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Die Liebeslüge: Abenteuer in der Villa Rosa - Band 1

Roman

2019 319 Seiten

Leseprobe

Über dieses Buch:

Wie Pech und Schwefel … Auf den ersten Blick schon können sich die wohlerzogene Elena und Wildfang Charly nicht ausstehen – zu dumm, dass sie sich als Neuankömmlinge im Internat »Villa Rosa« am Genfer See ein Zimmer teilen sollen! Zu allem Überfluss machen ihnen auch noch die anderen Schüler das Leben schwer. So müssen sich Elena und Charly wohl oder übel zusammenraufen ... und entdecken, dass sie mehr verbindet als gedacht: Beide haben ein Geheimnis, das alles auf den Kopf stellen könnte. Und dann ist da auch noch die verflixte Liebe, die einfach keine Ruhe gibt. Umso wichtiger, dass man eine neue beste Freundin hat, mit der man durch dick und dünn gehen kann!

Über die Autorin:

Sissi Flegel hat neben ihren Romanen für erwachsene Leser sehr erfolgreich zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, die in 14 Sprachen erschienen sind und mehrfach preisgekrönt wurden. Die Autorin ist verheiratet und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Die Autorin im Internet: www.sissi-flegel.de

Bei jumpbooks veröffentlichte Sissi Flegel folgende Romane:

in der Jugendbuch-Trilogie Internat Sternenfels die Einzelbände Wilde Hummeln, Die Superhexen und Die Vollmondparty;

in der Kinderbuch-Reihe Schülerstreich und Lehrerschreck die Einzelbände Bühne frei für Klasse Drei, Wir sind die Klasse Vier, Wir sind die Klasse Fünf und Klasse Fünf und die Liebe;

in der Kinderbuch-Reihe Die Grundschul-Detektive die Einzelbände Klassensprecher der Spitzenklasse, Klassensprecher auf heißer Spur und Klassensprecher für alle Fälle;

in der Kinderbuch-Reihe Emil und seine Freunde die Einzelbände Gruselnacht im Klassenzimmer, Zum Geburtstag Gänsehaut und Mutprobe im Morgengrauen;

in der Freche Mädchen-Reihe die Jugendbücher Lieben verboten, Kanu, Küsse, Kanada, Liebe, Mails & Jadeperlen, Liebe, List & Andenzauber, Liebe, Sand & Seidenschleier, Coole Küsse, Meer & mehr und Küsse, Kompass, Kerzenschein & Mittsommernachtskuss;

sowie die Jugendbücher Schneeballflirt und Weihnachtszauber und Band 2 der Villa-Rosa-Reihe: Der Liebeszauber.

Bei jumpbooks veröffentlichte Sissi Flegel für erwachsene Leser außerdem ihre Bestseller-Reihe Die Geheimnisse der Sommerfrauen und Die Träume der Sommerfrauen sowie ihre Romane Roter Wein mit Brombeernote und Der Geschmack von Wein und Liebe.

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eBook-Neuausgabe Mai 2019

Copyright © der Originalausgabe 2010 cbj Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2019 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Dserov

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96053-267-5

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Sissi Flegel

Die Liebeslüge

Roman

jumpbooks

Prolog

Es gibt Augenblicke, in denen ändert sich das Leben. Vielleicht durch einen Unfall, oder weil ein naher Angehöriger stirbt, die Eltern sich trennen oder aufs Neue binden, ein Umzug ansteht oder ein Schulwechsel, weil man den besten Freund verliert oder die beste Freundin.

Manchmal stopft das Schicksal einige dieser Veränderungen in ein Paket.

Wer zu den Unglücklichen zählt, die so ein Paket erhalten, ist völlig überrumpelt und hat keinen Plan, wie die kommende Stunde, geschweige denn der nächste Tag oder gar Monat durchzustehen ist, und hofft nur, irgendwann wieder auf die Beine zu kommen. Wenn jemand dabei hilft, Freundinnen vielleicht oder ein guter Freund, hat man Glück im Unglück.

Ist in dem Paket aber etwas, wofür man ganz allein die Verantwortung trägt, spielt einem das Schicksal einen besonders schlimmen Streich.

Für Elena und Charly endete das gewohnte Leben zu Beginn des neuen Jahres.

Kapitel 1

Sonntag, 17. Februar

»Das wär's«, sagte Charly energisch, setzte sich auf den großen Koffer, drückte den Deckel herunter und ließ die beiden Schlösser einschnappen. »Alles drin, Ma. Wir haben nichts vergessen.«

»Bist du sicher, Kind?« Zina Wyss runzelte die Stirn. »Fünf Schlafanzüge, drei Nachthemden. Das sollte reichen. Aber ich weiß nicht, ob ich nicht doch noch etwas Unterwäsche kaufen sollte.«

»Es gibt Waschmaschinen, falls dir das bisher entgangen ist«, meinte Charly fröhlich. »Möchtest du uns nicht eine letzte Tasse Café Latte kochen?«

»Wenn du meinst. Kommst du mit in die Küche?«

»Bin gleich bei dir.« Charly kreuzte die Arme vor der Brust und wartete, bis ihre Mutter das Zimmer verlassen hatte. Ihr Blick streifte die beiden Koffer, in die ihre Mutter ihre Kleidung gepackt hatte, sauber gewaschen und liebevoll zusammengelegt natürlich. Sie blickte auf die Tasche mit den Schuhen, die geräumige Reisetasche mit ihren Schulbüchern, den Beutel mit allerlei Krimskrams und den schicken roten Lederbehälter fürs Waschzeug und die Kosmetika.

Sie nickte zufrieden, streifte die Schuhe von den Füßen, griff nach einem Müllbeutel, schüttelte ihn auf und sprang mit einem Satz aufs Bett. Mit raschen Bewegungen riss sie die Poster von der Wand: das lange Panoramabild der Schweizer Alpen, ein Foto vom Matterhorn, eines vom Slalomrennen der Damen, ein Ausschnitt der rabenschwarzen, sehr schwierigen Piste vom Klein-Matterhorn-Rosa im Morgendunst. Sie knüllte die Poster zusammen und stopfte sie in den Sack. Dann nahm sie eine nach der anderen die gerahmten Urkunden von der Wand: Siegerin beim Abfahrtslauf der Zwölfjährigen, zweiter Platz beim Abfahrtslauf der Dreizehnjährigen, Siegerin beim Slalom der Vierzehnjährigen, der Fünfzehnjährigen.

Charly machte sich nicht die Mühe, die Urkunden aus ihren Rahmen zu lösen, sie schmetterte jede einzelne gegen ihr Knie, sodass Glassplitter aufs Bett regneten und das Papier riss, drückte ein-, zweimal die hölzernen Rahmen zusammen und warf sie, wie auch eine Handvoll Medaillen, in den Sack.

Da, wo die Poster, die Urkunden und die Medaillen gehangen hatten, waren jetzt helle Erinnerungs-Flecke auf der Tapete. Die muss unbedingt neu gestrichen werden, dachte Charly und hüpfte vom Bett. Es schepperte, als sie den Sack neben ihren kleinen Schreibtisch stellte, auf dem das schwarze Kästchen mit der Sammlung ihrer schmalen Armreifen stand. Sechs Stück waren es, drei silberne und drei goldene, die streifte sie über ihre rechte Hand, dann zog sie die obere Schublade heraus und entsorgte den ganzen Schulmüll, der sich über die Jahre angesammelt hatte.

Als die Schublade bis auf ein paar Kekskrümel und steinharte Gummibärchen leer war, schob sie sie zu, warf die rotblonden Locken nach hinten, kniete nieder, zögerte, gab sich einen Ruck und zog langsam die untere Schublade heraus.

Sie schien leer – doch ganz hinten lag ein Bündelchen. Keine Briefe, sondern Zettelchen und Zettel, zusammengehalten von einem roten Gummiband. Sie zog es ab, schnellte mühelos hoch, rannte ins Badezimmer nebenan, ließ zuerst das Gummiband, dann ein Zettelchen nach dem anderen in die Kloschüssel fallen und drückte so lange die Spülung, bis nichts mehr im Wasser trudelte.

»Der Kaffee ist fertig!«, rief ihre Mutter von unten herauf

»Komme sofort«, schrie Charly und rannte in ihr Zimmer zurück. Mit einem schnellen Fußtritt schloss sie die Schublade und schaute sich in ihrem Zimmer um. Die Bilder- und Mädchenbücher standen noch im Regal, aber gegen die hatte sie nichts, die konnten bleiben. Der Schrank, die Wäschekommode und der Schreibtisch waren ausgeräumt, die Bettwäsche würde ihre Mutter abziehen – blieb nur noch eins, was sie erledigen musste.

Sie hob die Matratze etwas an und zog ein Medaillon an einer Kette hervor. Charly schnupperte daran, verzog das Gesicht; es roch nach nichts mehr, einfach nur nach nichts. Der Verschluss schnappte auf Mit dem Fingernagel löste sie das ovale Bildchen, wollte es schon zerreißen, überlegte es sich anders, legte das Papierchen mit der Bildseite nach unten zurück, schloss das Medaillon und ließ es in die Tasche ihrer Jeans gleiten.

»Wo bleibst du denn nur so lange?« Ihre Mutter stand plötzlich in der Tür, in jeder Hand einen Becher, und schnappte entsetzt nach Luft. »Charly! Bist du wahnsinnig? Was hast du mit deinen Urkunden und Medaillen gemacht?« Sie stellte die Becher ab.

»Ich habe aufgeräumt«, antwortete Charly fröhlich. »Einen Schlusspunkt gesetzt, verstehst du?«

»Aha«, sagte ihre Mutter mit ausdrucksloser Stimme. »So also stellst du dir das vor? Du meinst, wenn du alles beseitigst, was dich an die Vergangenheit erinnert, hast du sie abgeschlossen?«

»Aber natürlich! Keine Erinnerungsstücke, keine Vergangenheit. Ich bin bereit für alles Neue. Es wird herrlich werden, absolut einmalig! Den Kaffee trinken wir unten! Nun komm schon, wir haben nicht mehr viel Zeit; in einer halben Stunde steht Pa vor der Tür, und du weißt ja, dass er nicht gerne wartet!«

In der Küche ließ Charly kaltes Leitungswasser in den Becher laufen. »Ich erfinde mal den sofort trinkbaren Kaffee«, meinte sie ausgelassen. »Ma, wie steht mir der neue Pulli? Sag, dass das Orange gut zu meiner Haarfarbe passt. Es passt doch, oder? Ich finde, dass der Pulli toll an mir aussieht. Richtig glamourös, stimmt's? Aber jetzt muss ich das Gepäck herunterschleppen. Dauert keine Sekunde!«

Kaum war sie auf der Treppe, fischte sie ihr Handy aus der Hosentasche. Sie schloss nachdrücklich ihre Zimmertür hinter sich, lehnte sich an die Wand und wartete ungeduldig auf die Verbindung. »Jenny«, sagte sie hastig. »Vergiss nicht, was du mir versprochen hast. In einer halben Stunde sind wir weg. Die Tür in den Keller hab ich aufgeschlossen, du kommst also ohne Weiteres herein. Im Abstellraum sind meine Skier und das Snowboard, der Sack mit den Anzügen, den Stiefeln, dem Helm und allem anderen. Verkauf alles, aber pass auf, dass du nicht übers Ohr gehauen wirst, es sind teure Stücke. Behalte das Geld.«

Mit angehaltenem Atem lauschte sie der Stimme ihrer ältesten Freundin, die im Nachbarhaus wohnte. »Okay«, meinte sie erleichtert. »Ich verlass mich auf dich. Niemand wird dich verdächtigen, absolut niemand. Also mach's gut und schick mir mal 'ne Mail, hörst du?«

Ohne auf Jennys Antwort zu warten, brach Charly die Verbindung ab und schleppte ihr Gepäck vor die Tür. Als ihr Vater mit dem Elektroauto vor dem Haus hielt, hatte sie schon den Mantel an und war bereit.

»Auszug aus dem alten Land«, sagte sie heiter, setzte sich auf den Rücksitz und drehte sich nur noch einmal um, um einen letzten Blick aufs Ortsschild zu werfen: Zermatt. Das Matterhorn stach durch seine erhabene Schönheit die anderen, kaum minder spektakulären Gipfel aus, die in reinem, strahlendem Weiß in den blauen Winterhimmel ragten.

Die Schneewälle links und rechts der stellenweise vereisten und sehr engen Straße reichten bis in den ersten Stock der kleinen braunen Holzhäuser im alten Dorfgebiet. Das Elektroauto – nur solche und Kutschen waren in der Stadt erlaubt – schlitterte leicht um eine Kurve. Einmal musste ihr Vater eine Gruppe Skifahrer mit geschulterten Brettern vorbeigehen lassen. Bei diesem grandiosen Wetter, bei diesem herrlichen Schnee auf die Piste, dachte Charly, schloss die Augen und ballte die Fäuste ...

Als sie die Haltestelle der Matterhorn-Gotthard-Bahn erreicht hatten, stellte ihr Vater das Elektroauto ab, sie stiegen in die Bahn und waren in zwanzig Minuten in Täsch, dem Endpunkt, wo in einem riesigen Parkhaus ihr normales Auto parkte.

Ihr Vater drehte sich zu ihr um. »In wenigen Stunden ist der Winter für dich zu Ende.«

»Ist das nicht wundervoll? Wir fahren schnurstracks in den Frühling. Mein neues Leben beginnt mit der neuen Jahreszeit. Ich freue mich ja so! Aber dass wir Omi in Martigny besuchen, finde ich unnötig. Reisende soll man nicht aufhalten, heißt es doch, und ehrlich gesagt, hasse ich es, aufgehalten zu werden!«

»Deine Großmutter freut sich auf dich. Wer weiß, wann du wieder mal Zeit für sie hast«, antwortete ihre Mutter ruhig.

Ihr Vater nickte zustimmend. »Und hast du noch immer nicht verstanden, dass nicht alles gut und richtig sein muss, was du dir in den Kopf gesetzt hast?«

Charly biss sich auf die Unterlippe und warf die langen rotblonden Locken heftig nach hinten. »Das war eine fiese Antwort, Pa.«

Kapitel 2

Einige hundert Kilometer nördlich stand Elena

Gerber in ihrem Zimmer und starrte vor sich hin. Auch hier waren Koffer und Taschen gepackt; jetzt zog sie die Bettwäsche ab, faltete sie ordentlich zusammen, nahm dann ein Tuch in die Hand und staubte sorgfältig die Väschen, Figürchen, Döschen und Püppchen ab, die in dem Regal neben ihrem Schreibtisch standen.

»Bist du verrückt? Warum machst du das?«, erkundigte sich Hanna, ihre Freundin, die neben dem Schreibtisch stand. »Bis du mal zu Besuch kommst, ist doch alles wieder verstaubt.«

Elena runzelte die Stirn, sagte aber nichts.

»Lass das.« Hanna riss ihr das Tuch aus der Hand. »Mensch, freu dich! Endlich bist du deine Familie los und darfst ins gelobte. Land reisen. Du freust dich doch, oder?«

Elena hob die Schultern. »Weiß nicht.«

»Du bist mir eine«, schimpfte Hanna. »Wenn meine Eltern so viel Geld hätten, dass ich eins der besten Internate besuchen könnte, würde ich ausflippen. Aber was ist mit dir? Du machst ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter und tust so, als würdest du in die Verbannung geschickt! Mensch, Elena, auf dich wartet die glamouröse Welt eines Upper Class Internats!«

Elena ließ sich aufs Bett sinken und biss in den Knöchel ihres rechten Zeigefingers. Das machte sie immer, wenn sie sich unsicher fühlte.

»Lass das«, fuhr Hanna sie wieder an. »Das werden sie dir bestimmt abgewöhnen«, meinte sie dann in versöhnlicherem Ton, »also lass es lieber gleich bleiben. Und noch etwas, Elena. Ich kapier nicht, weshalb du dir nicht einen schicken Haarschnitt geleistet hast. Ich finde, wenn jetzt das neue Leben für dich beginnt, hättest du damit ein Zeichen setzen können.«

»Wie meinst du das?«

»Na, ein neuer Haarschnitt wäre doch ein Symbol gewesen: die neue Elena ist bereit für ihr neues Leben – so was in der Art.«

Hanna griff in Elenas dunkelbraune, absolut glatte Haarsträhnen. »Du machst einfach nichts aus dir. Warum das so ist, weiß ich ja, aber es ist schade. Kein Wunder, dass du bis heute noch keinen ... aber was nicht ist, kann ja noch werden – bald lernst du ja neue Leute kennen«, setzte sie hastig hinzu.

Langsam stand Elena auf, hob den Arm – und fegte mit einer einzigen Bewegung die gerade abgestaubten und ordentlich arrangierten Nippes vom Brett. »Ich will nicht weg! Ich wollte nie weg von hier! Ich hasse alles Neue!«, brach es aus ihr heraus.

»Spinnst du? Was soll das denn jetzt!« Hanna starrte sie ungläubig an und bückte sich dann, um die am Boden liegenden Gegenstände aufzuheben.

