Lade Inhalt...

Das kleine Haus am Ende der Welt

Roman

2019 208 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Britt liebt Luxus, Kreditkarten ohne Limit und die Metropolen dieser Welt. Aber statt mit ihrer besten Freundin zum Shoppen nach New York zu jetten, muss sie für die nächsten drei Monate das Haus ihrer Tante hüten – und das liegt in der tiefsten Provinz. Als wäre das nicht schon schlimm genug, sieht sich Britt noch dazu unerwartet mit dem Privatzoo ihrer Tante konfrontiert: vom vergnügten Flusspferd namens Emil bis zum schwangeren Opossum-Dame. Kann das gut gehen? Natürlich nicht! Und dass der knackige Tierarzt Julian nur Augen für die kunterbunte Menagerie zu haben scheint, hilft Britt auch nicht wirklich weiter …

Über die Autorin:

Steffi von Wolff, geboren 1966 in Hessen, war Reporterin, Redakteurin und Moderatorin bei verschiedenen Radiosendern. Heute arbeitet sie freiberuflich für Zeitungen und Magazine wie »Bild am Sonntag« und »Brigitte«, ist als Roman- und Sachbuch-Autorin erfolgreich und wird von vielen Fans als »Comedyqueen« gefeiert. Steffi von Wolff lebt mit ihrem Mann in Hamburg.

Die Autorin im Internet:
www.steffivonwolff.de

www.facebook.com/steffivonwolff.autorin

Steffi von Wolff veröffentlichte bei jumpbooks bereits die Romane »Das kleine Appartement des Glücks« und »Das kleine Hotel an der Nordsee«. Bei unserem Mutterverlag dotbooks veröffentlichte sie außerdem den Roman »Aufgetakelt« und die Kurzgeschichten-Sammelbände »ANGEMACHT und andere prickelnde Geschichte« und »AUSGEPACKT und andere Weihnachtsgeschichten«. Eine andere Seite ihres Könnens zeigt Steffi von Wolff bei dotbooks unter ihrem Pseudonym Rebecca Stephan im ebenso einfühlsamen wie bewegenden Roman »Zwei halbe Leben«.

***

eBook-Neuausgabe Juli 2019

Dieses Buch erschien bereits 2012 unter dem Titel »Ausgelacht« im Rowohlt Verlag.

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Copyright © der vorliegenden Ausgabe 2019 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Elena Elisseeva, Africa Studio, Andrei Zveghintev

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96053-251-4

***

Wenn Dir dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Dir gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schick Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Das kleine Haus am Ende der Welt an: lesetipp@jumpbooks.de (Wir nutzen an uns übermittelten Daten nur, um Deine Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

Besuch uns im Internet:

www.jumpbooks.de

Steffi von Wolff

Das kleine Haus am Ende der Welt

Roman

jumpbooks

Kapitel 1

»Das kriegen wir schon wieder hin«, sagte der freundliche Mann in der Autowerkstatt und zwinkerte Britt zu. »Wir haben bis jetzt immer noch alles hingekriegt.«

»Wie schön.« Britt nickte. »Und wie lange wird das dauern?«

»Morgen Nachmittag können Sie den Wagen wieder abholen.«

»Und wann morgen Nachmittag? Ein Nachmittag ist lang.« Britt strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wühlte in ihrer Tasche herum, weil sie ihren Labello suchte.

»Halb fünf.« Der Mechaniker tippte an seine Schirmmütze.

»Das geht nicht.« Britt hatte den Labello gefunden und schraubte ihn auf. »Das Auto muss früher fertig sein.«

»Tut mir leid«, sagte der Mechaniker. »Aber das kriegen wir schwer hin.«

»Dann darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich Britt Wildenburg bin.« Britt legte den Labello zurück in die Tasche, nachdem sie sich damit die Lippen einbalsamiert hatte.

Nun sah der Mann ratlos aus. »Ja und? Ein schöner Name, aber was ...«

»Guter Mann, mein Vater ist Gerhard Wildenburg. Klingelt es jetzt?«

»Nein.«

»Dann sind Sie entweder dement oder dumm. Oder beides«, schlussfolgerte Britt. »Also, entweder ist mein Auto morgen um drei fertig, oder ich werde meinem Vater sagen, dass er seinen Fuhrpark in Zukunft woanders warten lassen soll.«

»Aber ...«

»Kein Aber. Und jetzt rufen Sie mir ein Taxi.«

»Da vorn ist eine Bushaltestelle.«

Britt drehte sich zu dem Mann um. »Ich fahre nie Bus.«

***

»Was für eine arrogante Zicke«, sagte Ingo zu sich selbst und stiefelte in die Werkstatt zurück. »Der gehört mal so richtig der Arsch versohlt.«

»Wem denn?«

Ingo schaute auf. »Na, dem Früchtchen da, die hat gerade ihren Wagen zur Inspektion gebracht.«

»Ach die.« Der Meister grinste. »Die kleine Wildenburg. Ist mit den Jahren immer schlimmer geworden mit ihr. Ich sag's ja immer, Geld verdirbt den Charakter. Aber ihr Vater, der ist nett.«

»Mag schon sein«, sagte Ingo. »Trotzdem hat sie mir gedroht.«

»Dann gehört ihr erst recht der Arsch versohlt. Aber vielleicht übernimmt das ja jemand anderes für uns.«

»Dein Wort in Gottes Ohr.«

***

»Einen Latte macchiato und den Salat Nizza.« Britt lehnte sich zurück und schaute aus dem Fenster. Ihre beste Freundin Nana müsste bald da sein. Sie trafen sich fast jeden Tag, und das seit der Kindergartenzeit. Nana wohnte mit ihrer Mutter gegenüber in einer fast so schönen Villa wie Britt. Davon mal abgesehen gab es in Bogenhausen so gut wie keine hässlichen Häuser. Und alle waren schön groß.

Und Größe war Britt gewöhnt. In jeder Hinsicht.

Britt war vor kurzem zwanzig geworden, die Schule war fertig, und nun wartete sie auf einen Studienplatz, das aber auch nur, weil ihre Eltern der Meinung waren, sie solle etwas Anständiges lernen.

»Falls du glaubst, dass das Leben nur aus Party besteht, hast du dich getäuscht, mein Schatz«, hatte Britts Vater zu ihr gesagt, und ihre Mutter hatte genickt.

Ihre Eltern hatten Geld, keine Frage, aber sie lagen beide nicht auf der faulen Haut, wie Britt es gern zu tun pflegte. Britts Eltern hatten eine Firma für Werbeartikel, die hervorragend lief Geld war mehr als genug da.

Und Britt – nun ja, Britt hatte noch nichts Richtiges auf die Beine gestellt, außer ihr Abitur zu machen.

»Wenn du BWL studierst und dann eine Ausbildung bei mir machst, also so von der Pike auf, dann spricht nichts dagegen, dass du eines Tages dazu in der Lage sein wirst, die Firma zu übernehmen«, war Gerhard Wildenburgs Meinung. »Aber einfach so rumgammeln und nichts tun, das kommt mir nicht in die Tüte, da kannst du dir einen anderen suchen.«

»Papa!«, hatte Britt sich aufgeregt. »Immerhin habe ich das zweitbeste Abi der Schule gemacht.«

»Das ist ja auch prima.« Er hatte ihr auf die Schulter geklopft. »Aber nun muss es weitergehen.«

»Und wie?«

»Dir stehen alle Türen offen. Also mach was draus.«

Aus Trotz hatte Britt sich nicht für ein Betriebswirtschaftsstudium entschieden, sondern für das der Medizin, obwohl sie davon genauso wenig hielt wie von allen anderen Studiengängen der Welt. Ihr Leben gefiel ihr so, wie es war. Außerdem war sie der kruden Ansicht, dass es doch genügte, wenn andere arbeiteten.

Nana hatte es da besser. Sie wohnte mit ihrer Mutter, einer durchaus erfolgreichen Schmuckdesignerin, zusammen, und es gab keinen Mann, der ihnen reinredete, denn einen Vater gab es nicht. Nana war von ihrer Mutter alleine großgezogen worden. Manchmal beneidete Britt die Freundin, denn Nana konnte machen, was sie wollte, auch nach dem Abi. Deswegen würde Nana erst mal für ein paar Monate in die USA fliegen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und sie, Britt, musste sich um ihre Zukunft kümmern, dabei wäre sie zu gern mit Nana geflogen. Denn den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, das konnte sie mindestens genauso gut wie ihre Freundin, die gerade eben das Café betrat – wie immer etwas hektisch, das iPhone in der einen, eine teure Tasche in der anderen Hand.

»Nächste Woche geht's endlich los«, begrüßte sie Britt. »Ich hab schon tausend Leute mobilisiert, erinnerst du dich noch an diesen durchgeknallten Typen, den wir im P1 kennengelernt haben? Dieser Fotograf mit den langen schwarzen Haaren?«

»Natürlich erinnere ich mich«, sagte Britt. »Er hatte sie nicht mehr alle.«

»Deswegen war er mir ja so sympathisch. Und jetzt wohnt dieser Tim in New York und kennt die ganze Szene. Er meinte, er würde mir alle wichtigen Leute vorstellen, und jeden Abend gibt es Party!«

»Nana, dieser Tim hat uns erzählt, dass er Vogelspinnen und Kakerlaken sammelt und gerne Insekten isst.« Britt konnte es nicht fassen.

»Eben, eben.« Nanas Augen glänzten voller Vorfreude. »Das wird ein irres Erlebnis.«

Die Bedienung kam und brachte Britts Salat. Nana bestellte eine Tomatensuppe und beobachtete dann, wie Britt die Blätter klein schnitt.

»Und jetzt stell dir vor, da wären Maden drin«, sagte sie fröhlich.

Britt ließ die Gabel sinken. »Das will ich mir aber gar nicht vorstellen.«

»Doch, tu's einfach. Tim meinte, Maden schmecken gar nicht so schlecht. Außerdem – wenn man Hunger hat, isst man alles. Kannst du dich noch an diesen Film erinnern, in dem das Flugzeug mit einer, ich glaube, Footballmannschaft in den Anden abgestürzt ist? ›Überleben‹ hieß der glaub ich.« Sie senkte die Stimme mit einem wohligen Gruseln. »Die haben da ihre eigenen Kollegen aufgegessen.«

»Hör sofort auf, Nana. Außerdem war das ein Film.«

»Ja, klar. Aber nach wahren Begebenheiten.«

»Sag mal, hast du was getrunken?«

»Ich trinke nie Alkohol.« Nana schüttelte den Kopf. »Schade eigentlich, aber er schmeckt mir einfach nicht.«

»Dafür kannst du ja dann Kakerlaken essen«, schlussfolgerte Britt und zwang sich, nicht nachzuschauen, ob sich in ihrem Salat vielleicht irgendwo eine Nacktschnecke versteckt hielt.

»Tim meinte, in Thailand wäre das ganz normal, also Insekten essen. Da gibt es zum Beispiel Ameisensalat und Bambusmaden und Ähnliches – das ist da wie ein Snack, als würde man Salzstangen essen. Tim meinte auch, dass Heuschrecken und Grashüpfer gut schmecken. Denen zieht man da einfach die Flügel und die Beine ab, dann zerkaut man sie. Oder riesige Wanzen und Skorpione – man kann das ganze Ding aufessen. Aber am besten müssen diese aufgespießten Babyfrösche sein, die man komplett verspeisen kann. Ach, ich freue mich so. Da sind auch überall total viele Proteine drin. Und Proteine sind gesund. Wenn ich wiederkomme, bin ich bestimmt ein neuer Mensch.«

Zum ersten Mal war Britt froh, doch nicht nach New York zu müssen. Vielleicht war es einfach sicherer, hierzubleiben.

Ganz bestimmt war es das. Außerdem wusste sie nicht, warum Nana ein neuer Mensch sein wollte. Sie gefiel ihr so, wie sie war.

Aber Nana musste wissen, was sie tat.

