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Wohin der Adler fliegt

Das Leben der Elaine Goodale

2018 266 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

South Dakota, 1890. Die junge Elaine Goodale will nur eins: dass die vertriebenen und in Reservaten zusammengepferchten Indianer trotz der strengen Regeln und Verbote ein würdiges Leben führen können. In speziellen Schulen lehrt sie sie die Kultur und Sprache der Weißen – und wie sie ihre eigenen Traditionen bewahren können. Doch Elaine hat einflussreiche Widersacher, von den Damen der höheren Gesellschaft über einflussreiche Politiker bis hin zu kirchlichen Würdenträgern: Alle versuchen, ihr Steine in den Weg zu legen. Als sie sich dann auch noch in Charles Eastman verliebt, einen westlich gebildeten und studierten Mediziner, schlägt ihr offene Feindseligkeit entgegen … denn er ist Indianer!

Elaine Goodale Eastman war die erste Frau in den USA, die als »Supervisor of Education« ein öffentliches Amt bekleidete. Für ihr beeindruckendes politisches Engagement wird sie bis heute bewundert und verehrt.

Über den Autor:

Thomas Jeier wuchs in Frankfurt am Main auf, lebt heute bei München und »on the road« in den USA und Kanada. Seit seiner Jugend zieht es ihn nach Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern, die er in seinen Romanen verarbeitet. Seine über 100 Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.

Thomas Jeier veröffentlichte bei jumpbooks auch die folgenden eBooks:

Die abenteuerliche Reise der Clara Wynn

Sterne über Vietnam

Sie hatten einen Traum

Flucht durch die Wildnis

Sturm über Stone Island

Weitere Titel sind in Vorbereitung.

Die Website des Autors: www.jeier.de

Der Autor im Internet: www.facebook.com/thomas.jeier

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eBook-Neuausgabe Mai 2018

Copyright © der Originalausgabe 2010 by Verlag Carl Ueberreuter, Wien

Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2018 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Andrey Burmakin, Sara Winter, bestinda 18

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-96053-236-1

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Thomas Jeier

Wohin der Adler fliegt – Das Leben der Elaine Goodale

Roman

jumpbooks

Kapitel 1

Um Mitternacht wurde Elaine durch sich nähernden Hufschlag geweckt. Sie schreckte von ihrem Nachtlager hoch und spähte nervös zum Zelteingang. Durch einen Spalt in der Fellklappe, die ihr Tipi verschloss, fiel der flackernde Schein des Lagerfeuers. Kühler Wind wehte herein, und strich über ihre Haare und ihr Gesicht. Auf der Innenwand ihres kegelförmigen Zeltes bewegten sich geheimnisvolle Schatten.

Sie griff sich ängstlich an die Wange. Obwohl die Indianer schon lange besiegt waren und in Reservaten lebten, kam es immer noch zu gelegentlichen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und den weißen Siedlern. Wenn sich betrunkene Weiße in dieser Nacht einen Spaß erlauben und ein Lager friedlicher Indianer überfallen wollten, war sie in ernsthafter Gefahr. Erst vor zwei Wochen waren zwei Krieger, die zum Fasten auf den Bear Butte gestiegen waren, von Weißen verprügelt worden.

»Elaine! Bist du wach?«, hörte sie Weasel Woman rufen. Die Stimme der jungen Indianerin klang gedämpft durch die Zeltwand. »Da kommt jemand!«

Seit das achtzehnjährige Mädchen vor zwei Jahren in ihrer Missionsschule am White River aufgetaucht war und als älteste Schülerin an ihrem Englischunterricht teilnahm, war Elaine mit ihr befreundet. Die zerbrechlich wirkende Minneconjou-Indianerin mit dem schüchternen Lächeln hatte ihr die Sprache der Lakota beigebracht und sie gelehrt, wie man eine Tierhaut mit dem Hirn erlegter Tiere gerbte, zu weichem Wildleder verarbeitete und mit Perlen bestickte. Die Minneconjou waren für ihre fantasievollen Stickereien bekannt.

Ihr Stamm gehörte zu den »Sieben Ratsfeuern« der Sioux. Zusammen mit den Hunkpapa, Oglala und einigen anderen Stämmen lebten sie in den sechs Reservaten der ehemaligen Great Sioux Reservation in South Dakota. Elaine war seit zwei Jahren, also seit 1887, am White River und unterrichtete junge Indianer in der Missionsschule von Bischof William Hobart Hare. Nach dem Ende des Schuljahres hatte sie beschlossen, die Sommerferien mit Whirling Hawk, seinen beiden Frauen und einigen befreundeten Indianern auf einem Jagdausflug zu verbringen. Ein Unternehmen, das ihr beim Bischof und einigen anderen Weißen besorgte Blicke eingebracht hatte. Diese Menschen verstanden nicht, wie man sich als gebildete weiße Frau von der Ostküste mit diesen Wilden einlassen konnte. Elaine kümmerte die Kritik nicht. Sie mochte die Sioux und war begierig darauf, mehr über ihre Kultur zu erfahren. Außerdem versprach so ein Jagdausflug wesentlich mehr Abwechslung als eine frühzeitige Abreise nach Osten und die Dinnerpartys der vornehmen Gesellschaft.

»Kommst du, Elaine?« Weasel Woman war die einzige Indianerin, die sie mit dem Vornamen ansprechen durfte. Alle anderen, auch die Kinder in der Schule, benutzten das förmliche »Ma'am«. Die respektvolle Anrede war das erste Wort, das sie ihnen beibrachte, ähnlich wie in einer weißen Schule.

»Ich komme», antwortete Elaine leise. Sie schlug die Decken zurück und schlüpfte rasch in ihr Kleid – ein einfaches Wildlederkleid, wie es die Indianerinnen trugen. Ein solches Kleid war die praktischste und bequemste Kleidung auf einem Jagdausflug. In ihren bestickten Mokassins, einem großzügigen Geschenk von Weasel Woman, und mit einem mexikanischen Schal über den offenen dunkelblonden Haaren trat sie aus dem Tipi.

Weasel Woman wartete schon ungeduldig auf sie. Als einzige unverheiratete Indianerin ihres Jagdtrupps nächtigte sie, so wie Elaine, in einem eigenen Zelt. Bei ihr standen die Frauen der fünf Männer, die Elaine auf den Jagdtrip eingeladen hatten. Whirling Hawk und One Crooked Foot verharrten mit erhobenen Gewehren vor ihrem Tipi. Der Medizinmann Yellow Eyes und die anderen beiden Männer blieben im Schatten. Alle blickten dem Indianer entgegen, der mit erhobener rechter Hand in den schwachen Feuerschein geritten kam.

»Chasing Crane!«, rief Whirling Hawk erleichtert. Der Anführer ließ sein Gewehr sinken und blickte den Neuankömmling verwundert an. »Du schleichst wie ein Kojote durch die Nacht. Sind deine Augen schon so schlecht, dass du Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden kannst? Oder bist du nur gekommen, um einen Becher Kaffee an unserem Feuer zu trinken?«

Chasing Crane, ein alter Mann mit langen weißen Zöpfen, der zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter einen zerfledderten schwarzen Mantel trug, ließ sich langsam aus dem Sattel gleiten. Er litt an schwerem Rheumatismus. Sein Pferd sah genauso verwahrlost aus wie er und wirkte erschöpft.

»Ich wollte euch nicht erschrecken«, begann er müde. Er schlang die Zügel um einen Strauch. »Und Kaffee wäre gut. Ich habe einen langen Ritt hinter mir. Ich hoffe, ihr habt Zucker. Gib ordentlich Zucker dazu, Hawk.«

Whirling Hawk füllte einen Becher mit Kaffee, schüttete eine halbe Handvoll Zucker hinein und reichte ihn dem Neuankömmling. Chasing Crane rührte ihn mit seinem Messer um. Erst als er vorsichtig daran genippt hatte, schenkte er auch den anderen Teilnehmern des Jagdtrupps seine Aufmerksamkeit.

»Hau«, begrüßte er die Indianer und ihre insgesamt acht Frauen. »Guten Abend, Ma'am«, sagte er zu Elaine. In gebrochenem Englisch sprach er weiter: »Sie sind die Lehrerin vom White River, nicht wahr? Meine Leute erzählen viel Gutes über Sie.«

»Han«, erwiderte Elaine in der Sioux-Sprache. »Hast du den Donner gehört? Es wird ein Gewitter geben. Die Farmer werden sich freuen. Wenn es regnet, gedeiht das Gemüse besser. Hast du auch etwas gepflanzt?«

Er lächelte zufrieden, als er feststellte, wie gründlich Elaine die Gepflogenheiten seines Volkes studiert hatte. Nur wenige Weiße beherrschten seine Sprache und wussten zudem, dass Indianer gern über belanglose Dinge wie das Wetter redeten, bevor sie zur Sache kamen. Ihre Frage beantwortete er jedoch mit einem leichten Kopfschütteln.

»Ich bin ein Hunkpapa-Krieger«, antwortete er, »auch wenn ich schon über sechzig Winter gesehen habe und kaum noch eine Waffe heben kann. Ich werde niemals wie eine Frau auf dem Acker arbeiten.«

Die anderen Männer stimmten ihm zu. Whirling Hawk und seine Begleiter gehörten zu den Traditionellen«, wie Elaine sie nannte. Traditionsbewusste Indianer, die auch im Reservat an den alten Sitten und Gebräuchen festhielten und Leggins, Kriegshemden und Mokassins aus Wildleder trugen. Ihre Haare waren lang oder zu Zöpfen gebunden und mit Adlerfedern geschmückt.

Whirling Hawk hatte inzwischen das Feuer angefacht und bat den Besucher, sich auf einen Felsbrocken zu setzen. Er ließ sich von seiner jüngeren Frau die Pfeife bringen und stopfte sie bedächtig.

»Lass uns rauchen«, sagte er zu dem Gast, ein Ritual, das jeder ernsthaften Unterhaltung vorausging.

Sie setzten sich und ließen die Pfeife kreisen. Whirling Hawk blies den Rauch zum Himmel, zur Erde und in die vier Himmelsrichtungen und sagte: »Wakan Tanka, du begleitest uns in diesen schweren Zeiten auf einen Jagdausflug und lässt uns in die Vergangenheit blicken, dafür danken wir dir.« Er reichte die Pfeife an Chasing Crane weiter, der sie mit zitternden Händen nahm und das Ritual wiederholte. Auch er sprach ein kurzes Gebet und dankte Wakan Tanka dafür, ihn an das Feuer seiner Verwandten geführt zu haben. Die anderen Männer folgten seinem Beispiel. Der Geruch des billigen Tabaks, den Whirling Hawk mit zerstampfter Weidenrinde vermischt hatte, trieb über das Feuer zu den Frauen, die sich respektvoll im Hintergrund hielten.

Elaine wusste, wie wichtig die Pfeifenzeremonie den Indianern war. Selbst die »fortschrittlichen« Indianer hielten daran fest. Mit dem Rauch, so glaubten sie, schafften sie eine Verbindung zu Wakan Tanka, dem Großen Geist, der überall war und alles auf der Erde beseelte: Menschen, Tiere und Dinge. Die weißen Siedler, die sie während der letzten drei Jahre getroffen hatte, taten diese Zeremonie als »heidnischen Geisterkram« ab und vergaßen dabei, dass es auch bei den Christen heilige Symbole und Handlungen gab, die einem neutralen Betrachter seltsam vorkommen mussten – besonders in der katholischen Kirche. Oder war das heilige Abendmahl so anders? Ein Gedanke, über den selbst Bischof Hare nachdachte. Er gehörte zu den wenigen Kirchenmännern, die den Glauben der Indianer respektierten und ihnen nicht verboten, die heilige Pfeife zu rauchen.

Nachdem sie geraucht und weitere Belanglosigkeiten ausgetauscht hatten, klopfte Whirling Hawk den Tabak über dem Feuer aus und fragte: »Was treibt dich in einer dunklen Nacht wie dieser an unser Feuer, Chasing Crane? Warum sitzt du nicht in deiner Hütte und siehst deinen Enkeln beim Spielen zu?«

Der alte Indianer stellte seinen Kaffeebecher auf den Boden und erhob sich, ein Zeichen dafür, dass er etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Trotz seines schäbigen Mantels wirkte er in diesem Moment sehr würdevoll.

Er genoss die Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwurde, und verkündete feierlich: »Ich habe Gott gesehen.« Er gebrauchte das englische Wort für »Gott« oder »Jesus«, wie es die christlichen Indianer in der Kirche taten.

Elaine reagierte noch bestürzter als die Indianer am Feuer. Ihre Gestalt straffte sich und nur die Höflichkeit, auf die ihre Eltern so großen Wert gelegt hatten, hielt sie davor zurück, sich in die Unterhaltung einzumischen. Sie tauschte einen Blick mit Weasel Woman und den anderen Frauen, die ebenso entsetzt waren wie sie. So eine kühne Behauptung hatten sie noch nie gehört.

»Gott?«, fragte Whirling Hawk. »Du hast den Gott des weißen Mannes gesehen? Den Mann, den sie ans Kreuz genagelt haben? Du hast ihn gesehen?«

»Unseren Gott«, verbesserte Chasing Crane ihn, »unseren Jesus. Diesmal ist er zu uns gekommen. Er hat zu den Crow am Stony River gesprochen.«

»Und deswegen bist du die halbe Nacht durchgeritten?«, wunderte sich One Crooked Foot. Der krummbeinige Hunkpapa hatte mit einer seiner beiden Frauen gestritten und war schlecht gelaunt. »Die Crow sind unsere Feinde. Wenn du den Messias bei ihnen gesehen hast, kann er nichts Gutes vorhaben. Vielleicht will er sich mit ihnen verbünden, um uns auch noch das letzte Land zu nehmen, das uns die Weißen gelassen haben.« Er warf einen grimmigen Blick auf Elaine, als wäre sie allein für die Reservatspolitik verantwortlich.

»Nicht nur den Crow ist er erschienen», ließ sich Chasing Crane nicht aus der Ruhe bringen, »auch den Cheyenne und den Arapaho und die sind seit vielen Wintern mit uns verbündet. Sie nennen ihn den Messias, so wie die Weißen ihn nannten, als er zum ersten Mal auf die Erde kam. Weil sie ihn ans Kreuz geschlagen haben, will er nicht länger weiß sein. Er ist als Indianer zurückgekehrt, um uns von dem Unglück zu befreien, das die Weißen über uns gebracht haben.« Er musterte Elaine. »Die wenigen Weißen, die uns gut behandelt haben, bleiben von seinem Zorn verschont, doch über den Soldaten und Betrügern wird er den Himmel öffnen und sie jämmerlich ertrinken lassen. Sie werden alle sterben. Wakan Tanka versprach es ihm vor zwei Wintern, als er die Sonne vom Himmel verschwinden ließ und den Tag zur Nacht machte. Gibt es ein besseres Zeichen?«

Elaine konnte sich noch gut an die Sonnenfinsternis erinnern. Sie hatte versucht, den Sioux die Vorgänge am Himmel zu erklären, war aber nicht zu ihnen durchgedrungen. Wissenschaftliche Erklärungen akzeptierten sie genauso wenig wie einige dieser strengen Christen, die darauf bestanden, dass Adam und Eva die ersten Menschen waren und die Frau dem Mann untertan zu sein hatte. Sie glaubte weder das eine noch das andere.