Da wurde die Tür aufgerissen. »Abfahrt in fünf Minuten!«, bellte Elenas Vater. Mit einem ärgerlichen Blick, den Elena wie eine Ohrfeige empfand, musterte er seine Tochter und das Chaos am Boden. »Gut, dass du dich endlich von dem nutzlosen Krempel trennst«, schnaubte er. »Los, mach schon. Komm runter. Hanna wird dir mit dem Gepäck behilflich sein.«

Wie zwei begossene Pudel schleppten Elena und Hanna die Koffer und Taschen ins Erdgeschoss. »Ich versteh dich wirklich nicht«, flüsterte ihr Hanna an der Tür zu. »Warum willst du nicht weg, wo dich doch deine Eltern so schnell wie möglich loswerden wollen?!« Elena zuckte nur mit den Schultern.

Während Elenas Vater die Gepäckstücke im Kofferraum verstaute, umarmten sich die Mädchen ein letztes Mal. »Mail mir«, flüsterte Elena. »Ich will wissen, was sich hier tut.«

»Falls sich etwas tut«, entgegnete Hanna leise. »Klar, mach ich. Nütz die Chance, stopf die Vergangenheit in einen großen Sack, versenke ihn im Genfer See und fang endlich ein neues Leben an. Vielleicht besuche ich dich mal!«

Elena hob die Schultern, als wäre ihr kalt. »Sag denen in unserer Klasse –«

»Wird's bald? Hast du dich von deiner Mutter verabschiedet oder musst du das auch noch erledigen?« Herr Gerber ließ sich auf den Fahrersitz fallen und knallte die Autotür zu.

Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern setzte sich Elena auf den Rücksitz. Sie drehte sich um und sah, wie der Vorhang am Küchenfenster beiseitegeschoben wurde, aber niemand winkte. Ihr Vater gab Gas und schoss mit überhöhter Geschwindigkeit den Philosophenweg herunter. Elena blickte ein letztes Mal auf den Fluss, die Brücke, die vielen Studenten, die sich lachend, sich unterhaltend, gemächlich oder hastig durch die Straßen schoben, auf die Silhouette der Altstadt mit dem alles überragenden Schloss und dann, wenige Minuten danach, aufs Ortsschild Heidelberg.

Heidelberg – das war ihre Geburtsstadt, ihre Heimatstadt, die Stadt, die sie liebte, geliebt hatte – und jetzt einfach nur von Herzen hasste. Nicht die Stadt hatte ihr Böses getan, aber die Erinnerung an das, was in diesem Ort geschehen war, hing ihr wie ein zentnerschwerer Mühlstein um den Hals.

Ihr Vater ordnete sich links ein und lenkte den silbergrauen Daimler auf die Autobahn. Natürlich benutzte er nur die linke Spur; wenn ihm der Vordermann nicht sofort die Bahn frei machte, fuhr er so lange Schlangenlinien, bis der Fahrer rechts einscherte. Auf der Höhe von Karlsruhe öffnete er zum ersten Mal den Mund.

»Ich hoffe, du weißt unsere Großzügigkeit zu schätzen. Dein Internat kostet mich monatlich eine schöne Stange Geld.«

O Gott! Elena krampfte die Hände ineinander und nickte schließlich.

»Was hast du gesagt? Ich hab nichts gehört!«

»Danke«, flüsterte Elena.

»Lauter; meine Ohren sind nicht mehr so gut wie früher.«

»Danke.«

»Wie bitte?«

»Danke!«, stieß Elena hervor. »Danke, danke, danke!«

»Na bitte! Geht doch!«

Zwischen Basel und Sissach fing der Regen an; zuerst fielen einzelne große Tropfen, aber urplötzlich goss es wie aus Kübeln. Die Fahrbahn war nur noch zu erahnen, selbst ihr Vater nahm den Fuß vom Gas, und bald staute sich der Verkehr. »Das bisschen Regen«, knurrte er. »Kostet mich Minuten.«

Mich – nicht uns, dachte Elena und biss sich auf den Zeigefingerknöchel.

Kurz nach Bern ging der Regen in Schnee über. Die Flocken prallten waagrecht gegen die Windschutzscheibe, die Bäume links und rechts waren zu dunklen Schemen geworden, der Schnee hatte den Himmel verschluckt, die Welt bestand nur noch aus dichtem Grau. Trotzdem brauste ihr Vater statt mit der auf Schweizer Autobahnen vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometer mit mindestens 135 durchs Land. Hätte ihm jemand gesagt, er möge doch langsamer fahren, hätte er nur geknurrt: »Wo ist das Problem? Es gibt keines!«.

Die groben Hände ihres Vaters ruhten schwer auf dem Lenkrad, sein Stiernacken warf Falten, die grauen Stoppelhaare standen ab, und im Spiegel sah Elena sein breites rotes Gesicht mit der zu kleinen Nase und dem aggressiven Kinn. Er schielte etwas; ein Erbe der Großmutter, das, wie auch die vorstehenden Schneidezähne, an Elena weitergegeben worden war, allerdings bemerkte man bei ihr das Schielen nur, wenn sie sehr müde war. Sie trug eine Brille und zur Regulierung der Zähne nachts eine Klammer.

Ihr Vater legte keine Pause ein, an keiner Raststätte hielt er an, nie sagte er »Lass uns einen letzten Kaffee trinken« oder »Hast du Durst? Willst du etwas essen?« oder »Musst du auf die Toilette?« Als Elena kurz vor dem Ziel, in der Nähe von Fribourg, tatsächlich auf Klo musste, knurrte er etwas von »Extrawünschen«.

Nach Bulle ließ der Schneefall nach, und als sie über die tief verschneite Hochebene fuhren, sah Elena ein Schild, das auf die Wasserscheide von Rhein und Rhône aufmerksam machte.

Kurz danach führte die Straße leicht abwärts, der Schnee ging in Regen über, und dann, als nach einer Kuppe die Fahrbahn steil bergab ging, sah sie zum ersten Mal den Genfer See und dahinter die weißen Berge.

Die Schönheit der Landschaft nahm sie kaum wahr. Ihr Vater dünstete Wut aus, die das Wageninnere füllte und machte, dass Elena sich immer mehr verkrampfte. Ihr Magen war ein einziger kalter Klumpen, ihre Hände waren feucht und klamm, ihre Glieder starr. Mit wachsender Verzweiflung sehnte sie das Ende der Fahrt herbei – und gleichzeitig fürchtete sie sich davor.

Ihr Vater beließ den Tempomat bei 135 Stundenkilometern, obwohl ein Hinweisschild das Gefälle der Fahrbahn anzeigte und den Fahrern empfahl, die Motorbremse zu benutzen. Die Stimme aus dem Navigationsgerät riet kurz vor Montreux, die Autobahn zu verlassen und der Straße in Richtung Glion zu folgen.

Elena zuckte zusammen. O Gott! Gleich waren sie am Ziel ... Sie hasste Glion! Sie hasste den Genfer See, sie hasste, hasste, hasste alles! Ihr Leben war ein Schrotthaufen, sie hasste ihren Schrotthaufen ...

Elena kniff die Augen zusammen, riss sie aber erschrocken auf, als ihr Vater so plötzlich abbremste, dass ihr der Gurt in die Brust schnitt.

»Bitte wenden! Bitte wenden Sie jetzt!«, warnte die Stimme aus dem Navigationsgerät. Obwohl ihr Vater so gut wie nie das tat, was eine andere Person ihm empfahl, folgte er jetzt der Stimme, wendete und bog in eine schmale Straße ein, die sich in engen Kehren steil den Hang hinaufzog.

Plötzlich war die Jahreszeit zurückgesprungen, jetzt war wieder Winter, der Schnee türmte sich zu mehr als einen halben Meter hohen Wällen, erst vor Kurzem musste der Pflug ihn zur Seite gefräst haben, denn die Kanten waren noch scharf und deutlich sichtbar.

Im Ort verzweigte sich die Straße; nur zögernd folgte ihr Vater der steilen, engen und stellenweise sogar vereisten Route, da er ums Blech seines kostbaren Autos bangte. Als ihm dann tatsächlich ein anderes Fahrzeug entgegenkam und er hätte ausweichen müssen, zwang er durch wütendes Hupen und halsstarriges Halten den andern, rückwärtszufahren.

Oben schneite es wieder aus dunkelgrauen Wolken, aber über den gegenüberliegenden Bergen leuchtete ein blauer Fleck. Ein einzelner Sonnenstrahl fiel aufs bleifarbene Wasser, und zum ersten Mal, seit sie hinter ihrem Vater im Auto saß, empfand Elena Interesse. Dem Klimawechsel auf so kurzer Entfernung werde ich nachgehen, dachte sie. Vielleicht. Mal sehen.

Als es dann so weit war, als ihr Vater vor dem Internat hielt und das herrschaftliche Gebäude musterte, drehte er sich nicht zu ihr um und sagte etwas Tröstliches wie: »Hier wird es dir bestimmt gefallen, Elena.« Stattdessen pfiff er kurz durch die Zähne und knurrte: »So was kostet natürlich eine Menge Geld.« Er lud ihr Gepäck vorm Portal aus, sagte: »Ich geh dann mal zur Rezeption«, und ließ sie stehen.

»Eine Schule ist kein Hotel«, hätte Elena ihm gerne gesagt. »Eine Schule hat keine Rezeption!« Aber was hätte ihr das gebracht? Nichts. Er hätte geschnaubt und genau das getan, was er gerade tat: Er ließ sie stehen und marschierte mit ausgefahrenen Ellbogen ins Gebäude.

Am liebsten hätte sie ihn gepackt und angeschrien. Abertausendmal hatte sie sich vorgestellt, wie sie ihn mal anschreien würde: »Es ist nicht meine Schuld, dass ich auf der Welt bin! Kapier das endlich und schieb mir nicht die alleinige Verantwortung für das in die Schuhe, was mit Stefanie passiert ist!« Verdammt, warum konnte sie ihrem Vater die banale Tatsache nicht ins Gesicht schleudern, dass er und ihre Mutter für ihr Dasein und Anderssein als ihre Schwester verantwortlich waren? Warum nur?

Mit hängenden Schultern stand Elena neben ihrem Gepäck und schrak zusammen, als sich ihr Vater umdrehte und von der obersten Stufe der breiten Freitreppe herunterschrie: »Was ist? Was stehst du herum? Komm endlich!«

»Ich denke, du willst alleine ...«, stammelte Elena.

»Du gehst hier zur Schule, nicht ich!«

O Gott! Elena ballte die Fäuste und stolperte mehr, als sie ging, die Stufen hinauf. Trampel, stöhnte sie in sich hinein, Trampel, Trampel ... Sie stieß gegen den linken Ellbogen ihres Vaters, als der in der Halle stehen blieb. »Trampel!«, zischte auch er. »So pass doch auf!«

Elena stiegen die Tränen in die Augen. Verschwommen nahm sie die strahlend weiße Halle wahr, den schwarzweiß gefliesten Fußboden, die hohen Spiegel in ihren goldenen Rahmen. »Feudal«, sagte ihr Vater knapp. »Wo ist die Rezeption?« Er wandte sich nach rechts, blieb vor einer Tür stehen, las laut: Sekretariat, ging weiter und klopfte energisch an eine zweite mit dem Schildchen: »Professor Mori, Rektorat.«

»Nimm dich zusammen«, fauchte er noch, dann stand eine Dame im Türrahmen und sah ihn fragend an.

»Gerber«, sagte er. »Ich bringe Ihnen meine Tochter.«

Elena wand sich vor Verlegenheit. Bin ich etwa ein Gepäckstück?, fragte sie sich und sah zu Boden.

»Guten Tag, Herr Gerber«, sagte die Dame gelassen. »Ich bin Benita Mori, die Leiterin des Internats. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Und das ist Ihre Tochter?« Sie reichte zuerst Elenas Vater, dann Elena die Hand. »Du bist Elena? Willkommen in Villa Rosa.«

Mit einer Handbewegung bat sie beide in den Raum und wies auf die Sitzgruppe vor dem hohen Fenster. »Bitte nehmen Sie doch Platz.«

»Ich hab nicht viel Zeit«, knurrte Elenas Vater und ließ sich in einen der Ledersessel fallen. »Das Geschäftliche ist meines Wissens geregelt; fürs Private sind Sie zuständig.«

»So ist es«, entgegnete Professor Mori ungerührt. Sie wartete, bis eine Frau in ihrem Alter, Elena schätzte beide auf Mitte Fünfzig, drei Tassen, ein Milchkännchen, eine Zuckerdose und eine Kanne auf den runden Tisch gestellt hatte. »Für eine Tasse Kaffee wird es doch sicher reichen.«

Elenas Vater saß breitbeinig auf der Sesselkante, ließ drei Würfel Zucker in den Kaffee fallen, rührte um und beließ das Löffelchen in der Tasse. Warum benimmt er sich so miserabel?, fragte sich Elena und fühlte, wie ihr wieder die Röte ins Gesicht stieg.

»Hatten Sie eine gute Reise?«, erkundigte sich Madame Mori höflich.

»Ging so. Elenas Zeugnisse, überhaupt alle Unterlagen haben Sie bereits. Fehlt etwas?« Er hielt das Löffelchen mit dem Zeigefinger vom Mund fern, während er geräuschvoll den Kaffee schlürfte.

»Sollte etwas fehlen, wird sich unsere Sekretärin mit Ihnen in Verbindung setzen. Aber nun wollen Sie doch sicher das Zimmer sehen, in dem Ihre Tochter wohnen wird. Und die anderen Räumlichkeiten, die Turnhalle, unsere ganze Anlage –«

»Keine Zeit«, unterbrach sie Herr Gerber. »Ich muss schnellstmöglich nach Heidelberg zurück. Hab eine Speditionsfirma und bin ein hart arbeitender Geschäftsmann.«

Elena sah, wie sich Professor Moris Augen für den Bruchteil einer Sekunde weiteten.

»Verstehe«, entgegnete sie höflich. »Dennoch bitte ich Sie noch um einige Minuten Ihrer kostbaren Zeit.«

Elenas Vater knurrte etwas Unverständliches.

»Was sagten Sie gerade?«, erkundigte sich Professor Mori höflich.

»Nichts. Ich sagte nichts.«

Die Leiterin blätterte in Elenas Unterlagen. »Ich vermisse den Bericht des Hausarztes. Leidet Elena unter Allergien, zum Beispiel –«

»Das Mädchen ist gesund.«

Das Mädchen! Nicht »meine Tochter«! Elena biss sich auf die Unterlippe und verwünschte ihren Vater in die heißeste Hölle.

»Das ist erfreulich.« Professor Mori wandte sich Elena zu. »Keine Gefahr bei einem Wespen- oder Bienenstich? Das ist schön. Essen kannst du auch alles? Gut. Treibst du Sport, Elena?«

Bevor Elena noch antworten konnte, war ihr Vater aufgestanden. »Die Fragen können Sie ohne mich klären«, meinte er ungeduldig.

»Einen Augenblick noch. Bitte setzen Sie sich wieder.« Professor Moris Ton war höflich, aber so bestimmt, dass Herr Gerber tatsächlich noch einmal Platz nahm.

»Was gibt es denn noch?«

»Ich fragte, ob Ihre Tochter Sport treibt«, wiederholte Professor Mori ungerührt. »Elena, möchtest du Tennis-, Golf- oder Reitstunden nehmen? Wenn ja, bräuchte ich dafür die Einwilligung deines Vaters.«

Elena schüttelte den Kopf. »Außer Schulsport mache ich nichts.«

Herr Gerber fuhr auf »Wie bitte? Ich hör wohl nicht recht! Du fährst Ski! Und das, seitdem du auf den Beinen stehst! Ist das etwa nichts?«

»Doch. Natürlich.« Elena senkte den Kopf »Aber Professor Mori hat ja gefragt, ob –«

Professor Mori nickte ihr freundlich zu. »Gut. Ich denke, wir haben nun alles geklärt. Sollten weitere Fragen auftauchen, wird sich meine Sekretärin an Sie wenden, Herr Gerber.« Die Schulleiterin stand auf

»Sie erreichen mich über meine Firma.« Elenas Vater stand bereits an der Tür, öffnete sie und schritt mit wuchtigen Schritten zur Treppe.

Professor Mori fasste Elena am Arm, beide folgten ihm in normalem Tempo, sodass er an seinem Auto warten musste.

»Herr Gerber«, sagte Professor Mori und reichte ihm die Hand, »ich kann mir denken, wie schwer Ihnen der Abschied von Ihrer Tochter fallen muss. Glauben Sie mir, wir werden alles tun, um –«

»Schon gut«, fiel er ihr ins Wort, fasste Elena an der Schulter, schüttelte sie kurz, sagte: »Mach's gut«, stieg ins Auto und brauste so ungestüm von dannen, dass der Wagen auf dem festgefahrenen Schnee ins Schleudern und dem eisernen Torpfosten gefährlich nahe kam.

Zum ersten Mal seit Wochen atmete Elena erleichtert auf Plötzlich fühlte sie sich frei; so frei, dass sie hätte tanzen mögen und vielleicht tatsächlich ein paar Hüpfer gemacht hätte, wenn sich nicht ein Auto genähert hätte und dicht vor ihr und ihrem Gepäck zum Stehen gekommen wäre.

Schlagartig änderte sich alles.

*

Ein Mädchen mit langen rotblonden Locken sprang aus dem Wagen, drehte sich schwungvoll um die eigene Achse und warf die Arme in die Luft, wobei Elena das Klappern von Armreifen hörte.