Britt wusste auch, was sie tun musste. Sich um einen verdammten Studienplatz kümmern. Darauf hatte sie noch weniger Lust, als auf Maden oder Skorpione zu verspeisen.

***

»Ich habe aber keine Lust, nach Frankfurt zu gehen«, nörgelte Britt herum und knallte die Gabel auf den Teller. »Wenn, will ich hier studieren.«

»Es geht nicht immer darum, was du willst.« Gerhard Wildenburg hatte langsam die Nase voll, und man merkte ihm das an. Seine Tochter ging ihm zunehmend auf die Nerven. »Das ist eine neue Stadt, du bist mal weg von hier, das wird dir guttun.« Er und seine Frau Nora hatten Britt gerade klargemacht, dass ihr sorgenfreies Leben in München demnächst unterbrochen werden würde. Sie hielten es für besser, wenn Britt mal aus ihrer Umgebung rauskam und lernte, auf eigenen Füßen zu stehen.

»Vielleicht ist es zu lange nur darum gegangen«, fügte ihre Mutter hinzu, die auch keine Lust auf diese sinnfreien Diskussionen hatte. »Frankfurt ist mal was anderes und ...«

»Danke, Mama, ich weiß auch, dass Frankfurt was anderes als München ist«, unterbrach Britt sie und merkte, dass sie vor Aufregung schon wieder Locken bekam. Das war immer so, regte sie sich auf, fingen die blonden Haare an, sich zu kräuseln.

»Schluss mit der Diskussion. Davon abgesehen war es doch deine Entscheidung. Ich habe dir gleich gesagt, du sollst bei mir ...«

»Ja, ja, ja.« Britt stocherte in ihrem Gemüse herum. »Ich weiß, ich weiß, du hast gesagt, du hast gesagt. Du gehst mir auf den Keks mit deiner Besserwisserei.«

»Jetzt reicht es mir aber.« Gerhard stand auf. »Du willst studieren, und jetzt ziehst du das durch. Und zwar in Frankfurt. Das ist mein letztes Wort.«

»Und wenn nicht?«

»Dann kannst du sehen, wo du bleibst. Hier jedenfalls nicht.«

Fassungslos starrte Britt ihren Vater an.

»Aber Papi ...«

Papi war schon aufgestanden und hatte den Raum verlassen.

»Übrigens ist ein Brief für dich gekommen.« Nora schob ihr den Umschlag hin.

»Ein Brief? Wer schreibt denn heute noch Briefe?«

»Tante Dora aus Bad Nauheim natürlich. Sie schreibt doch immer Briefe.«

»Ach.« Britt riss das Papier auf und starrte auf die Sütterlinschrift, mit der ihre Groß- und Patentante den Brief geschrieben hatte. Zum Glück konnte sie das lesen, weil Dora immer so schrieb. »Ich liebe diese Schrift, und du solltest sie auch lernen«, hatte Dora immer gesagt, die gern an Traditionen festhielt. Also hatte sie Britt Sütterlin beigebracht. Britt hatte zwar nicht gewusst, was sie damit anfangen sollte, aber sie hatte sie gelernt.

»Oh nein«, sagte Britt zwei Minuten später.

»Was ist?«, fragte Nora neugierig.

»Tante Dora hat bei einem Preisausschreiben gewonnen.«

»Ach, das freut mich aber! Was ist es denn?«

»Eine Weltreise. Drei Monate.«

»Was?«

»Ja. Wie grauenhaft.«

»Was ist denn daran grauenhaft. Freu dich doch für sie.«

»Hier!« Britt reichte Nora den Brief und stieß dabei ein Wasserglas um. »Lies am besten selbst.«

Was Nora dann auch tat.

»Tja.« Nachdem sie fertig gelesen hatte, zuckte sie mit den Schultern. »Da musst du wohl durch.«

»Nur über meine Leiche.«

»Das kannst du nicht machen, Britt. Tante Dora ist die beste Patentante, die man sich nur wünschen kann. Sie ist verlässlicher als deine Oma, die alles vergisst. Sie hat weder einen einzigen Geburtstag vergessen noch Weihnachten, Ostern und was weiß ich. Sogar an deinen Namenstag hat sie gedacht und dir Geschenke gemacht. Bei jeder guten Note hast du etwas von ihr bekommen. Und als du klein warst, weißt du noch, wie gern du zu ihr in die Wetterau gefahren bist? Oma hat immer vergessen, dich einzuladen, aber Tante Dora nie.« Tante Dora war die Schwester von Britts Oma, also der Mutter von Britts Mutter. So halt irgendwie. Britt kam damit immer ein wenig durcheinander.

»Mama, da war ich drei oder vier.«

»Du bist auch noch gern hingefahren, als du zehn oder zwölf warst.«

»Das ist trotzdem Ewigkeiten her. Und ich war seitdem nicht mehr da.«

»Sie scheint aber sonst niemanden zu haben.« Nora stellte die Teller zusammen. »Ich finde, das ist das Mindeste, was du jetzt für sie tun kannst.«

»Aber das Studium ...«

»... fängt erst im Oktober an. Das sind noch fast vier Monate. Abgesehen davon kannst du ja dann auch ein paar Mal nach Frankfurt fahren und dich schon mal ein bisschen umsehen. Nach einer Wohnung zum Beispiel. Das sind gerade mal vierzig Kilometer.«

»Bad Nauheim.« Britt sprach die beiden Worte so aus, als handele es sich um eine ansteckende Krankheit. »Das ist tiefste Provinz.«

»Es ist eine Kleinstadt«, wurde sie von ihrer Mutter korrigiert.

»Da gibt es gar nichts«, sagte Britt.

»Da gibt es sehr viel.«

»Wahrscheinlich noch Tante-Emma-Läden.«

»Als ich Dora im letzten Jahr besucht habe, gab es da sogar Supermärkte und Tankstellen, stell dir vor. Auch Ärzte haben sich dort niedergelassen.«

»Bad Nauheim ist ja auch eine Kurstadt. Natürlich gibt's da Ärzte. Und ganz viele Kurgäste, die sich abends volllaufen lassen und in so Tanzcafés herumhängen und sich Kurschatten suchen. Ekelhaft.«

»Da musst du ja nicht hingehen.«

»Wo soll man denn da sonst hingehen?« Britt war sauer. »Davon mal ganz abgesehen hatte ich zu Tieren noch nie ein gutes Verhältnis, und Angst vor Hunden habe ich auch.«

»Es ist ein Hund, er ist halb blind und wird dir ganz bestimmt nichts tun.«

»Kann nicht eine Nachbarin auf den halb blinden Hund aufpassen und die Blumen gießen?«

»Herrje, Britt, du hast doch Zeit. Warum sagst du nicht einfach ja?«

»Bad Nauheim ...«

»Also?«

»Von mir aus.« Britt stand auf und verließ türenknallend den Raum.

»Ich kann mir ja schon mal T-Shirts mit Strassbesatz kaufen«, rief sie ihrer Mutter noch zu.

Die schüttelte nur den Kopf.

Kapitel 2

»Kannst du nicht einen entzündeten Blinddarm vortäuschen?«, fragte Nana entsetzt, nachdem Britt ihr am Telefon von Tante Doras Bitte erzählt hatte.

»Meine Mutter hat sie schon angerufen und ihr gesagt, dass ich total gern komme«, sagte Britt, die immer noch sauer war. »Jetzt kann ich drei Monate in diesem Kurbad wohnen, wo sie sich wahrscheinlich noch in grunzenden Lauten verständigen. Ich kotze gleich.«

»Na ja, so schlimm wird es jetzt auch nicht sein.« Nana kicherte. »Falls du einen Lendenschurz tragen solltest, mach bitte Fotos und schick sie mir. Ich schick dir auch welche vom Shopping in der Park Avenue. Wann fährst du?«

»Übermorgen.«

»Schon! Tante Dora schien sich ja sehr sicher zu sein, dass du zusagst. Dann treffen wir uns morgen noch mal. Es könnte ja das letzte Mal sein«, kicherte Nana.

Nach ungefähr acht Stunden im Stau auf der Autobahn passierte Britt endlich das Ortsschild, auf dem Bad Nauheim – Kurstadt mit Herz stand.

»Na prima«, nuschelte Britt vor sich hin, während sie am Friedhof vorbei Richtung Innenstadt fuhr. Tante Dora wohnte in einer kleinen Straße direkt am Kurpark und hatte Britt schon am Telefon davon vorgeschwärmt, wie süß die Enten und Schwäne am Großen Teich um Futter bettelten.

»Es gibt im Teich auch große Karpfen«, war es weitergegangen. »Die wollen natürlich auch Brotstückchen. Ach, du wirst dich wohl fühlen.«

Britt, die sich etwas Besseres vorstellen konnte, als Karpfen mit Brot zu füttern, hatte genickt, obwohl die Tante das ja gar nicht sehen konnte.

»Ich mache dann einen Kartoffelsalat«, brüllte Tante Dora, die schon immer so laut geredet hatte. »Mit Würstchen. Das hast du doch als Kind immer so gerne gegessen. Und du bist doch bestimmt hungrig von der langen Fahrt.«

Nachdem sie noch »Fahr aber bloß vorsichtig« und »Mach zwischendurch Pausen und vertrete dir die Beine, das ist wichtig« und »Telefoniere während der Fahrt nicht mit diesem kleinen Ding, das jetzt alle haben« gerufen hatte, konnte Britt endlich auflegen.

Während sie nun die Parkstraße hinauffuhr, musste sie feststellen, dass es in der Tat Geschäfte gab. Zwar nicht so eindrucksvolle wie in München, aber immerhin. Aber wer wusste schon, was da verkauft wurde. Möglicherweise waren hier gerade Schlaghosen aus den Siebzigern modern. Und im Kino, wenn es denn eins gab, lief E.T., der Außerirdische.

In der Auguste-Viktoria-Straße hielt Britt schließlich an, wuchtete ihre Koffer aus dem Auto und schloss es ab. Sie blieb noch einmal kurz stehen, atmete tief durch, hatte das Gefühl, Dung oder so was zu riechen und ging dann zu dem Haus ihrer Tante.

›Neunzig Tage‹, dachte sie. ›Neunzig Tage muss ich jetzt hier bleiben. Wieso tu ich mir das an?‹

Tante Dora brüllte natürlich sofort los, nachdem sie die Tür geöffnet hatte. Für ihre knapp achtzig Jahre sah sie tipptopp aus, die Haare waren zwar grau, aber sehr gepflegt, und sie trug ein hellblaues Kostüm, das gut zu ihren stahlblauen Augen passte. Tante Dora war fit wie ein Turnschuh und strotzte vor Energie.

»Ach Kind, ach Kind, ist das schön, ist das schön. Komm rein, zieh deine Jacke aus, setz dich hin, oder nein, erst zeig ich dir die Wohnung. Komm, komm, hast du Durst? Der Kartoffelsalat ist fertig, ich habe Speckwürfel reingemacht und Zwiebeln natürlich und Gurken, und ich habe schöne Bockwürstchen gekauft, und nachher gibt's einen Schokoladenpudding mit Vanillesoße, den hast du doch als Kind schon so gerne gegessen.«

»Ich bin doch kein Kind mehr, Tante Dora. Ich bin schon zwanzig.« Mit Mühe konnte Britt sich aus der Umarmung ihrer Tante lösen, die an ihr hing wie eine Klette und sie gar nicht wieder loslassen wollte.

»Schon zwanzig, was redest du denn da? Als ich zwanzig war, da hatte ich ständig Hunger, aber wirklich ununterbrochen.« Dora zog Britt durch den Flur und blieb dann stehen.

»Das ist die Diele«, sagte sie stolz.

Britt blieb ebenfalls stehen, und zwar fassungslos. »Du meinst, das war die Diele«, sagte sie nur.