Die Männer am Feuer waren neugierig geworden. »Du hast ihn selbst gesehen, den Messias?«, fragte Whirling Hawk. »Wo kommt er her? Wie sieht er aus? Was hat er gesagt? Spann uns nicht auf die Folter, Großvater!« Mit dieser Anrede bezeugte er seinen Respekt vor dem weißhaarigen Alten.

Chasing Crane stand selten im Mittelpunkt und genoss die Aufmerksamkeit, die ihm widerfuhr. Sein faltiges Gesicht leuchtete im Feuerschein. »Sein Name ist Wovoka«, antwortete er, »und woher er kommt, weiß niemand. Er trägt seine Haare lang wie wir, und er spricht die Sprache eines Volkes, das in der Wüste im Westen lebt, aber jeder versteht ihn, und ich konnte selbst aus der Ferne das Feuer in seinen Augen sehen. Ein loderndes Feuer, das die weißen Betrüger vernichten und uns die alten Zeiten zurückbringen wird. Ihr hättet seine Stimme hören sollen, meine Brüder. Sie war sanft und voller Zuversicht: ›Vor vielen Wintern war ich auf dieser Erde, um die Menschen zu retten‹, sagte er, ›doch die Weißen nagelten mich an ein Kreuz und ließen mich sterben. Diesmal kehre ich zurück, um eure Völker zu retten. Ich weiß, dass ihr mir ewig dankbar sein werdet, denn ich bringe euch die Büffelherden und das Wild zurück. Ich ertrage nicht länger, dass ihr Hunger leidet und an den Krankheiten des weißen Mannes zugrunde geht. Ich will, dass die Tränen eurer Kinder versiegen. Ich werde allem Leid ein Ende bereiten. Ich verwandele das trockene Land, das euch die Weißen gelassen haben, in einen blühenden Garten. Der große Regen, der alle Weißen hinwegschwemmen wird, bringt das Grün in eure Jagdgründe zurück. Singt die alten Lieder, tanzt den neuen Geistertanz, den ich euch lehre, betet zu Wakan Tanka, der in allen Lebewesen und Dingen lebendig ist.‹ So habe ich den Messias reden hören. Ich glaube ihm. Er ist ein bedeutender Mann. Das ist alles, was ich zu sagen habe.«

Seinen Worten folgte eine lange Stille. Nur das Knistern des Feuers und das leise Rauschen des Windes war zu hören. Einer der Hunde bei den kleinen Planwagen, in denen sie ihren Proviant verstaut hatten, jaulte leise.

Die Worte von Chasing Crane machten auf Elaines Begleiter gewaltigen Eindruck. Selbst Weasel Woman, die vor zwei Jahren getauft worden war und jeden Sonntag in die Kirche ging; konnte sich der Wirkung seiner Worte nicht entziehen. Und das war kaum verwunderlich. Nach dem Unglück, das mit der Einweisung in die Reservate über die Indianer gekommen war, bedeutete ein solches Versprechen den ersten Lichtblick seit vielen Jahren. Selbst wenn man nicht an Wovoka glaubte, schienen seine Worte neue Hoffnung zu bringen.

Elaine wusste nicht, was sie von dem indianischen Messias halten sollte. Als Lehrerin an einer Missionsschule hätte sie entrüstet sein und energisch widersprechen müssen, aber damit wäre nichts gewonnen gewesen. Warum sollte man den Sioux ihre Hoffnung nehmen? In den drei Jahren, die sie bereits im Westen lehrte, waren zu viele Dinge passiert, die den Indianern nur Leid und Verzweiflung gebracht hatten.

Trotz eines bestehenden Vertrages hatte man ihnen die heiligen Pa Sapa, die Black Hills, genommen und die Great Sioux Reservation in sechs kleinere Reservate aufgeteilt. In den Dörfern hatten die Masern und der Keuchhusten gewütet. Die Lebensmittel, die Washington an die bedürftigen Indianer verteilte, waren radikal gekürzt worden. Seit mehreren Monaten hatte es kaum geregnet und die ohnehin karge Ernte der Indianer war verdorrt. Konnte man den Sioux böse sein, wenn sie sich einem Messias zuwandten? Bischof Hare würde sich natürlich die Haare raufen, wenn er davon hörte. Vor allem, weil sich dieser Wovoka ungeniert der christlichen Heilslehre bediente. Ein geschickter Schachzug, um auch die christlichen Indianer für sich zu gewinnen. Aber nur für kurze Zeit, nahm sie an, denn wer konnte ernsthaft glauben, dass die Büffel zurückkehrten? Oder ein großer Regen alle Weißen aus dem Land vertrieb?

Elaine schlief wenig in dieser Nacht. Bis in den frühen Morgen trommelten und tanzten die Indianer, auch die Frauen, denn der Messias hatte ausdrücklich befohlen, dass Männer und Frauen den Geistertanz, der die alten Zeiten zurückbringen würde, gemeinsam tanzen sollten. Vom lodernden Feuer, das sie mit reichlich Holz und Pferdedung geschürt hatten, drang der dumpfe Rhythmus der Trommeln und der eintönige Singsang ihrer Begleiter zu ihr ins Tipi und riss sie jedes Mal, wenn sie gerade die Augen geschlossen hatte, aus dem Schlaf. »Die Büffel kehren zurück! Die Büffel kehren zurück!«, hörte sie ihre Begleiter singen, und als sie neugierig ihren Kopf aus dem Tipi streckte, sah sie auch Weasel Woman im roten Feuerschein tanzen.

Vergebliche Träume, sagte sie sich. Alles nur Illusionen. Eine bessere Zukunft für die Indianer konnte es nur geben, wenn man mehr Schulen in den Reservaten einrichtete, vor allem Day Schools, die es den Schülern ermöglichten, in ihren Dörfern wohnen zu bleiben. Bildung war der Schlüssel zu einem besseren Leben, nicht die verworrenen Träume eines selbst ernannten Propheten. Deshalb hatte sie die Sioux unterrichtet und nur deshalb würde sie sich auch weiterhin für ihre Belange einsetzen. Sie würde nicht aufgeben.

Doch als sie am nächsten Morgen aus dem Tipi trat, wurde sie von Blitz und Donner begrüßt. Ein schweres Gewitter prasselte auf sie herab, und sie glaubte tatsächlich, von dem strömenden Regen weggespült zu werden.

Whirling Hawk hatte sich in eine wasserdichte Plane gehüllt und war bereits damit beschäftigt, die Pferde vor den Wagen zu spannen. Er brauchte nichts zu sagen, um ihr klarzumachen, welche Wirkung die Nachricht von Chasing Crane bei ihm hinterlassen hatte. Sein grimmiges Lächeln verriet ihr genug.

Kapitel 2

Einige Tage später war alles Wasser verdampft und vor ihnen lag wieder das ausgedörrte und trockene Land. Außer Salbei, Greasewood und vereinzeltem Wacholder wuchs in den Nebraska Sandhills kaum etwas. Die Sonne brannte erbarmungslos vom leicht bewölkten Himmel, wie ein loderndes Höllenfeuer, das alles Leben auf der Erde zu vernichten drohte.

Elaine ritt auf ihrer gescheckten Stute im Damensattel, wie sie es im heimatlichen Massachusetts gelernt hatte. Weasel Woman und Esther, die beiden jüngsten Sioux-Frauen, saßen rittlings auf ihren Ponys, die anderen Frauen mühten sich mit den Wagen ab. In dem zerklüfteten und felsigen Land war es schwer, einen Weg für sie zu finden. Die Männer ritten ihre gescheckten Pferde, den letzten Besitz, den sie ins Reservat gerettet hatten. Die Wagen hatten sie von einem weißen Händler geliehen, gegen bestickte Mokassins, die er für viel Geld verkaufen würde.

In dem zerklüfteten, von zahlreichen Bodenrinnen und schmalen Schluchten durchzogenen Land kamen sie nur langsam voran. Es gab weder Straßen noch Trails, nur trockene Erde, die selbst nach einem starken Gewitter innerhalb weniger Stunden wieder zu Sand zerfiel. Unter den Rädern ihrer Planwagen wirbelten Staubwolken auf und hingen minutenlang in der Luft.

Zwei Tage nachdem Chasing Crane bei ihnen gewesen war, kehrte One Crooked Foot mit einer erlegten Antilope von einem Ausflug zurück. Er teilte das Fleisch mit allen und hatte zumindest an diesem Abend gute Laune. Sogar seine ältere Frau lächelte ein wenig. Bis in die späte Nacht feierten sie.

Weitere zwei Tage später erreichten sie eine schäbige, aus Grassoden errichtete Hütte. Unter einem Vordach aus morschen Brettern lagen einige Heuballen. Im Schlamm vor der Hütte suhlten sich zwei Schweine und mehrere Ferkel.

Als sie ihre Wagen und die Pferde auf die Hütte zu lenkten, sprang ihnen ein zottiger schwarzer Köter entgegen und bellte ihre Pferde an. Die ältere Frau von One Crooked Foot vertrieb ihn, indem sie ein Stück Holz nach ihm warf.

Ein Mann mit einer alten Sharps-Flinte und eine verhärmte Frau in einem farblosen Calico-Kleid traten aus der Hütte und blickten ihnen misstrauisch entgegen. Hinter ihnen kamen vier Kinder heraus und drängten sich wie die Orgelpfeifen zwischen ihre Eltern. Elaine bemerkte, dass der Siedler den Finger am Abzug hatte und auch Whirling Hawk und One Crooked Foot ihre Gewehre schussbereit über den Sätteln liegen hatten. Die Indianerkriege waren zwar lange vorbei, aber sicher konnte man in dieser Gegend nie sein.

Elaine trieb ihr Pferd an und zügelte es vor der Familie. Keine Angst, wir kommen in friedlicher Absicht«, begrüßte sie die Leute höflich.

Der Mann blickte ungläubig zu ihr auf. »Du reitest im Damensattel? Du sprichst unsere Sprache? Du warst wohl auf dieser Internatsschule im Osten, von der sie in der Stadt erzählen.« Er kniff die Augen zusammen und musterte sie gegen das Sonnenlicht. »War dein Vater weiß? Oder deine Mutter?«

Elaine war es gewohnt, dass man sie für eine Indianerin hielt. Zumindest hier draußen, wo sie wie eine Sioux gekleidet war, sie ihre Haare zu einem langen Zopf geflochten trug und ihr zerbeulter Hut einen dunklen Schatten auf ihr Gesicht warf. Ihre Haut war von Wind und Wetter gebräunt und ließ sie, wenn man ihre blauen Augen nicht bemerkte, tatsächlich wie eine Sioux aussehen.

Sie stieg aus dem Sattel und schob amüsiert ihren Hut zurück. »Elaine Goodale«, stellte sie sich vor. »Ich unterrichte an der Missionsschule am White River. Ich begleite meine indianischen Freunde auf einem Jagdausflug.«

Der Mann wusste nicht, was er sagen sollte. Eine weiße Frau, noch dazu eine angesehene Lehrerin, hatte er nicht bei den Indianern erwartet. Welche Frau zog schon freiwillig mit einer Horde zerlumpter Wilder durch die Gegend? Ganz allein und ohne jeden Schutz? Als weiße Frau und gerade als Lehrerin war man doch sicher froh, wenn man das Reservat so schnell wie möglich hinter sich lassen und in die Zivilisation zurückkehren konnte.

Seine Frau konnte es genauso wenig fassen. Sie legte beide Hände an ihre Wangen und sagte: »Diese ... diese Wilden sind Ihre Freunde, Miss?«

»Weasel Woman ist eine getaufte Christin«, stellte Elaine ihre indianische Freundin vor. »Und sie ist meine beste Schülerin. Die anderen Männer und Frauen sind mit ihr verwandt.« Sie zählte die Namen ihrer Begleiter auf. »Könnten wir vor ihrem Haus übernachten? Wir haben frisches Antilopenfleisch. Wie wäre es, wenn wir zusammen zu Abend essen, Ma'am? Es ist genug für alle da. Wenn Sie die Biskuits beisteuern, laden wir Sie gern zum Essen ein.«

»Frisches Antilopenfleisch?« Der Siedler sicherte sein Gewehr, behielt es aber in den Händen. »Das hatten wir seit einer halben Ewigkeit nicht mehr. Ein paar Karnickel und Präriehunde hab ich geschossen, mehr nicht.« Er deutete mit einem Kopfnicken auf die Indianer. »Und sie reisen wirklich mit diesen ... diesen Wilden? Sind die denn nicht gefährlich?« Als Elaine nicht darauf antwortete, fuhr er verlegen fort: »Ich dachte, es gäbe keine Antilopen mehr.«

»One Crooked Foot ist unser bester Jäger«, erklärte Elaine. Sie wiederholte es in der Sioux-Sprache. Ihre Worte zauberten ein kaum merkliches Lächeln auf die grimmigen Züge des Kriegers. »Er findet noch Wild, wenn andere längst von Kaninchen und Präriehunden leben.« Auch diesen Satz übersetzte sie in die Sioux-Sprache. Sie sprach fast ohne einen Akzent.

»Sie sprechen die Sprache der Wilden?« Die Frau machte erneut einen verstörten Eindruck, sie hatte anscheinend immer noch Angst vor den Indianern. Aus großen Augen blickte sie Elaine an. »Wie kommt eine weiße ... eine gebildete Frau dazu, mit Wilden auf die Jagd zu gehen? Haben Sie denn keine Angst?«

Elaine war solche Fragen gewöhnt und reagierte relativ gelassen. »Diese Sioux gehören zu meinen besten Freunden, Ma'am. Für mich sind sie keine Wilden. Sobald Sie einige Zeit mit ihnen verbringen, stellen Sie fest, dass wir uns sogar sehr ähnlich sind. Wir sind alle Menschen, oder etwa nicht? Viele Indianer gehen zur Kirche und viele ihrer Kinder besuchen die Schule, damit sie es einmal besser haben als ihre Eltern. Sie sind gute Menschen. Der Krieg ist lange vorbei und sie kämpfen nur noch darum, einigermaßen über die Runden zu kommen und am Leben zu bleiben.« Sie bemerkte, dass sie mal wieder in den Fehler der meisten Lehrerinnen verfallen war und sich besserwisserisch verhielt. »Lassen Sie uns zusammen essen, Ma'am«, schlug sie deshalb erneut vor, »und Sie werden erkennen, wie unbegründet ihre Angst ist.«

Die Aussicht auf einen Antilopenbraten war für die Siedler so verlockend, dass weder der Mann noch die Frau etwas gegen den Vorschlag einwandten. Sie stellten sich als Augustus und Justine Schmitt vor, zwei Einwanderer aus dem fernen Europa, aus Deutschland, was auch ihren harten Akzent erklärte. Sie waren vor einigen Jahren mit dem Schiff nach New York gekommen, hatten dort ein halbes Jahr in der Lower East Side in einer Mietskaserne gehaust und waren dann bei der ersten Gelegenheit nach Westen gezogen. Hier ging es ihnen noch schlechter als den Indianern. Die wenigen Schweine, eine magere Milchkuh und ein Kartoffelacker, der kaum etwas hergab, waren ihre einzige Einnahmequelle. Das Gemüse in dem kleinen Garten neben dem Haus war während der langen Trockenheit verdorrt und hatte sich auch nach dem Gewitter nicht mehr erholt.