»Mein Gott, ist das hier schön! Viel, viel schöner und viel, viel herrschaftlicher, als ich es mir erträumt habe! Pa, schau doch nur die herrliche Parkanlage an, und Ma! Da ist der See, die Weinberge, die Berge – das ist ja eine Aussicht! Wie findet ihr das? Seid ihr genauso überwältigt wie ich? Sagt, dass ihr es hier auch schön findet! O, ich danke euch, dass ihr ausgerechnet diesen Ort ausgesucht habt!«

Elenas Magen krampfte sich zusammen. Wie konnte man nur so überschwänglich sein? Da! Jetzt stürmte die Lockige sogar auf sie zu!

»Bist du auch neu hier?«, rief sie. »Du musst neu sein, du stehst ja neben deinem Gepäck! Es ist doch dein Gepäck, nicht wahr?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte sie auf Professor Mori zu.

»Sind Sie Frau Professor Mori? Sie müssen Professor Mori sein! Ich bin Charly, Carla Wyss aus Zermatt. Ich freue mich ja so sehr, dass ich hier sein darf.« Sie wirbelte herum. »Das sind meine Eltern, Frau Professor Mori. O, aber das kann ich nicht zulassen, dass sie mein Gepäck ausladen, während ich faul herumstehe.« Schon wollte sie losrennen, als sie Professor Moris Blick traf. »Willkommen in Villa Rosa.« Sie reichte Charly die Hand.

Charly hielt dem Blick nicht nur stand; sie musterte Madame Mori frei und ungeniert, was die Leiterin anerkennend zu registrieren schien. Elena beobachtete, wie Charlys Vater den Arm um seine Tochter legte und sie liebevoll an sich zog, während die Mutter die beiden lachend und voller Stolz anschaute.

Elena versuchte, ihren widerstreitenden Gefühlen Herr zu werden. So warmherzige, so unkomplizierte, so lebhafte Eltern hätte sie sich auch gewünscht! Wie gerne wäre sie so temperamentvoll und offen wie Charly! Das Mädchen musste ein Liebling der Götter, musste mit einer Glückshaut geboren sein, wohingegen sie als Pechmarie zur Welt gekommen war. Wieder fühlte sie, wie ihr Tränen in die Augen traten. Verdammt, was war heute denn nur los mit ihr? Sie zwinkerte das Nasse weg und sah dann zwei Mädchen, die die Auffahrt heraufschlenderten.

Auch Professor Mori hatte sie gesehen. »Bei uns ist es Sitte, dass einer Neuen eine Patin zur Seite gestellt wird. Hier kommen eure beiden Betreuerinnen«, sagte sie zu Elena und Charly.

»Wie schön die sind«, sagte Charly ehrfürchtig.

In diesem Punkt stimmte Elena ihr zu. Die Kleinere, Zierlichere, Schwarzhaarige trug eine feuerrote Jacke, enge schwarze Hosen und Stiefel, die bis übers Knie reichten. Der weiße Mantel der Größeren musste eine Menge Geld gekostet haben. Verlegen kreuzte Elena die Arme vor der Brust und hätte sich am liebsten in sich selbst verkrochen. Ich passe nicht hierher, nie im Leben werde ich in diesem Internat Fuß fassen, dachte sie verzweifelt. Auslachen würden sie alle, fertig machen, niederbügeln, sie würde der Loser des Hauses sein! Warum nur hatte ihr Vater dieses Internat ausgesucht! Es musste doch auch bescheidenere geben!

Plötzlich wurde ihr klar, weshalb ihr Vater auf diesem Internat bestanden hatte: Er will, dass ich mich hässlich, mies und unterlegen fühle; das ist ihm das viele Geld wert! Elena biss auf ihren Fingerknöchel.

»Tu das nicht«, sagte die Schwarzhaarige scharf. »Das ist unappetitlich.«

»So lass sie doch«, entgegnete die Blonde träge. Elena hätte das nett gefunden, wenn sie nicht das boshafte Aufblitzen der blauen Augen bemerkt hätte.

Professor Mori ging mit scharfem Ton dazwischen:. »Swetlana und Valerie! Ich verlasse mich darauf, dass ihr euren neuen Mitschülerinnen nach besten Kräften helft, bei uns so schnell wie möglich heimisch zu werden. Ihr führt die beiden in ihr Zimmer, und wir«, sie drehte sich zu Charlys Eltern um, »wir unterhalten uns ein paar Minuten.«

Kapitel 3

»Ihr seht einfach umwerfend aus.« Charlys Bewunderung war nicht gespielt, was Swetlana mit herablassendem Kopfnicken und einem Gegenkompliment quittierte. »Dein Pulli ist schick.«

»Danke!« Charly strahlte. »Ich finde, er steht mir besonders gut. Er ist absolut neu und hat genau die Farbe, die ich am liebsten mag. Er passt perfekt zu meinen Haaren, meint ihr nicht auch?«

Charlys Haarfarbe schien Valerie nicht die Bohne zu interessieren. Sie deutete auf das Gepäck. »Kommst du aus Zermatt?«

»O ja!«

»Tatsächlich? Dann frage ich mich, weshalb du deine Skier nicht mitgebracht hast. Du fährst doch Ski? Oder Snowboard? Oder beides?«

»Warum willst du das wissen?« Innerlich zählte Charly bis zehn.

»Weil sie die beste Skiläuferin des Internats ist und bleiben möchte«, erklärte Lana.

»Echt? Was ist deine Spezialität? Abfahrt oder Slalom? Welche Pisten sind –« Charly riss sich zusammen, sie räusperte sich. »Ich meine, fährst du hier in diesem Gebiet?«

»Ich fahre überall und jede Piste. Da du aus Zermatt kommst –«

»Ach, weißt du«, fiel ihr Charly ins Wort, »mein Vater ist Arzt. Er ist der Ansicht, dass Skifahren überbewertet wird. Außerdem ist es echt gefährlich: all die Knochenbrüche, die genagelt werden müssen. Die Kopfverletzungen mit bleibenden Schäden ...«

»Und die Todesfälle infolge Lawinenabgang«, ergänzte Valerie spöttisch. »Komisch, deine Eltern sehen ziemlich sportlich aus. Wie kann man nur in Zermatt wohnen und nicht Ski fahren! Schwimmst du wenigstens?«

»Na klar. Und du? Schwimmst du nur Brust und Kraul, oder auch Schmetterling?«

»Brust und Kraul. Aber wie ist es möglich, dass du nicht Ski fährst? Skatest du wenigstens? Ehrlich gesagt –«

»Valerie, deine Fragen nerven«, sagte Lana gelangweilt. »Wir müssen uns um unsere Pflichten kümmern. Kommt!«

»Einen Augenblick noch.« Charlys Armreifen klirrten, als sie eine weit ausholende Handbewegung machte. »Die Halbjahresferien sind vorbei. Wieso ist hier alles so ruhig? Es müsste doch vor Jungs und Mädchen nur so wimmeln?«

Valerie schaute auf die Uhr. »Die meisten werden in ein, zwei Stunden kommen. Dann ist hier der Teufel los.«

»Warum seid ihr schon hier? Habt ihr die Ferien im Internat verbracht? Geht das denn?«

»Ja.«

»Also?«

»Also was?«

»Warum seid ihr nicht nach Hause gefahren?«

»Ganz einfach«, antwortete Valerie betont gleichgültig. »Meine Mutter ist vergangene Woche umgezogen.«

»Klar, da wärst du ihr im Weg gewesen. Oder du hättest helfen müssen«, entgegnete Charly verständnisvoll. »Swetty, ist deine Mutter auch umgezogen?«

Für den Bruchteil einer Sekunde verlor Swetlana ihre Gelassenheit. »Ich heiße Swetlana. Nenn mich nie mehr Swetty, hörst du?«, sagte sie heftig. »Und nein, meine Mutter ist nicht umgezogen.«

»Sondern?«

Swetlana schwieg.

»Es ist doch nichts dabei, wenn du es ihnen sagst«, meinte Val lachend. »Swetty! Dich Swetty zu nennen wäre mir nie im Traum eingefallen! Nun sag schon, dass deine Mutter ein Baby bekommen hat.«

»Das ist ja herrlich!«, rief Charly. »Hast du eine neue Schwester oder einen neuen Bruder?«

»Es ist eine Halbschwester. Aber nun kommt endlich.«

»Nein.« Jetzt drehte sich Charly um. »Ich will erst noch die Gegend bewundern. Elena, schau dir nur diese grandiose Bergkette an. Strahlend weiß und wie mit Puderzuckerglasur überzogen. Und der See! Und die Parkanlage! So viele alte Bäume ...«

Charly hatte sich vorgenommen, glücklich zu sein, einfach nur glücklich. Natürlich gehörte zu jedem Glück auch ein kleines Wermutströpfchen – obwohl, in ihrem Fall war das Tröpfchen eher ein satter Tropfen ... Charly schüttelte die Gedanken ab und folgte den dreien, die zum Portal vorausgegangen waren. »He!«, rief sie. »Weiß eine von euch, was Wermut ist?«

Swetlana und Valerie starrten sie an, als stellten sie ihren Geisteszustand infrage. Elena runzelte nur kurz die Stirn.

»Wermut? Wermut oder Absinth. Korbblütler. Silbriggrüne gefiederte Blätter, gelbe Blütenköpfe. Bitteres Gewürzkraut. Darf nur in geringen Mengen verzehrt werden. Das abgeschnittene Kraut sollte man keinesfalls auf den Kompost werfen. Man spricht von Wermutstropfen, wenn –«

»Sag bloß!«, fuhr Lana dazwischen.

»Bist du eine Intelligenzbestie? Schreibst du in jedem Fach nur Einser?«, fragte Valerie.

Elena wurde rot. »Ich mag Bio.«

»Also hast du in diesem Fach eine Eins. Und in den übrigen?«

Elena hob die Schultern. »Na ja ...«

»Sag schon!«

»Brillant bin ich nicht.«

»Ehrlich?«

»Ja.«

»Aber gute Noten schreibst du, was?«

»Es geht so.«

»Hast du Hobbys? Reiten? Tennis? Segeln? Wasserski? Vielleicht Golf?«

Elena zuckte die Schultern. »Nein. Ich lese gerne.«

»O Gott! Wenn das ein Hobby sein soll ...« Valerie drehte sich verächtlich um. »Charly, wie sieht es bei dir mit den Noten aus?«

Charly strahlte Valerie an, obwohl sie sie insgeheim zum Teufel wünschte. »Auf meinen Schultern sitzt ein kluges Köpfchen.«

Valerie schaute sie herausfordernd an. »Wenn das stimmt, hat Swetlana endlich die gewünschte Konkurrentin bekommen. Aber dein kluges Köpfchen wird sich ganz schön anstrengen müssen, Charly.«

»Ich liebe Herausforderungen; ich finde, sie sind das Salz in der Suppe des Lebens.«

Swetlana grinste spöttisch. »Du nimmst den Mund mächtig voll.«

»Meinst du? Ich finde das nicht; Herausforderungen bringen mich in Schwung. Geht es dir auch so, Elena?«

Elena schrak zusammen. »M-m-mir?«, stotterte sie.

»Du lieber Himmel! Ich wollte dich nicht erschrecken!« Charly blieb wieder stehen. »Anstatt uns mit dem Haus vertraut zu machen, verplempern wir Zeit mit unwichtigen Gesprächen. Lassen wir das, bis wir alles gesehen haben.«

Charly ärgerte sich wirklich über sich selbst; kaum war sie hier, hielt sie keine einzige der Regeln ein, die sie sich selbst gestellt und sich vorgenommen hatte, unter allen, ALLEN! Umständen einzuhalten. Natürlich stimmte es, dass sie kaum einer Herausforderung widerstehen konnte; aber musste sie das den ersten Mitschülerinnen, die ihr hier über den Weg liefen, auf die Nase binden? Und warum musste sie ausgerechnet das schüchterne Mädchen, diese unscheinbare Elena mit der hässlichen Brille, noch mehr verunsichern, als sie ohnehin schon war? Idiotisch war das, idiotisch und unnötig.

»Welche Aufgabe haben eigentlich Betreuerinnen, wie ihr es seid?«, erkundigte sie sich treuherzig.

»Erklärt sich das nicht von selbst?«, entgegnete Swetlana. »Wir betreuen euch.«

Charly runzelte die Stirn. »Wenn sich eine von uns den Fuß verstaucht, bringt ihr das Essen ans Bett? Beispielsweise? Oder seid ihr dafür verantwortlich, dass wir hier alles so schnell wie möglich auf die Reihe bekommen?«

»Such dir's aus«, meinte Valerie.

»Das ist das Haupthaus«, erklärte Swetlana, nachdem sie weiter in das Gebäude vorgedrungen waren. »Hier im Erdgeschoss befinden sich links die Wirtschaftsräume und die Küche, geradeaus liegt der Speiseraum mit der Gartenterrasse, rechts sind die Verwaltungsräume, das Sekretariat und Professor Moris Rektorat.«

Charly folgte Swetlanas Ausführungen höchst interessiert und mit blitzenden Augen, während Elena stumm neben ihr herstolperte.

»Im ersten Stock«, erklärte Valerie, während sie die breite Treppe hinaufgingen, »befindet sich direkt über dem Speiseraum unser Aufenthaltsraum.« Sie öffnete eine breite Tür und ging den anderen voraus. »Daran schließen sich das Fernsehzimmer und die Bibliothek an.«

»Nicht übel.« Charly deutete auf die Regale voller Bücher und die gemütlichen Sessel und Tischchen vor einem Kamin. »Und einen Flügel haben wir auch? Das ist ja allerhand!«

»Spielt eine von euch ein Instrument?«, erkundigte sich Valerie.

Charly sah Elena an, dann schüttelten beide die Köpfe.

»Da wird Claudio Torelli aber sehr enttäuscht sein!« Swetlana zwinkerte Valerie zu.

»Claudio Torelli?« Charly hob die Augenbrauen.

»Unser Musiklehrer. Er lebt in der Hoffnung, ein musikalisches Wunderkind könne mal den Weg zu uns finden.« Valerie lachte spöttisch.

Charly hob den Deckel des schwarz lackierten Flügels und tippte auf die Tasten.

»Alle meine Entchen.« Swetlana klatschte spöttisch mit zwei Fingern Beifall. »Du kannst ja doch spielen!«

»... schwimmen auf dem See«, ergänzte Charly lachend. »Das ist mein gesamtes Repertoire!«

»Immerhin«, meinte Valerie gönnerhaft und trat wieder auf den langen Flur hinaus. »Hier sind unsere Schulräume, und ganz am Ende des Flurs befinden sich die Appartements von Miss Reeves, unserer Englischlehrerin, und von Mademoiselle Cugat, der Sportlehrerin. Im zweiten Stock«, sie ging zur Treppe und bedeutete Elena und Charly, sich etwas zu beeilen, »wohnen die Fünft- bis Achtklässlerinnen in Dreier- und Viererzimmern, und hier, im dritten Stock, sind alle ab Klasse Neun untergebracht.«

»Auch in Dreier- oder Viererzimmern?«, platzte Elena verwirrt heraus.

»Wo denkst du hin?! Ab Klasse Neun teilen sich zwei Mädchen einen Raum.« Valerie sah sie neugierig an. »Bist wohl nur ein Einzelzimmer gewöhnt? Da musst du dich umstellen. Das gibt's hier nicht.«

»Im Turm«, schaltete sich Swetlana jetzt ein und deutete mit dem Daumen nach oben, »sind noch vier Zimmer, die Abiturientinnen vorbehalten sind.«

»Die Zimmer sind erstklassig«, ergänzte Valerie. »Die Treppenstufen knarren und warnen vor unerwünschtem Besuch.« Sie kicherte, warf Swetlana einen bedeutungsvollen Blick zu und fuhr eilig fort: »Unterm Dach sind dann nur noch die Abstellräume für Koffer und Taschen, und im Untergeschoss sind die Schuhräume und die Übungszimmer mit den Klavieren.«

Charly ärgerte sich über Valeries überhebliche Art, aber über »Swetty« ärgerte sie sich noch viel mehr. Sie hätte nicht sagen können, ob es die lässige, gedehnte Sprechweise, die trägen Bewegungen oder die ihr unverständlichen Anspielungen waren – Swetlana ging ihr gegen den Strich. Charly war offen und direkt; Swetlana schien jeder Info ein Geheimnis mitzugeben, das nur einem Insider bekannt war. Und sie war, verdammt noch mal, kein Insider. Sie war gerade erst angekommen!

Als Swetlana schließlich eine der Türen in dem langen Flur öffnete, mit einer lässigen Handbewegung ins Innere deutete und von oben herab »Das ist euer Zimmer« sagte, trat Charly ein und zog Elena am Arm mit. »Danke fürs Herführen.«

Dann drehte sie sich um und versperrte dabei den beiden anderen den Weg. »Elena und ich möchten jetzt allein sein. Wo finden wir euch später?«

»Bitte?«

»Wo ist eu-er-Zim-mer?« Charly sprach jedes einzelne Wort betont deutlich aus, als habe sie es mit Schwerhörigen zu tun.

»Dritte Tür links«, antwortete Swetlana verdutzt.

Charly lächelte süß. »Danke, Swetty.« Dann schlug sie Swetlana die Tür vor der Nase zu.

Charly fuhr zu Elena herum. »Mit den beiden werde ich Krach bekommen, Elena! Fragen die uns doch in den ersten Minuten über unsere Noten und was weiß ich sonst noch alles aus! Das tut man doch nicht! Warum –«

Es klopfte.