»Hat Nora dir denn nicht gesagt, dass es hier im Haus ein wenig drunter und drüber geht?« Tante Dora hüpfte fröhlich auf und ab. »Die ganzen alten Leitungen kommen unter Putz, da muss ja alles aufgestemmt werden. Gestern haben die Arbeiter angefangen, es ist ein Höllenlärm. Valentino ist deswegen schon ganz außer sich und die anderen auch.«

Britt starrte auf die kahlen Wände. »Wer ist Valentino, und wer sind die anderen? Nachbarn?«, wollte sie dann wissen.

»Nein, nein. Valentino ist ein Opossum«, erklärte Tante Dora eifrig. »Ein reizender kleiner Zeitgenosse. Gehört zur Gattung der Beutelratten.«

»Was?«, kreischte Britt.

»Ja, da staunst du. Ich konnte es auch erst nicht glauben. Valentino sieht nämlich gar nicht aus wie eine Ratte, sondern eher ... na ja, wie ein Opossum halt. Valentino ist momentan mit Herta liiert, und Herta ist trächtig. Hübsch, oder?«

Britt wurde schwarz vor Augen. »Es hieß, dass ich auf einen Hund aufpassen und Blumen gießen soll. Von einem Opossum hat mir keiner was gesagt. Du auch nicht, Tante Dora.«

»Nein? Darin hab ich das wohl vergessen. Aber einen Hund gibt es natürlich unter anderem auch.«

Nun bekam Britt Atemprobleme. »Was genau bedeutet unter anderem

Dora sah sie an. »Unter anderem heißt unter anderem. Wie der Begriff es schon sagt. Es gibt unter anderem auch einen Hund. Und eine Blindschleiche. Sie heißt Gertrud. Süß, was? Was ist nun? Möchtest du etwas essen oder erst weiter die Wohnung besichtigen?«

Eine Stunde später wünschte Britt sich, dass sie keine Tante hätte. Wenn man es genau nahm, wünschte sie sich, dass es überhaupt keine Verwandten gäbe.

Das war alles nicht zu fassen.

Sie war in einem Horrorfilm gelandet.

»Mit Helfried musst du behutsam umgehen«, sagte Tante Dora, während sie Britt die dritte Portion Kartoffelsalat aufzwang. »Hier, nimm noch eine Bockwurst. Also, mit Helfried ist das so eine Sache. Er hat es in jungen Jahren sehr schwer gehabt.«

Britt, die sich mittlerweile Notizen machte, schaute auf. »Wer ist jetzt gleich noch mal Helfried?«

»Eine der Schlangen. Helfried war als Kind mal längere Zeit in einen Kühlschrank eingesperrt, seitdem leidet er unter Platzangst. Ihm ist auch ständig kalt.«

Britt notierte: Helfried, Schlange, Kühlschrank, traumatisches Erlebnis, friert leicht, und überflog das, was sie schon geschrieben hatte.

Elisabeth, ebenfalls Schlange, eine Ringelnatter, hat Angst vor Artgenossen, deswegen fernhalten von Bernhard und Luzifer. Mag kein direktes Sonnenlicht und hasst es, wenn man ihr Terrarium sauber macht, weil sie sich dann bedroht fühlt.

Mechthild und Larissa, Wasserschildkröten, darf man nicht mit Fritz, dem Jungwels, zusammen schwimmen lassen, weil es dann Mord und Totschlag gibt. Fritz wiederum braucht ein spezielles Antibiotikum, weil Mechthild ihm kürzlich aus heiterem Himmel ein Stück Kieme weggebissen hat.

Und so ging es auf zwei Seiten weiter. Es waren leider nicht nur kleine Tiere, es waren auch größere wie zum Beispiel Emil, das Zwergflusspferd, dabei. Emil wohnte im angrenzenden Garten und hatte dort einen eigenen Tümpel, den er nach Leibeskräften verteidigte. Noch nicht mal die Vogelspinnen trauten sich, es mit Emil aufzunehmen. Emil betrachtete sich als Gott. Und er ließ das auch total raushängen, davon konnte sich Britt selbst überzeugen.

Zwar sagte sie immer wieder »Ich dachte, es sei nur ein Hund«, gab es dann aber irgendwann auf. Es gab ja auch einen Hund. Den Namen hatte Britt sich noch nicht merken können, weil es ja auch Schlangen, Opossums, Welse, Schildkröten, ein kleines Nilpferd und möglicherweise noch weiß der Himmel alles gab.

Die blöden Schlangen würden sowieso nicht auf irgendwelche Namen hören, denn Schlangen waren ja bekanntlich taub.

»Es wird dir hier gut gefallen«, wurde Tante Dora nicht müde zu versichern. »Die Bad Nauheimer sind so nett. Und wenn du abends mal unter junge Leute willst, dann gehst du in den ›Schober‹.«

»Was ist das?«, fragte Britt.

»Das ist ein Szene-Treff«, sagte die Tante, die stolz darauf war, so ein Wort zu kennen. »Dort trifft sich die Jugend. Dort trinkt man Bier, Äppler und unterhält sich, das habe ich mir zumindest sagen lassen.«

»Was ist denn Äppler?«

Tante Dora sah nun so aus, als hätte Britt gefragt, was eine Tasche sei. »Na, Apfelwein«, kam es dann. »Das ist doch das hessische Nationalgetränk. Wo wir gerade dabei sind, erinnerst du dich noch an Handkäs' mit Musik und Grüner Soße?«

»Nein.«

»Nein? Dann mache ich Handkäs', wenn ich wieder da bin. Den kann ich mindestens genauso gut wie Kartoffelsalat.«

»Wann fährst du denn eigentlich los?«

»Morgen. Du bringst mich doch zum Flughafen?«

»Sicher bringe ich dich.«

»Und jetzt gibt es Kuchen. Ich habe extra einen Frankfurter Kranz für dich gemacht. Mit viel Buttercreme. Den hast du als Kind schon so gerne gegessen.«

›Eins ist gut‹, dachte Britt. ›Morgen ist sie weg, und ich muss mir nicht länger das fette Zeug reinziehen.‹ Nach vier Wochen bei Tante Dora würde sie wahrscheinlich aussehen wie eine adipöse Mittvierzigerin und sich somit gut in das Allgemeinbild der Kurstadt mit Herz einfügen. Aber den morgigen Tag würde sie schon noch überstehen.

Und dann würde endlich Ruhe einkehren.

Britt beschloss, diese drei Monate mit halbgeschlossenen Augen durchzustehen, jeden Tag wie ein Gefängnisinsasse abzustreichen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, beispielsweise darauf, in Frankfurt eine Wohnung zu suchen und die Innenstadt ein wenig unsicher zu machen. In diesen »Schober« würde sie auf gar keinen Fall gehen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit waren dort sowieso gegen 19 Uhr schon alle betrunken und würden herumkrakeelen.

Sie, Britt Wildenburg, würde den Mob meiden, wo es nur ging.

Außerdem hatte sie ja auch noch die ganzen Tiere am Hals.

Die Zeit würde schon rumgehen. Und niemand würde ihr Undankbarkeit oder etwas anderes vorwerfen können.

Abends ging sie zum ersten Mal alleine mit dem Hund raus.

»Du musst ihn ja kennenlernen«, war Tante Doras Meinung. »Ab morgen wirst du alleine zurechtkommen müssen.«

»So schwierig wird es schon nicht sein.« Britt nahm die Leine und stiefelte davon, beziehungsweise wurde mitgerissen.

»Otto ist sehr wild«, rief ihr die Tante überflüssigerweise hinterher. Wenigstens wusste sie jetzt den Namen.

Während Britt die Straße entlanggezerrt wurde, hoffte sie, dass ihr niemand begegnen würde, was aber leider nicht der Fall war.

»Hallo.« Vor ihr stand eine junge Frau in ihrem Alter und lächelte sie freundlich an.

»Hallo.« Otto sprang an der Frau hoch, und Britt musste aufpassen, nicht in zwei Teile gerissen zu werden.

»Du bist bestimmt die Britt, die bei der Dora wohnt.«

»Ich bin nicht die Britt, ich heiße Britt, und ich wohne nicht bei der Dora, sondern bei Dora«, korrigierte sie ihr Gegenüber.

»Das sagt man hier so. Ich bin die Moni. Willkommen in Bad Nauheim.«

»Danke, die Moni. Ich konnte es kaum erwarten herzukommen.«

»Wir waren alle schon ganz gespannt«, erzählte die Moni fröhlich. »Weil du ja aus München kommst.«

Britt lächelte die Moni hoheitsvoll an. »Das glaube ich, dass ihr das aufregend findet. Immerhin ist München eine richtige Stadt.«

»Bad Nauheim aber auch«, verteidigte die Moni ihre Heimat. »Also ich will hier gar nicht weg. Das heißt, ich will immer wieder hierher zurückkommen. Ich mag es hier. Natürlich will ich woanders studieren, aber letztendlich liebe ich Bad Nauheim.«

»So wie du aussiehst, bleibt dir auch nicht viel anderes übrig als wieder hierher zurückzukommen«, kommentierte Britt Monis Aussage.

»Wie bitte?«, fragte die.

»Hör mal, um ganz ehrlich zu sein: Ich habe überhaupt keine Lust, hier mit irgendjemandem zu reden oder Bekanntschaften zu schließen. Das ist mir alles eine Nummer zu klein und zu ... simpel gestrickt. Du weißt doch, was simpel ist?«

»Sag mal, spinnst du? Wie arrogant bist du denn?« Die Moni konnte es gar nicht fassen. »Falls es dich interessiert, meine Mutter hat extra einen Willkommenskuchen für dich gebacken, und wir wollten dich zum Kaffee einladen, wenn deine Tante weg ist.«

»Lass gut sein, die Moni«, sagte Britt schnippisch. »Esst euren Kuchen mal schön allein. Davon abgesehen mag ich Kaffeekränzchen nicht besonders. Die sind nämlich nur dazu da, dass man andere ausquetscht, uni später über sie zu lästern.«

Die Moni glotzte Britt fassungslos an. »Seid ihr in Bayern alle so?«

»Ich kann nur für München sprechen«, sagte Britt. »Und in München sind – zumindest in der Gegend, aus der ich komme – in der Tat alle so. Weltoffen, gebildet, charakterlich gefestigt und intelligent. Ein großer Unterschied zu Bad Nauheim, denke ich mal.«

»Ich habe Abitur«, sagte die Moni.

»Ja und«, sagte Britt. »Das heißt gar nichts. Ein Abitur in Bad Nauheim bedeutet wahrscheinlich genauso viel, als wenn in München jemand eine Friseurlehre abbricht.«

»Was willst du damit sagen?«

»Das, was ich gesagt habe.«

»Du bist eine voll arrogante Zicke.«

»Gern geschehen«, sagte Britt. »Leider kann ich nicht gleichfalls sagen, das wäre zu viel des Guten.«

Dann ging sie einfach weiter und ließ die Moni stehen.

»Na warte«, sagte die Moni leise zu sich selbst. »Na warte!«

»Hat Otto sein Geschäftchen gemacht?«, fragte Tante Dora besorgt. »Er hat so Probleme mit der Verdauung. Das ist bei Terriern oft so.«

»Ich weiß es nicht«, sagte Britt, die bis eben von Otto durch sämtliche Straßen und Parks gezerrt worden war. Irgendwann hatte sie ihn von der Leine gelassen, weil sie um ihren Arm fürchtete. Daraufhin war Otto in den Büschen verschwunden. Die Kraft, ihm hinterherzulaufen, um zu überprüfen, ob er sein dämliches Geschäft gemacht hatte, war ihr abhandengekommen. Außerdem konnte sie das Brimborium, das um Tiere gemacht wurde, nicht verstehen.

»Darauf musst du aber achten«, sagte Tante Dora im Oberlehrerinnenton. »Und vor allen Dingen musst du diese kleinen Beutelchen mitnehmen, die hast du eben vergessen, und die Geschäfte drin sammeln. Wir wollen ja nicht, dass irgendwelche Leute in das Groß der Hunde treten.«

»Nein, Tante Dora«, sagte Britt und freute sich darauf, heute Abend den ersten Strich im Kalender machen zu können.

