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Das Orakel von Farland - Band 2: Nordland

2016 337 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Fenja hat es geschafft: Sie ist aus Elysium entkommen. Doch nun liegt Nordland vor ihr – ein gesetzloses Land, das von Gewalt und Misstrauen regiert wird. Auf der Flucht vor ihren Verfolgern hat Fenja nur einen Verbündeten: Merten, ihr ehemaliger Mentor, den sie lange als Feind betrachtet hat und der ihr nun, in dieser verzweifelten Lage, in einem völlig neuen Licht erscheint … Aber dann werden die beiden getrennt und Fenja ist plötzlich ganz auf sich allein gestellt. Um in Nordland zu überleben, muss sie untertauchen, Teil dieser grausamen Welt werden. Einer Welt, die auch ihre dunkelsten Seiten zu wecken droht …

Über die Autorin:

Charlotte Richter-Peill, geboren 1969 in Nürnberg, entdeckte während ihres Studiums der Medizin, Tiermedizin und Germanistik ihre Liebe zum Schreiben. Für ihre Texte wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Heute lebt sie in der Nähe von Hamburg und genießt dort alles, was man für ein gutes Leben braucht: eine Steckdose fürs Notebook, viele Ideen, liebe Menschen, Pferde, Katzen und ein Kartoffelbeet.

Die Website der Autorin: www.charlotte-richter-peill.de

Charlotte Richter-Peills bei jumpbooks erschienene Trilogie Das Orakel von Farland umfasst die folgenden Bände:

Elysium
Nordland
Eden

***

Originalausgabe Oktober 2016

Copyright © der Originalausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Stefan Wendel

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock / Aleshyn_Andrei (Frau), macro-vectors (Orakel), YorkBerlin (Ruinen)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-198-2

***

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Charlotte Richter-Peill

Das Orakel von Farland
Nordland

Band 2

jumpbooks

Das Programm

In einer leeren Landschaft steht ein Baum. Von einem seiner Äste hängt ein Beutel voller Löcher. Aus den Löchern ragen Finger. Sie zucken schwach. »Fenja«, flüstert es aus dem Beutel. »Warum bist du gegangen? Komm zurück, hol uns raus …«

Ich schreckte aus dem Schlaf. Eingequetscht zwischen der Wand des Führerhauses und dem Gitter, das uns von den Schlachtpferden trennte, kauerte ich in einem Lkw. Meine Schulter brannte. Der Laster schlingerte, sprang über eine Bodenwelle. Ich prallte gegen Merten.

Entkommen. Aus dem Phönix-Kolleg und aus Elysium. Bisher war unsere Flucht ohne Probleme verlaufen. Die Fahrt zur Grenze, der desinteressierte Blick der Wachleute in den Laderaum, Merten und ich, zusammengekrümmt in unserem Versteck, der Ruck, mit dem sich der Transporter wieder in Bewegung gesetzt hatte, weiter, durch die Stille, das Stück Niemandsland, das Farland von Nordland trennte, dann Nordlands Grenze, an der es statt eines Kontrollpostens nur die Ruinen längst verlassener Wachtürme gab.

Wir hatten es geschafft.

Ohne ein Fenster, durch das ich hätte hinausblicken können, fehlte mir jedes Gefühl dafür, in welche Richtung oder wie schnell und weit wir fuhren. Ich horchte auf die Musik, die durch die Wand des Führerhauses drang, auf die wummernden Bässe. Irgendwann bremste der Laster, rumpelte um eine Kurve, fuhr noch ein Stück, hielt. Die Tür des Führerhauses wurde geöffnet und wieder zugeschlagen. Motorenlärm, der Gestank von Benzin.

»Dürfte eine Tankstelle sein. Dann mal los.« Merten kletterte über das Trenngitter. Benommen rappelte ich mich auf. Als er mir hinüberhalf, schoss ein scharfer Schmerz durch meine Schulter. Ich biss die Zähne zusammen. Unruhig warfen die Pferde die Köpfe hoch und drängten auf uns zu. Merten wich zurück. Ich legte meine Hand an die Kruppe eines ausgemergelten Rappen, schob ihn behutsam zur Seite und nickte Merten zu: Komm. Er deutete auf eine Luke in der Seitenwand. Wieder nickte ich, zwängte mich an zwei weiteren Pferden vorbei. Merten folgte mir. Mit vereinten Kräften gelang es uns, die Luke zu entriegeln. Wir kletterten hinaus. Meine Schulter brannte höllisch.

Menschen waren keine zu sehen, aber hinter den Zapfsäulen pulsierte in der Dunkelheit die Neonbeleuchtung eines Imbisslokals. Verkehrslärm rauschte – eine Autobahn? Meine Arme und Beine waren steif vom langen Kauern hinter dem Gitter. Eine Windbö peitschte mir Sand in die Augen. Der Krach, das grelle Blinken, die gigantischen Lkws – ich stand wie gelähmt, starrte nur. Das Wellblechdach über den Zapfsäulen hing halb herunter, ringsum türmten sich Berge aus geplatzten Plastiksäcken, aus denen sich Abfallströme ergossen. Ein bestialischer Gestank hing in der Luft. Und es war kalt. Schrecklich kalt.

Merten schob mich zwischen zwei Lastwagen. Benommen schüttelte ich den Kopf. »Nein, Merten, warte. Die Pferde, wir müssen die Rampe runterlassen.«

Er sah mich an, als hätte ich mich gerade vor seinen Augen in etwas völlig Absurdes verwandelt, einen Kartoffelkäfer zum Beispiel.

»Das sind Schlachtpferde, Merten, wir müssen …«

»Keine Zeit für Sentimentalitäten.« Er nahm mich am Arm und zog mich mit.

»Wir müssen doch nur die Rampe öffnen!«

»Und dann«, er wies mit dem Kopf zu dem Imbisslokal, Musik dröhnte aus einer halboffenen Tür, »haben wir in zwei Sekunden die Meute am Hals. Los jetzt!«

Ich wollte widersprechen, doch er zerrte mich vorwärts, zwischen den Lkws hindurch, über einen Asphaltplatz voller Container, aus denen noch mehr Müllsäcke quollen. Es sah aus, als hätte man hier die Abfälle der ganzen Welt entsorgt. Weiter, um einen Transporter herum, auf dessen Ladefläche eine Art Wohncontainer stand – dem Gestank nach eine fahrbare Toilettenanlage. Als wir an der Stiege vorbeistolperten, die dort hinaufführte, knarzte eine Stimme: »Schönen guten Abend auch!«

Neben der Treppe saß ein Mann im dünnen Mantel, so bequem gegen zwei Müllsäcke gelehnt, als habe er es sich auf einem Sofa gemütlich gemacht. Vor ihm standen ein Putzeimer, aus dem eine Klobürste ragte, und eine Schale mit ein paar Münzen. Das Lächeln des Mannes offenbarte mehr Lücken als Zähne. »Blase voll? Kein Problem. Desinfektionsmittel kostet extra …« Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »He«, flüsterte er.

Ich wich einen Schritt zurück.

Der Mann starrte auf unsere Kittel. Grün. Die Farbe der FIP. Leicht zu erkennen, auch in Nordland. Ächzend versuchte er, sich von seinem Sitzplatz hochzustemmen. »Lorena!«, brüllte er in Richtung Imbisslokal. »Kappi, Felten, schnell! Lorena!«

Merten machte einen Schritt nach vorn und trat ihm gegen die Schläfe. Es machte »Pock«. Wie ein Sack kippte der Mann zur Seite. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. »Merten«, flüsterte ich entsetzt.

Still lag der Mann da, die Augen geschlossen, ein Blutfaden rann aus seinem linken Nasenloch. Seine Hand zuckte über den Boden wie eine Spinne. Etwas riss in meinem Kopf, und ich ging mit fliegenden Fäusten auf Merten los, schlug auf alles ein, was ich von ihm erwischte. Er schlang die Arme um mich und hob mich hoch.

»Lass mich …«

Eine Hand verschloss mir den Mund. Ohne lange zu fackeln, trug Merten mich zu dem Wald hinter der Tankstelle. Obwohl es durch dichtes Unterholz ging, verlangsamte er sein Tempo kaum. Erst als wir ein gutes Stück in dem Gehölz waren, setzte er mich ab. Der Wind riss mir die Tränen von den Wimpern. »Du hast ihn umgebracht!«

»Vielleicht.« Merten packte mein Handgelenk und zog mich weiter. »Vielleicht auch nicht.«

Ich wehrte mich gegen seinen Griff. »Warum hast du das getan?«, schrie ich.

Merten blieb stehen. Seine Worte klangen kalt wie Eis. »Hör zu. Spiel meinetwegen die Tierschützerin und Menschenretterin, aber lass mich damit in Ruhe. Ich habe es getan, weil wir FIP sind, verdammt!«

Erst dachte ich, er wollte damit sagen, dass es in uns steckte. Das Grausame, Brutale. Dann ging mir auf, was er wirklich meinte. Der Mann hatte erkannt, wer wir waren: zwei FIP auf der Flucht.

»Genau«, knurrte Merten, als hätte er meine Gedanken erraten. »Farland zahlt jedem eine fette Belohnung, der Flüchtlinge aus Elysium schnappt.« Er lachte bitter. »Unser Staat gibt niemanden auf. Schon gar nicht die, die für Eden reserviert sind.« Er stapfte ein Stück tiefer in den Wald. Nach ein paar Schritten drehte er sich um. »Was ist?«

Ich gehe allein weiter, das ist. Einfach in eine andere Richtung. Weg von dir.

Aber mir fehlte der Mut.

Die Kälte sang in den Zweigen. Doch die Kälte, die ich spürte, kam von einem anderen Ort. Der Ort war in mir. Merten hatte zugetreten. Ohne zu zögern. Weil er eine FIP war? Existierte er wirklich, dieser dunkle Kern in uns, das defekte Teil, das wie eine Zeitbombe in uns tickte, diese Funktionsstörung im Getriebe der Seele?

Mit gesenktem Kopf stolperte ich Merten nach. FIP. FörderungsIntensive Person. Hätte auch ich den Mann zu Boden treten können, hätte ich das geschafft? Gab es so etwas … Finsteres in mir, so einen dunklen Zwilling? Um das zu erfahren, müsste ich mich häuten, müsste die Hülle ablegen, die mich wie ein schützender Kokon umgab. Und dann, was würde sich zeigen? Ein Schmetterling oder eine hässliche Raupe? Wer war ich?

Ein Leben lang: helle, hübsche, fröhliche Fenja, Tochter, Schwester, Freundin, Geliebte.

Alles eine Lüge. Alles nicht wahr. Nicht mehr wahr.

Doch ich hätte den Mann nicht zu Boden getreten. Vielleicht war ich kein besonders guter Mensch, aber ein so schlechter Mensch war ich auch nicht. Ich würde den dunklen Zwilling in mir nicht gewinnen lassen. Nie, niemals würde ich mich in eine Fenja verwandeln, die zutrat und ein Menschenleben auslöschte.

Weiter, neben Merten her durch die Nacht, anfangs strauchelnd und stolpernd, bis meine Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten. Meine Schulter brannte noch immer, doch ich ignorierte den Schmerz, so gut es ging.

Irgendwann blieb Merten stehen.

»Was?«, fragte ich.

»Wir müssen nach Norden.«

»Und?«

»Ich bin nicht sicher, ob wir nach Norden gehen.«

Ich deutete in die Dunkelheit. »Da lang.«

Er sah mich an. »Woher weißt du das?«

Ich wies nach oben, durch die Äste, in den mit Sternen übersäten Himmel. »Der Polarstern.«

Während zahlloser Wanderritte und Campingtouren mit Chiara und Rasmus war es mir so selbstverständlich geworden, mich an den Sternen, dem Sonnenstand oder dem Moos an den Bäumen zu orientieren, dass ich nicht gleich begriff, warum Merten mich verwundert anstarrte. »Okay«, sagte er schließlich.

»Und was ist im Norden?«, fragte ich, während wir weitergingen.

»Die Grenze von Estilien.«

»Wie weit?«

»500 Kilometer, mehr oder weniger.« Er zögerte. »Es gibt einen Grenzübergang. Einen geheimen Grenzübergang. Wo genau, weiß ich nicht. Wir werden uns umhören müssen.«

Das war sicher leicht. Zwei entflohene FIP hörten sich um. Kein Problem.

In der nächsten Stunde legten wir immer wieder einen Dauerlauf ein, um schneller voranzukommen. Als ich um eine Pause bat, lehnte Merten ab. »Wir müssen aus dem Grenzgebiet raus. Hier suchen uns die Hüter zuerst.«

»Aber die brauchen doch von Nordland eine … ich weiß nicht, eine Genehmigung oder so. Bevor sie hier Jagd auf uns machen dürfen.«

Er lachte bitter. »Und wer soll ihnen diese Genehmigung erteilen?«

»Ich weiß nicht. Die Regierung?«

»Nordland hat keine Regierung mehr, Fenja.«

Ich versuchte, meinen Kopf zur Ruhe zu bringen, was nicht besonders gut funktionierte. Entweder dachte ich an die Hüter oder an den Mann im dünnen Mantel, zusammengerollt auf der Seite, die Knie angezogen, die über den Boden tastende Hand. Das Bild ließ sich nicht abschütteln, winzige Details kamen hinzu, die dunkelgraue Hose, die Kopfhaut schimmerte durch das spärliche Haar, die Stoppeln am Kinn, das Fädchen Blut …

Ich wollte, jemand wäre bei mir. Jemand anderes als Merten.

Rasmus.

Rasmus, der jetzt wieder zu Hause war und meinen Eltern erzählte, was er am Phönix-Kolleg erlebt hatte. Ob er anschließend zu Chiara ging? Ob sie ihn in die Arme nahm, ihn tröstete, wie ich ihn nicht mehr trösten konnte? Während der letzten sechs Monate hatte ein Teil von mir so getan, als wäre ich nur für eine Weile fort; als würde ich nach einem Jahr zurückkehren und Rasmus mich auf der Veranda erwarten, mich anlächeln und mir das Haar aus der Stirn streichen, mit einer Fingerspitze die Stelle zwischen meinen Augenbrauen berühren, wie er es so oft getan hatte.

Rasmus, endlich wieder bei dir, du gibst mir einen Kuss, bringst mir ein Glas Saft, wir sitzen auf der Veranda, und danach reiten wir in die Hügel, zu unserem Ort und –

Und das würde nie mehr geschehen.

Denk nicht mehr daran.

In der Ferne hörte ich ein Heulen. Meine Schritte stockten.

»Wölfe«, sagte Merten. »Oder wilde Hunde.«

Dem Heulen folgte eine Stille, die alles andere als beruhigend wirkte. Zweige brachen unter meinen Füßen. Etwas huschte vor mir durchs Laub. Ich schrie auf und sprang zurück.

»Nur eine Maus, Fenja«, sagte Merten.

Ich krächzte etwas, das ein »Ja, klar, alles gut« sein sollte, und merkte, dass ich einen völlig trockenen Mund hatte.

Merten legte mir eine Hand auf den Arm. »Bist du okay?«

»Sicher«, brachte ich heraus, »mir geht’s gut.«

Er betrachtete mich prüfend. »Möchtest du dich ausruhen?«

»Nein.«

»Dann weiter.«

Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich in Wäldern übernachtet hatte. Mit Freunden, mit Leane und Bertil, mit Rasmus. Ich hatte gedacht, Wälder im Dunkeln zu kennen. Solange ich zurückdenken konnte, hatte ich geglaubt, die Natur sei mir freundlich gesonnen. Das Rascheln des Laubs, der Wind über dem Weiher, das Plätschern des Bachs hinter unserem Gut, das geschäftige Zwitschern der Schwalben – ich hatte mir sogar eingebildet, sie würde mit mir sprechen. Ich hatte ein bestimmtes Bild von mir und der Natur im Kopf gehabt: Sie war schön, manchmal wild, aber immer ein Teil von mir. Niemals würde sie mich bedrohen. Als die Nacht jetzt vor meinen Augen verschwamm, begriff ich, dass ich jeden Moment losweinen würde. Ich fühlte mich bedroht, erschöpft, am Ende, als hätte ich eine Woche, einen ganzen Monat nicht geschlafen. Mit aller Kraft stemmte ich mich gegen diese Schwäche, gegen die Angst. Durchhalten. Alles andere zählte nicht.

Merten war wieder stehen geblieben. »Wirklich keine Pause?«

Ich schüttelte den Kopf. »Kannst du mir was erzählen, Merten? Bitte.«

»Was willst du denn hören?«

»Irgendwas.« Ich überlegte. »Nein. Nicht irgendwas. Du hattest einen Bruder, ja?«

Er berührte sacht meinen Handrücken. »Das ist jetzt kein gutes Thema, glaube ich.« Er zögerte. »Oder doch. Vielleicht doch.«

Während wir unseren Weg durch den Wald fortsetzten, begann er.

»Mein Bruder musste auch nach Elysium gehen. Aber das weißt du wahrscheinlich. Finn. Er hieß Finn.«

Seine Stimme veränderte sich, als er diesen Namen sagte, wurde ein Nebelfaden, der sich gerade noch zwischen den Bäumen hält, bevor der nächste Wind ihn mit sich nimmt. Finn. Ich dachte an meinen ersten Arbeitstag in Elysium, den Einsatz in der Zentralen Versorgungsstelle. Siri hatte diesen Finn erwähnt, war aber nicht weiter ins Detail gegangen. Wann hatte Merten zum letzten Mal seinen Namen ausgesprochen, wann zum letzten Mal über ihn gesprochen? Hatte er es überhaupt je getan?

»Er war vier Jahre jünger als ich, und er war der Grund, weshalb ich Mentor wurde«, sagte er leise. »Weil ich ihn beschützen wollte.«

»Dann wusstest du, dass er nach Elysium kommt?«

»Das Orakel hatte mich ausgemustert. Was sollte ich wohl glauben, was meinem Bruder blüht?« Er zuckte die Schultern. »Ja, ich hielt es für mehr als wahrscheinlich, dass wir uns in Elysium wiedersehen.«

Leane. Der Name meiner Schwester zuckte wie ein Blitz durch meinen Kopf: Schickt das Orakel dich auch nach Elysium? Wer kümmert sich dort um dich?

»Meine Eltern waren nie übermäßig besorgt um uns.« Ich glaubte, einen Hauch Bitterkeit in Mertens Stimme zu hören. »Die Warnsignale, die es gab, fanden sie wohl nicht weiter beunruhigend. Vielleicht hofften sie auch, die Probleme würden sich von selbst lösen.«

»Welche Probleme?«

»Das erzähle ich dir ein andermal.«

»Okay.«

Ich hörte ein Lächeln in seiner Stimme. »Eines verrate ich dir jetzt schon. Ein kleines. Die Sache mit den Gräbern.«

»Bitte?«

»Ich war damals fünf Jahre alt und klaute anderen Kindern … Dinge. Plüschaffen. Armbanduhren. Spielzeugautos. Ich wollte diese Dinge einfach haben. Ich vergrub sie in unserem Garten. Irgendwann buddelte ich sie wieder aus. Es war schön, sie anzuschauen. Wie sie aussahen, nachdem sie lange genug in der Erde gelegen hatten.«

»Ein seltsames Hobby«, sagte ich befremdet.

