tibor, so, als hätte ein Künstler es aus Stein gemeißelt, aber die Lust an seiner Arbeit verloren, ehe er damit fertig war. Eine häßliche rote Narbe zog sich vom linken Mundwinkel bis in den Nacken, wo sie unter schulterlangem, struppig-braunem Haar verschwand. Gekleidet war der Fremde in ein einfaches, sackartiges Gewand mit Kapuze aus grobem Leinen, das mit einem einfachen Strick um die Taille zusammengehalten wurde und einer Mönchskutte ähnelte. Aber darunter glitzerte das schwarze Eisen eines Kettenhemdes im Licht der Kerze, und die längliche Ausbuchtung an der linken Seite seines Gewandes war mit Sicherheit der Knauf eines Schwertes.

Seine Begleiter waren auf ähnliche Weise gekleidet, aber zwei von ihnen – es waren insgesamt fünf, soweit Tibor erkennen konnte – trugen ihre Waffen sichtbar über den Mänteln, und der, der am Eingang stand, trug einen mächtigen dreieckigen Schild am linken Arm. Etwas Seltsames ging von diesen Männern aus. Tibor vermochte nicht zu sagen, was es war, aber sie schienen irgend etwas Dunkles, Geheimnisvolles auszustrahlen.

Tibor verbiß sich im letzten Moment einen erstaunten Ausruf, als er das Wappen sah, das auf dem Schild prangte. Es war ein Rabe. Ein schwarzer, auf einem Felsen hockender Rabe mit halb ausgebreiteten Flügeln und einem Zweig im Schnabel – das gleiche Wappen, das er wenige Stunden vorher auf Wolffs Hemd gesehen hatte!

»Also!« sagte der Mann mit dem Steingesicht laut.

Seine Stimme war sehr hart, und sie paßte zu seinem Gesicht. Es war die Stimme eines Mannes, der es gewohnt war, zu befehlen, nicht zu bitten. »Wir sind mit Euch gekommen, wie Ihr verlangt habt, Gaukler. Jetzt hoffe ich, daß Ihr Euch nicht etwa einen schlechten Scherz mit uns erlaubt habt.«

Wirbe fuhr zusammen wie unter einem Schlag. »Natürlich nicht«, antwortete er hastig. »Was denkt Ihr Euch? Ich bin ein Ehrenmann!«

Der Mann mit der Narbe lachte leise, aber es war ein Lachen, das Tibor einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ. Der Mann wurde sofort wieder ernst. »Wo ist er?« fragte er.

Wirbe blickte ihn einen Herzschlag lang mit einer Mischung aus Furcht und Trotz an, fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen und begann auf der Stelle zu treten. »Er ist hier«, sagte er schließlich. »Hier im Dorf, wie ich gesagt habe.«

»Wer weiß, wen du gesehen hast«, sagte der Mann mit dem Schild, aber der Narbige brachte ihn mit einer zornigen Geste zum Schweigen.

»Den, den Ihr sucht!« antwortete Wirbe trotzig. »Ich bin sicher, daß es der Richtige ist. Er trägt das gleiche Wappen wie Ihr!«

Tibor fuhr draußen auf seinem Horchposten zusammen. »Wolff!« dachte er erschrocken. Wirbe und die Fremden sprachen über niemand anderes als über Wolff von Rabenfels! Waren das etwa die Freunde, von denen der junge Ritter gesprochen hatte?

»Dann sagt uns endlich, wo wir ihn finden«, hörte Tibor nun den Narbigen ungeduldig sagen. »Dann sehen wir schon, ob es der Richtige ist.«

Wirbe schüttelte stur den Kopf. »Erst will ich mein Geld«, beharrte er und streckte die Hand aus. »Fünf Goldtaler, wie Ihr versprochen habt.«

Der Mann mit dem Schild wollte auffahren, aber wieder brachte ihn der Narbige mit einem Wink zur Ruhe. Er lachte leise. »Traut Ihr mir vielleicht nicht?« fragte er.