»Herein!« Charly riss die Tür auf.

»Das Gepäck.« Der ältere Mann lächelte sie an. »Ich bin der Hausmeister. Karl Appenzell ist mein Name.«

»Stellen Sie es einfach hier ab.« Charly wartete, bis die Koffer und Taschen im Zimmer standen. »Danke, Herr Appenzell.«

Kaum war der Hausmeister verschwunden, wirbelte sie herum. »Welches Bett möchtest du, Elena? Das linke oder das rechte?«

Elena schüttelte ihre Erstarrung ab, konzentrierte sich mit aller Macht und blickte sich in dem rechteckig geschnittenen Zimmer um. Der Tür gegenüber befanden sich zwei von der Decke bis zum Boden reichende Fenster mit einem geschwungenen schmiedeeisernen Gitter davor. Lange, seitlich geraffte sonnengelbe Vorhänge mit weißen Punkten rahmten sie ein. Zwischen den Fenstern war ein hohes offenes Regal, davor ein rundes Tischchen mit zwei gelb bezogenen Sesselchen und einer Stehlampe, an jeder Wand waren ein sehr breiter Schrank, ein Bett sowie ein Nachttisch, und in der Mitte des Zimmers standen sich zwei Schreibtische gegenüber.

Charly runzelte die Stirn. »Fürs Erste werden wir die Möbel nicht umstellen. Oder was meinst du? Sollen wir die Schreibtische vor die Fenster und das Tischchen mit den Sesseln in die Mitte rücken?«

Elena hob die Schultern und schwieg. Die Rache meines Vaters hätte nicht schlimmer ausfallen können, dachte sie verzweifelt. Jetzt würde sie nie mehr allein sein, keine Sekunde des Tages wäre sie für sich! Wie sollte sie das nur aushalten? Selbst wenn sie Hausaufgaben machte und mal vom Heft aufschaute, würde sie eine fremde Person sehen ...

»Also ich find's toll, dass ich nicht mehr alleine bin«, hörte sie Charlys Stimme. »Weißt du, ich bin ein Einzelkind und hab mir immer Gesellschaft gewünscht. Die hab ich jetzt. Ist das nicht toll? Ich finde es super!«

O Gott, was für eine energische, tatkräftige, alles schön findende Mitbewohnerin! Schlimmer hätte sie es nicht treffen können! Elena sank auf das linke Bett.

»Du willst also diese Seite?« Charly ging zum Fenster. »Gut. Aber du weißt, dass mir die Morgensonne ins Gesicht scheint? Ich mag das. Bist du mehr für die Abendsonne?«

»Darüber hab ich noch nie nachgedacht.«

Charly lachte sie an. »Mensch, Elena, du kannst ja über mehr als nur Wermut sprechen!« Sie kniete nieder und öffnete ihren Koffer. »Okay, packen wir zuerst aus. Aber dann schauen wir uns die Umgebung an. Alleine, nur wir beide. Einverstanden?« Sie grinste. »Valerie und Swetty. Immer wenn ich mich über Swetlana ärgere, werde ich sie Swetty nennen. Was glaubst du, wie schnell das die Runde machen wird!«

Elena presste die Hände zwischen die Knie. »Das wird sie dir übel nehmen.«

»Ich hab ihr die neugierigen Fragen übel genommen. Natürlich wollen die Alten alles über die Neuen wissen, ist ja klar. Aber doch nicht schon in den ersten Minuten, oder?«

Charly nahm eine Schere und zwei Rollen Schrankpapier aus dem Koffer. »Meine Mutter hat wirklich an alles gedacht«, meinte sie gerührt. »Eine Rolle mit hellblauen Vergissmeinnicht und eine mit roten Röschen! Wie sinnig: ›Vergiss mich nicht‹ und ›Ich liebe dich‹! Welches Muster hat dein Papier?«

»Ich hab keines.«

»Das stand aber auf der Liste der Gegenstände, die wir mitzubringen haben.« Charly sprang auf. »Hier, wähl eine Rolle aus. Welches Muster willst du?«

»Danke, ich will kein Schrankpapier.« Elena verzog das Gesicht. Verdammt, diese Charly hatte wohl alles Glück dieser Welt gepachtet. Nicht allein, dass sie liebevolle Eltern und eine fürsorgliche Mutter hatte, sie war auch noch ein fröhliches, soziales Einzelkind und passte überhaupt nicht in das Schema, das sich ihre eigene Mutter zurechtgelegt hatte: Einzelkinder sind Egoisten, Einzelkinder können sich nicht durchsetzen, Einzelkinder sind schwierig, Einzelkinder sind nicht anpassungsfähig. Was für ein Blödsinn! Im Grunde genommen hielt ja nichts einer Prüfung stand, was ihre Mutter je von sich gegeben hatte. Elena stand auf. »Mal sehen, was meine Mutter noch alles vergessen hat.«

*

Die Bitterkeit in Elenas Stimme erschreckte Charly. Mit Mühe verbiss sie sich die Frage nach dem Warum; neugierig wie Swetlana und Valerie wäre sie sich vorgekommen, und das wollte sie nicht. Stattdessen summte sie leise eine Tonfolge ohne erkennbare Melodie vor sich hin; das Summen hielt sie davon ab, Elena voller Mitgefühl in den Arm zu nehmen. Sie muss etwas Schlimmes erlebt haben, dachte sie und ahnte, dass Mitgefühl das Letzte war, was Elena im Augenblick ertragen konnte. Charly wusste, dass Mitgefühl den Schmerz eines schrecklichen Erlebnisses nicht linderte, und wenn man von einer mitleidigen Seele umarmt wurde, brachte das den Schmerz schon gar nicht zum Verschwinden.

Charly summte also Töne, während sie das Schrankpapier zuschnitt und auslegte. Sie hätte sich eigentlich eine weniger komplizierte Zimmergenossin gewünscht, aber merkwürdig, Elena faszinierte sie. Sie war scheu, schüchtern und verschlossen, nicht hässlich, aber auch nicht hübsch, obwohl ... Charly musterte sie verstohlen. Wenn sie einen anderen Haarschnitt hätte und vorteilhaftere Kleidung tragen, wenn sie nicht so enttäuscht, so missmutig und verdrossen aussehen würde?

»Hast du Heimweh?«, platzte sie nun doch heraus.

Zum ersten Mal reagierte Elena spontan. »Heimweh? Das ist ja wohl das Unwahrscheinlichste der Welt! Im Gegenteil! Ich bin ...« Sie biss sich auf die Unterlippe.

Charly rätselte, was Elena hatte sagen wollen: »...froh, meine Eltern los zu sein.«? Oder: »... noch niemals heimwehkrank gewesen.«?

Als die Koffer und Taschen leer, die Schränke gefüllt, die Hefte und Schulsachen in den Schreibtischen verstaut, die Laptops eingestöpselt waren und die Bücher im Regal standen, bezog Charly ihr Bett mit ihrer neuen Laura-Ashley-Bettwäsche. Sie wählte die mit dem hübschen Maiglöckchenmuster, das Spannbetttuch war weiß mit grünen Blättchen, und dazu passten auch die gelb, weiß und hellgrün gemusterte Tagesdecke sowie die drei Kuschelkissen.

Schließlich stellte Charly ihre leeren Koffer und Taschen auf den Flur und zog den Reißverschluss der selbst genähten Tasche auf, in die sie verstaut hatte, was sie an die Zeit erinnerte, in der sie unbeschwert glücklich gewesen war: Das Kästchen für ihre Armreifen und Ohrringe sowie den Wecker stellte sie auf den Nachttisch. Den Bär aus ihren Kleinkindertagen, ohne den sie niemals verreiste, setzte sie zwischen die Rüschenkissen, und das Foto im silbernen Rahmen stellte sie auf ihren Schreibtisch.

Gerade breitete Elena ihre Tagesdecke in einem scheußlich gelbstichigen Beige über das weißbezogene Bett, dann beförderte auch sie die leeren Gepäckstücke auf den Flur. Als sie das Foto mit der lachenden Charly zwischen Vater und Mutter sah, wandte sie sich abrupt ab. Charly war Elenas Blick gefolgt; jetzt wusste sie mit absoluter Sicherheit, dass es in Elenas Leben ein Geheimnis gab, über das sie nicht sprechen wollte. Statt nachzubohren, hielt Charly Elenas trotzigem, wütendem Frag-mich-bloß-nichts-Blick stand, sie sagte nicht, ich will dir doch gerne helfen, und über sich sagte sie schon gar nichts. Erleichtert, ja sogar dankbar lächelte Elena sie schließlich schüchtern an.

Charly hob die Schultern etwas hoch und blinzelte. »Hörst du? Die anderen kommen.«

Kapitel 4

Seite an Seite am Fenster stehend beobachteten Elena und Charly, wie ein Auto nach dem anderen die Auffahrt heraufglitt, wie Türen geöffnet, Kinder, Geschwister, Mütter und Väter ausstiegen, wie das Gepäck, die Skier, Skateboards, Tennis- und Golfschläger herausgehoben und auf den Kies gestellt wurden, wie sich Jungen und Mädchen umarmten und Wiedersehensschreie ausstießen, und wie Professor Mori mit freundlicher Gelassenheit die Ankommenden begrüßte.

»So, jetzt werden wir mal Swetty und Val besuchen.« Charly griff nach Elenas Hand. »Dritte Tür links, stimmt's?« Sie klopfte laut und rief: »Wir sind's!«

Da niemand antwortete, lugte sie ins Zimmer.

»Wow! Das musst du sehen, Elena!«

Elena spähte über Charlys Schulter.

Der weiße Mantel lag auf dem einen, die rote Jacke auf dem anderen Bett. Auf dem Fußboden verstreut waren Bücher und Modezeitschriften, Unterwäsche, Strumpfhosen, Pullis, Röcke und Hosen, und auf einem kleinen Sessel lag eine todschicke weiße Reithose samt Kappe und gesteppter Weste in Schwarz. Auf den Schreibtischen standen und lagen Puderdosen, Spiegel, Kämme und Haarklammern, Nagellackfläschchen und Parfumflakons, die Wände waren voller Poster von Reitern und Reiterinnen auf Vollblutpferden, Familienfotos – eines zeigte Swetlana in Reitdress und wehenden Haaren auf einem Rappen – sowie Baden-Badener oder Schweizer Sehenswürdigkeiten, außerdem duftete es wie in einer Parfümerie.

»Mein Gott! Was für ein Albtraum«, stieß Charly hervor.

»Fremde Zimmer betritt man nicht!«, zischte eine Stimme hinter Elenas Rücken.

Charly und Elena wirbelten herum. »Wir hatten uns angekündigt; schon vergessen?«, konterte Charly.

Swetlana ging nicht darauf ein. »Ihr seid neu, deshalb lassen wir euch die Unverschämtheit gerade noch einmal durchgehen. Aber wehe, ihr schleicht euch ein zweites Mal heimlich in unser Zimmer!«

»Habt ihr etwas zu verbergen? Drogen? Diebesgut? Sexspielzeug?« Charly blitzte sie herausfordernd an. »Hätten wir uns heimlich in euer Zimmer geschlichen, hätten wir die Tür hinter uns zugemacht. Im Übrigen könnt ihr uns mal!«

Sie griff nach Elenas Hand und zog sie mit sich. Elena stolperte hinter ihr her. Als sie aufsah, bemerkte sie drei Mädchen und zwei Jungs, die auf dem Flur standen und die Szene beobachtet hatten.

»Seid ihr die Neuen?«, fragte das Mädchen mit dem dunklen Lockenkopf.

»Wir kennen uns nicht, also müssen wir es wohl sein«, gab Charly zurück.

»He, sei nicht so empfindlich. Ihr könntet auch Besucher sein, oder?«

»Wir sind die Neuen«, antwortete Elena bereitwillig.

»Na dann! Willkommen in Villa Rosa.«

Der größere Junge, er trug eine Brille, hatte grüne Augen und lockige, dunkle Haare, die er mit einer raschen Bewegung aus dem Gesicht schleuderte, trat einen Schritt vor. »Regel Nummer eins: Alle Neuen müssen sich der hier herrschenden Hierarchie unterordnen.«

Charly wurde rot im Gesicht. Bevor sie eine ihrer bissigen Antworten geben konnte, erkundigte sich Elena schnell: »Was heißt das?«

»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit –«

»– Schwesterlichkeit«, warf der Lockenkopf ein.

»Okay, Schwesterlichkeit«, erwiderte der Junge friedfertig. »Vergesst das. Als Neue habt ihr erst mal keine Rechte. Soll heißen: Wer wie wir in Klasse Fünf gekommen ist, hat das Sagen. Also kuscht, seid bescheiden, spielt euch nicht auf, haltet den Mund und achtet die Alten.«

Elena riss die Augen auf. »Das ist nicht dein Ernst, oder?« Auf den ersten Blick hatte sie den Jungen ziemlich attraktiv und nett gefunden, aber nun war sie sich nicht mehr sicher, ob der erste Eindruck auch stimmte.

»Voll zurück ins Mittelalter«, schnaubte Charly. »Ich fass es nicht. Bitte sag, dass du uns auf den Arm nimmst.«

»Max hat recht. Ihr kommt in Klasse Zehn zu uns –«

»– und das auch noch zu Anfang des zweiten Halbjahres«, warf die Blonde ein.

»– was einen ganz schlechten Eindruck auf uns macht«, bestätigte der größere Junge, Max, mit einem Nicken, »– der sollte den Mund nicht so weit aufreißen. Wenn er's doch tut, bekommt er eine gescheuert – bildlich gesprochen.«

Die Blonde kicherte. »Sexspielzeug! Drogen und Diebesgut! Damit habt ihr es bei Swetlana bis in alle Ewigkeit verdorben. Da Valerie nichts tut, was Swetlana nicht billigt, ist auch die eure Feindin.«

Charly reckte ihr Kinn kämpferisch vor. »Das halte ich aus.«

»Oho!« Der etwas kleinere Junge mit den blonden kurz geschnittenen Haaren drohte ihr mit dem Finger. »Sag das nicht! Du solltest Swetlana nicht unterschätzen. Wie heißt du eigentlich?«

»Charly. Ich sage dir was: Wenn Swetty ihre Muskeln spielen lässt – ebenfalls bildlich gesprochen –, dann lasse ich meine hüpfen.«

Die fünf lachten. »Also auf zum fröhlichen Kräftemessen. Wir werden eurem Kampf mit Vergnügen zusehen.«

»Aber Hilfe darfst du nicht erwarten, Charly«, fügte die Lockige hinzu.

»Hab ich euch darum gebeten?«

Max steckte die Hände in die Hosentaschen und grinste Charly herausfordernd an. »Hast du nicht. Aber wir haben euch gewarnt. Alles klar?«

»Quatsch.« Charly kreuzte die Arme vor der Brust. »Ihr wollt uns nur einschüchtern. Nur zu; vielleicht seid ihr so abgedreht, dass euch das Spaß macht.«

»Komplett begriffsstutzig. Du hast noch immer nichts kapiert.« Max zog die Mundwinkel verächtlich nach unten und wandte sich Elena zu. »Dein grauer Pulli ist absolut scheußlich. Ich an deiner Stelle würde ihn hier nicht tragen.«

Die Blonde bedeckte die Augen mit der Hand. »Die Farbe schmerzt.«

»Er kommt aus einem Spendensack fürs Rote Kreuz«, fügte die Lockige hinzu.

»Nein, sie hat ihn einem Clochard geklaut«, widersprach der kleinere Junge, grinste Elena frech an, trat einen Schritt vor und zupfte an ihrem Ärmel. »Huch!« Blitzschnell sprang er zurück, fing etwas aus der Luft und hielt es in seiner Faust. »Wusst ich's doch! Hier, schaut mal! Ein Floh! Mein Gott! Wo EIN Floh ist, sind viele!«

»Wenn der Pulli von einem Penner stammt, Jem, kannst du nichts anderes erwarten«, stöhnte die Blonde.

»Wenn sie den Pulli aber vielleicht doch selbst gekauft haben sollte?«, überlegte Jem grinsend.

»Dann ist sie eine Person mit unsäglich schlechtem Geschmack. Und damit für uns ein hoffnungsloser Fall«, bestätigte Max. Er bückte sich und tat so, als würde er den Floh zertreten. »Ekliges Ungeziefer hat in Villa Rosa nichts verloren.«

Das dritte Mädchen hatte bisher geschwiegen. »Leute mit Ungeziefer und unsäglich schlechtem Geschmack ekeln wir aus Villa Rosa.«

»Wir lange geben wir ihr?«, fragte der Kleinere.

Die Blonde spitzte die Lippen. »Drei Tage?«

»Höchstens. Wenn sie es drei Tage aushält, hat sie gute Nerven. Hat sie so viel Durchhaltevermögen?«

»Eher nicht«, meinte der Wuschelkopf geringschätzig und steckte die Hände in die Hosentaschen.

Elena hatte mit wachsendem Entsetzen den schnellen Sätzen gelauscht. Sie zwang sich, nicht auf ihrem Zeigefingerknöchel herumzukauen, aber dass ihr Magen wieder mal zu einem kalten Klumpen zusammengeschnurrt war, dagegen war sie machtlos. Die sprechen nicht über mich, dachte sie, so gemein kann kein Mensch sein, das ist ein fieses Spiel ...

Jetzt zog der Große, der Max hieß, seine Hände wieder aus den Taschen, trat einen Schritt vor und blickte ihr drohend und von oben herab in die Augen.