»Es ist total ekelhaft, dass manche Leute es nicht einsehen, das wegzumachen«, echauffierte sich Tante Dora. »Wir ziehen doch auch, wenn wir auf Toilette waren. Hast du Hunger?«

»Nein danke. Ich bin noch satt von vorhin.«

»Papperlapapp, das bisschen. Du bist doch jung und noch im Wachstum, du brauchst Vitamine. Hier, nimm ein Stück kalten Braten. Möchtest du fernsehen? Ich muss nämlich noch packen. Ach, was bin ich aufgeregt. Und Britt, das Wichtigste muss ich dir noch sagen, schau mal, was ich hier habe.« Triumphierend hielt Tante Dora etwas in die Höhe.

»Weißt du, was das ist, weißt du es?«

»Du fuchtelst ja so herum«, sagte Britt.

»Ein Mobiltelefon«, rief Tante Dora voller Enthusiasmus. »Damit kann mir nichts mehr passieren.«

»Ist dir denn schon mal etwas passiert?«

»Das nicht«, sagte Tante Dora und drückte auf dem Handy herum. »Aber angenommen, ich befinde mich gerade in Afrika auf einer Safari in der Serengeti und habe den Anschluss an meine Gruppe verloren, irre orientierungslos umher und habe kein Wasser mehr, weiß nicht mehr, wo ich bin, und eventuell taucht dann auch noch ein Tiger auf, der schlechte Laune hat. Dann kann ich ruck, zuck mit dem Handy Hilfe rufen.«

»Erstens mal gibt es keine Tiger in Afrika, die leben in Indien«, sagte Britt. »Und zweitens, wenn du gar nicht weißt, wo du bist, wohin sollst du dann die Hilfe bestellen? Davon abgesehen weiß ich nicht, ob du mit dem Handy überhaupt Empfang hast in der Serengeti«, sagte Britt. »Ich denke nicht, dass da Funkmasten und so sind. Ich glaube, die verständigen sich da noch mit Walkie-Talkies. Ich würde wegen des Empfangs noch mal nachfragen.«

»Was ist Empfang?«, fragte Tante Dora.

Britt nahm sich nun doch ein Stück Schweinebraten. Sie brauchte Kraft.

Kapitel 3

»Das ist aber groß hier. Wo sind denn die Flugzeuge?«, fragte Tante Dora aufgeregt. »Und der Boden ist schön. Da klackern die Absätze so hübsch.«

»Hier sind noch keine Flugzeuge. Die stehen draußen«, sagte Britt genervt und versuchte, den Rollwagen einigermaßen gerade vor sich herzuschieben. »Außerdem wird es gleich noch Ärger geben. Du hast viel zu viel Gepäck dabei. Es sind nur zwanzig Kilo erlaubt, wie ich schon sagte.«

»Das ist anmaßend«, war Tante Doras Meinung. »Die können einem doch nicht vorschreiben, wie viel man mitnehmen darf. Schon gar nicht, wenn man gewonnen hat. Wo kämen wir denn da hin? Die Würde des Menschen ist unantastbar, das wird doch immer gesagt. Da können die mir doch jetzt nicht mit zwanzig Kilo für drei Monate kommen.«

»Auch im Ausland gibt es Waschmaschinen. Wenn jeder so viel mitnähme, wie er wollte, wäre irgendwann kein Platz mehr für die Passagiere im Flugzeug«, versuchte Britt zu erklären, während sie einen langen Gang entlangrollte. »Lass uns mal da auf dieses Förderband gehen. Dann müssen wir nicht laufen.«

»Das ist ja lustig«, sagte Tante Dora. »Das ist ja wie eine Rolltreppe ohne Treppe. Da hat wirklich jemand mitgedacht. Es gibt ja auch Leute mit Wasser in den Gelenken oder Gicht oder einer anderen Gehbehinderung. Die Wege hier scheinen aber auch wirklich sehr lang zu sein.«

»Der Frankfurter Flughafen ist ja auch der größte Deutschlands.«

»Warum?«

»Das weiß ich auch nicht«, sagte Britt. »Aber es ist so.«

»Wieso wollen denn die anderen Städte nicht, dass ihr Flughafen der größte ist?«, fragte Tante Dora unbeirrt weiter. »Ist es nicht so, dass jeder den größten haben will?«

»Das ist bei Männern vielleicht so«, sagte Britt. »Aber nicht bei Flughäfen.«

Wie sollte sie die zwei Stunden nur durchstehen, bis Tante Dora endlich in dieser Maschine saß?

»Warum gibt es eigentlich nur in Großstädten Flughäfen? Es wäre doch praktisch, wenn zum Beispiel Bad Nauheim auch einen hätte. Dann hätten wir nicht so weit fahren brauchen. Denken die auch mal an die Umwelt?«

***

Britt saß in ihrem Wagen und fuhr in Richtung Autobahn. Nach einer ewig langen Diskussion mit der netten Dame am Abfertigungsschalter hatte sich Tante Dora letztendlich dazu überreden lassen, Britt drei ihrer sieben Koffer wieder mitzugeben, selbstverständlich erst, nachdem sie alle Koffer geöffnet und die Kleidung umsortiert hatte.

»Ich brauche definitiv genügend Sonnencreme«, hatte Tante Dora herumlamentiert. »Im Ausland ist die bestimmt entweder zu teuer, oder es gibt gar keine, beispielsweise in der Südsee, weil da niemand Sonnencreme nimmt. Ich möchte in meinem Alter nicht noch Hautkrebs kriegen. Weißt du, wie schlimm Hautkrebs ist? Ein befreundeter Landwirt, der immer ohne Sonnenschutz aufs Feld raus ist, hatte Hautkrebs, mehr muss ich wohl nicht sagen. Er kann sich jetzt die Radieschen von unten anschauen.«

»Das tut mir leid«, hatte Britt gesagt und den anderen genervt Wartenden entschuldigend zugelächelt.

»Um ihn ist es nicht schade. Er war ein Idiot.« Tante Dora hatte ihre komplette Unterwäsche auf dem Flughafenboden verteilt. »Ich habe mir Strapse gekauft. Wie findest du sie?« Sie hielt die Strapse hoch, sodass alle sie sehen konnten.

»Tante Dora, bitte. Hier sind Leute.«

»Natürlich sind hier Leute. Das sehe ich auch. Was ist denn verwerflich daran, Strapse zu besitzen? Viele Leute haben welche. Warum also nicht ich?«

»In deinem Alter ...«

»Hör mir bloß auf mit meinem Alter«, hatte Tante Dora gemeckert. »Komm du erst mal in die Wechseljahre. Weißt du, wie grauenhaft das war, so mir nichts dir nichts Schweißausbrüche zu kriegen? Ich musste Hormone einnehmen, aber es waren die falschen. Der blöde Arzt hat mir was verschrieben, von dem ich einen Vollbart bekommen habe. Lern mal mit einem Vollbart einen Mann kennen, mach mir das mal vor. Jeden Tag hab ich mich rasieren müssen, und trotzdem waren da überall Stoppeln. Die Augenbrauen sind auch gewachsen, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her. Es war grauenhaft. Es hätte bloß noch gefehlt, dass mir eine Pfeife aus dem Mund gewachsen wäre, dann hätte ich mich Heribert oder Karlheinz nennen können, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Sogar die Tiere waren irritiert. Die Schlangen haben tagelang ihr Futter verweigert, kamen gar nicht mehr zum Vorschein. Hast du eigentlich schon mal einen Vibrator benutzt?«

Die Wartenden in der Schlange hatten sich geräuspert.

»Tante Dora, ich ...«

»Das ist eine ganz normale Frage. Beantworte sie doch einfach.«

Britt hatte so geschwitzt, dass sie das Gefühl hatte, ebenfalls gerade in die Wechseljahre zu kommen.

»Nein, habe ich nicht.«

»Wieso nicht? Ach, da ist er ja.« Tante Dora hatte fröhlich einen Vibrator hochgehalten. »Sieht der nicht schick aus? Er hat sogar einen Klitoris-Stimulator, falls man Probleme damit hat, vaginal zum Orgasmus zu kommen. Der rotiert, der Stimulator. Aber du kommst doch bestimmt vaginal zum Orgasmus, Britt, oder? Du bist ja noch so jung.«

»Ich glaube, wir müssen jetzt mal Platz für die anderen machen«, hatte Britt verzweifelt gesagt. »Es muss ja weitergehen.«

»Lassen Sie sich ruhig Zeit«, hatten die Teilnehmer einer männlichen Reisegruppe sie beschwichtigt und debil gegrinst.

»Siehst du«, hatte Tante Dora zufrieden gesagt. »Die sollen sich mal nicht so haben. Immerhin habe ich Urlaub. Vielleicht lerne ich einen attraktiven Hawaiianer kennen? Ach, ich bin so aufgeregt. Ich fühle mich, als wäre ich in einen Jungbrunnen gestiegen. Weißt du, Britt, wenn man älter wird, heißt das nicht automatisch, dass man keinen Sex mehr hat. Ganz im Gegenteil, ich möchte sehr viel Sex haben, ich will endlich leben, brav war ich lange genug, und vor allen Dingen muss ich unbedingt noch aus dem Koffer da die Batterien für den Vibrator holen, wo sind sie denn, ach, da sind sie ja. Du denkst doch an die Tüten für die Hundehaufen, ja? Iss den Kartoffelsalat, sonst wird der schlecht. Würstchen sind auch noch da. In der Tiefkühltruhe habe ich alles Mögliche drin. Mach abends bloß die Rollläden runter. Nicht dass noch eine von den Schlangen abhaut. Das ist eine Sucherei, sag ich dir. Denk dran, dass das Flusspferd, also der kleine Emil, morgens unbedingt warmen Kakao braucht, sonst ist der Tag für ihn gelaufen. Und was ich dir unbedingt noch sagen wollte ... Ach, jetzt fällt es mir nicht mehr ein. Was war das denn? Irgendwas Wichtiges, also so was. Gibt's das denn?«

***

›Meine Güte‹, dachte Britt. ›Hoffentlich geht das gut mit ihr. Nicht dass ich noch nach Afrika oder Australien reisen muss, um sie aus einem Gefängnis freizukaufen. Was ist, wenn die da keine Vibratoren kennen und annehmen, es sei eine Handgranate in ihrem Koffer oder so was?‹

Sie war verwirrt, weil sie Dora eigentlich immer als biedere Tante kennengelernt hatte und nicht so. Also so sexbesessen. Aber vielleicht brachte das Alter ja so etwas mit sich.

Sie würde es noch früh genug erfahren.

Vor Tante Doras Haus stand eine ziemlich korpulente Frau und schien auf sie zu warten.

»Guten Tag«, sagte die Frau.

»Tag«, sagte Britt und betätigte die Fernbedienung, um den Wagen abzuschließen. Es fing gerade an zu nieseln, und sie wollte nur noch ins Haus, nach den bekloppten Tieren sehen, und sich dann aufs Sofa legen und ein wenig im Fernsehen herumzappen.

»Ich bin die Mutter von der Moni«, sagte die Frau, die etwas in der Hand hielt, das von einem Küchentuch bedeckt war.

»Hallo, die Mutter von der Moni«, sagte Britt, die es mittlerweile ganz lustig fand, dass man hier ständig Artikel vor die Namen stellte.

»Die Moni hat mir von gestern Abend erzählt«, sagte die Frau und schaute noch böser.

»Die arme Moni«, antwortete Britt. »Konnte sie nicht schlafen, weil ich den blöden Kuchen nicht haben wollte?«

»Die Moni hat sehr gut geschlafen.« Nun war die Stimme der Frau lauter.

»Na, da sind wir ja alle froh. Das liegt bestimmt an der guten Landluft.« Britt wollte an der Mutter von der Moni vorbeigehen, aber die stellte sich ihr in den Weg.