Wirbe schürzte trotzig die Lippen. »Das hat damit nichts zu tun«, sagte er. »Aber ich muß sichergehen. Am Ende entkommt er Euch, und Ihr findet keine Zeit mehr, mich zu bezahlen, während Ihr ihn verfolgt. Erst das Geld, dann sage ich Euch, wo Ihr ihn findet.« Tibor hatte genug gehört. Er wußte nicht, wer die fünf Männer waren, oder was sie von Wolff von Rabenfels wollten, aber das wenige, was er begriffen hatte, machte ihm deutlich, daß sie ganz und gar keine Freunde des jungen Ritters waren, sondern ihn gefangennehmen, ja vielleicht sogar töten wollten. Und Wirbe hatte ihn verraten!

Der Gedanke war so schrecklich und unvorstellbar, daß Tibor im ersten Moment die Wahrheit nicht akzeptieren wollte. Er wußte, daß Wirbes Hand schon mehr als einmal in einen fremden Beutel gerutscht war, oder daß er auch schon einmal vergaß, die Zeche in einem Wirtshaus zu bezahlen; aber einen Schankwirt um sein Wechselgeld zu betrügen, oder einen Menschen für ein paar Goldstücke zu verkaufen – noch dazu einen Ritter –, das war doch ein Unterschied!

Wie vor den Kopf geschlagen richtete er sich auf, schlich die ersten Meter auf Zehenspitzen und begann dann geduckt zu rennen, was das Zeug hielt. Er begriff in diesem Augenblick gar nicht, daß er nun selbst dabei war, Wirbe zu verraten. Aber auch wenn es ihm bewußt gewesen wäre, hätte das nichts an seiner Reaktion geändert. Er hatte die finstere Ausstrahlung, die von dem Mann mit der Narbe ausging, gespürt. Auch wenn Wolff kein Ritter gewesen wäre, hätte er ihn gewarnt.

Kapitel 4

So schnell er konnte, stapfte Tibor über den Anger, lief über die schlammige Straße und erreichte das Haus des Dorfschulzen. Hinter den Fenstern brannte natürlich kein Licht mehr, und die Tür war von innen verriegelt. Enttäuscht umrundete er die ärmliche, anderthalbgeschossige Hütte, rüttelte ungeduldig an jedem Fenster, an dem er vorbeikam, und begann schließlich mit den Fäusten gegen die Tür zu pochen. Am liebsten hätte er laut geschrien, um das ganze Dorf zusammenzurufen, aber er hatte Angst, damit auch Wirbe und die fünf unheimlichen Fremden auf sich aufmerksam zu machen.

Im ersten Moment schien es, als blieben seine Bemühungen erfolglos, aber dann glomm hinter den blinden Scheiben ein blaßgelbes Licht auf, und eine Stimme brummelte ungehalten, wer immer draußen stünde, solle sich gedulden und nicht das ganze Dorf zusammentrommeln. Schlurfende Schritte näherten sich der Tür, und endlich wurde der Riegel zurückgeschoben.

Tibor sah sich mit klopfendem Herzen um. Von den Fremden war noch keine Spur zu sehen, aber ein Mann wie der Narbige würde sich von Wirbe kaum lange hinhalten lassen. Jede Sekunde war kostbar.

Als er sich wieder herumdrehte, blickte er in das faltige Gesicht des Dorfschulzen. Seine Augen waren noch trüb vom Schlaf, und auf seinem Kopf saß eine Nachtmütze mit gelber Trottel. Unter anderen Umständen hätte Tibor über den Anblick herzhaft gelacht. Jetzt schob er den Alten einfach mit der flachen Hand ins Haus zurück, drückte die Tür hinter sich zu und sprudelte los: »Ich muß Herrn von Rabenfels sprechen, schnell!«

Der Schulze blinzelte ein paarmal, dann rötete sich sein Gesicht plötzlich vor Zorn. »Du bist doch einer von dem Gauklergesindel, wie?« schnappte er. »Was fällt dir ein, hier mitten in der Nacht so…«

»Es geht um Leben und Tod!« unterbrach ihn Tibor verzweifelt. »Bitte, Herr! Ich muß Euren Gast sprechen! Jede Sekunde ist kostbar!«