»Keine Ahnung, wie du heißt, Neue. Ist auch egal. Vielleicht interessiert uns dein Name nicht, weil du ja doch höchstens drei Tage durchhältst, vielleicht ist er scheußlich wie dein Pulli und tut unseren Ohren weh – merk dir eins. Das gerade war eine Warnung und ein kleiner Vorgeschmack, wie es dir gehen wird, wenn du oder die Begriffsstutzige, die Charly –«

»– geschmackloser Name, was?«, warf die Blonde ein.

»– wenn ihr meint, unsere Regeln gelten nicht für euch. Kapiert?« Er lächelte, wobei sich Grübchen in seinen Wangen zeigten. »So. Wir gehen jetzt zurück zum Anfang und beginnen von vorn. Mein Name ist Max, ich bin Schulsprecher. Mein Freund heißt Jeremias, kurz Jem, die Blonde Victoria, die mit den Locken Mia, und das ist Sophia-Leonie. Wir gehen in die Zehnte, was bedeutet, dass ihr in unsere Klasse kommt. Willkommen bei uns. Wir freuen uns, dass ihr hier seid und wünschen euch eine gute Zeit.«

Elena atmete hörbar aus. »Ich dachte schon, ihr würdet es ernst meinen –«

»Aber nicht doch!« Max grinste fröhlich. »Wir lieben solche Spielchen. Was deinen Pulli in dieser scheußlichen Wollmausfarbe betrifft ...« Er verzog das Gesicht. »Den solltest du allerdings wirklich nicht tragen.«

Erst jetzt fielen Elena die schicken Jeans, die Pullis mit den bekannten Logos, die karierten und gestreiften Blusen und Hemden, die gepflegten Haare, die Stiefel und Schuhe auf.

»Zählen Äußerlichkeiten bei euch viel?«, erkundigte sie sich schüchtern.

»Kleider machen Leute. Aber mach dir keinen Stress; du lernst das noch. Ach, was wir unbedingt wissen wollen: Bist du eine der Quotenfrauen?«

Elena schaute verständnislos von einem zum anderen. »Quotenfrau?«

»Hast du 'ne Freistelle?«

Sie und eine Freistelle! Eine Schule, die ihr eine Freistelle gewährte, würde ihr Vater zur Narrenanstalt erklären!

Elena atmete tief durch. »Nein, hab ich nicht. Wie kommt ihr darauf?«

»Na, wegen deines Pullis. So was trägt doch kein Mensch.«

»Eine schlecht sitzende, billige, unschicke Jeans übrigens auch nicht«, setzte Victoria hinzu. »In diesen Kleidungsstücken lieferst du dich ans Messer. Kein Wunder, dass Val und Swetlana dich nicht ernst nehmen. Die denken, unsere Väter bezahlen dir das Schulgeld.«

Charlys Augen blitzten voller Kampfeslust. »Und wenn es so wäre?«

Die fünf schauten sie mitleidig an. »Dann hättest du die Arschkarte gezogen.«

»Das ist nicht euer Ernst.«

»Und ob. Hier im Haus spricht man nicht über Geld. Man hat es.«

»Aber Freiplätze –«

»Darling!« Sophia-Leonie verdrehte genervt die Augen. »Sei doch nicht so naiv. Es gibt nun mal arme und reiche Eltern, und damit die sich nicht langweilen, dürfen sie eben das Quotenspiel spielen: Jede Klasse schleppt drei Arme mit. Du kannst die Last erleichtern, indem du zehntausend Euro im Jahr spendest. Damit rückst du in der Beliebtheitsskala einen Schritt vor. Spende zwanzigtausend Euro, dann darfst du zwei vorrücken ... und so weiter und so fort. Die Grenze nach oben ist offen, merk dir das, Charly.«

Max lächelte verbindlich. »Aber selbstverständlich kann dein Erzeuger die Spende steuerlich geltend machen, was die Ausgabe für ihn um die Hälfte reduziert. Zurück zu dir und deinem scheußlichen Outfit, Elena. Hast du kein Interesse an Kleidung? Oder hast du kein Geld, weil dein Vater ein Geizhals ist?«

Unwillkürlich biss Elena auf ihrem Zeigefingerknöchel herum. Wie sollte sie das so auf die Schnelle erklären? Klar war ihr Vater ein Geizhals. Es hätte nichts gebracht, sich schöne Kleider zu wünschen, alles, was er je locker machte, ging ja an ihre Schwester ...

»Das Baby lutscht noch am Daumen!« Mia verzog angewidert das Gesicht.«

»Sorry.« Elena verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Plötzlich sah sie das Gesicht ihres Vaters vor sich, und unwillkürlich stieß sie hervor: »Ja, mein Vater ist krankhaft geizig, und ja, ich hatte nie Geld für anständige Kleider, und nochmals ja, deshalb war's mir schließlich egal, dass ich wie eine Vogelscheuche daherkomme.« Entsetzt über ihren Ausbruch verkroch sie sich in sich selbst.

»Obwohl dein Vater geizig ist, besuchst du Villa Rosa?«, erkundigte sich Mia ungläubig. »Das macht doch keinen Sinn.«

O doch, dachte Elena wütend. Wenn du einen Vater hättest, der dich kleinmachen möchte, dann macht das sehr wohl Sinn.

»So ist es nun mal.« Sie zuckte die Schultern.

»Abartig. Tatsache ist, dass du dich mit dieser Kleidung als Spießer outest. Dazu kommen noch dein Haarschnitt und die unsägliche Brille. Ist ein Kassengestell, was?« Mia schüttelte den Kopf. »Was machen wir nur mit dir?«

Elena hätte am liebsten gefragt, weshalb die fünf so besorgt um sie waren.

Max deutete ihren Gesichtsausdruck richtig. »Ne, wir sind keine Gutmenschen, Elena. Es ist nur so, dass jeder von uns am Anfang seine Schwierigkeiten hatte, allerdings waren wir in Klasse Fünf alle in derselben beschissenen Lage. Ihr jedoch –«

Mia trat einen Schritt vor. »Wir geben jedem neuen Mitschüler eine gewisse Schonfrist. In dieser Zeit habt ihr euch einzufügen. Wenn euch das gelingt, dann bekommt ihr den Hauspulli. Wenn nicht, bekommt ihr den Pulli nicht und müsst gehen. So einfach ist das.«

»Hauspulli?« Charly runzelte die Stirn.

»Hast wohl das Kleingedruckte nicht gelesen?« Max schüttelte den Kopf. »Wir tragen keine vollständige Schuluniform; als Zeichen der Zugehörigkeit bekommen die Neuen nach drei Monaten den Schulpulli. Der ist so was wie unser Adelsprädikat und zeigt, dass man in die Gemeinschaft von Villa Rosa aufgenommen wurde.«

»Er ist der Beweis dafür, dass man's geschafft hat«, ergänzte Victoria.

»Wo kann man ihn kaufen?«, erkundigte sich Charly sofort.

Die fünf lachten.

»Darling« – Sophia-Leonie liebte das Wort offensichtlich – »du kannst ihn nirgends kaufen. Du bekommst ihn verliehen!«

»Von wem?«

»Von Professor Mori natürlich. Du bekommst den Pulli, deine Eltern die Rechnung.«

»Gibt es eine Möglichkeit, ihn vorzeitig zu erwerben? Ich würde ihn selbst bezahlen.«

»Wir verleihen keine Vorschusslorbeeren.«

»Schade.«

»So ist das nun mal. Bleibt die Frage, was wir mit Elena machen. Wie hoch ist dein Taschengeld, Elena?«

Elena nannte zögernd einen Betrag, der die fünf gequält aufjaulen ließ. Als Max Elena zum Sozialfall erklärte, legte Charly ihr den Arm um die Schultern.

»Ich kümmere mich um sie«, sagte sie entschieden. »Eine Frage noch: Warum seid nicht ihr unsere Paten? Warum Valerie und Swetty?«

»Swetty!« Sophia-Leonie kicherte. »Der Name ist göttlich, Darling! Tja, warum?«

»Weil es Professor Mori so wollte«, antwortete Max leichthin. »Haben euch die beiden das Haus gezeigt?«

Charly und Elena nickten.

»Die Turnhalle? Den Park? Haus Shelley, wo die Jungs untergebracht sind?«

»Nein.«

»Haben sie euch wenigstens die Story unseres Pavillons erzählt?«, ergänzte er.

»Nein. Gibt es da was Besonderes?«

»Und ob! Aber was habt ihr bisher gemacht?«

»Wir haben ausgepackt. Wieso?«

Die fünf schauten sich bedeutungsvoll an. »Wir hätten«, begann Max zögernd, »noch vor dem Abendessen Zeit, euch mit der Anlage von Villa Rosa bekannt zu machen und euch die Pavillon-Story zu erzählen.«

Elena hätte dem Vorschlag gerne zugestimmt; es wäre eine super Gelegenheit gewesen, Max, den sie jetzt wirklich sehr sympathisch fand, besser kennenzulernen. Leider war Charly anderer Meinung.

»Danke.« Charly lächelte ihn an. »Vielen Dank, wirklich, aber wir haben was anderes vor.«

Im Vorfrühling war es um sechs Uhr ziemlich dunkel, außerdem schneite es an diesem Februarabend. Elena und Charly schlüpften in ihre Mäntel, Charly kramte in ihrem witzigen Stoffsack und holte eine recht große Taschenlampe heraus.

»Allzeit bereit und Selbst ist die Frau sind meine Mottos. Oder heißt der Plural von Motto Motti? Vielleicht sogar Motten wie Fliegen? Ist ja egal, Elena, jetzt gehen wir beide auf die Pirsch. Ich liebe Pirschgänge durch unbekanntes Gelände. Die sind so unterhaltsam, findest du nicht auch?«

»Ich weiß nicht ... warum wolltest du nicht, dass uns die fünf herumführen?«

»Na hör mal!« Charly war schon an der Tür. »Ich will doch erkunden, was mich interessiert, und nicht das sehen, was andere uns zeigen wollen. Könnte sein, sie lassen das Interessanteste aus. Okay, also was zuerst? Ich finde, weil es schon so dämmrig ist, schauen wir uns nur das Haus der Jungs an und sparen uns das Gelände für den Tag auf. Einverstanden?«

Am Schwarzen Brett in der Halle blieben sie stehen und lasen die Mitteilungen.

SMV

Wer schreibt die Einladungen zum Sportfest?
Freiwillige melden sich bitte bei der SMV!
Bitte unbedingt beachten: Nicht erlaubt sind Gäste der Gäste!

Wir beantragen Benutzungsrecht des fahrbaren Videogeräts wegen Genickstarre beim Hochgucken.
Gez.: Simone und Lars. Kl. 9

Wir beantragen eine Filmnacht (Aber eine echte ganze Nacht!!!)
Gez.: Ruth und Richi, Kl. 7

Wir erinnern an die Anwesenheitspflicht beim Frühstück (7 bis 7.30 Uhr).
Es droht Strafdienst; Strafenkatalog siehe Hausordnung.
Gez.: Die Schulleitung

Gilt das auch in der Abi-Zeit?

NEIN!!!

SMV

Wir beantragen eine bessere Sorte Klopapier, sind aber damit einverstanden, dass zuerst die Restbestände aufgebraucht werden.
Gez.: SMV

Wir beantragen einen windgeschützten, überdachten Ort als Raucherzone!

Gez.: Die Raucher

Achtung! Die Schulkonferenz wird ausnahmsweise von Dienstag auf Donnerstag verlegt; Uhrzeit bleibt dieselbe!

Gez.: die Schulleitung

Bar-Eröffnungsfest zu Beginn des 2. Schulhalbjahres: Mittwoch nach dem Abendessen.
Nicht vergessen; wir bitten um zahlreiches Erscheinen.

Gez.: Die Chefs der Bar: Gordy und Poldy

»Wir haben eine Bar im Haus? Das ist ja sehr erfreulich.« Charly schob ihre Hand unter Elenas Arm. Gerade glitt die Dämmerung in die Dunkelheit über, die Lampen entlang der Wege warfen gelbe Lichtkreise auf den Schnee, sie gingen am rechteckigen Schwimmbecken vorbei, das Charly mit Kennermiene auf fünfundzwanzig Meter Länge schätzte, und danach an einer Halle, in der kein Licht brannte und die abgeschlossen war. Dann standen sie schließlich vor dem Haus der Jungs, einem dreistöckigen Gebäude im Schweizer Stil mit Erkern und Balkons aus dunklem Holz.

»Wenn wir Mädchen in Villa Rosa wohnen, müsste das Haus der Jungs logischerweise Villa Hellblau heißen.« Charly sah sich nach Elena um. »Wollen wir?« Sie kicherte. »Ob die Schlafsäle haben?«

Die Halle war hoch und düster. Eine breite, mit einem roten Läufer belegte Treppe führte in einem weiten Schwung nach oben, und Elena und Charly vernahmen aus einem der Räume im ersten oder zweiten Stock leise Stimmen. Davon abgesehen war es so still, dass sie hörten, wie der Wind den Schnee gegen die Mauern fegte. Auf Zehenspitzen schlich Charly zu einer zweiflügligen Tür, die einen Spalt offen stand, sie drückte sie vorsichtig weiter auf und spähte in einen finsteren Raum, der von einem Feuer im Kamin nur wenig erhellt wurde. Elena trat neben sie und lugte über ihre Schulter.

Trotz der Kälte und des Schneetreibens stand ein Junge vor einem weit geöffneten Fenster; plötzlich hob er beide Arme und rief: »And Freedom's fame finds wings on every wind. Chillon! Thy prison is a holy place «

»Hör auf, George Gordon. Verschon uns mit deinem Lord Byron«, kam eine träge Stimme mit österreichischem Akzent aus einem der Sessel, die vor dem Kamin standen. »Auch wenn er dein Namensvetter ist, hatte er nicht dich im Sinn, als er den Gefangenen von Chillon schrieb.«

Der Junge am Fenster ließ langsam die Arme sinken. »Was bist du doch für ein poesieloser Dumpfkopf. Hörst du nicht das Heulen des Windes? Das Klatschen der Wellen an die Mauern der Festung? Siehst nicht die weißen Flocken in der Düsternis der Nacht. O, ihr blicklosen Gestalten, ihr gefühllosen Deppen, ihr ...«

»Ist ja gut, Gordy. Beruhige dich, du kannst jederzeit deine Koffer packen. Also halt den Mund, und bitte, schließ das Fenster, es ist affenkalt und der Wind weht den Schnee ins Zimmer.«

»Ach, alles umsonst! Warum Byrons Perlen vor die Sau werfen, die sich im süßen Sitz eines samtenen Sessels suhlt?« Der Junge schloss das Fenster. »Poldy, findest du nicht auch, dass es verdammt ruhig ist im Haus? Was ist geschehen? Sind wir die einzig Überlebenden? Sind unsere Mitgefangenen ihrem Martyrium erlegen? Hat ihnen die Tyrannei der Schule den vorzeitigen Garaus beschert?«

Charly hatte den Schalter ertastet und strahlte jetzt mit dem Licht um die Wette. »Falsch, ganz falsch. Wir beide stehen voll im Leben. Hey, wer seid ihr?«

Ihr Erscheinen hatte Poldy aus dem Sessel katapultiert und Gordon zum Fenster zurückweichen lassen. »Oh«, flüsterte er verzückt. »She walks in beauty, like the night.«

Poldy warf ihm einen bösen Blick zu. »Und wer, bitte schön, seid ihr?«

»Wir sind die Neuen«, antwortete Charly selbstbewusst. »Kalt habt ihr's hier.«

»Soso. Ihr seid also die Neuen«, wiederholte Poldy und deutete zuerst auf die durchgesessenen Sessel vorm Feuer, sagte: »Hier ist's warm«, dann streckte er Charly seine Hand entgegen. »Leopold, mein Name ist Leopold. Ich gehe in die Zwölfte. Der Byron-Verehrer am Fenster ist mein Freund, Zimmergenosse und Klassenkamerad, heißt George Gordon und wähnt, zusammen mit den Vornamen auch mit dem Genie seines Dichter-Idols gesegnet zu sein. Gefangen in diesem Irrtum hält er das Andenken seines Angebeteten durch fortwährendes Zitieren und Deklamieren am Leben. Eine elende Sisyphusarbeit natürlich, und wie eine solche zum Scheitern verurteilt. Aber mache einer ihm das klar!« Er breitete die Arme in einer hilflosen Geste aus. »Und wer bist du?«

»Das ist meine Freundin, Zimmergenossin und Klassenkameradin Elena«, antwortete Charly rasch. »Wir haben uns vor –« Sie schaute auf ihre Armbanduhr. »– vor ungefähr drei Stunden kennengelernt.«

»Und ihr seid schon Freundinnen geworden?«, erkundigte sich George Gordon und ließ sich in einen Sessel fallen. »In nur drei Stunden? Ich nenne das eine voreilige Gefühlsbekundung.«

»Es war Liebe auf den ersten Blick.« Charly lächelte ihn an und hustete leicht. »Ein Junge wird das nicht verstehen.«

»Oho!« Poldy grinste. »Mit dieser Aussage hast du Gordon tief getroffen; er ist nämlich unser Sensibelchen. Und du?«, wandte er sich an Elena. »Bist du stumm?«

Elena schüttelte den Kopf. »Es sind so viele neue Eindrücke, und alles ist anders. Ich bring das nicht so schnell auf die Reihe.«

»Verstehe. Hast du eine Freistelle bekommen?«

Elena zog ihren formlosen grauen Pulli nach unten.