Er zuckte die Schultern. Nach einer Weile fuhr er fort: »Meine Eltern hätten mir jedes Coachingprogramm finanziert. Prozentoptimierung für den Tag des Orakels. Aber sie gingen wohl davon aus, dass es gut für mich laufen würde. Das tun die meisten Eltern, denke ich. Als ich dann in meinem Zimmer im Phönix-Kolleg saß und allmählich kapierte, wie es wirklich war, bekam ich es mit der Angst. Nicht meinetwegen. Wegen Finn. Er würde das hier nicht durchhalten. Anfangs habe ich es ja selbst kaum gepackt. Aber ich war entschlossen, aus Elysium rauszukommen. Ich folgte dem Programm, gehorchte den Befehlen, widersprach nie. Ich war ein Musterschüler. Sogar als Auge gab ich mich her. Ich spionierte die anderen FIP aus, schwärzte sie an, wo ich nur konnte – ich war ein richtiges Arschloch. Genützt hat es mir nichts: Dreimal fiel ich durch die Nachprüfung. Inzwischen war ich zwar Schichtleiter in der Zentralen Versorgungsstelle, aber raus kam ich trotzdem nicht. Immerhin, die Mentoren und die Direktorin waren auf mich aufmerksam geworden. Ich hatte bewiesen, dass ich dem Programm noch im Kleinsten folgte. Sie fanden mich ›vertrauenswürdig‹, meinten, ich besäße das, was man ›Führungsqualitäten‹ nennt. Und als sie mir einen Job als Mentor anboten, griff ich zu. Auf diese Weise hätte ich zumindest eine Chance, mich um meinen Bruder zu kümmern, sollte das Orakel ihn ausmustern. Das dachte ich jedenfalls. Kurz darauf traf Finn tatsächlich auf dem Kolleg ein. Und was passierte? Sie teilten ihn einem anderen Team zu. Auf so etwas achten sie. Ich half ihm trotzdem, so gut ich konnte. Aber das reichte nicht. Ein paar Monate nach seiner Ankunft in Elysium überstellten sie ihn nach Eden. Aus demselben Grund wie Orlando. Pulsadern aufgeschnitten.«

Ein eisiges Prickeln breitete sich von meinem Nacken über meinen ganzen Körper aus. Er sah mich von der Seite an. Ich erwiderte den Blick. Seine Augäpfel glitzerten im Dunkeln.

»Du hast mich an mich selbst erinnert, Fenja, weißt du das? Wie ich damals war. Wie ich für Finn gekämpft, ihm Medikamente besorgt, wie ich versucht habe, ihn vor den anderen zu schützen. Du hast dasselbe für Orlando getan. Nur war da auch diese andere Seite von dir.«

»Welche andere Seite?«, flüsterte ich.

»Die Fenja, die unbedingt nach Hause wollte. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Ich habe so viel in dir gesehen. Aber du wolltest nur heim. Als hättest du nichts begriffen.«

Ich war mir nicht sicher, ob sich das inzwischen geändert hatte.

»Was passierte mit Finn?«, fragte ich.

»In Eden hat er es dann durchgezogen. Drei Wochen, nachdem sie ihn eingewiesen hatten, erhängte er sich.« Merten schloss die Augen, öffnete sie aber gleich wieder. »Er hat mir alles bedeutet. Ich vermisse ihn. Ich vermisse ihn so sehr, dass ich …« Er brach ab.

Vorsichtig berührte ich seine Hand. »Es tut mir so leid«, sagte ich leise.

Merten nickte stumm. Als er wieder sprechen konnte, klang seine Stimme gebrochen. »Ich hatte Elysium hingenommen. Ich hatte akzeptiert, dass es … kompatible Menschen gibt und solche, um die man sich kümmern muss. Ich gehorchte dem Programm, passte mich an, marschierte mit, scheffelte Punkte und hoffte, es würde mir helfen. Und meinem Bruder. Dann starb Finn – und in meinem Kopf begann sich etwas zu verschieben. Langsam drang zu mir durch, wie grausam das alles war. Wie gnadenlos der Umgang mit denen, die …« Er suchte nach Worten.

»Die eine Behandlung brauchen«, sagte ich leise.

Er nickte. »Leute, in denen zu viel negative Energie fließt, wie sie es nennen. Leute, die zu viele negative Gedanken haben. Gefährlich. Nichtsnutzig. Machen Ärger. Leisten keinen Beitrag.« Er lachte bitter. »Mein Bruder war der sanftmütigste Mensch, den du dir vorstellen kannst. Aber er war weich. Wenig belastbar. Ohne Schutzhaut. Das war sein Problem.«

»Wie Orlando.«

»Ja. Es trifft nicht nur die potenziellen Straftäter. Es trifft auch die, deren Seelenkostüm nicht so glatt und faltenfrei genäht ist, wie es die heutige Mode wünscht.«

»Und du, Merten?«, fragte ich nach einem langen Schweigen. »Warum hat das Orakel dich ausgemustert?«

»Tja. Warum? Die Frage kann ich zurückgeben. Was ist mit dir? Weißt du, wo dein Fehler liegt?«

»Nein.«

»Genau. Mag sein, dass es bei manchen Menschen klare Pathologien gibt. Eindeutige Persönlichkeitsdefizite. Viel häufiger ist das andere, das wir so schwer einordnen können.« Er seufzte. »Und nicht jeder akzeptiert, dass dieses Dunkle oder Böse oder Schwache, oder wie immer du es nennen willst, eine Grundkonstante des Lebens ist. Dass es dazugehört.«

»Die, die es nicht akzeptieren – haben sie das Phönix-Programm entwickelt?«

»Ach ja.« Merten lächelte zynisch. »Das Programm. Eine feine Sache. Sie haben lange daran gefeilt. Manchen Menschen hilft es sogar. Ist es damit gerechtfertigt? Legitimiert es Elysium?«

»Wahrscheinlich nicht.«

Wieder verfolgten wir schweigend unseren Weg.

»Wie ging es weiter?«, fragte ich nach einer Weile. »Nachdem du deinen Bruder verloren hattest.«

»Ich wollte etwas gegen Elysium tun. Und gegen das Orakel. Und falls ein Widerstand existierte, nun, dann wollte ich mich diesem Widerstand anschließen.«

Ich fragte mich, ob Widerstand dasselbe bedeutete wie die Guten. Wahrscheinlich etwas Ähnliches.

»Es gab Gerüchte über eine Gruppe«, fuhr Merten fort, »aber ich konnte nichts Genaues in Erfahrung bringen.«

»Warum bist du dann in Elysium geblieben? Du bist dreimal durch die Nachprüfung gefallen, du hättest nach Nordland ausreisen dürfen. Dort hättest du vielleicht mehr über den Widerstand herausgefunden.«

»Da gibt’s nur ein Problem. Als Mentor verpflichtest du dich auf fünf Jahre Dienst am Phönix-Kolleg.«

»Und du hast nie an Flucht gedacht?«

»Und ob ich an Flucht dachte. Aber …«

»Merten?«, unterbrach ich ihn. »Etwas kapiere ich nicht. Keiner von euch Mentoren hat die Nachprüfung bestanden. Ich meine – ihr wärt doch nicht freiwillig in Elysium geblieben, um dort als Mentor zu arbeiten. Wenn ihr bestanden hättet, wärt ihr doch nach Hause zurückgekehrt.«

»Das kannst du mir glauben.«

»Und ausgerechnet ihr sollt uns beibringen, wie man die Nachprüfung schafft? Das ist doch irgendwie nicht logisch.«

Er lächelte. »Doch. Es ist vollkommen logisch. Wenn man das Programm wirklich versteht. Dazu komme ich noch. Aber erst mal zum Widerstand.«

Er bog einen Ast zur Seite. Wir schlüpften durch die Lücke. Laub und Zweige raschelten unter unseren Füßen.

»Einige Wochen nach Finns Tod sprach mich jemand an. Jemand, der vom Widerstand wusste. Der selbst ein Teil davon war.«

»Wer?«

Er zögerte.

»Wer, Merten?«, fragte ich eindringlich.

»Jeff. Jeff Strecker.«

»Jeff?«

Merten lächelte. »Wir sollten ein Buch nie nach seinem Einband beurteilen.«

Und in diesem Augenblick erinnerte ich mich an ein Gespräch, das ich viele Monate zuvor belauscht hatte – und das nun einen ganz neuen Sinn ergab.

Schutzprogramm für das Computersystem … Sicherheitsleck … bevor der Widerstand weitere Informationen abgreift …

»Jeff ist Teil einer Organisation, die im Geheimen arbeitet und die das Orakel vernichten will – Männer und Frauen, die ursprünglich aus Farland kommen und die in Estilien abgetaucht sind. Soweit Jeff weiß, gibt es auch Leute aus Estilien selbst, die für den Widerstand arbeiten.«

In meinem Kopf drehte sich alles. Es gab sie. Menschen, die gegen das Orakel kämpften. Wie Orlando es gesagt hatte.

»Nachdem Jeff mich eingeweiht hatte, begann ich …« Abrupt blieb er stehen und legte eine Hand auf meine verletzte Schulter.

»Finger weg«, stöhnte ich.

»Mund halten«, hauchte er.

Motorenlärm. Weit entfernt, doch deutlich zu hören. Das Knacken und Krachen von Zweigen und Ästen. Irgendwo brach ein Fahrzeug durch den Wald. Merten straffte sich. »Okay. Die Jagd hat begonnen.«

Er zog mich mit. Wir stolperten, liefen, rannten zwischen den Bäumen hindurch. So schnell wir konnten. Nicht schnell genug. Das Fahrzeug näherte sich unerbittlich, wir sahen bereits seine Scheinwerfer aufblitzen.

»Wir müssen tiefer ins Unterholz. Wenn wir Glück haben, kommen sie nicht durch.« Merten blickte sich um. »Da hoch!«

Einen Hang hinauf, einen anderen hinunter, nach links, nach rechts, mittendurch, kreuz und quer, durch ein Bachbett, ein weiterer Hang … Inzwischen hatte ich völlig die Orientierung verloren. Norden war das jedenfalls nicht mehr. Wir krochen durch Dornendickichte, kletterten über umgestürzte Bäume, kämpften uns durch Vorhänge aus ekligen Flechten, die über unsere Gesichter streiften. Als wir endlich stehen blieben, war ich zerkratzt, mit Dreck beschmiert, in Schweiß gebadet und völlig am Ende. Merten drehte den Kopf in alle Richtungen. Auch ich lauschte. Da war nur das Keuchen unseres Atems.

Entweder sie hatten abgedreht. Oder sie machten zu Fuß weiter.

Und wieder durchs Gestrüpp. Stolpern, straucheln, hinfallen, aufrappeln, laufen, laufen … bis ich sie hörte. Stimmen. Gelächter.

Merten zog mich vorwärts. Während er wie eine Katze durch die Dunkelheit glitt, knackten unter meinen Füßen Zweige, stolperte ich über Wurzeln, trat Steine los.

»Fenja«, flüsterte Merten, »bitte, nicht so laut.«

»Tut mir leid«, flüsterte ich zurück. Mit einem Krachen brach der nächste Ast. Und sie kamen näher. Jetzt konnte ich Männer- und Frauenstimmen unterscheiden. Weiter, weiter, meine Beine wie Butter, ich strauchelte, fiel auf die Nase, wollte aufstehen, schaffte es nicht. Merten zog mich hoch, schleifte mich mit, watete mit mir durch einen Bach, schlidderte einen Hang hinunter.

Die Gegend wurde immer unwegsamer. Mehrmals rutschte ich auf Felsen aus, die sich unter dem Laub vom Vorjahr verbargen. Ich behinderte Merten, aber unsere Verfolger schienen auch nicht gerade schnell zu sein. Ihre Stimmen blieben zurück, hielten sich aber doch in Hörweite. Jemand hustete. Eine Frau lachte. Und es wurde heller. Der Morgen brach an.

Wir brauchten dringend ein Versteck. Während wir an einem weiteren Bach entlangliefen, der sich in ein Flüsschen und bald in einen schäumenden Fluss verwandelte, suchte Mertens Blick unablässig die zerklüftete Umgebung ab. Hier und da bildeten die Felsen Höhlen, die aber alle zu hoch lagen. Schließlich peilte Merten eine Spalte etwa zehn Meter oberhalb des Flusses an. Halb kletterten, halb krochen wir hinauf. Kein besonders gutes Versteck, aber uns blieb keine Wahl, die Sonne ging auf. Hintereinander zwängten wir uns in die Höhle, die kaum mehr als eine Felsnische war und nach wenigen Metern so schmal wurde, dass wir nicht weiterkamen. Wir ließen uns auf den Boden fallen, auf eine Schicht aus altem Laub. Der Fels strahlte eine eisige Kälte ab, doch wenigstens waren wir vor dem Wind geschützt – und hoffentlich vor unseren Verfolgern.

Draußen war nichts zu hören als das Rauschen des Wassers. Wir saßen so nah beieinander, dass Mertens Oberschenkel gegen meinen drückte. Er hatte den Kopf zum Höhleneingang gedreht und lauschte. Äußerlich wirkte er ruhig, doch ich spürte sein Bein an meinem zittern.

»Scheint so, als hätten sie unsere Spur verloren«, sagte er leise.

»Da kennst du die Hüter schlecht.«

Er wandte mir das Gesicht zu und lächelte schwach. »Du kennst sie schlecht. Die Hüter würden uns lautlos einkreisen, statt solchen Krach zu schlagen. Ich schätze, der Klomann hat ein paar Helfer zusammengetrommelt. Flüchtlinge aus Elysium sind immer eine fette Beute.« Er lehnte sich gegen den Fels und schloss die Augen. »Offenbar hab ich den Typ doch nicht umgebracht, oder? Der Klomann lebt. Das ist doch was.«

Auf einmal war ich mir da nicht mehr so sicher.

Und dann hörten wir die Stimmen wieder, durch das Brausen des Flusses, viel näher als zuvor. Merten legte einen Arm um mich und zog mich tiefer in den Spalt. Eng aneinandergedrückt warteten wir. Ich wagte kaum zu atmen. Meine Hand tastete in meine Hosentasche und schloss sich um das kleine Pferd aus Ton, Bertils Talisman, mein Glücksbringer, der wie durch ein Wunder die Flucht überstanden hatte.

Die Flucht. Unsere Flucht. War sie zu Ende?

Das darf nicht, darf nicht, darf nicht …

Die Stimmen, so nah, dass ich einzelne Worte verstehen konnte.

» … Schwachsinn … hätten Hunde mitbringen … auf keinen Fall … Norden …«

Das Rauschen des Wassers. Schritte. Ein Schatten strich über den Höhleneingang. Meine Finger umkrallten das Pferdchen. Mit einem Knacks brach ein Bein ab.

» … Fluss … weiter … zurück zum Wagen …«

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Die Stimmen wurden leiser, immer leiser.

Weg. Der Fluss rauschte. Eine Krähe krächzte. Wir rührten uns nicht.

Viel später flüsterte Merten: »Geschafft.«

Er ließ mich los. Mir kam es vor, als holte ich zum ersten Mal wieder Luft. Würden sie zurückkommen, die Gegend noch einmal gründlich durchkämmen, uns finden? Ich blickte zum Eingang der Höhle, in den Wald dahinter. »Sollen wir …?«

Er schüttelte den Kopf. »Solange es hell ist, sind wir hier sicherer.« Und dann, nach einer Pause: »Du hast mich noch gar nicht gefragt, warum sie mich nach Eden schicken wollten.«

Er sagte das nur, um mich abzulenken, doch ich war ihm dankbar dafür, und wissen wollte ich es ja wirklich.

»Okay. Warum?«

»Du erinnerst dich an das Sicherheitsleck im Zentralcomputer? Das war ich. Ich bin in ihr verdammtes System eingedrungen.«

»Und dafür landet man in Eden?«

»Hochverrat ist immer ein guter Grund. Ich wollte Informationen für den Widerstand beschaffen, Material über Elysium, Eden, alles, was uns im Kampf gegen das Orakel helfen konnte. Klar, anfangs hatten Jeff und ich weit größere Pläne. Spektakuläre Pläne. FIP, die für Eden vorgesehen waren, aus Elysium rausschleusen zum Beispiel. Aber gleich die erste Aktion lief komplett aus dem Ruder.«

»Der Mülltransport«, sagte ich leise. »Nuja.«

Überrascht blickte er mich an.

»Ich hab sie in Eden getroffen. Ich kannte sie von früher.«

Er nickte langsam. »Das war eine schlimme Geschichte. Zwei Tote. Weil Jeff und ich unbedingt etwas tun wollten. Danach haben wir stillgehalten. Sogar dann noch, als Romilda und Orlando eingewiesen wurden. Um wenigstens etwas in Angriff zu nehmen, hab ich mich ein wenig um das Computersystem des Kollegs gekümmert.«

»Und?«

»Ich habe nichts gefunden, was uns in Bezug auf das Orakel weiterhalf. Aber ich konnte einige hochinteressante Geheimdokumente entschlüsseln.« Er hielt inne, schaute, ob ich folgen konnte. »Wie funktioniert das Phönix-Programm, Fenja?«

Was sollte diese Frage?

»Wie funktioniert es?«, wiederholte er.

Ich zuckte die Schultern. »Wer dem Programm gehorcht und Punkte scheffelt, hat die besten Chancen, die Nachprüfung zu bestehen.«

»Ja. Genau das bringen wir euch bei. Und wofür kassiert ihr die Punkte?«

Ich zuckte wieder die Schultern. »Arbeiten.«

»Und?«

»Noch mehr arbeiten.«

»Hirn ausschalten. Mitmarschieren. Andere verraten, anschwärzen, aus dem Weg treten, fertigmachen. Das Programm belohnt deine Schattenseiten.« Er atmete tief ein. »Was wäre, wenn genau darin die Prüfung besteht?«

»Wie meinst du das?«

»Was ich dir jetzt erzähle, ist die ganze Wahrheit über das Phönix-Programm. Die Wahrheit, wie nicht einmal wir Mentoren sie kennen. Aber ich habe diese Dokumente selbst gelesen. Ich weiß jetzt, was wirklich hinter dem Programm steckt.« Seine Augen funkelten, in der Dunkelheit wirkten seine Augäpfel sehr weiß. »Die Entwickler des Programms vertreten eine Theorie. Nach dieser Theorie ist es in einem angenehmen Umfeld leicht, im Sinne der Moral von Farland zu handeln, ohne wirklich moralisch zu denken und zu fühlen. Also verpflanzen sie euch in eine Umgebung, die eure Schattenseiten stärkt und belohnt und euch vorgaukelt, das Falsche sei richtig. Sie testen, wer sich für ein paar Scheißprivilegien in die Finsternis stürzt. Sie prüfen, ob du wirklich durch und durch eine FIP bist oder ob noch etwas anderes in dir steckt. Wer folgt seiner dunklen Seite – und wer entscheidet sich gegen alle Widerstände für etwas anderes?«

In meinem Kopf begann sich ein Karussell zu drehen. »Aber … das ergibt doch keinen Sinn.«

»Und ob es einen Sinn ergibt. Es ist die härteste Prüfung von allen. Sich dem Schatten verweigern, wenn dich alle auffordern, mit dem Schatten zu tanzen. Wer von euch kooperiert mit dem Programm, gehorcht, sammelt Punkte, verweigert anderen die Hilfe?« Seine Augen wurden schmal. »Und wer von euch wendet sich gegen das Programm, handelt menschlich und mitfühlend, auch wenn ihm dafür Demütigungen, Repressalien, Einsamkeit drohen? Das sind die FIP, die bei der Nachprüfung eine Chance haben.«

Die Spendengala. Das Fernsehinterview vor zwei Jahren. »Ich habe durch das Schwere gelernt«, hatte das Elfengeschöpf mit den grünen Augen gesagt. War es das, was sie gemeint hatte? Die Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, mit allen Konsequenzen? Sich gegen die Forderungen der Direktorin, der Mentoren, der anderen FIP zu stellen?

Vor der Höhle brach ein kalter, sonniger Morgen an, dessen Licht kaum bis in unsere Felsspalte drang. Ich rieb mir die Stirn. »Der Schlachthof … Das Zentralklinikum …«

»Alles ein Test, ein Riesentheater. Zimmer 7, die Patienten, die angeblich abgespritzt werden? Ich hab die Dokumente gesehen: Die Sterbenskranken sind nicht krank. Sie sind Schauspieler. Niemand wird in Zimmer 7 umgebracht.«

Das, was ich in dem Todeszimmer erlebt hatte – bloß eine Show?