»Um Leben und Tod?« schrie der Alte. »Warte, du Lümmel, ich werde dir zeigen, worum es hier geht!« Er hob die Hand zum Schlag, aber Tibor duckte sich blitzschnell unter seinem Arm weg, huschte an ihm vorbei und durchquerte mit drei, vier raschen Schritten das Zimmer. Es gab nur eine einzige Tür und auf der anderen Seite eine steile Holztreppe zum Dachboden empor. Ohne auf das Gezeter des Alten zu achten, stieß Tibor die Tür auf und spähte in den dahinterliegenden Raum. Aber es war nur die Schlafkammer des Schulzen, leer bis auf eine Truhe und ein riesiges Bett. Enttäuscht wandte sich Tibor um und schlug die Tür hinter sich zu.

»Was fällt dir ein!« kreischte der Alte. »Ich lasse dich windelweich prügeln, du Lump!« Er kam drohend näher, aber Tibor wich ihm abermals aus, rannte auf die Treppe zu und lief die ausgetretenen Stufen hinauf.

Die Treppe endete vor einer schmalen, aus rohen Brettern zusammengezimmerten Klappe. Tibor stieß sie auf, schlüpfte hindurch und sah sich hastig um. Der Dachboden war so niedrig, daß er selbst unter dem First nur gebeugt stehen konnte, und die Dunkelheit wurde nur von den matten Streifen des grauweißen Mondlichtes erhellt, das durch die Ritzen des baufälligen Strohdaches hereinsickerte. In einer Ecke, zusammengerollt auf einem Bündel Lumpen, lag eine schlafende Gestalt.

»Herr!« Tibor war mit einem Sprung neben Wolff, fiel auf die Knie und rüttelte an seiner Schulter. »Ihr müßt aufstehen, Herr!« rief er verzweifelt. »Ihr seid in Gefahr!«

Wolff blinzelte, versuchte seine Hand beiseite zu schieben, und murmelte schlaftrunken etwas vor sich hin, was Tibor nicht verstand. In heller Panik griff er noch einmal zu, zerrte den Rabenritter in die Höhe und schüttelte ihn wie wild. Endlich erwachte Wolff.

Aber auf andere Weise, als Tibor lieb gewesen wäre. Blitzartig richtete er sich auf, stieß Tibor von sich, griff gleichzeitig nach seinem Handgelenk und drehte ihm den Arm auf den Rücken, daß Tibor mit einem überraschten Aufschrei zur Seite fiel. Im gleichen Moment legte sich Wolffs anderer Arm von hinten um seinen Hals und drückte sein Kinn mit erbarmungsloser Kraft nach oben. Tibors Schmerzlaut ging in einem würgenden Keuchen unter, als er von einem Augenblick auf den anderen keine Luft mehr bekam.

»Was willst du, Bursche?« fragte Wolff. »Wer bist du und wie kommst du hier herein?«

Tibor hätte gerne geantwortet, aber er konnte es nicht, denn Wolffs Arm schnürte ihm noch immer die Luft ab. Wie wild gestikulierte er mit der freien Hand und deutete auf seinen Hals, bis der Ritter schließlich seinen Griff lockerte. »Sprich!« verlangte er.

Tibor keuchte. Er konnte wieder atmen, aber der Arm, den Wolff ihm auf den Rücken drehte, schmerzte wie wild, und seine Stimme war kaum zu verstehen, als er antwortete: »Ihr seid in… Gefahr, Herr. Es sind… Fremde gekommen, die Euch… suchen.«

Wolff ließ überrascht Tibors Hals los, löste auch die Hand von seinem Arm und blinzelte, um in der hier herrschenden Dunkelheit sein Gesicht deutlicher sehen zu können. Ein verwirrter Ausdruck huschte über seine Züge, als er erkannte, wen er vor sich hatte.

»Du?« keuchte er. »Du bist doch der Gauklerjunge, mit dem ich heute morgen gesprochen habe?«

Tibor nickte, fiel nach vorne auf die Knie und preßte würgend die Hand gegen den Hals. Plötzlich hatte er das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. Aber er beherrschte sich im letzten Moment.