»Quatsch. Elena hat einen schwierigen Vater. Aber ich sorg schon dafür, dass sie sich dem hiesigen Standard anpasst«, erklärte Charly.

Elena ließ ihre Augen von einem Jungen zum anderen wandern. Poldy war mehr als einen Kopf größer als sie, etwas dicklich, rothaarig und schien freundlich und umgänglich zu sein. Sein Freund George Gordon dagegen, hochgewachsen und schlank, sah in seinen anthrazitfarbenen Jeans und dem schwarzen Rollkragenpulli so aus, wie man sich einen jungen Poet vorstellt: dünn, mit schmalem Gesicht, wilden schwarzen, etwas zu langen Locken, mit dunklen träumerischen Augen und einer blassen Hautfarbe. Wie hatte Poldy Gordon genannt? Gordy. Gordy und Poldy, die Freunde aus der Zwölften. Wer war eigentlich dieser Byron?

Charly kam ihr mit der Frage zuvor.

»Wie? Du weißt nichts vom Lord?« Gordy spielte den Entsetzten. »Als meine Eltern vor vielen, vielen Jahren den Entschluss fassten, mir, dem einzigen Sprössling einer alten englischen Familie, eine angemessene Erziehung angedeihen zu lassen, sagte ich im zarten Alter von neun Jahren: ›Ich bin bereit. Jedoch stelle ich eine Bedingung. Nur am Genfer See werde ich meine higher education empfangen. Warum nur da? Weil der gläserne See ein geheiligter Ort ist: Hier trafen sich zwei der bedeutendsten romantischen Dichter meines Landes –«‹

»Notgedrungen«, warf Poldy ein. »Die Shelleys flohen aufgrund ihrer verworrenen persönlichen Verhältnisse und wegen finanzieller Schieflage aus England, und Byron kreuzte mit seinem Leibarzt auf. Alle langweilten sich zu Tode –«

»Ein Genie langweilt sich niemals«, behauptete Gordon mit Nachdruck. »Am Genfer See schrieb Lord Byron The Prisoner Of Chillon, und hier wurde auch die Idee zu Frankenstein geboren. Shelleys Geliebte und spätere Frau Mary –«

»Sorry«, unterbrach Elena Gordys begeisterte Rede. »Chillon ist doch nicht Montreux!«

»O, du Unwissende! Chillon ist die Festung, die große, düstere, geheimnisumwitterte Burg am See. Komm ans Fenster, damit ich sie dir zeigen kann.«

Charly warf Elena einen amüsierten Blick zu. Gordon öffnete einen Flügel und deutete nach unten.

»Ich seh nur wirbelnde Schneeflocken«, meinte Elena.

»Aber das Licht! Siehst du nicht das Licht? Das ist die Burg.«

»Ein heller Fleck ist alles, was ich sehe.«

Charly trat zu den beiden ans Fenster. Sie reichte Gordon bis zur Schulter, jetzt legte er den Arm um Charly und forderte auch sie auf, sich vorzubeugen und hinunterzuschauen.

Elena zog den Kopf ein. Das hatte er bei ihr nicht gemacht: Ganz klar, Goldmarie hatte schon am ersten Abend ihren Prinzen gefunden. Sie blickte zu Poldy hinüber und stutzte. Weshalb schaute er so gebannt auf seinen Freund? War er neidisch? Eifersüchtig? Und wenn ja, worauf? Sie setzte sich neben ihn. »Seit wann bist du in Villa Rosa?«

Poldy zuckte richtiggehend zusammen. »Hast du mich erschreckt!«

Klar, du hast ja auch die beiden nicht aus den Augen gelassen, dachte Elena niedergeschlagen. »Ich habe gefragt, wie lange du hier bist.«

»Seit der fünften Klasse.«

»Gefällt es dir?«

»Man lebt. Es gibt schlimmere Orte. Abgesehen davon will ich unbedingt ein gutes Abitur machen – wenn es in meiner Macht liegt und ich die wohlwollende Unterstützung unseres wunderbaren Lehrkörpers erhalte. Kurz gesagt: Ich bin ein Streber, im Gegensatz zu unserem allseits verehrten George Gordon.« Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören, während sein Blick auf dem Paar am Fenster ruhte.

Gordon lehnte lässig an der Wand und genoss sichtlich Charlys Aufmerksamkeit. Jetzt gerade lachte Charly, beugte sich wieder aus dem Fenster und warf dabei ihre langen rotblonden Locken mit Schwung zurück. Elena fing den Blick auf, den Poldy seinem besten Freund zuwarf: In diesem lag Abneigung und Widerwille, aber, so merkwürdig und unvereinbar ihr das erschien, auch eine ganze Menge Zärtlichkeit und Sehnsucht.

Plötzlich tönte ein Gong durchs Haus. Türen wurden aufgerissen und zugeschlagen, Schritte polterten die Treppe herab, sie hörten empörte Rufe: »Was, du hast es nicht wieder mitgebracht? Ich bring dich um, du hirnloser Depp!«, »... hast das Bein gebrochen? O Shit!«, »Pass doch auf, du trittst auf meinen Schal, du Trampel!«, und einzelne Gesprächsfetzen: »Nee, wir waren in Davos ...«, »... in Holland wird tatsächlich auch Fasching gefeiert?«, »... morgens und nachmittags Nachhilfe, ich sag dir, es war die Hölle!« Lachen – und dann fiel die Eingangstür mit einem lauten Wummm! ins Schloss.

»Wir sollten uns auch auf den Weg machen.« Poldy gähnte. »Mir ist recht flau im Magen; der Fraß, der uns erwartet, ist zwar nahezu ungenießbar, aber doch allemal besser, als Hungers zu sterben.«

»I love not Man the less, but vittels more«, zitierte Gordon frei nach Byron und stieß sich vom Fenster weg. Ganz selbstverständlich legte er seinen Arm wieder um Charlys Schultern; sie schüttelte ihn ab und hakte sich bei Elena ein. »Bedeutet der Gong, dass es jetzt Abendessen gibt?«

»So ist es«, bestätigte Poldy. »Wir werden uns umziehen müssen, also geht einfach schon mal voraus.«

Charly und Elena blieben stehen. »Treffen wir euch im Speisesaal?«

Poldy sprang bereits die Treppe hinauf. »Mag sein. Nun folgt erst mal den Fußspuren im Schnee, dem Lärm und dem Essensgeruch, und ihr landet unweigerlich an der Futterkrippe.«

»Wie ungalant du bist, Poldy! Wie wäre es, wenn die beiden auf uns warten würden?«

»Gordy! Ich bitte dich! Nun mach schon!«

Elena zupfte Charly am Ärmel. »Poldy hat was gegen uns, also komm.«

Kapitel 5

Professor Mori wartete am Eingang des Speisesaals. »Da seid ihr ja! Ihr sitzt an meinem Tisch.«

Ihr Ton duldete keinen Widerspruch. Und das, wo mich der Clochard-Pulli zur Aussätzigen stempelt, dachte Elena verzweifelt und stolperte Frau Professor Mori und Charly hinterher. Die blickte neugierig und selbstbewusst nach links und rechts, winkte Valerie und Swetlana ironisch zu, grüßte im Vorbeigehen Max, Jem, Victoria, Mia und Sophia-Leonie, nahm ganz selbstverständlich neben Professor Mori Platz und bedeutete Elena, auf den Stuhl zu ihrer Linken zu sitzen. Am Tisch hatten sich bereits zwei Lehrerinnen und ein Lehrer niedergelassen; sie lächelten Elena und Charly zwar freundlich an, aber sie stellten sich nicht vor.

Professor Mori erhob sich, nach und nach verebbten die Gespräche, sie wartete, bis sich jedes Gesicht im Raum ihr zugewandt hatte.

»Willkommen in Villa Rosa, willkommen im zweiten Halbjahr. Ich hoffe, ihr hattet schöne Ferien, seid gut erholt und freut euch auf die vor euch liegenden interessanten, erlebnisreichen Monate. Die Fünfer und Sechser gehen drei Wochen in unser Schullandheim in Frankreich, die Siebener machen eine Sprachenreise nach England, die Achter und Neuner werden Paris und Brüssel besichtigen, und die Zehner –« Madame Mori machte eine kurze, bedeutungsvolle Pause »– werden die traditionelle Wanderung über den Pass absolvieren. Ihr alle wisst, dass das kein reines Vergnügen sein wird.« Stöhnen sowie schadenfrohes Lachen war zu hören. »Die Wanderung stärkt wie nichts anderes das Gemeinschaftsgefühl, fördert die gegenseitige Rücksichtnahme und das Verständnis für die Stärken und Schwächen des Einzelnen. Wir Lehrer sind der Ansicht, dass ihr die Tage auch nützen sollt, um euch darüber klar zu werden, ob ihr nach Klasse Zehn eure Schulzeit beenden oder doch lieber bis zum Abitur durchhalten wollt. Die Oberstufe wählt, wie ihr wisst, die Ziele ihrer Studienreisen weitgehend selbst aus.«

Wieder machte Professor Mori eine kurze Pause.

»Miss Miller hat unsere Schule verlassen und ist nach England zurückgekehrt. Den gesamten Englisch-Unterricht wird vorübergehend Miss Reeves übernehmen, bis wir eine geeignete Nachfolgerin oder einen geeigneten Nachfolger gefunden haben. Die Stundenpläne sind von der Änderung nicht betroffen; hofft also nicht auf ausfallenden Unterricht.

Nun zu euch. Bis auf Thomas aus der Sechsten, der sich beim Skifahren das Bein gebrochen hat, sind alle gesund zurückgekehrt. Das ist sehr erfreulich. Wir freuen uns auch über zwei neue Schülerinnen in Klasse Zehn. Wie immer bitte ich euch, die Neuen mit offenen Armen aufzunehmen. Kümmert euch um sie, helft ihnen bei der Eingewöhnung, seid kameradschaftlich und einfühlsam. Aber das seid ihr auch, ohne dass ich es ausdrücklich betonen muss.«

Professor Mori lächelte und machte wieder eine kurze Pause, dann forderte sie Charly mit einer Handbewegung auf, sich zu erheben.

»Das ist Carla Wyss aus Zermatt, und das –« Wieder wartete sie, bis auch Elena, verlegen und feuerrot im Gesicht, aufgestanden war. »– ist Elena Gerber aus Heidelberg.«

Max und Jem winkten, Gordy wedelte heftig mit beiden Armen, einige kicherten, die meisten klatschten in die Hände oder klopften auf die Tische.

»Jeder von euch weiß, wie schwer die ersten Wochen sind. Ich verlasse mich auf euch und euren guten Willen: Erleichtert Elena und Carla die Zeit nach Kräften. Ihre Paten sind Valerie und Swetlana; bitte setzt euch zu uns an unseren Tisch.«

Jem und Max stießen sich an, Victoria, Mia und Sophia-Leonie grinsten schadenfroh.

Erst jetzt wurde Elena bewusst, dass alle Mädchen und Jungen denselben Pulli trugen: weinrot mit V-Ausschnitt und einer Art Wappen auf der linken Brust. Als Swetlana neben ihr Platz genommen hatte, sah sie, dass es zwei ineinander verschlungene Buchstaben waren: V und R. Villa Rosa. Bezogen auf ihre Nebensitzerin müsste V und R wohl für Vipern und Reptilien stehen, dachte sie.

»Wie gesagt, sind Swetlana und Valerie Carlas und Elenas Paten«, nahm Professor Mori den Faden wieder auf. »Selbstverständlich werden sie sich ganz besonders um unsere beiden Neuen kümmern.« Jetzt räusperten sich einige vernehmbar, was Professor Mori ignorierte.

»Und nun –« Professor Mori blickte wie ein Feldherr in die Runde ihrer Schüler »– und nun wünsche ich euch einen gesegneten Appetit.«

Die Schülerinnen und Schüler saßen zu acht an runden, weiß gedeckten Tischen und stürmten jetzt das Büfett, das sich an einer Längsseite des Raums befand. An der gegenüberliegenden Wand und vor dem flackernden Feuer im großen Kamin stand Professor Moris Feldherrentisch, an einer Schmalseite ging es in die Küche, an der anderen befanden sich die breiten Flügeltüren, die sich sommers zur Terrasse hinaus öffneten. Die goldgelben Vorhänge waren zugezogen, auf jedem Tisch brannte eine Lampe, die Wände waren cremeweiß, der Stuck strahlend weiß gestrichen, von der Decke hing ein funkelnder Kronleuchter – es war ein warmer, einladender, freundlicher Raum.

Charly beugte sich zu Elena hinüber. »Ich sterbe vor Hunger. Warum steht hier keiner auf und geht ans Büfett?«

»Professor Mori muss den Anfang machen«, wisperte Elena. »Es wäre unhöflich, vor ihr aufzustehen.«

Swetlana beugte sich zu Elena. »Man flüstert nicht, wenn andere mit am Tisch sitzen.«

»Was meintest du, Swetty?« Charly sagte das so laut, dass alle am Tisch erstaunt aufblickten.

Eine der beiden Lehrerinnen hatte sehr kurz geschnittene, weißblonde Haare und trug eine randlose Brille. »Swetty? Sagtest du zu Swetlana Swetty?«

»Ja. Sie ermahnte uns, am Tisch nicht zu flüstern. Ich hab mich aber nur erkundigt, weshalb niemand von uns zum Büfett geht.«

»An Professor Moris Tisch wird das Essen aufgetragen«, erklärte der am Tisch sitzende Lehrer.

Kampfbereit funkelte Charly Swetlana an. »Warum hast du das nicht gleich gesagt?« In diesem Augenblick wurden Brot, Butter, Käse und Wurst, eine Schüssel Salat und eine appetitlich duftende Lasagne auf den Tisch gestellt. Nachdem die Platten herumgereicht worden waren und sich alle bedient hatten, hob Charly den Kopf. »Wir haben von einem Pavillon gehört. Es soll eine Story geben –«

»– in der berichtet wird, dass dort unser Hausgeist umgeht?« Professor Mori lächelte. »Wie gut, dass ihr schon gewarnt wurdet!«

»Ein Hausgeist?« Charly ließ die Gabel sinken und warf den Kopf zurück. »Ich glaube nicht an Geister und Gespenster.«

»Das ist eine sehr gesunde Einstellung. Allerdings gab es in der Vergangenheit doch einige Schülerinnen und Schüler, die meinten, ihnen wäre nachts ein grauenhaftes Monster erschienen.«

»Klar.« Charly spießte ein Salatblatt auf die Gabel. »Im Traum.«

»So könnte man es erklären«, meinte Professor Mori gelassen. »Es gibt aber in unserem Park eine Stelle, die einen gewissen Bezug zu einem Monster haben soll. Miss Reeves ist Englischlehrerin und Spezialistin auf dem Gebiet unseres Hausmonsters. Bitte, Miss Reeves!«

Miss Reeves hatte dunkle, schulterlange Haare und trug eine blutrote Seidenbluse; jetzt nahm sie einen Schluck aus ihrem Wasserglas und lächelte dann Elena und Charly an.

»Ihr habt sicher schon von Frankenstein gehört. Nun, Frankenstein ist eine Erfindung von Mary Shelley. Ihr Held, Victor Frankenstein, stückelte eine menschliche Gestalt aus Leichenteilen und Resten von Tierkadavern zusammen und erschuf so ein Monster. Ursprünglich war es durchaus gutartig, entwickelte aber aufgrund fortwährender Zurückweisung einen unbändigen Hass auf seinen Schöpfer. Folglich tötete es aus Rache, was diesem lieb und teuer war: seinen jüngeren Bruder, seine Verlobte, den besten Freund. Schließlich nahm Frankenstein den Kampf mit seinem Geschöpf auf, er verfolgte das Monster durch die ganze Welt bis hinauf zum Nordpol und starb dort, zu Tode erschöpft, im Packeis.«

»Ich sehe aber keinen Bezug zu Villa Rosa«, warf Elena interessiert ein.

»Bedeutende Schlüsselszenen der Geschichte spielen am Genfer See und in den umliegenden Bergen«, erklärte Miss Reeves. »Eine davon soll dort stattgefunden haben, wo sich jetzt der Pavillon hinter der Sporthalle befindet.«

Natürlich hatte Elena schon einmal von Frankenstein gehört, hatte aber gedacht, das sei der Name des Monsters. Dass es ursprünglich gutartig war und nur durch gemeine oder unverständliche Reaktionen anderer bösartig wurde und sich darüber freute, diese auch ins Unglück stürzen zu können, war nur zu verständlich.

Sie schrak zusammen, als Professor Mori in ihrer gelassenen und doch so präzisen Art feststellte: »Frankenstein ließ sich in leichtsinniger Selbstüberschätzung auf ein Experiment ein, dessen Folgen er nicht abschätzen konnte. Als alles aus dem Ruder lief, hat er letztlich die Verantwortung für die Taten des von ihm geschaffenen Geschöpfs nicht übernommen. Frankenstein war meiner Meinung nach ein Feigling.«

Miss Reeves nahm eine Scheibe Brot aus dem Korb und legte sich etwas Käse auf den Teller. »Das ist sicher richtig. Ich bezweifle aber, dass es Mary Shelleys Absicht war, Frankenstein als ... na ja, als Heuchler darzustellen. Ihr Mann hat nämlich dazu geschrieben: ›Darin besteht die eigentliche Moral des Buches: Behandle eine Person schlecht, und sie wird verrucht werden. Vergilt Zuneigung mit Verachtung, und du bürdest dem Wesen unwiderstehliche Zwänge auf: Bosheit und Selbstsucht.‹«

Elena verschluckte sich und hustete; das Messer rutschte ihr aus den Fingern und landete mit lautem Klirren auf dem Porzellan. »Entschuldigung, sorry«, stieß sie hervor, schob den Teller zurück und fischte hastig ein Taschentuch aus ihrer Jeans.