»Warum?«, flüsterte ich.

»Weil das Programm euch immer wieder in Situationen bringen soll, in denen ihr euch für eine Seite entscheiden müsst. Tu ich, was die Mentoren, die Direktorin, alle von mir verlangen, auch wenn es unmenschlich und falsch ist? Gehorche ich – oder weigere ich mich?«

Kalt wie Steine sanken Mertens Worte in mich ein.

»Und alle wissen Bescheid? Nur wir nicht?«, flüsterte ich.

»Die Direktorin kennt die Wahrheit über das Programm. Die angeblichen Todeskandidaten in Zimmer 7 auch. Das Führungsteam von Eden. Und natürlich die Entwickler des Programms.«

»Was ist mit den anderen FIP? Den Arbeitern im Klinikum, im Müllpark, was ist mit den Schlächtern?«

»Die nicht.«

»Und die Mentoren?«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist interessant, nicht wahr? Wir bringen euch genau das Falsche bei – weil wir nicht wissen, wie das Programm wirklich funktioniert. Wir lehren euch, mitzumarschieren und Punkte zu scheffeln. Und das machen wir richtig gut. Denn wir sind FIP. Und keine netten Menschen, die euch nett behandeln würden. Und all das macht es euch noch schwerer, die richtigen Entscheidungen zu treffen.« Er runzelte die Stirn. »Anfangs schien genau das der Schwachpunkt des Programms zu sein. Die jungen FIP, ausgerechnet in der Obhut von Menschen, die selbst FIP sind? Aber die Erfinder des Programms ließen sich auf keine Diskussionen ein. Und das mussten sie auch nicht. Die Erfolgsquote des Programms sprach für sich. Die Zahl der FIP, die ihre Nachprüfung bestanden, stieg gegenüber früheren Programmen sprunghaft an. Kein Förderprogramm hatte je so gut funktioniert.«

Inzwischen rauchte ich vor Zorn. »Wenn das Programm so großartig ist, warum müssen sich ihm nicht alle Bürger von Farland unterziehen? Warum nur die FIP?«

»Weil nur sie gefährdet sind. Ich-schwach.«

»Ich-schwach«, fauchte ich. »Was soll denn das heißen?«

Merten zuckte die Schultern. »Manipulierbar. Außengesteuert. Aggressiv. Ohne inneren Halt. Nicht allein stehen können. Sich darum an einen Führer klammern. Andere kleinmachen. Und sich groß dabei fühlen.«

Das Karussell in meinem Kopf drehte sich immer schneller. Was Merten da erzählte, hatte eine perverse Logik. Oft genug hatte ich mich gefragt, welches Ziel sich hinter dem Programm von Elysium verbarg. Jetzt hatte ich die Antwort.

»Und kein Mentor hat je gemerkt, wie das Programm funktioniert?«

Merten zuckte die Schultern. »Wenn du mittendrin steckst, denkst du nicht über diese Dinge nach. Alles in Farland war immer wahr. So wachsen wir auf: mit etwas, von dem wir glauben, es sei wahr. Du kommst gar nicht auf die Idee, dass man in Elysium mit verdeckten Karten spielt.«

»Was ist mit Romilda? Mit Orlando? Sie wehrten sich gegen das Programm. Damit handelten sie doch ganz in seinem Sinn. Trotzdem befinden sie sich in Eden.«

»An einem bestimmten Punkt übten sie Gewalt gegen andere aus. Oder gegen sich selbst. Das akzeptiert Farland nicht.«

Verzweifelt bemühte ich mich, meine Gedanken zu ordnen. »Dann ist Eden auch so ein … Theater?«

»O nein! Eden ist bitterer Ernst. Es ist der Ort für die, die zu weit gegangen sind. Vergewaltigung. Körperverletzung. Mord. Auch der Versuch, sich selbst zu töten. Und Hochverrat.«

»Und diese Leute zerstört man dann langsam. Das ist doch mindestens genauso schlimm.«

Merten lachte freudlos. »Die Experimente? Keiner muss da mitmachen. Ist alles freiwillig. Zwei Wochen lang genießt du in Eden alle Annehmlichkeiten. Und das sind einige. Danach kannst du wählen. Auf Station C erwartet dich ein Leben, wie es früher in manchen Psychiatrien und Gefängnissen üblich war. Keine Annehmlichkeiten mehr. Kein Komfort. Einzelzellen. Einsamkeit. Isolation. Du wirst ruhiggestellt, vegetierst vor dich hin. Du darfst nicht mehr darüber entscheiden, was du tun oder lassen willst, wann du dich wäschst, was du isst, um welche Uhrzeit du aufstehst oder dich schlafen legst. Stimmst du den Versuchen zu, kommst du auf die B. Dort wandelt man deine lebenslange Haft in einen lebenslangen Aufenthalt in einer Luxusanlage um.«

»Und niemand stört sich an diesem System?«

»Es dringt nicht viel nach außen von dem, was in Eden geschieht. Aber selbst wenn es so wäre, würde es kaum einen Aufschrei in der Bevölkerung geben. Viele von denen, die in Eden sitzen, sind nicht gerade die Männer und Frauen, mit denen du dich anfreunden willst. In Eden kümmert man sich um sie. Schützt sie vor sich selbst. Und gleichzeitig können sie einen Beitrag für die medizinische, psychologische und pädagogische Wissenschaft leisten. Das ist der Deal.«

Darüber dachte ich eine Weile nach. Das alles war ziemlich schwer zu verdauen. »Was sind das für Experimente, Merten?«

»Psychologische Sachen. Versuchsreihen, bei denen Medikamente und andere Therapieformen getestet werden. Vordringlich wollen sie das Programm verbessern und arbeiten an immer neuen Konzepten, um bei der Nachprüfung noch bessere Ergebnisse zu erzielen.«

»Dann ist Eden also gar nicht so schlimm?«, fragte ich mit verhaltenem Zorn. »Oder Elysium? Ist es das, was du mir sagen willst?«

»Nein. Letztlich geht es um die Frage, wie weit andere über dich verfügen dürfen. Sobald das Orakel dich ausmustert, wird deine Person zu 100 Prozent an Farland übergeben. Keine Möglichkeit mehr zu wählen, was du mit deinem Leben anfangen willst. Für dein körperliches Wohl wird gesorgt. Alles andere …« Er zuckte die Schultern.

»Merten? Wie ist es, wenn man bleibt? In Elysium, meine ich. Was ist mit Freundschaften? Mit … mit Liebe?«

»Oh, sobald du aus dem Kolleg raus bist, sind Liebesbeziehungen erlaubt. Die wenigsten kriegen das hin. Zweckgemeinschaften gibt es einige, aber auch die sind selten von Dauer. In Elysium verlernst du, mit dem Herzen zu leben.«

Etwas fiel mir ein, das Orlando vor langer Zeit zu mir gesagt hatte. Über die Impfung, der wir uns gleich nach unserer Ankunft hatten unterziehen müssen.

Ich glaube, das war keine Impfung. Oder vielleicht doch. Eine Impfung gegen Reproduktion.

»Warum gibt es keine Kinder in Elysium?«, fragte ich stockend.

Merten schwieg lange.

»Auch darüber existiert eine Datei.« Seine Stimme klang rau. »Du erinnerst dich an die Spritze vom ersten Tag?«

Ich nickte. Am liebsten hätte ich mir die Ohren zugehalten, ich wollte nichts mehr hören.

»Sie wirkt zwölf Monate. Solange du in Elysium bleibst, wird sie dir jedes Jahr neu verabreicht. Der Ausschuss soll nicht noch mehr Ausschuss produzieren. Wahrscheinlich«, fügte er hinzu, »müsste man diese Praxis nicht einmal verheimlichen. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass es in Elysium keine Kinder gibt.«

»Hattest du eine Freundin?« In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich mir Merten immer allein vorgestellt hatte.

Er lächelte müde. »Schon.«

Die strahlend weißen Wohnblöcke auch von Paaren bewohnt. Das passte nicht zu Elysium, so wenig, wie eine Beziehung zu Merten passte.

Nicht?

Wieder sprang mir das Erinnerungsbild in den Kopf. Merten, neben mir auf meiner Pritsche im Phönix-Kolleg. Still löffelten wir den Nachtisch, den er für uns besorgt hatte, in der Nacht, in der Orlando in Eden verschwunden war und in der ich geweint hatte. Merten war bei mir geblieben. Seine Nähe hatte mich getröstet. Aber war sie nur Trost gewesen?

»Was ist jetzt mit deiner Freundin?«, fragte ich leise. »Wo ist sie?«

Er wandte mir das Gesicht zu. »Im letzten Sommer ging Janis zum dritten Mal in die Nachprüfung. Sie bestand. Das war’s dann gewesen.«

»Tut mir leid.«

»Muss es nicht«, sagte er schroff. »Wir waren uns nie besonders nah. So ist es meistens in Elysium. Du verlernst, anderen Menschen zu vertrauen.«

»Fehlt sie dir?«

Er seufzte. »Anfangs schon. Aber ich habe entschieden, dass sie auf der anderen Seite des Zauns besser aufgehoben ist.«

Ich blickte auf meine Hände. »Glaubst du, ich hätte die Nachprüfung bestanden, Merten?«

Er stocherte mit seiner Schuhspitze im Laub. Ohne mich anzusehen, sagte er: »Ja.«

Durch den Felsspalt beobachtete ich, wie es draußen immer heller wurde. Ich fühlte mich wach und gleichzeitig zu Tode erschöpft. Ja, hatte Merten gesagt. Ich schloss die Augen, schrak wieder hoch. Meine Zähne klapperten, ich schlang die Arme um die Knie, machte mich so klein wie möglich, um etwas Wärme zu finden.

Ja.

Die Gedanken rannten und rannten durch meinen Kopf, sie hämmerten auf mich ein, Rasmus, mein Zuhause, meine Eltern, meine Schwester, mein kleiner Bruder … Würde man Leane und Bertil nach Elysium schicken? Wie wahrscheinlich war das? Daria hatte zu Hause bleiben dürfen, anders als ihre ältere Schwester Nuja. Vielleicht war auch ich in unserer Familie die Ausnahme, das Missgeschick … Und wenn nicht?

Ich war erschöpft und aufgeweicht. »Sollte ich zurückgehen und es versuchen?«, fragte ich leise.

»Sprichst du von der Nachprüfung?«

Ich schüttelte den Kopf. »Sollte ich meiner Schwester und meinem Bruder helfen? Ich meine: falls sie ausgemustert werden. Du hast deinem Bruder geholfen. Du hast es wenigstens versucht. Ich haue einfach ab. Ist das nun ein Beweis für …«

»Deine Schlechtigkeit?« Merten lachte. Es war kein gemeines Lachen, es klang nur überrascht. »Deinem Bruder und deiner Schwester wird es nichts nützen, wenn du zurückgehst. Du darfst dir nicht überlegen, wie du wieder reinkommst. Wir müssen uns überlegen, wie auch die anderen rauskommen.«

Ich wusste, dass er recht hatte. Und ich wusste, dass die Aufgabe zu groß für mich war. Viel zu groß.

»Wenn wir in Estilien sind«, sagte Merten, »nehmen wir Kontakt zum Widerstand auf. Ein Schritt nach dem anderen.«

»Ja«, sagte ich. Wie aus dem Nichts begann ich zu weinen. Es war ein hohes Weinen, das Weinen eines Kindes, es erschreckte mich, und ich war völlig wehrlos dagegen.

»Fenja.« Merten legte die Arme um mich und zog mich an sich. Mein Kopf sank gegen seine Schulter. Meine Wange lag am rauen Stoff seines Kittels. Seine Arme schlossen mich in einer Höhle ein, in der ich nichts sah, nichts hörte als sein Herz, während ich mich immer tiefer in seine Umarmung weinte. So fand ich etwas Ruhe.

»Schlaf jetzt«, flüsterte er.

Langsam dämmerte ich weg, schreckte wieder hoch. Es war kalt, und ich drückte mich enger an Merten, nahm die Kälte mit in einen Traum, in dem ich durch ein Fenster in ein Haus blickte. Meine Mutter stand am Herd und dünstete Apfelschnitze. Um mich war es dunkel, aber in die Küche flutete goldenes Licht, und meine Mutter stand mitten darin. Dann war ich auf einmal in dem Haus und lief durch einen Flur mit knochenfarbenen Wänden. Zu beiden Seiten gingen Türen ab, die aussahen, als hätte man sie aus Kalbfleischstücken zusammengenäht. Ich stolperte immer weiter, der Flur nahm kein Ende, überall Türen, aber nirgends ein Knauf oder eine Klinke. Als ich erschöpft innehielt, hörte ich hinter einer Tür Stimmen murmeln. Ich legte mein Ohr an die fleischfarbene Füllung, sie fühlte sich feucht und kalt an. Ich erkannte die Stimmen. Rasmus, meine Eltern, Bertil, Leane, alle redeten sie durcheinander. Ich versuchte die Tür zu öffnen, doch sie war abgeschlossen. Ich trommelte dagegen und schrie ihre Namen. Sie redeten immer weiter. Ich lief von Tür zu Tür, überall ihre Stimmen, die langsam von mir wegdrifteten. Ich schrie nach ihnen, bis ich merkte, dass es nicht mehr ihre Namen waren, die aus meinem Mund kamen.

»Merten! Merten!«

Die nächste Tür öffnete sich. Da stand er, als hätte er die ganze Zeit auf mich gewartet. Ich warf mich in seine Arme, spürte seine Wange an meinem Haar, das voller Blätter und Zweige hing, wir waren nicht mehr in dem Haus, sondern in einem Wald. Fahles Licht sickerte durch die Zweige.

»Und?«, flüsterte er. »Was fängst du jetzt an mit deinen 100 Prozent?«

Ich blickte zu ihm auf. Um uns fielen schwarze Blätter und landeten mit einem knackenden Geräusch auf dem Boden, als würden winzige Knochen brechen. Mertens Lippen streiften mein Ohr. »Nichts wie raus hier«, flüsterte er und strich mit einem Finger über meinen Mund. Seine Hand wanderte weiter, umfasste meinen Nacken, schob sich in mein Haar. Ich spürte seinen Atem, er hob mein Kinn an und küsste mich auf den Mund, ein vorsichtiger Kuss, keine Lippen, die sich öffneten, keine Zunge, die in meinen Mund drängte, aber gerade diese Zurückhaltung erregte mich. Ich drückte mich an ihn, spürte die Härte seiner Muskeln, roch den Wald, die Erde an ihm, mein Herz schlug gegen meine Rippen, als wollte es meinen Körper verlassen und in Mertens Brust springen, mir wurde immer wärmer, jetzt öffneten sich meine Lippen doch, und als hätte er auf dieses Zeichen gewartet, wurden auch seine Lippen weich.

Licht

Mit einem Ruck fuhr ich hoch. Verwirrt saß ich im Dunkeln und hatte keinen Schimmer, wo ich war. Nur langsam dämmerte mir, dass der Traum vorbei war und ich mich jetzt mit dem Rest der Nacht auseinandersetzen musste. Mit unseren Verfolgern, die den Wald durchstreiften. Neben mir hörte ich Merten atmen. Ein Strahl Mondlicht fiel durch den Spalt auf sein Gesicht. Im Schlaf sah er älter aus. Erschöpfter. Wir mussten weiter, aber ich saß nur da und fürchtete mich vor den Stunden, die vor mir lagen, wollte mich weder bewegen noch Merten wecken. Schließlich zwang mich meine Blase aus meiner Lähmung. Als ich in die Höhle zurückkehrte, legte ich Merten eine Hand auf die Schulter und schüttelte ihn sanft. Mit einem Schrei fuhr er hoch und blickte wild um sich.

»Ich bin’s nur«, sagte ich erschrocken.

Er sah grauenvoll aus, bleich, mit dunklen Ringen unter den Augen.

Wir löschten unseren Durst an dem Fluss. Das Wasser war so kalt, dass es wie Messer in meinen Mund schnitt.

»Wo ist Norden?«, fragte Merten.

Ich blickte in den Himmel und deutete in die Dunkelheit.

»Dann müssen wir uns weiter westlich halten«, sagte er.

Fragend blickte ich ihn an.

»Sie werden uns im Norden suchen.«

Der Mond tauchte den Wald in Silbergrau. Die kahlen Baumkronen zeichneten sich gegen den Himmel ab und erinnerten mich an die Aufnahmen von Lungen, die ich in der Satorius-Klinik gesehen hatte. Ein Windstoß fuhr mir ins Gesicht. Bald waren der Wind und die Kälte überall. Atemwölkchen stiegen vor mir auf und verschwanden in der Nacht. Nebel kroch über den Boden, streckte seine Finger aus, zog sich durch den Wald und beanspruchte immer mehr Terrain, erlaubte uns kaum noch ein paar Meter Sicht. Immer wieder schaute ich über die Schulter, denn irgendwo waren die, die uns suchten, teilten den Wald, die Luft, den Nebel mit uns.

Ein Käuzchen schrie, in der Ferne antwortete ein zweites Käuzchen. Ich begann mit den Zähnen zu klappern, spürte aber gleichzeitig wieder die Wärme von Mertens Hand, die sich um meinen Nacken gelegt hatte. Bis in die kleinste Einzelheit tauchte mein Traum auf. Ich wollte diese Bilder und Gefühle nicht, ich wollte nicht so an Merten denken.

Immer mehr Nebelschwaden drängten von den Hängen herab. Mühsam bahnten wir uns zwischen Sträuchern und Felsblöcken einen Weg. Der Hungerschmerz in meinem Magen wuchs mit jedem Schritt, trotzdem war ich auch euphorisch und freute mich über diese Wanderung durch den Wald, über die Freiheit und Einsamkeit. Dabei waren gerade sie eine Illusion. Irgendwo zwischen den Bäumen steckten die Leute von der Tankstelle, und auch die Hüter hatten jetzt wohl mit der Suche begonnen.

Mir war übel vor Hunger, ich konnte mich kaum auf die nächsten Schritte konzentrieren. Mein Magen röhrte. Bilder von Pfannkuchen wirbelten durch meinen Kopf, Pfannkuchen, wie meine Mutter sie buk, mit gedünsteten Äpfeln, mit Käse oder Ahornsirup. Wenn die Pfannkuchen für ein paar Sekunden verblassten, kam mir unsere Badewanne in den Sinn, bis zum Rand gefüllt mit heißem, sauberem Wasser und Schaum, der nach Vanille und Honig duftete.

»Merten?«, fragte ich, um mich von Pfannkuchen und Seifenschaum abzulenken. »Was planst du eigentlich, wenn du in Estilien bist?«

»Kontakt zum Widerstand aufnehmen.«

»Und dann?«

Er lachte leise. »Dann ziehen wir los und sprengen das Orakel in die Luft.«

»Ich will euch ja nicht den Spaß verderben, aber das Orakel steht in der Hauptstadt und ist bestens geschützt.«

»Das ist unser Problem. Trotzdem müssen wir die Sache erledigen.« Er zögerte. »Und du? Was hast du für Pläne?«

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. »Ich habe eigentlich keine Pläne«, sagte ich leise. »Ich dachte, ich könnte bei euch mitmachen.«

Er ließ das so stehen. Sagte nicht Ja, aber auch nicht Nein.

Das Orakel in die Luft jagen. Und dann?

Gab es ihn, diesen Keim des Unheils, den Schatten, der über manchem Leben lag? Wie sollte man damit umgehen, wenn das Orakel nicht mehr existierte?