Im Haus sah es nicht viel besser aus. Der Siedler hatte die Grassoden, aus denen es gebaut war, nur teilweise mit Brettern verschalt. Durch einen breiten Spalt in dem Vorhang, der den Wohnbereich vom Schlafraum abtrennte, erkannte Elaine, dass die Wände im Schlafraum mit der Plane eines Wagens abgehängt waren. Auf dem verblichenen Stoff konnte sie noch die Buchstaben des Firmennamens der Frachtgesellschaft lesen. Aus demselben Material waren die Vorhänge vor dem einzigen Fenster. Auf dem bloßen Erdboden stand ein Tisch mit fünf Stühlen, ein Küchenschrank und ein Herd, und an einem der Bretter hing das gerahmte Hochzeitsfoto der Schmitts.

»Wir haben in Deutschland geheiratet«, sagte Justine Schmitt, während Elaine das Foto betrachtete. »Im Ulmer Münster.« Es klang wehmütig, als sehne sie sich nach Deutschland zurück. »Kennen Sie Ulm? Ulm ist eine schöne Stadt.«

»Nein«, erwiderte Elaine, »ich komme von einer Farm in Mount Washington – das liegt in Massachusetts. Ich war noch nie in Europa.« Sie sah ihr beim Kneten des Teigs zu, half ihr, die Biskuits zu formen und das Blech in den Ofen zu schieben. »Sie haben es nicht einfach hier draußen, nicht wahr?«

Justine schloss die Ofentür und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Im hellen Sonnenlicht, das durchs Fenster hereinfiel, war deutlich zu erkennen, wie sehr ihr Wind und Wetter und das harte Leben auf der Prärie zugesetzt hatten. Sie konnte höchstens vierzig sein, sah aber aus wie sechzig.

Sie setzte sich auf einen Stuhl und legte beide Hände in den Schoß. »Wir hatten es nie einfach, Ma'am. In Deutschland wollten sie uns einsperren, weil wir die Pacht nicht mehr bezahlen konnten, und in New York ...« Sie senkte die Stimme, damit ihr Mann, der den Indianern auf der Lichtung vor dem Haus beim Braten der Antilope half, sie nicht hören konnte. »In New York verprügelten die Iren meinen Mann, bis er kaum noch stehen konnte. Die Iren mögen uns nicht, wissen Sie? Eigentlich wollten wir nach Kalifornien. Dort soll es fruchtbare Täler geben. Aber irgendwie hat es nicht geklappt. Wie wir in dieser Einöde gelandet sind, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht hätten wir in den Black Hills nach Gold graben sollen, dann wären wir jetzt vielleicht reich und könnten uns doch eine Farm in Kalifornien leisten.«

»In den Black Hills wurde kaum jemand reich«, klärte Elaine die Siedlerfrau auf. Sie ging nicht darauf ein, dass man die Berge den Sioux weggenommen und Elaine sich in zahlreichen Zeitungsberichten und Vorträgen gegen die Verkleinerung der Great Sioux Reservation gewandt hatte. Stattdessen lächelte sie der Frau aufmunternd zu. »So eine Trockenheit wie dieses Jahr kann es nur einmal geben. Sie werden sehen, nächsten Sommer geht es wieder aufwärts.«

Die Indianerfrauen hatten die Planwagen zu einem Halbkreis zusammengefahren, um besser gegen den böigen Wind geschützt zu sein. In ihrem Schatten setzten sie sich zum Essen nieder. Das Antilopenfleisch schmeckte köstlich und zauberte neuen Glanz in die Augen der Siedler. Sie hatten die letzten Monate fast ausschließlich von Maisbrot und Mehlsoße gelebt und waren froh, endlich wieder einmal Fleisch zu essen. Toby, der siebenjährige Sohn der Siedlerfamilie, schlang so viel in sich hinein, dass er sich übergeben musste.

Obwohl die Indianer noch vor wenigen Tagen für die Rückkehr der alten Zeiten und den Tod oder die Vertreibung der weißen Eindringlinge getanzt und gesungen hatten, verstand man sich großartig. Im flackernden Schein des Feuers erzählten die Schmitts von Deutschland und der großen Kirche, in der sie getraut worden waren, und Whirling Hawk, der beste Geschichtenerzähler des Jagdtrupps, berichtete von dem schlauen Kojoten, der seinen Stamm ständig zum Narren hielt, und Elaine übersetzte. Als Augustus Schmitt schließlich eine Maultrommel aus seiner Hosentasche zauberte und einige Lieder zum Besten gab, verstand man sich so gut, als hätten alle am Feuer die gleiche Hautfarbe.

Erst kurz vor Mitternacht, als das Feuer schon beinahe heruntergebrannt war, gab es Ärger. One Crooked Foot entfernte sich vom Feuer, angeblich, um sich hinter einem Gebüsch zu erleichtern. Doch als Elaine sich umdrehte, um eine Decke über ihre Schultern zu ziehen, sah sie, wie er im Haus verschwand. Er kehrte mit dem Sharps-Gewehr des Siedlers zurück und rief: »Was willst du für das Gewehr haben, weißer Mann? Mein Kriegshemd? Meine Mokassins?«

Augustus sprang auf und griff nach seinem Messer. Er ließ es aber stecken und schnauzte den Indianer nur an: »Was fällt dir ein, mein Gewehr zu stehlen? Bring es ins Haus zurück, du Strauchdieb, oder ich drehe dir den Hals um!«

One Crooked Foot machte sich gern über andere Leute lustig. Beinahe liebevoll strich er über das Schloss der Waffe. »Ein gutes Gewehr. Damit könnte ich viele Antilopen erlegen. Und Büffel, wenn sie wiederkommen. Was willst du dafür haben, weißer Mann? Ich will es nicht stehlen, ich will bezahlen.«

Elaine wusste, wie eine solche scheinbar harmlose Situation eskalieren konnte, und erhob sich hastig. Sie trat zwischen One Crooked Foot und Augustus Schmitt. »Er will Ihnen das Gewehr nicht wegnehmen«, versuchte sie den Siedler zu beruhigen. »Er hätte nicht allein ins Haus gehen dürfen, das stimmt, aber er hat es nicht böse gemeint. Er will Ihnen das Gewehr abkaufen und fragt, was Sie dafür haben wollen. Seine Mokassins? Sein Kriegshemd?«

»Ich will es aber nicht verkaufen«, erwiderte der Siedler, immer noch aufgebracht. »Ich habe nur dieses eine Gewehr. Außerdem ist es verboten, Waffen und Munition an Indianer zu verkaufen. Das müssten Sie doch wissen!«

Natürlich wusste Elaine das. Auch der Verkauf von Alkohol an Indianer war streng verboten – ein Gesetz, das sie immer unterstützt hatte.

Sie wandte sich an One Crooked Foot. »Sei vernünftig«, forderte sie ihn auf. »Du weißt, dass es verboten ist, Waffen an Indianer zu verkaufen. Gib sie zurück.«

Der Indianer wollte nicht hören und trat auf den Siedler zu. »Was will der weiße Mann mit einem Gewehr, wo er doch nicht einmal weiß, dass es noch Antilopen gibt? Worauf will er denn schießen? Auf seine Schweine?«

»Gib ihm die Waffe zurück«, mischte sich Whirling Hawk ein. Er befürchtete wohl ebenfalls, dass One Crooked Foot mit seiner provozierenden und vorlauten Art einen gefährlichen Zwischenfall heraufbeschwor. »Wir wollen keinen Ärger mit den Weißen. Sie haben uns gut behandelt. Gib sie zurück.«

Die Frau, mit der One Crooked Foot ständig stritt, sprang auf. »Lass den Unsinn!«, rief sie. »Oder willst du, dass sie uns in das Haus mit den vergitterten Fenstern sperren? Du weißt, was mit dem Krieger passiert ist, der Rinder von den Weißen gestohlen hat. Willst du auch an einem Strick baumeln?«

»Halt den Mund!«, blaffte One Crooked Foot zurück. »Ich will das Gewehr nicht stehlen. Ich bezahle dafür. Ich will mit dem weißen Mann handeln.«

»Es ist verboten! Du hast es gehört!«

Elaine überlegte gerade, wie sie den Krieger dazu bringen konnte, die Waffe aus der Hand zu legen, als sich die Frau des Siedlers zu Wort meldete. Das Festmahl hatte ihr anscheinend neue Kraft und neuen Mut gegeben. Oder möglicherweise war es auch die Verzweiflung, die sie fragen ließ: »Hast du Geld? Wenn du uns Geld gibst, kannst du das Gewehr behalten.« Sie blickte ihren Mann an. »So ist es doch, Augustus, nicht wahr? Wir brauchen Geld.«

»Indianer haben kein Geld«, erwiderte der Siedler. »Die sind genauso arm oder noch ärmer als wir. Du hast doch gehört, was ihnen die Regierung gibt.«

»Ich habe Gold«, verkündete One Crooked Foot zur Überraschung aller. Er ging mit dem Gewehr zu einem der Wagen, kramte in einem Koffer, den er während des Krieges gestohlen hatte, und kehrte mit einem kleinen Lederbeutel zurück. Er klemmte das Gewehr unter den Arm und schüttete zwei Nuggets auf seine linke Handfläche. »Ich gebe dir ein Nugget für das Gewehr. Das ist mehr, als du von jedem weißen Händler dafür bekommen würdest.«

»Wo hast du die Goldkörner her?«, rief One Crooked Foots streitbare Frau. »Warum weiß ich nichts davon? Wir hätten Stoff für neue Kleider kaufen können. Und einen neuen Topf. Was willst du mit einer Waffe? Du hast ein Gewehr. Ist das nicht genug? Schießt du neuerdings mit zwei Gewehren?«

Schweig!«, herrschte One Crooked Foot sie an. »Du verstehst nichts von Gewehren. Mit einer Sharps kann man viele Büffel töten. Buffalo Bill hatte so ein Gewehr. Wenn die Herden zurückkommen, werde ich es brauchen.«

Er wollte dem Siedler eines der Nuggets geben, aber der deutete auf seine Frau, die bereits die Hand aufhielt und es rasch in ihrer Schürzentasche verschwinden ließ. Sie mussten das Gold sehr dringend brauchen, wenn sie dafür sogar ihr einziges Gewehr eintauschten.

»Es soll niemand sagen, wir würden den armen Weißen nicht helfen«, spottete der Indianer. Elaine übersetzte die Worte nicht, sie wollte den armen Siedler und seine Frau nicht unnötig demütigen.

Unter den Indianern löste die Bemerkung von One Crooked Foot große Erheiterung aus und am nächsten Morgen, als sie sich von den Siedlern verabschiedet hatten und weiterzogen, erfuhr Elaine auch den Grund dafür.

»Ist es nicht komisch, dass es Weiße gibt, die noch ärmer sind als wir?«, rief Whirling Hawk, als sie außer Hörweite der Hütte waren. »Sie haben uns die heiligen Pa Sapa und alles Land genommen, das ihnen wertvoll erscheint, und doch gibt es Weiße, die noch weniger zu essen haben als die ärmsten Sioux. Die in schäbigen Hütten wohnen, trockene Felder pflügen und so magere Milchkühe haben, dass man keinen Tropfen mehr herausbekommt.«

»Und wir haben ihnen geholfen«, tönte One Crooked Foot, diesmal ohne einen Kommentar seiner Frau. »Wir haben ihnen mehr Essen und mehr Gold gegeben, als die Regierung uns gibt.« Er reckte die Hand mit dem neuen Gewehr in die Höhe.

Da wusste Elaine, dass ihre Begleiter durch die Begegnung mit der mittellosen Siedlerfamilie einen Teil ihres Stolzes zurückgewonnen hatten. Warum sollten sie sich beklagen, wenn es weiße Familien gab, die noch ärmer waren als sie und nicht mal wussten, dass es noch Antilopen gab?

Doch woher der Krieger die Nuggets hatte, erfuhr sie nie.

Kapitel 3

Am Niobrara River verbrachten Elaine und die Indianer mehrere Tage in einer mit Kiefern bewachsenen Schlucht. Dort gab es mehr Antilopen, als sie während der letzten Wochen insgesamt gesehen hatten, und jede Mahlzeit war ein Fest.

Mit den Wagen war in der zerklüfteten Schlucht kaum ein Vorwärtskommen, daher lagerten sie gleich hinter dem Eingang im Schutz einiger schroffer Felsen. Während die Männer auf der Jagd waren und der Medizinmann Yellow Eyes an einem geheimen Ort zum Großen Geist betete, zog Elaine mit den Frauen los und sammelte Spruce Gum, einen Kaugummi aus Fichtenharz, der bei den Sioux sehr beliebt war. Weasel Woman zeigte ihr Teepsinna, eine Wurzel mit süßlichem Geschmack, die nach Pilzen und Rüben schmeckte.

Elaine lernte viel in diesem Sommer. Von Yellow Eyes erfuhr sie, dass »Wakan Tanka« eigentlich »Großes Geheimnis« bedeutete und jeder junge Krieger vier Tage und vier Nächte auf einem einsamen Berg fastete, um seinen Schutzgeist zu treffen, einen Schutzengel in Tiergestalt, der ihn sein ganzes Leben begleiten würde. Weasel Woman und einige der anderen Frauen zeigten ihr Kräuter, Wurzeln und Beeren, die sie zum Kochen und Verfeinern von Gerichten benutzten. Sie lernte, dass die »Squaws«, wie sie abfällig von den meisten Weißen genannt wurden, keine Sklavinnen waren und sich sehr wohl gegenüber den Männern behaupten konnten – nicht nur die streitbare Frau von One Crooked Foot. Dass Indianer nicht so ernst und grimmig waren, wie die Weißen behaupteten, und sogar herzlich lachen konnten. Dass Indianerinnen keuscher als gottesfürchtige weiße Frauen in New England waren und selten nackte Haut sehen ließen. Sie erfuhr, wie großzügig Indianer waren und wie herzlich und freundlich sich besonders die Frauen verhielten.