»Ist dir schlecht? Du bist ganz weiß im Gesicht. Hier, trink einen Schluck, dann geht es dir gleich besser.« Charly drückte ihr das Glas in die Hand.

Ohne abzusetzen trank Elena es aus. »Danke.« Ihre Hand zitterte leicht, als sie es auf den Tisch stellte und ihre Brille gerade rückte.

»Du solltest das Essen nicht zu hastig in dich hineinschaufeln; es steht genug für alle auf dem Tisch«, zischte Swetlana so leise, dass nur Elena und Charly sie hören konnten.

»Und du«, Charly drohte ihr mit dem Messer, »du solltest nicht zu viel in dich hineinschaufeln. Oder willst du wirklich noch dicker werden, Swetty?«

Professor Mori war der Schlagabtausch entgangen. Sie blickte in die Runde, sah, dass nun die meisten vor leer gegessenen Tellern saßen, und erhob sich.

»Jetzt, wo wir alle gegessen haben, nur noch ein paar Worte. Ich ersuche die Schülerinnen und Schüler der Unter-, Mittel- und Oberstufe, sich eine neue Möglichkeit zu ersinnen, wie sie aus den Gebäuden verbotenerweise auszusteigen gedenken; die Gitter an den Fenstern des Untergeschosses wurden in den Ferien ausbruchsicher befestigt. Ferner bitte ich, das absolute Rauchverbot innerhalb der Häuser zu beachten. Und falls es während der Faschingstage dem einen oder der anderen aus dem Gedächtnis geschlüpft sein sollte, erinnere ich daran, dass nur am Mittwoch- und Samstagabend der – eingeschränkte – Genuss von alkoholischen Getränken gestattet ist. Den älteren Schülerinnen und Schülern möchte ich nahelegen, sich zu erinnern, dass unter Verbotene Liebe ausschließlich, ich betone: ausschließlich! die im Fernsehen gesendeten Folgen der Serie zu verstehen sind.«

Ein paar der Jüngsten riefen »Buhhh«, davon abgesehen herrschte nach Professor Moris letztem Satz betretene Stille. Swetlana, rot im Gesicht, spielte mit einem Perlohrring, Valerie schaute über die Schultern zum Tisch in der Ecke, drehte sich aber blitzschnell wieder um und legte dann wie beruhigend ihre Hand auf Swetlanas Arm.

Elena war Valeries Blick gefolgt: An jenem Tisch saßen nur Jungs. Außer dem leichenblassen Gordon starrten alle wütend oder ausgesprochen finster zu ihnen herüber.

Schließlich machte sich wieder der übliche Lärm breit, die schnatternde Menge schob sich durch die Flügeltüren, eine Schülerin erkundigte sich bei Miss Reeves nach einer Lektüre, der Schüler mit dem Gipsbein schilderte der weißblonden Sportlehrerin, Mademoiselle Cugat, wie er verunglückt war, und endlich stellte sich auch der schweigsame Lehrer vor: Er heiße Carl Crupinski, unterrichte Kunst und bedauere, dass sie nicht schon früher gekommen seien, die Klasse Zehn arbeite nämlich an Figuren nach dem Vorbild von Niki de Saint Phalle. »Wenn ihr ein eigenes Team bildet, seid ihr ziemlich in Zeitnot. Das Beste wird sein, ihr helft einer Gruppe, die ein bisschen hinterher ist. Jedenfalls ist es eine tolle Sache; wir wollen die Figuren ins Foyer der Turn- und Festhalle stellen, um die Atmosphäre zu verfremden.«

»Wie ist sie denn?«, fragte Charly.

»Wie bitte? Wer soll wie sein?«, erkundigte sich Carl Crupinski verblüfft.

»Die Atmosphäre natürlich«, erklärte Charly geduldig.

»Ihr wart noch nicht in unserer Halle? Habt ihr noch nichts gesehen? Nicht mal den Pavillon?«

»Wir sind erst seit wenigen Stunden in Villa Rosa.«

»Ach so ... natürlich. Wie dumm von mir, das zu vergessen. Na ja, man sagt mir nach, manchmal etwas zerstreut zu sein. Es kommt aber auch nicht sehr häufig vor, dass wir zu Halbjahresbeginn neue Schüler bekommen«, fuhr er wie um sich zu entschuldigen fort. »Wie auch immer ihr euch entscheiden werdet, ob ihr allein oder doch lieber mit anderen arbeiten wollt – schaut euch vor dem Kunstunterricht unbedingt die Halle an.«

Er ging so unvermittelt los, dass ihm Charly nur noch »Versprochen!« hinterherrufen konnte. »Das nenne ich unhöflich«, knurrte sie. Elena zuckte mit den Schultern und drehte sich zurück zum Tisch.

»Ihr habt einiges gutzumachen«, sagte Professor Mori gerade zu Swetlana und Valerie.

»Wie stellen Sie sich das vor, Frau Professor Mori?«, brauste Valerie auf. »Es ist ungerecht, nur uns die Schuld zu geben.«

»Das wurde ausführlich diskutiert«, entgegnete Professor Mori eisig. »Ich habe nichts mehr dazu zu sagen.« Brüsk drehte sie sich um, da trat Charly ihr in den Weg. »Hätten Sie bitte eine Minute Zeit für mich?«

»Aber sicher. Kommt mit in mein Zimmer.«

»Ich möchte allein mit Ihnen reden«, sagte Charly entschieden.

Noch standen viele Schüler in der Halle und machten Professor Mori und Charly bereitwillig den Weg frei.

»Was hast du auf dem Herzen?« Professor Mori kam gleich zur Sache. »Gefällt dir das Zimmer nicht? Möchtest du mit jemand anderem zusammen sein?«

Charly schüttelte den Kopf. »Es geht um Elena. Ihr Vater gibt ihr zu wenig Taschengeld, sodass sie sich nicht kleiden kann, wie es hier üblich ist. Ich möchte –«

»Wer sagt das?« Professor Moris Ton war eisig geworden. »Etwa Swetlana?«

Charly ließ sich nicht einschüchtern. »Nicht nur sie. Andere haben vermutet, sie sei arm, hätte eine Freistelle und damit –« Charly zögerte keine Sekunde »– die Arschkarte gezogen.«

Professor Mori runzelte nicht einmal die Stirn. »Gut, dass du mich sofort auf das kleine Problem hinweist, bevor es zu einem größeren geworden ist. Was schlägst du vor?«

Wieder zögerte Charly keinen Augenblick. »Zuerst dachte ich, ich könne ihr von meinem Geld einen Pulli und eine anständige Jeans kaufen. Aber als wir unsere Koffer ausgepackt haben, habe ich gesehen, dass auch ihre Sportkleidung nicht ... nicht das Gelbe vom Ei ist, und wahrscheinlich braucht sie noch viel mehr. Vielleicht gibt es einen Fonds, aus dem Sie etwas abzweigen können, um Problemfällen zu helfen? Oder könnten Sie Elenas Vater schreiben, dass es mit den Schulgebühren allein nicht getan ist?«

Professor Mori hob anerkennend die Augenbrauen. »Mir gefallen deine Vorschläge, und auch, dass du deiner neuen Klassenkameradin helfen möchtest. Ja, was können wir tun?«

Sie ging einige Schritte hin und her. »Wie lösen wir das Problem?«

Plötzlich blieb sie stehen. »Falsch. Ganz falsch. Die Frage muss lauten: Warum kommt Elena nicht selbst und bittet um Unterstützung?«

»Ich weiß, warum sie das nicht tun wird«, entgegnete Charly sofort. »Ihr Vater hat sie schon immer so kurzgehalten, sodass es ihr schließlich nichts mehr ausmachte, als Vogelscheuche herumzulaufen. Ich verstehe allerdings nicht, weshalb er dann ausgerechnet Villa Rosa für sie ausgesucht hat.«

Professor Mori machte schwungvoll kehrt – sie hatte das Hin- und Hergehen wieder aufgenommen – und notierte sich etwas. »Ich werde mich darum kümmern. Gute Nacht, Carla.«

»So nennt mich niemand. Ich heiße Charly.«

»Gute Nacht, Charly. Ach, noch etwas: Solltet ihr Schwierigkeiten mit Swetlana und Valerie bekommen, bitte ich dich –«

»Ich petze nicht!«

»– bitte ich dich, entschieden zu handeln. Wie, das bleibt dir überlassen. Solltest du allerdings Hilfe benötigen, zögere nicht, wie soeben zu mir zu kommen.«

»In Ordnung. Ich nehme an, Sie petzen auch nicht? Ich meine, Sie sagen mir nicht, was Swetty und Val getan haben? Nein? Hab ich mir gedacht. Gute Nacht, Professor Mori.«

Zuerst wollte Elena in der Halle auf Charly warten, aber als sie die neugierigen Blicke und das Tuscheln nicht mehr aushielt, rannte sie in ihr Zimmer. Dort zog sie den Pulli über den Kopf und schleuderte ihn in eine Ecke. Sie hatte befürchtet, dass sie die Rolle des Losers spielen würde! Gab es denn keinen Ausweg, keine Hoffnung auf Besserung, niemanden, den sie anpumpen könnte? Elena schluchzte auf. Mist! Sie riss die Schranktür auf. Verdammt, der graue Pulli war von allen noch der beste! Das Handy, wo war ihr Handy?

In ihrer Verzweiflung rief sie die eingespeicherte Nummer ihrer Eltern auf, stellte aber die Verbindung dann doch nicht her. Hat keinen Sinn, dachte sie mutlos, mich kurzzuhalten ist Teil der Strafe.

Sie zog den Pulli wieder an, verließ das Zimmer, überquerte den Flur, betrat das Badezimmer und starrte in den Spiegel: Brillen- und nachts Zahnspangenträgerin, schlechter Haarschnitt, scheußliche Kleidung ...

Sie schrak zusammen, als Mia und Victoria, beide in flauschigen Bademänteln, hereinkamen. Sie grüßten kurz, hängten ihre Mäntel an einen Haken und duschten sich.

Elena floh: Ihre Eltern gehörten zur verklemmten Sorte; sie hatten sich ihren Töchtern nie nackt gezeigt, und wenn Elena duschte oder in der Badewanne lag, kam nicht mal ihre Schwester herein. Jetzt sollte sie sich vor fremden Mitschülerinnen nackt präsentieren? Undenkbar! Allein bei dem Gedanken daran wurde ihr schon kalt. Sie nahm sich vor, den Wecker auf fünf Uhr zu stellen, damit sie ohne Zuschauer duschen konnte.

Als sie ins Zimmer zurückkehrte, wartete Charly bereits in Mantel und Stiefeln und schwenkte die Taschenlampe. »Was du heute kannst besorgen ... Elena, wir sehen uns den geheimnisvollen Pavillon an.«

»Du Charly«, platzte Elena heraus. »Die Mädchen stellen sich einfach so unter die Dusche.«

»Du meinst – nackt?« Charly lachte. »Na und? Das ist doch normal. Oder willst du etwa den Badeanzug anziehen?«

»Das natürlich nicht, aber ich bin das nicht gewöhnt.«

»Warst du nie in einem Sportverein? Bei mir im Sk... Sportverein haben wir uns nach dem Training immer gemeinsam geduscht.«

»War dir das nicht peinlich?«

»Man gewöhnt sich daran. Jede hat schließlich zwei Arme, zwei Beine, einen Bauch und Po. Und wenn ich dich so ansehe, bist du zwar ein bisschen gepolstert, aber du brauchst dich wegen deiner Figur nicht zu schämen.«

»Darum geht's mir nicht.« Elena wand sich vor Verlegenheit, zugleich kam sie sich unendlich prüde und vorgestrig vor.

»Du wirst dich daran gewöhnen müssen«, erklärte Charly energisch. »Kommst du nun mit oder möchtest du vorm Badezimmer warten, bis du es für dich alleine hast?«

»Es schneit noch immer.«

»Na und?«

»Findest du es draußen nicht gruselig? Ich meine, es ist Nacht und so.«

»Es gibt keine Gespenster.«

»Nein, natürlich nicht. Aber wenn ich mir das Monster vorstelle ... ein Wesen aus lauter Leichenteilen und Tierkadaver, die nicht zusammenpassen. Es muss furchtbar ausgesehen haben.«

»Klar, deshalb heißt es ja auch Monster. Kommst du?«

Der Schneefall war jetzt so stark, dass die Spuren zum Haus der Jungen nur noch zu erahnen waren. Dazu heulte und jammerte der Wind, er trieb ihnen die Flocken in die Augen, sodass sie sie zu schmalen Schlitzen zusammenkneifen mussten. Sie folgten den Lichtern, die die Wege säumten, gingen an der Turnhalle vorbei und tasteten sich auf tückisch im Weiß verborgenen Stufen bergauf, bis sie ebenes Gelände erreichten und durch den dichten Flockenwirbel hindurch die Umrisse eines kleinen Gebäudes zwischen Bäumen und niederem Gehölz mehr ahnten als sahen.

»Es ist tatsächlich verdammt gruselig«, flüsterte Charly. »Mir kommt es jetzt auch so vor, als lauere Frankensteins Monster hinter den Bäumen und würde sich in der nächsten Sekunde auf uns stürzen!«

»Charly, jetzt fang du nicht auch noch an! Du bist die Mutigere von uns beiden!« Vor Nervosität hätte Elena beinahe gekichert. Sie nahm sich zusammen und tastete nach der Klinke. »Die Hütte ist bestimmt abgeschlossen.«

Zu ihrem Erstaunen ließ sich die Tür geräuschlos öffnen. Feuchtkalte, abgestandene Luft schlug ihnen entgegen und ein Geruch nach ... was war das nur?

»Hier hat jemand geraucht.«

Charly richtete die Taschenlampe ins stockfinstere Innere. »Kommst du?«

Der Pavillon war achteckig, stellten sie fest, und hatte in jedem holzverkleideten Segment ein Fenster. Bis auf einige Kisten – der Boden zeigte nach oben und diente als Sitzfläche – war er vollständig leer. Allerdings standen auf einer der Kisten ein Kerzenständer samt Kerze mit heruntergetropftem Wachs und ein Aschenbecher voller Kippen. In diesem lag eine noch glimmende Zigarette.

»Hast du Fußspuren im Schnee gesehen?«

Elena schüttelte den Kopf.

»Komisch«, stellte Charly fest und beäugte den Ascheanteil der Zigarette. »Gerade hat hier noch jemand geraucht und ist so überstürzt abgehauen, dass er nicht mal die Zigarette ausgedrückt hat. Die Person hat nur die Kerze ausgeblasen; fühl mal, das Wachs um den Docht ist noch ganz weich.«

Elena hob die Schultern. »Mir gruselt. Lass uns –«

Ein Windstoß wirbelte Schnee herein und ließ die an einer Kette hängende Lampe tanzen.

Charly zuckte nervös zusammen. »Ich wette, wir haben den Geist von Frankensteins Monster bei einem gemütlichen Zigarettenpäuschen überrascht.«

»Komm endlich«, drängte Elena. »Ich hab echt Angst, und allein will ich nicht zurück.«

»Ehrlich gesagt ist mir auch nicht wohl in meiner Gänsehaut.« Charly knipste den Schalter aus und machte die Tür zu.

Ihre Spuren waren kaum noch zu erkennen. Als sie zum Hauptgebäude zurückhasteten, hatte der Sturm und Schneefall an Stärke zugenommen.

»Glaubst du an Geister und Gespenster?«, fragte Charly, als sie das hell erleuchtete Gebäude vor sich sahen.

»Gerade eben habe ich daran geglaubt«, gestand Elena. »Jedenfalls kann ich mir die glimmende Zigarette nicht anders erklären. Es sei denn ...« Sie blieb stehen.

»Es sei denn?«, wiederholte Charly.

»Wir hätten prüfen müssen, ob ein Fenster nur angelehnt war.« Sie rief sich den Pavillon ins Gedächtnis zurück.

»Du meinst, jemand ist schnell aus einem Fenster geklettert, als er uns hörte?« Charly runzelte die Stirn. »Die Person muss verdammt flink und geistesgegenwärtig gewesen sein. Und sie muss ein rabenschwarzes Gewissen gehabt haben. Wie ein Mörder, der erst nach der Tat kapiert, welches Verbrechen er begangen hat und dass er es nicht rückgängig machen kann.« Inzwischen standen sie vor dem Eingang zu Villa Rosa, wo Charly den Schnee von Elenas und ihrem Mantel klopfte. »Du zitterst ja! Ist dir schlecht? Du bist ganz weiß im Gesicht.«

»Es ... es ist nichts. Mich friert«, flüsterte Elena, floh geradezu ins Haus und rannte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hoch und in ihr Zimmer. Ich hab's ja gewusst, dachte sie wild, ich hab's gewusst! Wie soll ich es hier aushalten, wenn ich immerzu an die Vergangenheit erinnert werde?