»Was kommt danach, Merten?«, fragte ich leise. »Wie geht es weiter, wenn das Orakel weg ist? Das Schlimme verschwindet ja nicht mit ihm.«

»Das Schlimme?«

Ich atmete tief ein. »Zorn, Wut, Hass. Selbsthass. Eifersucht. Rachegefühle. Steckt das nicht in uns allen drin?«

»Schon. Die Frage ist, ob du diese Gefühle kontrollieren und in etwas anderes verwandeln kannst. Oder ob du dich der Dunkelheit überlässt.«

»Glaubst du, es gibt andere Möglichkeiten als ein Orakel, um … um …«

»Den Schatten zu bannen?« Merten zuckte die Schultern. »An dieser Frage beißt sich die Menschheit seit Jahrtausenden die Zähne aus. Wie lässt sich der Wolf zähmen, der in uns heult? Das Orakel ist nur eine von vielen Antworten. Farland wünscht sich ein Paradies. Ich glaube nicht, dass so etwas möglich ist.«

»Was ist möglich?«

»Ich weiß es nicht. Kann sein, mir fehlt die Phantasie, und es wäre anders, wenn ich in einer Zeit groß geworden wäre, in der die Menschen an die Menschen glaubten. In der sie überzeugt waren, dass jeder Mensch ein unersetzbares Individuum ist, mit einzigartigen Erinnerungen, Gefühlen, Fähigkeiten. Aber anders als in Farland. Auch mit Mängeln, mit Schwächen, mit dunklen Flecken.« Er atmete tief ein. »Ich sehne mich in eine Zeit, in der Mängel, Fehler und Unzulänglichkeiten sein dürfen, vielleicht sogar ihren eigenen Wert besitzen. Vielleicht ist so eine Zeit in Zukunft denkbar. Wenn das Orakel verschwunden ist und wir begreifen, dass wir den Schatten im Menschen akzeptieren müssen wie Krankheit und Tod.«

»Das Böse einfach geschehen lassen?«

»Nein!« Er blieb stehen. In seinen Augen glühte es. »Das meine ich überhaupt nicht! Wir müssen uns dem Bösen stellen, es benennen und etwas dagegen tun. Wenn Unrecht geschieht, müssen wir zu einem gerechten Urteil kommen. Aber erst muss die Tat geschehen.«

»Und wenn uns ein Orakel die Möglichkeit gibt, die Tat vorherzusehen?«

»Muss das Orakel abgeschafft werden.«

»Und die Opfer böser Taten? Soll man Menschen zu Opfern werden lassen, wenn man es vorher verhindern könnte?«

»Ja«, sagte er leise. »Wenn wir es konsequent zu Ende denken, ist es das, was wir in Kauf nehmen müssen. Aber das …«, fügte er hinzu, »ist nur meine bescheidene Meinung.«

Niemand schien uns zu folgen, trotzdem wagten wir nicht, uns auszuruhen. Wie zwei aufgezogene Figürchen marschierten wir immer weiter. Irgendwann stießen wir auf Reifenspuren, dann auf die Reste eines Lagerfeuers. Merten legte eine Hand an die Asche. »Noch nicht ganz kalt.«

Ängstlich blickte ich mich um. »Und was heißt das?«

»Sie waren schlau genug, sich auch nach Westen zu wenden. Aber nicht so schlau, keine Spuren zu hinterlassen.«

In der Asche lagen mehrere Klumpen. Ich hob einen davon auf, kratzte den Ruß ab und blickte entzückt auf das, was in meiner Hand lag. »Schau! Eine …«

Er schlug mir die Kartoffel aus der Hand.

»He!«

»Lass sie liegen. Sie könnte giftig sein.«

»Eine Kartoffel

»Möglich, dass sie eine Droge reingespritzt haben, irgendein Zeug, das uns außer Gefecht setzen soll. Damit sie uns in Ruhe einsammeln können.«

Ich starrte auf die Kartoffeln. »Wer denkt sich denn so was aus?«

»Vielleicht sind sie klüger, als ich dachte. Klüger – und in der Nähe. Machen wir, dass wir hier wegkommen.«

In den nächsten Stunden begegnete uns niemand außer einem Fuchs, der mehr Angst vor uns hatte als wir vor ihm. Einmal glaubte ich in der Ferne Schreie zu hören, aber Merten meinte, es sei nur der Wind in den Bäumen. Ich war erschöpft und so hungrig, dass mir immer wieder schwindelig wurde. Warum hatte ich auf Merten gehört? Vergiftete Kartoffeln, Schwachsinn. Ich hätte sie essen sollen und fertig.

»Da war noch etwas«, sagte Merten unvermittelt.

»Verkohltes Stockbrot?«, fragte ich bissig.

»In den Geheimdokumenten. Ich habe dort eine Datei gefunden, die sich mit einem merkwürdigen Phänomen beschäftigt. Es trat vor einigen Jahren auf, vielleicht erinnerst du dich. Damals knackten ein paar Prüflinge an ihrem Tag des Orakels fast die 100-Prozent-Marke. Und darunter waren ausgerechnet die Männer und Frauen, die in den nächsten Jahren in den Widerstand abwanderten.«

»Ach ja?« Ich konnte nur an meinen Hunger denken, an die blöden Kartoffeln.

Er lachte in sich hinein, es klang beinahe fröhlich. »Das hat doch irgendwie seinen eigenen Humor, findest du nicht? Das Orakel verpasst denen einen hohen Wert, die das Orakel abschaffen wollen.«

Ich war genervt. »Vielleicht hatten sie damals etwas falsch programmiert, und da kam dann eben für Leute wie Zoe Colien ein Wert raus, der …«

Merten war stehen geblieben. »Du kennst Zoe?«, fragte er scharf.

»Ich hab sie mal im Fernsehen gesehen.« Das Bild der schönen jungen Frau mit dem Flammenhaar stand mir noch deutlich vor Augen. »Kennst du sie denn?«

Mertens Gesicht verschloss sich. »Wir besuchten dasselbe Kolleg. Sie war im Jahrgang über mir. Was haben sie in dem Bericht erzählt?«

»Dass Zoes Bewertung ein Schlag ins Gesicht für die Typen von der Union war. Du weißt schon, die Organisation, die sich für eine stärkere Trennung von sogenannten gewöhnlichen Bürgern und Bürgern mit einer Vergangenheit einsetzt.«

»Ehemalige FIP.«

Ich nickte. »Zu den Forderungen der Union gehört unter anderem der getrennte Unterricht für die Kinder der Gewöhnlichen und die Kinder der ehemaligen FIP. Kinder mit Sonderbegabung, so werden sie von den Unions-Typen genannt.«

»Sonderbegabung.« Merten lächelte schwach. »Ich hab mich immer gefragt, wer sich solche Vokabeln ausdenkt.«

»Sagt sich eben schneller als Kinder, deren Eltern mal eine Förderung in Elysium brauchten.«

Er lachte leise in sich hinein.

»In dem Bericht hieß es, Zoes Mutter sei ein Jahr in Elysium gewesen und ihr Vater sogar zwei«, fuhr ich fort. »Und was passiert? Zoe kriegt 99 Prozent! Der Wert ist schon an sich absurd, aber dann noch Eltern mit Elysium-Erfahrung – das ist schon komisch, oder?«

»Glaubst du, der Prozentwert der Eltern gibt einen Hinweis auf den Wert ihrer Kinder? Ist nicht genau das die Theorie der Union?«

»Natürlich glaube ich das nicht!«, sagte ich heftig. Wollte er mich etwa in einen Topf mit diesen Unions-Typen werfen? »Ich bin doch selbst das beste Beispiel für die Wiederlegung dieser Theorie. Meine Eltern haben um die 80 Prozent. Und was kriege ich? Unter null.«

Er ließ das so stehen.

»Kanntest du Zoe gut?«, fragte ich.

Sein Gesicht versteinerte. »Wir hatten nichts miteinander zu tun. Aber viele Leute mochten sie, schon bevor sich ganz Farland um sie riss. Nach ihrem Tag des Orakels brach in unserer Stadt die Hölle los. Alle wollten alles über Zoes Familie, ihre Hobbys, Freunde, Liebhaber wissen. Alle möglichen Organisationen versuchten, sie für sich einzuspannen, besonders die, die ein Verbot der Union forderten. Aber Zoe lehnte alles ab.«

»War wohl schon mit anderen Dingen beschäftigt. Darüber haben sie auch berichtet: dass Zoe bald aus anderen Gründen von sich reden machte. Sie forderte eine Abschaffung des Orakels. Und zwar heftig. Für die Union war das Öl ins Feuer. Und die Kritiker des Orakels nahmen Zoe als Beweis dafür, dass es eben doch eine Fehlerquote gibt und sich das Orakel irren kann. Und plötzlich – schwupp – verschwindet sie von der Bildfläche.«

Merten runzelte die Stirn. »Haben sie gesagt, was aus ihr wurde?«

»Sie haben ihre Spur nie gefunden.«

»Vielleicht hat man sie …« Er verstummte.

»Ja?«

Er zögerte. »Ausgeschaltet.«

Entsetzt starrte ich ihn an. »Merten! So was hat man früher gemacht. Die Zeiten sind doch echt vorbei!«

Er zuckte die Schultern. »Ja. Möglicherweise.«

»Könnte sie ins Ausland gegangen sein, um sich dem Widerstand anzuschließen?«

»Nein.« Jetzt klang seine Stimme eisig. »Mit Leuten wie Zoe ist es immer dasselbe. Sie machen eine Menge Wirbel – aber das Handeln überlassen sie lieber anderen.«

Je weiter die Nacht voranschritt, desto größer wurde mein Hunger. Noch schlimmer war der Durst. Meine Lippen waren gesprungen, meine Zunge klebte am Gaumen. Keine Spur von einem Bach, nirgends auch nur eine Pfütze oder ein Schlammloch. Wir kamen an einigen Häuserruinen vorbei, in denen wir weder Decken noch funktionierende Wasserleitungen fanden, nicht mal ein versteinertes Brot. In einer Zimmerecke lag ein Skelett, das mit seinen Knochenarmen ein kleineres Skelett umklammert hielt. Dieses Haus musste Merten allein durchsuchen, während ich draußen gegen das Würgen ankämpfte, das mich bei diesem Anblick erfasst hatte.

Weiter. Immer weiter. Es war ein Albtraum, der nicht endete. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten, als Merten mir eine Hand auf den Arm legte.

»Was?«, flüsterte ich und blieb stehen.

Er deutete nach links. Weit entfernt schimmerte zwischen den Bäumen ein schwaches Licht.

»Könnte ein Suchscheinwerfer sein«, hauchte Merten.

Wir krochen ins Unterholz. Das Licht veränderte sich nicht. Es kam weder näher noch entfernte es sich.

»Sehen wir es uns mal an«, murmelte Merten.

Wir verließen unser Versteck und gingen langsam auf den Schein zu. Nach einer Weile bemerkten wir auf dem Boden eine helle Linie, die sich durch den Wald zog. Ein Pfad führte zu dem Licht, das nun aus einer Senke durch eine Baumgruppe leuchtete. Als wir uns näherten, verschwand es, irgendein Hindernis hatte sich dazwischengeschoben. Ich streckte eine Hand aus und berührte Steine – eine Mauer, auf der ein Stacheldrahtzaun angebracht war. Dahinter ragte eine Hecke auf. Wir tasteten uns an der Mauer entlang und kamen zu einem Tor, ein Ding aus Holzbohlen und Eisenstangen, das schief in den Angeln hing. Der brennende Durst war stärker als die Angst vor Entdeckung. Wir schlüpften hindurch und tasteten uns an der Hecke entlang, die das Grundstück umgab. Die wenigen Blätter vom Vorjahr, die noch an den Zweigen hingen, fühlten sich rau und trocken an. Ich zupfte ein Blatt ab, streifte mit Daumen und Zeigefinger das alte Braun ab und legte die Blattrippen frei. Als Kind hatte ich das stundenlang getan. Auch jetzt beruhigte es mich.

Ein wenig.

Vor uns lag ein Anwesen, eingehüllt in diesen Nebel, der sich nicht auflösen wollte. Im Hintergrund ragte eine Felswand auf. Die Erbauer hatten das Wohnhaus regelrecht in den Stein gemeißelt. Es war groß und massiv, die Wände waren stellenweise hinter krausem Gestrüpp verborgen. In der Mitte des Hofs stand eine Wasserpumpe. Um die Pumpe herrschte ein Chaos, das aussah, als könne man es nie wieder in Ordnung bringen. Aufgeschlitzte Säcke, zerfetzte Strohballen. Eine umgeworfene Schubkarre. Neben einem Hänger lag ein totes Huhn. Über einer Egge hing ein großer Hund mit aufgerissenem Bauch.

»Sieht aus, als wäre jemand vor uns hier gewesen.« Merten blickte zu den dunklen Fenstern des Hauses. »Lass uns mal reingehen.«

»Nein, wir müssen hier weg«, flüsterte ich.

»Wir brauchen was zu essen. Wärmere Klamotten.«

»Die haben doch sowieso alles mitgenommen.«

»Vielleicht, vielleicht nicht.«

Er nahm meine Hand. Wir schoben uns an einem Stallgebäude vorbei. Morsche Holzwände, aus denen Pilze ragten wie Ohren. Mein Herz jagte. Die Haustür lag quer auf den Eingangsstufen. Über der Türöffnung befand sich ein Fenster. In seiner Form ähnelte es dem fächerförmigen Buntglasfenster, das mein Vater über unserer Haustür eingesetzt hatte, als ich vier gewesen war, fünf türkisblaue Pferde vor einem bernsteingelben Hintergrund, ich hatte das Motiv aussuchen dürfen …

Merten stieg über die Tür und steckte seinen Kopf durch die Öffnung. Eine Ewigkeit stand er so und lauschte. Dann winkte er mir, ihm zu folgen.

Das Haus war ein Gefrierschrank, noch kälter als der Wald. Durch ein Fenster sickerte Mondlicht. Vor uns lag eine Diele. Der betörende Geruch von Kaffee und gebratenem Fleisch strömte uns entgegen. In vollen Zügen atmete ich den Duft ein. Wir folgten ihm und gelangten in eine Küche, die, soweit ich es im Zwielicht erkennen konnte, karg eingerichtet war. Geschirr lag in Scherben auf dem Boden, ein Stuhl war umgeworfen, die Schranktüren waren aufgerissen. Neben einer Anrichte brummte ein Generator. Vorsichtig drehte ich an dem Wasserhahn über dem Spülstein. Nichts. Aber in einer Ecke entdeckten wir mehrere mit Wasser gefüllte Plastikflaschen.

»Nicht zu viel auf einmal«, warnte Merten, als ich eine Flasche öffnete und an die Lippen setzte. Das Wasser schmeckte schal und nach Schlamm und Eisen, trotzdem trank ich gierig.

»Schau, ob du was zu essen findest«, sagte er, nachdem auch er seinen schlimmsten Durst gelöscht hatte. »Ich sehe mich mal im Haus um.«

»Nein, bitte, Merten, wenn jemand kommt …«

»Hier sind keine Leute mehr. Höchstens Tote.« Er verschwand.

Etwas zu essen. Ich blickte mich um. Das Einzige, was es hier gab, waren Scherben. Vorsichtig bahnte ich mir einen Weg zum nächsten Küchenschrank. Leer.

Auf dem Küchentisch lagen Krümel, daneben ein Brotmesser. Ich nahm es mir. Vorsichtshalber.

Kein Kühlschrank. Ein Leben ohne Kühlschrank – ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Ich konnte mir nichts von dem vorstellen, was ich hier sah. Der Hof, das Haus, die Küche, es war ein Sinnbild für Gewalt und Chaos.

War das Nordland?

Schritte, fast nicht zu hören. Stoff raschelte, ein Schatten huschte an der offenen Küchentür vorbei. In meinem Kopf begann es zu pulsieren, direkt hinter den Augen. Ein eisiges Gefühl lähmte mich. Jemand rief: »Runter, los, runter!«

Nicht Merten. Eine Frau.

Ich schlich in die Diele. Durch eine Türöffnung fiel ein schwacher Streifen Licht.

In einem Zimmer, das vom Schein einer funzeligen Glühbirne kaum erhellt wurde, lag Merten auf dem Bauch, die Hände auf dem Rücken, den Kopf zur Seite gedreht, das Gesicht mir zugewandt. Er schaute mich nicht an, er sprach auch kein Wort, trotzdem konnte ich hören, wie er mich anbrüllte: Tu etwas!

Die Frau trug einen grauen Mantel und kniete zwischen Mertens Schulterblättern. In der einen Hand hielt sie ein im Lampenlicht schimmerndes Ding. Eine Pistole. Sie nahm die Waffe zwischen die Zähne, zog ihren Gürtel aus dem Hosenbund und schlang ihn geschickt um Mertens Handgelenke. Mit einem Ruck zog sie die Fessel straff, verschlang die Gürtelenden zu einem Knoten, hatte die Pistole schon wieder in der Hand und beugte sich zu Merten hinunter. »Warum bist du zurückgekommen?«, zischte sie. »Ihr habt euch alles geholt. Es ist nichts mehr da. Oder wolltest du mich holen?« Sie richtete sich auf und stieß ihren Fuß so heftig in Mertens Seite, dass er auf den Rücken rollte. »Ich sollte dich …« Sie brach ab. Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme dünn. »Ich hab dein Gesicht im Fernsehen gesehen. Du bist diese FIP.« Sie trat einen Schritt zurück. »Das darf doch nicht wahr sein.«

Ich stand genau in Mertens Blickfeld, doch er schaute glatt durch mich hindurch. Die Frau wandte mir noch immer halb den Rücken zu, war ganz auf ihn konzentriert. Wie in Zeitlupe schob ich mich in das Zimmer. Ich zentrierte die gesamte Kraft meiner 65 Kilo auf einen Punkt von der Größe einer Erbse und sprang mit dem Messer in der Faust auf die Frau los. Ein Schuss löste sich. Ich ließ das Messer fallen. In einem Knäuel aus Armen und Beinen gingen wir zu Boden. Ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen kleinen Finger und jagte bis in den Knochen. Ich schrie auf und rollte mich zur Seite.

»Die Pistole!«, brüllte Merten.

Ich stützte mich auf Hände und Knie, ein neuer Schmerz sauste wie ein Stromschlag durch meinen Finger, ich grapschte nach der Pistole – ein winziges Ding, das sich nicht anfühlte wie etwas, womit man jemanden töten konnte –, kam auf die Füße und richtete die Waffe auf die Frau. Ihre Lippen zuckten.

»Runter mit dem Ding«, zischte sie. »Runter!« Sie machte einen Schritt auf mich zu. Ich wich zurück. Meine Hände zitterten so stark, dass ich die Pistole kaum still halten konnte. Hinter der Frau kam Merten auf die Füße. »Schieß, Fenja!«, brüllte er. »Schieß!«

Die Hand der Frau schnellte vor, packte mein Handgelenk und riss es hoch. In diesem Augenblick warf sich Merten mit seinem ganzen Gewicht gegen uns. Wieder kam mir der Boden entgegen. Ein zweiter Schuss löste sich, die Pistole wirbelte durch die Luft. Merten brüllte auf. Die Frau knallte mit dem Kopf gegen die Wand und blieb liegen. Dunkle Flecken tanzten vor meinen Augen. Benommen von dem Schmerz in meinem Finger kämpfte ich mich unter Mertens schwerem Körper hervor. »Fesseln runter«, raunzte er, »schnell!«

Ich holte das Messer und fuhrwerkte ungeschickt an dem Gürtel herum. Endlich kam Merten frei. »Wo ist die Pistole?«, rief er.

Sie lag keine zwei Meter von mir entfernt auf dem Boden. Ich hob sie auf. Das Ding war kaum größer als mein Handteller. Der Griff aus Perlmutt schimmerte im Lampenlicht. Ich reichte Merten die Waffe, froh, sie los zu sein, und holte aus der Küche ein Geschirrtuch, drehte es zu einer Binde und wickelte es um Mertens Arm. Zum Glück war es nur ein Streifschuss, die Wunde blutete kaum. Dann beugte ich mich zu der Frau und tastete nach ihrem Puls. Ich atmete auf. Er schlug kräftig, wenn auch etwas zu schnell.