Whirling Hawk überraschte sie. Der ernste Krieger und Anführer des Trupps erwies sich während ihres sommerlichen Jagdausflugs als humorvoller Mann, der sich auch für einen Scherz nicht zu schade war. Als sie an einen Bach kamen und mehrere Enten im Wasser schwimmen sahen, sprang er, ohne zu zögern und ohne sich seiner Kleidung zu entledigen, einfach ins Wasser und fing zwei Enten mit bloßen Händen. Am abendlichen Lagerfeuer brach er darüber in schallendes Gelächter aus.

Die Sandhills waren ein einsames Land. Wie die erstarrten Wellen eines stürmischen Meeres lag es vor ihnen, ein Ozean aus trockener Erde und gelbem Gras, der von vereinzelten Schluchten und schmalen Bächen durchzogen wurde. Die wenigen Siedlungen, eigentlich nur schäbige Dörfer oder Ansammlungen von ein paar Häusern, verdankten ihre Existenz entweder einer Ranch oder der Eisenbahn, die 1887 bis in die Sandhills vorgedrungen war. Ihre Schienen zerteilten das endlose Grasmeer wie eine Lebensader.

Im August erreichten Elaine und der Jagdtrupp einen Ort, der Whitman hieß, inmitten blühender Sonnenblumen und einer vom Wind aufgeblähten Wolke aus feinem Sand lag und nur aus sechs Häusern bestand, darunter der Bahnhof, ein Frachtgebäude, eine Kirche, ein Laden und ein »Saloon & Restaurant«, das weder den einen noch den anderen Namen verdiente.

Sie lagerten vor der Stadt zwischen den Sonnenblumen und bekamen augenblicklich Besuch von den meisten Bürgern der Stadt. Whitman hatte fünfzehn Einwohner, brüstete sich' aber damit, ein bedeutender Handelsplatz zu sein. »Sonst wäre bestimmt nicht die Eisenbahn hier durchgekommen«, betonte Howie Lennox, der Ladenbesitzer und selbst ernannte Bürgermeister der Siedlung.

Wie fast überall in den Sandhills wurden Elaine und die Indianer freundlich von den Siedlern aufgenommen, was vor allem ein Verdienst der jungen Lehrerin war, die auch hier befremdliche Fragen über sich ergehen lassen musste, bevor ein vernünftiges Gespräch in Gang kam. »Beaufsichtigen Sie die Indianer?«, fragte etwa Howie Lennox, und seine Frau, eine knochige und im rauen Nebraskawind rasch gealterte Lady, schlug vor, mit den Indianern nach Osten zu reisen und dort einen Zirkus zu gründen, »so wie dieser Buffalo Bill. Der macht ein Vermögen mit den Wilden. Das sollten Sie auch versuchen.«

Elaine war jedoch mehr daran interessiert, ob mit der Eisenbahn einige Briefe für sie gekommen waren. Bevor sie losgezogen waren, hatte sie ihrer Mutter und ihrer Schwester Dora in Northampton den Bahnhof in Whitman als Adresse mitgeteilt. Tatsächlich wartete ein Brief ihrer Schwester im Telegrafenbüro auf sie.

Während die Indianer und die meisten Bürger versuchten, mit ihrer wenigen Habe einen Tauschhandel aufzuziehen, setzte sich Elaine auf eine Bank am Bahnhof und las den Brief.«

Liebe Elaine«, begann Dora, »ich habe mich sehr gefreut, endlich wieder von dir zu hören. Ich weiß nicht, ob ich bereuen soll, nicht mit dir in die Dakotas gezogen zu sein, aber dazu erscheint mir das Leben in der Wildnis doch zu mühselig und entbehrungsreich. Wie anders sich das Leben außerhalb unserer kleinen Welt in den Berkshires doch präsentiert. Was dich allerdings dazu treibt, dein Talent und dein Wissen ausgerechnet den Indianern zu widmen, werde ich wohl nie verstehen. Man muss sicherlich von großartigen Idealen und dem entschiedenen Willen, die Segnungen der Zivilisation selbst in die entlegensten Gebiete unseres Landes zu bringen, beseelt sein, um die Mühsal des Lebens in der Wildnis ertragen zu können. Mich würde schon das Wetter abschrecken, die unerträglich heißen Sommer und die Staubstürme, von denen du berichtest, die heftigen Gewitter und die strengen Winter. Ich bedauere die Indianer, dass man sie in diese entlegenen Gebiete vertrieben hat, und denke oft darüber nach, wie du es fertigbringst, in diesem doch von großer Armut und ständiger Gefahr bestimmten Land zu überleben und dich an deinem mühseligen Alltag sogar noch zu erfreuen.«

Elaine ließ die Hand mit dem Brief sinken und blickte am Schienenstrang entlang auf die untergehende Sonne. Ihre Schwester hatte recht. Ihre Heimat lag mehrere Tagesreisen entfernt und dies war ein anderes Land, vielleicht sogar ein anderer Kontinent. Hier lebten Menschen, die man an der Ostküste nur vom Hörensagen oder aus den Wildwestshows eines Buffalo Bill kannte und als »bedauernswerte Eingeborene« oder »gefährliche Wilde« sah. Niemand verstand die Sioux wirklich, nicht einmal General Armstrong, der Gründer der Indian School in Hampton Roads, was ein Grund dafür war, warum sie in den Westen gefahren war, um die Indianer als Menschen kennenzulernen.

Sie hielt den Brief in den Lichtschein der einsamen Laterne am Bahnhofsgebäude und las weiter: »Gleichwohl weckt deine aufopferungsvolle Arbeit großes Interesse in der Presse und bei den Behörden. Der freundliche General Armstrong hat uns schon mehrmals besucht und blieb einen Abend sogar zum Essen, nur um Mutter mitzuteilen, was für eine fähige Tochter sie habe. Du hättest Mutter sehen sollen. Du weißt, dass sie von deiner Berufswahl und deinem Drang zur Unabhängigkeit nicht gerade begeistert ist, aber dieses Lob von einem so anerkannten Mann gefiel ihr doch. Herbert Welsh, der Gründer der Indian Rights Association, machte auf dem Rückweg von einer Konferenz bei uns halt und war ebenso voll des Lobes. Er will dich nach deiner Rückkehr im Herbst für eine Vortragsreise verpflichten. Es bleibt doch dabei, dass du im Herbst für längere Zeit aus deinem Exil in den Osten zurückkommst?«

Elaine seufzte bedrückt. Sie hatte Weasel Woman noch nicht gesagt, dass sie als Lehrerin in der Missionsschule aufhören und nach dem Jagdausflug in ihre alte Heimat zurückkehren würde. Nicht für immer, nur so lange, bis sie den Ausbau der Day Schools vorangetrieben hatte und eine neue, verantwortungsvollere Stellung in den Sioux Reservations angeboten bekam. Aber ein Jahr konnte es schon dauern, bis man sie ins Land der Sioux zurückschickte.

»Mutter lässt dich herzlich grüßen«, schrieb Dora weiter. »Nach der Trennung von unserem Vater, der jetzt in New York lebt und sich nur noch selten meldet, ist sie sichtlich aufgeblüht. Sie schreibt Gedichte für einige Zeitungen und verbringt viel Zeit in Bibliotheken und im Theater. Auch ich habe einen künstlerischen Weg eingeschlagen und studiere jetzt an der Art School am Smith College. Wie du weißt, sind wir nach der Trennung in ein gemietetes Landhaus nach Northampton gezogen. Du bist herzlich eingeladen, bei uns zu wohnen, wenn du kommst. Das schreibe ich dir auch im Namen von Mutter. Sie wollte dir ebenfalls einen Brief schreiben, aber du weißt ja, wie sie ist. Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist sie vor allem um die Disziplin in unserem Haus besorgt und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass ihre beiden ältesten Töchter einen angesehenen Mann heiraten und ihr Streben nach einem eigenen Beruf einschränken. Damit wird sie wohl weder bei dir noch bei mir Erfolg haben. Für einen Ehemann würde ich meinen Beruf niemals aufgeben. Es müsste schon ein ganz besonderer Mann sein. Ich freue mich auf dich, liebe Schwester. Ich wünsche dir eine gute Reise und sei herzlich gegrüßt von deiner Schwester Dora. PS: Rose und Robert lassen dich ebenfalls grüßen.«

Elaine faltete den Brief zusammen und kehrte nachdenklich zum Lager zurück. Sie würde Weasel Woman erzählen, dass sie zu ihren Verwandten nach Hause fahren würde. Nicht sofort, aber irgendwann in den nächsten Tage. Sie würde ihre Worte sorgfältig wählen müssen, um sie nicht zu verletzen. Ihre indianische Freundin war einige Jahre jünger als sie und würde sicher nicht verstehen, dass sie diesen Weg einschlagen musste, wenn es eine bessere Zukunft für die Sioux geben sollte. Ohne politische Ränkespiele, und auf genau die wollte sie sich einlassen, erreichte man in Washington nichts.

»Da bist du ja«, empfing Weasel Woman sie. Meist benahm sie sich wie eine erwachsene Schwester, manchmal aber auch wie ihre minderjährige Tochter. »Du hast einen Brief bekommen, nicht wahr?«

»Von meiner Schwester«, antwortete Elaine. Sie ahnte, dass ihre junge Freundin neugierig war und zu gern gewusst hätte, was in dem Brief stand, hütete sich aber, ihr den genauen Inhalt mitzuteilen. Scheinbar beiläufig verstaute sie den Brief in einer Tasche ihres Kleides. »Sie lebt bei unserer Mutter und unseren Geschwistern«, sagte sie nur. »Sie lassen meine Sioux-Freunde grüßen.«

Davon stand zwar kein Wort in dem Brief, aber manchmal war es besser, die Frage einer guten Freundin mit einer Lüge zu beantworten. Weasel Woman war eine gefühlvolle Frau. Warum hätte Elaine sie unnötig verletzen sollen?

Weasel Woman strahlte. »Dann gibt es noch mehr weiße Frauen, die uns mögen!« Ihr Strahlen verschwand. »Wo ist dein Vater? Ist er gestorben?«

»Meine Eltern haben sich getrennt«, erklärte Elaine. »Vielleicht will meine Mutter deshalb, dass ich mir einen erfolgreichen Mann suche und heirate.«

Weasel Woman nahm diese Worte nicht als Scherz auf. »Wie willst du das anstellen? Selbst eine Minneconjou wie ich bekommt so leicht keinen Mann mehr. Es gibt kaum noch einen Krieger, der eine Frau ernähren kann. Bevor die Weißen nach Westen kamen, heirateten unsere Frauen mit vierzehn oder fünfzehn. Ich habe bereits achtzehn Winter gesehen und bin immer noch ledig. Früher hätten mich die anderen belächelt, doch jetzt bin ich eine von vielen, denen es so geht.«

Sie blickte Elaine forschend an. »Wo willst du hier draußen einen weißen Mann finden? Ein Farmer passt nicht zu dir und die anderen Männer ... Aah, du brauchst keinen Mann, Elaine. Du bist eine Kriegerfrau. Wenn es einen Mann für dich gibt, dann muss er so tapfer sein wie Tashunka Witko, und du weißt selbst, dass es nur wenige solcher Männer gibt.« Tashunka Witko war der indianische Name von Crazy Horse, dem legendären Krieger, der General Custer am Little Bighorn besiegt hatte und vor zwölf Jahren von einem Soldaten erstochen worden war.

Sie gesellten sich zu den anderen. Die Bewohner, die mit den Indianern gehandelt hatten, waren in ihren Ort zurückgekehrt, und die Indianer saßen allein um das Feuer herum, aßen die Reste der Antilope, die über dem Feuer briet, und bestaunten die kleinen Schätze, die sie gegen ihren kargen Besitz eingetauscht hatten. Eine der Frauen hatte sogar ihre Mokassins für einen breitkrempigen Hut mit einer bunten Feder gegeben, den sie stolz wie eine Trophäe trug. Whirling Hawk, der sich wohl in dem See mit den Enten erkältet hatte und über Fieber klagte, hatte vom Ladenbesitzer einen starken Hustensaft bekommen, an dem er ständig nuckelte.

Da es in der Gegend etliche Klapperschlangen geben sollte, schliefen Elaine und Weasel Woman in einem der Wagen. Elaine lag noch lange wach, starrte in die Dunkelheit und dachte über den Brief nach. Ihre indianische Freundin schlief tief und fest. Aus den Nachbarwagen drang das Schnarchen der Männer. Die Leute aus Whitman hatten keinen Whiskey getauscht, da sie sicher aus Erfahrung wussten, was alles passieren konnte, wenn Alkohol im Spiel war.

Mitten in der Nacht schreckte Elaine aus einem Albtraum auf. In dem Traum hatte ihre Mutter sie gezwungen, einen Mann zu heiraten, der dem deutschen Siedler ähnelte. Der Pfarrer hatte bereits die entscheidende Frage gestellt und aus dem Mund des Mannes war ein erfreutes »Ja« gekommen. Doch als sie die Augen öffnete, vernahm sie statt feierlicher Orgelmusik ein lautes Stöhnen.

»Weasel!«, weckte sie ihre junge Freundin.

Weasel Woman fuhr hoch und war sofort hellwach, eine Fähigkeit, die Elaine bei vielen Indianern beobachtet hatte. Auch die Indianerin bemerkte das Stöhnen. Sie kletterten zusammen aus dem Wagen und sahen, dass Whirling Hawk sein Nachtlager verlassen hatte und wie ein Betrunkener zum Feuer stolperte. Sein hagerer Körper krümmte sich vor Schmerz und er presste beide Hände vor den Bauch. An der Feuerstelle sackte er auf die Knie und stöhnte wie ein Krieger, dem man ein Messer in den Bauch gerammt hatte.

Im ersten 'Augenblick glaubten Elaine und Weasel Woman, dass genau das passiert war. Doch als sie zu ihm rannten, sahen sie, dass er zumindest äußerlich unverletzt war. Sie legten ihn vorsichtig auf den Rücken. Weasel Woman holte eine Wolldecke und deckte ihn damit zu. Auch Whirling Hawks Frauen und die meisten anderen Männer und Frauen waren inzwischen aus den Wagen geklettert und blickten ängstlich auf ihren stöhnenden Anführer.

»Er stirbt!«, rief eine seiner Frauen ängstlich. »Whirling Hawk stirbt!«

Elaine schob einen Arm unter den Nacken des Anführers. Obwohl er dicht am Feuer lag, zitterte er am ganzen Körper. Seine Augen flackerten nervös. »Mir ... mir ist so ... so übel«, stammelte er. »Die Me... Medizin. Ich ... ich kann nicht mehr ...«

Yellow Eyes, der Medizinmann, beugte sich über den kranken Mann und legte beide Hände auf seinen schmerzenden Magen. Die Augen zum Himmel gewandt, stimmte er ein heiliges Lied an, das schon seine Vorfahren gesungen hatten, um die bösen Geister aus einem kranken Körper zu vertreiben.