Wie ein Häufchen Elend saß sie in der Dunkelheit auf ihrem Bett und hielt den Kopf in den Händen. Deshalb hörte sie auch nicht das Klopfen; sie schreckte hoch, als jemand das Licht anmachte.

»Sieh mal einer an. Da starrt eine Heimwehkranke in die Dunkelheit und wünscht sich zurück auf Mamas Schoß.« Swetlana lehnte lässig im Türrahmen.

»Raus.« Elena ging langsam auf Swetlana zu. »Raus hier.«

Beschwichtigend hob Swetlana die Hände. »Ist ja gut. Immer locker bleiben. Ich wollte nur –«

»Raus!!!«

Als Charly schließlich kam, lag Elena längst im Bett, zusammengerollt wie ein Fötus, die Decke über dem Kopf. Sie stellte sich schlafend und reagierte auch nicht, als ihre neue Freundin ihr ins Ohr wisperte: »Sag's, wenn du mich brauchst.«

Während sich Charly auszog und dann Elenas umherliegende Kleidungsstücke vom Boden aufhob und ordentlich über einen Stuhl legte, summte sie wieder Töne ohne erkennbare Melodie. Sie legte ihre Armreifen auf den Schreibtisch, schüttelte ihren zusammengefalteten Bademantel aus, verließ das Zimmer und kam nach einer teuren Bodylotion duftend zurück, kippte die Fenster, zog die Vorhänge vor, las noch ein wenig und löschte dann das Licht.

Der Sturm heulte um Villa Rosa, peitschte den Schnee gegen die Scheiben, legte dicke weiße Decken auf Simse und Mauervorsprünge und rüttelte an den Fensterläden.

In der Nacht schreckte Charly aus dem Schlaf auf, weil irgendein Depp ein Radio hereingetragen und auf Zimmerlautstärke gestellt hatte. »Mach das Ding aus«, murmelte sie und drehte sich unwillig auf die andere Seite.

Die Stimme verstummte nicht. »Nein! Das habe ich nicht gewollt!«

Wie? Charly setzte sich auf, schüttelte die Haare aus dem Gesicht und tastete nach dem Lichtschalter.

Am ganzen Leib zitternd und mit weit aufgerissenen Augen stand Elena mitten im Zimmer. »Ich hab das nicht gewollt!«, schrie sie wieder und wieder. »Warum glaubt ihr mir nicht?!«

Elenas Anblick jagte Charly einen fürchterlichen Schreck ein. Ihr Mund war auf einmal wie ausgetrocknet, ihr Herz hämmerte, sie sprang aus dem Bett, schüttelte Elena, rief: »Wach auf! Wach auf, Elena! Du träumst!«

Elena stieß Charly von sich, kämpfte mit ihr – aber Charly war stark. Es gelang ihr, Elena in die Arme zu nehmen. Sie wiegte sie hin und her, immer hin und her; endlich ließ die fürchterliche Starre in Elenas Gliedern nach und sie begann zu weinen. Sie schluchzte nicht; die Tränen quollen ihr einfach aus den Augen und rollten die Wangen hinunter.

Charly fand das noch schlimmer als die Schreie, die sie aus dem Schlaf gerissen hatten. Behutsam führte sie Elena zum Bett, breitete die Decke über sie, setzte sich auf die Kante und nahm ihre Hand in die ihre.

Unter den geschlossenen Lidern sickerten Elenas Tränen hervor, Charly summte, der Wind rüttelte an den Läden und blähte die Vorhänge. Bald fühlte Charly, wie ihr die Kälte immer mehr in die Glieder kroch. Als sie Elenas Hand losließ, öffnete die die Augen einen Spalt weit. »Hmmm«, machte sie enttäuscht.

Charly summte weiter; sie holte ihre Decke, löschte das Licht, wisperte: »Rutsch ein bisschen«, legte sich neben Elena und tastete nach ihrer Hand.

Als sie am Morgen der Gong weckte und sie nebeneinander liegend die Augen aufschlugen, lächelten Charly und Elena sich unsicher und verlegen an. Keine erwähnte den Traum.

Kapitel 6

Montag, 18. Februar

Der fürchterliche Traum hatte seine Spuren hinterlassen und als Elena das Nachthemd über den Kopf streifte, wurde ihr bewusst, dass sie roch und dringend unter die Dusche musste. Natürlich wäre sie am liebsten liegen geblieben, aber wie hätte sie das erklären sollen? Sie hatte sich in eine ausweglose Situation hineinmanövriert, und nun saß sie fest. Im Augenblick sah sie, um Schlimmerem, nämlich neugierig-bohrenden Fragen, zu entgehen, nur eine Möglichkeit: Sie musste mit den Wölfen heulen, musste sich dem Villa-Rosa-Rhythmus anpassen. Dazu gehörte wohl auch, dass sie sich in Gesellschaft einiger Mädchen nackt unter die Dusche stellte.

»Könntest du mir deinen Bademantel leihen?«

Charly bürstete gerade ihre rotblonden Locken. »Niemand hat uns gezeigt, welches unsere Fächer sind, deshalb sind Duschgel und Bodylotion noch in den Manteltaschen. Bediene dich, meine Mutter bezieht das Zeug günstig; sie hat da so 'ne Einkaufsquelle.«

Hätte sie nur nicht verschlafen! Elena klemmte ihren Plastikwaschbeutel aus einem Billigkaufhaus unter den Arm und wäre schon auf dem Flur wieder umgekehrt, wenn ihr eine Ausrede eingefallen wäre. Ein kleiner Schnupfen hätte ihr genügt!

Im Waschraum war Rushhour. Sieben Mädchen zählte Elena; Victoria und Mia standen gänzlich unbekleidet, drei ihr noch Unbekannte in Slip und BH vor den Spiegeln über den Waschbecken und schminkten sich, Sophia-Leonie föhnte ihre Haare, und Swetlana schlüpfte gerade in ihren Bademantel. »Gestern Abend wollte ich es dir schon sagen, aber du hast mich aus dem Zimmer geworfen. Hier sind eure Fächer.« Sie deutete auf zwei Waschbecken mit den darüber angebrachten Schränkchen und rauschte hinaus.

Sophia-Leonie schaltete den Fön aus. »So ist sie eben, unsere liebe Swetlana. Wir alle sind noch immer auf der Suche nach ihren guten Seiten, aber offensichtlich sind unsere Augen zu schwach, um welche zu erkennen. Also mach dir nichts draus, Darling, wenn sie dich anschnauzt. Sie kann nicht anders.«

Elena lächelte sie dankbar an. »Okay«, sagte sie nur. Sie legte die Brille auf die Ablage und putzte erst mal so lange ihre Zähne, bis nur noch Mia neben ihr stand.

»Du weißt, dass du in –« Mia schaute auf ihre Armbanduhr »– in genau sieben Minuten fertig sein musst? Verspätung beim Frühstück wird nicht geduldet, also beeile dich.«

Endlich war Elena allein. In fliegender Hast warf sie den Bademantel über einen Haken, drehte die Dusche auf, seifte sich ein, verzichtete aufs Haarewaschen, hüllte sich noch nass in den Mantel, raste ins Zimmer, zog frische Unterwäsche, die Jeans und den mausgrauen Pulli vom Anreisetag an, fuhr sich durch die Haare, setzte die Brille auf– und war mit dem Gongschlag fertig.

»Maßarbeit«, stellte Charly fest. Sie hatte eine getönte Tagescreme aufgetragen, die Augen mit einem Lidstrich betont und mit Mascara nicht gespart. Ihre rotblonden Locken glänzten und fielen ihr bis über die Schultern, sie trug ein grünes, langärmliges Polohemd, dunkle Jeans und dazu einen türkisfarbenen Ledergürtel. Charly sah nicht nur verdammt gut aus, sie versprühte auch so viel Lebensfreude, dass Elena demütig in sich hineinkroch.

Im Speisesaal prallten müde Morgenmuffel und fröhliche Frühaufsteher aufeinander. Die einen begnügten sich mit einer Tasse Ovomaltine oder Kaffee und schlurften schläfrig zu einem freien Platz, die anderen beluden ihre Teller mit Brötchen, Butter, Wurst und Käse und löffelten gleich noch eine Ladung Marmelade an die Seite.

Elena schüttelte sich; sie brachte morgens nichts außer ein paar Cornflakes mit Milch herunter. Charly gehörte zur Spiegeleier-mit- Speck-Pilzen-und-Ketchup-Fraktion, bediente sich reichlich und setzte sich neben Gordon.

Vom Nebentisch winkte Max Elena zu. »Hi! Hier ist noch ein Stuhl frei!« Eigentlich hätte sie sich gerne zu ihm gesetzt, nahm dann aber doch neben Charly Platz. Poldy, der auch am Tisch saß, sah reichlich zerknautscht aus, nickte ihr nur kurz zu und murmelte etwas von »Glaub ja nicht, ich würd' mich mit dir unterhalten«.

Das war ihr nur recht; sie zwang sich, wenigstens einige Löffel voll zu essen, dann trug sie den Teller zur Durchreiche und kam mit einer Tasse Kaffee zurück.

»Wir haben uns gestern Abend noch den Pavillon angesehen«, sagte Charly gerade.

»Mitten im Schneesturm seid ihr hochgegangen?«, erkundigte sich Gordon. »Wie tapfer. Und wie romantisch.«

Charly nickte. »In einem der Aschenbecher im Pavillon lag eine brennende Zigarette. Das Komische daran war, dass wir keine Fußspuren im Schnee gesehen hatten.«

»Wirklich? There is society, where none intrudes?«

»Bitte?«

»Lord Byron«, erklärte Gordon prompt. »›The Ocean‹, vierte Zeile.«

»Lass. das, Gordon«, knurrte Poldy. »Die Zigarette ist ganz simpel zu erklären: im Pavillon spukt Frankensteins Monster herum. Es ist ein gefährlicher Ort.«

»Ich glaube nicht an Geister.«

»Wie du meinst.« Poldy stapelte sein benutztes Geschirr aufeinander. »Was die Geister im Pavillon angeht, liebe Charly, bist du nach nur einem Tag in Villa Rosa nicht befugt, dir ein Urteil zu erlauben. Okay, man sieht sich.«

Halb empört, halb amüsiert schüttelte Charly den Kopf. »Dein Freund spinnt.«

»Mitnichten, liebe Charly –«

Eine Hand mit perlmuttrosa lackierten Nägeln legte sich auf Gordons Schulter, ein Kopf mit halblangen weißblonden Haaren beugte sich zu ihm herunter. »Zuerst blond, dann braun, jetzt rot? Unser Lord liebt die Abwechslung.«

»Nimm die Pfote weg, Lana.«

»Krrr ...« Swetlana legte beide Hände auf Gordons Schulter und richtete sich auf. »Die Neuen sollen sich nach dem Frühstück im Sekretariat einfinden.«

Ringsum waren die Gespräche verstummt. »Lass Gordon in Ruhe«, sagte einer der Jungs.

Spöttisch hob Swetlana eine sorgfältig gezupfte Augenbraue. »Ihr versteht nicht, dass ich eine einfache Nachricht zu überbringen hatte. Wie dumm von euch.«

An diesem Morgen trug sie einen engen, bis zum Oberschenkel geschlitzten Rock, und obwohl die Jungs sichtlich etwas gegen sie hatten, schauten sie ihr gebannt hinterher.

»Wow!« Charly verdrehte die Augen. »Gab's da mal etwas, das wir Neuen wissen sollten?«

Gordon rieb die Falte, die sich zwischen seinen Augenbrauen eingegraben hatte. »Es geschah vor eurer Zeit.«

»Also hat es uns nicht zu interessieren?« Charly trank den letzten Schluck Kaffee. »Okay. Hab die Botschaft verstanden.«

Kurz darauf klopften sie an die Tür mit dem weißen Schildchen Sekretariat Frau Rode.

Frau Rode hatte etwas von einem Eichhörnchen an sich: Sie war klein, flink und hatte ein rundes, von dunkelbraunen Haaren eingerahmtes Gesicht mit wachen Augen. Sie erläuterte Elena und Charly die Hausordnung und den Stundenplan, händigte ihnen die Schulbücher und eine Liste mit den Namen ihrer Lehrer aus, informierte sie über die festen Lernzeiten am Nachmittag, über AGs wie Chor, Orchester und Kunst, über die Pflicht, einen sozialen Dienst zu übernehmen, sowie über die Freizeitmöglichkeiten wie Reiten, Golf und Tennis. Sie zeigte ihnen das Foto des Segelbootes Villa Rosa, das jetzt natürlich noch im Winterschlaf vor sich hin dümpelte. »Und kennt ihr bereits unsere Köchin, Frau Pudt? Sie stellt die Reste vom Mittagessen in die Teeküche; ihr könnt euch bedienen, und Tee oder Kaffee könnt ihr euch auch jederzeit zubereiten. Nur müsst ihr darauf achten, euer benutztes Geschirr entweder zu spülen oder in die Maschine zu stellen. Was habe ich vergessen? Ach ja. Bis zu den Osterferien gibt es kein Reisewochenende.«

Teilnahmslos hatte Elena die Informationen über sich ergehen lassen; nur bei dem letzten Satz horchte sie auf, was Frau Rode aber völlig falsch deutete. »Es sind nur ein paar Wochen, dann seht ihr eure Familie wieder«, setzte sie tröstend hinzu.

Elena runzelte unwillig die Stirn. »Wir haben gehört, dass man in den Ferien auch hierbleiben kann. Das stimmt doch, oder?«

»Ja. Allerdings muss ein berechtigter Grund vorliegen. Der Wunsch allein genügt nicht.«

»Was ist ein berechtigter Grund?«, hakte Elena nach.

»Eine lange Reise und die damit verbundene Abwesenheit der Eltern, Krankheit oder familiäre Probleme. Das dürften die wichtigsten Gründe sein.«

»Den Grund für familiäre Probleme muss man dann wohl angeben?«

Frau Rode nickte.

Vielleicht werde ich zu Ostern ja krank, dachte Elena.

In den ersten beiden Stunden hatten sie Mathe. Charly zeigte allen, dass auf ihren Schultern tatsächlich ein kluges Köpfchen saß und Swetlana sich würde anstrengen müssen, wenn sie ihren ersten Platz in der Klasse behalten wollte.

»Ihr wart uns in deiner alten Klasse voraus«, vermutete Lana am Ende der Doppelstunde.

Als Charly das fröhlich bestätigte, drehte sie sich verächtlich, aber auch triumphierend um. »Die ersten Birnen sind madig, vergiss das nicht.«

In den folgenden zwei Stunden hatten sie Sport; der Weg zur Halle war geräumt worden, aber die tief hängenden Wolken versprachen Nachschub. Deshalb war auch niemand überrascht, als Fräulein Cugat fürs Wochenende einen Ausflug in die Hausberge von Montreux, die Rochers-de-Naye, versprach und Skigymnastik ankündigte.

Charly hob sofort die Hand. »Ich fahre nicht Ski.«

Das fand Fräulein Cugat so unglaublich, dass sie ihre neue Schülerin sekundenlang anstarrte. »Du kommst aber doch aus Zermatt!«

»Stimmt«, bestätigte Charly freundlich. »Mein Vater ist Arzt. Er hat es immer wieder mit Unfällen zu tun, die –«

»Er hat es dir also verboten, das Skifahren?«, wurde sie von Fräulein Cugat unhöflich unterbrochen.

Charly zögerte keine Sekunde. »Ich habe es mir selbst verboten.«

Die Antwort verschlug Fräulein Cugat die Sprache; einige Mädchen kicherten, ein paar, darunter war auch Valerie, lachten laut. »Du wirst hier das Skifahren lernen müssen.«

»O nein.« Charly kreuzte die Arme vor der Brust. »Aber bei der Gymnastik mache ich selbstverständlich mit.«

Das Lachen und Kichern verging den Mädchen. Als sie beim Wedelspringen von einer Seite einer niederen Bank zur anderen hüpfen sollten, hielten nicht mal Val oder Elena so lange durch wie Charly. Beim Armschwingen, dem Beckenkreisen und dem Drehen der Beine erholten sie sich wieder, doch beim Hüpfen und abwechselnden Strecken der Beine in der Hocke zeigte sie selbst dann noch keine Ermüdungserscheinung, als sogar Valerie keuchend aufgegeben hatte.

Fräulein Cugat ließ nicht locker. »Du kennst die Übungen?«

»Natürlich. In meinem ... in meiner alten Schule haben wir regelmäßig trainiert.«

Nach der Sportstunde hatte Elena den Unterricht teilnahmslos über sich ergehen lassen. Nur einmal hatte sie etwas Interesse gezeigt. Das war in der fünften Stunde, in Biologie gewesen, als sie sich zufällig mit Max ein Mikroskop teilte. Beide waren Brillenträger, was sie beim Durch-die-Linse-Schauen etwas beeinträchtigte. Max fluchte leise, Jem, der mit Victoria am Nebentisch stand, zischte, er solle sich endlich Kontaktlinsen zulegen.

»Du weißt doch, dass meine Augen die nicht vertragen«, brauste Max auf und fuhr mit beiden Händen durch seine wuscheligen dunklen Haare. »Also behalte gefälligst deine blöden Ratschläge für dich.«

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Titel: Die Liebeslüge: Abenteuer in der Villa Rosa - Band 1