»Ihr müßt fort, Herr«, würgte er hervor. »Sie sind schon im Dorf. Wirbe hat Euch verraten, und… und…«

Wolff machte eine beruhigende Geste, kniete sich neben ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Es tut mir leid, wenn ich dir weh getan habe«, sagte er sanft.

Tibor winkte mit schmerzverzerrtem Gesicht ab. »Das macht nichts«, antwortete er. »Ihr müßt fort, Herr! Sie werden gleich hier sein.«

»Sie?« fragte Wolff. »Wen meinst du?«

Das Erscheinen des Dorfschulzen hinderte Tibor daran, sofort zu antworten. Der Alte erschien keuchend auf der Treppe, schwang seine Kerze wie eine Waffe und deutete auf Tibor. »Verzeiht, Herr«, sagte er schwer atmend. »Aber der Bursche ist einfach…« »Es ist in Ordnung«, unterbrach ihn Wolf rasch. »Der Junge ist ein guter Freund von mir. Ihr könnt wieder gehen. Aber laßt uns die Kerze hier, bitte«, fügte er hinzu.

Der Alte blickte einen Moment irritiert von ihm zu Tibor und wieder zurück, setzte aber dann gehorsam die Kerze vor sich auf den Boden und wankte, übelgelaunt und vor sich hin fluchend, die Treppe hinunter. Tibor wartete, bis er ihn nicht mehr hörte, dann erzählte er mit hastiger, aber gedämpfter Stimme. Er begann bei dem Gespräch, das er belauscht hatte, ließ auch seine eigenen Überlegungen und düsteren Vorahnungen nicht aus und berichtete alles bis zu dem Zeitpunkt, als er hier herauf gekommen und Wolff geweckt hatte. Der junge Ritter hörte die ganze Zeit schweigend zu, aber der Ausdruck seiner Gesichtszüge verdüsterte sich sichtlich, und als Tibor von dem Mann mit dem groben Gesicht erzählte, glaubte er für eine Sekunde deutlichen Schrecken in seinen Augen aufblitzen zu sehen.

»Ich habe… doch keinen Fehler gemacht, Euch zu wecken, nicht?« fragte Tibor, als er geendet hatte. »Ich meine, diese Männer schienen mir kaum Eure Freunde zu sein, und…«

Wolff unterbrach ihn mit einem Kopfschütteln und einem dünnen, seltsam verbissenen Lächeln. »Nein, Junge«, sagte er. »Du hast genau richtig gehandelt. Der Mann, mit dem dein Herr sprach – er hatte eine Narbe im Gesicht, sagst du?«

Tibor nickte. »Ja. Sie war sogar ziemlich auffällig. Wer sind diese Männer, Herr?«

Wolff runzelte die Stirn, starrte einen Moment an ihm vorbei ins Leere und richtete sich dann mit einer abrupten Bewegung auf. »Niemand, die euch zu kümmern bräuchten«, sagte er ausweichend. Er bückte sich nach seinem Waffengurt, band ihn um und lächelte, als er den bestürzten Ausdruck auf Tibors Gesicht gewahrte. »Ich danke dir, daß du mich gewarnt hast«, sagte er. »Aber jetzt ist es besser, wenn du gehst, so schnell du kannst. Die Männer, die du gesehen hast, sind gefährlich. Du hast schon viel zuviel riskiert.«

»Aber das macht nichts«, widersprach Tibor. »Ich helfe Euch gerne. Ich… ich kann vorausgehen und sehen, ob die Straße frei ist.«

Einen Moment lang schien Wolff ernsthaft über seinen Vorschlag nachzudenken, dann schüttelte er erneut – und weit entschiedener als beim ersten Mal – den Kopf. »Nein«, sagte er. »Geh jetzt! Dein Leben könnte in Gefahr geraten, wenn sie herausbekommen, daß du mich gewarnt hast. Verschwinde, solange es noch nicht zu spät dazu ist.«

Aber es war bereits zu spät.