Elaine traute den Methoden des Medizinmanns nicht und wollte in die Stadt laufen und nach einem Doktor fragen, aber auch der hätte Whirling Hawk nicht mehr helfen können. Yellow Eyes hatte gerade erst ein paar klagende Laute ausgestoßen, als sich Whirling Hawks Körper im Todeskampf aufbäumte und jählings erschlaffte. Seine Augen starrten voll Entsetzen zum Himmel.

Seine beiden Frauen verfielen in lautes Wehklagen. Sie schnitten sich dichte Büschel aus ihren langen Haaren und brachten sich Wunden mit ihren Messern bei, wie es Brauch bei den Sioux war. Seine ältere Frau streckte beide Arme zum Himmel und sang sein Totenlied. Er selbst war zu schwach gewesen, um es noch anzustimmen. Die jüngere Frau stand mit blutenden Armen und Beinen vor dem toten Körper ihres Mannes, das Messer in der rechten Hand, die Augen vor Schreck weit geöffnet. Weasel Wo-man, die mit ihr befreundet war, nahm sie in die Arme und sprach ihr flüsternd Trost zu.

Einer der Krieger brachte zwei leere Flaschen aus dem Wagen, in dem Whirling Hawk und seine beiden Frauen geschlafen hatten. Auf der größeren stand »Hustensaft«, auf der kleineren »Starke Medizin«.

»Ich habe gesehen, wie er seine Halskette aus Bärenklauen gegen die Flaschen eingetauscht hat«, erklärte der Krieger. »Bei dem dicken Mann, dem der kleine Laden gehört.«

Elaine betrachtete die Aufschriften und seufzte betrübt. »In der kleinen Flasche war eine starke Medizin«, sagte sie, »er hätte niemals alles auf einmal trinken dürfen.« Sie roch an beiden Flaschen, schüttelte den Kopf, weil sie den Inhalt nicht bestimmen konnte, und wandte sich an One Crooked Foot, den neuen Anführer des Jagdtrupps: »Reite mit mir zu dem Ladenbesitzer, Crooked Foot«, bat sie. »Ich möchte ihn etwas fragen.«

Sie sattelten die Pferde und ritten in die Stadt. One Crooked Foot hatte sein neues Sharps-Gewehr dabei, wirkte aber ruhig und gefasst. Er machte nicht den Eindruck, als würde er die Nerven verlieren. Er wirkte eher etwas verstört. Während sie über die Hügel ritten, erfuhr Elaine auch, was ihn beschäftigte.

»Ich habe so etwas kommen sehen«, gestand er zögernd. »Der Mann, der gegangen ist, trank gern Feuerwasser. Niemand wusste davon, nicht mal seine Frauen, aber mir konnte er nichts vormachen. Wir kennen uns seit unserem ersten Sonnentanz vor vielen Wintern. Er war selbst unglücklich darüber und ahnte, dass er einmal daran zugrunde gehen würde, wollte aber nicht, dass jemand von seiner Schwäche erfuhr. Er war ein tapferer Krieger und einer der besten Jäger, die ich kenne. So sollten wir ihn in Erinnerung behalten.« Er blickte Elaine besorgt an. »Sie werden ihn doch nicht verraten?«

»Nein, ich werde ihn nicht verraten«, sagte Elaine, »aber ich glaube nicht, dass Whiskey oder Brandy in den Flaschen war. Es muss etwas viel Stärkeres gewesen sein, etwas Giftiges, sonst wäre er nicht daran gestorben.«

Vor dem Saloon, in dem noch Licht brannte, banden sie die Pferde an. Sie betraten das Lokal und sahen den Ladenbesitzer mit einigen anderen Männern am Tresen stehen. Sie blickten den Neuankömmlingen verstört entgegen. Weder Indianer noch Frauen waren in einer solchen Kneipe erwünscht.

»Mister Lennox«, sprach Elaine den dicken Bürgermeister direkt an. »Was haben Sie dem Indianer verkauft?« Sie zeigte ihm die leeren Flaschen. »Was war da drin?«

»In der einen Flasche war Hustensaft«, erwiderte der Ladenbesitzer nervös. Auch die anderen Männer machten einen unruhigen Eindruck, wahrscheinlich störte sie das Sharps-Gewehr, dass One Crooked Foot in den Händen hielt. »Und in der anderen ... hören Sie, Ma'am, der Indianer wollte unbedingt ...«

»Er ist daran gestorben«, erklärte Elaine. »Was war in den Flaschen?«

»Gestorben? Er ist tot?« Lennox wusste nicht, was er darauf antworten sollte. »Kann sein, dass Alkohol in dem Hustensaft war«, meinte er schließlich, »in fast jeder Medizin ist Alkohol, sonst wirkt sie nicht. Aber davon stirbt man nicht. Selbst wenn man die ganze Flasche trinkt, kann man von dem Hustensaft nicht sterben. Der ist vollkommen ungefährlich. Stimmt's, Ben?« Er blickte einen der anderen Männer Hilfe suchend an, bekam aber keine Antwort.

»Was war in der kleinen Flasche?«

»Hat er die etwa auch getrunken?« Der Ladenbesitzer riss entsetzt die Augen auf. »Da war ein Extrakt aus Eisenhut drin. Ich hab ihm mehrmals gesagt, dass die Medizin nur für kranke Pferde ist. Für Menschen ist sie viel zu stark. Er hätte sie niemals trinken dürfen, Ma'am. Selbst Pferden darf man sie nur in kleinen Dosen verabreichen.« Er wich einen Schritt zurück und starrte ängstlich auf das Gewehr, das One Crooked Foot schussbereit in beiden Händen hielt. Sein Tonfall wurde weinerlich. »Es tut mir furchtbar leid. Vielleicht hat die junge Indianerin falsch übersetzt. Ich spreche kein Sioux und konnte mich nur mit Händen und Füßen verständlich machen.«

Elaine wandte sich an One Crooked Foot und berichtete ihm, was der Ladenbesitzer gesagt hatte. »Es war ein tragischer Unfall«, fügte sie hinzu. »Der Mann, der gestorben ist, dachte wohl, es wäre scharfes Wasser in der kleinen Flasche. Der weiße Mann hat keine Schuld. Er hat Whirling Hawk gewarnt.«

One Crooked Foot wollte mit der Waffe auf den Ladenbesitzer anlegen, aber Elaine drückte den Lauf des Gewehres nach unten und blickte den Krieger scharf an. »Damit holst du deinen Anführer auch nicht zurück. Oder willst du, dass dich die weißen Männer ins Gefängnis sperren? Der Ladenbesitzer hat ihn gewarnt. Er hätte die Pferdemedizin nicht trinken dürfen.«

»Er ist Arzt«, widersprach One Crooked Foot gefährlich ruhig. »Er hätte sehen müssen, dass es bei uns kein krankes Pferd gibt. Auch er hat schuld.«

»Ich weiß«, erwiderte sie, »und er wird dafür bezahlen.«

Sie wandte sich an den Ladenbesitzer. »Sie tragen eine Mitschuld, Mister Lennox«, warf sie ihm vor. »Zeigen Sie Ihren Respekt, indem Sie uns einen Sarg für den Leichnam geben. Wir wollen den toten Krieger würdig begraben.«

Darauf ließ sich Lennox ein. Noch in derselben Nacht fuhr er einen schlichten Fichtensarg zum Lager der Indianer hinaus. Von seinem schlechten Gewissen geplagt, sprach er kein Wort und vermied es, Elaine und die Indianer anzusehen. Er war sichtlich froh, so glimpflich davonzukommen.

Sie bestatteten Whirling Hawk wie einen weißen Mann, begruben den Sarg mit seinem leblosen Körper in der Erde, anstatt ihn auf ein Gerüst zu betten, von wo seine Seele über die Milchstraße auf die andere Seite hätte ziehen können. Aber sie wählten nicht den Friedhof von Whitman, auf dem man ohnehin keine farbigen Menschen geduldet hätte, sondern begruben ihn auf der Prärie, die stets seine Heimat gewesen war. Die restliche Nacht und den ganzen nächsten Tag war die heiße Luft vor der Siedlung vom Wehklagen der beiden trauernden Witwen und den heiligen Gesängen des Medizinmannes erfüllt.

»Möge er in Frieden ruhen«, sagte Elaine an seinem Grab.

Kapitel 4

An einem kühlen Oktobertag verließ Elaine das Reservat. Mehrere Männer und Frauen der Lame Horse Band, die am White River ihr Lager hatte, begleiteten sie auf Pferden und Wagen zum Bahnhof von Chamberlain. Weasel Woman ritt die gescheckte Stute, die Elaine ihr nach ihrer Rückkehr von dem Jagdausflug geschenkt hatte – als kleinen Trost für den plötzlichen Abschied.

Elaine war tief gerührt von der Anteilnahme ihrer neuen Freunde und bedankte sich auf dem Bahnsteig. »Dies ist kein Abschied für immer«, sagte sie. »Ich komme wieder, vielleicht schon bald. Ich werde euch nicht vergessen.«

Weasel Woman schämte sich ihrer Tränen nicht, als sie sich von ihr verabschiedete. »Du hast mich stark für die Zukunft gemacht«, erklärte sie mit brüchiger Stimme. »Ich habe keine Angst mehr. Das habe ich nur dir zu verdanken.«

Medicine Bull, der Anführer der Lame Horses und einer ihrer ersten Schüler, schüttelte ihr beide Hände und sagte in leidlichem Englisch: »Ich weiß, dass Sie wiederkommen werden, Ma'am. Sie vergessen Ihre Freunde nicht.«

Der Zug, eine schwere Lok mit drei Personen- und einem Gepäckwagen, fuhr in den Bahnhof ein. Einige ältere Indianer, die immer noch Angst vor dem schnaubenden Feuerross« hatten, flüchteten von der Plattform und versteckten sich hinter den nahen Büschen. Umgeben von dem rußigen Qualm, der aus den Ventilen der Lokomotive zischte, stieg Elaine ein. Der Schaffner und ein junger Indianerpolizist trugen ihre Koffer in den Wagen und wuchteten sie auf die Ablage über ihrem Sitz. »Gute Reise, Ma'am!«, wünschte der Indianer.

Elaine winkte aus dem offenen Fenster, als der Zug anfuhr. Schon bald war sie allein mit dem scheinbar menschenleeren Land, das sich zu beiden Seiten der Schienen erstreckte. Doch die traurigen Mienen ihrer indianischen Freunde und die Tränen von Weasel Woman blieben ihr im Gedächtnis, als wollte man sie ermahnen, nicht zu lange mit ihrer Rückkehr zu warten.

Außer einem Rancher und seiner Ehefrau, die versuchten, sie in eine Unterhaltung zu verwickeln, und enttäuscht aufgaben, als sie erkannten, dass sie mit ihren Gedanken woanders war, saß niemand im Wagen.

»Alles in Ordnung, Ma'am?«, fragte der Schaffner, als er durchkam. Sie nickte nur.

Auch ihre Augen waren feucht, als sie über die stählerne Missouribrücke fuhren und das wellige Land jenseits des großen Flusses erreichten. Der Missouri galt als die natürliche Grenze zwischen der Zivilisation und der Wildnis, obwohl sich das Land während der ersten hundert Meilen kaum veränderte und sie wie der erstarrte Ozean umgab, den sie in den Sandhills erlebt hatte.

Sie lehnte sich entspannt zurück. Wie vertraut war ihr die Prärie doch geworden, dieses dünn besiedelte Land, das auf manchen Landkarten im Osten immer noch als »Große Amerikanische Wüste« ausgewiesen wurde. Ein fantastisches Land, wenn man sich die riesigen Büffelherden vorstellte, die einst über diese Ebenen gezogen waren und den Indianern alles gegeben hatten, was sie zum Leben brauchten. Über sechzig Millionen Tiere, wie manche Naturschützer behaupteten, von denen nur noch ein paar Hundert übrig waren. »Tötet die Büffel, und ihr tötet die Indianer!, hatte General Philip H. Sheridan während der Indianerkriege verkündet und recht behalten. Mit dem Tod der Büffel war auch die Niederlage der Indianer besiegelt gewesen. Ohne das Fleisch der Büffelherden wären sie schon bald verhungert.

Im Herbst 1885, vor vier Jahren, war sie zum ersten Mal ins Land der Sioux gereist. Bei ihrer Ankunft hatte Bischof Hare einen Gottesdienst am Crow Creek veranstaltet, zu dem Hunderte von christlichen Indianern aus allen Teilen des Reservats erschienen. Wie nahe waren ihr diese Menschen damals schon gewesen! Obwohl viele von ihnen Hunger litten und kaum Kleidung besaßen, waren sie fröhlich und ausgelassen wie auf einem Sonnentanz. Der Glaube der getauften Indianer an eine bessere Zukunft war unerschütterlich.

Ganz anders hatte sie die Lage außerhalb der Missionen vorgefunden. Besonders die Teton, die sich Oglala nannten und auf der Pine Ridge Reservation wohnten, lebten weiterhin in der alten Zeit. Sie waren wütend auf die Weißen, die in immer größerer Zahl nach Westen drängten, und glaubten daran, nach ihren Regeln in der neuen Zeit überleben zu können. Damals hatte Elaine sich entschlossen, als Lehrerin in die Sioux Reservation zu gehen und dabei zu helfen, ihnen den Übergang in eine neue Zukunft zu erleichtern.

Schon ein Jahr später hielt sie ihren ersten Unterricht in der Missionsschule am White River. Sie lernte die Sprache der Indianer und verärgerte damit viele Geistliche und Pädagogen, die der festen Meinung waren, die Sprache der Sioux müsse ausgemerzt werden. Wenn diese Leute gewusst hätten, dass sie auch an Hochzeiten und Begräbnissen einiger Sioux teilnahm, an Spielen und Tänzen und sogar an einem Eishockeyspiel auf dem zugefrorenen White River – sie hätten wohl entgeistert den Kopf geschüttelt.

Nun fuhr sie nach Osten, um sich für den Ausbau der Day Schools einzusetzen. Ohne diese Tagesschulen und mehr Lehrer war die Zukunft der Indianer in ernsthafter Gefahr. Nach der Kündigung ihrer Stelle in White River hatte sie zwar weder eine Arbeitsstelle noch genug Geld und schon gar nicht die Unterstützung einer politischen Partei, um ihr Anliegen in Washington durchzubringen, aber vielleicht genügten ja ihre bisherigen Erfolge und die Empfehlungsbriefe zweier erfolgreicher Männer an den Commissioner of Indian Affairs, der die Indianerpolitik in Washington zu verantworten hatte. Das Schreiben von Bischof Hare lag in einem ihrer Koffer. Sie kannte es auswendig: »Miss Elaine Goodales tiefes und verständiges Interesse für die Indianer, ihr hoher Anspruch und ihre Fähigkeiten als Erzieherin und ihre Vertrautheit mit den Indianern im täglichen Leben und in ihren Häusern würde sie meiner Meinung nach zu einer wertvollen Hilfe in Ihrem Department machen.« Ein ähnlicher Brief von General Armstrong, dem Freund ihrer Familie, wartete zu Hause.