»So geht das nicht«, sagte die Mutter von der Moni nun sehr böse. »Was bilden Sie sich eigentlich ein, Sie unverschämtes Ding? Der Moni solche Sachen an den Kopf zu werfen. Dabei hat Ihre Tante von Ihnen nur Gutes erzählt.«,

»Ich bin auch gut«, sagte Britt. »Vor allen Dingen bin ich gut darin, mir auszusuchen, mit wem ich Konversation betreibe und mit wem nicht. Sie gehören definitiv zu Letzterem. Alles klar? Und jetzt lassen Sie mich durch, sofern das mit Ihrem Hintern auf die Schnelle möglich ist.«

Im nächsten Moment klatschte ihr die Mutter von der Moni eine Schwarzwälder Kirschtorte ins Gesicht.

»Nichts zu danken«, sagte die Mutter von der Moni und ließ Britt stehen. Ihr breiter Hintern wackelte im Fortgehen.

»Das kann ja wohl nicht wahr sein. Verdammte Scheiße, verdammte.« Britt stand da und versuchte, sich die klebrige Masse aus dem Gesicht zu wischen, was allerdings zur Folge hatte, dass noch mehr in ihren Haaren hing und jetzt auch in den Ausschnitt rutschte.

Verzweifelt schluckte sie eine der Belegkirschen runter.

»Sie sind wohl wahnsinnig geworden!«, brüllte sie der Mutter von der Moni hinterher. »Ich zeige Sie an! Sie werden schon sehen, was mein Vater mit Leuten wie Ihnen macht. Wir haben Anwälte, hören Sie, nicht nur einen Anwalt, wir haben ANWÄLTE! PLURAL! Dass Sie es nur wissen! Falls Sie überhaupt wissen, was Plural bedeutet!«

Dann fing es an zu jucken. Guter Gott, war das klebrig. Wieso nur hatte der Allmächtige geschlagene Sahne mit Zucker drin und süße Kirschen erfunden? Das war ja furchtbar. Mit einem offenen und einem geschlossenen Auge kramte sie in ihrer Umhängetasche herum, um den Schlüssel herauszuholen. Aber sie fand ihn nicht. Dann fiel ihr ein, dass Tante Dora ihr den Schlüssel eigentlich hatte geben wollen, aber in der ganzen Vibratoren- und Koffer-Umpack-Aktion hatten sie das vergessen. Und jetzt saß Tante Dora im Flugzeug.

Na toll. Brist stand hier in Bad Nauheim mit einer Schwarzwälder Kirschtorte im Gesicht und war auch noch obdachlos. Und drinnen bellte der Hund.

»Darf ich mal probieren?«, fragte plötzlich eine Stimme neben ihr.

Britt schoss herum. Vor ihr stand ein junger Mann in ihrem Alter, der zu gleichen Teilen amüsiert und verwundert aussah.

»Ich nehme an, das ist Frau Helfrichs berühmte Schwarzwälder Kirschtorte«, sagte der Mann und lächelte.

»Das war die Torte«, sagte Britt und wischte sich ein wenig Sahne ab, was zur Folge hatte, dass sie sich eine Belegkirsche ins Auge rieb, woraufhin sie sofort in Panik verfiel. Was wäre, wenn die Kirsche hinters Auge rutschte und durch ihren Körper wanderte?

»Scheint aber noch genug da zu sein«, sagte ihr Gegenüber.

»Ich wohne zurzeit da.« Britt deutete auf das Haus. »Aber ich habe keinen Schlüssel. Den hat meine Tante, und die sitzt gerade im Flieger.«

»Im Flieger«, wiederholte der junge Mann spöttisch. »Das ist natürlich Pech.«

»Vielleicht könntest du mir ja helfen?«

»Dann bist du Britt.« Er ging gar nicht auf ihren Vorschlag ein.

Britt nickte. »Das hat sich ja schnell rumgesprochen.«

»Hier spricht sich alles schnell rum. Ich bin übrigens Julian Brahmkamp.«

»Britt Wildenburg.«

»Ich weiß.«

»Könntest du einen Schlüsseldienst für mich rufen?«

»Den brauchst du nicht. Frau Helfrich hat einen Zweitschlüssel.«

»Die mit der Torte? Die Mutter von der Moni?«

»Exakt die.« Julian nickte fröhlich.

»Aber die hat mir doch gerade alles ins Gesicht geschmissen. Da kann ich jetzt nicht klingeln und nach einem Ersatzschlüssel fragen.«

»Tja, das musst du selbst wissen«, sagte Julian. »Sie wird schon ihre Gründe gehabt haben. Also, ich kenne niemanden, der jemandem einfach so eine komplette Torte in die Visage katapultiert. Du etwa?«

»Nein«, musste Britt zugeben.

»Dann muss ja wohl irgendwas vorgefallen sein«, sagte Julian erwartungsvoll. »Frau Helfrich ist nämlich eine sehr ruhige, besonnene Frau und eine wirklich nette Zeitgenossin. Sie ist in der Kirche aktiv und organisiert Bastelnachmittage für lernbehinderte Senioren. Sie verkauft in der Weihnachtszeit ehrenamtlich Apfelsinen und engagiert sich für die Obdachlosen. Frau Helfrich ist eine Seele von Mensch.«

»Danke, das habe ich gemerkt«, sagte Britt, die entsetzt feststellte, dass das Zucker-Sahne-Gemisch auf ihrer Haut zu trocknen anfing, was noch mehr juckte als vorher. Sie wollte duschen. Sofort.

»Du musst also nur bei Frau Helfrich klingeln und um den Schlüssel bitten«, sagte Julian. »Das kann doch nicht so schwer sein. Es sei denn, es ist etwas vorgefallen. Ist denn ...«

»Ja, herrje, es ist etwas vorgefallen!«, unterbrach Britt ihn wütend. »Das weißt du auch ganz genau. Und jetzt bist du so gut und klingelst bei dieser Frau Helfrich.«

»Da fehlt ein kleines Wörtchen«, sagte Julian, der die Situation aus welchen Gründen auch immer zu genießen schien.

»Bitte«, knurrte Britt. »Bitte klingle bei ihr.«

»Nein«, sagte Julian Brahmkamp, drehte sich um und ging. »Ich finde es aber gut, dass du ›bitte‹ gesagt hast. Das sagst du bestimmt nicht oft.«

Kapitel 4

»Geh weg. Lass mich in Ruhe.«

Emil war es gar nicht recht, dass jemand in sein Refugium eingedrungen war. Er schnaubte böse und versuchte nun zum zwölften Mal, Britt aus seinem extra angelegten Becken zu vertreiben. Emil war zwar nicht besonders groß, aber trotzdem sehr kräftig, und nicht nur einmal schlug Britt der Länge nach hin.

Sie hatte beschlossen, nicht bei Helfrichs zu klingeln, weil sie es entwürdigend fand, mit einer Sahnetorte im Gesicht um Hilfe zu bitten, sondern wollte sich erst in Emils Becken das klebrige Zeug abwaschen, was sich allerdings als problematisch entpuppte.

Davon abgesehen, dass Emil sie dauernd versuchte wegzustoßen, stieß er auch noch komische grunzende Laute aus und schnappte letztendlich nach Britt, woraufhin die strauchelte und hinfiel.

Glücklicherweise war es mittlerweile dunkel. Das fehlte noch, dass die Nachbarn mitkriegten, wie die Patentochter von Dora nackt mit einem Zwergflusspferd kämpfte, dabei kläglich versagte, während dreitausend Kilo Kuchenmasse sowie etliche Dekokirschen an ihr klebten.

Während Britt sich langsam in das Wasser des Tümpels gleiten ließ, versuchte sie Emil davon abzuhalten, sie anzuknabbern. Der wälzte sich neben ihr hin und her, und das lehmige Wasser spritzte hoch. Zwar würde sie hier nicht sauber werden, aber wenigstens würde es nicht mehr kleben.

In diesem Moment klingelte ihr Handy, und nackt, wie sie war, hechtete sie aus Emils Tümpel, um das Ding aus ihrer Tasche zu holen.

»Britt, hörst du mich?«, schrie jemand. »Hier ist Tante Dora. Das klappt prima mit dem Telefon. Ich kann telefonieren. Wie gut, dass du mir gestern Abend noch deine Nummer eingespeichert hast.«

»Du bist schon gelandet?«, fragte Britt verwundert. »Ich dachte, das sind zwölf Stunden Flug bis nach ...«

»Nein, natürlich sind wir noch nicht gelandet. Wir fliegen noch. Du, das Essen hier ist gar nicht sooo schlecht, wie ich dachte. Es gab ...«

»Tante Dora, du musst das Handy während des Flugs ausschalten. Haben die dir das nicht gesagt?«, fragte Britt entsetzt, während Emil sie vor sich her stupste und sie aufpassen musste, nicht mit ihrem Telefon zusammen in den Tümpel katapultiert zu werden.

»Die sagen viel, wenn der Tag lang ist«, lamentierte Tante Dora herum. »Die haben auch gesagt, was man machen soll, wenn es einen Druckabfall gibt. Da soll man sich so Sauerstoffmasken aufs Gesicht setzen, die angeblich automatisch aus den Halterungen fallen. Woher sollen die Masken denn wissen, dass ein Druckabfall herrscht? Das ist Humbug, wenn du mich fragst. Dann soll man angeschnallt bleiben, wenn das Flugzeug startet, bei Turbulenzen soll man sich dann wieder anschnallen, und man muss alles machen, was das Flugpersonal sagt. Ich bin immer noch ein freier Mensch. Ich lasse mir doch von so einem jungen Ding von Stewardess nicht erklären, was ich zu tun und zu lassen habe. Die sollen erst mal ein paar Jahre im Berufsleben stehen, bevor sie mitreden können, findest du nicht? Außerdem lächeln sie alle ununterbrochen, sogar wenn jemand kotzt. Neben mir sitzt eine Frau, die hat gekotzt, weißt du. In so eine Tüte rein. Meine ist noch sauber, die nehme ich mit. Ich versuche auch, die anderen Tüten alle mitzunehmen, da spar ich mir die Hundekackbeutel. Das ist ein prima Format. Jedenfalls hat die Frau neben mir gemeint, sie sei luftkrank. Was ist das denn bitte für ein neumodisches Wort? Luftkrank. Ich weiß, dass man seekrank werden kann, das ist ja was ganz anderes, aber luftkrank. Man wird doch auch nicht autokrank oder fahrradkrank oder gehkrank. Oder kennst du jemanden, der gehkrank ist? Warte mal ... Nein, das geht jetzt nicht, ich bin gerade auf der Toilette, da müssen Sie schon so lange durchhalten, bis ich fertig bin. Ich habe für diesen Flug genau so bezahlt wie Sie auch ... Da wollte jemand aufs Klo«, erklärte sie Britt. »Aber das geht jetzt nicht, weil wir ja telefonieren.« Sie kicherte. »Außerdem hab ich gelogen. Ich hab ja gar nicht für den Flug bezahlt.«

»Tante Dora«, sagte Britt. »Du darfst im Flugzeug nicht telefonieren. Das ist verboten. Das kann sich ungünstig auf die Elektronik auswirken.«

»Ach Blödsinn, auf die Elektronik. Die wollen einen bloß kleinhalten mit diesen ganzen Verboten. Nicht mit mir, sage ich dir, nicht mit mir. Wo man hinschaut, Verbote. Man darf nicht über einen Zebrastreifen rasen, man darf keine großen Taschen mit in Museen nehmen, als ob ich einen van Gogh klauen würde, man darf nirgendwo mehr rauchen, und man darf keine Einkaufswagen vom Supermarktgelände mitnehmen. Alles ist strafbar. Und das soll ein bürgerfreundlicher Staat sein? Warte mal. ICH SAGTE, ES DAUERT NOCH! DANN PINKELN SIE EBEN AUF EIN HANDTUCH! Bist du noch da, Britt? Die machen einen wirklich verrückt, die Leute. Die denken, wenn sie einen Platz gebucht haben, gehört ihnen das ganze Flugzeug. Genau wie die Leute, die morgens um sechs Uhr ihre Handtücher auf die Liegestühle am Pool legen. Unmöglich, so was. Das habe ich zwar auch schon gemacht, aber nur, weil ich Angst hatte, dass keine Liege mehr frei ist, wenn ich komme. Ich brauch ja morgens so lange, und ich frühstücke gern ausgiebig. Wusstest du, dass die in Afrika zum Frühstück so einen Brei mit den Fingern essen? Die rollen den Brei und tunken ihn dann in irgendeine Soße. Angeblich sieht das total ästhetisch aus, kannst du dir das vorstellen? HERRJE! DANN MACHEN SIE HALT IN DIE HOSE!«

Britt stolperte erneut, weil es immer dunkler wurde. Und dann sah sie es.