Noch ehe Tibor antworten konnte, flog die Tür unten im Haus mit einem krachenden Schlag auf. Schwere Schritte polterten auf dem Boden, und wieder hörte Tibor das helle Klirren von Metall, von dem er jetzt nur zu gut wußte, was es zu bedeuten hatte. Erschrocken fuhr er auf, aber Wolff bedeutete ihm mit einer hastigen Geste still zu sein, beugte sich rasch vor und blies die Kerze aus.

Unter ihnen wurde die keifende Stimme des Schulzen wieder laut, aber nur für einen Augenblick. Dann ertönte ein Klatschen, und das Zetern des alten Mannes ging in einem schmerzhaften Wimmern unter. Eine rauhe Stimme begann Befehle in einer Sprache zu erteilen, die Tibor nicht verstand. Und wieder hörte er polternde Schritte. Die Tür zur Schlafkammer wurde unsanft aufgestoßen, und Sekunden später vernahm man ein Splittern und Krachen, als würden sämtliche Möbelstücke umgeworfen oder kurzerhand zertrümmert.

Und dann stampften schwere, eisenbeschlagene Stiefel auf der Treppe. Wolff begann wie wild zu gestikulieren, schob Tibor schließlich – als er sich nicht schnell genug bewegte – mit der Hand beiseite und nahm geduckt neben der Bodenklappe Aufstellung, aber so, daß wer immer dort hinaufkam, ihn nicht sofort sehen konnte. Langsam zog er das Schwert aus der Scheide. Tibor fiel dabei auf, daß er die Klinge zwischen den Fingern entlanggleiten ließ, damit das Eisen nicht beim Herausziehen scharrte und ihn verriet. Seine Bewunderung für den jungen Ritter wuchs immer mehr.

Ein behelmter Kopf erschien nun in der Klappe, gefolgt von Schultern und einem Körper, der in der Dunkelheit noch massiger und drohender wirkte. Wolff spreizte leicht die Beine, um festen Stand zu haben, packte das Schwert mit beiden Händen und spannte sich. Ein ungutes Gefühl machte sich in Tibor breit. Er begann erst jetzt richtig zu begreifen, daß das, was er erlebte, alles andere als ein harmloses Abenteuer war, sondern durchaus zu einer Sache auf Leben und Tod geworden war.

Aber dann ging alles viel zu schnell, als daß er auch nur Zeit gefunden hätte, einen klaren Gedanken zu fassen.

Der Fremde kam rasch die Treppe hinauf, richtete sich auf den obersten Stufen unsicher auf und sah sich um. Ein erstaunter, halb erschrockener Ausruf kam über seine Lippen, als er die weißgekleidete Gestalt vor sich sah.

Wolff schlug im gleichen Moment zu. Seine Klinge zischte mit einem dumpf klingenden Laut durch die Luft, drehte sich im letzten Moment, so daß sie mit der Breitseite und nicht mit der tödlichen Schneide traf, und prallte mit furchtbarer Wucht seitlich gegen den Helm des Fremden. Es klang, wie wenn ein Hammer auf einen Amboß schlägt. Der Mann verdrehte die Augen, ließ seine Waffe fallen und kippte langsam nach hinten. Wolff fing ihn auf, ehe er vollends in die Tiefe stürzen und sich dabei den Hals brechen konnte.

Aber der Schrei und der nachfolgende Schlag waren gehört worden. Unten wurde wieder die Stimme des Narbigen laut, und mit einem Male erbebte die schmale Treppe unter dem Gewicht der Männer, die die Stufen emporstürmten. Wolff knurrte wie ein gereizter Bär, wich mit einer sonderbar steifbeinig anmutenden, aber sehr schnellen Bewegung ein weiteres Stück von der Bodenklappe zurück und erwartete den nächsten Angreifer.

Der Mann erschien eine knappe Sekunde später in der Öffnung. Aber er schien aus dem Schicksal seines Kameraden gelernt zu haben, denn er war nicht so unvorsichtig, den Kopf durch die Klappe zu stecken, sondern hielt seinen mächtigen Schild wie den Rückenpanzer einer Schildkröte über sich. Gleichzeitig stocherte er mit seinem meterlangen Schwert ungezielt nach oben.