Elaine schloss die Augen. Das eintönige Rattern der Räder ermüdete sie und ließ sie einnicken. Der Jagdausflug mit den Sioux hatte sie viel Kraft gekostet. Sie hatte versucht etwas zu lesen, aber ihre Energie war aufgebraucht und sie benötigte unbedingt etwas Ruhe, auch wenn die in einem solchen Waggon kaum zu finden war. Auch das kleine Kissen, das sie für diesen Zweck mit sich führte, half nicht viel. Jedes Mal, wenn der Zug über eine Brücke rumpelte und das eintönige Rattern die Tonart änderte, bei jedem Halt und besonders wenn die Lokomotive neues Wasser und neues Brennmaterial aufnahm, fuhr sie aus dem Schlaf hoch und brauchte jedes Mal eine Schrecksekunde, um sich zu orientieren. Die Passagiere, die unterwegs zustiegen, blieben meist nur bis zur nächsten Station und störten sie nicht.

Endgültig wach wurde sie, als der Zug am frühen Abend über ein Netz von Schienen und Weichen ratterte, ständig die Richtung wechselte und vorbei an den riesigen Mietshäusern der Innenstadt in den Bahnhof von Chicago einfuhr. Wie ein herrschaftliches Schloss ragte der rotbraune Ziegelbau der Wells Street Station aus dem Häusermeer empor, nur von dem zwölfstöckigen Hochhaus des Home & Insurance Building an der LaSalle Street überragt.

Elaine zog ihren Wintermantel über ihr dunkelgrünes und mittlerweile leicht verknittertes Reisekleid, klemmte ihren breitkrempigen Hut mit einigen Nadeln an ihr hoch-gestecktes Haar und bat einen der zugestiegenen Gepäckträger, ihre Koffer in das neue LeGrand Hotel gegenüber zu tragen. Sie hatte in der Bismarck Tribune über das Hotel gelesen und bereits ein Zimmer für diese Nacht reserviert. Das vornehme Palmer House konnte sie sich nicht leisten. Ihr Geld würde vielleicht noch einen Monat reichen und bis dahin musste sie sich durch ihre Vorträge und Zeitungsartikel ein neues Einkommen gesichert haben.

Zwischen den vielen Menschen im Bahnhof, der mit elektrischen Lampen beleuchtet war, kam sie sich fremd und wenig heimisch vor. Sie hatte große Städte noch nie gemocht und nach drei Jahren im Indianerland erschien ihr Chicago erst recht wie die Metropole auf einem anderen Planeten. Als sie auf die Straße trat, blickte sie auf ein Gewirr von Kutschen und Frachtwagen, die sich im erstaunlich hellen Licht der elektrischen Lampen einen Weg durch die verkehrsreiche Wells Street bahnten. Sie wagte nicht daran zu denken, was Weasel Woman zu dieser Stadt sagen würde. Wahrscheinlich würde sie weglaufen oder sich in einem Hausgang verkriechen und die Augen zuhalten.

Sie folgte dem Gepäckträger in die Hotelhalle, gab ihm etwas Trinkgeld und trat an die Rezeption. Bei der Nennung ihres Namens horchte der Clerk auf. »Miss Elaine Goodale?«, wiederholte er. »Ich glaube, ich habe eine Nachricht für Sie. Ah, da ist sie ja.« Er reichte ihr einen Umschlag.

Sie bedankte sich, füllte den Meldezettel aus und folgte dem Hoteldiener in den zweiten Stock. Er stellte ihre Koffer in einem kleinen, aber gemütlichen Zimmer ab, das ihr nach der kargen Unterkunft am White River wie ein Salon vorkam.

Sie wartete, bis der Hoteldiener gegangen war, zog Mantel, Hut und Handschuhe aus und trat an die Frisier-kommode. Neugierig öffnete sie den Umschlag. Er enthielt eine handgeschriebene Nachricht: »Ich erlaube mir die Kühnheit, Sie zu bitten, heute Abend mein Gast im Hotelrestaurant zu sein. Ich würde Ihnen gern einige Fragen bezüglich Ihrer Arbeit bei den Indianern stellen. Ich erlaube mir, um acht Uhr in der Hotelhalle auf Sie zu warten. Hochachtungsvoll, Edward B. Clark, Reporter der Chicago Daily Tribune

Sie legte das Schreiben auf die Kommode und lächelte ihr Ebenbild im Spiegel an. Die Chicago Daily Tribune gehörte zu den angesehensten Zeitungen des Landes. Tausendfach verbreitet, konnten ihre Antworten vielleicht helfen, die Regierung in Washington zum Bau weiterer Day Schools in den Sioux Reservations zu überreden. Die Presse hatte mehr Einfluss als so mancher Senator. Natürlich würde sie sich Zeit für das Interview nehmen, auch wenn sie todmüde von der Reise war und am liebsten ins Bett gefallen wäre.

Sie hatte nicht zum ersten Mal mit der Presse zu tun. Schon als junges Mädchen hatte sie Gedichte in angesehenen Zeitungen veröffentlicht und war von Reportern befragt worden. Auch nach ihrer Rückkehr von ihrer ersten Reise und ihrem Vortrag auf der »Lake Mohonk Conference of Friends of the Indian« im angesehenen Lake Mohonk Hotel im Hudson River Valley war sie von einigen Reportern zum Indianerproblem interviewt worden. Nicht zuletzt diese Berichte hatten ihr den Posten in der Sioux Reservation verschafft.

Enttäuscht vom Anblick ihrer müden Augen, die sonst entschlossen funkelten, nach der langen Reise aber eher matt und erschöpft aussahen, wandte sie sich vom Spiegel ab. Sie war eine hübsche Frau, das hatten ihr schon mehrere Männer bestätigt, obwohl sie nie die Zeit gefunden hatte, näher auf ein solches Kompliment einzugehen. Ihre Gesichtszüge waren beinahe klassisch ausgewogen, die Stirn hoch, die Nase gerade, die Lippen voll. Kunstvoll frisiert und in einem neuen Kleid würde sie bei ihren Vorträgen sicher Eindruck auf die Zuhörer machen. Sie war so intelligent, zu wissen, dass auch der äußere Eindruck bei der politischen Arbeit wichtig war.

Bei diesem Interview blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf ihre natürliche Ausstrahlung zu verlassen. Der Reporter konnte keine elegant frisierte und perfekt angezogene Frau zu einem so späten Interview erwarten. Dazu fehlte ihr die Zeit. Sie wusch lediglich ihr Gesicht, legte etwas Puder auf und ordnete ein wenig ihre Haare, bevor sie ihr Zimmer verließ und in die Eingangshalle hinunterstieg.

Es war bereits nach acht und der Reporter wartete auf einem der Sessel gegenüber der Rezeption. Bei Elaines Anblick erhob er sich rasch. Er trug einen dunklen Anzug mit Krawatte und hielt einen modischen Bowler-Hut in den Händen. »Miss Goodale?«, begrüßte er sie. Sein Lächeln wirkte eher professionell als herzlich. »Edward B. Clark von der Chicago Tribune. Ich freue mich, dass Sie meine Einladung annehmen. Ich habe mir erlaubt, einen Tisch im Restaurant zu bestellen. Sie sind natürlich Gast der Tribune

Sie kannte die Bedeutung einer solchen Einladung. Selbst eine große Zeitung wie die Chicago Daily Tribune stürzte sich nur für wichtige Interviewpartner in Unkosten. »Ich fühle mich geehrt«, erwiderte sie und folgte dem Reporter ins Hotelrestaurant. Der Maître führte sie an einen Ecktisch und reichte ihnen die Speisekarten.

»In Chicago gibt es die besten Steaks der Welt«, empfahl Clark, dessen aufgesetzte Höflichkeit nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass er ein mit allen Wassern gewaschener Bursche war, der vor keinem Trick zurückschrecken würde, um an wertvolle Informationen zu kommen.

Sie legte lächelnd die Speisekarte auf den Tisch. »Ich nehme lieber den Fisch. Sie glauben nicht, wie viele Antilopensteaks ich den Sommer über gegessen habe.« Dann erzählte sie ihm von dem Jagdausflug mit den Indianern.

Clark hatte bereits sein Notizbuch aus der Tasche gezogen und notierte eifrig. »Sie waren mit Indianern auf der Jagd? Allein mit gefährlichen Wilden?«

Sie gab ihm eine ähnliche Antwort wie den deutschen Siedlern in den Sandhills: »Gefährlich war dieser Ausflug bestimmt nicht. Ich bin mit einigen dieser Wilden, wie sie von manchen Leuten genannt werden, befreundet und habe mich dem Jagdtrupp angeschlossen, weil ich gern mit diesen Menschen zusammen bin und mich an den weiten Ebenen der Dakotas erfreue. Es ist ein ... Wie soll ich es nennen? Es ist ein majestätisches Land.« Sie deutete ein Lächeln an. »Als Bürger von Chicago kann man sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen, wie es ist, über ein Land zu reiten, das keinen Anfang und kein Ende hat.« Sie trank von dem Eiswasser, das ein Kellner gebracht hatte. »Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich mich ihren Aktivitäten gern anschließe. Es geht mir auch darum, ihre Sitten und Gebräuche näher zu studieren. Ich will wissen, wie sie fühlen und denken, denn nur dann kann ich entscheiden, wie ich ihnen am besten helfen kann, die neuen Herausforderungen anzunehmen.«

Sie bestellten das Essen und die Getränke, für Elaine die Forelle und Wasser, für ihn das Steak, medium rare, und Kaffee, schwarz. Während der Kellner das Wasser und den Kaffee brachte, wurde Elaine auf eine Frau aufmerksam, die seltsamerweise allein an einem der Nebentische saß und neugierig zu ihnen herüberblickte. Sie war um die fünfzig, trug ein schwarzes Reisekleid aus festem Stoff und vermittelte den Eindruck einer gesetzten Dame, die gerade ihren Mann verloren hatte und auf dem Weg zu ihren Kindern war. Wie falsch dieser erste Eindruck war, sollte Elaine schon bald herausfinden.

»Bisher hatte ich immer das Gefühl«, störte der Reporter ihre Gedanken, »dass die Regierung gar kein Interesse daran hat, die Indianer zu verstehen. Sie sollen möglichst schnell ihre Kultur und ihre Sprache vergessen und zu Amerikanern werden. 'Töte den Indianer, um den Menschen zu retten, so sagt doch Captain Pratt, der Gründer der Carlisle School, den ich vor einigen Wochen interviewen durfte. Mit anderen Worten, die Indianer sollen im amerikanischen Schmelztiegel aufgehen. So meint er das doch, Miss Goodale?«

»Sicher«, erwiderte Elaine, »und ich respektiere seine Meinung. Dennoch glaube ich, dass sie falsch ist. Ohne seine Vergangenheit kann kein Mensch überleben. Natürlich bin ich dafür, dass die Indianer unsere Sprache lernen und sich christlich taufen lassen. Aber warum sollen sie ihre eigene Sprache aus dem Gedächtnis tilgen? Warum sollen sie ihre alten Lieder und Geschichten vergessen? Warum sollen die jungen Schüler ihre Eltern und ihre Heimat vergessen und in New York oder Chicago fern der Heimat leben? Stellen Sie sich vor, man würde sie in ein fremdes Land mit andersfarbigen Menschen verfrachten und zwingen, sich wie sie anzuziehen, ihre Sprache zu sprechen und nie mehr an ihre eigene Heimat in Chicago zu denken.« Sie hatte sich wieder mal in Rage geredet und vertrat mit glühenden Wangen ihren Standpunkt. »In den Internaten an der Ostküste verlieren die Indianer ihre Identität. Nur in den Day Schools in den Reservaten können sie überleben. Nur dort erlangen sie das Wissen, das es ihnen ermöglicht, in unserer Welt zu bestehen. Um mich dafür einzusetzen, bin ich zurückgekommen.«

Clark war sichtlich beeindruckt und hatte fleißig mitgeschrieben. Doch jetzt lächelte er etwas süffisant. »Sie sind eine Idealistin, Miss Goodale. Glauben Sie wirklich, diesen Wilden so viel beibringen zu können, dass sie imstande sind, eigenständig zu überleben? Mit der Schuldbildung allein ist es doch nicht getan.«

»Sie wollen diese armen Naturkinder in Klassenzimmer sperren?«, meldete sich die Dame vom Nachbartisch. Sie wirkte ehrlich entrüstet. »Entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische, aber das können Sie doch nicht im Ernst meinen. Indianer brauchen ihre Freiheit. Sie wollen fernab der Zivilisation ihr gewohntes Leben führen. Sie brauchen keine Lehrer und keine Missionare. Meinen Sie, dass wir ihnen nicht schon genug angetan haben, Ma'am?«

Elaine sah sie verstört an. »Verzeihen Sie meine Offenheit«, entgegnete sie schließlich, »aber ich glaube nicht, dass Sie über die nötige Erfahrung verfügen, um sich zu diesem Thema äußern zu können. Die Problematik ist sehr komplex.«

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte die Dame scharf. Sie sprach mit einem harten europäischen Akzent. »Ich bin Catherine Weldon von der National Indian Defense Association in Brooklyn, New York, und kenne mich sehr wohl mit diesem Thema aus. Meine Mitstreiterinnen und ich setzen uns seit vielen Jahren für die Rechte der ausgebeuteten Naturkinder ein. Wir wollen, dass man ihnen ihre Freiheit zurückgibt. Nur wenn sie zu ihren Wurzeln zurückkehren und wieder in vollkommener Harmonie mit der Natur leben, werden sie glücklich sein, und nur dann werden auch wir Weißen es schaffen, in Frieden mit ihnen zu leben. Für dieses Ziel lebe und arbeite ich, Ma'am.«

»Und ich dachte, ich hätte es nur mit einer Idealistin zu tun«, bemerkte Clark.

Elaine hatte bereits von der streitbaren Dame am Nebentisch gehört. Catherine Weldon stammte aus der Schweiz und betrachtete die Indianer – wie viele Europäer – als »noble Wilde«, die vor der Ankunft der Weißen ein »wundervolles Leben« in der »urwüchsigen Wildnis des amerikanischen Westens« geführt hatten und aus ihren »glücklichen Jagdgründen« vertrieben worden waren. So stand es in den Verlautbarungen der National Indian Defense Association, die es sich zum Ziel gemacht hatte, die Indianer in der Öffentlichkeit zu verteidigen und ihnen ihr altes Leben wieder zu ermöglichen. Eine Einstellung, die nicht nur von der amerikanischen Regierung kritisiert wurde. Auch Menschen wie Elaine, die den Indianern wohlgesinnt waren, schätzten die Situation realistischer ein und wussten, wie fernab der Wirklichkeit eine solche Einstellung war. Selbst wenn man die Indianer in die »urwüchsige Wildnis« zurückschicken würde, konnten sie dort ohne die Büffelherden nicht überleben.