»Du hättest schießen müssen«, sagte Merten.

Aus irgendeinem Grund machte mich das wütend. »Hätte ich sie töten sollen?«

»Bevor sie uns tötet? Ja.«

Ich überging das. »Kannst du dir das mal angucken?«

Er untersuchte meinen Finger, der inzwischen gefährlich rot angeschwollen war und in dessen Inneren es heiß pochte. Immerhin, der Finger bewies, dass ich gekämpft, es wenigstens versucht hatte. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob Merten das auch so sah.

»Nur eine Stauchung.« Er bandagierte den Finger mit einem Stofffetzen.

Ein Stöhnen ließ uns zusammenfahren. Die Frau blinzelte. Mir fiel auf, wie klein sie war, eine feenhafte Gestalt mit einer Wolke schwarzer Löckchen, die sich um ihren Kopf bauschte. Sie konnte kaum älter sein als Merten. Vielleicht war sie auch jünger. Er richtete die Pistole auf sie. Ihr Gesicht wurde schneeweiß, die Augen weiteten sich vor Entsetzen. Sie tat mir leid.

»Kannst du aufstehen?«, fragte Merten.

Die Frau rappelte sich auf die Füße.

»Gibt es hier einen Keller?«

Sie schwieg.

»Muss ich dich erschießen, willst du das?«, fragte Merten verzweifelt.

Mit gesenktem Kopf ging sie vor uns her durch die Diele, weiter zu einer Holztür mit Eisenbeschlägen. Sie drückte die Klinke herunter und knipste das Licht an. Wir folgten ihr die Stufen hinunter, auf denen unsere Schritte hohl widerhallten. Es roch nach Moder, Pilz, nassem Stein.

Der Raum war so groß, dass die Feenfrau darin noch kleiner wirkte. Von der früheren Ordnung war nicht mehr viel übrig. Die Regale an den Wänden waren leer, der Boden sah aus, als hätte jemand alle kaputten Dinge der Welt darauf verstreut. Die Leute, die den Hof überfallen hatten, waren gründlich gewesen, was sie nicht brauchen konnten, hatten sie zerstört.

Zwischen rostigen Sägeblättern und verbogenen Krampen fand Merten ein Seil und ein Stück Kabel. Die Frau musste sich setzen, Rücken an der Wand. »Halt mal.« Merten reichte mir die Pistole. Sie fühlte sich lebendig an, ein wilder böser Zwerg, eine falsche Bewegung, und er beißt zu.

Merten schlang das Seil um die Handgelenke der Frau und wickelte die Enden um ein dickes Rohr, das aus der Betonwand trat und im Boden verschwand. Das Kabel wand er um ihre Fußknöchel. Ich konnte sehen, wie es in die Haut schnitt. Dann stöberte er in dem Chaos einen fleckigen Lappen auf und drückte ihn der Frau in den Mund. Je mehr von dem Lumpen zwischen ihren Zähnen verschwand, desto weiter öffneten sich ihre Augen, bis sie ihr fast aus den Höhlen sprangen.

»Das reicht, Merten«, sagte ich.

Erstaunlicherweise hörte er auf mich.

In der Diele hatten wir eine kleine Diskussion.

»Sie wird da unten sterben, ja?«

Merten blickte auf die Pistole in seiner Hand. »Irgendein Nachbar wird sie schon finden.«

Nachbarn. Ich blickte aus dem Fenster, in die Stille des Waldes.

»Oder die Hüter«, fügte er hinzu.

»Und wenn nicht?«

Merten schob die Waffe in seinen Gürtel. Sein Gesicht verfinsterte sich. »Dann stirbt sie, ja. Aber wir können wohl sicher sein, dass die Hüter früher oder später hier vorbeischauen.«

»Und wenn es zu spät ist?«

»Wir werden die Frau jedenfalls nicht freilassen. Sie weiß, wer wir sind. Eigentlich müsste ich sie erschießen.«

Vielleicht wäre das sogar klug.

Ich wollte das nicht denken. Ich wollte nicht darüber nachdenken, ob es klug war, jemanden umzubringen.

»Aber ich kann’s nicht.« Merten nahm zwei Steppjacken von einem Garderobenhaken und warf mir die kleinere zu. Sie kniff unter den Achseln und war ein wenig zu kurz, wahrscheinlich gehörte sie der Feenfrau.

»Wenn wir gehen, müssen wir das Huhn da draußen mitnehmen«, sagte Merten und zog den Reißverschluss seiner Jacke zu.

»Was?«

»Wir können es später zubereiten. Wenn wir wieder im Wald sind.«

Ich öffnete den Mund, um ihm zu sagen, dass ich kein Huhn und überhaupt kein Fleisch essen würde. Aber natürlich würde ich. Eine Woge der Erschöpfung rollte über mich hinweg. Die Hüter waren uns auf den Fersen, wir waren ausgehungert, Mertens Wunde brauchte eine medizinische Versorgung, es gab nichts in diesem Haus, was uns bei unserer Flucht von Nutzen sein konnte. Außer einer winzigen Pistole mit Perlmuttgriff, einem Brotmesser und einem toten Huhn.

»Dann machen wir uns jetzt auf den Weg?«, fragte ich müde.

Langsam, sehr langsam schüttelte Merten den Kopf. »Noch nicht. Die Frau hat uns erkannt. Unsere Fahndungsfotos wurden im Fernsehen gezeigt, Fenja.«

Kopfgeld

So armselig diese Behausung mitten in der Wildnis sein mochte, in einem Raum hinter der Küche entdeckten wir neben einer kalten Feuerstelle doch einen Fernseher. Er sah aus, als wäre er tausend Jahre alt, was wohl der eine Grund war, aus dem die Plünderer ihn zurückgelassen hatten. Der andere Grund: Er funktionierte nicht.

Merten stieg noch einmal in den Keller hinab und kehrte mit ein paar Werkzeugen zurück. Mit wenigen geübten Handgriffen schraubte er die Rückwand des Fernsehers ab. Was dahinter zum Vorschein kam, sah aus wie die Luftaufnahme einer Miniaturstadt, mit Häusern, Hallen, Straßen und Plätzen. Ein paar Minuten guckte er sich alles mit gerunzelter Stirn an, dann drang er mit einem Schraubenzieher von der Größe eines Zahnstochers vorsichtig in das Gerät ein. Während ich ihn arbeiten sah, bekam ich eine Idee davon, wie er sich das Computersystem von Elysium vorgenommen hatte. Schnell. Effizient.

Eine Viertelstunde später griff Merten nach der Fernbedienung. Wie Kinder setzten wir uns vor dem Fernseher auf den Fußboden. Das erste Bild kam. Das Gesicht einer Schauspielerin in Nahaufnahme, die roten Lippen schimmernd wie eine feuchte Frucht, die Augen voller Tränen. Merten schaltete weiter. Ein Mann mit Muskeln wie Pflastersteine rannte über eine Brücke, die in Flammen stand, und hechtete kopfüber in … Zapp. Zwei Autos, die flach wie Seifendosen waren, schlingerten hintereinander her. Zapp. Eine Frau schrie einen Mann an. Zapp. Ein Mann schrie eine Frau an. Weiter. Jetzt blieben wir eine Weile hängen. Die Fernbedienung hakte. In einem Amphitheater prügelten halbnackte Menschen aufeinander ein. Auf dem sandigen Rund sah man Blut, eine Frau wand sich am Boden, während eine andere Frau ihr immer wieder in den Unterleib trat, begleitet vom rhythmischen Geschrei der Zuschauer. In meinem Mund sammelte sich der Geschmack von Metall. Dann sprang die Fernbedienung weiter. Männer und Frauen in zitronengelben Overalls tanzten wild über eine Bühne. Unten lief ein Nachrichtenband.

+++ Konflikt zwischen Pantels und Faywrays erreicht neuen Höhepunkt +++ Schrille Partys in den Lasterhöhlen des Printemps +++ Morpheus-Chip erstmals dauerhaft implantiert +++ Flüchtige FIP noch nicht gefasst, Kopfgeld ausgesetzt, weitere Informationen auf Kanal 8 +++

Wo war Kanal 8? Eine Parklandschaft, in den Büschen stöhnten Liebespaare. Zapp. Eine Wüste voller Gestalten in Panzeranzügen. Zapp. Ein Dschungel mit bunten Vögeln, eine Frau war an einen Baum gefesselt, rote Blüten um ihre Füße. Zapp.

Mein Gesicht in Großaufnahme.

Merten zog scharf die Luft ein. Aus dem Off erklärte ein Sprecher den Zuschauern, wir seien vermutlich bewaffnet. Schnitt auf einen Platz, auf dem eine Frau in Wintermantel und Fäustlingen stand. Ich erkannte sie sofort: Juditta Birk, die berühmte, mehrfach preisgekrönte Auslandskorrespondentin von Farland. Im Hintergrund blinkte die Leuchtreklame der Tankstelle, an der Merten und ich den Pferdetransporter verlassen hatten. Neben Juditta stand ein Geländewagen. Die goldene Lackierung blendete. Auf der Seitentür trug der Jeep das weiße Auge, Symbol des Orakels. Juditta sprach in ein Mikrofon. Was sie sagte, war durch das Rauschen und Knistern des Fernsehers nicht zu verstehen.

»Scheiße«, fluchte Merten, griff nach dem Schraubenzieher und verschwand noch einmal hinter dem Fernseher. Die Kamera schwenkte von der Reporterin zu einem Mann in weiß-goldener Uniform. Ich erkannte ihn sofort: Anselm Dredd, oberster Befehlshaber der Hüter. Bei Rasmus’ Aufnahmezeremonie hatte er die Ansprache gehalten. Er war Ende 40, hatte eine beeindruckende Statur und ein ruhiges, freundliches Gesicht. Seine Uniform leuchtete makellos.

Nicht irgendwer suchte uns. Sie hatten die oberste Riege losgeschickt.

Das Rauschen und Knistern verschwand, ich hörte Motorenlärm, das Knattern des Windes. Merten kam hinter dem Fernseher hervor und stellte den Ton lauter, bis die Stimme von Anselm Dredd den ganzen Raum ausfüllte.

» … nicht freiwillig mitgegangen. Wir sind überzeugt, dass Merten Jakobeit sie als Geisel genommen hat.«

»Stimmen denn die Gerüchte, dass Jakobeit für eine Gruppe arbeitet, die eine Vernichtung des Orakels plant?« Juditta hielt Dredd das Mikro so dicht vors Gesicht, als wollte sie es ihm in den Mund stopfen.

»Wir wissen nicht, für wen Merten Jakobeit arbeitet. Ob er überhaupt für jemanden aktiv ist. Das sind reine Spekulationen.«

»Aber eine solche Gruppe existiert?«

Die Stimme von Anselm Dredd, die bisher warm und freundlich geklungen hatte, wurde merklich kühler. »Wir vermuten es.«

»Wie gefährlich ist diese Gruppe?«

Dredds Haltung versteifte sich, er wirkte jetzt beinahe wütend. »Wie gefährlich ist ein Haufen Wahnsinniger, deren Ziel darin besteht, das Orakel in die Luft zu sprengen? Ich würde diese Leute jedenfalls nicht zum Geburtstag meiner Tochter einladen.«

»Dann ist das Orakel ernstlich gefährdet?«

»Seien Sie versichert: Das Orakel ist bestens geschützt. Ebenso unsere Landesgrenzen, was das Eindringen einer solchen Gruppe praktisch unmöglich macht. Eine nennenswerte Bedrohung existiert nicht. Es gibt natürlich Risiken, wenn solche Menschen erst mal aktiv geworden sind. Doch wir tun, was nötig ist, um den Gefahrenherd unter Kontrolle zu bringen.«

Er lächelte jetzt, und dieses Lächeln wirkte unbestreitbar beruhigend. Ich vermutete, dass er Juditta Birk (und damit der Öffentlichkeit) vielleicht fünf Prozent der ganzen Geschichte preisgegeben hatte.

»Zurück zu Merten Jakobeit und Fenja Mobi«, sagte Juditta. »Irgendeine Vermutung, wo sich die beiden aufhalten?«

»Allerdings. Sie werden verzeihen, wenn ich keine Einzelheiten nenne. Trotzdem möchte ich noch ein paar Worte sagen.« Dann kam sie. Die Nachricht an Merten. Als könnte uns Dredd durch den Bildschirm sehen und würde sich nun direkt an ihn wenden. »Sie sind nicht der Erste, der es mit einer Flucht versucht, Merten. Das werden Sie wissen.« Er machte eine Pause, als fürchtete er, dass Merten nicht ganz mitkam. »Sie werden auch wissen, dass Sie keine Chance haben. Geben Sie die Sache jetzt auf. Bevor Menschen ernstlich zu Schaden kommen.«

»Noch jemand kann uns vielleicht gerade jetzt hören und sehen.« Juditta gestattete sich ein Lächeln. »Falls du gerade bei uns bist: Hier ist eine Botschaft für dich, Fenja.«

Ich zuckte zusammen, als ich meinen Namen hörte. Was sollte das jetzt? Die Kamera schwenkte herum. Alle Luft schien aus meinen Lungen zu entweichen. Das Gesicht von Rasmus in Großaufnahme. Ruhig blickte er mich an. Ich beugte mich vor. Rasmus. Bläuliche Adern schimmerten durch die Haut an seinen Schläfen. Die Kamera fuhr etwas zurück. Er stand ganz still. Sein Haar leuchtete in der Sonne wie Kupfer. Er wirkte nicht übermäßig bewegt, aber seine geröteten und geschwollenen Augen verrieten ihn. Ich streckte eine Hand aus, als könnte ich durch den Bildschirm fassen und sein Gesicht berühren. Merten legte mir eine Hand auf die Schulter und zog mich zurück.

Rasmus sah mir in die Augen. Seine Stimme kam mir entgegen wie eine Brise von einem fernen Ort, an dem die Luft klar und sauber war und nach Gras, Erde, Regen duftete. »Fenja.« Er klang beherrscht, doch ich konnte hören, wie mürbe diese Beherrschung war. »Sie sagen, du bist bei Merten. Ich weiß nicht, ob er dich entführt hat oder ob du freiwillig mit ihm gegangen bist. Wir alle haben Angst um dich. Ich habe Angst um dich. Wenn du mich hören kannst, möchte ich dir sagen, dass du noch immer alle Chancen hast. Ich habe mit der Direktorin des Kollegs gesprochen. Sie hat mir versichert, dass du die Nachprüfung bestehen wirst. Es ist praktisch ausgeschlossen, dass du durchfällst. Im Juli legst du die Prüfung ab. Das Orakel wird dich noch einmal testen. Mit deinem Wert wird alles in Ordnung sein. Du wirst zu uns zurückkommen. Du wirst studieren und ein Leben haben, wie du es dir gewünscht hast. Ein Leben mit deiner Familie. Mit deinen Freunden. Mit Kindern. Vielen Kindern. Und …«, er atmete tief ein, »… mit mir.«

Ich starrte ihn an. Was redete er denn da?

»Wenn du mich noch willst. Ich weiß, dass es ein Fehler war, mich auf die Sache mit Chiara einzulassen. Ich wusste es von dem Moment an, als ich dich in Elysium wiedersah. Und Chiara … sie weiß es auch. Es tut mir leid, Fenja. Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen. Du und Chiara. Und ich hoffe, du kommst zurück.« Er blinzelte. Seine Augen glänzten. »Zurück zu mir.«

Langsam erfasste ich, was Rasmus’ Worte bedeuteten. Das Blut pochte in meinen Ohren.

»Es spielt keine Rolle, ob Merten dich entführt hat oder ob du freiwillig mit ihm gegangen bist.« Seine Stimme klang belegt. »Du wusstest nicht, was du tust. Vielleicht wusste auch Merten nicht, was er tat, als er dich mitnahm. Niemand bringt dich nach Eden, Fenja. Nicht, wenn du dich jetzt stellst. Du musst keine Angst haben. Du kehrst an das Kolleg zurück. Du legst die Nachprüfung ab und kommst zurück. Egal, wo du bist: Bleib dort und warte auf uns. Du kannst jeden Bürger und jede Bürgerin Nordlands um Hilfe bitten. Überall sind Sonderleitungen in unsere Zentrale freigeschaltet. Wir holen dich ab, wo immer du steckst. Du gehörst nicht nach Nordland, Fenja. Du gehörst auch nicht nach Elysium oder Eden. Du gehörst zu uns. Zu mir.«

„Danke, Rasmus. Vielen Dank.“ Judittas Worte bebten vor Rührung. „Ich bin sicher, dass …“

„Ich bin noch nicht fertig.“ Rasmus’ Miene verhärtete sich. Auch seine Stimme veränderte sich, sie klang jetzt dunkler, älter.

»Merten? Falls Sie mich hören, möchte ich auch Ihnen etwas sagen. Ob Sie Fenja gezwungen haben oder sie freiwillig mit Ihnen ging, spielt jetzt keine Rolle mehr. Eine Rolle spielt nur, dass Sie Fenja freigeben. Ich würde Ihnen gern sagen, dass auch Sie sich stellen sollen. Aber ich weiß, dass Sie das nicht tun werden. Bitte, lassen Sie Fenja gehen. Man wird das berücksichtigen, wenn ein Urteil über Sie gesprochen wird.«

Langsam schwenkte die Kamera zurück zu Dredd.

»Ich wende mich an alle Bürgerinnen und Bürger von Nordland. Wer Fenja Mobi in ihrer Situation hilft oder veranlasst, dass wir sie nach Hause holen können, den erwartet eine Belohnung in Höhe von 100.000 Solidars. Die gleiche Summe setzen wir auf jeden Hinweis aus, der zur Ergreifung von Merten Jakobeit führt. Die Leitungen zu unserer Zentrale sind ab sofort für Sie freigeschaltet.«

Der Bildschirm wurde schwarz. Merten und ich regten uns nicht. Wie lange saßen wir so? Fünf Minuten? Zehn? Dann flackerten erneut unsere Gesichter auf dem Bildschirm auf, Großaufnahme, die Stimme aus dem Off, Schnitt auf die Reporterin im Wintermantel. Eine Endlosschleife. Merten schaltete den Fernseher ab.

Wieder saßen wir still da. Ich stellte mir vor, wie Rasmus ganz in der Nähe unter den Bäumen umherstreifte. Auf der gefrorenen Erde hatte ich keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Er würde meine Spuren trotzdem finden. Er würde sie spüren, sobald seine Füße den Boden berührten, auf dem ich gegangen war.

»Dann wissen jetzt also alle, wie sie das große Geld verdienen können.« Merten sah mich an. Etwas Trauriges lag in seinem Blick. »Ein Tag der Freude für Nordland. Die werden alle mitmachen. Vom Kind bis zum Greis.«

»Warum haben sie Rasmus mitgenommen?«, flüsterte ich.

Er lachte kurz und hart. »Er hat darauf bestanden, das ist doch klar. Er will dich zurückhaben.«

»Und was machen wir jetzt?« Ich sah ihn an.

Mertens Lippen waren ein blasser Strich. »Die Frage ist: Was machst du?«

Eine Weile starrten wir schweigend auf die erkaltete Feuerstelle. Wie Merten da auf dem Boden saß, die Knie angezogen, die Arme um den Oberkörper geschlungen, als müsse er sich wärmen, kam er mir plötzlich kleiner vor. Ein Mann, der verletzbar war. So verletzbar wie ich. Am liebsten hätte ich einen Arm um ihn gelegt, doch ich wusste, dass er es nicht wollte.