Wolff brachte sich mit einem hastigen Satz in Sicherheit, schlug mit dem Schwert nach dem des Angreifers und trat gleichzeitig nach dessen Knie. Die beiden Klingen prallten funkensprühend aufeinander. Wolffs Schwert federte zurück und krachte so heftig gegen den Schild des Fremden, daß es ihm fast aus der Hand geprellt wurde. Aber sein Tritt hatte den anderen aus dem Gleichgewicht gebracht. Er keuchte, begann auf den schmalen Treppenstufen zu wanken und fand im letzten Moment sein Gleichgewicht wieder.

Wenigstens für eine Sekunde. Dann war Wolff heran, fegte seine Klinge mit einem wütenden Schwertstreich endgültig zur Seite und trat noch einmal zu. Sein Fuß traf den gemalten Raben auf dem Schild des Angreifers mit furchtbarer Wucht. Der Mann schrie auf, kippte nach hinten und riß dabei die hinter ihm stehenden Krieger mit sich. Das ganze Haus schien zu erbeben, als die Männer in einem Knäuel ineinander verstrickter Glieder und Körper unten aufschlugen.

Tibor war mit einem Sprung bei der Klappe, aber Wolff riß ihn zurück. »Bist du verrückt geworden?« keuchte er. »Die bringen dich um!«

»Aber wir… müssen hier heraus!« stammelte Tibor. »Sie werden wiederkommen, und…«

Wie als Antwort auf seine Worte ertönte von unten ein neuerlicher, wütender Schrei des Narbigen. Plötzlich zischte mit einem schwirrenden Geräusch ein Pfeil an Wolff vorbei, bohrte sich in einen der Dachbalken und blieb zitternd darin stecken. Tibor erbleichte und brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit.

»Nun?« fragte Wolff leise. »Willst du immer noch dort hinunter?«

Er maß Tibor mit einem seltsamen, sehr langen Blick, wandte sich plötzlich um, zog das Schwert des bewußtlosen Kriegers aus seinem Gürtel und drückte es Tibor in die Hand.

»Was… was soll ich damit?« stammelte Tibor. Die Waffe war sehr schwer, und sie fühlte sich so ungelenk und groß an, daß er bezweifelte, sie überhaupt schwingen zu können. Geschweige denn, sich damit zu wehren.

Wolff kam nicht dazu, darauf eine Antwort zu geben. Ein zweiter und dritter Pfeil zischten dicht hintereinander durch die Bodenklappe und bohrten sich ins Dach, dann drang die Stimme des Narbigen zu ihnen herauf:

»Wolff!« schrie er. »Wolff von Rabenfels! Wir wissen, daß du dort oben bist!«

»Wie schön für euch«, rief Wolff zurück. »Dann kommt doch und besucht mich.«

Die Antwort bestand in einem rauhen, nicht sehr freundlich klingenden Lachen. »Gib auf, Wolff!« schrie der Narbige. »Du weißt, daß du keine Chance mehr hast.«

»Dann holt mich doch!« brüllte Wolff. »Kommt rauf, wenn ihr euch traut. Ich habe einen von euch hier– er wird sich freuen, Gesellschaft zu bekommen.« »Wir haben Zeit, Wolff!« antwortete der andere. »Wir können eine Woche warten, wenn es sein muß. Du nicht.«

Wolff schwieg einen Moment, und Tibor konnte deutlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Ihre Lage schien wirklich aussichtslos zu sein. Es gab keinen anderen Weg aus diesem Dachboden heraus als die steile Treppe – und sich dort hinunterkämpfen zu wollen, wäre selbst für einen so guten Kämpfer wie Wolff der reine Selbstmord gewesen.

»Ich habe einen Jungen hier oben«, sagte Wolff schließlich. »Er hat nichts mit mir oder euch zu schaffen. Laßt ihn gehen, und wir können verhandeln.« »Nein!« antwortete der Narbige. »Wenn ihm etwas zustößt, dann hast du sein Leben auf dem Gewissen. Wirf dein Schwert fort und komm mit erhobenen Händen herunter, und der Junge kann gehen!«

»Er lügt!« flüsterte Tibor. »Geht nicht darauf ein, Herr. Sie werden mich nicht gehenlassen, selbst wenn Ihr Euch ergebt.«

Wolff nickte. Mit einem Male wirkte er sehr bedrückt. »Ich denke, du hast recht«, murmelte er. »Resnec ist ein rachsüchtiger Mann.« Er seufzte. Seine Miene verdüsterte sich. »Aber ich fürchte, uns bleibt keine andere Wahl. Wir sitzen in der Falle.«

»Resnec?« wiederholte Tibor.