»Ich bin unterwegs zu Sitting Bull, dem obersten Häuptling aller Sioux-Stämme«, verkündete Catherine Weldon feierlich. In ihrer Stimme schwang auch ein wenig Trotz mit. »Ich werde bei ihm und seinen Frauen im Reservat leben und mich mit meiner ganzen Kraft und Energie und mit meinem nicht unerheblichen Vermögen dafür einsetzen, diesem stolzen Mann und seinen Anhängern ein würdevolles Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen.«

Das klang wie eine einstudierte Pressemeldung und verfehlte ihre Wirkung auf den Reporter der Chicago Daily Tribune nicht. Wahrscheinlich sah er schon Schlagzeilen wie »Reiche Witwe zieht zu Custers Mörder« oder »Die reiche Witwe und der arme Wilde« vor sich.

»Sie entschuldigen mich doch einen Augenblick, Miss Goodale?«, fragte er Elaine und setzte sich zu Catherine Weldon an den Nebentisch. »Das müssen Sie mir genauer erzählen ...«

Inzwischen kam das Essen und Elaine genoss die Forelle und das frische Gemüse – eine Seltenheit im Reservat. Was am Nebentisch gesprochen wurde, ließ ihr die Zornesadern schwellen, aber sie hielt sich zurück und versuchte sich damit zu trösten, dass noch bessere Gelegenheiten kommen würden, um ihren Standpunkt zu vertreten. »Eine verrückte Witwe bei Sitting Bull«, schimpfte sie in Gedanken, »als ob wir nicht schon genug Probleme im Reservat hätten ...«

Kapitel 5

Ihr Ärger über die aufdringliche Witwe und deren geschmacklose Anbiederung an den Reporter war nur von kurzer Dauer. Beim Frühstück am nächsten Morgen dachte sie schon nicht mehr an den unliebsamen Zwischenfall, und nachdem ein Gepäckträger sie zum Bahnhof gebracht hatte und sie im Zug zur Ostküste saß, war sie mit ihren Gedanken bereits bei ihrer Familie.

Vor allem bei der Vorstellung, ihre Schwester Dora nach so langer Zeit in die Arme schließen zu dürfen, lächelte sie in stiller Vorfreude. An ihrem Fenster zogen die Häuser von South Chicago und die Frachthöfe südlich des Güterbahnhofs vorbei; selbst bei strahlendem Sonnenschein kein attraktiver Anblick und in dem schmutzigen Nieselregen, der am frühen Morgen eingesetzt hatte, erst recht ein Grund, die Augen zu schließen. In Gedanken sah sie die romantische Sky Farm vor sich, auf der sie ihre Kindheit verbracht hatte, das weiß getünchte Kolonialhaus mit dem Ziegeldach, die Scheune, den Stall und den Kartoffelacker jenseits der grünen Hügel hinter dem Farmhaus.

Weder sie noch ihre Eltern oder Geschwister waren für das Farmleben geschaffen gewesen. Ihr Vater und ihre Mutter waren an der harten Arbeit auf dem Acker und den ständigen Reparaturen an dem alten Haus beinahe verzweifelt und hatten ständig darüber geklagt, wie wenig Zeit ihnen die Farmarbeit für die Literatur und die Musik ließ. Fünf anstrengende Meilen lagen zwischen ihrer Farm und der nächsten Ortschaft und eine halbe Ewigkeit war es bis zum nächsten Theater und Konzertsaal.

Immer unwilliger verrichteten sie ihre Arbeit, immer weniger kam dabei heraus. Ihre Geschwister und sie hielten sich jedes Jahr, wenn die Ernte verkauft war und sich ihre Eltern lautstark über den »Hungerlohn« beklagten, die Ohren zu. Mit der Aufgabe, die unerfüllten Hoffnungen ihrer Eltern zu erfüllen, waren sie heillos überfordert. Und die zunehmende Melancholie ihres Vaters sowie die Launenhaftigkeit ihrer enttäuschten Mutter, die ihre Ehe nach langen Jahren zum Scheitern brachte, lag bis zu diesem Tag wie eine Last auf ihr. Ihr Vater hätte die Farm, ein sicher gut gemeintes Geschenk seiner Eltern, niemals übernehmen dürfen.

Doch in der Rückschau verblasste vieles und die guten Erinnerungen überwogen. Die Abgeschiedenheit der Natur, die blühenden Apfelbäume im Frühjahr, das Singen der Vögel, der würzige Geruch der Erde nach einem heftigen Regen. Die Schulstunden bei ihrer Mutter. Deborah Goodale hatte darauf bestanden, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten, obwohl die nächste District School nur eine knappe Meile entfernt lag. Ihre Kenntnisse in Literatur, Griechisch, Latein, Zeichnen und Botanik waren erstaunlich. Vor allem die Literatur hatte es ihr angetan. Der Name »Elaine« stammte aus dem Gedicht »Lancelot & Elaine« von Alfred Tennyson.

Auch Elaine fand Gefallen an der Literatur und verfasste bereits als junges Mädchen ihre ersten Gedichte. Wie oft saß sie mit ihrer Schwester Dora in der Scheune und feilte im Schein einer Kerosinlampe an ihren Versen! Die Dichtkunst vermittelte ihr inneren Frieden, das Schmieden von Versen, die einen Gemütszustand oder eine Stimmung treffend wiedergaben, war ihr wichtiger als eine Mahlzeit oder ein Zirkusbesuch. Ihre Schwester Dora oder »Baby Doe«, wie sie mit Spitznamen hieß, war ebenso begabt, wenn nicht noch mehr. Als junge Mädchen hätten Elaine und Dora niemals daran gedacht, diese Gedichte einem Verlag anzubieten, doch ihr Vater war so stolz auf die Arbeiten, dass er sie der Redakteurin des St. Nicholas Magazine zeigte, die sie im Dezember 1877 unter dem Titel Poems by Two Little American Girls« in ihrer Zeitschrift veröffentlichte. Ein Jahr später erschien ihr gemeinsamer Gedichtband »Apple Blossoms« in Buchform, ein unerwarteter Bestseller, der sich über zehntausend Mal verkaufte. Auch deshalb gehörten bald angesehene Männer zu den regelmäßigen Besuchern ihrer Farm wie General Samuel Chapman Armstrong, ein Held aus dem Bürgerkrieg, der das »Hampton Normal and Agricultural Institute for African American Education« in Hampton Roads gegründet hatte. Hinter diesem hochtrabenden Namen verbarg sich eine Schule für junge Schwarze, zu der schon bald eine Schule für eingeborene Amerikaner« kam.

Bei dem Gedanken an General Armstrong vergaß sie sogar den Regen, der stärker geworden war und unaufhörlich gegen das Waggonfenster trommelte. Der galante Offizier, in den sie als sechzehnjähriges Mädchen sicher auch ein wenig verliebt gewesen war, hatte in seinem Bemühen, Minderheiten wie den Schwarzen und den Indianern zu helfen, einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen. Nur ihm war es zu verdanken gewesen, dass sie eine Stelle als Lehrerin an seiner neuen Indianerschule bekommen hatte. Und er hatte sie auch dabei unterstützt, in die Great Sioux Reservation zu reisen und dort eine erste Day School am White River einzurichten.

Mit seinem Empfehlungsschreiben und dem Brief des Bischofs hoffte sie, die Regierung auch diesmal für ihr großes Anliegen im neuen Bundesstaat South Dakota einnehmen zu können.

Der Zug erreichte Springfield, Massachusetts, am späten Abend. Ihre Schwester Dora wartete mit einem Gepäckträger auf dem ansonsten verlassenen Bahnhof und fiel ihr lachend um den Hals, noch bevor sie mit beiden Beinen auf dem Bahnsteig stand. »Elaine! Mein Gott, es tut gut, dich wiederzusehen! Ich dachte schon, du wärst mit einem Häuptling durchgebrannt!«

Elaine drückte die geliebte Schwester an sich, verlor bei der stürmischen Begrüßung ihren Hut und bedankte sich lachend, als der dunkelhäutige Gepäckträger ihn aufhob. »Wie geht es dir, Baby Doe? Wie geht es Mutter und den Geschwistern? Kommst du in der Art School klar? Du glaubst ja nicht, wie viele Fragen ich an dich habe.« Sie löste sich von ihr, hielt sie an den Oberarmen fest und blickte ihr ins Gesicht. Dora war hübscher als sie, hauptsächlich wegen ihrer goldblonden Haare, die sie zu einem Knoten hochgebunden hatte. Ihr modischer Hut bedeckte nur das vordere Drittel ihres Kopfes. »Du hast dich gut gehalten, Schwester! Gibt es schon Verehrer?«

Dora winkte amüsiert ab. »Ach, was! Wenn es nach Mutter ginge, hätte ich bereits ein paarmal geheiratet, aber ich denke gar nicht daran, meinen Beruf zu opfern, nur weil sich ein erfolgreicher Mann, der das Ansehen und den Namen unserer Familie aufwerten würde, für mich interessiert. Lass uns noch ein Buch schreiben, Elaine. Das würde unserer Familie viel mehr bringen.«

Der Gepäckträger schob bereits den Karren mit ihrem Gepäck über den Bahnsteig. Sie folgten ihm zu der offenen Kutsche vor dem Bahnhof, warteten geduldig, bis er die Koffer verstaut hatte, und bedankten sich mit einem Trinkgeld bei ihm.

»Das ist meine Schwester Elaine«, stellte Dora sie dem Kutscher vor, einem Angestellten der Transportfirma, von dem sie den Zweispänner gemietet hatte. »Sie war unendlich lange mit dem Zug unterwegs und hat sicher einen Bärenhunger. Bringen Sie uns nach Hause, Emmett!«

Sie brauchten eine knappe Stunde für die kurvenreiche Fahrt nach Northampton. Unterwegs redete fast nur Dora, erzählte von den Kursen, die sie an der Art School belegt hatte, von dem furchtbaren Versuch eines Ölgemäldes, das sie in einer Abfalltonne entsorgt hatte, von Präsident Benjamin Harrison, der vor seiner Wahl durch Springfield gekommen war und von der Plattform eines Eisenbahnwagens zu den Leuten gesprochen hatte. Von Rose, die ebenfalls auf die Art School ging, aber wohl in einem ganz anderen Beruf landen würde, von Robert, der überhaupt keine Ahnung hatte, was er mal werden wollte, jedoch auf keinen Fall ein Künstler wie seine ehrgeizigen Schwestern« und auch nicht Farmer. Dafür würde schon ihre Mutter sorgen, die es immer noch als den größten Fehler ihres Lebens ansah, mit Henry Goodale auf diese »furchtbare Farm« in den Berkshires gezogen zu sein. Für sie brachte der Blick in die jüngste Vergangenheit nur schmerzliche Erinnerungen.

»Wie geht es Vater?«, fragte Elaine unterwegs. »Der letzte Brief, den ich von ihm bekommen habe, ist ein halbes Jahr alt. Hast du etwas von ihm gehört?«

Dora zog die Wolldecke, in die sie sich gehüllt hatten, fester um ihre Schultern. »Uns schreibt er auch nur selten. Robert, Rose und mir, meine ich. An Mutter schickt er schon lange keine Briefe mehr. Sie hat ihm nie geantwortet. ›Grüßt Mutter von mir‹, steht unter seinen Briefen an uns. Ich nehme an, er fühlt sich schuldig ... für sein Scheitern auf der Farm und die Trennung von Mutter. Aber ich glaube, Mutter trägt mindestens genauso viel Schuld daran.«

»Die Farm war ein Fehler«, bestätigte Elaine. »Sie hätten beide einen künstlerischen Beruf ergreifen sollen. Aber jetzt hat er eine gute Stellung ...«

Dora nickte. »Als Hotelmanager im Windermere. Dort wohnt er auch, sie haben ihm ein Zimmer gegeben. Die Arbeit bringt mehr Geld, als er in all den Jahren auf der Farm verdient hat. Den größten Teil schickt er an Mutter. Er will was gutmachen mit dem Geld.«

»Wir sollten ihn mal besuchen«, meinte Elaine.

Die Straße führte am Connecticut River entlang durch malerische Täler, die allerdings in dem trüben Dunst, der nach dem Regen vom Fluss heraufzog, und im Schein der wenigen Laternen in den Dörfern und Farmen am Wegesrand kaum zu erkennen waren. Dennoch spürte Elaine die Heimat, den vertrauten Geruch der Erde und des Flusses, die besonderen Schwingungen, die in den anmutigen Berkshires in der Luft zu hängen schienen. Eine romantische Gegend, von Dichtern und Komponisten gerühmt und so ganz anders als der erstarrte Gras-Ozean und die schroffen Black Hills des Sioux-Lands.

An dem klobigen Bau des Rathauses mit den beiden normannischen Türmen und der First Church of Christ vorbei fuhren sie zu dem kleinen Landhaus außerhalb der Stadt, das ihre Mutter von einem reichen Gutsbesitzer gemietet hatte. Von dem Geld, das sie von ihrem Mann bekam, und dem Verdienst, den sie durch den Verkauf von Zeitungsartikeln erwirtschaftete, bezahlte sie die Miete für das zweistöckige Haus aus braunen Backsteinen. Für die Bediensteten, die sie so gern gehabt hätte, um ihre gesellschaftliche Stellung in der Gemeinde aufzubessern, reichte das Geld allerdings nicht.

Eine Kiesauffahrt führte zu der von einem Säulenportal überdachten Eingangstür. Als sie von der gepflasterten Straße abbogen, bemerkte Elaine eine dunkle Gestalt hinter einem Busch auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Glut einer Pfeife oder Zigarre leuchtete schwach in der Dunkelheit. Ein Mann in Anzug und mit einem Bowler, so viel glaubte sie zu erkennen. Aber welcher Mann im Osten war heutzutage nicht so gekleidet? Als er ihren Blick auf sich gerichtet sah, zog er sich rasch hinter das Gebüsch zurück, als hätte er Angst, von ihr erkannt zu werden.

»Seltsam«, sagte Elaine. »Hast du den Mann gesehen?«

»Welchen Mann?«

»Dort bei den Büschen am Fluss«, erwiderte Elaine, »Ich glaube, er hat uns beobachtet. Meinst du, wir werden beschattet?«

»Beschattet? Weshalb denn?«

»Ich weiß nicht.« Sie drehte sich um und suchte vergeblich nach dem geheimnisvollen Fremden. »Vielleicht hab ich ihn mir auch nur eingebildet.«

»Du warst zu lange bei den Indianern«, spottete Dora. Sie half Elaine aus der Kutsche und zog sie zur Tür. »Komm, wir wollen Mutter begrüßen.«

Deborah Goodale war in den letzten Jahren sichtlich gealtert. Ihre Haare waren leicht ergraut, ihre Haut sah blass und ungesund aus, weil sie kaum nach draußen ging und zu viel Puder benutzte, und ihre einst so lebhaften Augen hatten ihren jugendlichen Glanz verloren. Sie kleidete sich jedoch sorgfältig und ihre etwas steife Haltung verriet beinahe aristokratischen Stolz.