»Okay«, sagte er schließlich, ohne mich anzublicken. »Der nächste Schritt ist offensichtlich.« Seine Stimme klang neutral. Beherrscht. Jetzt schaute er mich doch an. »Unsere Wege trennen sich hier.«

Ich hatte mich wohl verhört. Das hatte er nicht gesagt.

Er legte die Hände auf die Knie und stand auf. Sofort sprang auch ich auf die Füße. Ich sah sein Profil, die fest geschlossenen Lippen. »Merten?« Ich streckte einen Arm aus und tastete nach seiner Hand, aber da war nur Luft.

»Ich habe damit gerechnet, dass uns die Hüter verfolgen«, sagte er wie zu sich selbst. »Aber das hier ist was anderes. Die haben eine öffentliche Jagd ausgerufen. Mit dir verlängert sich meine Flucht um weiß der Himmel wie viele Tage.«

»Deine Flucht?«

Schweigen.

»Also bin ich nur das Anhängsel?«, fragte ich leise. »Der Klotz an deinem Bein? War ich vorhin ein Klotz?« Meine Stimme schwoll an. »Die Frau hätte dich umgebracht! Oder dich ausgeliefert. Ich hab dir dein verdammtes Leben gerettet!«

Seine Miene verhärtete sich.

»Das ist nicht der wahre Grund«, flüsterte ich. »Was ist es?«

»Du willst den wahren Grund hören? Also gut.« Merten beugte sich näher zu mir und hielt meinen Blick fest. »Du hast keinen Schimmer, was noch kommt. Es wird schlimm. Hundertmal schlimmer als alles, was bisher war. Das schaffst du nicht.«

»Natürlich schaffe ich es. Ich muss auch nach Estilien.«

»Du? Warum?«

»Es … es ist meine Aufgabe.«

»Deine Aufgabe. Klingt gut. Klingt wie etwas, das man einem Mädchen aus Ganborn sofort zutraut, ohne dass es sich übernimmt.«

»Es wird schwer, das weiß ich. Aber …« Ich fühlte mich in die Ecke gedrängt. »Du willst doch auch etwas unternehmen«, flüsterte ich.

»Nur weiß ich, worauf ich mich einlasse. Ich weiß es seit Jahren. Und ich weiß, dass ich dabei wahrscheinlich draufgehe.«

»Wer sagt das?«

»Ich. Der Widerstand. Herrgott, wir wollen das Orakel vernichten! Du hast irgendeine Geschichte mit einem klaren Verlauf und einem guten Ende im Kopf. Du glaubst, du triffst in Estilien Menschen, die einen fertigen Plan parat haben. Aber so ist es nicht. Da drüben gibt es ein paar Leute, die kaum wissen, was sie als Nächstes tun sollen. Wenn Estiliens Regierung über sie Bescheid wüsste, würde man sie sofort ausweisen. Es gibt keinen Beifall für diese Menschen, von niemandem. Wenn es ihnen eines Tages tatsächlich gelingen sollte, das Orakel zu vernichten, glaubst du, die Welt wird ihnen Beifall spenden?«

»Aber ich muss etwas tun, Merten! Ich muss Orlando und Romilda rausholen. Und meine Schwester. Was, wenn Leane nach Elysium kommt? Mein Bruder …«

»Ein persönliches Interesse reicht nicht. Hier geht es um mehr. Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt. Da ist keiner, der dich unterstützt oder sich drum kümmert, was aus dir wird. Da bist nur du selbst und …«

»Du. Du bist da.«

Er schloss die Augen. Es schien ihn Mühe zu kosten weiterzusprechen. »Nein. Unsere Wege trennen sich hier.«

»Ich schaffe das nicht allein.« Ich hörte selbst, wie verzweifelt meine Stimme klang. »Was soll ich denn machen ohne dich?«

»Du stellst dich den Hütern. Du kehrst nach Elysium zurück. Du legst die Nachprüfung ab und gehst nach Hause.« Seine Stimme klang belegt. »Dein Freund wartet auf dich.«

»Das war doch nur ein Trick, damit ich aufgebe«, rief ich aufgebracht.

»Es war kein Trick.«

Nein. War es nicht. Rasmus’ Liebe reichte viel weiter, als ich geglaubt hatte. Er würde mich nicht im Stich lassen, nie.

Ich schaute auf meine Hände, die so fest ineinander verschlungen waren, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Ich möchte mit dir gehen.« In diesem Augenblick wusste ich nicht einmal, ob ich zu Rasmus oder zu Merten sprach. Ich blickte auf. Mertens Gesicht war hinter einem Schleier verborgen. Ich blinzelte die Tränen weg. »Bitte.«

»Nein.« Er redete immer weiter, erzählte mir von dem Leben, das ich haben konnte, ein Leben ohne Entbehrungen und mit einem Zuhause, mit Menschen, die mich liebten, mit einem Mann, Kindern, Freunden …

Während ich seinem Blick verzweifelt standhielt, sank etwas in mir zusammen. Bei Merten zu sein bedeutete Sicherheit. Bei ihm zu sein war wie eine Höhle, ein Schutzraum inmitten des Orkans. Jetzt glitt sein beschützender Arm von mir ab, schlimmer: Er stieß mich weg. Von nun an konnte ich machen, was ich wollte, es kümmerte ihn nicht mehr.

»Wie komme ich ohne dich nach Estilien?«, unterbrach ich schließlich seine Rede. »Sag mir wenigstens das.«

»Nein.« Er musste sich spürbar beherrschen. »Wenn du deine Flucht fortsetzt, gehst du drauf. Ich will, dass du diese Sache beendest. Noch hast du alle Chancen. Geh zurück. Bitte.«

Abrupt wandte ich mich ab und stolperte in die Diele. Ich war schon fast an der Tür, die ins Freie führte, als Merten mich erreichte und mich grob zurückriss. Ich versuchte, ihn abzuschütteln, und gestikulierte wild in die Dunkelheit. »Wohin muss ich gehen? Sag’s mir! Dahin? Oder dorthin? Oder …« Mein Blick blieb an dem Hund hängen, dessen Organe in einer Traube aus seinem aufgeschlitzten Bauch hingen.

Ich konnte das hier nicht allein durchstehen. Es war völlig unmöglich.

»Wo ist die Grenze, Merten?«, schrie ich und wirbelte zu ihm herum. »Wo ist der verdammte Übergang, wo …«

Sein Gesicht war schmal und hart, mit einer tiefen Linie zwischen den Augenbrauen. Da kapierte ich es.

»Du weißt, wo der Übergang ist«, flüsterte ich. »Du hast es die ganze Zeit gewusst. Warum hast du mir nichts gesagt?«

»Ich wollte dir keine Angst machen.«

Ich lachte auf. »Das hättest du aber tun sollen! Du hättest es schon in Elysium tun sollen, dann wäre ich vielleicht gar nicht erst mit dir gegangen. Warum hast du mich überhaupt mitgenommen, wenn du es gar nicht wolltest?«

Sein Gesicht wurde mit einem Mal weich. »Ich wollte dich ja mitnehmen.« Er atmete tief ein. »Und das war ein Fehler. Ich habe vergessen, dass …«, er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, »… dass in dir noch immer das Mädchen steckt, das von einem guten Leben träumt. Du kannst dieses Leben wiederhaben.«

Obwohl ich die Mundwinkel straff gespannt hielt, begannen meine Lippen zu zittern. »Und wenn ich es gar nicht wiederhaben will?«

»Doch. Du willst es.« Seine Augen erinnerten an Tunnel, die ins Dunkel führten, weg von mir. »Alles an dir schreit nach diesem Leben. Nach einem sicheren Ort.«

»Du täuschst dich«, sagte ich, bemüht, das Beben in meiner Stimme zu unterdrücken. Ich straffte die Schultern, um mir wenigstens den Anschein von Stärke zu geben. »Sag mir, wo der Übergang ist, Merten.«

Er schüttelte den Kopf.

Ich wandte mich ab. »Dann gibt es nichts mehr, was …«

Er räusperte sich. »Doch. Etwas gibt es. Ich möchte dich um etwas bitten.«

Langsam drehte ich mich ihm wieder zu. Meine Luftröhre war wie zugeschwollen von Angst und Enttäuschung und Wut. »Mit Bitten bin ich fertig«, krächzte ich.

Merten sah erschöpft aus. Bartstoppeln wuchsen an seinem Kinn und an den Wangen, unter seinen Augen lagen Schatten wie nach hundert durchwachten Nächten. »Wahrscheinlich wirke ich undankbar auf dich. Das verstehe ich.«

»Ich glaube nicht, dass du es verstehst.«

Er blickte auf seine verschränkten Hände. »Sag ihnen nichts von dem, was du von mir erfahren hast. Nur darum bitte ich dich. Erzähl ihnen nicht von Jeff oder von der Gruppe in Estilien. Erzähl ihnen auch nicht, dass du die Wahrheit über das Programm kennst.«

»Damit du keine Schwierigkeiten kriegst? Ich weiß nicht, ob mich das jetzt noch groß interessiert, Merten.«

»Es geht um dich. Du könntest dich in Schwierigkeiten bringen.«

Ich begann zu weinen. Die Tränen liefen aus mir heraus, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Sein Entschluss stand fest, egal, was ich sagte. Er ließ mich zurück. Mit gesenktem Kopf stand ich vor ihm, unfähig, den Blick zu heben, er sollte meine Tränen nicht sehen.

Merten kam einen Schritt auf mich zu. Ich wollte zurückweichen, aber da war er schon bei mir, nahm mein nasses Gesicht in beide Hände, beugte sich herunter und küsste mich auf den Mund. Es traf mich völlig unerwartet. Ich wehrte mich nicht, es fühlte sich zu gut an, ein winziger Moment der Sicherheit, herausgelöst aus all der Angst und der Verzweiflung. Es war wie in meinem Traum. Es war …

Eine Lüge. Alles war eine Lüge. Ich drückte meine Hände gegen Mertens Brust und stieß ihn mit aller Kraft von mir weg. Mit dem Handrücken wischte ich mir über den Mund.

»Geh«, flüsterte ich. »Hau ab!«

Sein Gesicht verkrampfte sich kurz. Dann wandte er sich ab und stieg über die aus den Angeln gerissene Eingangstür hinweg. Draußen wandte er sich noch einmal um. Seine Augen schimmerten, aber das war sicher nur das Mondlicht. Seine Stimme klang flach. »Alles Gute, Fenja.«

Ich stieß ein raues, bitteres Lachen aus. Das Schweigen, das folgte, ließ zwischen uns eine Tür zuschlagen. Mit hängenden Armen sah ich ihm nach, bis die Dunkelheit ihn verschluckte und nichts zurückblieb als die Nacht. In der Ferne grummelte der Donner eines Gewitters. Ich schloss die Augen. Im Dunkeln konnte ich vielleicht klarer denken. Wenn ich das alles nicht mehr sehen musste. Wenn das hier auch ganz woanders sein könnte. Aber ich konnte überhaupt nicht denken. Ich öffnete die Augen wieder und rutschte an der Wand herunter, bis ich auf dem Boden saß, zog die Knie an, legte meine Stirn darauf und schlang die Arme um meine Unterschenkel.

Er war weg.

Es war zu viel, das Ganze, zu viel. Ich wollte einfach nur heulen, unkontrolliert, wie ein Kind, das nach seiner Mutter weint.

Wie sollte ich das hier schaffen? Allein? Wie?

Langsam stand ich auf und zwang meine Füße zurück in die Küche. Jeder Schritt kam mir falsch vor, ein Schritt ohne Zukunft, eine Sinnlosigkeit, vergebliche Mühe.

Ich legte eine Hand auf das raue Holz des Tisches. Der Tisch war einmal ein Baum gewesen, bis jemand auf die Idee gekommen war, ihn zu fällen und zu zersägen und etwas anderes aus ihm zu machen.

Es gab auch einen Stuhl, nur einen einzigen, einen Klappstuhl aus Metall, der aussah, als stamme er von einem Campingplatz. Ich nahm ihn und setzte mich vor das Fenster. Ich schaute in die Dunkelheit und wartete auf ein Wunder.

Das Wunder kam nicht. Ich fühlte mich alt wie ein Stein und mir war übel vor Hunger. Schließlich machte ich mich noch einmal auf die Suche. Unter dem Küchenschrank war ein Knäuel Staubflocken und Haare an etwas hängen geblieben. Ich streckte einen Arm unter den Schrank und zog es hervor.

Ein Brotknust, hart wie ein Knochen und an einer Seite angeschimmelt. Ein Glücksgefühl durchströmte mich. Ich kratzte den Schimmel ab und kaute an dem Kanten wie ein Baby an einem Beißring. Immerhin, ich war am Leben, ich atmete, ich hatte etwas zu essen. Ich konnte es schaffen. Auch ohne Merten. Oder?

Oder nicht?

Angst schnürte mir die Kehle zu.

Estilien. Das klang nach einem Land, in dem ein neues Leben anfangen konnte. Aber wollte ich ein neues Leben? Alles schien plötzlich in Frage gestellt. Wenn Merten die Wahrheit über das Programm gesagt hatte, dann hatte ich alles richtig gemacht. Ich hatte mich gesträubt, mich gewehrt, nicht mitgespielt. Möglicherweise sprach sogar meine Flucht für mich. Wenn ich hier auf dem Hof blieb und auf die Hüter wartete und nach Elysium zurückkehrte und die Nachprüfung bestand … könnte ich nach Hause gehen. Ich könnte alles wiederhaben. Mein schönes Leben. Meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde. Rasmus. Erinnerungen zuckten wie Blitzlichter durch meinen Kopf. Rasmus, der ein Stück Himbeertorte aß. Es war sein 17. Geburtstag, ich hatte die Torte für ihn gebacken; sie schmeckte grauenvoll, aber er aß sie trotzdem, und seine Küsse schmeckten nach Buttercreme. Rasmus, der neben mir in den Hügeln am Ufer des Weihers lag und sich mir zuwandte, mit einem Finger über meine Stirn strich, die Stelle zwischen meinen Brauen berührte. Ich schloss die Augen, wie immer, wenn er seinen Finger dorthin legte, spürte die Wärme, die sich in meinen Körper ergoss, bis in die Haarwurzeln, die Zehen, die Spitzen meiner Finger. Rasmus, der mich dort küsste, wo zwischen Hals und Kinn das Blut pulsierte. Rasmus, der das Kätzchen, das wir hinter dem Stall gefunden hatten, mit einer Spritze fütterte; es passte genau in seine Hand.

Und dann kam Bertil zu mir, Bertil, mein kleiner Bruder, der neben mir saß, einen Finger im Mund, während ich ihm Stunde um Stunde vorlas. Bertil, kaum vier Jahre alt, der in seinem roten Overall im frisch umgegrabenen Bohnenbeet saß, all unsere Hühner um sich herum, eifrig scharrte und stocherte er in der feuchten Erde und legte den Hühnern jeden Wurm hin, den er fand. Bertil, der gern Waffeln aß und gern Karussell fuhr. Der einen Stoffelefanten namens Elton besaß. Bertil, der an meinem letzten Morgen auf seinen Teller geschaut und sein Käsebrötchen gefragt hatte: »Muss ich auch weg?«

Meine Schwester Leane, die geantwortet hatte: »Freu dich, dir bleiben noch acht Jahre. Wenn aus mir noch was werden soll, muss ich mich beeilen.« Leane. Zwischen anderen sah sie noch zarter aus, mit ihren winzigen Händen und Füßen, und als müsse sie dem etwas entgegensetzen, sprach sie mit lauter Stimme und stampfte so energisch durchs Haus, als trüge sie Stiefel aus Eisen.

Ich wollte, Rasmus und Leane und Bertil wären hier. Und meine Eltern. Ich umklammerte das Pferdchen mit dem abgebrochenen Bein, das wie durch ein Wunder noch immer in meiner Hosentasche steckte, und wünschte mich zurück in die Zeit, in der alles gut gewesen war, ich keine Zweifel gekannt und keine Fragen gestellt hatte, als ich dazugehört und meinen Weg klar vor mir gesehen hatte.

All das aufgeben wegen meines diffusen Wunsches, etwas zu tun? Was denn tun? Was stellte ich mir vor?

Merten hatte recht. Ich war naiv, und es war idiotisch, nicht umzukehren und zurückzugehen.

Und dann sah ich Romilda mit ihrem roten Stachelhaar, die sich in eine Lagerhalle schob, vorbei an Containern voller Äpfel und Birnen, die Faust um einen Metallstab geklammert; ich hörte den Schrei, der nicht ihr Schrei war.

Romilda, die Eden nie wieder verlassen würde.

Ich sah Nuja, in einem Wintergarten, der nach Flieder und Rosen duftete. Nuja, die so anders ausgesehen hatte.

Und ich sah Orlando, der auf einem weichen Bett saß, in einem Zimmer, das einer Suite in einem Luxushotel glich und das jetzt sein Zimmer war. Ich sah in diese grünen Augen mit dem Pupillenkranz aus goldbraunen Sprenkeln, Augen, die auch dann traurig wirkten, wenn er lächelte. Orlando, den ich in unserem letzten gemeinsamen Moment umarmt hatte, seinen Körper, der so viel zerbrechlicher war als mein eigener. Dieser kleine, friedliche Moment.

Dieser kleine, schreckliche Moment.

Wenn ich jetzt aufgab, würden mich die Gesichter von Romilda und Orlando bis an mein Lebensende verfolgen.

Am liebsten hätte ich mich irgendwo zusammengerollt, mich ausgeruht, bis ich genug Kräfte gesammelt hatte für das, was vor mir lag. Über dem Stall gab es bestimmt einen Heuboden. Dort konnte ich mich verstecken und warten, bis die Hüter vorbeigezogen waren.

Rasmus wusste, wie gern ich mich im Heu verkroch, besonders, wenn ich Angst hatte und keinen Ausweg sah. Auf keinen Fall durfte ich mich auf einen Heuboden flüchten.

Ich straffte mich. Ich war nicht so stark und entschlossen wie Merten, aber immerhin war ich bis hierher gekommen. Ich konnte noch ein Stück weitergehen.

Nach Norden.

Marlene

In der Küche gab es nichts, das sich mitzunehmen lohnte. Durch das Scherbenmeer stakste ich zurück in die Diele, ging an der mit Eisen beschlagenen Kellertür vorbei – und blieb stehen. Weiter, befahl ich meinen Füßen. Sie gehorchten mir nicht. Ich musste von hier verschwinden, aber meine Füße weigerten sich.

Als wollten sie mich vor dem Und dann? schützen.

Und dann?

Möglichkeit Nummer eins: Du gehst, die Hüter kommen und finden im Keller eine Feenfrau.

Möglichkeit Nummer zwei: Du gehst, die Hüter kommen nicht und auch kein Nachbar. Niemand findet die Feenfrau. Sie lebt noch ein paar Tage. Und dann stirbt sie.

Möglichkeit Nummer drei: Du gehst da runter und nimmst ihr die Fesseln ab.

Und dann?

Keine Ahnung.

Ja, ich hätte einfach gehen und die Frau im Keller vergessen können. Aber manche Dinge, die man tut, vergisst man nicht. Ich würde die Frau mitnehmen. In meinem Kopf. Verhungert, verdurstet, an dem Lumpen in ihrem Mund erstickt.

Konnte ich mir Mitgefühl oder Güte in meiner Lage erlauben? Aber ich musste mich an die paar Dinge halten, die bewiesen, dass ich noch nicht das Produkt all dessen war, was mir die Mentoren und die Direktorin des Phönix-Kollegs über mich erzählt hatten. Und darum öffnete ich die Kellertür. Es war ein Fehler, aber wenn die Hüter nicht kamen, würde sie sterben. Und ich hatte auch Angst davor, dass mich auf meinem Weg zur Grenze die quälenden Fragen nicht in Ruhe lassen würden: Was meinst du, Fenja? Lebt sie noch, stirbt sie gerade, ist sie schon tot?