»NEIN!«, brüllte sie los. »Nein, Emil, NEIN!«

»Was ist denn los?«, fragte Tante Dora in der Flugzeugtoilette. »Ist was mit Emil? Was hast du mit ihm gemacht?«

»Ich habe gar nichts mit Emil gemacht!«, brüllte Britt. »Dein blöder Emil hat meine Klamotten zerfetzt! Das sind nur noch lauter kleine Stoffstreifen.«

»Das macht er gern, es ist ein Hobby von ihm«, sagte Tante Dora. »Deswegen hole ich auch immer alte Tischdecken und so vom Roten Kreuz, alles, was die nicht mehr loswerden. Oder Frau Helfrich gibt mir was, die sammelt ja Kleidungsstücke für Bedürftige. Wenn man es so sieht, ist Emil ja auch bedürftig. Außerdem sieht er so süß aus, wenn er Stoff zerreißt. Das hat irgendwie was total Männliches, finde ich. Wie geht's ihm denn? Und was machen meine anderen kleinen Schätzchen? Vermissen sie ihre Mama schon?«

Oh Gott, die anderen Viecher hatten bestimmt schon die Wohnung vollgepinkelt, zumindest der Hund. Jedenfalls wurde Britt momentan von Emil nicht mehr körperlich bedroht. Er zerriss gerade ihre Bluse in gleichmäßige Streifen und sah irgendwie zufrieden aus. Britts Nervenenden begannen zu vibrieren.

»Irgendwann überfliegen wir auch die Datumsgrenze, ich weiß nur noch nicht, wann genau. Aber dann rufe ich dich wieder an. Ich hab das mit der Datumsgrenze auch noch nicht so genau begriffen, haben wir dann zweimal denselben Tag? Ist ja auch egal. Andererseits, wenn man ständig die Datumsgrenze überfliegt, ist ja immer ein Tag früher, oder? Das heißt, man wird nicht so schnell alt. So hab ich das zumindest verstanden. Falls ich es denn verstanden habe. Vielleicht wird man auch schneller alt, weil es immer einen Tag später ist. Warst du eigentlich bei den Helfrichs zum Kaffeetrinken? Frau Helfrich hat nämlich extra für dich ihre berühmte Schwarzwälder Kirschtorte gemacht. Hast du die probiert? Ich wollte mich noch bei Frau Helfrich verabschieden, aber du weißt ja, wie hektisch alles war. Sag ihr schöne Grüße von mir, ja? Du, man kann hier zwischen zwei Gerichten wählen. Es gab Nudeln mit Fleischsoße und Hähnchenbrustfilet in Curryrahm mit Basmatireis und Salat. Das habe ich genommen, wann macht man sich denn selbst schon mal Basmatireis? Doch eher selten. Ach, eine Bitte hab ich noch. Ich hab im Antiquariat in der Fußgängerzone ein altes zoologisches Buch aus dem letzten Jahrhundert vorbestellt, das davon handelt, wie man mit schizoiden Störungen bei Tieren umgeht. Kannst du mal vorbeigehen und fragen, ob die da was reinbekommen haben?«

»Welches Tier von dir ist denn schizoid?«

»Na alle«, sagte Tante Dora, und dann war die Verbindung weg.

»Emil!« Britt hätte so gern geschrien, aber das ging ja nicht. Wenn diese Helfrichs, die im 1. Stock wohnten, das mitbekämen. Sie würden sich ins Fäustchen lachen.

Britt hatte den verwegenen Plan, Emil die Stofffetzen abzunehmen, aneinanderzuknoten und sich so ein halbwegs tragbares Oberteil zu knüpfen. Dasselbe würde sie mit der Jeans machen. Und dann könnte sie endlich einen Schlüsseldienst anrufen. Das sollte ja wohl kein Problem sein, auch in Bad Nauheim würde es so was geben und eine Auskunft bestimmt auch. Und dann, wenn der bestimmt lahmarschige Schlüsseldienstmann da gewesen war, würde sie baden, und zwar über zwei Stunden lang. Den Hund würde sie einfach in den Garten lassen und morgen alles sauber machen. Die blöden Schlangen würde sie auch noch füttern. Mit was, hatte Tante Dora ihr zwar nicht gesagt, aber auch dafür würde sich eine Lösung finden. Alles, wirklich alles war besser, als hier mit einem Zwergflusspferd seine Zeit zu verbringen, das jetzt auch noch anfing, ihre Schuhe zu zerfetzen.

Wenigstens war Emil dadurch so abgelenkt, dass Britt mit dem Knoten anfangen konnte.

Das Handy klingelte schon wieder. Konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen? Wenn das wieder Tante Dora aus der Flugzeugtoilette war, würde sie sofort bei der Fluggesellschaft anrufen, damit nicht noch Schlimmeres passierte.

»Britt?«

»Ja.« Es war nicht Tante Dora.

»BRITT!«

»JA!« Die Stimme kippte fast und klang panisch und verzweifelt.

»Britt, ich bin's ...«

Emil zerkaute einen Absatz.

»Wer ist ich?«

»Nana«, flüsterte ihre beste Freundin, die eben noch gebrüllt hatte. »Britt, Hilfe!«

»Was ist denn los? Bist du in New York?«

»Ja. Nein. Weiß nicht«, heulte Nana los. »Es ist was ganz Schreckliches passiert, und ich kann auch nur ganz kurz telefonieren, weil ... wenn ich erwischt werde, dann komme ich in ...«

Es rauschte in der Leitung.

»Nana!«, rief Britt entsetzt. »Wohin kommst du? Wo bist du?«

»Ich bin in ...« Krch, krch. »... und da haben sie gesagt ...« Krch, krch. »... nie wieder nach Hause ...« Krch, krch. »... Hilfe, Hilfe!«

»NANA!« Britt brüllte nun so laut, dass selbst Emil zusammenzuckte und aufhörte, einen Absatz zu verschlucken.

Hektisch wählte Britt Nanas Nummer, aber sie bekam keine Verbindung. Noch nicht mal ein Klingelzeichen ertönte. »Nana«, sagte Britt dauernd. »Nana ...«

Nackt, wie sie war, rief sie bei Nana zu Hause in München an, aber niemand hob ab.

Und drinnen bellte Otto wie ein Verrückter.

Es war zum Aus-der-Haut-Fahren.

Eins war sicher: Schlimmer könnte es nicht werden.

Plötzlich blitzte es. ›Nicht auch das noch‹, dachte Britt, die seit jeher vor Gewittern mehr Angst gehabt hatte als vor einer Wurzelbehandlung.

Aber es war kein Gewitter.

»Bitte recht freundlich!«, rief eine Stimme, die vor Sarkasmus troff.

Britt schaute nach oben. Da stand die Moni und hatte nichts Besseres zu tun, als sie zu fotografieren.

***

Britt lag in der Badewanne und versuchte ununterbrochen, Nana zu erreichen, aber ohne Erfolg. Nachdem die Moni ungefähr fünfhundert Fotos von ihr gemacht hatte, erbarmte sie sich schließlich und warf ihr den Schlüssel runter, natürlich so, dass er im Tümpel landete und Britt danach tauchen musste. Noch gedemütigter wie die C-Promis aus dem Dschungelcamp war sie dann ins Haus geschlichen, hatte den Hund rausgelassen, alle Tiere wahllos mit irgendwas gefüttert und sich Badewasser eingelassen.

Was war nur mit Nana passiert? War sie entführt worden? Aber dann hätte doch jemand Lösegeld erpresst, oder nicht? Wie lief das bei Entführungen ab? Die waren doch dafür da, dass man Geld für die Freilassung der Opfer bezahlte, oder etwa nicht? Gut, manchmal gab es auch Entführungen mit politischem Hintergrund, dann sollten irgendwelche Gefangene aus irgendeinem Gefängnis im Niemandsland entlassen werden, aber Nana hatte mit Politik so viel zu tun wie mit Chemie oder höherer Mathematik. Das Einzige, was sie einigermaßen ausrechnen konnte, war die Summe, die auf ihrer Kreditkarte übrig blieb, wenn sie für tausend Euro eingekauft hatte.

Nanas Mutter war nicht zu erreichen, und sämtliche Leute aus dem Freundeskreis, die Britt natürlich ebenfalls anrief, wussten genauso viel wie sie, nämlich dass Nana nach New York fliegen wollte zu diesem Tim oder mit diesem Tim, den sie im P 1 kennengelernt hatten und der damals schon so merkwürdig war. Moment mal. Vielleicht konnte man ja über Google herausfinden, wer dieser Tim war. Er mochte Insekten und hatte einen an der Klatsche. Vielleicht war der ja bei Facebook. Sie tippte wie gestört auf ihrem iPhone herum, aber bei »Tim« und »Vogelspinne« kamen null Einträge. Leider wusste sie nicht, welche Suchfunktionen es bei Facebook noch gab. Dann ging sie auf Nanas Seite, um nachzuschauen, ob es einen Eintrag neueren Datums gab, aber das Einzige, was da stand, war »Juhu, N.Y., ich komme!«, was wiederum achtzehn Freunden gefiel und von dreien mit »Viel Spaß« und Ähnlichem kommentiert worden war.

Es gab keinen Hinweis darauf, wo Nana war.

Britt schoss aus der Badewanne hoch. Sie könnte bei der Fluggesellschaft anrufen. Aber bei welcher? Wie viele Airlines flogen von München nach New York? Das müsste doch herauszufinden sein. Wieder tippte sie auf dem iPhone herum, und zwar so lange, bis es ihr aus den Fingern rutschte und ins Wasser fiel.

Kapitel 5

»Es ist mir relativ egal, ob eine einbeinige Seniorin aus ihrem Altenheim weggelaufen ist«, schnauzte Britt den Polizeibeamten an, nachdem sie endlich vorgelassen worden war. »Bei mir handelt es sich um einen echten Notfall.«

»Moment mal«, sagte Ernst Klick und sah Britt durch seine randlose Brille an. »Was meinen Sie denn damit? Ist das Verschwinden einer alten Frau weniger schlimm als das einer jungen?«

»In meinem Fall schon«, sagte Britt. »Meine Freundin ist höchstwahrscheinlich entführt worden und sitzt jetzt irgendwo im Nahen oder Fernen Osten in einer Wüste in Geiselhaft. Wahrscheinlich hat sie mir schon ein Foto mit der Bildzeitung von heute, die sie vor sich hält, gemailt, damit man sichergehen kann, dass alles auch seine Richtigkeit hat.«

»Gutes Mädchen.« Herr Klick schüttelte den Kopf. »Welche Filme schauen Sie sich denn an? Wo soll man denn in einer Wüste im Nahen oder Fernen Osten eine Bildzeitung von heute herhaben?«

»Darum geht es nicht, es geht ums Prinzip«, beharrte Britt auf ihrem Recht. »Und das Prinzip sagt mir: Gefahr in Verzug.«

»Was genau hat sie denn am Telefon gesagt, Ihre Freundin?«, fragte Herr Klick und sortierte Bleistifte auf seinem Schreibtisch. Dann begann er damit, sie zu spitzen.