»Elaine«, begrüßte sie ihre Tochter. Sie erwiderte Elaines Umarmung nur zögernd, als schicke es sich nicht, seiner eigenen Tochter solche Zuneigung zu gewähren.

»Mutter«, erwiderte Elaine. »Wir haben uns lange nicht gesehen.«

»Ich habe dich nicht fortgeschickt.«

»Ich weiß.« Elaine löste sich von ihrer Mutter und bemühte sich um ein versöhnliches Lächeln. »Und ich bin nicht gegangen, weil es mir bei euch nicht mehr gefallen hat. Ich lebe in den Dakotas, weil ich dort gebraucht werde.«

»Von diesen Wilden?«

»Lass uns nicht streiten, Mutter«, erwiderte sie begütigend. »Ich freue mich, dich nach so langer Zeit wiederzusehen. Lass uns über Literatur und Musik reden, über die Gedichte, die du in den Zeitungen veröffentlichst. Es ist nie zu spät, ein neues Leben zu beginnen, das hast du bewiesen, Mutter.«

»Was für ein Leben«, sagte sie leise.

Aus einem der Zimmer am Ende des Gangs kamen ihre anderen Geschwister in den Flur. Die neunzehnjährige Rose, die in den letzten Jahren zu einer attraktiven Frau herangewachsen war, und der fünfzehnjährige Robert, der mitten in der Pubertät steckte und sich unter so vielen Frauen, auch wenn es sich um seine Mutter und seine Schwestern handelte, sichtlich unwohl fühlte.

»Das Essen ist fertig«, sagte Rose, nachdem sie sich ausgiebig begrüßt hatten, »du hast doch sicher Hunger.« Sie bedachte ihren Bruder mit einem spöttischen Blick. »Und du kannst sicher auch noch was vertragen.«

Beim Essen, es gab Roastbeef, Kartoffeln und frischen Mais, war Elaine hauptsächlich damit beschäftigt, die neugierigen Fragen von Robert zu beantworten. »Jagen die Indianer mit Pfeil und Bogen? Gehen sie immer noch auf den Kriegspfad? Hast du keine Angst vor den Wilden? Haben sie schon mal versucht, dich zu skalpieren? Lebst du jetzt auch in einem Zelt?«

Elaine war es bereits gewohnt, solche Fragen zu beantworten, selbst von Erwachsenen, und berichtete, wie es wirklich um die Sioux stand. »Der Krieg ist lange vorbei, Robert. Die Indianer sind jetzt in Reservaten beheimatet und versuchen so wie wir zu leben. Sie wohnen in festen Häusern, außer wenn sie auf die Jagd gehen, sie kleiden sich wie wir und leben von den Vorräten, die sie von der Regierung bekommen, und dem bisschen, was ihre Felder hergeben. Viel ist das nicht. Die Büffel, die ihnen alles lieferten, was sie zum Leben brauchten, gibt es nicht mehr. Weiße Jäger wie Buffalo Bill haben sie alle umgebracht. Und das Land in den Reservaten ist so schlecht, dass man dort kaum überleben kann. Du hast doch von Sitting Bull gehört, dem berühmten Häuptling, der Custer und seine Soldaten besiegt hat. Eigentlich ist er gar kein Häuptling, sondern ein Medizinmann, und jetzt lebt er in einer Blockhütte oder er geht mit Buffalo Bill auf Tournee, dem Mann, der so viele Büffel erschossen hat.«

»Lebst du auch in einer Blockhütte?«

Elaine griff lächelnd nach der Schüssel mit den Kartoffeln. »In einer sehr schönen Blockhütte sogar«, antwortete sie. »Du glaubst gar nicht, wie gemütlich so ein Blockhaus sein kann. Doch jetzt bin ich froh, mal wieder in einem richtigen Haus schlafen zu können. Euer Haus ist sehr schön ... und so stabil.«

»Aber es gehört uns nicht«, entgegnete ihre Mutter.

Elaine hatte nicht gewusst, wie sehr ihrer Mutter die Trennung zugesetzt hatte und wie verbittert sie geworden war. Deborah Goodale hatte sich immer als etwas Besseres gesehen, als Dame der Gesellschaft, die mit einem erfolgreichen Mann in einem eigenen Landhaus wohnte, in den literarischen Zirkeln der Stadt verkehrte und sich an den Wochenenden mit den anderen Paaren im Theater oder Konzerthaus oder zu einer Partie Golf im Country Club traf.

Dennoch war Elaine überrascht, wie entsetzt ihre Mutter auf die Erzählung von dem Jagdausflug reagierte: »Du warst allein mit den Wilden unterwegs und hast in einem dieser ... dieser Tipis geschlafen? Und ist es wirklich wahr, dass du dir ein Lederkleid und Mokassins angezogen hast? Wie kannst du so etwas tun, Elaine? Warum bleibst du nicht hier und schreibst wieder Gedichte?«

»Das tue ich ja, Mutter«, erklärte Elaine schnell. »Bis zum nächsten Sommer bleibe ich bestimmt. Ich habe meine Stellung als Lehrerin gekündigt, vorerst jedenfalls, und versuche herauszufinden, wie ich mich noch besser einbringen kann. Du weißt doch selbst, wie wichtig Bildung ist. Ich will, dass die Indianer so viel wie möglich lernen, um mit den Weißen mithalten zu können.«

Elaine verabschiedete sich früh. Ihre Mutter hatte ihr das Gästezimmer im ersten Stock überlassen und ihr mit einem versöhnlichen Lächeln eine Gute Nacht gewünscht: »Überlege dir gut, ob du noch mal in den Westen zurückgehst. Mit deinen Fähigkeiten könntest du es auch in Northampton weit bringen.«

»Ich weiß, Mutter. Ich weiß.«

In ihrem Zimmer zog sie sich aus, schlüpfte in das warme Nachthemd aus Flanell, das ihr während der eisigen Winter in South Dakota so gute Dienste geleistet hatte, und legte sich ins Bett. Den Koffer würde sie am nächsten Morgen auspacken und zum Waschen war dann auch noch Zeit genug. Sie war hundemüde und brauchte nach der anstrengenden Reise erst mal etwas Schlaf.

Doch als sie noch einmal aufstand, zum Fenster ging und es einen Spalt nach oben schob, um mehr frische Luft zu bekommen, sah sie gerade noch, wie sich eine dunkle Gestalt aus dem Schatten eines Baumes löste und in Richtung Stadt verschwand.

Kapitel 6

Während der nächsten Wochen hielt Elaine zahlreiche Vorträge an Instituten, in Bibliotheken, in Kirchen und einmal, bei einer Benefizveranstaltung der Women's National Indian Association in Hartford, sogar unter freiem Himmel. Von Mrs A. S. Quinton, der Präsidentin dieser Vereinigung, erfuhr sie auch, dass Catherine Weldon tatsächlich zu Sitting Bull gefahren war.

»Sie haben doch nicht ernsthaft geglaubt, diese seltsame Lady könnte etwas mit uns zu tun haben? Nein, meine Liebe, unsere Women's National Indian Association ist eine ernsthafte Vereinigung und steht in keinerlei Verbindung zu ihrer Indian Defense Association. Wie kann man nur so naiv sein und sein Geld einem einzigen Häuptling zustecken, wenn es Hunderte, nein, Tausende von Indianern gibt, die ebenfalls unserer Hilfe bedürfen? Haben Sie gewusst, dass sie bei Sitting Bull einziehen wollte? Bei ihm und seinen drei Frauen?«

Elaine erzählte ihr von ihrem zufälligen Treffen in Chicago.

»Sie haben Mrs Weldon getroffen? Na, dann wissen Sie ja Bescheid. Zum Glück hat man ihr nicht erlaubt, im Reservat zu wohnen. Sie lebt in einer Blockhütte direkt an der Reservatsgrenze, hab ich mir sagen lassen, und fährt jeden Morgen zu Sitting Bull. Ihr ganzes Silber hat sie für ihn versetzt, stellen Sie sich das mal vor! Mit ihrem skandalösen Vorgehen schadet diese Frau den Sioux, auch Sitting Bull selbst und unseren Anliegen mehr, als sie wohl annimmt.«

Den geheimnisvollen Mann, den sie nachts am Straßenrand und vor dem Haus ihrer Familie gesehen hatte, hielt sie mittlerweile für Einbildung. Sicher hatte ihr die Erschöpfung nach der langen Reise nur einen Streich gespielt. Ebenso hielt sie es für Zufall, dass ein stämmiger Mann im dunklen Anzug, der ständig eine Pfeife zwischen den Zähnen hielt, bei mehreren ihrer Vorträge auftauchte. Als sie seinen Blick suchte, lächelte er nur hintergründig und war gleich darauf verschwunden. Ein Reporter, sagte sie sich, vielleicht von Harper's oder einem anderen der überregionalen Magazine. Die recherchierten gründlicher als die Zeitungsleute. Sein Lächeln ließ nicht erkennen, ob er ihr gegenüber positiv oder negativ eingestellt war. Seltsamerweise kam er stets, wenn sie bereits zu sprechen begonnen hatte, und ging noch vor dem Ende der jeweiligen Veranstaltung. Er stellte keine Fragen und machte sich auch keine Notizen.

Mit ihren Vorträgen und Zeitungsberichten im Laufe des Oktobers versuchte Elaine die Saat zu legen, die sie bei ihrer Begegnung mit dem Indian Commissioner aus Washington, D. C. ernten wollte. Sobald die Regierung einsah, dass man auf eine erfahrene Mitarbeiterin wie sie nicht verzichten konnte, eine engagierte junge Frau, die lange bei den Sioux gelebt hatte und ihre Sprache fließend beherrschte, würde man auch einen Posten für sie finden. Eine neue Anstellung, die mit der Errichtung weiterer Day Schools zu tun haben sollte.

Für Anfang November war ein wichtiger Vortragsabend im Lake Mohonk Mountain House geplant, dem herrschaftlichen Hotel, in dem auch die wichtigen »Lake Mohonk Conferences of Friends of the Indian« stattfanden. Thomas J. Morgan, der Indian Commissioner aus Washington, trat an diesem Abend als Hauptredner auf. Er wusste aus ihren Briefen, wie ihre Einstellung zur Indianerpolitik der Regierung war, und kannte auch ihre persönlichen Pläne. »... wäre es eine Befriedigung für mich, im Auftrag der Regierung an der Einrichtung weiterer Day Schools in den Sioux Reservations und der Ausbildung der Indianer zu gleichberechtigten Bürgern beteiligt zu sein«, hatte sie ihm geschrieben. Und in einem weiteren Brief, den sie gleich nach ihrer Ankunft in Northampton verfasst hatte, schickte sie ihm die Empfehlungsschreiben von Bischof William Hobart Hare und General Samuel Armstrong.

Eine Überraschung war es trotzdem für sie, als Morgan sie persönlich am Bahnhof in Hyde Park abholte. Er war ein schlanker Mann, korrekt gekleidet wie alle Beamten aus Washington, D. C., und mit einem modischen Schnauzbart über den schmalen Lippen. Obwohl seine Jugend schon länger zurücklag, besaß er die ungeduldigen Augen eines jungen Politikers, der immer noch daran glaubte, seine ehrgeizigen Pläne verwirklichen zu können. Nur wenige Monate nach seiner Einsetzung sprach nun niemand mehr davon, dass er seinen Posten nur seiner Zugehörigkeit zu den Republikanern zu verdanken hatte, da Benjamin Harrison, der neue Präsident der Vereinigten Staaten, ebenfalls Republikaner war.

»Miss Goodale«, begrüßte er sie, »es freut mich, Sie endlich zu treffen. Würden Sie mir die Ehre erweisen und nachher mit mir zu Abend essen? Das Restaurant im Mountain House genießt einen ganz außerordentlichen Ruf.«

»Es ist mir ein Vergnügen«, erwiderte sie freundlich.

Mit der Hotelkutsche fuhren sie über die steile Bergstraße zum Lake Mohonk hinauf. Das Hotel bestand aus mehreren mehrstöckigen Häusern, die sich am Ufer des dunklen Sees erhoben und sich mit ihrem rustikalen Aussehen gut in die Landschaft einfügten. Dichte Fichtenwälder bedeckten die Hügel um das Seeufer, und der frische Wind, der in den Ausläufern der anmutigen Catskills Mountains wehte, erinnerte Elaine an ihre Ausflüge in die Black Hills.

»Ich bin sehr von Ihrer Arbeit angetan«, erklärte Morgan beim Abendessen, »und ich könnte mir durchaus vorstellen, Ihnen einen verantwortungsvollen Posten in den Sioux Reservations zu übertragen. Auch ich bin der Meinung, dass wir mehr Day Schools brauchen, um die Indianer nicht zu abrupt aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen. Auf lange Sicht glaube ich allerdings, sollte ein vollkommenes Aufgehen der Indianer in die amerikanische Gesellschaft stehen. Sie müssen ihre alten Bindungen ablegen und zu Amerikanern werden. Ich bewundere Sie für Ihre Fähigkeit, die Sprache der Sioux fließend zu sprechen, möchte aber auf keinen Fall, dass den Kindern erlaubt wird, in den Schulen ihre eigene Sprache zu benutzen. Sehen Sie sich die Einwanderer aus Europa an. Nur wenn sie die englische Sprache erlernen, kommen sie bei uns weiter. Mit Ausnahme der vielen Chinesen vielleicht.«

»Darum geht es mir nicht«, erwiderte Elaine, »auch ich spreche im Unterricht nur Englisch. Aber indem ich alles verstehe, was die Kinder außerhalb der Schule sagen, bin ich in der Lage, sie besser einzuschätzen. Und ich sammele Pluspunkte bei den Alten, die sich gegen die Schule sträuben.« Sie nippte an ihrem Darjeeling-Tee, ein Luxus, den sie sich sogar im fernen South Dakota leistete, und erinnerte sich an die Worte des alten Chasing Crane. »Haben Sie schon von dem neuen Messias gehört? Ein gewisser Wovoka lehrt die Indianer einen Geistertanz und verspricht ihnen, dass die Büffel auf die Prärie zurückkehren und die Weißen verschwinden werden.«

Morgan tupfte sich die Lippen mit der feinen Stoffserviette ab. »Sicher nichts Ernstes«, sagte er, »solche religiösen Strömungen kommen und gehen. Doch ein Grund mehr, den Indianern das wahre Christentum nahezubringen, wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass es dringend geboten ist, den Einfluss der katholischen Kirche einzuschränken. Nichts gegen religiöse Erziehung, aber die Regeln sollte doch der Staat aufstellen, ist es nicht so, Miss Goodale?«

Details

Seiten
266
Erscheinungsform
Neuausgabe
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960532361
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424597
Schlagworte
Abenteuer Roman Indianer Weiße Krieg Reservate Umerziehung Amerika 19. Jahrhundert ab 14 Jahre eBooks

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Titel: Wohin der Adler fliegt