Leise stieg ich die Stufen hinunter, als läge dort unten eine Schlafende, die ich auf keinen Fall wecken durfte. Die Glühbirne malte einen Pfad aus Licht auf die Betonstufen, die jemand vor langer Zeit rot angestrichen hatte.

Die Feenfrau saß mit dem Rücken zur Wand, die Arme verdreht, an das Rohr gefesselt, das dick wie der Schenkel eines Mannes war. Ihr Gesicht war gerötet von der Anstrengung, genug Luft durch die Nase und an dem Knebel vorbei in ihren Mund zu saugen. Ich zog den Lumpen heraus. Sie würgte, spuckte aus und schaute zu mir hoch.

Was erwartete ich? Dass sie loskreischte, mich beschimpfte? Doch sie saß nur da und gab keinen Laut von sich.

»Ich mach dich jetzt los.« Ich fummelte an dem Kabel herum, das ihre Fußgelenke umschlang. »Wenn du versuchst, mich k. o. zu schlagen, war das wahrscheinlich deine letzte Tat.« Ich hörte selbst, wie albern das klang, und sie hielt es auch nicht für nötig, darauf zu antworten.

Das Kabel hatte ich gelöst, jetzt kamen die Hände dran. Ich beugte mich über sie. Ihre Haare rochen nach Blättern, als seien sie in einem Waldsee gewaschen worden und im Wind getrocknet. Die Messerklinge war stumpf, und ich spürte, wie mir der Schweiß ausbrach, während ich an den Fesseln herumsäbelte. In Filmen sah das immer so einfach aus. Es dauerte ewig, bis ich das Seil durchtrennt hatte. Hastig trat ich zurück. Sie stand auf und rieb sich die Handgelenke. Sie war klein und zart, das ja, aber man sollte die Zähne und Fingernägel einer Fee nicht unterschätzen. Ich hielt das Messer mit beiden Händen umklammert.

»Nur mal aus Interesse.« Sie legte den Kopf schief. Im Grunde hatte sie ein helles, sanftes Gesicht, so ein Gesicht, das sich für einen grimmigen Blick richtig ins Zeug legen muss. »Angenommen, ich gehe jetzt auf dich los – glaubst du, du kannst mich abstechen?«

»Na ja.« Mein Herz klopfte wie verrückt. »Ich bin eine FIP, oder?«

Sie lächelte. »Das Ding ist total stumpf«, sagte sie freundlich.

»Man kann noch ohne weiteres ein Auge damit ausstechen.«

»Wie du meinst.«

Wir sahen uns an.

»Also, was tun wir als Nächstes?«, fragte sie.

»Du lässt mich gehen.«

»Und ich halte die Klappe, falls die Hüter vorbeikommen?«

Ich nickte.

»Du willst über die Grenze nach Estilien, ist doch so?« Sie machte einen Schritt auf mich zu. Als ich vor ihr zurückwich, hob sie beschwichtigend die Hände. »Was, wenn du es nicht allein machen müsstest?«, fragte sie.

»Wie bitte?«

»Hier gibt es nichts mehr für mich. Der Überfall gestern war der dritte innerhalb eines halben Jahres. Ich kann das nicht mehr.« Flüchtig berührte sie ihren Bauch. »Ich bin im sechsten Monat. Noch ein Grund, aus dem ich gehen will. Ich will für mein Kind was anderes als Nordland.«

Ich schaute auf ihren Bauch. Keine Spur von einer Schwangerschaft. Sie lächelte schwach. »Unsere Ernährung ist nicht so wie bei euch in Farland. Nichts ist wie bei euch. Ich muss hier weg, Fenja. So heißt du doch?«

Ich nickte.

»Du glaubst mir nicht«, stellte sie fest.

»Warum hast du uns das nicht vorhin gesagt? Dass du auch weg willst?«

Sie lachte. Auf einmal wirkte ihr Gesicht glatt und frisch wie eine Blüte, die sich gerade öffnet. »Der Typ hätte mir so was von geglaubt. Aber du bist zurückgekommen und hast mich befreit. Allein schaffst du es nicht. Du hast keinen Schimmer, wie Nordland funktioniert. Ich bin hier schon mein ganzes Leben. 25 Jahre. Ich kann dir helfen. Übrigens, ich heiße Marlene.« Die Feenfrau streckte mir die Hand hin. Ich zögerte. Dann nahm ich die Hand, hielt aber mein Messer, das einmal ihr Messer gewesen war, weiter fest umklammert.

»Ich hätte mich längst auf den Weg machen sollen«, sagte sie. »Aber ich habe mich nicht getraut. Allein da draußen, das ist grundsätzlich eine schlechte Idee. Zu zweit können wir es hinkriegen. Allerdings müssen wir zu Fuß gehen. Der Pick-up ist … weg.« Sie blickte auf meine Faust, in der noch immer das Messer steckte. »Entspann dich mal. Ich hab nicht vor, dich von hinten zu erwürgen, ehrlich. Komm, ich zeig dir was.« Sie begann, in dem Durcheinander auf dem Fußboden zu wühlen, und hielt schließlich triumphierend eine dunkelgraue Gummischeibe in die Höhe.

»Was ist das?«, fragte ich.

»Ein Saugheber.« Sie schob einen Arbeitstisch beiseite und ließ ihre Hände über die Backsteinmauer gleiten. »Gib mir mal das Messer«, sagte sie.

Ich rührte mich nicht.

»Komm schon. Gib es mir.«

Langsam legte ich das Messer in ihre Hand und trat schnell einen Schritt zurück. Sie schob die Klinge in eine Mörtelritze zwischen den Steinen und ruckelte damit vorsichtig auf und ab. Nach etwa einer Minute bewegte sich einer der beiden Steine um einige Millimeter. Sie setzte das Gummiding an und betätigte den daran befestigten Handgriff. Ohne Widerstand kam ihr der Stein entgegen. Als sie ihn draußen hatte, sah ich, dass dahinter ein Tastenfeld war. Sie tippte einen Code ein. Ich hörte ein Summen, dann ein Klicken. Langsam schwang die Wand zurück, die überhaupt keine Wand, sondern eine schmale Tür war, so gut in das Mauerwerk eingefügt, dass sie praktisch unsichtbar blieb. Marlene griff in das Dunkel dahinter und schaltete ein Licht an. Ich trat näher und blickte auf einen Metallspind und ein Regal, in dem allerhand Sachen lagen.

»Das hier ist meine Schatzkammer.« Sie schenkte mir ein halbes Grinsen. »Da darf keiner ran, klar?«

Ich nickte belämmert.

»Aber wenn wir es bis Helvana schaffen wollen, brauchen wir ein paar von meinen Sachen.«

»Helvana?« Bei dem Wort klingelte etwas in mir.

»Knapp 150 Kilometer von hier. War früher eine Millionenstadt. Jetzt leben dort noch 100.000, wenn’s hoch kommt. Falls Nordland noch eine Hauptstadt hat, würde ich sagen, es ist Helvana.«

Jetzt fiel der Groschen. Ich versuchte mich an das zu erinnern, was ich damals im Fernsehen gesehen hatte: Ruinen, aufgerissene Straßen, Menschen in verschlissenen Kleidern, auch FIP, die ein Leben ohne Regeln einem lebenslangen Aufenthalt in Elysium vorgezogen und sich für Nordland entschieden hatten.

»Irgendwo in Helvana ist der Übergang«, fuhr Marlene fort. »Wo genau, weiß ich nicht. Aber wir kriegen es raus, du und ich.«

Der geheime Übergang. »Merten hat mir davon erzählt«, sagte ich. »Der Mann, mit dem ich zusammen war. Das heißt, genau genommen hat er mir nichts davon erzählt. Aber ich glaube, er wusste, wo der Übergang ist.«

»Tatsächlich?« Sie krauste die Stirn. »Dann hat er Glück. Allerdings wird ihm sein Wissen wenig nützen. Es sei denn, er hat den Schleusern was anzubieten.«

»Haben wir ihnen denn was anzubieten?«

»Klar. Aber alles der Reihe nach. Wie sieht’s mit deinem Hunger aus?«

Aus wässrigen Augen sah ich sie an. Sie lachte.

»Dann lass uns mal sehen, ob unter meinen Habseligkeiten was Nahrhaftes dabei ist«, sagte sie vergnügt und begann, Sachen aus dem Versteck zu räumen: ein paar Konserven, mehrere dünn gebackene Brotfladen, eine Tüte Dörräpfel, vier Packungen Waffeln, eingelegtes Obst und Gemüse.

Ich stürzte mich auf einen Schmelzkäse aus der Folie, Haltbarkeit fünf Jahre, zwischen zwei Brotfladen gepresst. Nie im Leben hatte mir etwas so gut geschmeckt. Danach Kuchen aus der Büchse, nass, klebrig, krümelig, besser als alles, was meine Mutter je gebacken hatte. Dosenpfirsiche, die ich mir mit den Fingern in den Mund schaufelte. Der süße Saft schmeckte himmlisch. Ich aß, bis ich fast platzte, hörte meinen schnaufenden Atem, spürte die Proteine, Kohlehydrate, Fettmoleküle durch meinen ausgehungerten Organismus sausen.

Marlene reichte mir einen rotbraunen Knüppel. »Probier mal. Salami von meinen Schweinen. Luftgetrocknet.«

Mein Mund füllte sich mit Ekel. Ich schüttelte den Kopf.

»Na, ich steh drauf.« Sie biss in die Wurst. »Am liebsten Fleisch, so scharf gewürzt, dass dir die Zunge wegbrennt. Aber ich hab schon gehört, dass ihr es in Farland nicht so mit Schinken und Schnitzeln habt. Bin mir nicht sicher, ob du das in Nordland durchziehen kannst.« Sie nahm einen weiteren Bissen. »Erst mal müssen wir durch den Wald«, sagte sie mit vollem Mund, »dann kommt die Autobahn. Die führt uns nach Helvana. Wenn wir uns ranhalten, sind wir in vier, fünf Tagen da.«

Sie fing an, lauter Sachen aus dem Spind und den Regalen zu räumen. Ein Erste-Hilfe-Set. Zwei Schlafsäcke. Kleidung. Vorräte. Zwei Paar Wanderstiefel, dick wattierte Jacken und ein Rucksack. Dann legte sie mir ein Plastikpäckchen in die Hand. Fragend sah ich sie an.

»Da ist eine Atemmaske drin. Die brauchen wir. Erstens kursieren in Helvana alle möglichen Krankheiten, und zweitens kannst du hinter dem Ding dein Gesicht verstecken. Die bringen dich jetzt pausenlos im Fernsehen.«

 »Ja, hab ich gesehen.«

»Alle sind auf euch angespitzt, auf dich und diesen Merten. Wahrscheinlich bist du die meistgesuchte Frau im Land.«

Skeptisch drehte ich das Päckchen in den Händen. »Eine Maske fällt doch auf.«

Marlene grinste. »Jeder, der es sich leisten kann, trägt in Helvana eine Maske. Trotzdem müssen wir uns natürlich ein bisschen von den Menschen fernhalten«, räumte sie ein.

»In einer Stadt ist das sicher kein Problem.« Ich wunderte mich, wie fröhlich meine Stimme klang. Marlenes Zuversicht hatte etwas Ansteckendes. »Und wenn wir den Übergang gefunden haben, wird es bestimmt noch einfacher, richtig?«

»Klar«, sagte sie, doch ich konnte hören, dass ihre Lässigkeit jetzt nur noch gespielt war. »Es wird schlimm. Dessen bist du dir bewusst, oder?«

»Das hat mir irgendwer schon mal erzählt, ja.«

»Ich hoffe, irgendwer hat auch erwähnt, dass viele auf der Strecke bleiben. Es heißt, die Leute, die den Übergang bewachen, sind wählerisch. Keine Ahnung, was das heißt. Wir werden es herausfinden müssen.«

»Was sind das für Leute?«

»Clan-Mitglieder. Die städtischen Gebiete stehen weitgehend unter der Herrschaft solcher organisierter Banden. Die strittigen Zonen gelten als Kriegsgebiet. Der Clan, dem Helvana gehört, kontrolliert auch den Übergang.«

»Diese Clans … sind das Parteien? Politiker?«

Sie lächelte schwach. »Ich würde sie als Praktiker bezeichnen. Sie patrouillieren durch die Stadt, rauben, entführen, vergewaltigen und kümmern sich um Schuldner und Schutzgelder. Sie nennen es das Revier schützen und Frieden stiften. Entscheidend für dein Überleben in Helvana ist, dass du nie, niemals in eine solche ›Friedensaktion‹ reingerätst. Oder den Clan-Leuten überhaupt in die Quere kommst.«

»Und es gibt keine andere Möglichkeit, an den Übergang ranzukommen, als über Helvana?«

»Keine.« Sie pulte ein Fleischfitzelchen zwischen ihren Schneidezähnen hervor. »Außer den Clan-Leuten weiß nur eine Handvoll Menschen, wo genau in Helvana er sich befindet. Das sind die Schleuser. Sie bewahren das Wissen oft schon seit Generationen, geben es an ihre Kinder weiter und die wieder an ihre Kinder. Manche von ihnen halten einen losen Kontakt zu den Clans und arbeiten sogar mit ihnen zusammen, aber das gilt als hochriskant. Einen Schleuser aufzuspüren ist schwer. Sie müssen sich schützen, weißt du. Wenn du solche Geheimnisse kennst, bist du verwundbar. Doch wie es der Zufall will …«

» … kennst du einen Schleuser«, sagte ich.

Sie lächelte. »Schön wär’s. Aber ich kenne eine junge Kellnerin. Sie arbeitet in den Markthallen von Helvana, in dem Lokal, in dem Rodik und ich oft zu Mittag aßen.«

Mein Gesicht war ein Fragezeichen.

»Rodik war mein Mann.« Ein dunkler Schatten huschte über ihr Gesicht. Hastig fuhr sie fort: »Die Kellnerin heißt Chou und ist der netteste Mensch, den ich kenne. Redet mit den Leuten, bringt sie zum Lachen, ist freundlich zu allen. Sie hatte uns gern, mich und Rodik. Na ja, vor allem Rodik. Ich glaube, sie hatte sich ein bisschen in ihn verliebt.« Jetzt wurde ihr Lächeln ein wenig traurig. »Ich schätze, das passierte an dem Tag, als er ihr sagte, wie schön die Blumen seien, die auf den Tischen stünden: ›Das muss an dir liegen, Chou. An deinen Händen, deinem Lächeln. Das ist gut für die Blumen.‹ Chou strahlte, während sie gleichzeitig versuchte, nicht zu strahlen. Als würde ihr jemand verbieten, solche Gefühle zu haben. Sich zu wünschen, was sich jeder Mensch wünscht.« Mit verlorenem Blick schaute Marlene vor sich hin.

»Und?«, fragte ich behutsam.

Sie zuckte zusammen. »Was?«

»Diese Chou. Weiß sie etwas über den Übergang?«

Sie blinzelte. »Richtig. Das wollte ich dir ja erzählen. Wir saßen also an unserem üblichen Tisch und löffelten diesen Glibberpudding, der Zaubertraum heißt und nach dem Rodik ganz verrückt war. Chou kam an unseren Tisch und brachte ihm wie immer eine zweite Portion. Da fragte er sie, ob es auch in Estilien einen Zaubertraum gebe, ob sie da etwas wisse; wenn Estilien nämlich ein Land ohne Zaubertraum sei, könne er endlich aufhören, sich dort hinzuwünschen. Sie antwortete seelenruhig, dass sie zwar nicht wisse, wie es sich mit dem Zaubertraum in Estilien verhalte, doch wenn es Rodik ernst mit seinen Wünschen sei, ließe sich, zumindest was Estilien betrifft, vielleicht etwas machen. Sie selbst sei zwar keine Schleuserin, was aber nicht heiße, dass sie keine Kontakte habe, und wenn wir so weit wären und das Geld für die Passage beisammenhätten, könnten wir uns gerne an sie wenden. Dabei schaute sie Rodik tief in die Augen, und ich hätte ihm am liebsten zugeflüstert, dass er sie küssen soll, nur ein einziges Mal, irgendwann, wenn ich nicht dabei bin, aber natürlich habe ich’s nicht getan.« Marlene schüttelte kurz und heftig den Kopf, als müsste sie etwas loswerden. »Ich denke, es ist an der Zeit. Wir sollten Chou besuchen und uns mit ihr zusammensetzen. Und darum packen wir jetzt.«

Noch einmal kam der Saugheber zum Einsatz. Hinter dem Backstein, den Marlene diesmal aus der Wand löste, erschien kein Tastenfeld, doch aus der Rückseite des Steins ragte eine Schraube, die mit Draht umwickelt war. Der Draht führte in einen Hohlraum. An seinem Ende hing ein in Plastik eingeschlagener Beutel. Ein Packen Geldscheine, zusammengerollt, mit Gummiband umwickelt. Marlene strich mit einem Finger andächtig darüber.

»Das«, sagte sie leise, »ist das Geld für den Übergang.«

Sie ratschte den Reißverschluss des Beutels zu, hängte ihn sich um den Hals und schob ihn unter ihren Pullover. »Das reicht für eine Passage. Mehr hatten Rodik und ich noch nicht beisammen.«

»Aber dann …«

»Das kriegen wir hin«, sagte sie entschieden. »Wenn es so weit ist, fällt uns schon was ein. Zeig mal deinen Finger.«

Stirnrunzelnd warf sie einen Blick darauf und öffnete den Verbandskasten. Es war nicht nur Verbandszeug drin. Behutsam tröpfelte sie eine Tinktur auf meinen Finger.

»Was ist das?«, fragte ich.

»Breitwegerich. Gegen die Entzündung.«

Mit ruhiger Präzision und einer Plastikmanschette schiente sie den Finger und umwickelte ihn mit Mull. »So.« Sie tätschelte meine Schulter und grinste. »Jetzt zieh dich an, mein Kind.«

Ich tauschte meine grünen Sachen, die viel zu dünn für die eisigen Februarnächte waren und mich schon von weitem als FIP kennzeichneten, gegen lange Unterwäsche, einen karierten Kapuzenpulli und eine senffarbene Arbeitshose ein. Die Wanderstiefel passten nicht, und ich musste sie mit zwei Paar Socken ausstopfen. Dann füllten wir den Rucksack bis zum Anschlag mit Vorräten: Eingemachtes, Konserven, Fladenbrot, Öl. Lauter Sachen mit Fett, mit Kohlehydraten. Zuletzt ein paar gruselig aussehende Pilze, getrocknet und schrumpelig und in winzige Plastiktüten verpackt. »Kleingeld für unterwegs.« Marlene lachte, als sie mein verständnisloses Gesicht sah. »Damit haben Rodik und ich unser Vermögen gemacht, mein Kind. Pilzchen und Kräuter aus dem eigenen Garten. Mit unseren Schweinen und den paar Eiern hätten wir das Geld für die Passage nicht in 1000 Jahren zusammengekriegt.«

Ich verstand noch immer nicht.

»Drogen. Dem Zeug, das in Helvana gehandelt wird, kannst du nicht trauen. Wenn du Glück hast, füllt es deinen Kopf mit Sex und Blumen. Wenn du Pech hast, zerknallt deine Festplatte. Unsere Pilze sind sauber. Echt bio.« Sie lachte. »In Farland würde man sie lieben. Aber auch unsere Kunden schätzen gute Ware.« Wieder ihr Lachen, dieses wunderbare Lachen, in das ich mich hätte einwickeln mögen.