»Das habe ich Ihnen doch schon erzählt.« Britt verschränkte die Arme.

»Ich weiß«, nickte Herr Klick. »Aber möglicherweise fällt Ihnen ja noch etwas ein. Denken Sie doch einfach noch mal gründlich nach. Vielleicht haben Sie ja etwas vergessen. Und in dieser Zeit könnte ich die Vermisstenanzeige von der vermissten Seniorin tippen. Wollen wir es so machen?«

»Nein«, sagte Britt. »Zuerst nehmen Sie meine Vermisstenanzeige auf«

»Mein liebes Fräulein Wildenburg«, begann Herr Klick, wurde aber sofort von Britt unterbrochen.

»Das heißt schon lange nicht mehr Fräulein, das heißt grundsätzlich Frau.«

»Dann eben Frau Wildenburg.« Herr Klick hatte gute Nerven. Siebenundzwanzig Jahre Ehe und drei hyperaktive Kinder zeigten ihre Wirkung. »Sie werden mich jetzt meine Arbeit machen lassen, und dann sind Sie dran, haben Sie das verstanden?«

»Würden Sie aus München kommen«, sagte Britt, »dann würden Sie mich verstehen.«

»Was hat denn das mit der Stadt zu tun?«, fragte Herr Klick konsterniert.

»Weil München eine Großstadt ist«, sagte Britt hoheitsvoll. »Und in Großstädten weiß man, wie Prioritäten zu setzen sind.«

»Da wir aber hier nicht in München, sondern in Bad Nauheim sind, wird es so gemacht, wie ich das sage«, war Herrn Klicks Meinung, und er spitzte noch einen Bleistift an. »Jetzt gehen Sie bitte nach draußen und warten da, bis ich Sie wieder hereinrufe.«

»Sie haben mich schon hereingerufen«, stellte Britt wütend fest.

»Ich habe es mir eben anders überlegt. Sie warten draußen. Sofort.«

»Aber ...«

»Sofort«, sagte Herr Klick. »Oder Sie warten gleich ganz woanders.«

Böse stand Britt auf und ging aus dem Raum. Sie hätte diesen Herrn Klick so gerne geschlagen. So gerne.

Eine halbe Stunde später rief er sie wieder hinein. Eine weitere halbe Stunde später war er am Ende mit seinen Nerven und musste seinen Kollegen Adalbert Wimmer hinzuziehen, der ebenfalls eine halbe Stunde später mit seinen Nerven am Ende war. Britt behauptete, dass sie am Ende mit ihren Nerven sei und drohte Herrn Klick und Herrn Wimmer damit, sich beim Polizeipräsidenten zu beschweren, woraufhin Herr Klick die Nase voll hatte und anfing, sie anzubrüllen, zu Recht, wie Herr Wimmer meinte.

Britt brüllte zurück und drohte wieder mit allen möglichen Anwälten, und wiederum eine halbe Stunde und zwei Liter Kaffee später biss Herr Klick in die Tischplatte, um nicht aufzuspringen und Britt an den Haaren aus seinem Büro zu zerren. Am liebsten hätte er sie den Karpfen im Teich zum Fraß vorgeworfen. Aber die wollten nie was fressen, weil die Kinder ihnen ständig Brot gaben.

»Ihre Freundin ist eine erwachsene Frau«, wiederholte Herr Klick. »Vielleicht ist sie betrunken gewesen.«

»Nana trinkt keinen Alkohol«, sagte Britt. »Fast nie«, fügte sie hinzu, weil sie daran denken musste, dass Nana und sie auf der letzten Silvesterparty so besoffen gewesen waren, dass sie Spülmittel getrunken hatten, und das nur, weil jemand zu ihnen gesagt hatte, dann würden sie nie graue Haare bekommen, und Brad Pitt und George Clooney, die gerade zu geheimen Dreharbeiten in München waren, würden gleich vorbeikommen und sich wegen ihnen von ihren Frauen trennen, und das, ohne mit der Wimper zu zucken.

Gickelnd hatten sich Nana und Britt ausgemalt, was für ein Gesicht Angelina Jolie machen würde, wenn Brad zu ihr gehen und ihr eröffnen würde, dass sie sich ab sofort alleine um ihren Kindergarten würde kümmern müssen. Und Britt musste, bevor sie anfing zu kotzen, darüber nachdenken, wie sie in George Clooneys Villa am Comer See auf einer Chaiselongue liegen und sich vom Personal bedienen lassen würde, während George seine Harley Davidson auf Vordermann brachte, um ihr kurz danach das Landesinnere zu zeigen, während sie von geiernden Paparazzi verfolgt würden. Später würde in der Gala stehen: Britt und George – das neue Traumpaar.

Nana war das eine Lehre gewesen, es war das einzige Mal, dass sie überhaupt Alkohol getrunken hatte, eigentlich mochte sie ihn ja nicht.

»Jedenfalls kann der Anruf alles und nichts bedeuten«, sagte Herr Klick müde.

Nun wurde Britt bockig. »Sagen Sie mal«, fing sie wieder an. »Mit wie vielen Vermisstenfällen hatten Sie denn hier in der Kurstadt mit Herz schon zu tun?«

»Mit einigen«, sagte Herr Klick.

»Und?«, fragte Britt.

»Wie und?«, fragte Herr Klick, der sich nach einer heißen Suppe und einem kalten Bier sehnte und danach, stumpfsinnig vor dem Fernseher zu sitzen, während ein schwachsinniger Film lief, bei dem man aber ganz genau wusste, dass der Mörder letztendlich gefasst würde.

»Was waren das für Fälle? Sind Hühner aus ihrem Stall verschwunden, oder ist ein Familienvater mit dem Rad besoffen in einen Graben gefahren und wurde erst zehn Minuten später gefunden?«

»Mir reicht es jetzt«, sagte Herr Klick. »Sie sind impertinent.«

»Wie schön, dass Sie ein Fremdwort kennen, Herr Klick«, sagte Britt hochnäsig. »Hätte ich jetzt gar nicht gedacht.«

»So. Es reicht.« Herr Klick stand auf und strich sein stellenweise schon schütteres Haar zurück. »Ich werde die Angelegenheit jetzt an meinen obersten Vorgesetzten übergeben. Weil ich nämlich die Nase voll habe von Ihnen.«

»Das ist eine gute Idee«, meinte Britt und stand ebenfalls auf. »Dem werde ich nämlich gleich mal das Passende über Sie erzählen.«

»Guten Abend, Ernst.« Jemand stand in der Tür. Ein Mann um die fünfzig, der näher kam und schließlich vor Britt stehen blieb. »Was ist denn hier los?«

»Nichts, was Sie etwas angehen würde«, sagte Britt.

»Wer sind Sie überhaupt«, sagte der Mann.

»Na endlich«, sagte Herr Klick sichtlich erleichtert.

»Wie, na endlich?«, fragte Britt.

»Unser Spülbecken tropft, eine Sauerei ist das. Alleine kriegen wir das nicht hin. Da muss Peter ran. Peter ist der beste Klempner, den man sich nur wünschen kann.«

»Noch nicht mal das schaffen Sie also«, höhnte Britt. »Wie sind Sie eigentlich zur Polizei gekommen? Lassen Sie mich raten. Sie haben den Hauptschulabschluss gemacht, dann eine Metzgerlehre, danach hatten Sie automatisch den Realschulabschluss, ohne noch viel lernen zu müssen, und dann sind Sie hier gelandet.«

Der Klempner sagte gar nichts. Er sah irgendwie amüsiert aus.

»Das ist Frau Wildenburg«, sagte Herr Klick und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Sie macht uns zu schaffen.«

»Das habe ich bereits gehört«, sagte der Klempner, der einen blauen Overall trug und eine Werkzeugtasche dabeihatte. »Sozusagen kenne ich die Dame. Sie wohnt bei uns im Haus. Mein Name ist übrigens Peter Helfrich.«

Britt wurde knallrot.

»Hat Ihnen denn die Torte meiner Frau geschmeckt?« Herr Helfrich setzte sich, und Britt ließ sich ebenfalls wieder auf ihren Holzstuhl sinken.

»Nein«, sagte Britt.

»Das ist aber schade. Sie schmeckt eigentlich jedem. Jedenfalls wenn sie auf einem Teller serviert wird.« Herr Helfrich wandte sich Herrn Klick zu. »Rosel hatte einen Kuchen für sie gebacken. Sie passt auf Doras Tiere auf, während Dora diese Weltreise macht, die sie gewonnen hat.«

»Ach«, sagten Herr Klick und Herr Wimmer gleichzeitig, und Britt erschrak, weil sie Herrn Wimmer, der in einer Ecke stand, total vergessen hatte.

»Sie war gestern Abend nicht besonders nett zu Moni«, sagte Herr Helfrich nun leicht angesäuert. »Um ganz ehrlich zu sein, sie war arrogant und unverschämt zu Moni. Ich gebe Ihnen jetzt mal einen Rat«, sagte er dann zu Britt. »Gehen Sie mal in sich und denken Sie nach. So wie Sie sich verhalten, das kann auf Dauer nicht gutgehen. Sie sind das, was man ein kleines Miststück nennt.«

Britt schnappte nach Luft und setzte dann zu einer Erwiderung an.

»Klappe jetzt«, sagte Herr Helfrich. »Sonst lernst du mich mal kennen. Und jetzt raus.«

Britt stand auf und warf ihre Haare zurück.

»Es interessiert Sie vielleicht, dass mein Vater ...«

»Nein, das interessiert mich nicht«, unterbrach sie Herr Helfrich. »Und nun raus hier. Auf der Stelle.«

Britt nahm ihre Tasche und raste aus dem Büro.

»Ich hab schon einiges von draußen mitbekommen. Ein unmögliches Ding. Aber jetzt kannst du dich in Ruhe um diese Freundin kümmern«, sagte Herr Helfrich zu Herrn Klick. »Versuch mal, die Eltern von ihr ausfindig zu machen.«

***

»Mama, endlich!«, rief Britt erleichtert. »Ich habe schon fünfmal angerufen.«

»Die Nummer ist unbekannt«, sagte Nora Wildenburg. »Also, sie wird nicht angezeigt. Normalerweise gehe ich da gar nicht ran. Davon mal abgesehen ist es gleich Mitternacht. Ist was passiert?«

Britt überlegte kurz, was sie darauf antworten sollte: »Nein, es ist nichts passiert. Mir geht es wirklich prima hier in dieser schönen, beschaulichen Stadt. Tante Dora hat zwar einen Zoo, der unter anderem ein gestörtes Flusspferd beherbergt, das Klamotten zerreißt, meine Patentante ist auf ihre alten Tage sexsüchtig geworden und hat mich am Flughafen vor versammelter Passagiermannschaft gefragt, ob ich schon mal einen vaginalen Orgasmus hatte und Vibratoren benutze, davon mal ganz abgesehen ruft sie mich aus 10 000 Meter Höhe von der Flugzeugtoilette aus an, um mir zu erzählen, dass es Basmatireis zu essen gab, die Nachbarin schmeißt mir zur Begrüßung eine Schwarzwälder Kirschtorte in die Visage, Nana hockt wahrscheinlich im Irak im Gefängnis und wartet auf ihre Enthauptung, die Polizeibeamten wissen nicht, wie sie eine Vermisstenanzeige aufnehmen sollen und finden eine einbeinige Rentnerin wichtiger als meine beste Freundin, davon abgesehen sind sie total unfähig und können noch nicht mal eigenständig kaputte Wasserhähne reparieren, ach, und dann wurde ich noch dabei fotografiert, wie ich in Emils Schwimmbecken nach dem Ersatzschlüssel von Tante Doras Wohnung tauchte, von den Fotos, die die Moni von mir gemacht hat und den Belegkirschen mal ganz abgesehen. Aber sonst ist alles in Ordnung.« Das sagte sie natürlich nicht.