»Der Mann mit der Narbe«, antwortete Wolff. »Ich hätte nicht gedacht, daß er selbst dabei ist. Hätten wir es nur mit seinen Söldnern zu tun, hätten wir eine Chance, obwohl die schon schlimm genug sind. Aber so…« Er sprach nicht weiter, aber gerade das gab seinen Worten ein besonderes Gewicht.

Unter ihnen polterte es wieder, und Tibor hörte Resnec mit gedämpfter Stimme Befehle an seine Männer erteilen. Verzweifelt sah er sich um. Der Gedanke, wie eine Ratte hier oben in der Falle zu sitzen und sich nicht einmal wehren zu können, machte ihn schier rasend.

Plötzlich hörten sie wieder ein Geräusch. Wolff stieß einen halb erschrockenen, halb ungläubigen Laut aus und sprang hastig rücklings von der Bodenklappe fort. Den Bruchteil einer Sekunde später zischte ein langgezogener orangeroter Blitz durch die Öffnung, einen Schweif knisternder Funken hinter sich herziehend.

Der Brandpfeil fuhr mit einem klatschenden Laut in den Dachbalken. Das brennende Pech an seiner Spitze spritzte in alle Richtungen. Tibor schrie vor Schmerz und Schreck auf, als ein glühender Funke seine Wange traf.

Die Flamme hatte innerhalb kürzester Zeit einen Teil des trockenen Strohdaches erfaßt, das wie Zunder brannte.

Wolff stieß sein Schwert in die Scheide zurück und versuchte die Flammen mit den herumliegenden Lumpen auszuschlagen. Er mußte sich aber wieder zurückziehen, als ein neuer Brandpfeil von unten durch die Öffnung zischte und eine Handbreit neben dem ersten ins Dach fuhr.

Die Flammen breiteten sich in Windeseile aus. Wie gierige kleine Ungeheuer sprangen sie von Strohbüschel zu Strohbüschel. Binnen weniger Augenblicke war der Raum voller flackernder greller Lichtreflexe und voll beißendem Qualm. Tibor wich immer weiter vor der langsam immer unerträglicher werdenden Hitze zurück.

»Kommt ihr jetzt herunter?« hörte man Resnecs Stimme von unten. »Oder wollt ihr lieber verbrennen wie die Ratten? Mir ist es gleich!«

Wolff antwortete irgend etwas, das Tibor nicht verstand, zerrte sein Schwert abermals aus dem Gürtel und begann wie rasend auf das Dach einzuschlagen. Aber die Flammen breiteten sich schneller aus, als er die morschen Strohbündel herunterhauen konnte. Nicht einmal eine halbe Minute, nachdem der erste Brandpfeil sich in das Dach gebohrt hatte, stand fast die Hälfte davon in hellen Flammen. Der Qualm biß und brannte in Tibors Kehle, er mußte husten, und die Luft war mit einem Male so heiß, daß jeder Atemzug wie Lava in seinen Lungen zu brennen schien. Er hatte schon mehr als ein Feuer erlebt, aber noch nie eines, das sich mit so unglaublicher Geschwindigkeit ausbreitete. Das Feuer raste regelrecht auf sie zu und verwandelte das Dach in einen wabernden Baldachin, von dem Funken und brennendes Stroh auf sie herabregneten. Tibor sah nur wie durch einen Schleier, daß Wolff abermals herumfuhr, mit dem linken Arm das Gesicht vor der Hitze schützend und mit der anderen Hand das Schwert schwingend. Die Klinge fuhr in die trockenen Strohbündel, zerschmetterte einen der dürren Dachsparren und kam schon wieder zu einem neuen Schlag hoch, während die Flammen gierig nach seinem Gesicht und seinen Haaren leckten.