Sie schulterte den Rucksack, hob das Messer auf und wog es in der Hand. »Wenn du nichts dagegen hast, nehme ich das an mich. Als wir vorhin unsere kleine Auseinandersetzung hatten, kam es mir so vor, als hättest du gewisse Hemmungen …«

»Stimmt genau«, sagte ich hastig. »Nimm es nur.«

»Mein kleiner Püster wäre natürlich besser. War ein schönes Teil, Erbstück von irgendeiner Urgroßtante von Rodik, funktionierte noch tadellos. Na, jetzt hilft er deinem Freund. Falls das ein Trost für dich ist.«

»Er ist nicht mein Freund.«

Merten. Jetzt, wo ich wusste, wie gefährlich die Passage war, fühlte ich mich von ihm doppelt im Stich gelassen.

Aber hätte er mich nicht im Stich gelassen, säße Marlene jetzt im Keller, die Arme an ein schenkeldickes Rohr gefesselt, sie und das Kind dem Tod geweiht.

Es war besser so. Ich kannte Marlene seit kaum einer Stunde, trotzdem war sie für mich schon etwas wie eine Freundin. Auch mit Romilda war es so schnell gegangen. Aber Romilda war eine Stichflamme gewesen, genauso wild und zerstörerisch. Eine gefährliche Freundin. Marlene kam mir vor wie ein ruhig glühendes Feuer, an dem man sich wärmen konnte.

Ich hoffte aus ganzem Herzen, dass es so war.

Mit einer abgeknickten Verbandsschere schnitt mir Marlene die Haare raspelkurz. Sie trat einen Schritt zurück, betrachtete ihr Werk und nickte zufrieden. »Okay, wir sind hier fertig. Ein paar Stunden im Schutz der Dunkelheit haben wir noch.«

Ich trat ins Freie und sah in den Himmel, an dem Millionen Sterne funkelten. Dann folgte ich Marlene die Treppe hinunter. Außer unseren Schritten war nichts zu hören. Als wir an dem Hund vorbeigingen, blickte Marlene starr geradeaus.

»Sollen wir ihn …«

»Nein«, sagte Marlene kurz. Ich begriff, dass sie ihn weder ansehen noch anfassen konnte.

»Ich könnte ihn allein …«

»Wir haben keine Zeit«, unterbrach sie mich schroff. »Komm.«

Wir stiegen über das zerstörte Tor und stapften in den Wald. »Mein Vater hat mir Ruby zu meinem 15. Geburtstag geschenkt. Damals war er kaum mehr als eine Handvoll Hund. Mit Pfoten wie kleinen Kissen.«

Es würde für mich immer schwer sein, andere Menschen weinen zu sehen. Ich griff in meine Jackentasche, aber es war nicht meine Jacke, und es steckte kein Taschentuch darin. Es war lange her, seit ich Taschentücher bei mir gehabt hatte, der Griff in meine Jackentasche war ein Reflex aus vergangenen Tagen, ein Überbleibsel aus meiner Zeit in Farland. Ich fasste nach Marlenes Hand und drückte sie.

»Ist gut, dass du gekommen bist.« Sie wischte sich über die Augen. »Jetzt sind wir auf dem Weg.«

Die Luft knisterte vor Kälte. Es roch nach Kiefernzapfen, nach Harz. Wir gingen über gefrorenes Moos. Meine schlimme Schulter und mein kleiner Finger taten noch immer weh, aber ich versuchte, nicht auf den Schmerz zu achten.

Marlene schlug ein zügiges Tempo an, und ich hatte Mühe, ihr zu folgen. Bald kamen wir an einem See vorbei, der zwischen Bäumen und Felsen im Mondlicht schimmerte. Ein weicher Schatten streifte um die Baumstämme, ein Tier auf der Flucht. Marlene blieb stehen und blickte über das Wasser.

»Jeden Morgen in der Dämmerung hangelte sich Rodik auf diesen Baum da drüben. Er warf seine Angel aus und fing die Forellen, die es nur in diesem See gibt«, sagte sie leise. »Die schmecken besonders, wenn man sie mit Zwiebeln in Öl brät. Wir haben uns in den Markthallen von Helvana kennengelernt, Rodik und ich.« Abrupt wandte sie sich von dem Wasser ab und ging weiter. »Damals hatte ich den Hof gerade von meinen Eltern übernommen.«

Kurz musste ich denken, dass es auch bei uns so geplant gewesen war; auch ich hatte den Hof meiner Eltern übernehmen sollen.

»Und wo ist deine Familie jetzt?«, fragte ich, obwohl ich es schon wusste.

Marlene blickte starr geradeaus. »Meine Eltern sind vor neun Jahren an einer Grippe gestorben.«

»An einer Grippe

»Das ist hier eine gefährliche Krankheit. Jede Krankheit in Nordland ist gefährlich. Eine medizinische Versorgung gibt’s nur für die, die Geld haben. Und damals hatten wir kaum was. Freunde von meinen Eltern wollten mich aufnehmen, aber ich konnte den Hof nicht im Stich lassen. Jede Woche fuhr ich zu den Markthallen und baute auf dem Platz davor meinen Stand auf. Ohne meinen Vater und meine Mutter hatte ich anfangs Angst. Aber die Leute hatten die beiden respektiert. Jetzt respektierten sie mich. Sie kauften meine Eier, das Fleisch, das Gemüse.«

»Und die Kräuter und Pilze aus dem Biogarten.«

Marlene lächelte. »Noch nicht. Nach einem halben Jahr tauchte Rodik zum ersten Mal an dem Marktstand auf, wo ich mittags manchmal Suppe aß. Er war damals mit einem Mädchen zusammen, das die unglaublichsten roten Haare hatte, die ich je gesehen habe. Als sie sich für einen anderen entschied, konnte ich Rodik trösten. Zwei Monate später zog er zu mir auf den Hof und verwandelte meinen Gemüsegarten in eine Pilzplantage. Das Geschäft lief so gut, dass es plötzlich möglich schien, Nordland eines Tages zu verlassen und nach Estilien zu gehen. Anfangs war es nur ein Gedankenspiel. Aber Rodik begann, sich nach dem Preis für die Passage umzuhören. Doch niemand schien zu wissen, ob der Übergang existierte oder nur ein Gerücht war, das die Clans streuten, um ihre Macht zu festigen und die Passagegelder zu kassieren. Dann lernten wir Chou kennen. Von dem Tag an nahm unser Plan Gestalt an. Im letzten September hatten wir das Geld für die erste Passage zusammen. Noch drei, vier Jahre, dann hätte es für uns beide gereicht.« Ihre Stimme begann zu zittern. »Montags fuhren wir immer nach Helvana und verkauften unsere Ware. Aber an diesem dritten Oktober ging es mir schlecht. Ich hatte die ganze Nacht gespuckt. Rodik versuchte, mich zum Aufstehen zu bewegen, damit er mich ins Krankenrevier von Helvana bringen konnte. Ich wollte noch warten. Warum Geld für eine Behandlung ausgeben, wenn sich vielleicht alles von selbst regelte? Schließlich fuhr Rodik allein nach Helvana.«

Schweigend gingen wir nebeneinander her. Als Marlene wieder sprach, klang ihre Stimme wie die eines Roboters.

»Wie jeden Abend begannen die Schweine zur Fütterungszeit zu schreien. Rodik war noch nicht zurück. Ich hatte fürchterliche Angst. Aber ohne den Pick-up konnte ich ihn nicht suchen. Am nächsten Tag kam dann Wasser-Willy, der am Nachbarstand Lederwaren verkauft.« Sie lächelte matt. »So hat Rodik ihn genannt: Wasser-Willy. Wegen seiner Blasenschwäche.« Im Dunkeln sah ich, wie ihr Gesicht Risse bekam. »Das Dach über dem Marktplatz war runtergekracht. Eine Putzaktion des Patel-Clans, der in Helvana gerade die Macht übernommen hatte.«

»Putzaktion?«, fragte ich verständnislos.

»Nichts Ungewöhnliches bei einem Machtwechsel. Der neue Clan räumt auf. Putzt die Leute weg, die er loswerden will. Zum Beispiel die Händler vor den Markthallen. Willy machte gerade seinen Klogang, nur darum hat er überlebt.« Ihre Stimme stockte, sie schluckte, sprach hastig weiter: »Die Zeit danach war schwierig. Rodik war immer da gewesen.« Flüchtig berührte sie ihre Daunenjacke, strich über ihren Bauch. »Die Spuckerei, das war wegen der Schwangerschaft. Aber das hab ich an dem Morgen, an diesem dritten Oktober, noch nicht gewusst. Rodik ist tot und hat nicht mal gewusst, dass er ein Papa ist. Ich sollte wohl dankbar sein, dass etwas von Rodik bleibt. Aber ich bin’s nicht. Immer wieder habe ich diese Momente, in denen ich mir wünsche, ich wäre mit ihm gefahren. Rodik. Ruby. Meine Tiere. Meine Eltern. Alle weg. Und jetzt der Überfall von diesen Leuten, die wohl hinter dir und Merten her waren. Es ist nichts mehr da. Deshalb ist es gut, hier wegzugehen. In Estilien kommt vielleicht etwas anderes.«

Schweigend stapften wir weiter. Selbst meine Zeit in Elysium verblasste gegen das, was Marlene erlebt hatte. Das alles war so absurd. An einer Grippe sterben, Plünderungen, Schutzgelder … Ich hatte mir nie vorstellen können, wie es in Nordland zuging. Glauben konnte ich es noch immer nicht. Ich musste es wohl mit eigenen Augen sehen. Und davor hatte ich eine Riesenangst.

»Meinst du, wir schaffen es, Marlene?«

Sie kämpfte sichtlich damit, ihre Worte so zu wählen, dass keine Lüge dabei herauskam. »Ehrlich: Ich weiß es nicht. Aber wenn nicht, haben wir’s wenigstens versucht, oder?«

Einfach weitergehen, sagte ich mir. Etwas anderes gab es nicht.

Nach einer Weile tauschten wir den Rucksack. Ich streifte die Gurte über. Sie schnitten in meine Schultern, doch als ich sie zurechtrückte, verstärkte sich der Druck nur. Marlene richtete die Gurte schweigend und zog die Schnallen fest. Mir ging durch den Kopf, ob sie es genauso bei Rodik gemacht hatte.

»Okay«, sagte Marlene, nachdem wir wieder ein Stück gelaufen waren. »Wenn ich deinen Ex, diesen Rasmus, richtig verstanden habe, nehmen sie dich mit Kusshand zurück.« Pause. »Und du willst trotzdem nicht?«

»Nein.«

Leise, wie zu sich selbst, sagte sie: »Ich gäbe alles darum, in Farland zu sein.«

»Du weißt nicht, wie es ist. Ich dachte auch, ich lebe im Paradies. 20 Jahre dachte ich das.«

»Und jetzt?«

»Jetzt kommt es mir so vor, als sei Farland eine wunderschöne Wiese. Sonne, Blumen, knallblauer Himmel, in den Bäumen piepsen die Vögel. Überall Picknickdecken, auf denen Menschen sitzen und miteinander glücklich sind.«

Marlene lächelte. »Was hast du gegen Blumenwiesen und Picknicks?«

»Zieh mal so eine Decke weg. Die Grashalme abgeknickt und tot, all die hübschen Blümlein zerquetscht. Vielleicht krabbeln noch ein paar Ameisen und Asseln rum, aber wahrscheinlich haben die auch nicht überlebt. Das ist der Teil, den man sich nicht so gern anguckt. Elysium. Schon mal davon gehört?«

Sie zuckte die Schultern. »Wasser-Willy ist dreimal durch die Nachprüfung gerasselt. Danach hat er sich gegen Elysium und für Nordland entschieden. Verstanden habe ich das nie.«

»Du kennst Elysium nicht.«

»Tja. Und Willy kannte Nordland nicht. Als er es dann kennengelernt hatte, war es zu spät, da durfte er nicht mehr zurück.«

»Okay, Nordland ist keine Alternative. Aber ich gehe ja nach Estilien. Mit dir.«

»Und ich bin froh darüber. Aber ein Leben in Farland aufgeben? Ich könnte das nicht.«

»In Farland werden Menschen weggesperrt. Nicht, weil sie was getan haben. Sondern weil ein Orakel behauptet, sie hätten einen dunklen Fleck auf der Seele. Einen Sprung im Charakter. Ein Orakel sagt: Du passt nicht in unsere wunderschöne Sommerwaldwiesenpicknick-Welt. Also sperren wir dich in einen Keller und gucken, ob wir dich reparieren können. Und wenn wir das nicht hinkriegen, tja, tut uns leid, dann musst du wohl in diesem Keller bleiben.«

Marlene kickte einen Stein weg. »Ich weiß nur, dass die meisten Menschen in eurem Land ein gutes Leben führen und in unserem ein mieses. Nordland ist im Arsch. Armut, Gewalt, Krankheiten. Nur jedes dritte Kind erreicht die Pubertät. Man sieht kaum Leute, die älter als 60 sind. Meine Eltern sind an einer läppischen Grippe gestorben. Nur wer zahlt, wird behandelt. Alle anderen müssen sehen, wo sie bleiben.« Noch ein Stein flog durch die Luft. »Ich bin froh, dass wir gehen. Und vor allem bin ich froh, dass wir zusammen gehen. Ohne dich hätte ich mich nicht auf den Weg gemacht. Aber verstehen kann ich dich nicht.«

»Ich will in einem Land leben, in dem es keine Rolle spielt, wer oder was ich bin«, sagte ich verzweifelt.

Sie lachte. »Aber es spielt immer eine Rolle. Auch in Estilien.«

»Okay. Dann will ich etwas dagegen tun. Und dagegen, dass Menschen weggesperrt und umerzogen werden, einfach, weil ein beschissenes Orakel sie für minderwertig hält. Das ist …«

»Eine vorbeugende Maßnahme. Es gibt so viel, was wir nicht sehen. Aber das Orakel sieht es.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Dinge, die schiefgehen können.« Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Prophylaxe, verstehst du?«

Ich weinte fast vor Zorn. Wollte sie es nicht verstehen? »Das kann nicht dein Ernst sein, Marlene.«

»Es ist mein voller Ernst. In Helvana kannst du dir ein Bild davon machen, was ohne Prophylaxe passiert. Alles voll von Vergewaltigern und Mördern, von Drogenbossen und Drogenabhängigen, von Verzweifelten und psychisch Kranken, von Menschen, die nicht mehr weiterwissen und die sich selbst oder andere zugrunde richten.«

»Weil ihr Charakter schief zusammengeschraubt ist?« Ich atmete tief ein. »Wenn es so ist, muss es eine andere … Prophylaxe geben als ein Orakel und ein Elysium.«

Sie zuckte die Schultern. »Daran haben sich die Menschen jahrhundertelang versucht. Und was hat es ihnen gebracht? Soweit ich es verstehe, erkennt das Orakel mit nahezu absoluter Sicherheit, bei wem es in der Seele rappelt und klappert und wer eines Tages …«, sie suchte nach dem richtigen Wort, »… auseinanderfällt. Explodiert. Implodiert. Ich denke, es ist richtig, sich rechtzeitig um diese Menschen zu kümmern.«

»Kümmern!« Ich schnaubte.

»Na, ich wünschte, hier in Nordland hätte man sich um ein paar Leute gekümmert. Ich wünschte, man hätte sie prophylaktisch aussortiert. Elysium, Eden, scheißegal. Wenn man sie nur weggesperrt hätte.«

»Es muss andere Wege geben.«

»Zeig sie mir.«

Ich lächelte schief. »Darum gehen wir nach Estilien, oder?«

»Klar. Nur weiß ich nicht, ob man diese Wege dort findet. Ob es sie gibt.«

Ich blieb stehen. »Du würdest zurückgehen, wenn du an meiner Stelle wärst?«

Sie schaute mich an. Ihr Gesicht lag im Schatten. »Ich weiß es nicht. Aber wenn ich es nicht täte, würde ich es wahrscheinlich mein Leben lang bereuen.« Sie deutete mit dem Kopf in den Wald. »Sehen wir zu, dass wir weiterkommen.«

»Du sagst mir nicht, dass ich umkehren soll?«

Da lächelte sie. »Den Teufel werde ich tun. Ich bin doch froh, dass du bei mir bist.«

Ich wollte weg aus Farland, weg aus Nordland. Ich wollte nach Estilien, aber was genau stellte ich mir vor? Ein Land, in dem es besser war? Was bedeutete das: besser? Vor Marlene versuchte ich, den Anschein zu erwecken, als wüsste ich, wohin ich wollte – und warum –, aber die Wahrheit war, dass ich mir darüber keineswegs im Klaren war. Im Augenblick wusste ich nur, dass ich Hunderte Kilometer entfernt von allen war, die ich gekannt und geliebt hatte – und das wegen einer vielleicht nur winzigen Abweichung von der Norm, eines kleinen Stolpersteins in meinem Charakter. Würde ich es schaffen, Kurs zu halten?

Ich schaute in den Himmel, wo Millionen Sterne blinkten. In mir stieg eine solche Sehnsucht auf, dass es weh tat. Ich sehnte mich danach, diesen Stolperstein auszulöschen und in mein altes Leben zurückzukehren. Alles sollte wieder so sein, wie es gewesen war. Aber das würde es nie wieder werden. Auch wenn ich zurückkehrte, mein altes Leben war unwiederbringlich verloren. Etwas Neues hatte begonnen; ein neuer Weg. Und dieser Weg konnte mich an seltsame Orte führen, in dunkle Räume.

Die Sterne würde ich immer anschauen können. Egal, wie es weiterging, wer oder wo ich war.

Wir fanden ihn eine halbe Stunde später. Ich erkannte den Mann, dem Merten gegen den Kopf getreten hatte, an dem dünnen Mantel und dem dünnen Haar. Eingeringelt wie ein Tierchen lag er unter einem Baum, als hätte er sich zum Schlafen zusammengerollt. Marlene beugte sich zu ihm hinunter.

»Einer von denen, die meinen Hof überfallen haben.« Sie richtete sich wieder auf. »Ich hab auf dem Heuboden gehockt und zugesehen, wie sie meine Schweine abgestochen und danach mein Haus geplündert haben.«

Ich nahm den Rucksack ab und kniete neben dem Mann nieder. Er hatte die Augen geschlossen und atmete schnell und flach. Seine Haut war kalt.

Marlene seufzte, holte eine Taschenlampe aus dem Rucksack und richtete den Lichtstrahl auf sein Gesicht. An seiner Schläfe sah ich einen schwärzlichen Bluterguss, das rechte Auge war fast zugeschwollen. Merten hatte kräftig zugetreten. Nicht kräftig genug, um das Leben des Mannes sofort zu beenden.

Mit einem Mal begann der Kerl zu keuchen. In seinen Mundwinkeln bildeten sich schaumige Blasen. Er würgte, hustete. Marlene kniete sich neben mich.

»Wahrscheinlich ein Bauchschuss. Oder eine Stichwunde.« Ich deutete auf den Bluterguss.

Marlene schüttelte den Kopf. »Das war’s nicht.« Sie leuchtete an seinem Körper hinunter, doch wir konnten nirgends einen Einschuss oder einen Einstich entdecken.

Sein Atem zitterte, ein Gurgeln kam aus seiner Kehle. Marlene zog ein Unterlid herunter, leuchtete ihm ins Auge, beugte sich über ihn und schnupperte an seinem Atem. Jetzt fiel auch mir der Geruch auf. Aprikosen und noch etwas anderes, das beißend und chemisch roch.

»Vergiftung«, sagte Marlene. »Jemand hat ihm die goldene Lösung eingetrichtert.«

»Die was?«

Ein rasselndes Schnappen nach Luft. Die Augen des Mannes klappten auf. Sein Blick huschte über uns hinweg, kehrte zu mir zurück und blieb an mir hängen. »He«, flüsterte er. »Fenja.«

Details

Seiten
337
Erscheinungsform
eBook-Lizenz
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960531982
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342259
Schlagworte
eBooks Dystopie Orakel Zukunft Liebe Abenteuer Tribute von Panem Gerechtigkeit Trilogie

Autor

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Titel: Das Orakel von Farland - Band 2: Nordland