»Es ist alles okay, Mama«, sagte Britt stattdessen. »Ich will hier nur weg. Hier sind auch ganz viele Tiere.«

»Unsinn«, sagte Nora Wildenburg ungehalten. »Ganz viele Tiere gibt es im Zoo.«

»Sag ich doch«, sagte Britt.

»Du wirst ja wohl mit einem kleinen Hund klarkommen«, sagte ihre Mutter. »Das wird doch zu schaffen sein. Früher hast du auch immer mit Kuscheltieren gespielt.«

»Hier hassen mich alle«, sagte Britt.

»Ach Britt«, sagte Nora Wildenburg. »Stell dich nicht so an. Solange Tiere ihr Essen bekommen, hassen sie den Menschen nicht. Du ziehst das jetzt durch. Du hast es Tante Dora versprochen. Denk einfach mal dran, was Tante Dora in all den Jahren für dich getan hat. Da wirst du wohl einmal was für deine Tante tun können. Nur ein Mal. Sei nicht so egoistisch. Vielleicht hätte ich dich früher einfach mal kalt baden sollen.«

»Warum das denn?«, fragte Britt, die nun völlig durcheinander war.

»Weil man da klare Gedanken bekommt.«

»Heißt das nicht ›als Kind zu heiß gebadet‹?«, fragte Britt unsicher.

»Das kann man so oder so sehen«, sagte Nora. »Jetzt geh doch einfach schlafen.«

»Ich kann nicht schlafen.«

»Dann lies was. Lesen bildet.«

»Hier gibt es nichts zu lesen. Nur Groschenromane.«

»Dann lies halt die. Oder schau fern.«

»Irgendwas ist mit Nana passiert«, sagte Britt. »Sie hat mich angerufen und so komische ...«

»Ach, bei Nana ist doch immer irgendwas«, sagte Nora. »Nana ist eine Drama-Queen. Sagt ihre Mutter auch immer.«

»Es war trotzdem so merkwürdig. Sie hat davon geredet, dass sie nie wieder nach Hause kommt.«

»Ja und? Sie ist volljährig. Vielleicht will sie sich in New York niederlassen.«

Jetzt fing sie auch noch mit dieser blöden Volljährigkeit an.

»Aber ...« Britt fiel nichts mehr ein. »Mama«, sagte sie. »Ich hab dich lieb.«

»Ist wirklich alles in Ordnung, Britt?«

»Ja, sicher, warum denn nicht?«

»Weil du das noch nie zu mir gesagt hast. Doch, einmal. Da warst du fünf und bist beim Schlittschuhlaufen ins Eis eingebrochen. Ich habe dich damals aus dem See gezogen. Da hast du das auch gesagt. Damit muss ich erst mal psychisch klarkommen. Gute Nacht.«

Nora legte auf.

Britt ließ den Hörer sinken.

Wenn diese drei Monate nur schon um wären.

Sie beschloss, jetzt einfach schlafen zu gehen. Wenigstens hielten die blöden Tiere alle ihre Klappe. Und Emil da draußen schien auch zu schlafen. Oder er erstickte gerade an einem ihrer Absätze, was man ihm einfach nur wünschen konnte.

***

»Ich werde sie umbringen.«

»Das wirst du natürlich nicht. Hör auf, so einen Quatsch zu reden.«

»Ich werde sie langsam erdrosseln. Zwischendurch werde ich Pausen einlegen.« Moni redete sich in Rage. »Vielleicht lasse ich sie auch vorher ihr eigenes Grab schaufeln, damit sie weiß, was auf sie zukommt.«

»Ruhe jetzt.« Peter Helfrich stellte den Fernseher leiser. »Überleg dir bitte mal, was du da sagst.«

»Papa, das ist eine ganz rotzdoofe, saublöde Dreckskuh.«

»Monika!«

»Ist doch wahr. So was Arrogantes.«

»Es kann nicht jeder gleich sein«, sagte der Vater, der immer um Gerechtigkeit bemüht war.

»Du Gutmensch.« Moni schüttelte den Kopf. »Und so was ist mein Vater.«

»Lass ihr doch einfach ein bisschen Zeit«, meinte Rosel Helfrich.

»Ich soll ihr Zeit lassen? Hast du ihr Zeit gelassen? Immerhin hast du ihr gleich die Torte ins Gesicht geklatscht.«

»Weil sie es auch verdient hatte«, sagte Rosel.

»Sag ich doch«, sagte Moni böse. »Hast du ihr weh getan?«

»Ich glaube nicht.«

»Wie schade. Wenigstens habe ich sie fotografiert, als sie nackt in Emils Tümpel nach dem Schlüssel gesucht hat, Es fehlt nur noch ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, und wenn das passiert, werde ich die Fotos dem Manni vom Bad Nauheimer Kurier mailen.«

»Du hast diese Britt fotografiert?«, fragte Herr Helfrich verwirrt.

Moni nickte.

»Auf gar keinen Fall gibst du diese Fotos irgendjemandem.«

»Mal sehen.«.

»Nicht mal sehen. Ich verbiete es.«

»Ich bin volljährig.«

»Das weiß ich auch, ich bin ja nicht blöd. Trotzdem.«

»Mal sehen.«

Herr Helfrich seufzte und schaltete den Fernseher ab.

»Ich gehe jetzt ins Bett.«

»Da unten ist es verdächtig ruhig«, sagte Moni. »Vielleicht ist sie ja schon tot. Möglicherweise hat Gertrud sie gebissen. Mit der ist nicht gut Kirschen essen.«

»Kirschen hatte sie heute schon genug«, sagte Rosel. »Wer ist Gertrud?«

»Das ist die Schwarze Mamba, die sich Dora kürzlich zugelegt hat. Sie hat sich noch nicht richtig eingewöhnt und wohnt noch alleine in einem Extra-Terrarium in der Abstellkammer. Dora hat niemandem davon erzählt, weil sie Angst hatte, dass man ihr die Schlange wieder wegnehmen könnte, weil sie nicht damit klarkommt. Gertrud ist halt ein kleiner Dickkopf.«

»Eine Schwarze Mamba?«, fragte Rosel Helfrich konsterniert. »Das hört sich irgendwie gefährlich an.«

»Ist es auch. Aber ihr wisst doch, wie fürsorglich Dora mit den Terrarien ist. Davon abgesehen weiß Dora nicht, dass es eine Schwarze Mamba ist«, sagte die Moni voller Inbrunst. »Sie denkt, es sei eine ungiftige Blindschleiche.«

Kapitel 6

Nach der zweiten Nacht in Tante Doras Wohnung war Britt wie gerädert. Sie war von zu Hause ihre superbequeme, sauteure Matratze gewohnt und kam mit dem durchgelegenen Teil ihrer Tante nicht klar, was zur Folge hatte, dass ihr der Rücken weh tat, als hätte sie zwei Jahre lang bei der Bundeswehr Sondereinsätze mit dreißig Kilo Marschgepäck auf dem Rücken absolviert.

Als Erstes überprüfte sie die SIM-Karte ihres iPhones, die sie gestern Abend noch herausgefriemelt und mit dem Telefon zum Trocknen auf die Heizung, die sie selbstverständlich anstellte, gelegt hatte.

Es funktionierte! Es funktionierte wieder!

»Danke«, murmelte Britt und hörte als Erstes ihre Mailbox ab.

Nichts.

Das wiederum war komisch. Wieso hatte Nana sich nicht noch mal gemeldet? Vielleicht durfte sie ja nicht, weil die Entführer knallhart waren und nur einen Anruf erlaubt hatten.

Sie versuchte es noch mal bei Nanas Mutter, aber auch da hatte sie keinen Erfolg. Noch nicht mal die Mailbox sprang an. Vielleicht war sie ja gerade in Jordanien und verkaufte der Königin dort Schmuck.

Britt ging in die Küche und schaltete das Radio an. Eine männliche Stimme erzählte betroffen, dass es mit dem Organhandel in der Welt immer schlimmer würde und dass man wirklich aufpassen sollte, ob man einen Organspendeausweis haben wollte oder nicht.

Dann kam ein Interview mit einer Frau, die eigentlich nur Urlaub in Indien machen wollte, und jetzt hatte sie keine Milz mehr und angeblich auch keine Lunge, was Britt aber nicht so recht glauben konnte. Die Frau war aber froh, dass sie noch Augen hatte, jedenfalls glaubte sie das. Also dass sie noch Augen hatte.

Britt öffnete die kleine Tür in der Küche, die auf die Terrasse und in den Garten hinausführte. Es war warm, und die Vögel zwitscherten. Sie ging nach draußen und überlegte, was sie bezüglich Nana als Nächstes tun sollte.

»Oh Gott!«, rief Britt eine Sekunde später. »Hilfe! Hilfe!«

Über ihr ging ein Fenster auf.

»Geht das auch mal ein bisschen leiser?«, fragte die Moni sauer. »Ich hab heute frei.«

»Kein Mensch hat gesagt, dass ausgerechnet du das Fenster aufmachen sollst!«, brüllte Britt zurück. »Ruf einen Tierarzt an. Das Flusspferd ist irgendwie tot oder halbtot.«

»Was?«

»Frag nicht blöd, mach schon!«

»Einen anderen Ton, ja?«

»Hast du das nicht begriffen? Emil liegt da unten. Machst du vielleicht mal die Augen auf?«

»Ich sehe nichts«, sagte die Moni und beugte sich noch weiter aus dem Fenster.

»Hier unter dem Busch.«

»Oh! Mama, ruf mal schnell Doktor Rosenberg an, Emil ist umgekippt.«

***

»Ja, das tut mir nun wirklich sehr leid, dass ich nicht persönlich kommen konnte«, sagte Doktor Rosenberg und deutete auf seinen Fuß. »Ich hatte eine Arthrose, die sehr schmerzhaft war. Irgendwann muss ich den Fuß operieren lassen. Eigentlich tut es ständig weh mit einer Arthrose, und es wird von Tag zu Tag schlimmer.«

»Kein Problem«, keuchte Britt. »Hauptsache, Sie kriegen das Flusspferd wieder hin. Nicht dass ich traurig wäre, wenn es sterben würde. Aber meine Tante wird mich umbringen.«

»Kein Problem«, sagte die Moni. »Das kann ich auch hier und jetzt gleich erledigen.«

Britt starrte sie wütend an. »Du hältst dich wohl für ganz toll, was?«

»Ich?« Die Moni prustete los. »Ich? Das glaub ich ja nicht!«

»Wie geht es eigentlich eurer Katze?«, fragte Doktor Rosenberg. »Da müssen wir bald die Fäden aus der Pfote ziehen.«

»Ja, nächste Woche«, sagte die Moni. »Ihr geht es wieder besser.«

»Da sind wir ja alle froh«, sagte Britt. »Soll ich jetzt Emil mal reinziehen?«

»Wieso reinziehen?«, fragte Doktor Rosenberg verwirrt.

»Wir haben ihn auf einer Plane zu Ihnen gezogen«, sagte Britt. »Er hat nicht ins Auto gepasst.«

»Sie hat natürlich ein Cabrio, die vornehme Münchner Dame«, sagte die Moni giftig. »Aber es ist so klein, dass man noch nicht mal einen Wasserkasten im Kofferraum unterkriegt.«

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte der Tierarzt. »Ich bin ehrlich gesagt davon ausgegangen, dass es sich bei Emil um den Terrier von Frau Grebe handelt.«

»Wer ist Frau Grebe?«

»Na, Ihre Tante.«

»Natürlich. Ich bin momentan ein bisschen durcheinander.« Britt schlug sich gegen die Stirn. Natürlich wusste sie, wie ihre Tante mit Nachnamen hieß. Nicht dass der Arzt sie noch für blöde hielt. Sie versuchte, sich zu sammeln und sah den Tierarzt freundlich an. »Nein, Emil ist nicht der Terrier. Der Terrier heißt Otto.«

»Wer ist dann Emil?«, fragte Doktor Rosenberg verwirrt.

Autor

Zurück

Titel: Das kleine Haus am Ende der Welt