Tibor begriff erst jetzt, was Wolff vorhatte. Er erwachte aus seiner Erstarrung, sprang neben den jungen Ritter und schwang sein eigenes Schwert mit verzweifelter Kraft.

Es wurde ein Wettlauf mit dem Tod. Die beiden Klingen hackten ein großes, ausgefranstes Loch in das mürbe Strohdach, aber die frische Luft, die durch die von ihnen selbst geschaffene Öffnung hereinströmte, stachelte die Flammen nur noch mehr an. Tibor hatte das Gefühl, in Flammen zu baden. Seine Augenbrauen waren versengt, und sein Gesicht schmerzte unerträglich.

Endlich war das Loch groß genug, um einen Menschen hindurchzulassen. Wolff sprang zurück und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Öffnung im Dach. Seine Lippen bewegten sich, aber das Brüllen der Flammen verschluckte jeden anderen Laut.

Tibor nickte, schob das Schwert ungeschickt unter seinen Gürtel und griff mit beiden Händen nach einem Dachbalken. Das Holz glühte. Am liebsten hätte er vor Schmerz geschrien. Aber er unterdrückte den Laut, versuchte seine Angst und die Hitze zu ignorieren und zog sich mit einer verzweifelten Bewegung nach oben. So schnell er konnte, kletterte er auf das Dach hinaus, suchte Halt und streckte Wolff die Rechte entgegen. Der Rabenritter griff danach, klammerte sich mit der anderen Hand an einen Dachsparren fest und stieg, zwar schneller, aber weit weniger elegant als Tibor, nach draußen.

Tibor verlor auf den abschüssigen Strohbündeln fast das Gleichgewicht, als er sich aufzurichten versuchte. Aus dem ausgefransten Loch unter ihnen drang weißglühender Feuerschein wie aus dem Schlund eines Vulkanes. Er erkannte, daß das Haus nicht mehr zu retten war und daß das Feuer – wenn kein Wunder geschah – auch auf die benachbarten Gebäude übergreifen würde. Vielleicht würde sogar das ganze Dorf niederbrennen.

Wolff packte ihn an der Schulter und deutete wild gestikulierend nach Norden. »Ich hole mein Pferd!« schrie er über den infernalischen Lärm des Feuers hinweg. »Wir treffen uns außerhalb des Dorfes – unten am Bach, wo die große Ulme steht!«

Ehe Tibor ihn zurückhalten konnte, stürzte er beide Arme wie ein Seiltänzer ausgestreckt und verzweifelt um sein Gleichgewicht bemüht – über das Dach davon. Tibor sah ihm nach, dann drehte er sich ebenfalls herum, lief bis zur Dachkante und sprang ohne zu zögern in die Tiefe. Es war kein sehr gewagter Sprung – die Dachkante lag kaum drei Meter über dem Boden, und der aufgeweichte Morast der Straße dämpfte seinen Aufprall. Aber Aufregung und Furcht hatten ihn unsicher werden lassen. Er kam schlecht auf, versuchte sich abzurollen, wie er es gelernt hatte, schlug aber schmerzhaft mit der Stirn gegen einen Stein und blieb einen Moment benommen liegen.

Als sich die Schleier der Benommenheit wieder lichteten, war das erste, was er sah, lodernder Flammenschein. Das Haus des Dorfschulzen brannte wie eine Fackel. Wirbelnde Funkenschauer explodierten immer wieder aus seinem Dach und fielen auf die Straße oder die Dächer der benachbarten Häuser herab. Schreie drangen an sein Ohr, und überall rechts und links der Straße wurden Türen und Fenster aufgerissen, drängten Männer und Frauen in Nachthemden oder hastig übergeworfenen Mänteln auf die Straße.

Details

Seiten
157
Erscheinungsform
eBook-Lizenz
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531296
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324271
Schlagworte
eBooks Hohlbein Fantasy Ritter Kampf Krieger Saga Geheimnis Krieg Ehre

Autor

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Titel: Der weiße Ritter - Erster Roman: Wolfsnebel